1.
K
leinschmidts Schreiber, der nicht viel älter war als ein Junge, begann im Morgengrauen damit, den Kamin in dem Zimmer anzuheizen, in dem Stepan Tredittore und ich lagen. Er weckte mich damit aus einem Halbschlaf, der mehr zermürbend als erholsam gewesen war. Ich erinnerte mich an einen Traum: Ich hatte mit Lapo Rucellai freundschaftlich an einem Flussufer gerungen; selbst im Traum war ich mir dabei merkwürdig vorgekommen. Wir rollten ins Wasser, wo Lapo sich in seine Tochter verwandelte. Ich versuchte, mich von ihr freizumachen und ans Ufer zu gelangen, und fühlte mich dabei schuldig, weil ich nicht wusste, was Lapo von dieser Situation halten würde, wenn er zurückkäme. Sie ließ mich jedoch nicht los. Mit der Träumen eigenen unbeteiligten Distanz erkannte ich, dass ich ertrinken würde, und sah mir dabei zu, wie ich gegen ihre Umklammerung ankämpfte. Dann stand ich plötzlich auf der Brücke und sah zusammen mit einer großen Menschenmenge auf das Flussufer hinunter, wo ein Körper lag. Der Körper trug eine Maske vor dem Gesicht. Als man sie ihm abnahm, sah ich in sein Gesicht und erkannte mich selbst.
Der Junge blies in die züngelnden Flammen und kroch dann aus der Kammer hinaus. Ich fragte mich, ob diese Tätigkeit, die deutlich dem Tageslauf der kalten Länder jenseits der Alpen entstammte, auch durchgeführt würde, wenn die Augusthitze die Stadt im Griff hatte und selbst die klammen Gemäuer des Fondaco erwärmen würde. Ich hielt es für wahrscheinlich. Die Verantwortlichen der Zunftniederlassung hatten ebenso die Essgewohnheiten der Heimat mit hierhergenommen und ließen in der gemeinsam bewirtschafteten Küche eine Morgensuppe, die Mittagsmahlzeit und das Abendbrot herrichten, obwohl ganz Florenz den Tag über fast nichts zu essen schien, dafür jedoch am Abend zechte.
Tredittore wälzte sich auf seinem Lager herum und räusperte sich. Er sah mich mit trüben Augen an. »Guten Morgen«, sagte er schließlich. Ich nickte. Er gähnte ausgiebig und schwang die Beine aus dem Bett, wo er ein paar Augenblicke sitzen blieb und betäubt den Kopf hängen ließ.
»Ich nehme an, mein Schwiegersohn ist wach, wenn sein Schreiber schon herumläuft und unsere Zimmer aufwärmt«, sagte ich.
Er zuckte mit den Schultern. »Gibt es etwas Neues?«, fragte er desinteressiert. Er hatte Tintenflecke an den Fingern. Ich nahm an, er hatte gestern einen seiner fälligen Berichte an Janas Vettern in Krakau geschrieben. Frohlocket, Ihr Herren, Eure Base ist der Verschwörung angeklagt und wartet im Kerker zu Florenz auf den Henker.
»Es ist ein weiterer Mord geschehen«, sagte ich. »Ihr werdet es erfahren, wenn Ihr meinen Schwiegersohn geholt habt.«
»Lapo Rucellai? Der… der Notar?«, echote Johann Kleinschmidt und sah mich betroffen an. »Der, dem Ihr den Brief zu lesen gegeben habt?«
»Ich nehme an, man hat ihn mittlerweile gefunden und die Kunde zu seiner Witwe gebracht.«
Er schüttelte den Kopf. Tredittore versuchte sichtlich zu begreifen, wer Lapo gewesen war und was er mit der ganzen Geschichte zu tun hatte. Ich legte keinen Wert darauf, ihn aufzuklären. Es reichte, wenn er meine Schlussfolgerungen erfuhr. »Lapo hat mir mitgeteilt, dass die Unterschrift Janas auf den Briefen im Bargello echt sei. Ich habe seinen Worten kein besonderes Gewicht beigemessen; noch nicht einmal, als er mich gestern Abend um eine Unterredung bat. Ich dachte höchstens daran, dass er vielleicht durch Klatsch etwas erfahren habe, was mit Jana zusammenhängt, und mir seine Informationen verkaufen wollte. Nun, jemand anders hat seinen Worten durchaus das nötige Gewicht beigemessen. Eines, das schwer genug war, ihm damit den Schädel einzuschlagen.«
»Aber wie…?«
»Wie man auf ihn aufmerksam wurde? Vielleicht hat er versucht, seine Informationen zuerst bei jemand anderen an den Mann zu bringen.«
»Ich glaube das einfach nicht. Kann es nicht sein, dass er einfach überfallen wurde? Er wohnte doch im Tuchfärberviertel; das ist ein übler Fleck.«
»Lapo war vollkommen mittellos. Ihn auszurauben hätte sich für niemanden gelohnt. Er hat zwar für seine erste Auskunft eine stolze Summe von mir erhalten, aber er wird es nicht herumerzählt haben. Außerdem hätte ein Raubmörder ihn liegen gelassen, wo er war, anstatt zu versuchen, ihn im Fluss verschwinden zu lassen.«
»Wer sollte denn so etwas tun?«
»Das«, sagte ich sarkastisch, »ist sicher die zentrale Frage bei dieser Sache.«
Kleinschmidt senkte den Kopf. Er schien über den Tod des Notars erschüttert zu sein. Tredittore schenkte mir einen leeren Blick. »Was wollt Ihr jetzt tun?«, fragte er.
»Nachdenken«, erwiderte ich.
»Worüber? Wer es getan hat?«
»Das ist der zweite Schritt. Der erste Schritt ist herauszufinden, was er mir erzählen wollte.«
Kleinschmidt hob den Kopf und blickte mich erstaunt an. »Habt Ihr nicht gerade selbst gesagt, dass es nur Klatsch war?«
»Ich sagte, ich nahm es an, bevor ich ihn am Flussufer fand.
Lapos Tod hat seinen Informationen einen ganz anderen Wert verliehen. Niemand wird für Klatsch ermordet.«
»Wisst Ihr, was ich glaube?«, fragte Stepan Tredittore. »Ich glaube, er hat sich mit dem Geld, das Ihr ihm gegeben hattet, einen Rausch angesoffen und wollte Euch nur um eine weitere Summe anpumpen. Wenn der Kerl wirklich zu dem Abschaum aus dem Tuchfärberviertel gehörte, wird er sich in einer der dortigen Spelunken betrunken haben; wahrscheinlich sogar bei einer Nutte. Jemand von seinen Freunden hat ihm aufgelauert, als er zu Eurem Treffpunkt torkeln wollte, und ihm eins verpasst, weil er dachte, da sei noch mehr Geld zu holen.« Er starrte mich an. »Ich meine, ich kannte ihn nicht, aber ich wette mit Euch, dass es so gewesen ist.«
»Selbstverständlich kanntet Ihr ihn«, sagte ich ruhig.
Er riss die Augen auf. »Ich? Woher denn?«
»Wir trafen ihn am Stadttor, als wir darauf warteten, dass Kardinal Riario vorgelassen würde. Er sagte, er habe keine Almosen nötig. Ihr befandet, dass das Gegenteil der Fall sei. Also müsst Ihr ihn gekannt haben.«
Sein Gesicht färbte sich langsam rot. »Der Kerl war das! Jetzt erinnere ich mich. Aber was ich sagte, bedeutet doch nicht, dass ich ihn kannte. Dass er ein armes Schwein war, sah man von weitem.«
»Und sogar bei Nacht«, bekräftigte ich. »Also kein Grund, ihm ›eins zu verpassen‹, wie Ihr Euch auszudrücken beliebtet.«
Tredittore kaute darauf herum. Schließlich besaß er die Größe, langsam zu grinsen und zu murmeln: »Jetzt habt Ihr mir mein eigenes Argument zu schlucken gegeben. Gratulation. Ihr seid gut.«
»Ihr kriecht dem Falschen in den Hintern«, sagte ich kalt. »Eure Herrin ist Jana.«
»Euch würde ich schon eher anerkennen. Warum geht Ihr nicht einfach her und…?«
»Was ich tun werde, ist, Euch die Zähne einzuschlagen, wenn Ihr noch ein weiteres Wort sagt.«
Kleinschmidt sagte unglücklich: »Hört doch bitte auf zu streiten. Herr Bernward, bitte, seid mir nicht böse, aber meine Fantasie reicht einfach nicht aus, mir das alles vorzustellen. Gut, wenn dieser Lapo nicht einem Raubüberfall zum Opfer gefallen ist, dann war es vielleicht die Nachtwache – oder ein gonfalone, eins von den Trüpplein, die der gonfaloniere di giustizia in den Vierteln ausgehoben hat. Die Leute aus dem Corso dei Tintori sind zumeist Pazzi-Anhänger. Vielleicht ist er einem gonfalone aufgefallen, als er ihnen über den Weg lief… Die fackeln nicht lange…«
»Wahrscheinlich hat Lapo noch schnell: Pazzi, popolo und so weiter geschrien, um sie zu begrüßen«, versetzte ich zynisch.
»Man sah ihm an, woher er stammte«, erklärte Kleinschmidt leise. »Das reicht zur Zeit in dieser Stadt.«
Ich sah ihn an und suchte nach einer Erwiderung. Für einen hässlichen Augenblick kamen mir meine eigenen Schlussfolgerungen töricht vor. Es gab kein Geheimnis hinter Lapos Tod, und es gab kein Geheimnis hinter Janas Briefen. Sie hatte sie geschrieben und abgeschickt, und sie würde dafür hingerichtet werden.
»Das ist die einfachste Erklärung«, versuchte mich Kleinschmidt zu trösten. »Und die einfachste Erklärung ist immer die beste.«
»Es gibt eine noch einfachere Lösung«, sagte ich eigensinnig.
»Wie lautet sie?«
Ich grinste, ohne Freude zu empfinden. »Antwortet rasch und ohne nachzudenken«, sagte ich dann zu Tredittore, der überrascht zusammenfuhr. »Schnell. Ich gebe Euch einen Brief, von dem ich glaube, dass er eine Fälschung ist. Ihr haltet ihn für echt. Was sagt Ihr zu mir?«
Tredittore sah mich verwirrt an. »Er ist echt«, erwiderte er dann langsam und ohne zu begreifen.
»Was sagt Ihr zu mir?«
»Er ist echt.«
»Was sagt Ihr zu mir, zum Teufel noch mal?«
»Ich sage, er ist echt!«, rief er. »Was soll ich denn sonst sagen? Der Brief ist echt!«
»Warum sagt Ihr nicht: Die Unterschrift ist echt?«
»Wieso? Nein. Das würde ich doch nur sagen, wenn Ihr die Unterschrift allein für falsch hieltet. Ihr habt nach dem ganzen Brief gefragt.« Er schürzte empört die Lippen. »Ihr habt nach dem Brief gefragt, nicht nur nach der Unterschrift. Ich bin doch nicht taub.«
»Schon gut«, sagte ich. »Ihr habt Eure Sache richtig gemacht.«
Nun starrte er mich noch verwirrter an. Ich wandte mich zu Johann Kleinschmidt und sagte: »Als ich Lapo Rucellai bat, die Echtheit von Janas Briefen zu überprüfen, teilte er mir mit, die Unterschrift sei echt. Er hat nie von dem ganzen Brief gesprochen, obwohl ich ihn nicht ausdrücklich nur nach der Unterschrift gefragt habe.«
»Und daraus schließt Ihr jetzt…«
»… dass er mir einen versteckten Hinweis darauf geben wollte, dass irgendeine Stelle im Text gefälscht wurde. Und ihr dürft dreimal raten, welche.«
Kleinschmidt sah mich mit offenem Mund an. Ich warf Tredittore einen Blick zu, dessen Gesicht ein Spiegelbild vom Antlitz meines Schwiegersohns war. Dann verzog Kleinschmidt die Miene und schüttelte den Kopf. »O mein Gott«, murmelte er. »Das ist… Oh, es tut mir so Leid, aber Herr Bernward, das ist doch ein Strohhalm. Ich bitte Euch!«
»Das ist überhaupt kein Strohhalm.«
»Das ist doch so weit hergeholt… Ich bitte um Verzeihung…«
»Das ist wirklich weit hergeholt«, erklärte Tredittore.
Ich fuhr zu ihm herum. »Ihr selbst habt meine Gedanken gerade bestätigt!«, schnauzte ich.
»Das war doch nur Zufall. Daraus lässt sich doch nicht…«
»Herr Bernward. Bitte. Das ist wirklich ein… ein… Hirngespinst. Und selbst wenn es so wäre, wie wollt Ihr es nachprüfen? Lapo ist tot.«
»Lapo ist tot, gerade weil es so war, wie ich es geschildert habe.«
»Damit könnt Ihr niemals vor Gericht erscheinen oder die Freilassung von Monna Jana verlangen«, sagte Tredittore nüchtern. »Kein Mensch nimmt Euch das ab.«
»Was soll ich denn sonst tun?«, brauste ich auf. »Das ist die einzige Hoffnung, die ich habe. Die andere Schlussfolgerung ist doch…«, ich brach ab. Ich hatte viel zu viel gesagt.
»Die andere Schlussfolgerung ist die, dass Monna Jana schuldig ist«, erklärte Stepan Tredittore kühl. »Und Ihr seid Euch gar nicht so sicher, ob das nicht ganz einfach der Fall ist. Ihr sucht nach einem Beweis für ihre Unschuld, jedoch nicht, um ihn den Florentiner Behörden vorzulegen, sondern für Euch selbst, damit Ihr nicht den Glauben an sie verliert.«
»Herr Tredittore…«, stotterte Kleinschmidt.
»Sie hat uns alle hereingelegt«, fuhr Tredittore fort. »Meine Herren in Krakau, weil sich ihre Niedertracht herumsprechen und schlecht auf das Geschäft auswirken wird; mich, weil ich beinahe mit ihr zusammen gefangen worden wäre; und Euch, weil sie Euch nicht das Geringste anvertraut hat. Sogar Euren Schwiegersohn, weil er hier in Florenz erledigt ist, wenn man ihn – über Euch – auch mit ihr in Verbindung bringt.«
»Ihr habt jetzt genug gesagt«, befand ich erstickt.
»Aber Ihr habt nicht genug nachgedacht.« Er stand auf und stolzierte auf die Tür zu. »Ich bin nicht Euer Feind, das wisst Ihr genau. Wenn die Situation anders wäre und Monna Jana nicht…« Er ließ den Rest im Raum hängen und ging hinaus.
Kleinschmidt wich meinem Blick aus. Ich sah die geschlossene Tür an und hasste Stepan Tredittore aus ganzem Herzen; aber nicht, weil er etwas Falsches gesagt hatte, sondern weil seine Worte mich auf die Wahrheit stießen. Was immer ich unternahm, ich tat es nur, damit ich nicht darüber nachzudenken brauchte, ob ich nicht längst ebenfalls von Janas Schuld überzeugt war.
»Was wollt Ihr jetzt tun?«, fragte Kleinschmidt nach einer langen Pause.
»Wir gehen zu Velluti. Er ist der Einzige, mit dem wir reden können. Die anderen sind verhaftet oder tot.«
»Und dann?«
»Dann holen wir aus ihm heraus, wie er wirklich zu Jana stand und was sie von ihm wollte.«
»Wir verschwenden nur unsere Zeit«, murmelte Kleinschmidt düster. Ich sah auf seinen gesenkten Kopf hinunter.
»Wir tun seit gestern Morgen nichts anderes«, murmelte ich ebenso leise.
Auf dem Weg in den Hof des Fondaco stießen Kleinschmidt und ich mit Ferdinand Boehl zusammen, der mit drei Begleitern die Treppe hochstürmte. Er war außer Atem. Wir wichen ihm aus, aber er blieb stehen.
»Euch suche ich«, erklärte er keuchend.
»Was kann ich für Euch tun?«
»Ihr könnt mir erklären, warum Ihr beinahe die Freilassung eines unserer Leute verhindert hättet.« Er funkelte mich wütend an. Seine Begleiter machten ernste Gesichter. Einer von ihnen war mit im Gefängnis gewesen.
»Das lag nicht in meiner Absicht.«
»Was habt Ihr im Gefängnis überhaupt zu suchen gehabt? Warum habt Ihr Euch mit hineingeschmuggelt? Ihr habt die Gesandtschaft und den Gefangenen in höchste Gefahr gebracht. Ihr habt doch sowieso niemanden dort gekannt – das habt Ihr selbst bei der Gegenüberstellung gesagt!«
»Ich hoffte, jemanden zu erkennen.«
Er prustete spöttisch. »Das ist der erste Mann, der hofft, jemand von seinen Bekannten im Gefängnis wiederzufinden. Warum habt Ihr das nicht gestern Morgen gesagt? Meine Männer hätten sich für Euch umhören können.«
»Hättet Ihr jemandem geholfen, der wie ich nicht der Zunft angehört oder den Zunftpfennig bezahlt?«
»Natürlich nicht. Wenn ich meine Leute für so jemanden in Gefahr bringe, beruft man mich schneller nach Hause, als ein Stein von der Brücke ins Wasser fällt. Und dort wird mir kein freudiger Empfang bereitet.«
»Seht Ihr?«
Er warf wütend die Hände in die Höhe.
»Ihr freien Sonderlinge!«, rief er. »Ihr macht einem nichts als Schwierigkeiten. Ich garantiere Euch, wenn gestern irgendetwas schief gegangen wäre, ich hätte Euren Hintern schneller an die Behörden verfüttert, als ein Stein von der Brücke ins Wasser fällt.«
»Seid Ihr gekommen, nur um mir das zu sagen?«
»Das – und um nachzusehen, ob Ihr noch immer vorhabt, unsere Gastfreundschaft zu missbrauchen.«
»Herr Bernward ist mein Gast, und…«, begann Kleinschmidt.
»Unsinn. Ihr seid unser Gast, und all Eure Gäste sind nur hier, weil wir ihnen die Gastfreundschaft anbieten.«
»Was soll ich Eurer Meinung nach tun?«, fragte ich ärgerlich. »Im Palast von Lorenzo de’ Medici nachfragen, ob das Zimmer seines Bruders frei geworden ist?«
Boehl starrte mich überrascht an. Seine Mundwinkel zuckten plötzlich.
»Sagt das bloß nicht noch mal«, warnte er mich und unterdrückte ein spöttisches Grinsen. »Und vor allem nicht auf Florentinisch, sonst könnt Ihr gleich dem Pfaffen und seinen Freunden am Palazzo della Signoria Gesellschaft leisten. Oder Ihr schwimmt Jacopo de’ Pazzi hinterher, und zwar…«
»… schneller, als ein Stein von der Brücke ins Wasser fällt«, vollendete ich. »Ihr wiederholt Euch.«
Seine Gesichtszüge froren wieder ein. »Ihr könnt die Räumlichkeiten der zwei Fugger-Gesandten übernehmen«, sagte er kalt. »Sie stehen seit gestern leer. Die Kerle sind abgereist, ohne den Zunftpfennig zu bezahlen – oder für die Unmengen, die sie gefressen und gesoffen haben, solange sie hier waren. Die haben schon den Untergang des Hauses Medici vorgefeiert, die Narren. Als es nichts wurde mit der Revolution und der Pazzi-Herrschaft, sind sie Hals über Kopf davongelaufen. Tja, da hast du wohl aufs falsche Pferd gesetzt, lieber Jakob Fugger. Also, nehmt die Räume und übernehmt den Zunftpfennig der Kerle, und Ihr könnt hier bleiben. Und ich will Euch sogar als ein Zunftmitglied auf Zeit betrachten.«
»Äußerst großzügig. Ich denke, ich habe keine große Wahl.«
»Das ist eine…«, begann Johann Kleinschmidt.
»… eine sehr freundliche Geste von mir«, blaffte Boehl.
»Ist schon gut«, versetzte ich. »Ich hoffe, mit meinem Beitrag decke ich wenigstens einen Teil der Schulden ab, die andere hinterlassen haben.«
»Nur einen ganz geringen Teil«, grinste Boehl. »Aber: Jedes bisschen hilft, sagte der Vater und pinkelte in den Arno, weil das Boot seines Sohnes in Pisa auf Grund gelaufen war.«
Wir sahen ihm hinterher, als er die Treppe wieder mit seinen Begleitern hinabschritt, bedeutend würdevoller, als er sie heraufgeeilt war. Ich nickte, als er mir zurief, ich sollte spätestens heute Abend meine Schulden begleichen. Wenigstens war ihm zuletzt noch eine andere Redensart eingefallen.
Vellutis palazzo stand noch, das Eingangstor war jedoch verschlossen. Es musste nicht unbedingt etwas mit unserem gestrigen Besuch zu tun haben. Ich starrte meinen Schwiegersohn an, aber sein sorgenvolles Gesicht übermittelte mir keine Entscheidung. Das Tor war massiv genug gebaut, um ein Dagegenklopfen mit der Faust ohne Laut zu schlucken. Wie es schien, wünschte Ser Umberto Velluti zur Zeit keine Gesellschaft.
»Ausgeflogen«, bemerkte Kleinschmidt unglücklich.
»Dann bleiben wir hier stehen, bis er wieder einfliegt.«
Er ließ den Kopf hängen. Ich hob die Faust und klopfte dennoch gegen das schwere Tor. Es blieb bei einem schwachen Geräusch.
Das Tor hatte kein Mannloch, durch das man hätte schlüpfen können, wenn die Hausbewohner die Türflügel nicht öffnen wollten; aber es besaß ein kleines Guckloch in der Höhe, in der die zierlicher als ich gebauten Florentiner die Augen gehabt hätten. Es sah aus wie das Guckloch einer Klosterpforte; ein viereckiges Loch, das mit einem kleinen Türchen von innen geöffnet werden konnte. Ich fixierte es und überlegte, meine Faust ein zweites Mal an der Tür zu erproben, als das Türchen zu meinem Erstaunen aufging.
