Es war schlimm genug, in einem unbekannten Haus aufzuwachen, festzustellen, dass über Nacht ein halbes Jahr vergangen war und dass eine wildfremde Frau einen für ihren Sohn hielt.
Aber das alles war lächerlich im Vergleich zu dem, was Alex kurz darauf im Badezimmerspiegel erblickte.
Die Frau hatte ihn mehr oder weniger am Schlafittchen die Treppe hochgeschleift, wobei sein Protest sie nur noch mehr aufgebracht hatte.
Ich bin nicht Philip … Ich kenne überhaupt keinen Philip … Was geht hier eigentlich vor? … Sie sind nicht meine Mutter … Wer sind Sie? … Wo bin ich? … Lassen Sie mich los … Ich heiße Alex, Alex Gray … Ich will meine Eltern anrufen …
ICH BIN NICHT PHILIP!
Aber dann, nachdem ihn die Giraffenfrau ins Bad geschubst, die Tür hinter ihm zugeknallt und sich draußen im Flur als Wache postiert hatte, sah Alex zum ersten Mal sein Spiegelbild.
Besser gesagt, er sah das Spiegelbild eines anderen.
Eines Jungen in seinem Alter. Der Junge hatte weder Sommersprossen noch rotblonde Haare noch helle, fast unsichtbare Augenbrauen, er hatte weder einen kleinen Leberfleck neben dem Adamsapfel noch blaue Augen, einen angeschlagenen Schneidezahn oder ein Kinngrübchen. Das Gesicht, das Alex aus dem Spiegel entgegenblickte, war sonnengebräunt und hatte braune Augen, auf der Oberlippe den stoppligen Ansatz eines Schnurrbartes und dunkle Haare, die so kunstvoll unfrisiert aussahen, wie es Alex mit seinen eigenen Haaren nie hinbekam. Der einzige Makel war ein leichter Knick in der Nase, der offenbar von einem früheren Bruch herrührte. Alex betastete seinen eigenen Nasenrücken. Der Junge im Spiegel tat dasselbe. Alex spürte ganz deutlich die Unebenheit unter seiner Haut.
Er beugte sich über die Kloschüssel und übergab sich, spuckte unverdaute Milch und Cornflakes aus.
Von draußen tönte es: »Beeil dich, Philip!«
Philip.
Er betrachtete seine Hände. Sie waren zu groß. Seine Arme genauso. Er hatte Muskeln. Auf den Unterarmen sprossen schwarze Haare statt rötlicher. Seine Finger waren dicker, die Nägel leicht geriffelt. Das Muster der Adern auf den Handrücken war anders. Das waren nicht seine Hände! Und doch, als er das Waschbecken volllaufen ließ und die fremden Hände eintauchte, meldete ihm sein Gehirn, dass das Wasser warm war. Als er sich vorbeugte und sich das Gesicht wusch, das nicht sein Gesicht war, spürte er das Wasser auf die Haut spritzen, die nicht seine Haut war. Er richtete sich blinzelnd wieder auf und sah zu, wie die Tropfen über das Gesicht des Jungen im Spiegel rannen und auf dessen T-Shirt tropften, das so feucht wurde wie das, das Alex trug.
Ausgeschlossen! So etwas gab es nicht!
Und doch: Der Junge im Spiegel war Philip. Er war Philip. Und wenn das Philip war – wenn Alex jetzt so aussah –, dann war es auch kein Wunder, dass Philips Mutter ausrastete, wenn er behauptete, er sei ein anderer. Kein Wunder, dass sie geschimpft hatte, er führe sich wie ein Siebenjähriger auf.
Ich bin nicht Philip! Sie sind nicht meine Mutter!
Kein Wunder, dass sie ihm nicht geglaubt hatte. Und sie würde ihm wohl auch jetzt nicht glauben, wenn er aus dem Bad käme und ihr erzählte, er sei im Körper ihres Sohnes aufgewacht.
Er konnte es ja selber nicht richtig glauben. Er hoffte einfach, dass Philips Gesicht, wenn er das nächste Mal in den Spiegel schaute, verschwunden war und er wieder sein eigenes Gesicht erblickte.
Aber nein – »Philip« war jedes Mal wieder da.
