4

Die Verhandlung ging am nächsten Morgen damit weiter, dass Sacheverall Zeugen für Zillahs tadellosen Charakter beibrachte, was für Rathbone keine Überraschung war. Es wäre kaum notwendig gewesen - ihr Auftreten hatte durchaus genügt -, aber er konnte schließlich nicht sicher sein, dass Rathbone nicht irgendwelche eigenen Zeugen in der Hinterhand hatte, jemanden, der die Unschuld und den Charme von Zillah in Misskredit brachte.

Die erste Zeugin war eine Lady Lucinda Stoke-Harbury, ein Mädchen in Zillahs Alter, das sich jüngst mit dem zweiten Sohn eines Earls verlobt hatte, eine Frau von makellosem Ruf. Sie stand mit hoch erhobenem Haupt da, den Blick nach vorn gerichtet, und gab klar und deutlich Auskunft. Sacheverall hätte keine bessere Zeugin finden können, und die ein wenig großspurige Art, mit der er vor dem Zeugenstand auf und ab paradierte, sprach von seiner Zuversicht. Er lächelte wie ein Schauspieler, der seine Kunst vorführte und felsenfest davon überzeugt war, dass der Rest des Ensembles so reagieren würde, wie es im Manuskript stand.

»Lady Lucinda, würden Sie wohl so freundlich sein, uns zu sagen, wie lange Sie Miss Lambert kennen?«

»Oh, mindestens fünf Jahre«, antwortete die Zeugin munter.

»Wir sind seither gute Freundinnen.«

Sacheverall war entzückt; das war genau die Ant wort, die er wollte. Er zögerte gerade lange genug, um sicherzustellen, dass die Geschworenen diese Bemerkung verarbeitet hatten, dann fuhr er fort.

»Haben Sie viele gemeinsame Freunde?«

»Natürlich. Wir besuchen dieselben Feste, Abendgesellschaften, Bälle und so weiter. Und wir sind oft zusammen in Kunstgalerien und bei Vorträgen gewesen.«

»Sie kennen sie also recht gut?«

»So ist es.«

Es war alles sehr durchschaubar, und Rathbone konnte nichts dagegen tun. Hätte er versucht, Lady Lucindas Urteil oder ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen, hätte er damit Sacheverall nur in die Hände gespielt. Er würde die Geschworenen gegen sich und indirekt gegen Melville aufbringen und seine Hilflosigkeit offenbaren, denn wenn er über irgendwelche eigenen Beweise verfügt hätte, hätte er sie vorgelegt, statt Lady Lucinda zu schmähen.

Sacheveralls Begeisterung wuchs zunehmend, und er fand immer neue Wege der Befragung, um Lob und Anerkennung für Zillah zu erheischen.

Rathbone sah sich auf der Galerie um. Er konnte die unterschiedlichen Gefühle auf den Gesichtern der Menschen, die sich voller Eifer vorbeugten und sich kein Wort entgehen ließen, nachvollziehen.

Mehr als einmal bemerkte er, dass jemand ihn musterte. Die Leute fragten sich wohl, wie er vorgehen würde, was er wusste und mit welchen Offenbarungen er sie zum gegebenen Zeitpunkt überraschen würde.

Er wünschte, er hätte etwas in der Hand gehabt!

Melville ließ die ganze Verhandlung tiefunglücklich und schweigend über sich ergehen. Er machte seinen Anwalt auf keinerlei Widersprüche aufmerksam und hatte auch keine Vorschläge, die hilfreich gewesen wären.

Rathbone lehnte das Angebot, Lady Lucinda zu befragen, ab.

Es gab nichts, nicht das Geringste, was er von ihr hätte erfahren wollen.

Die nächste Zeugin war ebenfalls eine junge Frau von untadeligem Ruf, und sie bekräftigte alles, was bisher gesagt worden war.

Der Richter sah Rathbone fragend an.

»Nein danke, Mylord«, sagte er, erhob sich kurz und nahm gleich wieder Platz.

Sacheverall war entzückt. Seine Verachtung, die nicht nur Melville, sondern auch Rathbone galt, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Er rief den Ehrenwerten Timothy Tremaine in den Zeugenstand und bat ihn um seine Meinung bezüglich der überaus bewundernswerten Miss Zillah Lambert. Während er sprach, wurde seine eigene Bewunderung für die junge Frau immer deutlicher. Er lächelte und sah ihr in die Augen. Er sprach mit einer Wärme von ihr, in der mehr als bloße Zuneigung lag. In Rathbones Kopf nahm eine Idee Gestalt an, noch undeutlich und schemenhaft, aber etwas anderes hatte er nicht.

»Ihr Zeuge, Sir Oliver«, sagte Sacheverall schließlich und wandte sich mit einer ironischen und nur angedeuteten Verbeugung zu Rathbone um.

Rathbone stand auf. »Vielen Dank, Mr. Sacheverall.« Er war sich nur allzu deutlich der Tatsache bewusst, dass jetzt aller Augen auf ihm ruhten. Eine jähe Stille senkte sich über den Gerichtssaal, als erwarteten die Anwesenden eine verblüffende Wendung. Er würde sie enttäuschen, und diese Tatsache ärgerte ihn mehr, als er gedacht hätte. Er konnte die Niederlage bereits spüren.

»Mr. Tremaine«, begann er leise. »Sie haben von Miss Lambert gesprochen, als seien Sie recht gut mit ihr bekannt. Darf ich voraussetzen, dass dem so ist?«

»Ja, Sir, das dürfen Sie«, antwortete Tremaine höflich. Auch er musste auf irgendeinen Gegenschlag gewartet haben.

Rathbone lächelte. »Und Sie haben erkennen lassen, dass Sie selbst einige Wertschätzung für die junge Dame hegen, ja, sie sogar bewundern?« Es war im Grunde keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Ja, Sir.« Tremaine war plötzlich auf der Hut.

Rathbones Lächeln wurde breiter. Er wusste, worauf die Galerie wartete, was Tremaine selbst mit einem Mal befürchtete. Man konnte es in seinem Gesicht lesen. Der Zeuge holte tief Luft, als wolle er etwas hinzufügen, änderte dann aber seine Meinung.

»Ja?«, fragte Rathbone hilfsbereit.

»Nichts…«

»Sie brauchen sich nicht für Ihre Gefühle zu entschuldigen«, versicherte Rathbone ihm. »Das ist nur natürlich. Die junge Dame ist ausgesprochen attraktiv. Tatsächlich war sogar Mr. Sacheverall selbst außerstande, eine recht beträchtliche…« - er zierte sich ein wenig - »… persönliche Wertschätzung für sie zu verbergen…«

Er hörte, wie Sacheverall hinter ihm scharf die Luft einsog, und ignorierte es.

»Ich…« Tremaine sah die Falle vor sich und wich ihr mit einem ziemlich durchschaubaren Manöver aus. »Jawohl, Sir. Ich denke, wir alle hegen gewisse… freundschaftliche Gefühle für sie, die…« Er brach ab, weil er nicht wusste, wie er den Gedanken zu Ende führen sollte.

»Ist Ihre Wertschätzung so… warmherzig wie die Mr. Sacheveralls?«, fragte Rathbone mit neutralem Tonfall.

»Hm…« Tremaine sah ihn direkt an. »Ich könnte sagen, dass ich sie als Freundin betracht.« Sacheverall, der leicht errötet war, erhob sich. »Mylord, das Ausmaß meiner Wertschätzung für Miss Lambert ist unerheblich. Es ist Mr. Melvilles Verhalten ihr gegenüber, das hier zur Debatte steht. Wenn Sir Oliver anzudeuten versucht, dass ich in irgendeiner Weise die Regeln strengsten Anstands überschritten habe oder dass Miss Lambert in mir etwas anderes als ihren juristischen Beistand gesehen hat, dann möchte ich ihn warnen, dass auch er nicht über eine Verleumdungsklage erhaben ist. Ich werde Miss Lamberts guten Namen mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln schützen!«

Rathbone lachte leise auf und fuhr dann jäh zu Sacheverall herum.

»Mein lieber Sacheverall, Sie haben den ganzen Vormittag darauf verwandt, mich von Miss Lamberts Tugend, ihrem Charme und der Tatsache zu überzeugen, dass die Dame durch und durch begehrenswert is t. Wäre es jetzt wirklich verleumderisch von mir zu behaupten, dass Sie selbst nicht ganz immun gegen ihren Charme sind? Nein, sicherlich wäre es da eher eine Verleumdung, das Gegenteil zu behaupten. Denn dann müssten Sie ja denken, ich hielte Sie für keinen richtigen Mann. Oder ich unterstellte Ihnen zumindest, nicht aufrichtig gewesen zu sein und etwas gesagt zu haben, an das Sie selbst nicht glauben!«

»Sie…«, begann Sacheverall.

Aber Rathbone übertönte ihn. »Die Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle schien durch Ihre Worte hindurchzuklingen, ebenso wie man sie aus Ihrer Wahl der Adjektive entnehmen konnte, mit denen Sie die junge Dame beschreiben, aus der Inbrunst Ihres Tonfalls und der Anmut Ihrer Gesten. Sie haben Ihre Sache aufs Geschickteste vertreten.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fuhr Sacheverall, dessen Wangen inzwischen tief rot waren, auf. »Sie werden nichts Ungehöriges finden!« Er zeigte auf Melville, der sie von seinem Platz aus anstarrte. »Dort haben wir die Schuld zu suchen. Tatsächlich könnte wohl nur ein ungewöhnlicher Mann - oder, um Ihre eigene Ausdrucksweise zu benutzen, jemand, der kein richtiger Mann ist - Miss Lambert etwas anderes als Bewunderung entgegenbringen!« Sein Gesicht verzog sich plötzlich zu einem Ausdruck, der weit abstoßender war, als er es wahrscheinlich selbst wusste. »Haben Sie einmal darüber nachgedacht, Sir Oliver, dass Sie Ihren eigenen Mandanten vielleicht nicht so gut kennen, wie Sie es vermuten? Sie sind der letzte Mann, den ich für naiv gehalten hätte, aber ich könnte mich irren.« Er hatte die Bedeutung seiner Worte verschleiert, aber was er meinte, war klar genug. Man konnte ein allgemeines Aufstöhnen hören. Ein oder zwei der Geschworenen schienen pikiert zu sein. Die Bemerkung war bestenfalls taktlos, schlimmstenfalls verleumderisch.

