UNTERWEGS
Boston tauchte unter ihr auf. Von oben aus gesehen schien sich die Stadt nicht verändert zu haben. Wie lange war es jetzt her? Drei Jahre. Mehr. Über dem Land lagen Herbstfarben; bestimmt waren dies die letzten schönen Tage.
Auf einmal konnte es Charlotte kaum noch erwarten. Sie presste die Stirn gegen das Plastik des Fensters, und obwohl sie wusste, dass es unsinnig war, versuchte sie, Somerville und das Haus auszumachen, in dem sie gelebt hatte. Ihre chaotische kleine Studentenwohnung! Wer jetzt wohl darin wohnte? Ob er oder sie die Pflanzen auf dem Balkon durchgekriegt hatte? Ob der Hibiskus noch lebte? Sie hätte es gerne gewusst.
Seit ihrer Flucht – ja, es war eine Flucht gewesen: vor James und seinen Nachstellungen, vor all den Erinnerungen, und weil ihr das Studium plötzlich sinnlos vorgekommen war – lebte sie in Paris, in der mit verstaubten Möbeln vollgestopften Wohnung ihrer Eltern. Lauter Erbstücke natürlich, Familiengeschichte ausdünstend. Das erdrückte sie, aber es wäre Unsinn gewesen, sich eine eigene Wohnung zu nehmen. Nicht bei den Pariser Immobilienpreisen.
Sie warteten beide auf sie, eine Brenda, die vor Glück strahlte, und ein behaglich schmunzelnder Thomas. »Und der Kleine?«, fragte Charlotte verwundert, während sie sich von Brenda drücken ließ.
»Meine Mutter kümmert sich um ihn. Sie hat Zauberkräfte; bei ihr schreit er viel weniger als bei mir!«
Brenda sah gut aus. Aufgeblüht. Sie hatte irgendetwas mit ihren Haaren gemacht, das sie richtig erwachsen wirken ließ, und auch die Zeit der knallbunten Schlabberklamotten schien vorüber zu sein.
Thomas umarmte sie, scheu und ungelenk wie eh und je. Er hatte zugelegt. Nicht, dass er dick geworden wäre – abgerundet traf es eher. Brendas gute Küche vermutlich. Und er bekam erste graue Haare, was ihn zusammen mit seiner sich unaufhaltsam vergrößernden Stirnglatze älter wirken ließ, als er war.
»Danke für die Einladung«, sagte Charlotte.
»Du warst unsere Trauzeugin«, meinte er lächelnd. »Da wird man wohl verlangen können, dass du dir anschaust, was dabei herausgekommen ist.«
Sie wohnten immer noch in Brendas blauem Holzhaus, von dem aus man an manchen Tagen den Atlantik riechen konnte. Das Grundstück zu betreten war, als sei sie erst gestern aus Boston fortgegangen. Halt, nein – der Garten hatte sich verändert. Die Bäume waren gewachsen, alles war gepflegter, als sie es in Erinnerung hatte. Es war ein kleines Paradies. Ein Paradies, in dem nun bald helles Kinderlachen zu hören sein würde …
Unwillkürlich legte Charlotte die Hand auf ihren Bauch. Kinder. Bis jetzt war sie der Frage, ob sie selbst welche wollte, ausgewichen. Später, hatte sie sich immer gesagt. Inzwischen mehrten sich die Momente, in denen sie das Gerede von der tickenden biologischen Uhr nachvollziehen konnte, das sie früher nur genervt hatte.
Aber sie konnte es sich immer noch nicht vorstellen. Schwanger zu werden, das war für sie immer noch vor allem eine Angst. Schwanger zu werden bedeutete das Ende der Freiheit, so empfand sie es. Für ihre Mutter war es so gewesen.
Mrs Gilliam öffnete ihnen die Haustür, ein seliges Großmutterlächeln auf dem Gesicht. »Er schläft!«, flüsterte sie, als genüge ein lautes Wort, etwas daran zu ändern.
Brenda packte Charlotte am Arm und zog sie mit sich nach hinten in das helle, luftige Kinderzimmer, das am Anfang ihr eigenes Schlafzimmer gewesen war. Das Baby lag in einer entzückenden Wiege und sah aus wie ein Engel. Charlotte beugte sich darüber, um es angemessen zu bewundern. Herzerweichend, wie der Kleine die winzigen Lippen spitzte, wie seine kleinen Fäuste sich unruhig bewegten und wie er schnaufte, als träume er schon aufregende Dinge.
Charlotte sah hoch. »Und wieso Jason?«
»Das musste so sein«, erklärte Brenda. »Wir haben wochenlang über Vornamenbüchern gebrütet, Listen gemacht, was weiß ich – und dann hatten wir beide am selben Tag dieselbe Idee! Wenn das nicht Schicksal ist, was dann?«
Schicksal. Es gab Charlotte immer einen Stich, dieses Wort zu hören. »Und wenn’s ein Mädchen geworden wäre?«
»Das hätte Streit gegeben.« Brenda gab ein entrüstetes Schnauben von sich. »Weißt du, was Tom allen Ernstes vorgeschlagen hat? Olivia! Also, ich bitte dich!«
»Olivia Wickersham?« Charlotte schmeckte dem Namen nach. »Wieso? Find ich nicht so schlecht.«
Das brachte ihr einen Boxhieb gegen den Oberarm ein. »Hey! Was bist denn du für eine Freundin?«
Vielleicht lag es an ihrem Gespräch, jedenfalls wachte Jason auf, holte ein paar Mal entrüstet Luft und begann zu quäken. Brenda nahm ihn aus der Wiege. »Er hat Hunger, schätze ich.« Sie sah ihn verliebt an. »So lange her, hmm? Muss deine Mama auch so lange fortfahren, bis zu diesem Flughafen, so weit weg?«
Babysprache. Charlotte musste grinsen: Was so ein Baby in erwachsenen Menschen auslöste! Brenda machte es sich mit ihrem Sohn in dem alten Korbsessel am Fenster bequem, um ihn zu stillen. Charlotte ließ die beiden allein und ging in die Küche.
Mrs Gilliam war dabei, Kaffee zu machen. Wie ihr Flug gewesen sei, wollte sie wissen.
»Gut«, sagte Charlotte. Auf dem Küchentisch stand ein wunderbarer englischer Früchtekuchen, der in diese Jahreszeit passte wie nichts sonst. »Ein paar Wackler am Anfang, aber danach alles ruhig. Der Sitz neben mir ist frei geblieben, das war angenehm.«
»Ja«, meinte Mrs Gilliam und stellte ihr eine Tasse hin. »Man hat so wenig Platz in diesen Maschinen heutzutage, nicht wahr?«
Als sich Charlotte setzte, entdeckte sie ein paar Lehrbücher für Spanisch auf dem Fensterbrett. Wer denn hier Spanisch lerne, erkundigte sie sich.
»Das bin ich«, sagte Thomas, der gerade zur Tür hereingekommen war. Er hatte allerlei Dinge, die nach Baby-Versorgung aussahen, ins Auto geladen. »Ich hab eine Einladung an die Universität von Buenos Aires, für eine kleine Vortragsreihe. Nächstes Jahr im Mai.«
»Auf Spanisch?«, wunderte sich Charlotte.
»Nein, die Vorträge halte ich natürlich auf Englisch, ich bin ja nicht größenwahnsinnig. Aber ich will auch ein bisschen was von der Stadt sehen, verstehen, was die Leute reden …« Er zuckte mit den Schultern. »Kann nicht schaden, denke ich.«
Charlotte schlug eines der Bücher auf. Es war voller Anmerkungen, bunter Unterstreichungen und so weiter. Er arbeitete also ernsthaft daran. Nun, warum nicht? Er sprach Arabisch, Türkisch und Persisch, da würde ihm Spanisch auch keine Probleme bereiten.
»Und worum wird es gehen?«, fragte sie. »Paläoanthropologie?«
Er grinste. »Natürlich nicht. Da ist in Südamerika ja nicht viel zu holen.« Nach der klassischen Theorie hatten Menschen den südamerikanischen Kontinent zum ersten Mal vor nicht mehr als fünfzehn- bis zwanzigtausend Jahren betreten. »Nein, sie wollen dort jetzt verstärkt die alten indianischen Kulturen erforschen. Es geht um moderne Grabungstechniken.«
»Schön«, meinte Charlotte und widmete sich der Aufgabe, den Zucker in ihrer Kaffeetasse umzurühren.
