Sie ließen ihn ausschlafen. Seit er abgehauen war, waren nicht mal achtundvierzig Stunden vergangen. Alex kam es eher wie achtundvierzig Tage vor, andererseits aber auch so, als wäre er nie weg gewesen.
So viel dazu, dass er nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen würde.
Als er nach unten kam, saß Flips Vater mit Beagle im Wohnzimmer und schaute Tennis. Alex stand in der Tür und wusste nicht genau, wie man ihn empfangen würde. Der Hund hob den Kopf von der Armlehne, bellte einmal, dann legte er den Kopf wieder ab und schnaufte weiter. Der Vater, der um sich herum Zeitungen auf dem Sofa verstreut hatte, richtete sich auf, als wäre er bei etwas Verbotenem ertappt worden. Angesichts der dunklen Ringe unter Mr Garamonds Augen und seiner insgesamt ziemlich zerknitterten Verfassung nach der langen Fahrt nach London am Morgen zuvor und der langen Fahrt wieder zurück, nahm Alex an, dass Mr Garamond (und wohl auch seine Frau) in den vergangenen zwei Nächten nicht viel geschlafen hatten. Und das alles seinetwegen.
»Morgen«, sagte Alex.
»Nachmittag.« Flips Vater stellte den Fernseher stumm. »Was knurrst du denn?«, sagte er zu Beagle. »Du verstehst den Kommentar sowieso nicht.«
»Er mag die Stimmen«, sagte Alex. »Und den Beifall.«
Er blieb auf der Schwelle stehen. Er wusste nicht, ob das, was er über den Hund gesagt hatte, stimmte; er hatte einfach nur irgendetwas sagen wollen. Jedenfalls war es besser als die Stille, die sich unter dem Gewicht von Dein kleiner Ausflug nach London zum Zerreißen spannte. Gestern Abend auf der Fahrt nach Norden war nicht viel geredet worden, nur ab und zu ein kurzer Wortwechsel, der sie nicht weitergebracht hatte; dazwischen lange Passagen beklommenen Schweigens. Als sie endlich ankamen, war es zu spät; alle waren fix und fertig.
Heute war der Tag der Aussprache. Wenn auch nicht jetzt gleich.
»Weißt du noch, unser Urlaub in Norfolk? Das kleine Haus mit dem Tennisplatz?«, fragte der Vater. »Da hat Beagle die ganze Zeit am Netz gesessen, als wäre er der Schiedsrichter.«
Natürlich erinnerte sich Alex an nichts dergleichen, aber er lächelte trotzdem. Flips Vater saß vorgebeugt auf dem Sofa und verschränkte die Hände. Er gab sich alle Mühe, die Situation »normal« aussehen zu lassen. Als wäre Alex – also Philip – ein Soldat, der mit einem schrecklichen Kriegstrauma ausgemustert und nach Hause geschickt worden war.
»Wo … wo ist Mum?« Mum. Er hatte sich überwunden, das Wort auszusprechen.
»Hinten im Garten, glaube ich. Unkraut jäten.«
Sie schauten beide auf den Fernseher, wo sich die Spieler stumm hin und her bewegten. »Ich geh mal runter«, sagte Alex. »Mach mir Frühstück. Oder Mittagessen. Egal.«
»Alles klar. Mach nur.« Mr Garamond sah beinahe erleichtert aus.
Alex blieb noch kurz in der Tür stehen. Das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, meldete sich wieder, aber er hatte schon so oft »Tut mir leid« gesagt, dass er es selbst nicht mehr hören konnte. Stattdessen sagte er: »Danke.«
Stirnrunzeln. »Wofür?«
»Dass ihr mich abgeholt habt.«
Der Vater lachte unsicher. »Wir hätten dich ja schlecht dort lassen können, oder?«
Dass sich die Garamonds so für ihn eingesetzt hatten, war Alex’ Rettung gewesen.
