Die Frau mit dem Blumenstrauß

Auf Bahnsteig drei des Züricher Hauptbahnhofs wartet seit fünfzehn Jahren Tag für Tag eine Frau mit einem Blumenstrauß in der Hand.

 

Anfangs habe ich es nicht glauben wollen. Ich war bereits mehrere Male zu Egon Ammann, meinem deutschsprachigen Verleger, gereist, bevor ich sie überhaupt bemerkte, und auch dann brauchte es noch eine ganze Weile, bis ich mein Erstaunen in Worte fassen konnte, denn die alte Dame wirkte so normal, so würdig und vornehm, dass sie kaum auffiel. Sie trug ein schwarzes Wollkostüm mit langem Rock, dazu dunkle Strümpfe und flache Schuhe; aus ihrer Lederhandtasche ragte ein Regenschirm mit einem Griff in Form eines Entenschnabels; und eine Perlmuttspange hielt ihr Haar im Nacken zu einem Knoten zusammen, während sich in ihren behandschuhten Händen ein bescheidener Feldblumenstrauß, in dem die Farbe Orange vorherrschte, wie ein Farbklecks ausnahm. Nichts an ihr wies auf ein gestörtes oder exzentrisches Verhalten hin, und so maß ich unserer Begegnung keine besondere Bedeutung bei.

An einem Frühlingstag aber, als mich Ulla, eine Mitarbeiterin von Ammann, an der Tür meines Waggons in Empfang nahm, deutete ich auf die Unbekannte.

»Seltsam, irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe diese Frau schon häufiger gesehen. Was für eine Koinzidenz! Wahrscheinlich wartet sie auf meinen Doppelgänger, jemand, der immer denselben Zug wie ich nimmt und zur selben Zeit.«

»Ganz falsch«, rief Ulla, »sie steht jeden Tag hier und hält Ausschau.«

»Nach wem?«

»Nach jemandem, der nicht kommt … denn wenn sie abends geht, ist sie allein, und am nächsten Tag steht sie wieder hier.«

»Tatsächlich? Und wie lange schon?«

»Ich sehe sie hier seit fünf Jahren, aber ich habe einmal mit einem Bahnhofsvorsteher über sie gesprochen, der kennt sie schon seit mindestens fünfzehn Jahren!«

»Ich glaube dir kein Wort, Ulla! Du erfindest mir einen Roman.«

Ulla errötete – sie wird bei der leisesten Gefühlsregung puterrot –, geriet ins Stottern, lachte verwirrt und schüttelte den Kopf.

»Ich schwöre dir, ich sage die Wahrheit. Sie kommt jeden Tag, seit fünfzehn Jahren, wenn nicht mehr, denn jeder von uns hat Jahre gebraucht, bevor er sie überhaupt wahrgenommen hat … Du, zum Beispiel, kommst seit drei Jahren immer wieder nach Zürich und hast sie heute zum ersten Mal erwähnt. Wer weiß, vielleicht wartet sie schon seit zwanzig oder dreißig Jahren … Sie hat nie jemandem geantwortet, der von ihr wissen wollte, worauf sie wartet.«

»Das verstehe ich«, sagte ich, »wer vermag schon eine solche Frage zu beantworten.«

Wir konnten die Angelegenheit nicht klären, da einige Presseinterviews anstanden.

Und ich dachte dann nicht mehr daran, bis zu meiner nächsten Reise.

Kaum ertönte im Zuglautsprecher der Name »Zürich«, fiel mir die Frau mit dem Blumenstrauß wieder ein: Ob sie auch dieses Mal …

Tatsächlich, da stand sie, wachsam, auf Bahnsteig drei.

Ich sah sie mir an. Helle Augen, fast quecksilberfarben, nahezu erloschen. Die Haut blass, gesund, aber gezeichnet von der Zeit. Eine hagere, rüstige Erscheinung, die einst lebhaft und kraftvoll gewesen sein musste. Der Bahnhofsvorsteher wechselte ein paar Worte mit ihr, sie nickte, lächelte liebenswürdig und schaute dann weiter unbeirrt auf die Gleise. Nichts an ihr war auffällig, außer einem Klappsessel aus Stoff, den sie bei sich hatte. Ließ das vielleicht auf eine praktische Natur schließen?

Kaum war ich im Ammann Verlag, ich hatte die Straßenbahn genommen und mehrmals umsteigen müssen, beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Ulla, ich muss unbedingt mehr über die Frau mit dem Blumenstrauß wissen.«

Ihre Wangen färbten sich himbeerrot.