Der Richter sah Rathbone erwartungsvoll an.

Rathbone hatte sich sofort zu Melville umgedreht. Sacheverall hatte Recht insofern, dass er seinen Mandanten tatsächlich nicht so gut kannte, wie es ihm lieb gewesen wäre.

Aber der Ausdruck auf Melvilles Gesicht zeigte Erheiterung.

Niemand konnte bezweifeln, dass ihm die Bemerkung komisch erschienen war. Es war ihm keine Verlegenheit anzumerken, nicht ein Funke von Scham oder gar Unbehagen.

Der Richter blinzelte.

Ein oder zwei Geschworene sahen einander an.

Sacheveralls Gesichtsfarbe wurde eine Spur dunkler, als sei ihm bewusst geworden, dass er ein wenig zu weit gegangen war. Zum ersten Mal hatte er die Sympathie der Geschworenen verloren. Aber er war nicht bereit, einen Rückzieher zu machen.

»Es gibt viele Gründe für einen Mann, vor der Ehe zurückzuschrecken«, sagte er ziemlich laut. »Gründe, die er anderen gegenüber nicht freiwillig eingestehen würde. Ich erhebe keine Anschuldigungen, das möchte ich an dieser Stelle deutlich hervorheben; ich spreche ganz allgemein. Er könnte zum Beispiel von einer Krankheit wissen, die ihn oder gar seine ganze Familie betrifft.« Er machte eine weit ausholende Geste, von der Rathbone inzwischen wusste, dass sie typisch für ihn war. »Es könnte sich um eine Neigung zum Wahnsinn handeln. Er könnte auch Schulden gemacht haben, die zu begleichen er nicht im Stande ist, sodass es ihm nicht möglich wäre, eine Frau zu ernähren. Möglich auch, dass er Gefahr läuft, wegen irgendeines Gesetzesverstoßes angeklagt zu werden. Er könnte zum Beispiel auch bereits verheiratet sein!«

Unruhe breitete sich auf der Galerie aus, als die Leute miteinander zu tuscheln begannen.

»Ruhe!«, befahl Richter McKeever, und seine Stimme war für einen so zurückhaltenden Mann überraschend durchdringend.

»Ruhe, oder ich werde den Saal räumen lassen!« Seinem Befehl wurde prompt Folge geleistet.

»Oder er könnte außer Stande sein, die Vereinigung zu vollziehen«, beendete Sacheverall seine Ausführungen.

Einer der Geschworenen, ein älterer Mann mit dichtem, weißem Haar, schnalzte mit der Zunge und schüttelte missbilligend den Kopf. Die Bemerkung schien ihm offensichtlich von überaus schlechtem Geschmack zu zeugen. Ein Gentleman sprach nicht von solchen Dingen.

Wieder blickte Rathbone zu Melville hinüber und sah nur Belustigung in seinen leuchtenden, meerblauen Augen.

»Selbstverständlich«, antwortete Rathbone mit ebenso durchdringender Stimme. »Und es könnte viele Gründe geben, warum ein Mann es ablehnen mag, eine ganz bestimmte Dame zu ehelichen, Gründe, von denen viele zu unerfreulich und abstoßend sind, um sie auch nur anzudeuten; daher werde ich das auch nicht tun.« Er sah aus den Augenwinkeln, wie einer der Geschworenen nickte. »Es widerstrebt mir zuzulassen, dass diese ohnehin schon traurige Situation auf ein solches Niveau herabsinkt«, fügte er hinzu.

McKeever lächelte melancholisch. Er hatte zu viele Zivilfälle verhandelt, um noch derartige Hoffnungen zu hegen.

»Davon bin ich überzeugt«, pflichtete Sacheverall ihm sarkastisch bei. »Und ich möchte behaupten, dass es Ihrem Mandanten noch mehr widerstrebt. Aber er hätte daran denken müssen, bevor er Miss Lambert demütigte und beleidigte und so leichtfertig mit ihrer Zuneigung spielte. Jetzt ist es zu spät für derlei Bedauern und erst recht für die Angst davor, welche Auswirkungen das alles auf seinen eigenen Ruf haben wird.«

Der mehr als dürftige Vorteil entglitt ihnen bereits wieder. Gott sei Dank war es Freitag, und Rathbone hatte zwei Tage Zeit, um Melville weiter zu bedrängen, ihm die Wahrheit zu sagen. Wenn er es nicht tat, dann wusste er keine Strategie, mit der sich eine Niederlage vermeiden ließ. Vielleicht war Melville nicht klar gewesen, welchen Schaden er selbst nehmen würde, nicht nur in finanzieller, sondern auch in beruflicher Hinsicht. Barton Lambert würde ihn in Zukunft gewiss nicht mehr unterstützen oder ihm Aufträge geben. Er war ein einflussreicher Mann. Gut möglich, dass Melvilles gesamte Karriere gefährdet war, ungeachtet seiner hervorragenden Fähigkeiten.

Rathbone zwang sich zu lächeln und Sacheverall anzusehen.

»Es ist noch nicht vorbei«, sagte er mit unendlich mehr Zuversicht, als er wirklich empfand. »Lassen Sie uns den Abschluss der Verhandlung abwarten, bevor wir uns fragen, welcher Schaden angerichtet wurde und wer ihn erlitten hat. Ich möchte niemanden verletzen, aber ich werde die Interessen meines Mandanten mit allem mir zu Gebote stehendem Nachdruck vertreten.«

»Das versteht sich von selbst.« Sacheverall ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hatte seine Fassung wieder gewonnen und wusste, dass er wenig zu befürchten hatte. Der Sieg war zum Greifen nahe. »Nichts Geringeres hätte man von Ihnen erwartet«, fügte er hinzu.

Er rief noch einen weiteren Zeugen auf, dann vertagte sich das Gericht über das Wochenende. Die Besucher der Galerie zerstreuten sich mit ungewöhnlicher Stille und Zurückhaltung. Es war ein unheilverkündendes Zeichen. Die Leute erwarteten keine Überraschungen mehr. Für sie stand das Urteil bereits fest.

Melville wandte sich ebenfalls zum Gehen, und Rathbone griff nach seinem Arm, wobei er unbeabsichtigt fest zupackte. Er sah Melville zusammenzucken.

»Sie gehen nicht«, sagte er grimmig. »Nicht bevor Sie mir die Wahrheit gesagt haben. Ich glaube, Ihnen ist gar nicht bewusst, was Ihnen bevorsteht. Diese Sache könnte Ihren Ruin bedeuten.«

Melville nahm wieder Platz und drehte sich zu ihm. Die Leute um sie herum waren inzwischen weitergegangen. Es war kaum noch jemand im Saal, abgesehen von den Türstehern und den Gerichtsdienern.

»Sie brauchen sehr viel mehr als nur Talent, um als Künstler Erfolg zu haben«, fuhr Rathbone leise, aber deutlich fort. »Sie brauchen Gönner, in der Architektur dringender als irgendwo sonst. Ihre Pläne sind Totgeburten, solange sie nur auf dem Papier stehen.« Er sah den Schmerz, der Melvilles Gesicht zu einer Maske erstarren ließ, aber er musste weitersprechen. Wenn es ihm nicht gelang, ihn jetzt zum Einlenken zu bewegen, konnte es zu spät sein. »Sie brauchen einen wohlhabenden Mäzen, der an Sie glaubt und bereit ist, zehntausende von Pfund auszugeben, um Ihre Hallen, Häuser und Theater zu bauen. Sie sind noch nicht bekannt genug, um der Gesellschaft zu trotzen, und das werden Sie sehr bald herausfinden, wenn Sie diesen Fall verlieren.«

Melville errötete. »Ich soll Ihrer Meinung nach also versuchen, Zillahs Namen in den Schmutz zu ziehen?«, fragte er wütend. »Andeuten, dass ich plötzlich etwas so Abstoßendes über sie in Erfahrung gebracht habe, dass ich damit nicht leben konnte? Dass sie eine Diebin ist? Ein lockeres Frauenzimmer? Eine Trinkerin? Eine Verschwenderin, eine Spielerin? Das kann ich nicht. Und wenn ich es könnte«, sagte er und verzog angewidert die Lippen, »würde mich das Ihrer Meinung nach für die Gesellschaft annehmbarer machen? Wie viele wohlhabende Männer würden mich gern zu ihren Bekannten zählen, damit ich ihre Ehefrauen und Töchter beobachte und dann aller Welt von ihren Schwächen berichte?«

»Ich verlange nicht von Ihnen, dass Sie es aller Welt erzählen!«, versetzte Rathbone mit der gleichen Schärfe. Er hielt immer noch Melvilles Handgelenk fest und achtete nicht auf die wenigen Menschen, die noch im Raum geblieben waren und sie jetzt neugierig musterten. »Ich wollte, dass Sie es mir erzählen, damit ich den Kampf, den ich führen soll, auch verstehen kann. Sie müssen mir nicht erst erklären, dass es Ihnen nichts helfen würde, Zillah Lamberts Namen in den Schmutz zu ziehen, mit oder ohne Grund. Aber mit der Wahrheit könnte ich vielleicht eine außergerichtliche Einigung erwirken. Es wäre kein Sieg, aber es wäre um einiges besser als jede andere Alternative, mit der Sie im Augenblick rechnen müssen.«

»Ich weiß nichts Nachteiliges über sie«, beharrte Melville.

