Paul Skamper stand gebeugt vor der geöffneten Motorhaube seines alten Ford Kombi und horchte auf das gleichmäßige Geräusch des Motors. Geschafft, das Auto lief wieder. Drei Stunden hatte er damit verbracht, den alten Kasten zu reparieren.

Er wollte die Haube wieder schließen und zurück zum Hintereingang des Hauses, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürte. Skamper drehte sich blitzschnell um. Er sah in das rosige, runde Gesicht seines Freundes Viktor Boritsch, der mit breitem Grinsen vor ihm stand.

»Paul, alter Freund.«

Boritsch drückte ihn an seine massige Brust und würgte Skamper fast die Luft ab, dann ließ er ihn los, immer noch mit seinen Pranken auf Skampers Schulter.

Skamper schnappte nach Luft. »Mann, Viktor, das ist ja ’ne Riesenüberraschung.«

Viktor nahm ihn noch einmal stumm in den Arm. Er war ein Riesenbaby, die einzig passende Bezeichnung für den Russen. Dann drehte sich Viktor nach hinten zu Arabella, die das Wiedersehen der beiden Freunde beobachtet hatte.

»Ich hab dir gesagt, ich werde weinen, wenn ich ihn wiedersehe, meinen alten Freund. Und jetzt schau in meine Augen, siehst du, ich weine.«

Viktor war einfach zu gefühlsduselig für einen Mann mit eins fünfundneunzig Körpergröße.

Es war schon Jahre her, dass Skamper mit Viktor einige gefährliche Touren unternommen hatte. Viktors Gesicht war wie damals von einem struppigen, schwarzen Bart bedeckt. Zum Bilderbuchrussen, von dem man erwartete, dass er im nächsten Moment einen Kasatchok aufs Parkett legte, fehlte ihm nur die Pelzmütze.

»Mann, Viktor«, sagte Skamper. »Warum hast du nicht angerufen, dass du kommst?«

»Ach, ich hasse diesen modernen Kommunikationsscheiß. Und so ist die Freude viel größer.« Viktor wandte sich Arabella zu. »Deine wunderschöne Chefin hat mir erzählt, dass du hier bist und dass du jetzt als Privatdetektiv arbeitest.«

Arabella lächelte geschmeichelt.

»Hat sie dir erzählt, dass sie meine Chefin ist? Arabella, hör mit diesem Unsinn auf. Ich arbeite nicht für deine Detektei und du bist nicht meine Chefin.«

»Das mit der Chefin war doch nur Spaß. Er hilft mir manchmal«, erklärte sie Viktor.

»Aber warum willst du nicht so eine schöne Chefin haben? Ich wäre glücklich über so eine wunderschöne Frau als Chefin.« Er blickte lächelnd auf Arabella, der die plumpen Komplimente des Russen offensichtlich gut gefielen.

»Dein Freund ist sehr sympathisch«, sagte sie zu Skamper.

Der Russe strahlte Arabella immer noch mit einem breiten Lächeln an.

»Ich mach erst mal einen Kaffee«, sagte Arabella. »Damit ihr euch über die alten Zeiten unterhalten könnt.«

 

Viktor hatte seine großen Pranken um die Kaffeetasse gelegt. Sie saßen zu dritt an dem großen Tisch in der Gemeinschaftsküche. Arabella war zu einem Bäcker in der Nähe gefahren und hatte Gebäck gekauft. Der Russe hatte schon sein drittes Nougathörnchen vertilgt und kaute genießerisch an dem letzten Bissen.

»Du wirst mir nicht erzählen, dass du hierher gekommen bist, weil du Sehnsucht nach einem alten Freund hattest«, sagte Skamper.

»Aber natürlich. Hätte ich gewusst, dass du hier mit so einer schönen Chefin wohnst, dann wäre ich noch viel früher gekommen.« Wieder ein kurzer Seitenblick zu Arabella.

Hoffentlich geht das nicht die ganze Zeit so weiter mit dem Geturtel der beiden, dachte Skamper. Das wäre kaum auszuhalten.

»Komm, erzähl nicht so einen Mist. Jetzt rück schon raus, warum bist du hier?«

Der Russe nahm einen Schluck von seinem Kaffee, stellte die Tasse ab, überlegte einen Moment, dann sah er Skamper an. »Ich hab beruflich hier zu tun. Ich bin einer Sache auf der Spur.«

Skamper wusste, dass Viktor für ein Berliner Journalistenbüro arbeitete. Er recherchierte für Artikel und Reportagen. Selbst etwas zu schreiben war nicht seine Sache. Dafür waren seine Deutschkenntnisse auch nicht gut genug. Aber für seine Arbeitgeber war er Gold wert, weil er ein Talent hatte, brisante Informationen zu beschaffen oder hinter vordergründig belanglosen Ereignissen eine packende Geschichte aufzuspüren.

»Du bist einer Sache auf der Spur? Hier in Nürnberg?«

»Vor drei Wochen gab es einen Unglücksfall am Tiergarten. Ein Journalist, ein Kollege aus Leipzig, ist im Wald von einem Baum gestürzt.«

Skamper dachte nach. »Ich glaub, ich hab in der Zeitung davon gelesen«, sagte er.

»Der Journalist hieß Andreas Wojcek. Er war ein Freund von mir.«

Skamper sah Viktor überrascht an.

»Andreas hat früher in derselben Agentur gearbeitet wie ich.«

»In der Zeitung stand, dass es sich um einen Unglücksfall gehandelt hat und dass dieser Wojcek auf Drogen war.«

Viktor schüttelte den Kopf. »Ein Unglücksfall, das ist doch Unsinn. Andreas war nicht der Typ, der einfach in den Wald geht und dort den Abgang macht.«

Viktor war mit einem Mal laut geworden. Wie erschrocken über seine heftige Reaktion schwieg er einen Moment still, dann nahm er einen Schluck von seinem Kaffee. Skamper sah, dass seine Hand zitterte.

»Natürlich hatte Andreas Probleme.« Viktor war jetzt wieder ruhiger geworden. »Ich habe ihn in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren. Aber ich hab einfach das Gefühl, dass da noch was anderes dahintersteckt. Ich war gestern bei Carola, seiner Frau, seiner Ex-Frau. Sie hat erzählt, dass er Schwierigkeiten im Job hatte, er hat Drogen genommen. Aber Andreas hat ihr auch erzählt, dass er einer großen Sache auf der Spur ist. An dem Tag, bevor er starb, hat er sie angerufen. Er war richtig euphorisch, hat irgendwelche Andeutungen gemacht, von einer großen Geschichte, die ihm viel Geld einbringen würde. Aber sie hat das für seine üblichen Sprüche gehalten.«

Skamper überlegte. Er sah Viktor an. Vor ihm saß nicht mehr der leutselige Russe, vor ihm saß jemand, der sich in eine Sache verbissen hatte und nicht mehr ruhen würde, bis er sie aufgeklärt hatte. Du verschweigst mir etwas, dachte Skamper. Aber jetzt war nicht die Zeit, danach zu fragen. »Könnte es nicht sein, dass das wirklich nur Sprüche waren und der Unfall am Tiergarten eine Art Selbstmord war?«

»Das könnte schon sein. Aber erstens ist es schon komisch, dass er über dreihundert Kilometer von Leipzig nach Nürnberg fährt, nur um hier seinen Abgang zu machen.«

»Bei den hohen Benzinpreisen«, pflichtete Arabella dem Russen bei.

