Schwarze Piste
Die Zelle war etwa zwei mal vier Meter groß. Sie enthielt eine Pritsche ohne Matratze und einen Stuhl. Die Tür bestand aus hartem Stahl. Nachdem sie hinter ihm zugefallen war, hatte Alex gehört, wie ein Schlüssel umgedreht wurde. Man hatte ihm bisher weder etwas zu essen noch zu trinken gebracht. Obwohl es im Raum kalt war, gab es keine Decken.
Wenigstens hatten ihm die Wachen die Handschellen abgenommen. Sie hatten Alex von Kopf bis Fuß durchsucht und ihm alles, was sie in seinen Hosentaschen gefunden hatten, weggenommen. Sie hatten ihm sogar den Gürtel abgenommen und seine Schnürsenkel. Vielleicht befürchtete Dr.Grief, er könnte sich erhängen. Er brauchte Alex frisch und lebendig für seinen Biologieunterricht.
Es war ungefähr zwei Uhr morgens, aber Alex hatte noch kein Auge zugetan. Er hatte versucht, alles, was Grief ihm erzählt hatte, zu verdrängen. Er musste unbedingt bis halb zehn hier raus sein. Ob es ihm gefiel oder nicht, es schien so, als wäre er auf sich selbst gestellt. Mehr als sechsunddreißig Stunden waren vergangen, seit er den Alarmknopf gedrückt hatte, den Smithers ihm gegeben hatte – und nichts war passiert. Entweder hatte es nicht funktioniert oder die Leute von MI6 hatten aus irgendeinem Grund beschlossen, ihm nicht zu Hilfe zu kommen. Natürlich konnte bis zum nächsten Tag noch viel passieren. Aber Alex konnte sich nicht darauf verlassen. Er musste hier raus, und zwar so schnell wie möglich.
Zum x-ten Mal ging er zur Tür, kniete sich hin und lauschte. Die Wachen hatten ihn zurück ins Untergeschoss geschleppt. Er befand sich in einem Gang, der von den anderen Gefangenen isoliert war. Obwohl sich alles sehr schnell abgespielt hatte, versuchte Alex, sich zu erinnern, wohin er gebracht worden war. Als sie aus dem Aufzug traten, waren sie zuerst links weitergegangen, dann um eine Ecke, einen zweiten Flur entlang, bis sie an einer Tür am Ende anlangten. Er war hier allein. Als er an der Tür lauschte, war er sich ziemlich sicher, dass sie keinen Posten vor der Tür aufgestellt hatten.
Es musste jetzt, mitten in der Nacht, geschehen. Als die Wachen ihn durchsucht hatten, hatten sie ihm nicht alles abgenommen. Keiner der Männer hatte seinen goldenen Ohrstecker beachtet. Was hatte Smithers gesagt? »Es ist ein sehr wirkungsvoller Sprengstoff. Werden die beiden Teile auseinandergenommen, wird er aktiviert. Zähl bis zehn und es entsteht ein Loch in fast allem…«
Es war jetzt an der Zeit zu überprüfen, ob es tatsächlich klappte.
Alex nahm den Ohrring ab, steckte die beiden Teile in das Schlüsselloch, trat zurück und zählte bis zehn.
Nichts geschah. War der Ohrstecker etwa kaputt, so wie der Discman-Sender? Alex wollte schon aufgeben, als es plötzlich zischte und eine leuchtend orangene Flamme aufflackerte. Zum Glück vollkommen lautlos. Die Flamme loderte noch ungefähr fünf Sekunden, dann erlosch sie. Alex schaute sich die Tür genauer an. Der Ohrstecker hatte ein Loch in der Größe einer Zweipfundmünze in die Tür gefressen. Das geschmolzene Metall glühte noch. Alex stieß mühelos die Tür auf.
Alex war überglücklich, aber er zwang sich, ruhig zu bleiben. Auch wenn er jetzt aus der Zelle heraus war, befand er sich immer noch im Untergeschoss der Akademie. Überall wimmelte es von Wachen. Er war oben auf einem Berg, ohne Skier und ohne Piste. Noch war er nicht in Sicherheit, noch lange nicht.
