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Ihr Gesicht verspannte sich noch mehr. »Also wirklich, du Hulu! Ach, du!«

»Wir haben keine Zeit für lange Erklärungen«, versuchte ich mich auf dem üblichen Weg herauszureden. »Wir müssen zunächst ...«

»Ich meine auch, daß wir uns Erklärungen für später aufheben müssen.« Sie hatte einen Schock erlitten. Nun ja, das war zu verstehen. Bei Djan! Herauszufinden, daß noch jemand den Herren der Sterne diente, daß ein anderer ebenfalls Kregoinye war – so etwas konnte ein ziemlicher Schlag ins Kontor sein, das müssen Sie mir glauben. »Du hast es mir die ganze Zeit verheimlicht. Aber« – sie schaute zum Ausgang –, »immerhin erklärt sich damit einiges. Na schön, Kohlkopf. Wenn die Everoinye dich geschickt haben, um mir zu helfen, dann hilf mir! Wir müssen hier schleunigst weg.«

Darin stimmte ich mit ihr überein.

»Das Problem ist Hangol«, sagte ich. »Anscheinend müssen wir bei der Karawane bleiben. Das ist klar. Wenn Hangol ...«

»Ich stelle hier die Überlegungen an. Unbegreiflich ist mir nur, warum die Everoinye einen Schwächling einsetzen und warum sie ihn ausgerechnet mir aufhalsen, bei Spurl!«

Sie ließ mir keine Zeit zu antworten, sondern ging zum verhängten Ausgang, schaute hinaus und sagte, ohne den Kopf in meine Richtung zu drehen: »Komm, Kohlkopf.«

Mich durchzuckten Erinnerungen an Strom Irvil vom Pinienberg! Wenigstens nannte Mevancy mich nicht Leibsklave, wie es Strom Irvil auf seine direkte Numim-Art eingefallen war; überdies hatte er mich wie alle seine Leibsklaven Zaydo gerufen.

Sie huschte durch die Öffnung, und wieder einmal bewunderte ich die schlanke Geschmeidigkeit ihres Körpers, dem man nicht anmerkte, daß er eben noch brutal gefesselt gewesen war.

Die Frau der Schleier war aufgestiegen und ließ die Welt in ihrem rosagoldenen Schimmer erstrahlen. Ich huschte hinter Mevancy her. Es war relativ ruhig im Lager, nur das Stampfen und Schnauben der Tiere war zu hören, sowie andere Nachtgeräusche, die keinen bekannten Ursprung zu haben schienen. Irgendwo bellte ein Hund – Dame Florias nervtötendes kleines Geschöpf, ein weißes Büschel aus Bauch und Zähnen. Wortlos und mit leisen Schritten näherte sie sich den beiden Wächtern. Die Fragen, die ich ihr stellen wollte, zuckten mir durch den Kopf; ihr mußte es umgekehrt ähnlich ergehen. Nun ja, das hatte natürlich Zeit. Wir mußten entscheiden, was zu tun war – beziehungsweise, Kregoinya Mevancy würde diese Entscheidung treffen! Auf eine Weise mußten wir vor allem eins in Erfahrung bringen: Wen wollten die Herren der Sterne schützen lassen? Mevancy marschierte zu ihrem Zelt und Karren, die wir bei unserer Flucht zurückgelassen hatten.

»Hol deine Sachen!« rief sie mir über die Schulter zu. »Wir nehmen, was wir brauchen, und folgen der Karawane in unauffälliger Entfernung. Wenn etwas passiert, können wir leichter eingreifen.«

Nun ja, immerhin war das eine Lösung.

Trotz ihrer zuweilen hochnäsigen Art war das Mädchen durch und durch zuverlässig; das spürte ich. Auch gefiel sie mir. Ich schlug mir also den Gedanken an eine Auseinandersetzung über die Frage aus dem Kopf, wer bei uns das Sagen habe.

»In Ordnung«, sagte ich und kehrte zum wartenden Schniefer zurück.

Ich stieg auf, zog dem Tier den Kopf herum und trabte auf Mevancys Zelt zu.

Es hätte mich nicht im geringsten überrascht, wenn bei unserem Abritt der blaue Skorpion trutzig über uns erschienen wäre und uns ins Lager zurückgezerrt hätte.

Aber das geschah nicht.