Er hatte stundenlang auf der Polizeiwache in Crokeham Hill gesessen und die Bullen wollten ihre harte Tour einfach nicht aufgeben. Als Flips Eltern eintrafen, gut gekleidet, sprachgewandt und voll elterlicher Sorge, dabei höflich, mit vielen Entschuldigungen und zutiefst beschämt über das Verhalten ihres Sohnes, ließen sich die Beamten ein wenig besänftigen. Die Garamonds waren anständige Leute, das sah man auf den ersten Blick. Berufstätig, obere Mittelschicht, erschüttert darüber, was Philip getan hatte, geradezu gepeinigt von der Vorstellung, dass eins ihrer Kinder … und so weiter. Als ihr Sohn wirkte Alex gleich nicht mehr ganz so verabscheuungswürdig. Vorher war er für die Polizisten einfach nur ein x-beliebiger jugendlicher Rumtreiber mit zerschlagenem Mund aus dem Norden gewesen, der allem Anschein nach im Freien genächtigt hatte. Ein Stück Abschaum, das die Familie und Freunde dieses bedauernswerten Jungen belästigt, geradezu verfolgt hatte. Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter in Mrs Grays Arbeit (das hatten die Bullen inzwischen herausgefunden), die Mails an David Bell und dass er ihm auf dem Schulweg aufgelauert hatte, und wie hinterlistig er sich bei den Grays eingeschlichen hatte – was für ein Mensch tat so etwas? Anfangs war er auch noch bockig gewesen, hatte behauptet, er wüsste nicht, wie seine Eltern hießen, wie ihre Telefonnummern lauteten und wo sie arbeiteten. Sie wollten ihn unbedingt drankriegen – wegen irgendwas: Belästigung, Eindringen in ein Privathaus unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, böswillige Verleumdung, irgendetwas.
Dann kam der Polizeibericht aus West Yorkshire, dass man dort noch nie Ärger mit Philip Garamond gehabt hätte; er gehe auf eine anständige Schule, war bei Lehrern und Mitschülern beliebt, ein Star der Kricketmannschaft, und auch sonst war sein Betragen unauffällig. Der Schulleiter verbürgte sich uneingeschränkt für ihn. Während die Polizei von Crokeham Hill noch damit beschäftigt war, diese Version des Jungen mit dem Kerl, den sie in Verwahrung hatten, in Einklang zu bringen, tauchten auch schon die Garamonds auf. Und dann der Knaller: Der mit dem Fall betraute Beamte gab bekannt, dass Alex’ Eltern von einer Anzeige absahen, um kein Aufsehen zu erregen.
»Du bist ein echter Glückspilz, mein Junge«, hatte sich einer der Polizisten ausgedrückt.
Nachdem Alex ein uferloses Minenfeld aus Fragen hinter sich gebracht hatte und sich dabei gar nicht wie ein Glückspilz vorgekommen war, wurde er entlassen. Man stellte ihm eine offizielle Verwarnung aus, die ihm von einem ranghohen Beamten in Anwesenheit der Garamonds vorgelesen wurde. Jede weitere strafbare Handlung in Bezug auf Alex Gray würde ihn unweigerlich vor Gericht bringen. Flips Eltern überschlugen sich geradezu, dem Polizisten für seine Nachsicht zu danken, und versicherten ihm, dass es keine Wiederholung geben würde. Dafür würden sie schon selbst sorgen.
Natürlich hatte Alex gelogen. Er hatte die Polizei angelogen und die Garamonds auch.