»Ich war sicher, dass du mich nach ihr fragen würdest, daher habe ich mich schon einmal umgehört, ich bin zum Bahnhof gegangen, habe mich mit dem Personal dort unterhalten und mit dem Mann von der Gepäckaufbewahrung angefreundet.«

Da ich wusste, wie einfach es war, Ulla gernzuhaben, zweifelte ich nicht daran, dass sie die Leute dazu hatte bringen können, ihr möglichst viel zu erzählen. Obgleich sie barsch sein kann, ein wenig autoritär, ihre Gesprächspartner mit durchdringendem Blick ansieht und eher spröde wirkt, macht sie dies alles mit ihrem lebhaften Humor wieder wett, mit ihrem heiteren Naturell, wie man es bei jemandem mit einem so strengen Äußeren nicht erwarten würde. Wenn sie mit allen Freundschaft schließt, dann weil sie den Menschen zugewandt ist und sich für sie interessiert.

»Auch wenn sie ihre Tage im Freien, auf einem Bahnsteig verbringt, ist die Frau mit dem Blumenstrauß alles andere als eine Herumtreiberin. Sie lebt in einem ansehnlichen Bürgerhaus, das in einer Straße mit Bäumen steht. Sie wohnt allein und hat eine türkische Haushälterin in den Fünfzigern. Ihr Name ist Steinmetz.«

»Steinmetz? Meinst du, die Türkin sagt uns, auf wen sie im Bahnhof wartet?«

»Die Türkin ergreift die Flucht, sobald sie jemanden kommen sieht. Das hat mir ein Freund erzählt, der in der Nachbarschaft wohnt. Sie spricht weder Deutsch noch Französisch oder Italienisch.«

»Und wie verständigt sie sich mit ihrer Arbeitgeberin?«

»Auf Russisch.«

»Die Türkin versteht Russisch?«

»Ja, wie Frau Steinmetz.«

»Klingt interessant, Ulla. Hast du etwas über den Familienstand von dieser Frau Steinmetz in Erfahrung bringen können?«

»Ich habe es versucht. Bin aber nicht weit gekommen.«

»Ein Mann? Kinder? Verwandte?«

»Nichts. Genauer gesagt: Ich kann nicht beschwören, dass sie keinen Mann und keine Kinder hat oder hatte, ich sage nur, dass ich es nicht weiß.«

Als wir nachmittags bei Tee und Makronen mit den Verlagsangestellten und dem Verleger Egon Ammann zusammensaßen, brachte ich die Angelegenheit noch einmal zur Sprache.

»Was glaubt ihr, auf wen die Frau mit dem Blumenstrauß wartet?«

»Auf ihren Sohn«, antwortete Claudia. »Eine Mutter hofft immer, dass ihr Sohn kommt.«

»Warum ihr Sohn?«, entrüstete sich Nelly, »warum nicht ihre Tochter?«

»Oder ihr Mann«, entgegnete Doris.

»Warum nicht ihr Liebhaber«, meinte Rita.

»Wie wär’s mit ihrer Schwester?«, schlug Mathias vor.

In Wirklichkeit erzählte jeder mit seiner Antwort von sich selbst. Claudia vermisste ihren Sohn, der in Berlin an der Universität lehrte, Nelly ihre mit einem Neuseeländer verheiratete Tochter; Doris sehnte sich nach ihrem Mann, einem Handelsvertreter, der ständig auf Reisen war; Rita wechselte ihre Liebhaber so häufig wie ihre Unterwäsche; und Mathias, der junge Pazifist und Kriegsdienstverweigerer, der lieber Zivildienst leistete und arbeitete, als seinen Militärdienst zu absolvieren, sehnte sich nach familiärer Geborgenheit.

Ulla sah ihre Kollegen an, als wären sie allesamt schwachsinnig.

»Aber nein, sie erwartet jemanden, der gestorben ist und dessen Tod sie nicht akzeptieren kann.«

»Das tut nichts zur Sache«, rief Claudia. »Es kann trotzdem ihr Sohn sein.«

»Ihre Tochter.«

»Ihr Mann.«

»Ihr Liebhaber.«

»Ihre Schwester.«

»Oder ihr Zwillingsbruder, der bei der Geburt gestorben ist«, schlug die lakonische, einsame Romy vor.

Wir sahen sie an und fragten uns, ob sie uns, wenn nicht das Geheimnis der Dame mit dem Blumenstrauß, so doch zumindest ihr eigenes Geheimnis anvertraute, den Grund für ihre anhaltende Traurigkeit.