Vielleicht verstanden die Everoinye, was wir planten: Vielleicht trauten sie Mevancy mehr als mir – auch wenn sich ihre Einstellung mir gegenüber offenbar veränderte. Ich sollte sie fragen, ob sie die verwirrende Welt voller Metallkästen kannte.

»Das reicht bis morgen früh«, sagte sie, zog die Zügel an und stieg ab. »Hinter dieser Anhöhe sieht uns niemand. Ich übernehme die erste Wache. Leg dich schlafen! Ich wecke dich, wenn du an der Reihe bist.«

Ich warf ihr einen Blick zu und stieg aus dem Sattel. »Ja, tu das«, sagte ich.

Ich schlief sofort ein und erwachte erst, als eine Hand mich an der Schulter berührte. Die Stellung der Sterne und Monde verriet mir, daß die Nacht etwas zur Hälfte vorbei war. »Nun schlaf gut, mein Mädchen!« sagte ich.

Sie legte sich nieder und sagte ruhig: »Ich bin nicht dein Mädchen, und du wirst dich mir gegenüber immer nur höflich äußern. Ich komme auch ohne deine Hilfe zurecht, vergiß das nicht.« Sie drehte sich um und fuhr mit veränderter Stimme fort: »Was für unmögliche Leute von den Herren der Sterne beschäftigt werden!« Sie wußte genau, daß ich sie gut verstehen konnte.

Mir war sofort klar, daß sie mich nur necken wollte – und das sagt einiges über meine Gefühle aus. Für rachsüchtig hielt ich sie nicht.

Dennoch traf ihre frühere Äußerung zu; sie führte das Kommando, und ich war einverstanden, die Dinge laufen zu lassen.

Die Nacht verging ohne Zwischenfälle, und am Morgen frühstückten wir, ohne ein Feuer zu machen, und schauten zu, wie die Karawane ihr Lager abbrach und sich langsam in Bewegung setzte.

»Man wird Leotes mitnehmen und mit großem Zeremoniell begraben«, sagte sie. »Ich werde an der Feier teilnehmen. Das steht fest. Du brauchst nicht dabei zu sein, Kohlkopf.«

Ich sagte: »Ich entscheide später darüber.«

Sie schluckte einen Brocken Brot und nahm einige Palines. »Drajak, während wir warten, kannst du mir von dir und deinem bisherigen Leben erzählen. Diesmal sagst du mir aber die Wahrheit!«

Ich erzählte ihr einige Geschichten, die sogar meistens stimmten, und berichtete ihr von der Rettung des alten Mog vor den Menschenjägern von Faol. »Ich wußte nicht genau, wen ich eigentlich rauspeitschen sollte, und schnappte mir etliche falsche Kandidaten. Die Everoinye ließen mich jeden in Sicherheit bringen, ehe sie mich wieder zwischen den Menschenjägern absetzten.«

»Erinnert mich an damals, als der alte Suringlas sich nicht darüber klar werden konnte, wer sein Ziel war ...«

»Suringlas war Kregoinye?«

»Natürlich, du Fambly! Wir legten uns mit einer Horde Gauner an, die den Kov in der Mangel hatten; dabei sollten wir uns um die Kovneva kümmern!«

Ich hielt es für angebracht, einen kleinen Versuch zu unternehmen. »Eigentlich sollte man doch meinen, daß die Everoinye, wenn sie so allmächtig und schlau sind, die Vernunft besäßen, uns zu sagen, wen sie wollen ...«

»Kohlkopf! Sei vorsichtig!«

Ihr Gesicht verriet, daß sie damit rechnete, eine Katastrophe werde über mich hereinbrechen. Ich seufzte innerlich. Da hatte ich es nun wieder mit jemandem zu tun wie Pompino: den Herren der Sterne treu ergeben, fest davon überzeugt, daß sie nicht fehlgehen konnten, sich stets in alle Richtungen verneigend. Pompino hielt sie gar für Götter. Ich ahnte, daß Mevancy nicht so weit ging. Was sie glaubte, war ihr vom Gesicht abzulesen; die Everoinye standen über jeder Kritik. Sie verlangten absoluten Glauben und Gehorsam und bekamen beides. Queyd-arn-tung!*

Sie sammelte sich und wollte etwas sagen, aber ich kam ihr zuvor: »Konntest du bei deiner Arbeit für die Everoinye ein bestimmtes Muster feststellen?«

»Muster? Ich weiß nicht, was du meinst.«

Vermutlich war sie noch nicht lange Kregoinya. Und offenbar hatte sie als Sekundantin gearbeitet. Das Kommando hatte der besagte Suringlas und der arme Rafael geführt, der nun nicht mehr lebte. Dafür schuf sie sich nun einen Ausgleich, indem sie das Kommando unseres neuen Teams übernahm. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden.