Die einzige halbwegs logische Erklärung für sein Handeln war, dass er durch die Medienberichte ein ungesundes Interesse an Alex Gray entwickelt hatte. Mit vierzehn, fast schon fünfzehn Jahren war Philip in einem schwierigen Alter (die Hormone spielten verrückt, er war kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen, mehr Freiheiten kollidierten mit größerer Verantwortung und so weiter). Dazu der Druck in der Schule wegen der Einstufungen, in zwei Jahren drohte die Abschlussprüfung; ein durchschnittlicher Schüler an einer anspruchsvollen Schule; Probleme mit der Freundin; ein Formtief beim Kricket, gerade als er es in die Bezirksauswahl geschafft hatte – in letzter Zeit hatte er viel Anspannung, Verwirrung, Unsicherheit durchgemacht. Genau genommen hatte er die vergangenen Wochen und Monate ziemlich vergeigt.
Und da war nun dieser Junge in London, Alex Gray, gleich alt wie Philip – sogar am selben Tag geboren –, der schon so lange im Koma lag. Als Philip die Berichte über Alex in den Zeitungen und im Fernsehen mitgekriegt hat … er konnte es nicht richtig erklären, aber es hatte ihn sehr beschäftigt. Als wäre der Junge eine Berühmtheit und Philip sein leidenschaftlicher Fan. Er fühlte sich zu Alex hingezogen, identifizierte sich mit ihm, stellte sich vor, wie es wohl sei, wenn man so lange ohne Bewusstsein war. Er wünschte sich sogar, es ihm nachzumachen, einfach eine Weile aus dem Leben auszusteigen. Letztes Jahr hatte er eine ähnliche Begeisterung für den Kricketspieler Kevin Pietersen entwickelt.
Es hatte nichts mit Böswilligkeit zu tun. Eigentlich ging es weniger um den Gegenstand seiner Besessenheit als um Philip selbst. Diese übertriebene Leidenschaft war in Wirklichkeit ein Hilfeschrei. Philip wünschte sich Beachtung. Was natürlich eine verrückte Methode war, das sah Philip jetzt ein. Er hatte eine verdrehte Fantasie ausgelebt – dabei war er zu weit gegangen und hatte sich selbst Ärger eingehandelt und anderen Menschen Kummer bereitet. Seine Festnahme war als heilsamer Schock zu betrachten, als notwendige Erdung, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Es tat ihm alles furchtbar leid. Mehr, als er sagen konnte.
Das war das Bild von Philip Garamond, das auf der Wache nach und nach entstanden war. Die Polizisten, Flips Eltern und die Sozialarbeiterin, die bei der Befragung anwesend war, trugen einiges dazu bei, aber das meiste kam von Alex selbst. Er ermutigte die anderen, in dieser Richtung weiterzudenken, bis sie selbst davon überzeugt waren. Er spielte die Rolle, die von ihm erwartet wurde, lieferte die Antworten, die zu ihrer Theorie passten. Eine Lüge nach der anderen.
Die Alternative, die keine war, hätte darin bestanden, die Wahrheit zu sagen.
Eine erstaunliche Entdeckung machte Alex jedoch bei der ganzen Lügerei. Als es darum ging, weshalb er sich so krankhaft für Alex Gray interessierte, meldete sich Mr G mit seiner Erklärung zu Wort.
»Es würde mich nicht wundern, wenn es etwas mit dem Krankenhaus zu tun hätte.«
Verdutzte Blicke. Flips Mum sah ihren Mann an, als hätte er einen fahren lassen. Dann dämmerte ihr offenbar, worauf er anspielte. »Ach so!«, sagte sie, wandte sich den Polizisten zu und erklärte: »Wir haben vor ein paar Jahren hier in London gewohnt, als Michael einen Lehrauftrag an der Goldsmiths-Uni hatte.« Sie nannte ein Viertel, das nur wenige Kilometer von Crokeham Hill entfernt war. »Unser Philip«, Mrs Garamond legte Alex die Hand auf den Arm, »unser Philip ist im St. Dunstan zur Welt gekommen – in dem Krankenhaus, wo jetzt dieser arme Junge liegt.«
Ich auch!, dachte Alex, konnte sich aber gerade noch beherrschen, es laut herauszuschreien. Ich auch!