»Und zweitens gibt es da ein paar Umstände, die ziemlich seltsam sind, wo die Polizei überhaupt nicht nachgeforscht hat.«

Skamper erinnerte sich. Im Artikel war von einem Papier die Rede gewesen, das man bei Wojcek gefunden hatte. »Du meinst, dieser Zettel mit den seltsamen Buchstaben.«

»Genau. Carola hat mir gestern alles erzählt, was die Polizei über den Fall herausgefunden hat. Und sie hat mir auch diesen Zettel gegeben. Den Zettel, den man bei Andreas gefunden hat.« Viktor holte ein zerknittertes Papier aus seinem Rucksack, den er neben sich auf dem Boden abgestellt hatte. Er glättete es und legte es auf den Tisch.

Skamper und Arabella beugten sich darüber. Was auf dem Papier zu sehen war, waren einige Buchstaben, die keinen Sinn ergaben.

ABW ???? HEK UR KWIEX YMQ UZWPYMIP IQPN XVX PUAB MAWIVQR

»Das könnte ein Code sein«, sagte Arabella. »Eine Geheimschrift.«

»Das ist aber nicht das einzig Seltsame.« Viktor griff wieder in seinen Rucksack und legte eine Karte auf den Tisch. Skamper erkannte sofort, was der Kartenausschnitt zeigte. Die Gegend um den Tiergarten in Nürnberg.

»Die Polizei hat den Weg rekonstruiert, den Wojcek in der Nacht gelaufen ist. Hier in der Nähe der Kunstakademie hat er sein Auto geparkt. Er muss dann direkt in den Wald gelaufen sein und ist hier am Tennisclub wieder herausgekommen. Und dann ist er wieder durch den Wald in Richtung Eingang zum Tiergarten. An der Straßenbahnhaltestelle vor dem Tiergarten hat man seine Mütze gefunden. Und dann ist er wieder zurück in den Wald bis zu dem Baum, wo man ihn gefunden hat. Die Frage ist: Warum läuft einer stundenlang kreuz und quer durch die Gegend, um am Ende auf einen Baum zu klettern?«

Viktor sah Arabella und Skamper erwartungsvoll an.

»Spielen wir hier Sherlock Holmes?«, fragte Skamper. »Du hast doch sicher schon eine Theorie dafür.«

»Natürlich hab ich die. Hast du schon einmal etwas gehört von Geocaching?«

»Geocaching, natürlich.« Arabellas Gesicht zeigte, dass ihr das Wort völlig fremd war.

»Wovon redet ihr?«

»Geocaching ist die sogenannte neue Schatzsuche«, erklärte Skamper. »Man veröffentlicht im Internet die GPS-Koordinaten eines Verstecks, in dem man irgendetwas finden kann, und jeder kann sich dann aufmachen, das zu suchen.«

Arabella sah ihn an. »Und warum macht man das?«

Viktor gluckste in sich hinein. »Ein Muggel, wir haben einen Muggel unter uns.«

»Und was ist ein Muggel?«, fragte Arabella.

»Jemand, der keine Ahnung hat, so jemand wie du«, sagte Skamper.

»Na, vielen Dank für die Erklärung.«

»Geocaching ist so was wie die gute alte Schnitzeljagd. Nur eben mit GPS-Koordinaten. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Leute das machen. Im Internet gibt es ’ne große Fangemeinde. Es gibt Tausende von Verstecken, auch hier in der Gegend.«

»Und was ist in den Verstecken?«

»Da kann alles Mögliche drin sein.«

»Das letzte Versteck, was ich gefunden hab, da war ein kleiner, alter Bilderrahmen drin«, sagte Viktor.

»Mit einem Bild?«, fragte Arabella.

»Was soll ein Bild in einem kaputten Bilderrahmen? Hat doch keinen Sinn.«

Arabella sah ratlos von Viktor zu Skamper. »Ich lauf also durch die Gegend, um einen alten kaputten Bilderrahmen zu finden, der dann zu Hause bei mir rumsteht.«

»Der steht nicht bei dir rum«, sagte Viktor. »Du darfst nicht mitnehmen, was du findest.«

»Ich darf nicht mal mitnehmen, was ich gefunden habe?«

»Es geht doch gar nicht um das, was du findest«, sagte Skamper. »Es geht um die Suche. Meistens suchst du auch nicht nur ein Versteck. Du musst oft auch Rätsel lösen, damit es etwas schwieriger ist. Oder du musst verschlüsselte Codes knacken.« Er blickte wieder auf das Papier mit den Buchstaben. »Wenn Wojcek nach einem Cache gesucht hat, würde das sein Verhalten allerdings erklären.«

»Ich glaube«, sagte Viktor. »Es ging hier um eine besondere Form des Cachings. Extreme Geocaching

Skamper hatte schon davon gelesen. »Aber das ist doch eigentlich auch ganz harmlos.«

Viktor schüttelte den Kopf.

»Was ist dieses Extreme Geocaching?«, fragte Arabella.

»Meist sind das Verstecke an besonderen Orten«, erklärte Skamper. »In irgendwelchen Höhlen oder an besonders ausgefallenen Orten, wie alte, aufgegebene Fabriken. ›Lost Places‹ nennt man diese Orte. Meistens braucht man eine bestimmte Ausrüstung und oft genug ist es schmutzig, aber ich habe nicht gelesen, dass es da irgendetwas Spektakuläres oder Gefährliches gibt.«

»Die letzten zwei Wochen habe ich mich nur noch mit Geocaching beschäftigt«, sagte Viktor. »Zuerst bin ich überhaupt nicht weitergekommen. Aber dann hab ich einen Tipp gekriegt, von ’nem Typen aus der Szene. Er hat mir von Gerüchten erzählt, dass es spezielle Caches gibt. Und darin sollen Leichenteile sein.«

Skamper sah seinen alten Freund nachdenklich an. Was er erzählte, klang für ihn sehr fantastisch. Viktor bemerkte seinen zweifelnden Blick.

»Ich muss auf jeden Fall rausfinden, was da passiert ist«, sagte er.

Skamper hatte wieder das Gefühl, dass Viktor etwas verschwieg.

Er sah auf den Kartenausschnitt. Viktor hatte mit rotem Kugelschreiber den Weg eingezeichnet, den Wojcek in der Nacht gegangen war. Skamper fuhr die Linie nach bis zu dem Punkt an der Straßenbahnhaltestelle.

»Wenn er wirklich einen Cache gesucht hat, dann könnte hier irgendwo ein Hinweis gewesen sein.«

»Das habe ich mir auch schon gedacht«, sagte Viktor. »Wahrscheinlich an der Stelle, wo er die Mütze verloren hat.«

»Vielleicht ist der Hinweis ja immer noch dort.«

»Wie weit ist es denn bis zum Tiergarten?«

»Mit dem Auto sind wir in ein paar Minuten dort.«

 

Skamper, Viktor und Arabella parkten an der Kunstakademie in der Nähe des Tiergartens, dort, wo auch Wojcek sein Auto abgestellt hatte. Sie liefen auf der Straße, die direkt zum Eingang des Nürnberger Zoos führte. Skamper hatte seine Jacke im Auto gelassen und genoss den milden Wind.

Heute war der erste schöne Frühlingstag, und zahlreiche Nürnberger nutzten das schöne Wetter für einen Besuch des Tiergartens.

Ein paar Meter vor dem Eingang wandten sie sich nach links zur Straßenbahnhaltestelle. Dort stand ein langgestreckter Bau, eine kleine Gaststätte mit Kiosk und Biergarten, der heute geschlossen war, wie ein Schild an der Frontseite verkündete.

»Die Polizei hat die Mütze von Andreas beim Kiosk gefunden«, sagte Viktor.

