»Mein Name ist Grief«
Die Akademie in Point Blanc war von einem Irren erbaut und eine Zeit lang sogar als Irrenanstalt benutzt worden. Alex erinnerte sich an das, was Alan Blunt ihm berichtet hatte, als der Helikopter jetzt zum Landeanflug ansetzte und der rot-weiße Hubschrauberlandeplatz sich unter ihnen abzeichnete. Die Fotografie in der Broschüre war sehr aufwändig gemacht gewesen. Als er jetzt das Gebäude mit eigenen Augen sah, fiel ihm einfach nichts anderes dafür ein als… irre.
Die Akademie war ein wahres Gewirr von Türmen und Zinnen, grünen schrägen Dächern und Fenstern jeder Größe und Form. Nichts passte zusammen. Dabei war der Gesamtentwurf eigentlich einfach: ein rundes Hauptgebäude mit zwei Flügeln. Doch die beiden Seiten passten nicht zusammen, der eine Flügel war länger als der andere. Das Gebäude bestand aus vier Stockwerken, aber die Fenster waren so verteilt, dass es schwerfiel zu unterscheiden, wo ein Stockwerk endete und das nächste begann. Es gab einen Innenhof, der nicht ganz quadratisch war, mit einem eingefrorenen Springbrunnen. Der Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach war hässlich und außerdem wenig fachgemäß angelegt, gerade so, als ob ein Raumschiff in das Backsteingebäude gekracht und hier stecken geblieben wäre.
MrsStellenbosch schaltete die Geräte aus. »Ich begleite dich runter zum Direktor«, brüllte sie über den Lärm der Rotoren. »Dein Gepäck wird später gebracht.«
Es war kalt auf dem Dach, der Schnee auf den Bergen war noch nicht geschmolzen und so weit das Auge reichte war alles weiß.
Die Akademie war in einen Steilhang gebaut worden. Etwas weiter unterhalb lag eine große Sprungschanze. Das Ende der Schanze befand sich mindestens fünfzig Meter über dem Boden und in der Ferne erkannte Alex die hufeisenförmige Landeebene.
Er starrte in die Tiefe und stellte sich gerade vor, wie es wäre, sich fallen zu lassen, nur mit zwei Skiern an den Füßen, die den Fall auffangen konnten, als MrsStellenbosch nach seinem Arm griff. »Wir benutzen sie nicht«, erklärte sie. »Es ist verboten. Komm jetzt. Es ist kalt hier.«
Sie betraten durch eine Seitentür einen der Türme und gelangten über eine Wendeltreppe, bei der jede Stufe einen anderen Abstand hatte, ins Erdgeschoss. Sie befanden sich jetzt in einem langen, schmalen Gang mit vielen Türen, aber keinen Fenstern.
»Das sind die Klassenzimmer«, erklärte MrsStellenbosch. »Du wirst sie später sehen.«
Alex folgte ihr durch das seltsam stille Gebäude. Im Innern war die Zentralheizung aufgedreht worden und die Luft war warm und trocken. Sie blieben vor zwei modernen Glastüren stehen, die auf den Innenhof führten. Von der Wärme ging es wieder in die Kälte. MrsStellenbosch wies ihm den Weg, vorbei an dem eingefrorenen Springbrunnen. Eine Bewegung erregte Alex’ Aufmerksamkeit und er blickte hoch: Eine Wache stand auf einem der Türme. Der Mann trug ein Fernglas um den Hals und hatte eine Maschinenpistole über einen Arm gelegt.
Bewaffnete Wachen? In einer Schule? Alex war erst ein paar Minuten hier und jetzt schon höchst beunruhigt.