Er musterte sie von der Seite. »Irre ich mich, oder ist das alles kein Thema mehr für dich? Frühgeschichte abgehakt?«
Sie sah nicht auf. »Im Moment zumindest.«
»Und was machst du stattdessen?«
»Nichts.« Das stimmte, im Grunde tat sie nichts. Sie verbrachte ihre Tage damit, durch Museen und Antiquitätenläden zu streifen, interessierte Männerblicke zu ignorieren, Annäherungsversuche abzuweisen und ansonsten den Alltag zu bewältigen: einkaufen, kochen, essen, schlafen. Sie saß viel in Parks, wenn es das Wetter erlaubte, oder fuhr ganz raus aus der Stadt, irgendwohin, wo es unverbaute Natur gab. Und irgendwie verging die Zeit dabei. Drei Jahre schon, wie nichts. Ab und zu überlegte sie sich, etwas zu arbeiten. Aber was? »Ich versuche, das Leben zu genießen.«
»Das klingt nicht, als ob es gelänge.«
»Kann ja noch kommen.«
Brenda kam herein, den nun hellwachen und zufriedenen Jason auf der Schulter. »Und?«, wollte sie wissen. »Hat Tom dich schon über Buenos Aires ausgefragt? Er will uns hier sitzen lassen, volle sechs Wochen, stell dir vor.«
Charlotte lächelte schmerzlich. Steckte das dahinter? Flüchtete Thomas vor der Familie auf Vortragsreisen, wie ihr Vater in seine Arbeit geflüchtet war? »Buenos Aires … Das ist lange her. Ich weiß nicht, ob noch irgendwas von dem, was ich erzählen könnte, aktuell ist.«
Beim Abendessen erzählte sie dann doch von Buenos Aires. Dass man dort mehr oder weniger ständig von melancholischen Tango-Klängen umgeben lebte und nicht selten Leute in Massen auf öffentlichen Plätzen tanzten, einfach so. Dass die Sommer unerträglich schwül sein konnten und im Haus dauernd irgendetwas kaputt gewesen war, mal der Kühlschrank, mal die Klimaanlage, mal der Wasserboiler oder das Telefon. Dass die Argentinier sehr freundlich waren, aber der Versuchung, Ausländer übers Ohr zu hauen, oft nicht widerstehen konnten. Dass sie dreimal von Taschendieben bestohlen worden war: Einer davon war ein Junge gewesen, kaum älter als sie selbst damals.
Irgendwann gähnte sie derart, dass Brenda meinte: »Okay, jetzt haben wir sie genug ausgefragt. Charlie, du gehörst ins Bett mit deinem Jetlag. Wie viel Stunden warst du unterwegs? Sieben? Acht?«
»Keine Ahnung«, musste Charlotte zugeben. Sie folgte Brenda die Treppe hoch ins Gästezimmer. Hier war sie zum ersten Mal. Bei ihrem letzten Besuch im Hause Wickersham hatte noch die Programmiererin den oberen Stock bewohnt, die immer nur »Guten Tag« gesagt hatte, wenn man ihr begegnete, und sonst nichts.
Es war ein hübsches Zimmer, geschmackvoll in Grün und Weiß eingerichtet. Direkt vor dem Fenster stand ein Baum, dessen Zweige an der Fensterscheibe kratzten. Brenda wünschte ihr eine gute Nacht. Danach zerrte Charlotte ihren Pyjama und ihre Zahnbürste aus dem Koffer, der schon dastand – wer hatte den eigentlich hochgetragen? –, und an mehr erinnerte sie sich nicht, als sie am nächsten Morgen aufwachte.
Das Fenster war hochgeschoben, sie hörte Vögel zwitschern, und es war noch nicht richtig hell. Im Haus herrschte Stille. Wie spät war es? Sie suchte ihre Armbanduhr, fand sie nirgends. Früh jedenfalls. Der Jetlag. Sie war hellwach, würde nicht mehr einschlafen.
Sie setzte sich auf, sah sich um. Versuchsweise legte sie die Hand auf die Holztäfelung hinter ihrem Bett, die alt aussah und bestimmt schon immer hier gewesen war. Sie schloss die Augen, versuchte zu erspüren, was darin an Geschichte gespeichert lag. Sie musste eine ganze Weile still sein und warten, bis sich erste Bilder herausschälten, Erinnerungen, Gefühle. Sie spürte Einsamkeit, Sehnsucht nach jemandem, der wartete, in Chicago. Ein Freund? Ein Ehemann? Nein – eine andere Frau, erkannte Charlotte verblüfft. Die Programmiererin war in eine andere Frau verliebt gewesen. Eine heimliche Affäre? Oder eine unerwiderte Liebe? Sie konnte es nicht erkennen.
Seufzend nahm sie die Hand wieder weg. Es ließ nach. Was sich früher angefühlt hatte wie ein Konzert, war heute nur noch ein fernes Raunen, ein Durcheinander weit entfernter, kaum zu verstehender Stimmen und Gefühle. Als Kind hätte sie die ganze Lebensgeschichte der schweigsamen Frau aus diesen Wänden lesen können – allerdings das meiste davon nicht verstanden. Mit ihrer heutigen Lebenserfahrung war das anders, aber dafür hatte die Kraft ihres geheimnisvollen Sinnes nachgelassen.
Vielleicht, überlegte Charlotte, während sie ihren Koffer aufklappte und das Nötigste in Schubladen und Regalfächer verteilte, war das ein Schutzmechanismus, den sie im Lauf ihres Lebens ausgebildet hatte. Als Kind war ihr diese Flut fremder Gefühle, Erinnerungen und Bilder oft zu viel gewesen. Offen, wie sie war, hatte sich Charlotte zugleich immer verletzlich gefühlt. Diese Leidenschaft, mit der sie Museen, Gedenkstätten und dergleichen aufgesucht hatte! Das war ihr Äquivalent einer Geisterbahnfahrt gewesen. Aber vielleicht war es ihr nicht einfach nur um die besonderen Kicks gegangen. Bestimmt hatte sie auf diese Weise instinktiv versucht zu lernen, mit ihrer Gabe umzugehen.
Sie setzte sich auf ihr Bett, strich mit der Hand über die bestickte Überdecke, spürte die Hingabe, mit der Brenda daran gearbeitet hatte. Brenda, die nun ein Baby hatte. Charlotte versuchte sich an ihre eigene Kleinkinderzeit zu erinnern. Da war fast nichts. Seltsam sei sie gewesen, pflegte ihre Mutter zu erzählen, und was das anbelangte, gab es niemanden in der Verwandtschaft, der ihr widersprach. Charlotte selbst erinnerte sich nur an einzelne Momente, die sie nicht einordnen konnte, die sich merkwürdig zeitlos anfühlten. Tote und Lebende waren zugleich um sie herum gewesen, und oft hatte sie nicht zwischen fremden und eigenen Gedanken unterscheiden können.
Letzten Endes war sie auch deshalb vor drei Jahren aus Boston weggegangen, weil sie schmerzliche Erinnerungen mit diesem Ort verband. Für sie war das gravierender als für die meisten Menschen. Sie hätte es nicht ausgehalten hierzubleiben.
Aber sie konnte doch nicht immer fliehen, wenn ihr etwas Unangenehmes widerfuhr! Irgendwann würde auf diese Weise die ganze Erde für sie unbewohnbar geworden sein, und dann?
Vielleicht war es ein Segen, dass ihre Gabe allmählich versiegte.
Die Tage bis zur Taufe am Sonntag vergingen in beständig anschwellender Geschäftigkeit. Charlotte half in der Küche, beim Dekorieren des Festsaals, bei der Wäsche. Sie genoss es, im Familientrubel aufzugehen. Ständig tauchten neue Gäste auf. Manche sagten nur Hallo, bewunderten das Baby und zogen weiter in ihre Hotels, andere hockten erstmal stundenlang auf der Terrasse und redeten. Die Kaffeemaschine kam nicht zur Ruhe.
Auf dieser Terrasse lernte Charlotte einen gewissen Adrian Cazar kennen, der zusammen mit Brenda an der BU studiert hatte, Klimatologie allerdings. Brenda und er hatten sich in einem Kurs für Webdesign kennengelernt und später gemeinsam eine Website zum Thema globale Erwärmung entwickelt: sie das Design, er die Inhalte.
»Also, der letzte Winter in Paris war unglaublich kalt. Irgendwann hat man gedacht, das mit dem Schnee hört überhaupt nicht mehr auf«, meinte Charlotte, die es gerade juckte, jemanden zu provozieren. »Und im Sommer hab ich auch nur gefroren. Ich weiß nicht, ob das nicht bloß eine Legende ist mit dieser globalen Erwärmung.«
Adrian blieb gelassen. »In Europa funktioniert das anders, wegen des Golfstroms. Wenn der Rest der Welt verschmachtet, kriegt Ihr erst mal eine Eiszeit.«
Er war ein attraktiver dunkler Typ. Er erinnerte sie an einen Filmschauspieler, der in irgendeinem Piratenfilm die ziemlich durchgeknallte Hauptrolle gespielt hatte, dessen Name ihr aber gerade nicht einfiel.
»Eine Eiszeit?« Sie hatte immer noch Lust, ihn zu provozieren. »Ich glaube, du willst dich nur rausreden.«
Adrian grinste, musterte sie aus seinen tiefschwarzen Augen. »Nein, im Ernst: Ein einzelner kalter Winter oder ein einzelner heißer Sommer, das hat nichts zu bedeuten. Solche Auf und Abs hat es schon immer gegeben, und es wird sie auch weiterhin geben. Das Problem ist, dass die Durchschnittswerte ansteigen. Langsam, aber unaufhaltsam. Ernsthaft bemerkbar macht sich das bis jetzt nur in echten klimatischen Extremzonen – am Polarkreis, in den Wüsten, in empfindlichen Trockengebieten. Dort verändert sich die Natur irreversibel.« Ein plötzlicher Windstoß wirbelte eine Handvoll gelbbrauner Blätter auf sie herab, als wolle er Adrians Behauptungen zustimmen.