»Sit«, fragte eine Stimme, die nicht zu Umberto Velluti gehörte. Ich stellte mir einen seiner Leibwächter vor. Sicherlich hatte er es als noch zu früh erachtet, sie nach Hause zu schicken.
»Wir möchten mit Ser Velluti sprechen«, erklärte ich und wartete auf Kleinschmidts Übersetzung. Das Augenpaar hinter dem Guckloch musterte mich und sagte schließlich deutlich: »No!«
»Velluti hat unsere Beschreibung ganz offensichtlich an seine Dienerschaft weitergegeben«, bemerkte ich. Als das Türchen Anstalten machte, wieder zuzugehen, sagte ich hastig zu Kleinschmidt: »Bitte ihn ganz höflich. Sag, dass seinem Herrn keinerlei Gefahr von uns droht.«
Das Türchen schloss sich dennoch, ohne dass unser einsilbiger Gesprächspartner noch etwas von sich gegeben hätte. Ich schlug wütend gegen das Tor und erntete lediglich ein lauteres Geräusch als vorher.
Kleinschmidt sah mich fragend an.
»Er muss uns anhören«, sagte ich mehr zu mir selbst. »Zur Not bleiben wir hier stehen, bis ihm die Geduld ausgeht.«
»Da ist er in einer besseren Lage als wir.« Kleinschmidt seufzte und sah die Gasse auf und ab, als sei allein die Tatsache, dass wir hier standen, von höchster Gefährlichkeit. Ich versuchte, ihn nicht zu beachten. Das Türchen öffnete sich wieder, und dieselbe Stimme ratterte ein paar rasche Silben, bevor es wieder zuschlug.
»Er sagt, wir sollen machen, dass wir wegkommen«, erklärte Kleinschmidt.
Ich grinste gegen meinen Willen. »Velluti ist nervös. Ich glaube, wir sollten tatsächlich warten.«
Kleinschmidt verdrehte die Augen und wechselte das Standbein. Ich trat einige Schritte zurück in die Mitte der Straße, sodass ich von den Fenstern des palazzo gesehen werden konnte, und verschränkte die Arme demonstrativ über der Brust. Ich konnte nicht feststellen, hinter welchem Fenster das Besucherzimmer lag, in dem der alte Architekt uns gestern empfangen hatte, aber es war auf die Gasse heraus gelegen. Die Fensterscheiben spiegelten den Himmel wider. Ich war sicher, dass Velluti sich hinter einer von ihnen verbarg, die Kordel seines albernen Alarmsystems in der Faust und verbissen wünschend, dass wir verschwinden mochten.
Vellutis Geduld war kürzer, als ich erwartet hatte. Noch bevor mir die Füße schmerzen konnten, schwang eines der Fenster im ersten Geschoss auf. Der Architekt beugte sich heraus. Ein grobes Gesicht neben ihm war das eines seiner Aufpasser. Velluti begann halblaut auf uns herabzuschimpfen.
»Erklär ihm noch mal, was wir wollen«, forderte ich Kleinschmidt auf. »Und verwende in Gottes Namen nur schöne Worte.«
Kleinschmidt sprach längere Zeit zu Velluti hinauf, der während seiner Rede wiederholt den Kopf schüttelte und nicht den Eindruck machte, dass er auf ihn hörte. Sein Wächter starrte unbeteiligt auf uns herunter. Vom südlichen Ende der Gasse hörte ich das Rasseln von Rädern; vielleicht hatten die Stadtbehörden die Tore schon wieder geöffnet, und ein Handelskarren traf aus dem Süden ein. Aber im Süden lag Rom, und ich nahm an, dass Florenz besonders für Sendboten aus der Stadt des Papstes in der nächsten Zeit keine offenen Arme haben würde. Das Rasseln verstärkte sich, bis ein Karren mit hohem Seitenaufbau in Sicht kam, den zwei Männer in lumpigen Kleidern begleiteten. Die beiden musterten die Gosse links und rechts, ohne nach oben zu sehen; auch der Esel, der den Karren zog, ließ den Kopf hängen. Einer von ihnen blieb plötzlich stehen, zückte eine kurze Schaufel, lüpfte etwas Schlaffes an einer Hausmauer an und schleuderte es mit geübtem Schwung über die Seitenwand des Karrens. Ich hatte nur etwas schwarz-weiß Gemustertes durch die Luft wirbeln sehen; nichts Großes, etwa so wie eine junge Katze. Das Rattern hatte die Erinnerung an Prato in mir geweckt, noch bevor ich des Karrens ansichtig geworden war.
»Ein Abdeckerkarren«, sagte Kleinschmidt und rümpfte die Nase. Auch Umberto Velluti starrte die Gasse hinauf, wo sich der Karren im Schritttempo näherte. Über sein langes Gesicht huschten ein paar Gedanken, die allesamt nicht erfreulich aussahen. Heute transportierte der Karren die Kadaver von toten Katzen und Ratten; morgen würden die ersten Verurteilten damit zur Hinrichtungsstätte gebracht. Der Abdeckerkarren machte eine scharfe Kurve und verschwand in einer Seitengasse. Er ließ nur noch das Rasseln seiner Räder zurück.
Velluti winkte und wedelte aufgeregt mit beiden Armen, als wollte er uns verscheuchen wie einen Vogelschwarm. Seine Stimme krächzte lauter als vorher.
»Er sagt, wir sollen verschwinden, oder er schickt jemanden, um die Stadtwache zu holen.«
»Er hat doch mehr Angst vor der Stadtwache als wir.«
Kleinschmidt machte den Mund auf, aber ich unterbrach ihn hastig. »Du sollst das nicht übersetzen. Bitte ihn nochmals höflich.« Velluti ließ ihn nicht ausreden. Er schloss die Flügel des Fensters und zog von innen einen schweren Vorhang zu. Ganz kurz hatte sich sein Blick mit meinem gekreuzt. Seine Augen waren voller Angst gewesen. Das Rattern des Karrens hing noch immer zwischen den Hauswänden.
»Das war’s dann wohl«, sagte Kleinschmidt bedrückt.
Ich marschierte ein paar Schritte davon und schlug mich dann in eine Seitengasse, wo ich in der Nähe eines offenen Hauseingangs stehen blieb. Kleinschmidt folgte mir. Das Haus, vor dem wir standen, hatte eines der umlaufenden Simse. Ich setzte mich darauf. Aus dem Hauseingang ertönten Schritte, und eine Frau kam in Begleitung zweier Zofen daraus hervor. Sie war festlich gekleidet; selbst die Zofen glänzten mit ihren frisch gewaschenen Gesichtern. Sie trugen verdeckte Körbe. Ich fragte mich, wohin sie in dieser festlichen Aufmachung gehen würde. Die Frau nickte grüßend, warf uns noch einen misstrauischen Blick über die Schulter zu und schlug die Richtung zum Fluss ein.
»Hast du schon einmal jemanden beobachtet?«, fragte ich Kleinschmidt.
»Ich? Nein. Wie käme ich denn dazu?«
»Aber ich habe es getan. Und ich schätze, unser Freund Velluti braucht auch ein wenig Beobachtung.«
»Weshalb?«
»Hast du nicht die Furcht in seinen Augen gesehen, als der Schinderkarren herannahte?«
»Ich habe nicht zu ihm hinaufgesehen.«
»Allein mit deiner Bemerkung, Jana sei der Mitverschwörung angeklagt und säße im Gefängnis, hast du ihm solche Angst eingejagt, dass er uns aus seinem Haus werfen ließ und sich jetzt darin verbarrikadiert. Ich weiß nicht genau, was er dachte, als er den Karren sah, aber jedenfalls war es nichts Erfreuliches.«
»Na ja, wenn er auch an der Verschwörung beteiligt war und bloß noch nicht entdeckt worden ist, fürchtet er sich natürlich.«
Ich starrte ihn an. »Wenn er daran beteiligt war«, sagte ich schließlich langsam, »und Jana deshalb an ihn herangetreten ist…«
»… dann können wir von seiner Seite keine neuen Auskünfte und vor allem keine Hilfe erwarten.« Kleinschmidt presste verlegen die Lippen zusammen. Er machte ein Gesicht, als wäre es ihm peinlich, mich ständig auf dieselben Umstände hinweisen zu müssen. »Ich muss Euch sagen… Es sieht doch wirklich alles danach aus, dass er ebenso wie alle anderen Geschäftspartner Janas mit Jacopo de’ Pazzi gemeinsame Sache machen wollte.«
»So wie Francesco Nori, der bei der Verteidigung von Lorenzo de’ Medici umgekommen ist«, höhnte ich.
»Darauf habe ich mir schon einen Reim gemacht.« Er unterbrach sich, als ein erwachsener Mann mit einem Jüngling durch den Hauseingang schritt. Das Gesicht des Knaben war ein unverbrauchtes Abbild von dem des älteren Mannes; Vater und Sohn. Sie grüßten uns und folgten dem Weg, den die Frau zuvor eingeschlagen hatte. Mit ein paar Augenblicken Verspätung folgte ihnen ein Trupp frisch gestriegelter Burschen, die einen Zuber auf einem Brett zwischen sich balancierten. Aus dem Zuber roch es nach Pferdemist. Die Männer verzogen gleichzeitig die Gesichter wegen des Geruchs und grinsten von einem Ohr zum anderen.
»Jedermann weiß, dass Ser Lorenzos Freigebigkeit gegenüber den Künstlern, seine großen Feste und seine reichen Almosen seine Finanzen erschöpft haben… Nori als seinem Bankier musste es doch in der Seele wehtun, zuzusehen, wie das Vermögen verschwendet wurde, das Lorenzos Vater Piero und sein Großvater Cosimo erarbeitet haben. Also versuchte er, ihn aufzuhalten.«
»Und hat sich im letzten Moment vor sein Opfer geworfen.«
»Vielleicht haben ihn die anderen Verschwörer absichtlich beiseite geräumt, weil er ihren weiteren Plänen im Weg war? Ich meine… wer hat das alles schon so genau mitbekommen in der Kirche?«
Ich verzichtete darauf, ihm mitzuteilen, dass ich es genau mitbekommen hatte. Wenn ich es recht bedachte, war ich mir selbst nicht so sicher, was sich genau zugetragen hatte. Ich hatte etwas gesehen; was in Wahrheit dahinter gesteckt hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Ich wusste nichts von zu vielen Dingen, die hier geschahen und geschehen waren. Jana wusste mehr, doch mit ihr zu sprechen war unmöglich.
Ich überlegte nicht zum ersten Mal, meinen Schwiegersohn zu bitten, das Risiko einzugehen und sie im Gefängnis aufzusuchen. Nach allem, was wir wussten, suchten die Behörden lediglich nach mir. Vielleicht war das Risiko nicht einmal besonders groß. Aber mit Kleinschmidt hätte sie nicht gesprochen, und außerdem war er im Stande und ritt sie mit ein paar dümmlichen Bemerkungen noch tiefer hinein.
»Es ist etwas faul mit Velluti«, knurrte ich nach einer Pause. »Aber ein Verschwörer ist er nicht. Er hätte sonst die Stadt verlassen, solange es noch ging.«
»Es kann doch sein, dass er hofft, übersehen zu werden…«
»Und währenddessen so tut, als sei nichts? Nein, dazu hat er nicht die Nerven. Dann hätte er uns auch nicht auf die Straße setzen und sein Tor jetzt verbarrikadieren dürfen. Wir werden sein Haus beobachten. Ich bin sicher, er wird etwas unternehmen, sobald wir weg sind.«
»Was denn?«
»Was weiß ich? Wir werden es ja sehen.«
Kleinschmidt sah mich an und schüttelte kaum merklich den Kopf, bevor er den Blick senkte. Es war klar, dass er mich für einen armen Irren hielt. Tatsächlich hatte ich nicht mehr als ein Gefühl, aber es war besser als nichts, und so hielt ich mich daran. Velluti war zu schwach, um allein oder aus eigenem Antrieb irgendetwas Außergewöhnlicheres zu tun als einer Fliege die Beine auszureißen. Ich war so überzeugt, wie ich es Kleinschmidt gegenüber behauptet hatte, dass er nicht zum Kreis der Verschwörer gehörte – als tatkräftiges Mitglied kam er nicht in Frage, und um Jacopo de’ Pazzi zu finanzieren, fehlten ihm die Mittel. Es war etwas anderes mit ihm, das nicht stimmte, etwas, das zwar mit Jana zu tun hatte, vielleicht jedoch nicht mit dem Aufstand. Was es war, konnte ich nur raten; und wenn ich raten durfte, hätte ich gesagt, dass es mit der Fälschung von Janas Briefen zu tun hatte. Ich wusste viel zu wenig über Janas heimliche Geschäftsanbahnungen hier in Florenz, um beurteilen zu können, ob sie ihn nicht auf die eine oder andere Weise ebenso düpiert hatte wie Antonio Pratini. Velluti war ein altes Wrack, und die Idee, ihr mittels zweier gefälschter Briefe eine direkte Verbindung zum Aufstand unterzuschieben, mochte einem Hirn wie dem seinen durchaus entsprungen sein. Das bedeutete nicht, dass er die Briefe selbst gefälscht hatte; dafür gab es wahrscheinlich genügend Profis. Einen davon hatte ich gestern Nacht im Fluss gefunden.
»Da kommt Velluti«, sagte Kleinschmidt mit einer Mischung aus Erstaunen und Verdruss.
Der alte Architekt schritt an der Gasse vorbei. Ich wandte rasch das Gesicht ab, aber die Vorsichtsmaßnahme war unnötig; er sah nicht links noch rechts. Ich huschte zur Ecke und spähte vorsichtig herum. Velluti war eine hagere Gestalt mit wehendem Haarkranz, die hastig zum Fluss hinunterstakte. Er hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, eine Kopfbedeckung aufzusetzen. Ich war erstaunt, die Gasse plötzlich belebt zu sehen: Bestimmt ein weiteres halbes Dutzend Menschen strebte mit Velluti in die gleiche Richtung. Der alte Architekt war jedoch der Einzige, der allein unterwegs war. Es war leicht, ihn zwischen den anderen auszumachen. Ich beschloss, ihm noch etwas Vorsprung zu lassen.
Kleinschmidt näherte sich und spähte ebenfalls um die Hausecke herum. »Ihr wollt ihn doch nicht etwa verfolgen?«
»Was hast du denn gedacht?«
»Das ist eine… eine Kinderei. Einem alten Mann hinterherzulaufen.«
»Wenn es mir helfen würde, Jana freizubekommen, würde ich selbst einem quiekenden Schwein hinterherlaufen.«
Er schnaubte und schien etwas sagen zu wollen, was er sich jedoch verkniff. Ich schaute die Gasse hinauf und hinab und wartete darauf, dass Velluti sich weit genug von uns entfernte. Ein Mann mit einem prallvollen Sack über der Schulter kroch vom Fluss her die Gasse herauf. Er fiel mir nur auf, weil er sich gegen die Richtung all der anderen Leute bewegte. Bei Vellutis Hauseingang drehte er sich um und rannte mit dem gesenkten Kopf in das geschlossene Tor hinein. Er trat überrascht einen Schritt zurück, setzte den Sack ab und betrachtete das Tor fassungslos. Erst nach einigen Sekunden kam er auf den Gedanken, mit der Faust dagegen zu hämmern.
»Gehen wir«, sagte ich zu Kleinschmidt. »Sonst verlieren wir ihn noch aus den Augen.«
Velluti bog noch vor dem Flussufer nach rechts ab und tauchte in eine enge Gasse ein, die etwa parallel zum Fluss verlief. Zwischen den palazzi befanden sich hier einige große Lücken, auf denen verschieden hohe Schuttkegel von Unkraut und Gras überwuchert wurden. Die meisten Häuser schienen schmalbrüstiger als in den anderen Teilen der Stadt, dafür aber höher; die überkragenden Stockwerke waren deutlicher ausgeprägt. Über die eine oder andere Fassade ragte ein Turmstumpf hinaus; auf der dem Flussufer gegenüberliegenden Straßenseite stand ein hoher, schlanker Turm fast unbeschädigt, nur sein Dach war eingestürzt, und die Fenster waren nur mehr ausgebrochene Löcher im Mauerwerk. Die Hausfassaden waren geschmückt, aber der Schmuck war von der Zeit angefressen: Fresken blätterten ab, gezahnte Gesimse wiesen Lücken auf, Bossenwerk war zerschrammt und ausgebrochen wie die Wetterseite eines alten Steinbruchs. Velluti bewegte sich durch die Gasse, ohne sich umzudrehen oder den Gebäuden seine Aufmerksamkeit zu schenken. Obwohl sich hier kein Mensch fortbewegte, machte er es uns leicht, ihm nachzugehen. Ich überlegte, ob ich Kleinschmidt nicht zurückschicken sollte, aber trotz seines ängstlichen Gesichts stellte er sich nicht ungeschickter an als ich; und ich brauchte ihn, sollte ich mit irgendjemandem sprechen müssen. Die Gasse mündete in einen Platz, auf dem viele Gassen aus allen Richtungen zusammentrafen und auf die Brücke führten, die ich gestern von weitem gesehen hatte und die so alt war, dass sie noch die längst überholten Läden sowie die Kapelle in ihrer Mitte trug. Die Läden waren Fleischerläden; sie waren geschlossen, aber der Blutgeruch des Tagesgeschäfts wusch sich nicht auf so kurze Zeit aus dem Holz, nicht einmal nach einem Regen wie gestern. Ganze Familien drängten zwischen den verrammelten Ladenfronten über die Brücke: Männer, Frauen und Kinder, zumeist begleitet von Gesinde. Nur die reicheren Bürger und Patrizier schienen sich hier ihrem unbekannten Ziel zuzubewegen. Armes Volk war nicht zu sehen, selbst die Bettler waren kaum vertreten. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Mann mit einer Lederschürze die Brücke betreten; er wirkte mit seinem Arbeitsgewand und seinem dunklen, groben Gesicht trotz der Fleischerläden fehl am Platz. Die Mienen der Menschen waren voller Eifer. Ich hatte einen derartigen Eifer bereits gesehen: gestern, als der Leichnam Jacopo de’ Pazzis gesteinigt worden war.
Ein Gesicht wies diese fiebrige Vorfreude nicht auf: das Umberto Vellutis. Wo immer sein Weg ihn hinführte, er schien weder das Ziel noch den Eifer seiner Umgebung zu teilen. Sein Gesicht war angespannter denn je, seit er die Brücke betreten hatte. Von Ferne wirkte es unbeirrbar, wie er in der Mitte der Brücke dahinschritt und alle anderen zwang, ihm auszuweichen. Nur einmal änderte sich sein Vordringen. In der Mitte der Brücke war zwischen den Fleischerläden eine freie Stelle, in der die kleine Kapelle stand, und Velluti zögerte einen kleinen Moment und beschleunigte dann seine Schritte, bis er sie passiert hatte.
Am anderen Ufer angekommen, wandte sich der alte Architekt vom Hauptweg ab und betrat eine kleine Gasse gleich nach der Brücke. Wir – Velluti, der Verfolgte, und Kleinschmidt und ich, die Verfolger – passierten eine kleine, zwischen den Häusern eingezwängte Kirche, bei der sich Velluti bekreuzigte, überquerten die Gasse zum Palazzo della Signoria und fanden uns auf einmal in dem Gässchen wieder, das an der Rückseite des Palazzo und den dort angebrachten Löwenkäfigen vorbei direkt zum Bargello und zu der Ecke am Domplatz verlief, an der Vespuccis Haus stand. Die Gasse war stärker belebt als alle anderen vorher, und weiter oben, einige Dutzend Schritte nach dem Bargello, war sie vollkommen verstopft.
»Was tun die hier alle?«, sorgte sich Kleinschmidt. »Das sieht überhaupt nicht gut aus…«
Wir kamen bis hinter die Festung des capitano del popolo, bevor jedes weitere Vordringen in dieser Richtung endgültig unmöglich war. Vellutis weißer Haarkranz war weiter vorn auszumachen; er sah sich um, als suchte er nach einem Ausweg.
Sein Ziel schien irgendwo in der Nähe der Menschenansammlung zu liegen, denn es hätte genügend Seitengassen gegeben, über die er hätte ausweichen können. Ich begann, mich zu fragen, ob ich die ganze Situation nicht falsch eingeschätzt hatte und sein Ziel das Gleiche war wie das der vielen Florentiner um uns herum. Kleinschmidt, der kleiner war als ich und nicht über die Menge hinwegblicken konnte, hielt den Kopf gesenkt in der Hoffnung, dass niemand uns ansah oder auf uns aufmerksam wurde. Als sich plötzlich Beifall und Pfiffe erhoben, blickte er doch auf und sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern.
Wir standen direkt neben einer Familie, nicht unähnlich der, vor deren Haus wir auf Velluti gewartet hatten. Der Vater packte den kleinsten seiner Söhne und setzte ihn sich auf die Schultern. Die älteren Söhne machten sich an den Körben des Gesindes zu schaffen und packten den Inhalt aus: Obst. Ich sah näher hin und erkannte, dass das meiste davon verfault war.