Alex trocknete sich umständlich ab, Er zitterte so heftig, dass er das Handtuch fallen ließ. Erst jetzt merkte er, dass auch seine Beine behaarter und muskulöser waren. Als er pinkelte, kam der nächste Schock: a) Schamhaare, b) Größe. Nein. Das ging gar nicht! Das wäre ja, als würde er einem anderen Jungen beim Pinkeln das Ding halten. Er drehte sich um, setzte sich wie ein Mädchen auf die Brille, putzte sich flüchtig die Zähne und verließ hastig das Bad, damit er sich nicht länger im Spiegel ansehen musste.
Aber so einfach wurde er das Bild nicht los. Außerdem: Falls er tatsächlich irgendwie und unerklärlicherweise im Körper eines anderen Jungen aufgewacht war, mit dem Gesicht eines anderen Jungen und so weiter … was war dann mit seinem eigenen Körper passiert? Und was war aus »Philip« geworden? Schaute dieser Philip soeben in Alex’ Elternhaus in den Spiegel und betrachtete ungläubig ein fremdes Gesicht? Scheuchte ihn eine Frau, die nicht seine Mum war, ebenfalls in die Schule?
Draußen auf der Straße schaute Alex in Philips Schuluniform (schwarzes statt grünes Jackett, einfarbig graue statt diagonal grün-grau gestreifte Krawatte) Philips Mutter nach, die in ihrem hellblauen Punto zur Arbeit (welcher?) fuhr. Anscheinend wurde er nicht zur Schule gebracht. Sie hatte ihre Pflicht getan und ihn aus dem Haus bugsiert – alles andere war seine Sache. Eigentlich kein Problem, mal davon abgesehen, dass er keinen blassen Schimmer hatte, in welche Schule er ging. Oder wo diese Schule überhaupt war.
Was andererseits keine Rolle spielte, da Alex nicht vorhatte, an diesem Morgen zur Schule zu gehen.
Er zog Philips Handy aus der Jackentasche. Er hatte es auf einem Regal in Philips Schlafzimmer neben einer Handvoll Kleingeld und einer teuren Armbanduhr entdeckt. Fünf vor halb neun. Wenn heute wirklich Montag war, war Dad schon zur Arbeit gefahren und Mum brachte Sam gerade in den Hort, ehe sie selbst zur Arbeit fuhr. Alex setzte sich auf die Mauer vor dem Haus und schaltete das Handy ein. Es war ein flacheres, schickeres Modell als sein eigenes, aber einigermaßen unkompliziert zu bedienen. Dummerweise wusste Alex die Handynummern seiner Eltern nicht auswendig. Sie waren im Adressbuch seines eigenen Handys gespeichert. Mums Nummer auf der Arbeit genauso und Dad hatte ihm seine Büronummer nie gegeben (ihn auf der Arbeit anzurufen, war streng verboten). Alex kannte natürlich die Festnetznummer von zu Hause, aber dort würde niemand abnehmen und eine Nachricht erst am Abend abgehört werden. Darum rief er die Auskunft an und fragte nach der Nummer der Schule, in der seine Mutter arbeitete, rief dort an und ließ sich in die Bibliothek durchstellen. Mum fing erst um neun Uhr an, aber Alex konnte ihr zumindest eine Nachricht hinterlassen, die sie bald abhören würde.
Ihre Stimme auf dem Band erwischte ihn so plötzlich, dass er erst keinen Ton herausbrachte. Dann sagte er: »Hallo, Mum, ich bin’s, Alex. Ich … ich weiß nicht, was los ist oder wo ich bin oder sonst was, aber … ich bin hier. Mir geht’s gut. Kannst du mich bitte zurückrufen? Kannst du herkommen und mich abholen?« Wieder blieb ihm die Stimme weg, aber er riss sich zusammen, erklärte, dass er von einem fremden Handy anrief, und las die Nummer vor, die in den Kontakten unter ICH! stand. »Ich kapier gar nichts mehr, Mum. Ich hab Angst. Ich will … ich will nach Hause.«
Alex fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und atmete ein paarmal tief durch. Und jetzt?