Sie sahen sich um. Eine Straßenbahn fuhr vor und hielt. Menschen stiegen aus, gingen zielstrebig zum Eingang des Tiergartens. Vor dem Verkaufstresen des Kiosks bildete sich eine kleine Schlange von Jugendlichen.

Skamper überlegte, wo er hier einen Hinweis oder etwas Ähnliches verstecken würde. Seiner Ansicht nach gab es nicht viele Möglichkeiten. Entweder in der Nähe des Kiosks, an den Straßenbahnschienen oder am Weg zum Eingang des Tiergartens.

»Dann fangen wir mal an zu suchen«, sagte Viktor.

»Arabella sucht da hinten, am Weg zum Tiergarten«, sagte Skamper. »Schau du dir mal die Haltestelle an und ich gehe zum Kiosk.«

»Was suchen wir denn eigentlich genau?«, fragte Arabella.

»Keine Ahnung. Vielleicht ’nen Zettel, Steine, die seltsam angeordnet sind, vielleicht hat jemand auch was geschrieben. Irgendwelche Buchstaben, den Schlüssel für den Code auf dem Zettel. Such einfach, und wenn dir irgendwas auffällt, dann schauen wir uns das an.«

Skamper ging am Einkaufstresen des Kiosks vorbei an die Rückseite des Gebäudes, wo sich Toilettentüren und ein großer Müllcontainer befanden. Dahinter standen Büsche und Bäume.

Er brauchte nicht lange zu suchen. Schon nach kurzer Zeit hatte er eine kleine Inschrift unten am Stamm eines Baums entdeckt. »Kommt mal hierher, ich hab es.«

Arabella und Viktor kamen und beugten sich über die Inschrift. Es war eine auf dem ersten Blick sinnlose Buchstabenfolge, ähnlich der, die Wojcek auf seinem Zettel hinterlassen hatte.

Die Schrift war mit einem schwarzen Stift aufgezeichnet und noch gut zu lesen.

Viktor strich mit den Fingern darüber. »Ich wette, das ist der Schlüssel zu dem Code auf dem Zettel. Wahrscheinlich wurde die One-Time-Pad-Methode verwendet. Ist sehr beliebt unter Geocachern.«

Viktor holte sich Zettel und Stift aus seiner Tasche. Arabella diktierte ihm die Buchstaben.

 

Eine Stunde später saßen die drei im Biergarten der Gaststätte »Waldschänke«. Das Gasthaus lag am oberen Ende des Tiergartens, nicht weit vom Aqua Park. Viktor und Skamper hatten ein Weizenbier vor sich stehen, während Arabella von einer Cola trank.

Es war jetzt am Nachmittag noch wärmer geworden, die milde Frühlingssonne schien Skamper direkt ins Gesicht.

»Da ist die Auflösung«, sagte Viktor. Er schob das Blatt Papier vor Arabella und Skamper, die sich neugierig darüberbeugten.

Unter die zwei sinnlos erscheinenden Buchstabenfolgen hatte Viktor den entschlüsselten Satz geschrieben. Arabella las laut vor.

»Und ????? lebte drei Tage und Nächte im Bauch des Fisches.«

Einen Moment sagte niemand etwas.

»Ich hab’s«, sagte Arabella. »Die Fragezeichen stehen für Jonas. Das ist aus der Bibel. Es heißt: Und Jonas lebte drei Tage und Nächte im Bauch des Fisches.« Sie stand von ihrem Stuhl auf und riss die Arme nach oben. »Arabella hat den Jackpot geknackt.« Kurz blieb sie in der Pose der Siegerin stehen, dann setzte sie sich wieder. Sie sah zu Skamper, dann zu Viktor. »Und was haben wir jetzt davon?«

»Zumindest wissen wir, dass Wojcek wirklich einen Cache gesucht hat«, sagte Viktor.

»Aber wir haben noch keine Ahnung, was er gesucht hat«, sagte Skamper. »Und wir wissen immer noch nicht, ob sein Tod ein Unfall war oder eine tödliche Falle.«

Vom Aqua Park herauf hörte man Beifall. Dort musste es eine Vorstellung geben. Der Aqua Park war eine Wasserlandschaft für Pinguine, Seelöwen und Eisbären. Skamper war mit Arabella und Viktor fast eine Stunde durch den Tiergarten gelaufen, bevor sie hier an der »Waldschänke« eingekehrt waren. Am Aqua Park waren sie am längsten gewesen. Die Pinguine hatten es Arabella angetan.

»Wir könnten uns mal die Stelle ansehen, wo Wojcek abgestürzt ist«, sagte Skamper.

Viktor zuckte die Schultern. »Ich hab keine Ahnung, wo das genau war. Außerdem sind nach zwei Wochen sicher schon alle Spuren verwischt.«

Skamper überlegte. »Wenn er wirklich ein Geocacher war, dann hat er doch sicher ein GPS-Gerät dabei gehabt.«

»Er hatte ein Handy mit GPS-Funktion. Hat man auch bei ihm gefunden. Hat aber nicht mehr funktioniert, wahrscheinlich ist es bei dem Sturz kaputt gegangen.«

Viktor reagierte nicht auf seine Worte. Er wirkte abwesend. »Ich hab da noch eine andere Idee«, sagte er. »Vielleicht war dieser Cache ja nur eine Zwischenstation und dieses Rätsel, das man lösen musste, war wichtig, wenn man den Final finden wollte.«

»Final?«, fragte Arabella, »Was ist denn das schon wieder?«

»Der Final ist das letzte Versteck«, erklärte Skamper. »Viele Caches haben verschiedene Zwischenstationen. Man findet quasi ein Versteck und dort sind Hinweise, die einem zum nächsten Versteck führen, bis man endlich den Final findet.«

»Im Auto von Wojcek hat man noch ein Papier gefunden mit einer Internetadresse«, sagte Viktor. »Carola hat mir das gegeben und ich hab auch mal versucht, die aufzurufen, aber die Seite war mit einem Kennwort geschützt. Vielleicht ist ja ›Jonas‹ das Kennwort.«

»Probieren wir es einfach aus«, sagte Skamper.

 

Viktor saß vor Skampers Computer und wartete, bis sich die Website aufgebaut hatte. Eine Kennwortabfrage erschien. Viktor tippte »Jonas« ein. Es dauerte einen Augenblick, dann kam die Meldung, dass das Passwort falsch war.

Viktor fluchte auf Russisch. Hinter ihm saßen Skamper und Arabella.

»Vielleicht muss alles klein geschrieben sein«, sagte Arabella. »Oder alles groß. Oder jeder zweite Buchstabe groß. Oder man muss zwischen jeden Buchstaben ein Sternchen tippen. So mach ich das bei meinen Kennwörtern.«

Viktor sah sie einen Moment zweifelnd an, dann tippte er wieder etwas ein. Er schrieb alle Buchstaben klein, er schrieb alle Buchstaben groß, doch immer erschien dieselbe Meldung: Falsches Passwort.

Viktor ließ einen Dutzend Flüche vom Stapel. Er warf sich enttäuscht nach hinten, so dass Skamper Angst hatte, der Korbstuhl, auf dem der Russe saß, würde unter dem Gewicht zusammenbrechen.

»Ganz ruhig bleiben«, sagte Skamper. »Wir kriegen das schon raus.«

»Moment mal«, sagte Arabella. »Jetzt fällt mir was ein. Ich hab die Geschichte von Jonas auch mal in einer alten Bibel gelesen. Und da hieß der Mann nicht Jonas, sondern Jona.«

Viktor sah sie einen Augenblick an, dann beugte er sich wieder nach vorne und tippte langsam die vier Buchstaben ein.