Zur Abwechslung wandte ich mich an Egon Ammann.

»Und du, Egon, was glaubst du, auf wen sie wartet?«

Auch wenn er uns Gesellschaft leistete, sagte Egon nie viel während dieser Arbeitspausen, die er wohl für kindisch hielt. Ein passionierter Verleger, mit Augenbrauen, die Scharfsinn verraten, und einer markanten Nase, liest und entziffert er seit sechzig Jahren alles, was ihm in die Hände kommt, steht um fünf Uhr morgens auf, zündet sich seine erste Zigarette an, vertieft sich in Manuskripte, ackert Romane durch und verschlingt Essays. Es ist, als fänden sich in seinem weißen, viel zu langen Haar die Spuren eines abenteuerlichen Lebens wieder, der Wind der Länder, die er bereist, der Rauch von tonnenweise Tabak, den er verbrannt, die Träume in den Büchern, die er veröffentlicht hat. Er ist jemand, der nichts behauptet und nicht moralisiert und mich mit seiner konstanten Neugierde, seinem Entdeckungsdrang und seiner Sprachbegabung beeindruckt; ihm gegenüber komme ich mir wie ein Amateur vor.

Egon zuckte die Schultern, betrachtete die Meisen, die in dem blühenden Lindenbaum umherflatterten, und sagte:

»Ihre erste Liebe?«

Peinlich berührt durch dieses Geständnis und verärgert über diesen Ausrutscher, runzelte er die Stirn und sah mich streng an.

»Und was meinst du, Eric?«

»Ihre erste Liebe, die nicht zurückkommt«, murmelte ich.

Schweigen stellte sich ein. Wir alle hatten begriffen, dass wir in eine Falle gegangen waren. Durch diese unbekannte Frau hatten wir unsere geheimsten Wünsche preisgegeben, hatten gestanden, was wir in unserem Innersten erwarteten oder erwarten konnten. Zu gern hätte ich all diesen Leuten hinter die Stirn geblickt, um mehr zu erfahren. Und zugleich war ich froh, dass man nicht hinter die meine blicken konnte. Wie er schmerzt, dieser Schädel, dieser Schutzwall unausgesprochener Worte, dieses düstere Refugium zwischen meinen Schläfen! Es gibt Worte, die ich nicht aussprechen könnte, ohne zusammenzubrechen. Besser man schweigt. Verleiht uns allen das Schweigen nicht auch Tiefe?

 

Wieder zu Hause, dachte ich noch immer an die Frau mit dem Blumenstrauß. Da meine nächsten Reisen nach Zürich mit dem Flugzeug oder dem Auto erfolgten, kam ich nicht mehr zum Bahnhof.

Ein, zwei Jahre vergingen.

Das Besondere an dieser Frau war, dass ich sie vergaß, ohne sie zu vergessen, oder besser, dass ich immer an sie dachte, wenn ich mich allein fühlte oder niemanden hatte, an den ich mich wenden konnte … Ihr Bild verfolgte mich nur in Augenblicken der Bedrängnis. Doch als ich eines Tages mit Ulla telefonierte, kam ich wieder auf sie zu sprechen.

»Ja, ja, wenn ich es dir doch sage: Sie ist noch immer da. Jeden Tag. Bahnsteig drei. Zugegeben, sie beginnt müde zu werden; hin und wieder nickt sie auf ihrem Klappsessel ein, aber dann fängt sie sich wieder, hebt ihren Strauß auf und sucht mit ihren Blicken den Bahnsteig ab.«

»Sie fasziniert mich.«

»Ich verstehe nicht recht warum. Auch wenn sie nicht so aussieht, sie ist bestimmt gestört, eine arme Verrückte. Schließlich sucht man im Zeitalter von Telefon und Internet doch niemanden mehr auf einem Bahnsteig, oder?«

»Mich interessiert nicht, warum sie auf einem Bahnsteig wartet, sondern wen sie dort erwartet. Auf wen nur kann man so warten, über Jahre, praktisch ein Leben lang?«

»Beckett, auf Godot.«

»Ein Täuschungsmanöver! Es ging ihm darum zu zeigen, dass die Welt absurd ist, dass es keinen Gott gibt und wir falsch daran tun, uns auch nur irgendetwas von diesem Leben zu versprechen. Beckett ist ein Ausputzer, er fegt dir den Himmel und die Erde rein und befördert deine sämtlichen Hoffnungen, diesen stinkenden Unrat, in den Müll. Das Interessante an der Frau mit dem Blumenstrauß ist für mich, dass ihr Verhalten zwei Fragen aufwirft, nämlich »Auf wen warten wir?« und »Ist es richtig zu warten oder falsch?«.