In Yorkshire wurde das Verhör fortgesetzt. Eine »Familiensitzung«. Sie dauerte schon fast eine Stunde, aber Flips Mum war wie ein Hund, der endlos an einem Knochen herumnagte. »Was mir einfach nicht aus dem Kopf geht«, sagte sie, »ist die Tatsache, dass du das alles durchgemacht hast und nicht ein Mal – kein einziges Mal – daran gedacht hast, zu uns zu kommen und mit uns darüber zu reden.«
»Welcher Junge seines Alters redet schon mit seinen Eltern?«
»Über so was schon, Michael. Über so was schon.«
Mr Garamond schüttelte den Kopf. »›Hört mal, Mum, Dad, ich bin von einem Jungen besessen, der zweihundert Meilen von hier im Koma liegt.‹ Ich kann gut verstehen, warum er uns das nicht erzählen wollte.«
»Wie jetzt, Dad?«, sagte Teri. »Liegt es an dem zweihundert Meilen entfernten Jungen … oder an dem Koma?«
Die Mutter sah sie streng an. »Teri, du bist wirklich keine große Hilfe.«
»Es ist kein Koma, sondern ein apallisches Syndrom«, sagte Alex. »Hat die Sozialarbeiterin gesagt. Ein sogenanntes Wachkoma.«
»Woah, du Psycho! Du musst’s ja wissen, du hast ja selber vierzehneinhalb Jahre in diesem Zustand verbracht.«
»Ich verbiete dir, deinen Bruder Psycho zu nennen!«
Flips Schwester zuckte die Achseln. »Hey, ich bin total für häusliche Pflege, echt, aber haben wir einen Plan B, falls er richtige Anfälle kriegt?«
»Jetzt reicht’s aber. Raus mit dir!«
»Alanna, bitte. Es ist doch eine Familiensitzung. Teri muss dabei sein«, gab der Vater zu bedenken.
»Ich muss? Scheiß drauf.«
»Deine Ausdrucksweise, Teri!« Mrs Garamond ließ sich in ihren Stuhl zurücksinken. »Meine Güte, können wir nicht wenigstens versuchen, die Sache vernünftig zu besprechen? Um Philips willen.«
Sie saßen um den Esstisch, weil die Mutter fand, so sähe es »geschäftsmäßiger« aus (und weil es im Wohnzimmer nach Beagles Fürzen stank). Flips Vater hatte vorgeschlagen, sich in den Garten zu setzen, aber seine Frau hatte ihn nur angeschaut und gesagt: Die Nachbarn! Inzwischen waren sie bei der zweiten Kanne Kaffee und hatten die meisten Kekse aufgegessen. Nach Mrs Garamonds Ausbruch waren alle still geworden. Jeder nippte an seinem Kaffee und vermied Blickkontakt. Teri schob sich noch einen Keks zwischen die violetten Lippen.
Schließlich sagte Flips Mutter: »Weißt du, Philip, die Polizei ist der Meinung, dass du professionelle Hilfe brauchst.«
Alex sah sie an. Eine Therapie. »Echt?«
»Der Beamte, der die Verwarnung ausgesprochen hat, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, hat deinen Vater und mich beiseitegenommen, als du deine Sachen geholt hast. Er meinte, wir sollten uns vielleicht nach Hilfe außerhalb der Familie umsehen. Er schien sich wirklich Sorgen um dich zu machen.«
»Immer dasselbe mit den Bullen«, sagte die Schwester. »Sie sind zu nett.«
»Sarkasmus ist genau das, was wir jetzt brauchen. Vielen Dank, Teri.«
Am Tag davor, auf dem Polizeirevier, war die Mutter zwischendurch immer wieder kurz vorm Heulen gewesen, heute hatte sie sich besser im Griff. Angst und Bestürzung waren einem forschen Pragmatismus gewichen: Wir haben ein Problem. Na schön, lasst es uns benennen und dann lösen wir es. Ihr Sohn würde das durchstehen. Ihre Familie würde das durchstehen. Sie war Osteopathin, wie Alex erfahren hatte, als sie sich in einer Pause der Befragung mit der Sozialarbeiterin unterhielt. Anscheinend waren Nacken und Wirbelsäule ihr Spezialgebiet. Alex stellte sich vor, dass sie das Problem anging, als wäre er einer ihrer Patienten: Sie legte ihn sozusagen bäuchlings auf den Behandlungstisch und rückte seine Knochen wieder zurecht. Was den Vater betraf, so war er auf dem Polizeirevier der Gefasstere gewesen. Heute Vormittag, wo sie wieder in den eigenen vier Wänden waren, schien es ihm recht zu sein, dass seine Frau die Führung übernahm.