Er schlüpfte aus der Zelle und ging zurück zum Aufzug. Am liebsten hätte er die anderen Jungen freigelassen, aber er wusste, sie waren keine Hilfe. Und wenn er sie jetzt aus ihren Zellen holte, würde er sie nur in Gefahr bringen. Er kam zum Lift und entdeckte, dass die Wache, die er heute Morgen gesehen hatte, nicht mehr da war. Entweder war der Mann unterwegs, um sich einen Kaffee zu holen, oder Dr.Grief hatte die Sicherheitsmaßnahmen in der Akademie gelockert. Da Alex und die anderen Jungen alle eingeschlossen waren, blieb niemand mehr übrig, der bewacht werden musste. Dachten sie zumindest. Alex eilte weiter. Das Glück schien auf seiner Seite zu sein.
Er nahm den Aufzug in den ersten Stock. Er wusste, dass die einzige Hoffnung, vom Berg herunterzukommen, in seinem Zimmer lag. Grief hatte bestimmt all seine Sachen untersucht. Aber was hatte er dann wohl damit angestellt? Alex schlich den schwach beleuchteten Gang entlang und verschwand in seinem Zimmer. Und da lag alles auf dem Bett. Der kugelsichere Skianzug, die Schutzbrille, sogar der Discman mit der Beethoven-CD. Alex seufzte tief auf vor Erleichterung. Er würde das alles dringend benötigen.
Er hatte bereits einen Plan ausgeklügelt, was er tun würde. Er konnte nicht auf Skiern den Berg hinunterfahren, da er keine Ahnung hatte, wo sie versteckt wurden. Aber es gab ja noch mehr Möglichkeiten, sich einen Weg durch den Schnee zu bahnen. Alex erstarrte, als draußen auf dem Gang eine Wache vorbeiging. Also schliefen nicht alle in der Akademie! Er musste schnell handeln. War die aufgebrochene Zellentür erst einmal entdeckt, würden sie sofort Alarm schlagen.
Er wartete, bis die Wache vorbei war, dann huschte er ein paar Türen weiter in die Wäschekammer. Als er herauskam, trug er einen langen flachen Gegenstand aus leichtem Aluminium. Er nahm ihn mit in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich und knipste eine kleine Lampe an. Er hatte Angst, die Wache könnte, wenn sie zurückkäme, das Licht entdecken. Aber er konnte nicht im Dunkeln arbeiten. Das Risiko musste er eingehen.
Er hatte ein Bügelbrett gestohlen.
Alex hatte erst dreimal in seinem Leben auf einem Snowboard gestanden. Das erste Mal war er mehr gefallen als gefahren. Snowboarding ist nicht ganz einfach. Aber wenn man erst einmal den Dreh raus hat, kommt man rasant voran. Am dritten Tag hatte Alex endlich kapiert, wie es funktionierte, wie man in die Kurven ging und kantete, und war elegant die Anfängerpiste hinuntergefahren. Ein Snowboard war genau das, was er jetzt brauchte. Da er hier aber keines hatte, musste das Bügelbrett herhalten.
Er griff nach dem Discman und schaltete ihn ein. Die Beethoven-CD drehte sich und schob sich dann heraus, bis die diamantene Scheibe hervorstand.
Alex überlegte kurz und fing dann an zu schneiden. Das Brett war breiter als ihm lieb war. Er wusste, je länger es war, desto schneller kam er voran. Aber wenn es zu lang war, würde er die Kontrolle darüber verlieren. Das Brett war flach und da es an der Vorderkante nicht abgerundet war, würde er jeden Buckel oder jede Wurzel spüren. Aber das konnte er nicht ändern. Er drückte die Scheibe nach unten und beobachtete, wie die sich drehende Disc das Metall durchtrennte. Alex schnitt vorsichtig einen Bogen und trennte ungefähr das halbe Bügelbrett ab. Die andere Hälfte nahm er hoch. Sie reichte ihm fast bis zur Brust. An einem Ende war sie rund und am anderen spitz zulaufend. Perfekt.