»Und wir sind daran schuld? Mit unseren Abgasen und so weiter?«
»Möglich«, sagte Adrian. »Unsere Emissionen klimaaktiver Substanzen würden den Anstieg der Temperaturen erklären. Was sie nicht erklären können, ist, warum es auch in der Vergangenheit schon Warmzeiten gegeben hat, lange vor der ersten menschlichen Hochkultur. Deswegen bleibt es umstritten, ob wir wirklich auf das globale Klima Einfluss haben, oder ob wir uns das bloß einbilden.«
Charlotte fiel das Messer auf dem Altar wieder ein, ihr Sturz in den Abgrund der Zeit und diese seltsame innere Gewissheit seither, dass es schon einmal eine Menschheit gegeben haben musste, mindestens eine. Ihre Lust, Adrian zu provozieren, löste sich auf. Sie hörte aufmerksam und ernsthaft zu, während er von seinem Projekt erzählte, eine Expedition zu einer Polarinsel durchzuführen, um die Auswirkungen des Temperaturanstiegs zu studieren.
»Ähnliche Untersuchungen gibt es natürlich schon«, erklärte er. »Aber dabei war immer die Frage, wie sich die bestehende Flora und Fauna verändert, wenn der Frühling eher einsetzt, die Höchsttemperaturen höher liegen und so weiter. Mich dagegen interessiert etwas anderes. Ich würde gern auf eine Insel gehen, die bisher vollständig von Eis bedeckt war, seit Hunderttausenden von Jahren – und die nun infolge der globalen Erwärmung diesen Eisschild verliert. Was geschieht dann? Wie erobert die Natur diesen Lebensraum zurück? Was für Pflanzen, was für Tiere siedeln sich als Erste an? Und so weiter.« Er nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht, weil er inzwischen kalt geworden war. »Das könnte interessante Aufschlüsse darüber geben, was zum Ende der Eiszeiten eigentlich genau passiert ist.«
»Klingt faszinierend«, meinte Charlotte und hatte plötzlich Lust, endlich auch einmal an einer Expedition teilzunehmen. Hatte sie das nicht von Anfang an gewollt? Stattdessen hatte sie die Jahre in Harvard in staubigen Seminarräumen zugebracht. »Wann geht es los?«
Adrian lachte wehmütig auf. »Oje! Du glaubst nicht, was für so eine Expedition an Vorbereitungen nötig ist. Unglaublich. Endlose Gespräche mit Geldgebern, Berge von Papierkram, tausend fruchtlose Telefonate … Bis jetzt weiß ich noch nicht einmal, welche Inseln überhaupt infrage kommen.«
»Falls du eine Paläoanthropologin dabeihaben willst … okay, eine Beinahe-Paläoanthropologin«, sagte Charlotte, »dann gib mir einfach Bescheid.«
Er wirkte, als zöge er das ernsthaft in Erwägung. »Du kannst mir ja mal deine E-Mail-Adresse geben«, schlug er vor.
Brenda brachte Charlotte am Tag nach der Taufe zum Flughafen, allein diesmal. Nur sie beide, zwei alte Freundinnen. Leichter Nebel lag in der Luft, aber den Flugzeugen schien das nichts auszumachen.
Charlotte dagegen schon. Bei Nebel in Boston musste sie immer an Hiroshi denken.
»Machst du dir keine Sorgen, wenn Thomas nach Buenos Aires geht?«, fragte sie Brenda.
Die lachte nur. »Ach was. Ich necke ihn nur ein bisschen. Aber er hat so lange als Junggeselle gelebt, er muss ab und zu das Gefühl haben, dass er trotz Ehe und Kind noch ein freier Mensch ist.«
Es war viel los. Eine Durchsage, ein Mr Schwartzing möge sich am Informationsschalter melden, wurde unablässig wiederholt.
»Aber sechs Wochen? Das ist eine lange Zeit.«
»Klar. Da kann er dann merken, wie gut er es bei mir hat. Abgesehen davon ist es …« Brenda erschrak wegen irgendetwas, packte sie unvermittelt am Arm, zog an ihr. »Komm! Lass uns ein Stück weitergehen.«
Aber es war zu spät, Charlotte hatte die Zeitschrift schon gesehen. Sie klemmte in fünffacher Ausfertigung im Auslagenständer des Kiosks, vor dem sie standen.
Und sie zeigte James auf der Titelseite.
James, wie er von Polizisten aus einem Gebäude geführt wurde.
»Mon dieu«, murmelte Charlotte. Wie in Trance trat sie an den Stand, zog eines der Hefte heraus, schlug es auf. James in Handschellen. Seine Frau Terry mit blauem Auge, Wut im Gesicht und ihrem Anwalt an der Seite.
Brenda seufzte. »Ich hatte so gehofft, dass du nichts davon mitkriegst«, gestand sie. »Ich hab die ganze Familie gebeten, das Thema zu meiden, alle Zeitschriften im Haus weggeworfen …«
»Was ist da los?«, fragte Charlotte wie betäubt. Sie blätterte den Rest des Heftes durch. Es schien sich um ein Bostoner Stadtmagazin zu handeln: Veranstaltungshinweise, Werbung von Restaurants und Diskotheken und ein paar Berichte über den Bostoner Jet-Set.
»Na, was wohl. Seine Ehe mit dieser Terry Miller war ein Griff ins Klo. Die beiden sind jetzt, na, zwei Jahre verheiratet, und seit anderthalb Jahren liefern sie sich einen Rosenkrieg, über den sich die ganze Stadt amüsiert.«
»Meine Güte …« Charlotte betrachtete das Foto aus der Nähe. Wie verlebt er aussah! Aufgedunsen, vorzeitig gealtert. Unglücklich.
Brenda legte den Arm um sie. »Du bist nicht schuld, Charlie. Du bist absolut nicht schuld. Es ist das Geld, das ihn verdorben hat, nichts sonst. Das viele Geld.«
In Moskau schneite es erstaunlicherweise nicht, es regnete nur, und das in Strömen. »Das ist der Klimawandel«, erklärte ihre Mutter, die Charlotte am Flughafen abholte und ihr mithilfe ihres Diplomatenpasses die aufwendige Einreisekontrolle ersparte. »Davon redet gerade jeder. In Sibirien schmelzen Böden, die seit Jahrhunderten gefroren gewesen sind, und alles, was darauf gebaut worden ist, versinkt im Schlamm – Pipelines, Straßen, Häuser. Ein Riesenproblem.« Sie zog die Kapuze ihres Mantels über den Kopf, als sie das Gebäude verließen. »Mich nervt der Regen inzwischen einfach nur. Du wärst besser schon im Sommer gekommen.«
»Aber du hast nun mal im November Geburtstag«, meinte Charlotte.
»Deswegen hättest du ja trotzdem im Sommer kommen können.«
Charlotte hob die Augenbrauen. »So gut gefällt mir Moskau nun auch wieder nicht.« Sie fand den Regen gar nicht so schlimm. Bis jetzt jedenfalls. Mal was anderes.
»Wir haben übrigens noch mehr Besuch aus Frankreich«, erzählte Mutter, während sie über die M-10 vom Sheremetjewo-Flughafen Richtung Moskauer Innenstadt rollten. »Ein Cousin dritten Grades von dir, André Faucault. Er ist der Sohn von Pierre Faucault, der wiederum der Sohn von Marie-Claire Baratte ist, die … warte … die Tochter der Schwester deines Urgroßvaters väterlicherseits ist. Genau.«
»André Faucault?« Charlotte überlegte. Das klang wieder verdächtig nach einem von Mutters Verkuppelungsversuchen. »Ich kenn den aber nicht, oder?«
»Du hast ihn mal getroffen. Bei der Hochzeit von Tante Sophie.«
Charlotte ächzte. »Maman! Da war ich fünf!«
»Genau. Und André muss sieben gewesen sein.« Sie war kaum zu bremsen in ihrer Begeisterung für diesen André. »Er studiert in Strasbourg an der ENA. Wie es aussieht, hat er glänzende Aussichten auf eine Stelle im Conseil d’État; er ist einer der Besten seines Jahrgangs. Und er ist so sympathisch, man glaubt es kaum.«
»Oh, ich glaub dir aufs Wort«, meinte Charlotte.
»Ich bin sicher, ihr werdet euch hervorragend verstehen«, schloss Mutter zufrieden.
Wie sich herausstellte, würden sie sich jedenfalls nie streiten – und zwar, weil sie beim besten Willen keinen Grund dazu gefunden hätten. André, ein adretter junger Mann mit ausgeprägtem Adamsapfel und den Manieren eines Offiziersanwärters, redete am liebsten von seinem Studium und von diffizilen Rechtsfällen. Wenn Charlotte etwas sagte, hörte er aufmerksam zu und gab ihr dann in allem recht. Sie hätte ihm sagen können, dass sie sich unter einem Gespräch etwas anderes vorstellte, aber er machte nicht den Eindruck, als ob er das verstanden hätte.