»Hier, ich gebe dich mal an den Chef weiter, er hat uns zugehört und will dir etwas vorlesen.«

»Eric? Ich habe da etwas für dich. Nur ein Satz. ›Das Interessante an einem Rätsel ist nicht die Wahrheit, die es verbirgt, sondern das Geheimnis, das es enthält‹.«

»Danke, dass du mich zitierst, Egon.«

Ich legte auf. Wahrscheinlich lachten sie jetzt am anderen Ende der Leitung über mich.

Vergangenes Frühjahr fuhr ich noch einmal mit dem Zug nach Zürich, zu einer Lesung. Und natürlich, kaum stieg ich in mein Abteil, dachte ich nur noch an sie. Ich freute mich auf diese friedliche, lächelnde, treue Frau, gleichgültig gegenüber allen und konzentriert auf etwas, das wir nicht kannten. Wir hatten sie nur für ein paar Sekunden wahrgenommen und stundenlang über sie gesprochen, als wäre sie eine geheimnisvolle Sphinx, ein unerschöpflicher Nährboden für unsere Phantasie.

Als wir uns Zürich näherten, dachte ich, dass wir eines sicher wussten: Keiner von uns war der, auf den sie wartete. Unser Schweigen, unser mangelndes Interesse, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, unser zeitweiliges Vergessen, hatten sie etwa damit zu tun, mit dieser Erniedrigung, mit der Tatsache, dass sie durch uns hindurchsah, als existierten wir nicht?

»Zürich!«

Kaum hatte ich meinen Fuß auf den Boden gesetzt, bemerkte ich, dass sie nicht da war. Ein paar Schaulustige hatten Bahnsteig drei gerade den Rücken gekehrt – er war leer.

Was war mit ihr geschehen?

Während ich mit der Straßenbahn durch Zürich fuhr, verbot ich mir, mich in Vermutungen zu ergehen. Ulla musste es wissen, Ulla wusste Bescheid, Ulla würde es mir sagen. Und so begnügte ich mich damit, diese ungewöhnliche, zugleich wohlhabende und bescheidene Stadt zu betrachten, ein Großmuttertraum, eine Stadt, in der die Häuser aussehen, als hätte man sie um die üppigen Geranien auf den Fenstersimsen herumgebaut, eine friedliche Stadt, die so verschlafen wirkt wie der See, der an ihrer Seite ruht, während hinter dicken Mauern Tausende Geschäfte mit großem wirtschaftlichen Einsatz getätigt werden. Zürich hat nichts Geheimnisvolles und wirkt daher immer geheimnisvoll auf mich: Wir Südländer halten alles, was unsauber, undurchschaubar und verschwenderisch ist, für abenteuerlich, das brave, saubere, solide Zürich hingegen, in dem nichts, aber auch nichts befremdlich ist, wirkt befremdend auf uns. Es hat den Charme eines eleganten, smokingtragenden Liebhabers, eines vorbildlichen Sohnes und idealen Schwiegersohnes, der, kaum ist die Tür hinter ihm geschlossen, zu den schlimmsten Ausschweifungen fähig ist.

Im Ammann Verlag erledigte ich zuerst meine Pflichten – Besprechungen und Programm –, ehe ich in einer Pause Ulla zwischen Tür und Angel fragte:

»Was ist eigentlich aus der Frau mit dem Blumenstrauß geworden?«

Sie verdrehte bestürzt die Augen.

»Sobald wir Zeit haben, erzähle ich es dir.«

Am Abend, nach der Lesung, nach Signierstunde und Abendessen, gingen wir erschöpft zurück ins Hotel. Wir ließen uns, ohne ein Wort zu wechseln, in der Bar nieder, deuteten auf die Cocktails, die wir wollten, anschließend schaltete ich mein Handy aus und Ulla zündete sich eine Zigarette an.

»Also?«, fragte ich.

Ich musste nicht genauer werden. Sie wusste, was ich hören wollte.