Jetzt schnitt er die Stützen bis auf eine Länge von ungefähr sechs Zentimetern ab. Er wusste, dass er sich nur dann halbwegs auf dem Brett halten konnte, wenn die Bindung richtig angelegt war. Aber er besaß absolut nichts: keine Stiefel, keine Riemen, keine Fersenstütze. Er musste wild improvisieren. Er zerriss das Bettlaken in zwei Streifen und schlüpfte in seinen Skianzug. Er würde seine Turnschuhe an die Reste der Stützen binden müssen. Das Ganze war ganz schön riskant. Wenn er stürzte, würde er sich den Fuß mindestens verrenken.
Aber er war jetzt fast fertig. Schnell zog er den Reißverschluss des Skianzugs hoch. Smithers hatte gesagt, er sei kugelsicher. Das würde sicher noch wichtig werden. Dann zog er sich die Schutzbrille über den Kopf, sodass sie um seinen Hals baumelte. Zu seinem Glück hatte man das Fenster noch nicht repariert. Er ließ das umgebaute Bügelbrett hinausfallen und kletterte ins Freie.
Heute Nacht schien kein Mond. Alex fand den in der Brille verborgenen Schalter und knipste ihn an. Er hörte an einem leisen Summen, das die Batterie aktiviert wurde. Plötzlich war der Berghang in leuchtendes Grün getaucht und Alex konnte die Bäume und die verlassen daliegende Sprungschanze erkennen.
Er trug das Bügelbrett bis zu dem schneebedeckten Hang und band es mit den Bettlakenstreifen an seine Füße. Vorsichtig stellte er sich in Startposition, den rechten Fuß im Vierzig-Grad-, den linken im Zwanzig-Grad-Winkel. Er hatte ziemlich krumme Beine, worüber sich schon sein Skilehrer lustig gemacht hatte. Aber jetzt war keine Zeit, sich über die richtige Technik Gedanken zu machen. Bisher war er nur auf grünen und blauen Pisten gefahren – also den Pisten für Anfänger und durchschnittliche Fahrer. Von James wusste er, dass es sich hier um eine schwarze Piste handelte, nur für echte Skiasse! Sein Atem bildete in der Kälte vor seinen Augen einen grünen Nebel. Konnte er es schaffen? Konnte er sich das zutrauen?
Hinter ihm gellte der Alarm und in der Akademie gingen die Lichter an. Alex schob sich nach vorn und startete. Mit jeder Sekunde gewann er mehr an Fahrt. Die Entscheidung war ihm abgenommen worden. Was auch immer passierte, es gab keinen Weg zurück.
Dr.Grief, der einen langen, silbergrauen Morgenmantel trug, stand neben dem offenen Fenster in Alex’ Zimmer. Auch MrsStellenbosch war anwesend. Sie trug einen pinkfarbenen Seidenmorgenmantel, der wie ein Sack an ihrem plumpen Körper hing. Drei Wachen warteten auf ihre Befehle.
»Wer hat den Jungen durchsucht?«, fragte Dr.Grief. Man hatte ihm inzwischen die Tür mit dem runden, ins Schloss gebrannten Loch gezeigt.
Keiner der Männer antwortete, aber sie waren aschfahl geworden.
»Nun, diese Frage kann noch warten«, fuhr Dr.Grief fort. »Im Augenblick ist nur wichtig, dass wir ihn finden und töten.«
»Vermutlich klettert er den Berg zu Fuß hinunter«, bemerkte MrsStellenbosch. »Er hat keine Skier. Er wird es nicht schaffen. Wir können bis morgen warten und ihn dann mit dem Hubschrauber auflesen.«
»Ich denke, der Junge ist gerissener als wir glaubten.« Dr.Grief griff nach den Resten des Bügelbretts. »Sehen Sie? Er hat sich eine Art Schlitten gebastelt. Nun gut…« Er hatte einen Entschluss gefasst. MrsStellenbosch war froh, als sie wieder die alte Selbstsicherheit in seinem Blick bemerkte. »Ich brauche zwei Männer, die ihm mit dem Schneemobil folgen. Aber dalli!« Eine der Wachen eilte aus dem Zimmer.