Diesmal dauerte es länger, bis sich die Seite wieder aufbaute. Doch es kam keine Fehlermeldung. Langsam erschien auf weißem Hintergrund eine Schrift.

 

In der Stadt, in der es nie Winter wird,

warten die Eingeschlossenen auf Weiße Weihnachten,

um in metallenen Vögeln

von den Dächern zu fliehn.

 

Die Lösung ergibt sechs Zahlen.

 

Zahl 1 = A, Zahl 2 = B, Zahl 3 = C, Zahl 4 = D, Zahl 5 = E, Zahl 6 = F

(A+3)(B-9)°C(D+3)‘(E-3)(F+2)‘‘N, (A-1)(C+1)°(B-4)(A-1)‘(F-5)(E-4)‘‘E

 

Die Suche beginnt im Monat April, bei Vollmond.

 

FJSIEORPFGJQWAUZYCMPEHFLSWZUABVKIEKOFEUDKVNCEQIRPOBAZTOFLVMNBYXQCQYWIYKRUSTYMNVLQAUIQXHRTG­VFRARGOLTQVMYHCOFGIUEJDFGVUR

 

Die drei sahen stumm auf den Bildschirm.

»Und was bedeutet das jetzt alles?«, fragte Arabella.

»Da sind verschlüsselte GPS-Daten«, erklärte Viktor. Er zeigte auf die sechste Zeile. »Wir müssen die GPS-Daten herausfinden, die uns zu dem Versteck führen. Und das läuft über das Rätsel. Wenn wir das Rätsel lösen, haben wir sechs Zahlen. Die müssen wir dann nur so eingeben, wie es da steht, dann haben wir die Koordinaten für das Versteck. Wahrscheinlich ist im Versteck die Entschlüsselung für den Code da unten. Und hier heißt es, die Suche beginnt im Monat April. Ich schätze, dass das bedeutet, dass in dem Versteck nur ein Hinweis ist, der uns zu einem anderen Versteck führt und dann vielleicht weiter bis zum Final.«

»Das klingt ganz einfach«, sagte Arabella. »Und wie sollen wir von diesem Rätsel auf sechs Zahlen kommen?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Sie sahen wieder stumm auf den Computerbildschirm.

»Vollmond ist in vier Tagen«, sagte Skamper.

»Dann haben wir drei Tage, um das Rätsel zu knacken.«

Morlov versuchte kontrolliert und gleichmäßig zu atmen. Er rannte den kleinen Waldweg hoch zu dem großen Felsen. Es war sechs Uhr morgens, die kalte, neblige Luft strich über sein Gesicht, sein Atem wurde zu einer grauen, kleinen Wolke, die sich im nächsten Moment verflüchtigte und außer seinem Keuchen und seinen Schritten auf dem Waldboden war nichts zu hören.

Morlov steigerte das Tempo und jetzt glaubte er es zu spüren. Das Gefühl, dass er ganz aufging in einer einzigen, fließenden Bewegung. Als erinnerten sich die Zellen in seinem Körper an abertausende Läufe, die er und andere gemacht hatten. In Wüsten und Schneelandschaften, in Hitze und Kälte, auf Straßenasphalt oder auf weichem Waldboden. Und mit diesem Gefühl verschwand auch das Pochen in seinem Kopf, das ihn in der Nacht wach gehalten hatte.

Dann trat er auf eine Unebenheit, und er hörte wieder sein Keuchen, spürte das heftige Pochen seines Herzens, das immer mehr Blut durch die Adern jagte.

Noch dreihundert Meter, er sah schon den Felsen vor sich. Und Morlov rannte schneller, sprintete die letzten Meter hoch, bis er am Ziel war.

Er lief noch einige langsame Schritte und blieb dann stehen. Gleichmäßig atmen, sagte er sich. Er hatte die Hände auf seine Oberschenkel gestützt und wartete einen Moment, bis sein Puls langsamer wurde.

Hier oben zog sich zu beiden Seiten der Wald zurück, der Weg, auf dem Morlov gelaufen war, öffnete sich und führte auf ein großes Felsplateau, von dem aus man einen Ausblick auf das Tal hatte. Morlov ging bis zum Ende des Felsplateaus und sah in die Landschaft. Auf einmal wurde das Geräusch des Windes leiser, Stille senkte sich über den Ort und Morlov wusste, dass er hier war.

Er drehte sich um. Der Graue hockte auf einem kleinen, abgesägten Baumstamm am Rand des Waldes und sah Morlov direkt an. Er trug wie immer seinen dunklen Anzug, hatte trotz der Kälte keinen Mantel an und auf seinem Kopf saß der schwarze Hut.

Der Graue nahm ihn ab und strich sich mit der Hand durch sein ungekämmtes, dünnes Haar. »Du bist heute früh da«, sagte er.

»Ich konnte nicht schlafen. Die Kopfschmerzen.«

»Ach ja, die Kopfschmerzen.« Der Graue äffte Morlovs Stimme nach. »Immer deine Kopfschmerzen, es ist nicht zum Aushalten.«

Morlov sagte nichts. Er stand nur da und spürte, dass die Kälte unter seine Trainingsjacke kroch.

»Wie weit bist du?«, fragte der Graue.

»Ich arbeite daran.«

Der Graue hielt seinen Hut in der Hand, schlug sich dann damit auf die Knie. »Du arbeitest daran, das ist alles?« Dann schüttelte er heftig den Kopf. Umständlich setzte er seinen Hut wieder auf. »Das ist nicht sehr hilfreich, dass du dir nicht mehr Mühe gibst, Simon. Nicht sehr hilfreich.«

»Ich gebe mir Mühe. Aber es geht nicht so schnell.«

Der Graue sah ihn nachdenklich an. Auf einmal wandte er den Blick ab, sah nach links, dann nach rechts. Er schnüffelte wie ein Hund in der Luft, blickte dann zu Morlov.

Jetzt spürte es auch Morlov. Als hätten sich die Spannungszustände der Luftmoleküle einen Hauchbreit verändert. Eine kribbelnde Elektrizität war in der Luft und Morlov fühlte die Kälte nicht mehr, die sich unter seine Haut bis in die Knochen fraß.

»Du musst vorsichtig sein«, sagte der Graue. »Du musst immer auf der Hut sein.«

Morlov blickte nach rechts, zu den Bäumen, aber immer noch hing ein Dunstschleier in der Luft, der alles zu einem einzigen Grau verschwimmen ließ. Dann sah er wieder zu dem abgesägten Baumstamm, auf dem der Graue gesessen hatte. Doch der war verschwunden.

Morlov ließ sich auf den Bauch fallen und presste sich mit seinem Körper gegen den Boden. Es war keine Sekunde zu spät. Das »Plop« eines Gewehrs mit Schalldämpfer war zu hören, dann zischten Schüsse über ihn hinweg. Morlov wartete, zählte bis drei, dann schnellte er hoch und rannte auf die Bäume hinter dem abgesägten Baumstamm zu.

Jetzt musste es wieder so weit sein. Morlov machte eine abrupte Bewegung nach links und der Schuss knallte an ihm vorbei. Noch ein paar Meter, dann hatte er den Wald erreicht. Morlovs Füße trafen auf den weichen Waldboden und er rannte weiter, bis ihn die Bäume und der Morgennebel verschluckten.

 

Bevor Morlov duschte, überprüfte er die Fenster und Türen seines kleinen Hauses. Morlov lebte in einem kleinen Dorf in der Fränkischen Schweiz, das aus bestenfalls zehn Häusern bestand. Die Hälfte der Bewohner waren Bauern, die anderen hatten einen Arbeitsplatz in einer größeren Stadt in der Nähe, meistens in Nürnberg, und hatten sich hier ihren Traum vom Häuschen im Grünen verwirklicht. Rings um den Ort war dichter Wald, es gab nur eine kleine Straße, die durch das Dorf führte.

