CHARLOTTES INSEL

1

Endlich saßen sie in dem Hubschrauber, der sie und ihre Ausrüstung zur Insel Saradkov bringen sollte: eine große Maschine der russischen Luftwaffe, die von innen aussah wie eine fliegende Lokomotive und ansonsten so, als sei sie bereits im Zweiten Weltkrieg im Einsatz gewesen. Der Pilot war ein Mann mit mongolischen Gesichtszügen und einer unangenehmen ›Leckt-mich-doch-am-Arsch‹-Haltung, der seit seinen kurzen geknurrten Begrüßungsworten nicht mehr mit ihnen redete. Obwohl es arschkalt war, hatte er als Erstes seine Fliegerjacke ausgezogen und saß im halb aufgeknöpften Hemd hinter dem Steuerknüppel. Darunter trug er ein Elvis-T-Shirt.

Der Copilot machte dafür alles wieder wett, was Umgänglichkeit anbelangte. Er war verblüffend jung – eigentlich, überlegte sich Charlotte irgendwann, sah er aus wie ein Gymnasiast, der brave Sohn einer stolzen Mutter. Dass er eine Maschine wie diesen Hubschrauber zu fliegen imstande sein sollte, traute man ihm nicht ernsthaft zu.

Aber er war gut gelaunt, interessiert an ihrem Vorhaben, und er sprach ziemlich gut Englisch. Was, wie sich Charlotte sagte, man bei einem Piloten heutzutage ja erwarten durfte. Tatsächlich hatten alle Russen, mit denen sie bisher zu tun gehabt hatten, passabel Englisch gesprochen. Die meisten waren auch so erpicht darauf, ihre Kenntnisse an den amerikanischen Besuchern auszuprobieren, dass Charlotte sich zunehmend überflüssig vorkam.

Sie musste das Ganze als interessanten Abenteuerurlaub betrachten, sagte sie sich und mummelte sich in ihre Daunenjacke, die so dick wie ein Schlafsack war und in der sie trotzdem fror. Drei Monate auf einer Polarinsel, wann erlebte man das schon mal?

Wobei ihr allmählich dämmerte, warum Polarinseln keine besonders populären Urlaubsziele waren.

Eine Zeit lang hatte es so ausgesehen, als würden sie den größten Teil der drei Monate mit der Anreise verbringen. Getroffen hatten sie sich in Amsterdam. Dort war Leon van Hoorn zu ihnen gestoßen, ein niederländischer Fotoreporter, der für diverse renommierte Magazine arbeitete und den Adrian irgendwie dazu gebracht hatte, ihre Expedition zu dokumentieren. Leon war gute zehn Jahre älter als der Rest der Gruppe und bereits überall in der Welt gewesen; wenn er zu erzählen anfing, kam man sich vor wie ein feiger, ahnungsloser Stubenhocker. Was wiederum halb so schlimm war, weil Leon – groß, durchtrainiert und unerschütterliche Selbstsicherheit ausstrahlend – einem zugleich das Gefühl gab, er werde schon auf einen aufpassen. Charlotte fühlte sich jedenfalls deutlich besser, seit der Reporter mit von der Partie war.

Auch in diesem Augenblick wirkte er, als sei er Hubschrauberflüge so gewohnt wie ein Pariser Berufspendler die Metro. Er saß Charlotte gegenüber und flirtete schreiend mit Angela MacMillan, der Biologin, die neben ihm saß, ein Buch auf dem Schoß.

Ein Buch! Charlotte war es unverständlich, wie man es fertigbrachte, sich in dieser Situation – im Bauch eines dröhnenden, bockenden Fluggeräts, in dem es nach Dieselabgasen stank und einem der Lärm sämtliche Knochen im Leib zu Staub zermahlen wollte – auf ein Buch zu konzentrieren! Aber Angela war womöglich noch cooler als Leon. Die Biologin, eine herbe Erscheinung mit helmartiger Kurzhaarfrisur (»Haare waschen und kämmen ist Zeitverschwendung«, hatte sie erklärt), war bewundernswert unverklemmt und sagte immer geradeheraus, was sie dachte. »Ich weiß nicht, wozu du dabei bist«, hatte sie Charlotte gleich nach dem ersten Händeschütteln ins Gesicht gesagt. Und als Leon van Hoorn von seinen Erfahrungen in der Antarktis erzählt hatte, hatte sie ihn gefragt, wie das unter solchen Bedingungen mit Sex sei. Leon hatte gelacht: Wozu sie das wissen wolle? »Na, du gefällst mir ein bisschen«, hatte Angela unverblümt erwidert. »Könnte schon sein, dass ich dich mal anbaggere.« Da war selbst der welterfahrene Leon sprachlos gewesen.

Bis jetzt hatte sich in der Richtung aber noch nichts weiter entwickelt, soweit Charlotte das mitbekommen hatte. Von Amsterdam waren sie nach Helsinki geflogen, weil Adrian sich in den Kopf gesetzt hatte, so viel wie möglich von Europa zu sehen, wenn er schon einmal hier war. Im dortigen Hotel hatten die beiden Frauen sich ein Zimmer geteilt, und an dem Abend hatte Angela ihr erklärt, sie müsse Leon erst noch ein bisschen beschnuppern. Dann hatte sie ihr einen Vortrag über Funktion und Spielarten der Balz in der Tierwelt gehalten, von dem Charlotte vielleicht die Hälfte verstanden hatte. Da war sie sich zum ersten Mal ernsthaft fehl am Platz vorgekommen.

Aber wenn einem vor nichts grauste, schien mit ihr gut auskommen zu sein. Charlotte fragte sich, wie ihr Vater, der Diplomat, der praktisch niemals sagte, was er wirklich dachte, und Angela wohl miteinander klargekommen wären.

Von Helsinki waren sie mit einem Mietwagen nach Sankt Petersburg gefahren, wo Adrian, unbedingt, noch eine Stadtführung mitmachen musste. Am nächsten Tag hatten sie den Zug nach Murmansk genommen, und auf dieser Fahrt war es Morley zum ersten Mal schlecht geworden.

Morley Mann war Klimatologe wie Adrian. Sein Spezialgebiet waren Klimasimulationen im Computer, und er verkörperte sozusagen das Gegenteil von Leon: wuschelhaarig, schmächtig, unsicher und so empfindlich, dass er unwillkürlich Beschützerinstinkte wachrief. In Sankt Petersburg hatte er darauf bestanden, noch etwas zu essen, ehe sie in den Zug stiegen, und zwar an einem Imbissstand, der so unappetitlich ausgesehen hatte, dass Charlotte dort nicht einmal eine Serviette in die Hand genommen hätte. »Damit ich nicht in Unterzucker komme«, hatte Morley erklärt. Kurz nach Wolchow war er dann zum ersten Mal auf die Toilette gestürzt, um sich zu übergeben.

Es war absehbar, dass Morley sich im Polarmeer schwertun würde.

Morley habe unbedingt mitkommen wollen, hatte Adrian ihr anvertraut. Um Erfahrungen zu sammeln. Sich seine Männlichkeit zu beweisen, vielleicht. Auf jeden Fall habe er ein Buch gelesen, das dazu riet zu tun, wovor man Angst habe, und war entschlossen, diesen Rat zu befolgen.

Deswegen hing er jetzt hier in den Sicherheitsgurten, weiß im Gesicht und halb im Koma. »Kümmert euch nicht um mich«, hatte er noch rausgebracht. »Wenn wir da sind, wird alles besser.«

In Murmansk hatten sie sich zusammen mit ihrer Ausrüstung, die per Spedition angeliefert worden war, auf einem Eisbrecher der russischen Marine eingeschifft. Der hatte sie zu einem Militärstützpunkt auf Nowaja Semlja gebracht, wobei Morley unterwegs selbstredend seekrank geworden war. Auf dem Stützpunkt war ihre Ausrüstung zum etwa siebten Mal genau kontrolliert worden, ehe man ihnen erlaubte, alles in den Hubschrauber zu laden. Anschließend ging es sofort los. Dass es schon Abend war, spielte keine Rolle; sie befanden sich nördlich des Polarkreises, die Sonne würde bis Oktober nicht mehr unter den Horizont sinken.

Adrian erzählte dem Copiloten alles über ihre Expedition, was es zu erzählen gab: dass sie von der Boston University kamen. Dass die Daten, die sie auf der Insel Saradkov gewannen, in ein weltweites Projekt einfließen würden, in dessen Rahmen im Lauf der nächsten Jahre bis zu hundert Polarinseln untersucht werden sollten, um anhand der Ergebnisse die Klimamodelle zu verbessern. Dass Saradkov darunter die erste russische Insel sein würde. Alles, was er schon hundertmal irgendwelchen Entscheidern, Presseleuten und unter anderem auch ihr, Charlotte, erzählt hatte. Als er damit durch war, fragte der Copilot, ob Adrian eigentlich wisse, dass Saradkov im Volksmund auch »die Teufelsinsel« genannt werde?

Charlotte lehnte den Kopf nach hinten, schloss die Augen und tat, als habe sie das nicht gehört. Sie hatte Adrian absichtlich nichts von diesen Legenden erzählt.

»Die Teufelsinsel?«, wiederholte Adrian. »Wieso das?«

Der Copilot lachte. »Also, ich habe da ja meine eigene Theorie. Wissen Sie, wie die Insel aussieht? Auf der Karte, meine ich?«

»Klar«, erwiderte Adrian. Sie führten eine ganze Mappe mit Satellitenaufnahmen, Radarauswertungen und dergleichen mit sich.

»Okay. Die Insel ist ein längliches Oval, bis auf die zwei Landspitzen, die in Richtung Nordnordwest ins Meer ragen. Die Enden der beiden Bergrücken, zwischen denen der große Gletscher liegt – haben Sie die bemerkt?«

»Ich weiß, was Sie meinen. Zwei Landzungen, ziemlich steil abfallend.«

»Genau. Also – das sind die Teufelshörner, denke ich. Insgesamt sieht die Insel aus wie ein Teufelskopf, verstehen Sie? Daher der Name.«

»Ach so«, meinte Adrian. »Ja, das ist einleuchtend.«

Charlotte fand das überhaupt nicht einleuchtend, im Gegenteil. Um eine alte Volkssage zu erklären, war das in ihren Augen so ungefähr die unplausibelste Erklärung von allen: Die Gestalt der Insel sah man schließlich nur aus der Luft! Auf so eine Idee konnte nur ein Flieger kommen.

Sie drehte sich zur Seite, spähte durch die Luke neben ihrer linken Schulter hinaus. Immer noch das gleiche Bild: ein graues, fast schwarz wirkendes Meer, das sich auf seltsam paralysierte Weise bewegte, eine zunehmende Zahl dahindriftender Eisblöcke, und über allem ein bleifarbener, konturloser Himmel. Ödnis, so weit das Auge reichte.

Teufelsinsel.

Da hatte sie sich auf etwas eingelassen! Irgendwann tauchte die Insel endlich auf, wie der Rücken eines weißen Wals, der gelähmt im Wasser trieb. Der Hubschrauber umkreiste sie. Saradkov bestand aus etwa dreißig Quadratkilometern Schnee und Eis, aus denen zwei parallele Linien kahler Felsen herausragten; das war alles. Nur an der Südspitze, die der Pilot schließlich ansteuerte, kam auf einem Küstenstreifen stellenweise dunkelbrauner Fels zum Vorschein. Von oben wirkte es, als landeten sie auf der Krempe eines etwas eingedrückten Hutes.

Viel ungemütlicher konnte es auf einem Jupitermond auch nicht sein, schoss es Charlotte durch den Kopf.

»Da ist die Hütte«, sagte Adrian.

Charlotte folgte seinem Blick. Ein Stück den Hang hinauf stand etwas Winziges, Dunkles, armselig verloren Aussehendes. Sie blinzelte. Wenn das da tatsächlich die ehemalige Wetterstation war, dann … dann war alles noch viel größer und kahler, als sie es bis jetzt wahrgenommen hatte.

Niemand wisse, in welchem Zustand die Hütte sei, hatte man ihnen gesagt; seit Jahrzehnten sei niemand mehr auf Saradkov gewesen. Falls sie den Verschlag benutzen wollten, gerne, aber sie sollten zur Sicherheit gute Zelte mitnehmen. Was sie natürlich getan hatten.

Die Landung geriet heftig. Der Hubschrauber bockte, schlug nach links und rechts, musste noch einmal hochgezogen werden, und als er endlich aufsetzte, tat er es mit der Grazie eines Hammers, der auf einen Amboss fällt.

Der Pilot schaltete die Turbine nur in den Leerlauf; offenbar hatte er Sorge, sie könnte nicht wieder anspringen. So mussten sie ihre Ausrüstung ausladen, während sich hoch über ihren Köpfen das Hubschrauberblatt mit drohendem WUBB-WUBB-WUBB drehte wie ein rotierendes Schwert.

Der Copilot half ihnen. Als Adrian etwas wegen der harten Landung sagte und wie schade es sei, dass sie kein gutes Wetter erwischt hätten, lachte der junge Russe. »Aber das ist gutes Wetter! Bei schlechtem Wetter hätten wir umkehren müssen.«

Charlotte sah, wie Adrian große Augen bekam. Das schien ihn nun doch ein wenig zu schocken. »Gut zu wissen«, ächzte er.

»Die alten Piloten erzählen, dass irgendwann in den Sechzigern mal einer mit einem Jet auf der Insel gelandet sein soll – bei Sturm auch noch! Wegen eines Maschinenschadens«, erzählte der Copilot weiter. »Aber ehrlich gesagt halte ich das für eine Legende.«

Morley, der mit zombiehaften Bewegungen beim Ausladen half, dessen Bemühungen aber eher symbolischer Natur waren, schien allmählich zu sich zu kommen. Die ungesunde Blässe seines Gesichts wich einem ungesunden Rot, woran vermutlich der kalte Wind schuld war, der sich einem in die Haut fraß.

Schließlich war alles ausgeladen, der Laderaum des Hubschraubers auch nach dem fünften prüfenden Blick leer. Bestürzend. Auf der Laderampe der Spedition in Murmansk hatte es nach so viel ausgesehen; als sie es in den Hubschrauber geladen hatten, war es ein regelrechter Berg gewesen – doch hier und jetzt, in dieser maßlosen Ödnis, schien es nur noch ein erbärmliches Häufchen zu sein. Damit sollten sie drei Monate lang auskommen? Fünf Personen? Charlotte war sich auf einmal sicher, dass sie sich verrechnet hatten.

Der Pilot machte eine Geste, irgendetwas mit Telefonieren. »Ach ja«, fiel dem Copiloten ein. »Sie müssen Ihr Funkgerät testen, ehe wir abfliegen. Das ist Vorschrift.«

Adrian holte das Gerät, das die Größe eines Aktenkoffers hatte und vertrauenserweckend solide aussah, mit dicken, stattlichen Schaltern, die man auch mit Fausthandschuhen bedienen konnte. Als Antenne diente ein zwanzig Meter langes Kabel, das zwei Personen wie eine Wäscheleine aufspannen mussten. Charlotte wollte das eine Ende nehmen, doch Adrian schüttelte den Kopf und reichte ihr Kopfhörer und Mikrofon. »Dein Part ist, mit denen zu reden! «

Na endlich – sie wurde gebraucht! Charlotte drückte die Sprechtaste. »Hier Forschungslager Saradkov«, sagte sie auf Russisch. »Ich rufe Basis Rogachevo. Rogachevo, bitte melden.«

Es knackte und rauschte im Kopfhörer, dann hörte sie eine belustigt klingende, tiefe Stimme. »Saradkov, hier Nowaja Semlja, Basis Rogachevo. Ich höre Sie klar und deutlich. Wie ist das Wetter dort oben?«

Charlotte musste schmunzeln. »Zu kalt zum Baden, fürchte ich.«

»Otschen shal! Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja einen heißen Sommer.« Die Stimme wurde förmlich. »Funktionstest erfolgreich. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Rogachevo, Ende.«

»Danke. Saradkov, Ende.« Charlotte schaltete ab. Sie war froh, die Kopfhörer abnehmen und die Kapuze wieder über ihren Kopf ziehen zu können.

Als sie aufsah, blickte sie in die Augen des Copiloten. »Sie sind die Tochter des französischen Botschafters, hat man uns gesagt«, meinte der.

»Äto wjerno«, bestätigte Charlotte.

»Sie sprechen hervorragend Russisch. Wenn Sie mir erzählt hätten, dass Sie Moskowiterin sind, hätte ich Ihnen das geglaubt.«

Charlotte erhob sich, lächelte. »Sie übertreiben.«

»Kein bisschen.«

Nun winkte auch der Pilot, der offenbar die Rückmeldung bekommen hatte, dass die Funkverbindung funktionierte. Er schien sogar so etwas wie ein Lächeln zu versuchen, aber da war sich Charlotte nicht sicher. Sie winkte trotzdem zurück.

Der Copilot schüttelte ihr die Hand, dann den anderen, wünschte ihnen viel Glück und alles Gute und verabschiedete sich mit: »Bis in drei Monaten!«

Dann kehrte er zum Hubschrauber zurück, winkte noch einmal, während er sich anschnallte. Im nächsten Moment heulte die Turbine auf, und die Maschine hob ab. Eine Wolke dunklen Qualms hinter sich herschleppend, donnerte sie über das graue müde Meer davon.

Sie blieben alle stehen und sahen dem Hubschrauber nach, bis er außer Sicht und nicht mehr zu hören war. Da sind wir nun, dachte Charlotte. Fünf Leute, abgeschnitten von der Welt. Kein Telefon, kein Internet, kein Fernsehen. Drei Monate lang. Allein und aufeinander angewiesen.

Doch obwohl ihr die Kälte schon jetzt in alle Glieder kroch, hätte sie zu ihrem eigenen Erstaunen am liebsten laut gejauchzt vor Begeisterung.

Einen Moment lang standen sie alle still da, trotz der Kälte. Jeder schien den Augenblick auszukosten, in dem ihr Abenteuer im Polarmeer begann.

Dann kam Leon van Hoorn zurück, der aus einiger Distanz alles fotografiert hatte – die Verabschiedung, den Abflug des Hubschraubers; auch während des Ausladens war er immer wieder davongesprungen, um rasch ein paar Bilder zu schießen. »Ganz schön frisch, was?«, rief er, seine Kamera in ihre Schutzhülle packend. »Da wünscht man sich doch fast, das mit der globalen Erwärmung wäre schon ein bisschen weiter gediehen.«

Die beiden Klimatologen warfen ihm unisono finstere Blicke zu. »Das ist nicht witzig, Leon«, meinte Adrian.

Der hob entschuldigend die Hände, grinste. »Alles klar. Ich sollte nicht versuchen, Witze zu reißen. Hat meine Ex-Freundin auch immer gesagt.«

Adrian nickte unwillig und schaute dann in die Runde. »Okay. Punkt eins der Tagesordnung: Unterkunft.« Er blickte zweifelnd in Richtung der abgewrackt aussehenden Hütte, die ein paar Hundert Meter entfernt am Fuß des Berghangs stand. »Die Wetterstation auf Saradkov war von 1949 bis 1967 in Betrieb. Das heißt, das Ding steht seit über vierzig Jahren leer. Ist wahrscheinlich nur noch eine Ruine.«

»Anschauen können wir sie uns doch trotzdem«, meinte Angela. »Es ist immerhin die einzige Sehenswürdigkeit von Menschenhand hier.«

Adrian hob die Augenbrauen. »Das Sightseeing wird schon nicht zu kurz kommen. Aber zuerst sollten wir einen Platz für die Zelte finden. Möglichst eben und windgeschützt –« Er hielt inne, blickte die Küstenlinie entlang. Hier gab es keine windgeschützten Stellen. »Zumindest eben.«

»Ich fände es besser, wenn wir uns erst mal die Hütte anschauen«, sagte Leon. Er hob sofort beschwichtigend die Hände. »Ich meine nur. Kleiner Vorschlag eines Weltenbummlers. Der Vorteil einer Hütte ist, dass sie feste Wände hat. Besonders bei einem Schneesturm lernt man das schnell zu schätzen.«

Vor Charlottes innerem Auge blitzte die Vorstellung auf, wie ein wütender Sturm ihr Zelt niederriss und davontrug. Unfug natürlich; die Zelte, die sie mitgebracht hatten, waren sturmsicher gebaut. Aber es fröstelte sie trotzdem. Sie sah Adrian bittend an.

Der nickte gleichmütig. »Okay. Schauen wir sie uns an. Ehe wir lang diskutieren.«

Sie stapften hügelan, über knirschende Schneereste und rauen Fels. Man hätte einen Film hier drehen können, dachte Charlotte, der auf einem anderen Planeten spielt. Nichts wuchs hier, nicht einmal Flechten. Die braunen Felsbrocken waren nackt und kahl.

Aus der Nähe wirkte die Hütte auch nicht viel interessanter als aus der Entfernung: ein simpler Klotz aus grauem verwittertem Holz, mit einem schrägen Dach, aus dem ein blecherner Schornstein ragte, einer Bohlentür und einem einzigen kleinen Fenster in jede Richtung. Und sie war winzig, eine Unterkunft für ein, zwei Leute, die hier einen denkbar unbequemen Dienst verrichtet hatten.

»Das Hilton ist es nicht gerade«, meinte Adrian, als sie davor standen.

»Aber sie steht noch«, meinte Angela, die offenbar auch nichts gegen feste Wände gehabt hätte.

»Solche Hütten werden üblicherweise stabil gebaut, und die Kälte konserviert alles«, erklärte Leon. »Holzschädlinge und dergleichen haben keine Chance. Die Hütten, die Ernest Shackleton und Robert Scott vor über hundert Jahren in der Antarktis gebaut haben, stehen immer noch. Man könnte heute noch darin wohnen. Gut sogar.«

Angela sah ihn von der Seite an. »Woher weißt du das? Warst du da mal?«

Leon nickte. »Ich hab vor, na, fünf Jahren oder so eine Fotoreportage über die McMurdo Station gemacht, die amerikanische Forschungssiedlung am Ross Schelf. Fünf Wochen Antarktis. Da ist es knackig kalt! Dagegen ist hier Badesaison.«

Die Tür besaß kein Schloss. Sie wurde nur von einem simplen Riegel aus Holz zugehalten, von dem ein Bolzen durch einen Schlitz ging, um ihn auch von innen öffnen zu können. »Da pfeift garantiert der Wind rein«, meinte Adrian und öffnete die Tür.

Sie betraten einen Vorraum, in dem die Meteorologen, die zu Sowjetzeiten hier tätig gewesen waren, vermutlich ihre Schutzkleidung aufgehängt und ihre Stiefel abgestellt hatten. Die Tür rechts führte in einen Lagerraum, in dem noch ein Stapel Brennholz und zwei Säcke Kohlen standen. »Na, das sieht doch schon mal gut aus«, meinte Leon in geradezu wollüstigem Ton.

Hinter der Tür zur Linken befand sich ein enges, primitives Plumpsklo. Auch hier roch man nichts, die Kälte hatte wohl alle Exkremente konserviert.

»Sieht so aus, als hätte man einfach Ätzkalk drübergeschüttet«, meinte Angela nach einem fachfraulichen Blick in das Loch.

Durch die dem Eingang gegenüberliegende Tür gelangten sie schließlich in den eigentlichen Wohnraum. Mitten darin stand ein schwerer gusseiserner Ofen, auf dem man seinerzeit bestimmt auch gekocht hatte.

Charlotte hatte erwartet, einen Raum zu betreten, in dem es muffig roch, nach alter Wäsche, feuchtem Holz und abgestandener Luft – aber nichts dergleichen. Es roch nach … überhaupt nichts. Zunächst einfach, weil keine Wäsche da war, die hätte muffig riechen können – die einzigen Gegenstände aus Stoff waren zwei Matratzen auf zwei Betten, die über Eck standen. Das Holz war trocken von der Kälte. Und der Wind war vermutlich, trotz aller Bemühungen der Erbauer dieser Unterkunft, auf Dauer doch stark genug gewesen, um immer wieder für Luftaustausch zu sorgen.

»Kuschelig«, meinte Angela. »Wir Mädchen kriegen die Betten.«

Adrian schien auch angetan. »Ich muss zugeben, das hab ich mir schlimmer vorgestellt. Essensreste überall, Ratten, die über den Fußboden tanzen und so weiter.« Er blickte zu einem Bild Lenins auf, das gerahmt an der Wand hing. »Okay. Schaffen wir die Ausrüstung her.«

Morley ging vor dem Ofen in die Hocke und öffnete eine Klappe. »Ziemlich basic technology. Mal gespannt, wie wir damit zurechtkommen.«

»Vorsicht«, sagte Leon. »Wir müssen uns das Kaminrohr genau anschauen, ehe wir den Ofen in Betrieb nehmen. Das könnte verrußt oder sonst irgendwie verstopft sein. In dem Fall würden wir uns mit Kohlenmonoxid vergiften.«

»Wir stellen erst mal unseren eigenen Ofen auf«, sagte Adrian. Sie hatten einen Heizofen dabei, der mit flüssigem Brennstoff betrieben wurde. »Aber ansonsten nicht schlecht.« Er drehte sich einmal um sich selbst. »Man hat das Gefühl, die sind gerade erst gegangen.«

»Wobei sie ihre Funkausrüstung mitgenommen haben.« Leon trat an den dicken, an der Wand befestigten Schreibtisch und fuhr mit der behandschuhten Hand über ein paar Schrammen. »Sieht aus, als hätte sie hier gestanden.« Er deutete auf leere Schellen an der Wand. »Da. Das könnte die Leitung zur Antenne gewesen sein.«

»Dann müssen sie einen Generator gehabt haben«, sagte Morley. Er blickte zur Decke, wo noch eine blanke Glühbirne in einer Fassung hing. »Ja. Eindeutig.«

»Den haben sie bestimmt auch mitgenommen.« Leon fasste unter die Tischplatte, wo ein Ablagefach war. »Ach, schau mal an.« Er förderte eine dicke, alte Kladde zutage. »Das Logbuch der Station, oder?« Er schlug es von hinten auf, blätterte durch die leeren Seiten bis zum letzten Eintrag. »Bingo. 1967. Einundzwanzigster irgendwas.« Er schob Charlotte das Buch hin. »Du kannst Russisch.«

Charlotte blickte auf die in enger, kyrillischer Handschrift beschriebene Seite hinab und seufzte. »Jetzt kommt es raus, dass ich doch keine Moskowiterin bin.«

Leon musterte sie irritiert. »Bitte?«

Sie sah ihn an. Ach so. Das konnte er nicht mitbekommen haben; sie hatte mit dem Copiloten ja Russisch gesprochen. »Ich kann Russisch sprechen, aber mit dem Lesen tu ich mich schwer. Ich hab keinen Kopf für andere Alphabete.«

Wobei – wenn sie die Worte Buchstabe für Buchstabe entzifferte und sich vorsagte … Sie studierte den Datumseintrag. Ein O, ein K … Na, das war leicht. »Oktjabr. Oktober. Einundzwanzigster Oktober 1967.«

Leon musterte sie verdutzt. »Wie lernt man Russisch, ohne es zu lesen?«

»Durch Hören. Hören und nachsprechen.« Charlotte zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht genau, wie das funktioniert. Wenn ich in ein anderes Land komme, dann versteh ich die Sprache irgendwann einfach.«

»Wow. Ich wollte, das könnte ich von mir auch sagen.«

Adrian trat neben Charlotte, nahm ihr das Logbuch aus der Hand, blätterte darin. Ein Tagebuch, eindeutig. Jede Menge Zahlen – Temperaturen, Luftdrücke, Windstärken, Windrichtungen. Er stieß einen leisen Pfiff aus. »Das ist ja eine Fundgrube. Selbst wenn wir den Text nicht verstehen, die Zahlen können wir lesen. Die nützen uns sowieso viel mehr.« Er hielt an einer Stelle inne, an der ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto eingeklebt war. »Schaut euch das an.«

Sie beugten sich alle über das Buch. Das Bild zeigte die Hütte, bis fast zu den Fenstern in Schnee begraben, und zwei Männer in dicken Pelzjacken, die grimmig grinsend davor posierten.

Adrian deutete auf das Datum darüber. »1962. Kannst du den Monat entziffern, Charlotte?«

Das war auch einfach. Der einzige Monatsname mit nur drei Buchstaben. Das hätte er selber gekonnt. »Maj. Mai.«

»Im Mai?«, keuchte Morley. »So viel Schnee im Mai? Das ist ja der Hammer.«

»Siehst du?«, sagte Adrian, an Leon gewandt. »Die globale Erwärmung hat schon ganz schöne Fortschritte gemacht. Daran ändert auch ein kalter Winter oder ein verregneter Sommer in Europa nichts.«

»Ich sag ja gar nichts«, meinte Leon friedfertig.

»Okay.« Adrian sah sich prüfend um. »Die Frauen kriegen die Betten, klar. Haben wir auf dem Boden Platz?« Er musterte die zur Verfügung stehende Fläche kritisch. »Wird ein bisschen eng, aber es müsste gehen.«

Charlotte fühlte sich auf einmal an ihr erstes Jahr in Harvard erinnert, im Dormitory, in einem Zimmer, das sie sich mit einer gewissen Carry Walsh hatte teilen müssen. Eigenartig: Es hatte fast denselben Grundriss gehabt wie dieser Raum. Die Aufstellung der Betten, der Schreibtisch, um den sie sich immer gestritten hatten … Genau so. Anstelle der Regale hier hatten ihre Schränke gestanden. Nur da, wo der Ofen aufgestellt war, war nichts gewesen.

Schon seltsam.

Nun, es waren nur drei Monate. Die würden auch vorübergehen.

Sie schafften die Ausrüstung herauf, verteilten die Schlafsäcke, stapelten die Kisten mit den Wochennummern – der Proviant für eine Woche war jeweils in einer Kiste verpackt – und die Kanister im Lagerraum, in dem alles schön kalt bleiben würde. Bei dem Brennstoff handelte es sich um eine spezielle Flüssigkeit, die für den Einsatz in arktischen Gebieten entwickelt worden war; sie gefror erst bei Temperaturen von minus 70 Grad Celsius. Solche Temperaturen würden sie hier nicht erreichen. In den Sommermonaten würden zwischen minus zehn und minus zwei Grad herrschen, im Juli konnten sie auf Spitzenwerte von bis zu zwei Grad plus hoffen.

Da würden sie dann wahrscheinlich im T-Shirt rausgehen, dachte Charlotte fröstelnd.

Sie sahen sich das Plumpsklo noch mal an. »Das benutzen wir nicht«, entschied Adrian. »Wir stellen unsere Expeditionstoilette hier drinnen auf.« Sie hatten eine Toilette dabei, wie sie bei Antarktisexpeditionen verwendet wurde. Alle Exkremente wurden in speziellen Plastikbeuteln gesammelt und mit genau zu dosierenden Chemikalien übergossen. Sobald die Beutel gefüllt waren, verbrannte man sie.

Morley nahm sich des Ofens an. Erstens, weil er vom Schleppen erschöpft war und schon wieder bleich zu werden begann, zweitens, weil er von ihnen eindeutig der Technik-Crack war. Also beauftragte ihn Adrian, den Ofen aufzustellen und einzuheizen, eine Aufgabe, der er sich dankbar und zielstrebig annahm.

Erstaunlich, was für einen Unterschied es machte, ob ein Raum kalt wie ein Kühlschrank war oder von gemütlicher, bullernder Wärme erfüllt! Als endlich alles untergebracht war, Charlotte ihre dicke Daunenjacke ausziehen und aufhängen konnte und auf Socken in die gute warme Stube trat, war das fast besser als Weihnachten.

