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Schlaflos
Es war schon einiges nach Mitternacht, und Linda McKinney hatte seit drei Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Doch sie lag auch jetzt nicht im Bett, sondern saß an dem Schreibtisch in ihrem Zimmer, vor dem militäreigenen Laptop, der keinerlei Markenlogo trug. Sie klappte ihn auf und sah zu ihrer Überraschung, dass er bereits hochgefahren war. Sie schaute auf die Startseite eines Wikis.
Im schwachen Licht des Bildschirms erkannte McKinney neben dem Laptop eine gedruckte Karte mit Login- und Passwortinformationen sowie «Sicherheitsempfehlungen». Sie minimierte die Wiki-Seite und sah einen Ubuntu-Desktop, der ziemlich genauso eingerichtet war wie der auf ihrem eigenen Gerät. Okay, immerhin benutzten sie Open-Source-Software, und sie hatten sie gründlich genug ausgespäht, um auf diesem Leihcomputer Code::Blocks zu installieren. Zweifellos würden auch die Dateien ihres Weberameisen-Simulationsprojekts drauf sein.
Sie doppelklickte auf Firefox. Wie sie schon vermutet hatte, war das Gerät nicht online. Keine Verbindung zur Außenwelt. Stattdessen kam sie wieder auf die bereits geöffnete Wiki-Seite. Ganz oben stand der Titel «Task Force Ancile» mit dem Schildlogo von Ancile Services. Am linken Rand waren Links zu verschiedenen Kategorien: Aufklärung, Videos, Abwehr und noch vieles mehr.
Eine streng geheime Operation mit einem Logo. Ganz schön schräg.
McKinney klickte auf das Wort Ancile, und es erschien eine Erklärung, die besagte, es handle sich um den mythischen Schild des römischen Kriegsgottes Mars. Solange der Schild erhalten bleibe, habe es geheißen, werde Rom die Weltherrschaft innehaben.
Die Weltherrschaft, aha?
Über die Welt zu herrschen stand nicht auf ihrer persönlichen Prioritätenliste. Sie klickte sich auf die Hauptseite zurück und überflog die Kategorien abrufbarer Information. Robotik, KI-Algorithmen, Forensische Analyse und dergleichen mehr.
Sie klickte auf einen Link namens Angriffsszenen. Er führte auf eine Seite mit Dutzenden Thumbnails. Ein kurzer Einführungstext besagte, dass es sich um Videos handle, die auf diverse Offshore-Aggregatorenseiten hochgeladen worden seien. Also offenbar Live-Videoclips von erfolgten Angriffen, vermutlich von Beobachterdrohnen gedreht – solchen wie der, die vor ihrem Bungalow in Tansania herumgesurrt war.
McKinney klickte auf das erste Video-Thumbnail. Es vergrößerte sich zu einem Vollbild-High-Definition-Video von mehreren Männern, die auf einem gepflegten Green irgendwo auf der Welt Golf spielten. Kein Ton. Der Blickwinkel verschob sich leicht, als ob sich die Kamera an einem beweglichen Objekt befände. Die Männer standen auf dem sattgrünen Golfrasen herum und sahen zu, wie einer von ihnen zum Putten ansetzte.
Plötzlich explodierte die Szene. McKinney zuckte entsetzt zurück, als es Körperteile regnete. Merkwürdigerweise war da kein Krater in dem Rasen, der jetzt qualmte, gleichzeitig aber nass von Blut war. Wie es schien, war die Bombe über dem Boden explodiert – mit verheerender Wirkung. Sie machte das Fenster zu und starrte erschüttert auf die Angriffsszenen-Seite. Da gab es noch mindestens ein Dutzend Videos.
«Großer Gott.»
Mehr wollte sie nicht sehen. Wie waren die Videos entdeckt worden? Und von wem? Im Kommentarbereich schien man die Frage immer noch zu erörtern: Beiträge mit Benutzernamen, die ihr nichts sagten, aber auch dem einen oder anderen, den sie kannte – Experte Drei, Hoov, Gumball.
Sie ging auf die Hauptseite des Wikis zurück und klickte auf den Link zu einem Schaubild sämtlicher Drohnenangriffsorte. Es war eine Karte der USA mit zwei, drei Dutzend roter Punkte, die meisten an den Küsten, einige aber auch im tiefsten Mittelwesten. Als sie mit dem Mauszeiger auf die Punkte ging, erschienen jeweils ein paar grundlegende Angaben: GPS-Koordinaten, Zahl der Toten und Verletzten und ein Link zu weiterer Information. Sie klickte auf einen Angriff in Urbana, Illinois. Sie erinnerte sich, dass er vor ein paar Monaten als Terrorbombenanschlag in einem Park durch die Medien gegangen war. Sechs Tote. Ein Dutzend Verletzte. Eine eigene Seite mit den Namen und Fotos der Opfer erschien, dazu grausige hochauflösende Fotos vom Explosionsort. Sie scrollte hinab, fand Mengen von Information und einen weiteren sehr aktiven Kommentarbereich.