Abgesehen davon verlief das Geburtstagsfest harmonisch. Sogar Vater nahm sich an diesem Tag alle Zeit der Welt, wirkte, als kenne er so etwas wie wichtige Termine und unaufschiebbare Verpflichtungen überhaupt nicht.
Am nächsten Tag waren sie zu einer Vernissage eingeladen, eine Ausstellung junger französischer Künstler, die nach Ansicht der Organisatoren das 21. Jahrhundert repräsentierten. Charlottes Vater hatte die Schirmherrschaft übernommen, also mussten sie alle mit und sich seine Rede anhören. Nach ihm würde der russische Staatssekretär für Kulturaustausch sprechen. Alles war höchst politisch; die Künstler standen verunsichert am Rand und sahen so unwichtig aus, wie sie tatsächlich waren.
Bei dem russischen Staatssekretär handelte es sich zu Charlottes Überraschung um niemand anderen als um Michail Jegorow, den ehemaligen Gesandten in Tokio. »Michail Andrejewitsch!«, sprach sie ihn an, nachdem die Reden überstanden waren und das Büffet eröffnet wurde. »Erkennen Sie mich noch?«
Das tat er. »Charlotte? Aber ja! Ich habe mich schon vorhin gefragt, ist das nicht die bezaubernde Tochter meines alten Freundes Jean? Und – sie ist es!« Er deutete eine Verbeugung an. »Und Sie sprechen mittlerweile hervorragend Russisch, stelle ich fest.«
»Ein wenig«, schränkte Charlotte ein. Inzwischen fiel es ihr nicht mehr so leicht, eine neue Sprache zu lernen, wie als Kind.
»Ihr kennt euch?«, wunderte sich Vater, der mit zwei Gläsern Champagner ankam.
»Von einem Empfang in Tokio«, sagte Charlotte, ins Französische wechselnd. Sie sah Jegorow an. »Sie haben damals gerade von einer Teufelsinsel gesprochen, wenn ich mich recht entsinne.«
Jegorow runzelte nachdenklich die Stirn. »Ah, oui. C’est vrai .« Er richtete den Zeigefinger auf Charlottes Vater. »Ich hatte Ihnen gerade von meinen Großeltern erzählt, als Ihre Tochter dazukam und … Es ging auch um eine Insel, nicht wahr?«
Charlotte nickte. »›Die Insel der Heiligen‹. Ein Shinto-Schrein.«
Vater lächelte verlegen, er erinnerte sich offenbar nicht. Er drückte Jegorow das eine und Charlotte das andere Champagnerglas in die Hand. »Ich hole mir noch eins.« Damit verschwand er wieder im Gewühl.
Jegorow prostete Charlotte zu. »Mein Großvater war an der Küste stationiert. Basis Amderma, südlich von Nowaja Semlja, dem Atombomben-Testgelände. Am Ende der Welt, mit anderen Worten. Er hat Tupolew-Abfangjäger geflogen und darauf gewartet, dass uns die böse NATO überfällt. Ich durfte ihn einmal dort besuchen – da war er allerdings schon kein aktiver Kampfpilot mehr, sondern Ausbilder. Was für ein öder Ort! Ich erinnere mich an kahle Felsen, an Eis und raue See und daran, dass nirgends etwas wuchs. Da oben ist arktische Tundra! Es war verflucht kalt, es stürmte, und die Unterkünfte waren praktisch nicht isoliert. Die Startbahn war eine bessere Steinpiste. Die Soldaten haben Flechten von den Felsen gekratzt, getrocknet und geraucht, wenn sie keinen Tabak hatten.« Er lachte. »Die glorreichen sowjetischen Streitkräfte waren eindeutig kein Platz für Weichlinge.«
»Schauerlich«, meinte Charlotte. Sie betrachtete den ehemaligen Gesandten. Alt war er geworden. Die buschigen Augenbrauen schimmerten grau, fast weiß, und er sah mager aus.
Er nickte versonnen, versunken in Erinnerungen. »Ja, schauerlich. Und ich war im Sommer dort! Wie es im Winter zuging, kann ich mir bis heute nicht vorstellen.« Er nippte an seinem Glas. »Manchmal ist es kaum zu glauben, wo Menschen sich überall niederlassen. Überall. Wenn wir so weit kommen sollten, Raumschiffe zu den Sternen zu bauen, dann sag ich Ihnen eines, Charlotte, dann wird sich das Universum in Acht nehmen müssen. Wir Menschen gehen überall hin, und wir bleiben überall …«
Charlotte musste schmunzeln. »Sie sind ein Philosoph, Michail Andrejewitsch.«
Er winkte ab, obwohl es ihm sichtlich gefiel. »Mein Großvater war ein schweigsamer Mensch, aber man hat gespürt, dass er viel nachdachte. Ihn hat so schnell nichts erschüttert. Egal, um was es ging, er hatte immer die Ruhe weg. Außer wenn die Rede auf die Insel Saradkov kam. Die Teufelsinsel.«
»Klingt richtig unheimlich.«
»Er musste einmal dort notlanden, wegen eines Schadens an seiner Turbine. Schwierig genug mit einem Düsenjet, aber er muss dabei außerdem etwas erlebt haben, das ihn zu Tode erschreckt hat. Ich weiß nicht, was, viel mehr hat er nie darüber erzählt, aber er war nicht der Einzige. Eine Menge Seeleute, die die arktische See befahren, schwören heilige Eide, dass es auf dieser Insel nicht mit rechten Dingen zugeht. Dass ein Fluch auf der Insel liegt. Der Teufel selbst schläft dort, haben sie gesagt, im Eis begraben.« Jegorow blickte nachdenklich in sein Glas, in den Strom feiner, aufsteigender Perlen. »Interessanterweise gibt es eine alte sibirische Volkssage, wonach einst ein verheerender Krieg zwischen dem Himmel und den Menschen stattfand, so lange, bis eines Tages der Anführer der himmlischen Heerscharen, ein schwarzer Engel, herabstürzte und vom Eis verschlungen wurde. Sollte das Eis je schmelzen, so die Legende, wird der schwarze Engel wieder erwachen und der Krieg von Neuem entbrennen – und deshalb herrscht in diesem Teil der Welt ewige Kälte. Weil der Winter den Menschen zu Hilfe gekommen ist.« Er hob die Schultern. »Eine Geschichte, die die Menschen mit ihrem Schicksal und der ständigen Kälte versöhnen soll, nehme ich an. Sie ist schon so alt, dass die Leute sie gewissermaßen in den Genen verankert tragen.«
»Kein Wunder, dass sie sich ängstigen«, meinte Charlotte.
Jegorow warf prüfende Blicke umher, als fürchte er, belauscht zu werden. Dann beugte er sich zu ihr und fuhr halblaut und auf Französisch fort: »Aber soll ich Ihnen etwas wirklich Unheimliches verraten? Ein Freund, der bei der Weltraumbehörde arbeitet, hat mir Satellitenbilder der Insel Saradkov gezeigt, die vor Kurzem aufgenommen worden sind, mit Radar und was weiß ich. Jedenfalls: Diese Bilder zeigen, dass dort tatsächlich irgendetwas im Eis steckt. Gut, vermutlich kein schwarzer Engel, sondern ein Meteorit aus Eisen ou quelque chose comme ça . Aber da ist etwas, und es ruht mitten im ewigen Eis. Wobei – so ewig ist das Eis nicht mehr. Es ist gerade dabei zu schmelzen. Unheimlich, oder? Man darf gespannt sein, was zum Vorschein kommt.«
In diesem Moment tauchte Charlottes Vater wieder auf, und es war deutlich zu spüren, dass Jegorow das Thema in seiner Gegenwart nicht weiter vertiefen wollte. Vater hielt ein Glas in der einen und einen Teller mit Häppchen vom Büffet in der anderen Hand und meinte: »Ihr solltet euch beeilen. Französische Künstler scheinen auch im 21. Jahrhundert an Hunger zu leiden.«
An diesem Abend klappte Charlotte ihren Laptop auf und schrieb eine Mail an Adrian Cazar. Falls er noch immer eine Insel suche, auf die seine Kriterien zuträfen, solle er doch einmal sein Augenmerk auf das Saradkov-Eiland im russischen Polarmeer richten.
Am nächsten Tag reiste André ab; sein Studium erlaubte ihm nur kurze Abwesenheiten. Es war schwer zu erraten, ob er enttäuscht von ihrer Begegnung war; er ließ es Charlotte gegenüber keinen Moment an Höflichkeit mangeln und wirkte unverändert zu alt für sein Alter.
Dass Mutter enttäuscht war, daran hingegen gab es keinen Zweifel. »Eins muss dir klar sein, Charlotte«, erklärte sie ihrer Tochter auf dem Rückweg vom Flughafen spitzlippig, »es gibt für uns Frauen so etwas wie ein Verfallsdatum. Davor schützt auch Schönheit nicht. Jede Schönheit verblüht.«
»Ich verfalle lieber, als mich zu langweilen«, erwiderte Charlotte genervt und dachte an Brenda. Die hatte es richtig gemacht. Man konnte sagen, was man wollte, sie hatte es einfach richtig gemacht.
Den Rest der Fahrt über schwieg Mutter. Doch es war kein Schweigen, das Resignation bedeutete, das wusste Charlotte. Es bedeutete nur, dass sie sich neue Argumente zurechtlegte.