Eine Gruppe von Leuten trat aus dem weit geöffneten Tor eines palazzo in einen Platz, der von den Zuschauern freigehalten worden war; ein enges Geviert aus Menschenleibern. Ich war zu weit entfernt, um Einzelheiten in den Gesichtern erkennen zu können, aber die Art und Weise, wie sie sich aneinander drängten, verriet ihre Angst. Es waren fast ausnahmslos Frauen und Mädchen jeden Alters; die wenigen Männer, die dabei waren, schienen Dienstboten zu sein. Es war mehr als ein Dutzend. Die Männer trugen auf den Rücken, was immer man ihnen hatte aufpacken können. Bei ihrem Anblick brach die Menge in ein lautes Katzenjaulen und fantasievolle Beschimpfungen aus. »Pazzi-Cazzi«, kreischte der Mann neben mir begeistert. »Pazzi-Cazzi!« Der kleine Junge auf seinen Schultern radebrechte krähend mit. Vorn tanzte plötzlich eine Leiter über den Köpfen und näherte sich schwankend der Hauswand. Ich fühlte, wie sich mein Magen zusammenzog. Kleinschmidts Gesicht nahm unwillkürlich den Ausdruck an, den ich auch in Janas Miene gesehen hatte, als man uns in Prato über die bevorstehende Hinrichtung der Sklavin berichtet hatte. Ich wandte mich von ihm ab und sah in die anderen Gesichter um mich herum, von denen einige vor Häme oder Vorfreude glühten. Ich schüttelte den Kopf; wenn es nicht Vellutis wegen gewesen wäre, den ich immer noch eine ganze Länge entfernt vorn in der Menge festgekeilt sah, hätte ich versucht, mich nach rückwärts herauszudrängen. Ich hatte kein Bedürfnis, Zeuge zu werden, wie man die Familienangehörigen von Jacopo de’ Pazzi an der Mauer ihres eigenen Hauses erhängte. Die Leiter schlug gegen den palazzo und begann sofort zu erzittern, als ein Mann an ihr nach oben kletterte. Er trug ein Seil mit einer Schlinge in den Händen. Ich schluckte und warf einen Blick in das Gesicht des Vaters mit dem Buben auf den Schultern; ich sah dort die gleiche gespannte Erwartung wie bei vielen anderen. Der Mann erklomm das Ende der Leiter, lehnte sich weit hinaus und warf die Schlinge um das pompöse Wappen aus bunt bemaltem Stuck, das über dem Eingangsportal hing. Die Menge schrie begeistert, als er, schwankend auf der vorletzten Sprosse, so tat, als würde er in Richtung des Wappens urinieren; dann kletterte er hastig herab. Das Seil straffte sich. Etwas zerplatzte auf dem Wappen und hinterließ eine nasse Schmiere; weitere Wurfgeschosse folgten. Ich sah Salatköpfe über die Menge hinwegwirbeln. Die älteren Söhne des Mannes neben mir verfeuerten ebenfalls, was sie in die Hände kriegen konnten – das meiste davon fiel auf die Köpfe der Gaffer weiter vorn herunter, ohne sein Ziel auch nur annähernd zu erreichen. Der Vater wies sie mit ein paar scharfen Worten zurecht; scheinbar waren seine Wurfgeschosse zu etwas anderem gedacht, als ein gleichgültiges Wappen aus Stuck zu beschmutzen. Die Rufe der Menge bekamen einen unsicheren Rhythmus, wurden zu einem Anfeuerungsgebrüll, das Seil straffte sich noch weiter, und plötzlich brach die obere Hälfte des Wappens ab und wirbelte auf das Pflaster. Tosender Beifall erhob sich, die Köpfe drängten sich näher an das Bruchstück heran, das, vermutlich in Dutzende von Stücken zerschmettert, auf dem Pflaster lag. Dann kam Bewegung in die Ansammlung. Die Unglücklichen wurden in Richtung des Doms getrieben, und jetzt setzte der Hagel aus verfaultem Grünzeug erst richtig ein. Dazwischen flogen die ersten Steine; ich sah, wie eine der Gestalten vorn taumelte und beinahe gestolpert wäre und wie die anderen sich schützend die Arme über die Köpfe hielten. Das Kreischen der Menge war jetzt ein Toben und Jaulen und Gelächter und der Spaß offensichtlich größer als gestern, wo man lediglich einen im Wasser treibenden Leichnam hatte bewerfen können. Die Menge wälzte sich die Straße hinauf, eine nach Hunderten zählende Treiberschar, die ihr gedemütigtes Wild erbarmungslos vorwärts drängte. Kleinschmidt und ich wurden mitgeschoben, gestoßen und geschubst, sodass wir Mühe hatten, auf den Beinen zu bleiben. Ich strengte mich an, Velluti nicht aus den Augen zu verlieren, der mit wild rudernden Armen zu versuchen schien, seinem Vorwärtstreiben eine Richtung zu geben und seitlich aus der Menge auszubrechen. Ich trat in matschige Salatköpfe und glitt auf anderen Dingen aus, die ich mir nicht näher vorstellen wollte, bis ich auf etwas Hartes trat und zwischen den Beinen der Menschen um mich herum einen goldenen Delfinkopf auf blauem Untergrund erblickte. Ein unbeabsichtigter Tritt schleuderte das Bruchstück des Pazzi-Wappens davon.
Die Gasse wurde breiter, je näher man dem Dom kam, und die Menge zog sich etwas weiter auseinander. Velluti nutzte die Gelegenheit, sich nach links zu wühlen, wo ich den Eingang einer Seitengasse erspähte. Ich begann, nach vorn zu drängeln; wenn er zu viel Vorsprung bekam, würden wir ihn in dem Gewirr aus Gassen und Gässchen, das sich unweigerlich hinter jeder Öffnung einer Seitengasse eröffnete, verlieren. Ich erhielt ein paar böse Blicke und Flüche. Kleinschmidt hängte sich in mein Kielwasser und stolperte hinter mir her. Ich sah Vellutis Gesicht, als er sich kurz umdrehte, und zog den Kopf ein; aber es war kaum anzunehmen, dass er mehr gesehen hatte als eine lachende und brüllende Masse weit aufgerissener Mäuler hinter sich. Sein Gesicht leuchtete vor Blässe. Ich nahm an, er hatte sich selbst gesehen, wie man ihn rücklings die Leiter hochzerrte, die Schlinge um den Hals legte und hinausstieß, damit er sein Leben verzappelte. Er tauchte in die Gasse ein und verschwand, und ich zerdrückte einen Fluch.
Wir erreichten die Stelle einige Augenblicke später und blieben schwer atmend stehen. Die Gasse machte sofort einen scharfen Knick nach links. Kleinschmidt wollte weitertraben. Ich hielt ihn auf.
»Hier können wir nicht in der Menge untertauchen«, keuchte ich. »Wenn er sich umdreht, sieht er uns sofort.«
Kleinschmidt nickte und deutete mit dem Daumen hinter sich. »Sie verjagen die Pazzi aus der Stadt.«
»Ich dachte schon, sie hängen sie allesamt vor unseren Augen auf.«
»Das dachte ich auch einen Moment… doch dann haben sie nur das Wappen heruntergerissen.«
Ich spähte vorsichtig um die Ecke und erwartete halb, Velluti dahinter stehen zu sehen, mit weit aufgerissenen Augen und einen Verfolger erwartend, aber er war nirgends zu erblicken. »Weiter!«, stieß ich hervor.
Es war, wie ich erwartet hatte: Das Gässchen wand sich in rechtwinkligen Biegungen um die Hinteransichten der Häuser herum, deren prunkvolle Fassaden nach vorn auf den Domplatz hinausgingen. Ich blickte um die nächste Ecke, aber auch dort war Velluti nicht zu sehen. Er mochte zu laufen angefangen haben, sobald er sich aus der Menge befreit hatte; er mochte durch eines der Tore geschlüpft sein, die da und dort in die fensterlosen Rückfronten der Häuser hineinführten. Unwillkürlich machte ich den Fehler, den ich Kleinschmidt vorgeworfen hatte, und rannte um die folgende Ecke, ohne mich zu vergewissern, dass Velluti nicht dahinter stand. Ein kleiner Platz mit ein paar Werkstätten öffnete sich. Von Velluti keine Spur.
»Wir haben ihn verloren«, erklärte Kleinschmidt.
»Wir haben ihn erst verloren, wenn ich es sage.«
Er zog die Schultern hoch und drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der immer noch schwach das Gebrüll der Menge zu hören war.
»Sie treiben sie wahrscheinlich am Palazzo Medici vorbei«, sagte er wie in Gedanken. »Damit Ser Lorenzo ihnen auf die Köpfe spucken kann.«
»Wo führen diese verdammten Gässchen hin?«
»In dieser Richtung zur Via Farsetta; dort drüben geht es zum Domplatz hinaus, und dort, in Richtung zum Palazzo della Signoria, geht es zur Via del Corso und einem wahren Labyrinth von weiteren Gässchen. Das ist einer der älteren Teile von Florenz… Das Geburtshaus von Dante Alighieri steht dort und…«
»Er wird kaum zum Dom gelaufen sein; da hätte er sich nicht aus der Menge befreien müssen. Und wenn er in die Nähe von Dantes Haus gewollt hätte, hätte er sich schon viel früher in eine der Seitengassen nach dem Bargello geschlagen. Er muss irgendwo hier in der Nähe sein.«
Kleinschmidt wies auf die dunklen Eingänge der Werkstätten, als wollte er mir zeigen, wie sinnlos es war, hier nach Velluti suchen zu wollen.
»Es führt nur eine Gasse wieder von diesem Platz weg; folgen wir ihr«, sagte ich.
Es war die richtige Entscheidung. Etwas zurückgesetzt, sodass ihre Front mit der Gasse wiederum einen winzigen Platz bildete, stand die Vorderfront einer Trinkstube. Ich konnte den Lärm der Menschenmenge hören, die draußen am Dom vorbeizog. Umberto Velluti hockte direkt an einem der kleinen, schlecht verglasten Fenster der Trinkstube und redete auf jemanden ein, der ihm gegenübersaß. Soweit man in der Dunkelheit im Inneren der Trinkstube erkennen konnte, war er immer noch so blass wie zuvor. Ich winkte Kleinschmidt, der zum Domplatz hinausgaffte, zu, und er folgte mir zögernd zurück um die Ecke.
»Es war ein Fehler, dich gestern und heute zu Velluti mitzunehmen«, seufzte ich. »Wenn er dich nicht kennen würde, könntest du hineingehen, dich in seine Nähe setzen und ihn belauschen.«
»Was wollt Ihr jetzt tun?«
»Ich überlege gerade. Jedenfalls bin ich neugierig, mit wem er sich hier trifft. Er muss ihn kurzfristig benachrichtigt haben -mit einer Brieftaube oder durch jemanden aus seinem Gesinde, der aus dem Hinterausgang seines Hauses hinauslief, während wir vorn Maulaffen feilhielten. Wer immer es ist, er weiß mehr als Velluti, sonst müsste dieser ihn nicht um Rat fragen.«
Kleinschmidt nickte langsam, ich hatte jedoch nicht den Eindruck, dass er mir hatte folgen können. Ich lehnte mich gegen die Mauer und versuchte, meine Ungeduld zu bekämpfen. Jede Minute, die untätig verstrich, weil ich nicht wusste, wie ich vorgehen sollte, bedeutete eine Minute näher zu Janas Hinrichtung. Kleinschmidt spähte nach einer Weile vorsichtig um die Ecke und inspizierte den Eingang zur Trinkstube.
»Er redet und redet«, sagte er nach einer Weile. »Mit einem Mann. Ich kann ihn nicht genau erkennen, weil er halb von der Mauer verborgen wird.« Er schwieg eine Weile. Ich sah, wie er die Augen zusammenkniff, und begann zu befürchten, dass er zu allen anderen Übeln auch noch kurzsichtiger war als ich. »Irgendwie kommt er mir bekannt vor…«
»Bekannt?« Ich schob ihn beiseite und versuchte, in das Fenster hineinzusehen. Das Licht spiegelte stark auf dem bucklig geblasenen Glas. Vellutis Seitenansicht war verzerrt wie das Gesicht eines Pantomimen; er war eher am Kranz seiner weißen Haare zu erkennen als an etwas anderem. »Ich sehe keinen zweiten Mann.«
»Er beugt sich nur ab und zu nach vorn, wenn er etwas erwidert. Ansonsten scheint er sich auf seiner Bank zurückzulehnen.«
Ich brummte und wollte mich schon abwenden, als Vellutis Gesprächspartner tatsächlich in Sicht kam. Velluti wies mit einer verzweifelten Geste zum Fenster hinaus, und er drehte den Kopf unwillkürlich in die gleiche Richtung. Ich zuckte zurück. Er konnte mich nicht gesehen haben, aber ich hatte ihn gesehen. Kleinschmidt hatte Recht: Er kannte ihn. Ich ebenfalls. Sein Name war Rudolf Gutswalter.
Als Umberto Velluti wieder aus der Trinkstube herauskam, sandte ich Kleinschmidt hinter ihm her. Er hatte eine Menge Einwände, die meisten davon gegen meine Idee, allein in Florenz herumzulaufen, und alle gipfelten im Schreckensszenario meiner Verhaftung. Schließlich gab er nach und schlich dem Architekten hinterher. Ich selbst hatte nach einem qualvollen Ringen entschieden, mich an die Fersen von Rudolf Gutswalter zu heften, in der Hoffnung, dass er nicht einfach zum Fondaco dei Tedeschi zurückmarschierte.
»Wenn Velluti nicht gleich nach Hause geht, merk dir die Stellen, die er aufgesucht hat«, raunte ich Kleinschmidt zu. Er nickte unglücklich. Ich sah ihm hinterher. Als er verschwunden war, hatte ich das Gefühl, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Ich kämpfte mit mir, ob ich ihm nachlaufen sollte, doch da trat Gutswalter aus der Tür und setzte sich sofort in Richtung Via Farsetta in Marsch. Ich folgte ihm zähneknirschend.
Er führte mich in Richtung Westen, wo sich der alte, römische Teil der Stadt befand. Es war schwierig, ihm zu folgen, obwohl er sich nicht umdrehte, denn es befanden sich noch immer kaum Menschen in den kleinen Seitengassen. Erst als wir die Via Farsetta kreuzten, wurde es belebter. Vielleicht hatten die überlebenden Pazzi ihren Spießrutenlauf nun hinter sich und wurden soeben aus einem der nördlichen Stadttore gestoßen. Wir bewegten uns durch die geschlossenen Stände auf dem alten Markt in eine breitere Gasse hinein, die geradewegs davon wegführte, und ich erkannte, dass wir vage in die Richtung zur Kirche Santa Trinità marschierten. Nach ein paar Schritten erkannte ich noch etwas anderes.
Ich wurde verfolgt.
Ich hatte ihn schon gesehen, als wir über den Ponte Vecchio gekommen waren: Es war der Mann mit der Lederschürze. Seither war er mir nicht mehr unter die Augen geraten, aber ich hatte mich auch nicht mehr sonderlich dafür interessiert, was hinter mir vorging. Für einen Augenblick erstarrte ich, dann ging ich weiter in der Hoffnung, dass er mein Zögern nicht bemerkt hatte. Seine Entdeckung hatte mir einen Schreck eingejagt, der durch nichts zu erklären war; vielleicht war es lediglich das Gefühl, vom Jäger zum Gejagten geworden zu sein.
Es war nicht leicht, sich auf ihn zu konzentrieren, ohne sich direkt umzudrehen. Er hielt großen Abstand, nicht weniger, als ich selbst zu Rudolf Gutswalter hielt. Ich fragte mich, ob er bemerkt hatte, dass ich ebenfalls jemandem auf den Fersen war. Von den kurzen Blicken, die ich riskieren konnte, wenn ich mich beim Abbiegen an einer Ecke umwandte, kam er mir wie einer vor, der zum allerersten Mal in seinem Leben jemanden verfolgte und sich darauf konzentrierte, sein Wild nicht aus den Augen zu verlieren. Wahrscheinlich sah Johann Kleinschmidt ebenfalls so aus, während er hinter Umberto Velluti herschlich. Sein Abstand war beinahe zu groß, und seine Schritte wurden stets schneller, wenn er mich um eine Ecke verschwinden sah. Dennoch gelang es mir nicht, ihn abzuschütteln, und ich fragte mich, was ich tun sollte.
Ich erhielt schon bald die Antwort: Ich hätte mich besser um den Mann gekümmert, den ich verfolgte. Ich bog um eine weitere Gasse und stand nur wenig oberhalb der eingerüsteten Kirchenfassade von Santa Trinità. Die breite Straße davor war in allen Richtungen einsehbar und mäßig belebt. Gutswalter war nirgends zu sehen. Ich hatte ihn aus den Augen verloren.
Er war nicht auf dem Ponte Santa Trinità; er marschierte nicht nach Norden auf den Dom zu. Er konnte in einen der vielen palazzi geschlüpft sein, die die Straße in nördlicher Richtung säumten, oder in eine der Gassen, die neben der Kirche in das Häusergewirr führten, das in Richtung zur Porta al Prato lag; oder er bewegte sich in einer der Parallelgassen zu der, in der ich stand, längst wieder dorthin, woher wir gekommen waren. Ich hatte mich zu sehr auf meinen Verfolger konzentriert, und meine Beute – hatte mich abgehängt.
Ich stolperte ein paar Schritte die Straße hinauf, und meine Fassungslosigkeit verwandelte sich in Wut. Ich hatte keine Ahnung, wie lang ihm schon klar gewesen sein mochte, dass ich hinter ihm dreinlief. Ich fluchte erbittert und presste mich in den Eingang des nächsten Hauses neben meinem Gassenausgang.
Schon nach wenigen Augenblicken kam der Mann mit der Lederschürze daraus hervor und sah sich ebenso suchend um wie ich. Ich dachte für einen kurzen Moment, dass es Leichtsinn war, was ich tat, doch meine Wut über mein Versagen war groß genug und der Verkehr um mich herum genügend dicht: Ich sprang aus meinem Versteck hervor und konfrontierte ihn.
Er prallte zurück. Er hatte ein verschlossenes Gesicht voller frischer und alter winziger Narben, als hätte eine Katze damit wie mit einem Wollknäuel gespielt. Seine Arme waren lang und seine Hände grob, und sein dunkelfleckiges Hemd unter der Lederschürze war staubig und an den Nähten so ausgefranst wie seine knöchellangen Hosen. An den Füßen trug er lächerlich neu aussehende, spitze Schuhe. Wir standen uns einen Moment gegenüber, er einen guten Kopf kleiner als ich, die Hände halb erhoben, und starrten uns an. Seine Oberlippe zog sich von den Zähnen zurück.
Ich knurrte: »Hoppla!«
Er zog den Kopf zwischen die Schultern und gab mir mit beiden Händen einen Stoß vor die Brust, dass ich dachte, vor den Rammbock einer Belagerungsmaschine geraten zu sein. Ehe ich mich versah, saß ich auf dem Boden, mit einem Ruck, der meine Zähne aufeinander schlagen ließ und mir die Luft aus den Lungen trieb. Er wartete nicht einmal so lange ab. In dem Moment, den es brauchte, bis sich meine Sicht wieder klärte, hatte er mir schon den Rücken gekehrt und floh in die Gasse zurück, aus der er gekommen war. Ich rappelte mich auf, halb benommen von meinem harten Fall, und taumelte ihm hinterher. Ich hörte seine Schritte und sah ihn um die Biegung der engen Gasse laufen; er dachte nicht einmal daran, sich in eine Seitengasse zu schlagen. Ich machte einen langen Schritt und keuchte, als der Schmerz in mein Kreuz fuhr. Plötzlich war ich dankbar, dass ich mich an eine Hauswand stützen konnte.
Ein paar Leute um mich herum blieben stehen und sahen mich an; einige grinsten, einige hatten die gespannt-erwartungsvollen Gesichter leidenschaftlicher Gaffer. Ich deutete in die Gasse hinein und machte den Mund auf.
Um den hohen Geschlechterturm des Hauses an der Ecke des Platzes herum schritten drei Männer mit Spießen und den glänzenden Helmen und Brustpanzern der Stadtwache. Sie sahen zu mir und meinem kleinen Zuschauerkreis herüber und blieben unwillkürlich stehen. Ich dachte daran, dass sie vermutlich noch immer nach mir suchten, ohne zutreffende Beschreibung und sicherlich ohne großen Elan, da sie darauf hoffen durften, dass Jana unter der Folter von allein plaudern würde, wer ich war und wo ich zu finden sei. Ich schloss den Mund wieder und produzierte ein dümmliches Grinsen, gefolgt von einem Schulterzucken. Seht mich an, den tumben tedesco; bin über meine eigenen großen Füße gestolpert. Die Männer machten verkniffene Gesichter, näherten sich aber nicht. Ich hinkte in die Gasse hinein, ohne mich umzudrehen. Ich spürte ihre Blicke im Nacken und wagte erst wieder zu atmen, als ich an der kleinen Kapelle vorbei war, die weit hinter der Piazza Santa Trinità in der Mitte der Gasse lag.
Ich spürte den Schmerz in meinem verlängerten Rücken noch, als ich vor dem verschlossenen Haus Umberto Vellutis ankam. Johann Kleinschmidt war nirgends zu entdecken. Das Haus sah nicht anders aus als zu dem Augenblick, da wir es in Vellutis Kielwasser verlassen hatten. Ich hieb mit der Faust gegen die Tür, aber diesmal öffnete sich die Klappe nicht. Ich rieb mir den Steiß und spürte den Schweiß, der von dem beschwerlichen Marsch hierher meinen Rücken hinunterlief. Das Haus lag still und reglos in der Mittagssonne und warf nicht einmal einen Schatten auf das Pflaster; ich spürte den überwältigenden Wunsch, seine Tür einzutreten. Ich wandte mich ab und stapfte davon.
2.
D
as Heulen und Gezänk der Frauenstimmen hörte man drei Gassen weit. Kam man etwas näher, hörte man auch einen Priester leiern und einen Mann mit unterdrückten Flüchen seiner Erbitterung Luft machen. Vor dem Gefängnis befand sich ein gutes Dutzend Frauen, die mehrheitlich lange weiße Schleier trugen, um sie wehklagend zu zerraufen; ferner ein kleines Kontingent Nonnen, die halblaut beteten, der besagte Priester und ein Offizier des Wachpersonals. Die Flüche stammten aus seinem Mund.
Ich machte einen Bogen um die Szene, bis ich Beatrice Federighi am Rand der Gruppe erblickte. Sie trug keinen Schleier und hielt sich stiller als die Klosterfrauen. Zwischen ihr und dem Mädchen, das sie mir auf dem Domplatz als Angehörige ihres Gesindes vorgestellt hatte, stand eine Nonne in einem anderen Habit als die betende Gruppe. Sie betete ebenfalls, aber ihr Gesicht zeigte mehr als die professionelle Anteilnahme der übrigen Bräute Christi. Beatrice blickte auf und sah mich und winkte mir mit einem halben Lächeln zu. Der Wachoffizier schimpfte mit zweien der am lautesten zankenden Frauen und wehrte sich dagegen, ein Bündel Pergamente anzunehmen. Ich beobachtete ihn und wusste, dass es das Klügste gewesen wäre, so unauffällig wie möglich weiterzugehen.