»Einige Leute, die ich retten mußte, hatten Dinge getan, die erklärten, warum die Herren der Sterne sie weiter am Leben wissen wollten.«

»N-nun ja«, sagte sie gedehnt und kniff die Augen zusammen. »Nein, so etwas ist mir bisher nicht aufgefallen.«

»Zum Beispiel rettete ich einmal einen religiösen Lehrer und Propheten, der sich sehr für die sanftmütigeren Diff-Rassen eingesetzt hat. Ihr Leben hat sich durch ihn sehr verbessert.«

»Das war nicht in Loh!«

»Nein. In Hamal.«

»Ach«, antwortete sie. »Das ist in Havilfar.«

So hatte ich denn nun einen neuen Eindruck: Mevancy kannte den großen Kontinent Havilfar, der östlich von Loh lag, bisher nicht.

Und wieder mußte ich an Strom Irvil und an sein amüsantes Numim-Gehabe denken – das natürlich nur für mich amüsant gewesen war, denn er behandelte nach eigenem Bekunden seine Leibsklaven sehr streng. Meine Erinnerung wurde von Mevancys spontaner Reaktion ausgelöst, daß das nicht in Loh hatte sein können. Hier gab es einiges nachzudenken ...

Die Karawane brauchte noch einige Zeit bis zum Aufbruch, und wir setzten unser Gespräch fort; dabei achteten wir darauf, nicht zuviel zu offenbaren. Endlich setzten sich die Karren und Kutschen grollend in Bewegung, und die Reihen der Packtiere schritten rhythmisch durch den Sand. An der Stelle, wo sich das Lager befunden hatte, blieben zwei Gestalten zurück, die jeweils die Zügel einer Lictrix hielten.

»Worauf warten die?« fragte Mevancy unruhig.

Ich stand auf.

»Runter mit dir, du ...«

»Das sind Pondo und Nafty«, sagte ich. »Sie warten auf dich.«

»Was?«

Sie fand die Situation unfaßbar. Sie setzte zu einer Bemerkung an, überlegte es sich anders, stand auf, legte eine Hand über die Augen und starrte zu ihren beiden Mitarbeitern hinüber.

»Im Namen Gahamonds des Weisen – was tun die beiden da?«

»Sich ihren Lohn verdienen. Sich um dich kümmern.«

»Aber du Onker, es weiß doch niemand, daß wir hier sind!«

Ein Schatten huschte über Sand und Steine und über die Anhöhe; im Näherkommen verflachte er und trennte sich in zwei Schatten. Die Zwillingssonnen warfen Licht in die Schatten des anderen Gestirn; der Zwillingsschatten ging von einem fliegenden Wesen aus.

»Da ist noch jemand, der genau weiß, daß wir hier sind«, sagte ich.

Sie hob den Blick.

Ihr Gesichtsausdruck! Er entsprach der Reaktion Strom Irvils und Pompinos, die ebenfalls auf diese Weise zum Gdoinye emporgeschaut hatten, dem Spion und Boten der Herren der Sterne.

Sie schluckte. Plötzlich erschien ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht. Ihre nächste Geste erstaunte mich. Sie winkte dem riesigen Raubvogel fröhlich zu, der da mit seinem goldenen, scharlachroten und schwarzen Gefieder über uns schimmerte, eine stolze, hochmütige Erscheinung, die da oben wie auf der Jagd kreiste.

Der Gdoinye schwebte mit steif ausgebreiteten Flügeln abwärts, dann raste er mit großer Geschwindigkeit wieder in die Höhe. Dabei stieß er ein Krächzen aus. Im nächsten Augenblick war er nur noch als Punkt sichtbar, der sich dann unseren Blicken ganz entzog.