»Und was ist mit dem Posten unten im Tal?«, fragte MrsStellenbosch.
»Ja genau.« Dr.Grief lächelte. Er hatte eine ständige Wache und einen Fahrer dort belassen, für den Fall, dass ein Schüler versuchen sollte, auf Skiern zu fliehen. Diese Vorsichtsmaßnahme würde sich jetzt auszahlen. »Alex Rider wird nach La Vallée de Fer müssen. Auf was auch immer er hinunterfährt, er kann damit unmöglich die Gleise überqueren. Wir werden ihn mit einem Maschinengewehr erwarten. Wenn er überhaupt so weit kommt, ist er eine leichte Beute.«
»Ausgezeichnet«, schnurrte MrsStellenbosch.
»Es hätte mir so viel Spaß gemacht, ihn sterben zu sehen. Aber der Junge hat keine Chance. Und wir können uns getrost wieder schlafen legen.«
Alex befand sich im freien Fall, scheinbar den sicheren Tod vor Augen. Er schwebte in der Luft, hatte den Boden unter den Füßen verloren. Er schoss zehn Meter nach vorn, während der Hang unter ihm verschwand. Alles schien sich um ihn zu drehen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht. Endlich gelang es ihm wieder, die Kontrolle zu gewinnen und er raste mit seinem Bügelbrett die Piste hinunter, immer weiter weg von Point Blanc. Er fuhr mit atemberaubender Geschwindigkeit, Bäume und Felsen erschienen ihm durch seine Infrarotbrille wie leuchtende grüne Blitze. Irgendwie kam er mit den steileren Abschnitten besser zurecht. Einmal hatte er auf einem flacheren Stück zu landen versucht, um etwas Tempo wegzunehmen. Aber er war mit solcher Wucht gelandet, dass er glaubte, es breche ihm alle Knochen. Die nächsten zwanzig Meter war er fast blind gefahren.
Das Bügelbrett wackelte und ruckelte gnadenlos, und Alex musste seine ganze Kraft aufwenden, um die Kurven zu fahren. Er versuchte, dem natürlichen Verlauf der Piste zu folgen, aber es gab zu viele Hindernisse. Am meisten fürchtete er den geschmolzenen Schnee. Wenn das Bügelbrett mit dieser Geschwindigkeit im Schneematsch landete, würde er sich unweigerlich zu Tode stürzen. Und er wusste, je mehr er sich dem Tal näherte, desto größer wurde die Gefahr.
Aber in den fünf Minuten, die er bisher unterwegs war, war er erst zweimal gestürzt – beide Male in dichte Schneewehen, die ihn geschützt hatten. Wie weit unten war er jetzt wohl? Er versuchte, sich zu erinnern, was James Sprintz ihm erzählt hatte. Aber bei dieser Geschwindigkeit fiel ihm das Denken schwer. Er musste seine ganze Konzentration darauf verwenden, sich aufrechtzuhalten und nicht zu stürzen.
Er kam zu einer Stelle, wo die Oberfläche eben war, und fuhr mit der Kante in den Schnee, sodass er schlingernd zum Halten kam. Vor ihm ging es bedrohlich steil weiter abwärts. Er wagte es kaum, einen Blick hinunter zu werfen. Links und rechts standen dichte Baumgruppen. In der Ferne sah er lediglich einen grünen Schimmer. Die Infrarotgläser reichten nicht weiter.
Und dann hörte er das Geräusch, das sich hinter ihm näherte. Das Dröhnen von mindestens zwei, wenn nicht mehr Motoren. Alex blickte über die Schulter zurück. Einen Moment sah er nichts, aber dann entdeckte er sie – wie schwarze Fliegen, die in seinem Blickfeld summten. Zwei kamen direkt auf ihn zu.