»Guten Tag, Monna Beatrice«, sagte ich, als ich vor ihr stand. Sie lächelte mich an und neigte den Kopf.
»Ich treffe Euch zu allen möglichen Tageszeiten, jedoch nie dort, wo ich Euch erwarten würde«, erklärte sie.
»Und wo würdet Ihr mich erwarten?«
Sie dachte nach. »In einem Landhaus, den Wein vom letzten Jahr probierend? In einem schönen palazzo, wo Ihr dem Maler erklärt, welche Fresken die Decke erhalten soll?«
»Mir steht zur Zeit weder nach dem einen noch nach dem anderen der Sinn.«
»Das hat damit nichts zu tun.«
»Was tut Ihr hier? Und was hat dieser Auflauf zu bedeuten?«
»Diese Frauen sind die Ehefrauen von einigen der wegen des Aufstandes gegen Ser Lorenzo verhafteten Patrizier. Sie verlangen ihre Männer zu sehen und wollen Petitionen für ihre Freilassung einreichen.«
»Und Ihr?«
»Ich begleite Schwester Ginevra. Sie will ebenfalls eine Bittschrift einreichen, aber sie fürchtete sich, allein herzukommen. Sie ist aus dem Konvent von San Salvi vor den Toren der Stadt und kennt sich hier nicht aus.«
Ich nickte der jungen Klosterschwester zu, sie zeigte jedoch mit keinem Wimperzucken, dass sie meinen Gruß beachtete. »Für wen bittet sie?«
»Für ihren Vater, Piero Vespucci.«
»Für – wen? Piero Vespucci? Aber – wir haben in seinem Haus gewohnt, bis Jana verhaftet wurde. Danach überredete mich mein Schwiegersohn, in den Fondaco dei Tedeschi zu ziehen.«
»Ein kluger Rat. Wie es scheint, hat Ser Piero einen guten Freund, Napoleone Francesi, welcher wiederum ein enger Freund von Bernardo Bandini ist. Bandini ist einer der Mörder von Giuliano de’ Medici; derjenige, der entkommen ist, während Franceschino de’ Pazzi, der andere Attentäter, sich bei dem Anschlag selbst verletzte und es nur bis zum palazzo seiner Familie schaffte. Man fand ihn dort noch am selben Tag und machte kurzen Prozess mit ihm.«
Ich nickte.
»Eine unglückliche Bekanntschaft für Vespucci. Das wirft natürlich kein gutes Licht auf ihn. Und auf alle, die mit ihm in geschäftlicher oder sonst irgendeiner Verbindung standen. Wie Jana.«
»So ist es. Auch seine Verwandtschaft zu Simonetta Vespucci hilft ihm nichts. Im Gegenteil – sein Verrat wiegt dadurch doppelt schwer.«
»Andererseits: Es ist ja nicht erwiesen, dass er davon wusste.«
»Aber, Ser Peter«, sagte sie und schüttelte den Kopf, »wisst Ihr nicht, dass ein Florentiner die Freundschaft ebenso ernst nimmt wie seine Feindschaften? Freunde wissen alles voneinander und haben keine Geheimnisse. Francesi wusste über die Pläne zur Ermordung Ser Lorenzos und Ser Giulianos ebenso gut Bescheid wie Bandini; und deshalb war sicherlich auch Piero Vespucci eingeweiht.«
»Welche Hoffnung hat sie dann?« Ich wies mit dem Kopf zu Schwester Ginevra, die dem Gespräch nicht gefolgt zu sein schien oder kein Latein verstand.
»Welche Hoffnung habt Ihr?«
Ich verstummte und starrte sie an. Ihre Augen waren voller Verständnis, aber ihre Worte trafen dennoch wie ein Messerstich. Sie seufzte. »Es ist die Hoffnung allein, die uns aufrecht hält«, murmelte sie.
Das Gezänk drüben bei der. Gefängnispforte wurde schriller; das laute Poltern des Eingangstors durchschnitt es, brachte es aber nicht zum Verstummen. Der Wachoffizier hatte die fruchtlose Diskussion mit den Frauen offensichtlich beendet, indem er sich hinter die Gefängnismauern zurückgezogen hatte. Langsam verstummte das Wehklagen. Die Frauen sahen sich an; ein paar begannen zu weinen, einige stampften mit den Füßen auf vor Zorn. Schwester Ginevra ließ den Kopf hängen und fasste nach Beatrices Hand. Eine ältere Frau mit vornehmer Haltung und zerrauftem Haar wandte sich brüsk vom Gefängniseingang ab und stapfte in unsere Richtung. Sie kam bei dem betenden Priester vorbei und bellte ihn an. Sein Leiern verstummte mit einem Misston, und er bekreuzigte sich und schwieg schmollend.
»Das ist Monna Violante Cerchi«, sagte Beatrice und nickte in ihre Richtung.
»Violante Cerchi? Ist das etwas die Frau von Benozzo Cerchi?«
»So ist es.«
»Mein Gott. Jana hat… Ihr Mann wurde gestern der Folter unterzogen und…«
»… und heute ebenfalls. Er schwört, dass er unschuldig ist. Sie schwört es ebenfalls. Monna Cerchi hat diese Aktion hier ins Leben gerufen.«
Violante Cerchi kam bei uns an und begann sofort auf Beatrice einzureden; offenbar ereiferte sie sich über den sturen Wachoffizier und seine Weigerung, die Bittschriften entgegenzunehmen. Mich streifte sie nur mit einem Blick; vermutlich hielt sie mich für einen Begleiter Beatrices aus dem Hause Pratini. Beatrice lauschte ihrem zornigen Redefluss. Schließlich deutete sie auf mich und erwiderte etwas, in dem ich Janas Namen nennen hörte. Monna Cerchi musterte mich mit zusammengezogenen Brauen und stieß ein paar Worte hervor, die wie eine Verwünschung klangen.
»Was habt Ihr zu ihr gesagt?«
»Dass Ihr ein Landsmann von Jana Dlugosz wärt, die ebenfalls dem Verdacht der Verschwörung ausgesetzt ist und hier festgehalten wird.«
»Jana wurde verhaftet, während sie auf dem Gut ihres Mannes zu einer geschäftlichen Besprechung weilte!«
»Ich weiß; sie hat es eben gesagt.«
»Könntet Ihr sie fragen, ob…?«
Monna Cerchi unterbrach mich mit einem Strom von Worten, den sie mir förmlich ins Gesicht schleuderte. Als sie fertig war, warf sie den Kopf zurück und wartete darauf, dass Beatrice übersetzte. Sie hatte schnell erkannt, auf welche Weise sie sich mit mir unterhalten musste.
»Monna Cerchi sagt, dass Jana an allem schuld ist. Ihr Mann ist vollkommen unschuldig, und wenn Jana nicht bei ihm gewesen wäre, wäre es nie so weit gekommen, dass man ihn verhaftete.«
»Was soll das? Jana hat ihm einen Brief geschrieben, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Er hat sie als Reaktion darauf sofort zu sich hinaus gebeten. Hört sich das nach einem Unwissenden an?«
»Monna Violante sagt, sie wisse nichts von einem Brief.«
»Das kann ich mir vorstellen. Sie kann ihn ja einmal durchlesen, wenn es ihr gefällt. Er hängt im Bargello an der Schandtafel.«
»Monna Violante sagt, ihr Mann habe Jana von sich aus eingeladen. Er habe niemals einen Brief erhalten.«
»Natürlich. Es wusste ja auch ganz Florenz, dass Jana in der Stadt war.«
Beatrice schwieg eine Weile, nachdem Cerchis Frau darauf geantwortet hatte. Sie schien nachzudenken.
»Was ist?«, drängte ich. »Was hat sie gesagt?«
»Sie hat gesagt, dass ihr Mann auf Jana hingewiesen und sie ihm wärmstens empfohlen wurde.«
»Wahrscheinlich von Kardinal Riario, diesem Kindskopf. Jana hat ihn also wirklich um den Finger gewickelt.«
»Il cardinale piccolo?«, stieß Monna Cerchi verächtlich hervor. »Pah! Assurdità! Antonio Pratini! Un miracolo grande, eh?«
»Was meint sie damit?«
»Dass es nicht der Kardinal war, der die Empfehlung aussprach«, erklärte Beatrice langsam und wie gegen ihren Willen. »Jana wurde von Antonio Pratini empfohlen, meinem Bruder.«
Ich gaffte sie und Violante Cerchi abwechselnd an. Cerchis Frau schien zu ahnen, dass ich durch ihre Eröffnungen vollkommen überrumpelt war, denn sie sagte etwas in ruhigerem Tonfall zu Beatrice, wandte sich dann ab und ging wieder zu den anderen Frauen hinüber. Beatrice runzelte die Stirn und blickte ins Leere.
»Wieso ist es ein Wunder, dass Euer Bruder Jana bei Benozzo Cerchi empfahl?«
»Wer sagt das?«
»Monna Cerchi.«
Sie lächelte ein wenig gezwungen. »Ihr versteht unsere Sprache ja doch besser, als Ihr immer sagt.«
»Zu viel der Ehre, Monna Beatrice.«
Sie presste die Lippen zusammen, aber dann entschloss sie sich doch zu reden. »Mein Bruder und Benozzo Cerchi sind aufeinander nicht gut zu sprechen. Es wundert Monna Violante und auch mich, dass Antonio Eure Gefährtin empfohlen haben soll.«
»Ich muss mit Eurem Bruder sprechen. Könnt Ihr ihn fragen, ob er mich empfängt?«
»Warum wollt Ihr das?«
»Welche Frage! Weil er soeben mit einem weiteren Rätsel um Jana in Zusammenhang gebracht worden ist.«
Sie kämpfte mit sich, aber schließlich sprach sie es doch aus: »Ich fürchte, wenn Ihr zu Antonio geht, dass Ihr ihn in diese ganze Sache mit hineinzieht.«
»Monna Beatrice, ich bin hier ganz allein und auf mich gestellt. Ich habe nur meinen Schwiegersohn, der mit jedem Wort, das er sagt, einen entweder zur Weißglut treibt oder eine Katastrophe hervorruft; und einen arroganten, aufgeblasenen Schreiberling aus Janas Heimat, der aus eigener Tasche einen Maler bezahlen würde, um Janas Leichnam am Galgen porträtieren zu lassen. Ich brauche Hilfe. Ich brauche jemanden, der ein bisschen mehr weiß als ich selbst. Wenn Ihr mir nicht helft, zu Eurem Bruder zu gelangen, dann zwinge ich ihn, mich zu empfangen.«
Beatrice legte mir die Hand auf den Arm und lächelte traurig. »Ich bin die Letzte, die Euch irgendeine Hilfe verweigern würde. Ich habe es Euch gestern schon gesagt. Es ist nur so, dass ich Angst habe um meinen Bruder. Er hat sich weder der einen noch der anderen Seite in Florenz jemals angedient; deshalb hat er auch in der Medici-Fraktion keinerlei Unterstützer. Und jetzt, da man hört, dass das Haus Fugger heimlich mit den Pazzi paktieren wollte, um sich Handelsvorteile zu verschaffen, werden ihm vielleicht noch seine guten Verbindungen nach Augsburg zum Verhängnis.«
»Er hat Jana gezielt zu Benozzo Cerchi hinausgelockt«, stieß ich hervor. »Wenn er versuchte, sie damit in den Kreis der Verschwörer hineinzutreiben, dann…«
»Ihr habt selbst gesagt, dass Jana einen Brief an Cerchi geschrieben hat, der sehr deutlich war. Damit wolltet Ihr sagen, der ihren – und möglicherweise Cerchis – Anteil an der Verschwörung klar darstellt.«
»Dann ist es vielleicht andersherum, und er hat versucht, Cerchi mit Jana in Misskredit zu bringen. In beiden Fällen hat er mit ihr gespielt, und in beiden Fällen ist anzunehmen, dass er mehr weiß als wir alle zusammen. Deshalb muss ich ihn sprechen, und wenn ich ihn an seinen abstehenden Ohren aus seinem Haus schleife.« Ich hielt inne und räusperte mich. »Entschuldigt, das wollte ich nicht sagen.«
»Ich verstehe Eure Erregung. Eure Worte über Antonio kann ich allerdings nicht billigen. Ihr seht ihn in einem Licht, das er nicht verdient.« Sie wies auf die Gruppe der Bittstellerinnen, die sich zu zerstreuen begann und den beleidigten Priester mit seinen Nonnen mitnahm. »Lasst uns von diesem Ort weggehen, wo die Zwietracht hinter den Mauern bis nach außen dringt und sich selbst in unser Gespräch einschleicht.«
Ich nickte. Mit der schweigsamen Schwester Ginevra an der Hand und ihrer Zofe im Schlepptau begleitete Beatrice mich langsam in Richtung Fondaco. Ihr Gesicht war umschattet, und sie hielt den Blick auf den Boden gerichtet.
»Eure Frau. Maria. Woran ist sie gestorben?«, fragte sie plötzlich. Ich sah überrascht auf. »Im Kindbett«, erwiderte ich schließlich. »Sie starb zusammen mit dem Kind.«
»Ich trauere mit Euch.«
»Danke.«
»Bevor Ihr Jana getroffen habt, habt Ihr da geglaubt, dass jemals wieder jemand einen so großen Platz wie sie in Eurem Herzen einnehmen könnte?«
»Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht mehr so recht, was ich dachte.«
»Und als Ihr sie kennen gelernt habt, hat sie Maria aus Eurem Herzen verdrängt?«
»Niemals«, sagte ich sanft. »Nichts und niemand kann die Erinnerung an Maria aus meinem Herzen verdrängen. Jana hat mir stattdessen die Liebe wiedergegeben und die Fähigkeit, ohne Schmerz an die Jahre mit Maria zurückzudenken.«
Sie nickte. Ich hatte das Gefühl, dass Tränen in ihren Augen schimmerten, aber ich war mir nicht sicher. Sie hob das Gesicht nicht vom Boden.
»Der Fondaco dei Tedeschi ist dort drüben«, sagte sie. »Ich muss in die entgegengesetzte Richtung. Wisst Ihr, wo die Via del Purgatorio liegt?«
»Nein.«
»Es ist die zweite Gasse links, wenn man von Santa Trinità aus nach Norden geht. Das Haus meines Bruders steht ein paar Hundert Schritte nach der Gassenmündung linker Hand. Es ist ein wuchtiges Gebäude mit einem breiten Eingangstor. Kommt vor Einbruch der Dämmerung.«
»Solltet Ihr Euren Bruder nicht vorher fragen?«
»Er gibt heute Abend ein Festessen. Gesellt Euch einfach dazu. Es gilt, Ser Lorenzos wundersame Errettung zu feiern.«
»Ich dachte, Euer Bruder sei kein Medici-Parteigänger? Oder gilt es in diesen Tagen, die richtige Flagge zu zeigen?«
Sie antwortete nicht darauf, aber ich konnte erkennen, dass ihr meine Worte missfielen; wie alles, was ich bisher gegen ihren Bruder gesagt hatte.
»Ich habe keinen Appetit auf ein Festessen«, sagte ich, »aber ich danke Euch für die Gelegenheit, Euren Bruder sprechen zu können. Ich werde vor den restlichen Gästen eintreffen und auch wieder gehen.«
»Wie Ihr wünscht.« Beatrice reichte mir die Hand und lächelte wieder. »Lebt wohl, Peter Bernward. Ich werde meinen Bruder bitten, dass er Euch sofort empfängt.«
Im Fondaco suchte ich als Erstes nach Ferdinand Boehl; es gab einiges, was ich mit ihm zu klären hatte. Ich fand ihn in einem engen Kontor im Erdgeschoss des Lagerhauses. Er stand an einem Schreibpult, das vor seinem mächtigen Körper wie ein eleganter Kerzenständer wirkte, und starrte blicklos auf den Berg aus Pergamenten nieder, der sich darauf befand. Beglaubigungssiegel von Geschäftskontrakten hingen von der Schreibfläche herunter wie eine Girlande. Boehl hatte Tintenflecke an den Fingern und wirkte wie jemand, der gerade kräftig mit jemand anderem gestritten hat. Da er sich allein im Raum befand, nahm ich an, dass er sich mit den Pergamenten gezankt hatte. Im Inneren des Gebäudes trug er keine Kopfbedeckung; seine Haare waren dick und grau und aus seiner massiven Stirn gekämmt, wo sie sich kampflustig sträubten. Seine Wangen waren wie üblich gerötet, die eine mehr als die andere. In seinem Verschlag roch es nach nass gewordenem Tuch, getrockneten Kräutern und kaltem Mauerwerk. Als ich eintrat, sah er auf.
»Der freie Kaufmann Peter Bernward«, rief er zur Begrüßung und sprach sofort weiter, als wäre ich nur vor wenigen Augenblicken zuletzt in seinem Kontor gewesen und vollständig in seine Geschäftsvorgänge eingeweiht. »Seht Euch das an! Wegen der Idioten, die den alten Pazzi durch die Straßen schleiften, wurden die Stadttore gestern wieder geschlossen. Die signoria dachte zuerst, der Aufstand ginge von neuem los! Bis sie den Kerlen dann den Leichnam weggenommen und in den Fluss geschmissen und sich alles wieder beruhigt hatte, war es Abend, und die Tore wurden auch nicht mehr geöffnet.«
»Ich habe gesehen, was mit der Leiche passierte, nachdem man sie in den Fluss geworfen hatte.«
»Ich war nicht dabei, aber ich kann’s mir denken. Zuerst hatte man den Leichnam seiner Familie übergeben, dann erfuhr die signoria jedoch, wie grässlich der alte Kerl bei seiner Hinrichtung geflucht und alle verwünscht hatte. Aus diesem Grund brachten sie die Leiche nicht mehr zurück, als sie sie wiederhatten, sondern überließen sie dem Wasser; so wie man ja auch die ganzen Abfälle und die Scheiße in den Fluss gibt.« Er zuckte mit den Schultern und blickte auf seine Papiere nieder. Was er dort sah, ließ ihn wieder in Fahrt geraten. »Jedenfalls musste deswegen eine ganze Lieferung Stoffe aus Venedig draußen kampieren. Bei dem Unwetter! Könnt Ihr Euch vorstellen, wie das Zeug aussieht? Nass wie die Fische. Ein Wagen ist auch noch umgefallen und hat seine Ladung in den Dreck gekippt. Sauerei! Wir können über die Hälfte davon wegschmeißen. Und glaubt Ihr, dass die signoria dafür gradestehen wird? Ha! Da brauche ich gar nicht erst vorstellig zu werden. Das hieße, Suppe in einen Korb zu gießen. Die treten mir lediglich in den Arsch, und zwar schneller, als…« Boehl stutzte und sah mich von unten herauf an. Dann kratzte er sich seufzend am Kopf. »Auf der anderen Seite kann man sie ja verstehen. Es ist durchgesickert, dass im Umland von Florenz ein kleines Söldnerheer in Bereitschaft lag, die Stadt zu besetzen, sobald die Aufwiegler den Palazzo della Signoria besetzt hätten. Das war ja wohl um Haaresbreite. Der condottiere der Söldner war bereits in der Stadt und wartete darauf, seinen Leuten das Zeichen zu geben – ein gewisser Giovan Battista Montesecco aus Rom.«
»Ich kenne den Mann«, sagte ich. »Ich habe ihn in Begleitung von Kardinal Riario gesehen.«
»Der kleine Kerl mit dem großen Kardinalshut?« Boehl lachte unangenehm. »Den haben sie angeblich eingesperrt – obwohl er wahrscheinlich gar nicht eingeweiht wurde, so dämlich wie er sein soll. Na ja, gehe mit einem Krüppel, und nach einiger Zeit wirst du selber hinken.« Er gab seinem Schreibpult einen heftigen Tritt. »Alles Schlangenpack, da unten in Rom.« Dann rieb er sich die Backe und verzog das Gesicht.
»Was ist los?«
»Ich habe Zahnschmerzen«, erklärte er unwillig. »Schon eine ganze Weile. Hört nicht auf, auch nicht mit Kamille.«
»Lasst Euch den Zahn entfernen.«
»Wart Ihr schon mal bei einem hiesigen Bader?«, rief er wütend. »Sie praktizieren auf dem Ponte Santa Trinità und haben Musikanten engagiert, die so laut spielen, dass man die Schmerzensschreie des Patienten nicht hört. Glaubt Ihr vielleicht, ich liefere mich so einem Metzger aus?«
»Vielleicht kann ich Euren Schmerz ein wenig dämpfen, indem ich jetzt die Schulden der ehrenwerten Herren aus Augsburg abzutragen versuche.«
»So! Na ja. Seid Ihr etwa beleidigt? Ich hänge mich hier für Euch ganz schön weit über die Zinnen, indem ich Euch beherberge, obwohl Ihr keiner Zunft angehört – und obwohl Ihr da im Gefängnis eine merkwürdige Figur abgegeben habt. Mein Vertreter ist der Meinung, Ihr habt Dreck am Stecken und verbergt Euch hier. Ich habe zu ihm gesagt: Natürlich; deshalb rennt er ja auch den ganzen Tag in der Stadt herum, wo ihn jeder sehen muss, und wohnt bei diesem Totalversager Kleinschmidt, der seinen eigenen Arsch nicht findet, wenn ihn nicht ein Schild darauf hinweist. So sieht einer aus, der die signoria fürchtet.« Er betrachtete mich neugierig. »Ist Kleinschmidt wirklich Euer Schwiegersohn?«
Ich nickte.
»Was hat mit Eurer Tochter nicht gestimmt? Hat sie die Krätze? War sie schon über zwanzig?«
»Er hat auch seine guten Seiten«, sagte ich steif.
