Morlov saß vor dem Computer. Er blickte auf die Digitalanzeiger der kleinen Uhr rechts unten. 22:43 Uhr. Vor einer halben Stunde war er nach Hause gekommen. Beim Abschied hatte Panzer einen dramatischen Auftritt hingelegt. Er hatte Morlov umarmt, hatte ihn mit seinen Pranken an sich gezogen und Morlov hatte es stumm über sich ergehen lassen und versucht, Panzers stinkendes Aftershave zu ignorieren.

Vor sich hatte Morlov ein Glas Whisky stehen. Während des Abends mit Panzer hatte er noch zwei Bier getrunken. Panzer hatte ihn dazu überredet. Sonst trank er fast nie, er war den Alkohol nicht gewohnt und musste sich konzentrieren, dass die Buchstaben auf dem Bildschirm nicht verschwammen. Als er nach Hause gekommen war, hatte er auch noch zwei Tabletten genommen. Die Mischung aus Alkohol und Medikamenten dämpfte seine Kopfschmerzen. Morlov nahm einen weiteren Schluck von dem Whisky.

Er hatte die Website »Freunde der Zierfischhaltung« aufgerufen. Morlov wählte das Forum »Futter für Zwerggarnelen« und musste erneut ein Kennwort eingeben. Er klickte auf »bestätigen« und wartete, bis sich eine neue Seite öffnete.

Anfangs hatte Morlov die Idee für idiotisch gehalten. Zehn Jahre war es jetzt her, dass Birdy davon angefangen hatte. Birdy, den er schon seit seinen Anfängen als Killer kannte und der mit richtigem Namen Robert Vogel hieß.

Birdy war der einzige seiner Kollegen, mit dem er mehr als nur einen losen Kontakt hatte. Wenn sie sich trafen, saßen sie meist in einer Kneipe zusammen und Birdy erzählte ihm die ganze Zeit von seinen Aufträgen. Er war ein Angeber, manchmal auch nur ein arroganter Arsch, aber Morlov mochte ihn.

Wenn Birdy aufgehört hatte zu erzählen, saß er stumm vor seinem Bier. »Und wie geht es dir?«, fragte er dann.

»Alles wie immer«, sagte Morlov.

Birdy bestellte dann meist noch eine Runde für beide. Und obwohl diese Abende immer gleich abliefen, hatte Morlov das Gefühl, dass sie ihm gut taten.

Birdy hatte die Idee mit dem Forum gehabt. Morlovs Zweifel hatte er schnell zerstreut. Es gebe Sicherheitskonzepte, die seien wasserdicht. Und wer würde bei einem Forum mit dem Namen »Futter für Zwerggarnelen« daran denken, dass er sich auf einer Website befand, auf der sich Profikiller trafen, um sich auszutauschen.

Doch in den letzten Jahren hatte sich das Forum verändert.

Wenn Morlov die Beiträge darin las, fühlte er sich manchmal wie ein Angehöriger einer aussterbenden Gattung. Immer mehr blutjunge Anfänger gaben jetzt den Ton an.

Sie diskutierten darüber, welche Musik sie am liebsten hörten – meist Gruppen, von denen Morlov nie etwas gehört hatte. Sie jammerten, wenn wieder einmal der Benzinpreis stieg, sie eröffneten Themen, in denen es um die geeignete Rentenversicherung für einen Killer ging, und sie diskutierten allen Ernstes darüber, ob die Brüste irgendwelcher Schauspielerinnen echt waren.

Vielleicht lag es auch daran, dass die meisten seiner alten Kollegen verschwunden waren. Entweder waren sie gestorben oder hatten sich zurückgezogen.

Von Miller Killer hatte Morlov erfahren, dass er jetzt ein Bestattungsinstitut leitete. Shanghai Murder war beim letzten Auftrag umgekommen. Kollegen, die er nie persönlich kennengelernt hatte, mit denen er jedoch einen sehr guten E-Mail-Kontakt gehabt hatte. Morlov musste wieder an die Frage denken, die ihm Panzer gestellt hatte. »Hast du einen Freund?«, hatte er gefragt. Morlov starrte auf den Monitor.

Als Morlov sich das erste Mal im Forum unter seinem Künstlernamen »Phantom« mit einem Beitrag gemeldet hatte, gab es das Forum schon einige Jahre, und man hatte erst nicht geglaubt, dass er es wirklich war.

Ob er tatsächlich das berühmte Phantom sei, hatte man ihn gefragt, und als alle Zweifel ausgeräumt waren, hatte es Dutzende von Antworten auf seinen Beitrag gegeben. Dass es eine Ehre sei, dass das berühmte Phantom sich hier zu Wort melde, dass man seine Arbeit bewundere. Man hatte an unvergessene Morde erinnert, hatte seine Kaltschnäuzigkeit gerühmt, hatte behauptet, dass er die Kunst des Tötens in eine neue Dimension geführt habe und dass auch berühmte Nachahmer wie Apollo13, Q oder Der Pirat nie seine Klasse erreicht hatten.

Das war lange her. Die Jungen kannten ihn nicht. Für sie waren diese Geschichten Märchen aus einer längst untergegangenen Welt.

Morlov scrollte weiter. Schon vor dem Gespräch mit Panzer waren ihm Zweifel gekommen, ob der fette Kerl, der sich als GEZ-Fahnder ausgegeben hatte, wirklich ein Killer gewesen war.

Vielleicht war das ja tatsächlich nur ein harmloser Fahnder von der GEZ gewesen? Aber nein, das konnte nicht sein. Und dass er bei dem Kerl nur eine Schreckschusspistole entdeckt hatte, musste nichts bedeuten. Wahrscheinlich hatte der Killer geglaubt, er könne ihn per Handarbeit erledigen, auf die altmodische Tour.

Morlov stöberte in den Profilen der Forumsmitglieder. Fehlanzeige. Vielleicht war der Russe ein Außenseiter. Oder er war wirklich ein GEZ-Fahnder gewesen.

Aber dann waren da noch die Schüsse, die man oben am Felsen auf ihn abgegeben hatte. Das hatte er sich ganz sicher nicht eingebildet. Jemand hatte es auf ihn abgesehen. Doch auch nach dem Gespräch mit Panzer wusste Morlov nicht, ob der etwas damit zu tun hatte.

Er kam nicht weiter. Morlov dachte an Birdy. Wenn jemand etwas wusste, dann er. Birdy hielt sogar mit den Jungen Kontakt, obwohl er sie genauso verachtete wie Morlov.

Morlov schrieb Birdy eine Nachricht, dass er ihn dringend treffen müsse.

Dann ging er in die Küche, um sich noch einen Whisky einzuschenken. Als er die Flasche aus dem Regal über der Spüle holte, klingelte es. Morlov ging zum Fenster. Von hier aus konnte man den Platz vor seiner Tür sehen. Im Halbdunkel der Nacht erkannte er Veronika Lederer. Ausgerechnet sie. Ein Besuch seiner Nachbarin, das war das, was er jetzt am wenigsten brauchte.

