Miserable Bücher

»Ich, und Romane lesen? Niemals!«

Obgleich er umgeben von Tausenden Büchern lebte, unter denen sich die Bretter bogen, die vom Boden bis zur Decke die Wände seiner düsteren Wohnung strapazierten, empörte er sich, dass man ihn für fähig hielt, seine Zeit mit fiktionaler Literatur zu vergeuden.

»Fakten, nichts als Fakten! Fakten und Reflexion. Solange ich die Realität nicht voll ausgeschöpft habe, räume ich der Irrealität nicht eine Sekunde ein.«

Es kamen nur wenige Leute zu ihm, Maurice Plisson mochte keinen Besuch; wenn aber gelegentlich einer seiner Schüler lebhaftes Interesse für seine Disziplin bekundete, belohnte er ihn am Ende des Schuljahrs mit einem Privileg: Er durfte mit seinem Lehrer eine Stunde lang bei einem Krug Bier und einer Handvoll Erdnüsse am Couchtisch in dessen Wohnzimmer sitzen. Jedes Mal ließ der Auserwählte, eingeschüchtert durch die Räumlichkeiten, mit angezogenen Schultern und zusammengepressten Knien den Blick über die Regale gleiten und sah dort nur Abhandlungen, wissenschaftliche Werke, Biographien und Enzyklopädien, aber kein einziges literarisches Werk.

»Sie halten nichts von Romanen, Monsieur Plisson?«

»Genauso gut könnten Sie mich fragen, was ich von Lügen halte.«

»So wenig?«

»Hören Sie, mein junger Freund, seit ich meine Begeisterung für Geschichte, Geographie und die Jurisprudenz entdeckt habe, lerne ich noch immer dazu, obgleich ich seit fünfundvierzig Jahren unermüdlich lese, und zwar wöchentlich mehrere Bücher. Was könnten Romanschreiber mir schon vermitteln, Leute, die der Phantasie den Vorrang geben? Nein, wirklich, sagen Sie mir: was? Wenn sie etwas Wahres erzählen, dann kenne ich es bereits; wenn sie etwas erdichten, interessiert es mich nicht.«

»Aber die Literatur …«

»Ich möchte die Arbeit meiner Kollegen nicht schmälern oder gar Ihren Wissensdurst bremsen, zumal Sie ein brillanter Schüler sind und das Zeug für die École normale supérieure[1] haben, doch wenn ich denn die Freiheit hätte, würde ich am liebsten sagen: Hören Sie auf, uns mit Literatur zu langweilen! Belanglos und nichtig … Romane lesen ist etwas für alleinstehende Frauen – wenngleich Stricken und Sticken eine nützlichere Betätigung wären. Wer Romane schreibt, wendet sich an Frauen, die nichts zu tun haben, an niemanden sonst, und sucht damit nach Bestätigung! War es nicht Paul Valéry, ein respektabler Intellektueller, der sich weigerte, einen Text zu schreiben, der mit dem Satz begann: ›Die Marquise verließ um fünf Uhr das Haus‹! Wie recht er hatte! So wie er sich weigerte, ihn zu schreiben, weigere ich mich, ihn zu lesen: ›Die Marquise verließ um fünf Uhr das Haus‹! Zunächst einmal, welche Marquise? Wo wohnt sie? In welcher Zeit? Wer beweist mir, dass es genau fünf Uhr war und nicht fünf Uhr zehn oder fünf Uhr dreißig? Und was, im Übrigen, würde es ändern, wenn es zehn Uhr morgens oder zehn Uhr abends wäre, zumal alles erfunden ist. Wie Sie sehen, sind Romane eine absolut willkürliche Angelegenheit, sie können alles Mögliche behaupten. Ich bin ein ernsthafter Mensch. Mit solch einem Unsinn habe ich weder etwas zu tun, noch möchte ich Zeit oder Energie darauf verwenden.«

Er spürte, dass seine Argumente unschlagbar waren, und sie hatten alle die gleiche Wirkung, dieses Jahr wie in all den Jahren zuvor: Sein Gesprächspartner erwiderte nichts. Maurice Plisson hatte gewonnen.

Hätte er die Gedanken seines Schülers lesen können, wäre ihm klargeworden, dass er dessen Schweigen nicht als Sieg deuten konnte. Bestürzt über den keinen Widerspruch duldenden Ton und die, wie er fand, für einen intelligenten Menschen zu engstirnigen Ansichten, fragte sich der junge Mann, warum sich sein Lehrer von allem Imaginären distanzierte und warum er der Kunst und der Emotion misstraute. Am meisten aber überraschte ihn dessen Verachtung für alleinstehende Frauen, zumal sie von einem »alleinstehenden Mann« kam. Denn alle im Lycée du Parc wussten, dass Monsieur Plisson »ein eingefleischter Junggeselle« war, den man noch nie in Begleitung einer Frau gesehen hatte.

Maurice Plisson schlug vor, eine weitere Flasche Bier zu öffnen, womit er zu verstehen gab, dass er das Gespräch als beendet betrachtete. Der Schüler verstand, bedankte sich stotternd und folgte seinem Lehrer zur Tür.

»Schöne Ferien, junger Mann. Und vergessen Sie nicht, es wäre gut, wenn Sie sich bereits im August mit der Wiederholung im Fach Alte Geschichte befassen würden, zumal Sie im kommenden Schuljahr kaum Zeit dazu finden werden vor dem Auswahlverfahren.«

»Ja, Monsieur. Griechische und römische Geschichte vom ersten August an, ich werde Ihren Rat befolgen. Meine Eltern werden für mich wohl oder übel einen Koffer voller Bücher mit in die Ferien nehmen müssen.«

»Wohin fahren Sie?«

»In die Provence, wir haben dort ein Landhaus. Und Sie?«

Auch wenn der Schüler diese Frage nur aus reiner Höflichkeit gestellt hatte, so kam sie doch überraschend für Maurice Plisson. Er kniff die Augen zusammen und blickte hilfesuchend in die Ferne.

»Nun … ja … in die Ardèche, dieses Jahr.«

»Ich liebe die Ardèche. Und wohin da?«

»Hm … nun … ja, ich weiß noch nicht, eine … eine Freundin hat ein Haus gemietet. Für gewöhnlich machen wir eine organisierte Reise, aber diesen Sommer, diesen Sommer sind wir in der Ardèche. Sie hat entschieden und die Sache in die Hand genommen … tja, und ich habe den Namen des Dorfes vergessen.«

Der Schüler nahm die Verwirrung seines Lehrers wohlwollend zur Kenntnis, schüttelte ihm die Hand und lief, immer vier Stufen auf einmal, die Treppe hinab. Er hatte es eilig, seinen Kameraden die Neuigkeit des Tages zu überbringen: Plisson hatte eine Geliebte! Sämtliche Klatschmäuler hatten sich in ihm getäuscht, diejenigen, die ihn für homosexuell hielten, diejenigen, die behaupteten, er hätte es mit Prostituierten, und diejenigen, die glaubten, er sei noch Jungfrau … In Plissons Leben aber gab es, obgleich er hässlich war, tatsächlich seit Jahren eine Frau, eine Frau, mit der er um die Welt reiste, mit der er während der Ferienmonate zusammen war und, wer weiß, vielleicht sogar jeden Freitagabend. Warum lebten sie nicht zusammen? Zwei Möglichkeiten. Entweder wohnte sie weit weg … Oder sie war verheiratet … Wer hätte das gedacht! Plisson! Er sollte zum Gerede dieses Sommers werden bei seinen Schülern aus der Vorbereitungsklasse für die Aufnahme in eine der Elitehochschulen.

 

Als er die Haustür hinter seinem Schüler schloss, biss sich der Lehrer auf die Lippen. Warum hatte er das gesagt? In dreißig Berufsjahren hatte er niemals auch nur ein einziges Wort über sein Privatleben verlauten lassen. Wie konnte ihm das passieren … Es war wegen dieser Frage: »Wo in der Ardèche?«, … das hatte er doch tatsächlich vergessen … er, mit seinem Elefantengedächtnis, er, der sonst alles behielt … das hatte ihn dermaßen irritiert, dass er, um seine Gedächtnislücke plausibel zu machen, Sylvie erwähnt hatte …

Was hatte er gesagt? Ach, es spielte keine Rolle … Unpässlichkeiten kündigten sich bei ihm immer auf diese Weise an, eine leichte Verwirrung, ein Lapsus, etwas, das ihm nicht einfallen wollte … Jetzt kochte ihm der Kopf. Er musste Fieber haben, zweifelsohne! Ein weiteres Anzeichen? Konnte es so schnell bergab gehen mit den grauen Zellen?

Er wählte Sylvies Nummer, und während das Freizeichen ertönte, da sie nicht so schnell wie sonst abnahm, fürchtete er schon, er hätte sich verwählt …

»Es ist also noch schlimmer, als ich dachte. Wenn ich die Zahlen verdreht habe und wenn sich jemand anders meldet, dann lege ich auf und marschiere umgehend ins Krankenhaus.«

Nach dem zehnten Freizeichen meldete sich eine erstaunte Stimme.

»Ja?«

»Sylvie?«, fragte er atemlos mit erloschener Stimme.

»Ja.«

Er seufzte: Dann war es doch nicht so schlimm, zumindest hatte er die richtige Nummer gewählt.

»Hier ist Maurice.«

»Oh, entschuldige, Maurice, ich habe dich nicht gleich erkannt. Ich war gerade hinten in der Wohnung und … Ist etwas? Du rufst sonst nie um diese Zeit an …«

»Sylvie, wohin gehen wir diesen Sommer in der Ardèche?«

»In das Haus einer Freundin … also, nun ja, einer Freundin von Freunden …«

»Und wie heißt der Ort?«

»Keine Ahnung …«

Bestürzt schlug Maurice die Augen nieder und umklammerte den Telefonhörer: sie auch! Es hat uns beide erwischt.

»Stell dir vor«, klagte Maurice, »ich konnte mich auch nicht an den Namen erinnern, den du mir genannt hattest, als mich ein Schüler danach fragte.«

»Aber Maurice, wie willst du dich an etwas erinnern, das ich dir nicht gesagt habe. Diese Freundin … oder genauer, diese Freundin von Freunden … kurz, die Eigentümerin hat mir einen Plan gezeichnet, damit wir hinfinden, weil das Anwesen auf dem Land liegt, in einer abgelegenen Gegend, kein Dorf weit und breit.«

»Wirklich? Und du hast mir nichts davon gesagt?«

»Nein.«

»Bist du sicher?«

»Ja.«

»Dann habe ich also nichts vergessen? Dann ist ja alles in Ordnung!«, rief Maurice.