»Die Gdoinya«, sagte Mevancy und atmete keuchend aus. »Wir sind in guten Händen.«

Sie hatte deutlich Gdoinya gesagt – die weibliche Form des mir bisher bekannten Namens. Das ergab einen gewissen Sinn. Ich hatte schon immer geahnt, daß die Herren der Sterne mehr als einen Spion einsetzten, wofür ich auch schon gewisse Beweise hatte. Mevancy wußte so gut wie ich, daß weder Pondo noch Nafty die Gdoinya sehen konnten, und sagte nun: »Nun, das ist gut. Laß uns herausfinden, was die Famblys wollen.«

Sie schaute mich an. »Na, Kohlkopf! Worauf wartest du noch?«

Ich eilte also den rückwärtigen Hang hinab und schaffte ihre Zorca und Schniefer herbei.

Wir stiegen auf und ritten auf Mevancys Männer zu. Nafty begrüßte uns mit einem Lachen, und Pondo gelang es, nicht allzulaut zu murren.

»Llahal, meine Dame!« rief Nafty. »Wir sollen dir sagen, daß keine Gefahr mehr besteht.«

»Woher wußtet ihr beiden Hulus, daß ich hier bin?« wollte Mevancy wissen.

»Also – das hat man uns gesagt!«

»Wer hat das gesagt?«

»Tuong Mishuro«, antwortete Pondo, »der Gespenstische.«

»Er ist nicht gespenstisch«, widersprach Nafty. »Aber woher hat er dann gewußt ...?«

Die beiden begannen sich zu streiten, doch Mevancy machte der Auseinandersetzung ein schnelles Ende. »Shastum! Ruhe!« Dann fuhr sie fort: »Tuong Mishuro hat euch gesagt, ich warte da draußen, und ihr sollt mir ausrichten, die Gefahr wäre nun vorbei?«

»Genau, meine Dame«, antwortete Nafty und wirkte nun schon weniger gut gelaunt.

»Wie ich schon sagte«, wiederholte Pondo, als wir langsam hinter der Karawane herzureiten begannen, »der Gespenstische.«

Die beiden Krieger ließen keine Überraschung erkennen, daß ihre Herrin im Ödland verschwand und sich dort offenbar versteckte. Sie hatten sich aus dem Streit mit Hangol herausgehalten. Sie waren nicht versklavt, sondern Männer, die gegen Sold Karawanen bewachten; was ihre Chefin tat, konnte sie allein entscheiden. Es ging sie nichts an, sofern sie nicht das Schwert ziehen mußten, um sie zu beschützen.

Diese Überlegung brachte mich auf einen Gedanken. »Ich hoffe, es geht Llodi gut«, sagte ich zu Mevancy. »Er fragt sich bestimmt ...«

»Wenn er nur einen Funken Verstand hat, reitet er nach Makilorn.«

»Wahrscheinlich.«

»Und was soll das bedeuten, Drajak?«

Wäre ich ein anderer gewesen, hätte ich nun leichthin gelacht und eine ausweichende Bemerkung gemacht. So sagte ich nur: »Gute Gefährten liegen mir am Herzen.«

Aufgebracht fuhr sie mich an: »Willst du dich damit hinstellen und behaupten, ich wäre nicht ...«

»Ich sitze im Sattel«, antwortete ich gelassen.

Bei Vox! Sie nahm mich tüchtig ran, wie wir auf der Erde sagen – ihre Flinte ging mit beiden Läufen gleichzeitig los. Die Federn flogen nur so.

Nach einer Weile hielt sie inne, um nach Luft zu schnappen. Ihr Gesicht war bis unter die Haare gerötet. Sie hatte ein Gesicht, das innere Kraft verhieß, nicht schön, aber angenehm anzuschauen mit dem großzügigen breiten Mund, der allerdings jetzt zu einer dünnen Linie zusammengepreßt war. Ihre Augen waren hell. Ihre Gesichtsrötung war beinahe besorgniserregend, und das Pulsieren des Blutes unter der weißen Haut überraschte mich in seiner Intensität.

Ich beschloß, die Dinge irgendwie zur Ruhe zu bringen. Ha! Ich, Dray Prescot, beschloß etwas! Der Gedanke daran läßt mich noch heute laut auflachen. »Beruhige dich, Mevancy«, sagte ich. »Sonst platzt dir noch eine Ader.«

Mein Val!