Angesichts all dieses Blutvergießens und Leids fühlten sich ihre Widerstände auf einmal kleinmütig und egoistisch an. Aber das Team hatte ja gezielt dafür gesorgt, dass sie diese Bilder sah, oder? Offenbar sollte ihr Beitrag zu dieser Operation partout darin bestehen, als Kanonenfutter zu dienen.
Sie schob sich vom Schreibtisch weg.
McKinney starrte an die Decke. Das kühle blaue LED-Licht des Weckers malte bizarre Schatten auf die Akustikplatten über ihr. Sie hörte das Rauschen der Luft in der Heiz-, Lüft- und Klimaanlage und ab und zu mysteriöse Geräusche ferner Aktivität – schwere Lastwagen, hallende Stimmen und das Klirren und Klingen von Metall. Sie versuchte sich vorzustellen, was anderswo in diesem geheimen Komplex vor sich ging. An diesem Ort, den es offiziell nicht gab und wo sie niemand, den sie kannte, je finden würde. Strikte Abschottung.
Die blaue Digitalanzeige auf dem Nachttisch lautete 01:47. Die Bettwäsche war frisch und roch neu. Die Matratze war fest. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sie sich wirklich sauber. Kein Staub und keine Schwüle hier unten, und das Bad war nagelneu. Das heiße Wasser schoss nur so aus der Dusche. Richtig gebündelt, könnte es wahrscheinlich einen Aufstand niederschlagen. Alles in ihrem Zimmer war skandinavisch kühl und funktional.
Sie setzte sich auf. Dieser ganze Ort fühlte sich einfach verkehrt an. Sie bekam nicht zu fassen, was genau ihr zu schaffen machte. Warum sie nicht schlafen konnte. Seit dem Drohnenangriff nicht geschlafen hatte. Sie ergriff die Fernbedienung und stellte den Fernseher an. Der Wetterkanal erschien: beruhigende Musik zu einer Liste von Städten in aller Welt und den zugehörigen Temperaturen. Nach wenigen Sekunden schaltete sie auf den ersten Kabelnachrichtensender in der Senderfolge.
Wieder wurde die Kriegstrommel gerührt, die Öffentlichkeit aufgefordert, verdächtige Beobachtungen zu melden. Weitere Einzelheiten zum gestrigen Anschlag in Washington, D.C. Aktualisierte Opferzahlen zum Kerbela-Agriff – 4300 Tote. Sie schaltete noch ein paar Sender durch. Überall die Nation-im-Belagerungszustand-Hysterie. Selbst die Werbung war für Pfefferspray und Alarmanlagen. Sie blieb auf einem Sender, wo eine Kongressabgeordnete aus Ohio vor dem Parlament sprach. «… überstürzt tiefgreifende Veränderungen zu vollziehen, die wir bereuen werden. Wir haben diesen Weg schon öfter beschritten, und unsere Sicherheit hat es nicht erhöht. Fünfundsechzig Milliarden Dollar im Lauf der nächsten vier Jahre für eine Flotte autonomer Drohnen zur Verteidigung unseres Landes. Wieder einmal Geld, das in Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur gesteckt werden könnte. Drohnen werden diese Anschläge nicht stoppen. Ja, vielleicht sind unsere Drohnen sogar die Ursache dieser Anschläge …»
McKinney warf die Bettdecke von sich und setzte sich auf die Bettkante. Die Nachrichten waren schon beim nächsten Thema, sie aber nicht. Sie stellte den Fernseher ab.
Vielleicht sind unsere Drohnen die Ursache dieser Anschläge.
Und fünfundsechzig Milliarden Dollar für Drohnen als akute Krisenmaßnahme. Die ultimative Geldmaschine – Drohnen konnten beides sein, der Heilsbringer und der Feind, wer sollte da je durchblicken? Fünfundsechzig Milliarden. Und das war vermutlich erst der Anfang.
McKinney stand auf und ging ziellos im Zimmer herum, fühlte den kalten Stein unter ihren Füßen. Warum sollte sie glauben, was die ihr erzählten?
Sie war Wissenschaftlerin, und in der Wissenschaft verlangte man Beweise für eine Hypothese. Die Arbeitshypothese hier war, dass es sich um eine von der Regierung gebilligte streng geheime Militäroperation zur Verteidigung gegen tödliche Drohnenangriffe handelte. Aber was stützte diese Hypothese? In den letzten zehn Jahren waren ein halbes Dutzend illegale, von verbrecherischen Elementen innerhalb des Militärs durchgeführte Operationen ans Licht gekommen – Ermordungen, Folter … Vielleicht waren diese Leute hier ja gar nicht beim Militär – vielleicht waren sie ja Agenten privater Firmen, die die Politik der Regierung beeinflussen wollten? Oder vielleicht auch einer ausländischen Macht? Was wusste sie denn wirklich?