»Warte«, sagte sie, nicht ahnend, von welcher Angst sie ihren Gesprächspartner befreite, »ich hole nur kurz meinen Zettel, dann kann ich dir deine Frage beantworten.«

Maurice Plisson sank in den Voltaire-Sessel, den er von einer Großtante geerbt hatte, und bedachte seine Wohnung mit einem Lächeln; sie erschien ihm plötzlich so schön wie das Schloss von Versailles. Geschafft! Gerettet! Gesund und intakt! Nein, so bald würde er seine geliebten Bücher nicht verlassen, noch funktionierte sein Hirn, die Alzheimer-Krankheit kampierte außerhalb, jenseits des Befestigungswalls seiner Hirnhaut. Fort mit euch, ihr Schrecken und Hirngespinste!

Dem Rascheln in der Leitung entnahm er, dass Sylvie ihre Zettel durchsah; dann hörte er einen Siegesschrei.

»Hier, ich habe ihn gefunden. Bist du noch da, Maurice?«

»Ja.«

»Wir sind in der Ardèche-Schlucht, in einem Haus am Ende einer Straße, die keinen Namen hat. Ich erklär’s dir: Hinter einem Dorf namens Saint-Martin-des-Fossés nehmen wir die Straße nach Châtaigniers; von dort, an der dritten Straße hinter der Kreuzung mit einer Marienstatue, sind es dann noch zwei Kilometer. Reicht das, habe ich dir deine Frage damit beantwortet?«

»Vollauf, danke.«

»Willst du dir die Post nachschicken lassen?«

»Für zwei Wochen, das lohnt nicht.«

»Ich mach’s auch nicht. Vor allem mit so einer Adresse.«

»Gut, Sylvie, ich will dich nicht weiter stören. Du weißt ja, ich und das Telefon … Dann also bis Samstag!«

»Bis Samstag, zehn Uhr.«

 

In den folgenden Tagen zehrte Maurice von dem Glücksgefühl, das er am Ende dieses Gesprächs empfunden hatte: Er war nicht nur in bester Verfassung, er fuhr auch bald in den Urlaub!

Wie so viele Junggesellen ohne Sexualleben war er sehr um seine Gesundheit besorgt. Sobald man in seiner Gegenwart auf eine Krankheit zu sprechen kam, bildete sich Maurice ein, daran zu erkranken, und beobachtete von diesem Augenblick an, ob sie womöglich auftrat. Je unbestimmter und untypischer die Symptome waren, wie Mattigkeit, Kopfschmerzen, Schwitzen oder Magenbeschwerden, umso größer war seine Angst, von ihr befallen zu sein. Sein Arzt war bereits daran gewöhnt, dass Plisson immer genau dann, wenn er seine Praxis schließen wollte, mit fiebrigen Augen, zitternden Händen und trockenem Mund aufkreuzte, um sich sein nahes Ende bestätigen zu lassen. Er untersuchte ihn jedes Mal – oder vermittelte seinem Patienten zumindest diesen Eindruck –, um ihn anschließend zu beruhigen und so glücklich nach Hause zu schicken, als hätte er ihn tatsächlich von einem schweren Leiden geheilt.

An diesen Abenden der Erleichterung, Abenden, an denen ein zum Tode Verurteilter die Freiheit wiedererlangt hatte, entkleidete sich Maurice Plisson und betrachtete sich zufrieden im Spiegel seines schweren, gemaserten Schlafzimmerschranks – einem Erinnerungsstück von seiner Großmutter. Er war nicht schön, gewiss, nicht schöner als vorher, aber er war gesund. Vollkommen gesund. Und dieser Körper, den niemand begehrte, dieser Körper war reiner als so manch anderer verführerischer Körper und würde noch lange leben. An diesen Abenden mochte sich Maurice Plisson. Ohne diese übermächtige Angst, mit der er sich selbst immer wieder ansteckte, hätte er sich diese Zuneigung vielleicht nicht entgegenbringen können. Wer sonst im Übrigen hätte sie ihm gezeigt?

 

Am Samstag, um zehn Uhr morgens, hupte Plisson vor dem Haus, an dem er sich verabredet hatte.

Sylvie erschien auf dem Balkon, dick, heiter und nachlässig gekleidet.

»Hallo, Cousin!«

»Hallo, Cousine!«

Sylvie und er waren seit ihrer Kindheit befreundet. In ihrer Jugend, er der einzige Sohn, sie die einzige Tochter, waren sie einander so zugetan, dass sie sich vornahmen, später einmal zu heiraten. Bis ein Onkel, den sie ins Vertrauen zogen, ihnen erklärte, dass eine Ehe zwischen Cousins ersten Grades leider nicht erlaubt sei, was ein Aus für ihre Hochzeitspläne bedeutete, nicht aber für ihre Freundschaft. War es der Schatten, den diese verhinderte Hochzeit warf, der sie daran hinderte, andere Verbindungen einzugehen? Zogen sie nie eine andere Beziehung in Betracht als die ursprüngliche? Jetzt waren sie beide fünfzig, die eine oder andere Affäre lag hinter ihnen, und sie hatten sich mit ihrer Ehelosigkeit abgefunden. Während der Ferien verbrachten sie wie früher die Zeit zusammen, und dies mit ebenso viel, wenn nicht noch größerem Vergnügen, denn immer, wenn sie beieinander waren, schien die Zeit stillzustehen und das Leben seine Härte zu verlieren. Jedes Jahr gönnten sie sich zwei Wochen und hatten so gemeinsam Ägypten besucht, Italien, Griechenland, die Türkei, Syrien, den Libanon und Russland. Maurice bildete sich gerne auf diesen Reisen, Sylvie schätzte ihre Kürze.

In einem Wirbelwind aus Tüchern und Schals, die ihre Fülle umflatterten, stürmte Sylvie aus dem Haus, zwinkerte Maurice zu und ging über die Straße zur Garage, um einen letzten Koffer in ihr winziges Auto zu stopfen. Maurice fragte sich, warum diese dicke Person immer wieder gezielt kleine Wagen kaufte. Sie ließen sie nicht nur dicker erscheinen, als sie war, sondern waren gewiss auch nicht besonders praktisch.

»Und, Maurice, an was denkst du?«

Sie ging zu ihm und gab ihm einen schmatzenden Kuss.

Während er an Sylvies riesige Brust gedrückt dastand und auf Zehenspitzen versuchte, sie auf die Wange zu küssen, kam er sich plötzlich vor wie Sylvies Wagen. Hätte man ihn so schmächtig, hohlbrüstig, kleinwüchsig und feingliedrig neben Sylvie und ihrem Mini auf einem Foto gesehen, man hätte ihn ohne weiteres ihrer Sammlung zurechnen können.

»Ich habe mich auf dem Parkplatz umgesehen, und da fielen mir die beiden Schwarzen mit ihren weißen Limousinen aus meiner Straße ein. Schwarz. Weiß. Der absolute Gegensatz. Ist dir das jemals aufgefallen?«

Sie lachte schallend.

»Nein, aber das erinnert mich daran, dass Madame N’Da, eine meiner Kolleginnen im Rathaus, einen cremefarbenen Angorahund hat, in den sie total vernarrt ist.«

Maurice wollte gerade schmunzeln, als er entsetzt feststellte, dass sein eigener Wagen – lang, hoch, solide und mit einer Karosserie von amerikanischen Ausmaßen – das Gesetz der Gegensätze aufs Schönste bestätigte. Er hätte nie vermutet, dass auch er mit der Wahl seines Wagens einen Komplex kompensierte.

»Maurice, ist irgendetwas …?«

»Nein, nein, alles in Ordnung. Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen, immer nur telefoniert, wie geht es dir denn?«

»Mir geht es bestens! Ich kann nicht klagen, mein Lieber!«

»Hast du irgendwas mit deinen Haaren gemacht?«

»Ach, nicht viel … Was hältst du davon? Findest du’s besser so?«

»Ja«, entgegnete Maurice, ohne wirklich darüber nachzudenken.

»Du hättest auch feststellen können, dass ich fünf Kilo abgenommen habe, aber das sieht ja kein Mensch.«

»Richtig, ich habe mich schon gefragt, ob …«

»Lügner! Jedenfalls bin ich um fünf Kilo Hirnmasse leichter und nicht um fünf Kilo Fett. Und diese fünf Kilo kann man nicht sehen, die kann man nur hören!«

Sie lachte schallend.

Maurice stimmte zwar nicht mit in ihr Lachen ein, betrachtete sie aber milde. Im Laufe der Zeit hatte sich Zuneigung mit Scharfblick gepaart: Er wusste, dass seine Cousine ein gänzlich anderer Mensch war als er, nicht sehr kultiviert und zu gesellig, dass sie üppige Mahlzeiten liebte, schmutzige Witze und fröhliche Gesellschaft, doch sah er ihr das nach; da sie der einzige Mensch war, den er liebte, hatte er beschlossen, sie einfach gernzuhaben, mit anderen Worten, sie so zu nehmen, wie sie war. Sogar das Mitleid, das er angesichts ihrer mit den Jahren nachlassenden Attraktivität empfand, ließ ihn nur noch nachsichtiger werden. Im Grunde war dieses Mitleid, das er Sylvie wegen ihres Aussehens entgegenbrachte, ein Ersatz für das Mitleid, das er sich selbst nicht zugestand.

 

Nachdem sie Lyon und seine verschlungenen Autobahnkreuze hinter sich gelassen hatten, fuhren sie mehrere Stunden hintereinander her. Je südlicher sie kamen, umso spürbarer veränderte sich die Beschaffenheit der Hitze: Lastete sie im Lyoner Becken noch stickig und lähmend wie ein brennendes bleiernes Schild über den Sterblichen, wich sie, je weiter sie dem Lauf der Rhône folgten, nach und nach einem wohltuenden Wind und wurde, als sie die Ardèche erreichten, trocken und fast mineralisch.

Am Nachmittag, sie hatten sich mehrmals verfahren, was Sylvies gute Laune nicht im Geringsten schmälerte, fanden sie schließlich den wilden, staubigen Weg, der sie zu dem Landhaus führte.