Morlovs Fenster und Türen waren gesichert. Hier würde niemand reinkommen, ohne dass er das bemerkte.

Morlov duschte sich, seine Pistole immer in Griffweite. Der Killer würde nicht aufgeben, er hatte ihn oben am Felsen verfehlt, aber wenn er ein Profi war, würde er so lange weitermachen, bis er seinen Auftrag erfüllt hatte.

Nachdem sich Morlov abgetrocknet und angezogen hatte, kochte er sich einen Kaffee. Er setzte sich an den Küchentisch, trank hin und wieder einen kleinen Schluck des heißen Getränks und wartete.

Nach einer halben Stunde klingelte es. Morlov ging ans Fenster und sah hinaus. Von hier aus konnte man den Platz vor der Haustür gut überblicken. Er sah einen jungen Mann in einer blauen Adidas-Trainingsjacke, der ungeduldig auf den Klingelknopf drückte. Morlov schätzte ihn auf höchstens fünfundzwanzig Jahre. Er konnte es nicht fassen. Der Kerl da draußen hatte mindestens dreißig Kilo zu viel auf den Rippen. Das war eine Beleidigung. Die schicken mir einen fetten Anfänger, dachte er. Einen Amateur, dessen Fettwülste bei jeder Bewegung hin und her schlabberten. Glaubten die, dass Morlov inzwischen Altersrheuma hatte und sich nicht mehr bewegen konnte?

Morlov stand auf und ging in den Flur. Er hatte die Hand in der Jackentasche, die Pistole fest im Griff. Er stellte sich so, dass er bei einem Angriff sofort ausweichen konnte. Dann öffnete er mit einer schnellen Bewegung die Tür.

Der Dicke vor ihm war einen Moment überrascht. Dann hielt er Morlov eine Plastikkarte mit seinem breiten Gesicht vor die Nase. »Mark Klöpper. Ich bin vom Bayerischen Rundfunk. Ich möchte es kurz machen. Ich habe mit den Nachbarn gesprochen, und ich bin sicher, dass Sie ein nicht angemeldetes Fernsehgerät besitzen. Ich könnte Ihnen jetzt ’ne saftige Strafe aufbrummen, aber wenn Sie mich reinlassen, dann lass ich vielleicht mit mir reden.«

Der Kerl sprach mit einem osteuropäischen Akzent. Wahrscheinlich ein Deutschrusse, dachte Morlov.

Er sagte immer noch nichts, blickte stumm auf den Mann vor ihm. Morlov sah vor sich das Ergebnis von Tonnen zuckriger Cornflakes, Unmengen von Tafeln billiger Schokolade und Tausenden sinnlos in sich hineingestopften Hamburgern in trostlosen McDonald’s-Restaurants.

Klöpper hatte eine Baseballkappe auf dem Kopf. Unter seiner offenen Trainingsjacke trug er ein schwarzes T-Shirt, das über dem Bauch spannte. Darauf war ein Totenkopf aufgemalt.

»Es hat keinen Sinn zu leugnen. Ich weiß, dass Sie ein Fernsehgerät besitzen. Sonst bräuchten Sie ja auch nicht die Schüssel.«

Klöpper hatte eine quäkende Stimme, die Morlov an Donald Duck erinnerte. Mit seinen Fingern zeigte er auf die Satellitenschüssel, die etwa zwei Meter entfernt von der Tür angebracht war. Was sollte dieser bescheuerte Trick mit dem nicht angemeldeten Fernseher?

Das sind die Jungen, dachte Morlov. Einer aus seiner Generation hätte sich etwas Raffinierteres ausgedacht, um in seine Wohnung zu kommen.

Zwei Häuser weiter sah Morlov Veronika Lederer am Gartenzaun stehen und mit Schröder, seinem Nachbarn auf der rechten Seite, reden. Sie sah zu ihm herüber, winkte ihm mit einem strahlenden Lächeln zu. Morlov nickte. Der Dicke blickte nervös zu ihr. Zeugen konnte er bei seinem Plan nicht brauchen, das war Morlov klar, er musste versuchen, möglichst schnell in die Wohnung zu kommen. Morlov musterte den Kerl noch einmal von oben nach unten. Er blickte auf den aufgedruckten Totenkopf auf dem Shirt.

»Mann, sind Sie fett«, sagte Morlov.

Das Gesicht von Klöpper wurde kalt. »Werden Sie nicht unverschämt. Außerdem geht Sie das einen Scheißdreck an«, schnauzte er. »Lassen Sie mich herein.«

»Ich muss Sie nicht reinlassen. Ich kenne meine Rechte.«

Morlov sah ihn an. Klöpper machte einen kurzen Seitenblick nach links, wo Lederer noch immer mit Schröder redete.

»Jetzt lass mich herein, Alter, sonst kann das sehr unangenehm für dich werden.«

Morlov sah den Dicken nachdenklich an, dann trat er ein paar Schritte zurück und ließ ihm Raum, um einzutreten.

Klöpper kam in den Flur, die Haustür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.

Es ist zu einfach, dachte Morlov. Wieder ärgerte er sich, dass sie ihm einen so blutigen Anfänger geschickt hatten.

Morlov machte einen Ausfallschritt nach links und schleuderte seinen Fuß gegen die linke Hand des Dicken, die dieser in der Jackentasche hatte.

Klöpper ließ ein quietschendes Schreien hören, doch das wurde übertönt von dem Krachen, als Morlov seine Hacke in einer Rückwärtsbewegung gegen die Schläfe des Dicken knallen ließ.

Klöpper klatschte auf den Boden. Mit einem Schritt war Morlov über ihm, nahm den Kopf des Dicken in beide Hände. Ein kurzer Ruck, ein hässliches Knirschen und Klöppers Wirbelsäule war gebrochen.

Morlov richtete sich auf. Der Totenkopf auf dem Shirt des Dicken schien höhnisch zu grinsen.

 

Morlov saß wieder am Küchentisch. Manchmal sah er zu dem Toten, der immer noch im Flur lag.

Der Kaffee in seiner Tasse war kalt geworden. Dann klingelte es wieder. Morlov überlegte. Er wusste, wer draußen vor der Tür stand. Veronika Lederer von gegenüber. Sie klingelte wieder und wieder. Es hatte keinen Sinn. Morlov kannte sie, sie würde nicht locker lassen.

Morlov stieg über den Toten im Flur und öffnete die Tür einen Spaltbreit.

Sie fing sofort zu plappern an, kaum hatte sie Morlov erblickt.

»Ist er schon weg?« Sie wartete Morlovs Antwort nicht ab. »Ein unverschämter Kerl. Was glauben Sie, was der für Fragen gestellt hat. Der wollte alles über Sie wissen.«

Morlov wurde einen Moment unsicher. Ging so ein Killer vor, so auffällig, auch wenn es sich um einen verdammten Anfänger handelte?

»Ob Sie einen Fernseher haben oder Internet und ob ich Sie schon gesehen hätte, wie Sie abends Fernsehen schauen. ›Sie sind doch sicher eine Frau, die gerne in die Fenster ihrer Nachbarn schaut, was die so treiben‹, hat der gesagt. Eine Unverschämtheit. Ich habe ihm die Tür vor der Nase zugeknallt. Was bildet sich der Kerl eigentlich ein?«

Unter ihrer Jacke trug Lederer eine dunkelrote Bluse. Sie hatte die drei oberen Knöpfe offen, so dass fast die Hälfte ihrer vollen, weißen Brust zu sehen war. Morlov dachte an den Toten hinter ihm im Flur. Ihn wegzuschaffen, das würde viel Arbeit bedeuten, und Lederer vor ihm hatte nichts anderes zu tun, als ihm ihr milchweißes Fleisch vor die Nase zu halten.