Also sah sie zu, dass sie aus dem Haus kam. Ohne große Diskussionen, nur tschüss und weg, als der Regen gerade pausierte.
Was machte es schon, dass es regnete, wenn man in der Metro sitzen und fahren konnte, solange man wollte? Die Moskauer Metro war an sich schon eine Sehenswürdigkeit. Charlotte fuhr die schier endlosen Rolltreppen hinab oder hinauf, bestaunte die verspielten, verzierten, aufwendig geschmückten Wartebereiche, ließ sich mit dem Strom der eilenden, grimmig dreinblickenden, lachenden, diskutierenden, gelangweilten, nachdenklichen Passagiere treiben. Gelegentlich musste sie nach dem Weg fragen, denn die kyrillische Schrift bereitete ihr immer noch Probleme. Sprachen waren für sie eher eine Sache des Klangs, des Gehörs.
Ab und zu stieg sie an die Oberfläche. Sie wanderte unbekannte Straßen entlang, betrachtete alte, verfallende und neu errichtete Häuser. Sie wurde einen 50-Rubel-Schein an einen Schnorrer in einem fadenscheinigen grau-weiß-melierten Mantel los, bestaunte die Werke eines Straßenmalers, der, nur durch eine schlichte Plastikplane gegen den Regen geschützt, unverdrossen seiner Arbeit nachging, wich einem wütend kläffenden Hund aus, hing ihren Gedanken nach.
Bei einer dieser Exkursionen ans Tageslicht fing es so unvermittelt an zu schütten, dass ihr nur die Flucht in das nächste Geschäft blieb. Das Öffnen der Tür betätigte ein schepperndes Glockenspiel, und dann stand sie da, mit nassen Hosenbeinen, und versuchte zu Atem zu kommen, während der Regen gegen die Scheibe prasselte und die Welt draußen verschwimmen ließ. Verwaschene Lichter glitten vorüber: Autos, die sehr, sehr langsam fuhren.
Sie sah sich um. Es war ein Antiquitätengeschäft. Alte Möbel, Ölgemälde in kolossalen Rahmen, ausgebleichte Spitzendecken, geschliffenes Glas. Bücher. Geschirr aus massivem Silber. Geschichte wehte sie an. Sie spürte Ängste, Trauer, die Not, aus der heraus viele Gegenstände verkauft worden waren.
Erst nach einer Weile drang ihr ins Bewusstsein, dass weiter hinten im Laden gesprochen wurde. Sie hörte jemanden auf Russisch radebrechen, mit englischem Akzent.
Sie ging den Stimmen nach. In einem angrenzenden Raum voller Musikinstrumente standen ein älterer, verkniffen dreinblickender Mann – offensichtlich der Inhaber des Ladens – und ein anderer mit wilder Lockenmähne, der ihr den Rücken zukehrte und, so kam es Charlotte auf den ersten Blick vor, den gleichen grau-weiß-melierten Mantel trug wie der Bettler vorhin.
»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte sie auf Englisch.
Er fuhr herum. Sie sah in ein strahlendes, pausbäckiges Engelsgesicht voller Sommersprossen, in kornblumenblaue Augen. »Bitte?«, fragte der weiche Mund mit den geschwungenen Lippen. »Oh, sprechen Sie etwa Russisch?«
»Einigermaßen.« Charlotte sah, dass der Mann ein Lexikon in der Hand hielt. »Worum geht es denn?«
Er deutete auf das klavierähnliche Instrument, vor dem er stand. »Ich versuche ihm klarzumachen, dass ich ein Dokument brauche, das belegt, dass dieses Cembalo tatsächlich 1741 von Christian Zell gebaut wurde. Ich kann es nur kaufen, wenn es ein Original ist.« Er seufzte. »Er fängt immer wieder von dem Klang an und dass er mir auch Noten dazu verkaufen kann, aber das interessiert mich nicht. Und von wegen Klang … Es ist total verstimmt; man müsste es dringend reparieren!«
Charlotte betrachtete das Cembalo. Es war geformt wie ein Flügel, aber viel kleiner, und es wirkte sehr schlicht, aus einfachem Holz gebaut, dunkelbraun lackiert und mit einem dünnen Strich Goldfarbe verziert.
Sie legte die Hand darauf. Auf einmal war es wieder ganz leicht. »Es stimmt nicht, was er Ihnen gesagt hat«, erklärte sie. »Das Instrument ist erst um etwa 1960 herum gebaut worden.«
Er stutzte. »Sind Sie sicher?«
»Ja. Es war damals schon als Fälschung gedacht.«
Auf einmal verstand der Antiquitätenhändler Englisch durchaus. Er lief rot an und begann zu schimpfen, dass es nur so eine Art hatte. Charlotte wich zurück. Der junge Mann mit den wilden Locken fasste sie am Arm und sagte: »Kommen Sie, wir gehen!« Damit flüchteten sie hinaus in den strömenden Regen, rannten durch Pfützen und Rinnsale, als sei der Händler immer noch hinter ihnen her, mit einem alten Vorderlader womöglich, und mussten die ganze Zeit lachen.
»Da vorne an der Ecke ist ein McDonald’s«, meinte der Mann, der Anfang dreißig sein mochte. »Darf ich Sie zu einem schlechten Kaffee einladen?«
Das Schnellrestaurant war überfüllt; es blieb ihnen nur ein Stehplatz an einer Theke. Der Mann im grau-weiß-melierten Mantel hieß Gary McGray und stammte aus Schottland, aus der Nähe von Aberdeen. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, in aller Welt nach alten Tasteninstrumenten zu suchen – mit Vorliebe nach Cembali –, sie zu kaufen, zu restaurieren und anschließend an Sammler, Museen und Musiker weiterzuverkaufen. Sein größtes Problem – abgesehen davon, dass diese Tätigkeit, wenn man sie mit der solch alten Kleinoden zustehenden Sorgfalt und Hingabe betrieb, nicht viel einbrachte – waren Fälschungen. Wenn ihm jemand für viel Geld ein Instrument andrehte, das sich als Nachbau entpuppte, brachte das Gary jedes Mal an den Rand des finanziellen Ruins, weil er es für weniger Geld weiterverkaufen musste, als er selber dafür bezahlt hatte.
Sie redeten stundenlang. Der Rest des Tages verging an dieser Theke, und er verging schnell. Als Charlotte an diesem Abend in das Haus ihrer Eltern zurückkehrte, verkündete sie ihnen: »Ich habe mich verliebt!«
Offenbar war es immer die gleiche Prozedur: Wenn ein neuer Direktor die Leitung der Behörde übernahm, ließ er erst einmal der Reihe nach alle Bereichsleiter antanzen, um sich berichten zu lassen. War irgendwie logisch. Logisch auch, dass solche Termine nicht auf die Minute einzuhalten waren – wenn der neue Direktor Fragen hatte, wollten die beantwortet sein. So kam es, dass er, William Hughes Adamson, seit über einer Stunde im Vorzimmer wartete, eine dicke Ledermappe mit dem Laptop und sonstigen Unterlagen auf dem Schoß, und nichts anderes tun konnte, als Löcher in die gegenüberliegende Wand zu starren.
Es mochte seinen logischen Grund haben, aber deswegen musste es ihm nicht gefallen. Und es gefiel ihm auch nicht.
Endlich summte die Sprechanlage auf dem Schreibtisch der Sekretärin. »Ja, Mrs Jacobs«, sagte diese, ließ dann den Knopf los und lächelte sehr sparsam in seine Richtung. »Sie erwartet sie jetzt, Mr Adamson.«
Er warf noch einmal einen Blick auf die Uhr. Eine Stunde und elf Minuten zu spät.
Das Büro des Direktors der DARPA, der Forschungsbehörde des Verteidigungsministeriums, war von stattlicher Größe und repräsentativ eingerichtet. Adamson kannte es. Man genoss von hier oben eine ungewöhnliche Aussicht über Arlington, falls man dem damit verbundenen Anblick Genuss abzugewinnen vermochte, und vor allem auf einen enormen, braunen Wohnblock direkt gegenüber. Dort stand gerade jemand auf einem der etwa hundert Balkons und goss Blumen, die übrigen Balkons schienen alle leer.
Roberta Jacobs, die erste Frau an der Spitze der DARPA, wirkte in der persönlichen Begegnung genauso jung wie auf den Fotos, die kursierten. Trotzdem war man unwillkürlich beeindruckt: So jung! Und vor allem: So weiblich!
Sie sah gut aus. Adamson hätte nicht gezögert zuzugeben: beinahe sexy. Ihr mahagonibraunes Haar in jugendlichem Pagenschnitt wippte, als sie ihm die Hand schüttelte. Ihre schlanke Hand bot ihm an: einen Sessel, einen Kaffee, einen Videoanschluss für seinen Rechner. Und ihre lebhaften, durchdringend hellblauen Augen – das Beeindruckendste an ihr – folgten jeder seiner Bewegungen, als er sich zuerst des Videoanschlusses bemächtigte.