Maurice bemerkte sofort, dass die Vorzüge dieses Platzes ihm auch zum Nachteil gereichen konnten: An einem felsigen Hang mit spärlichem, halb verdurstetem Strauchwerk lag das Haus aus Naturstein, so ockerfarben wie die Landschaft ringsum, kilometerweit vom nächsten Dorf und Hunderte Meter vom nächsten Nachbarn entfernt.

»Ausgezeichnet«, rief er, bemüht um Sylvies Billigung, die nicht recht überzeugt schien, »der ideale Ort um auszuspannen!«

Sie lächelte und beschloss, sich seiner Meinung anzuschließen.

Als sie ihre Zimmer ausgesucht und ihre Sachen ausgepackt hatten – Bücher für Maurice –, vergewisserte sich Sylvie, dass Radio und Fernseher funktionierten, und schlug dann vor, sich im nächstgelegenen Supermarkt mit allem Nötigen zu versorgen.

Maurice fuhr mit ihr, denn er wusste, dass seine Cousine gern zu viel und zu teuer einkaufte.

Er schob den Einkaufswagen an Sylvies Seite durch die einzelnen Abteilungen. Sie plapperte vergnügt, hätte am liebsten alles gekauft, verglich die einzelnen Produkte mit denen bei sich zu Hause, schimpfte auf die Verkäufer. Als der gefährlichste Part erfolgreich absolviert war, nämlich Sylvie daran zu hindern, die gesamte Wurst- und Fleischwaren-Theke abzuräumen, gingen sie zurück zu den Kassen.

»Warte einen Moment, ich hol mir nur schnell ein Buch!«, rief Sylvie.

Maurice war irritiert, ließ sich aber nichts anmerken, er wollte sich die Ferien nicht verderben; dabei hätte er seine Cousine am liebsten umgebracht. Wie konnte man nur Bücher in einem Supermarkt kaufen! Hatte er je auch nur ein einziges Mal in seinem Leben ein Buch, ein einziges Buch, in einem Supermarkt erstanden? Ein Buch war etwas Heiliges, etwas Wertvolles, von dessen Existenz man zunächst aus einem Katalog erfuhr, sich näher darüber informierte und dessen Daten man dann, sofern man es auch wirklich wollte, auf einem Zettel notierte und bei einem Buchhändler, der diesen Namen verdiente, kaufte oder bestellte. Unter keinen Umständen aber suchte man sich ein Buch zwischen Würsten, Gemüse und Waschpulver aus.

»Traurige Zeiten …«, murmelte er.

Unbekümmert hüpfte Sylvie zwischen Stapeln und Tischen mit Büchern umher, als handelte es sich um Appetithäppchen. Mit einem Blick stellte Maurice fest, dass man natürlich nur Romane anbot, verdrehte die Augen nach Märtyrerart und wartete, dass Sylvie aufhörte, an diesem Umschlag zu schnüffeln, an jenem Band zu riechen, ihn in ihrer Hand abzuwiegen oder durchzublättern, wie um sich zu vergewissern, dass dem Salat auch nur kein Krümelchen Erde anhaftete.

Plötzlich stieß sie einen Schrei aus.

»Wow! Der neueste Chris Black!«

Maurice hatte keine Ahnung, wer dieser Chris Black war, der bei seiner Cousine einen halben Orgasmus auslöste, und würdigte den Band, den sie auf den Berg mit Lebensmitteln im Einkaufswagen warf, keines Blickes.

»Hast du noch nie einen Chris Black gelesen? Stimmt, du liest ja keine Romane. Aber ich sag’s dir, er ist Spitze. Den verschlingst du geradezu, jede Seite ein Hochgenuss, den legst du erst wieder aus der Hand, wenn du fertig damit bist.«

Maurice fiel auf, dass Sylvie von diesem Buch wie von etwas Essbarem redete.

»So gesehen gar keine schlechte Verkaufspolitik, Bücher zusammen mit Nahrungsmitteln anzubieten«, dachte er, »für diese Art von Kunden ist das ein und dasselbe.«

»Also, wenn du mir mal eine Freude machen willst, Maurice, dann lies irgendwann einen Chris Black.«

»Meine liebe Sylvie, um dir einen Gefallen zu tun, ertrage ich es, dass du mir von diesem Chris Black erzählst, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe, und das heißt etwas. Aber erwarte bitte nicht, dass ich ihn lese.«

»Wirklich schade, du wirst sterben und weißt nicht, was dir entgangen ist.«

»Das glaube ich kaum. Und falls ich sterben sollte, dann bestimmt nicht deshalb.«

»Ah, du meinst also, ich hab einen schlechten Geschmack … Immerhin weiß ich, dass ich es nicht mit Marcel Proust zu tun habe, wenn ich Chris Black lese, so einfältig bin ich auch wieder nicht.«

»Wieso? Hast du je Marcel Proust gelesen?«

»Jetzt bist du aber gemein. Du weißt genau, dass ich, im Gegensatz zu dir, nie Proust gelesen habe.«

Mit einem Ausdruck von verletzter Würde lächelte Maurice wie eine heilige Blandina[2] der Kultur. Als spräche man ihm endlich etwas zu, das man ihm früher kleinlich vorenthalten hatte. Im Grunde genoss er es, dass sowohl seine Cousine als auch seine Schüler der festen Überzeugung waren, er habe Proust gelesen, was er nie versucht hatte, da er geradezu allergisch war gegen Romanliteratur. Sei’s drum. Er würde sie in ihrem Glauben lassen. Er hatte so viele andere Bücher gelesen … Kredit gewährt man schließlich nur den Reichen, oder?

»Maurice, ich weiß, dass ich kein Meisterwerk lese, aber es macht mir eben Spaß.«

»Du bist frei, du kannst tun und lassen, was du willst, das geht mich nichts an.«

»Glaub mir: Wenn du dich langweilst, Chris Black ist so großartig wie Dan West.«

Er gluckste, konnte nicht anders.

»Chris Black, Dan West … Selbst ihre Namen sind einfach gestrickt, zwei Silben, fast lautmalerisch, leicht zu behalten. Jeder kaugummikauende Idiot in Texas könnte sie mühelos wiederholen. Meinst du, das sind ihre richtigen Namen, oder haben sie die nur, um sich besser vermarkten zu lassen?«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich will damit sagen, dass Chris Black oder Dan West oben auf einem Regal besser zu entziffern sind als Jules Michelet.«

Sylvie wollte gerade etwas entgegnen, als sie plötzlich einen spitzen Schrei ausstieß. Sie hatte einige Freundinnen entdeckt. Ihre Wurstfinger schüttelnd sprang sie auf die drei stattlichen Grazien zu, die ihr in nichts nachstanden.

Maurice machte ein missmutiges Gesicht. Sylvie würde ihm für eine gute halbe Stunde entwischen, ihrem Verständnis nach das Minimum für einen kurzen Plausch.

Er winkte Sylvies Freundinnen von ferne verhalten zu, womit er bedeutete, dass er ihrem improvisierten Kolloquium nicht beizuwohnen gedachte, und geduldete sich wohl oder übel. Die Ellbogen auf den Rand des Einkaufswagens gestützt, ließ er seinen Blick über dessen Inhalt gleiten, bis er am Umschlag von Sylvies Buch hängenblieb. Wie vulgär! Schwarz, rot, gold, schwülstige Buchstaben, ein übertrieben expressionistisches Schriftbild als unmissverständlicher Hinweis darauf, dass dieser Band Schreckliches enthielt, als hätte man ihn mit einem warnenden Etikett versehen wie »Vorsicht Gift!« oder »Nicht berühren, Hochspannung, Lebensgefahr!«. Und erst der Titel: Das Zimmer der dunklen Geheimnisse. Etwas Dämlicheres konnte man kaum finden, oder? Gothic und zeitgenössisch, das Nonplusultra des schlechten Geschmacks! Und als reichte der Titel nicht, hatte der Verlag zu allem Überfluss auf einer Banderole hinzugefügt: »Wenn Sie dieses Buch schließen, wird Sie die Angst nicht mehr verlassen!« Schauderhaft … Man brauchte diese Schwarte gar nicht erst aufzuschlagen, um zu wissen, dass es sich um Schund handelte.

Chris Black … Lieber sterben als ein Oeuvre von Chris Black lesen! Zu korpulent, zu üppig – wie Sylvie übrigens –, aber man musste ja schließlich etwas für sein Geld bekommen.

Als er sich vergewissert hatte, dass Sylvie und ihre Freundinnen ins Gespräch vertieft ihn nicht beachteten, drehte er das Buch diskret um. Wie viel Seiten hatte dieser Schmöker? Ganze achthundert! Schauderhaft! Wenn ich daran denke, dass sie dafür jede Menge Bäume fällen. Und das alles nur, um diesen Schrott von Monsieur Chris Black zu drucken … Er muss Millionenauflagen in der ganzen Welt haben, dieser Mistkerl … Für jeden seiner Bestseller holzen sie einen dreihundert Jahre alten Wald ab, ritsch, ratsch, hin der Baum und mit ihm der Lebenssaft! Deshalb richten sie unseren Planeten zugrunde, deshalb zerstören sie die Lungen unserer Erde, ihre Sauerstoffreserven, ihre Ökosysteme, und alles nur, damit dicke Frauen dicke Bücher lesen, die nichts taugen! Einfach widerlich …

Da die Freundinnen unbekümmert weiterplauderten und keine Notiz von ihm nahmen, beugte er sich vor, um die Rückseite zu lesen.

Wenn sie gewusst hätte, wohin dieses Abenteuer sie führen würde, hätte sich Eva Simplon, Agentin des FBI, nicht so lange in Darkwell House aufgehalten. Doch sie hatte es vor kurzem von einer entfernten Tante geerbt und musste bleiben, bis alles für den Verkauf Nötige geregelt war. Hätte sie dieses vergiftete Geschenk nicht lieber zurückweisen sollen? Denn das Haus hält so geheimnisvolle wie haarsträubende Überraschungen für sie bereit …

Wer kommt um Mitternacht in diesem unzugänglichen, tief in seinem Inneren verborgenen Raum zusammen? Was hat dieser Sprechgesang mitten in der Nacht zu bedeuten? Wer sind die sonderbaren Käufer, die für eine alte, abgelegene Bruchbude mehrere Millionen Dollar zahlen wollen?

Was hat es auf sich mit diesem Manuskript aus dem 16. Jahrhundert, von dem Eva Simplons Tante ihrer Nichte einmal erzählt hat? Was daran ist so explosiv, dass es die Begehrlichkeit so vieler weckt?