Was wollte sie noch so spät? Er sah auf die Küchenuhr: 23.15 Uhr.

Es klingelte ein zweites Mal. Die Lederer würde nicht einfach wieder gehen. Morlov kannte sie zu gut. Er ging durch den Flur zur Haustür. Als er öffnete, sah er in das lächelnde Gesicht seiner Nachbarin.

»Gut, dass Sie noch wach sind«, sagte sie. »Ich hab Licht gesehen, sonst hätte ich ganz bestimmt nicht geklingelt.«

Sie brach ab und sah Morlov fragend an, als würde sie warten, dass er etwas sagte. Aber Morlov blieb stumm.

»Ich bin nur gekommen wegen heute Nachmittag. Wir wollten uns ja heute treffen wegen der Messe.«

Heute Nachmittag. Morlov hatte den Termin völlig vergessen.

»Sie hatten wahrscheinlich keine Zeit, Sie hatten sicher viel zu tun.«

»Ich hatte viel zu tun«, sagte Morlov.

»So viel zu tun, dass Sie auch nicht anrufen konnten.« Der Ton in ihrer Stimme klang nicht vorwurfsvoll, sie wollte ihm sagen, was sie hören wollte, und sie wollte vor allem nicht die Wahrheit erfahren, dass er es einfach vergessen hatte.

»Ja«, sagte Morlov. »Ich hatte so viel zu tun, dass ich Ihnen gar nicht Bescheid sagen konnte.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen.

»Vielleicht könnten wir ja jetzt über die Messe reden?«

»Jetzt?«, fragte Morlov.

»Warum nicht. Sie kommen noch kurz zu mir. Ich habe selbstgebackenen Birnenkuchen. Den müssen Sie probieren.«

Morlov sah sie stumm an. Sie hatte einen eng anliegenden Pullover an. Sie lächelte wieder.

 

Zehn Minuten später saß Morlov in der Küche von Lederers. Er war schon öfter hier gewesen und fühlte sich in den Räumen des Hauses immer, als säße er in einem überdimensionierten Puppenhäuschen. Die vielen Deckchen, die selbstgenähten Aufsetzer auf dem Tisch und die Tuschebilder an der Wand, die verwischte Landschaften zeigten, alles war liebevoll ausgewählt, mit großer Sorgfalt an der richtigen Stelle platziert, so dass kein Raum mehr zu bleiben schien für einen Besucher wie Morlov.

Und hätte Morlov nicht schon zu viel Alkohol im Blut gehabt, hätte er sich sicher so unwohl gefühlt wie bei seinen vorherigen Besuchen. Aber jetzt spürte er nur eine wohlige Ist-doch-alles-egal-Stimmung und nahm ein drittes Stück von dem Birnenkuchen. Ein ausgezeichneter Kuchen, backen konnte die Lederer, das musste man ihr lassen.

Die Lederer hatte ihm gesagt, dass ihr Mann für zwei Tage zu seiner Schwester gefahren sei, um dort etwas am Haus zu reparieren.

Morlov war ganz froh darüber. Sonst war ihr Mann immer irgendwann aufgetaucht, hatte sich zu ihnen an den Tisch gesetzt und dann angefangen, von seinen Reparaturarbeiten zu erzählen. Das kleine Männchen mit dem schütteren Haar konnte stundenlang über Schrauben reden. Die Leute würden denken, Schraube sei Schraube und es sei doch egal, aber die hätten eben keine Ahnung und wüssten nicht, dass es schon eine Unmenge verschiedener Schraubenköpfe gebe. Dreikantschraubenköpfe, Vierkantschraubenköpfe, Sechskantschraubenköpfe, Innensechskantschraubenköpfe, Schlitz-, Phillips-Kreuzschlitz- oder Pozidriv-Kreuzschlitzschraubenköpfe. Außerdem Innenvielzahnschraubenköpfe, Außenvielzahnschraubenköpfe, Inbusschraubenköpfe, Torxschraubenköpfe und so weiter. Und dann müsse man auch noch auf die Festigkeitsklasse achten. Und natürlich auf die Gewindenormen.

Die richtige Schraube auszuwählen, das sei eine Kunst für sich. Tausend Dinge müsse man bedenken und dann müsse man auch natürlich das richtige Werkzeug für die entsprechende Schraube haben. Wer glaube, er komme da mit einem einfachen Schraubenzieher weiter, der habe wirklich keine Ahnung.

So redete Lederer die ganze Zeit und mehr und mehr kam Morlov zu der Überzeugung, dass der Mann da vor ihm eine gewaltige Schraube locker hatte, der mit keinem Werkzeug beizukommen war.

Aber heute würde Morlov keinen Vortrag über Schrauben hören. Die Lederer sah ihm mit großer Begeisterung beim Essen zu, und als Morlov ihren Kuchen lobte, hatte ihr Gesicht vor Freude geglüht.

»Ich habe noch etwas für Sie«, sagte sie plötzlich. Sie ging zur Kommode, holte eine Flasche heraus und stellte sie auf den Tisch. Dann holte sie zwei kleine Schnapsgläser und stellte sie vor sich und Morlov.

»Selbstgemachter Birnenschnaps. Sie werden begeistert sein.«

»Ich wollte eigentlich nichts mehr trinken.«

»Aber kommen Sie, Sie müssen einfach probieren.«

Morlov sah die Lederer an, dann nickte er. »Aber nur ein Gläschen.«

Sie schenkte zwei Gläser voll, sie stießen an und beide tranken in einem Zug.

Sie schenkte sofort wieder ein, und Morlov trank seinen zweiten Birnenschnaps, ohne darüber nachzudenken. Er hatte die Grenze überschritten, es war egal. Morlov wollte die Schmerzen in seinem Kopf ersticken und der Alkohol half ihm dabei.

Er ließ den Schnaps die Kehle hinunterrinnen und genoss das brennende Gefühl und die Betäubung, die sich in seinem Körper ausbreitete.

»Ich freu mich ja so, dass Sie heute noch hierhergekommen sind. Sonst würde der Kuchen ja schlecht werden. Mein Mann, der hat ja so viel zu tun mit seinem Bauen, dass er das überhaupt nicht würdigen kann.«

»Ihr Mann baut ziemlich viel.«

»Oh ja, er ist eigentlich immer am werkeln. Morgens wenn er aufsteht, denkt er schon daran, was er noch besser machen kann. Ich sage ihm immer, dass das krank ist, aber er hört einfach nicht auf mich.«

Morlov glotzte sie an. Das Bild wurde für einen Moment unklar. Hatte sie etwas in den Birnenschnaps getan? Oder war es einfach die Mischung: Kopfschmerztabletten, Alkohol und seine Übermüdung. Lederers Pullover war leicht nach unten gerutscht und legte mehr von ihrer Brust frei.