»Glauben Sie, ich würde mich nur aus Edelmut von ihrer Familie verklagen lassen, ohne ein Wort zu meiner Verteidigung zu sagen? Glauben Sie das wirklich?«

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll.« Rathbone drehte sich halb zur Seite, als die letzte Frau den Raum verließ und der Saaldiener ihn fragend ansah. »Aber wenn es nicht an Zillah liegt, dann muss ich daraus schließen, dass Sacheverall Recht hat und es irgendwie an Ihnen liegt.«

Er wünschte sich so sehr, eine Antwort von Melvilles Augen zu lesen, ein Gefühl der Verletzlichkeit oder der Furcht, irgendetwas, das ihm den dringend benötigten Hinweis lieferte, aber da war nichts. Melville sah ihn nur weiter mit trotziger Verzweiflung an.

»Lieben Sie vielleicht eine andere?«, fragte Rathbone. »Das würde Ihr Verhalten nicht entschuldigen, aber es doch zumindest erklären.«

»Es gibt niemanden sonst, den ich zu heiraten wünsche«, erwiderte Melville. »Das habe ich Ihnen bereits gesagt.« Er schauderte ein wenig. »Es hat keinen Sinn, wenn Sie weiter in mich dringend, Sir Oliver. Ich habe Ihnen nichts zu sagen, das von Nutzen sein könnte. Die einzige Wahrheit ist die, dass ich Zillah Lambert niemals gebeten habe, mich zu heiraten. Ich habe nicht die Absicht, jemals irgendjemanden zu heiraten.« Bei diesen Worten lag eine seltsame Resignation in seinen Augen, und einen Moment lang zogen sich seine Mundwinkel nach unten. »Das Ganze wurde arrangiert, ohne mich zu fragen, und ich war töricht genug, nicht zu begreifen, dass man es als ausreichend erachtete, mich von den Vorgängen indirekt in Kenntnis zu setzen - durch das allgegenwärtige Gerede darüber. Ich war blind, das gebe ich unumwunden zu, naiv, wenn Sie wollen.« Sein Kinn reckte sich vor. »Ich gebe zu, dass ich Zillahs Gefühlen nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt habe, weil ich in ihr nie mehr als nur eine Freundin sah, die ich sehr mochte. Der Gedanke, dass sie anders empfinden könnte, ist mir einfach nicht gekommen. Das war töricht, wenn man nun mit der Klarheit besseren Wissens zurückblickt. Ich werde diesen Fehler nicht noch einmal machen.«

»Das genügt nicht!«, rief Rathbone verbittert.

»Mehr gibt es nicht.« Melvilles Augen blitzten voller Selbstironie auf. »Ich könnte sagen, ich hätte plötzlich eine Neigung zum Wahnsinn in meiner Familie entdeckt, wenn Ihnen das behagt, aber da es nicht der Wahrheit entspricht, ließe es sich wohl unmöglich beweisen. Sie müssten schon Narren sein, mir zu glauben. Eine solche Bedeutung könnte jeder junge Mann aufstellen, wenn keine Beweise vonnöten wären.«

»Nur dass es ihm auch für die Zukunft jedes Verlöbnis unmöglich machen würde«, bemerkte Rathbone. »Und vielleicht auch andere Dinge. Es ist eine Tragödie, die ma n niemandem wünschen würde.«

Die Ironie verschwand aus Melvilles Gesicht und ließ nur Schmerz zurück. »Nein, natürlich nicht. Es liegt mir fern, leichtfertig über das Elend des Wahnsinns zu sprechen, aber das Ganze ist eine Farce. Es tut mir Leid.«

»Es wird Ihnen nicht mehr wie eine Farce vorkommen, wenn die Geschworenen gegen Sie entscheiden und Ihnen Wiedergutmachung und Schadensersatz auferlegen«, antwortete Rathbone und ließ Melville dabei nicht aus den Augen.

»Ich weiß«, antwortete Melville mit einem F lüsterton und wandte den Blick ab. »Aber es gibt nichts, was ich tun könnte, außer den besten Anwalt hinzuzuziehen, den es gibt, und alles Vertrauen in seine Fähigkeiten zu setzen.«

Rathbone brummte etwas Unverständliches. Er hatte sein Äußerstes gegeben, und es war nicht genug: Es ließ Melvilles Arm los und stand auf. Die Saaldiener warteten. »Sie wissen, wo Sie mich finden, falls Sie Ihre Meinung ändern sollten oder Ihnen etwas Nützliches einfällt.«

Melville erhob sich ebenfalls. »Ja, selbstverständlich. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld, Sir Oliver.«

Rathbone seufzte.

Zuerst wollte Rathbone nach Hause fahren und sich einen langen, ruhigen Abend gönnen, um den Fall in Gedanken noch einmal durchzugehen und herauszufinden, ob ihm vielleicht etwas entgangen war. Aber die Aussicht darauf war wenig viel versprechend. Er hatte erst eine halbe Stunde in seinem Arbeitszimmer verbracht, außer Stande, sich zu entspannen, als er die ganze Idee fallen ließ und seinem Diener mitteilte, dass er ausgehen werde und nicht wisse, wann er zurück wäre.

Er nahm einen Hansom, der ihn bis nach Primrose Hall brachte, wo sein Vater wohnte. Gerade als die Schatten länger zu werden begannen und die Sonne an einem fahlen Himmel unterging, kam er dort an.

Henry Rathbone befand sich am ge genüberliegenden Ende des länglichen Rasenstücks und starrte den Apfelbaum an, dessen knorrige Zweige sich unter den Blütenknospen zu biegen schienen. Er war größer als sein Sohn und auch hagerer, und seine unablässigen Studien hatten ihm einen leicht gebeugten Gang eingetragen. Vor seiner Pensionierung war er Mathematiker und gelegentlich auch Erfinder gewesen. Jetzt versuchte er sich - zum Vergnügen und um seinen Geist zu beschäftigen - auf allen möglichen Gebieten. Er fand das Leben zu interessant, um auch nur einen einzigen Tag davon zu vergeuden. Seine eigenen Eltern waren von bescheidener Herkunft gewesen; tatsächlich war sein Großvater mütterlicherseits Schmied und Stellmacher gewesen. Er beanspruchte nicht für sich, etwas Besseres zu sein, begegnete allerdings Menschen, die zwar Verstand besaßen, diesen aber nicht zu gebrauchen schienen, mit großer Ungeduld.

»Guten Abend, Vater!«, rief Rathbone, als er durch die Balkontüren auf die gepflasterte Terrasse und dann auf den Rasen trat.

Henry drehte sich überrascht um.

»Hallo, Oliver! Komm her und sieh dir das an. Weißt du, dass das Geißblatt in dieser Hecke bis Weihnachten unentwegt geblüht hat? Und jetzt kommen schon wieder die ersten Triebe durch. Und im Obstgarten wachsen überall die Primeln. Wie geht es dir?« Er sah ihn eindringlich an. Das Licht war sehr klar und verriet vielleicht mehr, als die grellere Sonne es vermocht hatte. »Was ist los?«

Oliver trat zu ihm und blieb stehen. Er schob die Hände in die Hosentasche und betrachtete die Hecke mit dem Geißblatt und die kahlen Zweige des Obstgartens dahinter.

»Ein schwieriger Fall«, antwortete er. »Ich hätte ihn von Anfang an ablehnen sollen. Jetzt ist es zu spät.«

Henry wandte sich dem Haus zu. Die Sonne stand jetzt direkt über den Bäumen und würde jeden Augenblick dahinter verschwinden. In der Luft lag ein goldener Schimmer, und es war merklich kälter als noch vor wenigen Minuten. Ein Starenschwarm kreiste über einigen entfernten Pappeln, deren Kronen immer noch kahl waren.

Henry nahm eine Pfeife aus der Tasche, machte sich aber nicht die Mühe, auch nur so zu tun, als zünde er sie an. Es schien ihm zu gefallen, sie einfach nur in der Hand zu halten und beim Sprechen hin und herzuschwenken, um irgendeine Bemerkung zu unterstreichen.

»Willst du mir davon erzählen?«, fragte er. Er zeigte auf einige Buschwindröschen. »Haben sich selbst ausgesät«, bemerkte er. »Ich weiß nicht, wie sie dahingekommen sind. Eigentlich wollte ich sie im Obstgarten haben. Um was für einen Fall handelt es sich?«

»Bruch des Ehegelöbnisses«, erwiderte Oliver.

Henry sah ihn scharf und mit merklicher Überraschung an, enthielt sich aber jeden Kommentars.

Oliver erklärte es ihm dennoch. »Zuerst habe ich abgelehnt.

Dann bin ich am selben Abend zu einem Ball gegangen, und dort ist mir dann plötzlich bewusst geworden, wie die Matronen da ihre Töchter aufmarschieren ließen und um jeden verfügbaren unverheirateten Mann wetteiferten, sodass ich mir selbst wie ein Beutetier vorkam. Ich konnte mir vorstellen, wie sie einen Mann in die Ecke trieben, sodass es weder ihm noch dem armen Mädchen möglich wäre, sich mit Anstand oder Würde zurückzuziehen.«

Henry nickte nur, schob sich den Pfeifenstiel für einen Moment in den Mund und biss darauf.

»Man erwartet zu viel von der Ehe«, fuhr Oliver fort, als sie das Ende der Wiese erreichten und über die Terrasse zur Tür gingen. Er hielt sie auf, während Henry in den Raum trat, dann folgte er ihm und schloss sie hinter sich.

»Ziehst du bitte auch die Vorhänge zu, ja?«, bat Henry. Er ging zum Feuer, nahm das Kamingitter ab und legte Kohlen nach.

