Nach dieser Verwüstungsaktion kam es nicht infrage, dass er am Montag wieder zur Schule ging. Eigentlich wollten ihn die Eltern gleich wieder hinschicken, damit er so schnell wie möglich in seinen Alltag zurückfand. Eine gesunde Dosis Normalität, wie sich Mrs G ausdrückte. Sie wollte nicht, dass er tagelang zu Hause herumlungerte, gelangweilt, grübelnd (über Alex Gray, meinte sie damit) oder voller Selbstmitleid. Aber der Zwischenfall vom Samstagabend hatte sie erschüttert – hatte die ganze Familie mitgenommen, Alex eingeschlossen. Er war einfach durchgedreht. Vielleicht brauchte er doch eine Therapie? Aber er konnte den Gedanken, wieder in diesem Zimmer, in Flips Zimmer, zu schlafen, einfach nicht ertragen – nachdem er so hoffnungsvoll und eigentlich auf Nimmerwiedersehen nach London aufgebrochen war. Jetzt stand er wieder ganz am Anfang, fühlte sich einsam, verlassen und hilflos. Was sollte er jetzt machen? Noch mal nach Crokeham Hill fahren, kam nicht infrage, wenn er nicht im Jugendknast landen wollte, und einfach abzuhauen, irgendwo anders von vorn anzufangen – das war, ehrlich gesagt, auch nicht besonders aussichtsreich. Wie lange konnte sich ein Jugendlicher allein durchschlagen, bis ihm das Geld ausging, bis er aufgegriffen wurde oder ihm noch Schlimmeres zustieß?
Ein Therapeut hätte sicher seine helle Freude daran gehabt, die Gründe für Alex’ Ausbruch zu analysieren, Alex selbst wusste nur, dass es herrlich gewesen war, seinen aufgestauten Gefühlen endlich freien Lauf zu lassen. Und wie beschissen, wie absolut oberbeschissen man sich hinterher fühlte, wenn man begriff, dass sich dadurch überhaupt nichts geändert hatte.
Mal abgesehen davon, dass er eine Woche lang nicht in die Schule musste.
Alex verbrachte die Tage im Haus der Garamonds, wobei Flips Mutter und Vater sich abwechselnd freinahmen. Damit er nicht so allein war, wie sie meinten. Wohl eher, damit sie ihn im Auge behalten konnten. Komischerweise ähnelte diese Situation dem Verhalten seiner eigenen Eltern in den ersten Wochen nach dem Unfall, als sie abwechselnd am Bett ihres Sohnes gewacht hatten. Die Kartenspiele, Scrabble und Kniffel, die er mit dem einen oder anderen Familienmitglied in dieser Woche spielte; die kleinen Reparaturarbeiten am Haus, bei denen er dem Vater half; die Gartenarbeiten, zu denen ihn die Mutter heranzog; wenn sie mittags irgendwo essen gingen oder nachmittags ins Kino, oder die Wanderungen durch die Moorlandschaft. Die Unterhaltungen, die sie führten oder auch nicht führten, während er versuchte, sich wie der Philip zu verhalten, den sie gern haben wollten. Der Philip, dem es allmählich besser ging.
Dabei dachte Alex die ganze Zeit an sein anderes Ich, an den Alex, der zweihundert Meilen (und tausend Lichtjahre) entfernt in einem Krankenhausbett lag.
Genau genommen war dieser Junge, der er war und auch wieder nicht, wach. Wach, aber ohne nachweisbare kognitive Funktion. Einige Webseiten erklärten es besser als andere, aber soweit er es verstanden hatte, schaltete das Gehirn im Wachkoma nicht ganz und gar ab. Der Gehirnstamm – der Teil, der alles kontrollierte, was man ohne Nachdenken tat (Atmung, Herzschlag, Wach-Schlaf-Rhythmus, Verdauung) – lief weiter. Was sich ausschaltete, war das Großhirn, der Teil, mit dem man dachte, der das Sprechen und die Bewegungen steuerte, der sich seiner Umwelt bewusst war, darauf reagierte und damit interagierte. Der Teil, der einen zu einem bewussten Lebewesen machte. Im Wachkoma verlor man im wahrsten Sinne des Wortes das Bewusst-Sein.