»Ich bin todmüde«, bekannte Angela.

Adrian sah auf seine Armbanduhr. »Kein Wunder, es ist ja auch zwei Uhr früh.«

Tatsächlich. Dass die Sonne nicht unterging, irritierte kolossal. Charlotte fühlte sich ebenfalls hundemüde, aber sie hatte es auf die Strapazen der Reise und das Schleppen der Kisten zurückgeführt. Ihrem Gefühl nach war es später Nachmittag. Doch das kam nur durch das Licht. Die Sonne wanderte einfach ringsherum den Horizont entlang, ein heller Fleck hinter dem eintönigen Grau, das den Himmel bedeckte.

Sie öffneten die Kiste mit der Aufschrift »Woche 1« und machten eine Gulaschsuppe warm. Dazu gab es kompakten, zahnfüllungsunfreundlichen Militärzwieback.

Es schmeckte himmlisch.

Adrian und Leon gingen noch einmal hinaus, um einen großen Topf voller Schnee zu besorgen, den sie auf dem Ofen schmolzen, damit sie am Morgen Wasser zum Waschen und für den Kaffee hatten. Wobei während ihres Aufenthalts hier nicht viel Körperhygiene stattfinden würde. Zähneputzen und ab und zu ein nasser Waschlappen, das musste genügen. Die nächste Dusche war für Ende September vorgesehen.

Aber Charlotte war so müde, dass ihr sogar das egal war. Sie kroch in ihren Schlafsack und war sofort weg.

Charlotte erwachte vom Klappern ihrer eigenen Zähne. Es war mühsam, sich zu bewegen. Sie fühlte sich, wie sich eine Rinderschulter im Gefrierfach eines Supermarkts fühlen musste. Mit klammen Fingern zerrte sie am Reißverschluss ihres Schlafsacks. Kleine Eiskristalle rieselten herab: Raureif, der sich auf der Außenseite gebildet hatte!

Sie sah sich blinzelnd um. Die anderen schliefen noch. Einer der Männer schnarchte: Morley, wie es ihr schien. An den Fenstern erstrahlten Eisblumen.

Das musste ein Albtraum sein. Ganz bestimmt war das ein Albtraum. Nie im Leben würde sie in dieser Kälte bis September durchhalten. Sie würde eine Lungenentzündung bekommen und sterben, und die anderen würden sie gefriergetrocknet mit nach Hause nehmen.

Sie verkroch sich noch tiefer in den Schlafsack, zog den Reißverschluss wieder zu, und wundersamerweise schlief sie wieder ein. Als sie das nächste Mal erwachte, geschah es, weil sie jemand rüttelte und sagte: »Aufstehen. Der Kaffee ist gleich fertig.« Und es war warm. Angela spazierte gerade splitternackt quer durch den Raum.

Sie hatten eingeheizt und in einer Ecke einen Vorhang aufgehängt, hinter dem man sich waschen konnte. Charlotte war noch so durchgefroren, dass sie es bei einer Katzenwäsche beließ. So cool wie Angela würde sie ohnehin nie werden.

»Wir können den Raum nicht durchgehend heizen«, erklärte Adrian beim Frühstück. »So viel Brennstoff haben wir nicht. Einmal am Tag, um uns durchzuwärmen, das muss genügen.«

»Meine Zahnpasta war heute Morgen gefroren«, erzählte Angela. Es schien sie zu belustigen.

»Meine Kontaktlinsenflüssigkeit auch«, bekannte Morley, weniger belustigt. Er blinzelte heute früh so kurzsichtig wie ein Maulwurf.

»Ihr müsst solche Sachen mit in den Schlafsack nehmen«, riet Leon. »Ich nehme zum Beispiel die Kameras zu mir, vor allem wegen der Batterien. Die sind in der Kälte sonst am nächsten Morgen leer.«

Charlotte saß in der Runde, wärmte sich am Metall des Kaffeebechers in ihrer Hand und hörte zu, wie die anderen diskutierten. Sie hatten die Unterlagen vor sich ausgebreitet und besprachen, wie sie vorgehen wollten.

Auf jeden Fall erst mal den biologischen Status quo abseits der Umgebung der Hütte dokumentieren, beharrte Angela, und als Leon nachfragte, was sie darunter verstünde, erklärte sie ihm: »Hier ist alles kontaminiert. Was hier lebt, ist von Menschen eingeschleppt. Mich interessiert aber, wie sich das Leben in einer so kalten Umgebung frei gewordenes Land zurückerobert. Das werden zuerst Algen sein, die das Meer anschwemmt und die sich festsetzen, dann Flechten und dergleichen. Das ist hochspannend.«

Adrian hatte sein Logbuch auf dem Schoß. Auch heute noch, im Zeitalter der allgegenwärtigen Computer, verließen sich Forscher lieber auf ein handgeschriebenes Protokollbuch, hatte er Charlotte unterwegs erklärt. Er und Morley besprachen über einer großen Satellitenaufnahme der Insel, wie sie den Gletscher kartografieren wollten. Mit etwas Glück, meinte Adrian, würden sie in den Sommermonaten vielleicht eine Rutschung miterleben. Bei diesem Wort bekamen beide leuchtende Augen.

Charlotte fand die Vorstellung nicht ganz so berauschend, aber sie sagte sich, dass der Gletscher, soweit sie das verstanden hatte, ja nicht über die Hütte hinweg abrutschen würde. Sie lagen hier gut geschützt hinter dem höheren der beiden Felsrücken. Am wahrscheinlichsten war ein Abrutschen entweder in Richtung Nordnordwest, in die Bucht zwischen den Teufelshörnern, oder nach Südsüdost, dem entgegengesetzten Ende.

Sie zupfte eine der Aufnahmen aus dem Stapel. Sie waren alle von einem mit Radar ausgestatteten Satelliten gemacht worden und zeigten das Relief der Felsstruktur unterhalb der Eismassen. Nahe des Zentrums der Insel, etwa vier Kilometer Luftlinie von der Hütte entfernt, war ein winziger dunkler Punkt zu sehen. Sie deutete darauf und fragte, ob jemand wisse, was das sei.

Adrian warf einen flüchtigen Blick auf das Blatt in ihrer Hand. »Das ist eine Radaraufnahme. Dann dürfte das Eisenerz sein.«

Charlotte griff nach einer ähnlichen Aufnahme, die dem aufgedruckten Datum zufolge fünf Jahre älter war, und hielt sie daneben. »Gibt es Eisenerz, das sich bewegt? «

Jetzt blickten alle auf. Wenn man die beiden Bilder verglich, sah man, dass sich der dunkle Punkt nicht mehr an derselben Stelle befand wie vor fünf Jahren.

Morley machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dann ist es ein Meteorit. Deswegen ist der Punkt so klein; normale Eisenerzvorkommen sehen so nicht aus. Er steckt im Eis und bewegt sich mit dem Gletscher.«

»Ein Meteorit?« Leon horchte auf. »Das ist ja faszinierend. Und so was kann in einem Gletscher eingeschlossen sein? Fällt mir schwer, mir das vorzustellen. Sind solche Dinger nicht rot glühend, wenn sie die Atmosphäre passiert haben und auf das Eis aufschlagen? Der müsste doch durchschmelzen, oder?«

Morley schien das Thema alles andere als faszinierend zu finden. »Klar – er kommt auf, schlägt einen Krater ins Eis und versinkt. Wie tief, das ist eine Frage des Verhältnisses zwischen der Wärmekapazität des Meteoriten und der des Eises. Wasser kann nun mal ziemlich viel Wärme aufnehmen. Aber selbst wenn der Meteorit bis zum Grund durchgeschmolzen ist, wird er von einem wandernden Gletscher natürlich trotzdem weitertransportiert, als Teil des Geschiebes.«

»Könnten wir uns diese Einschlagstelle nicht mal ansehen?«, bat Charlotte. Leon nickte, ihn schien das auch zu interessieren.

»Wozu?« Adrian sah sie irritiert an. »Wir verstehen nichts von Meteoriten. Abgesehen davon, dass das Ding eh metertief im Eis steckt. Da dürfte kein Herankommen sein.«

Leon grinste. »Aber es gäbe tolle Bilder. Forschungsexpedition auf der Suche nach einem Meteoriten im ewigen Eis. So was fasziniert die Leute.«

Adrian rümpfte die Nase. »Dann soll Hollywood einen Film darüber drehen.« Er wandte sich wieder der großen Karte zu, zückte seinen Stift. »Also, Vorgehensweise: Wir stellen als Erstes unsere Messinstrumente auf. Anschließend packen wir das Schlauchboot aus und untersuchen die Küstenlinie rauf und runter, falls der Wind uns gnädig ist. Biologische Spuren, Zustand des Gletschers. Das ist das Dringendste, was wir festhalten müssen.«

Sie machten sich an die Arbeit. Für die meteorologischen Instrumente, die Windgeschwindigkeit, Temperatur, Niederschlag und so weiter messen würden, benutzten sie den Unterstand, der zweifellos seinerzeit die Geräte der sowjetischen Meteorologen beherbergt hatte. Morley installierte den mitgebrachten Generator im Lagerraum und schloss ihn an das bestehende Leitungssystem an, sodass sie die Glühbirne einschalten konnten und Strom auf den Steckdosen hatten. Anders als Adrian wollte er nicht auf seinen Laptop verzichten. »Den nehm ich auch mit in den Schlafsack«, erklärte er Charlotte, die derweil sauber machte, weil es sonst niemand tat. »Sagt man uns Geeks doch ohnehin nach, dass wir mit unseren Computern schlafen.«

Charlotte lächelte dünn. »Sag bloß, der Stecker passt.«

»Kein Problem«, erklärte Morley. »Die sowjetischen Stecker entsprechen mehr oder weniger dem heutigen Eurostecker, was immer uns das sagen will. Und dafür hab ich einen Adapter mit.«

Der Wind erwies sich als ungnädig. Er blies heftig und unregelmäßig, im Norden ballte sich dunkles Gewölle in das helle Grau des Himmels, und das Meer schlug scharfe, frostige Wellen. »Ich würd das mit dem Boot verschieben«, meinte Leon, der als Steuermann fungieren sollte. »Das sieht nicht gut aus.«

Adrian nickte. »Der Luftdruck ist ziemlich abgesackt. Besser, wir warten, bis das Wetter sich wieder beruhigt.« Er seufzte. »Gestern wäre es gut gegangen.«

Also änderten sie den Plan für den Tag. Leon zog los, um Fotos zu machen, die beiden Klimatologen stiegen zum Felsrücken auf, um den Eispanzer in Augenschein zu nehmen, und Angela beschloss, die Vegetation in südlicher Richtung entlang der Küste zu begutachten. Charlotte bot an, ihr zu helfen.

Große Strecken würden sie nicht zurücklegen. Angela ging alle paar Schritte in die Hocke, um irgendetwas am Boden zu betrachten. Wenn sie begeistert jauchzte, musste Charlotte ihr eine frische Plastiktüte reichen, in der sie dann Fetzen von graubraunem Felsbewuchs, glibberige Algenfäden oder dergleichen verstaute. Nebenher hielt sie ihr einen Vortrag über die Flora und Fauna der Polargebiete: Charlotte erfuhr unter anderem, wodurch sich eine Kältewüste auszeichnete, dass Flechten keine Pflanzen waren, sondern den Pilzen zugerechnet wurden, und dass es etwa fünfundzwanzigtausend verschiedene Arten davon gab, die Angela alle zu kennen schien.

Es war beißend kalt, wenn man so am Ufer entlangbalancierte, über zerklüftete Felsen und glitschige Steine wackelte und sich immer wieder hinhocken und den Tragekoffer auspacken musste. Die Plastiktüten mit Handschuhen herauszuziehen brauchte man gar nicht erst zu probieren: Im Nu hatte Charlotte das Gefühl, dass ihr die Finger abfroren. Dabei hatte es gerade mal minus zehn Grad, das war doch gar nichts!

»Das ist der Wind«, sagte Angela. »Adrian hat es mir erklärt. Der Wind trägt die Wärme deiner Haut schneller fort, und deshalb fühlen sich minus zehn Grad an wie minus zwanzig. Windchill heißt das.«

Das zu wissen war beruhigend, wärmte allerdings auch nicht. Charlotte war froh, als Angela sie bat, die gesammelten Proben zur Hütte zu bringen und im Lagerraum zu deponieren.

Die Hütte war zwar wieder ausgekühlt, aber es blies kein Wind, also war es darin vergleichsweise angenehm. Charlotte hatte keine Lust, gleich wieder rauszugehen. Sie blätterte ein wenig in dem alten Logbuch, entzifferte mühsam buchstabierend ein paar Einträge.

Schaden am Generator. Behelfen uns mit Batteriestrom für die Funkmeldungen hieß es am 2. Oktober 1963 etwa, und eine Woche später: Gelungen, den Generator zu reparieren. Endlich wieder Licht zum Lesen! Wie mochte der unbekannte Verfasser dieser Zeilen sich bis dahin beholfen haben? War im Oktober schon Nacht? Charlotte wusste es nicht. Sie blätterte weiter, suchte sich aufs Geratewohl eine andere Stelle aus. 9. Mai 1966. Angefangen, Solochows ›Der stille Don‹ zu lesen. Ergreifend. Nobelpreis zu Recht erhalten.

Charlotte schlug die vorderste Seite auf, betrachtete die Eintragungen. Das war unmöglich das offizielle Logbuch. In dem hätten bestimmt für jeden Tag mehrere Messwerte gestanden. Es war eher eine Art Tagebuch. Wenn ein Meteorologe Tagebuch schrieb, gehörten für ihn die aktuellen Wetterdaten sicher einfach dazu.

Vielleicht lohnte es sich, wenn sie sich die Mühe machte, es durchzulesen. Nach und nach, natürlich. Zeit hatte sie ja, mehr als genug.

Als Adrian und Morley von ihrem Ausflug auf den Gletscher zurückkehrten, war Morley weiß wie Schnee und völlig ausgelaugt. Er fiel in voller Montur auf seinen Schlafsack und schlief ein, noch ehe das Essen fertig war. Am Tag darauf klagte er über Kopfschmerzen, Halsschmerzen und Muskelschmerzen und nannte sich einen Versager und kompletten Vollidioten. Sie ließen ihn weiterschlafen, und irgendwann um die Mittagszeit stand er wieder auf den Beinen.

Beim nächsten Ausflug kam er ebenfalls erschöpft zurück, war aber nicht mehr ganz so erschlagen. »Ich teile mir meine Leiden ein«, erklärte er. »Das ist die einzige Methode, die funktioniert.«

An einem der folgenden Tage ließ der Wind nach, das Meer beruhigte sich und die beiden Klimaforscher waren sich einig, dass das noch eine Weile so bleiben würde. Sie würden es mit dem Boot riskieren. Also packten die drei Männer es aus, bliesen es mithilfe einer elektrischen Pumpe auf und trugen es zum Ufer.

Leon – der Einzige von ihnen, der Erfahrung mit solchen Booten hatte – montierte den Außenborder. Morley verstaute die Ausrüstung. Adrian bot Charlotte an, an seiner Stelle mitzufahren: Drei Personen waren die für diese Art von Einsatz vorgesehene Maximalbesatzung, und er würde noch oft hinausfahren.

Charlotte gruselte bei der Vorstellung, nur durch eine dünne Plastikplane vom Wasser des Polarmeers getrennt zu sein. Im Falle eines Falles würde sie auch die umzuschnallende Schwimmweste nicht retten; wie denn? »Nein«, sagte sie entschieden. »Danke, aber: Nein, danke.«

Also fuhren die drei Männer los, verschwanden Richtung Norden hinter den eisbedeckten Felsen und kamen erst zwei Stunden später zurück. Morley war seekrank, aber begeistert. »Eine ganz außergewöhnliche Formation«, schwärmte er, blassgrün im Gesicht. »Eine Art Eiskappe, durch kar-ähnliche Felsstrukturen am Platz gehalten. Das heißt, erst der allgemeine Temperaturanstieg hat überhaupt basales Gleiten in Gang gebracht. Wir müssen unbedingt eine Sondierung an der Abbruchkante machen!«

»Mit anderen Worten«, übersetzte Adrian, »wenn die Temperaturen lang genug einen bestimmten Grenzwert überschreiten, kann es sein, dass das gesamte Eis auf einen Schlag abrutscht.« Er schnaubte begeistert. »Dann ist was los!«

Leons Kommentar war pragmatischer. »Ich muss unbedingt Fotos von Land aus machen, wenn die beiden vor dem Gletscher herumkurven. Die kalten Farben, Weiß, Blau, Grau, und davor das knallrote Schlauchboot – das sieht großartig aus!«

An den folgenden Tagen fuhr Angela mit, ließ sich an anderweitig unzugängliche Stellen heranfahren, um Pflanzenproben zu nehmen. »Der Frau graust vor nichts«, berichtete Leon, als sie zurückkamen, und es war nicht klar herauszuhören, ob er sie bewunderte oder sich an ihrer Stelle grauste.

Abends galt es, alle Luft aus den Kammern des Bootes abzulassen – was der Sicherheitsventile wegen aufwendiger war als das Aufblasen –, es wieder zusammenzulegen und im Lagerraum zu verstauen: Selbst ein mäßiger Sturmwind hätte es sonst mit sich gerissen.

Nach und nach spielte sich so etwas wie ein Tagesrhythmus ein. Obwohl es dauernd mehr oder weniger hell war – genau genommen eher weniger –, versuchten sie, sich an die normalen Uhrzeiten zu halten. Nach einer Woche fiel ihnen ein, dass sie sich ja, streng genommen, auf Saradkov in einer ganz anderen Zeitzone befanden als in Sankt Petersburg, wo sie ihre Uhren zum letzten Mal umgestellt hatten, auf die dort geltende Moskauer Ortszeit nämlich. Saradkov aber lag drei Zeitzonen weiter östlich. Doch da sie sich nun schon eingewöhnt hatten, beschlossen sie, dass es einstweilen keinen Unterschied machte.

Irgendwie gewöhnte man sich im Lauf der Zeit auch an die ständige Kälte. Man trauerte der verlorenen Wärme nach, wenn man seinen Atem weiß davonwehen sah, futterte, so viel man kriegen konnte, und freute sich über jeden Moment, in dem man sich an irgendetwas wärmen konnte, und sei es nur an einer Tasse Kaffee aus der Thermosflasche. Charlotte zog zwei Trainingsanzüge übereinander an, dazu drei Paar Socken und eine Mütze, wenn sie schlafen ging, obwohl ihr alle sagten, es könne nicht sein, dass sie friere, weil ihr Schlafsack polartauglich sei und getestet bis minus zwanzig Grad. Sie ließ sie reden. Hauptsache, sie schlief endlich gut.

Zu ihrer eigenen Überraschung gefiel es ihr auf Saradkov mit jedem Tag besser – und zwar gerade weil die Insel so unwirtlich, so anstrengend, so elementar war. Hier umhüllten einen keine jahrhundertealten Konventionen. Hier lebte man nicht in jener Watte, in die die Oberschicht ihre Kinder packte. Hier war alles unverstellt, direkt, von brachialer Wirklichkeit. Die Kälte zerbrach den gesellschaftlichen Panzer, der Wind blies einem die Maske davon, und der aufs Minimalste reduzierte Alltag ließ einen erfahren, worauf es tatsächlich ankam und was nur Ballast war.

Charlotte hatte das Gefühl, zum ersten Mal in ihrem Leben in Kontakt mit der Wirklichkeit zu stehen. Wie grotesk! Ausgerechnet die lebensfeindliche Welt des Polarkreises brachte sie dazu, wahrhaftig zu leben!

Sie begann auch endlich mit ihren eigenen Forschungen. Sie kramte ihr Ausgrabungsset hervor, ihre Hämmerchen und Pinsel und Schaufeln, ihr eigenes Grabungsbuch, ihre eigene kleine Digitalkamera, und machte sich auf die Suche nach Spuren menschlicher Besiedelung in der Frühzeit. Leon bat, sie begleiten und fotografieren zu dürfen, und wollte wissen, wie sie auf die Idee komme, hier dergleichen finden zu können. »Wenn’s irgendwo eine Liste der Orte gibt, die von aller Welt vergessen sind, steht diese Insel doch ganz bestimmt weit oben drauf, oder?«

Also erzählte sie ihm, was man zum Beispiel über die Prä-Dorset-Kultur wusste. Dass die Vorfahren der heutigen Inuit oder Eskimos spätestens um dreitausend vor Christus die Beringstraße überquert haben und über Alaska bis nach Grönland vorgedrungen sein mussten – und das damals noch ohne Boote, nur über das Wintereis gehend, ohne Schlittenhunde oder stabile Behausungen. Genetische Untersuchungen eines bei Ausgrabungen gefundenen Haarbüschels, das viertausend Jahre alt war, hatten eine eindeutige Verwandtschaft dieser frühen Inuit mit Gruppen im östlichen Sibirien und auf den Aleuten erwiesen – nicht aber mit den Indianern. Die waren wesentlich früher nach Amerika eingewandert.

»Und ab da verlieren sich die Spuren«, erklärte Charlotte, mit den Augen unverwandt den Boden absuchend, während sie nebeneinander über die schwarzbraunen Felsen stapften. »Fest steht nur, dass auch die Vorfahren dieser Vorfahren letzten Endes aus Afrika gekommen sein müssen. Und die Frage, die ich mir stelle, ist, warum um alles in der Welt es sie in diese unwirtlichen Gegenden gezogen hat? In die Kälte?«

Leon stutzte. »Ja. Seltsam. Hab ich mich noch nie gefragt.«

»Man schätzt, dass zum Ende der letzten Kaltzeit vor zehntausend Jahren zwischen fünf und zehn Millionen Menschen auf der Erde lebten. Das ist die Bevölkerung einer Stadt wie New York, verteilt auf die gesamte Erde. Man sollte meinen, dass die genug Platz gehabt hätten.«

Leon wiegte den Kopf. »Ich weiß nicht. Ich habe immer mal wieder bei Nomaden gelebt – in der Mongolei, in Afrika … Das ist eine Lebensform, die wesentlich mehr Land benötigt als agrarische oder industrielle Gesellschaften. Wir können das nur schwer nachvollziehen. Ein Himba-Mann, der seine Herde durch den Norden Namibias treibt, kriegt schon Platzangst, wenn er pro Woche mehr als einem anderen Hirten über den Weg läuft. Und da reden wir von Kunene, einer Region mit einer Bevölkerungsdichte, die rein rechnerisch jedem Einwohner zwei Quadratkilometer Platz lässt.«

»Okay. Aber nun verteile zehn Millionen Menschen auf die Landmasse der Erde: Da könnte sich jeder auf fast fünfzehn Quadratkilometern ausbreiten.« Charlotte blieb stehen, betrachtete die leblose, endlose Einöde um sich her. »Ich sehe keinen Grund, dass sich da jemand in einer Gegend wie dieser niederlassen müsste.«

»Wahrscheinlich wirst du auch keine Spuren finden, dass sich jemals jemand hier niedergelassen hat.«

»Mag sein. Aber in Ostsibirien sieht es nicht viel anders aus, und dort hat man Überreste von Siedlungen gefunden.« Sie schüttelte den Kopf. »Es stimmt irgendwas nicht in unserem Geschichtsbild. Ich weiß nur nicht, was.«

Er sah gut aus mit seinem wild-verwegenen, aschblonden Haar, von dem dicke Locken unter der Kapuze hervorragten, und seinem wettergegerbten Gesicht. Charlotte überlegte einen Moment, wie es mit so einem Mann sein mochte, der viel unterwegs war und so viele interessante Dinge unternahm. Bestimmt hätte man in einer solchen Beziehung allen Freiraum, den man sich wünschen konnte, und vielleicht erlebte man Dinge, die nur wenige erlebten …

Doch, er gefiel ihr. Da ging es ihr wie Angela. Nur, dass sie es niemals so geradeheraus gesagt hätte.

Wobei Angela ihrer Ankündigung noch immer keine Taten hatte folgen lassen. Wenn man davon absah, dass sie morgens nackt vor ihm herumlief, was sie aber vermutlich sowieso getan hätte.

Leon betrachtete sie ihrerseits grüblerisch. »Du bist wirklich deswegen mitgekommen? Um zu schauen, ob du hier irgendwelche Speerspitzen oder Faustkeile findest? Hier, auf einem dreißig Quadratkilometer großen Hummelschiss von einer Insel, die nur noch knapp tausend Kilometer vom Nordpol entfernt liegt?« Er schüttelte den Kopf. »Das kann ich irgendwie gar nicht glauben.«

»Musst du auch nicht«, erwiderte Charlotte knapp und setzte sich wieder in Bewegung. »Verlangt kein Mensch.«

Dabei hatte er recht. Sie würde nichts finden. Adrian hatte ihr von den Funden in Ostsibirien erzählt, um ihr den Mund wässrig zu machen, und sie hatte sich gesagt, dass er einfach eine Dolmetscherin brauchte.

Beides war nur ein Vorwand gewesen. In Wahrheit war sie hier, weil ihr Michail Andrejewitsch Jegorow von einem dunklen Punkt im Eis auf der Insel Saradkov erzählt hatte. Der »Teufelsinsel«.

Eine Periode schlechten Wetters brach an. Eisregen fiel, und der Himmel wurde beinahe schwarz. Peitschende Sturmwinde trieben Schnee über die Insel, dass man durch die Fenster nur noch tosendes Weiß erblickte. Böen hämmerten gegen die Hütte, als begehrten Schaufelbagger Einlass. Durch den schmalen Schlitz in der Vordertür, in dem der Griff für den Riegel draußen verlief, drang so viel Schnee herein, dass sich auf dem Boden Haufen bildeten.

In diesen Tagen blieben sie in der Hütte und waren froh, nicht in Zelten zu hausen. Nur Adrian kämpfte sich regelmäßig hinaus, um die Instrumente abzulesen; er sah jedes Mal aus wie ein Schneemann, wenn er von dem nur wenige Meter entfernten Verschlag zurückkehrte. Ihn schien dieses Wetter regelrecht zu begeistern.

Zum Glück hatten sie kurz zuvor den Kamin geputzt. So konnten sie Holz und Kohle aus Sowjetbeständen verheizen und hatten es behaglich, ohne die mitgebrachten Brennstoffvorräte beanspruchen zu müssen.

Sie nutzten die erzwungene Ruhephase, um ihre Notizen zu sichten. Angela saß über dem Mikroskop und versuchte, ihre Funde zu bestimmen. Adrian und Morley diskutierten klimatologische Theorien, von denen Charlotte kein Wort verstand. Leon ging auf dem Display seiner Kamera die bisherigen Fotos durch, übertrug sie auf zusätzliche Speicherkarten, schrieb eine erste Fassung seiner Reportage.

Charlotte wollte sich nicht anmerken lassen, dass sie mit leeren Händen dasaß. Dass sie die vergangenen Wochen nur draußen herumgestapft war, um ihren Gedanken nachzuhängen. Dass diese Expedition für sie zunehmend zum Zen-Retreat wurde. Sie kritzelte in ihrem Grabungsbuch, aber es waren nur Einsichten, die sie festhielt, keine Fundberichte.

Und irgendwann ließ sie auch das Schreiben sein.

Der Blizzard dauerte an. Sie vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen. Leon verfügte über ein unerschöpfliches Repertoire an ungewöhnlichen Spielen, die er ihnen beibrachte. Nur Morley hatte keine Lust, sich zu beteiligen; er nahm sich stattdessen das alte Stationslogbuch vor und tippte die Wetterdaten daraus in seinen Laptop ab. »Wertvolles Vergleichsmaterial!«, erklärte er.

Charlotte sah immer wieder zu ihm hinüber, wie er an dem derb gezimmerten Tisch saß und das Notizbuch sorgsam durchging, Seite für Seite, jede Zahl, die er eintippte, noch einmal überprüfend, ganz in seine Tätigkeit versunken. Sie beobachtete ihn mit schlechtem Gewissen, weil er ihr in Erinnerung rief, dass sie sich ja vorgenommen gehabt hatte, das Logbuch Stück für Stück durchzuarbeiten und die Einträge zu entziffern. Sie hatte es immer wieder vor sich hergeschoben, und das, obwohl sie nicht wirklich anderes zu tun hatte.

»Sag mal, kann es sein, dass der Meteorit erst 1966 eingeschlagen ist?«, meldete sich Morley urplötzlich zu Wort. Sie waren gerade mitten in einer Partie »Letzte Chance«.

Adrian sah desorientiert von seinen Karten auf. »Was?«

»Hier.« Morley hielt ihnen das altehrwürdige Tagebuch hin. Mitten auf der Seite, die er aufgeschlagen hatte, prangte eine unbeholfene Zeichnung, die die Umrisse der Insel zeigte, und darin ein Kreuz, von dem zwei Striche schräg nach unten wegführten. »Sieht doch so aus, oder?« Er begutachtete die Skizze noch einmal. »Schade, dass das so ungenau gezeichnet ist. Wäre toll gewesen, wenn man anhand dessen hätte feststellen können, dass der Meteorit fünfundvierzig Jahre lang an derselben Stelle gelegen hat und erst in den letzten fünf Jahren angefangen hat, sich zu bewegen.«

Adrian legte seine Karten beiseite. »Charlotte soll den Text übersetzen, der dabeisteht.«

Morley reichte ihr das Logbuch. Charlotte nahm es entgegen, fühlte sich unbehaglich, dass jetzt aller Augen auf sie gerichtet waren. Dass sie diese Zeichnung übersehen hatte! Das Papier roch staubig, alt.

»Montag, 13 . Juni 1966 «, las sie stockend. »Temperatur –2,8°C. Seit Tagen anhaltender starker Wind aus NO mit 70 90 km/h. Himmel klar, keine Niederschläge. Luftdruck gleichbleibend bei –«

»Das hab ich alles schon«, meinte Morley ungeduldig. »Die Zahlen, meine ich. Die sind ja zum Glück allgemein verständlich.«

»Okay.« Charlottes Blick wanderte weiter. »Am Nachmittag plötzlich Lärm. Ein Düsenflugzeug, ganz tief, als wolle es auf der Insel landen. «

Sie hielt inne, musste Luft holen. Das war am Ende doch nicht etwa …?

»Neuer Absatz«, sagte sie. Die Schrift war undeutlicher, die Zeilen hastiger geschrieben. »Besuch. Leutnant Pjotr Jegorow musste oben auf dem Eis notlanden, Turbinenschaden. Er ist ziemlich durcheinander, hat von Teufelsfingern geredet, die aus dem Eis kämen und nach seinem Flugzeug und nach ihm gegriffen hätten. Die alten Schauergeschichten! Wann werden wir Menschen endlich Vernunft annehmen? Andererseits kann man verstehen, dass er durcheinander war. Er hatte Glück mit dem Gegenwind, sonst wäre er sicher ins Meer gestürzt. Er ist ohne Schutzkleidung umhergeirrt, als wir ihn gefunden haben. Wir haben ihm zu essen und Wodka gegeben und ihn ins Bett gesteckt, er fiebert. Pawel versucht, die zuständigen Stellen zu erreichen, aber der Funk ist gerade so stark gestört wie selten; ich weiß nicht, ob er viel ausrichten wird. «

»Dann bezeichnet das Kreuz die Landestelle, nehme ich an«, sagte Morley. »Und die Striche die Richtung, aus der die Maschine gekommen ist.« Er klang enttäuscht.