Alex sah von einem zum anderen. Er hatte immer noch Mühe zu begreifen, dass die Eltern früher in der Nähe von Crokeham Hill gewohnt hatten … dass er und Flip nicht nur am selben Tag, sondern im selben Krankenhaus zur Welt gekommen waren. Das war mit Sicherheit ein weiteres wichtiges Glied in der Kette der Verbindungen zwischen ihm und Philip.
»Was hältst du davon?«, fragte die Mutter jetzt.
»Wovon?«
»Von einem Therapeuten? Jemand, mit dem du über … über das Ganze sprechen kannst. Über das, was du gestern gesagt hast, darüber, dass dir alles über den Kopf gewachsen ist.«
Alex sah, wie sie an dem Untersetzer unter ihrer Kaffeetasse herumnestelte. Sie hatte noch schwarze Gartenerde unter dem Daumennagel. Einerseits hätte es ihm nichts ausgemacht, mit jemandem zu reden. Dann aber darüber, was wirklich passiert war: dass er eines Morgens im Körper eines anderen Jungen aufgewacht war. Über das Wachkoma und die Seele und ob er hoffen durfte, wieder in seinen eigenen Körper zurückzukehren und wie das eigentlich vonstattengehen sollte. Darüber hätte er sich sehr gern mit jemandem unterhalten. Aber wenn er diese Geschichte tatsächlich erzählte, konnte er sich gleich in der nächstbesten Klapsmühle anmelden, wo man ihn mit Medikamenten vollpumpen würde.
»Man muss sich nicht schämen, bloß weil man eine Therapie macht, Philip«, sagte Flips Vater. »Ich habe selbst ein paar Sitzungen in kognitiver Verhaltenstherapie gehabt, als ich nach dem Tod deiner Großmutter deprimiert war.«
»Kriegt man da Elektroschocks und so?«, fragte Teri.
Alex verkniff sich das Lachen. Der Vater schaute Teri an. »Kognitive Verhaltenstherapie«, wiederholte er, als nagelte er jedes Wort einzeln auf den Tisch, »das ist etwas Ähnliches wie Psychotherapie.«
Und so ging es weiter. Es bedurfte einer weiteren endlosen Diskussion, bis sie beschlossen, dass er keine Therapie machen musste, wenn er nicht wollte, dass aber jederzeit die Möglichkeit bestand, falls er seine Meinung änderte oder falls es »nötig« würde. Wichtig sei, sagte die Mutter, dass sie alle versuchten, mehr miteinander zu reden und einander zuzuhören. Wenn Philip die erforderliche Unterstützung gleich hier, in der eigenen Familie bekam, sei das besser als noch so viele Gespräche mit einem Fremden (für fünfzig Pfund pro Stunde, wie der Vater anmerkte).
Nach vorn schauen. Positiv denken. Weitermachen. Sie wollten unter das, was geschehen war, einen Schlussstrich ziehen, sagte die Mutter, und sich auf die Herausforderungen konzentrieren, die vor ihnen lagen.
Der neue Philip. Die neue Familie Garamond.