Morlov fiel wieder ein, was Panzer ihm gesagt hatte. Dass die Leute in dem Dorf hier denken würden, er sei ein komischer Perverser.

»Was denken die Leute hier von mir?«, fragte er.

Sie sah ihn erstaunt an. »Was meinen Sie?«

»Was denken die Leute hier von mir?«, wiederholte Morlov seine Frage. Die Lederer antwortete nicht, Morlov trank das kleine Schnapsglas, das Lederer wieder gefüllt hatte, auf einen Zug leer.

»Ich meine, was wird über mich geredet? Es wird doch hier sicher viel geredet.«

»Ach, das meinen Sie. Jeder hier sagt, dass Sie ein freundlicher Mensch sind, ganz ruhig und zurückgezogen. Der Schröder ist überzeugt, dass Sie so was wie ein Künstler sind, ein Schriftsteller vielleicht. Oder was mit Aktiengeschäften machen, Sie sind ja viel zu Hause.«

Ein Schriftsteller sollte er sein? Die Vorstellung gefiel Morlov. Ein Künstler, der sich zurückgezogen hatte. »Ein Schriftsteller also.«

Die Lederer nickte. »Ein Schriftsteller, der an seinem neuen Buch arbeitet.«

»An einem großen Buch«, sagte Morlov.

»An einem ganz außergewöhnlichen Buch«, sagte die Lederer.

»Und was denken die Leute hier über mein Sexualleben?«, fragte Morlov.

Lederer sah ihn fassungslos an. Diese Frage hatte sie nicht erwartet. »Was meinen Sie damit?«

»Na, wenn einer allein hier wohnt und vielleicht auch ein Schriftsteller ist, der an einem ganz außergewöhnlichen Buch arbeitet, dann kommen die Leute auf die verrücktesten Gedanken.«

»Ach, das meinen Sie.« Die Lederer winkte ab.

»Ob die Leute denken, dass Sie schwul sind. Das denkt nur Schröder. Weil so viele Künstler schwul sind.«

»Ich bin nicht schwul«, sagte Morlov.

»Natürlich nicht. Das habe ich auch zu Schröder gesagt. Der Herr Morlov ist ganz sicher nicht schwul, habe ich gesagt. Das merke ich doch daran, wie Sie mich ansehen.«

Sie lächelte ihn groß an. Ihre Züge verschwammen vor Morlovs Augen. Was war bloß mit ihm los? Der Birnenschnaps. Morlov gab sich einen Ruck. Er musste sich nur konzentrieren.

»Ich habe immer gesagt, dass Sie ein ganz außergewöhnlicher Mann sind«, sagte Lederer. »Und so intelligent. Seine Caches findet niemand«, habe ich zu Schröder gesagt. »Weil die normalen Leute so einem Genie eben nicht folgen können.«

Ihr Lächeln hörte überhaupt nicht mehr auf. Sie saßen in dieser riesigen Puppenküche und ihr Lächeln hörte nicht auf. Doch Morlov hatte auf einmal den Eindruck, als würde sich ihr Ausschnitt nach vorne schieben, größer werden, als führten ihre Brüste ein Eigenleben und kämen immer näher, oder war er es, der sich nach vorne beugte?

Sie küssten sich. Später konnte Morlov nicht mehr sagen, wie alles geschah, aber es war eine Tatsache, dass sie an seinen Lippen saugte und schwer atmete und manchmal Luft holte und »Simon, Simon« stammelte, womit er gemeint sein musste.

Und irgendwann lagen sie verschlungen auf dem hässlichen Boden ihrer Küchenstube und Morlov bewies, dass er nicht schwul, sondern ein ganz normaler Perverser war, wie all die anderen Perversen, die hier wohnten, und der fleischige Busen der Lederer klatschte auf sein Gesicht und Morlov versank darin wie in einem zähen, alles verschlingenden Sumpf.

Es klingelte. Das Geräusch drang an das Ohr des schlafenden Morlovs. Sein Kopf schmerzte, als würde der Lärm direkt in seinen Hirnwindungen entstehen. Es klingelte ein zweites Mal. Morlov öffnete die Augen.

Er befand sich in seinem Bett und das Erste, was in sein Bewusstsein kroch, war der Geruch eines süßlichen Parfüms, das durch den Raum waberte.

Dann war alles wieder da. Morlov hatte mit Veronika Lederer geschlafen. Die Erinnerung traf ihn wie ein Schlag. Er richtete sich auf und fasste sich an den Kopf.

Wieder klingelte es. Morlov brauchte dringend einen Kaffee. Er ging in die Küche, stellte sich an das Fenster und sah nach draußen. Vor seiner Haustür stand Stefan Lederer. Was wollte der jetzt von ihm?

Lederer hörte einfach nicht auf zu klingeln. Das Geräusch fuhr in Morlovs Gehirn wie eine Kreissäge. Er ging zur Haustür und öffnete sie.

Lederer hatte den Finger noch immer auf dem Klingelknopf. Er sah Morlov überrascht an, als hätte er nie damit gerechnet, dass Morlov tatsächlich öffnete.

»Was wollen Sie?«, fragte Morlov. »Und nehmen Sie endlich den Finger da weg.«

Lederer nahm den Finger vom Klingelknopf, er starrte Morlov noch immer an. Er wollte etwas sagen, schluckte wie ein Fisch in einem Aquariumglas.

»Sie haben …«, begann er schließlich, musste aber dann Luft holen.

Er redete nicht weiter, atmete heftig.

Morlov sah ihn ungeduldig an. Stefan Lederer war fast einen Kopf kleiner als er. Ein dünnes Kerlchen mit schütterem Haar, das Morlov nie anders als in einem Arbeitsanzug gesehen hatte. In einer Latzhose, die aussah wie eine Kindergartenuniform. In der rechten Hand hielt er einen großen Schraubenzieher. Lederer hatte immer ein Werkzeug dabei.

»Was ist?«, fragte Morlov.

Lederer antwortete immer noch nicht. Morlov deutete auf den Schraubenzieher.

»Brauchen Sie irgendwas? Vielleicht eine passende Schraube?«

Es war, als hätte das Stichwort Lederer die Sprache wiedergegeben. »Sie haben Ihre Schraube in ein Loch gebohrt, wo sie nicht hingehört.«

Morlov war einen Moment zu verblüfft, um etwas zu sagen. Was redete der Mann da von seiner Schraube? »Sie meinen, ich habe …?«

»Genau«, sagte Lederer. »Sie haben mit meiner Frau geschlafen.«

Woher wusste Lederer das? Wahrscheinlich war er zu früh nach Hause gekommen und hatte eindeutige Spuren entdeckt.

»Und ich fordere Rechenschaft.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Morlov.

Lederer blickte ihn an. Er schluckte, man sah ihm die Angst an. Der Schraubenzieher in seiner Hand zitterte leicht. »Glauben Sie ja nicht, dass ich Angst vor Ihnen habe. Mich können Sie nicht einschüchtern mit Ihrer Tour.«

»Mit welcher Tour?«

»Mit dieser …« Wieder wusste Lederer nicht weiter. Morlov sah ihn kalt lächelnd an.