Veronika Lederer und ihr Mann waren vor zwei Jahren gegenüber eingezogen und seitdem war es mit der Ruhe vorbei. Der Mann war den ganzen Tag damit beschäftigt, irgendetwas an seinem Haus zu reparieren oder neu anzubauen, oder das, was er angebaut hatte, wieder abzureißen, und die Frau kam beinahe jeden Tag zu Morlov, um ihm mit irgendwelchen Belanglosigkeiten auf die Nerven zu gehen.

Sie hatte es auf ihn abgesehen, Morlov wusste das. Ein klares Wort von seiner Seite hätte ihre Besuche sicher beendet. Doch aus einem Grund, der ihm noch nicht klar geworden war, ließ er sie glauben, dass er sich über ihr Interesse an ihm freute.

Lederer wechselte das Thema. »Haben Sie gelesen, was searcher09 geschrieben hat?«

Morlovs Gesicht verdüsterte sich. Natürlich hatte er es gelesen.

»Eine Unverschämtheit. Dieser arrogante Ton. Was glaubt er eigentlich, wer er ist. Man sollte den Administrator bitten, den Beitrag zu löschen.«

Morlov schüttelte den Kopf. »Dadurch würde searcher09 doch nur glauben, er hätte mich mit seinen Angriffen wirklich getroffen. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, zu wissen, wer sich hinter searcher09 versteckt. Ein unreifer Knabe, der nicht weiß, was er tut, und der zur rechten Zeit seine Lektion erhalten wird.«

»Sie haben etwas vor?«

»Ich habe einen Plan.«

»Sie müssen mir davon erzählen.«

Morlov schüttelte den Kopf. »Es ist noch zu früh. Wenn es so weit ist, werde ich es Ihnen als Erster sagen.«

»Sie und Ihre Geheimnisse. Irgendwann werde ich noch dahinterkommen, wer Sie wirklich sind.«

Morlov lächelte und sagte nichts. Das war wie ein Spiel zwischen den beiden. Von Anfang an hatte er auf ihre neugierigen Fragen zu seiner Person nur ausweichend geantwortet, hatte es aber auch zugelassen, dass sie immer neue Spekulationen über ihren mysteriösen Nachbarn anstellte.

»Auf der Geocaching-Messe in zwei Wochen, da werde ich Ihnen auf den Zahn fühlen.«

Die Geocaching-Messe. Morlov hatte sie beinahe vergessen.

»Über die Messe müssen wir noch reden«, sagte Lederer. »Sie haben mir versprochen, dass Sie mitkommen und mir helfen. Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie das vergessen haben.« Sie drohte ihm schelmisch mit dem Finger.

»Ich habe das natürlich nicht vergessen«, log Morlov.

»Sie könnten Dienstag am Nachmittag zu mir kommen, Dienstag habe ich Zeit. Wenn das für Sie günstig ist.«

Morlov überlegte kurz, dann nickte er. »Okay, am Dienstagnachmittag.«

Lederer war begeistert. »Ich kann auch etwas Gebäck kaufen. Oder noch besser, ich mache einen Apfelkuchen. Sie werden meinen Apfelkuchen lieben. Jeder liebt ihn.«

Von Lederers Haus drang das Geräusch einer Motorsäge zu ihnen. Sicher ihr Mann. Er war wieder am bauen. Das letzte Mal, als Morlov ihm begegnet war, hatte er davon gesprochen, sein Haus auf der linken Seite mit einem Wintergarten zu erweitern. Das würde bedeuten, dass er in den nächsten Monaten jeden Tag hämmern und bohren würde.

Er sollte sich öfters mit den Geräten seiner Frau abgeben, dachte Morlov, und nicht dauernd mit Hammer und Bohrer.

»Ich werde um drei Uhr kommen«, sagte Morlov. »Drei Uhr ist Ihnen doch recht?«

Die Lederer nickte begeistert. »Drei Uhr ist wunderbar.« Sie sah ihn mit strahlenden Augen an. »Eines müssen Sie mir noch sagen.« Sie beugte sich vor, kam Morlov ganz nah. Ein Schwall von starkem Parfüm hüllte ihn ein und wirkte wie Schnupftabak, ging tief in die Nase und verursachte einen blitzartigen Schmerz in den Gehirnwindungen.

Dies und der fast unverhüllte Blick auf die Fleischmasse direkt vor ihm, die notdürftig von einem viel zu knappen BH in Form gehalten wurde, verursachten ein Schwindelgefühl bei Morlov.

»Sie müssen mir sagen, was in Ihrem neuen Cache ist, was Sie in dem Travel Bug versteckt haben.« Sie hatte geflüstert und sah Morlov neugierig an.

»Ein Totenkopf«, sagte Morlov. »In dem Travel Bug ist ein Totenkopf.«

Einen Moment sah die Lederer Morlov erschrocken an. Dann fing sie an zu lachen, ein Lachen, das sich schrill mit der lauter werdenden Motorsäge zu einer hässlichen Symphonie der Misstöne vereinigte. »Sie machen Witze, was sind Sie doch für ein witziger Mann.«

Morlov sah sie stumm an und verzog keine Miene.

»Sie sind so witzig«, wiederholte die Lederer. Sie tatschte ihm wie spielerisch gegen seine Brust. Endlich beruhigte sie sich. »Ein Totenkopf«, wiederholte sie und schüttelte den Kopf. »Aber ich lasse nicht locker, am Dienstag müssen Sie es mir verraten.«

Das Kreischen der Säge war lauter geworden.

»Bis Dienstagnachmittag, ich freue mich schon auf Sie.«

Ihre Stimme hatte etwas Neckisches. Dann trippelte sie von dannen. Vor dem Eingang zu ihrem Garten drehte sie sich noch einmal um und winkte ihm zu. Morlov zeigte keine Reaktion. Er schloss die Tür und blickte auf den toten Körper im Flur. Den Dicken zu beseitigen, das würde ihn die nächsten Stunden beschäftigen.

In der Stadt, in der es nie Winter wird, warten die Eingeschlossenen auf Weiße Weihnachten. Als Skamper erwachte, war es ihm, als ob der Satz noch in seinem Bewusstsein nachschwingen würde wie eine Saite, die verklingt. Im Traum war die Lösung mit einem Mal da gewesen, sie war Skamper ganz einfach erschienen und er hatte sich gefragt, warum er nicht eher darauf gekommen war. Aber so sehr sich Skamper auch anstrengte, er konnte sich nicht mehr an seinen Traum und an die Lösung des Rätsels erinnern.

Morgen war Vollmond und sie waren keinen Schritt weitergekommen. Sie hatten schnell herausgefunden, dass die sechs Zahlen des Rätsels sich auf ein Datum beziehen mussten. Ein historisches Ereignis, verschlüsselt in poetischen Sätzen. Aber dann waren sie stecken geblieben.