Sie ließ die letzten achtundvierzig Stunden Revue passieren. Sie waren in einem Privatflugzeug hierhergeflogen, zu einem privaten Landeplatz in Kansas City – unter völliger Umgehung aller Einreisekontrollen und Maßnahmen zur inneren Sicherheit. Dasselbe hätten wohl auch Schmuggler getan. Wusste sie denn mit Sicherheit, dass sie sich auf einem US-Militärflughafen in Wiesbaden befunden hatte – oder überhaupt in Deutschland? Es war dunkel gewesen. Sie hatte draußen ein paar Männer in Uniform gesehen. Und Büros und US-Army-Insignien, aber woher wusste sie, dass es nicht einfach ein Flughafenbüro irgendwo gewesen war? Militärtransportmaschinen oder Kampfflugzeuge hatte sie nicht zu Gesicht bekommen.
Die Angriffe gab es wirklich, sie waren seit Monaten in den Nachrichten. Aber wenn das hier die Leute waren, die dahintersteckten, konnten sie doch leicht dieses ganze Videomaterial für sie aufgefahren haben. Aber warum sollten sie sie täuschen wollen? Um sie dazu zu bringen, ihnen zu helfen?
Was wusste sie wirklich?
Sie glaubte schon, dass sie in Kansas war – die Highway-Schilder, die Autos und Gewerbebetriebe auf dem Weg hierher. Sie war in den USA. Und die waren doch wohl immer noch ein Rechtsstaat.
Sie ging ins Bad, ließ kaltes Wasser ins Waschbecken laufen und wusch sich das Gesicht. War es nur der Schlafmangel, der sie paranoid machte?
Warum sollte sie auch nicht paranoid sein? Sie war gekidnappt worden, von Leuten, die über beträchtliche Ressourcen verfügten und ständig von Roboterkrieg unter Verwendung ihrer Ameisenalgorithmen sprachen. Und die sie als Köder für einen Drohnenangriff benutzen wollten – den sie vielleicht selbst verüben würden, was wusste sie denn schon?
McKinney ging im Zimmer umher und suchte nach Kameras. Zu sehen war nichts. Aber sie wusste, dass Kameras mittlerweile auf einen Stecknadelkopf passten. Sie sah sich im Spiegel über der Kommode – wie eine Gefangene mit ihrem kurzen braunen Haar, ihrem Cornell-T-Shirt und dem Trainingsanzug oder wie ein Mitglied eines New Yorker Ablegers der RAF. Mager und wirr, durch das blaue Licht und die Schatten doppelt dramatisch. Sie lachte fast schon hysterisch. Wenn ihr Vater und ihr Bruder sie jetzt sehen könnten, was würden sie sagen? In eine internationale Spionagegeschichte verwickelt. Absolut lächerlich.
McKinney wurde wieder ernst. Sie musste wissen, was hier in diesem Komplex vor sich ging. Fragen zu stellen reichte nicht. Es war Zeit, sich Fakten zu beschaffen.
Sie ging an die Zimmertür, legte das Ohr an die Türfüllung und horchte. Draußen war alles still. Vorsichtig öffnete sie die Verriegelung und drückte dann die Klinke. Sie zog die Tür so weit auf, dass sie den Gang nach beiden Seiten entlangspähen konnte. Zu hören war nur das Surren der Deckenleuchten. Keine Kameras zu sehen, obwohl oben an den Wänden Sensoren waren, Rauchmelder, Sprinklerköpfe und dergleichen.
Die Luft schien rein zu sein, also trat sie auf den Gang hinaus und ging nach links, in die Richtung, aus der sie am Vortag mit Foxy gekommen war, vorbei an den anderen nummerierten Türen. Von irgendwoher hörte sie Schnarchen. Es wurde leiser, als sie weiterging, und kurz darauf kam sie an eine T-Kreuzung mit einem anderen Gang, gesichert mit Feuertüren, die derzeit von Magnetvorrichtungen offen gehalten wurden. Sie spähte um die Ecke.
Der Quergang war breiter, und die Metallgeräusche und Stimmen kamen von links, aus der Garage. Sie wandte sich nach rechts, wo der Gang zu einer weiteren T-Kreuzung führte, ohne dass irgendwelche Türen sichtbar waren. Sie beschloss, hocherhobenen Hauptes in der Mitte des Gangs zu gehen. Als wäre nichts.
An der Gangkreuzung angelangt, bog sie resolut um die linke Ecke und prallte gegen eine geschlossene Tür. Die hatte eine Art Sensorschloss mit einem glimmenden roten LED-Licht über der Klinke. McKinney machte kehrt und nahm den weißen, von Hellholztüren gesäumten Gang, der nach rechts führte. Sie sah, dass er ebenfalls an einer geschlossenen Tür endete, wo sie jedoch kein rotes LED über der Klinke entdecken konnte.
Durch eine der Türen, an denen sie vorbeikam, drangen leise Stimmen. Sie blieb stehen und horchte, hörte Funkrauschen, dann unverständliche Sprechfunkfetzen. Dann mehrere Leute, die eine Fremdsprache sprachen. McKinney trat vorsichtig an die Tür und legte das Ohr daran.
Eine Männerstimme sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand. Vielleicht Russisch?