»Wir werden uns schlagen. Sie glauben vielleicht, dass Sie mir überlegen sind, aber ich habe früher geboxt. In meiner Jugend war ich nicht schlecht.« Lederer warf seinen Schraubenzieher beiseite und fing an, vor Morlov zu tänzeln. Er sah aus wie ein steppender Zwergpudel.

»Lassen Sie den Unsinn«, fuhr ihn Morlov scharf an.

Lederer stand sofort still. Er war noch immer in Angriffstellung und gab sich Mühe, ein drohendes Gesicht zu machen.

»Mann, werden Sie locker«, sagte Morlov. Lederer blieb noch einen Moment wie eine Steinsäule stehen, dann ließ er seine Fäuste nach unten sacken.

»Können wir nicht wenigstens so tun, als ob …«, sagte Lederer. »Ich tu so, als ob ich Sie schlagen würde, und Sie tun so, als wären Sie getroffen.«

Morlov schüttelte den Kopf. »Nein, können wir nicht.«

Lederer wirkte verzweifelt. »Aber ich kann nicht von Ihnen weggehen, ohne dass ich Sie geschlagen habe.«

Morlov sagte nichts.

»Kann ich wenigstens erzählen, dass ich Ihnen kräftig die Meinung gegeigt habe und dass Sie Angst vor mir haben?«

Morlov blickte auf den Zwerg vor ihm. »Sie können einem ziemlich auf die Nerven gehen mit Ihrer Bauerei den ganzen Tag«, sagte er.

Lederer sagte nichts, sah Morlov unsicher an.

»Wissen Sie, wie der Lärm einen krank macht, wissen Sie das?«

»Wenn es Sie gestört hat, dann tut es mir leid.«

»Sie sollten auch mal an die Leute denken, die ausschlafen wollen. Sie fangen manchmal schon vor acht Uhr mit Ihrem Gehämmer an.«

»Ich habe nicht gewusst, dass Sie so lange schlafen.«

Morlov sagte nichts mehr. Sein Schweigen machte Lederer nervös. Lederer ging zu seinem Schraubenzieher, der noch am Boden lag, und nahm ihn auf. Er hatte ihn in der rechten Hand, griff dann mit der linken Hand danach, als wüsste er nicht, was er damit anfangen sollte und hielt ihn schließlich hinter seinem Rücken, als wollte er ihn vor Morlov verstecken.

»Werden Sie von jetzt an nicht mehr vor neun Uhr arbeiten?«

»Darf ich dann sagen, dass ich Sie geschlagen habe?«

Morlov überlegte kurz. »Sie haben mir die Meinung gesagt.«

»Und Sie haben gewinselt vor Angst.«

»Ich habe Sie angehört und war …« Morlov dachte kurz über das richtige Wort nach. »Ich war beeindruckt. Und Sie werden auch nicht mehr in der Mittagspause arbeiten.«

»Nicht mehr in der Mittagspause. Und kann ich sagen, dass Sie richtig Angst vor mir hatten?«

»Beeindruckt, wir hatten uns auf ›beeindruckt‹ geeinigt.«

»Gut, Sie waren sehr beeindruckt.«

Morlov sah ihn streng an.

»Sie waren beeindruckt.«

Morlov nickte.

»Und haben sich vor Angst fast in die Hosen gemacht.«

Morlov schüttelte den Kopf.

»Sie haben gezittert wie in einem Eisschrank.«

Morlov schüttelte wieder den Kopf.

»Sie müssen mir schon etwas mehr geben.«

»Ich war beeindruckt, mehr ist nicht drin.

Lederer nickte mehrmals. »Gut, Sie waren beeindruckt.« Er lachte etwas. Ein gackernder Lacher, der ohne Ausklang abbrach. Sein Schraubenzieher baumelte jetzt in seiner linken Hand. Lederer ging einen Schritt vor und gab Morlov mit der Faust einen kleinen Knuff an die Schulter. »Sie sind ein Kerl. Und auch wenn Sie es nicht glauben, ich war wirklich ein Boxkämpfer. Und Sie, sind Sie wirklich ein Schriftsteller?«

»Ich bin ein Schriftsteller, der an einem bedeutenden Werk schreibt. Und außerdem ein Killer, der sich zur Ruhe setzen will.«

Lederer gackerte vor Begeisterung. »Das ist gut, das ist wirklich gut. Ich verstehe schon, Sie wollen nicht verraten, was Sie hier so treiben. Ist wahrscheinlich ’ne top geheime Sache. Bei mir wäre das gut aufgehoben, ich schweige wie ein Grab, aber wenn Sie nicht wollen …«

Er ging einen Schritt zurück.

»Ein Killer, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Das ist echt gut.«

Er gackerte wieder, drehte sich um und ging den Kiesweg bis zur Hauptstraße, der einzigen Straße, die durch das kleine Dorf führte. Seinen Schraubenzieher schwenkte er dabei zum Rhythmus seines gackernden Lachens. Morlov schloss langsam die Tür.

 

Als er später zum Joggen durch das kleine Dorf in Richtung des Waldes ging, spürte er, dass sich etwas verändert hatte.

Der Bauer Schröder von gegenüber, der ihn seit Jahren konsequent ignorierte und niemals auf seine Grüße reagiert hatte, winkte ihm aus dem Garten zu und schmetterte ihm ein »Guten Morgen« entgegen. Dann machte er mit seinen Händen die Bewegung einer Kreissäge nach. Morlov konnte sich zusammenreimen, dass das eine Andeutung auf den Sex war, den er mit der Lederer gehabt hatte.

Am Dorfende traf er auf die Frau von Schröder. Sie hielt ihn an und wollte ihn zu einem Kaffee einladen. Er wohne ja jetzt schon so lange hier und noch nie habe sich die Gelegenheit ergeben, mal gemütlich zusammenzusitzen. Sie sah Morlov mit einem Lächeln an, für das Morlov kein passendes Wort einfiel. Eine Mischung aus Gier, Neugier und Neid auf ihre Nebenbuhlerin Lederer. Morlov sprach ein paar belanglose Worte, dann ging er weiter, wurde immer schneller, je näher er dem Dorfende kam, und ignorierte den Gruß des Bauern Katzwanger, der mit seiner Heugabel zweideutige Bewegungen machte.

Skampers Erwachen war eine lange Fahrt durch einen ewigen, schwarzen Tunnel. Weiter und weiter und es gab kein Licht, nur Dunkelheit. Er glaubte, etwas zu hören, einen Schrei.

Aber der Schrei verhallte und alles war still. Skamper wollte die Augen öffnen, aber das ging nicht. Es war, als würde eine schwere Hand auf seinen Lidern liegen.