Die drei letzten Tage hatten sie kaum etwas anderes gemacht, als über dem Rätsel zu grübeln und im Internet zu recherchieren. Viktor war im Gästezimmer des Hauses untergekommen. Skamper wohnte in Erlenstegen, am Stadtrand von Nürnberg. Am Wochenende hatten sie einen Ausflug in die Fränkische Schweiz gemacht, sie waren mehrmals in der Stadt gewesen. Immer, wenn sie überhaupt nicht weiter wussten, hatte Skamper vorgeschlagen, in die Stadt zu gehen oder einen Spaziergang in der Umgebung zu machen. Skamper hatte gehofft, dass sie bei diesen Unternehmungen einen entscheidenden Einfall hatten, aber sie waren immer zurückgekehrt ohne die geringste Idee, was sich hinter dem Rätsel verbarg.

Skamper wälzte sich aus dem Bett und ging in die Küche. Die Uhr zeigte halb sechs an, draußen war es noch dunkel und Skamper machte sich einen Kaffee.

Er fühlte sich erholt, obwohl er nicht einmal sechs Stunden geschlafen hatte. Stumm saß er am Küchentisch und genoss diese Zeit, wo alles noch ruhig war, wo die Zeit eine Pause zu machen schien, die Zeit zwischen Nacht und Tag.

Im Haus war es still. Es würde sicher noch einige Zeit dauern, bis Arabella und Viktor aufstanden. Skamper beschloss, einen Waldlauf zu machen. Vielleicht hatte er ja dabei einen Einfall, der sie weiterbringen würde.

 

Nach einer Stunde kam Skamper zurück. Als er sich geduscht hatte und in die Küche kam, saßen Arabella und Viktor schon am Tisch.

Viktor schien bester Laune zu sein. Er hatte sich das zweite Glas Wodka eingeschenkt. Er hielt die Flasche auffordernd hoch und sah Skamper fragend an.

Doch Skamper schüttelte den Kopf. »Wodka am Morgen ist nichts für mich.«

Als sie mit dem Frühstück fertig waren, lehnte Viktor sich zurück. »Und du bist also jetzt ein Sesselpupser geworden, der die ganze Zeit zu Hause sitzt«, sagte er zu Skamper.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Arabella hat erzählt, dass du jetzt immer in Nürnberg bleibst, keine großen Abenteuer mehr, keine Schätze mehr in Südamerika.«

»Da hat sie dir was Falsches erzählt. Was ich jetzt mache, ist mehr so was wie ’ne Pause, eine Auszeit. Ich bin nach Nürnberg zurückgekommen, weil mein Vater vor einem halben Jahr gestorben ist und ich bestimmte Sachen regeln musste.«

Viktor nickte verstehend.

»Er muss ein Jahr mit seiner Tochter und mir in dem Haus hier wohnen. Das ist so ’ne Erbschaftssache von seinem Vater«, erklärte Arabella.

»Du hast eine Tochter?«, fragte Viktor. »Warum hast du nie davon erzählt?«

Skamper zuckte die Schultern. »Das hat sich nicht ergeben.«

»Na, erzähl. Wie alt ist sie, sie ist doch nicht so hässlich wie du?« Er ließ sein dröhnendes Lachen hören.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte Arabella. »Sie kommt mehr nach der Mutter.«

»Und wo ist sie?«, fragte Viktor.

»Die ist auf ’ner Exkursion, kommt in zwei Tagen zurück«, erklärte Skamper.

»Und wegen dieser Erbschaftssache wohnen wir drei in einem Haus«, erklärte Arabella. »Ich bin nämlich die beste Freundin von Jasmin.«

»Aha«, sagte Viktor. Doch sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er das komplizierte Wohnarrangement noch nicht ganz verstanden hatte.

»Ab heute ist diese Geocaching-Sache übrigens ein offizieller Fall der Detektei Arabella-Investigations«, sagte Arabella zu Skamper. »Ich habe vorhin mit Viktor darüber gesprochen. Wenn wir das Rätsel heute noch knacken wollen, müssen wir alle unsere Kräfte dafür einsetzen.«

Viktor nickte zu ihren Worten.

»Wir können bei diesem Fall auch sicher ein Sonderangebot machen«, sagte Arabella.

Viktor blickte erst sie an, dann Skamper. »Das kostet Geld?«, fragte er ungläubig. Offensichtlich hatten Viktor und Arabella über die finanziellen Fragen nicht gesprochen.

»Natürlich«, sagte Arabella. »Das kostet Geld, wie das bei einer guten Detektei so üblich ist.«

»Aber du bist doch gar keine richtige Detektivin«, sagte Viktor.

»Aber natürlich bin ich das.« Arabella war empört. »Ich kann dir sogar mein Diplom zeigen. Ich habe einen Lehrgang gemacht. Praxis und Theorie des Detektivberufs. Eine ganze Woche lang.«

Viktor sah sie zweifelnd an.

»Du glaubst nicht, dass ich eine gute Detektivin bin. Aber ich sage nur Carlo.«

»Wer ist Carlo?«

»Carlo war ein gefährlicher Rowdy, der ganz Erlenstegen in Angst und Schrecken gesetzt hat. Und ich habe dafür gesorgt, dass das aufhört.«

Viktor schien beeindruckt zu sein.

»Carlo war ein entlaufener Spitzpudel, der gerne alte Damen angebellt hat«, erklärte Skamper.

»Wirklich gefährlich war er«, sagte Arabella.

»Arabella hat ihn wieder eingefangen und zu ihrem Besitzer gebracht.«

»Und das war nicht so einfach, wie sich das vielleicht anhört.« Arabella nickte bekräftigend zu ihren Worten.

»Aber«, sagte Viktor, »ich kann eine Detektei nicht bezahlen.«

»Okay«, sagte Arabella. »Dann vereinbaren wir eine Gewinnbeteiligung. Wenn da wirklich eine große Sache dahintersteckt und du damit was verdienst, dann kannst du uns ja beteiligen.«

Viktor überlegte. »Okay«, sagte er.

Sie gaben sich die Hände. Arabella grinste Skamper an.

 

Doch auch die unermüdliche Mitarbeit von Arabella-Investigations brachte sie nicht voran. Es war Mittag, als Skamper den Monitor ausschaltete und den Computer herunterfuhr.

»Wir sollten in die Stadt gehen und etwas essen. Vielleicht hilft uns das weiter.«

»Das haben wir die letzten Tage dauernd gemacht«, sagte Arabella. »Und gebracht hat es nichts.«

»Dann gehen wir in die Stadt, weil wir Hunger haben.«

»Er hat recht«, sagte Viktor zu Arabella. »Ich brauch dringend was zu essen.«

 

Eine Stunde später saßen sie in einem Café in der Nähe der Lorenzkirche. Sie hatten Sandwiches gegessen und saßen stumm und schläfrig auf Hockern um einen hohen Tisch. Die Bedienung brachte ihnen noch drei Espressi und Skamper schüttete Zucker in seine Tasse und verrührte ihn mit einem kleinen Löffel.

Das Radio spielte einen Oldie, einen Sommerhit. »In The Summertime«. Arabella wippte mit den Füßen den Takt zur Melodie. »Das Lied passt gar nicht zur Jahreszeit«, sagte sie.

Skamper sah aus dem Fenster nach draußen. Es war kälter geworden und über Nürnberg lag ein grauer, trüber Himmel.

Als sie später auf die Straße traten, blieb Skamper stehen. Arabella hatte etwas gesagt, was wichtig war. Etwas zu dem Lied, das sie im Café gehört hatten. Dass das Lied »In The Summertime« gar nicht zur Jahreszeit passe.

Es war, als hätten Arabellas Worte eine Blockade gelöst. Auf einmal wusste Skamper, was das Rätsel bedeutete. In der Stadt, in der es nie Winter wird, warten die Eingeschlossenen auf Weiße Weihnachten. »Weiße Weihnachten« bezog sich auf das Lied »White Christmas«. Skamper erinnerte sich an eine Dokumentation über den Vietnamkrieg, die er im Fernsehen gesehen hatte.