Das jähe, durchdringende Krächzen eines Raben ließ sie erschrocken herumfahren. Da, auf einem rechtwinklig von der Wand abstehenden Feuerlöscherschild, saß ein großer schwarzer Rabe und musterte sie neugierig.
«Du hast mir einen Scheißschrecken eingejagt.» Sie ging auf den Vogel zu, der sie immer noch gelassen betrachtete. Erst auf ein, zwei Meter erkannte sie, dass der Vogel eine Art Headset aus feinem Draht trug. Er hüpfte jetzt ans äußerste Ende des Schilds, schlug mit den Flügeln und krächzte wieder.
«Spitzel kann keiner leiden, Hugin.»
Der Vogel krächzte zurück.
Eine vertraute Stimme sagte ganz in der Nähe: «Das ist Munin.»
McKinney fuhr erschrocken herum und sah nicht weit hinter sich Odin im Gang stehen.
«Sie können wohl nicht schlafen?»
Sie ging zu ihm. «Ich habe hinter der Tür da jemanden in einer fremden Sprache reden hören.»
«Sie trauen mir immer noch nicht?»
Sie zeigte mit dem Finger. «Je länger ich drüber nachdenke, desto misstrauischer werde ich. Warum sind wir nicht auf einer Militärbasis? Warum kann mir niemand irgendeinen Ausweis zeigen? Warum bin ich hier eingesperrt?»
Odin nickte langsam. Er schien sich die Antwort gut zu überlegen.
Munin krächzte wieder hinter ihr.
McKinney zeigte auf den Vogel. «Und was zum Teufel machen Sie mit den Tieren? Wo bleibt da die Ethik?»
«Sie brauchen Schlaf, Professor.»
«Was ich brauche, ist ein Beweis, dass ich nicht verbrecherischen Leuten bei verbrecherischen Dingen helfe.»
Er zeigte auf den Raben. «Hugin und Munin fliegen jeden Tag draußen herum und kommen immer freiwillig zurück. Wenn sie Sie als Freundin betrachten würden, hätten sie keinen Alarm gegeben.»
«Sie benutzen diese Vögel.»
Odin streckte den Arm aus. Munin flatterte herab, landete auf dem Arm und kletterte dann auf Odins Schulter. «Das ist eine zynische Sicht von Symbiose.»
«Raben dafür abzurichten, Ihnen bei Ihren Kriegen zu helfen, kann man wohl kaum Symbiose nennen.»
«Ich frage mich öfter, wer hier wen abrichtet. Sie kennen doch den Spruch über Feldforschung: ‹Erforsche nie ein Tier, das intelligenter ist als du.›» Er ging zu der Tür, auf die McKinney gezeigt hatte, und klopfte.
Die Funkgeräusche drinnen verstummten, und schwere Schritte näherten sich der Tür. Sie öffnete sich einen Spalt, und ein grauhaariger Mann mit Pferdeschwanz und einem Gesicht voller Falten und Leberflecken guckte heraus. In seinem Mundwinkel hing eine Zigarette, und um seinen Kopf kräuselte sich Rauch. Er sagte mit einem leichten russischen Akzent: «Warum verdammt noch mal hämmern Sie an Tür? Sie haben mich zu Tode erschreckt.» Der Blick des Mannes huschte von Odin zu McKinney, und auf seinem Gesicht erschien ein leises Grinsen. «Oh, guten Abend, werte Dame …» Er streckte die Hand aus, aber Odin unterbrach ihn.
«Geschenkt, Rocky. Erklären Sie der guten Frau Professor hier, warum Sie Russisch sprechen.»
Der Mann sah jetzt wieder finster drein und machte die Tür ganz auf. «Weil ich Russe bin, Arschloch. Warum?» Hinter ihm sah McKinney ein Elektroniklabor, in dem überall Platinen und Drohnenkomponenten herumlagen.
«Woher kommen Sie?»
«Was soll das alles?»
«Das ist eine simple Frage.»
Der Mann schnaubte. «Ist das wieder Blödsinn von FBI?»
«Beantworten Sie die Frage.»
«Mein Bruder und ich sind 1989 übergelaufen. Meine Freigaben sind in Ordnung, und wer was anderes sagt, kann meinen ukrainischen Arsch lecken.» Er bohrte Odin den Zeigefinger in die Brust. «Das gilt auch für Sie. Sie glauben, Sie können mich einschüchtern? Ich werde nehmen diesen Vogel von Ihnen und ihn schieben in Ihren JSOC-Arsch. Ich wurde ein Jahr von KGB in Smolensk gefangen gehalten. Niemand auf der Welt kann mich –»
Odin hob die Hände. «Rocky! Okay, Mann. Ich wollte nur etwas klarstellen. Ist schon gut. Wir lassen Sie in Ruhe.» Odin winkte McKinney mit sich und wandte sich zum Gehen.
Rocky beugte sich aus der Tür. «Sie haben mich nicht mit Ihrer hübschen jungen Freundin bekannt gemacht, Odin.»
«Need-to-know-Prinzip, Rocky.»