So gab er sich der Dunkelheit hin. Er lag wieder im Dschungel Kolumbiens. Wieder spürte er den brennenden Durst, die Hitze, den Schweiß, er hörte die Moskitos um seinen Kopf kreisen und da war wieder der Wunsch, ewig hier zu liegen, sich einfach aufzugeben und ein Teil des Dschungels zu werden, ein Strauch, ein Blatt an einem Baum, ein Stein auf den undurchdringlichen Wegen, die in die goldene Stadt führen sollten.

Manchmal dachte er, dass ein Teil von ihm noch immer dort war. Als hätte sich damals das Universum geteilt und in einem Universum lebte er weiter, war aufgestanden und wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Doch in einer anderen Welt war er immer noch im Dschungel und sah über sich die dichten, undurchdringlichen Baumkronen. Und vielleicht gab es ein drittes Universum, in dem er die goldene Stadt gefunden hatte, in dem sein Partner Mike nicht durchgedreht war und in dem es keine tödlichen Schüsse gegeben hatte.

Dann schluckte etwas die Bilder, eine graue Dunkelheit legte sich über sein Bewusstsein. Es war still. Ich sollte endlich aufwachen, dachte Skamper. Aber es war so angenehm, hier zu liegen. Immer hier zu liegen und an ein Universum zu denken, in dem seine Geschichte gut ausgegangen war.

Aber er konnte nicht ewig so liegen. Er öffnete die Augen. Alles verschwamm. Mit einem Mal war der Schmerz da. Der Schmerz füllte seinen Kopf aus, ein hässlicher Knoten im Innern seines Gehirns, der aufquoll und größer wurde und an die Schädelknochen presste.

Vor ihm war ein Gesicht. Das Gesicht bewegte sich, schwamm auf und ab, er konnte es nicht fixieren. Noch einmal schloss Skamper die Augen. Er wartete und in der Dunkelheit war auf einmal eine Stimme.

»Er kommt zu sich.«

Skamper öffnete die Augen und das Bild wurde klar. Zwei Gesichter über ihm. Ein Mann mit einer Brille, der ihn ernst ansah. Und daneben Jasmin. Als er sie ansah, lächelte sie.

Sofort bohrte sich wieder der Schmerz in sein Bewusstsein. Als hätte er darauf gewartet, dass Skamper endlich die Augen öffnete. Er stöhnte.

»Der Schmerz geht bald vorbei.« Das war der Mann mit der Brille. Er war auf dem Kopf völlig kahl und hatte ein tief gebräuntes Gesicht, das Skamper an ein Hendl aus einer Braterei erinnerte. Der Mann verbrachte zu viel Zeit im Solarium.

Skamper versuchte sich aufzurichten, aber das Pochen in seinem Kopf ließ das nicht zu.

»Was ist los, wo bin ich?« Seine Stimme klang dumpf, als käme sie aus einem Rohr tief unter der Erde.

»Du bist im Nürnberger Klinikum. Es ist alles in Ordnung.« Jasmin sah ihn an. Ihr Lächeln beruhigte ihn.

»Du hast nur eine Gehirnerschütterung und Prellungen. Du hast verdammt Glück gehabt.«

Langsam kam die Erinnerung. Bilder tauchten auf. Die Felswand am Glatzenstein. Der Arm, der sich aus der Felswand streckte. Und schließlich der Absturz. War das wirklich passiert? »Was ist mit Viktor?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, es geht ihm gut.« Der Arzt sprach langsam und beruhigend.

»Viktor hat schon die ganze Zeit nach dir gefragt«, sagte Jasmin.

»Ihr Freund wird natürlich einige Zeit hier bleiben müssen«, sagte der Arzt.

»Warum?«, fragte Skamper. »Was ist mit ihm?«

»Nichts Ernstes, nur ein paar Knochenbrüche. Er hatte riesiges Glück.«

»Du musst dich jetzt erst mal ausruhen«, sagte Jasmin.

Skamper war im ersten Moment nur froh, dass es Viktor gut ging. Dann sah Skamper, dass der Arzt etwas in der Hand hielt. Eine Spritze. Skamper wollte diese Spritze nicht. Er versuchte, seine Hand zu bewegen, um dem Arzt ein Zeichen zu geben. Aber seine Hand ließ sich nicht bewegen. Ein leichtes Stechen im Arm, dann war es vorbei. Und Skamper fiel wieder in die Dunkelheit.

 

Als Skamper das zweite Mal erwachte, blickte er in die Gesichter von Jasmin und Arabella. Der Schmerz in Skampers Kopf war immer noch da, aber klarer und nicht mehr so pochend wie beim ersten Mal.

Skamper glaubte, ewig geschlafen zu haben. Als wäre sein Bewusstsein weit weg gewesen, in einer Dimension, zu der er keinen Zugang hatte. »Wie spät ist es?«, fragte er.

Jasmin sah sofort auf ihre Uhr. »Drei Uhr, nachmittags.«

»Und was für ein Tag ist heute?«

»Mittwoch«, sagte Jasmin. »Du hast fast zwei Tage geschlafen. So einen Schlaf möchte ich auch mal haben.«

Skamper dachte an seinen Freund. »Und was ist mit Viktor?«

»Er ist nur ein paar Zimmer weiter. Es geht ihm gut. Er wird nur einige Zeit hier verbringen müssen.«

Skamper fasste sich an den Kopf, spürte den dicken Verband, der um seine Stirn gewickelt war.

»Viktor lässt dich grüßen«, sagte Arabella. »Ich war gerade bei ihm.«

»Was habe ich denn genau?«, fragte Skamper.

»Gehirnerschütterung, Prellungen, ein paar Rippen sind angebrochen und dein rechter Fuß ist verstaucht. Mit deinem Kopf ist aber sonst alles in in Ordnung. Ich meine, wenn er jemals in Ordnung war.«

»Sehr witzig.« Skamper verzog das Gesicht. Er hatte auf einmal furchtbaren Durst. »Kann ich Wasser haben?«, fragte er.

Auf dem Nachttisch neben dem Bett standen eine Flasche Wasser und Gläser. Jasmin schenkte sofort ein Glas ein und reichte es ihm. Skamper trank das ganze Glas leer, setzte es dann wieder ab.

»Was ist da eigentlich passiert?«, fragte Skamper.

»Weiß ich auch nicht genau«, sagte Arabella. »Ihr müsst irgendwie auf ’ne lockere Stelle getreten sein. Oder ihr seid ausgerutscht. Ihr seid fast zwanzig Meter tief gefallen. Ihr habt riesiges Glück gehabt, dass ihr auf irgendwelche Büsche aufgekommen seid.«

»Hat man den Arm gefunden?«

Arabella sah ihn an, als hätte sie völlig vergessen, worum es bei der Suche am Glatzenstein eigentlich gegangen war. Sie schüttelte den Kopf.