Sie begann wieder von vorn und fauchte und schimpfte und nannte mich den gemeinsten aller Undankbaren, den dümmsten aller Onker, den scheußlichsten aller Hulus. Schließlich gab ich Schniefer die Hacken zu spüren, trabte ein Stück voraus und schloß mich Nafty und Pondo an.

»Und glaub ja nicht, ich sage denen nicht auch Bescheid!« rief sie hinter mir her.

Was die Drohung anging, mich bei den Herren der Sterne anzuschwärzen – anders konnte ich ihre Bemerkung nicht deuten –, so verstand sie meine Beziehung zu jenen mächtigen, hochstehenden, aber im wesentlichen verlorenen Superwesen nicht. Sie wußten längst, wie sie mich strafen konnten. Wegen Ungehorsam hatten sie mich einmal einundzwanzig elende Jahre lang zur Erde zurückverbannt; inzwischen vermeinte ich eine bessere Grundlage mit ihnen gefunden zu haben. Gleichwohl wußten sie, daß ich sie und ihren Gdoinye verachtete. O nein. In ihrer Ehrfurcht vor den Herren der Sterne hatte die arme Mevancy keine Ahnung, wie ich diese Wesen behandelte.

Wahrscheinlich war es dennoch nicht falsch zu behaupten, daß in dieser Beziehung ich der Onker war. Obwohl die Herren der Sterne der Menschheit längst hätten entwachsen sein sollen, wollte mir scheinen, daß sie noch immer etwas kleingeistig Menschliches hatten, denn sonst hätten sie mich nicht so streng behandelt, während sie mit Mevancy viel großzügiger umgingen. Aber natürlich konnte ich mit dieser engen Einschätzung völlig falsch liegen, und wenn ich ganz ehrlich sein will, so erkannte ich das wohl auch tief in meinem Herzen. Vielleicht, so redete ich mir ein, vielleicht würde ich bei der nächsten Begegnung auf einen Wortwechsel mit den Everoinye verzichten. Auch wenn so etwas dem Blutdruck überaus förderlich war, bei Vox!

Mein sinnloser Streit mit Mevancy hatte zur Folge, daß ich mich bei ihr nicht nach Leotes und nach der Bedeutung seiner letzten Bemerkung erkundigen konnte, ehe er freiwillig in die Tiefe stürzte.

Die hochnäsige junge Dame hätte mir vielleicht auch gar nicht geantwortet – mir, einem schwächlichen Onker, der ihr als dummer Helfer aufgedrängt worden war!

Gemächlich ritten wir weiter und holten die Karawane und Tuong Mishuro ein, der ein schwaches Lächeln aufgesetzt hatte. Er gab keine Erklärungen ab, sondern sagte nur, San Hargon sei zur Stadt vorausgaloppiert. Hangol war verletzt, und man suche eine bessere ärztliche Versorgung, als Dr. Siezen und Dr. Nalgre die Nadel, Leotes' Arzt, sie bieten konnten. Unerklärliche Morde waren geschehen, und man war ein wenig nervös. Trotzdem sollten wir bald in Makilorn eintreffen, wo dann alle in Sicherheit waren.

»Wer hat getötet?« wollte Mevancy wissen.

»Das weiß niemand«, antwortete Mishuro. »Aber das will wohl auch niemand wissen.«

Sie können sich vorstellen, daß mich das entmutigte. Als Herrscher von Vallia hatte ich mir eine Maxime zu eigen gemacht, die ich allerdings schon vorher kannte: Es ist die Pflicht des einzelnen, sich darum zu kümmern, was in einem Land geschieht. Es nützt nichts, dies dem Nächsten zu überlassen.

Mevancy sagte: »Danke, Lynxor Mishuro ...«

»Du kannst mich San nennen«, unterbrach Mishuro sie nachsichtig.

»Natürlich.« Tuong Mishuro war kein hoher Herr, sondern ein San, ein Weiser. Mevancy fuhr fort: »Danke, San. Wir klären das alles, wenn wir die Stadt erreichen.«

So zogen wir unserer Wege und erreichten im weiteren Verlauf von Tsung-Tans Zeit den Fluß der Treibenden Blätter und die große Stadt Makilorn, die sich an seinen Ufern erhob. Vielleicht war ich nicht der einzige, der sich fragte, was wohl als nächstes passieren würde.