Die Präsentation hätte er im Schlaf halten können, Vorbereitung hatte nur die Auswahl der Diagramme, Fotos und Filmsequenzen benötigt. Er umriss die Grundzüge des Future Combat Systems in aller Kürze; er ging davon aus, dass sie damit vertraut war. Er zeigte ein paar streng geheime Aufnahmen von Weiterentwicklungen der Big-Dog-Roboter, Maschinen auf vier Beinen, deren Bewegungsmodell Hunden abgeschaut war, und widmete sich dann dem Projektbereich Autonome Kampfroboter.
Er erläuterte den Stand der Dinge beim Urban Ops Hopper, einem Roboter, der sich hüpfend fortbewegte und dadurch imstande war, Hindernisse zu überwinden, die größer waren als er selbst. Diese Maschinen sollten einst Lasten an vorgegebene Zielorte in umkämpften Ballungsgebieten transportieren, Nachschub für kämpfende Einheiten beispielsweise. Dazu konnte er einen hübschen kleinen Film zeigen: Man sah eine in einer Halle einbeinig auf und ab hüpfende Maschine, was an sich schon zum Lachen reizte, und Männer in weißen Kitteln, die diese Maschine mit allem Möglichen bewarfen – Kartons, Holzbalken, Steinen, Sandsäcken und so weiter –, um sie aus dem Konzept zu bringen. Vergeblich.
»Sieht gut aus«, meinte die Direktorin. »Woran hakt es?«
Adamson beendete den Film. »An der Orientierung. Die Rechner, die die Stöße seiner Sprünge aushalten, sind noch nicht leistungsfähig genug, um ihn in einer einigermaßen komplexen Umgebung bis ans Ziel zu dirigieren.«
Er berichtete über den Stand beim EATR, dem energetisch autonomen taktischen Roboter. Diese Maschine sollte imstande sein, beliebige Biomasse in Treibstoff umzuwandeln – gewissermaßen zu fressen –, um prinzipiell beliebig lange im Einsatz bleiben zu können. Er berichtete über die Entwicklung insektengroßer Roboter zu Erkundungszwecken. Er berichtete über das noch sehr theoretische Konzept chemischer Roboter –
»Das interessiert mich«, sagte Roberta Jacobs. »Was genau ist das?«
Adamson räusperte sich. Sie hatte die Arme unter ihren nicht unbeträchtlichen Brüsten verschränkt und musterte ihn aufmerksam. Das Kostüm, das sie trug, war dunkelblau, ein gewagter Kontrast zu ihren Haaren, aber es stand ihr. Wie gesagt: Sie sah gut aus. Man hätte sie für eine erfolgreiche Hoteldirektorin oder etwas Ähnliches halten können. Dass sie stattdessen die geheimste Waffenschmiede der mächtigsten Nation der Welt befehligte, war entschieden gewöhnungsbedürftig.
»Wir nennen sie ChemBots«, erklärte Adamson. »Das Ziel ist, eine ganz neue Art von Maschinen zu entwickeln – weiche, flexible Objekte, die durch Öffnungen manövrieren können, die kleiner sind als sie selbst. Sie sollen danach ihre Form und Funktionsfähigkeit wiederherstellen und vorgegebene Operationen ausführen.«
Er rief Diagramme auf, die den Umfang des Programms darstellten. »Es geht darum, eine Verbindung zwischen Robotik und Werkstoffchemie herzustellen«, erläuterte er. »Momentan laufen Forschungsarbeiten zu den Übergängen zwischen Gel und festem Zustand, zum Verformungs- und Fließverhalten von Materie generell sowie unter magnetischem oder elektrischem Einfluss, zu geometrischen Transitionen, reversiblen chemischen oder kolloidalen Assoziationen und Dissoziationen –«
»Dazu hätte ich gerne den aktuellen Budgetplan und eine genaue Aufstellung der bisherigen Ergebnisse«, unterbrach sie ihn.
»Haben Sie morgen früh auf dem Tisch«, erklärte Adamson. Er brauchte die Daten nur abzurufen und auszudrucken, aber wenn man es so formulierte, klang es beeindruckender. Das war einer der ersten Tricks, die er gelernt hatte, nachdem er frisch vom MIT gekommen war.
»Gut. Dann danke ich Ihnen für heute«, sagte sie. »Tut mir leid, dass es um so vieles später geworden ist.«
»Kein Problem«, erwiderte Adamson und schaltete seinen Rechner aus. Während er ihn vom Beamer abstöpselte, fügte er hinzu: »Ich würde bei der Gelegenheit gern eine Empfehlung aussprechen, wenn Sie gestatten. Es geht um eine, hmm, Personalie im weitesten Sinne. Die Sache betrifft einen ehemaligen Kommilitonen am MIT, einen gewissen Hiroshi Kato.«
Ihre hellblauen Augen schienen von Röntgen- auf Kälteblick umzuschalten. »Man hat mich gewarnt, dass Sie dieses Thema anschneiden würden. Es heißt, Sie seien quasi besessen davon.«
Adamson stopfte gleichmütig die Kabel in die Laptop-Tasche. »Ich weiß, dass man Sie vorgewarnt hat. Kannten Sie Dr. Blackwell?« Simon Blackwell war der Vorgänger ihres Vorgängers und im Amt gewesen, als Adamson zur DARPA gekommen war.
Sie neigte nur den Kopf, sagte aber nichts.
»Wir haben uns nicht verstanden«, bekannte Adamson. Er war in Besprechungen zu ungestüm aufgetreten, und Blackwell hatte sich dadurch infrage gestellt gefühlt. »Und Dr. Blackwell konnte ziemlich nachtragend sein.« Was wahrscheinlich der Grund gewesen war, dass er mit knapp sechzig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, hier in diesem Büro.
Roberta Jacobs lehnte sich vor, legte die gefalteten Hände vor sich auf den Schreibtisch. »Sie haben fünf Minuten.«
»Okay.« Adamson zog die Akte aus seiner Ledertasche, holte ein Blatt heraus und legte es ihr hin. »Das ist er. Hiroshi Kato. Müsste heute so um die, na, siebenundzwanzig Jahre alt sein. Mutter Japanerin, Vater Amerikaner; er hat die japanische Staatsangehörigkeit. Er hat mit mir zusammen am MIT studiert, ein paar Jahrgänge unter mir, und in der Zeit eine Reihe äußerst beachtlicher Aufsätze veröffentlicht. Vor nicht ganz fünf Jahren hat er sein Studium abgebrochen, von heute auf morgen, und ist seither spurlos verschwunden.«
Jacobs betrachtete das Blatt, das Bild darauf. Es stammte aus dem Jahrbuch des MIT. »Reden Sie weiter.«
Adamson setzte sich. »Mrs Jacobs«, sagte er, »ich wäre nicht hier, wenn ich nicht das Potenzial von Leuten einschätzen könnte. Hiroshi Kato ist, was Robotik anbelangt, ein Genie. Leider ist er aber auch ein extremer Einzelgänger. Ich bin seinerzeit auf ihn zugegangen, habe versucht, ihn zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, zur Mitarbeit an dem Strategiepapier Roboter 21, das Sie sicher kennen …«
»Adamsons Robotergesetze.« Die Direktorin nickte.
Er lächelte geschmeichelt. »Nun, das ist etwas übertrieben. Keine Ahnung, wie sich dieser Begriff eingebürgert hat …«
Natürlich wusste er es ganz genau. Er hatte sich ziemlich ins Zeug legen müssen. Ein Lehrbeispiel für gelungene Selbstpromotion, in aller Bescheidenheit.
»Was Kato anbelangt«, fuhr er fort, »war nichts zu machen. Ich habe sogar –« Er zögerte. »Kurz nachdem Kato mich brüsk abgewiesen hat, wurde ich zum Gutachter für sein Studienprojekt berufen. Ich hielt es damals für angebracht zu empfehlen, es abzulehnen. Nicht aus sachlichen Gründen, sondern weil ich gehofft habe, ihm danach sozusagen einen Deal anbieten zu können. Ich wollte ihn aus diesem Einzelkämpfertum herausholen, verstehen Sie? Zugegeben, moralisch war das etwas fragwürdig, aber ich hielt es durch die gute Absicht für gerechtfertigt … Leider ist er quasi am selben Tag verschwunden. Und mir gefällt der Gedanke nicht, dass er seither für eine fremde Macht tätig sein könnte.«
Mrs Jacobs studierte das Blatt, auf dem er zusammengetragen hatte, was er über Hiroshi Kato in Erfahrung hatte bringen können. »Was schlagen Sie vor?«, wollte sie wissen.
»Nach ihm suchen zu lassen. Und ihn dazu zu bringen, für die Vereinigten Staaten zu arbeiten.« Sie ging doch regelmäßig mit dem CIA-Chef mittagessen. Es kostete sie nur ein paar Worte und ein Lächeln.
Ihr Gesicht verriet nicht, was sie davon hielt. »Ich werde darüber nachdenken«, erklärte sie schließlich und stand auf. Klares Zeichen, dass seine fünf Minuten um waren.
»Danke«, sagte Bill Adamson. Immerhin. Fünf Minuten mehr, als ihm ihr Vorgänger eingeräumt hatte.
Zurück in seinem Büro ging er die Mappe Hiroshi Kato noch einmal durch. Wie oft hatte er diese Papiere schon betrachtet? Vielleicht hatten die, die behaupteten, er sei von dem Japaner wie besessen, gar nicht so unrecht.