»Hier durch.« MrsStellenbosch öffnete noch eine Tür und Alex befand sich in der Hauptempfangshalle der Akademie. In einem massiven Kamin mit zwei Steindrachen, die die Flammen hüteten, flackerte ein Feuer. Eine große Treppe führte nach oben. Die holzgetäfelte Halle wurde von einem Leuchter mit mindestens hundert Birnen erhellt. Der Teppich war flauschig und rubinrot. Als Alex hinter MrsStellenbosch zum nächsten Gang herging, folgten ihm ein Dutzend Augenpaare, denn die Halle war mit Tierköpfen geschmückt. Ein Rhinozeros, eine Antilope, ein Wasserbüffel und der traurigste von allen, ein Löwe. Wer sie wohl geschossen hatte?
Sie kamen zu einer einzelnen Tür und waren damit wohl am Ende ihrer Reise angelangt. Bisher hatte Alex keinen einzigen Jungen gesehen, aber als er aus dem Fenster sah, erspähte er noch zwei Wachen, die langsam vorbeischlenderten. Beide Männer trugen Maschinenpistolen.
MrsStellenbosch klopfte an die Tür.
»Herein.« Alex erkannte bereits in dem einen Wort den südafrikanischen Akzent des Sprechers.
Die Tür ging auf und sie betraten einen riesigen Raum, dessen Wände nicht parallel zueinander verliefen. Die Decke war ungefähr sieben Meter hoch und eine breite Fensterfront bot einen beeindruckenden Blick auf die Berghänge. Das Zimmer war modern eingerichtet – in die Wände waren Lampen eingelassen, die den Raum in sanftes Licht tauchten. Die Möbel waren hässlich, aber nicht so hässlich wie die Tierköpfe an der Wand und das Zebrafell auf dem Holzboden. Neben einem Kamin standen drei Stühle. Einer davon war goldfarben und sah recht alt aus. Ein Mann saß darauf. Er drehte den Kopf, als Alex eintrat.
»Guten Tag, Alex«, sagte er. »Bitte, nimm Platz.«
Alex schlenderte in das Zimmer und setzte sich auf einen der Stühle. MrsStellenbosch nahm auf dem anderen Platz.
»Ich heiße Grief«, fuhr der Mann fort. »Dr.Grief. Ich freue mich außerordentlich, dich kennenzulernen und dich hier zu haben.«
Alex starrte den Direktor von Point Blanc an, die pergamentfarbene Haut und die brennenden Augen hinter der roten Brille. Er hatte das Gefühl, es mit einem Skelett zu tun zu haben. Einen Augenblick lang fehlten ihm die Worte. Dann riss er sich zusammen. »Nett hier«, sagte er.
»Meinst du das wirklich?« Griefs Stimme verriet keinen Hauch von Gefühl. Bisher hatte er lediglich den Hals bewegt. »Das Gebäude wurde 1857 von einem Franzosen entworfen, der sicherlich der schlechteste Architekt der Welt war. Dies hier war sein einziger Auftrag. Als die ersten Eigentümer hier einzogen, ließen sie ihn erschießen.«
»Es gibt hier immer noch eine Menge Männer mit Gewehren.« Alex blickte aus dem Fenster, als zwei bewaffnete Männer vorübergingen.
»Point Blanc ist einmalig«, erklärte Dr.Grief. »Wie du bald herausfinden wirst, stammen alle Jungen, die diese Schule besuchen, aus reichen und bekannten Familien. Wir hatten schon die Söhne von Kaisern und Industriellen hier. Jungen wie du. Das birgt die Gefahr in sich, dass wir leicht die Zielscheibe von Terroristen werden könnten. Die Wachen sind zu eurem Schutz hier.«
»Das ist sehr aufmerksam von Ihnen.« Alex hatte das Gefühl zu höflich zu sein. Es wurde Zeit, dem Mann zu zeigen, was für eine Art Junge er war. »Aber um ehrlich zu sein, ich will eigentlich nicht hier sein. Wenn Sie mir erklären, wie ich am besten in die Stadt komme, kann ich vielleicht den nächsten Zug nach Hause nehmen.«
»Es gibt keinen Weg in die Stadt.« Dr.Grief hob die Hand, damit Alex ihn nicht unterbrach. Alex betrachtete seine langen, skelettartigen Finger und seine glühenden Augen hinter der Brille. Der Mann bewegte sich, als ob jeder seiner Knochen einmal gebrochen gewesen und dann wieder zusammengesetzt worden wäre. Er schien gleichzeitig alt und jung zu sein und irgendwie nicht ganz menschlich. »Die Skisaison ist vorüber… es ist jetzt zu gefährlich. Es gibt nur den Hubschrauber und er führt dich nur dann von hier weg, wenn ich es zulasse.« Er ließ die Hand wieder sinken. »Du bist hier, weil du deine Eltern enttäuscht hast. Du bist von der Schule geflogen. Hattest Schwierigkeiten mit der Polizei…«
»Das war nicht meine Schuld!«, protestierte Alex.