Die Agentin Eva Simplon hat noch manches Problem zu lösen, und der Leser läuft Gefahr, gemeinsam mit ihr um seinen Schlaf gebracht zu werden.

Einfach umwerfend … So idiotisch, dass man den Film schon ablaufen sah – auch Filme waren Maurice Plisson zuwider –, Geigen kreischten, blaue Blitze zuckten, und eine blonde Schnepfe rannte durch die Dunkelheit … Das Faszinierende an der Sache war weniger, dass irgendwelche Idioten diesen Schund lasen, als vielmehr die Tatsache, dass irgendein Unglücksmensch dergleichen zu Papier brachte. Kein Beruf ist dumm, aber man kann versuchen, seine Miete auf würdigere Art zu bezahlen. Zudem braucht es zweifellos etliche Monate, bis man achthundert Seiten zusammengeschrieben hat. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder war dieser Chris Black ein von seinem Talent überzeugtes Schwein oder aber ein Sklave, dem sein Verleger die Pistole an die Schläfe hielt. »Achthundert Seiten, mein Guter, und keine weniger!« »Aber warum achthundert, Monsieur?« »Weil, Sie Schwachkopf, Sie dämlicher Schreiberling, der Durchschnittsamerikaner nun mal im Monat nicht mehr als zwanzig Dollar seines Budgets für Bücher und fünfunddreißig Stunden seiner Zeit fürs Lesen lockermachen kann, okay? Also, immer schön im Rahmen bleiben, nicht mehr und nicht weniger. Was wir brauchen, ist ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, wie es das Marktgesetz verlangt. Kapiert? Und hören Sie mir mit diesem Dostojewskij auf, die Kommunisten hab ich gefressen.«

Maurice Plissons Schultern zuckten vor sarkastischer Freude. Er stand auf seinen Einkaufswagen gestützt da und amüsierte sich über die Szene, die er soeben erfunden hatte. Der gute alte Chris Black, im Grunde konnte einem dieser Typ leidtun.

Und dann trat ein, was er befürchtet hatte: Sylvie wollte ihm unbedingt ihre Freundinnen vorstellen.

»Komm mal, Maurice, über sie hab ich dieses Haus gefunden. Grace, Audrey und Sofia wohnen ganz in unserer Nähe, nur drei Kilometer entfernt. Wir könnten uns doch mal treffen.«

Maurice stammelte ein paar freundlich klingende Worte, während er sich fragte, warum das Parlament kein Gesetz verabschiedete, dass fetten Frauen so schöne Namen wie Grace, Audrey und Sofia untersagte. Dann verabredete man sich auf eine Orangeade, ein Boulespiel, einen Spaziergang in der Natur und ging mit einem emphatischen »Bis bald!« auseinander.

 

Auf der Fahrt zurück zu ihrem Landhaus konnte Maurice, während die karge Landschaft hinter den Fenstern seines Wagens vorüberzog, nicht umhin, an Das Zimmer der dunklen Geheimnisse – was für ein schwachsinniger Titel – zu denken; ein Detail hatte seine Neugierde geweckt. Was war das für ein Manuskript aus dem 16. Jahrhundert, um das es in diesem Buch ging? Es musste dieses Werk geben, zumal es den amerikanischen Romanschreibern, wie seine Kollegen versicherten, ja immer an Phantasie fehlte. Eine alchemistische Abhandlung? Eine Denkschrift der Tempelritter? Ein schändlicher Stammbaum? Ein verlorengeglaubter Text von Aristoteles? Gegen seinen Willen spielte Maurice alle Möglichkeiten durch. Am Ende war dieser Chris Black, oder wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym verbarg, nicht einmal eine an grenzenloser Selbstüberschätzung leidende Pestbeule, sondern ein seriöser Forscher, ein Gelehrter, einer dieser unterbezahlten, brillanten Akademiker, wie sie die Vereinigten Staaten hervorbrachten … Warum nicht einer wie er, Maurice Plisson? Dieser ehrenwerte Homme de lettres hatte sich gewiss nur bereitgefunden, einen solchen Schund zu produzieren, um seine Schulden zu begleichen und seine Familie zu ernähren. Vielleicht war ja nicht alles schlecht in diesem Buch …

Da jedoch allzu viel Nachsicht von Übel ist, beschloss Maurice, sich mit ernsthafteren Angelegenheiten zu befassen. Und so kam es denn auch, dass er, als er die Einkäufe aus dem Kofferraum lud, das Buch beinah ungewollt an sich nahm und auf dem Weg zur Speisekammer innerhalb von drei Sekunden in einem Schirmständer aus Porzellan verschwinden ließ.

Sylvie, die in der Küche mit Einräumen und der Vorbereitung des Abendessens beschäftigt war, bemerkte von alledem nichts. Damit sie nicht etwa auf dumme Gedanken kam, schlug ihr Maurice sogar vor, gemeinsam fernzusehen, stellte jedoch klar, dass er, wie gewohnt, früh zu Bett gehen würde.

»Wenn ich sie vor die Mattscheibe setze, wird sie nicht mehr ans Lesen denken und bis zum letzten Wetterbericht in ihrem Sessel klebenbleiben.«

Sein Plan sollte aufgehen. Entzückt, dass ihr Cousin für so einfache Freuden wie einen Abend vor dem Fernseher zu haben war, verkündete Sylvie, dass diese Ferien wunderbar würden und sie gut daran getan hätten, dieses Jahr zur Abwechslung einmal nicht so weit zu reisen.

Nach einer halben Stunde Film, von dem Maurice nichts mitbekam, gähnte er ostentativ und verkündete, er würde sich jetzt hinlegen.

»Bleib nur sitzen, den Ton kannst du ruhig so laut lassen, ich bin dermaßen müde von der Reise, dass ich bestimmt gleich einschlafe. Gute Nacht, Sylvie.«

»Gute Nacht, Maurice.«

Auf dem Weg durch die Eingangshalle fischte er das Buch aus dem Schirmständer, steckte es unter sein Hemd und ging rasch hoch in sein Zimmer, erledigte zügig seine Toilette, verschloss die Tür und schlüpfte mit Das Zimmer der dunklen Geheimnisse ins Bett.

»Ich will nur herausfinden, was es mit diesem Manuskript aus dem 16. Jahrhundert auf sich hat.«

Zwanzig Minuten später war daran nicht mehr zu denken; die kritische Distanz, die er diesem Text gegenüber einhalten wollte, war nach wenigen Seiten dahin; kaum hatte er das erste Kapitel beendet, nahm er sich atemlos das zweite vor; sein Sarkasmus schmolz beim Lesen dahin wie Zucker im Wasser.

Zu seiner großen Überraschung erfuhr er, dass Eva Simplon, die Heldin und Agentin des FBI, Lesbierin war; er war davon so beeindruckt, dass er die Taten und Gedanken, die der Autor seiner Protagonistin zuschrieb, nicht weiter in Zweifel ziehen konnte. Zudem marginalisierte ihre Sexualität diese schöne Frau in einem Maße, dass Maurice sich an sein eignes Ausgegrenztsein erinnert fühlte, wegen seiner Hässlichkeit. Und so empfand er umgehend große Sympathie für Eva Simplon.

Als er Sylvie den Fernseher ausschalten und mit schweren Schritten die Treppe hochkommen hörte, fiel ihm ein, dass er längst hätte schlafen sollen. Heuchlerisch löschte er rasch seine Nachttischlampe. Sie durfte auf keinen Fall wissen, dass er noch wach war! Und erst recht nicht, dass er ihr Buch geklaut hatte! Sie durfte es ihm nicht wegnehmen …

Die Minuten, die er im Dunkeln ausharren musste, kamen ihm endlos vor, quälend. Das Haus knackte, knarrte und knisterte, tausend rätselhafte Geräusche. Hatte Sylvie daran gedacht, alle Türen und Fenster zu schließen? Sicher nicht! Er wusste, wie arglos sie war. War ihr nicht bewusst, dass sie in einem fremden Haus lebten, in der Mitte von Nirgendwo, in der Wildnis? Wer konnte garantieren, dass es in dieser Gegend hier nicht vor Herumtreibern, Verbrechern, skrupellosen Gestalten wimmelte, bereit, für eine Kreditkarte zu morden? Vielleicht trieb sogar irgendein Irrer sein Unwesen, drang in die Landhäuser ein und stach die Bewohner ab? Ein Serientäter? Der Schlachter aus der Ardèche? Wenn da nicht eine ganze Bande am Werk war … Sicher wussten das alle hier, nur sie nicht, die Neuankömmlinge, weil man sie nicht gewarnt hatte. Sie gaben die ideale Zielscheibe ab! Ihn schauderte.

Was tun? Aufstehen und kontrollieren, ob alles verschlossen war? Dann hätte Sylvie gewusst, dass er noch nicht schlief. Oder aber übelgesinnten Subjekten den Weg ins Haus freimachen, damit sie sich in einem Wandschrank oder im Keller verstecken konnten? Just in diesem Augenblick zerriss ein unheimlicher Ruf die Nacht.

Eine Eule?

Ja. Zweifellos.

Oder ein Mensch, der eine Eule nachahmte, seinen Komplizen ein Zeichen gab? Ein alter Trick, wenn nicht der älteste. Oder?

Nein! Eine Eule, was denn sonst.

Und wieder der gleiche Ruf.

Maurice begann zu schwitzen, der Schweiß lief ihm über den Rücken. Was hatte dieser zweite Ruf zu bedeuten? War es tatsächlich nur eine Eule, oder antwortete da ein Komplize?

Er setzte sich auf und schlüpfte rasch in seine Pantoffeln. Jetzt war keine Minute mehr zu verlieren. Was Sylvie auch immer denken mochte, eine Bande Psychopathen war für ihn beängstigender als seine Cousine.

Als er in den Flur stürzte, vernahm er das Prasseln der Dusche und war beruhigt: Sie würde nicht hören, dass er nach unten ging.

Dort stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass Sylvie alles hatte offen stehen lassen: Wohn- und Esszimmer waren in ein gespenstisch helles Licht getaucht. Kein einziger Fensterladen, keine einzige Fenstertür geschlossen, man musste nur eine Scheibe eindrücken und war im Haus. Und was die Eingangstür betraf, der Schlüssel steckte, sie hatte ihn nicht einmal umgedreht. Arme Irre! Leute wie sie forderten Blutbäder geradezu heraus!