Jener andere Alex im St. Dunstan öffnete ab und zu die Augen. Er schlief und schlief nicht, schlief und schlief nicht.
Man hatte ihm einen Katheter gelegt, weil er keine Kontrolle über seine Blasen- und Darmfunktion hatte.
Er war nicht in der Lage, feste oder flüssige Nahrung zu sich zu nehmen, deshalb brauchte er eine Ernährungssonde. (Alex hatte sie auf dem Foto gesehen: ein Schlauch, der ihm aus der Nase kam. Aus der Nase des anderen Alex.) Sein Herz und seine Lungen dagegen arbeiteten weiterhin normal, weshalb er – abgesehen von der Nasensonde – keine weiteren lebenserhaltenden Apparaturen brauchte.
Es war möglich, dass er zwischendurch lächelte, mit den Zähnen knirschte, Tränen vergoss, ächzte, stöhnte, schrie … aber das alles unabsichtlich.
Alex stellte sich vor, wie sein anderes Ich das alles machte.
Er stellte sich Mum und Dad an seinem Bett vor, wie sie hörten, wenn er im Schlaf stöhnte; sahen, wie er weinte; sahen, wie er lächelte; sahen, wie seine geöffneten Augen ins Leere blickten. Wie hielten sie das aus? Wie konnten sie das alles mitansehen, ohne ihn zu schütteln und anzubrüllen: Wach auf, bitte, bitte, WACH DOCH AUF!?
Am »ersten Schultag« ging er, in Begleitung der Eltern, schon früher hin, weil sie sich im Büro des Schulleiters zu einem Gespräch bezüglich Philips »Wiedereingliederung« einfinden sollten. Um Mr Madeleys Schreibtisch saßen außerdem Flips Klassenleiterin und die Schulpsychologin. Für den Rest des Halbjahres würden Miss Sprake und Mrs Belfitt Philips Rettungsanker im stürmischen Meer des schulischen Daseins sein. Selbstverständlich würde man keine Mühe scheuen, ihn als geschätztes Mitglied der Schülerschaft … und so weiter. Schließlich verabschiedeten sich die Garamonds und Alex wurde in die Flure der Litchbury High entlassen. Er überstand den Tag ohne viel Scherereien. Er musste nur DonnaBillie aus dem Weg gehen, auf ein paar Fragen hinsichtlich seiner Virusinfektion, die ihn angeblich von der Schule ferngehalten hatte, mit ein paar Lügen antworten, und er musste Jacks nervige Geschichte über einen Virus anhören (in Afrika oder so), bei dem das Gehirn so stark anschwoll, dass einem die Augen aus den Höhlen gedrückt wurden. Im Unterricht machte Alex nur das Allernötigste, was seiner Rolle als Flip ohnehin entsprach.
Am Ende der letzten Stunde war es so, als wäre er nie weg gewesen.
Trotzdem hatte ihn die Vorstellung, wieder in diese Schule zu müssen, schon den ganzen Tag über und eigentlich schon die ganze Woche lang schwer belastet. Er wollte sich nicht damit abfinden (noch nicht, nicht voll und ganz), dass er dieses Leben führen musste, aber solange er in Flips Welt gefangen war und nicht wusste, wie er ihr entfliehen sollte, kostete es unheimlich viel Kraft, sich für jemanden auszugeben, der er nicht war. Nachdem die Hoffnung seines unüberlegten Ausflugs nach Crokeham Hill Enttäuschung gewichen war, schlug die Enttäuschung nun in etwas noch Schlimmeres um: in dumpfes Selbstmitleid.
»Jetzt schmollt er«, hätte seine Mum gesagt. Sie hätte gesagt, er solle sich erwachsen benehmen, mit dem Quatsch aufhören und dankbar für das sein, was er hatte. Die Sachen halt, die Eltern einem sagen und die einem bekanntlich total weiterhelfen. Aber es gab eine Sache, an die Alex sich klammern konnte, einen schwachen Silberstreif in der Dunkelheit.