»Unterbrich den Doktor nicht«, wies MrsStellenbosch ihn zurecht.
Alex warf ihr einen bösen Blick zu.
»Dein Aussehen ist abstoßend«, fuhr Dr.Grief fort. »Deine Sprache ebenfalls. Es ist unsere Aufgabe, dich in einen Jungen umzuformen, auf den seine Eltern stolz sein können.«
»Ich bin glücklich so wie ich bin«, erwiderte Alex.
»Das interessiert hier niemanden.« Dr.Grief schwieg.
Alex war nicht ganz wohl zumute. Irgendetwas an diesem Raum, der so groß, so leer und so formlos war, wirkte bedrückend. »Was wollen Sie also mit mir anstellen?«, fragte Alex.
»Nun, zunächst einmal hast du keinen Unterricht«, sagte MrsStellenbosch. »In den ersten Wochen wollen wir, dass du dich assimilierst.«
»Was bedeutet das?«
»Assimilieren, anpassen… so werden wie die anderen.« Es hörte sich an, als zitiere sie aus einem Lexikon. »Im Augenblick sind sechs Jungen hier. Du wirst sie kennenlernen und die Zeit mit ihnen verbringen. Es gibt Möglichkeiten, Sport zu treiben und sich sozial zu betätigen. Es gibt eine gute Bibliothek hier und du wirst viel lesen. Bald wirst du unsere Methoden kennenlernen.«
»Ich will meine Mum und meinen Dad anrufen«, sagte Alex.
»Es ist verboten zu telefonieren«, erklärte MrsStellenbosch. Sie versuchte, mitfühlend zu lächeln, was ihr aber misslang. »Wir finden, unsere Schüler bekommen dadurch nur Heimweh«, fuhr sie fort. »Natürlich kannst du Briefe schreiben, wenn du willst.«
»Lieber E-Mails«, erwiderte Alex.
»Aus den gleichen Gründen sind PCs nicht zugelassen.«
Alex zuckte mit den Achseln und fluchte leise.
Dr.Grief hatte es dennoch gehört. »Du wirst höflich zu unserer Vizedirektorin sein«, herrschte er ihn an. Obwohl er die Stimme nicht erhoben hatte, kamen seine Worte messerscharf. »Weißt du, Alex, MrsStellenbosch arbeitet jetzt seit sechsundzwanzig Jahren mit mir. Als ich sie kennenlernte, war sie fünf Jahre hintereinander zur Miss Südafrika gewählt worden.«
Alex betrachtete das affenähnliche Gesicht. »Bei einem Schönheitswettbewerb?«, fragte er.
»Nein, beim Gewichtheben.« Dr.Grief starrte in den Kamin. »Zeigen Sie es ihm«, forderte er MrsStellenbosch auf.
Diese erhob sich sogleich und ging zum Kamin. Auf dem Feuerrost lag ein Schürhaken, den sie fest mit beiden Händen an den Enden packte. Einen Augenblick lang schien sie sich zu konzentrieren. Alex atmete tief ein. Der massive Metallschürhaken, der mindestens zwei Zentimeter dick war, bog sich langsam, bis er aussah wie ein U. MrsStellenbosch vergoss keine einzige Schweißperle. Sie bog die beiden Enden ganz zusammen und warf den Schürhaken klirrend auf den Rost zurück.