»Da war nichts. Die Polizei hat am nächsten Tag alles abgesucht. Die haben aber nichts gefunden.«

»Am nächsten Tag?«

»Na, an dem Abend waren wir zu sehr damit beschäftigt, euch ins Krankenhaus zu bringen. Da hat niemand mehr an diese olle Hand gedacht.«

Skamper versuchte, sich die Ereignisse in Erinnerung zu rufen. Er sah vor sich die ausgestreckte Hand, neben ihm stand Viktor. Dann rissen die Bilder ab.

Derjenige, der den Arm in dem Felsen angebracht hatte, musste noch in der Nacht alle Spuren gelöscht haben. War das ein echter Arm gewesen? Vielleicht auch eine Attrappe, ein Halloween-Scherz im April, es war einfach zu dunkel gewesen, als dass er Genaueres sagen konnte.

»Wann komme ich hier wieder raus?«

»Der Arzt hat gesagt, in ein paar Tagen«, sagte Jasmin.

Skamper sah auf die beiden Mädchen vor ihm. Sie wirkten wie zwei Schwestern. Zwei sehr unterschiedliche Schwestern. Hier die offene, fröhliche Arabella und dort die eher verschlossene Jasmin. Seine Tochter Jasmin war ihrer Mutter sehr ähnlich. Sie trug lange, schwarze Haare und ihre hohen Wangenknochen und dunklen Augen gaben ihr etwas Indianisches. Oft wirkte sie verträumt, doch sie hatte einen wachen und scharfen Geist.

»Du musst auch bald ganz fit sein«, sagte Arabella. »Auf dich wartet ein Job. Viktor hat mir vorhin noch einmal gesagt, dass er ganz auf unsere Detektei setzt. Wir sollen das Geheimnis dieser mysteriösen Geocaches lösen. Und da zähle ich natürlich auf dich.«

Skamper schüttelte den Kopf. »Also erst mal bin und war ich nie Mitarbeiter deiner Detektei.«

»Du musst mir helfen. Jetzt hat sogar Jasmin etwas Geld in unsere Firma gesteckt.«

Skamper blickte zu Jasmin. Die zuckte die Schultern.

»Viktor ist überzeugt, dass er die Story gut verkaufen kann. Und wir kriegen natürlich einen Anteil«, sagte Arabella. »Und er will ein großes, russisches Fest veranstalten, wenn er wieder aus dem Krankenhaus kommt.«

»Na toll.«

»Du bekommst ein Drittel von dem, was wir einnehmen. Genau wie Jasmin. Ich bin ein fairer Partner. Was ist, machst du mit?«

»Ich muss darüber noch mal nachdenken.«

»Ich hätte auch eine Idee, wie wir die finanzielle Situation unseres Unternehmens verbessern könnten.«

Skamper sah sie fragend an.

»Dein Urin, Monika vom Kräuterladen hat wieder danach gefragt. Wir könnten da wirklich Geld verdienen.«

»Kommt nicht in Frage.«

»Natürlich. Lieber spülst du jeden Tag ein Vermögen das Klo hinunter.«

»Ich möchte über das Thema nicht mehr reden.«

Arabella zog eine Schnute und sagte nichts mehr.

»Als Erstes muss ich hier wieder rauskommen.«

 

Schon am nächsten Tag konnte Skamper aufstehen. Am Morgen war der glatzköpfige Arzt gekommen. Skampers Genesung verlaufe sehr gut, hatte er gesagt. In drei Tagen könne er das Krankenhaus verlassen.

Als Skamper nach dem Besuch aufstand, fühlte er sich im ersten Moment schwindlig. Er wartete ein paar Sekunden, schloss kurz die Augen, dann atmete er durch. Der Arzt hatte ihm zwar geraten, noch den Tag im Bett zu bleiben, aber Skamper wollte mit Viktor reden.

Viktor lag drei Zimmer weiter. Sein rechtes Bein, sein rechter Arm und der ganze Kopf waren bandagiert. Viktor war allein, als Skamper das Zimmer betrat. Das zweite Bett im Raum war leer.

Als Viktor ihn sah, hob er stumm seine linke Hand zum Gruß. Er sagte etwas auf Russisch. Skamper setzte sich an sein Bett.

»Mann, bin ich froh, dich zu sehen«, sagte Viktor.

»Wie geht’s dir?«, fragte Skamper.

Viktor grinste ihn an. »Das dauernde Rumliegen macht mich krank.«

»Das wird nicht so schnell vorbei sein.«

Viktor schloss einen Moment die Augen. Dann sah er Skamper an. »Was ist da oben eigentlich passiert?«

»Ich weiß nur noch, dass plötzlich der Boden unter meinen Füßen weg war.«

»Na ja«, sagte Viktor. »Vielleicht war ich doch etwas schwer.«

»Oder jemand hat bei der ganzen Sache nachgeholfen.«

»Das habe ich auch schon überlegt.«

Skamper sah auf den Armgips von Viktor. Darauf war ein kleiner Elefant gezeichnet. Das musste von Jasmin sein. Sie liebte die Dickhäuter und hatte eine stattliche Sammlung kleiner Porzellanelefanten.

»Du hast Arabella den Auftrag gegeben, weiter nachzuforschen?«, fragte er.

Viktor nickte.

»Wenn es eine Falle war, dann sind wir wie Idioten da hineingetappt.«

»Du musst rauskriegen, ob es eine Falle war«, sagte Viktor. »Und was wir da oben wirklich gesehen haben.«

»Warum ist dir das so wichtig?«

Viktor schwieg.

»Du hast nicht alles erzählt. Da steckt doch noch mehr dahinter.«

Viktor blieb eine Zeitlang stumm, bewegte den Kopf hin und her.

»Diese Sache«, sagte er schließlich, »ist so was wie eine letzte Chance für mich.«

»Was heißt das, letzte Chance?«

»Ich habe wieder gespielt.«

Skamper stöhnte auf. Als er Viktor kennengelernt hatte, war er wegen seiner Spielsucht noch in Behandlung gewesen. Damals hatte er geschworen, die Finger davon zu lassen. Aber offensichtlich war er rückfällig geworden.

»Aber das war das letzte Mal, das schwör ich dir. Ich habe deswegen auch Schwierigkeiten im Job bekommen. Wenn ich bei der Geocaching-Sache nichts herauskriege, dann bin ich am Ende.« Viktor sah Skamper flehentlich an. »Du musst mir helfen. Ich bin die nächsten Wochen außer Gefecht gesetzt. Aber du musst rauskriegen, was da los ist. Paul, du bist doch mein Freund.«

Skamper atmete tief durch. »Natürlich werde ich dir helfen.«

Viktor nickte erleichtert.

»Aber mir wäre lieber, wenn wir Arabella aus der Sache raushalten könnten.«

Viktor winkte mit seinem gesunden Arm ab. »Arabella ist eine taffe Frau. Die kann auf sich aufpassen.«

»Sind Sie Simon Morlov?«

Sie waren zu zweit, ein Mann und eine Frau. Beide in Polizeiuniformen. Die Frau mit blonden Haaren, die hinten zu einem Zopf gebunden waren. Der Mann mit einem kantigen Gesicht und einem kleinen Oberlippenbart. Es war früher Morgen, Morlov war erst vor einer halben Stunde aufgestanden. Er war sofort hellwach gewesen, als er die Haustür auf ihr Klingeln geöffnet und die zwei Polizeiuniformen gesehen hatte.