Es gab einen lebendigen Körper, seinen eigenen Körper, der auf ihn wartete. Und wenn ein Bewusstsein von einem Körper auf den anderen überspringen konnte, dann konnte es auch wieder zurückspringen.
Am Freitag nach der letzten Stunde hatte er sich wieder in die Bibliothek geschlichen, so wie an jedem Nachmittag in dieser Woche. Gegenüber Flips Freundinnen und Kumpels schützte er nachzuarbeitende Hausaufgaben vor, auch um die Rückkehr in das neue, ihn umhegende und umsorgende Team Garamond hinauszuzögern. Als die Bibliothek schloss, stopfte er die Bücher in seine Tasche und marschierte zum Ausgang. Dort stand Cherry Jones und hielt ihm die Tür auf.
»Oh … hallo«, sagte er.
»Tag«, erwiderte sie und lächelte auf ihre unergründliche Weise.
Gemeinsam gingen sie hinaus auf den Flur. Seitdem er das Gedicht in ihren Spind geschoben hatte, waren sie einander mit einer gewissen Scheu begegnet, ohne dass einer von ihnen die Sache jemals erwähnt hätte. »Willst du die Musikprüfung machen?«, fragte Alex, als er sah, wie Cherry ein Notenblatt in die Tasche steckte.
»Nein, wir haben Montag ein Konzert und ich muss übers Wochenende noch üben.« Sie zog den Reißverschluss der Tasche zu. »Ich spiele Cello.«
»Ich weiß. Du hast dein Instrument ja auf dem Parkplatz dabeigehabt.«
»Aber seit wann interessierst du dich für Musikprüfungen?«, fragte sie. Nicht gehässig, eher mit belustigter Neugier oder als wollte sie ihn ein bisschen aufziehen.
Er hätte ihr gern erzählt, dass er Klarinette spielte, aber sie wusste wahrscheinlich, dass das nicht stimmte – für Flip. Alex konnte sich gut vorstellen, wie Cherrys dünner Arm den Cellobogen hin und her bewegte und wie sie konzentriert den Kopf senkte. »Macht’s dir Spaß?«, fragte er, ohne auf ihre Frage einzugehen.
»Was? Cello spielen? Ja, sehr.«
Alex dachte an seine Klarinette, die noch in seinem Zimmer in Crokeham Hill stand. »Holt dich deine Mutter ab?«, erkundigte er sich, als sie draußen an der Mauer vorbeikamen, auf der er Cherry schon einmal hatte warten sehen.
»Nein, heute nehme ich den Bus.«
Alex fiel auf, dass er keine Ahnung hatte, wo sie wohnte oder wo ihre Bushaltestelle sein mochte. Aber sie schien erst mal in die gleiche Richtung zu müssen wie er und so gingen sie einträchtig Richtung Innenstadt.
»Am Mittwoch in Darstellendes Spiel, das war ja echt zum Schreien«, sagte Alex nach einer Weile.
»Die Improvisationsübung? Stimmt.« Cherry lächelte. Diesmal richtig.
DS war früher nicht sein Ding gewesen. Aber als Flip machte es ihm überhaupt nichts aus, sich vor anderen zu produzieren. Es machte ihm sogar Spaß. Die Lehrerin hatte die Klasse in Paare aufgeteilt und jedes Paar musste bei einem Rollenspiel nur mit Gesten und Mimik arbeiten.
»Carolyn war saukomisch«, sagte Alex und ahmte sie nach: »Das sollte ›Wut‹ darstellen, oder? Und Nick Trevor ruft ganz laut: ›Verstopfung!‹«
»Und Reuben erst! Das hätte alles Mögliche sein können, bloß nicht ›Trauernder Ehemann‹!«
Auf dem Weg bergab spielten sie die besten Improvisationen noch einmal nach, brachten sich gegenseitig zum Lachen, bis Flips Handy klingelte. Es war die Mutter. Sie hatte sich angewöhnt, ihn jeden Nachmittag um diese Zeit von der Arbeit aus anzurufen und zu fragen, wie es in der Schule gelaufen war. Dabei wollte sie eigentlich nur wissen, wo er steckte, wollte sich rückversichern, dass ihr Sohn nicht in einem Zug nach London saß oder sich am Dachbalken aufgehängt hatte. Alex lieferte ihr die Antworten, die sie hören wollte. Als er das Handy wieder wegsteckte, sagte er: »Na, wie war das – ›Junge telefoniert mit seiner Mutter‹?«
Cherry tat skeptisch: »Hast du den Jungen oder die Mutter gespielt?«
Alex musste lachen. Er hatte schon befürchtet, der Anruf hätte den Zauber gebrochen und zwischen ihnen würde es wieder steif und verlegen zugehen, aber so war es nicht. Überhaupt nicht. »Du bist komisch«, sagte er.