Die Mutter umarmte und küsste ihn, sagte ihm, wie lieb sie ihn hätte. Der Vater klatschte in die Hände und meinte, sie sollten unbedingt öfter gemeinsam etwas unternehmen, »als Familie«. Picknicks. Theaterbesuche, Ausstellungen. Ausflüge.
»An diesem Punkt«, verkündete Teri mit ihrer Reporterstimme, »übergoss sich Mr und Mrs Garamonds Tochter mit Benzin und griff zu den Streichhölzern.«
Am Nachmittag saß Alex in Flips Zimmer, offiziell, um seine Schularbeiten nachzuholen. In Wirklichkeit tat er endlich das, wovor er sich vorher immer gedrückt hatte: Er googelte nach »Alex Gray«.
Es kamen jede Menge Treffer. Links zu Nachrichtenseiten, Blogs und Diskussionsforen, die sich aufgrund der Geschichte vom »Koma-Jungen« gebildet hatten. Es war heftig und mehr als nur ein bisschen verrückt, über sich selbst zu lesen. Sich selbst zu sehen. Das Bild von ihm im Krankenhausbett – eine Totenmaske mit einer Ernährungssonde in der Nase. Seine Eltern hatten der Veröffentlichung zugestimmt, stand in der Bildunterschrift, in der Hoffnung, dass sich jemand melden würde, der Informationen über den Unfall hatte. Das war im Januar gewesen. Im neuesten Artikel, der sich darauf bezog, dass der Unfall inzwischen ein halbes Jahr zurücklag, stand zu lesen, dass der Fahrer immer noch nicht gefunden war.
Das war es also gewesen. Ein Autounfall mit Fahrerflucht.
Alex Gray (14 Jahre alt) aus der Monks Road in Crokeham Hill, befand sich am 21. Dezember gegen 22 Uhr nach dem Besuch bei einem Freund auf dem Heimweg, als er von hinten von einem großen weißen Auto (oder gelben oder silbernen, oder vielleicht war es auch ein Lieferwagen oder Kleinbus) erfasst und verletzt am Straßenrand liegen gelassen wurde. Der Unfall ereignete sich weniger als zweihundert Meter von seinem Elternhaus entfernt. Ein Zeuge sagte aus, der Junge sei gerannt und, ohne zu schauen, einfach quer über die Straße gelaufen.
Dann gab es einen Videoclip von Mum und Dad, wie sie auf einer Pressekonferenz schluchzend den verzweifelten Überlebenskampf ihres Sohnes schilderten. Das ging Alex am allermeisten an die Nieren. Nach dem Unfall wechselten sich Mr und Mrs Gray rund um die Uhr am Bett ihres Sohnes ab. Aber nachdem über Wochen keine Veränderung (weder zum Guten noch zum Schlechten) erkennbar war, schienen sie ihre Krankenwachen inzwischen auf die regulären Besuchszeiten zu beschränken. Alex nahm es ihnen nicht übel. Man konnte nicht ein halbes Jahr lang rund um die Uhr bei jemandem wachen, der einfach nur dalag; jedenfalls nicht, wenn man berufstätig war, noch einen anderen Sohn hatte, um den man sich kümmern musste, und außerdem noch ein eigenes Leben führen wollte. Trotzdem … die Vorstellung, jede Nacht endlose Stunden auf der Intensivstation allein gelassen zu sein … er war schließlich ihr Sohn! Ihr halb toter, womöglich sterbender Sohn.
Ein kluger, liebenswürdiger Junge mit einer vielversprechenden Zukunft, hatte Alex’ Schulleiter gegenüber der Presse gesagt. Unsere Gedanken und Gebete sind in diesen schweren Zeiten bei Alex und seiner Familie.
Alex wischte sich die Tränen ab und klickte den nächsten Link an.