Er sah wieder auf die Uhr. Wenn Mum den Anrufbeantworter gleich abhörte, sobald sie in der Bibliothek eintraf, musste er eine halbe Stunde auf einen Rückruf warten. Auf der Mauer vor dem Haus fiel er unnötig auf, fand er, aber wieder reingehen konnte er auch nicht – er hatte keinen Schlüssel. Er wühlte in Philips Jackentaschen. Kein Schlüssel. Nur ein Papiertaschentuch, ein Snickers-Papier und ein blauer Kugelschreiber.
Da summte das Handy. Vor Schreck hätte Alex es fast fallen lassen. Eine SMS, kein Anruf. Er tippte auf »Öffnen«, denn es konnte ja trotzdem seine Mutter sein. Auf dem Display stand allerdings: »Donna«.
hey sxy, wo steckste? machst du blau?!?
Er schloss die Nachricht wieder. Philip hatte also eine Freundin. Schön für ihn.
Er hatte die Eingebung, seine eigene Nummer anzurufen. Falls wirklich eine Art Körpertausch stattgefunden hatte, hatte Philip ja vielleicht Zugriff auf Alex’ Handy. Einen Versuch war’s wert. Aber als Alex gewählt hatte, teilte ihm eine Stimme vom Band mit, die Nummer sei nicht bekannt. Er versuchte es noch einmal. Wieder dasselbe. Wie konnte das sein?
Er starrte das Telefon ein paar Sekunden an, dann steckte er es weg.
Okay. Hier rumzuhocken brachte auch nichts. Also warf er sich Philips Schultasche über die Schulter und schlenderte die Straße hinunter, ohne zu wissen, wohin er eigentlich wollte, aber irgendwo musste er ja hingehen. Wenn seine Mutter ihn abholte, musste er ihr schließlich sagen können, wo er war.
Philips Familie wohnte in einer Gegend mit gediegenen Ein- und Zweifamilienhäusern. Aus Natursteinen gemauert, nicht aus Backsteinen. Begrünte Vorgärten, schicke Autos davor. Am Ende der Straße bog Alex nach links in eine breitere Straße ab. Hinter den Dächern unbebaute Landschaft – Felder, Hügel, Bäume, Schafe. Demnach war er nicht in London, oder wenn doch, dann am äußersten Stadtrand. Hatte er überhaupt genug Geld dabei, um im Notfall allein nach Hause zu fahren? Er kramte noch einmal in Philips Taschen und fand etwas Kleingeld. Es würde wohl gerade für einen Bus- oder U-Bahn-Fahrschein reichen. Auf der anderen Straßenseite stand ein Supermarkt, dahinter verliefen Eisenbahnschienen. Autos fuhren vorbei, aber Alex war noch keinem Fußgänger begegnet. Er hatte niemanden fragen können: Entschuldigung, können Sie mir bitte sagen, wo ich hier bin? Eigentlich war es ganz hübsch hier, auch wenn er nicht wusste, wo das eigentlich sein sollte. Die Sonne schien auf die Häuserfassaden, in der Ferne erhoben sich grünviolette Hügel unter dem strahlend blauen Himmel. Alex schwitzte. Philips Jacke war zu warm. Wieder wunderte er sich darüber, dass Sommer war – Juni – und nicht grauer, feuchter Winter wie noch vor knappen elf Stunden.
In einer einzigen Nacht hatte er ein halbes Jahr verschlafen. Am liebsten hätte Alex seinen Vater angerufen. Wie Dad das wohl »logisch« erklärt hätte?
Als er an seinen Vater dachte, kamen ihm wieder die Tränen. Wenn es hier Juni war, musste es zu Hause auch Juni sein, und das bedeutete … dass er ein halbes Jahr verschwunden war? Oder war er in eine Zeitschleife geraten? Nein, höchstwahrscheinlich hatten seine Eltern nicht nur keine Ahnung, wo er steckte, sondern machten sich schon seit Dezember die größten Sorgen um ihn.
Um ihren vermissten Sohn. Oder war »Philip« jetzt ihr Sohn?