»Wie geht die Geschichte weiter?«, wollte Leon wissen.

»Dienstag, 14 . Juni 1966 «, fuhr Charlotte fort. »Temperatur … Okay, das lass ich weg. Im Prinzip wie am Vortag, nur der Wind hat nachgelassen.« Sie buchstabierte sich die nächsten Worte zurecht, sagte sie sich unhörbar für die anderen vor, um zu verstehen, was da stand. »Leutnant Jegorow geht es besser, aber er hat Fieber. Er hat uns gebeten, zu seinem Flugzeug zu gehen und ihm ein paar Dinge aus dem Cockpit zu bringen, eine Mappe mit wichtigen Unterlagen, soweit ich ihn verstanden habe. Da das Wetter stabil ist, haben wir beschlossen, nach dem Mittagessen aufzubrechen.«

Den nächsten Absatz musste sie mehrmals lesen. Sie zögerte. Irgendwas musste sie da missverstehen, oder? Das konnte doch nicht sein …

»Und weiter?«, fragte Adrian. »Ist ja richtig spannend.«

Charlotte räusperte sich. »Ich weiß nicht … Also, es kommt ein Querstrich, und dann steht da: Sind zurück. Können uns das nicht erklären. Das Flugzeug ist verschwunden.«

2

Leon pfiff leise durch die Zähne und legte seine Spielkarten beiseite. »Mit anderen Worten: Der schwarze Punkt auf dem Satellitenbild ist gar kein Meteorit. Das ist das Flugzeug. Es ist im Eis versunken.« Seine Augen glänzten auf einmal fiebrig.

Adrian musterte den Fotografen skeptisch. »Also, ich weiß nicht. Ich hab noch nie gehört, dass ein Flugzeug in einem Gletscher versunken wäre.«

Einen Moment lang lag eine eigenartige Spannung in der Luft. So ähnlich musste es sein, wenn Schatzsucher auf die entscheidende Karte stießen, auf das alte Pergament mit dem Kreuz an der richtigen Stelle.

Morley hob die Hand, wackelte damit. »Vorsicht. Nicht nach dem Lehrbuch, okay. Aber ich hab mal mit einem Glaziologen geredet … Also, eigentlich haben wir miteinander gesoffen, und nach dem vorletzten Bier ist er mächtig ins Reden gekommen. Jedenfalls: Es gibt gerüchteweise ein Phänomen, das dazu passen würde. Eine Art Treibsandeffekt, nur eben in Eis. Das hält sich als Legende hartnäckig, würde auch einige rätselhafte Unfälle erklären, vermisste Polarforscher und so weiter, ist bisher bloß noch nie unter Bedingungen beobachtet worden, die wissenschaftlichen Kriterien genügen.«

»Ich halte nichts von solchen Geschichten«, meinte Adrian. »Da ist man ruck, zuck bei Loch Ness und dem Yeti.«

Morley nickte. »Klar. Aber denk an die Geschichte mit den Monsterwellen. Davon haben Seeleute seit Jahrhunderten erzählt, und kein Wissenschaftler hat ihnen geglaubt. Bis man die Dinger vor ein paar Jahren auf Satellitenbildern tatsächlich entdeckt hat.« Nun stand auch in seinen Augen dieser Schatzsucherglanz. »Wenn das so wäre … wenn dort oben wirklich ein versunkenes Flugzeug im Gletscher steckt … das wäre der glaziologische Jackpot.«

»Eine sensationelle Geschichte wäre es auf jeden Fall«, bekräftigte Leon.

Adrian musterte die beiden immer noch zweifelnd. Dann nickte er Charlotte zu. »Lies weiter. Was steht da noch?«

Charlotte senkte den Blick wieder auf das alte Logbuch, betrachtete die hastig auf das derbe Papier gekritzelten kyrillischen Buchstaben, versuchte sich zu konzentrieren. Es fiel ihr schwer. »Leutnant Jegorow hat immer noch hohes Fieber. Wir haben ihm erzählt, dass sein Flugzeug nicht mehr da ist. Er erzählt wilde Geschichten, dass ihn Spinnen angegriffen hätten, und ist der festen Überzeugung, dass diese Spinnen das Flugzeug davongetragen haben.«

Fieber. Genau. Charlotte hatte auf einmal auch das Gefühl, Fieber zu haben.

»Nächster Tag.« Sie überflog die Wetterdaten. »Relativ windstill, sonnig, minus elf Grad. Endlich Kontakt mit der Zentrale. Haben Anweisung bekommen, uns nach Spuren umzusehen, die Aufschluss über den Verbleib des Flugzeuges geben könnten. Pawel und ich steigen heute Nachmittag noch einmal hoch. Leider ist die letzte Rolle Fotomaterial verdorben.« Sie räusperte sich. »Querstrich. Dann geht es weiter: Schwer zu sagen, wo das Flugzeug gelandet sein könnte. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Düsenflugzeug auf der glatten Oberfläche des Eises eine sehr lange Landebahn benötigt, dann ist Leutnant Jegorow vielleicht sehr viel weiter nördlich zum Stehen gekommen, als er uns gesagt hat, und das Flugzeug ist in die Bucht gestürzt. Pawlow hat unseren Bericht gesendet. Nachricht, dass ein Schiff der Marine unterwegs ist, um den Leutnant abzuholen und den Fall zu untersuchen.«

Sie blätterte um. »Nächster Tag. Es schneit, leichter Wind. Der Leutnant hustet stark. Pawlow meint, dass er eine Lungenentzündung hat. Unser Vorrat an Medikamenten lässt wenig Behandlungsmöglichkeiten zu. Hoffentlich kommt das Schiff bald. « Sie übersprang zwei Tage ohne große Einträge. »Hier. 20. Juni. Bewölkt, minus vierzehn Grad, leichter Schneefall. Die SOKOL liegt vor Anker. Dreißig Mann mit Booten angekommen. Haben den Leutnant abtransportiert, der Arzt wirkte besorgt. Man hat Pawel und mich getrennt voneinander befragt. Ein Hubschrauber hat Soldaten auf die Hochebene gebracht und alles abgesucht. Keine Spur von dem Flugzeug, auch im Meer nicht.« Die Schrift war noch hastiger, flüchtiger geworden, so, als hätte derjenige, der das Tagebuch geführt hatte, die Einträge heimlich gemacht. »21. Juni. Einer der Offiziere hat uns direkt gefragt, ob wir für die Imperialisten arbeiten würden. Uns so etwas zu unterstellen! Aber anders scheinen sie sich das Verschwinden der Tupolew nicht vorstellen zu können. Einer der Soldaten hat mir gesagt, dass gegen Leutnant Jegorow wegen Spionage ermittelt wird.«

Angela schüttelte den Kopf. »Das versteh ich nicht. Wenn man das Flugzeug vom Weltraum aus per Radar orten kann, dann hätten sie es doch auch aufspüren müssen, oder?«

»Nein, ganz bestimmt nicht«, meinte Morley. Der Einwand schien ihn zu amüsieren. »Dazu hätten sie Radarinterferometrie benötigt, und die hat man erst in den Neunzigerjahren entwickelt.«

Charlotte blätterte vor, wieder zurück, vergewisserte sich, dass keine Seiten herausgerissen worden waren. »Er hat ungefähr eine Woche lang kein Tagebuch geschrieben«, stellte sie fest. »Hier, am 29. Juni schreibt er: Wir haben die Insel wieder für uns. Beschwerden, weil wir die Wetterdaten mehrmals unpünktlich gemeldet haben. Kommt mir alles vor wie ein schlechter Traum. Wie kann ein Flugzeug einfach verschwinden?«

Leon hielt es kaum mehr auf seinem Platz. »Aber wir wissen, wo es ist!« Er deutete auf die Mappe mit den Satellitenbildern, die Morley neben sich liegen hatte. »Zeig noch mal her. Wenn das wirklich das Flugzeug ist, liegt es bestimmt auch nicht so tief im Eis wie ein Meteorit. Dann könnte man es eventuell finden.«

»Um was zu machen? Es auszugraben?«, fragte Adrian.

»Es würde schon reichen, das Leitwerk freizulegen. Am besten mit dem roten Stern darauf.«

Charlotte klappte das Buch zu. »Lasst uns doch einfach hingehen.« Sie hob den Kopf, sah aus dem Fenster, hinter dem es immer noch weiß und wild wirbelte. »Wenn das Wetter wieder einigermaßen ist, meine ich.«

Morley hatte eine der Satellitenaufnahmen aus der Mappe gezogen, legte sie in ihre Mitte. »Wäre gar kein Problem.« Er deutete auf das Koordinatennetz, das über dem Bild lag. »Wir bräuchten nur den GPS-Daten zu folgen. Dann im Umkreis von zehn Metern bohren und – peng! «

»Glaubst du das?«, meinte Adrian. »Dass sich in einem halben Jahrhundert nicht mehr als eine fünf Meter dicke Eisdecke gebildet hat?« Mehr Bohrgestänge hatten sie nämlich nicht dabei.

Morley lächelte listig. »Kann schon sein, dass sich mehr als fünf Meter Eis gebildet haben. Aber in den letzten zehn Jahren ist auch wieder viel Eis verschwunden. Und zwar jede Menge Eis. Würde mich nicht im Geringsten wundern, wenn wir hinkommen und die Maschine ragt halb aus dem Boden.«

»Ich weiß nicht.« Adrian klang ausgesprochen lustlos. »Kommt mir wie Zeitverschwendung vor.«

»Sieh es mal so«, schaltete sich Leon ein. »Ich würde das ja alles dokumentieren. Expedition von Klimaforschern findet verschollenen Sowjet-Jet wäre die Story, und dazu gäbe es jede Menge toller Fotos. Bunt gekleidete Forscher vor ewigem Eis, so etwas lieben Zeitungsleute. Das ist Material für Titelseiten.«

»Ewiges Eis?«, brummte Morley. »Das Eis hier ist alles andere als das.«

»Ihr würdet alle berühmt«, fuhr Leon unbeeindruckt fort. »Und jetzt frag dich mal, ob es, wenn du das nächste Mal Forschungsmittel für ein Projekt beantragst, einen Unterschied machen würde, ob du einfach nur der Klimatologe Doktor Adrian Cazar bist oder aber der berühmte Klimatologe Doktor Adrian Cazar.«

Morley prustete heraus vor Lachen. »Hey! Klasse Argument!«

Adrian warf dem Fotografen einen skeptischen Blick zu. »Aber du würdest jede Menge Geld damit verdienen, oder?«

Leon zuckte mit den Achseln. »Davon würde ich mich an deiner Stelle nicht irritieren lassen.«

Eine Bö erschütterte die Hütte, zum hundertsten Mal an diesem Tag. Der Wind, der sich in der Türverriegelung verfing, produzierte hohle, klagende Laute.

»Also, von mir aus«, gab Adrian schließlich nach. »Falls das Wetter je wieder besser werden sollte.«

Zwei Tage später hörte der Sturm wie abgeschaltet auf. Zum ersten Mal, seit sie auf der Insel angekommen waren, brach die Wolkendecke auf und wurde blauer Himmel sichtbar.

»Klassisch«, urteilte Morley, während sie zu packen begannen.

Und Leon erklärte: »Ideales Fotowetter. Jetzt oder nie.«

Nur Angela wollte wissen, ob sie überhaupt mitkommen solle. »Ich kann da eh nichts machen außer im Weg herumstehen.«

»Du hast ihn doch gehört«, erwiderte Adrian mit einem Kopfnicken in Leons Richtung. »Willst du die Biologin Angela MacMillan bleiben oder die berühmte Biologin Angela MacMillan werden?«

»Ich würd eigentlich lieber durch die Entdeckung einer Pflanzenart berühmt werden als durch die Entdeckung eines Düsenjägers.«

Leon checkte seine Kameras durch, zum vierten oder fünften Mal inzwischen. »Dann sag mir doch schnell«, warf er ein, »wann das letzte Mal jemand durch die Entdeckung einer Pflanzenart berühmt geworden ist.«

Das wusste Angela auch nicht. »Trotzdem. Was soll ich da oben? Ich meine, der Aufstieg ist nicht gerade ein Spaziergang, wie ich das sehe. Mehr oder weniger erst mal die glatte Wand hoch … Wäre es nicht besser, ich empfange euch mit einer warmen Mahlzeit, wenn ihr zurückkommt?«

»Mir wäre es lieber, du kämst mit«, gestand der Fotograf. »Und zwar schlicht aus optischen Gründen: Erstens, eine Expedition aus nur drei Leuten sieht ein bisschen mickrig aus. Und zweitens, dein knallgrüner Parka wird ein wunderbarer Farbtupfer sein.«

Das war eine Sprache, die Angela verstand: einfach und geradeheraus. »Okay«, meinte sie. »Dann komm ich halt mit.«

Charlotte überprüfte ihre Ausrüstung. Vier Kilometer Luftlinie, das hörte sich nach nicht viel an, tatsächlich jedoch würde der Ausflug einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Vor allem der Aufstieg auf die Hochebene hatte es in sich; Morley meinte, der habe ihn am ersten Tag fast umgebracht. Also packten sie Thermosflaschen mit heißem Tee in die Rucksäcke und stärkenden Proviant in Form von Nüssen und Fruchtriegeln. Und natürlich die wissenschaftliche Ausrüstung: den Sondenbohrer mit dem Bohrgestänge, Probenbehälter, allerlei Haken, Schaufeln, Markierungsfarben, Funkbojen und so weiter.

Außerdem bestand Morley darauf, dass sie die Schwimmwesten mitnahmen.

»Wozu das denn?«, protestierte Charlotte.

»Weil wir nicht wissen, was für glaziale Phänomene uns erwarten.«

»Mein Rucksack ist schwer genug.«

»Die Schwimmwesten sind nicht schwer. Nur sperrig.« Tatsächlich handelte es sich um klobige, brettartige Gebilde aus hartem Kunststoffschaum, konstruiert von Leuten, die mit weiblicher Anatomie nicht sonderlich gut vertraut sein konnten. Es hätte auch modernere Schwimmwesten gegeben, die sich bei Kontakt mit Wasser von selber aufbliesen und im Ruhezustand nur wie dicke Würste aussahen, aber die waren Adrian zu teuer gewesen.

»Morley hat recht«, mischte dieser sich ein. »Wo ein Flugzeug versinken kann, können auch Menschen versinken.«

Charlotte schüttelte unwillig den Kopf. »Das ist fast ein halbes Jahrhundert her.«

»Richtig«, sagte Adrian und schulterte seinen Rucksack. »Aber damals waren die Polargletscher in weitaus besserem Zustand als heute.«

Als Kompromiss trugen sie, als sie schließlich losmarschierten, die Schwimmwesten um die Rucksäcke geschnürt. Anlegen würden sie sie erst, wenn sie die Hochebene erreicht hatten.

Es ging zunächst ein gutes Stück am Fuß der Hügelkette entlang, um die südliche Spitze der Insel herum nach Osten bis zum Gletscher. Der Weg führte zwischen zerklüfteten, schneebedeckten Felsen einen steilen Pfad im Eis hinauf, der aussah, als sei hier eine Bobbahn in Planung.

Keine zehn Minuten später war Charlotte schon am ganzen Körper nass geschwitzt.

Man durfte keine Sekunde in seiner Konzentration nachlassen; ein falscher Schritt, und man konnte ausrutschen, stürzen und haltlos den Weg hinabschliddern, den man gerade erklommen hatte. Wie schwer man sich bei einem solchen Sturz verletzen konnte, darüber wollte Charlotte lieber erst gar nicht nachdenken. Bald gab es sowieso nichts mehr außer dem Keuchen des eigenen Atems und dem knarzenden Geräusch, mit dem sich die Steigeisen in die weiße kalte Masse krallten. Über ihnen an den hoch aufragenden Felsen zerstoben immer wieder lautlos Schneeverwehungen, wehten als glitzernder Dunst auf sie herab. Manchmal kreischte das Eis unter ihren Schritten, hallte, als liefe man über Edelstein.

Sie passierten bläulich schimmernde, unergründliche Gletscherspalten. Formationen, die aussahen wie erstarrte Lawinen, säumten ihren Weg. Schnee, Regen, Eis und Wind hatten hier bizarre Skulpturen geschaffen, die im Sonnenlicht funkelten wie Diamanten. Es war, als erkletterten sie eine fremde Welt, in der Menschen nichts verloren hatten.

Auf halber Höhe rasteten sie das erste Mal. »Und das ist der leichteste Aufstieg, den wir finden konnten«, erklärte Adrian keuchend. Morley, der diese anfänglichen Erkundungen mitgemacht hatte, war außerstande zu sprechen; grüngesichtig und kurzatmig saß er am Boden und schnappte nach Luft wie ein Fisch, der am Ersticken war.

Der Einzige, der nicht keuchte, war Leon van Hoorn. Die ganze Zeit schon war er mal vorausgeeilt, um sie von oben zu fotografieren, mal zurückgeblieben, um sie von unten her aufs Bild zu bannen, und hatte immer wieder – scheinbar mühelos – aufgeholt, um sie von der Seite, aus der Nähe, auf anstrengenden Passagen oder beim Verschnaufen abzulichten.

»Wunderbar«, wurde er nicht müde zu versichern. »Ihr macht das großartig.«

»Sag mal«, brachte Charlotte nach ein paar Minuten heraus, »kann so einer wie du eigentlich noch einfach irgendwohin reisen? Ich meine, ohne darüber nachzudenken, wie du das, was du siehst, fotografieren und an wen du das Foto verkaufen kannst?«

»Nein«, erwiderte Leon trocken, die Kamera schon wieder vor dem Auge, um Charlotte aufzunehmen, wie sie das sagte. »Das ist der Preis für diese Art Leben. Akzeptier es oder bleib daheim, hat mein Ausbilder damals gesagt.«

»Na toll«, meinte Charlotte und musste auf einmal an Hiroshi denken und daran, was er ihr einmal über die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, erklärt hatte: dass die meisten Jobs das Leben der Menschen deformierten. Dass er deswegen die Menschen von dem Zwang zu arbeiten befreien wollte.

Zum ersten Mal begann sie, ihn ein bisschen zu verstehen.

Allerdings wollte sie gerade nicht an Hiroshi denken. Nicht hier, nicht jetzt. Hier gab es nur das Eis und den kalten Wind, der ihr Gesicht gefühllos werden ließ, die Sonne über dem Horizont, ihre schmerzenden Muskeln und ihre brennenden Lungen und den nächsten Schritt. »Los«, drängte sie. »Gehen wir weiter.«

Nicht alles war starr und erfroren. Ehe sie die Hochebene erreichten, passierten sie schmale Rinnsale von Schmelzwasser, das in dünnen silbernen Fäden aus dem Gletscherabbruch plätscherte und in Rissen und Spalten des Eises verschwand.

»Ja«, keuchte Morley. »Da tut sich was. Nicht gut. Gar nicht gut.«

Und dann, endlich, waren sie oben, standen am Anfang einer maßlosen, unwirklich weißen Ebene aus gefrorener Stille. Das einzige Zeugnis menschlicher Existenz bildeten die Überreste des Windturms. Er ragte auf der höchsten Spitze der Bergkette zu ihrer Linken auf: ein von Fahnen aus Schnee nahezu unkenntlich gemachtes Stahlrohrgestänge, an dem einst sowjetische Windmessgeräte die Polarstürme vermessen hatten.

Sie gönnten sich lange Schlucke heißen Tees, genossen es, dass der eisige Schmerz in den Lungen nachließ, und versuchten zu ignorieren, wie Leon sie unablässig umschlich, die Kamera vor dem Gesicht.

»Okay«, sagte Morley schließlich und zerrte das GPS-Gerät aus seinem Anorak, das er an einer Kordel um den Hals hängen hatte. Er hatte die Zielkoordinaten schon einprogrammiert. Sie würden einfach so lange marschieren, bis das Display nur noch Nullen anzeigte. »Der Rest ist sozusagen ein Spaziergang.«

Das war voreilig gedacht. Der Eispanzer, der die Insel bedeckte, wölbte sich zu deren Zentrum hin auf, was bedeutete, dass sie, als sie weitermarschierten, konstant leicht aufwärts gehen mussten. Das zehrte auch nicht wenig an den Reserven.

Charlotte ließ sich zurückfallen, gesellte sich zu Angela, die mit maschinenhafter Gleichmäßigkeit dahinstapfte. »Sag mal«, fragte sie, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Männer außer Hörweite waren, »das mit dir und Leon … ist das noch aktuell?«

»Was soll sein mit mir und Leon?«

»Na, in Amsterdam hast du doch gesagt, dass er dir gefällt«, meinte Charlotte und sah ihrem weiß gefrierenden Atem nach. »Und in Helsinki hast du gemeint, du müsstest ihn noch beschnuppern …«

Angela lachte. »Bin längst fertig mit Schnuppern. Kannst ihn haben. Ich merk schon die ganze Zeit, dass du scharf auf ihn bist.« Es war kindisch. Natürlich. Kleinmädchenhaft. Unbedingt. Verrucht, geradezu. Ja.

Aber es versüßte ihr den weiteren Weg auf unwiderstehliche Weise: sich in Fantasien zu ergehen, wie sie und Leon …

Charlotte lächelte nun, wenn er mit der Kamera auf sie zielte. Flirtete mit dem Objektiv, diesem dunkel schimmernden Auge. Hob vielsagend die Augen, wenn er sie anvisierte. Sollte er sich ruhig fragen, was sie damit sagen wollte. Vieles eben.

Vielleicht, sagte sie sich, fand sich ein Vorwand für eine gemeinsame Expedition über den Gletscher. Nur Leon und sie und ein Zelt. Ließen sich ihre Schlafsäcke eigentlich miteinander koppeln? Sie wusste, dass es Modelle gab, die so geschnitten waren, dass man aus zwei Schlafsäcken einen großen machen konnte, aber sie hatte noch nicht nachgeschaut, ob das mit denen ging, die sie dabeihatten.

Diese grandiose Natur! Diese unendliche Leere! Diese erstarrte, unantastbar wirkende Landschaft, in der alle Zeit zum Stillstand zu kommen schien! Urgewalten. Das Leben in seiner elementarsten Form. Hier mit einem Mann, einem richtigen Mann, allein zu sein, zusammen zu sein, musste eine unglaubliche Erfahrung darstellen.

Charlotte beobachtete den Fotografen. Wie geschmeidig er sich bewegte. Mit welch sicherem Schritt er optimale Perspektiven fand. Wie elegant er seine Kamera bediente. Leon lächelte zurück, schien zu verstehen, was in ihr vorging. Schien zu genießen, was sich zwischen ihnen entwickelte.

Dass ihr Herz heftig schlug, lag nicht mehr allein an dem stetig ansteigenden Gletscher, über den sie marschierten.

Wie die Sonne strahlte! Gut, dass sie Sonnenschutzcreme aufgetragen hatten. Und schade, dass sie nicht Leon gebeten hatte, sie einzucremen.

Das nächste Mal, vielleicht …

Es war kindisch. Kleinmädchenhaft. Verrucht. Aber sie genoss es.

Vor ihr glitzerte etwas auf dem Boden, ungewöhnlich genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Charlotte blieb stehen, beugte sich vor. Diesmal war es keine glatt geschliffene Eisblase, keine von Winden und Frost geformte Schneeskulptur, sondern etwas Metallisches. Etwas Banales. Eine Art verchromter Haken, ein Türgriff oder dergleichen. Wie auch immer das Ding hierhergelangt sein mochte.

Am Ende stammte es von dem verschwundenen Jet? Sie streckte die Hand aus, wollte das Teil gerade aufheben, als Leon nach ihr rief. »Charlotte!«

Sie richtete sich auf, sah ihn heftig winken.

»Komm! Wir sind da!«

Sie war zurückgefallen. Die anderen standen um Morley herum, der sein GPS-Gerät in der Hand hielt und auf den Boden deutete. Der Nullpunkt. Sie hatten ihn offenbar erreicht.

»Komm!«, rief Leon noch einmal. »Ich will alle auf dem Bild haben!«

Sie beeilte sich. Rannte beinahe. Kam außer Atem, musste husten, als sie sich zu den anderen gesellte, die sich schon in Pose geworfen hatten. Man hätte meinen können, sie hätten den Nordpol entdeckt. Charlotte stellte sich dazu, streifte die Kapuze zurück, egal, wie kalt es war, und schüttelte ihre Haare frei, weil sie wusste, dass das gut aussehen würde.

Und sie vergaß, das Ding aus Metall zu erwähnen, auf das sie gestoßen war.

»Hier ungefähr muss es sein«, erklärte Morley immer wieder, ging mit seinem GPS-Gerät in der Hand einen Schritt zur Seite, und noch einen, versuchte den Bereich auszuloten, in dem es null anzeigte.

Adrian war schon dabei, die Sondierungsbohrungen zu organisieren. Alle mussten ihre Rucksäcke ab- und die Schwimmwesten anlegen, dann sammelte er die Einzelteile des Gletscherbohrers ein und setzte ihn zusammen.

»Großartig«, rief Leon und knipste wie wild. »Forscher bei der Arbeit. Super!« Seine Kamera schnarrte im Dauereinsatz. Die Sonne schien, das uferlose Eis glitzerte, der Himmel strahlte tiefblau.

»Das ist doch Quatsch«, murrte Charlotte, während sie sich das brettharte, unbequeme Ding umschnallte. »Der Boden ist hart wie Beton.«

»Aber wir wissen nicht, was passiert, wenn wir ihn anbohren«, erwiderte Adrian.

»Was soll passieren? Nach über vierzig Jahren?«

»Wir wissen es nicht«, beharrte er.

»Und dann? Wenn einer von uns in Eiswasser einbricht – was dann? Dann ertrinkt er vielleicht nicht, aber er erfriert.«

Adrian wollte offensichtlich nicht genauer über den Ernstfall nachdenken. »Sicher ist sicher«, meinte er nur und widmete sich weiter seinen Bohrstangen.

Die Kreise, auf denen Leon sie umrundete, mit dem schleichenden Schritt eines Panthers und unablässig fotografierend, wurden immer größer. Nur dass dieser Panther einen knallroten Anorak trug. »Die Frauen!«, rief er. »Könnt ihr vielleicht …« Den Rest vernuschelte er hinter seiner Kamera.

»Was?«, schrie Angela zurück. »Red deutlicher!«

»Ob ihr irgendwas tun könnt, damit es so aussieht, als ob ihr mitarbeitet!« Leon fuchtelte mit den Armen. »Von hier aus hat man den Eindruck, Adrian macht die ganze Arbeit und ihr steht nur herum und schaut zu.«

Charlotte und Angela wechselten einen Blick. Die Biologin kicherte. »Ist doch auch so, oder?«

»Moment! Wird gleich besser«, rief Adrian zurück. Er wandte sich an Charlotte. »Wenn Morley und ich die erste Bohrung vornehmen, kannst du schon den Probenkasten bereithalten.« Er sah Angela an. »Und du könntest – hmm – vielleicht eine von den Markierstangen aufstellen. So, als ob du uns dirigierst.« Er deutete auf eine Stelle, die etwa fünf Meter entfernt lag. »Dort drüben, zum Beispiel.«

Leon stand abwartend da. Man hatte das Gefühl, seine Ungeduld bis hierher zu spüren.

»Kann so eine Bohrung nicht den Jet beschädigen?«, fragte Charlotte. »Falls er tatsächlich da unten liegen sollte.«

Adrian schüttelte den Kopf. »Das ist ein Eisbohrer. Gegen Metall hat der keine Chance.«

»Leute! Die Sonne verschwindet jeden Moment hinter Wolken!«, rief Leon wieder. »Ich verlang doch nicht viel, oder? Macht einfach irgendwas. Hauptsache, ihr steht nicht bloß so herum.«

»Ja, ja!« Adrian sah sich nach Morley um, der nach wie vor mit dem GPS-Gerät in der Hand umherging. »Morley, wie sieht’s aus?«

»Ich schlage vor, die erste Bohrung hier« – er hustete, deutete auf die Stelle zu seinen Füßen – »und schachbrettartig weiter, jeweils im Abstand von zehn Metern. Das sollte genügen.«

»Okay, dann nimm mal das.« Adrian hielt ihm die Stangen hin, die er noch nicht montiert hatte.

»He, schaut mal, was ich hier gefunden habe!«, rief Leon in diesem Moment. »Was sind denn das für Dinger?«

Charlotte wandte den Kopf, sah, wie der Fotograf sich hinabbeugte, sah, wie er die Hand ausstreckte und erkannte, dass er an genau der Stelle stand, an der sie vorhin den chromblitzenden Metallhaken entdeckt hatte. Im selben Augenblick wurde ihr klar, was für ein unsinniger Gedanke es gewesen war, das für ein Teil der verschwundenen Tupolew zu halten: Kein Wrackteil hätte vierzig Jahre auf dem Gletscher liegen können, ohne meterhoch von Eis und Schnee bedeckt zu werden.

Doch ehe sie etwas sagen konnte, hörte sie Leon aufschreien. Es klang erschrocken und auch so, als habe er sich wehgetan.

Adrian wandte sich um. »Leon?«

Leon antwortete nicht. Er stand immer noch gebückt da, die Hand zum Boden ausgestreckt, und rührte sich nicht.

»Leon!«

Einen zuversichtlichen Herzschlag lang war Charlotte überzeugt, dass Leon nur einen dummen Witz machte.

Dann setzte sich Angela in Bewegung, und die anderen folgten ihr, ließen alles stehen und liegen. Leon bewegte sich immer noch nicht. Und je näher sie ihm kamen, desto genauer sahen sie, warum nicht.

Etwas hatte ihn aufgespießt.

Angela blieb abrupt stehen, schlug sich die Hand vor den Mund. Adrian hielt ebenfalls inne, ächzte »Dschiesaskraist!«. Und Morley taumelte zurück, als hätte ihn ein unsichtbarer Sandsack gestoppt, drehte sich um und übergab sich in den jungfräulich weißen Schnee.

Genau an der Stelle, an der Leons Hand den Boden berührte, ragten drei glänzende Stacheln aus dem Eis, die seinen Körper durchbohrten wie Zinken einer Gabel ein hors d’œuvre. Ein Stachel hatte seine rechte Hand durchdrungen und war auf halber Höhe des Unterarms wieder herausgekommen, um seinen Kopf unterhalb des rechten Auges aufzuspießen. Ein anderer Stachel ging durch Leons rechtes Knie und kam am unteren Rücken wieder heraus. Und ein weiterer Stachel steckte in seinem linken Oberschenkel, knapp unterhalb des Hüftgelenks.

Es war ein Anblick wie aus dem schrecklichsten aller Albträume.

»Oh, mein Gott«, stieß Angela hervor. Ihre Stimme bebte. »OhmeingottohmeingottohmeinGOTT!«

Das vielleicht Schlimmste war: Leon lebte noch. Er blutete nicht einmal. Kein einziger Tropfen Rot netzte den Schnee.

Charlotte ging weiter auf ihn zu. Sie wusste nicht, was sie tat. Sie wusste in dem Moment überhaupt nichts. Ihr Geist war vollkommen blank, leer gefegt wie eine menschenleere Eiswüste. Ihr Herz schlug so langsam, als laste ein eisernes Gewicht auf ihm.

Leon richtete seine Augen auf sie.

»Das tut so weh …«, hörte sie ihn kaum hörbar flüstern.

Es war das Letzte, was Leon van Hoorn in seinem Leben sagen sollte. Im nächsten Augenblick begann er, zu – verschrumpeln.