Hastig ging er nach draußen, wagte kaum Luft zu holen, so kostbar war jede Sekunde, und stieß von Fenster zu Fenster eilend die Holzläden zu, vermied dabei jeden Blick auf die graue Landschaft in seinem Rücken, aus Angst, eine Hand könnte sich jeden Augenblick in seinem Nacken festkrallen und ihn niederstrecken.

Anschließend ging er wieder nach innen, drehte den Schlüssel um, ließ die Schlösser einschnappen, schob die Riegel vor und machte eine zweite ebenso schnelle Runde durch das Haus, um die Läden zu sichern.

Nach erfolgreich beendetem Sprint setzte er sich, um Luft zu holen. Als sein Herz wieder langsamer schlug, da alles um ihn herum ruhig schien, begriff er, dass er soeben eine Panikattacke durchlebt hatte.

»Was zum Teufel ist los mit dir, Maurice? So eine panische Angst hast du seit deiner Kindheit nicht mehr gehabt.«

Er erinnerte sich, dass er ein ängstlicher kleiner Junge gewesen war, dachte aber, diese Schwäche sei längst überwunden, gehöre der Vergangenheit an, einem Maurice, den es nicht mehr gab. Konnte so etwas zurückkommen?

»Das muss das Buch sein! Nicht zu fassen!«

Vor sich hin murmelnd ging er zurück auf sein Zimmer.

Er wollte schon das Licht ausschalten, als er plötzlich zögerte.

»Noch ein paar Seiten?«

Dann aber würde Sylvie, falls sie aufwachte, das Licht unter dem Türspalt durchschimmern sehen und sich wundern, dass er noch nicht schlief, zumal er erklärt hatte, er sei todmüde.

Flugs suchte er im Wäscheschrank nach einem Federbett, dichtete damit den Türspalt ab, ging zurück ins Bett und las weiter.

Diese Eva Simplon war alles andere als eine Enttäuschung. Sie dachte wie er, war kritisch wie er, auch wenn sie oft unter dem eigenen kritischen Anspruch litt. Ja, sie war wie er. Er schätzte diese Frau außerordentlich.

Zweihundert Seiten weiter kämpften seine Augenlider so heftig gegen die Müdigkeit an, dass er aufgab und zu schlafen beschloss. Als er sein Kopfkissen aufschüttelte, um es sich bequem zu machen, rief er sich nochmals die vielen Fußnoten ins Gedächtnis, die sich auf Eva Simplons frühere Abenteuer bezogen. Wie wunderbar! So konnte er seine Heldin in anderen Büchern wiederfinden.

Im Grunde hatte Sylvie nicht einmal so unrecht. Es war keine große Literatur, aber fesselnd. Genau genommen hatte auch er nicht viel übrig für die große Literatur. Es musste ihm morgen irgendwie gelingen, sich zurückzuziehen und weiterzulesen.

Plötzlich richtete er sich kerzengerade in seinem Bett auf.

»Sylvie … aber natürlich …«

Warum war ihm das nicht schon früher aufgefallen?

»Aber ja … Deshalb schwärmt sie auch so für die Romane von Chris Black. Als sie mir das gestand, sprach sie nicht von Chris Black, sondern von Eva Simplon. Ganz eindeutig: Sylvie ist Lesbierin!«

Er sah das Leben seiner Cousine vor sich, als blätterte er rasend schnell ein Fotoalbum durch: eine extrem starke Bindung an den Vater, der lieber einen Sohn gehabt hätte, unglückliche Liebesgeschichten und gescheiterte Beziehungen mit Männern, die man nie zu Gesicht bekam, dafür aber an jedem ihrer Geburtstage seit fünfzig Jahren Freundinnen, immer nur Frauen, nichts als Frauen … Und dann die drei, auf die sie heute Nachmittag so begeistert zugeeilt war – war diese Begeisterung nicht irgendwie suspekt? –, ähnelten sie mit ihrem kurzen Jungenhaarschnitt, ihrer maskulinen Kleidung und ihrem burschikosen Habitus nicht der Vorgesetzten von Eva Simplon, dieser Josépha Katz, einer feisten Lesbe, die in den sapphischen Nachtclubs von Los Angeles herumspukt und Zigarre rauchend Chevrolet fährt? Natürlich …

Maurice gluckste. Das einzig Verwirrende an dieser Entdeckung war für ihn, dass sie so spät kam.

»Sie hätte es mir doch sagen können. Das wäre sie mir schuldig gewesen. Für so etwas habe ich doch Verständnis. Wir reden morgen darüber, wenn …«

Dies waren seine letzten Worte, ehe er wegdämmerte.

 

Leider gestaltete sich der nächste Tag anders, als von Maurice gedacht. Aus Dankbarkeit, dass sich ihr Cousin bereiterklärt hatte, den gemeinsamen Aufenthalt mit einem bescheidenen Fernsehabend zu beginnen, schlug ihm Sylvie einen kleinen Bildungsausflug vor; mit dem Reiseführer in der Hand hatte sie eine Route ausgearbeitet, auf der sie prähistorische Grotten und romanische Kirchen besichtigen konnten. Maurice wagte nicht, sich zu widersetzen, zumal er ihr unmöglich gestehen konnte, dass er nur eines wollte, zu Hause bleiben und Chris Black lesen.

Zwischen zwei Kapellen, er spazierte gerade die Befestigungsmauer eines mittelalterlichen Städtchens entlang, beschloss er, das Problem dennoch anzugehen, und zwar anders, nämlich auf dem Weg der Wahrheit.

»Sag, Sylvie, wärst du geschockt, wenn du erfahren würdest, dass ich schwul bin?«

»Ach, mein Gott, Maurice, du bist schwul?«

»Nein, bin ich nicht.«

»Ja, warum fragst du mich dann so etwas?«

»Um dir zu sagen, dass ich nicht schockiert wäre, wenn ich erfahren würde, dass du Lesbierin bist.«

Sie wurde puterrot im Gesicht. Das verschlug ihr den Atem.

»Was erzählst du da, Maurice?«

»Ich wollte damit nur sagen, dass man, wenn man jemanden wirklich liebt, alles akzeptieren kann.«

»Ja, einverstanden.«

»Du kannst dich mir also ruhig anvertrauen, Sylvie.«

Sie wechselte von Puterrot in dunkles Violett. Brauchte eine Minute, ehe sie weitersprechen konnte:

»Du glaubst, ich verheimliche dir etwas, Maurice?«

»Ja.«

Sie gingen noch ein paar hundert Meter weiter, ehe sie stehen blieb, ihn ansah und mit erstickter Stimme sagte:

»Du hast recht. Ich verheimliche dir etwas, aber ich kann es dir noch nicht sagen.«

»Ich bin für dich da, wann immer du willst.«

Maurice sagte dies so vertrauensvoll und gelassen, dass seine Cousine die Fassung verlor und ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

»Das … das … hätte ich nicht von dir erwartet … das … das ist wunderbar …«

Er lächelte großmütig.

Beim Abendessen, nach einer vorzüglichen Entenbrust, machte er nochmals einen Vorstoß:

»Sag mal, deine Freundinnen, Grace, Gina und …«

»Grace, Audrey und Sofia.«

»Kennst du sie schon lang?«

»Nein. Erst seit ein paar Monaten.«

»Tatsächlich? Also, gestern habt ihr ganz vertraut gewirkt.«

»Das ergibt sich eben manchmal so.«

»Wo hast du sie kennengelernt?«

»Also … das ist mir jetzt peinlich … das möchte ich dir lieber nicht …«

»Du kannst es mir noch nicht sagen?«

»Ja, genau.«

»Ganz wie du meinst.«

Ein Lesbennachtclub, wie im Roman, so viel war sicher! Von der Sorte L’Ambigu oder Le Minou qui tousse, in Schuppen wie diesen riss Josépha Katz ihre Frauen auf … Sylvie genierte sich nur, es zuzugeben. Das hatte er doch gut gemacht mit seiner Cousine, oder? Daher durfte er auch gleich wieder zurück zu dem Buch, das er ihr gestohlen hatte.

Und so spielte er noch einmal das Programm vom Vorabend durch: schaltete den Fernseher ein, heuchelte Interesse für eine alberne Telenovela, gähnte kurz darauf herzhaft wie von Müdigkeit übermannt und setzte sich schließlich in die obere Etage ab.

Kaum in seinem Zimmer, putzte er nur rasch die Zähne, stopfte den Türspalt zu und stürzte sich dann auf seine Lektüre.

Vom ersten Satz an erwies sich Eva Simplon erneut als brillant und vermittelte Maurice den Eindruck, sie hätte sich den ganzen Tag über nach ihm verzehrt. Ehe er sich versah, war er wieder in Darkwell, jenem mysteriösen Haus von Tante Agatha, das so gefährlich einsam inmitten der Berge lag. Und als er an die Schauergesänge dachte, die Nacht für Nacht aus seinen Mauern drangen, zitterte er.

Diesmal nahm ihn der Roman so gefangen, dass er Sylvie weder den Fernseher ausschalten noch zu Bett gehen hörte. Und als ihn ein unheimlicher Ruf von seiner Lektüre aufschreckte, war es bereits Mitternacht.

Die Eule!

Oder der Mann, der den Eulenruf nachahmte!

Er biss die Zähne zusammen.

Wartete ein paar Minuten.

Und wieder der Ruf.

Dieses Mal bestand kein Zweifel: Er kam von einem Menschen, nicht von einem Tier.

Es durchfuhr ihn eiskalt: Die Tür!

Sylvie hatte wahrscheinlich wie gestern weder Türen noch Fenster verschlossen. Er war heute Morgen vor ihr aufgestanden und hatte sämtliche Läden geöffnet, um ihr nicht Rede und Antwort stehen zu müssen.

Er durfte jetzt vor allem nicht in Panik geraten. Musste Ruhe bewahren. Sich besser im Griff haben als gestern.

Er schaltete das Licht aus, nahm das Federbett vor seiner Zimmertür weg und machte sich auf den Weg nach unten. Wenn nur die Holzstufen nicht zu laut knarrten!

Tief durchatmen. Eins. Zwei. Eins. Zwei.

Auf dem Treppenabsatz blieb er vor Entsetzen wie angewurzelt stehen.

Zu spät!

Ein Mann ging langsam durch das vom Mondlicht beschienene Wohnzimmer, sein über die Wände gleitender Schatten wirkte riesig, zeigte ein scharfes Kinn, einen plumpen Kiefer und seltsam spitze Ohren. Stumm und sorgfältig hob er jedes Kissen hoch, jede Decke, wischte wie ein Blinder über die Regale.