»Hier in der Akademie achten wir auf strenge Disziplin«, erklärte Dr.Grief. »Schlafenszeit ist um zehn Uhr – keine Minute später. Wir dulden keine Schimpfwörter. Ohne unsere Zustimmung darfst du keine Verbindung mit der Außenwelt aufnehmen. Du wirst auch nicht versuchen, hier wegzugehen. Und du befolgst unsere Anweisungen aufs Wort, ohne zu zögern. Und schließlich« – er sah Alex eindringlich an – »darfst du dich nur in bestimmten Teilen dieses Gebäudes aufhalten.« Er machte eine Geste mit der Hand und erst jetzt entdeckte Alex eine zweite Tür am anderen Ende des Raums. »Meine Privaträume liegen dort. Du darfst dich nur im Erdgeschoss und im ersten Stock aufhalten, wo sich die Schlafsäle und Klassenzimmer befinden. Der zweite und der dritte Stock sind tabu, genauso das Untergeschoss. Auch das nur aus Gründen der Sicherheit.«
»Sie befürchten wohl, dass ich auf der Treppe ausrutsche, was?«, fragte Alex.
Dr.Grief überhörte seine Bemerkung. »Du kannst jetzt gehen«, sagte er kurz.
»Alex, warte vor dem Büro«, befahl MrsStellenbosch. »Jemand wird dich abholen.«
Alex stand von seinem Stuhl auf.
»Wir machen aus dir den Jungen, den sich deine Eltern wünschen«, sagte Dr.Grief.
»Vielleicht wollen sie mich überhaupt nicht mehr.«
»Auch das können wir regeln.«
Alex ging.
Ein unangenehmer Junge… ein paar Tage… früher als üblich… das Gemini-Projekt… abschließen…«
Wäre die Tür nicht so schalldicht gewesen, hätte Alex noch mehr mitbekommen. Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, hatte er sein Ohr ans Schlüsselloch gepresst, in der Hoffnung, etwas aufzuschnappen, was für MI6 von Nutzen sein konnte. Dr.Grief und MrsStellenbosch unterhielten sich zwar angeregt, aber Alex hörte nur wenig und verstand noch weniger von dem, was sie sprachen.
Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter. Er wirbelte herum, wütend auf sich selbst. Ein sogenannter Spion, der dabei erwischt wurde, wie er am Schlüsselloch lauschte.
Aber es war keine der Wachen. Alex blickte in ein rundes, blasses Jungengesicht mit dunklen Augen. Etwas neidisch bemerkte er das lange, schwarze Haar. Der Junge trug ein sehr altes Star-Wars-T-Shirt, zerrissene Jeans und eine Basketballmütze. Er war offenbar vor Kurzem in eine Rauferei verwickelt gewesen und hatte dabei wohl das meiste abbekommen: unter anderem ein blaues Auge und eine aufgesprungene Lippe.
»Wenn sie dich erwischen, wie du an der Tür lauschst, killen sie dich«, sagte der Junge. Dabei warf er Alex einen feindseligen Blick zu. Alex vermutete, dass er nicht so schnell jemandem vertraute. »Ich bin James Sprintz«, sagte er. »Ich soll dich herumführen.«
»Alex Friend.«
»Was hast du angestellt, dass sie dich in diesen Sauladen verbannt haben?«, fragte James, als sie den Flur hinuntergingen.
»Ich wurde in Eton rausgeworfen.«
»Mich hat man aus einer Schule in Düsseldorf rausgeschmissen.« James seufzte. »Ich fand, das war das Beste, was mir passieren konnte. Doch dann schickte mich mein Dad hierher.«
»Was tut dein Dad?«, wollte Alex wissen.