«Ach … scheiß auf Sie und Ihre Geheimnisse. Ich habe bessere.» Er zog sich wieder in sein Labor zurück und knallte die Tür zu.
McKinney seufzte, als sie neben Odin herging.
«Wenn es Sie beruhigt, Professor, spazieren Sie ruhig im Komplex herum. Ich kann Ihnen nicht alle Türen aufmachen, aber Sie können mit jedem reden, den Sie treffen. Fragen Sie sie aus, wenn es Ihnen hilft, Schlaf zu finden.»
Sie nickte. «Das werde ich tun.»
Odin bog in einen Quergang ein. «Aber bleiben Sie nicht die ganze Nacht auf. Wir müssen Sie morgen wegen der Köderaktion briefen. Sie werden zu keinem Zeitpunkt wirklich in Gefahr sein.»
«Warum überzeugt mich das nicht?»
«Morgen.» Und damit verschwand er.
McKinney ging ein paar Minuten weiter durch die Flure. Da hier jedoch die meisten Türen abgeschlossen waren, zog es sie schließlich in Richtung der Garage und der Werkstattgeräusche. Zuerst linste sie nur durch die kleinen Maschendrahtglasfenster in der zweiflügligen Tür, aber dann betrat sie die Garage. Ein halbes Dutzend Leute arbeiteten an Fahrzeugen auf beiden Seiten; Lichtbögen von Schweißgeräten blitzten, und Hämmer klopften auf Metall. Foxy und Smokey standen über ein Klemmbrett gebeugt, beide mit Maschinenpistolen vor der Brust.
Foxy blätterte in den Seiten auf dem Klemmbrett. «Sag ihnen, sie haben vier Tage, um ihr Einsatzmaterial auf Paletten zu packen und zum Lufttransportregiment Spezialkräfte zu schaffen, damit die die Schwerpunktberechnungen anstellen können. Waffen gehen nur per Luft – kein Feldzeug über Land.»
Smokey deutete mit dem Kopf auf McKinney; Foxy drehte sich um und war ziemlich überrascht, sie hier zu sehen.
«Suchen Sie was, Professor?»
«Kann nicht schlafen. Odin hat gesagt, ich darf mich umschauen. Sie können ihn ja fragen.»
«Okay.» Foxy lächelte, hielt dann die Hand an sein rechtes Ohr und sprach leise vor sich hin, während Smokey sie beobachtete. Sie erkannte ein feines Spiralkabel, das sich von Foxys Ohr in seinen Halsausschnitt wand. Dann sah er auf und zuckte die Achseln. «Bitte, Professor, nur zu. Sagen Sie’s, wenn ich irgendwas für Sie tun kann.»
Sie nickte zerstreut, war aber schon dabei, den Fuhrpark zu inspizieren. Zwei, drei Transporter, die sie bei ihrer Ankunft hier gesehen hatte, waren nicht mehr da. Noch vor der Mitte der Fahrzeugreihe blieb sie stehen, um zuzuschauen, wie ein weiterer Militärtechniker, ein adretter Bursche in den Zwanzigern, in einem Kabelbündel herumsuchte, das er aus der Seitenklappe eines schweren Allradlastwagens gezogen hatte. Er schaute immer wieder auf ein Verkabelungsdiagramm und prüfte Leitungen mit einem Voltmeter.
Er merkte, dass sie ihn beobachtete.
«Schönes Projekt, das Sie da haben.»
«Ist eben mein Job, Ma’am.» Der Junge hatte einen Südstaatenakzent, den sie nicht recht verorten konnte. Texas? Georgia?
McKinney trat näher an den Zehntonner heran und strich über den glänzenden Kotflügel. Der Junge blickte verstohlen zu ihr herüber.
Es war wirklich ein beeindruckendes Gefährt. Nagelneu, mit einem breiten Chromkühlergrill und einer Doppelkabine, in der wohl mindestens vier Leute Platz hatten. Er trug das Schildlogo von Ancile Services und sah aus, wie für seismische Untersuchungen im Gelände ausgelegt, so hochrädrig, dass sich der Türgriff etwa in Augenhöhe befand. Fast die gesamte Ladefläche nahm jedoch ein tonnenschwerer Generator mit zwei überdimensionalen Abgasrohren ein. Die Seitenklappen des Generators waren geöffnet: Darunter befanden sich Leiterplatten, Schaltkästen und Kabelbündel, die der Techniker untersuchte.
Sie deutete mit dem Kinn auf die Kabelbündel. «Wie lernt man das alles?»
Er sah auf. «Ausbildung, Ma’am.» Er langte tief in das Steuerungsfach hinein.
«Was machen Sie eigentlich alle hier?»
Er zögerte. «Da kann ich nicht drüber reden, Ma’am.»
Sie nickte langsam. «Okay …» Sie fuhr noch einmal mit dem Zeigefinger über den Kotflügel und wanderte dann durch die Garage zurück, wobei sie die Fahrzeuge auf der anderen Seite betrachtete.