Oliver trat nun ebenfalls vor den wärmenden Kamin und machte es sich in einem Sessel bequem. Der Raum wirkte beruhigend auf ihn, vermittelte ein Gefühl der Vertrautheit mit seinen Büchern und den verschiedenen Möbelstücken, die er seit seiner Kindheit kannte.

»Ich will die Ehe an sich natürlich nicht abwerten«, fuhr er fort. »Aber man sollte nicht erwarten, dass ein anderer sämtliche Erwartungen in unserem Leben erfüllt, dass er uns einen gesellschaftlichen Status verleiht, ein Dach über dem Kopf, das tägliche Brot, Kleider für unsere Blöße und einen Daseinszweck obendrein gibt, ganz zu schweigen von Freude, Hoffnung und Liebe, kurz, einen Menschen, der all unsere Sehnsüchte erfüllt und moralische Urteile für uns fällt.«

»Gütiger Himmel!« Henry lächelte, aber in seinen Augen lag eine Spur Besorgnis. »Wo hast du denn nur diesen Eindruck gewonnen?«

Oliver trat unversehens den Rückzug an. »Hm, na schön, ich übertreibe. Aber so wie diese Mädchen gesprochen haben, scheinen sie sich wirklich alles von der Ehe zu erhoffen. Ich verstehe, warum Melville in Panik geraten ist. Solche Erwartungen kann einfach niemand erfüllen.«

»Und glaubte er ebenfalls, dass man dergleichen von ihm erwarten würde?«, erkundigte Henry sich.

»Ja.« Oliver erinnerte sich lebhaft an den Eindruck, den Zillah ihm an jenem Abend vermittelt hatte. »Ich habe seine Verlobte kennen gelernt. Ihr Gesicht leuchtete, und ihr Blick war verträumt. Man hatte gedacht, dass sie nur noch einen Schritt vom Paradies entfernt sei.«

»Vielleicht«, räumte Henry ein. »Aber die Liebe kann im Licht fremder Augen bisweilen recht absurd erscheinen. Ich glaube, du sprichst da eine Bindungsangst an, die nicht ungewöhnlich ist. Aber die Gesellschaft könnte nicht existieren, wenn wir unsere Versprechungen nicht einhalten würden - und diese eine mehr als alle anderen.« Er sah ihn freundlich an, schien aber gleichzeitig bis auf den Grund seiner Seele zu schauen. »Bist du wirklich sicher, dass da nicht dein eigenes anspruchsvolles Wesen spricht, dein eigenes Widerstreben, auf deine Unabhängigkeit zu verzichten? Ist es nicht möglich, dass du all diese Gefühle auf deinen jungen Mandanten überträgst?«

»Mir widerstrebt es keineswegs, mich zu binden!«, verteidigte Oliver sich und dachte mit einem Gefühl des Bedauerns an den Abend vor nicht allzu langer Zeit, als er Hester Latterly beinahe gebeten hätte, seine Frau zu werden. Er hätte es auch getan, wäre ihm nicht bewusst gewesen, dass sie ihn zurückweisen würde, und dann hätten sie in Zukunft nicht mehr unbefangen miteinander umgehen können. Eine Freundschaft, die ihnen beiden teuer war, würde ein anderes Gesicht erhalten und ließe sich vielleicht nie wieder zurückgewinnen. Bisweilen war er erleichtert, dass sie ihn am Reden gehindert hatte. Seine persönliche Freiheit war ihm ungemein wichtig, ebenso die Tatsache, dass er tun und lassen könnte, was er wollte, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, einem anderen wehzutun oder ihn zu kränken. Bisweilen jedoch fühlte er sich auch sehr einsam ohne Hester. Er dachte häufiger an sie, als ihm lieb war, und sie fehlte ihm als Zuhörerin, als ein Mensch, der an ihn glaubte.

Henry nickte nur. Wusste er es? Oder ahnte er es? Hester war ihm außerordentlich zugetan. Oliver hatte sich einige Male schon gefragt, ob seine Zuneigung zu ihr nicht auch zum Teil mit ihrer Wertschätzung für Henry zusammenhing, mit dem Gefühl, dass sie so ganz und gar zu seiner Familie gehören würde. Das war etwas, das William Monk ihr nicht geben konnte! Er hatte gleich nach Ende des Krimkriegs bei einem Kutschenunfall das Gedächtnis verloren, und sein ganzes Leben davor bestand aus Bruchstücken, die er anhand von Beobachtungen und Schlussfolgerungen zusammengefügt hatte, auch wenn das alles heute ein weitaus vollständigeres Bild ergab als noch vor einem Jahr. Aber es existierte in seiner Familie niemand wie Henry Rathbone.

Konnte es das sein? War es nicht Zillah, die unakzeptabel war, sondern jemand anders in ihrer Familie? Barton Lambert? Delphine? Nein, das war höchst unwahrscheinlich. Barton Lambert war Melville ein besserer Freund gewesen, als die meisten Männer es sich von einem Schwiegervater erhoffen konnten. Und Delphine war stolz auf ihre Tochter; sie war ehrgeizig und hatte vielleicht eine übertriebene Neigung, Zillah zu beschützen, aber auch das war nicht weiter ungewöhnlich, man erwartete es förmlich von einer Mutter. Wenn sie Melville heute mit Abneigung begegnete, dann hatte sie allen Grund dazu.

»Es scheint keine Verteidigung zu geben«, sagte er laut.

»Was sagt er selbst denn dazu?«, fragte Henry, nahm die Pfeife aus dem Mund und schlug mit ihrem Kopf kräftig gegen den Kamin. Während er die Pfeife säuberte und Tabak nachfüllte, sah er Oliver forschend an. Er rauchte nur selten wirklich, aber allein das Hantieren mit der Pfeife schien ihm eine gewisse Befriedigung zu verschaffen.

»Das ist es ja gerade«, erwiderte Oliver verzweifelt. »Nichts!

Er sagt nur, dass er ihr nie einen Heiratsantrag gemacht hat und dass er den Gedanken, überhaupt jemanden zu heiraten, nicht ertragen könne. Er beteuert mit großem Nachdruck, nichts Nachteiliges über sie zu wissen, dass das Ehehindernis nicht auf ihrer Seite liege und er darauf baue, dass ich ihn so gut wie nur möglich verteidigen würde.«

»Dann ist da ganz gewiss etwas, das er dir nicht anvertraut«, bemerkte Henry und steckte die Pfeife wieder in den Mund, machte aber immer noch keine Anstalten sie anzuzünden.

»Das weiß ich!«, stimmte Oliver ihm zu. »Aber ich habe keine Ahnung, was es sein könnte. Während der Verhandlung bange ich ständig, dass Sacheverall ihn darauf ansprechen könnte. Ich stelle mir vor, dass er den Grund plötzlich aus dem Hut zieht wie ein Zauberkünstler und sich dann auch der letzte Rest meiner Hoffnungen in Luft auslösen wird.«

»Du sprichst von Wystan Sacheverall?«, fragte Henry und hob die Augenbrauen.

»Ja. Warum?«

Henry zuckte die Achseln. »Ich kannte seinen Vater. Er schien mir in gesellschaftlicher Hinsicht immer äußerst ehrgeizig zu sein, ein Opportunist. Ein hoch gewachsener Mann mit blondem Haar und einem ungewöhnlich großen Mund.«

Oliver lächelte. »Das klingt ganz nach seinem Sohn«, pflichtete er ihm bei. »Aber er ist auch ein sehr tüchtiger Mann. Ich werde nicht den Fehler machen, ihn zu unterschätzen, nur weil er ein Clownsgesicht hat. Ich glaube, dass er ein ungemein ernsthafter Mensch ist.«

»Dann solltest du besser selbst herausfinden, was dein Mandant dir verschweigt«, stellte Henry fest. »Hast du Hester mal von dieser Situation erzählt? Eine weibliche Betrachtungsweise könnte vielleicht neue Perspektiven eröffnen.«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht«, gab Oliver zu. Sie war ihm bei vielen Gelegenheiten durch den Kopf gegangen, aber nicht als mögliche Unterstützung in diesem Fall. »Ich habe schon seit Wochen nichts mehr von ihr gehört. Wahrscheinlich betreut sie einen neuen Patienten.«

»Dann könntest du Lady Callandra Daviot fragen«, erwiderte Henry. »Sie wird wissen, wo Hester sich aufhält.«

»Callandra ist in Schottland«, sagte Oliver verstockt. »Sie ist auf Reisen. Ich habe einen Brief von ihr bekommen mit Poststempel aus Ballachulish. Ich glaube, das liegt irgendwo an der Westküste, ein kleines Stück von Fort William in Invernesshire entfernt.«

»Ich weiß, wo Fort William liegt«, erwiderte Henry geduldig.

»Dann musst du eben Monk fragen. Es sollte ihn doch nicht überbeanspruchen, sie zu finden. Er ist ein hervorragender Ermittler… falls er nicht ohnehin weiß, wo sie sich befindet.« Oliver widerstrebte die Vorstellung, sich an Monk zu wenden, um Hesters Aufenthaltsort zu erfahren. Aber jetzt, da Henry es vorgeschlagen hatte, wurde ihm klar, wie sehr er sich wünschte, mit Hester über diesen Fall zu reden. Er würde den perfekten Vorwand liefern, sich wieder mit ihr in Verbindung zu setzen, ohne dass ihre persönlichen Gefühle die Begegnung überschatten und peinlich machen würden. Bei näherem Nachdenken erschien es ihm als ein Fehler, dass er sie in der dazwischenliegenden Zeit nicht häufiger gesehen hatte. Dann wäre alles viel einfacher gewesen.

Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ausgerechnet an Monk um Hilfe zu wenden.

Henry beobachtete ihn versonnen.

»Ich glaube, das ist eine gute Idee«, räumte Oliver ein.