»Das glaube ich. Vielleicht zeigt er sie mir irgendwann mal. Also, dafür, dass ich Euch hier wohnen lasse und nicht mal nachfrage, was Ihr eigentlich hier in der Stadt treibt, kann ich auch verlangen, dass Ihr mir helft, ein paar Außenstände zu saldieren. Sozusagen. Meint Ihr nicht auch?«
»Ich meine, Ihr hättet auch eine Beschwerde an Jakob Fugger schreiben können, was das angeht.«
»Klar. Ich hab auch schon einen Brief an den Papst geschrieben, weil mir letztes Mal eine Münze zu viel in die Kollekte gefallen ist. Ein Brief an Jakob Fugger. Wisst Ihr, was der Kerl mit meinem Brief machen wird?« Er fuhr sich mit der Hand über den Hintern. Ich unterbrach ihn, bevor er seine Ausführungen auch noch in Worte fassen konnte. Seine Faszination von allem, was sich unter Zuhilfenahme des verlängerten Rückens drastisch untermalen ließ, war offenbar mindestens ebenso groß wie seine Vorliebe für Sprichwörter.
»Hier in der Stadt gibt es einen Kaufmann, der unterhält sich sogar persönlich mit dem großen Fugger. Und er hat keineswegs das Gefühl, er habe es mit einem Ungeheuer zu tun.«
»Wer soll das sein?«
»Antonio Pratini.«
»Pratini? Der unterhält sich mit Jakob Fugger? Da hat man Euch einen Bären aufgebunden.«
»Wie meint Ihr das?«
»Was man so hört, unterstützten die Fugger Seine Fettleibigkeit auf dem Heiligen Stuhl. Sixtus wiederum unterstützte die Pazzi – jedenfalls bis vorgestern. Franceschino de’ Pazzi und Antonio Pratini aber waren erbitterte Geschäftskonkurrenten -na ja, auch bis vorgestern. Bevor Franceschino geruhte, sich neben den Bischof von Pisa zum Trocknen zu hängen.«
»Konkurrenten? In welchem Geschäftsgebiet?«
»Geld. Was sonst. Habt Ihr nicht gewusst, dass Franceschino de’ Pazzi der Finanzberater des Vatikan war, seit Lorenzo de’ Medici sich wegen des Herzogtums Imola gegen Sixtus stellte? Vorher war es Lorenzo gewesen. Wenn der Korrupte Vater sich ärgert, ärgert er sich gewaltig, stimmt’s? Na, jedenfalls hatte Franceschino, der die Pazzi-Bank in Rom führte, keine glückliche Hand bei der Mehrung der päpstlichen Finanzen. Es heißt, der Papst habe sich schon seit einiger Zeit nach einem Ersatz umgesehen. Wenn Ihr mich fragt, ist das auch einer der Gründe, warum sich Franceschino in diese blödsinnige Sache hat hineinziehen lassen und auch noch den alten Jacopo überredete mitzumachen. Er wollte bei Seiner Gierigkeit wieder ein wenig Terrain zurückgewinnen.«
Seine Bissigkeit, wenn es um den Papst ging, amüsierte mich. Boehl ließ mir allerdings keine Zeit für eine Bemerkung. Er richtete den Blick in die Ferne und brummte: »Was wollte ich eigentlich sagen? Ah ja, Antonio Pratini! Seltsame Geschichte mit diesem Mann. Was man so hört, tauchte er vor etlichen Jahren hier in Florenz auf und machte aus dem kleinen Geldwechslertisch seines Vaters ein Riesengeschäft. Das war irgendwann zwischen dem Erdbeben, bei dem plötzlich alle die Hosen voll hatten wegen Gottes Rache und so, und dem Skandal mit dem Waisenhaus der Dominikaner bei Galluzzo. Das ist alles schon eine ganze Weile her, mehr als dreißig Jahre, als wir beide noch voll im Saft standen, stimmt’s?« Er blinzelte mir spöttisch zu. »Doch diese beiden Daten haben sich im Gedächtnis der Florentiner eingebrannt. Jeder zweite, der alt genug ist, wird Euch sagen können, was er am Tag des Erdbebens getan hat oder an dem Tag, an dem die Geschichte mit dem Waisenhaus bekannt wurde.«
»Was ist damals passiert?«
»Ich weiß es selbst nicht genau, ich war damals ja noch nicht hier. Hab mich auch nie richtig dafür interessiert. Wartet, vielleicht bringe ich es noch zusammen. Ich glaube, ein Bruder hat gewaltig in seine eigene Tasche gewirtschaftet und die Kinder zur Sklavenarbeit verkauft. Dreckige Sache, sich an den Hilflosesten der Hilflosen zu bereichern. Wenn Ihr es genau wissen wollt, fragt irgendjemanden. Man wird Euch die Sache in allen Details herbeten. Wenn es darum geht, einem Mönch oder einem Priester was Schlechtes nachzusagen, sind sie alle mit Freuden dabei. Der niedere Klerus genießt hier nicht gerade großes Ansehen. Es ist allerdings kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen ihre Hände erst aus einem Geldbeutel oder unter einem Rock hervorholen müssen, wenn sie die Segnung austeilen wollen.« Er grinste boshaft.
»Ihr wolltet mir etwas von Pratini erzählen.«
»Ihr habt doch nachgefragt! Also – Pratini hat vor ein paar Jahren eine kleine, feine Bank an sein Handelshaus angehängt. Nur ausgesuchte Kunden, keine Kredite an Könige und Herzöge und anderes zahlungsunfähiges Gesindel. Er hat sich mit Plänen getragen, hört man, auch in Rom eine Filiale zu errichten. Das ist erst mal ein sicheres Geschäft, denn ein Florentiner in einer fremden Stadt wird sein Geld nur einer florentinischen Bank anvertrauen. Andererseits leben aber nicht so viele Florentiner in Rom – dort schon gar nicht! –, als dass auf Dauer mehrere Banken davon leben könnten. Mit Franceschinos Tod hat Pratini seinen mächtigsten Konkurrenten verloren.«
»Daher weht der Wind.«
»Ja. Wenn ich Pratini wäre, würde ich seit Ostersonntag nicht mehr aus dem Feiern herauskommen.«
Ich brummte etwas und verschwieg ihm, dass ich vor nicht ganz einer Stunde zu einem Festessen bei Antonio Pratini eingeladen worden war. Boehl grinste sarkastisch und wandte sich, ohne Atem zu holen, sofort dem nächsten Thema zu. »Also, Ihr wollt zahlen. Alles im Vorhinein? Das setzt voraus, dass Ihr wisst, wie lange Ihr bleiben wollt. Ansonsten kann ich Euch berechnen, was bis jetzt fällig ist, und Ihr zahlt dann die nächste Summe, wenn wir uns wieder treffen.«
Ich ließ ihn eine Weile rechnen und zweifelte dann sein Ergebnis an. Wir feilschten lautstark, bis wir uns auf eine Summe einigten, die ich als halbwegs anständig empfand. Um den Schein zu wahren, bot ich ihm einen Wechsel an, den er entschieden zurückwies. Schließlich strich er meine Münzen ein und gab mir den spöttischen Rat, Vertretung bei einer Bank zu suchen, wenn ich mit Wechseln zahlen wollte.
»Das Bankhaus Pratini kann ich Euch empfehlen«, sagte er grinsend. »Ein aufstrebender Stern am Finanzhimmel über Florenz.«
»Da Ihr so viel über die gute Gesellschaft von Florenz wisst: Was könnt Ihr mir über Francesco Nori erzählen?«
»Nori? Ist tot. Schade um ihn. Er war ein guter Mann und noch besserer Bankier.«
»Er war der Bankleiter der Medici, wenn ich recht gehört habe.«
»Ja, und ein guter Freund von Ser Lorenzo. Er hat sich in der Kirche zwischen Bernardo Bandini und Lorenzo geworfen und diesem so das Leben gerettet. Das ist jedenfalls, was man erzählt. Wenn ich jemanden kennen würde, der alles mit angesehen hat, würde ich ihn fragen, ob’s so stimmt, aber ich zweifle nicht daran.«
»Ihr haltet Nori also für unverdächtig?«, fragte ich ungerührt.
»Unverdächtig? Wessen sollte ich ihn denn verdächtigen?«
»Dass er insgeheim mit den Pazzi gemeinsame Sache machte.«
»Francesco Nori? Niemals. Also wirklich: niemals! Er war ein sehr guter Freund der Familie. Warum wollt Ihr das wissen?«
»Gerüchte«, sagte ich vage. »Dass Nori mit den Pazzi paktiert und in letzter Sekunde Angst bekommen habe.«
»Wer so etwas sagt, lügt ganz einfach oder will sich aufblasen. Oder hat keine Ahnung von den Verhältnissen hier. Vergesst es. Das ist Blödsinn.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Könnt Ihr mir verraten, wo ich Rudolf Gutswalter finde?«, fragte ich ihn dann beiläufig.
»Wen?«
»Rudolf Gutswalter. Er wohnt hier im Fondaco. Ein großer, schlanker Mann mit einem Bubengesicht.«
»Ich kenne ihn schon. Was wollt Ihr denn von dem?«
»Ein paar Fragen klären. Er hat ein… ein interessantes Problem aufgeworfen.«
»Also, den findet Ihr hier nicht. Er kommt ab und zu her, aber er wohnt nicht im Fondaco. Gehört nicht zur ständigen Besatzung.«
»Er war jedenfalls im Gefängnis mit dabei!«
»Natürlich. Der Mensch hat gute Beziehungen und einen wachen Verstand; er ist keiner, der Schafwolle auf einem Eselsrücken suchen würde. So einen muss man einspannen, wenn er schon mal da ist.«
»Und wo hält er sich für gewöhnlich auf?«
»In der Stadt. Er ist der Kompagnon eines Kaufmanns hier -oder besser gesagt, sein Finanzverwalter. Erstaunlich genug, dass er diese Vertrauensstellung hat; die Florentiner bleiben normalerweise unter sich.«
»Und welches Haus wäre das?«, fragte ich ungeduldig.
»Das, wohin Ihr Euer Geld tragen solltet.«
»Pratini!?«
»So ist es.«
Ich staunte ihn an. Er machte eine lässige Handbewegung. »Habt Ihr nichts zu tun? Ich schon. Ich muss jemanden finden, dem ich vier Wagenladungen verschimmeltes Tuch andrehen kann. Bis zum nächsten Mal.« Er hielt mir eine Hand hin. Ich ergriff sie und hatte das Gefühl, zwischen zwei Backsteine geraten zu sein. Er grinste über das ganze Gesicht. »Und – willkommen in der Tuchmachergilde von Bamberg. Wenn Ihr Zeit habt, können wir Euren Eintritt ja begießen. Ich weiß eine gute osteria in Oltr’ Arno. Ihr zahlt.«
In der Truhe, die wir aus Vespuccis Haus gerettet hatten, fanden sich noch ein Hemd und zwei Paar Beinkleider. Beide waren zerknittert und schon mehrfach getragen, aber noch immer besser als die Kleider, die ich nun seit Ostersonntagmorgen am Leibe trug. Ich trocknete mich mit einem Leinenfetzen ab und schlüpfte hinein. Johann Kleinschmidt, der ungewöhnlich wortkarg war und mir schamhaft den Rücken zugewandt hatte, kritzelte in einem dicken Folianten. Wie es den Anschein hatte, übertrug er Informationen aus einem Stapel von Pergamenten, die auf seinem Schreibpult lagen. Ich hatte ihm nichts von meinen Plänen gesagt, Antonio Pratini aufzusuchen, und hatte auch nicht vor, ihn dorthin mitzunehmen. Ich wusste, dass er spätestens, wenn ich Anstalten machte, seine Kammer zu verlassen, nach meinem Wohin fragen und danach tausend Sorgen haben würde; für den Moment aber genoss ich seine Schweigsamkeit und versuchte, meine Gedanken zu sammeln. Es fiel mir ebenso schwer wie der Versuch, Janas Verhalten zu verstehen.
Ich glaubte Boehls Aussage zu Francesco Nori, wenn auch aus keinem anderen Grund als dem, dass es gar keinen Grund für ihn gab, mich anzulügen. Ich hätte ihn auch nach Umberto Velluti fragen können, aber ich wollte nicht zu wissbegierig scheinen. Neugierig auf einen Mann zu sein, der Lorenzo de’ Medici mit seinem beherzten Eingreifen das Leben gerettet hatte, war eine Sache; sich nach einem völlig Unbekannten zu erkundigen und nicht einmal geschäftliches Interesse dafür vorschieben zu können, war etwas anderes.
Velluti allerdings schien es wert, sich näher mit ihm zu befassen. Ich band die Kordel zu, die das Hemd über meiner Leibesmitte raffte. Der Brief verband ihn mit Jana; das hastige Treffen in der Trinkstube mit Rudolf Gutswalter; und Gutswalter selbst verband sich mit allem, was ich bisher zur Rettung Janas unternommen hatte. Die Frage war nur: Wie sah die Verbindung aus, und wozu hatte Gutswalter mehrfach versucht, mir zu helfen, wo Velluti nur voller Schrecken zurückgezuckt war?
Gutswalter war der Kompagnon Pratinis; Pratini wiederum war Janas Geschäftskonkurrent und wahrscheinlich – seit dem Vorfall in Venedig – auch ihr Feind. Beatrice konnte vorbringen, was sie wollte: Ich hegte den Verdacht, dass er Jana und Cerchi nicht umsonst zusammengebracht hatte und dass sein Motiv vor allem gewesen war, Jana in Misskredit zu bringen. Velluti, der durch die Kontaktaufnahme Janas ebenfalls in die Gefahr geraten war, zum Kreis der Verschwörer gezählt zu werden, wandte sich an Gutswalter und bat ihn um Hilfe. Warum gerade ihn? Was verband die beiden Männer – wenn Velluti nicht derjenige war, der Gutswalter damals aus dem Schuldgefängnis geholt hatte? Gutswalter hatte ausgesagt, sein Gönner sei mittlerweile verstorben; aber er musste ja nicht die Wahrheit gesagt haben. Mischte sich Gutswalter in meine Angelegenheiten ein, um herauszufinden, wieweit sein Freund wirklich in Gefahr war? Doch er hatte den Kontakt zu mir gesucht, noch bevor ich bei Velluti gewesen war. Hätte ich gewusst, dass er der Partner des Mannes war, den Jana in Venedig gedemütigt und über den Tisch gezogen hatte, wäre ich vor seiner Hilfe so weit davongelaufen, wie ich konnte. Und dennoch – nur seinetwegen war ich im Gefängnis nicht in die Hände der Behörden gefallen.
- Vergiss auch nicht den Mann, der dich verfolgt hat.
Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich schlüpfte in eines der von der langen Reise abgestoßenen und an den Knien ausgebeulten Hosenpaare. Ich dachte daran, wie fein sich die Florentiner am Tag der unseligen Ostermesse herausgeputzt hatten und dass die Gäste von Antonio Pratini dies wahrscheinlich auch tun würden. Es mochte besser sein, wieder zu verschwinden, noch bevor der Erste von ihnen eintraf.
Wusste ich, worauf ich mich einließ? Wenn Pratini der war, als der er schien, war er im Stande, mich von seiner Dienerschar einfach festhalten zu lassen und mich dann an die Behörden zu übergeben. Wenn er der war, als den ich ihn einschätzte, würde er jedoch versuchen, mit mir zu spielen – und mich der signoria auszuliefern hätte das Spiel schnell beendet. Ich war kein guter und auch kein begeisterter Spieler, besonders nicht, wenn es um das Schicksal Janas ging; doch ich sah keine andere Möglichkeit, als mich darauf einzulassen, wenn ich etwas herausfinden wollte. Wie hatte Pratini vor dem Dom zu mir gesagt? Die Vor- und Nachteile sind hier so verteilt, dass Ihr sie nicht einmal ansatzweise versteht. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur zu gut verstand: Die Nachteile befanden sich alle auf meiner Seite.
Und bei allem stellte sich die Frage: Was, wenn Kleinschmidt und Tredittore Recht hatten und ich nur einer verrückten Idee hinterherrannte? Was, wenn Jana ganz einfach die Briefe so geschrieben hatte, wie sie jetzt an der Schandtafel in der Festung des capitano del popolo hingen?
Ich glaubte, Ferdinand Boehl zu hören, wie er sich seines reichen Sprücheschatzes bediente und zu mir sagte: Ihr kommt mir vor wie jemand, der die Nägel aufklaubt und das Hufeisen dabei verliert.
3.
D
as Haus lag so, wie Beatrice es beschrieben hatte. Pratinis palazzo besaß nicht die spielerisch-wuchtige Eleganz des Hauses von Bernardo Rucellai oder auch nur von Piero Vespucci; er glich eher dem nüchternen Festungsbau des Bargello und war in seiner Umgebung aus Handwerkerläden und schmalbrüstigen Wohnhäusern ebenso fehl am Platz wie das Bankhaus im Tuchfärberviertel. Offensichtlich blickte auch Pratini auf bescheidenere Anfänge zurück und hatte wie fast jeder Florentiner nie eine Notwendigkeit gesehen, diesen Niederungen durch einen Wegzug in vornehmere Viertel zu entkommen. Der Stein war dunkel, fast umbrafarben, und das zweiflüglige Tor war mit spitzkantigen Eisennägeln dicht an dicht beschlagen.
Ein Mann vom Vermögen und Einfluss Antonio Pratinis besaß mit Sicherheit eine ganze Reihe von verpachteten Weingütern und Bauernhöfen, die ihn mit allem belieferten, was das Land hergab. Dementsprechend musste sein Keller gefüllt sein. Dennoch stand ein Ochsenkarren vor dem Eingangstor, und zwei Männer rollten unter der Aufsicht eines Domestiken Fässer über zwei Planken vom Wagen herunter und durch die Tordurchfahrt in Pratinis Vorratsräume. Es war so wie überall: Das, was vor der Tür wächst, ist nichts Besonderes. Wahrscheinlich zogen Pratinis gezierte Gäste jeden Krätzer dem hier wachsenden, würzigen Rotwein vor, sobald er nur von weit genug weg geliefert werden musste. Wenn ich Überraschung darüber verspürte, dann nur, weil ich nicht erwartet hatte, dass Pratini sich diesem Getue anpassen würde.
Ich sprach den Aufpasser in holprigem Florentinisch an und erreichte immerhin, dass er einen Mann herbeiholte, der scheinbar als Pratinis majordomus fungierte. Dieser führte mich wortlos in einen gewaltigen Vorratskeller, in den sich das Eingangstor öffnete und der das gesamte Erdgeschoss des Hauses einnahm. Ich hatte darin Ballen von Stoffen, Kisten und in gewachstes Tuch geschlagene Güter erwartet, den Geruch von Erde, die die Tongefäße in den Truhen vor Stößen bewahrte, von Gewürzen und dem frisch gesägten Holz der Kisten. Aber Pratinis Vorratsraum war leer bis auf die Fässer, die hereingerollt wurden. Das Rumpeln klang wie aufkommender Donner und brach sich in dem hoch aufgemauerten Gewölbe. Als ich hinter Pratinis Hausverwalter eine hölzerne Treppe emporkletterte, hatte ich das Gefühl, in eine Festung einzudringen, die von einem unsichtbaren Feind belagert wurde und deren Widerstand bald zusammenbrechen würde. Als ich endlich dem Hausbesitzer begegnete, war mir klar, worum es sich handelte. Pratini lief die Zeit davon.
Pratini hatte seine Stube in ein Arbeitszimmer verwandelt. So wenig Waren er eingelagert hatte, so viele Papiere und Pergamente stapelten sich auf Truhen und Kisten, beschwert von in Bronze gegossenen, in Stein gemeißelten oder aus Ton geformten Figuren, deren Güte zwischen meisterhaft und lächerlich schwankte. Ich sah die Siegel von Beglaubigungen und die feinen Linien von Grundrisszeichnungen, und ich sah muskelstrotzende Herkulesgestalten von der Größe eines Unterarms, römische Kaiserbüsten, erhabene Friese mit ineinander verschlungenen Kämpfern und dazwischen in vielen Kopien immer wieder die schlanke, feminine Figur eines Knaben, die ich nur an dem abgeschlagenen Haupt unter einem triumphierenden Fuß als König David erkannte. Dann führte mich der majordomus zu einem großen Bett an der einzigen freien Wand, und ich stand Antonio Pratini und einer flachen Schüssel voller Blut gegenüber.
»Er ist außergewöhnlich, nicht wahr?«, fragte er mich.
»Wer?«
»Donatellos David.«
Ich drehte mich zu einer der Figuren um, die einen Stapel Pergamente beschwerte. Sie war in Bronze gegossen und der Guss von jemandem bearbeitet worden, dem die Proportionen des menschlichen Körpers im Groben geläufiger waren als im Detail. Pratini lachte leise. »Das sind nur Versuche; Kopien; erste Anfänge erwachender Talente, unter denen vielleicht -vielleicht! – einmal ein Genie erwächst, das Donatello ebenbürtig ist.«
»Ich kenne das Original nicht.« Der fehlgliedrige David stand auf einer perspektivisch ausgeführten Skizze eines lang gestreckten Gebäudes. Der Architekt hatte sich die Mühe gemacht, eine Beschriftung über den Arkaden einzuzeichnen: C -M – G. Ich sah genauer hin und entzifferte Certosa Mea Culpa. Pratini beobachtete mich.