Maurice stockte der Atem. Die Ruhe, mit der dieser Eindringling zu Werke ging, erschreckte ihn nicht weniger als seine Gegenwart. Das quecksilberfarbene Licht fiel in Streifen auf seinen Schädel, kahl und glatt wie der eines Bonzen. Der Koloss bewegte sich durch das Haus, als würde er es bereits kennen, stieß sich weder an Möbeln noch an Sofas, erkundete jeden Winkel, tastete dieselben Stellen zwei-, dreimal ab. Was suchte er?

Die professionelle Gelassenheit des Einbrechers wirkte ansteckend. Und so harrte Maurice weiter tapfer im Dunkeln aus. Was hätte er sonst auch tun können? Das Licht anschalten, um ihn zu erschrecken? Eine Glühbirne würde ihn kaum vertreiben … Nach Sylvie rufen? Weder eine Frau noch … Sich auf ihn stürzen, ihn niederschlagen und fesseln? Gegen diesen athletischen Kerl hatte er kaum Chancen. Zudem hatte er vielleicht eine Waffe! Eine Pistole oder ein Messer …

Maurice schluckte so laut, dass er plötzlich fürchtete, er könnte sich verraten.

Der Eindringling reagierte nicht.

Maurice hoffte, dass nur er seine eigenen Körpergeräusche so deutlich wahrnahm; wie jetzt das irrwitzige Gluckern in seinem Bauch …

Der ungebetene Gast stieß einen Seufzer aus. Er fand nicht, was er suchte.

Und wenn er nun nach oben ging? Nur das nicht, dachte Maurice, das überlebe ich nicht.

Der Fremde zögerte, sah zur Zimmerdecke empor, ging dann, als gäbe er auf, zur Tür und verschwand.

Seine Schritte hallten vor dem Haus wider.

Nach einigen Sekunden verstummte ihr Knirschen.

Wartete er? Kam er wieder zurück?

Was tun?

Sich gegen die Tür stemmen, den Schlüssel zweimal umdrehen? Das würde der Koloss bemerken, zurückkommen und die Fenstertüren eindrücken.

Lieber warten, bis er nicht mehr da war.

Und sich vergewissern.

Vorsichtig ging Maurice wieder nach oben in sein Zimmer, schloss die Tür und näherte sich dem Fenster.

Durch die schmalen Schlitze der geschlossenen Läden konnte er nicht viel erkennen. Der öde, undurchdringliche Streifen Buschwerk, den er sah, ließ keine genauen Schlüsse zu, und er wusste nicht, ob der Eindringling endgültig gegangen war.

Maurice harrte eine Stunde auf seinem Wachposten aus. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sich nichts mehr bewegte, dann wieder kam es ihm vor, als würde alles von vorn beginnen. Allein dieses weitläufige Haus produzierte so viele Geräusche – knarrende Dielen und Balken, gluckernde Rohre, Mäusegetrappel auf dem Speicher –, dass nicht leicht auszumachen war, was wirklich vor sich ging.

Nichtsdestoweniger musste er wieder nach unten. Er durfte Tür und Fensterläden über Nacht keinesfalls offen lassen! Schließlich konnte der Mann zurückkommen. Er war nur nicht nach oben gegangen, weil er wusste, dass sich dort Leute befanden. Aber was, wenn er es sich anders überlegte? Vielleicht wartete er nur, bis alle schliefen, um dann im ersten Stock seine Suche fortzusetzen. Was übrigens suchte er eigentlich?

»Es reicht, Maurice, sei nicht albern, verwechsle das hier nicht mit dem Buch, das du gerade liest: Im Unterschied zu Das Zimmer der dunklen Geheimnisse findet sich in diesem Haus hier bestimmt kein Manuskript mit der Liste aller Kinder, die Christus und Maria Magdalena angeblich zusammen hatten. Und doch muss es hier etwas geben, etwas Besonderes, das dieser fremde Riese will, etwas, nach dem er nicht zum ersten Mal sucht, dazu bewegt er sich hier viel zu selbstverständlich … Aber was nur?«

Der Fußboden im Flur vibrierte.

Kam der ungebetene Gast zurück?

Auf Knien robbte Maurice zur Tür und spähte durchs Schlüsselloch.

Uff, es war Sylvie.

Als er die Tür öffnete, fuhr seine Cousine zusammen.

»Maurice, du schläfst nicht? Hab ich dich vielleicht geweckt?«

Maurice entgegnete tonlos:

»Warum bist du auf? Hast du etwas gesehen?«

»Wie bitte?«

»Ist dir irgendetwas aufgefallen?«

»Nein … ich … ich konnte nur nicht schlafen, also dachte ich, ich mach mir einen Kräutertee. Tut mir leid. Habe ich dich erschreckt?«

»Nein, nein …«

»Also, was dann? Hast du etwas gesehen? Stimmt etwas nicht?«

Sylvies Augen weiteten sich besorgt.

Maurice war unschlüssig, wusste nicht recht, was er antworten sollte. Nein, er durfte ihr keine Angst machen. Musste erst einmal Zeit gewinnen. Zeit gewinnen gegenüber dem Eindringling, der vielleicht zurückkam.

»Sag mal, Sylvie«, begann er, wobei er versuchte, so normal und ruhig wie möglich zu klingen, »wäre es nicht besser, abends die Läden zu schließen? Und die Haustür, ich bin sicher, du hast sie nicht abgeschlossen.«

»Ach was, hier muss man keine Angst haben, hier ist weit und breit kein Mensch. Überleg doch nur, wie schwierig es war, auch nur hierherzufinden.«

Sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie so dumm war. Wenn er ihr jetzt erzählte, dass vor weniger als einer Stunde ein Fremder im Wohnzimmer herumgestöbert hatte … Besser sie blieb bei ihrer gutgläubigen Unwissenheit. Er selbst hatte weniger Angst, wenn er der Einzige war, der Angst haben musste.

Sie kam näher und starrte ihn an.

»Hast du irgendetwas gesehen?«

»Nein.«

»Irgendetwas Auffälliges?«

»Nein, ich bin nur der Meinung, wir sollten die Tür und die Fensterläden verschließen. Kommt das nicht in Frage für dich? Verstößt das gegen deine Prinzipien? Ist das nicht vereinbar mit deinem Glauben? Geht dir das etwa gegen den Strich? Kannst du nicht mehr schlafen, wenn wir uns nachts einschließen? Kein Auge mehr zutun, wenn wir auf so einfache Sicherheitsmaßnahmen wie Läden und Schlösser zurückgreifen?«

Sylvie merkte, dass ihr Cousin kurz davor war, die Nerven zu verlieren. Sie lächelte ihm aufmunternd zu.

»Nein, natürlich nicht. Ich helf dir dabei. Oder besser, ich erledige es für dich.«

Maurice seufzte. Dann musste er also nicht hinaus in die schwarze Nacht, wo der Koloss seine Runden drehte.

»Danke. Ich mache dir dafür in der Zwischenzeit deinen Tee.«

Sie gingen nach unten. Als Maurice sah, wie unbekümmert und gemächlich sie nach draußen schlenderte, um die Läden zu schließen, pries er ihren Leichtsinn.

Nachdem sie den Schlüssel zweimal im Türschloss umgedreht und sämtliche Läden gesichert hatte, kam sie zu ihm in die Küche.

»Weißt du noch, wie ängstlich du als kleiner Junge warst?«

Maurice reagierte verärgert: Dieser Satz war absolut deplatziert.

»Ich war nicht ängstlich, ich war vorsichtig.«

Seine Antwort hatte weniger mit der Vergangenheit als vielmehr mit der gegenwärtigen Situation zu tun. Was machte das schon! Verblüfft über die plötzliche Bestimmtheit ihres Cousins, ließ Sylvie es dabei bewenden.

Während der Lindenblütentee zog, kam sie auf ihre Kindheit zu sprechen, die gemeinsamen Ferien, ihre Ausflüge mit dem Boot, während die Erwachsenen an den Ufern der Rhône Mittagsschlaf hielten, auf die Fische, die sie aus den Eimern der Angler stahlen, um sie wieder zurück in den Fluss zu werfen, und die Hütte, die sie Leuchtturm getauft hatten, auf einer Insel, die den Wasserlauf teilte …

Während Sylvie wehmütig daran zurückdachte, hing Maurice anderen Erinnerungen nach, Erinnerungen an die Zeit, als seine Eltern begannen, wieder ins Kino zu gehen und zum Tanzen, da sie glaubten, ihr Sohn sei mit seinen zehn Jahren alt genug, um allein zu Hause zu bleiben. Es waren entsetzliche Stunden für ihn. Er kam sich verlassen vor, winzig in den vier Meter hohen Räumen. Wo waren Vater und Mutter, er schrie und heulte, vermisste sie, ihre Vertrautheit, ihren beruhigenden Geruch, ihre melodischen, tröstenden Worte; er weinte und weinte, sein Körper wusste, dass Tränen die Eltern wieder herbeizaubern konnten. Doch vergeblich. Was jahrelang geholfen hatte, wenn es ihm nicht gutging, ihm etwas weh tat oder er sich alleingelassen fühlte, funktionierte nicht mehr. Er hatte all seine Macht verloren. Er war nicht mehr Kind. Und noch nicht erwachsen. Und wenn die Eltern dann um ein Uhr in der Nacht zurückkamen, beschwippst, beschwingt und ausgelassen, bewegten sie sich anders, rochen anders, sprachen anders, und er hasste sie, schwor sich, niemals erwachsen zu werden, niemals wie sie, niemals sinnlich, lasziv und spöttisch, versessen auf Vergnügungen, auf Essen, Trinken und Fleischeslüste. Und als er zum Mann heranreifte, geschah dies auf andere Weise, er wurde zum Kopfmenschen. Legte Wert auf geistige Betätigung, Wissen, Bildung und Kultur. Leibes- und Gaumenfreuden interessierten ihn nicht. Erwachsen werden, ja, aber ein gebildeter und kein triebhafter Mensch.

War das der Grund, weshalb er Romane immer abgelehnt hatte? Weil seine Mutter an den Abenden des Verrats Bücher, die ihr gefielen, auf seinen Nachttisch legte, um ihn zu beschäftigen? Oder weil er für bare Münze nahm, was er in seinem ersten Buch gelesen hatte, und sich gedemütigt fühlte, als seine Eltern ihm laut lachend erklärten, dass dies alles nur frei erfunden war?