Alex hatte Angst, mitten auf dem Bürgersteig zusammenzubrechen, aber er fing sich noch mal. Gerade eben. Seit er aus dem Haus gegangen war, hatte er sich eigentlich ganz gut gehalten. Er hatte sich darauf konzentriert, die Sache praktisch anzugehen; hatte versucht, nicht daran zu denken, wie er aussah und dass es sich grundfalsch anfühlte, in einem fremden Körper durch die Gegend zu laufen; und es war ihm tatsächlich gelungen, sich von dem abzulenken, was ihm zugestoßen war. Er hatte es geschafft, wieder Alex zu sein, wenn auch nur vorübergehend. Er dachte wie Alex. Der Körper mochte Philip gehören, aber der Verstand war noch sein eigener. Innerlich kam er sich gar nicht verändert vor. Allerdings quälte ihn der Verdacht, dass ihm irgendetwas Schreckliches, Ungeheuerliches zugestoßen war. Diesen Gedanken hatte er die ganze Zeit im Hinterkopf, er ließ sich nicht ausblenden.
Er kam jetzt an einer Ladenzeile vorbei, an einem Parkplatz und an noch mehr Läden, einem Postamt und einem indischen Restaurant, danach folgte ein Bahnhof mit Haltebuchten für Busse. Auf dem Schild am Bahnhof stand: Litchbury.
Von dieser Ortschaft hatte Alex noch nie gehört. Er ging zum Aushang mit den Fahrplänen, wo er eine Karte des regionalen Schienennetzes fand. Ein paar Leute kamen aus dem Bahnhof oder gingen hinein, manche gingen auch in den kleinen Supermarkt oder warteten auf den Bus. Alex spürte ziemlich deutlich, dass er unter diesen Fremden ein Außenseiter war, der sich irgendwie verdächtig benahm, wie ein Spion oder so. Dabei schenkte ihm niemand besondere Beachtung. In den Augen der Leute war er wahrscheinlich ein ganz gewöhnlicher Junge, der heute die Schule schwänzte. Er sah sich die Schienennetzkarte genauer an. Litchbury lag am Ende einer Strecke, die bis – er fuhr die Linie … nein, nicht mit seinem, sondern mit Philips Finger nach –, bis nach Leeds führte. Leeds. Wo lag das noch mal? Irgendwo im Norden. Jedenfalls ziemlich weit weg von London. Seine Stimmung kippte wieder. Andererseits hätte er ja auch sonst wo landen können, dachte er dann, in Tokio, Mumbai, Buenos Aires. Verglichen damit war Litchbury nicht allzu übel. Trotzdem gefiel ihm die Vorstellung nicht, dass er so weit weg von Mum, Dad und Sam war, und dass es ziemlich lange dauern konnte, bis Mum ihn hier abholte.
Und wenn sie ihn dann abholte …
Wie sollte er ihr klarmachen, dass ihr Sohn im Körper eines fremden Jungen steckte? Dass ihr Sohn sie aus einem fremden Gesicht anblickte? Vielleicht glaubte sie ihm sogar, aber wie sollte sie ihm helfen, wie sollte sie das rückgängig machen? Wie? Konnte ihm überhaupt jemand helfen? Was spielten schon ein paar Stunden für eine Rolle, wenn er womöglich Tage, Wochen, Monate, Jahre hier festsaß?
Sein ganzes Leben lang.
Das Telefon summte wieder. Er holte es heraus und las die Nachricht.
Nach Schule im Smoothies? Bis dann Bx.
Diese SMS kam laut Display von einer »Billie«. Philip hatte also zwei Freundinnen.
Um sich die Zeit bis zu Mums Rückruf zu vertreiben, pflanzte er sich auf eine Bank vor dem Bahnhof und schaute in Philips Schulrucksack. Den hatte ihm die Giraffenfrau beim Verlassen des Hauses in die Hand gedrückt. Was da wohl drin war? Hausschlüssel vielleicht, Geld, Schulbrote (weil Alex das Frühstück wieder ausgekotzt hatte, meldete sich jetzt der Hunger). Womöglich irgendwelche Hinweise darauf, wer Philip eigentlich war. Es gab Milliarden Menschen auf der Welt und er war ausgerechnet bei Philip gelandet. Das konnte doch kein Zufall sein. Zwischen ihnen beiden musste es irgendeine Verbindung geben.