Und wenn schon? Alle großen Männer in der Geschichte waren auf ihre Art Besessene gewesen. Anders erreichte man nichts. Ohne Besessenheit reichte es nur für ein gewöhnliches Leben.
Da, Hiroshis Projektantrag. Und der Antrag auf Erweiterung. Wenn er die Beschreibungen las und Hiroshis Begründungen dazu, war ihm sonnenklar, dass er hier nur einen Ausschnitt aus einem Puzzle vor sich hatte, von dem er nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wie es in Gänze aussah.
Aber er hätte es gerne gewusst! Und er hätte jeden Betrag darauf verwettet, dass Hiroshi mit diesem Studienprojekt nur Vorarbeiten für etwas Größeres, etwas wahrhaft Atemberaubendes hatte leisten wollen. Doch was? Das war es, was Bill Adamson wissen wollte, mehr als alles andere auf der Welt.
Und er würde es herausfinden. Eines Tages würde er das ganze Bild sehen, koste es, was es wolle.
Gary war romantisch, zärtlich, verrückt. Er weinte vor Glück, als er sie das erste Mal nackt sah. Er schwor, sie auf Händen zu tragen, solange er atme, und vergaß sich selbst beim Sex auf eine Weise, wie Charlotte es noch bei keinem Mann erlebt hatte. Sie liebten sich, sie lachten, sie konnten nicht genug voneinander bekommen. Mit einem Schlag war die Welt verwandelt, ihr Leben wie neu begonnen. Es war, als sei alles bis dahin Geschehene nur Vorbereitung gewesen.
Charlottes Gabe war so stark wie nie zuvor. In manchen Momenten war ihr, als spiele die Distanz zu den Dingen gar keine Rolle mehr, als könne sie die Geschichte der Welt lesen wie ein offenes Buch. Diesem Gefühl folgend verließen sie Moskau, reisten nach Warschau und schließlich nach Berlin, wo sie ein Pleyel-Cembalo aus dem Besitz der legendären polnischen Cembalistin Wanda Landowska aufspürten, das seit deren Vertreibung 1940 als verschollen gegolten hatte: ein Sensationsfund, der Gary in die Schlagzeilen brachte.
So kamen sie in Aberdeen an und endlich in Belcairn, einem winzigen Ort nördlich davon. Hier bewohnte Gary ein Gebäude im alten Teil der Siedlung, das aus einer kleinen Wohnung, einer riesigen Werkstatt und einem total verwilderten Garten bestand. Die Zimmer hatten niedrige Decken und niedliche Fenster, alles war schief und krumm und schwer zu heizen: Charlotte war entzückt.
Während Gary den Tag über wie eh und je in der Werkstatt arbeitete, richtete sie die Wohnräume her. Was bis dahin eine lieblose, ungepflegte Junggesellenbude gewesen war, verwandelte sich durch gründliche Reinigung, frische Anstriche, Vorhänge, Pflanzen, neues Geschirr, neue Bettwäsche und Kleiderschränke anstelle der bisherigen Metallregale in ein wohnliches Zuhause. Als der lange Winter überstanden war, machte sie sich an den Garten.
Und ab und zu gingen sie gemeinsam auf Beutezug.
Gary betrieb eine Website zum Thema Restauration von historischen Tasteninstrumenten. Über sie erhielt er nicht nur fast alle seiner Aufträge, sondern auch Hinweise, wo in der Welt ein außergewöhnliches Instrument aufzufinden sein mochte. Wenn sie dann losfuhren, waren das nicht einfach Reisen, es waren Detektivabenteuer. Es galt, Spuren zu folgen, Gesprächspartnern Anhaltspunkte zu entlocken, die einen weiterbrachten, und es galt, geschickt zu verhandeln: Sobald die Leute erfuhren, dass es sich bei einem alten Kasten, der seit Generationen auf dem Dachboden verstaubte, um ein rares Musikinstrument handelte, das bei entsprechender Restauration einiges wert war, verlangten sie gleich Beträge dafür, die das Geschäft unrentabel machten.
In der Nähe von Venedig stöberten sie ein echtes Dulcitone auf, das Gary nur von Taubendreck hätte befreien müssen, doch der Besitzer, ein misstrauischer Weinbauer, wollte sich nicht davon trennen. In einem Musikaliengeschäft in Genf entdeckten sie ein Pianino, dessen Baujahr mit 1955 angegeben war, das tatsächlich aber, wie Charlotte erspürte, aus dem Jahr 1840 stammte: ein Schnäppchen. In Rotterdam schließlich fanden sie auf einem Speicher ein echtes Alfred-Arnold-Bandoneon.
Gary war außer sich vor Begeisterung. »Die sind unglaublich gesucht«, erklärte er. »Die Firma ist 1948 enteignet worden, dabei sind die originalen Baupläne verloren gegangen – und man hat es bis heute nicht geschafft, diesen unvergleichlichen Klang zu rekonstruieren.«
Charlotte staunte über die Bandbreite an Tasteninstrumenten, die es gab. Gary erklärte ihr den Unterschied zwischen einem Spinett und einem Klavicitherium, zeigte ihr ein Reproduktionsklavier, ließ sich mit Begeisterung über das Terpodion aus und schwärmte von einem 1819 gebauten Monumentalinstrument namens Apollonikon. Sie lernte, was ein Tafelklavier war, ein Harfenklavier, ein Lyraflügel, eine Orphica. Sie erfuhr, dass ein Adiafon oder Gabelklavier seine sphärischen Töne nicht mit Saiten, sondern mit Stimmgabeln erzeugte und sich deshalb nie verstimmen konnte. Sie staunte über das Pyrophon, eine Art Orgel, die mit Gasflammen statt mit Luft arbeitete und im 19. Jahrhundert durch seine Neigung, bei Konzerten zu explodieren, mehrere Organisten verletzt hatte.
So verging ein Jahr, in dem Charlotte wie auf Wolken schwebte. Das Leben war wunderbar. Alles war so einfach: Die Tage waren erfüllt von elegischen Klängen, die aus der Werkstatt durchs Haus schallten, während sie kochte und buk, wusch oder aufräumte. Manchmal radelte sie über die schmalen Feldwege zwischen den saftig-grünen Feldern und bedauerte nur, dass es keinen Bauernhof in der Nähe gab, wo sie Milch direkt von der Kuh kaufen konnte, oder sonst irgendetwas Urwüchsiges, Einfaches. Abends, wenn Gary das Licht in der Werkstatt ausmachte, aßen sie, redeten, und meistens endete es damit, dass sie sich liebten. Das Leben war wunderbar, und es war einfach.
Das Problem, das erst mit Verzögerung zutage trat, war, dass Garys Geschäftsmodell schon zu Zeiten, als er allein gewesen war, nur mit Mühe genug für eine Person abgeworfen hatte. Nun waren sie zu zweit, ohne dass sich an seiner Art zu arbeiten irgendetwas geändert hätte. Logischerweise reichte der Ertrag hinten und vorne nicht. Dass ihnen dies so lange nicht aufgefallen war, hatte nur daran gelegen, dass die Entdeckung des historischen Cembalos in Berlin einen ungewöhnlich hohen Gewinn eingebracht hatte. Der war nun aufgezehrt.
Weder Charlotte noch Gary konnten wirklich mit Geld umgehen, geschweige denn haushalten. Charlotte war es gewohnt gewesen, jederzeit genug Geld zu haben; bei Einkäufen hatte sie sich immer nur gefragt: Will ich das? Sie versuchte nun zwar, auf Preise zu achten, mit einem wöchentlichen Budget auszukommen und sparsam zu wirtschaften, doch meist blieb es bei Versuchen. Gary brauchte so gut wie nichts für sich selber, für Kleidung, Essen und so weiter. Dafür spielte Geld bei ihm keine Rolle, wenn es darum ging, Spezialwerkzeuge, benötigte seltene Bauteile oder dergleichen zu beschaffen.
»Wir dürfen das Konto nicht auf null gehen lassen«, beschwor er Charlotte an dem Abend, als ihnen das Unheil klar wurde. »Ich brauche immer Geld in Reserve, um Instrumente ankaufen zu können. Sonst kann ich meine Werkstatt zumachen.«
Charlotte starrte auf die Kontoauszüge und den Notizblock mit den Berechnungen wie auf böse Omen. »Und wenn du dich mehr um Restaurationsaufträge bemühst?«
»Hab ich alles schon durchprobiert. Das bringt wenig Geld, meistens musst du noch Provision an den Händler abgeben, der dich vermittelt hat – und so viele Kunden gibt’s hier nicht. Dazu müsste man in einem Ballungsraum leben. Dort wiederum wäre die Miete für eine anständige Werkstatt unerschwinglich.«
Die Lösung lag auf der Hand: Sie durften nicht länger gemeinsam reisen. Wenn sie zu zweit reisten, war alles doppelt so teuer, ohne deswegen zwangsläufig mehr einzubringen – und damit rechnete sich die Sache nicht. Schweren Herzens beschlossen sie, dass Gary wieder allein fahren und Charlotte nur nachkommen würde, falls er bei einem besonderen Instrument auf Nummer sicher gehen musste, was die Herkunft anbelangte.