»Vielleicht bitte ich ihn am Ende gar, für mich zu arbeiten!« Es war als Witz gemeint. Er konnte unmöglich einen Ermittler gegen seinen eigenen Mandanten einsetzen, obwohl der Gedanke durchaus reizvoll war.

»Was wird mit ihm geschehen, wenn du verlierst?«, fragte Henry, nachdem einige weitere Augenblicke nachdenklichen Schweigens verstrichen waren.

»Eine Verurteilung bedeutet eine Geldbuße und den gesellschaftlichen Abstieg«, antwortete Rathbone. »Und in Anbetracht seiner Profession wahrscheinlich auch den beruflichen Ruin.«

»Ist ihm das klar?«, fragte Henry stirnrunzelnd.

»Ich habe es ihm gesagt.«

»Dann musst du die Wahrheit herausfinden, Oliver.« Henry beugte sich mit ernster Miene vor. »Was du mir bisher erzählt hast, ergibt einfach keinen Sinn. Kein Mann würde auf eine so viel versprechende Karriere verzichten. Nicht aus einem solchen Grund.«

»Ich weiß«, stimmte Oliver ihm zu. Er ließ sich ein wenig tiefe r in seinen weichen Sessel sinken. »Ich werde Monk fragen. Morgen.«

Monk war verblüfft, als Rathbone am nächsten Morgen um halb acht auf seiner Schwelle stand. Er war in Hemdsärmeln, als er die Tür öffnete, und sein dunkles Haar, das er sich aus der Stirn gestrichen hatte, war noch feucht. Er musterte Rathbones makellose gebügelte Hose und den schlichten Mantel, seinen Zylinder und den zusammengeklappten Schirm.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, sagte er mit einem Achselzucken, »was Sie in dieser Aufmachung und um diese Stunde an einem Samstagmorgen zu mir führen könnte.«

»Ich erwarte auch nicht, dass Sie es erraten«, erwiderte Rathbone gereizt. »Wenn Sie mich hereinbitten, werde ich es Ihnen mitteilen.«

Monk lächelte. Er hatte ruhig blickende graue Augen, hohe Wangenknochen, eine Adlernase und einen breiten, schmallippigen Mund. Es war das Gesicht eines klugen Mannes, der sich selbst und anderen gegenüber unerbittlich war, das Gesicht eines Mannes voller Mut und Humor, der seine Schwächen hinter seinem Scharfsinn verbarg und bisweilen auch hinter geheuchelter Kälte Zuflucht nahm.

Rathbone war sich all dessen bewusst, und in gewisser Weise bewunderte er Monk, ja, er mochte ihn sogar. Er vertraute ihm uneingeschränkt.

Monk trat einen Schritt zurück und bat ihn herein. Der Raum, in dem er mögliche Mandanten empfing, wurde bereits von einem lodernden Feuer im Kamin gewärmt, die Vorhänge waren aufgezogen, und auf dem Kaminsims tickte dezent eine Uhr. Das alles hatte sich seit Rathbones letztem Besuch hier geändert. Er fragte sich, ob es Hesters Idee gewesen war, und wies den Gedanken sogleich weit von sich. Alles andere in diesem Raum sprach von ihrem Einfluss. Warum nicht auch dies hier, und was hätte es schon bedeutet, wenn es so gewesen wäre?

Monk bedeutete ihm, Platz zu nehmen. »Handelt es sich um einen geschäftlichen Besuch?«, fragte er. Er stand am Feuer und sah auf Rathbone hinab.

Rathbone lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander, um zu zeigen, wie locker er war.

»Natürlich ist es das. Ich mache zu dieser Stunde keine privaten Besuche.«

»Sie müssen mit einem schwierigen Fall beschäftigt sein.« Monk war noch immer belustigt, zeigte aber jetzt Interesse.

Rathbone wollte sicherstellen, dass Monk sein Erscheinen mit beruflichen Dingen in Zusammenha ng brachte; er sollte nicht glauben, dass er Hester aus persönlichen Gründen finden wollte. Allein die Vorstellung, Monk könnte diesen Eindruck gewinnen, war ihm unerträglich. Er würde es Rathbone auf seine ganz spezielle Weise spüren lassen.

»Ich habe in der Tat einen schwierigen Fall«, sagte er freimütig. »Ich bin mit meinem Latein am Ende, und ich weiß, dass ich belogen werde. Ich brauche jemanden, der die Sache von einem vollkommen anderen Standpunkt aus betrachtet.« Er sah, dass Monks Interesse wuchs.

»Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann«, erbot sich Monk.

»Worum geht es denn bei diesem Fall? Wessen wird Ihr Mandant beschuldigt? Mord?«

»Man wirft ihm vor, ein Gelöbnis gebrochen zu haben.«

»Was?« Monk konnte es kaum glauben. »Ein Gelöbnis! Ein Eheversprechen?« Er musste unwillkürlich lachen. »Und Sie verstehen es nicht?« Es lag nicht direkt offene Verachtung in seiner Stimme, aber doch beinahe.

»So ist es«, stimmte Rathbone ihm zu. Er war seit jeher ein Meister in der Kunst, die Beherrschung nicht zu verlieren. Bessere Männer und geschicktere Taktiker als Monk hatten ihn zu provozieren versucht und waren damit gescheitert. »Mein Mandant riskiert es, nicht nur Geld, sondern auch sein berufliches Ansehen zu verlieren, falls er verurteilt wird. Und er hat eine brillante Karriere vor sich. Manche Leute behaupten sogar, er sei ein Genie.«

Monks Gesicht wurde ernst, und seine Neugier kehrte zurück.

»Warum hat er dann jemandem den Hof gemacht und die Verlobung wieder gelöst?«, fragte er. »Was hat er über die Frau in Erfahrung gebracht?«

»Er sagt, es gebe keinen derartigen Grund«, erwiderte Rathbone. Da sie nun schon einmal dabei waren, konnte er sich genauso gut auch Monks Meinung anhören. Sie hatten schon viele Probleme gemeinsam bewältigt, dass sie einander besser kannten, als es den meisten Menschen vergönnt war.

»Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder er lügt«, antwortet Monk, ohne Rathbone dabei aus den Augen zu lassen, »oder es liegt an ihm selbst, und er ist nicht bereit, mit Ihnen darüber zu reden.«

»Korrekt«, pflichtete Rathbone ihm bei. »Aber ich habe keine Ahnung, welche von beiden Möglichkeiten zutrifft oder welcher konkrete Grund sich dahinter verbergen könnte.«

»Wollen Sie mich bitten, es herauszufinden… Gegen Ihren eigenen Mandanten?«, fragte Monk. »Dafür wird er Sie kaum bezahlen! Oder Ihnen danken.«

»Nein, das hatte ich nicht vor«, entgegnete Rathbone scharf.

»Ich möchte das Urteil einer Frau über diesen Fall hören.

Callandra befindet sich in Schottland. Ich würde gern Hester fragen.« Er blickte forschend in Monks Gesicht und sah, wie die Augen des anderen Mannes sich leicht weiteten. Was auch immer Monk denken mochte, er hielt es verborgen. »Ich weiß nicht, womit sie gegenwärtig beschäftigt ist, und dachte, Sie hätten vielleicht eine Ahnung.«

»Nein, das habe ich nicht«, antwortete Monk, ohne mit der Wimper zu zucken. »Aber ich weiß, wie ich es herausfinden kann. Wenn Sie wünschen, werde ich es tun.« Er sah kurz auf die Uhr. »Ich nehme an, es ist dringend?«

»Erwarten Sie noch jemanden?« Rathbone deutete seine Geste absichtlich falsch.

Monk zuckte kaum merklich die Schultern und löste sich von dem Kaminsims, an dem er gelehnt hatte. Wieder huschte ein Lächeln über seine Lippen. »Nicht zum Frühstück«, antwortete er und durchquerte den Raum.

»Sie haben wahrscheinlich schon gegessen?«, fragte Monk, wobei sein Tonfall die Antwort schon vorwegnahm. »Ich nicht.

Aber wenn Sie eine Tasse Tee mit mir trinken wollen, würde ich mich freuen. Erzählen Sie mir mehr über diesen Fall… bei dem es um ein gebrochenes Versprechen, verletzte Gefühle und zweifelhaften Ruf geht. Das Geschäft muss ziemlich schlecht gehen, wenn Sie sich auf dieses Niveau herablassen!«

Es war Nachmittag, als Monk endlich in Rathbones Wohnung erschien und ihm ein Stück Papier überreichte, auf dem eine Adresse und der Name Gabriel Sheldon standen.

Rathbone warf einen Blick darauf. »Vielen Dank«, sagte er schlicht. Er wusste nicht, was er noch hätte hinzufügen sollen. Es war eine seltsam unnatürliche Situation. Rathbone wusste viel mehr über Monk als irgendjemand sonst, mit Ausnahme von Hester und vielleicht Callandra Daviot und John Evan. John Evan war der Sergeant, der mit Monk zusammengearbeitet hatte, bevor dieser nach einem heftigen Streit mit seinem Vorgesetzten den Polizeidienst quittierte. Aber Evan hatte ihn seither nur in unregelmäßigen Abständen gesehen, während Rathbone alle paar Monate mit ihm zu tun hatte. Sie hatten eine Menge zusammen erlebt und wussten sehr gut, was der andere empfand.

Rathbone war bekannt, dass Monk bis auf die letzten vier Jahre keine Erinnerung mehr an seine Vergangenheit hatte. Als er ihn kennen lernte, war Monk vierzig Jahre alt gewesen, ein Mann, den er nicht immer mochte, den er bisweilen verachtete, ja sogar fürchtete. Rathbone hatte mit angesehen, wie er um die Wiedererlangung seines Gedächtnisses kämpfte, welchen Mut es ihn kostete, sich mit seinem früheren Ich auseinander zu setzen.