Sein Blick brach. Seine Gesichtszüge zerfielen. Seine Haut wurde faltig, als schmölzen Knochen, Muskeln und Fett darunter weg. Was, wie sich zeigte, genau das war, was passierte: Innerhalb von Sekunden war sein Kopf nur noch so groß wie ein vertrockneter Apfel, der Mund ein winziges Loch, die Augen verschwunden, das Gesicht nicht mehr zu erkennen. Der ganze Körper schwand dahin, die Schenkel fielen ein, die Füße lösten sich vom Eis, verkümmerten zu Wurmfortsätzen.

Sogar die Kleidung wurde aufgesogen. Die Kamera. Die Schneebrille, die er auf die Stirn geschoben hatte. Die Schuhe schrumpften zu unansehnlichen schwarzen Klumpen, zu Klümpchen, verschwanden vollends.

Schließlich waren nur noch drei mannshohe, silberglänzende, schwertartige Stacheln übrig, bedeckt von etwas Flirrendem, etwas, das an eine Herde aufgebrachter, überschallschneller Ameisen aus Stahl denken ließ.

Charlotte wusste plötzlich, dass sie diese Bewegung schon einmal gesehen hatte, irgendwo, irgendwann.

»Weg hier!«, schrie sie und fuhr herum. »Schnell!«

3

Sie blieben erst in sicher scheinender Entfernung stehen. Genau, wie Leon gesagt hatte, war die Sonne wieder hinter Wolken verschwunden – aber nicht ganz: Hier und da fielen noch helle Bahnen herab, und eine davon exakt auf die Stelle, wo Leon … aufgesaugt worden war.

Die Stacheln schienen allmählich kleiner zu werden, zogen sich zurück in das Eis, aus dem sie gekommen waren.

»Was war das?«, keuchte Morley, fahl wie Schnee. »Um Gottes willen, was war das?«

»Das glaubt uns keiner«, stieß Adrian hervor. »Verdammte Scheiße. Die Geschichte glaubt uns kein Mensch.«

Angela zitterte. Von ihnen allen wirkte sie am meisten so, als stünde sie unter Schock. Ihr Gesicht war nass von Tränen, die am Rand ihrer Kapuze zu Eis gefroren.

Charlotte wünschte sich, auch so weinen zu können, aber sie war innerlich wie erstarrt. Sie fühlte nichts. Alles, was sie noch konnte, war denken, und alles, was sie noch denken konnte, war: Hiroshi! Wie ein Pochen ging es ihr wieder und wieder durch den Kopf. Das alles hat irgendwie mit Hiroshis Maschine zu tun!

Aber wie sollte sie das den anderen erklären? Keiner von ihnen kannte Hiroshi, und Charlotte fühlte sich außerstande, ihnen zu erzählen, was sie auf Paliuk erlebt hatte.

Das Gefühl jedenfalls, den Schleier durchbrochen zu haben, mit der Wirklichkeit verbunden zu sein, wahrhaftig zu leben – es war weg. Dies war ein Albtraum. Wer wollte schon in einem Albtraum leben? Ein Albtraum war etwas, dem es zu entkommen galt.

»So eine gottverdammte –« Adrian hielt inne, gab einen unartikulierten Schrei von sich. »Sie werden sagen, wir hätten ihn über die Klippe gestoßen! Ich seh uns schon in einem russischen Gefängnis unter Mordanklage …«

»Sogar die Kamera ist weg«, meinte Morley dumpf.

»Teufelsinsel.« Adrian fuchtelte mit den Händen. »Saradkov heißt im Volksmund die ›Teufelsinsel‹. Wusstest du das?«

»Nee.« Morley schüttelte großäugig den Kopf.

»Hat der Copilot erzählt. Er hatte auch eine blöde Theorie dazu, woher der Name angeblich kommt … Scheiß drauf. Die Leute haben recht!«

»Teufelsinsel«, wiederholte Morley. »Na klasse. Und was machen wir jetzt?«

Wie als Antwort auf seine Frage stieß keine zwanzig Meter entfernt eine weitere stählerne Klinge aus dem Eis. Und gleich darauf noch eine, noch näher.

»Rennen!«, schrie Charlotte. Was sonst sollten sie tun?

Also rannten sie wieder, rannten, so schnell sie konnten, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, während die Klingen hinter ihnen aus dem Eis schnellten wie mörderische Bärenfallen.

Aber zum Glück hinter ihnen. Wer immer sie verfolgte, er schien nicht imstande zu sein, ihnen den Weg abzuschneiden oder wenigstens mit Vorhalt auf sie zu zielen.

»Wir müssen uns trennen!«, keuchte Adrian im Rennen. »Mindestens einer muss bis zum Funkgerät kommen. Hilfe rufen.«

Keine Spur mehr von der Stille, die sie beim Heraufkommen so beeindruckt hatte. Stattdessen dröhnten ihnen die Ohren von ihrem eigenen chaotischen Keuchen, das von allen fernen Enden des Gletschers widerzuhallen schien, und dem TSCHUK! TSCHUK! TSCHUK! der emporschießenden Klingen, die sie verfolgten.

»Hilfe rufen?«, schrie Charlotte zurück. »Du träumst. Bis die da sind …« Sie beendete den Satz nicht, konnte es nicht, wollte es auch nicht. Unnötig, sich das auszumalen.

Sie sah sich um. Bildete sie sich das ein, oder gelang es ihnen, dem Monster zu entkommen? Die Stacheln schienen zurückzufallen, nicht Schritt zu halten. Und sie hatten sich verändert: Sie kamen nicht mehr knapp zwei Meter hoch aus dem Eis, sondern viel weiter, schossen drei, fünf, zehn Meter weit in die Höhe, um dann abzuknicken in dem fruchtlosen Versuch, sich die flüchtige Beute zu krallen.

Morley stolperte, schrie, fiel …

Adrian war an seiner Seite, half ihm auf. Zwei Klingen brachen hinter den beiden aus dem Eis wie metallene Ungeheuer und warfen sich in ihre Richtung – vergebens, Adrian und Morley waren außer Reichweite, entkamen leicht.

Hiroshi!, pulsierte es noch immer in Charlottes Gedanken. Die Bewegung, die sie auf den Stacheln bemerkt hatte, dieses silbrige wimmelnde Schimmern: Das hatte sie in gröberer Form auf Paliuk gesehen. Jemand musste Hiroshis Maschine nachgebaut, weiterentwickelt haben.

Aber wozu?

Charlotte rannte, stapfte durch Schneewehen, schlidderte über Eis, kämpfte sich vorwärts und hatte das Gefühl, in einem dieser Träume zu stecken, in denen man zu rennen versucht und nicht vorwärtskommt.

Hiroshi … Was hatte er darüber erzählt, wo seine Maschine abgeblieben war? Er hatte sie so programmiert, dass sie aus ihrer Transportbox ausgebrochen war und sich in den Ozean gestürzt hatte. Wo sie in ihre Einzelteile hätte zerfallen müssen.

Was, wenn sie das nicht getan hatte? Was, wenn sie irgendwie … funktionsfähig geblieben war? Wenn sie sich selber weiterentwickelt hatte? Eine Maschine, die imstande war, Kopien ihrer selbst anzufertigen – war es denn undenkbar, dass sich so eine Maschine im Lauf der Zeit veränderte, verbesserte, anpasste? Eine maschinelle, eine technische Evolution durchlief?

Aber … wie war sie dann hierhergelangt? Wieso ausgerechnet auf diese Insel?

Irgendetwas passte da noch nicht zusammen.

Angela schrie auf. Charlotte fuhr herum, schweißgebadet, am Rande des Zusammenbruchs, und sah, wie hinter der Biologin ein gewaltiger Fangarm aus dem Eis ragte, wie er ausholte und nach ihr schnappte wie der Stachel eines Skorpions.

Angela war verloren. Sie wusste es. Sie hob die Arme, als könne es sie retten, sich zu ergeben, fiel hintenüber vor Schreck, als das Ding herabkam –

– und glitt davon wie von magischer Hand gezogen. Der Stachel verfehlte sie, schlug krachend ins Eis.

»Die Schwimmwesten!«, schrie Adrian. »Die sind so gut wie Schlitten! « Damit warf er sich vornüber auf den Bauch, landete auf dem Eis und schoss sofort davon, den Gletscher hinab, mindestens doppelt so schnell, als wenn er gerannt wäre.

Richtig. Es ging ja abwärts, die ganze Zeit schon. Trotzdem zögerte Charlotte, es den anderen gleichzutun. Sie stolperte verzweifelt weiter, bis es hinter ihr krachte und knirschte, bedrohlich nahe, so nahe, dass sie es nicht mehr wagte, sich umzudrehen, sondern auch den Satz tat, der sie mit Anlauf auf dem Bauch landen ließ, dass es ihr die Luft aus den Lungen trieb, und sie davonriss. Sie fand sich rutschend und gleitend wieder, ohne Kontrolle über ihre weitere Fortbewegung. Eis und Schnee spritzten ihr ins Gesicht, sie schlug sich die Knie an Bodenwellen an, war ganz der Schwerkraft ausgeliefert, war verloren.

Wenigstens, dachte sie, hört man diese verdammten Dinger nicht mehr, wie sie aus dem Eis stechen. Alles, was Charlotte noch hörte, war das schabende, rauschende Geräusch ihrer eigenen Bewegung auf dem abschüssigen Gletscher. Die Augen hielt sie fast geschlossen, sah ohnehin nichts, spürte nur den Strom prickelnder Eiskristalle. Seltsamerweise hatte sie nicht das Gefühl, über einen kilometerbreiten Eispanzer zu schliddern. Ihr war vielmehr, als schösse sie durch einen weißen Tunnel.

Jemand schrie etwas. Adrian. Sie verstand nicht, was er rief, hörte nur, dass er es ständig wiederholte, immer drängender.

Plötzlich ergaben die Worte doch einen Sinn: »Umdrehen! Die Beine voraus! Steuern!«

Charlotte riss die Augen auf, hob den Kopf. Schlagartig begriff sie das Problem: Sie befand sich in weitgehend ungebremster Schussfahrt einen Gletscher abwärts, der irgendwann – bald! – über dem Polarmeer endete. Wenn es ihr nicht gelang, rechtzeitig zu bremsen oder wenigstens ihre Fahrt in jene Spalte zu lenken, durch die sie aufgestiegen waren, dann würde sie über die Gletscherkante ins eiskalte Wasser stürzen.

Bremsen? Dazu war sie viel zu schnell. Sie streckte die Arme aus, stemmte die Fausthandschuhe ins Eis … Lächerlich. Es machte überhaupt keinen Unterschied. Sie versuchte es mit den Füßen. Das kratzte ein bisschen, ließ sie aber nicht nennenswert langsamer werden. Von Steuerung keine Rede.

Mittlerweile konnte sie das schwarze träge Meer schon sehen. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr.

Umdrehen! Vielleicht half das. Sie versuchte sich herumzuwerfen, hieb einen Schuh gegen das Eis, kam seitlich zu liegen, was sie langsamer werden ließ … Charlotte strampelte hilflos, glitt weiter, erwischte mit einer Hand irgendeinen Eisbrocken, Stein, was auch immer, mit dessen Hilfe sie sich endgültig umdrehte. Immer noch auf dem Bauch, rückwärts rutschend, hob sie den Kopf.

Da waren die schimmernden Klingen. Dutzende davon. Hinter ihr her.

Eine Bodenwelle ließ sie abheben, sich in der Luft drehen, schmerzhaft hart auf dem Rücken aufkommen. Ja, so ging es. Stiefel ins Eis stemmen, Fontänen von Eissplittern aufwirbeln, die Richtung ändern. Wie eine Rodlerin bei den Olympischen Winterspielen, nur dass sie keinen Schlitten unter sich hatte, sondern ein erbärmliches Kunststoffbrett, und der Preis nicht die Goldmedaille war, sondern ihr Leben.

So schoss sie in die Spalte zwischen den beiden Felsen, durch die sie die Hochebene betreten hatten. Vor hundert Jahren, wie es ihr vorkam.

Jenseits davon war es vollkommen aussichtslos, so etwas wie Kontrolle über seine Schussfahrt behalten zu wollen. Hier regierten nur noch Gravitation, Trägheitskräfte und pures Glück. Charlotte zog den Kopf ein, hob ab, kam auf, wurde nach rechts und links geschleudert, geschlagen, getreten, herumgewirbelt, stieß sich, riss sich den Parka auf, bekam Schnee ins Gesicht, fühlte Schmerzen, hörte auf, Schmerzen zu fühlen, fiel einfach nur noch, immer weiter und weiter abwärts.

Wahrscheinlich, ging es ihr durch den Kopf, werde ich mir nun das Genick brechen.

Aber das war immer noch besser, als ausgesaugt zu werden.

Doch sie brach sich das Genick nicht. Stattdessen kam sie in einem großen, wirren Haufen Eis und Schnee zu sich, weil jemand schrie: »Charlotte! Hey! Bist du okay?«

Adrian. Es war Adrian, der da schrie. Es brachte sie dazu, sich aufzurappeln. Ihr Kopf schmerzte, fühlte sich an, als müsse er voller blauer Flecken sein. Ihr war schwindelig. Als sie an sich herabsah, um herauszufinden, ob sie schon auf beiden Beinen und womöglich sogar aufrecht stand, bemerkte sie, dass von der Schwimmweste nur noch Bruchstücke übrig waren, zusammengehalten von Streifen aus Kunststoffgeflecht, die darin eingearbeitet gewesen waren.

Charlotte schaute auf. Adrian stand da und ruderte heftig mit dem Arm. Die anderen taumelten bereits Richtung Hütte, Morley und Angela, so unsicheren Schrittes beide, dass man ihnen kaum zuschauen mochte. Als sei der Teufel höchstpersönlich hinter ihnen her …

Ach ja, richtig. Charlotte wandte den Kopf, schaute die Felsspalte empor, wollte nicht darüber nachdenken, wie sie die zurückgelegt hatte, Hunderte von Metern mehr oder weniger steil bergab … Der Teufel. Es war nichts mehr zu sehen von seinen silberhellen Krallen. Sie waren entkommen.

»Charlotte!« Adrian kam zu ihr hoch … um was zu tun? Sie mit sich zu zerren? Ihr aufzuhelfen? Aber sie stand doch schon. Sie tat den ersten Schritt und hatte das Gefühl, dass sich der Boden unter ihr bewegte, die Insel anfing zu kippen.

»Komm.« Er hatte sie erreicht, fasste sie am Arm, stützte sie. So viel Sorge. Als sei sie aus Porzellan. Dabei war sie okay. Die paar Blessuren … Sie streifte seine Hände ab, löste die Gurte der Schwimmweste, ließ die Überreste fallen.

»Das war knapp«, sagte sie und musste daran denken, dass es für Leon zu knapp gewesen war. Musste an sein wild-verwegenes, dunkelblondes Wikingerhaar denken, seine neugierigen blauen Augen, sein freches Grinsen.

Weg, alles weg. Aufgesaugt. Aufgefressen.

»Ja«, sagte Adrian. »Verdammte Scheiße.«

Jeder Schritt tat weh. Als hätte sie jemand mit einem Hammer bearbeitet, während sie ohnmächtig gewesen war.

»Hat sich keiner verletzt?«, fragte sie. »Beim Runterkommen, meine ich.«

»Du bist am wildesten reingebrettert. Hast uns alle überholt, einfach – pschiou!« Er zeichnete mit der Hand eine flach gestreckte Flugbahn in die Luft. »Wir sind da unten angekommen, und du hast noch oben in dem Lawinenrest gesteckt …«

»So fühl ich mich auch. Wie ein Lawinenrest.«

Aber es ging. Doch, ja. Wenn nichts Schlimmeres auf sie wartete, würde sie sich nicht beklagen.

Morley und Angela waren schon in der Hütte, seit gut fünf Minuten. Gerade als Adrian die Tür öffnen wollte, ging sie von selber auf, und etwas Großes, Voluminöses kam ihnen entgegen: das zusammengelegte Boot. Morley und Angela waren im Begriff, das Paket ins Freie zu zerren.

Adrian wich zurück. »Sagt mal, spinnt ihr jetzt völlig?«

»Scheiß auf die verdammten Psychobücher«, stieß Morley hervor, während er zerrte und zog und schob. »Tu, wovor du Angst hast. Der Kerl, der das geschrieben hat, weiß nicht, wovon er redet.«

»Ja, meinetwegen, aber was soll das hier jetzt?«

»Na was wohl?«, erwiderte Morley. »Ich will runter von der Insel.«

»Und wohin, bitte?«

»Erst mal einfach nur runter!« Er schrie es, wirkte wie jemand, der jeden Moment ausrasten würde. Da sowieso kein Vorbeikommen war an dem alles verstopfenden Gewirr aus Kunststoff und Gummi, halfen Adrian und Charlotte den beiden, das Boot vollends ins Freie zu bugsieren, und überließen sie anschließend sich selbst.

»Mist«, meinte Adrian, als er die Tür zum Wohnraum aufstieß. »Ich wusste, dass Morley irgendwann durchdreht …«

Er zog das Funkgerät unter dem Bett hervor, klappte es auf, schaltete es ein und steckte die Antenne ein, die sie an der Zimmerdecke aufgespannt hatten. Draußen hörte man Morley schreien: »Nein, verdammt, doch nicht mit der Pumpe! Viel zu langsam! Da, die Pressluftflaschen, die sind für den Notfall …!«

Adrian drehte den Regler auf und reichte Charlotte das Mikrofon. Sie hockte sich vor dem Gerät auf den Boden, sprach, ohne groß nachzudenken. »SOS. SOS. Rogachevo Basis, hier ist Saradkov. Dies ist ein Notruf. Hören Sie uns?«

Sie ließ die Sprechtaste los, lauschte. Nichts. Nur ohrenbetäubendes Knistern und Rauschen, eine Kakofonie aus Knack- und Surrlauten, als nähere sich ein elektrischer Heuschreckenschwarm.

»Störstrahlung«, meinte Adrian, der breitbeinig über ihr stand. »Die verdammten Dinger stören den Funk.« Er schob grimmig den Unterkiefer vor. »Versuch es weiter. So oft wie möglich. Und auf allen möglichen Frequenzen.«

Charlotte wechselte auf die Notruffrequenz und ins Englische. »Mayday. Mayday. Mayday. This is Saradkov Island.« Sie beugte sich beschwörend über das Mikrofon. »Hört uns jemand? Dies ist ein Notruf. Wir sind in Lebensgefahr. Hier spricht Saradkov Island, Koordinaten: achtzig Grad neunundvierzig Minuten nördliche Breite –«

»Oh, Gott!«, stieß Adrian hervor. »Schau dir das an!«

Charlotte hielt inne, sah blankes Entsetzen in seinen Zügen und dass sein Blick durch das hintere Fenster hinausging. Sie richtete sich auf. Da draußen kam etwas den Berghang herab, etwas silbern Flimmerndes, so zäh und unaufhaltsam wie ein Lavastrom, nur dass es kaltes Licht war, das davon ausging.

Und was immer es war, es hielt genau auf die Hütte zu.

4

»Raus hier«, zischte Adrian.

Bewegung. Das Funkgerät musste mit, das verstand sich von selbst. Charlotte schaltete es aus, löste die Antennenstecker, klappte den Deckel zu, ließ die Verschlüsse einrasten. Adrian hastete unterdessen in die Ecken des Raumes, riss die Antenne herunter, rollte sie sich um die Hand und stopfte alles in die Jackentasche. »Los.«

Ein kurzer Blick hinaus: Das silbern schimmernde Unheimliche war schon verdammt nahe.

Im Nu war Charlotte auf den Beinen, im Nu waren sie aus der Tür. Adrian nahm ihr im Rennen den Koffer mit der Funkanlage ab. »War doch keine so blöde Idee mit dem Boot«, keuchte er.

Das Boot lag voll aufgeblasen am Wasser. Morley kam ihnen vom Strand her entgegen und blieb erschrocken stehen, als er sie sah. »Wir brauchen noch Benzin«, rief er.

»Zu spät«, rief Adrian zurück. »Schnell, zum Boot.«

»Aber der Tank ist fast –«

»Vergiss es!«

Morley wollte noch etwas sagen, aber in diesem Moment musste hinter ihrem Rücken etwas vor sich gehen, das ihn zum Schweigen brachte. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck maßlosen Entsetzens an.

Charlotte fuhr herum. Die silberne Flut hatte die Hütte erreicht – und ließ sie in sich zusammensinken, als habe sie nur aus Pulver bestanden, das nun im Sturm zerstob.

Es bedurfte keiner weiteren Worte. Sie rannten, sprangen über Felsen, stolperten, ohne zu stürzen, stellten neue persönliche Bestleistungen auf. Angela, bis eben damit beschäftigt, den Außenborder zu befestigen, beeilte sich, das Boot vollends bis ans Wasser zu schieben. Sie stiegen hinein, die Frauen zuerst, dann Morley, und Adrian war es schließlich, der dem Boot den letzten Stoß gab und mit einem kühnen Satz an Bord sprang. Morley startete den Motor, richtete den Bug meerwärts und brachte einige Hundert Meter zwischen sie und die Insel.

»Das reicht erst mal«, meinte Adrian und hockte sich vor eine mit der Wandung verschweißte Tasche, die, wie Charlotte sah, als er sie öffnete, diverse Überlebensartikel enthielt, unter anderem ein kleines Fernglas. »Wir müssen noch sehen können, was sich auf der Insel tut.«

Morley stellte den Motor ab. »Der Tank ist so gut wie leer. Mist. Hätten wir ihn gleich aufgefüllt, dann –«

»Dann was? Wären wir bis Ostrov Uschakova gefahren? Hundertdreißig Meilen übers offene Meer? Das glaube ich kaum.« Adrian zog den Reißverschluss der Survivaltasche wieder zu, hob das Fernglas. »Die Hütte ist weg. Wie nie gewesen.«

Er reichte das Fernglas weiter, an Angela, die ihre bebenden Hände danach ausstreckte.

»Lass es uns noch einmal versuchen«, meinte er zu Charlotte. »Mit einem Notruf, meine ich.«

Charlotte kämpfte gegen nackte Panik an. Angela und Morley hatten keine Zeit gehabt, den ausfaltbaren Lattenrost einzusetzen, der normalerweise als Einlegeboden diente. So hatten sie tatsächlich nur die reine Bodenplane zwischen sich und dem eiskalten Wasser. Es fror sie an den Knien, und es war unheimlich, den Boden ständig unter sich nachgeben zu spüren.

Sie konzentrierte sich auf das Funkgerät. Deckel aufklappen, Hauptschalter betätigen, warten, dass das grüne Lämpchen aufleuchtete. Adrian zog die Antenne aus der Tasche, steckte sie ein.

Aber es war so hoffnungslos wie vorhin. Die Störstrahlung war eher noch stärker geworden.

»Was ist das für ein Monster?«, fragte Angela, das Fernglas absetzend.

»Es ist eine Maschine«, erklärte Charlotte. »Eine Art Maschine.«

»Eine Maschine, die Menschen frisst? «

»Maschinen tun das, wofür sie gebaut worden sind. Es ist ihnen egal, was das ist.«

Adrian musterte Charlotte. »Wie kommst du darauf? Dass das eine Maschine ist, meine ich?«

Ich glaube, dass mir diese Maschine – oder ihr Vorgängermodell – schon einmal eine Tasse Kaffee serviert hat. Konnte man so etwas sagen, hier, jetzt, nach allem, was geschehen war? Unmöglich.

Außerdem stimmte es nicht. Sie hatte ihr keinen Kaffee serviert, sondern einen Schal gestrickt. Das konnte man noch viel weniger erzählen. Es hätte geklungen wie beginnender Wahnsinn.

»Für mich sieht es aus wie eine Maschine«, sagte Charlotte also einfach nur.

Morley nahm Angela das Fernglas ab. »Das müsste ja ein riesenhaftes Ding sein, so, wie das nach uns gestochert hat«, meinte er. »Es müsste die gesamte Insel unterwandert haben … Aber das, was die Hütte zertrümmert hat, das ist kein Greifarm oder so etwas gewesen. Das sieht eher aus, als sei da eine zähe Flüssigkeit den Berg herabgelaufen.«

»Eine Maschine, die aus vielen kleinen Teilen besteht, die zusammenarbeiten«, ergänzte Charlotte. »So sieht das für mich aus.« Winzig kleine Teile. Hiroshi hatte die letzten sechs Jahre damit verbracht, Maschinen zu konstruieren, die nur noch aus wenigen Atomen bestanden. So sah es aus. So winzig.

Was, wenn ihm jemand zuvorgekommen war?

Morley ließ den Fernstecher sinken. »Das ist unheimlich. Wir können unmöglich auf die Insel zurück. Wir wissen ja nicht, was uns dort erwartet.« Er sah sich um, betrachtete das Boot, als sähe er es zum ersten Mal, schluckte heftig. »Aber was tun wir dann? Wir haben kaum Sprit, nichts zu essen, nichts zu trinken …«

Ein unheilvolles Schweigen breitete sich aus.

»Wir müssen immer wieder versuchen, einen Notruf abzusetzen«, erklärte Adrian. »Die werden den Funk vielleicht nicht dauernd stören.« So, wie er es sagte, merkte man deutlich, dass er das selber nur für eine höchst theoretische Chance hielt.

Angela räusperte sich. »Unsere letzte routinemäßige Meldung haben wir vorgestern gemacht«, zählte sie auf. »Das heißt, in Rogachevo werden sie die nächste Meldung in fünf Tagen erwarten. Sagen wir, sie fangen an, sich Sorgen zu machen, wenn sie in sieben Tagen immer noch nichts von uns gehört haben – dann müssten wir eine Woche durchhalten.«

»Eine Woche!«, stieß Morley fassungslos hervor. »In diesem Ding hier?«

»Schiffbrüchige haben schon viel länger durchgehalten.«

»Aber nicht im Polarmeer.« Morley rieb sich die Schenkel. »Ich frier jetzt schon! «

Eine Woche? Auch Charlotte kam es völlig utopisch vor, so lange zu viert in dieser Nussschale von einem Gummiboot am Leben bleiben zu wollen. Allein, dass sie nichts zu trinken hatten, würde ihren Tod bedeuten. Doch das behielt sie für sich.

»Darf ich auch mal?«, bat sie und streckte Morley die Hand hin.

Er gab ihr das Fernglas. »Da. Mir wird eh übel, wenn ich da lang durchgucke.«

Charlotte hatte Mühe, das Glas einigermaßen ruhig zu halten. Das Boot unter ihr schwankte, nichts gab einem Halt. Die Insel sah wieder völlig unverdächtig aus. Wenn man nicht gewusst hätte, dass da vor Kurzem noch eine Hütte gestanden hatte, hätte man nicht vermutet, dass irgendetwas Besonderes vorgefallen war.

Es wäre ihr fast lieber gewesen, sie hätte irgendwelche gefährlich aussehenden Maschinen ausgemacht. Die Insel so harmlos vor sich liegen zu sehen gab einem das ungute Gefühl, überreagiert zu haben. War die Bedrohung am Ende schon vorüber, und sie dümpelten völlig unnötigerweise hier draußen auf den kalten Wogen?

Oder – und dieser Gedanke war wesentlich unerfreulicher – sahen sie deshalb nichts, weil sich die Gefahr ganz woanders zusammenbraute, an einer Stelle, die sie nicht sehen konnten? Vor Charlottes innerem Auge entstand das Bild einer Schar großer Klingen, die gerade vom Meeresgrund zu ihrem Boot empor wuchsen.

Sie setzte das Fernglas ab, reichte es Adrian. Morley hatte sich auf den Rücken gelegt, atmete hektisch durch den weit geöffneten Mund ein und aus und zitterte – vor Angst vielleicht, von der Kälte oder von beidem. Selbst Charlotte konnte beides kaum mehr auseinanderhalten.

Sie lehnte sich gegen den Schlauch, den Rücken der Insel zugekehrt, legte den Kopf nach hinten. Die Bilder gingen ihr nicht aus dem Kopf, wie Leon vor ihren Augen verschwunden war, ausgesaugt wie eine reife Frucht, verschrumpelnd, immer weniger und weniger werdend, ohne dass sie irgendwas hätten tun können …

Sie schloss die Augen und fragte sich, ob es wehtun würde zu sterben. Sie schreckte hoch, als jemand sie an der Schulter berührte. Adrian.

»Bin ich eingeschlafen?«, fragte sie verwirrt, griff sich an den Kopf. Der tat weh. Von dem Sturz, richtig.

»Du hast sogar geschnarcht«, erklärte Adrian. »Es ist fünf Uhr früh. Angela und ich haben uns mit der Wache abgelöst.«

Charlotte sah sich um. Immer noch das Boot. Also war das alles doch nicht nur ein böser Traum gewesen. Morley schlief auf dem schwarzen, nachgiebigen Gummiboden, grün im Gesicht und unruhig atmend. Angela saß neben dem Ruder und rieb sich die Arme. Und die Insel –

»Was ist das?«, entfuhr es Charlotte, als sie die Insel sah, einen guten Kilometer entfernt. Die Sonne stand schräg hinter ihnen, tief über dem Horizont, warf lange Schatten über die kahle Südküste. Die völlig verändert aussah.

»Wir haben es vor einer Stunde oder so bemerkt«, erklärte Adrian und reichte ihr das Fernglas. »Es sieht aus, als würden die Maschinen die ganze Insel umbauen.«

Charlotte rappelte sich auf, setzte das Glas vor die Augen. Dort, wo bisher ein zerklüfteter Berghang gewesen war, prangten nun massive, glatte, stählerne Rippen, hundert Meter hoch und höher. Das war kein Berg mehr, das war eine Festung. Der Strand – verschwunden. An seiner Stelle glänzte eine konturlose, kilometerlange Stahlplatte.

Und alles war in Bewegung. Man konnte zusehen, wie auf den Zinnen bizarre Aggregate heranwuchsen, sich veränderten, mal einem Geschütz glichen, mal Radarantennen, mal etwas, das einem überhaupt nichts sagte.

Doch egal, was man darin zu erkennen meinte, der Gesamteindruck blieb derselbe: bedrohlich.

Sie schluckte trocken, hätte etwas gegeben für eine heiße Tasse starken Kaffees. »Irgendwie hab ich immer noch das Gefühl, ich träum das alles nur.«

»Das muss schon eine ganze Weile so gehen, wir haben es nur nicht bemerkt«, erzählte Adrian. »Die Nacht über lag die Küste ja im Schatten, und eine Zeit lang hatten wir dunkle Wolken …«

»Wieso habt ihr uns schlafen lassen?« Charlotte bewegte die verspannten Schultern, hatte das Gefühl, nur noch aus Eis zu bestehen. »Mir ist eklig kalt.«

»Wir haben euch nicht wach gekriegt. Und irgendwann haben wir’s aufgegeben.«

Charlotte erinnerte sich an überhaupt nichts. »Habt ihr mal versucht zu funken?«

»Ja. Ist immer noch hoffnungslos.«

Eine Weile sagte keiner etwas. Das Boot schwankte unablässig, die See schwappte träge gegen die prallen Wandungen. Die Stille war unheimlich.