Alex öffnete die verschiedenen Fächer der Tasche und breitete alles neben sich auf der Bank aus. Die Ausbeute war ziemlich mager. Eine zusammengerollte Regenjacke, Schulbücher (Mathe, Geschichte, Französisch), ein Schulplaner, ein Snickers-Papier, Kugelschreiber, Bleistifte, ein Lineal, ein Spitzer, ein Taschenrechner, ein iPod, ein Spielplan des Yorkshire County Kricket Club, ein Feuerzeug, ein Päckchen Spielkarten, ein 1-GB-Memory-Stick, Deo (Marke Lynx), Haargel, Mundspray, eine Zweipence-Münze, ein vertrockneter Apfelbutzen, eine halbe Rolle Pfefferminz, eine Schülermonatskarte, vier Gummiringe, zwei Büroklammern, eine Handy-Guthabenkarte, noch ein Snickers-Papier und zu guter Letzt ein kleiner Schlüssel (für den Schulspind?) an einem Schlüsselring in Busenform.
Alex steckte ein Pfefferminz in den Mund, versenkte den Apfelbutzen und die Papierchen im Mülleimer und verstaute alles andere wieder in der Tasche, nur den Planer, den iPod und die Spielkarten nicht. Die Schachtel war zu leicht für einen Satz Spielkarten. Alex schob den Deckel auf. Zigaretten. Das erklärte den schlechten Geschmack im Mund beim Aufwachen, ebenso das Feuerzeug, das Pfefferminz und das Mundspray. Alex hatte nie geraucht, bis auf eine halbe Probierzigarette bei einer Party. Auch wenn es ihm geschmeckt hätte (was nicht der Fall gewesen war), war Rauchen für einen Asthmatiker keine gute Idee. Alex fiel ein, dass er jetzt kein Asthma mehr hatte. Er holte Luft – tief und ohne Pfeifen – und ließ die Luft in einem langen Atemzug wieder ausströmen.
Das waren eindeutig Philips Bronchien. Philips Lungen.
So musste sich ein Patient mit einer neuen Lunge fühlen oder mit einem neuen Herzen oder einer neuen Leber. Bei Alex handelte es sich allerdings um eine Ganzkörpertransplantation. Haut, Gewebe, Muskeln, Sehnen, Knochen, Blut, innere Organe – das volle Programm. Alles, was ihm von sich selbst geblieben war (soweit er das bis jetzt beurteilen konnte), war sein Gehirn. Vielleicht nicht mal das Gehirn als solches, sondern lediglich die Gedanken. Der Verstand oder … das Bewusstsein. Jedenfalls das, was Alex ausmachte.
Er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Es war einfach zu krass.
Er wandte sich dem Planer zu: A5, Spiralbindung, durchsichtiger Plastikdeckel. Darunter das Wappen, das Motto (Cognitio vincit omnia) und der Name der Schule (Litchbury High School). Philip hieß mit Nachnamen ›Garamond‹ (was war das denn für ein Name?) und er ging in die 9b. Demnach waren sie im gleichen Schuljahr. Eine dürftige Übereinstimmung, aber immerhin waren sie gleich alt, hatten das gleiche Geschlecht und lebten im gleichen Land.
Ein Zug war angekommen. Passagiere strömten aus dem Bahnhofsgebäude. Alex schaute auf, weil ihn die vorbeihuschenden Füße ablenkten.
Dann sah er wieder auf die Uhr. Mach schon, Mum! Ruf an. Bitte!
Sie rief bestimmt noch an. Sie würde ihm glauben. Sie würde sofort herfahren und ihn holen. Nach Hause. Weg von hier. Sie würde irgendwie Hilfe organisieren und alles käme wieder in Ordnung. Er würde wieder er selbst sein.
»Garamond!«
Auf der anderen Straßenseite war ein Bäcker. Alex überlegte, ob er sich von Philips Geld ein Wurstbrötchen kaufen sollte, aber er wollte das wenige Geld, das er besaß, nicht einfach so ausgeben.
»Garamond!«
Alex beugte sich wieder über den Schulplaner … Ein Schatten fiel auf die aufgeschlagene Seite.
»Philip Garamond, ich rede mit dir!«
Alex blickte auf. Der Mann hatte eine Glatze und trug eine karierte Jacke, die über dem Bauch spannte, dazu eine rot-weiß gestreifte Fliege. Er hatte eine Aktentasche unter den Arm geklemmt. Die Tasche war dermaßen mit Büchern und Zeitungen vollgestopft, dass sie nicht richtig zuging.
»Es ist zehn vor neun, Junge«, sagte der Mann. »Wieso bist du nicht in der Schule?«