»Er arbeitet an der Börse, liebt eigentlich nur Geld und hat auch jede Menge davon.« James’ Stimme klang flach und gleichgültig.
»Dieter Sprintz?« Alex erinnerte sich an den Namen. Vor ein paar Jahren hatte er in England Schlagzeilen gemacht. Er war der Hundert-Millionen-Dollar-Mann. So viel Geld hatte er nämlich in vierundzwanzig Stunden verdient. Gleichzeitig war das britische Pfund auf einen Tiefstand gefallen und die britische Regierung stand kurz vor dem Rücktritt.
»Ja. Verlang aber nicht, dass ich dir ein Foto zeige, denn ich hab keines. Hier lang.«
Sie waren jetzt in der Haupthalle mit dem Drachenkamin angelangt. Von hier aus führte James Alex weiter zum Speisesaal, einem langen Raum mit hoher Decke, sechs Tischen und einer Durchreiche zur Küche. Danach besichtigten sie zwei Wohnzimmer, ein Spielzimmer und eine Bibliothek. Die Akademie erinnerte Alex an ein teures Hotel in einem Wintersportort – und das nicht nur wegen ihrer Lage. Über der Schule lastete eine unheimliche Stimmung, ein Gefühl der völligen Abgeschiedenheit von der übrigen Welt. Die Luft war warm und schien in den Räumen zu stehen, in denen Alex, trotz ihrer Größe, Platzangst verspürte. Wäre die Schule tatsächlich ein Hotel gewesen, hätte es bestimmt kaum Gäste gehabt. Grief hatte gesagt, es seien nur sechs Jungen hier. Das Gebäude hätte sechzig aufnehmen können. Überall nur gähnende Leere.
Niemand befand sich in den Wohnzimmern, die mit ein paar Sesseln, Schreibtischen und Tischen möbliert waren. Aber in der Bibliothek waren ein paar Jungen. Es war ein langer, schmaler Raum mit dunklen, altmodischen Regalen aus Eichenholz, auf denen Bücher in allen möglichen Sprachen standen. In einer Nische am Ende der Bibliothek stand eine Ritterrüstung.
»Das ist Tom und das hier Hugo«, stellte ihm James die Jungen vor. »Sie müssen vermutlich extra Matheaufgaben machen, wir sollten sie besser nicht stören.«
Die beiden Jungen blickten auf und nickten kurz. Der eine von ihnen war in ein Lehrbuch vertieft, der andere mit Schreiben beschäftigt. Beide waren viel ordentlicher gekleidet als James und blickten nicht gerade freundlich drein.
»Fiese Kriecher«, bemerkte James, als sie die Tür der Bibliothek hinter sich geschlossen hatten.
»Wieso?«
»Als man mir von dieser Schule erzählte, hieß es, alle Kids hier hätten Probleme. Ich stellte mir vor, dass es hoch hergehen würde. Hast du ’ne Kippe?«
»Ich rauche nicht.«
»Na prima. Jetzt bin ich hier, und es ist wie in einem Museum oder einem Kloster. Hier ist jeder sehr schweigsam, wahnsinnig beschäftigt und unglaublich langweilig. Keine Ahnung wie Grief es gemacht hat. Hat wohl ihr Gehirn mit einem Strohhalm ausgesogen oder so. Vor ein paar Tagen hatte ich mit ein paar Jungs ’ne Rauferei, wegen nichts und wieder nichts.« Er deutete auf sein Gesicht. »Erst vermöbelten sie mich und dann kümmerten sie sich wieder um ihre Hausaufgaben. Echt fies!«
Sie gingen in das Spielzimmer, das eine Tischtennisplatte, eine Dartscheibe, einen Fernseher und einen Billardtisch enthielt. »Du brauchst es erst gar nicht zu versuchen«, sagte James. »Das Zimmer hat Schräglage und alle Kugeln rollen seitwärts.«
Dann gingen sie die Treppe hoch. Hier waren die Zimmer der Jungen. Jedes war mit einem Bett, einem Sessel, einem Fernseher (»Du kannst aber nur die Programme sehen, die Dr.Grief zulässt«, hatte James erklärt), einem Kleiderschrank und einem Schreibtisch ausgestattet. Eine zweite Tür führte in ein sehr kleines Bad mit Toilette und Dusche. Keines der Zimmer war verschlossen.