Griefs Männer fuhren speziell ausgerüstete Yamaha-Mountain-Max-Schneemobile, die mit 700cc-Dreizylinder-Motoren ausgestattet waren. Auf ihren 141-Inch-Kufen flogen sie über den Schnee und waren dabei mühelos fünfmal so schnell wie Alex. Mit ihren 300-Watt-Scheinwerfern hatten sie ihn bereits geortet. Die Männer steuerten jetzt mit Höchstgeschwindigkeit auf ihn zu und verringerten mit jeder Sekunde den Abstand.
Alex machte einen Satz nach vorn hinein in den nächsten Steilhang. Im nächsten Moment hörte er mehrere Male ein knatterndes Geräusch, eine Serie von Einschlägen. Um ihn herum spritzte Schnee auf. Griefs Männer hatten auf ihren Schneemobilen Maschinengewehre installiert! Alex schrie auf, als er den Hang hinunterraste, kaum mehr in der Lage, das Stück Metall unter seinen Füßen zu kontrollieren. Die improvisierte Bindung zerrte an seinen Knöcheln. Das Ganze wackelte bedrohlich. Er konnte nicht darauf achten, nur noch versuchen, das Gleichgewicht zu halten und hoffen, dass die Piste vor ihm frei war.
Die Scheinwerfer des Mobils, das ihm am nächsten war, blitzten auf und Alex sah seinen eigenen Schatten vor sich im Schnee. Erneut wurde eine Salve aus dem Maschinengewehr abgefeuert und Alex duckte sich, spürte fast den Luftzug der Kugeln, die über seinen Kopf hinwegfegten. Das zweite Schneemobil heulte auf und fuhr jetzt direkt parallel neben ihm. Er musste unbedingt von der Piste weg. Andernfalls würde man ihn erschießen oder überfahren. Oder beides.
Er kantete das Bügelbrett und fuhr eine Schleife. Zwischen den Bäumen hatte er eine Lücke entdeckt und steuerte darauf zu. Er raste durch den Wald wie durch ein riesiges Computerspiel. Konnten ihm die Schneemobile hier noch folgen? Die Frage wurde mit einer neuerlichen Maschinengewehrsalve beantwortet, deren Kugeln Zweige und Rinde zerfetzten. Alex suchte einen schmaleren Pfad. Das Bügelbrett ruckelte und er wurde fast vorwärts geschleudert, mit dem Kopf zuerst. Der Schnee wurde jetzt dünner. Er kantete und steuerte auf zwei der dicksten Baumstämme zu. Mit Ach und Krach schaffte er es, sich zwischen ihnen hindurchzuschlängeln. Das sollten ihm die Schneemobile erst einmal nachmachen!
Das Yamaha-Mobil hatte keine Chance. Der Fahrer war von der Spur abgekommen und zu schnell, um noch anhalten zu können. Er versuchte, Alex zu folgen, aber das Schneemobil war zu breit. Alex hörte den Aufprall. Es gab einen fürchterlichen Knall, dann einen Schrei und eine Explosion. Ein feuerroter Ball erhob sich über die Bäume. Alex sah einen weiteren Buckel vor sich und dahinter eine Lücke zwischen den Bäumen. Es wurde höchste Zeit, wieder aus dem Wald herauszukommen.
Er raste den Buckel hinauf und hob wieder ab. Zwei Meter über dem Boden durch die Luft segelnd sah er die Bäume hinter sich verschwinden und das zweite Schneemobil neben sich auftauchen. Einen Moment lang befand es sich direkt neben ihm. Alex warf sich nach vorn und griff nach der Rundung seines Bügelbretts. Immer noch in der Luft schleuderte er die Spitze des Bretts zur Seite und wirbelte damit das hintere Ende herum. Sein Timing war perfekt. Der hintere Teil knallte direkt gegen den Kopf des zweiten Fahrers und warf ihn fast vom Sitz. Der Mann schrie auf und verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug. Das Schneemobil brach zur Seite aus, dann wurde es hochgerissen und überschlug sich mehrfach. Der Fahrer stürzte heraus und schrie gellend auf, als das Fahrzeug nach dem letzten Überschlag auf ihm landete. Mensch und Maschine blieben reglos im Schnee liegen. Alex verkantete das Brett, um kurz stehen zu bleiben. Sein Atem bildete grüne Wolken vor seinen Augen.