Angela kam herübergekrabbelt. »Ich hatte schon Angst, ihr erfriert beide«, erklärte sie bibbernd. »Was auf der anderen Seite ein gnädiger Tod wäre.«

»Ich hab mir überlegt, dass das bestimmt jemand auffangen wird«, meinte Adrian. »Diesen Störfunk, meine ich. Die überwachen die Küste doch auf allen Frequenzen. Das heißt, irgendwann kommt jemand. Ein Suchflugzeug, ein Aufklärer …« Er berührte die eingeschweißte Tasche mit der Überlebensausrüstung. »Drei Leuchtraketen haben wir.«

Ein knackendes Geräusch drang von der Insel herüber und ließ sie alle die Köpfe drehen.

»Das ist schon das dritte Mal«, sagte Angela. »Aber so laut war es bis jetzt nicht.«

Charlotte starrte die in einen bizarren stählernen Albtraum verwandelte Insel an und wünschte sich inbrünstig, weit weg zu sein. Die Hälfte von ihr bestand schon aus Eis. Lange würde sie nicht mehr durchhalten.

Vielleicht, überlegte sie, war es das Beste, sie fassten sich irgendwann ein Herz und gingen wieder an Land. Egal, was dann mit ihnen geschehen mochte.

»Was’r das?« Morley, der sich in diesem Moment hochrappelte, war kaum zu verstehen. »Scheiß … Kälte. Ich hab … Mann … was war das gehört?« Er hielt inne, starrte die Insel an. »Fuck!«, stieß er schließlich hervor. »Was ist denn das für ein Scheißspiel?«

»Die Dinger bauen die Insel um«, sagte Adrian und hielt ihm das Fernglas hin.

Morley ignorierte es. »Sieht aus wie Supermans Festung der Einsamkeit«, stellte er fest. »Und wir haben kein Kryptonit dabei!« Er klang ziemlich delirisch.

Wieder knackte es, und diesmal war es ein Laut, der vom ganzen Himmel widerzuhallen schien.

»Na, darauf haben wir doch nur gewartet«, ächzte Morley. »Die Rutschung!«

»Meinst du, das ist der Gletscher, der kalbt?«, fragte Adrian. »Der diesen Krach macht?«

Morley streckte die Arme aus, fasste das Seil, das durch aufgeklebte Ösen rings um das Boot lief. »Nein, Mann«, erwiderte er dumpf. »Der ganze verdammte Eisschild rutscht ab. Haltet euch lieber fest!«

5

Es begann mit einem Rumpeln. Zuerst war es ein fernes Grollen, wie ein ungewöhnlich lautes Gewitter. Kurz darauf klang es, als ständen dort hinter der Bergkette zahllose hohe Türme mit breiten Wendeltreppen und als ließe eine Horde Verrückter Tausende mit Steinen gefüllter Eichenfässer eben diese Treppen hinabpoltern. Und dann sahen sie plötzlich – eine winzige, nahe zu unscheinbare und doch schreckenerregende Bewegung – etwas verschwinden, was man bis zu diesem Zeitpunkt für eine kleine Schneekappe auf einem der Felsen hätte halten können.

Tatsächlich war es ein Teil des Gletschers, der nun unaufhaltsam ins Rutschen gekommen war. Und das klang, als zerbreche die ganze Erde und der Himmel gleich mit dazu. Alles um sie herum dröhnte, auf einer tiefen, den Bauch zum Erzittern bringenden Frequenz, mehr spür- als hörbar.

»Wir sind nicht in der direkten Gefahrenzone«, überlegte Adrian laut und hastig. »Der Teil des Eisschilds, der nach Norden abrutscht, wird in der Bucht niedergehen, und die Flutwelle dort wird durch die beiden Felsvorsprünge abgelenkt … und das Eis, das im Süden ins Meer stürzt, da werden wir auch nur Ausläufer abbekommen …«

»Amen«, rief Morley, krallte sich an die Leine und senkte den Kopf auf den Druckschlauch.

Charlotte tat es ihm gleich. Adrian rief noch etwas, aber da war das Donnern ringsherum schon zu laut, als dass man noch ein Wort verstanden hätte.

Das ist nur ein Ausläufer, wiederholte Charlotte für sich, als das Boot von unsichtbarer Hand in die Höhe gehoben wurde. Wir sind nicht in der direkten Gefahrenzone, sagte sie sich, als es unvermittelt wieder in die Tiefe sackte.

Dann hämmerte ein Brecher auf sie herab, als habe jemand über ihnen ein Schwimmbad voll atemberaubend eiskaltem Wasser umgekippt. Einen grauenhaften Moment lang fühlte Charlotte nichts, hatte das Gefühl zu schweben, und wäre da nicht die Leine gewesen, sie wäre einfach davongeschwebt. Dann ein Schlag von irgendwoher, eine wilde, gewalttätige Ausreißbewegung der Leine, die ihr das Armgelenk auskugeln zu wollen schien – und Charlotte war wieder da, in einem Boot, halb voll mit Eiswasser.

»Verdammt!«, schrie jemand. Adrian, dicht neben ihr. Er bewegte sich, schnell und wütend. Schaufelte mit irgendetwas das Wasser über Bord, in einem fort fluchend. Die meisten Flüche hörte sie zum ersten Mal im Leben, und irgendwie fand sie diesen Vorrat an bislang ungenutzter Empörung beeindruckend.

Das Boot stampfte und taumelte, hin und her, auf und ab, als sei es auf den Schienen einer missratenen Achterbahn gelandet. Es war Charlotte unverständlich, wie Adrian etwas anderes tun konnte, als sich festzukrallen, so gut es nur ging. Ringsum tobte das Meer, war ein gischtdurchtoster Albtraum widerstreitender Wellen, die sich anbrüllten, anrempelten und aneinander zerbarsten.

Doch Adrian schaufelte Wasser.

Wir sind nicht in der direkten Gefahrenzone. Nur Ausläufer. Gut zu wissen.

Irgendwann – nach Stunden, wie es ihr vorkam – beruhigte sich das Meer wieder. Vielleicht waren es auch nur Minuten gewesen, aber dann die längsten Minuten, die sie je erlebt hatte. Minuten voller Wasser, das sie überspült und bis auf die Haut durchnässt hatte. Dabei fror sie nicht einmal. Es war eher, als sei sie am ganzen Körper narkotisiert worden. Als habe sie jemand vom Hals abwärts mit einem dieser anästhesierenden Sprays eingenebelt.

»Das Schlimmste ist vorbei«, sagte jemand. Adrian. Oder Morley. Egal. Sie waren ja ohnehin nicht in der direkten Gefahrenzone. Sie hatten nur Ausläufer abgekriegt.

Jetzt schwamm überall Eis. Charlotte hob den Kopf, drehte ihn mühsam. Eisbrocken, wohin sie schaute. Trümmer, und alle in ungehaltener Bewegung, als ärgerten sie sich darüber, wie die Dinge gelaufen waren.

Sie zitterte. Es war ein unwillkürliches Zittern, ein Zittern gegen ihren Willen, ein Frieren, das sie ein für alle Mal ergriffen hatte und sich unbarmherzig in ihren Körper fraß.

Es ist vorbei, dachte sie, als ihr auffiel, dass sie ihre Hände kaum noch spürte. So überstehen wir nicht einmal die nächste Stunde, geschweige denn eine Woche.

»Vielleicht …«, begann sie, hustete, sammelte ihre Kräfte und setzte neu an: »Vielleicht sollten wir an Land zurückgehen, was meint ihr? Ist ja nicht gesagt, dass die immer noch hinter uns her sind.« Und wenn doch, dann geht es wenigstens schneller. Das sagte sie nicht.

Adrian neben ihr hielt im Schöpfen inne. Er blickte zwischen ihr und der Insel hin und her, das Gesicht ein Ausdruck des Grauens. »Aber an Land ist doch nichts mehr. Die Hütte ist weg, unsere Sachen sind weg …«

In diesem Augenblick begann es wieder zu rumpeln.

»Oh, nein«, stöhnte Angela. »Nicht noch einmal.«

Adrian und Morley wechselten befremdete Blicke. »Was kann da jetzt noch kommen?«, fragte Adrian und hustete. Auch er war klatschnass.

Morley schüttelte nur ratlos den Kopf. Er war kreidebleich, brachte nichts mehr heraus.

Das Geräusch wurde lauter, und je lauter es wurde, desto deutlicher hörte man, dass es eine andere Art von Geräusch war als vorhin. Diesmal kam es von weit unter ihnen, ein Vibrieren, das aus den Tiefen der Erde emporstieg und erst an der Oberfläche zu dem Laut wurde, den sie hörten. Auf dem Meer ringsum zeichneten sich deutlich die Rippen dünner Wellen ab, die von der Insel ausgingen, als wäre sie eine Stimmgabel, die jemand ins Wasser hielt.

Es war längst kein Rumpeln mehr, sondern ein helles, durchdringendes Pfeifen, das in den Ohren schmerzte. Etwas knallte wie ein Peitschenhieb, ein Donnerschlag, der über das Polarmeer rollte und vom Himmel widerhallte …

Und dann schoss etwas Großes, Schlankes hinter der metallbewehrten Bergkette empor, raste wie ein von einer titanischen Sehne geschnellter Pfeil in die Höhe, um sich weit über ihnen zu entzünden, zu einem Licht zu werden, das in den Augen wehtat. Das Pfeifen verhallte. Blendend hell stieg das Ding weiter und weiter, in atemloser Stille zuerst, bis mit etlichen Sekunden Verspätung wieder brüllender Lärm auf sie herabdonnerte.

»Eine Rakete!«, schrie Adrian. »Das ist eine Rakete!«

Niemand widersprach. Was sollte es sonst sein? Sie sahen dem grellen Lichtpunkt hinterher, der weiter und weiter in den Himmel stieg, ohne zu verlöschen oder auch nur nennenswert in seiner Intensität nachzulassen. Es sah aus, als versehe ein Riese das Firmament mit einer gründlichen Schweißnaht.

Eigenartige Laute ließen sie herumfahren. Es war Morley, der etwas von sich gab, das wie ein irrer Triumphschrei klang. »Gerettet!«, keuchte er immer wieder. »Wir sind gerettet! «

»Morley?« Adrian schüttelte ihn an der Schulter. »Bist du jetzt übergeschnappt?«

Morley grinste übers ganze Gesicht. »Begreift ihr denn nicht? Jetzt werden sie kommen! Alles, was schwimmen oder fliegen kann, kommt jetzt angewetzt, um nachzuschauen, was hier los ist!«

Morley sollte recht behalten. Es dauerte keine halbe Stunde, bis ein Verband von drei Jets angedonnert kam, die die Saradkov in weitem Radius umrundeten. Adrian feuerte eine Signalrakete ab. Einer der Jets scherte aus, flog über sie hinweg und wackelte kurz mit den Flügeln – galt das als Zeichen, dass er sie gesehen hatte?

Dann flogen sie wieder davon, und es wurde wieder alles still.

»Und jetzt?«, fragte Angela.

»Die werden schon kommen«, erklärte Morley mit derart viel Hoffnung in der Stimme, dass einem angst und bange werden konnte.

Charlotte konnte ihr Zittern nicht länger unterdrücken. Ganz heiß wurde ihr von den unwillkürlichen Bewegungen ihres Körpers. Beugte sich da jemand über sie, redete mit ihr? Angela? Nasse Haare hatte sie, rote Augen, zitterte selber. Charlotte verstand nicht mehr, was sie sagte, hörte nur noch fremde Laute einer fremden Sprache, sehnte sich danach, dass jemand sie in den Arm nahm und Worte zu ihr sprach, die sie kannte. Ne t’inquiète pas. Je suis là. Je m’occupe de toi. Tout va bien.

Alles schwankte. Alles war kalt. Die Zeit blieb stehen. Kälte fraß sie auf, saugte ihr das Leben aus dem Leib, ließ sie zu Stein gefrieren. Es kam niemand. Stunden vergingen, Tage, Ewigkeiten.

Dann wieder Lärm. Eine Maschine, die aus dem Himmel herab stieg. Ein Hubschrauber, der eiskalte Luft auf ihre eiskalte Kleidung blies, ihren Atem zum Stocken, ihr Herz zum Stolpern brachte.

Hände packten sie. Man wuchtete sie umher, schlang etwas um sie, ein dickes Seil, hob sie daran in die Höhe, immer höher und höher, dem silbernen Schwirren entgegen, von dem all diese kalte, zittern machende Luft herkam und all das ohrenbetäubende Dröhnen. Man sprach zu ihr, schrie ihr durch den Lärm irgendetwas zu, aber sie verstand nichts, kein einziges Wort. Sie ließ sich nach hinten fallen. Schwärze stieg rings um sie auf, und sie versank darin.

Noch einmal fuhr sie hoch, in einem weichen, weiß bezogenen Bett. Es war warm, unglaublich warm, und alles war gut. Dann wurde es endgültig dunkel.

Helles Licht. Schaukelnde Bewegungen. Hörte das denn nie auf? Sie wusste nicht, warum ihr das Schaukeln so einen Schrecken einjagte, aber das tat es. Charlotte riss die Augen auf und sah in ein bekanntes Gesicht. Adrian.

»Gott sei Dank«, sagte der. »Ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf.«

Charlotte blinzelte, versuchte sich hochzustemmen. Erst jetzt bemerkte sie, dass in ihrem linken Arm eine Kanüle steckte, von der ein Schlauch zu einem Beutel mit wasserklarer Flüssigkeit über ihr lief. »Was ist los? Wo sind wir?«

»An Bord irgendeines russischen Schiffes, dessen Namen ich um alles in der Welt nicht verstehe. Scheint eine Art Eisbrecher oder so was zu sein, riesig jedenfalls.«

Jetzt fiel ihr alles wieder ein. Die Insel. Leon. Die Maschinen. Die Flucht, das Boot, die Flutwelle. »Sie haben uns gerettet!«

»Zumindest haben sie uns aus dem Wasser gefischt.«

Charlotte sah umher. Eine Krankenstation mit zehn Betten, von denen drei benutzt aussahen. Vier, wenn sie ihr eigenes mitzählte. »Wo sind die anderen?«

»In der Kantine oder wie das auf einem Schiff heißt. Was essen. Ich bin hiergeblieben, weil du dich fürchterlich hin und her gewälzt und in allen möglichen Sprachen gebrabbelt hast. Sie haben dir irgendwas gegeben, weil du von uns allen am meisten unterkühlt warst, vielleicht deshalb.« Er deutete auf ihren Arm. »Soll ich dem Arzt Bescheid sagen, dass er dich abstöpselt? Dann können wir auch gehen. Ich hätte nämlich ziemlichen Hunger.«

Etwas zu essen war so ungefähr das Letzte, was sich Charlotte jetzt hätte vorstellen können. Sie sah Adrian genauer an. Er trug einen dunkelblauen Trainingsanzug mit russischen Aufdrucken. Sie sah an sich herab. Man hatte sie in dieselbe Art Kleidung gesteckt, nur ohne das Oberteil. Sie trug nur ein dunkelblaues, viel zu weites T-Shirt, das ihre Arme frei ließ.

»Was passiert sonst?«, wollte sie wissen. »Was ist mit der Insel?«

Adrian seufzte. »Keine Ahnung. Sie haben uns ausgefragt, aber ich weiß nicht, wie viel sie von dem verstanden haben, was wir versucht haben, ihnen zu erklären. Jedenfalls ist ständig jemand da, der auf uns aufpasst, und draußen sind eine Menge Schiffe und U-Boote – echt beeindruckend.«

»Lass sehen.« Sie rappelte sich weiter auf, setzte sich auf den Bettrand, musste innehalten, weil ihr schwindlig wurde.

»Wart, ich geb Bescheid.« Adrian spurtete zur Tür, einer massiven Stahltür mit schweren Riegeln, steckte den Kopf hindurch und rief jemandem etwas zu.

Charlotte schätzte derweil ungeduldig die Entfernung bis zum nächstliegenden Bullauge ab und verglich sie mit der Länge ihres Infusionsschlauches. Das würde schon reichen. Sie stemmte sich hoch, griff nach dem Haltebügel am Kopfende ihres Bettes, wartete eine günstige Rollbewegung ab, um sich von ihr an das dicke runde Fenster tragen zu lassen.

Tatsächlich. Da draußen, im unwirklichen Zwielicht des endlosen Polartages, schwamm eine ganze Flotte. Charlotte kniff die Augen zusammen. Es waren nicht nur russische Schiffe. Täuschte sie sich, oder war das –?

»Hey, hey!« Adrian war wieder da, fasste sie am Oberarm. »Der Arzt kommt gleich.«

Charlotte deutete hinaus, auf eines der U-Boote, dessen Turm dunkel und wuchtig aus den Wellen ragte. »Ist das nicht eine amerikanische Flagge?«

»Was?« Er spähte durch die Scheibe. »Hey, du hast recht. Das ist ja großartig!« Wie alle Amerikaner, die Charlotte kannte, empfand auch Adrian Cazar die Gegenwart von US-Streitkräften beruhigend. Dass sie auf ihrer Expedition bis jetzt die ganze Zeit mit dem russischen Militär zu tun gehabt hatten, war ihm im Grunde seiner Seele unheimlich gewesen.

Der Arzt kam, ein junger Mann mit ausgeprägten Segelohren, der so unsicher wirkte, als habe er sein Studium erst letzte Woche beendet. Aber als Charlotte wieder zurück bei ihrem Bett war, zog er ihr die Kanüle mit geschickten Händen. »Warten Sie hier«, sagte er dann in kehligem Englisch. »Der Kapitän kommt. Er will … Ihnen Fragen stellen.«

Adrian verzog das Gesicht, und als der Arzt wieder draußen war – die Infusion hatte er mitgenommen –, meinte er: »Na, hoffentlich bin ich bis dahin nicht verhungert.«

Es dauerte keine fünf Minuten. Der Mann, der sich als Kapitän Erster Klasse Vladimir Korodin vorstellte, hatte eisgraue Haare und einen eisgrauen Blick. Er trug eine schlichte Uniform; sein eigentliches Rangabzeichen waren die drei Männer, die ihn begleiteten, mit ehrfürchtigem Blick jede seiner Bewegungen verfolgten und jede seiner Anweisungen mit gehorsamem Nicken aufnahmen.

»Man hat mir gesagt, dass Sie Russisch sprechen«, sagte er, an Charlotte gewandt.

»Da«, erwiderte sie. »Prawilno.«

Der Kapitän stand am Fußende ihres Bettes wie ein Fels – abgesehen von seinen Fingern, die einen unruhigen Rhythmus auf dem Bettgestell klopften. »Dann möchte ich Sie bitten, mir noch einmal zu erzählen, was passiert ist. Das, was Ihre Freunde berichtet haben, war, gelinde gesagt, so fantastisch, dass ich angefangen habe, an unseren Englischkenntnissen zu zweifeln.«

Einer seiner Begleiter zog den Kopf ein. Anscheinend war er mit der Übersetzung betraut gewesen.

Charlotte nickte. Es wäre ihr lieber gewesen, sich nicht erinnern zu müssen, aber es doch zu tun war ein geringer Preis für ihre Rettung. Also erzählte sie ihm, was passiert war, und beantwortete seine Nachfragen.

»Frag ihn, ob das da draußen wirklich ein amerikanisches Schiff ist«, bat Adrian, als sie fertig war.

So viel Englisch verstand der Kapitän selber. Ohne auf Charlottes Übersetzung zu warten, erklärte er: »Ja. Das ist ein U-Boot der sechsten US-Flotte. Die Amerikaner haben den Raketenstart natürlich registriert, und da ein unangekündigter Raketenstart von russischem Territorium gegen die Abrüstungsverträge verstößt, sind wir gezwungen, ihnen Zugang zu gewähren, um zu beweisen, dass wir damit nichts zu tun haben.« Etwas wie ein Schatten huschte über sein Gesicht. »In meiner Jugend hätte so ein Vorfall den Dritten Weltkrieg ausgelöst.«

In der Tür tauchte ein lockenköpfiger Soldat auf, der aussah wie ein Puttenengel in Uniform. Außer Atem – offenbar war er gerannt – salutierte er. »Kapitän! Sie sind jetzt da!«

Korodin nickte knapp. »Gut. Danke. Ich komme sofort.« Er sah Adrian und Charlotte an. »Und Sie bitte ich, sich so schnell wie möglich ebenfalls auf der Brücke einzufinden.« Ein Blick zum Arzt hin, der sich abwartend im Hintergrund gehalten hatte. »Tun Sie, was möglich ist. Es ist wichtig.« Ein weiterer Blick zu einem seiner Begleiter, demjenigen, der vorhin den Kopf eingezogen hatte. »Sie bringen sie hin.«

Damit ging er, gefolgt von den anderen beiden Männern.

Der Arzt untersuchte Charlotte noch einmal, schien zufrieden mit dem, was er feststellte. »Sie haben es sehr gut überstanden. Sie dürften ohne Erfrierungen davonkommen«, erklärte er ihr auf Russisch. Es erleichterte ihn unverkennbar, nicht mehr Englisch sprechen zu müssen. »Ich werde Ihnen, bevor Sie von Bord gehen, eine Salbe mitgeben und erklären, wie Sie die Wunden an Ihren Füßen behandeln sollten.«

Charlotte nickte nur. Wunden an den Füßen? Davon hatte sie noch gar nichts bemerkt. Erst jetzt kam ihr zu Bewusstsein, dass einige ihrer Zehen verbunden waren.

Sie streifte das Oberteil des Trainingsanzugs über, musste sich wegen der Verbände in Männerturnschuhe zwängen, die ihr zu groß waren, aber trotzdem drückten. Dann folgten Adrian und sie dem Mann mit der Angewohnheit, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen. An mehreren kreisrunden Stellen auf seinem Hinterkopf, stellte Charlotte unterwegs fest, gingen ihm die Haare aus.

Die Kommandobrücke hatte die Ausmaße eines Tanzsaals. Überall leuchteten Computerbildschirme, Männer saßen an dezent beleuchteten Kontrollpulten, und es herrschte kühle Geschäftigkeit. Im hinteren Bereich hatte Kapitän Korodin einen großen Tisch aufstellen lassen, der dort offensichtlich normalerweise nicht stand: Gerade in dem Moment, als sie die Brücke betraten, krabbelten zwei Männer mit Bohrern und Schraubenziehern unter der Platte hervor. Die Schrauben, mit denen der Tisch auf dem Boden befestigt worden war, glänzten silbrig-neu.

Morley und Angela waren schon da. Sie standen bei einer Gruppe von Männern, deren Uniformen hellblau waren im Gegensatz zu den dunkelblauen, die ihnen auf dem Schiff bisher begegnet waren. Die Männer in den dunkelblauen Uniformen machten einen weiten Bogen um sie, bedachten sie mit misstrauischen Blicken.

Es waren amerikanische Soldaten mit einer Menge goldener Streifen an den Ärmeln. Die Konkurrenz, sozusagen. Kein Wunder, dass man auf der Brücke beinahe einen Eishauch zu spüren meinte.

Einer der Amerikaner trat auf sie zu. »Commander John Penrose, Madam, US Navy«, sagte er zackig und streckte Charlotte die Hand hin. »Sie müssen Miss Malroux sein.«

Charlotte nickte. Seine Hand fühlte sich warm, trocken und kraftvoll an. »Angenehm.«

»Und Doktor Cazar, wenn ich recht informiert bin.«

»Adrian«, erwiderte Adrian eifrig.

»Ich fürchte«, fuhr der Commander fort, »Sie werden alles, was Sie uns oder Kapitän Korodin und seinen Leuten schon erzählt haben, nachher noch einmal erzählen müssen. Und bitte erschrecken Sie nicht – wir werden das aufnehmen. Nicht um Ihnen einen Strick daraus zu drehen, sondern um eine möglichst umfassende Dokumentation der Ereignisse zu erstellen. Es kann sich niemand erklären, was hier geschehen ist, deswegen ist jede, auch die kleinste Information von Bedeutung.«

»Alles klar«, meinte Adrian. Er schien regelrecht beglückt, in der Person des Commanders sozusagen wieder mit Heimaterde in Verbindung zu stehen.

Der Kapitän trat zu ihnen. »Commander Penrose«, sagte er in schwerem Englisch, »ich darf Sie und Ihre Leute bitten, Platz zu nehmen. Wir sind so weit.«

»Danke, Kapitän«, erwiderte Penrose frostig und gab seinen Leuten einen Wink. »Gibt es neue Messwerte von der Insel?«

Korodin nickte kühl. »Die Temperatur steigt weiter. Es sind nun über fünfzehn Grad Celsius. Plus! «

Penrose furchte die Stirn. »Das sind …«

»Etwa sechzig Grad Fahrenheit, General«, warf Adrian ein. »Was ein unglaublicher Wert für diese Region ist. Darf ich fragen, wie das gemessen wird?«

»Die haben eine Infrarotkamera.« Penrose deutete auf eine Gruppe von Russen, die um einen Bildschirm am anderen Ende des Steuerpults herumstanden und besorgte Mienen machten. »Na ja. Wir haben auch einiges zu bieten. Kommen Sie, setzen wir uns.«

Endlich drangen Morley und Angela zu ihnen durch. »Hi, Charlotte«, flüsterte Angela und legte den Arm um sie. »Wie geht’s? Du hast ziemlich viele Gespenster gesehen, was?«

»Ich erinnere mich an nichts«, bekannte Charlotte. »Ich bin bloß froh, dass wir von dem Schlauchboot runter sind.«

»Pass bloß auf mit dem Kaffee, den die hier haben«, raunte ihr Morley zu. »Ein unglaubliches Zeug. Brennt dir die Eingeweide raus wie nichts.« So blass, wie er war, schien er aus Erfahrung zu sprechen.

Sie setzten sich nebeneinander. Die amerikanische Delegation schloss sich rechts neben ihnen an; die Plätze links neben ihnen blieben vorerst leer: Die Vertreter der russischen Seite standen noch abwartend um Korodin herum, der ein Telefon ans Ohr gepresst hielt, zuhörte und ab und zu »Da« sagte.

»Keine schlechte Idee, das hier.« Ein schlaksiger Soldat, der seinen Laptop vor sich aufgebaut hatte, klopfte auf den Tisch. »Auf die Weise sind wir mitten im Geschehen. Ist besser, als in irgendeinem Besprechungsraum zu hocken, oder?«

»Vor allem wollen sie uns damit demonstrieren, dass sie nichts zu verbergen haben«, kommentierte Commander Penrose skeptisch. »Ich will nur hoffen, dass das auch stimmt.«

Endlich kamen die Russen auch an den Tisch. Korodin hatte nun einen Dolmetscher an seiner Seite, der das, was der Kapitän auf Russisch zu ihm sagte, in ein ziemlich unverständliches Englisch übersetzte. Das wiederum machte nichts, weil Commander Penrose seinerseits einen Dolmetscher neben sich hatte, der ihm aus dem Russischen übersetzte.

»Ich habe gerade einen Anruf aus Moskau erhalten«, erklärte der Kapitän. »Der Besatzung der Internationalen Raumstation ist es offenbar gelungen, den Kurs des Flugkörpers zu verfolgen, der von Saradkov aus gestartet ist. Nach den Messwerten, die unter anderem an die Russische Akademie der Wissenschaften übermittelt wurden, hatte er da bereits eine Geschwindigkeit von 51 Kilometern pro Sekunde – und er beschleunigt immer noch.« Sein Übersetzer hatte das Kopfrechnen besser drauf als die englische Lautbildung; er übersetzte die Geschwindigkeitsangabe ohne merkliches Zögern als »dreißig Meilen pro Sekunde«.

Commander Penrose rieb sich das Kinn. »Das kommt mir ganz schön schnell vor.«

»Es ist etwa fünfzigfache Schallgeschwindigkeit«, erwiderte Korodin trocken.

»Den richtigen Startwinkel vorausgesetzt, hat das Objekt damit bereits die dritte kosmische Geschwindigkeit erreicht«, ergänzte ein russischer Offizier, der eine dünnrandige Brille trug. »Das heißt, es ist schnell genug, um unser Sonnensystem zu verlassen und in den interstellaren Raum vorzustoßen.«

Der amerikanische Commander sah den Soldaten mit dem Laptop an. »Wissen wir das auch, Leutnant?«

Der schlaksige junge Mann ließ seine Finger über die Tasten huschen. »Ähm … ja, Sir. Gerade reingekommen. SPC hat das Ding noch im Visier. Es ist inzwischen jenseits der Mondbahn und fliegt inzwischen mit …« Er pfiff durch die Zähne. »Wow. Sechzig Meilen pro Sekunde! Und der Antrieb scheint immer noch zu arbeiten.«

Korodin nickte, als ihm sein Dolmetscher diese Aussage übersetzt hatte. »Da sehen Sie es. Das Flugobjekt weist Eigenschaften auf, die die Möglichkeiten der heute zur Verfügung stehenden Technik bei Weitem übertreffen. Das ist keine russische Rakete – und auch keine amerikanische.«

»Verstehe«, sagte der Commander, aber es klang nicht so, als verstünde er es wirklich. Er räusperte sich. »Bleibt die Frage, was es dann ist.«

»Aliens«, platzte Morley heraus.

Niemand widersprach. Im Gegenteil, fast alle nickten.

6

Charlotte schreckte hoch. Was? Aliens? Wovon redeten die? Was ging hier vor? Hiroshi – das hatte doch irgendwie mit Hiroshis Maschine zu tun!

Oder hatte sie sich völlig geirrt?

Commander Penrose fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er wirkte auf einmal müde. »Okay, Leute«, meinte er und sah in die Runde. »Das ist jetzt vermutlich einer von diesen Momenten, die später mal in Geschichtsbüchern stehen. Also lasst uns versuchen, uns nicht allzu dämlich anzustellen.« Er nickte dem Soldaten mit dem Laptop zu. »Jim, zeigen Sie unseren Gastgebern das Satellitenbild.«

Der junge Leutnant fuhrwerkte kurz über die Tastatur und drehte dann seinen Computer so herum, dass alle auf den Bildschirm blicken konnten. Dort war etwas zu sehen, das auf den ersten Blick wie seltsame moderne Kunst aussah und auf den zweiten so, als habe jemand ein Einschussloch durch ein Mikroskop hindurch fotografiert.

»Das haben wir auf dem Weg hierher übermittelt bekommen«, erklärte der Commander. »Es ist eine Aufnahme der Insel Saradkov. Wir sehen ein tiefes Loch, das etwa in der Mitte der Insel liegt und mehrere Meilen tief –«

»Entschuldigung, Sir«, wandte Adrian ein. »Kann das eine Verwechslung sein? Wir haben nämlich auch mit Satellitenbildern der Insel gearbeitet – topografische Radarbilder –, und auf denen gibt es kein solches Loch.«

»Nun, jetzt gibt es eins«, erwiderte Penrose knapp. »Diese Bilder sind drei Stunden alt.« Er beugte sich vor und deutete auf eine Struktur aus ineinanderliegenden Halbkreisen am Rand des Loches. »Unsere Eierköpfe behaupten, das hier seien umlaufende Magnetspulen. Man sieht sie nur zum Teil, weil der Satellit bei der Aufnahme nicht exakt über der Öffnung gestanden hat. Das Ganze ist deren Meinung nach eine Art aufrecht stehender Linearbeschleuniger, der das Flugobjekt ins All katapultiert hat. Sozusagen der Gewehrlauf. Und das Ding, das da jetzt davonrast, war die Kugel.«

Korodin hatte die Arme verschränkt und mit ausdruckslosem Gesicht zugehört. Nun nickte er. »Auf diese Weise muss der Raketenantrieb erst gezündet werden, wenn die Rakete schon in der Luft ist, und die Startvorrichtung wird nicht beschädigt.«

»Genau. Was wiederum heißen könnte, dass noch weitere Raketen folgen sollen.«

Charlotte lehnte sich langsam zurück konzentrierte sich ganz auf das Gefühl, den Rücken gegen das kühle Plastik der Lehne zu drücken. Sie träumte das alles nicht, oder? Nein. Sie hob den Kopf. Das Eismeer jenseits der großen Fenster der Brücke bewegte sich grau und müde, die Eisbrocken darin schimmerten wie ausgerissene Zähne. Die stählernen Türme der U-Boote schwankten schwerfällig.