Rathbone bewunderte ihn dafür. Ihm war es einerlei, dass sie aus so unterschiedlichen Verhältnissen kamen. Rathbone hatte man Privilegien, Eleganz und höhere Bildung zusammen mit gesellschaftlichem Status und finanziellen Mitteln auf einem silbernen Tablett serviert. Monk hingegen war der Sohn eines Fischers aus dem Nordosten, von der schottischen Grenze. Er hatte seine Bildung dem Wohlwollen des Gemeindepfarrers zu verdanken. Der Mann hatte seinen Intellekt und seine Willenskraft erkannt und war bereit gewesen, ihn unentgeltlich zu unterrichten. Später war Monk nach London gegangen, um dort sein Glück zu versuchen, und hatte dort schon bald die Unterstützung eines wohlhabenden Mannes gefunden, der ihn ins Bankwesen einführte. Dann war er Opfer einer ungerechtfertigten Anklage geworden und plötzlich ruiniert gewesen.

Daraufhin hatte sich Monk voller Zorn und dem Gedanken, das Unrecht zu bekämpfen, zur Polizei gemeldet.

Dies alles unterschied sich so sehr von Rathbones Lebensweg, der in Cambridge Jurisprudenz studiert und mit Hilfe seines brillanten Verstandes und guter Beziehungen mühelos auf der Karriereleiter eine Stufe nach der anderen erklommen hatte.

Einzig in seiner Zielstrebigkeit und seinem Ehrgeiz ähnelte er Monk, vielleicht noch in seiner Liebe zu den schönen Dingen des Lebens, zu Eleganz und gutem Geschmack. Für Rathbone war es vollkommen natürlich, sich tadellos zu kleiden. In Aussehen und Auftreten war er der Gentleman, als der er zur Welt gekommen war.

Für Monk waren diese Dinge eine Extravaganz, die er mit dem Verzicht auf anderes bezahlte. Rathbone konnte ihn nicht der Eitelkeit bezichtigen, aber manch ein anderer hätte es getan, vielleicht sogar Hester selbst und ganz gewiss Callandra Daviot. Rathbone war nie im Leben einer Frau begegnet, die sich weniger um ihr Aussehen scherte als Callandra. Aber trotz Monks natürlicher Eleganz und der großen Sorgfalt, die er auf sein Äußeres verwandte, würde er niemals Rathbones Selbstsicherheit erlangen, denn das wurde einem in die Wiege gelegt, man konnte es sich später nicht mehr erwerben.

»Vielen Dank«, wiederholte er. »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, werde ich Hester unverzüglich aufsuchen. Ich habe keine Zeit zu verlieren.«

Monk nickte lächelnd. »Keine Zeit, aber alles andere«, bemerkte er trocken. »Lassen Sie es mich wissen, wenn ich Ihnen bei Ihrem Fall behilflich sein kann, aber für mich klingt die Sache nicht sehr Erfolg versprechend. Wie ist sie denn, diese verschmähte Dame?«

»Jung, hübsch, besonnen, intelligent genug, um interessant zu sein, aber nicht so intelligent, dass es einen Mann einschüchtern könnte. Und obendrein ist sie eine Erbin«, erwiderte Rathbone, während er in seinen Mantel schlüpfte und Monk, befriedigt über dessen Erstaunen, die Tür aufhielt. »Sie hat außerdem einen makellosen Ruf«, fügte er hinzu, »sie trinkt nicht, ist weder extravagant noch scharfzüngig, noch klatschsüchtig. Haben Sie einen Hansom draußen stehen, oder wollen wir uns eine Droschke teilen?«

»Meine Droschke wartet«, antwortete Monk. »Ich nehme an, Sie möchten mitfahren?«

»Ja, das würde ich gern«, stimmte Rathbone zu und ging mit energischen Schritten auf die Straße hinaus.

Im Hause Sheldon wurde ihm die Tür von einem sehr jungen Lakaien geöffnet. Rathbone nannte seinen Namen, gab ihm aber keine Karte. Er wollte den Eindruck vermeiden, er sei aus beruflichen Gründen hier.

»Ich bin ein Freund von Miss Latterly, die, wie ich glaube, vorübergehend hier wohnt«, erklärte er. »Wahrscheinlich komme ich ungelegen, aber die Angelegenheit ist ziemlich dringend; ich bin auch bereit zu warten, falls das notwendig sein sollte. Würden Sie ihr das bitte sagen und Mrs. Sheldon fragen, ob es gestattet ist, Miss Latterly bei der Arbeit zu stören?« Dann reichte er dem Diener seine Karte.

Der Lakai nahm sie, warf einen Blick darauf und registrierte die teure Ausführung und den Titel.

»Ja, Sir Oliver, ich werde sofort hinaufge hen. Wollen Sie in der Zwischenzeit in der Bibliothek warten, Sir?«

»Vielen Dank, das wäre ganz vorzüglich«, antwortete Rathbone und folgte dem Mann durch einen bescheidenen Flur in einen überaus angenehmen Raum, der auf zwei Seiten von Bücherborden gesäumt war und den Blick auf einen kleinen, ziemlich üppigen Garten freigab. Im Augenblick stand er voller Narzissen. Die Steinmauer, die er sehen konnte, war überwuchert von den kahlen Zweigen von Geißblatt und Kletterrosen, die allesamt einen Schnitt benötigten.

Im Kamin brannte kein Feuer, und die Luft war kühl. Dem Haus war die Notwendigkeit gewisser finanzieller Einschränkungen anzumerken. Außerdem konnte man auch eine gewisse Nachlässigkeit der Hausfrau erkennen. Das erinnerte ihn an Hester und wie wichtig ihr der Beruf war. Er hatte vor ihr noch nie eine Frau gekannt, die irgendwelche anderen Interessen als Heim und Familie gehabt hätte. Dies ließ sie in vielerlei Hinsicht eher wie ein Mann erscheinen, weniger fremdartig und rätselhaft. Und es bedeutete, dass sie seine eigene Hingabe an die Arbeit verstehen konnte. Das machte es so viel einfacher, mit ihr zu reden.

Die Tür öffnete sich, und ein groß gewachsener Mann trat ein.

Er trug ein braunes Tweedjackett und dazu eine graubraune Hose. Seine Miene und sein ganzes Gehabe zeugten von großer Energie.

»Athol Sheldon!«, stellte er sich vor und streckte dem anderen die Hand hin. »Ich höre, Sie wollen Miss Latterly sprechen? Ganz hervorragende Frau. Sie versorgt meinen Bruder aufs Allerbeste. Grässliche Erfahrung, einen Arm zu verlieren. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun könnte, um ihm zu helfen.« Einen Augenblick lang sah er verwirrt aus. Dann strömte er wieder seine alte Zuversicht aus. »Am besten, man geht die Dinge Tag für Tag neu an, oder? Mut! Man soll sich heute nicht um die Probleme von morgen kümmern. Sonst wird man zu leicht morbid. Gute Sache, eine Pflegerin zu beschäftigen, finde ich. Die Familie steht einem manchmal zu nahe.« Er war in der Mitte des Raums stehen geblieben, den er nun mit seiner Gegenwart auszufüllen schien. »Kennen Sie Miss Latterly gut?«

»Ja«, antwortete Rathbone, ohne zu zögern. »Wir sind schon seit Jahren befreundet.« Genau genommen kannte er andere Menschen weitaus länger, hatte aber mit ihnen weit weniger tief greifende Ereignisse erlebt.

»Ah… gut.« Athol hätte offensichtlich gern noch etwas hinzugefügt, fand aber nicht die passenden Worte. »Eine bemerkenswerte Sache für eine Frau, was? Auf die Krim zu gehen.«

»Ja«, stimmte Rathbone ihm zu und wartete darauf, dass Athol weitersprach.

»Ist wohl nicht leicht, sich wieder zurechtzufinden, wenn man in die Heimat zurückkehrt«, fuhr Athol fort und warf Rathbone dabei einen neugierigen Blick aus seinen runden Augen zu. »Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt so gut war.«

Rathbone wusste genau, was er meinte, denn er dachte genauso. Dieser Krieg hatte Hester gezwungen, Gewalttaten mit anzusehen und Entbehrungen zu erfahren und in sich nicht nur Seelenstärke, sondern auch Intelligenz, Tüchtigkeit und Mut zu entdecken - Eigenschaften, die sie in England vielleicht niemals hätte entwickeln, geschweige denn gebrauchen können. Sie hatte sich vielen Männern als ebenbürtig, oft sogar als überlegen erwiesen. Diese Tatsache stellte die natürliche, allgemein akzeptierte Ordnung der Dinge auf den Kopf. Man konnte ein Wissen, das man auf diese Weise erworben hatte, nicht einfach beiseite schieben. Und sie konnte und wollte nicht heucheln.

Obwohl Rathbone dem Mann insgeheim Recht gab, billigte er Athol Sheldons Bemerkungen in diesem Zusammenhang nicht. Also beeilte er sich, Hester zu verteidigen.

»Es war gewiss keine schmerzlose Erfahrung; aber wenn man an die Arbeit von Menschen wie Miss Nightingale denkt, muss man doch dankbar dafür sein, wie viel sie im Bereich der medizinischen Fürsorge verändert haben.«

»Ja…« Athol nickte, aber seine Miene blieb angespannt. Er steckte die Hände in die Taschen und nahm sie wieder heraus.