»Wir dürfen sie nicht abschließen«, meinte James. »Wir sind hier alle gefangen, können nirgendwo hingehen, also hat niemand Interesse daran, irgendetwas zu klauen. Hugo Vries – der Junge in der Bibliothek – hat früher alles mitgehen lassen, was ihm in die Hände fiel. In Amsterdam wollte er in einem Laden was klauen und hat sich von den Bullen erwischen lassen.«
»Aber jetzt macht er es nicht mehr?«
»Er ist ein erfolgreicher Fall. Nächste Woche fliegt er nach Hause. Sein Vater besitzt Diamantminen. Warum sich mit Ladendiebstahl abgeben, wenn man einfach den ganzen Laden kaufen kann?«
Alex’ Zimmer lag am Ende des Flurs, mit Blick auf die Sprungschanze. Seine Koffer waren schon heraufgetragen worden und lagen jetzt auf dem Bett. Alles sah sehr kahl aus, aber von James wusste er, dass die Zimmer von den Jungen selbst ausgeschmückt werden durften. Sie konnten ihre eigene Bettwäsche mitbringen und sogar ihre eigenen Poster aufhängen.
»Sie sagen, es sei wichtig, sich selbst zum Ausdruck zu bringen«, erklärte James. »Wenn du nichts dabei hast, wird Miss Speibeutel mit dir nach Grenoble fahren.«
»Miss Speibeutel?«
»MrsStellenbosch. Ich nenne sie so.«
»Und wie nennen die anderen Jungen sie?«
»Einfach MrsStellenbosch.« James blieb an der Tür stehen. »Weißt du Alex, das hier ist ein unheimlicher Ort. Ich habe schon viele Schulen erlebt und von den meisten bin ich auch wieder geflogen. Aber die hier ist die Hölle. Ich bin jetzt seit sechs Wochen hier und hatte noch kaum Unterricht. Sie veranstalten Musik- und Diskussionsabende und wollen mich zum Lesen bringen. Aber sonst kann ich machen, was ich will.«
»Sie wollen, dass du dich assimilierst«, meinte Alex, der sich daran erinnerte, was Dr.Grief gesagt hatte.
»Ja, das sind ihre Worte. Aber das hier ist keine Schule, es ist ein Gefängnis. Du hast ja sicherlich die Wachen gesehen.«
»Sind die nicht zu unserem Schutz da?«
»Wenn du das glaubst, bist du dämlicher als ich gedacht habe. Denk mal nach! Es sind ungefähr dreißig. Dreißig bewaffnete Wachen für sieben Kids. Hier geht’s nicht um Schutz, sondern um Einschüchterung.« James musterte Alex zum zweiten Mal. »Wäre klasse, wenn ich endlich jemanden hier hätte, auf den ich mich verlassen könnte«, sagte er.
»Vielleicht kannst du das«, erwiderte Alex.
»Ja, aber für wie lange?«
James ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.
Alex begann, seine Koffer auszupacken. Der kugelsichere Skianzug und die Infrarotbrille lagen im ersten Koffer obenauf. Es sah nicht danach aus, als würde er sie benötigen, da er wohl keine Skier haben würde. Dann kam der Discman. Er dachte an die Anweisungen, die Smithers ihm erteilt hatte. »Wenn die Bombe platzt, dann drück dreimal die Schnellvorlauftaste.« Am liebsten hätte er es auf der Stelle ausprobiert. Die Atmosphäre an der Schule war irgendwie beunruhigend. Er spürte es bis in sein Zimmer. Als er zur Decke hochblickte, erwartete er beinahe, ein paar Riesenaugen, die über ihm lauerten, zu sehen, und er wusste, sie würden eine Brille mit roten Gläsern tragen. Er nahm den Discman in die Hand. Noch konnte er nicht auf den Alarmknopf drücken, denn es gab nichts, was er MI6 berichten konnte. Noch gab es keine Indizien dafür, dass die Schule etwas mit dem Tod der beiden Männer in New York und auf dem Schwarzen Meer zu tun hatte.