In ihr war kein Impuls mehr spürbar, zu widersprechen. Es kam ihr vor, als sei auf seltsame Weise beides zugleich richtig – das, was sie dachte, und das, was die Militärs dachten.

»Wir haben die Anweisung, mit einem Kommando auf der Insel zu landen, die Anlage dort zu inspizieren und Materialproben zu entnehmen«, erklärte der russische Kapitän. »Da Ihr Präsident und unser Präsident seit Stunden miteinander telefonieren, werden Sie vielleicht schon wissen, dass ich ermächtigt bin, Ihnen anzubieten, sich mit eigenen Männern daran zu beteiligen.«

Penrose nickte. »Danke, Kapitän. Das Angebot nehmen wir selbstverständlich an.«

»Das halte ich für keine gute Idee«, platzte Adrian heraus. »Die Insel ist gefährlich. Um nicht zu sagen: tödlich. Sie hat einen von uns aufgespießt und ausgesaugt wie eine Spinne eine Fliege!«

Der russische Kapitän und der amerikanische Commander bedachten ihn mit fast demselben indignierten Blick.

»Ich verstehe Ihre Bedenken, junger Mann«, erwiderte Penrose, »aber mit Gefahren umzugehen ist nun mal unser Job. Wir sind dafür bestens ausgebildet, keine Sorge. Wir wissen schon, was wir tun.«

Er wechselte einen Blick mit seinem russischen Kollegen. Der nickte und erklärte: »Exactly.«

Die frostige Atmosphäre zwischen den beiden Militärs war auf einmal verschwunden. Auf dieser Basis schienen sie sich zu verstehen.

Während die Vorbereitungen für das Landemanöver getroffen wurden, begann man damit, ihre Aussagen aufzunehmen. Je ein amerikanischer und ein russischer Soldat bauten je eine Videokamera auf dem Konferenztisch auf. Der Amerikaner verkabelte seine mit einem Computer, der Russe benutzte ein massiges Videogerät mit Bandkassetten. Als Erster kam Adrian dran; die anderen bat man, solange auf der anderen Seite der Brücke zu warten, außer Hörweite.

»Das geht schief«, unkte Morley. Sie standen nebeneinander am Fenster und beobachteten das Deck unter ihnen, wo die Arbeiten in vollem Gang waren. Ein Hubschrauber wurde aus einem Hangar heraufgehievt, eine Reihe großer schwarzer Schlauchboote lag bereit, Männer in dicken Thermoparkas hantierten mit Waffen. Und es schienen fortwährend weitere Schiffe aufzutauchen, lauter kleine graue mit enormen Antennen und vielläufigen Geschützen am Bug.

Angela schlang die Arme um sich, fröstelte. »Ich wünschte, ich wäre daheimgeblieben.«

Sie meldete sich als Zweite, als Adrian fertig war. So, als hoffe sie, dass man sie fortbringen würde, sobald sie das erledigt hatte.

Adrian war auch nicht zuversichtlich. »Die beobachten die Insel, da vorne auf einem der Monitore kann man das sehen«, meinte er mit einer knappen Handbewegung in Richtung der Steuerpulte. »Und die registrieren immer noch Bewegungen. Von wegen, die Aliens sind abgeflogen, und wir können die Überreste ihrer Basis einsammeln – ich glaube kaum, dass das so laufen wird.« Die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden noch schärfer. »Der Russe hat sogar erzählt, dass man mit den Richtmikrofonen einen Ton auffangen kann, der auf Saradkov entsteht. Eine Art hohles Brummen, hat er gesagt. Wie von einem Insektenschwarm.«

Morley ächzte. »Das geht schief. Ich sag’s euch.«

Gerade als Angela mit ihrer Aussage fertig war, begann das Landeunternehmen. Die Boote wurden zu Wasser gelassen und bemannt, der Hubschrauber stieg dröhnend auf. Ein russischer Soldat kam und bat sie, sich alle wieder an den Konferenztisch zu setzen, solange die Operation dauerte; sicherheitshalber, meinte er.

Kapitän Korodin stand nun neben dem Steuermann, an einem Platz, der so aussah, als sei er sein angestammter. Den Kopf in die Höhe gereckt, gab er kurze, barsche Anweisungen, verfolgte das Geschehen auf dem Radarschirm und telefonierte über einen Hörer, den er nicht aus der Hand gab, immer wieder mit Commander Penrose, der die Aktion von seinem U-Boot aus verfolgte. Sein eigenes Englisch war kaum schlechter als das seines Übersetzers.

Zu sehen gab es nicht viel, und das, was man sah, war ein denkbar unspektakulärer Anblick: fünf schwarze Schlauchboote, die an der Spitze von fünf silbrig glänzenden Kielwasserspuren über das graue Wasser auf die Insel zufuhren, darüber ein Hubschrauber, ein flatternder Schatten vor dem konturlosen Himmel.

Charlotte hätte gern gewusst, wie spät es eigentlich war. Sie hatte jedes Gefühl für die Uhrzeit eingebüßt. Hätte man ihr erzählt, es sei früher Morgen, wäre ihr das genauso glaubwürdig vorgekommen wie jede andere Behauptung. Gab es auf dieser Brücke keine Uhr? Sie erspähte hier und da ein Display mit Stunden- und Minutenziffern, aber jedes zeigte eine andere Zeit an.

»Wir nähern uns der Küste«, klang es krachend aus den Lautsprechern. »Ein ziemlich fremdartiger Anblick. Die ganze Insel scheint mit Stahl bedeckt zu sein. Man kommt sich vor wie in Star Wars, auf dem Todesstern …«

»Was sagt er?«, wollte Adrian wissen, also übersetzte Charlotte.

Die amerikanischen Soldaten, die noch an Bord geblieben waren, grinsten breit, als der alte Film erwähnt wurde. »Womöglich treffen sie jetzt Darth Vader«, meinte der, der die Videoanlage bedient hatte.

»Ein unglaublicher Aufwand, der hier getrieben wurde«, setzte die Stimme aus dem Lautsprecher ihren Bericht fort. Auf einigen Schirmen sah man nun auch Bilder, die von Kameras an Bord des Hubschraubers übertragen wurden. Die Schlauchboote erreichten das Ufer, die Männer darin sprangen heraus, zogen sie an Land: Es sah gut eingeübt aus. »Die Oberfläche des Stahls ist geriffelt, bildet komplizierte Muster. Man kann problemlos darauf gehen. Wir sehen von hier aus etwas, das wie ein großes Tor aussieht. Leutnant Miller schlägt vor, dass das unser erstes Ziel sein soll.«

»Bleiben Sie auf jeden Fall zusammen«, erwiderte Korodin. »Ansonsten haben Sie freie Hand.«

Man sah jetzt das Tor. Dort, wo es sich klobig und gewaltig zwischen massiven Stahlrippen erhob, war gestern – gestern? – noch der kahle, ungeschlachte Fels des südlichen Berghangs gewesen. Was immer sich der Insel bemächtigt hatte, es hatte sie innerhalb weniger Stunden komplett umgebaut.

Auf dem Schirm, der das Bild von Bord des Hubschraubers übertrug, sah man das Gelände von oben. Man sah die Soldaten als dunkle, ameisenhafte Gestalten über die schimmernde Ebene marschieren, und man sah, dass sich auf den Zinnen etwas bewegte. Auf einen Befehl Korodins hin zoomte der Kameramann näher heran: Da standen keine Wesen Wache, und es peilten sich auch keine Maschinen auf die Ankömmlinge ein – vielmehr waren es die Zinnen selbst, die sich verformten, bizarre Metallstrukturen aus sich herauswachsen ließen, die sich blitzartig verzweigten, veränderten, dicker, dünner oder flacher wurden, die Farbe veränderten …

»Unglaublich«, hauchte jemand. Charlotte meinte ein Geräusch zu hören, das daher rührte, dass allen, die auf der Brücke waren, kollektiv eine Gänsehaut über den Rücken lief.

Eine Sekunde völliger Stille.

Dann gellte ein Schrei, der ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ.

»Leutnant Michailow!«, bellte Korodin ins Funkgerät. »Erstatten Sie Meldung!«

»Hier Hauptmann Juran, Kapitän«, keuchte eine andere Stimme. »Der Leutnant ist … er ist einfach verschwunden. Im Boden versunken, Kapitän. Ich … Wir können uns das nicht erklären. Es scheint so, dass … ah! «

»Hauptmann?«

Nichts. Keine Antwort.

Korodins Faust krachte auf das Steuerpult. »Wieso haben wir kein Bild von den Vorgängen? Hubschrauber!«

Der Kameramann an Bord des Hubschraubers schwenkte sein Objektiv wild umher, suchte nach den Soldaten des Landetrupps, ging aus dem Zoom, bis die ganze Vorebene zu sehen war.

Doch da war niemand mehr. Sämtliche Soldaten waren verschwunden. Auch die Landungsboote, die Waffen – alles weg.

»Ktschjortu!«, fluchte Korodin. Zum Teufel. »Was ist mit den anderen Kameras?«

Hektische Aktivität an den Pulten, dann fand man eine Aufzeichnung, auf der zumindest ein Teil der Vorgänge zu sehen war, wenn auch aus weiter Entfernung. Man sah Männer, die erschrocken die Arme hoben und blitzartig versanken, und man sah, wie sich die Schlauchboote … auflösten. Wie sie plötzlich die Luftfüllung verloren, in sich zusammensanken und im nächsten Moment mit dem Boden zu verschmelzen schienen.

»Hubschrauber!«, befahl Korodin. »Kehren Sie zurück. An alle Schiffe: Abstand zur Insel vergrößern.«

In diesem Moment zeigte das Bild der Hubschrauberkamera, wie etwas von den Zinnen her aufblitzte, dann wurde der Schirm dunkel. Durch das Bugfenster sah man den Hubschrauber abstürzen. Doch es war kein Absturz, wie man ihn in Filmen sah. Vielmehr schien sich das Fluggerät im Sturz in eine Wolke kleinster Teile zu zerlegen, die auf die stählernen Festungsmauern hinabregneten und mit ihr verschmolzen, als seien es Quecksilbertropfen, die in einen See aus Quecksilber fielen.

»Geben Sie mir Moskau«, befahl Kapitän Korodin seinem Funker. »Ich will mit Admiral Uljakow sprechen.«

Eine Weile geschah erst einmal gar nichts. Der Kapitän hatte die Brücke verlassen, der Steuermann drehte das Rad mal nach links, mal nach rechts, und die anderen Offiziere starrten ins Leere.

»Verdammte Scheiße«, murmelte der amerikanische Soldat an der Videoausrüstung. »Patrick Miller hat zwei Töchter, fünf und zwei Jahre alt. Hannah und Lauren. Ich darf gar nicht dran denken …«

Dann kehrte Kapitän Korodin auf die Brücke zurück, spürbar erfüllt von grimmiger Entschlossenheit. Ohne nach links oder rechts zu blicken, marschierte er zu seinem Platz neben dem Steuer. »K-107 und K-334 nehmen Kurs auf die Insel«, befahl er. »Bereitmachen für Geschützfeuer aus optimaler Schussdistanz. Ziel ist das Portal.«

Man reichte ihm den Telefonhörer; offenbar rief ihn Commander Penrose an. Korodin meldete sich, hörte lange zu, ehe er antwortete. »Ich verstehe Sie, Commander, aber ich habe die ausdrückliche Anweisung meines obersten Vorgesetzten.« Wieder Pause. »Tut mir leid. Ich verstehe das wissenschaftliche Interesse, aber die Sicherheit meines Landes hat Vorrang vor solchen Überlegungen.« Anscheinend wusste der Commander über die Angriffspläne Bescheid und war dagegen. »Commander – ich muss Sie wohl kaum daran erinnern, dass wir uns in russischem Hoheitsgebiet befinden? Ja. Tut mir leid, so lautet mein Befehl. Sie würden im umgekehrten Fall genauso handeln.«

»Jetzt gibt’s doch noch Stress zwischen den beiden«, murmelte Morley. »Was ein Wunder.«

Die beiden Schiffe, die der Kapitän abkommandiert hatte, waren in Position. »Mit voller Kraft feuern«, befahl Korodin beinahe beiläufig, und im nächsten Moment hörte man die Geschütze donnern. In raschem Takt fauchten flammende Linien auf die Insel zu, trafen die stählernen Festungsmauern – und, kaum zu glauben, schlugen gewaltige Löcher hinein! Auf der Brücke brach verhaltener Jubel los.

»Weiter draufhalten«, befahl der Kapitän. »Was die Rohre hergeben.« Auch in seiner Stimme schwang Befriedigung mit, Treffer erzielt zu haben.

Die Geschütze feuerten weiter. Doch irgendwie erzielten sie keine Wirkung mehr. Die Löcher im Portal und darum herum wurden nicht mehr größer. Im Gegenteil, man hatte den Eindruck, dass sie schrumpften!

»Feuer einstellen! Kameras, Nahaufnahme!«

Der Rauch verflog. Kameras richteten sich auf die Zone, die unter Feuer gelegen hatte – gerade rechtzeitig, um zu dokumentieren, wie sich die Löcher, Risse und anderweitigen Beschädigungen in den stählernen Wänden und am Portal von selber wieder schlossen!

Man hörte Männer nach Luft schnappen.

»Das ist ja der Hammer«, murmelte Morley. »Alientechnik. Mann, und wir sind live dabei!«

»Könnt ich drauf verzichten«, meinte Angela.

Kapitän Korodin nahm die Schirmmütze ab, strich sich über das eisgraue Haar und setzte sie wieder auf. Dann griff er nach dem Mikrofon. »An alle Schiffe. Der Feind verfügt offenbar über die Fähigkeit, Trefferwirkungen zu heilen. Wir wissen nicht, wie weit diese Fähigkeit reicht, aber wir werden unser Bestes geben, um sie über ihre Grenzen zu treiben. Sämtliche Schiffe des Verbandes werden ihre Feuerkraft koordinieren. Die U-Boote setzen See-Luft-Raketen ein, die Fregatten Geschütze und Raketen. Ziel ist nach wie vor jenes Gebilde, das wie ein Portal aussieht – bis auf Weiteres gehen wir davon aus, dass auch bei Außerirdischen ein Portal eine Schwachstelle darstellt. Wichtig ist, dass alle Treffer möglichst zeitnah erzielt werden, um ihre Wirkung zu maximieren. Die Aktion beginnt sofort. Kapitän Korodin, Ende.« Er nickte einem Offizier zu, dem wohl die Aufgabe zufiel, die Schiffe untereinander zu koordinieren.

Auch das Schiff, auf dem sie sich befanden, nahm an diesem zweiten Angriff teil: Charlotte spürte, wie es sich in Bewegung setzte, wie der Boden unter ihren Füßen von den anspringenden Maschinen in Vibration versetzt wurde. Ihr wurde mulmig zumute.

Am liebsten hätte sie das alles aufgehalten, wenn sie nur gewusst hätte, wie. Sie merkte, dass ihr Körper sich unwillkürlich verkrampfte. Sie beobachtete Kapitän Korodin, wie er da stand, den Unterkiefer vorgeschoben, den Hals nach vorn gereckt, die Augen unverwandt auf die Insel gerichtet, als könne er sie mit der Kraft seines Blickes bezwingen.

War unter den Männern, die auf der Insel verloren gegangen waren, jemand gewesen, der ihm nahegestanden hatte? Oder war das die ganz normale Wut eines Kommandanten, dem Männer anvertraut worden waren, für deren Wohlergehen er die Verantwortung trug?

Sie würden auch mit diesem Angriff nichts erreichen, dessen war sich Charlotte auf einmal sicher. Da brauchte Morley gar nicht weiter zu unken – was er übrigens auch aufgegeben hatte; er saß im Gegenteil reglos da und starrte nur Löcher in die Tischplatte. Angela kaute auf ihrer Unterlippe. Adrian verfolgte das Geschehen mit seinem üblichen, skeptisch-interessierten Stirnrunzeln. Er war der Einzige, der nicht so aussah, als wünsche er sich, an einem anderen Ort zu sein.

Inzwischen kamen die ersten Meldungen von Schiffen herein, die ihre Angriffspositionen erreicht hatten. Der Mann am Steuerpult gab sie halblaut an den Kapitän weiter, erstaunlich unaufgeregt.

»Feuer frei«, gab Korodin schließlich den Befehl, ebenfalls mit eher klinischer Sachlichkeit.

Im selben Moment erschütterten die Rückstöße der Bordgeschütze das Schiff, gewaltige Schläge, die sich anfühlten, als hiebe eine Horde wild gewordener Riesen mit gigantischen Hämmern auf den Rumpf ein. Man sah eine Unzahl rauchender Linien aus allen Richtungen auf die Insel zustoßen, sah sie in den stählernen Befestigungen einschlagen, sah das Eiland unter Rauch und Qualm verschwinden.

Charlotte reckte den Kopf. Gelang es? Schafften die Russen es tatsächlich, die Insel in Schutt und Asche zu bomben, die unheimliche technische Macht dort zu bezwingen? Unwillkürlich fieberte sie mit, war es ihr kaum anders vorstellbar, so mächtig und markerschütternd, wie allein der Rückstoß dieser Granaten sich anfühlte.

Doch dann, urplötzlich, brach Geschrei an den Steuerpulten los, sprangen Männer auf, wurden Meldungen geschrien, geriet alles in hektische Bewegung. Und über allem ein Kapitän, der ein Mikrofon vor dem Mund hatte und immer wieder schrie: »Rückzug! Rückzug! Alle Schiffe ziehen sich zurück! Sofort!«

»Oh, mein Gott!«, hörte Charlotte Adrian neben sich flüstern. Es hielt sie nicht länger auf dem Stuhl. Sie eilte ans Fenster, konnte kaum glauben, was sie sah, durch all die Gischt und die Explosionswolken in der Ferne. Etwas wie eine riesige silberne Echsenzunge löste sich aus den Befestigungen, entrollte sich innerhalb weniger Augenblicke in Richtung eines der Schiffe, die der Insel am nächsten waren, streckte und reckte und verlängerte sich darauf zu, durch die Luft, über die Wellen hinweg, unerbittlich, bis es das Schiff erreicht hatte und berührte.

In derselben Sekunde begann das russische Schiff sich zu verwandeln. Es hörte auf zu feuern. Die Schiffsaufbauten sanken in sich zusammen, während sich der Rumpf ausbeulte und verbreiterte, seine Farbe wechselte und das Ganze zu etwas mutierte, das keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einem Kampfschiff hatte, sondern aussah wie ein Teil einer albtraumhaften zweiten Befestigungsanlage vor der Insel.

Jetzt sah sie auch, dass in diesem Befestigungsring schon ein weiteres Element existierte: das Überbleibsel des ersten Schiffes, das auf diese Weise angegriffen worden war. Dieser Gegenschlag hatte die Aufregung ausgelöst und in der Folge den Befehl zum Rückzug, dem sich nun auch ihr Schiff anschloss. Die Insel entschwand zum Heck hin und kam außer Sicht.

Danach befahl Kapitän Korodin, dass sie von der Brücke und zurück in die Krankenstation gebracht wurden, offenbar der einzige Aufenthaltsraum, der zur Verfügung stand. Sie erhielten etwas zu essen und zu trinken, dann kamen der amerikanische und der russische Soldat wieder, um die restlichen Aussagen auf Video aufzunehmen. Beide hatten sichtlich Mühe, sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren.

»Was geschieht jetzt?«, wollte Adrian wissen. Der russische Soldat, ein blutjunger Kerl mit Muskeln wie Stahltrossen, der die Augen kaum von Charlotte lassen konnte, schüttelte nur den Kopf; es war nicht zu erkennen, ob er nichts wusste oder den Befehl hatte, nichts zu sagen. Der Amerikaner, ein strohblonder, sommersprossiger Texaner, rückte schließlich damit heraus, dass man, soweit er gehört habe, auf Verstärkung warte und vor allem darauf, dass noch zwei Admiräle kämen, ein russischer und ein amerikanischer. Die würden das Kommando vor Ort übernehmen. So, wie er das sagte, klang es, als glaube er, dass dann alles in Ordnung kommen würde.

»Bis Schiffe irgendwo sind, das geht nicht so schnell«, erklärte er. »So ein Flugzeugträger bewegt sich zusammen mit seinem Begleitverband mit maximal dreißig Knoten. Außerdem ist das Polarmeer nicht gerade das optimale Operationsgebiet … also, der erste amerikanische Flugzeugträger, der hier sein könnte, wäre die USS Harry S. Truman, und das nicht vor nächster Woche. Der russische Präsident hat jetzt aber erlaubt, dass wir auf der nächstgelegenen Insel – wie heißt die? Uschakow, glaube ich – jedenfalls, dass wir dort einen vorübergehenden Luftstützpunkt einrichten. Die ersten Globemaster-Maschinen sind schon unterwegs; sie werden auf dem Eis landen, einen Flugplatz einrichten, ein paar Zelte für Mannschaften aufstellen und Tankanlagen für Kampfjets. Die kommen parallel dazu herübergeflogen, per Betankung in der Luft.«

Charlotte schauderte. Das klang alles so nach Hollywood. Unwillkürlich erwartete man, dass Bruce Willis den amerikanischen Admiral spielen würde.

Es gelang ihnen, ein paar Stunden zu schlafen, und als sie wieder aufwachten, erfuhren sie, dass die beiden hohen Tiere gerade eingetroffen waren. Sie möchten bitte alle zurück auf die Brücke kommen, hieß es, und den neuen Befehlshabern die Geschichte noch einmal erzählen.

Als sie oben ankamen, standen die beiden Admiräle mitten auf der Brücke, jeder umgeben von seinem Stab, und ließen sich von Kapitän Korodin und seiner Besatzung den bisherigen Verlauf der Dinge anhand der Videos und anderer Aufzeichnungen erläutern.

Konteradmiral Denis J. Whitecomb ähnelte Bruce Willis kein bisschen. Er hatte ein Gesicht, das an einen Pfannkuchen erinnerte, einen teigigen Händedruck und wirkte trotz all seinem Gold und Lametta an der Uniform so, als trüge er sie hauptsächlich an einem Schreibtisch sitzend. »Das ist ja eine schöne Scheiße, Entschuldigung die Damen«, begrüßte er sie. Der aufgesetzt nassforsche Ton ließ ihn beunruhigend inkompetent wirken.

Sein russischer Kollege, Admiral Uljakow, schien Wert darauf zu legen, selber kein einziges Wort Englisch zu sprechen. Breitschultrig, stiernackig und schlecht gelaunt stand er mitten auf der Brücke, als gehöre sie ihm. Seine pockennarbige Nase war gerötet, vermutlich von der für ihn ungewohnten Polarluft, aber er sah damit aus, als habe er am Abend zuvor mit Freunden gezecht und sei heute viel zu früh aus dem Bett geholt worden. Mit reglosem Gesicht hörte er dem Mann zu, der ihm übersetzte, was der amerikanische Admiral wortreich erklärte: dass Washington darauf dringe, das Phänomen zu isolieren und wissenschaftlich zu untersuchen. Die USA würden alle dazu nötigen Mittel, Kapazitäten, technischen Einrichtungen und Fachleute zur Verfügung stellen und, selbstverständlich, sämtliche gewonnenen Erkenntnisse mit den russischen Partnern teilen. »Der Präsident ist überzeugt, dass wir es hier nicht nur mit einer einzigartigen Chance zu tun haben, eine neuartige Technologie zu erlernen, sondern dass wir vor der Geschichte geradezu die Pflicht haben, diesen Fund mit aller gebotenen Sorgfalt zu behandeln und den maximalen Nutzen für die Menschheit daraus zu ziehen. Und nicht zu vergessen: Da wir es aller Wahrscheinlichkeit nach mit außerirdischen Hinterlassenschaften zu tun haben, mit Manifestationen einer fremden, uns ähnlichen, nur weiterentwickelten Intelligenz, gebietet es die Vernunft, damit in einer Weise zu verfahren, die eventuelle künftige Kontakte mit den Wesen, die sie geschaffen haben, nicht von vornherein belastet.«

Nach der derben Art, in der er sie begrüßt hatte, war Charlotte verdutzt, wie pathetisch der Mann zu sprechen imstande war. Er hätte – in einer anderen Uniform – auch einen passablen Priester abgegeben.

»Mich interessiert nur eines«, erwiderte Uljakow unwirsch, »nämlich: Ist das, was sich da auf dieser Insel breitgemacht hat, eine Gefahr für Russland oder nicht? Und wenn es eine Gefahr sein sollte, dann werde ich alles tun, um sie zu beseitigen. Das ist meine Strategie.«

Whitecomb wirkte bestürzt. Offenbar hatte er nicht mit einer so barschen Reaktion gerechnet. »Aber … unser Präsident hat sich mit Ihrem Präsidenten daraufhin verständigt, dass –«

»Ihr Präsident ist weit weg«, unterbrach Uljakow ihn. »Und mein Präsident ist auch weit weg. Keiner der beiden sieht, was wir sehen. An einem Schreibtisch kann man sich viel überlegen, aber letzten Endes zählt nur, was tatsächlich der Fall ist. Es ist unser Job, das herauszufinden. Verstehen Sie? Wir sind die Augen und Hände vor Ort. Ihr Präsident muss auf Sie hören und mein Präsident auf mich.« Er machte eine unwillige Handbewegung. »Also, lassen Sie uns an die Arbeit gehen.«

Whitecomb erstrahlte in gekünsteltem Lächeln. »Aber dann sind wir uns ja einig! Das ist genau das, was wir vorschlagen: eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung der Situation … internationale Experten, die alle nur denkbaren Aspekte abdecken … die Insel weiträumig abriegeln und sichern …«

»Eine Insel abriegeln? Wie stellen Sie sich das vor?« Uljakows Brauen furchten sich. »Eine Insel ist ein Felsen, der zufällig aus dem Wasser ragt. Weiter nichts. Sie haben ein eigenes U-Boot hier – haben sich Ihre Leute schon einmal angeschaut, wie die Insel unter Wasser aussieht?«

Der amerikanische Konteradmiral blinzelte. »Ähm … meines Wissens nach … da müsste ich erst –«

»Nun, ich habe eines unserer U-Boote losgeschickt«, meinte der Russe. »Rund um den Sockel der Insel. Es müsste jeden Moment auftauchen.«

Charlotte und die anderen wechselten irritierte Blicke. Was sollten sie nun hier? Man schien gar kein Interesse an ihnen zu haben. Im Grunde standen sie nur im Weg herum.

Sie fragte sich auch, woher Admiral Whitecomb kommen mochte. So, wie er redete, hatte man den Eindruck, er habe noch vor ein paar Stunden im Büro des amerikanischen Präsidenten gesessen. Aber Washington war weit weg, wenigstens siebentausend Kilometer Luftlinie entfernt!

»K-104 meldet sich, Admiral«, sagte einer der Männer an den Pulten, vermutlich der Funker.

Uljakow streckte die Hand aus, ließ sich einen Telefonhörer an einem langen Spiralkabel reichen. Jetzt erst fiel Charlotte auf, dass der Admiral an genau dem Platz stand, den Kapitän Korodin bisher eingenommen hatte. »Uljakow«, meldete er sich. Er hörte zu, nickte ein paar Mal. »Gut. Schicken Sie die Aufnahmen.«

Er wandte sich an Whitecomb, deutete auf einen der Bildschirme. »Sie haben etwas gefunden.«

Etwas gefunden war, wie sich herausstellte, eine ziemlich zurückhaltende Formulierung. Der Schirm wurde hell, zeigte Unterwasseraufnahmen von kahlen, geriffelten Felsen, über die Schatten von den an der Meeresoberfläche treibenden Eisbrocken huschten. Eine langweilige Studie in Weiß, Grau, Blau und Schwarz – bis etwas auftauchte, das aussah, wie sich Charlotte ein Unterseekabel vorgestellt hätte oder eine unterseeische Pipeline. Doch es war keines von beidem. Das sah man, als das U-Boot dem Gebilde folgte: Es war viel größer. Es war eine regelrechte stählerne Mauer, errichtet auf dem Meeresgrund. Und es kam aus der Richtung der Insel.

Eine Felsspalte, ein Vorsprung, hinter dem sich der Blick weitete. Dahinter: noch mehr solcher Gebilde. Als würden sich jene mächtigen Stahlrippen, die sich an den Berghängen der Insel gebildet hatten, in die Tiefen des Meeres fortsetzen. Metallene Arme, die sich wie Wurzeln aus Stahl in alle Himmelsrichtungen ausbreiteten, über Kilometer und Kilometer. Das U-Boot hielt an, hielt die Kamera auf die Spitze einer solchen Wurzel gerichtet: Man konnte zusehen, wie sie vorwärtskroch, wuchs, länger wurde und dicker.

»Und? Was sagen Sie nun?«, fragte Uljakow, an seinen amerikanischen Kollegen gewandt. »Wie wollen Sie das abriegeln? Das können Sie nicht. Das ist illusorisch.«

Whitecomb starrte auf den Schirm, auf dem die letzte Sequenz noch einmal ablief. Er bot ein Bild der Bestürzung.

»Das ist nicht nur eine Gefahr für Russland, das ist eine Gefahr für die ganze Welt.« Der russische Admiral reckte den Kopf in die Höhe. »Ich werde den Präsidenten bitten, Atomwaffen freizugeben. Wir blasen die Insel ins All.«

7

Etwas wie ein elektrischer Schlag ging von diesen Worten aus. Jeder im Raum schien zusammenzuzucken.

»Admiral!« Whitecomb keuchte beinahe. »Bitte handeln Sie nicht überstürzt. Einige der wissenschaftlichen Berater unseres Präsidenten – bekannte, bedeutende Forscher – halten es für möglich, vielleicht sogar für die einzig denkbare Erklärung der Vorfälle, dass wir es hier mit einer nanotechnologischen Maschine außerirdischer Herkunft zu tun haben. Das ist eine Technologie, die Möglichkeiten für die Zukunft bietet, die heute noch unabsehbar sind. Wenn es uns gelingen sollte, sie sozusagen in bereits vollendeter Form zu enträtseln, dann wäre das so, als ob … als ob die alten Ägypter schon ein Atomkraftwerk hätten bauen können. Als ob die Römer schon Flugzeuge gehabt hätten. Als ob das Internet schon im Mittelalter entwickelt worden wäre.«

»Interessant«, sagte Admiral Uljakow leise. In der Übersetzung ging der Unterton verloren, mit dem er es sagte: Charlotte hörte heraus, dass er sich – genau wie sie selbst – fragte, wieso der Amerikaner erst jetzt mit dieser Information herausrückte.

Wobei das nicht schwer zu erraten war: Die amerikanische Regierung wollte vor allem in Besitz dieser Technologie gelangen, und natürlich, wenn möglich, als einzige.