Die Ärzte im St. Dunstan konnten nicht vorhersagen, wann – oder ob überhaupt – er aus seinem Wachkoma wieder aufwachen würde. So hatten sie sich im Dezember ausgedrückt und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Statistisch gesehen hatten Kinder mehr Chancen als Erwachsene, das Bewusstsein wiederzuerlangen. Daran klammerte sich Alex. Was er am liebsten gleich wieder vergessen hätte, war die Tatsache, dass ein Aufwachen umso unwahrscheinlicher wurde, je länger man im Koma lag. Natürlich hing sehr viel vom Schweregrad der Hirnverletzungen ab; in Alex’ Fall hielt man die Verletzungen nicht für allzu gravierend. Genau genommen konnten sich die Ärzte selbst nicht recht erklären, weshalb er noch nicht wieder zu sich gekommen war.
Man spielte ihm immer wieder seine Lieblingsmusik über den iPod vor. Seine Eltern lasen ihm vor: Geschichten, Gedichte, Philip Pullmans gesamte Kompass-Trilogie; David Bell, sein bester Freund, kam einmal die Woche vorbei und erzählte ihm alle Neuigkeiten aus der Schule.
Nahm Alex Gray irgendetwas davon wahr? Das schien niemand zu wissen.
Er hatte keine Erinnerung daran, in den langen Monaten vor dem Wechsel, als er noch in seinem eigenen Körper gelebt hatte, irgendwas davon mitgekriegt zu haben. Alex musste wieder daran denken, was seine Mum bei Alex’ Besuch zu Hause, in seinem Zimmer, gesagt hatte – wie sie und Dad, als der Tag des Unfalls ein halbes Jahr her war, bei ihrem Sohn gesessen und darüber gesprochen hatten, ob sie aufgeben sollten. Sie hatte wohl gemeint, ob sie den Ärzten erlauben sollten, ihn sterben zu lassen. Hatte der bewusstlose Alex etwas von dieser Unterhaltung mitbekommen? Hatte seine Seele, oder was auch immer, deswegen seinen Körper verlassen? Oder hatte die Seele »Alex Gray« aus eigenem Antrieb aufgegeben, nachdem er so lange ohne ein Anzeichen von Besserung im Wachkoma gelegen hatte – beziehungsweise bei den ersten Anzeichen des Anfangs vom Ende? Eine Seele, die das sinkende Schiff verließ und ihr Glück auf dem weiten Meer suchte, ehe das Schiff unterging? Vielleicht war Alex’ Seele eher zufällig im Körper von Philip gestrandet, der zufällig am selben Tag und am selben Ort zur Welt gekommen war.
Die von nun an positiv denkenden Garamonds unternahmen noch am gleichen Abend ihren ersten Familienausflug. Sie gingen bowlen und anschließend zum Essen bei Nando’s (beides offensichtlich Philips Lieblingsbeschäftigungen). Falls sie sich wunderten, wie miserabel er bowlte, ließen sie sich nichts anmerken. Nicht mal Teri sagte etwas. Auch nicht, als er sein Essen kaum anrührte.
Und auch nicht in der Nacht, als er gegen ein Uhr Flips Zimmer verwüstete …
Er riss Poster von der Wand, zerfetzte seine Bücher, warf sein Skateboard, den Kricketschläger und die anderen Sportsachen aus dem Fenster, außerdem sämtliche Kleidungsstücke aus dem Schrank; dann riss er alle CDs aus den Hüllen und schleuderte sie eine nach der anderen wie Frisbees in den Garten.
Die Familie wurde von dem Lärm geweckt und versammelte sich auf der Schwelle zu seinem Zimmer. Immer noch sagte keiner von ihnen etwas, oder falls doch, bekam Alex es nicht mit. Er bekam nur eines mit: Flips Mutter scheuchte die anderen irgendwann weg und nahm ihn in den Arm. Sie küsste ihn, raunte ihm besänftigende Worte ins Ohr, schloss ihn in ihre knochige, nach Weinatem riechende Umarmung, bis er sich nicht mehr wehrte und hemmungslos an ihrer Schulter weinte.