»Natürlich. Bewunderungswürdig. Aber es verändert einen Menschen.«

»Wie bitte?«

»Es verändert einen Menschen«, wiederholte Athol, der rastlos im Raum auf und ab ging, bevor er sich wieder Rathbone zuwandte. »Eine Frau ist von Gott und der Natur dazu ausersehen, einen freundlichen und sicheren Ort zu schaffen, einen Ort des inneren Friedens, für Männer, die gezwungen sind, schreckliche oder grausame Dinge zu erleben.« Er runzelte die Stirn und sah Rathbone durchdringend an. »Solche Erfahrungen verändern einen Menschen, Sie wissen schon, der Anblick von etwas wirklich Bösem! Wir sollten die Frauen davor schützen können.« Er breitete die Hände aus. »Damit sie uns aufrichten, unseren Geist erfrischen und uns eine Zuflucht bieten, für deren Schutz es sich zu kämpfen… oder zu sterben lohnt!«

»Hat Miss Latterly irgendetwas getan, das Sie beunruhigt, Mr. Sheldon?«, erkundigte Rathbone sich nervös.

»Nun…« Athol biss sich auf die Lippen. »Es ist so, Sir Oliver, dass mein Bruder Gabriel in Indien einige schreckliche Dinge erlebt hat, ganz schockierend.« Er zog die Stirn in Falten und senkte vertraulich die Stimme. »Unglücklicherweise kann er diese Dinge nicht aus seinen Gedanken verbannen. Er hat mit Miss Latterly darüber gesprochen, und sie ist der Meinung, dass meine Schwägerin, Mrs. Sheldon, sich ein wenig über indische Geschichte und später auch über diesen elenden Aufstand informieren sollte, damit sie Gabriels Erfahrungen nachvollziehen und er seine Gefühle mit ihr teilen kann, begreifen Sie?« Er beobachtete Rathbone. »Verstehen Sie? Absolut unschicklich. Perdita sollte niemals etwas von diesen Dingen erfahren. Und der arme Gabriel wird sich weitaus schneller und besser erholen, wenn er mit Menschen zusammen ist, die ihn nicht an diese Dinge erinnern. Es ist erstaunlich, Sir Oliver, welcher Willenskraft ein Mann fähig ist, um den Erwartungen einer Frau gerecht zu werden und sie vor unschönem und entwürdigendem Wissen zu bewahren.« Er schüttelte den Kopf und schürzte die Lippen. »Miss Latterly scheint davon nicht überzeugt zu sein. Und natürlich steht es mir nicht zu, ihr Befehle zu erteilen.«

Rathbone lachte. »Mir auch nicht, Mr. Sheldon. Aber ich werde sie gewiss auf diese Angelegenheit ansprechen, wenn Sie es wünschen.«

Athols Miene hellte sich auf. »Das würden Sie tun? Ich wäre Ihnen überaus dankbar. Vielleicht sollten Sie jetzt mit nach oben kommen und meinen Bruder kennen lernen. Miss Latterly ist sicher bei ihm. Sie versteht sich sehr gut darauf, ihm vorzulesen und so weiter. Eine ganz phantastische Frau! Bitte, Sie dürfen niemals glauben, dass ich etwas anderes über sie denke!«

»Natürlich nicht.« Rathbone lächelte in sich hinein und folgte Athol durch die Bibliothek, die Treppe hinauf und in ein Zimmer, in dem Hester mit einem aufgeschlagenen Buch in einem Schaukelstuhl saß. In dem frisch gemachten Bett ruhte, auf Kissen gestützt, ein junger Mann. Sein leerer Ärmel fiel Rathbone nicht sofort auf. Aber seine linke Gesichtshälfte war grauenvoll entstellt, und Rathbone musste seine ganze Willenskraft aufbringen, um sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen.

Als der junge Mann bei seinem Eintreten herumfuhr, wurde Rathbone klar, wie unsensibel es von Athol gewesen war, den Bruder nicht zuerst um sein Einverständnis gebeten zu haben.

Ein kaum verhohlener Ausdruck der Verärgerung huschte über Hesters Gesicht. Anscheinend hatte der Diener seine Bitte um ein kurzes Gespräch nicht Hester, sondern Athol, vielleicht auch Perdita, übermittelt.

Nach kurzem Zögern ergriff Hester die Initiative. Sie erhob sich, lächelte Rathbone flüchtig zu und wandte sich dann an den Mann im Bett.

»Gabriel, das ist mein Freund, Sir Oliver Rathbone.« Sie sah Rathbone an, ohne Athol zu beachten. »Oliver, ich würde Sie gern mit Lieutenant Gabriel Sheldon bekannt machen. Er war einer der vier Überlebenden der Belagerung von Cawnpore und wurde in der Folge verwundet, als er noch im Dienst der indischen Armee stand. Er ist erst seit kurzer Zeit wieder zu Hause.«

»Guten Tag, Lieutenant Sheldon«, sagte Rathbone ernst. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir zu erlauben, Miss Latterly in Ihrem Haus aufzusuchen, noch dazu ohne jegliche Vorwarnung. Ich hätte mir eine solche Freiheit niemals genommen, wäre die Sache nicht von großer Dringlichkeit für mich und meinen gegenwärtigen Mandanten.«

Gabriel war noch immer damit beschäftigt, seine Verlegenheit zu überwinden. Das war das erste Mal seit seiner Rückkehr, dass er sich einem Fremden gegenübersah.

»Sie sind mir willkommen«, sagte er ein wenig heiser, dann hüstelte er und räusperte sich. »Das klingt nach einer ernsten Angelegenheit.«

»Ich bin Rechtsanwalt«, erwiderte Rathbone, fest entschlossen, ein normales Gespräch zu führen. »Und ich habe im Augenblick einen Fall, zu dem ich gern die Meinung einer Frau gehört hätte. Ich gestehe, dass ich mittlerweile vollkommen verwirrt bin.«

Gabriel gab sich interessiert, und Rathbone hatte keine Mühe, dem Blick des anderen Mannes standzuhalten. Es fiel ihm auch nicht schwer, die grauenvolle Narbe und die Lippen nicht anzustarren, die von dieser Narbe verzerrt wurden.

»Handelt es sich um ein Kapitalverbrechen?«, fragte Gabriel und entschuldigte sich dann sofort. »Es tut mir Leid, es geht mich natürlich nichts an. Verzeihen Sie.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, erwiderte Rathbone spontan. »Die Sache wird nur dann ernst, wenn mein Mandant den Prozess verliert, aber die Anklage selbst ist relativ geringfügig. Er steht wegen eines gebrochenen Gelöbnisses vor Gericht.«

»Oh!« Gabriel sah überrascht auf, und Rathbone hatte das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben. Verglichen mit dem, was Gabriel erlebt und wovon Rathbone nur in der Zeitung gelesen hatte, schien es fast wie eine Beleidigung, ihm gegenüber eine solche Nichtigkeit auch nur zu erwähnen.

Er blickte in Hesters Richtung, um ihre Reaktion zu beurteilen. Würde sie den Fall ebenfalls als lächerlich abtun?

»Ein gebrochenes Gelöbnis?«, sagte sie langsam und erwiderte seinen Blick.

Plötzlich wurde ihm klar, wie wenig er über sie wusste.

Warum war sie überhaupt auf die Krim gegangen? Hatte jemand sie enttäuscht, so wie Melville Zillah Lambert? Hatte sie selbst diese Demütigung erfahren? Auf einmal galt seine ganze Sympathie Zillah, nicht mehr Melville.

„Ja…« Er suchte nach Worten, mit denen er den Vorfall hätte abschwächen können. »Ich glaube, das Verhalten des jungen Mannes entspringt eher einem Missverständnis als vorsätzlicher Herabwürdigung. Er schwört, er hätte sie nicht einmal gebeten, ihn zu heiraten. Man hat es einfach als selbstverständlich vorausgesetzt. Das ist der Grund, warum ich überhaupt bereit war, den Fall zu übernehmen. Jetzt stelle ich fest, dass ich seine Motive nicht begreife, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mir etwas von allergrößter Wichtigkeit vorenthält, aber ich habe keine Ahnung, was es sein könnte.«

Athol schüttelte den Kopf. »Ein Mann ohne Ehre im Leib«, sagte er. Zum ersten Mal seit sie den Raum betreten hatten, erhob er die Stimme. »Wenn man einmal sein Wort gegeben hat, muss man es auch halten, egal, was kommt. Das Wort eines Mannes sollte ihn für sein ganzes Leben binden… wenn nötig, sogar bis zum Tod.« Er sah flüchtig zu seinem Bruder hinüber.

»Natürlich, wenn sich die Umstände ändern, dann bietet man einer Frau an, sie freizugeben. Das ist etwas ganz anderes.« Er drehte sich stirnrunzelnd zu Rathbone um. »Hat sie sich verändert, diese Frau? Hat sie ihn wegen irgendetwas belogen? Sie sagten, sie sei von großer Tugend, nicht wahr? Oder habe ich das nur als selbstverständlich vorausgesetzt?«

»So weit ich weiß, ist sie eine durch und durch tugendhafte Frau«, erwiderte Rathbone. »Sie scheint in jeder Hinsicht genau das zu sein, was ein Mann sich wünschen kann. Und mein Mandant schwört, dass sie seines Wissens ohne Fehl und Tadel ist.«

»Dann scheint er ein Lump zu sein, Sir«, erklärte Athol. »Sie können ihn nicht verteidigen, weil es keine Verteidigung für ihn gibt. Es ist ganz offensichtlich Ihre Pflicht, dass Sie ihn dazu bringen, sein Versprechen zu halten und sich kniefälligst zu entschuldigen.«

»Jetzt würde sie ihn wahrscheinlich nicht mehr haben wollen«, meinte Hester. »Mir würde es jedenfalls so gehen. Vielleicht wäre es ein besseres Gefühl, wenn er mir einen Antrag machte, aber ich würde ihn mit Sicherheit ablehnen.«

»Den Vorschlag habe ich auch schon gemacht«, erwiderte Rathbone. »Er hatte Angst, dass sie vielleicht doch ja sagen würde, und dann wäre er wieder genau da, wo er jetzt steht, und er weigert sich kategorisch, diese Ehe einzugehen, will mir aber nicht sagen, warum.«

Hester brach in Gelächter aus, hatte sich aber gleich wieder unter Kontrolle.