Sofort fuhr er weiter. Er sah, dass alle Abfahrten in ein einziges Tal mündeten. Das war wohl der Engpass namens Vallée de Fer. Er hatte es also tatsächlich geschafft und das Tal erreicht. Aber er saß jetzt auch in der Falle, denn es gab keinen anderen Weg. In der Ferne sah er Lichter. Eine Stadt. Sicherheit. Aber er sah auch die Eisenbahnlinie, die sich quer vor ihm durch das Tal zog, von beiden Seiten durch eine Böschung und einen Stacheldrahtzaun geschützt. Die Lichter der Stadt erhellten alles. Auf einer Seite kamen die Gleise aus einer Tunnelöffnung. Sie verliefen ungefähr hundert Meter in gerader Linie. Dann machten sie eine scharfe Kurve hin zur anderen Seite des Tales, wo sie aus dem Blickfeld verschwanden.
Die beiden Männer im grauen Van sahen, wie Alex mit seinem Snowboard auf sie zuraste. Sie hatten auf einer Straße auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie geparkt und warteten seit ein paar Minuten. Sie hatten die Explosion nicht gesehen und fragten sich, was aus den beiden Wachen auf ihren Schneemobilen geworden war. Aber das war nicht ihr Problem. Sie hatten den Auftrag, den Jungen zu töten. Und da war er, raste den letzten Abschnitt der schwarzen Piste durch das Tal herunter. Jede Sekunde brachte ihn näher an sie heran. Er war ungeschützt, konnte sich nirgendwo verstecken. Das Maschinengewehr war eine belgische FN MAG und würde ihn durchlöchern wie ein Sieb.
Da entdeckte Alex den Van und das Maschinengewehr, das auf ihn gerichtet war. Er konnte nicht anhalten. Es war zu spät, um die Richtung zu ändern. Er war so weit gekommen, aber jetzt war er erledigt. Er spürte, wie ihn die Kraft verließ. Wo nur waren die Leute von MI6? Warum musste er ganz allein hier draußen sterben?
Und dann donnerte plötzlich ein Zug aus dem Tunnel. Es war ein Güterzug, der ungefähr dreißig Kilometer die Stunde fuhr. Er hatte mindestens dreißig Waggons, die von einer Diesellok gezogen wurden. Der Zug bildete eine bewegliche Wand zwischen Alex und dem Gewehr und schützte ihn. Aber sicher nur für ein paar Sekunden! Alex musste schnell handeln.
Er suchte nach einem letzten Schneehügel, nahm ihn als Sprungschanze und segelte durch die Luft. Alex war jetzt auf Höhe des Zugs… und dann genau über ihm. Er verlagerte sein Gewicht und landete auf dem Dach eines der Waggons. Die Oberfläche war vereist und einen Moment lang befürchtete er, er würde auf der anderen Seite wieder herunterfallen, aber er konnte sich gerade noch fangen. Er glitt mit seinem Brett über die Waggondächer, sprang von einem zum anderen. Gleichzeitig wurde er in der eiskalten Luft außer Reichweite des lebensbedrohlichen Gewehrs gebracht.
Er hatte es geschafft! Er war entkommen! Immer noch glitt er vorwärts, wobei die Geschwindigkeit des Zuges seine eigene noch erhöhte. Noch nie war ein Snowboarder so schnell gewesen. Aber dann erreichte der Zug die Biegung. Das Brett fand keinen Halt mehr auf der eisglatten Oberfläche. Als der Zug nach links schwenkte, schleuderte die Zentrifugalkraft Alex nach rechts. Und wieder flog er durch die Luft. Aber hier gab es keinen Schnee mehr.
Alex schlug wie ein Sack auf dem Boden auf. Das Bügelbrett wurde ihm von den Füßen gerissen. Er überschlug sich zweimal und stürzte dann in einen Stacheldrahtzaun. Aus einer klaffenden Kopfwunde floss Blut. Seine Augen waren geschlossen.
Der Zug donnerte inzwischen weiter durch die Nacht.
Alex aber lag da wie tot.