»Wäre nicht jenes scheußliche Verbrechen im Dom passiert, könntet Ihr es besichtigen. Es steht im Innenhof des Palastes von Ser Lorenzo.«
»Nun, ich bin nicht hergekommen, um über die Bildhauerkunst zu diskutieren.«
»Das ist schade. Ich könnte Euch meine eigene Werkstatt zeigen. Sie steht dem Garten, in dem Ser Lorenzo die Talente von Florenz zur Entfaltung bringt, kaum nach. Nur der Bildhauer ist im Stande, ein Abbild des Lebens zu erschaffen, wisst Ihr; kein Maler vermag das. Man muss um eine Gestalt herumgehen können, um sie zu erfassen; man muss sie im Stein erkennen und daraus befreien. Das ist wahre Kunst, Herr Bernward, und deshalb so schlecht angesehen, dass die Bildhauer dieser schönen Stadt am Hungertuch nagten, gäbe es nicht Einrichtungen wie die von Lorenzo de’ Medici und mir. Die Florentiner scheinen zu glauben, dass mit Donatello der Höhepunkt der Bildhauerkunst erreicht worden ist und nichts Besseres mehr nachkommen wird, weswegen sie dieser Kunst keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Aber ich sage, Donatello war nur der Wegbereiter. Eines Tages wird meine oder Ser Lorenzos Werkstatt einen Bildhauer hervorbringen, dessen Werke nach Generationen noch Gültigkeit haben.«
Ich deutete auf die Schüssel mit dem sich langsam stockenden Blut zu seinen Füßen. »Was fehlt Euch?«
»Die Jugend«, seufzte er. »Wenn mein medicus meint, ein Aderlass sei das Richtige, so unterwerfe ich mich. Wenngleich ich seine Rezeptur bezweifle. Aber ich habe nichts anderes.«
»Ich glaube nicht, dass Ihr mir an Jahren viel voraus habt.«
»Alter ist keine Frage von Jahren.« Er deutete auf zwei kleine runde Bilder über seinem Bett. Es zeigte zwei fein herausgeputzte Kinder, einen Knaben und ein Mädchen von zehn oder zwölf Jahren, die pummelige Gesichter hatten und aussahen, als hätte der Künstler sie weitgehend aus der Fantasie gemalt. »Ich habe wenigstens jemanden, der meine Jugend weiterträgt. Das ist mein Sohn Ermanno und meine Tochter Smeralda, als sie noch in Ermannos Alter war. Habt Ihr auch Kinder, auf die Ihr stolz seid, Ser Bernward?«
Ich zuckte mit den Schultern; ich wäre auch unter anderen Umständen nicht geneigt gewesen, mich über dieses Thema zu verbreiten. Die tiefrote Lache in der weißen Schüssel rief leichte Übelkeit in mir hervor. Ich bemühte mich, etwas anderes anzusehen. Pratini rieb sich den Bizeps und machte die Kompresse um seinen Oberarm los. Ein dünner Blutschwall pulste aus dem Schnitt und lief seinen Arm entlang. Pratini drückte ein Tuch darauf und nickte seinem Verwalter zu, der an einer Schnur zog. Wenige Augenblicke darauf stürzte Pratinis Arzt herein, einen Jungen mit breiten mongolischen Gesichtszügen hinter sich her zerrend. Der Junge glotzte in die gefüllte Schüssel und dann auf die Schnittwunde in Pratinis Unterarm, als dieser das Tuch beiseite nahm. Das Blut hörte auf zu pulsen. Der Junge grinste, wobei ihm ein Speichelfaden über die Unterlippe lief und sich von seinem Kinn auf seinen vorgewölbten Bauch schwang.
»Euer Blutstiller ist ein Phänomen«, sagte Pratini zu seinem Arzt. Ich wartete, bis der Arzt die Wunde verbunden und dann mit seinem famosen Blutstiller verschwunden war und eine Magd die Schüssel entfernt hatte. Pratini lag halb aufgerichtet in seinem Bett und rollte mit langsamen Bewegungen den Ärmel seines Hemdes wieder hinunter. Er wirkte eingefallener als am Ostersamstag, und seine Ohren schienen größer geworden zu sein, aber seine Augen funkelten lebhaft, und es gelang ihm nur unvollständig, dies unter seinen schweren Lidern zu verbergen.
»Meine Schwester hat Euch angekündigt«, sagte er.
»Das ist sehr freundlich von ihr.«
Er schwang die Beine vom Bett und richtete sich zum Sitzen auf. Er schüttelte den Kopf wie ein Hund und ächzte.
»Kommt«, murmelte er, »ich zeige Euch etwas. Ich muss nach dem Aderlass herumgehen, sonst schlafe ich ein.«
»Ich möchte etwas Dringendes mit Euch besprechen.«
Er machte einen wackligen Schritt, und ich streckte unwillkürlich eine Hand aus, aber er wehrte mich ab. Nachdem er tief eingeatmet und nochmals den Kopf heftig geschüttelt hatte, straffte sich seine Gestalt, und er sah nicht mehr recht viel anders aus als am Samstag vor dem Dom. Er deutete zu einer Tür, die an der Bettseite des Raumes angebracht war. »Hier hinaus«, sagte er. »Wenn Ihr mir die Tür öffnen würdet?« Er tappte bis zu dem Tisch, auf dem die schlechte Kopie des David stand, und musste sich darauf stützen. Ich kehrte um und bot ihm meine Hand zum zweiten Mal, und schließlich ergriff er sie. Er geleitete mich zur Tür hinaus. Am liebsten hätte ich ihn mit einer seiner verfluchten Statuetten so auf der Stelle fixiert wie seine Pergamente und Pläne, aber ich fügte mich seinem Wunsch. Ich wusste aus genügend Gelegenheiten, dass man den Leuten die Möglichkeit geben muss, ihre Geschichte auf ihre eigene Art und Weise zu erzählen, wenn man sie vollständig hören will. Trotzdem verwünschte ich mich dafür, nicht zu Beginn des Aderlasses gekommen zu sein; da hätte er wenigstens nicht vor meinen Fragen davonlaufen können.
Pratinis Haus war größer, als es nach außen den Anschein hatte, und verfügte über weitaus luxuriösere Einrichtungen, als sein spartanisches Arbeits- und Schlafzimmer vermuten ließen. Der massive festungsartige Bau schirmte einen herrlichen, weitläufigen Innenhof mit drei Seiten umlaufender Arkaden in der Art eines klösterlichen Kreuzgangs ab. Zwischen den vom Regen rein gewaschenen Büschen und kleinen Bäumchen standen die Arbeiten von Bildhauern in jeglichem Stadium der Fertigstellung herum. Die Figuren sahen aus, als warteten sie auf die Rückkehr ihrer Erschaffer, die jeden Moment erfolgen musste. Am jenseitigen Ende des Gartens, wo sich keine Arkaden befanden, lehnte sich ein Schuppen an die Mauer, dessen vordere Wand fehlte. Dort standen Töpferscheiben und kleine Pulte, auf denen man Wachsfiguren formen konnte. Über einigen Hockern lagen Lederschürzen; verschlossene Truhen enthielten vermutlich die Hammer und Meißel und das sonstige Werkzeug der Bildhauer.
»Ist das Eure Bildhauer-Werkstätte?«, fragte ich.
»So ist es. Und ich bin stolz darauf.«
»Sehr schön.«
Er drehte sich um und musterte mich ungnädig. »Ist das alles, was Ihr dazu sagt? ›Sehr schön.‹ Ihr seid wie meine Gattin und meine Tochter. Sie halten meinen Garten für eine Verrücktheit und schwärmen gleichzeitig für die Freigebigkeit, mit der ein Lorenzo de’ Medici seinen eigenen Garten unterhält.«
»Bedaure, wenn ich klinge wie Eure Gemahlin«, sagte ich bissiger als beabsichtigt, »aber ich habe im Augenblick andere Sorgen.«
»Eure Sorgen und meine sind sich gar nicht so unähnlich.«
Ich starrte ihn überrascht an. »Wie meint Ihr das?«
Er dachte einen winzigen Moment nach. »Ich sorge mich, was aus dieser Werkstätte wird, wenn ich sie nicht am Leben erhalte. Ihr sorgt Euch darum, was mit Eurer Gefährtin wird, wenn Ihr sie nicht unterstützen könnt.«
»Ihr habt die Unwägbarkeiten falsch platziert«, stieß ich hervor. »Das mit dem ›Am-Leben-Erhalten‹ passt besser auf Janas und meine Situation.«
Er zuckte mit den Schultern und sah wieder in den Garten hinab. Als eine Gruppe von drei Gestalten direkt unter uns aus einem Tor in den Garten trat, beugte er sich nach vorn. Ein Mann führte zwei Knaben herein. Die drei strebten, ohne sich umzusehen, zu dem Schuppen und tauchten in seinen Halbschatten ein.
»Das ist Bertoldo, der Aufseher«, brummte Pratini. »Er prüft die Wachsgüsse von heute Vormittag. Ser Lorenzo macht ihm ständig Angebote, in seinen Garten zu wechseln. Ich werde ihn wahrscheinlich verlieren.«
»Sind die zwei Buben seine Söhne?«
»Nein, Bertoldo hat keine Familie. Talent zeigt sich nicht erst in Erwachsenen, Ser Bernward, es muss im Gegenteil in frühester Jugend erkannt und gehegt werden, damit es im Alter Früchte tragen kann. Die Knaben sind nur zwei von vielen Lehrlingen in meiner Werkstatt.«
»Sie scheinen mir etwas zu jung dafür, dass ihre Eltern sie in Eure Obhut geben.«
Er sagte herablassend: »Die Lehrlinge in meiner Werkstatt haben keine Eltern. Es sind Waisen. Indem ich versuche, ihr Talent zu fördern, gebe ich ihnen zugleich die Möglichkeit, den Weg zu verlassen, der vom Waisenhaus zum Armenhaus führt.«
Die Prüfung war scheinbar zur Zufriedenheit des Aufsehers ausgefallen. Er tauchte zusammen mit seinen jungen Schülern aus dem Schuppen auf und marschierte wieder zum Eingangstor des Gartens. Die beiden Knaben versuchten, ein stolzes Lächeln zu unterdrücken. Pratini öffnete das Fenster und rief etwas hinunter. Bertoldo hob den Kopf, grinste und winkte zurück. Sein Gesicht war weiß überpudert von Staub; ein halbes Dutzend kleiner dunkler Blutfleckchen um die Nase und auf den Wangen hob sich schwarz davon ab. »Bertoldo hat wieder an seinen Kopien gearbeitet. Er kopiert die Statuen aus der Kaiserzeit und versucht, ihnen einen neuen Sinn zu geben. Da spürt er es überhaupt nicht, wenn ihm die Steinsplitter um die Ohren fliegen.«
Ich sagte: »Warum habt Ihr Jana bei Benozzo Cerchi empfohlen?«
»Hätte ich sie meinen Geschäftsfreunden empfehlen sollen? Ihr wisst, wie sie mit mir umgesprungen ist.«
»Sie hat Euch bei einem Handel geschlagen. Ihr habt sie in die Verschwörung mit hineingezogen. Was Ihr in Venedig verloren habt, ist ein wenig Geld. Jana wird ihr Leben verlieren!«
»Glaubt mir«, seufzte er, »ich bin der festen Überzeugung, dass Benozzo Cerchi nichts mit der Verschwörung der Pazzi zu tun hat.«
»Jana erst recht nicht!«, rief ich störrisch.
Er legte seine Stirn in noch mehr Falten und starrte mich an. »Wenn das Eure Überzeugung ist, müsst Ihr sie aus dem Gefängnis herausholen.«
»Diese Worte habe ich schon einmal gehört.«
»Warum glaubt Ihr, dass nur meine Schwester so denkt, aber nicht ich?«
Ich klappte den Mund zu und beschloss, ihm keine Antwort darauf zu geben. Pratini wandte sich vom Garten ab und schlenderte langsam zurück zur Tür, die in sein Zimmer führte. Er schüttelte den Kopf.
»Wenn Lorenzo den Anschlag ebenfalls nicht überlebt hätte, wären im Gefängnis jetzt nur noch Leichen. Und nicht nur dort«, sagte er leise. »Florenz hatte Glück im Unglück.«
»Was ist mit seiner Verletzung?«, fragte ich fast gegen meinen Willen.
»Nur oberflächlich. Es gab die Befürchtung, dass die Klinge, mit der Stefano di Bagnone ihn verwundete, vergiftet sei; so hat Antonio Ridolfi, einer von Ser Lorenzos engen Freunden, der sich ebenfalls in die Sakristei gerettet hatte, die Wunde ausgesaugt. Dem Herrn sei Dank, dass Stefano kein Gift verwendete.«
»Wer ist dieser Stefano? Ich sah nur zwei Priester in Begleitung Ser Lorenzos, als das Handgemenge losging.«
»Wie nahe wart Ihr denn dran?«, erkundigte er sich verblüfft.
»Nahe genug.«
Pratini schüttelte den Kopf. Zur Abwechslung schien er wirklich erstaunt zu sein.
»Wo wart Ihr denn während des Hochamtes?«, fragte ich ihn.
»Ich habe die Messe nicht besucht.«
»Nicht? Aber halb Florenz war da.«
»Meine Familie und ich besuchten die Morgenandacht.« Er zuckte mit den Schultern und wechselte das Thema. »Stefano di Bagnone ist einer der beiden Priester, die Ihr bei Ser Lorenzo gesehen habt. Er ist ein Kaplan im Dienst von Jacopo de’ Pazzi. Der andere gottesfürchtige Mann heißt Antonio Maffei und stammt aus Volterra.«
»Beide sind wirkliche Priester?«
»Ja, man möchte es nicht für möglich halten. Sagt Euch der Name Giovan Battista Montesecco etwas?«
»Der condottiere, der mit seinem Söldnerheer Florenz besetzen sollte?«
»Oh, ich sehe, Ihr seid gut im Bilde. Tatsächlich sollte Montesecco die Stadt in seine Gewalt bringen, sobald Lorenzo und Giuliano tot waren. Montesecco selbst war dazu ausersehen, Lorenzo zu ermorden. Als er erfuhr, dass der Mord in der Kirche während des Hochamtes geschehen sollte, weigerte er sich allerdings. Er hielt die Tat unter diesen Umständen für einen Frevel.«
»Da ist ja wenigstens noch ein Funken Anstand in einem der Verschwörer zu entdecken.«
»Zumindest mehr als in den Männern Gottes. Maffei und Stefano di Bagnone sprangen, ohne zu zögern, für Montesecco ein.«
»Woher kommt dieser Hass?«
Er dachte einen Augenblick nach, als würde es ihm bewusst, dass ich ihn zu einer Aussage bewegen wollte, die auch seine eigene Haltung verraten konnte. »Maffei nahm Ser Lorenzo wohl die Plünderung Volterras durch florentinische Truppen vor ein paar Jahren übel«, erklärte er langsam. »Bagnone war im Dienst der Pazzi; er dachte vermutlich nicht lange nach, ob seine Herrschaft etwas Frevelhaftes von ihm verlangte. Ihr wisst ja: Das Singen von Gottes Liedern macht nicht so satt wie das Essen von meiner Herrschaft Brot.«
»Ihr meint: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.«
»Genau so heißt es. Ich bin doch nicht so gewandt in Eurer Sprache.«
»Ihr seid besser als alle anderen, die ich kenne«, sagte ich und versuchte, die Tatsache zu verdauen, dass er mich ebenso elegant von dem schwierigen Thema weggelockt wie ich ihn hingeführt hatte.
»Montesecco wurde übrigens gefangen, als er versuchte, die Stadt heimlich zu verlassen«, erklärte Pratini. »Scheinbar bereut er seinen Anteil an der Verschwörung, denn er gibt bereitwillig über alles Auskunft.«
»Und woher wisst Ihr so gut darüber Bescheid?«
»Ihr seid ein Kaufmann wie ich. Bestimmt habt Ihr in Eurer Heimat ebenso gute Quellen wie ich hier.«
»Hier habe ich überhaupt keine Quellen, und doch muss ich versuchen, meine Gefährtin vor dem Galgen zu retten.«
»Euch selbst auch«, sagte er mit überraschender Offenheit. »Es ist Euch hoffentlich klar, dass man auch nach Euch sucht.«
»Mein Schwiegersohn lässt keine Stunde vergehen, ohne mich darauf hinzuweisen. Was macht Ihr aus der ganzen Situation? Werden mich Eure Knechte fesseln, sobald ich versuche, Euer Haus zu verlassen?«
»Warum sollte ich so etwas veranlassen?«
»Aus Patriotismus? Vielleicht ist Jana wirklich an der Verschwörung beteiligt und ich ihr williger Helfer? Oder aus Vergeltung für Venedig?«
»Ich hege keine Rachegefühle. Weder gegen Euch noch gegen Jana Dlugosz. Und was meinen Patriotismus betrifft: Wenn ich Euch ausliefere, muss ich selbst einige unangenehme Fragen beantworten. Immerhin habe ich Euch in mein Haus gelassen; meine Schwester hat sich mit Euch unterhalten, anstatt Euch sofort den Behörden anzuzeigen.«
»Soll das heißen, meine Gefangennahme könnte Euch schaden?«
»So weit würde ich auch wieder nicht gehen, das zu behaupten«, erklärte er mit schiefem Lächeln. »Dazu sind meine Beziehungen zum Hause Medici zu gut. Ich sage Euch das nur, falls Ihr mit dem Gedanken spielen solltet, mich mit der Aussicht unter Druck zu setzen, dass auch Ihr nicht mehr lange in Freiheit bleibt, wenn ich Euch nicht helfe, Eure Gefährtin zu befreien.«
»Helft mir trotzdem«, sagte ich stürmisch. »Ihr wisst, dass sie unschuldig ist.«
»Ich weiß gar nichts«, wehrte er ab.
»Warum sollte sie denn so etwas tun? Das entbehrt doch jeder Grundlage!«
»Ihr braucht mich von nichts zu überzeugen. Es tut mir Leid für Euch, wenn Ihr Euch selbst immer wieder von ihrer Unschuld überzeugen müsst.«
Ich schwieg betroffen. Er lächelte sein feines Lächeln. »Verlangt nicht von mir, dass ich mich einmische. Das ist ganz allein Eure Sache.«
»Ihr habt Euch schon eingemischt«, sagte ich wütend.
Pratinis Gesicht zog sich zusammen. »Wie darf ich das verstehen?«
»Euer famoser Kompagnon hat mich im Gefängnis davor bewahrt, den Gerichtsdienern in die Hände zu fallen.«
»Rodolfo? Tatsächlich? Nun, ich bin nicht über alles, was er tut, im Bilde. Er ist mein Partner, nicht mein Sohn. Freut Euch doch darüber, dass er Euch geholfen hat.«
»Natürlich freue ich mich; ich frage mich aber auch, warum er das getan hat.«
»Er ist ein sehr freundlicher Mensch.«
»Ja, und ich kam gerade rechtzeitig, als seine Freundlichkeit wieder einmal überschwappte.«
Pratini schüttelte den Kopf und schürzte die Lippen. »Man hilft Euch, und Ihr vergeltet es mit Misstrauen, Arroganz und Bissigkeit.«
»Ich habe nicht den Eindruck, dass meine Höflichkeit Janas Leben retten wird.«
»Was immer es ist, das ihr Leben rettet, Ihr seid Euch hoffentlich bewusst, dass es nur von Euch kommen kann.«
»Warum seid Ihr Euch so sicher, dass Ihr nicht noch in die ganze Geschichte mit hineingezogen werdet? Eure Schwester ist besorgter um Euch als Ihr selbst. Und wenn ich an Eure guten Verbindungen zu Jakob Fugger denke, der angeblich seine Sympathien auf der Seite der Pazzi gehabt haben soll…?«
»Ich habe nichts zu befürchten«, sagte er mit einer Endgültigkeit, die mir offensichtlich auch bedeuten sollte, dass Drohungen sinnlos waren.
»Wenn aber die Fugger nicht Eure einzige mögliche Verbindung zu den Verschwörern darstellen?«
»Welche sollte es denn noch geben?«
»Sagt Euch der Name Umberto Velluti etwas? Der Mann, dem Ihr seinen Lebensabend vergoldet? Jana hatte ihm einen Brief geschickt; ihm und noch vier anderen Männern. Zwei dieser Briefe hängen jetzt an der Schandtafel im Bargello.«
Pratini grinste breit. »Wenn Ihr irgendjemanden glauben machen wollt, Messer Umberto hätte sich um etwas anderes gekümmert als um seine vergangenen großen Tage, tut Ihr mir Leid.«
»Nichtsdestotrotz hat sie ihm geschrieben.«
»Na und?«
»Welche Verbindung sollte es wohl geben zwischen Velluti und Jana, könnt Ihr mir das sagen?«
»Vielleicht wollte sie ihn beauftragen, ein Landhaus zu bauen? Alle erfolgreichen Kaufleute in Florenz haben ein Landhaus im Mugello.«
»Eure Bissigkeit steht der meinen in nichts nach.«
»Ich bin nicht bissig, ich amüsiere mich nur«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Abgesehen davon rückt der Zeitpunkt näher, an dem meine ersten Gäste eintreffen werden. Ich möchte mich noch vorher umziehen. Ich darf doch davon ausgehen, dass Ihr an dem Festessen teilnehmen werdet?«
»Mir ist der Appetit vergangen«, brummte ich. »Und erst recht der Sinn für Festivitäten, wenn ich daran denke, dass Jana im Gefängnis sitzt und auf die Folter wartet.«
Er reichte mir die Hand. »Ich wünsche Euch Glück«, sagte er.
»Vielleicht würdet Ihr mir wenigstens ermöglichen, mit Rudolf Gutswalter zu sprechen.«
»Ich fürchte, er ist erst auf dem Weg in die Stadt. Er hat sich draußen auf meinem Gut darum gekümmert, dass ein paar Dinge rechtzeitig zu meinem Fest hierher gebracht werden. Wahrscheinlich wird er bald kommen. Auf jeden Fall nimmt er am Essen teil. Doch ein Grund für Euch, meine Einladung anzunehmen?«
»Würdet Ihr ihn bitten, mich im Fondaco aufzusuchen?«
»Warum wartet Ihr nicht hier auf ihn?«
»Ich habe noch genug zu tun.«
»Nun gut. Jemand wird Euch hinausbringen.« Er öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer und ließ mir den Vortritt. Etwas kitzelte einen Augenblick lang meinen Nacken, als ich an ihm vorbeiging; es war das Gefühl, ihm den Rücken zuzuwenden. Ich drehte mich unwillkürlich um, aber er lächelte nur und wies mit der Hand in den Türrahmen. Ich redete mir ein, dass dieser Besuch nicht vergeblich gewesen war; immerhin hatte er mich nicht der signoria ausgeliefert. Das Prickeln in meinem Nacken verging trotzdem nicht. Ich war froh, wieder aus seiner Gegenwart zu verschwinden und mich irgendwo in der Nähe auf die Lauer zu legen, um Gutswalters Rückkehr abzupassen. Eine Maus hat das gleiche Gefühl, wenn die Katze ihr wieder ein wenig Spielraum gibt. Ich marschierte an seinem mit Pergamenten überladenen Tisch vorbei. Die Zeichnung des Gebäudes war nicht mehr zu sehen; er musste sie unter den Stapel geschoben haben, als er sich am Tisch abstützte.