»Außerdem«, fuhr Whitecomb aufgeregt fort, »ist es unter Umständen nicht einmal mit Atombomben möglich, dieses Ding wirklich zu zerstören. Darüber haben diese Fachleute auch schon nachgedacht …« Er lachte gezwungen. »Worüber solche Leute alles nachdenken, was? Man wundert sich zuweilen. Aber sie sagen ausdrücklich, selbst wenn man Atombomben rings um die Insel zünden würde, würde das in jedem Fall nur einen Teil der Maschinerie zerstören. Selbst wenn neunundneuzig Prozent vernichtet werden sollten – die Druckwelle der Explosion würde unweigerlich kleinste Teile davon in die Stratosphäre blasen. Diese Teile wären wie Samenkörner, könnten sich über die gesamte Hemisphäre verteilen und überall, wo sie niedergehen, dasselbe Spiel wie auf Saradkov von vorne beginnen. Nur dass es dann Städte, belebte Landstriche, Industrieanlagen sein würden, in denen sie wüten würden.«

»Und was schlagen diese fabelhaften Fachleute stattdessen vor, das wir tun sollen?«

»Der einzige Weg ist«, erklärte Whitecomb, »die Anlage unter Kontrolle zu bringen.«

Uljakow hob die Brauen. »Ich fürchte, eher wird diese Maschinerie uns unter Kontrolle bringen.«

»Es ist der einzige Weg«, beharrte der amerikanische Konteradmiral.

Uljakow starrte eine Weile finster zu Boden, dann hob er den Kopf und erklärte: »Nein. Bei der Geschwindigkeit, mit der diese Ausläufer wachsen, haben sie das Festland erreicht, ehe hier auch nur irgendwelche provisorischen Forschungseinrichtungen stehen. Das, was Sie sagen, bestärkt mich eher in meinem Entschluss. Wir müssen zuschlagen – bloß noch schneller und noch härter, als ich es bis jetzt für nötig gehalten hätte.«

»Admiral …«

»Zu Sowjetzeiten haben wir die stärkste jemals gebaute Wasserstoffbombe gezündet. Zweihundert Megatonnen. Das war auf Nowaja Semlja, keine fünfhundert Meilen von hier entfernt.« Seine Schultern strafften sich. »Wir besitzen noch einige dieser Bomben. Die Zeit ist gekommen, sie einzusetzen.«

Dies war der Moment, in dem sich Charlotte in Bewegung setzte. Sie tat es nicht aus einer Überlegung oder einem Entschluss heraus, es war vielmehr, als ergreife ihr Körper von sich aus die Initiative, sie aus der Gruppe der anderen herauszulösen und ihre Schritte auf die beiden Admiräle zu lenken.

Niemand hielt sie auf. Sie war eine schöne Frau inmitten von Männern, die die Gesellschaft von Frauen kaum gewohnt waren. Sie war unberührbar.

»Iswinietje poschalsta«, sagte sie zu dem russischen Admiral und zu dem amerikanischen: »Excuse me. Es gibt da jemanden, den Sie unbedingt fragen sollten. Jemand, der schon einmal so eine ähnliche Maschine gebaut hat.«

Sie hörten ihr zu. Weil sie eine schöne Frau war und unberührbar.

Mitunter hatte Hiroshi das Gefühl, seine Mutter wollte gar nicht, dass er sie besuchen kam. Als würde sie das nur in ihrem gewohnten Dasein stören.

»Du brauchst dir keine Umstände zu machen«, wiederholte er also, zog noch ein Hemd aus dem Schrank und legte es in die Reisetasche, sicherheitshalber. »Du musst auch keinen Urlaub nehmen. Ich werde mich schon nicht langweilen, allein in Tokio, meine Güte!«

Mrs Steel war bereits am Morgen abgereist. Sie würde Urlaub bei ihrer Schwester in Sacramento machen und erst einen Tag vor ihm zurückkehren. Wer sich in der Zwischenzeit um die Pflanzen kümmern werde? Das war bisher immer ihre Sorge gewesen. Hiroshi hatte diesmal endlich eine nach seinen Vorgaben konstruierte Bewässerungsanlage installieren lassen: Winzige Wasserschläuche führten, dezent in den Boden eingegraben, zu jedem einzelnen Wurzelballen. Kombiniert mit Feuchtesensoren und das Ganze von einem Computer kontrolliert, würden die Pflanzen damit besser versorgt sein, als ein menschlicher Gärtner es hätte tun können.

»Aber mit den Pflanzen sprechen kann sie nicht, Ihre Maschine!«, hatte Mrs Steel bemängelt. Das hatte er zugeben müssen, nicht ohne hinzuzufügen, dass seiner Überzeugung nach Pflanzen die korrekte Versorgung mit Wasser und Nährstoffen einem Gespräch vorzögen, zu dem sie ohnehin nichts beitragen konnten.

»Denk dran, dir was gegen Regen einzupacken«, mahnte Mutters Stimme aus dem Hörer. »Die Regenzeit hat längst begonnen.«

Hiroshi verdrehte die Augen. »Weiß ich!«

»Und ich kann dich nicht am Flughafen abholen. Im Büro stapelt sich die Arbeit.«

Weil Inamoto zu geizig war, eine zusätzliche Kraft einzustellen. Schon klar. »Du musst diesen Job nicht machen, das weißt du?«

»Irgendwas muss ich schließlich tun.« Ihre übliche Antwort darauf. Sie erwog es inzwischen nicht einmal mehr, sich nach etwas anderem umzuschauen. Offensichtlich liebte sie es, sich mit Inamoto zu streiten.

»Mach dir keine Sorgen wegen des Flughafens. Ich komm schon klar.« Er sah auf die Uhr. »Ich muss allmählich los, wenn ich nicht in den Stau kommen will. Also, bis morgen.«

»Ja. Bis morgen.« Es klang wie: Also gut, dann komm halt.

Er traf die üblichen Reisevorbereitungen. Sicherte seine Daten, ging noch einmal durch alle Räume, kontrollierte, ob die Fenster alle zu waren, die Lichter aus, solche Dinge. Ein letzter Blick in die Reisetasche, die wie immer nur halb voll war, dann zurrte er den Verschluss zu, warf sie sich über die Schulter und verließ das Haus.

In den letzten Jahren war es ihm zur lieben Gewohnheit geworden, den Tag vor der Abreise nach Tokio in Mountainview bei Rodney und Allison zu verbringen. Wie immer redeten sie auch diesmal den ganzen Abend lang über nichts anderes als das Lieblingsthema der beiden: Wenn es da draußen im All intelligente Lebewesen gibt – wieso melden sie sich nicht?

»Wie wahrscheinlich ist Leben? Auf diese Frage läuft es letzten Endes hinaus«, fasste es Allison am Ende eines üppigen dreigängigen Menüs zusammen. Rodneys große Liebe war eine stämmige kleine Frau, die gerne und gut kochte – was man auch Rodney inzwischen anzumerken begann. »Und da sehe ich einen Widerspruch, den ich einfach nicht gelöst kriege. Wenn man davon ausgehen müsste, dass die Entstehung von Leben auf der Erde ein atemberaubend seltenes Ereignis gewesen ist, das sich vielleicht sonst nirgendwo im Universum zugetragen hat, dann wäre es klar, warum wir nichts von extraterrestrischen Intelligenzen hören: Weil es sie nicht gibt. Aber kann man davon ausgehen? Finde ich nicht. Schau mal – wo findet man auf der Erde Leben? Die Antwort lautet: Einfach überall. In heißen Gebieten, in kalten Gebieten, selbst in Vulkanen, in Schwefelseen und auf dem Grund der Ozeane – überall findet man zumindest Bakterien. Selbst im Weltraum! Wusstest du, dass auf der Außenhülle der Apollo-Mondlandefähre Bakterien überlebt hatten?«

Hiroshi hob die Hände. »Höre ich zum ersten Mal.«

»Eine Bakterienart namens Deinococcus radiodurans. Zeichnet sich dadurch aus, dass sie selbst härtester Strahlung standhält. Die DNS geht in Stücke, wird aber nach einiger Zeit von Selbstreparaturmechanismen wieder korrekt zusammengesetzt.«

»Was die Frage aufwirft, welcher evolutionäre Prozess eine solche Eigenschaft hervorbringt.«

Allison furchte die Stirn. »Ja, schon, aber auf jeden Fall muss man, wenn man sich umschaut, zu dem Schluss kommen, dass die Entstehung von Leben etwas ganz Normales ist, etwas, das sich ereignet, sobald ein paar nicht allzu seltene Randbedingungen gegeben sind. Und das wirft dann die viel interessantere Frage auf, wieso diese Randbedingungen da draußen nirgends zu finden sein sollen?«

»Inzwischen sind weit über zweihundert Planeten außerhalb unseres Sonnensystems gefunden worden«, ergänzte Rodney und schwenkte den Rest seines Verdauungsschnapses gedankenvoll im Glas herum. »Im Umkreis von, na, viertausend Lichtjahren können wir fast mit Sicherheit sagen, dass da niemand lebt, der imstande wäre, wenigstens einen Pieps von sich zu geben. Und viertausend Lichtjahre, das ist nicht wenig.«

»Ach was«, meinte Hiroshi. »Da überschätzt ihr eure Möglichkeiten. Ihr sucht die Nadel im Heuhaufen. Es gibt Milliarden von Frequenzen, auf denen ET telefonieren könnte; die habt ihr doch gar nicht alle im Blick. Und vielleicht senden sie auf gar keiner davon. Die Kommunikation über elektromagnetische Wellen könnte etwas sein, das technische Zivilisationen irgendwann bleiben lassen, weil es bessere Möglichkeiten gibt. Ich meine, es morst heutzutage schließlich auch niemand mehr.«

Sein Freund aus Studientagen lächelte verschmitzt. »Genau meine Rede. Es gibt die Aliens – aber sie meiden den Kontakt. Weil sie, wenn sie wirklich hoch entwickelt sind, dem Moralkodex folgen, niedriger entwickelte Zivilisationen in Ruhe zu lassen.«

»Ja, ja«, meinte Allison. »Woher willst du wissen, ob wir nicht einfach eine Fernsehshow bei denen sind? So viel blödes Zeug, wie wir anstellen, amüsiert sich vielleicht die ganze Galaxis über uns.« Sie hob die Flasche mit dem Kräuterschnaps. »Hiroshi – noch einen Tropfen?«

Hiroshi hielt die Hand über sein Glas. »Danke, aber ich muss morgen einen Transpazifikflug überstehen.«

»Eben deshalb?« Doch sie stellte die Flasche wieder weg.

Es war immer gemütlich bei den beiden. Wahrscheinlich würde er sich morgen während des Fluges wieder eine ganze Weile lang fragen, woran das lag. Die Wohnung der beiden war klein und vollgestopft mit schiefen Bücherregalen, nicht zueinander passenden Möbeln und üppig blühenden Topfpflanzen. Im Wohnzimmer hingen Sternkarten an den Wänden und gerahmte Fotos ferner Galaxien, die vom Weltraumteleskop Hubble stammten, und von Tätigkeiten wie Aufräumen hielten beide nicht viel … Aber man fühlte sich wohl hier. Das ging ja nicht nur ihm so; die beiden beherbergten andauernd irgendwelche Freunde bei sich.

Vielleicht war es gerade diese Unvollkommenheit. Dass seit Jahr und Tag dieselben Balken neben dem Autostellplatz lagen und Rodney einem jedes Mal versicherte, bis zum nächsten Mal, wenn man komme, werde er die Garage ganz bestimmt gebaut haben. Und dass man genau wusste, dass das nicht passieren würde.

»Wenn die Aliens wirklich hoch entwickelt sind«, räsonierte Hiroshi, »dann könnte es sein, dass sie da sind, wir sie aber einfach nicht bemerken.« Ihm war, als hätten sie diese Diskussion schon mehr als einmal geführt. Es war beinahe eine Art Ritual. Und sie hatten ziemlich viel von dem schweren Rotwein gebechert, wenn er jetzt so zurückdachte. »Stell dir vor, du wärst eine Ameise. Und du fragst dich, gibt es noch anderes intelligentes Leben da draußen oder gibt es nur uns Ameisen? Aber wenn eine Ameise über einen Parkplatz krabbelt, meinst du, sie merkt, dass den jemand gebaut hat? Kann sie die Autos darauf überhaupt erkennen?«

»Für Rebecca ist das eine einfach zu beantwortende Frage.« Allison hatte immer einen ganz bestimmten, leidenden Gesichtsausdruck, wenn die Rede auf ihre Schwester kam, die sich in allen Fragen des Lebens strikt an die Bibel hielt. Oder besser gesagt, an das, was ihr Reverend behauptete, dass darin stünde. »Wenn es Außerirdische gäbe, dann stünde was über sie in der Bibel. Zumindest, ob sie erlöst sind oder nicht. Steht aber nicht – also gibt es keine.«

Rodney rümpfte die Nase. »Da glaube ich noch eher, dass unsere Regierung längst Kontakt mit den Außerirdischen hat und es bloß verschweigt«, meinte er. »Area 51, Roswell und so weiter – vielleicht ist ja alles wahr, was man darüber so erzählt?«

»Dann solltest du nicht so laut daherreden.« Allison grinste. »Du weißt doch, dass sie jeden zum Schweigen bringen, der auf Beweise stößt.«

Ausgerechnet in diesem Augenblick klingelte es an der Tür.

Allison kicherte los. »Da! Hab ich’s dir nicht gesagt, Roddie? Jetzt kommen sie dich holen …«

Rodney, der aufgestanden und ans Fenster getreten war, schien das alles nicht lustig finden zu können. »Jetzt mal im Ernst – da stehen zwei Männer in Anzügen vor der Tür. Und auf der Straße wartet eine dicke schwarze Limousine.«

»Na, logisch! Die Men in Black !« Allison konnte sich kaum noch auf dem Stuhl halten vor Gelächter. Es war einer der Momente, in denen Hiroshi ahnte, was Rodney an ihr fand. »Die wollen dein Gedächtnis löschen!«

»Sehr witzig.« Äußerst unamüsiert verließ Rodney das Esszimmer und ging öffnen.

Allison wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. »Sind wahrscheinlich die Zeugen Jehovas«, meinte sie, immer noch schniefend und grinsend. »Aber schon komisch, der Zufall, oder?«

Hiroshi spähte auf die Uhr. Es war weit nach zehn. »Um die Zeit?«

Es waren nicht die Zeugen Jehovas. Als Rodney zurück ins Wohnzimmer kam, sah er noch besorgter aus als vorhin. »Die sind vom Verteidigungsministerium«, sagte er. »Und sie wollen dich sprechen, amigo

»Mich?«

»Meinen Gast, Mister Hiroshi Kato«, wiederholte Rodney offenbar die Formulierung, die sie verwendet hatten.

Allison hatte die Augen aufgerissen. »Das ist nicht dein Ernst. Die überwachen uns?«

Rodney hob ratlos die Schultern. »Keine Ahnung. Ich hab gerade das Gefühl, ich träume.«

Hiroshi schob den Stuhl zurück, stand auf. »Ich red mal mit denen.«

Die beiden Männer warteten immer noch in der Tür. Sie trugen keine schwarzen Anzüge wie Tommy Lee Jones und Will Smith in dem Film, sondern hellbeige, womit sie auch eher in die Jahreszeit hier in Kalifornien passten.

Und sie strahlten spürbare Ungeduld aus. Als käme es auf jede Minute an.

»Guten Abend, Mister Kato«, sagte der Größere der beiden, der blassbraune Haare hatte und eine narbige Haut, als hätte er als Jugendlicher schlimme Akne gehabt. »Tut uns leid, Sie so spät stören zu müssen. Wir täten es nicht, wenn es nicht nötig wäre.« Er hielt ihm einen Lichtbildausweis hin. »Neal Hopkins, Department of Defense, Abteilung Innere Sicherheit.«

Hiroshi nahm den Ausweis in Augenschein. Er hatte keine Ahnung, ob das, was er sah, ein echter Ausweis einer wirklich existierenden Organisation war. Das Ding wirkte echt, aber Hiroshi hätte mit einem Computer, einem Drucker und einer halben Stunde Zeit jederzeit etwas fabrizieren können, das genauso echt gewirkt hätte.

»Woher wussten Sie, dass ich hier bin?«, fragte er.

»Wir wissen solche Dinge«, sagte der andere Mann spitzlippig.

Sein Kollege warf ihm einen verweisenden Blick zu. Dann erklärte er Hiroshi: »Ein gewisser Jens Rasmussen …« Er hielt inne. »Rasmussen? Ja. Ist ein Geschäftspartner von Ihnen, oder? Er hat uns gesagt, dass Sie heute wahrscheinlich hier seien.«

Das klang plausibel. Rasmussen hielt er natürlich auf dem Laufenden, was seine Reisen anbelangte. Er hatte ihm irgendwann auch von Rodney und Allison Alvarez erzählt. Und wenn man nach Hiroshi Kato googelte, tauchte Rasmussen Investments auf der ersten Seite auf.

»Okay«, sagte Hiroshi und reichte den Ausweis zurück. »Und worum geht es?«

Der Mann, der angeblich Hopkins hieß, wog das Ledermäppchen mit seinem Ausweis in der Hand, als sei er unschlüssig, was er nun damit machen solle. »Wir möchten gerne, dass Sie sich ein paar Videoaufnahmen ansehen. Drüben im Wagen«, meinte er mit einem Nicken in Richtung der schwarzen Limousine. »Wenn Sie mit dem, was Sie darauf sehen, etwas anfangen können, erfahren Sie alles Weitere.«

»Wenn ich in diesen Wagen steige«, fragte Hiroshi, »werde ich wieder aussteigen können, wenn ich will?«

Der Mann verzog das Gesicht zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte. Vielleicht musste man seinen Vorgesetzten mal sagen, dass er nicht gerade die Idealbesetzung für die Aufgabe war, jemanden spätabends zu irgendwelchen Abenteuern zu überreden. »Wir entführen keine Leute, Mister Kato. Wir bitten Sie im Namen des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika um Ihre Hilfe.«

Wow. Selbst wenn das nicht stimmen sollte, klang es enorm beeindruckend.

»Okay«, sagte Hiroshi. »Ich sage nur kurz meinen Freunden Bescheid.«

Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer holte er sein Telefon aus der Tasche. Ein Tastendruck schaltete es ein, ein weiterer wählte Rasmussens Nummer. »Ich bin’s. Hast du irgendjemandem vom DOD gesagt, wo ich bin?«

»Hiroshi!«, ächzte Rasmussen. Im Hintergrund klimperte Barmusik. »Das Leben könnte so einfach sein, wenn du dein Telefon nicht ständig ausschalten würdest. Ich wollte dich vorwarnen, aber hast du eine Ahnung, wie viele Alvarez es in San Francisco gibt? Zwei Seiten im Telefonbuch!«

»Geschenkt. Das ist jedenfalls was Seriöses?«

»Ich hab bis ins Weiße Haus telefoniert, um mich zu vergewissern: Ja. Die Alarmstufe ist vor ein paar Stunden auf Red Alert hochgesetzt worden. Irgendeine Krise in russischen Hoheitsgewässern, und sie wollen deine technische Expertise. Mehr weiß ich nicht.«

»Die stehen hier vor der Tür und wollen mich in ihr großes schwarzes Auto locken.«

»Kannst du in diesem Fall, glaube ich, machen.«

»Okay. Danke.« Er schaltete ab. Rodney und Allison sahen ihn mit erschrockenen Augen an. »Kein Grund zur Sorge«, meinte er. »Das ist nur eine Sache von zehn Minuten.«

Rodney hielt sein eigenes Telefon hoch. »Ich werd filmen, wie du in diesen Wagen einsteigst. Und danach ruf ich jemanden an und bleib in der Leitung, bis du wieder zurück bist«, erklärte er grimmig. »Für alle Fälle!«

Die beiden Männer geleiteten ihn zum Wagen, öffneten ihm den hinteren Schlag und zwängten sich dann gemeinsam mit ihm auf den Rücksitz. Der Spitzlippige zog einen Laptop hervor, der per Fingerabdruck autorisiert werden musste und anschließend blitzartig hochfuhr. Er schob ihn Hiroshi auf den Schoß. »Hier«, sagte er nur.

Hiroshi verfolgte die Videoaufnahmen. Sie waren offenbar auf einer Insel im Eismeer entstanden; einige Sequenzen hatte man unter Wasser gedreht.

»Noch einmal, bitte«, sagte er, als der Schirm schwarz wurde.

Der Spitzlippige drückte die Returntaste, die das Ganze neu startete.

Hiroshi spürte, wie fiebrige Aufregung von ihm Besitz ergriff. Wie war das möglich? Das waren Bilder, wie er sie bisher nur in seinen tiefsten und seltsamsten Träumen gesehen hatte.

»Wo ist das aufgenommen worden?«, fragte er. »Und was erwarten Sie nun von mir?«

Sie sagten es ihm. Hiroshi überlegte einen Moment lang, dann sagte er: »Okay. Ich muss nur meiner Mutter Bescheid sagen, dass mir etwas dazwischengekommen ist.« Er sah Rodney im Wohnzimmerfenster stehen, das Telefon am Ohr. »Und mich von meinen Freunden verabschieden.«

»Ihr Gepäck«, meinte der Mann, der laut Ausweis Hopkins hieß. »Ziemlich praktisch, dass Sie schon reisefertig sind.«

»Ich werde einen Computer brauchen. Und ein Multiband-Funkgerät, das sich daran anschließen lässt.«

»Kriegen Sie von uns.«

Sie ließen ihn aussteigen, und er ging zurück ins Haus. Allison erwartete ihn mit großen Augen im Flur, Rodney trat hinter sie, das Telefon noch in der Hand. »Und?«, fragte er.

»Ich muss weg. Jetzt, sofort.« Er streckte die Hand nach seiner Reisetasche aus. »Danke für alles. Ich melde mich, sobald ich kann.«

»Du musst weg? Wieso das? Ist irgendwas passiert?«

Hiroshi sah ihn ernst an. »Deine Aliens«, sagte er. »Wie es aussieht, sind sie da.«

Man hatte sie schließlich in die Krankenstation zurückgebracht, wo sie nichts von dem, was weiter geschah, mitbekamen. Aber es sah zumindest nicht so aus, als würde ein Atomschlag vorbereitet. Die Schiffe pflügten weiter durchs Polarmeer, ab und zu schrammte ein Eisblock am Rumpf entlang, und das war so ungefähr alles an Unterhaltung, was geboten war.

Einmal kam ein Soldat in die Krankenstation und ließ sich eine Schürfwunde verbinden. Charlotte hörte mit, wie er dem Arzt erzählte, dass sie auf einen Hubschrauber warteten, der »noch einen« Amerikaner vom Luftwaffenstützpunkt Amderma herüberbringen würde.

Kurz nach dem Abendessen kam der Hubschrauber schließlich. Von der Krankenstation aus konnte man zwar den Landeplatz nicht sehen, aber das Dröhnen war unüberhörbar. Kurz darauf erschien ein Offizier und bat Charlotte auf Russisch, auf die Brücke zu kommen. »No. Only she«, wehrte er ab, als Adrian und die anderen sich ebenfalls von ihren Betten erheben wollten.

Zu Charlottes nicht geringer Verblüffung stand mitten auf der Brücke, in ein Gespräch mit den Admirälen und Kommandooffizieren vertieft, niemand anders als – Hiroshi!

»Wo kommst du denn auf einmal her?«, fragte sie, als er sich aus der Gruppe löste, um sie zu begrüßen.

»Fragt die, die mich hat herholen lassen«, erwiderte Hiroshi mit schiefem Grinsen. »Vor ein paar Stunden war ich noch bei Rodney und Allison. Plötzlich sind irgendwelche Regierungstypen aufgetaucht, haben mich zu einem Flugplatz gefahren, dann ging’s mit einem Hubschrauber weiter zu einem Luftwaffenstützpunkt, und dort … dort haben sie mich in einen B2-Bomber gesetzt. Unglaublich. Ich meine, ich hab natürlich schon Fotos davon gesehen, aber wenn du vor so einer Maschine stehst, denkst du wirklich, jetzt bist du in einem Science-Fiction-Film und gleich kommen schleimige grüne Männchen um die Ecke. Das Ding fliegt, wenn es nicht mit Waffen vollgeladen wird, mit Schallgeschwindigkeit einmal um die halbe Welt, ohne dass es tanken muss …« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, als müsse er sich vergewissern, dass sein Kopf noch am richtigen Platz saß. »Es war interessant. Ich will so was nie wieder im Leben mitmachen, aber interessant war es.«

Seine ungewohnte Mitteilsamkeit verblüffte Charlotte. Ja, er sah tatsächlich noch etwas grün im Gesicht aus. Vielleicht kam es daher.

»Und?«, fragte sie. »Kannst du mit alldem hier was anfangen?«

Er blies die Backen auf. »Also … Puh. Ich meine, klar, das sind Naniten. Nanobots. Nanotechnische Maschinen auf jeden Fall. Schon weil’s keine andere Erklärung gibt für das, was man auf den Aufnahmen sieht. Die einzige andere Erklärung wären CGIs, computererzeugte Animationen. Filmtricks.«

Charlotte dachte an Leon und wie er vor ihren Augen verschwunden war. »Das waren keine Filmtricks. Das ist alles wirklich passiert.«

»Okay. Dann …« Er hielt inne. »Komm doch rüber. Ich lad grade eins meiner Programme auf den Rechner, muss gleich so weit sein.« Ein flüchtiges Lächeln. »Die Geheimdienste zweier Länder werden diese Internetverbindung mitschneiden und sich über den Binärcode hermachen, schätze ich. Na ja, sollen sie.«

Sie setzten sich schließlich alle an den Konferenztisch, versammelten sich um Hiroshi, der einen klobigen, irgendwie militärisch aussehenden Laptop vor sich hatte. »In dem Dossier, das ich auf dem Herflug zu lesen bekommen habe, stand auch etwas zu den Volkslegenden, die über die Insel Saradkov existieren«, sagte er. »Es hieß, sie seien vermutlich über tausend Jahre alt. Eine erzählt von einem Krieg zwischen dem Himmel und der Erde und von einem schwarzen Engel, dem Anführer der himmlischen Heerscharen, der auf Saradkov hinabstürzte und im Eis begraben wurde. Sollte das Eis je schmelzen, heißt es in der Legende, werde der Krieg von Neuem beginnen, und deswegen müsse hier oben immer Winter herrschen.«

Der russische Admiral nickte. »Eine alte sibirische Sage.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie die Erinnerung an ein reales Ereignis bewahrt – den Einschlag einer Sonde, die aus dem Weltraum gekommen ist. Einer Sonde, die auf Nanotechnik beruhte und die einen uns unbekannten Auftrag hatte.« Hiroshi faltete die Hände. »Aus meiner Sicht stellen sich die Ereignisse folgendermaßen dar: Die Sonde ist irgendwann im Lauf der Geschichte aufgeschlagen und im Eis versunken. Sie wird versucht haben, sich zu entfalten und ihren Auftrag auszuführen. Wir müssen sie uns wie ein Samenkorn vorstellen: Die Naniten darin haben über einen gewissen Grundvorrat an Energie und Rohstoffen verfügt. Aber umschlossen von Millionen Kubikmetern Eis standen ihnen weder weitere Energiequellen noch eine genügend große Auswahl an Elementen zur Verfügung – nur Wasserstoff- und Sauerstoffatome, und damit konnten sie ihren Auftrag nicht erfüllen. Also haben sie sich so weit vorgearbeitet, wie es ging – und dann gewartet.«

»Worauf?«, fragte Whitecomb.

»Darauf, dass sich die Bedingungen verbessern«, sagte Hiroshi. »Und vor allem auf Kohlenstoff.«

»Kohlenstoff?«

»Kohlenstoff ist das kleinste Atom, das vier Molekularbindungen eingehen kann. Es spielt deswegen in nanotechnischen Konstruktionen eine zentrale Rolle.« Was immer auf dem Bildschirm vor ihm gerade vor sich gehen mochte, es erforderte offenbar, dass er einen Moment lang innehielt, nachdachte und dann rasch ein paar Tasten drückte. »Dieser Vorfall mit dem holländischen Journalisten«, sagte er dabei. »Ein menschlicher Körper besteht zu 10,7 Prozent aus Kohlenstoff. Das sind bei einem Körpergewicht von fünfundsiebzig Kilogramm etwa acht Kilogramm Kohlenstoff, das entspricht etwa vier mal zehn hoch sechsundzwanzig Atomen …«

Whitecomb schnaubte unwillig. »Sie wollen uns doch nicht im Ernst erzählen, dass der in einem einzigen menschlichen Körper enthaltene Kohlenstoff ausreicht, um eine dreißig Quadratkilometer große Insel komplett mit Stahl zu überziehen?«

»Nein, natürlich nicht. Aber die Naniten mussten ja nur so weit kommen, dass sie unbegrenzten Zugang zu allen Elementen bekamen, die sie benötigten. Das Eis war unergiebig, der direkt anschließende Fels vermutlich schon so weit wie möglich ausgebeutet – ich stelle mir vor, dass sie, ehe sie an den im Körper des Journalisten enthaltenen Kohlenstoff kamen, sozusagen nur noch einen Fingerbreit von weiteren Ressourcen entfernt waren. Die besagten acht Kilogramm waren eher eine Art Zündfunke.«

Charlotte spürte einen Würgereiz. Sie erinnerte sich an Leon van Hoorn als an einen sympathischen Abenteurer mit einem Hang zu missratenen Witzen – und diese Männer hier sprachen von ihm nur als von acht Kilogramm Kohlenstoff!

»Die Insel Saradkov«, ließ sich Admiral Uljakow vernehmen, »ist schon zu Stalins Zeiten auf Bodenschätze untersucht worden. Da ist nichts. Nur Fels.«

»Nichts, was sich mit menschlicher Arbeitskraft auszubeuten lohnen würde, das mag sein«, erwiderte Hiroshi. »Aber in der Größenordnung, in der Nanotechnik die Welt betrachtet, gibt es fast überall Ressourcen. Spätestens, als die Naniten bis zum Ozean durchgedrungen waren, hatten sie kein Nachschubproblem mehr, denn Meerwasser enthält in gelöster Form sämtliche Elemente, die es gibt. Manche nur in Spuren, zugegeben – doch wenn man beliebig viel Meerwasser und ausreichend Energie zur Verfügung hat, kann man daraus alles gewinnen, was man braucht.«

»Ausreichend Energie – gutes Stichwort«, hakte Whitecomb ein. »Einer von den Leuten, die den Präsidenten beraten – ein gewisser Doktor Dragsler oder so ähnlich –, hat gesagt, die zentrale Frage sei, woher die Naniten ihre Energie beziehen. Ohne Energie gehe gar nichts.«

Hiroshi nickte. »Das ist richtig. Ich vermute, die Energie stammt aus dem Erdinneren. Die Naniten haben wahrscheinlich Fühler bis in mehrere Kilometer Tiefe gebaut und gewinnen aus den Temperaturunterschieden Energie.«

»Aus dem Erdinneren? Hier?«, meinte Whitecomb skeptisch. »Daraus kann man genügend Energie gewinnen für das da?« Er wies in Richtung der Insel, die stählern schimmernd am Horizont aufragte wie die Feste von Mordor.