»Die Frau mit dem Blumenstrauß hat auf etwas gewartet, was gekommen ist. Deshalb ist sie auch nicht mehr da.«

»Was ist geschehen?«

»Mein Freund von der Gepäckaufbewahrung hat mir alles erzählt. Vor drei Wochen stand sie plötzlich von ihrem Sessel auf, strahlend und mit einem Entzücken in den Augen. Sie streckte die Hand aus und winkte einem Mann zu, der aus einem Waggon stieg, er bemerkte sie sofort. Sie warf sich in seine Arme. Sie hielten sich lange und innig umschlungen. Selbst die Gepäckträger waren gerührt, sie strahlte nur so vor Glück. Der Mann war groß und trug einen langen dunklen Mantel, aber niemand konnte ihn erkennen, sein Gesicht war durch einen Filzhut teilweise verdeckt; soweit ich verstanden habe, schien er nicht überrascht, sie wiederzusehen. Sie haben den Bahnhof dann Arm in Arm verlassen. Im letzten Augenblick hat sie eine gewisse Eitelkeit an den Tag gelegt: Sie ließ ihren Klappsessel stehen, als würde er ihr nicht gehören. Ach, ich habe noch etwas vergessen, ein merkwürdiges Detail: Der Mann reiste ohne Gepäck, das Einzige, was er in der Hand trug, war der orangefarbene Strauß, den sie ihm geschenkt hatte.«

»Und dann?«

»Mein Freund, ein Nachbar, hat mir den Rest erzählt. Habe ich ihn übrigens schon erwähnt? Er wohnt eine Straße weit von Frau Steinmetz entfernt.«

»Ja, ja. Sprich nur weiter, bitte.«

»An diesem Abend ist der Mann mit zu ihr nach Hause gegangen. Sie schickte die Frau, die für sie arbeitete, weg und sagte ihr, sie solle erst am nächsten Tag wiederkommen. Was die Türkin dann auch tat.«

»Und?«

»Wie gesagt, sie kam erst am nächsten Tag wieder.«

»Und?«

»Die Frau mit dem Blumenstrauß war tot.«

»Wie bitte?«

»Gestorben. Eines natürlichen Todes. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen.«

»Hat nicht vielleicht er …?«

»Nein. Völlig ausgeschlossen. Herzstillstand, ärztlich bestätigt. Er hat nichts damit zu tun. Zumal er …«

»Ja?«

»Verschwunden war.«

»Was?«

»Pfft! Spurlos verschwunden! Als wäre er nie da gewesen. Die Türkin hat ihn angeblich nie gesehen.«

»Gerade hast du mir …«

»Ja, mein Freund, der Nachbar, hat ausgesagt, dass der Mann bei ihr war, aber die Haushälterin bestreitet das entschieden. Jedenfalls ist die Polizei an der Sache nicht weiter interessiert, weil nichts an diesem Tod verdächtig ist. Mein Freund hat aufgegeben, er insistiert nicht weiter, die Nachbarschaft hatte ihn schon für verrückt erklärt.«

Wir machten es uns in unseren Ledersesseln bequem, um weiter unsere Cocktails zu schlürfen. Wir überlegten eine Weile.

»Also keine Spur von ihm? Nichts, man weiß nichts?«

»Absolut nichts.«

»Aus welcher Stadt kam sein Zug?«

»Das konnte mir niemand sagen.«

Wir baten den Barkeeper um eine zweite Runde, als könnte der Alkohol das Geheimnis lüften.

»Wo ist die Türkin?«

»Gegangen. Zurück in ihr Land.«

»Und wer ist Erbe der Villa?«

»Die Stadt.«

Somit gab es also kein niederes Motiv, das hätte erklären können, was vorgefallen war. Jetzt war eine dritte Runde angesagt. Der Barkeeper warf uns einen besorgten Blick zu.

Wir schwiegen.

Es war Ulla und mir zwar nicht gelungen, mehr in Erfahrung zu bringen, doch hielt uns die Sache noch immer gefangen. Für gewöhnlich haben solche Geschichten im Leben keine Chance: Manchmal spürt man morgens, dass etwas in der Luft liegt, etwas Vollkommenes, Klares, Besonderes, dann läutet das Telefon, und alles ist vorbei. Das Leben zerreißt, zersplittert, vernichtet uns, verweigert uns die klare Linie. Das Besondere an der Frau mit dem Blumenstrauß war, dass ihr Leben noch einmal Form annahm, ihr Schicksal hatte etwas unbestechlich Literarisches, etwas von der Ökonomie eines Kunstwerks.

Um zwei Uhr nachts trennten wir uns, um schlafen zu gehen, aber der Schlaf ließ sich Zeit und kam lange nicht. Ich grübelte bis zum Morgengrauen. Auf wen nur hatte die Frau mit dem Blumenstrauß auf Bahnsteig drei des Züricher Hauptbahnhofs gewartet?

Und ich glaube, ich werde mich bis ans Ende meiner Tage fragen, wer aus dem Zug stieg, ob es die Liebe war oder der Tod.