McKinney kam an einem großen Allrad-Feuerwehrtruck mit dem Emblem der US-Forstverwaltung vorbei. Er hatte eine Vier-Personen-Kabine und Ausrüstungsfächer über die ganze Länge des Aufbaus, alles in Türkisgrün. Die Umbaumaßnahmen waren entweder schon beendet oder hatten noch nicht angefangen. Ihr Blick glitt zu der Werkbank hinter dem Fahrzeug – wo an einem Haken ein Wagenschlüssel hing.
Sie blickte zu Foxy und Smokey hinüber, die immer noch in Listen auf ihrem Klemmbrett vertieft waren, dann zu dem Jungen, der an dem Laster arbeitete. Er war ganz auf seine Kabel konzentriert. McKinney ging zielstrebig zu der Werkbank und nahm den Schlüssel von dem Haken. Daran war ein Plastikanhänger mit der Aufschrift International 7400 DT530 in schwarzen Lettern. Sie drehte sich um und sah das International-Logo am Chromkühlergrill des Feuerwehrtrucks.
Sie holte tief Luft. Zog sie das wirklich in Erwägung? War es der Schlafmangel?
Wenn diese Leute waren, wofür sie sich ausgaben, würde es ihnen die Arbeit ein bisschen erschweren, aber mehr auch nicht. Wenn sie es nicht waren, würde es vielleicht Menschenleben retten – nicht zuletzt ihr eigenes.
McKinney kletterte aufs Trittbrett und öffnete die Fahrertür. Mit einem letzten verstohlenen Rundumblick stieg sie ein, legte die Hände aufs Lenkrad und hielt kurz inne. Dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und zog die Fahrertür zu. Mit einer weiteren schnellen Bewegung drückte sie die Zentralverriegelung.
Sie steckte den Schlüssel ins Zündschloss und betätigte den Anlasser, bis der Dieselmotor rumpelnd ansprang. Ein Blick in den hohen Seitenspiegel ergab, dass der junge Techniker sein Verkabelungsdiagramm hatte fallen lassen und auf ihren Truck zugerannt kam.
McKinney löste die Handbremse, trat die Kupplung und schaltete in den ersten Gang. Sie gab Gas, ließ die Kupplung zu schnell kommen, und der mächtige Truck schoss vorwärts. Der junge Techniker hatte die Kabine schon fast erreicht, sprang jetzt aber ein Stück zurück und schien um Hilfe zu rufen.
Im Nebel ihrer Erschöpfung schien das alles surreal, aber sie tat es offenbar wirklich. Sie versuchte zu fliehen.
McKinney schaltete bereits in den zweiten Gang. Selbst unter diesen Umständen musste sie die technische Ausrüstung dieser Leute einfach bewundern. Das hier war etwas ganz anderes als die uralten Mercedes-Fünftonner, die sie auf holprigen Bergstraßen in entlegenen Gegenden Afrikas oder in den Amazonasurwäldern gefahren hatte.
Sie blickte in den Seitenspiegel auf der Beifahrerseite und sah Foxy und Smokey herbeirennen, die MPs im Anschlag. Unwillkürlich entfuhr ihr ein «Bitte nicht schießen». Dafür war sie ihnen doch sicher zu wertvoll. War sie doch wohl.
McKinney hielt auf die Werkbank zu und auf die Wellstahlaußenwand dieses Höhlengebäudes. Sie wusste, dass in der leeren Pufferzone die automatischen Fische von Experte Fünf patrouillierten. Dann war es noch ein Stück geradeaus bis zur äußeren Stahlwand – und in die Freiheit.
Sie jagte den Truck in die Wellstahlwand – ein Donnerhall und das Scheppern umherfliegenden Metalls. In den Hohlräumen des alten Kalkbergwerks war der Lärm ohrenbetäubend.
Aber der mächtige Feuerwehrtruck drang durch den Wellstahl wie durch Papier. Der grüne Lack der Haube hatte Kratzer und Schrammen davongetragen, aber ansonsten war der Wagen unbeschadet, und sie preschte mit röhrendem Motor ins Dunkel der Pufferzone.
Sie ging in den dritten und schaltete die Scheinwerfer ein – dann Warnlicht und Sirenen. Heulend wie eine Horde Dämonen umkurvte sie eine riesige Gesteinssäule und sah jetzt im Scheinwerferlicht die äußere Stahlwand.
Dutzende fliegender Haie schwammen auf sie zu, aber sie pflügte einfach durch sie hindurch, ehe sie ihr ausweichen konnten. Ein paar kamen unter die Räder, andere verfingen sich im Kühlergrill und an den Außenspiegeln. Der Truck beschleunigte immer noch. Fünfunddreißig Meilen pro Stunde jetzt.
Sie blickte in ihren mit Haifischballons dekorierten Außenspiegel und sah, dass sie ein ordentliches Stück Wellstahlwand herausgerissen hatte. Männer rannten im Garagenbereich herum. Sie schaute wieder nach vorn. «Komm schon. Schneller!»