»White Christmas« war ein Signal gewesen. Die Eingeschlossenen in der amerikanischen Botschaft in Saigon hatten darauf gewartet. Es musste irgendwann 1975 gewesen sein. Die Radiostationen hatten »White Christmas« gespielt, als Zeichen für den Beginn der Operation »Frequent Storm«.

Die Eingeschlossenen waren in Hubschraubern von den Dächern geflohen. In metallenen Vögeln, wie es in dem Rätsel hieß. Auf einmal ergab alles einen Sinn.

»Was ist los mit dir?«, fragte Arabella, da Skamper immer noch wie versteinert dastand.

Skamper sah sie an. »Ich habe es. Ich weiß die Lösung.«

 

Skamper berechnete die gesuchten GPS-Daten für den Cache mithilfe des Datums 29.04.75, dem Tag, an dem die Aktion »Frequent Storm« gestartet worden war.

Mehrere hundert US-Bürger und Tausende vietnamesische Flüchtlinge waren an diesem Tag in Saigon vom Dach der Botschaft vor der heranrückenden Nordvietnamesischen Armee evakuiert worden.

Als Skamper die Daten bei Google Maps eingab, wurde ein Punkt etwa hundertzehn Kilometer von Nürnberg entfernt angezeigt.

»Das Rätsel bezieht sich tatsächlich auf den 29. April 1975.« Skamper starrte auf den Bildschirm. Hinter ihm standen Arabella und Viktor.

»Und wo ist das genau?«, fragte Viktor.

Skamper zoomte das Bild größer. »Das Versteck ist in der Nähe von Zell. Im Fichtelgebirge. Vielleicht eine Stunde mit dem Auto von hier.« Skamper lehnte sich zurück. Er rieb sich die Augen. »Wir haben es gerade noch geschafft. Morgen ist Vollmond.«

»Und warum kann man dieses Versteck nur an einem bestimmten Tag finden?«, fragte Arabella.

»Keine Ahnung, das werden wir morgen sehen.«

 

In der Nacht hatte es geregnet, und der Wetterbericht hatte gemeldet, dass es heute bewölkt und regnerisch sein würde. Aber als sie gegen Mittag Nürnberg verließen und auf der Straße Richtung Fichtelgebirge fuhren, durchbrachen erste Sonnenstrahlen die dunkle Wolkendecke und es sah aus, als könnte es ein wunderschöner Frühlingstag werden.

»Du hast doch wegen dieser Geocaching-Story ziemlich viel recherchiert«, sagte Skamper zu Viktor, der auf dem Beifahrersitz saß. »Gibt es denn irgendwelche Theorien, warum es da Leichenteile in irgendwelchen Verstecken geben soll?«

»Eine Theorie ist, dass das Werbung ist. Wie ein Gewinnspiel von einer Firma. Dass die Leichenteile gar nicht echt sind und eine Firma diese Gerüchte in die Welt setzt.«

»Und für welche Firmen soll das interessant sein?«

»Firmen, die Outdoor-Ausrüstung herstellen, Firmen, die GPS-Geräte verkaufen. Da gibt es viele Möglichkeiten. Es gibt viele Geocacher in Deutschland, viel mehr als man denkt.«

»Und was ist die andere Theorie? Denn dass eine Firma auf diese Art Werbung macht, das kann ich ehrlich gesagt nicht glauben.«

»Die andere Theorie ist, dass es draußen einen Verrückten gibt, irgendjemand, der so durchgedreht ist, dass er Leichenteile versteckt.«

Skamper dachte nach. Arabella auf dem Rücksitz hatte sich nach vorne gebeugt, um dem Gespräch der beiden Männer zuzuhören.

»Ein Serienkiller«, sagte sie. »Das ist auf jeden Fall meine Theorie. Das ist echt Wahnsinn.«

Skamper machte ein skeptisches Gesicht. »Was ist das für ein Serienkiller, der seine Leichen versteckt und dann die GPS-Daten zu diesen Verstecken im Internet veröffentlicht? Und dann auch noch mit irgendwelchen Rätseln.«

»Der Serienkiller will im Grunde, dass er entdeckt wird«, sagte Arabella. »Er leidet unter seinen Taten, es gibt zwei Seelen in ihm. Eine will, dass er entdeckt wird. Und weil die andere Seele damit nicht einverstanden ist, wählt er ganz verrückte, heimliche Wege, um sich zu enttarnen. Wenn hier wirklich ein Serienkiller am Werk ist, dann versteckt die eine Seele in ihm die Leichen und will, dass sie gefunden werden, und die andere Seele versucht, die Leute daran zu hindern, dass sie die Leiche finden.« Arabella war selbst überrascht über das, was sie gesagt hatte. »Das klang richtig gut«, sagte sie.

»Deine Chefin ist wirklich klug«, sagte Viktor zu Skamper.

»Du hast eine Manie mit Serienkillern«, sagte Skamper. »Und das mit den zwei Seelen klingt mir ziemlich banal.«

»Das ist überhaupt nicht banal«, protestierte Viktor.

»Okay«, sagte Skamper. »Dann ist es eben nicht banal.«

Arabella grinste Viktor an und gab ihm einen Knuff auf den Unterarm. Der schlug spielerisch zurück, jedoch so stark, dass Arabella laut schrie und sich den Oberarm rieb. »Au, Mann, du musst aufpassen.«

Viktor haute Skamper mit seiner riesigen Pranke auf die Schulter. »Du kannst wirklich froh sein, dass du so eine Chefin hast.«

»Ich weiß nicht. Sie wollte meinen Urin verkaufen.«

Viktor sah ratlos von ihm zu Arabella.

»Das wäre ein Riesengeschäft«, sagte Arabella. »Monika von dem Kräuterladen ist immer noch interessiert. Sie hat einen amerikanischen Kunden, der würde dafür ein Vermögen ausgeben.«

»Ich verstehe überhaupt nichts«, sagte Viktor.

»Arabella meint, man könnte den Leuten weismachen, dass mein Urin ein Wundermittel ist, weil ich dauernd das Artefakt in meinem Zimmer habe und irgendwelche Schwingungen davon in meinem Körper sind.«

Viktor nickte verstehend. »Das ist eine wunderbare Idee. Darauf wäre ich nie gekommen.«

»Darauf kann auch wirklich nur Arabella kommen«, meinte Skamper.

»Willst du es dir noch einmal überlegen?«, fragte Arabella.

»Vergiss es.«

Arabella ließ sich in ihren Sitz zurückfallen. Skamper hörte auf die Verkehrsdurchsagen im Radio. Für ihre Gegend waren keine Staus gemeldet. In fünfzehn Minuten würden sie am Ziel sein.

»Wenn das aber wahr ist«, sagte Arabella, »ich meine das, was ich mit den zwei Seelen gesagt habe, dann könnte es heute doch richtig gefährlich werden.«

Skamper schwieg. Darüber hatte er auch schon nachgedacht. Vor der Fahrt hatte er sich gefragt, ob er Arabella nicht bitten sollte, zu Hause zu bleiben. Doch ihm war klar gewesen, dass sie nie auf diesen Vorschlag eingegangen wäre.

»Wir müssen auf jeden Fall sehr vorsichtig sein.« Skamper blickte in den Rückspiegel und sah Arabella, die jetzt mit ihrem Kopf zu der Popmusik aus dem Radio wippte.

»Vielleicht bleibst du ja im Auto, wenn wir das Versteck suchen«, sagte er zu ihr.

»Kannst du vergessen.«