Alleine langweilte sie sich. Sie kannte ja niemanden hier, und mit den Schotten der Lowlands in Kontakt zu kommen war nicht gerade einfach. Überhaupt – waren die Dinge zwischen ihnen beiden eigentlich gerecht verteilt? Sie waren zwar zusammen, aber Gary tat wie gehabt den lieben langen Tag das, was er am liebsten machte, nämlich alte Musikinstrumente zu reparieren. Für ihn war der einzige Unterschied, dass er zusätzlich eine Frau hatte, die ihm den Haushalt in Ordnung hielt und das Bett wärmte. Charlotte dagegen, was hatte sie von ihrer Beziehung? Arbeit, weiter nichts.
Während Gary in Istanbul unterwegs war, auf den Spuren eines Spinetts aus dem 16. Jahrhundert, fuhr Charlotte nach Aberdeen und kaufte Zeug, das sie nicht brauchte, nur aus Frust. Und sie führte lange, teure Telefonate mit Brenda, in denen sie herauszufinden versuchte, was sie falsch machte.
Dann rief er an, sie solle nach Istanbul kommen, mit einem möglichst billigen Flug. Das Spinett stammte tatsächlich aus dem Jahr 1578. Als die Spedition kam, um es abzutransportieren, hatte Gary schon den voraussichtlichen Gewinn durchkalkuliert. Kein Problem, noch einen Tag in Istanbul dranzuhängen, meinte er. Sie besichtigten die Hagia Sophia und den Topkapi Palast, genossen den Sonnenuntergang in einem Restaurant unter der Galatabrücke. Charlotte schloss die Augen, lauschte dem Konzert der fremden Zungen um sie herum, begann, erste Strukturen der türkischen Sprache herauszuhören, und alle Einsamkeit war vergessen. Das Leben war wieder wunderbar.
Ihren bis dahin heftigsten Streit hatten sie unmittelbar nach ihrer Rückkehr, als Gary entdeckte, dass sich Charlotte Geld von ihren Eltern hatte geben lassen. Das verletzte ihn so sehr in seiner Mannesehre, dass er sich gar nicht beruhigen wollte, obwohl sie ihm, ganz erschrocken, schwor, es nie wieder zu tun. »Damit bist du mir in den Rücken gefallen!«, schrie er sie an. »Wenn wir zusammen sein wollen, dann müssen wir auch dasselbe Schicksal teilen. Aber das tun wir nicht, wenn du den Geldbeutel deiner Eltern in der Hinterhand behältst. Auf die Weise sagst du mir, dass es dir egal ist, ob unser Leben funktioniert, weil du ja jederzeit in dein Rettungsboot steigen kannst und ich nicht.«
Sie verstand nicht ganz, was er meinte, war nur entsetzt, ihn so außer sich zu erleben. Zu allem Überfluss war, während sie sich in Istanbul aufgehalten hatten, ein heißer Tipp eines spanischen Informanten in der Mailbox gelandet: In Barcelona werde ein Cembalo von 1770 angeboten, das dem großen Antonio Soler gehört hätte. Gary musste sofort wieder aufbrechen.
Charlotte blieb unglücklich zurück, putzte die Wohnung von oben bis unten und bis in die letzten Winkel, um sich zu beruhigen, und wartete auf Garys Anruf. Doch der kam nicht. Stattdessen kam Gary am übernächsten Tag wieder und erklärte, er habe das Instrument aufgrund der Dokumente gekauft, die ihm der Händler vorgelegt hatte. »Einwandfreie Expertisen von anerkannten Fachleuten«, bekräftigte er. »Es wäre rausgeschmissenes Geld gewesen, wenn du auch noch nach Barcelona gekommen wärst.«
Doch wie sich herausstellte, war vielmehr das Geld für das Instrument rausgeschmissen.
»Das ist nicht von 1770«, sagte Charlotte sofort, als Gary das Cembalo aus der Verpackungskiste befreit hatte. Sie trat heran, legte die Hand darauf, schloss die Augen. Sie fühlte den Ärger des Mannes, der es gebaut hatte. Es war nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. »Es stammt aus Italien, aus dem Jahr 1955.«
Gary bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. »Das sagst du bloß, um mich fertigzumachen. Es ärgert dich, dass ich den Kauf allein durchgezogen habe.«
Charlotte nahm die Hand fort, trat einen Schritt zurück. »Schau einfach nach. Er hat irgendwelche Schrauben verwendet, die nicht die richtigen sind.«
Gary schwieg, schloss sich in seiner Werkstatt ein und ließ den Rest des Tages nichts mehr von sich hören. Als er abends wieder auftauchte, war er am Ende. »Inbusschrauben an der Halterung der Mechanik«, stieß er hervor. »Mit Muttern auf der Gegenseite. Die Dinger sind erst 1911 erfunden worden. Man sieht es nur, wenn man die Frontleiste löst.«
Charlotte sah ihn bestürzt an. Die Suppe zwischen ihnen dampfte wie die Überreste eines niedergebrannten Hauses. »Was heißt das?«
»Dass ich wieder im Loch bin. Dass die Arbeit der letzten fünf Jahre für die Katz war.«
»Ist es wirklich so schlimm?«
»Ich war verrückt, alles auf dieses Instrument zu setzen.« Es klang wie ein Vorwurf. Als sei sie schuld daran, dass er so kopflos gehandelt hatte.
Die nächsten Tage telefonierte Gary umher und tüftelte schließlich eine Lösung aus: Er würde einen Job als Restaurator in London annehmen, in einem großen Auktionshaus, das sich auf Musikinstrumente spezialisiert hatte. Er würde immer zwei Wochen in London bleiben und dann für eine Woche zurückkommen, um an seinen eigenen Instrumenten zu arbeiten. Wohnen würde er in einer siebenköpfigen WG in Hackney, wodurch er Kosten sparte.
»Muss das denn sein?«, fragte Charlotte behutsam. »Ich meine, das Cembalo ist doch trotzdem gut, trotz der Inbusschrauben …?«
»Aber es ist einfach nicht so viel wert. Das ist nun mal so.« Gary schüttelte entschieden den Kopf. »Und ich mach das nicht. Ich geb kein Instrument für alt aus, von dem ich’s besser weiß.«
In der Zeit, in der sie allein in Belcairn hockte, verbrachte Charlotte halbe Tage vor dem Fernseher. Sie meinte förmlich zu spüren, wie ihre Hirnaktivität dabei erlosch, brachte es aber nicht fertig, sich dagegen zu wehren. Ab und zu raffte sie sich auf und ging stundenlang in den Feldern spazieren, doch je näher der Winter kam, desto öfter, länger und unangenehmer regnete es, und so ließ sie es wieder bleiben.
Einmal ging sie in Garys Werkstatt. Sie wanderte zwischen den Instrumenten umher, betrachtete die straff gespannten, schimmernden Saiten, streichelte über das edel lackierte Holz. Hier und da klimperte sie auf den Tasten herum. Sie spürte die Geschichte der Stücke. Wie stolz ihre einstigen Besitzer gewesen waren. Wie sehr sich Kinder daran gelangweilt hatten. Und die langen, leeren, sich wie tot anfühlenden Jahre, in denen die Instrumente irgendwo vergessen gestanden hatten.
Vor all dem, ganz frisch, spürte sie Gary. Seine Sorgfalt, seine Konzentration, die Liebe, mit der er sich seiner Arbeit widmete. Die Erfüllung, die er darin fand.
Es stimmte sie traurig. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit der Welt. Gary machte das, was er machte, so außerordentlich gut, so voller Hingabe, er wusste über so viele Dinge Bescheid, legte sein ganzes Herz in seine Arbeit: Wieso konnte er nicht davon leben? Sie hatte jede Menge Leute kennengelernt, die ihre Arbeit hassten, sie schlampig und schlecht erledigten und trotzdem ihr Auskommen fanden. Menschen, die der Welt nichts annähernd so Wertvolles gaben wie Gary, die aber in Geld schwammen.
Wieso war das so? Warum war Geld so wichtig? Und warum konnte Geld eine Liebe zerstören? Warum ließen sie das zu?
An einem der darauffolgenden Abende klingelte das Telefon in die ratlose Stille, die das Haus erfüllte. Charlotte hob eilig ab, in der Erwartung, dass es Gary war, der anrief.
»Ich bin’s«, sagte stattdessen eine Stimme, die sie seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte. »Hiroshi.«
Charlotte musste sich setzen. »Du?«
»Ich hab dir doch mal gesagt, dass ich wüsste, wie man es anstellen muss, damit alle Menschen reich sind. Erinnerst du dich?« Seine Worte kamen aus weiter Ferne, ein seltsamer Hall lag in der Leitung.
»Ja«, sagte sie. »Ich erinnere mich.«
»Interessiert dich noch, wie das gehen soll?«
Charlotte fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Ausgerechnet jetzt kam er damit! Als hätte er ihre Gedanken gelesen. Und woher hatte er eigentlich diese Nummer?
»Ja«, sagte sie. »Interessiert mich noch.«
»Gut«, meinte Hiroshi. »Ich bin nämlich jetzt so weit, es dir zu zeigen.«