Hiroshi sah den amerikanischen Konteradmiral ausdruckslos an. »Es ist eine wenig bekannte Tatsache, dass das Innere der Erde fast so heiß ist wie die Oberfläche der Sonne und dass es sich in all den Jahrmilliarden seit der Entstehung des Planeten nicht wesentlich abgekühlt hat. Ja, ich glaube schon, dass man daraus genügend Energie gewinnen kann für alles, was man will.«

Uljakow beugte sich vor. »Das heißt, dass wir diesen Maschinen einfach den Strom abdrehen können, oder? Wenn wir diese … Fühler ins Erdinnere irgendwie abschneiden, sind sie am Ende. Also tun wir das doch!«

Hiroshis Stirn furchte sich, während er dem Übersetzer zuhörte. »Die Frage ist, wie«, sagte er dann. »Sie dürfen sich das nicht so vorstellen, dass da ein oder zwei dicke Rohre hinabreichen, die man durchtrennen könnte. Es dürften eher Millionen von Fortsätzen sein, so dünn, dass man sie mit bloßem Auge nicht sieht – eher eine Art Schimmelpilz.«

»Eine Atombombe wird auch mit Schimmelpilz fertig.«

»Nicht mit diesem. Die Naniten können zweifellos Energie speichern – das heißt, sie wären selbst nach einer kompletten Unterbrechung, etwa durch eine unterirdische Nuklearexplosion, imstande, die Leitungen neu aufzubauen.« Hiroshi warf einen prüfenden Blick auf seinen Bildschirm. »Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass eine Atombombe überhaupt explodieren würde. Gut möglich, dass die Naniten sie schneller zerlegen, als sie fallen kann.« Er räusperte sich, zog den Computer zu sich heran. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Mein Programm ist einsatzbereit. Ich will mal etwas versuchen …«

»Dürfen wir erfahren, was?« Konteradmiral Whitecomb sagte es auf eine Weise, die keinen Zweifel daran ließ, dass er das nicht als bloße Frage oder gar als Bitte verstand.

»Kommunikation mit den Naniten herzustellen.«

»Und wie wollen Sie das schaffen?«

Hiroshi schien zu überlegen. »Das so zu erklären, dass Sie es verstehen, würde etliche Stunden in Anspruch nehmen. Es zu tun, wird nur einige Minuten dauern. Und möglicherweise wird es gar nicht funktionieren. Ich denke, es ist besser, ich versuche es erst und erkläre es später.«

»Und wenn es nicht funktioniert?«

»Dann versuche ich was anderes.«

Der Konteradmiral wechselte Blicke mit seinen Mitarbeitern, hob dann die Schultern. »Okay. Machen Sie.«

Hiroshi machte längst. Seine Finger huschten über die Tasten, sein Blick fraß sich an bizarren Diagrammen und sich rasch verändernden Ziffernfolgen fest. Das Gerät, das über ein Kabel an den Computer angeschlossen war – ein orangeroter Kasten, auf dem allerhand Leuchtdioden blinkten –, vermittelte den Eindruck hektischer Tätigkeit.

Ein Multiband-Funkgerät, hatte jemand gesagt. Charlotte hatte keine Ahnung, was das sein sollte, und sie hatte auch keinerlei Bedürfnis, es je zu erfahren. Sie wollte nur noch weg.

Draußen ballten sich dunkle Wolken, Schnee und Regen prickelten gegen die Seitenscheiben der Brücke. Das Schiff begann stärker zu stampfen als bisher. Charlotte musste an die Stunden in dem Schlauchboot denken, erschauderte bei der Erinnerung. Irgendwie war sie immer noch in einem Albtraum gefangen, aber zumindest war ihr nicht mehr so kalt.

Sie betrachtete wieder Hiroshi. Was tat er da eigentlich? Irgendwelche Funksignale an die Naniten senden? An Maschinen aus dem Weltall? Wie kam er auf die Idee, dass die ihn verstehen würden?

In diesem Moment rief einer der Offiziere, die die Insel überwachten: »Aktivität!« Er beugte sich vor, drehte an Schaltern. »Das Portal öffnet sich!«

Im Nu standen sie alle hinter ihm, spähten auf seinen Bildschirm. Alle außer Hiroshi, der so ungerührt weiterarbeitete, als habe er gar nichts mitbekommen.

Tatsächlich – das Portal hatte sich ungefähr zur Hälfte aufgeschoben und einen dunklen Spalt ins Innere des Berges freigegeben. Admiral Uljakow ordnete erhöhte Alarmbereitschaft an, für den Fall, dass dahinter ein Geschütz oder dergleichen zum Vorschein kommen mochte.

»Die Funksignale haben aufgehört«, verkündete ein anderer Offizier. »Keinerlei Aktivität mehr.«

Die Insel war jetzt auf allen Bildschirmen, in verschiedenen Nahaufnahmen. Auf eine schwer zu fassende Weise wirkte sie tatsächlich, als sei sie erstarrt. Erst jetzt kam Charlotte zu Bewusstsein, dass man zuvor ständig minimale Bewegungen auf den scheinbar massiven, stählernen Flächen gesehen hatte – Bewegungen, die man unwillkürlich für Spiegelungen gehalten und denen man nicht viel Bedeutung beigemessen hatte. Doch nun sah man nichts mehr dergleichen.

Whitecomb drehte sich zu Hiroshi um. »Glückwunsch, Mister Kato«, sagte er. »Sieht fast so aus, als hätten Sie die Dinger abgeschaltet.«

Hiroshi klappte seinen Laptop zu. »Könnte mich dann bitte der Hubschrauber auf die Insel bringen?«

»Wie bitte?«

»Auf die Insel«, wiederholte Hiroshi geduldig. »Ich brauche ab jetzt direkten Kontakt zu den Naniten.«

Whitecomb hüstelte. »Finden Sie das nicht ein bisschen voreilig? Im Moment wissen wir noch nicht einmal, ob das anhält und –«

»Es wird nicht beliebig lange anhalten.« Hiroshi stöpselte das Multiband-Funkgerät ab und wickelte die Kabel auf. »Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Sie haben die Videos gesehen, oder? Was mit den Männern des Landungstrupps passiert ist?«

»Hab ich gesehen.« Hiroshi legte das Funkgerät auf den Laptop. »Ich brauche auch einen warmen Parka oder so etwas.«

Der Konteradmiral schnappte nach Luft. »Einen Parka! Na, Sie haben Nerven.«

Uljakow ließ sich das übersetzen, nickte bärbeißig. »Gut. Minimalbesatzung für den Hubschrauber. Und sie sollen nicht landen, sondern ihn mit der Winde abseilen.«

Man brachte Hiroshi einen dicken Marineparka mit dem Emblem der Nordflotte, dazu passende Hosen und Stiefel und einen Rucksack, in dem er den Laptop und das Funkgerät verstauen konnte. Hiroshi legte alles an, mit steinernem Gesicht. Draußen ließ der Hubschrauber schon seine Rotoren warm laufen. Das Schneegestöber hielt an.

Es war ein eigenartiger Moment. Die Offiziere schienen nicht zu wissen, ob sie Hiroshi bedauern oder anfeuern sollten. Vor allem schien ihnen nicht zu gefallen, dass ein Zivilist so etwas unternahm.

»Good luck«, sagte Whitecomb schließlich mit falschem Lächeln. Jemand schob die Tür auf. Der eiskalte Nordwind fauchte herein.

Hiroshi trat vor Charlotte hin, sein Bündel auf dem Rücken. »Wünsch mir Glück«, bat er.

»Oki otsukete«, sagte sie. Gib auf dich acht.

Ein Schatten schien über sein Gesicht zu huschen. »Ich weiß nicht, was es zum Stillstand gebracht hat«, raunte er auf Japanisch. »Ich war es nicht. Aber sag das um Himmels willen niemandem!«

Damit folgte er dem Matrosen, der ihn zum Hubschrauber geleitete. Die Tür schlug mit dumpfem Knall hinter ihm zu.

8

Der Hubschrauber kämpfte sich durch das Schneetreiben, doch Hiroshi hatte nur Augen für die Insel.

Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er das, wovon er seit Jahren träumte – sein Leben lang im Grunde –, direkt vor sich sah, und dazu an einem derart unwahrscheinlichen Ort! Die anderen mochten hier Stahl sehen, gepanzerte Wände, eine kolossale Festung in der Einsamkeit des nördlichen Polarmeers – er hingegen sah die Nanitenkomplexe dahinter, Trilliarden von Trilliarden von ihnen, so viele, dass die Sprache kaum noch handhabbare Zahlwörter dafür kannte, und doch alle in Strukturen eingebunden, alle organisiert, alle beherrschbar. Er sah unendlich miniaturisierte Ausgaben seiner kleinen, aufs Simpelste reduzierten Roboter von Paliuk, sah die Gebilde, die bislang nur die Bildschirme seiner Computer bevölkert hatten, vor sich … Anders war es auch nicht möglich: Man sah Naniten vor dem inneren Auge oder gar nicht. Naniten waren so klein, dass ein Mensch sie nicht ohne die Zuhilfenahme anderer technischer Geräte sehen konnte. Sie würden immer Gebilde auf Bildschirmen bleiben. Aber sie waren da! Sie existierten! Es hatte nichts zu bedeuten, dass man sie nicht sah. Bakterien und Viren sah man mit bloßem Auge auch nicht, und auch sie existierten. Nur dass sie um ein Vielfaches größer waren als Naniten.

Und nun, da unten auf dem Meer, immer näher kommend, immer größer werdend, die Manifestation der Macht von Nanorobotern: Indem sie einander bauten, einander aus Atomen zusammensetzten, die sie in ihrer Umgebung fanden, waren sie in der Lage, ihre Zahl ins Beliebige, quasi ins Unendliche zu vervielfältigen. Und indem sie bei alldem strikt organisiert blieben, in Reih und Glied marschierten, Hand in Hand arbeiteten, einem klaren Plan, einem gigantischen Programm folgten, waren sie imstande, Gebilde beliebigen Ausmaßes zu errichten: von winzigsten Strukturen wie sie selbst bis hin zu kolossalen Gebilden wie dieser Insel. Dreißig Quadratkilometer Fels, die nun von schimmerndem Stahl bedeckt waren! Dabei war das noch gar nichts. Für Naniten gab es keine Grenzen. Sie konnten einen ganzen Planeten umbauen, wenn das Programm es vorsah, und es gab fast nichts, was man dagegen tun konnte.

Nanoroboter taten nichts anderes, als Atome direkt anzuordnen, doch das genügte, um Wunderdinge zu vollbringen. Im Grunde ließ sich die gesamte Technikgeschichte auf diesen einen Aspekt reduzieren: Wie gut es gelang, Atome anzuordnen. Zuallererst hatte man Faustkeile hergestellt, indem man Stein gegen Stein schlug, bis Splitter davon absprangen, Splitter, die aus derart vielen Atomen bestanden, dass die Urmenschen nicht ansatzweise Zahlworte dafür besessen hätten. Dann hatte man begonnen, Metall zu schürfen, was nichts anderes war als die Suche nach Atomen ausgewählter Elemente mit besonderen Eigenschaften. Man hatte gelernt, diese Atome sorgsamer anzuordnen – ein Vorgang, der Schmieden hieß. Und schließlich war man bei den hoch entwickelten Herstellungsverfahren der Neuzeit gelandet, die zum Beispiel so aussahen, zu unerhörter Reinheit polierte Siliziumscheiben zu belichten und chemisch zu behandeln, um Computerprozessoren von kaum fassbarer Leistungsfähigkeit zu gewinnen.

Doch das war alles nichts gegen die Möglichkeiten, die sich eröffneten, sobald man ans Ende aller technischen Entwicklung gelangte. Denn nichts anderes war die Fähigkeit, Atome einzeln zu manipulieren, sie hier aufzunehmen und dort, an einer ganz bestimmten Stelle, abzusetzen: die vollkommenste Technik, die vorstellbar war. Der Unterschied zwischen einem Stück Kohle und einem Diamanten etwa bestand nur in der Anordnung der Kohlenstoffatome darin. Nichts weiter. Und was war schon ein Diamant? Kinderspielzeug gegen die Materialien, die überhaupt nur auf nanotechnischem Wege herstellbar waren.

Hiroshi konnte auch immer noch nicht fassen, was er hier tat. Dass er in einen Hubschrauber gestiegen war, der ihn hierherbrachte, mitten ins Herz der hoch entwickeltsten Technik, mit der es Menschen je zu tun gehabt hatten.

Er hatte sich jahrelang theoretisch mit den Grundlagen dieser Technik befasst. Er hatte Grundprinzipien herausgearbeitet, von denen er glaubte, dass sie universell gültig waren – aber doch nur ein paar davon! Verglichen mit dem Wissen, das diesen silbern schimmernden Koloss da vorn hervorgebracht hatte, dieses bizarre Gebilde vor einem Himmel aus nassen grauen Klumpen, gegen das bleigraue Wellen anmanschten, steckte er noch in den blutigsten Anfängen.

Er begriff ja nicht einmal, wieso die Naniten ihre Aktivität eingestellt hatten. Was hatte er denn getan? Er hatte sich nur das, was die Militärs für Störsignale gehalten hatten, genauer angeschaut. Und dann hatte er sich gefragt, was passieren würde, wenn er sie als Steuersignale interpretierte und versuchte, darüber Kontakt zu den Steuereinheiten aufzunehmen. Das war alles.

Er hatte ein paar seiner Programme, die imstande waren, Muster zu erkennen, darauf losgelassen. Während die Software gearbeitet hatte, waren ihm banale Gedanken durch den Kopf gegangen: Vorstellungen, wie russische und amerikanische Computerfachleute den Binärcode decompilieren würden, wenn das alles hier erst mal vorbei war. Wie seine Mustererkennungsalgorithmen über die Abteilungen für Wirtschaftsspionage ihren Weg in allerhand Software finden würden. Wie Jens, wenn er davon erfuhr, ihm wieder mal seinen Vortrag über Patente und entgangene Profite halten würde …

Geschenkt. Auf alle Fälle hatte er ein paar Muster identifiziert, in denen er einen Sinn zu erkennen meinte, und daraufhin versuchsweise komplementäre Signalfolgen abgeschickt. Das war wirklich nichts Besonders gewesen und insbesondere nichts, von dem er erwartet hätte, dass es die Maschinerie der Naniten zu irgendwelchen Reaktionen bringen würde, die über eine Funkantwort hinausgingen – und nicht mal damit hatte er ernsthaft gerechnet.

Und dann – Stillstand! Absolut verblüffend. Absolut unerklärlich.

Gigantisch ragte die Insel inzwischen vor ihnen auf: eine chromverkleidete, ins Überdimensionale vergrößerte Trutzburg mit schimmernden Zinnen und unbesiegbaren Befestigungen. Der Anblick raubte ihm den Atem. Der Anblick und das Bewusstsein, dass er keine Ahnung hatte, was er dort eigentlich tun würde. Er wusste es einfach nicht. Er hatte keinen Plan, keinen Ansatzpunkt, nichts außer einem Computer mit einem daran angeschlossenen Funkgerät.

Das Einzige, was er mit absoluter Sicherheit wusste, war, dass er seinen Fuß auf diese Insel setzen musste, und wenn es ihn das Leben kostete. Alles andere hätte er sich niemals verziehen.

Der Copilot schnallte sich los, kam zu ihm nach hinten. Er bedeutete ihm, sich ebenfalls abzuschnallen, und ließ ihn in eine Art gepolsterte Schlaufe schlüpfen, die unter den Achseln hindurch um den Rücken ging. Vorn an der Brust hatte sie einen dicken Haken, in den der Soldat das Kabel der Winde einhängte. Dann schob er krachend die Außentür auf. Schnee stob herein. Der Mann schrie ihm etwas zu, von dem Hiroshi in dem Turbinenlärm nicht einmal hätte sagen können, ob es Russisch oder Englisch war, aber das spielte auch keine Rolle, denn er wusste ja, was gemeint war. Er musste sich der Winde anvertrauen, die ihn hinabbringen würde.

Ein letzter prüfender Griff, ob alles richtig saß, der Rucksack mit dem Computer so über der Schlaufe saß, dass nichts beschädigt wurde, ein letztes Nicken, dann musste er den Schritt ins Bodenlose tun.

Tobende Luft riss an ihm, sobald er die ersten Meter zurückgelegt hatte. Schneidende Kälte vertrieb jedes Gefühl, einen Traum zu träumen. Dies war kein Traum. Er hing unter einem dröhnenden Hubschrauber, an einem vibrierenden Stahlseil, das so schnell abgespult wurde, wie es nur ging, und er würde gleich der einsamste Mensch auf Erden sein. Niemand würde kommen, um ihn zu retten, falls ihm etwas zustieß. Vor seinem inneren Auge liefen noch einmal die Videobilder ab, die ihm die Agenten in Kalifornien gezeigt hatten. Darunter waren Aufnahmen von Menschen gewesen, die vor Schmerzen geschrien hatten, während sie auf genau dem Boden dort unten einen kaum vorstellbaren Tod gestorben waren: Sie waren regelrecht zerflossen, weil Billionen von Naniten ihre Körperzellen in Kohlenstoffatome, Wasserstoffatome, Sauerstoffatome zerlegt, die Kalziumatome ihrer Knochen einzeln abtransportiert hatten, um sie anderswo in nanotechnische Funktionsteile einzubauen …

Hiroshi blickte hinab. Der Boden kam immer näher. Er sah aus wie makelloser, frisch geputzter Stahl.

Seine Füße setzten auf. Nichts geschah. Er sah genauer hin und entdeckte hier und da Schneeflocken, die unberührt auf dem stählernen Boden lagen, nicht einmal schmolzen. Er begann wieder zu atmen.

Rasch legte er den Rucksack ab, schlüpfte aus der Trageschlaufe, winkte nach oben. Das Seil mit der leeren Schlaufe daran schnurrte in die Höhe, und noch ehe es ganz oben war, drehte der Hubschrauber ab und fauchte davon.

Da stand er nun. Und jetzt? Hiroshi hob den Rucksack wieder auf die Schultern, blickte zu dem gigantischen Portal empor. Es stand offen, sah aus wie eine Einladung. Nun, auf jeden Fall würde er nicht hier draußen bleiben. Da er nun schon einmal da war, wollte er auch so tief wie nur möglich in das Herz der Maschine eindringen.

Und sei es, weil es da drinnen nur wärmer sein konnte als im Freien.

Er marschierte los, stapfte den flachen Hang hinauf, auf den schmalen, dunklen Spalt zu, der vielleicht fünfzig Meter hoch und fünf Meter breit sein mochte. Je näher er dem Portal kam, desto stärker fühlte er sich an die Legenden um die Bondori erinnert: Der Zugang zur Unterwelt konnte eigentlich nur aussehen wie dieses gewaltige Tor.

Ihm war feierlich zumute. Obwohl er nicht wusste, was er da drinnen tun oder was er erreichen würde.

Nichts, aller Wahrscheinlichkeit nach.

Hiroshi wandte sich noch einmal um, blickte zu den grauen Schiffen zurück, die in einer Entfernung, die die Militärs für sicher hielten – eine völlig irrige Einschätzung natürlich –, optisch nahezu mit dem Himmel und dem Meer verschmolzen. Das Sprechfunkgerät fiel ihm ein, das sie ihm mitgegeben hatten. Er holte es aus der Tasche. Es war ein klobiges Ding, das aussah wie eines der ersten Mobiltelefone, und er musste die Handschuhe ausziehen, um es einschalten zu können.

»Kato hier«, sagte er. »Ich geh jetzt rein.«

Er wartete keine Antwort ab. Er steckte das Gerät wieder ein, zog die Handschuhe über, holte noch einmal tief Luft und trat über die Schwelle.

Mit der Zeit wurde Charlotte kalt. Die Brücke war gut geheizt: trotzdem. Wenn man nur dasaß und durch die Fenster hinausstarrte in das graue sturmdurchtoste Einerlei des nicht endenden Polartages, fröstelte man irgendwann. Es hatte zu schneien aufgehört, aber der Wind nahm zu, peitschte die eisigen Wellen.

Doch es gab nun mal nichts zu tun. Die Zeit verging, und das Warten zerrte an den Nerven. Die Schiffe kreuzten vor der Insel, die Kameras mit ihren starken Teleobjektiven behielten alles, was darauf geschah – nämlich nichts, seit Hiroshi durch das Portal gegangen war –, unbeirrbar im Blick. Alles wurde aufgezeichnet: Aufzeichnungen, die später jeden, der sie sichtete, unsäglich langweilen würden.

Es war ein Warten unter spürbarer Anspannung. Die Offiziere auf der Brücke unterhielten sich in gedämpftem Tonfall. Sie nippten an Kaffeetassen, drehten an Schaltern, tippten auf Tastaturen, beugten sich über Karten – aber eigentlich warteten sie alle darauf, dass etwas geschah. Sie waren wie wachsam da sitzende Katzen, bereit, aufzuspringen und zuzuschlagen, wenn sich in dem Loch, das sie beobachteten, irgendetwas rühren sollte.

Aber was sollte sich rühren? Erwartete jemand ernsthaft, dass demnächst Aliens aus dem Portal traten? Vielleicht in Begleitung Hiroshis? Feindlich gesinnt, mit ihm als Geisel, oder freundlich, weil anfängliche Missverständnisse ausgeräumt worden waren? Bringt uns zu eurem Präsidenten, würden sie sagen, und schon würde es weitergehen mit neuen Irritationen.

Charlotte strich sich zum hundertsten Male durch die Haare. Sie tat es nur, um überhaupt etwas zu tun, um nicht hier an dem verwaisten Konferenztisch zu versteinern. Sie beobachtete den amerikanischen Admiral mit seiner goldverzierten Schirmmütze und seinem bunt besetzten Uniformrock: Er telefonierte am anderen Ende der Brücke über ein klobiges Mobiltelefon. Die Leute seines Stabes standen um ihn herum und bemühten sich, ihn abzuschirmen; die Russen sollten wohl nicht allzu viel mitkriegen von seinem Gespräch mit dem Präsidenten.

Nein, sagte sich Charlotte, die Aliens waren fort. Abgeflogen. Unterwegs, das Sonnensystem zu verlassen. Wenn überhaupt fremde Lebewesen da gewesen waren. Vielleicht hatten sie von vornherein nur Roboter geschickt, Nanoroboter mit unbekanntem Auftrag. Und so lange Zeit, wie das alles zurücklag, waren sie womöglich in der Zwischenzeit längst ausgestorben.

Hiroshi hatte sich noch zweimal aus dem Inneren der Anlage gemeldet. Er ginge durch endlose Hallen, hatte er berichtet, die aussähen wie riesige Industrieanlagen. Es sei niemand zu sehen, nirgends eine Spur von Leben. Nirgends bewege sich irgendetwas. Alles stehe still. Ob die Fotos gut ankämen, die er aufnehme? Das hatte für Aufregung gesorgt, denn tatsächlich war kein einziges Foto angekommen. Bei Hiroshis Sprechfunkgerät, hatte Charlotte einer der russischen Offiziere erklärt, handle es sich um ein militärisches Spezialmodell: extra sendestark und mit verschlüsselter Übertragung. Und eigentlich sende der eingebaute Fotoapparat jedes Bild auf Knopfdruck und sofort. Doch die letzte Sprechverbindung war extrem schlecht gewesen, voller Aussetzer und Verzerrungen. Und vor allem war sie inzwischen beunruhigend lange her.

Unversehens tauchten die anderen auf. Sie hätten in der Krankenstation die Ungewissheit nicht mehr ausgehalten, erklärte Adrian, und gebettelt, bis man sie auf die Brücke gelassen hatte. Charlotte versuchte ihnen zu erklären, wer Hiroshi war und was er über die Nanoroboter auf der Insel gesagt hatte, aber sie konnte das nicht wirklich gut wiedergeben, und so erntete sie hauptsächlich irritierte Blicke. Ein paar Satzfetzen, die zu ihnen herüberdrangen, ließen Charlotte aufmerken. Zweifel waren dabei, die Oberhand zu gewinnen. Was, wenn sich Hiroshi nicht bald meldete? Was, wenn er nicht mehr zurückkam? Er konnte längst tot sein, spurlos verschwunden, aufgelöst in seine sämtlichen Bestandteile wie die Soldaten des Landungstrupps.

An Leon van Hoorn dachte schon niemand mehr. Von dessen Tod existierte ja auch kein Video. Heutzutage hatte sich etwas, von dem es kein Video gab, nicht wirklich ereignet.

»Äto mnje nje nrawitsa«, knurrte Admiral Uljakow mit zunehmender Häufigkeit. Das gefällt mir nicht . Dabei bedachte er seine Untergebenen mit Blicken, die diese zusammenzucken ließen, als fühlten sie sich schuldig an der Situation.

»… was wir tun«, hörte sie aus der Runde der Amerikaner. »Wie lange wir warten können.«

Es war nicht schwer, ihre Gedanken zu erraten. Selbst ein Zivilist, sagten sie sich, musste sich verdammt noch mal darüber im Klaren sein, dass sie alle hier auf heißen Kohlen saßen. Wenn er aus dem Inneren der Anlage keine Funkverbindung mehr bekam, dann hätte er eben den Weg zurückgehen müssen, den er gekommen war, um Bericht zu erstatten, ein Lebenszeichen von sich zu geben oder ihnen zumindest Bescheid zu geben, wie lange es bis zum nächsten Funkkontakt dauern konnte. Wenn er also einfach schwieg, konnte das nur heißen, dass er entweder gefangen war, tot – oder so strohdumm, dass er das, was ihm widerfahren würde, weil sie gezwungen waren zu handeln, mehr als verdient hatte.

Es wusste bloß niemand, was sie eigentlich tun sollten. Sonst hätten sie wahrscheinlich längst nicht mehr gewartet. Was das anbelangte, waren sie noch nicht weiter als zuvor.

»Admiral!«, sagte plötzlich einer der Beobachter an den Schirmen.

Uljakow schob das Kinn vor. »Reden Sie schon!«

»K-104 meldet, dass sich an den … ähm, Metallfortsätzen auf dem Meeresgrund etwas verändert.« Er lauschte der Stimme in seinem Kopfhörer. »Sie scheinen zu verschwinden.«

»Soweit ich mich erinnere, sind alle unsere U-Boote mit Kameras ausgestattet«, knurrte der Admiral. »Ist das bei K-104 anders?«

»Moment – ich kriege ein Bildsignal. Hier.« Ein Tastendruck, und eine Unterwasseraufnahme erschien auf einer Vielzahl von Bildschirmen. Man sah eines der länglichen metallischen Gebilde, die von der Insel ausgingen, im Lichtkegel eines Scheinwerfers glänzen – und schrumpfen!

Uljakow stand vor einem der Schirme und verfolgte mit vorgebeugtem Oberkörper, was geschah, die Hände hinter dem Rücken zusammengelegt, regungslos. »Gut«, meinte er schließlich. »Die erste gute Nachricht, seit ich hier bin.«

»Er hat es geschafft.« Whitecomb hieb sich mit der Faust in die Fläche der anderen Hand. »Der verdammte Hurensohn hat die verdammten Dinger unter Kontrolle gekriegt.«

Ein anderer Beobachter reckte den Kopf. »Bewegung auf der Insel selbst. An den Befestigungsanlagen tut sich was.«

Kollektives Einatmen. Selbst das Schiff schien zusammenzuzucken, obwohl es natürlich nur unter einem besonders starken Brecher erbebte, der es genau in dem Moment traf.

»Wo bleiben die Kameras?«, bellte Uljakow, der als Einziger nicht nach einem Halt griff.

Die Bilder auf den Schirmen wechselten. Einstellungen zoomten näher an Bereiche heran, in denen Bewegungen feststellbar waren. Die Zinnen oben auf dem Wall, bisher scharfkantig und von kaltem Glanz, wurden zusehends weicher, runder, erschienen wie von Nebel umhüllt. Die mächtigen Stahlrippen der Bergbefestigung, zuvor schimmernd wie frisch polierter Stahl, verfärbten sich rötlich, schienen zu zerfließen, in sich zusammenzusinken … davongeblasen zu werden.

»Fuck!«, entfuhr es Konteradmiral Whitecomb. »Das Ding löst sich auf!«

Genauso war es. Die Anlage zerfiel zu Staub, den der Sturm davonwehte. Und es ging immer schneller und schneller. Bald kamen die ersten Felsbrocken wieder zum Vorschein. Die Konturen des Portals waren kaum noch auszumachen. Die beiden ins Meer ragenden Wehranlagen, zu denen die Naniten die beiden Schiffe und ihre Besatzung umgebaut hatten, lösten sich im Wasser auf, färbten es rot wie Blut.

Uljakow befahl den Start des Hubschraubers, ließ ihn über der Insel kreisen und Aufnahmen aus der Luft machen. Sie zeigten dasselbe Bild: rieselnder Staub, wo zuvor mächtige Festungen gestanden hatten, blassgraue und rötliche Verwehungen, wo der Sturm entlangfegte. Die kilometertiefe Abschussröhre war nicht mehr da; an ihrer Stelle fiel ein tiefes, dunkles Felsloch in sich zusammen. Der Abwind des Rotors hinterließ Spuren auf der Hochebene, als bürste ein unsichtbarer Besen über ausgestreute Sägespäne.

Das Ganze dauerte kaum eine halbe Stunde. Danach war alles, was zuvor unbesiegbar geschienen hatte, verschwunden, und Saradkov sah aus wie die Oberfläche des Mars.

»Da ist jemand!«

Eine der Kameras richtete sich auf die Stelle, an der das Portal gewesen war und an der nun eine große, dunkle Höhle im Berg klaffte, die aussah wie der aufgerissene, zahnlose Mund eines riesigen Greises. Eine menschliche Gestalt kam zum Vorschein, mehr taumelnd und stolpernd als aufrecht gehend, undefinierbare Überreste von Kleidung am Leib.

Es war Hiroshi. In der Hand hielt er ein Stück der Tastatur, offenbar die Überreste seines Computers. Als die Kamera näher heranzoomte, sah man, dass er zitterte vor Kälte. Das, was er noch am Leib trug, genügte vermutlich kaum den minimalsten Anforderungen der Etikette, und ganz bestimmt genügte es nicht mehr, um der Kälte des Polarkreises standzuhalten. Hiroshi bibberte, als er das Freie erreichte – und das gerade rechtzeitig: Hinter ihm stürzte ein weiterer Teil der Höhlengänge ein, die die Naniten durch die Felsen getrieben hatten.

Das hatte er sich alles anders vorgestellt. Er wäre gern stehen geblieben, um zu verschnaufen, aber so dicht am Berghang, so dicht bei den Höhlen war es immer noch gefährlich. Er musste weiter, mitten hinein in den eiskalten Sturmwind. Er sah auf seine Hände hinab. Seine Finger waren blaugefroren. Sie hielten den kläglichen Rest des Laptops umklammert, wollten ihn einfach nicht loslassen.

Schließlich blieb er stehen, winkte in Richtung der Schiffe. Sie würden ihn doch beobachten, oder?

Da. Hinter ihm. Ein Hubschrauber kam über den Bergkamm, setzte zur Landung an. Hiroshi stolperte darauf zu. Ein Mann sprang heraus, als die Maschine aufsetzte, kam ihm entgegen, stützte ihn. Dann, endlich, eine Tür, die sich schloss, Windstille. Eine Decke, in die man ihn hüllte. Er konnte noch nicht aufhören zu bibbern, aber das war nur eine Frage der Zeit.

Konteradmiral Denis J. Whitecomb erwartete ihn direkt am Hubschrauberlandeplatz, umgeben von seinem Stab. Einige der Männer sahen ziemlich nahkampferprobt aus, der Blick ihrer Augen war kühl und entschlossen.

»Willkommen zurück, Mister Kato«, sagte der Mann in der prunkvollen Uniform der US Navy. »Ich fürchte, Sie werden uns eine Menge Dinge erklären müssen.«