»Merkwürdig-komisch oder lustig-komisch?«
»Beides.«
»Na, toll. Danke.« Aber er sah, dass sie eher belustigt als beleidigt war.
»Merkwürdig-interessant«, sagte er. »Merkwürdig im Sinne von nicht langweilig oder vorhersehbar.«
»Merkwürdig im Sinne von schräg, meinst du.«
»Das hab ich nicht gesagt.«
»Ich habe ein Wörterbuch dabei. Zwing mich nicht, es rauszuholen.«
Alex musste gleich abbiegen. Was er jetzt sagte, hatte er überhaupt nicht geplant, es kam einfach so heraus: »Willst du vielleicht … äh« – er schaute in die Richtung von Flips Haus – »wir könnten … Musik hören. Wenn du magst. Es sei denn, du musst gleich nach Hause.«
»Philip …«
»Oder ich hole rasch den Hund, dann können wir mit ihm spazieren gehen. Okay?«
»Nicht, Philip.«
»Was ist denn?«
»Es war lustig, mit dir nach Hause zu laufen. Es ist einfach …«
»Ich höre schon ein ›aber‹ kommen.«
»Aber du bist Flip Garamond. Und Flip Garamond verabredet sich nicht mit Mädchen wie mir.«
»Was meinst du mit ›Mädchen wie mir‹? Was für eine Sorte Mädchen bist du denn?«
»Ich bin nicht wie Donna oder wie Billie.«
»Weiß ich. Das ist ja der Punkt.«
Sie sah ihn an, dann sagte sie: »Ich muss los. Mein Bus kommt in fünf Minuten.«
»Hast du es nicht gespürt?«, fragte er. »Damals auf dem Parkplatz. Und seither auch.«
»Sag mal, klappt das bei den anderen wirklich?«, fragte sie amüsiert. »Mädchen sind echt so …«
»Was wäre, wenn ich dir sagte, dass ich es nicht bin?«
»Dass du was nicht bist?«
»Philip Garamond.«
Es kam ihm vor, als müsste sein Herz stehen bleiben, aber Cherry lachte nur. »Bravo! Ist das wieder eine Improvisation? Junge mit Identitätskrise?«
Alex ruderte zurück, denn er fürchtete, zu viel verraten zu haben. »Wär das nicht cool, wenn man jemand anders sein könnte? Man könnte tun und lassen, was man will.«
Halb amüsiert, halb zweifelnd erwiderte sie: »Das kann man doch auch so.«
»Nein, ich meine …« Aber er wusste selbst nicht recht, was er meinte.
Jedenfalls verabschiedete sich Cherry und ging zum Bus.
Am Abend zog er sich, wie immer, nach dem Essen in Flips Zimmer zurück, um angeblich Hausaufgaben zu machen. Stattdessen ging er, wie immer, ins Internet – mit einem Schulthema in einem Fenster, das er sofort in den Vordergrund holen konnte, wenn jemand hereinkam. Seit seiner Rückkehr aus London hatte Alex dort weitergemacht, wo er aufgehört hatte. Mit seiner Recherche. Er durchsuchte Webseiten, schrieb Mails, postete in einem durchgeknallten Forum nach dem anderen, immer in der Hoffnung, eine Erklärung für das zu finden, was ihm zugestoßen war; unter Milliarden Menschen jemanden ausfindig zu machen, dem das Gleiche passiert war, jemanden, der noch am Leben war und ihm alles erklären konnte.
Aber wie immer zog er nur Nieten.
In dieser Nacht suchte ihn wieder ein Albtraum heim.