»Was für eine unbeschreibliche Arroganz!«, entfuhr es ihr.

»Sie müsste vollkommen verrückt sein, den Antrag unter diesen Umständen anzunehmen. Er würde ihr damit lediglich Gelegenheit geben, diejenige zu sein, die nein sagt. Hinter der Geschichte steckt mehr!«

»Vielleicht ist er bereits verheiratet?«, meldete Gabriel sich zu Wort. »Vielleicht ist es eine unglückliche Ehe, ein Arrangement, auf das er nur wenig Einfluss hatte, eine familiäre Verpflichtung, und er ist vor ihr weggelaufen, hat sich in diese Frau verliebt, muss aber nun erkennen, dass er mit einer zweiten Ehe Bigamie beginge! Nur dass er es niemandem erzählt, weil er nicht möchte, dass seine Frau davon erfährt!«

»Das klingt durchaus plausibel«, meinte Rathbone.

»Vorausgesetzt, seine Familie würde weit entfernt leben, vielleicht in Schottland oder Irland. Er ist jedenfalls erpicht darauf, sich in London einen Namen zu machen.«

»Ihm steht der Sinn nach Höherem«, sagte Athol geringschätzig. »Mehr Geld, eine Familie mit besseren Beziehungen.«

»Nun, wenn er den Gerichtsprozess wegen eines gebrochenen Versprechens verliert, verspielt er damit alle Chancen, die er vielleicht gehabt hätte!«, stellte Gabriel fest. Er sah Rathbone an. »Sagten Sie nicht, die junge Dame sei eine Erbin?«

»Ja, die Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens«, antwortete Rathbone. Dann wandte er sich wieder an Hester.

»Und ich habe den deutlichen Eindruck, dass sein Beweggrund Angst, ja sogar Panik ist, und nicht Habgier. Er ist sich vollauf im Klaren darüber, dass der Vater dieses Mädchens wie geschaffen dafür ist, seine Karriere zu fördern, was er ja bisher auch getan hat. Nein, der Mann befindet sich zweifelsfrei in einer Situation, die für ihn unerträglich ist, aber ich weiß nicht, weshalb!«

Athol schnaubte. »Wenn er es Ihnen nicht mitteilen will, dann ist es etwas, dessen er sich schämt! Ein ehrenwerter Mann würde seine Gründe darlegen.«

Das war eine sehr gewagte These, aber noch bevor Rathbone widersprechen konnte, wurde ihm klar, dass es die Wahrheit war.

»Vielleicht liebt er jemand anderen?«, überlegte Hester.

»Aber warum sagt er mir das nicht einfach?«, fragte Rathbone. »So etwas zu verstehen wäre doch wirklich nicht schwierig. Vielleicht könnte ich es nicht gut heißen, aber wenigstens wüsste ich dann, mit welchen Argumenten ich mich auseinander setzen müsste.«

Hester dachte einen Augenblick lang nach.

»Man bekommt nicht immer, was man will, nur weil man es will«, bemerkte Athol säuerlich. »Es gibt da auch so etwas wie Pflicht.«

»Vielleicht ist es jemand, dem er sich nicht erklären kann?« Hester sah Rathbone an, der genau wie Athol immer noch stand, weil es nicht genügend Stühle gab.

»Dem er sich nicht erklären kann?«, wiederholte Rathbone.

»Warum nicht? Sie meinen jemanden, der bereits verheiratet ist? Vielleicht eine enge Freundin von…« Er hielt inne, weil er drauf und dran gewesen war, den Namen der Lamberts zu erwähnen.

»Warum nicht?«, sagte sie. »Oder…«

»Dergleichen kommt vor«, meinte er kopfschüttelnd. »Dessen müsste man sich nicht schämen. Es ist unangenehm, vielleicht auch peinlich, aber diesen Skandal wäre es gewiss nicht wert.«

»Was ist mit ihrer Mutter?«

»Was?«, fragte Rathbone ungläubig. Der Gedanke war absurd.

Athol hatte Hesters Bemerkung vollkommen missverstanden.

»Ich glaube nicht, dass die arme Frau etwas weiß«, warf er ein.

»Wenn ja, hätte sie die Sache nicht vor Gericht gebracht.« Er schüttelte den Kopf.

»Hester meint, der Mann könnte in die Mutter des Mädche ns verliebt sein«, setzte Gabriel seinen Bruder ins Bild. »Und selbst wenn die Mutter das wüsste, würde dieses Wissen sie nicht davon abhalten, den Prozess zu befürworten, weil sie es wohl kaum ihrem Mann erzählen könnte, oder?«

»Gütiger Gott!« Athol war ehrlich erstaunt.

Rathbone fasste sich wieder. »Ich nehme an, so etwas wäre möglich«, sagte er langsam und dachte an Delphines hübsches Gesicht, ihre Zartheit, die Anmut ihrer Bewegungen. Melville wäre nicht der erste junge Mann, der sich in eine ältere Frau verliebte. Der Gedanke war ihm noch nie gekommen. Delphine hatte den Eindruck gemacht, dass sie sich ehrlich verraten fühlte. Aber andererseits wusste sie vielleicht nichts von Melvilles Gefühlen.

Hesters Gedanken überschlugen sich. »Oder vielleicht ist das Mädchen selbst in einen anderen verliebt, und Ihr Mandant weiß davon«, meinte sie. »Es könnte eine Ehrensache für ihn sein, das größte Geschenk, das er ihr machen kann… Und sie wagt es nicht, ihren Eltern davon zu erzählen, falls dieser andere Mann unpassend sein sollte. Oder aber es könnte Stolz sein, - er will keine Frau heiraten, von der er weiß, dass sie nicht ihn, sondern einen anderen liebt. Ich jedenfalls würde genauso handeln! Auch wenn der Betreffende einer Ehe absolut nicht abgeneigt wäre.«

Rathbone lächelte. »Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Aber viele von uns haben die Illusion, wir könnten einen anderen lehren, uns zu lieben, wenn man uns nur die Gelegenheit dazu gäbe.« Er hatte kaum ausgesprochen, als er sich fragte, ob seine Worte wohl klug gewählt waren. Näherte er sich damit nicht zu sehr jener unausgesprochenen Herzensangelegenheit, die ihn selbst so verletzlich machte? Es war ihm noch nie in den Sinn gekommen, dass er mehr mit Melville gemein haben könnte als die Angst, in eine Ehe gelockt zu werden, die er nicht wollte. Aber vielleicht verband ihn auch noch anderes mit dem jungen Mann!

Er wich ihrem Blick aus, betrachtete die Vorhänge und schaute zu den Bäumen im Garten hinaus. Dann wandte er sich wieder Gabriel zu.

»Ich werde ihn darauf ansprechen.« Er drehte sich wieder zu Hester um. »Ich danke Ihnen, dass Sie mir geholfen haben, meine Gedanken zu ordnen. Ich glaube, ich habe jetzt einen besseren Überblick.« Er lächelte und sagte dann zu Gabriel:

»Und ich möchte auch Ihnen für Ihre Geduld danken, Lieutenant Sheldon. Sie waren sehr freundlich. Ich wünsche Ihnen eine baldige Genesung.«

Gabriel und Athol verabschiedeten sich, und Hester stand auf, um ihn zur Tür zu begleiten. Auf dem Flur blickte sie ihm dann ernst und forschend ins Gesicht. Glaubte sie, dass sein Besuch eher persönliche als berufliche Gründe hatte? Hoffentlich nicht.

»Ich danke Ihnen«, wiederholte er. »Es - es ist mir unmöglich, das Verhalten des jungen Mannes zu begreifen, und ich fürchte, ich werde meinem Mandanten erst dann helfen können, wenn ich etwas Licht in die Angelegenheit gebracht habe.«

»Es muss noch irgendetwas geben, worüber Sie nichts wissen«, sagte sie nachdenklich. »Ich glaube, Sie müssen in Erfahrung bringen, was das ist«, fuhr sie fort. »Es könnte… körperlicher Natur sein.«

»Daran habe ich auch schon gedacht«, antwortete er. »Aber wie fragt man einen Mann, ob er impotent ist? Die meisten Männer würden sogar eine Gefängnisstrafe in Kauf nehmen, um das nicht zugeben zu müssen.«

»Ich weiß«, antwortete sie leise. »Aber es gibt Umschreibungen, die sich anbieten, Notlügen. Es ließe sich vielleicht ein Arzt finden, der attestiert, dass er an einer Krankheit leidet, die eine Ehe unmöglich macht. Selbst wenn die junge Frau es nicht verstünde, ihr Vater würde wissen, was gemeint ist.«

»Natürlich… Ich danke Ihnen, dass Sie diesen Punkt so offen dargelegt haben. Ich…« Er biss sich auf die Lippen. »Ich gestehe, ich hätte nicht gewusst, wie ich ihm gegenüber eine solche Frage hätte formulieren sollen. Obwohl ich mir keineswegs sicher bin, dass das die Antwort ist.«

»Nun, wenn es nicht das ist, müssen Sie herausfinden, woran es sonst liegt«, sagte sie. »Sie können es sich nicht leisten, den Prozess zu verlieren, weil Sie über die persönlichen Umstände nicht informiert waren.«

»Ich weiß. Sie haben natürlich Recht. Wahrscheinlich muss ich diese Dinge selbst in Erfahrung bringen…« Plötzlich lächelte er, »… und dann werde ich meinem Mandanten eine entsprechende Rechnung präsentieren!«

Sie erwiderte sein Lächeln und drückte ihm kurz und herzlich die Hand, bevor sie die Stufen hinunterging, um ihn Perdita Sheldon vorzustellen, die mit erstauntem Gesichtsausdruck am Fuß der Treppe stand.