Am Fuß der Treppe, die ich hinter einem der vielen dienstbaren Geister des majordomus hinabstieg, wartete das Mädchen, das ich als die Zofe von Beatrice Federighi kennen gelernt hatte. Sie nickte mir zu und reichte mir einen kleinen, gefalteten Pergamentfetzen. Während der Domestike geduldig wartend ins Leere blickte, faltete ich die Nachricht auseinander. Sie war von Beatrice, und ich war weder über den Inhalt besonders erstaunt noch über die Tatsache, dass sie schreiben konnte. Sie bat mich, nach dem Besuch bei ihrem Bruder auch ihr meine Aufwartung zu machen. Ich blickte die Zofe an und fragte mich, wie lange sie am Fuß der Treppe stehen geblieben wäre, wenn ich Pratinis Einladung angenommen hätte, in seinem Arbeitszimmer auf Rudolf Gutswalter zu warten.
»Bene«, sagte ich. »Ich komme der Bitte deiner Herrin nach.«
Sie redete meinen Begleiter auf Florentinisch an, und dieser sah von ihr zu mir und zuckte dann mit den Schultern. Als ich Beatrices Zofe durch den Lagerkeller folgte, lief er hinter mir her. Ich hatte nicht verstanden, was sie zu ihm gesagt hatte, aber ich konnte mir denken, dass es eine Aufforderung war, mit uns beiden zu Beatrice zu gehen, damit sie nicht ins Gerede kam, wenn ein Mann sie ganz allein und ohne Aufsicht besuchte. Beatrices gelassene Umsicht zwang mir ein Lächeln ab.
Der Lagerraum besaß eine niedrige, schmale Holztür an einer der Schmalseiten, die eine steil nach oben führende Steintreppe verbarg. Wie die Holztreppe in das erste Geschoss zu Antonio Pratini hinauf verriet sie das Alter des Gebäudes und dass es weniger zur Behausung als zur Verteidigung seiner Bewohner erbaut worden war. Die Treppe war lang und führte weiter hinauf als in das erste Geschoss, bis wir in so etwas wie einem Seitenflügel des Hauses ankamen. Beatrice lebte mit der Familie ihres Bruders unter einem Dach, aber sie teilte sein Leben nicht.
»Ich freue mich, dass Ihr meiner Bitte gefolgt seid«, sagte sie und stand auf, als wir durch eine weitere Tür in ihre Räumlichkeiten traten. Das große Zimmer war spartanisch eingerichtet: ein paar große Truhen, am Fenster ein Tisch mit zwei Hockern, deren bauchig geschwungene Armlehnen an die Zeiten von Julius Caesar erinnerten, und ein Bett hinter einem von der hohen Decke herabfallenden Vorhang. Die Wände waren kahl bis auf diejenige Seitenwand, auf die beim Eintreten als Erstes der Blick fiel; dort hing ein eher großformatiges Bild, eine Madonna mit Kind und zwei Engeln, die vor einem steinernen Rahmen mit einer wilden Landschaft saßen. Die Mutter Gottes war zarter und anmutiger als gewöhnlich, mit einer elaboraten Frisur aus Locken, Seidentüchern und einem Perlen-Diadem. Als Beatrice auf mich zukam, erkannte ich, dass sie für die Madonna Modell gesessen haben musste. Der Künstler hatte sie duldsamer und weicher dargestellt, als sie in Wahrheit wirkte, aber es waren ihre hohe Stirn, ihre spöttisch gewölbten Brauen und ihr schmales, blasses Gesicht. Sie folgte meinem Blick und ‘wurde ein bisschen rot.
»Das ist von Filippo Lippi«, sagte sie, »dem berühmten Lehrer Sandro Botticellis. Ich war damals fünfundzwanzig. Ich würde es nicht dort hängen lassen, wenn nicht Matteo es in Auftrag gegeben hätte. Matteo war mein Mann.« Sie schwieg und senkte den Blick.
»Es gefällt mir, wie Ihr wohnt«, sagte ich. Der Raum war im Wesentlichen leer, ganz anders als das Arbeitszimmer ihres Bruders – und ebenfalls anders als jeder Raum, den ich mit Jana jemals bewohnt hatte. Jana hatte eine Angewohnheit, jede Räumlichkeit sofort zu ihrer eigenen zu machen und ihre Dinge darin zu verstreuen, als müsste sie ihr Revier markieren; oder eher, als sei plötzlich eine ihrer Truhen mit großer Wucht zerplatzt. »Es entspricht meinem eigenen Geschmack«, fuhr ich fort und meinte es so.
»Danke. Ich fühle mich beengt, wenn ein Raum so voll ist; und da ich nicht viel zum Leben brauche, gibt es auch nichts, mit dem ich meine Räumlichkeiten vollstopfen könnte.«
Ich deutete auf den Tisch am Fenster und das schwarz-weiß gemusterte Brett darauf. »Spielt Ihr Schach?«
»Nein, es ist Trick-Track. Kennt Ihr das Spiel?«
»Die weißen Steine kämpfen gegen die schwarzen. Wer einen überspringt, darf den übersprungenen Stein an sich nehmen. Natürlich kenne ich es. Ich habe es seit Jahren nicht mehr gespielt.«
– Nicht mehr seit Marias Tod.
»Wollt Ihr eine Partie mit mir spielen?«
»Ich enttäusche Euch ungern. Ich habe keine Zeit. Außerdem bin ich zu sehr eingerostet, um ein ebenbürtiger Gegner zu sein.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Schade. Es wäre bestimmt ein sehr interessantes Spiel geworden.«
»Weshalb?«
»Bislang habe ich nur gegen mich selbst gespielt. Ich weiß, was ich denke, und kenne daher alle Züge. Ihr und ich, wir sind uns so ähnlich, dass es mich interessiert hätte zu erfahren, wie es ist, gegen jemand zu spielen, mit dem ich auch meine Gedanken teile, aber nicht die Züge vorhersehen kann.«
Ich brauchte ein paar Momente, um ihre Worte zu verdauen. »Es wird ein anderes Mal geben.«
»Ich hoffe es.«
Sie ging zum Fenster hinüber und setzte sich auf einen der Hocker. Nach kurzem Zögern folgte ich ihr und setzte mich ihr gegenüber. Beatrices Zofe und der Domestik blieben an der Tür stehen und taten aus Leibeskräften so, als gehörten sie zum Mobiliar. Ich sah auf das Spielfeld. Die schwarzen Steine schienen einen erfolgreichen Zug gemacht zu haben, denn am Spielfeldrand lagen vier geschlagene weiße, aber sie waren zu tief ins Feindesland eingedrungen und von allen Seiten umzingelt.
»Schwarz wird verlieren«, sagte ich.
»Schwarz verliert immer.«
»Wenn die schwarzen Steine dies wüssten, würden sie trotzdem antreten?«
Sie ergriff einen der geschlagenen weißen und sah mich einen Augenblick an. Ihre Hand klopfte nachdenklich mit dem Stein auf die Tischplatte. »Ich weiß es nicht. Beantwortet Ihr die Frage.«
»Warum gerade ich?«
»Weil Ihr mir vorkommt wie die schwarzen Steine.«
»Und in welcher Beziehung?«
Sie hörte zu klopfen auf und warf den Stein auf den Tisch. Auf ihrer Stirn stand eine ärgerliche Falte.
»Ich erzähle Euch etwas«, sagte sie gepresst. »Etwas von mir und Antonio. Ich war das jüngste Kind unserer Familie, Antonio der Älteste. Meine Mutter starb bei meiner Geburt; mein Vater gab mich zu seinem Bruder Alessandro in Pflege. Als Alessandros Frau starb, war das für mich, als sei meine Mutter gestorben. Ich kam zurück in mein Elternhaus, und Antonio nahm sich meiner an. Er ließ mich an seinen Studien teilhaben, griechische und römische Klassiker, und lehrte mich lesen, schreiben und musizieren. Schließlich verließ er mich, um eine Lehre anzutreten. Ich war sieben Jahre alt und untröstlich. Zum zweiten Mal hatte ich den Menschen verloren, der das Zentrum meines Lebens war. Doch mit Antonio war es anders als mit meiner Tante. Antonio kam zurück. Er kam immer wieder zurück. Als ich vom Mädchen zur Frau wurde, war er derjenige, der sich um ein Kräuterweib kümmerte, das mir die Sachlage erklärte. Als ich mich zum ersten Mal in einen jungen Mann verliebte, war er da, um ihn in Augenschein zu nehmen; als ich soweit war zu heiraten, suchte er mir den Mann aus, den ich zu lieben lernte wie keinen anderen – Matteo Federighi. Und als Matteo vor einem Jahr starb, ließ er mich diese Räume in seinem Haus beziehen. Ich konnte nie etwas für ihn tun, um es ihm zu vergelten. Aber ich werde es nicht zulassen, dass sein Name in den Schmutz gezogen wird und er selbst und seine Familie in Gefahr geraten.«
»Warum seid Ihr denn so wütend? Ich habe Eurem Bruder nichts zu Leide getan. Im Gegenteil – ich bin darauf angewiesen, dass er mich nicht an die Behörden ausliefert.«
Sie holte tief Luft und sah mich an. Schließlich senkte sie den Blick. »Ich möchte nur, dass Ihr wisst, was er mir bedeutet. Welche Angst ich davor habe, dass er in die Geschichte mit Giuliano de’ Medici hineingezogen wird.«
Ich fühlte mich versucht zu sagen: Fürchtet nichts, niemand will Eurem Bruder etwas Böses. Stattdessen hörte ich mich sagen: »Wenn er etwas damit zu tun hat und keinen Finger rührt, um Jana zu helfen, dann werde ich ihn hineinziehen, so wahr ich hier sitze.«
»Ihr seid erschöpft«, seufzte Beatrice.
»Das wärt Ihr auch an meiner Stelle.«
»Und so verzweifelt.«
Ich schwieg einen langen Moment. »Vielleicht auch das«, knurrte ich schließlich.
»Wie ist Euer Gespräch mit Antonio verlaufen?«
»Ich würde es nicht als Gespräch bezeichnen. Er hat viel Zeit damit verbracht, mir sein Lieblingsprojekt vorzustellen.«
»Die Bildhauerwerkstatt?«
»Ja. Es ist sein Ehrgeiz, die Werkstatt von Lorenzo de’ Medici zu übertreffen und eher als er einen neuen Donatello hervorzubringen. Er holt sich seine Talente direkt aus dem Kindbett, wie mir scheint.«
Beatrice schüttelte den Kopf. »Das ist nicht sein Ehrgeiz. Oder zumindest nur zum geringsten Teil«, sagte sie versonnen. Ich zog die Augenbrauen in die Höhe. »Dann hat er mir nicht alles mitgeteilt«, erwiderte ich trocken. »Oder ich habe nicht alles gehört.«
»Ihr seht ihn mit den falschen Augen. Ihr seht ihn so wie Eure Gefährtin. Ihr müsstet seine Geschichte kennen, dann würdet Ihr verstehen, was er vorhat.«
»Erzählt sie mir.«
»Das wäre ein Vertrauensbruch. Es ist seine Geschichte.«
»Ich bezweifle, dass er und ich jemals Freunde genug werden, um die Geschichte aus seinem Mund hören zu können.«
Sie ließ die Schultern hängen. »Warum sagt Ihr das? Ihr lasst Euch vom Urteil anderer Menschen blenden.«
»Es ist Janas Urteil, und ich habe genug eigenes…«, begann ich, aber sie unterbrach mich. »Jana hat nicht das Recht, sich ein Urteil über ihn anzumaßen!«, rief sie. »Wie sie ihn in Venedig übertölpelt hat, wirft alles andere als ein gutes Licht auf ihre eigene Integrität. Und was man ihr hier in Florenz vorwirft, noch weniger.«
»Was man ihr hier vorwirft, ist Unsinn.« Sie sah mich an, und ich musste zu meiner Beschämung die Augen senken. »Absoluter Unsinn«, murmelte ich.
»Ihr seid so sehr wie Matteo«, sagte sie. Der Tonfall ihrer Stimme ließ mich aufblicken. »Und doch so anders.«
»Wie darf ich das verstehen?«
»Er war immer so sehr bestrebt, an das Gute im Menschen zu glauben. Und so verzweifelt bemüht, das Richtige zu tun. Egal, ob es sich darum handelte, eine großzügige Spende zu tätigen oder einen Unschuldigen aus dem Gefängnis zu holen.«
»Und ich bin nicht so?«
Sie lächelte. Plötzlich bemerkte ich, dass ihre Hand neben dem Spielbrett lag. Sie war nicht weit von meiner eigenen Hand entfernt. Sie war tatsächlich so nahe, dass ich mich nicht einmal hätte vorzubeugen brauchen, um sie zu ergreifen.
»Doch«, erwiderte sie langsam. »Aber es gibt einen Unterschied: Ihr habt zu viel erlebt, um noch so rückhaltlos glauben zu können, wie Matteo es tat, und weil dies so ist, würdet Ihr auch nie das Ende finden, das er fand.« Sie sah zum Fenster hinaus. Ihre Hand bewegte sich nicht. »Matteo hatte eine behütete Kindheit, einen ungebrochenen beruflichen Erfolg, er genoss Ehre und Ansehen und brachte es bis zum Vorsitzenden der Zunft der Baumeister, er hatte eine liebende Frau, und wenn das alles nicht gewesen wäre, dann wäre vielleicht sein Tod nicht so schlimm gewesen.«
Der Klang ihrer Stimme ließ mich davon Abstand nehmen, nach den Umständen seines Todes zu fragen. Sie sah ins Leere, dann gab sie sich einen Ruck. »Erzählt mir etwas über Euch.«
Ich lachte nervös auf. »Was wollt Ihr denn hören?«
»Was Euch zu dem gemacht hat, das Ihr heute seid.«
»Du meine Güte. Da sind viele kleine Dinge. Ich habe so viel Schlechtigkeit gesehen…«
»Nein. Ich meine den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.«
Ich sah auf ihre Hand, die weiterhin unbeweglich neben meiner lag. Ich sah das tränenüberströmte Gesicht der Mutter, deren Sohn von seinem besten Freund mit einer falschen Anschuldigung ins Gefängnis gebracht worden war und den ich buchstäblich in letzter Minute vor dem Galgen gerettet hatte; ich sah die tuchverhüllten Leichen der Mädchen in jenem unseligen Gutshaus zwischen den Fronten des Markgrafenkrieges und den blinden Schmerz in den Augen ihres Vaters; ich sah das Gesicht eines alten Flößers, der mir bei der Klärung eines Mordfalles zu helfen versucht hatte und deshalb vom Mörder in der Isar ertränkt worden war. Ich sah Janas Gesicht an jenem Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet waren und sie herauszubekommen versucht hatte, wie viel ich über sie wusste.
»Ich könnte Euch von einem Tag erzählen, an dem mein Leben endete«, sagte ich rau. »An dem ich an meinem Schreibpult stand und Geschäftsbilanzen aktualisierte, während zwei Türen weiter meine Frau und mein viertes Kind starben.« Ich fühlte den alten Schmerz und versuchte ihn hinunterzuschlucken. »Aber das würde nicht der Wahrheit entsprechen. Wenn Ihr wissen wollt, was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin, müsste ich Euch von dem Tag erzählen, an dem ich von den Gräbern meiner Familie Abschied nahm und aufbrach, mit Janas Bild im Herzen.«
Beatrice sah mich überrascht an.
Ich holte tief Atem. »Bis zu dem Tag war ich nur der düstere Schatten eines Mannes.«
»Nicht sie hat es vermocht, Euch dort herauszuholen; Ihr habt es selbst getan.«
»Ohne ihre Liebe hätte ich es nie geschafft.«
»Ihr wisst selbst am besten, wie viel Ihr ihr schuldet.«
»Ja«, stieß ich hervor. »Das weiß ich. Das wenigstens.«
»Und Ihr wisst selbst, wie stark die Liebe ist, die Euch verbindet.« Es hatte keinen Sinn, etwas anderes zu sagen. »Nein«, erklärte ich erstickt. »Das weiß ich nicht mehr.«
Sie überlegte lange. Einer ihrer Finger kratzte sanft am Rand des Spielbretts. Es wäre leicht gewesen, ihre Hand zu nehmen. Es wäre gut gewesen. Meine Hand lag wie ein Klumpen Teig auf dem Tisch und bewegte sich nicht.
»Man hat herausgefunden, dass Franceschino de’ Pazzi mit Geld unterstützt worden ist, damit er Montesecco und seine Söldner kaufen konnte«, sagte sie schließlich.
»Das Geld wird wohl von Papst Sixtus gekommen sein. Und wie ich gehört habe, von den Fuggern.«
»Pazzi war der Finanzverwalter des Papstes. Für jede Transaktion zwischen den beiden gibt es zu viele legale Gründe, als dass man ihm etwas beweisen könnte. Abgesehen davon, dass es ohnehin nichts nützen würde. Ebenso verhält es sich mit den Fuggern. Die signoria kann weder den einen noch die anderen zur Rechenschaft ziehen. Wie es heißt, gab es aber noch eine dritte Geldquelle.«
»Jemanden aus dem hiesigen Adel?«
»Oh, davon gab es etliche. Nein, ich meine eine Geldquelle außerhalb von Florenz.«
»Wenn Ihr wisst, um wen es sich handelt, dann spannt mich nicht auf die Folter.«
»Ich weiß es nicht. Wie es scheint, lässt es sich auch nicht so leicht feststellen. Es gibt natürlich Verdächtigungen.«
»Gegen wen?«, fragte ich und wusste die Antwort bereits.
»Hatte Jana eine Bankverbindung?«, fragte Beatrice schließlich.
»Was?«
»Ihre Konten. Für Geschäftsabschlüsse braucht man eine Bank – es sei denn, man schleppt das ganze Geld mit sich herum, in den verschiedenen Währungen der jeweiligen Herzogtümer und Republiken.«
»Natürlich hatte Jana eine Bankverbindung. Sie bediente sich der Fugger-Filiale in Bologna. Jede namhafte Bank der Christenheit nimmt einen Wechsel auf eine Fugger-Filiale an.«
»Wenn sie die Pazzi mit Geld unterstützte, muss es Belege über die Transaktionen geben.«
»Wie soll ich das feststellen? Bis ich in Bologna und wieder zurück bin, ist es zu spät. Außerdem würde ich keinen Einblick in ihre Konten bekommen. Und was sollte es auch? Ich will den Behörden ja nicht noch einen Beweis für Janas Schuld liefern.«
»Nein. Aber vielleicht müsst Ihr Euch selbst etwas beweisen.«
Ich starrte sie an und suchte nach einer Antwort. Ich hätte sagen können: Ich fürchte mich vor noch einem Beweis. Es wäre nicht zu weit neben der Wahrheit gelegen. »Die Beweise, die vorliegen, reichen bereits aus, um zwei Menschen zu hängen.«
»Zwei Menschen. Ihr meint: sie und Euch.«
Ein Schauer lief mir über den Rücken, als sie es sagte. Sie betrachtete mich nachdenklich. »Ich würde es nicht ertragen«, sagte sie dann einfach.
Ich biss die Zähne zusammen und hielt es für angebracht, nichts darauf zu erwidern. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf, als würde sie ihre Gedanken abschütteln wollen.
»Wenn jemand in Florenz Geld erhalten hat, ist es über ein Florentiner Bankhaus gelaufen«, sagte sie scheinbar leichthin. »Ich kann Euch mit einer Empfehlung versorgen, sodass Ihr bei den mit meinem Bruder befreundeten Bankiers leichteres Spiel habt. Wie Ihr ihnen die Erlaubnis abringt, in Janas Transaktionen zu schnüffeln, wenn Ihr dazu nicht legitimiert seid, ist allerdings Eure Sache.«
»Ich habe mich nie darum gekümmert«, murmelte ich. »Ich kümmerte mich ohnedies viel zu viel um ihre Dinge.«
»Vielleicht habt Ihr Euch immer um die falschen Dinge gesorgt?«
»Warum sagt Ihr das? Warum versucht Ihr, ihr zu helfen? Warum sagt Ihr nicht einfach: Sie ist schuldig, sie hat aus purem Gewinnstreben einen Mordanschlag mitfinanziert und versucht, Eure Stadt ins Verderben zu ziehen, verflucht sei ihre Asche?«
»Verflucht sei ihre Asche. Jetzt habe ich es gesagt. Was habe ich davon? Ich fühle mich nicht besser. Wenn ich diesen Zweifel aus Eurem Gesicht verschwinden sehe, dann fühle ich mich besser.«
Ich sah ihr in die Augen. Sie gab den Blick freimütig zurück. Ihr Blick war eine Umarmung, war ein Kuss. Ich spürte beides, ohne dass sie oder ich uns auch nur eine Handspanne bewegt hätten. Außerdem spürte ich das dringende Bedürfnis, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
»Welcher Art sind die guten Beziehungen, die Euer Bruder zum Hause Medici hat?«, fragte ich. »Er verfügt über Informationen, die direkt aus dem palazzo der Medici zu stammen scheinen. Außerdem sagte er, dass er außer ein paar unangenehmen Fragen nichts Schlimmeres zu vergegenwärtigen hätte, wenn ich gefangen und es bekannt würde, dass ich in Eurem Haus eingeladen war.«
»Das hat er gesagt?«
»Ja. Natürlich frage ich mich, warum er mich unter diesen Umständen nicht doch an die signoria ausliefert.«
Sie dachte nach. Ihr Blick ruhte dabei unverwandt auf meinem Gesicht, und ich erkannte, dass jenes merkwürdige Gefühl zwischen uns trotz meiner Bemühungen nicht vergangen war. Ich hatte ihr im Gegenteil noch die Möglichkeit gegeben, es zu vertiefen, indem sie mir etwas Vertrauliches mitteilte. Was mich dabei am meisten erschreckte, war die Tatsache, dass ich ebenso wie sie danach verlangte, dieses Gefühl zu vertiefen.