»Ja«, sagte Morlov.

»Wir wollen Sie nicht lange aufhalten. Es geht um Mark Klöpper. Er muss vor etwa zwei Wochen bei Ihnen gewesen sein. Klöpper wollte kontrollieren, ob Sie einen Fernsehanschluss haben. Er ist ein Fahnder der Gebühreneinzugszentrale.«

Morlovs Gedanken rasten. Der dicke Russe war tatsächlich von der GEZ und nicht der bezahlte Killer, der ihm vorher Kugeln um die Ohren gejagt hatte. Dann hatte er den Falschen umgebracht, einen völlig Unschuldigen.

Der Polizist holte ein Foto aus seiner Jacke und hielt es stumm vor Morlovs Gesicht. Es gab keinen Zweifel. Auf dem Foto prangte das Bild des dicken Mark Klöpper.

Morlov nickte. Es hatte keinen Sinn, die Begegnung zu leugnen. »Ich erinnere mich, er war hier, aber nur kurz und ist dann wieder gegangen.«

»Und ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«, fragte die blonde Polizistin.

Morlov überlegte. »Nein, er war sehr aggressiv, muss ich sagen. Eine ziemliche Unverschämtheit, wie er sich benommen hat. Ich habe ihm gesagt, dass ich keinen Fernseher habe, aber er wollte unbedingt in die Wohnung. Als ich abgelehnt habe, ist er dann wieder gegangen.«

Der Polizist nickte, sah kurz zu seiner Kollegin.

»Was ist denn mit ihm?«, fragte Morlov.

»Mark Klöpper ist seit einer Woche verschwunden. Wir vermuten, dass er sich in Tschechien abgesetzt hat. Er hatte ziemliche Schulden.«

Er war ziemlich offen für einen Polizisten. Oder war das nur eine Falle? Morlov nickte stumm.

»Und wohin er nach ihrem Gespräch gegangen ist, wissen Sie auch nicht?«, fragte die Polizistin.

»Ich habe keine Ahnung. Ich bin wieder in die Wohnung, weil ich einen Anruf hatte. Um den Kerl habe ich mich nicht mehr gekümmert.«

Beide sahen sich kurz an.

»Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.« Der Mann steckte das Foto wieder in seine Jackentasche, die beiden wandten sich ab und gingen auf das Polizeiauto zu, das sie vor Morlovs Haus geparkt hatten.

Sie kamen zwei Stunden vor Skampers Entlassung aus dem Krankenhaus. Jasmin hatte gesagt, dass sie ihn mittags abholen würde. Skamper war schon fertig angezogen, saß auf seinem Bett und las Zeitung.

Durch das Klopfen wurde er unterbrochen. Die Tür schwang auf und herein kam ein dicklicher Mann in einem zerknitterten Anzug unter einem offenen, grüngrauen Mantel. Eine Brille, ein breites Gesicht und auf dem Kopf ein paar Haarsträhnen, die ordentlich zur Seite gekämmt waren und sich verzweifelt gegen das Schicksal der drohenden Kahlheit stemmten.

Hinter ihm kam Dora in das Zimmer. Sie trug einen für die Jahreszeit viel zu dicken, blauen Pullover und einen schwarzen Rock. Skamper wusste, dass sie leicht fror. Früher hatte er sich darüber lustig gemacht, dass sie schon im September Decke über Decke gestapelt hatte und mit Wärmflaschen bewaffnet ins Bett ging. Auf seine Späße hatte sie ihm mehr als einmal eine Wärmflasche an den Kopf geworfen. Skamper fiel plötzlich ein, wie lange es her war, dass er sich so mit einer Frau gestritten hatte. Aber er wollte nicht daran denken, nicht jetzt.

Der dickliche Mann blieb kurz vor Skamper stehen. Er sah ihn an und sein Gesicht wurde zu einem breiten Grinsen. »Mann, Giorgi, dass wir uns hier wiedersehen.«

In Skampers Kopf arbeitete es. Wer war der Kerl? Mit seinen Spitznamen »Giorgi« hatte ihn seit Jahren niemand mehr angeredet. Er sah auf das runde, strahlende Gesicht seines Gegenübers. Dann dämmerte es ihm. Jürgen Schmidt, er hatte nicht weit weg von ihm gewohnt, sie hatten als Kinder fast jeden Tag zusammen in einem alten Hof Fußball gespielt.

»Mann, Jürgen, das ist ja ewig her.«

Schmidt hob seine Faust. Skamper erinnerte sich. Er stand auf und berührte mit seiner Faust die seines alten Freundes. So hatten sie sich immer als Jugendliche begrüßt.

»Was machst du hier?«, fragte Skamper.

»Na ja«, sagte Schmidt. Er blickte kurz zu Dora, die ihrer Begrüßung schweigend zugesehen hatte. Skamper begriff.

»Sag bloß, du bist jetzt bei der Polizei.«

Schmidt nickte stolz.

»Mann«, sagte Skamper. »Das hätte ich wirklich nicht erwartet.«

»Ich bin Oberkommissar.«

»Gratuliere, du hast es weit gebracht.«

»Aber mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.«

Skamper sah ihn erstaunt an.

»Carlotta Bräuner.«

Skamper überlegte. Der Name sagte ihm nichts.

»Ich wollte mit ihr den Abschlussball machen. Aber dann hast du etwas mit ihr angefangen und ich musste den Abschlussball mit Susi Müller machen. Mit Susi Müller. Die hat damals schon drei Zentner gewogen.«

Eine schwache Erinnerung tauchte in Skamper auf. Das war alles schon so lange her.

»Aber«, sagte Schmidt mit treuherzigem Gesicht. »Ich habe dir das schon lang vergeben.«

Er kam näher. »Mann, ist das gut, dich wieder zu sehen.« Er umarmte ihn heftig, dann trat er zurück.

»Können wir jetzt anfangen?« Doras Stimme klang bemüht gleichgültig. Schmidt blickte zu Dora.

»Natürlich«, sagte er und bemühte sich um einen sachlichen Tonfall.

»Wir sind ja nicht hier, um alte Geschichten aus der Jugend aufzuwärmen.«

Er holte sich einen Besucherstuhl und stellte ihn neben den von Dora. Skamper setzte sich wieder aufs Bett. Dora und Schmidt saßen Skamper direkt gegenüber.

»Hallo Dora, schön dich zu sehen«, sagte Skamper.

Dora nickte nur, sah ihn nicht an. Seit Skamper nach Nürnberg zurückgekehrt war, hatte er sie höchstens drei Mal gesehen. Miteinander gesprochen hatten sie dabei nur ein paar Sätze.