Sie krachte mit fünfundvierzig Meilen durch die äußere Stahlwand und zuckte zusammen, als mit erneutem ohrenbetäubendem Scheppern Stahlpaneele und Halterungen weggesprengt wurden. McKinney lenkte nach rechts, um den Truck in die Richtung zu lenken, wo ihrer Erinnerung nach die Ausfahrt lag. Durch seinen hohen Schwerpunkt legte sich der Truck regelrecht in die Kurve, und die Reifen quietschten auf dem glatten Steinboden. Sie nahm etwas Gas weg und fuhr Schlangenlinien, bis sie das Fahrzeug wieder unter Kontrolle hatte.
McKinney knallte den vierten Gang rein und gab wieder Gas. Die sieben Meter breiten Gesteinspfeiler rasten auf beiden Seiten vorbei. Der Truck donnerte ins Dunkel, während sie nach irgendwelchen Anzeichen von Zivilisation Ausschau hielt.
Doch gleich darauf erschienen in ihrem Rückspiegel Scheinwerfer.
«Shit.» Das hatte nicht lange gedauert. Etwas Kleineres. Schnelleres.
Voraus sah sie jetzt Lichter – die besiedelten Teile von SubTropolis. Und das bedeutete markierte Straßen. Sie gab weiter Gas.
Die Scheinwerfer hinter ihr hatten schon fast aufgeholt, als sie auf eine markierte Straße mit einem freundlichen Ausfahrtschild kam. Sie nahm Gas weg, weil ihr jetzt erst aufging, dass die Druckluftbremsen nicht die Zeit gehabt hatten, sich ganz aufzufüllen. Der Truck holperte und bebte, als sie am Eingang einer scharfen Kurve zu bremsen versuchte, und schrammte eine der Gesteinssäulen, dass Funken stoben.
«Reiß dich zusammen …» Aber jetzt raste sie eine befahrene Straße entlang: Vor ihr zog jemand rechts rüber, um den Feuerwehrtruck vorbeizulassen. Sie hupte noch zusätzlich, als sie an dem Wagen vorbeidonnerte.
McKinney sah auf den Tacho und realisierte, dass sie mit sechzig durch eine Fünfundwanzig-Meilen-Zone bretterte. Doch ein Blick in den Außenspiegel ließ sie wieder aufs Gas treten. Einer der Landverwaltungsamt-Ranger-Pick-ups war etwa dreißig Meter hinter ihr, ebenfalls mit Sirene und Warnlicht und zudem noch Lichthupe.
McKinney donnerte auf eine unterirdische Kreuzung mit einem Stoppschild zu. Sie setzte an zu bremsen und herunterzuschalten. Sah noch einmal in den Außenspiegel. Schüttelte den Kopf. Es war nicht recht, jemanden zu töten, um sich selbst zu retten. Sie schaltete herunter und bremste, hoffte, dass ihre Sirenen nahende Fahrzeuge warnen würden.
McKinney arbeitete sich langsam über die Kreuzung und wollte gerade wieder beschleunigen, als sie sah, wie sich der Ranger-Pick-up neben sie setzte. Smokey hing aus dem Fenster und brüllte ihr etwas zu. Sie sah eine automatische Pistole in seiner anderen Hand im Wageninneren. McKinney zog abrupt nach links.
Der Ranger-Pick-up bremste scharf und verhinderte so gerade noch, gegen die Tunnelwand geworfen zu werden.
McKinney blickte just in dem Moment wieder nach vorn, als sie aus der Tunnelöffnung ins kalte nächtliche Kansas hinauskam. Sie stieß einen Freudenruf aus und versuchte sich zu orientieren.
Einiges erkannte sie von der Hinfahrt wieder. Da war eine Raststätte an der breiten Straße jenseits der Bahngleise. Ein Streifen von braunem Gras mit dreckigen Schneeflecken teilte den heruntergekommenen Beton-Highway.
Dort waren jetzt Lastwagen und PKWs unterwegs, aber sie fuhr immer noch aggressiv und mit heulenden Feuerwehrsirenen. Sie donnerte über die Bahngleise und schoss gerade noch vor einem herannahenden Sattelschlepper über den Highway.
Ein Blick in den Rückspiegel ergab, dass der Ranger-Pick-up dicht hinter ihr war. Für Nichtsahnende musste es aussehen, als ob zwei Einsatzfahrzeuge zu einem Einsatzort rasten. Sie hatte keine Ahnung, wo sie hinfahren sollte, wusste nur, dass sie einen belebten Ort finden musste. Zeugen – oder Polizei.
McKinney folgte jetzt einer kleineren Straße parallel zum Highway und war verblüfft, als sie ausgerechnet ein Spielcasino in nächster Nähe sah. Sie erinnerte sich dunkel, auf der Herfahrt vom Flugplatz daran vorbeigekommen zu sein.
Da thronte es auf dem Ufer des Missouri – das Ameristar, eine hellerleuchtete Insel in einem Meer von Parkplätzen. Eins wusste sie über Casinos: Dort gab es jede Menge bewaffnete Security. Dahinter sah McKinney eine kärgliche Skyline, die wohl das Zentrum von Kansas City sein musste. Halleluja. Zivilisation.