»Es liegt daran«, sagte sie einfach, »dass Ser Lorenzo mir seit ein paar Monaten den Hof macht. Antonio will dieses ›zarte Pflänzchen‹, wie er selbst sagt, nicht zerstören.«
Ich hörte mich wie von weitem fragen: »Werdet Ihr ihn erhören?«
»Um seine Geliebte zu sein? Lorenzo de’ Medici ist ein verheirateter Mann. Dass seine Frau ihn nicht glücklich macht, tut mir Leid. Aber ich bin keine Lückenbüßerin.«
»Es wäre nicht das, was Ihr verdient hättet.«
»Was hätte ich denn Eurer Meinung nach verdient?« Sie sah mich so offen dabei an, dass ihre Frage kaum kokett wirkte.
»Es kommt nicht auf meine Meinung an«, erklärte ich heiser.
»Vielleicht liegt mir viel an Eurer Meinung?« Sie fasste über den Tisch und nahm einen der schwarzen Steine auf. Als sie ihn vom Brett hob, erkannte ich, dass er der Grund für den kommenden Untergang von Schwarz war: Er blockierte den Vormarsch, und den Regeln des Spiels zufolge konnten sie nicht zurück. Wenn man ihn vom Brett nahm, hatten die Schwarzen wieder eine Chance. Beatrice hielt ihn auf der offenen Handfläche und betrachtete ihn nachdenklich. Ich nahm ihre Hand und bog ihre Finger um den Stein und spürte, wie sie sich wieder öffneten und um die meinen schlossen.
Jemand öffnete die Tür und räusperte sich. Beatrice und ich fuhren herum, als hätte man uns bei etwas Niederträchtigem ertappt. Der majordomus stand in der geöffneten Tür. Sein Gesicht war blass. Er schoss ein paar Worte in Beatrices Richtung ab. Sie zuckte zusammen und biss sich auf die Lippen.
»Was ist passiert?«, stieß ich hervor.
Sie sprang auf und eilte zur Tür. Ich hörte ihr hastiges »Kommt mit!«, kaum. Ich raffte mich auf, stieß an den Tisch und warf das Spielbrett auf den Boden. Die schwarzen und weißen Steine sprangen gemeinsam durch den Raum, ihrer Rivalität auf einmal ledig. Diesen vergeblichen Kampf brauchten die Schwarzen nicht bis zum Ende zu führen. Als ich am majordomus vorbeistürzte, hörte ich ein Kreischen und Heulen aus dem Erdgeschoss, das mir die Haare zu Berge stellte. Ich folgte Beatrice die Treppe hinunter, dem Toben entgegen.
Die Weinlieferanten hatten ein gutes Dutzend Fässer im Hintergrund des Lagerraums aufgestellt; ein Fass stand bereits auf einem Bock, bereit, angezapft zu werden. Die beiden Männer standen um das aufgebockte Fass herum und machten neugierige Gesichter. Im Zentrum ihres Interesses befand sich eine Gruppe Menschen: Zwei schlanke, hoch gewachsene Frauen hielten sich gegenseitig im Arm; eine davon hatte ihren Haarschleier und ihre Frisur zerrissen und heulte mit den Verdammten um die Wette; zwei junge Männer waren in die einfachen Gewänder von Dienstboten gekleidet; und Antonio Pratini, der mit verkniffenem Gesicht versuchte, die Tobende zu beruhigen. Im Lagerkeller hallte das Kreischen noch lauter wider als das Rumpeln der Weinfässer. Plötzlich sackte die Frau zusammen, und ihr Heulen verwandelte sich in ein erbärmliches Schluchzen. Die andere Frau trat einen Schritt zurück. Ich nahm an, es handelte sich um Pratinis Frau. Während Beatrice ebenfalls auf die Gruppe zueilte und ich an der Tür stehen blieb, die von der Treppe in den Lagerkeller führte, kniete sich Pratini umständlich auf den Boden und nahm die Weinende sanft in den Arm. Als ich ihr Gesicht sah, erkannte ich sie: Es war die Frau von Umberto Velluti.
Der majordomus war neben mir geblieben. »Che cosa?«, fragte ich ihn. Der Mann dachte einen Augenblick nach, ob ich ins Vertrauen zu ziehen sei.
»Messere Velluti è morto«, sagte er dann dumpf.
»Morto? Tot?«, rief ich laut. »Was ist ihm denn zugestoßen?«
Pratini sah auf. Beatrice löste die wilde Umklammerung, mit der Monna Velluti ihren Bruder festhielt, und drückte sie an sich. Pratini maß mich mit einem Blick, der mich erschreckte.
»Er hat sich ertränkt«, sagte er dann rau. »Sie haben ihn soeben beim unteren Wehr aus dem Wasser geholt.«
Draußen in der Gasse bemerkte ich, dass ich den schwarzen Stein in der Faust hielt, den Beatrice vom Spielbrett genommen hatte. Den Stein, der der Grund für Sieg oder Untergang der Schwarzen gewesen wäre, wenn man das Spiel jemals beendet hätte. Ich überlegte einen Moment, dann steckte ich ihn in die Tasche.
4.
I
ch hätte über viele Dinge nachdenken sollen: Wie ein Mann, der das Wasser so sehr fürchtete, dass er einen Umweg in Kauf nahm, nur um den Fluss auf einer breiteren Brücke überqueren zu können, zum Vollstrecken seines Freitods ausgerechnet das Wasser wählte; darüber, dass Antonio Pratini es nicht wagte, mich den Behörden auszuliefern und sich und seine Schwester damit in Verdacht zu bringen, aber gleichzeitig Jana seinem Geschäftskonkurrenten Cerchi empfahl und damit das Risiko auf sich nahm, dass eine Verbindung von den Verschwörern zu ihm gezogen wurde; dass mich ein Bursche verfolgt hatte, dessen Gesicht die alten Narben von etwas aufwies, das in Bertoldos Gesicht die frischen Wunden verursacht hatte; dass die beiden Männer, von denen ich mir bei meinen Bemühungen Informationen erhofft hatte, jetzt tot waren; und dass der Einzige, der mir bisher wirkungsvoll geholfen hatte, nämlich Rudolf Gutswalter, in Wahrheit der Kompagnon von Janas Geschäftskonkurrenten Pratini war. Rudolf Gutswalter, dessentwegen ich mich unweit von Pratinis palazzo in einen Hauseingang drückte und darauf wartete, dass er von seiner Aufgabe auf dem Landgut seines Partners zurückkehrte.
Stattdessen dachte ich an Jana.
Beatrice hatte gesagt, der vergebliche Kampf der schwarzen Steine gemahnte sie an meine eigenen Bemühungen. Ich wusste, weshalb. Sie sah mich um Janas Leben kämpfen und glaubte nicht, dass ich auch nur die geringste Chance hatte. Ich dachte daran, wie Jana sich jetzt in diesem Moment auf eine weitere Nacht im Gefängnis einrichtete, Julia tröstete und versuchte, die Schmerzensschreie aus der Befragungskammer zu ignorieren. Es war schwer, nicht aufzuspringen und dem nächstbesten an die Gurgel zu gehen und zu schreien: »Lasst sie frei, sie hat nichts getan!« In meinem Hals saß ein heißer Klumpen, und es dauerte eine Weile, bis ich ihn endlich hinunterschlucken konnte.
Als es dämmrig wurde, gab ich die Warterei auf. Ich war schon lange vorher zu nervös geworden, um ein guter Jäger zu sein, der auf seine Beute lauert, und es war nur natürlich, dass ich damit aufhörte, meine ohnehin knappe Zeit zu verschwenden. Gutswalter konnte längst durch Pratini von meiner Anwesenheit in Kenntnis gesetzt worden sein und hinter dem Tor, bei dem ihn einer der zahllos in Pratinis Haus ein und aus gehenden Domestiken abgefangen hatte, auf die Dunkelheit warten; die Dunkelheit, die mich von meinem Ansitz vertreiben würde. Ich biss die Zähne zusammen und marschierte zum Fondaco zurück.
Vor dem Gefängnis machte sich die Delegation der bittstellenden Frauen abmarschbereit. Als ich Monna Cerchis vertrautes Gesicht sah, sank mir das Herz. Ich erkannte, wie sehr ich auf die Stärke ihres Mannes gehofft hatte – darauf und auf den Wahrheitsgehalt der Aussage, Jana würde nichts geschehen, solange er standhaft blieb. Seine Frau, nun verzweifelt statt aufgebracht wie gestern zu sehen, ließ mich das Schlimmste befürchten. Ich blieb unwillkürlich stehen.
Monna Cerchi wurde von zwei anderen Frauen getröstet. Ich tat einen Schritt auf sie zu, bis mir klar wurde, dass ich nicht mit ihr reden konnte. Sie musste meinen Blick gefühlt haben, denn sie sah auf und zu mir herüber. Ihre Augen verengten sich, als sie sich zu erinnern versuchte, bei welchem Anlass sie mein Gesicht schon gesehen hatte.
»Wartet auf mich«, stieß ich hervor. »Aspettare. Si?«
Ich wartete ihre Antwort nicht ab. Stattdessen hastete ich zum Fondaco hinüber. »Tredittore! Kleinschmidt!«, brüllte ich schon auf der Treppe. »Irgendwer!«
Mein Schwiegersohn blieb aus; nur Stepan Tredittore stürzte aus der Kammer und sah sich um. Sein Haar stand wild zu Berge; er schien geschlafen zu haben.
»Wo ist mein Schwiegersohn?«, rief ich ihm entgegen.
Er zuckte mit den Schultern. »Irgendwo in der Stadt«, brummte er uninteressiert. »Hat irgendwas gesagt, dass das Geschäft keine Rücksicht auf die Umstände nimmt oder so ähnlich.« Er machte Anstalten, sich wieder in unser gemeinsames Zimmer zurückzuziehen. »Sein Schreiber weiß mit Sicherheit, wo er ist.«
»Ich brauche einen Dolmetscher. Los, kommt mit.«
»Jetzt sofort?«
»Natürlich. Beeilt Euch gefälligst.«
Er gestikulierte zur geschlossenen Tür der Kammer. »Also, ich…«
»Worauf wartet Ihr noch?« Dann ging mir ein Licht auf. Sein Haar war nicht vom Schlaf zerrauft. Eine heiße Wut stieg in mir auf. »Ihr habt eine Frau da drin.«
»Ein Mädchen; aus der Küche…«
»Ihr habt einen Hang zum Gesinde«, sagte ich garstig. »Werft sie raus und kommt mit, oder ich schwöre, ich lasse Euch hier rauswerfen.«
»Aber hört mal…«
»Ich habe keine Zeit zu diskutieren. Seit ich Boehl bezahlt habe, was die Fugger ihm schuldeten, bin ich Zunftmitglied. Ihr seid mein Gast! Also beeilt Euch, oder Ihr schlaft heute Nacht im Rinnstein!«
Ich polterte die Treppe hinab, schwer atmend vor Zorn. An ihrem Fuß wartete ich und versuchte, etwas zu finden, was ich zwischen meinen Fingern zerquetschen konnte. Tredittore folgte mir schneller, als ich es selbst für möglich gehalten hätte. Er schaffte es, gleichzeitig schuldbewusst und gekränkt auszusehen. »Wenn Ihr mir eher gesagt hättet, dass Ihr meine Hilfe braucht…«
Ich stürmte los, und er folgte mir, ohne weiterzusprechen. Im Laufen strich er sich das Haar mit beiden Händen glatt. Er fragte nicht einmal, wohin ich mit ihm wollte, bis er das Gefängnis und die drei wartenden Frauen davor sah. Ich dankte Monna Cerchi im Stillen dafür, dass sie geblieben war.
»Das Gefängnis?«, rief Tredittore. »Was wollt Ihr denn hier? Wir beide sollten wirklich nicht in seine Nähe…«
Ich verlangsamte meinen Schritt und hatte einen hässlichen Moment, als ich sah, dass Monna Cerchi zu Boden gesunken war und ihre Begleiterinnen aufgeregt um sie herumflatterten. Dann erkannte ich, dass sie das Gesicht in den Händen begraben hatte und ihre Schultern zuckten. Meine Wut auf Tredittore verblasste so schnell, wie sie gekommen war.
»Ich muss mit der Frau dort sprechen«, sagte ich rau. »Ihr müsst mir übersetzen.«
Tredittore trottete nur unwillig heran. Er schien Violante Cerchi nicht zu kennen, und mein Misstrauen flackerte empor, bis mir klar wurde, dass Jana ihn vermutlich nicht in Cerchis Haus mit hineingenommen hatte. Und selbst wenn, hätte er dort die Frau des Hausherrn schwerlich zu Gesicht bekommen. »Monna Cerchi?«, sagte ich sanft. Sie hob den Kopf und starrte mich tränenblind an. »Danke, dass Ihr geblieben seid. Wir haben uns gestern gesehen, erinnert Ihr Euch?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich sprach zu Beatrice Federighi. Antonio Pratinis Schwester.«
Der Name drang zu ihr durch. Ihre Lippen verzogen sich. Ihr Gesicht war fleckig und aufgedunsen, und ohne die übliche Farbe wirkten ihre von allen Gesichtshärchen befreiten Züge wie die einer Puppe, die jemand weggeworfen hat.
»Ich bin kein Freund von Pratini«, sagte ich schnell. Violante Cerchi musterte mich misstrauisch. Dann atmete sie zitternd ein und sagte: »Ich bin geblieben, weil es keinen anderen Platz für mich gibt.«
»Wie geht es Eurem Mann?«
»Wozu wollt Ihr das wissen?«
Ich schwieg einen langen Moment. Tredittore sah mich erwartungsvoll an. »Von seiner Stärke hängt die Unversehrtheit eines anderen Menschen ab.«
»Von seiner Stärke hängt sein und mein Leben ab.«
Ich neigte den Kopf. »Ihr habt Recht«, sagte ich.
»Ihr seid nicht von hier! Was kümmert Euch, was im Gefängnis geschieht? Habt Ihr etwa einen Bekannten dort drin?« Sie spie mir die Worte förmlich vor die Füße. »Warum holt Ihr ihn nicht einfach heraus? Für Euch Ausländer gelten doch eigene Gesetze! Oder geht es um jenes ausländische Weib, das am Ostertag bei uns war?«
»Ein guter Freund von mir wurde verhaftet. Er ist Florentiner. Für ihn gelten die Gesetze des Zunfthauses nicht.«
»Wie heißt er?«
»Paolo Boscoli.« Ich sah Tredittore an, aber dieser übersetzte mit unbewegter Miene.
»Boscoli? Einen schönen Freund habt Ihr! Hat es mit dem Pazzi-Gesindel gehalten.«
»Ich wusste nichts davon. Und jetzt muss ich mich um ihn kümmern. Er ist mein Freund, und ich habe die Pflicht, ihm beizustehen.«
»Die habt Ihr, das ist richtig! Auch wenn Ihr Eure Anständigkeit verschwendet. Die Freunde meines Mannes haben nicht so viel Anstand, und dabei wissen sie, dass er unschuldig ist.«
»Ich glaube Euch, Monna Cerchi. Sagt mir, wie es ihm geht.«
»Ihr wollt wissen, ob er gestanden hat? Ob er es tut oder nicht, rettet Euren Freund Boscoli auch nicht. Der hat nämlich schon gestanden! Kaum dass sie ihn einmal aufgereckt hatten. Aber Benozzo«, ihre Stimme schnappte plötzlich über, »o mein Herz, Benozzo. Sie haben ihn schon zweimal befragt, und…« Ihre Stimme ging in einem Schluchzen unter, und ihre Begleiterinnen streichelten ihre Schultern und den weißen Schleier auf ihrem Haupt und sahen mich böse an. Was immer sie sagen wollte, quälte sich zwischen ihrem Schluchzen hervor, und ich verstand nicht mehr als die Verzweiflung, die dahinter steckte. Tredittore fragte ein paarmal nach. Schließlich schüttelte sie den Kopf und ergab sich dem Weinen ganz, und ich zupfte Tredittore am Ärmel und zog ihn weg.
»Habt Ihr etwas von dem verstanden, was sie sagte?«, fragte ich und dirigierte ihn zum Fondaco zurück. Er presste die Lippen zusammen und brummte: »Ja, jedoch nicht alles.«
»Na, sprecht schon!«
»Sie haben Cerchi gestern zum ersten Mal befragt. Er hat alles geleugnet. Dann ließen sie ihn sich ein wenig erholen und holten ihn zum zweiten Mal. Diesmal mit allen Schikanen: Aufziehen mit einem Gewicht an den Beinen, Daumenschrauben, Wasser einflößen…« Er schüttelte sich. Offenbar hatte er sich selbst vor Augen, wie er anstelle Benozzo Cerchis der peinlichen Befragung ausgesetzt war. Ich hatte nur Jana vor Augen, und mein Herz klopfte laut und hart. »Er hat wieder alles geleugnet. Hartnäckiger Bursche. Heute Nachmittag haben sie den Verwandten erlaubt, die Gefangenen zu besuchen, und da…«
»Was sagt Ihr da? Heute Nachmittag?«
»Ja, das hat sie gesagt.«
»Mein Gott! Ich hätte Jana vielleicht aufsuchen können!«
»Ihr solltet daran denken, dass man Euch sicherlich immer noch sucht.«
»Nicht besonders dringlich, sonst wären sie schon längst im Fondaco erschienen. Wo sonst sollte ich mich verstecken? Zunftgesetze hin oder her, wenn sie mich wirklich wollen, werden sie darauf keine Rücksicht nehmen. Mein Gott, Jana…«
Sie würde spätestens jetzt überzeugt sein, dass alle sie verlassen hatten.
»Wollt Ihr den Rest hören?«
Ich nickte ohne Elan. Das Gefängnis würde vor Besuchern gesummt haben. Während ich Jana im Trubel ohne große Gefahr hätte sprechen können, war ich bei Beatrice Federighi gewesen und hatte vergeblich gegen das Verlangen gekämpft, ihre Hand zu halten. Ich spürte, wie mir übel wurde. Zugleich spürte ich die sanfte Berührung von Beatrices Fingern.
»Cerchi hat auch beim zweiten Mal nicht gestanden. Aber er ist gebrochen. Er hat seine Frau gefragt, was er tun soll. Sie hat ihm geraten, weiterhin zu leugnen – na ja, für sie ist es: bei der Wahrheit zu bleiben. Jedenfalls können sie ihn nur noch einmal befragen. Wenn er nicht einknickt, müssen sie ihn danach freilassen. Sie hat zu ihm gesagt, wenn er nachgibt, ist er tot. Er sagte: Wenn ich es nicht tue, bin ich es auch. Ein drittes Mal überlebe ich nicht. Wenn sie mich hineinführen, schwöre ich, Jesus Christus verraten zu haben. Der Tod kann nicht schlimmer sein als das, was sie mir bereits angetan haben.«
»Sobald er geredet hat, nehmen sie Jana dran«, sagte ich dumpf. »Wenn sie es nicht schon getan haben.«
»Sie haben ihm bis übermorgen Zeit zum Nachdenken gegeben«, erwiderte Tredittore. »Scheinbar geht es ihm nicht so besonders, wenn sie so viel Zeit verstreichen lassen. Sie wollen, dass er sich wieder ein wenig erholt. Wenn er während der Befragung stirbt, ist die Schuldfrage ungeklärt, und die Richter müssen sich selbst ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen.« Er betrachtete mich einen Augenblick lang nachdenklich. »Monna Jana ist noch nicht befragt worden«, sagte er dann.
»Woher wollt Ihr das wissen?«
»Ich habe Monna Cerchi gefragt. Sie weiß, wer Jana ist. Sie gibt ihr die Schuld an allem. Wenn es nach ihr ginge…«
»Ihr habt nach Jana gefragt?«
»Ich musste doch wissen, ob sie mich nicht vielleicht angeschwärzt hat. Schließlich sucht man auch nach mir.«
Ich sah ihn an und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass er mich über seine wahren Beweggründe belog. Vielleicht war er sich Janas Verderben so sicher, dass er sich ein wenig Mitleid leisten konnte. Oder er wollte seinen Auftraggebern möglichst umfassend berichten.
Oder er versuchte herauszubekommen, ob die signoria mittlerweile von Janas Schuld nicht mehr überzeugt war und nach dem Menschen suchte, der die Briefe gefälscht hatte.
- die Fälschungen, die es nicht gab.
»Sobald sie Cerchi ein drittes Mal in die Befragungskammer führen…«
»… gibt er sich als Kain zu erkennen und gesteht den Mord an Abel, wenn es sein muss«, sagte Tredittore leichthin.
»Das ist übermorgen.«
»So ist es.« Er nickte. »Was wollt Ihr jetzt tun?«
»Ihr begleitet mich morgen zur Bank von Francesco Nori.«
»Wozu denn das?«
»Ich habe Grund zur Annahme, dass Jana ihre Geldgeschäfte über Nori abwickelte – und zwar lange, bevor wir Florenz erreichten. Wozu sonst sollte Nori zu den Empfängern ihrer Briefe gehört haben? Ist es so oder nicht?«
Er zögerte eine Weile mit der Antwort. »Ihr habt Recht«, bekannte er dann. »Weshalb die Frage? Ich dachte, Ihr wüsstet über ihre Geschäfte eingehend Bescheid.«
»Ihr wisst genau, dass es nicht so ist.«
Tredittore zuckte mit den Schultern und erlaubte sich ein halbes Grinsen. »Wenn ich Euch in Noris Bankhaus behilflich sein kann…«
»Sicher könnt Ihr das. Ihr seid legitimer Vertreter des Hauses Dlugosz. Ich brauche Euch, damit ich Einsicht in die Dokumente erhalte. Ich will herausfinden, an wen Jana Geld weitergeleitet hat, und wenn wir alle Bankhäuser in Florenz dazu abklappern müssen.«
Er zuckte nochmals mit den Schultern. »Kein Problem«, erklärte er. Dann schwieg er nachdenklich, bis wir das Fondaco erreichten.