Aber wenn es welche geben sollte, wusste er, wo er sie finden konnte. Warum waren zwei Stockwerke tabu? Vermutlich schliefen die Wachen dort. Doch obwohl Dr.Grief eine kleine Armee engagiert hatte, blieben immer noch viele leere Räume übrig. Wenn hier etwas Ungewöhnliches vor sich ging, dann im zweiten und dritten Stock.
Unten läutete eine Glocke. Alex schloss seinen Koffer, verließ das Zimmer und ging den Flur hinunter. Er begegnete anderen Jungen, die vor ihm hergingen und sich leise unterhielten. Genau wie die Jungen, die er in der Bibliothek gesehen hatte, waren sie spießig gekleidet, hatten kurze Haare und wirkten sehr gepflegt. Laut James waren das die größten Kriecher. Da kann ich ihm nur zustimmen, dachte Alex.
Er kam zur Haupttreppe. Die beiden Jungen waren vor ihm hinuntergegangen. Alex blickte ihnen nach, dann ging er die Treppe hoch, die aber hinter einer Biegung endete. Er stand vor einer Metallwand, die vom Boden bis zur Decke reichte und die Sicht versperrte. Diese Wand war erst vor Kurzem errichtet worden, genauso wie der Hubschrauberlandeplatz. Irgendjemand hatte das Gebäude in zwei Teile unterteilt.
In der Metallwand war eine Tür eingelassen. Daneben befand sich eine Tastatur mit neun Zahlen, für die man einen Code benötigte. Alex fasste nach dem Türgriff und schloss die Hand fest darum. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Tür öffnen ließ, war aber auch nicht auf das gefasst, was als Nächstes geschah. Als seine Finger den Griff berührten, ging ein Alarm los, eine schrille Sirene ertönte durch das ganze Gebäude. Ein paar Sekunden später hörte Alex Schritte auf der Treppe. Als er sich umwandte, stand er zwei Wachen gegenüber, die ihre Gewehre auf ihn richteten.
Keiner der beiden Männer verlor ein Wort. Einer von ihnen ging an ihm vorbei und gab einen Code in die Tastatur ein. Der Alarm war kaum verstummt, als MrsStellenbosch auftauchte und auf ihren kurzen, stämmigen Beinen auf Alex zutippelte.
»Alex!«, rief sie mit misstrauischem Blick. »Was tust du denn hier? Der Direktor hat dir doch erklärt, dass du die oberen Stockwerke nicht betreten darfst.«
»Ja… ich habe es vergessen.« Alex blickte sie unverfroren an. »Als ich die Glocke hörte, machte ich mich auf den Weg zum Speisesaal.«
»Der Speisesaal liegt unten.«
»Stimmt.«
Alex ging an den beiden Wachen vorbei, die zur Seite traten, um ihn durchzulassen. Er spürte MrsStellenboschs Blicke im Rücken. Metalltüren, Alarmanlagen und Wachen mit Maschinengewehren. Was zum Teufel ging hier vor? Und dann erinnerte er sich an etwas. Das Gemini-Projekt. Als er an Dr.Griefs Tür gelauscht hatte, waren diese Worte gefallen.
Gemini. Die Zwillinge, eines der zwölf Tierkreiszeichen.
Aber was bedeutete es?
Noch auf dem Weg die Treppe hinunter grübelte Alex über diese Frage nach.