»Maurice … Maurice … hörst du mich? Du bist so seltsam.«

»Aber alles ist seltsam, Sylvie. Alles. Seltsam und befremdlich. Nimm nur dich und mich, wir kennen uns seit unserer Geburt, und doch haben wir Geheimnisse voreinander.«

»Du denkst an …«

»Ich denke an das, was du mir nicht sagst und vielleicht irgendwann sagen wirst.«

»Ich schwöre dir, du wirst es erfahren.«

Sie stand auf, umarmte und küsste ihn und schämte sich sogleich dafür.

»Gute Nacht, Maurice. Bis morgen.«

 

Der nächste Tag verlief so seltsam, dass keiner von beiden den Mut fand, noch einmal darauf zurückzukommen.

Maurice hatte nach all den Aufregungen zunächst versucht, wieder einzuschlafen, da ihm dies aber nicht gelang, hatte er das Licht wieder angemacht und sich erneut in Das Zimmer der dunklen Geheimnisse vertieft. Doch seine Nerven, durch den Besuch des ungebetenen Gastes bereits aufs äußerste strapaziert, wollten sich nicht beruhigen: Eva Simplon – wirklich, er schätzte diese Frau, man konnte auf sie zählen – wurde von skrupellosen Käufern bedroht. Sie trachteten ihr, da sie ihnen Darkwell nicht verkaufen wollte, nach dem Leben. Kaum war Eva einem der als Unfall getarnten Attentate um Haaresbreite entkommen, hatte sie es bereits mit einem weiteren, ebenso besorgniserregenden Problem zu tun: Es gelang ihr nicht, die Tür zu dem esoterischen Zimmer zu finden, aus dem die nächtlichen Gesänge drangen. Sie hatte die Wände abgehorcht, im Keller nachgesehen und den Speicher durchsucht, doch ohne Erfolg. Sie hatte im Bürgermeisteramt das Kataster studiert, die im Archiv eines Notars hinterlegten Pläne eingesehen und war zu dem Schluss gekommen, dass im Inneren des Gemäuers ein Raum sein musste. Doch wie ihn ausfindig machen? Wer ging Nacht für Nacht dorthin? Eva wollte weder an Gespenster noch an Geister glauben. Glücklicherweise hatte ihr dieses Miststück von Josépha Katz einen jungen Architekten geschickt, der versuchen sollte, die ursprüngliche Raumaufteilung des Hauses zu rekonstruieren – Josépha Katz, diese teuflische Lesbe, die Eva, obgleich unzählige Male von ihr abgewiesen, noch immer anmachte, erwies sich als äußerst professionell – denn vielleicht fand der Architekt eine Erklärung, die alle Vermutungen in Sachen übernatürlicher Phänomene hinfällig machte. Und dennoch … um acht Uhr morgens stand Maurice, der nicht eine Minute geruht hatte, müde, gereizt und wütend darüber auf, dass er Eva Simplon in Darkwell zurücklassen musste, um sich mit seiner Cousine in der Ardèche wiederzufinden. Zumal heute, am Montag, ein Picknick mit den Freundinnen aus dem Supermarkt anstand … Ein Tag in einer Lesbenkolonie, inmitten von Frauen, alle kräftiger und männlicher als er, nein danke!

Er versuchte geltend zu machen, dass er sich nicht wohl fühle und deshalb lieber zu Hause bliebe. Doch Sylvie gab nicht auf:

»Ausgeschlossen. Wenn du krank bist und die Sache wird ernst, muss sich jemand um dich kümmern. Entweder ich bleibe, oder du kommst mit.«

Nichts zu machen. Sein Buch konnte er vergessen. Und so gab er klein bei.

Die folgenden Stunden waren eine Tortur. Eine sadistische Sonne brannte auf die Schotterwege nieder, über die sie sich vorwärtsquälten. Als sie ein grünes Stauwehr erreichten, in dem das wild reißende Wasser der Ardèche zur Ruhe kam, konnte sich Maurice nicht überwinden, mehr als den großen Zeh in das eisige Nass zu tauchen. Das Picknick im Grünen erwies sich als Reinfall. Zunächst setzte Maurice sich in einen rot wimmelnden Ameisenhaufen, um sich anschließend von einer Biene stechen zu lassen, die ein und dieselbe Aprikose mit ihm teilen wollte. Damit nicht genug. Um die Glut für die Würstchen am Glimmen zu halten, pustete er sich die Lunge aus dem Leib, bis ihm schwindelig wurde, und hatte für den Rest des Nachmittags seine liebe Not, ein hartgekochtes Ei zu verdauen.

Nach ihrer Rückkehr wollten die Frauen ein Gesellschaftsspiel spielen. Maurice wähnte sich gerettet und machte bereits Anstalten, sich für eine regenerierende Siesta zurückzuziehen, als er jedoch erfuhr, dass es auf historische und geographische Kenntnisse ankam, konnte er nicht widerstehen und nahm daran teil. Er gewann Runde um Runde und fühlte sich bemüßigt, seine Partnerinnen auf seinem Siegeszug immer herablassender zu behandeln. Als es den Frauen zu bunt wurde, griffen sie kurzerhand zum Aperitif. Nach einem Tag in der Sonne gab der Pastis seinem fragilen Gleichgewicht den Rest, und als Maurice mit Sylvie zurück ins Haus ging, machten ihm nicht nur ein Muskelkater, sondern auch heftige Kopfschmerzen zu schaffen.

Um neun Uhr, unmittelbar nach dem letzten Bissen, verschloss er Läden und Haustür und ging nach oben ins Bett.

In die Kopfkissen gelehnt, kämpfte er mit Empfindungen widersprüchlichster Art: der Freude, wieder mit Eva Simplon zusammen zu sein, und der Angst vor einem erneuten Besuch des ungebetenen Gastes. Nach ein paar Seiten war das Dilemma vergessen, und Maurice zitterte im Einklang mit seiner Heldin.

Um halb elf hörte er Sylvie den Fernseher ausschalten und schweren Schritts die Treppe hochkommen.

Um elf Uhr begann er, wie Eva Simplon, sich zu fragen, ob es vielleicht nicht doch Gespenster gab. Wie sonst ließe sich erklären, dass jemand durch Wände gehen konnte? Irgendwann ist das Irrationale nicht mehr irrational, da es zur einzigen rationalen Erklärung wird.

Um halb zwölf riss ihn ein Geräusch aus seiner Lektüre.

Schritte. Leichte, leise Schritte. Nicht im Entferntesten die von Sylvie.

Er löschte das Licht und ging zur Tür, schob das Federbett beiseite und öffnete sie einen Spaltbreit.

Im Erdgeschoss musste jemand sein.

Kaum hatte er dies gedacht, erschien auch schon der Kahlköpfige an der Treppe. Behutsam jedes Geräusch vermeidend, kam er nach oben, um dort seine Suche fortzusetzen.

Rasch schloss Maurice seine Tür und stemmte sich dagegen, um den Eindringling gegebenenfalls am Hereinkommen zu hindern. Im Bruchteil einer Sekunde war er schweißgebadet, schwitzte dicke Tropfen, spürte sie über Nacken und Rücken rinnen.

Der Fremde blieb kurz vor seiner Tür stehen und ging dann weiter.

Mit dem Ohr am Holz hörte Maurice, wie sich die Schritte entfernten.

Sylvie! Er ging zu Sylvie!

Was tun? Fliehen! Rasch die Treppe hinab und auf und davon in die Nacht. Aber wohin? Maurice war die Umgebung fremd, der Eindringling hingegen kannte sie in- und auswendig. Und dann seine Cousine, er konnte sie unmöglich opfern und feige diesem Verbrecher überlassen …

Als er die Tür erneut einen Spaltbreit aufmachte, sah er den Schatten in Sylvies Zimmer treten.

»Wenn ich noch lang überlege, geschieht gar nichts mehr.«

Er musste endlich etwas unternehmen! Maurice wusste genau: Je mehr Zeit verging, desto handlungsunfähiger wurde er.

»Mach schon, Maurice, es ist wie beim Sprung vom Zehnmeterbrett: Springst du nicht gleich, springst du nie. Gewonnen hat, wer nicht lange nachdenkt.«

Er holte tief Luft, sprang hinaus in den Flur und stürzte zu Sylvies Zimmer.

»Vorsicht! Sylvie! Vorsicht!«

Der Eindringling hatte die Tür verschlossen, und so rannte Maurice sie ein.

»Raus hier!«

Das Zimmer war leer.

Schnell! Unter dem Bett!

Maurice warf sich flach auf den Boden. Niemand unter dem Bett.

Der Schrank! Das Schrankzimmer! Schnell!

Im Handumdrehen hatte er sämtliche Türen aufgerissen.

Was zum Teufel war hier los?

»Sylvie! Sylvie, wo bist du?«

Die Badezimmertür ging auf, und Sylvie kam heraus, zu Tode erschrocken, den Bademantel flüchtig zugebunden, eine Bürste in der Hand.

»Was ist passiert?«

»Bist du allein da drin?«

»Maurice, das ist doch wohl nicht dein Ernst?«

»Bist du allein da drin?«

Folgsam ging sie wieder hinein, sah sich um und runzelte zum Zeichen ihrer Befremdung die Brauen.

»Natürlich bin ich allein in meinem Badezimmer. Mit wem sollte ich denn hier sein?«

Vernichtet sank Maurice auf die Bettkante. Rasch ging Sylvie zu ihm und nahm ihn in die Arme.

»Maurice, was ist mit dir? Hast du schlecht geträumt? Sprich mit mir, Maurice, sprich, sag mir, was dich bedrückt.«

Von jetzt an musste er schweigen, andernfalls erging es ihm wie Eva Simplon im Roman, man würde ihn für verrückt halten und so tun, als hörte man ihm zu, ohne ihn zu hören.

»Ich … ich …«

»Ja, sprich, Maurice. Sprich.«

»Ich … ich muss tatsächlich schlecht geträumt haben.«

»Na, siehst du, es ist vorbei. Alles ist gut. Nichts ist passiert. Komm, wir gehen jetzt hinunter in die Küche, und ich mache uns einen Tee.«

Sie zog ihn, pausenlos redend, mit nach unten. Eine vertrauensselige, furchtlose Person, die nichts so leicht aus der Fassung brachte. Sie wirkte zunehmend beruhigend auf Maurice, der sich sagte, dass er gut daran tat, seine Ängste für sich zu behalten. Ihr Verhalten würde ihm die Kraft geben, seine Nachforschungen alleine weiterzuführen. Schließlich war er nur ein einfacher Geschichtslehrer, kein Agent des FBI und nicht wie Eva Simplon an außergewöhnliche Situationen gewöhnt.