Sie preschte auf die Casinozufahrt zu und bog schlingernd ein, direkt beim bizarr riesigen Nachbau einer Lokomotive mit Lichtergeglitzer und einer Laufschrift: Kleineinsatz-Spielautomaten! Prime Rib $ 3.99.
Nach Jahren in der Dritten Welt konnte sie sich bei diesem Anblick vor Lachen kaum halten. Vom Schlafmangel hatte sie schon halb den Verstand verloren.
Das Rangerfahrzeug kam hinter ihr wieder heran, aber sie zog auf der Hauptcasinozufahrt von einer Seite auf die andere, damit es sich nicht neben sie setzen konnte. Zum Glück zerschossen sie ihr nicht die Reifen. Vielleicht lag ihnen ja vor allem daran, den Truck in fahrtüchtigem Zustand zurückzubekommen. Andere Autos auf der Casinozufahrt fuhren ganz an den Rand, um die unberechenbaren Einsatzfahrzeuge durchzulassen.
Sie rasten jetzt auf die Nostalgie-Front des Casinos zu, den von neonglitzernden Türmen flankierten Haupteingang. McKinney donnerte unter das Vordach, wo beim Parkservice PKWs und ein paar Taxis standen.
Im Außenspiegel sah sie, wie das Rangerfahrzeug bremste und eine Hundertachtzig-Grad-Wende machte. Erleichterung durchflutete sie. Sie hatte es geschafft. Sie war entkommen. Dann erst merkte sie, wie schnell sie immer noch war, und stieg auf die Bremse. Ruckelnd und mit kreischenden Reifen rumste der Feuerwehrtruck in einen Betonpoller kurz hinter dem nächststehenden Taxi. Sie wurde nach vorn geschleudert, aber kein Airbag ging auf.
Dutzende Leute kamen auf den Truck zugerannt. Alle sahen sie an, Securityleute und Parkpagen. Sie fiel in ihren Sitz zurück, plötzlich von ungeheurer Müdigkeit übermannt. Wohl die parasympathische Reaktion auf den Adrenalinstoß.
Noch nicht. Es ist nicht vorbei. Noch nicht.
Sie stellte Motor, Sirenen und sämtliche Lichter ab, löste dann ihren Gurt und stieg aus. Ein halbes Dutzend Männer waren bereits bei ihr – ein Typ im Anzug, zwei alte Männer, ein Securitymann, uniformierte Parkpagen.
«Alles in Ordnung mit Ihnen, Mädchen?» Der Securitymann, in den Vierzigern, mit Halbglatze und dickem Bauch, hielt sie am Arm.
Sie machte sich los. «Nichts passiert. Rufen Sie das FBI! Kidnapper sind hinter mir her. Sie sind in dem Rangerfahrzeug, das mich verfolgt hat!»
Der Wachmann runzelte die Stirn. Dutzende weiterer Menschen scharten sich jetzt um sie. Jemand zeigte die Zufahrt entlang. «Da fährt es weg.»
«Wo?» Der Wachmann fasste sie wieder am Arm und blickte die Zufahrt entlang. «Sie sind vor Rangern des Landverwaltungsamts davongerast?»
McKinney sah ihn grimmig an. «Wenn sie echte Ranger wären, warum entfernen sie sich dann von einem Unfallort? Warum hauen sie ab?»
Er studierte ihr Gesicht, und die ganze versammelte Menge schien darüber nachzudenken. McKinney sah jetzt, dass sie den Truck wirklich zuschanden gefahren hatte. Die Vorderräder waren eine Handbreit über dem Boden, Stoßstange und Kühlergrill eingedrückt; der Poller war halb aus dem Boden gerissen und um fünfundvierzig Grad gekippt.
Weitere Securityleute waren eingetroffen und drängten jetzt die Schaulustigen zurück. Der älteste und offenbar oberste Securitymann trat auf sie zu. Er war in den Sechzigern, hatte eine Glatze und sah aus wie ein Exsoldat. «Was war denn? Kontrolle über den Wagen verloren, Mädchen?»
Ehe der erste Securitymann etwas sagen konnte, antwortete McKinney: «Rufen Sie das FBI! Ich war auf der Flucht vor Kidnappern.»
Er runzelte die Stirn und zeigte auf den Truck der US-Forstbehörde. «Wo zum Teufel haben Sie denn einen Forstfeuerwehr-Truck her?»
Sie war jetzt von einem Dutzend bewaffneter Wachleute in braunen Hemden und Hosen und mit Sichtausweis, Gürtel und Schlagstock umstellt. Was normalerweise beängstigend gewesen wäre, fühlte sich jetzt enorm beruhigend an. Ihr Herzschlag normalisierte sich, aber sie war plötzlich unendlich erschöpft.
Der oberste Wachmann starrte sie immer noch verblüfft an.
Sie sagte zum Mitschreiben: «Rufen – Sie – das – FBI.»
Er tätschelte ihr den Arm. «Fangen wir mal mit der Polizei an, Mädchen.»