In diesem Traum rannte er über eine Straße. Nein, nicht über eine Straße, sondern eine Straße entlang. Bergab, einen immer steileren Hang hinunter, und schneller, als es menschenmöglich war. So schnell, dass die Geschwindigkeit an seinem Gesicht zerrte und seine Beine ausschlugen, als könnten seine Füße jeden Augenblick wegfliegen.
Und die Straße wurde immer steiler. Und er rannte immer schneller.
Und der Wind rauschte in seinen Ohren. Aber es war nicht der Wind, es war das Kreischen eines Motors, lauter und lauter, bis ein – dreh dich um Himmels willen nicht um, dreh dich nicht um! –, bis ein weißer Lieferwagen mit blendenden Scheinwerfern von hinten auf ihn zuhielt. Gleich hatte er ihn eingeholt, gleich würde er ihn … gleich … Doch in dem Moment, in dem er sich umdrehte, stolperte er und fiel kopfüber hin. Bevor er auf dem Bordstein aufschlug, blitzte die Fratze des Fahrers auf, eingerahmt von der Windschutzscheibe.
Es war sein eigenes Gesicht.
Anscheinend hatte er beim Aufwachen laut geschrien. Die Mutter kam herein, um nachzuschauen. Schlecht geträumt, sagte er. Sie setzte sich auf die Bettkannte und strich die Zudecke glatt. Strich ihm über die feuchte Stirn. Er dämmerte weg, stellte sich vor, die Hand gehöre seiner eigenen Mutter.
»Du hast versucht, es mir zu sagen, stimmt’s?« Sie streichelte ihn weiter. »An diesem Montagmorgen, als du … als ich dich aus dem Bad zerren musste, damit du nicht zu spät zur Schule kommst.«
»Was denn sagen?«
»›Ich bin nicht Philip‹, hast du gesagt. ›Ich heiße Alex, Alex Gray.‹ Weißt du noch?« Als Alex stumm dalag, fuhr sie fort: »Ist es dir denn so zuwider?«
»Zuwider? Was?« Seine Stimme kam ihm selbst eigenartig erstickt vor. Tonlos.
»Bei uns zu sein. Philip Garamond zu sein.«
Einen schwindelerregenden Augenblick lang dachte er, sie wüsste es, dachte, sie spräche mit ihm als Alex und nicht als Flip. Aber nein. Sie nannte ihn »Philip«. Philip, du darfst nicht glauben, dass wir dich nicht lieb haben. Niemals, bitte, mein Schatz. Du darfst dein Leben nicht verabscheuen, ich bitte dich. Sie beugte sich über ihn, drückte ihm einen unbeholfenen Kuss auf die Wange. Er konnte es riechen, er hörte es ihrer Stimme an: Flips Mutter war immer noch angetrunken vom Abendessen. So ging sie damit – mit ihm – um, Abend für Abend, Glas für Glas.
Alex lag mit geschlossenen Augen da, das Gesicht abgewandt und zur Wand gedreht.
Im Nachhall des Albtraums wollte sich der Schlaf nicht mehr einstellen. So war es fast immer. Schließlich gab Alex es auf, schlüpfte aus dem Bett, zog seinen Morgenmantel über und schaltete den PC an. Es war zwar erst ein paar Stunden her, dass er seine Mails zuletzt gecheckt hatte, aber es konnte ja nichts schaden, noch einmal nachzuschauen, ehe er zum Online-Schach wechselte.
Eine neue Nachricht.
Bestimmt bloß wieder Müll, wie die anderen Mails auch, die Alex bis jetzt bekommen hatte. Meistens handelte es sich um ellenlange, ausschweifende Antworten, die entweder völlig verrückt oder depressiv waren oder einfach nur pervers.
Diese jedoch nicht. Diese wirkte einigermaßen normal. So normal, dass Alex sie mehrmals durchlesen musste, bis er den Cursor von »Löschen« wegbewegte und ihn über den angegebenen Link dirigierte.
Hey iamalex1
Was du da schreibst, nennt man psychische Evakuierung oder Evakuierung der Seele. Probier’s mal hier: evakuierungderseele.com.
viel Glück, Rob (aka Corb1959)