Während Sylvie munter plapperte, fragte er sich, ob nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesem Haus und Darkwell bestand. Vielleicht verbarg sich in diesem Gemäuer ebenfalls ein Raum, zu dem eine Geheimtür führte, eine Kammer, in die sich der Unbekannte geflüchtet hatte?

Ihn schauderte.

Dies bedeutete, der Eindringling hielt sich noch immer hier auf … Wäre es nicht besser, diesen Ort auf der Stelle zu verlassen?

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Aber ja! Natürlich! Wie war der Mann hereingekommen, wo doch alles verriegelt und verschlossen war?

Er war nicht hereingekommen: Er war bereits da. In Wirklichkeit wohnte er in diesem Haus, wohnte dort länger als sie. Er lebte in einem Raum, den sie aufgrund der etwas sonderbaren Architektur nicht wahrgenommen hatten.

Als wir kamen, haben wir ihn gestört.

Wer ist er? Und wonach sucht er?

Es sei denn …

Nein.

Doch! Warum kein Gespenst? Schließlich reden die Menschen schon so lange von Gespenstern. Wie sagte noch Josépha Katz zwischen zwei Zigarrenzügen? Kein Rauch ohne Feuer. Was, wenn …

Maurice war bestürzt, er wusste nicht, was erschreckender war, der Koloss, der sich irgendwo im Haus versteckte, ohne dass sie wussten wie und weshalb, oder das Gespenst, das in diesem Gemäuer sein Unwesen trieb …

»Maurice, du machst mir Sorgen. Du scheinst dich nicht wohl zu fühlen.«

»Hm? Möglicherweise ein leichter Sonnenstich …«

»Vielleicht … wenn du dich morgen nicht besser fühlst, hol ich den Arzt.«

»Morgen sind wir tot«, dachte Maurice, behielt es aber für sich.

»Gut, dann gehe ich jetzt also wieder schlafen.«

»Noch einen Tee?«

»Nein danke, Sylvie. Geh ruhig schon vor, bitte.«

Während Sylvie die ersten Stufen erklomm, nahm Maurice unter dem Vorwand, die Lichter in der Küche löschen zu wollen, das lange Tranchiermesser vom Haken an der Wand und verwahrte es im Ärmel seines Schlafanzugs.

Oben wünschten sie einander dann eine geruhsame Nacht.

Maurice war im Begriff seine Tür zu schließen, als Sylvie nochmals kam und ihm die Wange hinhielt.

»Hier, mir ist nach einem Gutenachtkuss. Dann kannst auch du besser schlafen.«

Sie gab ihm einen feuchten Schmatz auf die Schläfe. Als sie zurücktrat, nahmen ihre Augen einen überraschten Ausdruck an: Sie sah etwas hinter Maurice, ja, entdeckte in seinem Zimmer etwas, das sie in sprachloses Erstaunen versetzte!

»Was? Was ist?«, rief er voller Angst, überzeugt, der Eindringling stünde hinter ihm.

Sylvie überlegte kurz, ehe sie in lautes Gelächter ausbrach.

»Nichts, mir ist nur etwas eingefallen, es tut nichts zur Sache. Sei doch nicht so ängstlich, Maurice, du machst dich noch ganz verrückt. Es ist alles in Ordnung.«

Sie ließ ihn lachend stehen.

Maurice sah ihr mit einer Mischung aus Neid und Mitleid hinterher. »Selig sind, die da unwissend sind! Sie ahnt nichts, macht sich nur lustig über mich. Dabei ist vielleicht direkt hinter der Wand, an die sie ihr Kopfkissen lehnt, ein Gespenst oder ein potentieller Mörder, und sie nimmt mich nicht ernst. Komm schon, Maurice, sei großzügig, lass ihr ihre Illusionen, reg dich nicht auf.«

Er legte sich hin, wollte nachdenken, doch das Nachdenken machte ihn nur noch ängstlicher, zumal ihn das Messer mit seiner kalten Klinge, das neben seinem Schenkel auf dem Laken lag, mehr beunruhigte als beruhigte. Er wandte sich wieder dem Zimmer der dunklen Geheimnisse zu, als käme er gerade von einer anstrengenden Reise zurück nach Hause. Vielleicht fand er in dem Buch ja auch eine Erklärung für das, was hier geschah?

Um ein Uhr nachts, als die Geschichte so atemberaubend spannend wurde wie nie zuvor und ihm nur noch fünfzig Seiten bis zur Lösung des Rätsels fehlten, bemerkte er, dass sich im Flur etwas bewegte.

Dieses Mal löschte er, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, das Licht und griff nach dem Messer.

Unmittelbar darauf begann der Knauf an seiner Tür sich langsam Millimeter um Millimeter zu drehen.

Der Eindringling versuchte, in sein Zimmer zu kommen.

Extrem vorsichtig und unerträglich langsam öffnete er die Tür. Als er über die Schwelle trat, fiel das graue Licht aus der Dachluke im Flur auf seinen kahlen Schädel.

Maurice hielt den Atem an und tat, als hätte er die Augen geschlossen, während er in Wirklichkeit blinzelnd jede einzelne Bewegung des Kolosses verfolgte.

Dieser steuerte geradewegs auf das Bett zu und streckte die Hand nach Maurice aus.

»Jetzt erwürgt er mich!«

Maurice sprang, das Messer in der Hand, mit einem Satz aus dem Bett und schlug vor Entsetzen schreiend auf den Unbekannten ein, bis er blutete.

 

Das Aufsehen war gewaltig. Tatsächlich ereigneten sich Vorfälle dieser Art äußerst selten in diesen sonst so stillen, kleinen Nestern der Ardèche.

Neben den Wagen der Polizei fanden sich noch die des Bürgermeisters, des örtlichen Abgeordneten und der unmittelbaren Nachbarn ein. Da das Haus weithin sichtbar die karge, felsige Landschaft überragte, hatte sich rasch herumgesprochen, was passiert war, und Dutzende Schaulustige waren herbeigeströmt.

Der Zugang zum Landhaus musste durch eine symbolische Sperre, ein Plastikband, abgesichert werden sowie durch drei Polizisten, um allzu ungezügelter Neugier Einhalt zu gebieten.

Während ein LKW mit der Leiche fortfuhr, betrachteten Polizisten und Behördenvertreter argwöhnisch die dicke Frau, die ihre Geschichte zum zehnten Mal, immer wieder schluchzend, weinend und sich schneuzend, wiederholte.

»Ich bitte Sie, lassen Sie doch wenigstens meine Freundinnen herein. Ah, da sind sie ja.«

Grace, Audrey und Sofia eilten auf Sylvie zu, um sie zu umarmen und zu trösten, ehe sie auf den umstehenden Sofas Platz nahmen.

Sylvie erklärte den Polizisten, weshalb sie hier waren.

»Über sie habe ich dieses Landhaus gemietet. Wir sind uns letzten Winter im Krankenhaus begegnet, bei Professor Millau, wir waren dort in Behandlung. Ach, mein Gott, wenn ich geahnt hätte …«

Und sie begann, die Geschichte nochmals für ihre Freundinnen zu erzählen.

»Ich begreife nicht, wie es dazu kommen konnte. Maurice war so nett dieses Jahr. Viel umgänglicher als die anderen Male. Unkomplizierter. Ich glaube, er wusste irgendwie, dass ich krank gewesen bin, dass ich Krebs hatte und eine Chemotherapie hinter mir. Vielleicht hat es ihm jemand gesagt. Oder er hat es geahnt. Die ganzen letzten Tage war er so zugewandt, erklärte mir immer wieder, dass er mich gernhätte, so wie ich sei, und dass ich ihm nichts zu verheimlichen bräuchte. Aber so einfach ist das nicht. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass ich durch die Behandlung mein Haar verloren habe und deshalb eine Perücke tragen muss. Ich glaube, am ersten Abend hat er mich gesehen, unten, im Schlafanzug und ohne Perücke, ich habe ein Buch gesucht, das ich im Supermarkt gekauft hatte und nicht mehr finden konnte. Gestern Abend, als ich ihm, wir hatten zuvor noch Tee getrunken, an seiner Tür gute Nacht sagte, habe ich entdeckt, dass das verflixte Buch auf dem Bett in seinem Zimmer lag. Und als es dann so gegen Mitternacht war und ich immer noch nicht schlafen konnte – seit meiner Krankheit habe ich damit Schwierigkeiten –, dachte ich, du gehst jetzt einfach hin und nimmst dir das Buch, ohne ihn zu stören. Maurice hat friedlich geschlummert. Ich hab aufgepasst, dass ich keinen Lärm mache und ihn nicht wecke, ja, und dann, ich war gerade dabei, meine Hand auf das Buch zu legen, wirft er sich plötzlich auf mich. Es hat furchtbar weh getan, ich habe eine Messerklinge gesehen, habe geschrien und mich verteidigt, dabei ist er zurückgetaumelt, gegen die Wand geprallt, auf die Seite gefallen und dann, bums, wie ein Schlag ins Genick! Es war die Kante von seinem Nachttisch! Mausetot!«

Sie schluchzte, konnte nicht weitersprechen.

Der Kommissar rieb sich nicht eben überzeugt das Kinn und beriet sich mit seinen Leuten. Ein Unfall schien ihnen wenig wahrscheinlich. Warum hätte der Mann ein Messer in seinem Bett haben sollen, wenn er nicht einen Angriff seiner Cousine befürchtet hätte?

Ungeachtet der protestierenden Frauen, die ihrer Freundin beistanden, erklärte er Sylvie für verhaftet. Es waren nicht nur keinerlei Spuren eines Kampfes zu finden, sondern Sylvie war nach eigenen Aussagen auch Alleinerbin des Opfers. Man legte ihr Handschellen an und führte sie ab.

Der Kommissar ging nochmals allein nach oben, er trug Handschuhe und verstaute die beiden Beweisstücke in durchsichtigen Plastiktüten: ein riesiges Küchenmesser und ein Buch, Das Zimmer der dunklen Geheimnisse von Chris Black, dessen Seiten ebenfalls mit Blut befleckt waren.

Als er die Plastiktüte verschloss, die das Buch enthielt, überflog er, was unter den bräunlichen Blutspuren noch zu entziffern war, stieß einen Seufzer aus und murmelte:

»Manche Leute lesen wirklich miserable Bücher …«