Schmidt holte einen Notizblock aus seiner Manteltasche und zückte einen Stift. Er sah Skamper erwartungsvoll an, dann huschte wieder ein Grinsen über sein Gesicht.

»Weißt du, dass ich Birgit Schmitz geheiratet habe?«, fragte er.

Auch an Birgit Schmitz erinnerte sich Skamper nicht. »Das ist toll, Jürgen, da gratuliere ich dir.«

Jürgen nickte selbstzufrieden vor sich hin, dann setzte er sich gerade.

»Also wir sind hier, du kennst ja Dora …« Er blickte kurz zu seiner Kollegin. Dora saß so steif auf dem Stuhl, als hätte man sie angebunden. Sie bemühte sich die ganze Zeit, Skamper nicht anzusehen. »Wir haben ein paar Fragen zu dem, was da am Glatzenstein passiert ist«, sagte Schmidt.

Skamper sah von ihm zu Dora. »Okay.«

»Moment«, sagte Schmidt. Er schrieb mit sorgfältiger Schrift etwas auf das Blatt seines Notizbuches.

»Fang einfach an zu erzählen«, sagte er dann.

Skamper berichtete, was passiert war. Er versuchte, so genau wie möglich zu sein. Schmidt schrieb fleißig mit. Als Skamper fertig war, herrschte einen Moment Schweigen.

»Und du glaubst, da einen Arm gesehen zu haben?«, fragte Dora.

»Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Es war zu dunkel und ich war zu weit weg. Vielleicht war es auch eine Attrappe.«

»Und dieses Geocaching ist jetzt so was wie ein Hobby von dir?«, fragte Schmidt.

Skamper zögerte einen Moment. Er hatte nichts von Viktors Verdacht erzählt. Für den Augenblick schien es ihm besser, über diese ganzen Geocachinggerüchte zu schweigen. »Ja.«

»Ja, warum nicht«, sagte Schmidt. Er schaute wieder kurz zu Dora. »Ich habe drei Aquarien zu Hause. Das ist sehr entspannend, sage ich dir.«

Dora wollte etwas fragen, doch Schmidt kam ihr zuvor. »Ich habe übrigens den Artikel in der Zeitung über deinen Vortrag gelesen. Fand ich hochinteressant. Wir müssen uns einfach mal treffen, und du musst mir mehr über deine Abenteuer erzählen.«

»Klar. Machen wir.«

»Jürgen, hier geht es nicht um eure privaten Treffen«, sagte Dora.

»Ist schon gut«, sagte Schmidt schnell. Dora sah ihn einen Moment an, dann wandte sie sich Skamper zu.

»An der Stelle, an der ihr euch abgeseilt habt, ist das Geländer kaputt. Die Stelle war gesichert, es gibt ein großes Schild, das darauf hinweist, dass das Betreten verboten ist. Sogar du musst dieses Schild gesehen haben.«

»Ja«, beeilte sich Schmidt, ihr zuzustimmen. »Das ist verboten, da einfach hinzugehen, richtig verboten.«

Skamper sah Dora an. »Dora, unser ganzes Leben ist vollgepfropft mit Schildern, die dir was verbieten. Fußballspielen verboten, bleib nicht länger als acht Uhr weg, geh nicht mit den bösen Jungs, Rauchen verboten, kein Alkohol, keine Drogen.«

»Nicht nach zehn Uhr laute Musik hören«, sagte Schmidt und grinste Skamper wieder an.

»Genau, keine laute Musik nach zehn Uhr«, sagte Skamper und nickte.

Dora atmete tief durch. »Das ist dein Problem«, sagte sie zu Skamper. »Du willst dich nicht an Regeln halten. Aber du hast nie verstanden, dass bestimmte Regeln einen Sinn haben. Und man hält sie nicht ein, weil sie Regeln sind, sondern weil man Verantwortung hat. Aber Verantwortung ist auch ein Wort, das du nie verstanden hast.« Sie brach jäh ab. Sie sah Skamper nicht an. Sie hatte mehr gesagt, als sie wollte.

»Oh ja«, sagte Schmidt. »Man sollte bestimmte Regeln unbedingt einhalten. Zum Beispiel, dem Freund nicht einfach die Abschlussballpartnerin zwei Tage vor dem Ball ausspannen.«

»Das tut mir wirklich leid«, sagte Skamper. »Ich wusste ja damals nicht, dass du sie schon gefragt hattest.«

»Hatte ich auch nicht. Aber es war so gut wie ausgemacht.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber sei’s drum, ich hab das schon lang vergessen.« Er zwinkerte Skamper zu.

Dora stand auf. Sie wollte das Gespräch beenden, wollte raus hier. »Für uns ist der Fall abgeschlossen«, sagte sie.

Skamper nickte. Dora sah zu Schmidt. »Gehen wir.«

»Natürlich.« Schmidt erhob sich. Beide gingen zur Tür. Dora sagte nichts zum Abschied. Schmidt blieb an der Tür kurz stehen, machte Skamper ein Zeichen, hielt den Daumen nach oben.

»Und wir treffen uns mal auf ein Bier. Ich ruf dich an.«

»Klar, Jürgen«, sagte Skamper.

Schmidt schloss die Tür und Skamper blieb allein zurück.

 

Bevor Skamper das Krankenhaus verließ, sah er noch einmal bei Viktor vorbei. Viktor las in einem Buch, als Skamper sein Zimmer betrat. Er legte den Band beiseite. Skamper setzte sich an das Bett. »Und wie geht’s heute?«, fragte er.

»Wunderbar«, sagte Viktor. »Ist wie Urlaub hier.«

»Ich werd mich dann mal aus dem Staub machen.«

»War die Polizei auch bei dir?«

Skamper nickte. »Die Frau von den beiden war Dora, meine Ex.«

Viktor sah ihn völlig überrascht an. »Tatsächlich?«

»Ja, als ich sie kennenlernte, war sie noch auf der Polizeischule. Jetzt ist sie sogar Kommissarin.«

»Eine Exfrau und eine Tochter. Du hast nicht viel Privates erzählt, als du mit mir auf Tour warst.«

»Ich hielt das nicht für wichtig.«

Skamper war noch einen Moment in Gedanken versunken.

»Und was machst du jetzt, wenn du heimkommst?«, fragte Viktor.

»Ich mach mich gleich an die Arbeit und finde heraus, was da los ist. Und ob das wirklich ein toter Arm im Felsen war.«

»Ich hab noch meine Tasche bei euch. Da ist mein Notebook drin. Unter ›Meine Dokumente‹ findest du alles, was ich schon recherchiert habe.«

Skamper nickte. »Ich komme dich bald besuchen.«

»Das hoffe ich doch.«

Skamper blieb nicht mehr lange. Als er mit Jasmin das Krankenhaus verließ, musste er wieder an das Gespräch mit Dora denken. Warum hatte er seit seiner Rückkehr nach Nürnberg nicht einmal vernünftig mit ihr reden können?