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LEBT WOHL FÜR IMMER

März bis November 1937

Am 15. März 1937 kam Josepha früher als erwartet von ihrem Montagseinkauf nach Hause – im Korb die ersten Radieschen der Saison, den ersten grünen Salat und vor allem die von Erwin hoch geschätzte Rundfunkzeitschrift »Das neue Funkblatt«. Die Zeitung brachte für zehn Pfennig das Programm aller deutschen Sender, außerdem einen Kriminalroman, dessen Fortsetzungen Josepha ausschnitt und in einem alten Aktendeckel mit der Aufschrift »Dr. Friedrich Feuereisen, Rechtsanwalt und Notar« abheftete, sowie ein Kreuzworträtsel, für dessen Lösung sie die ganze Woche brauchte. Das Rezept für den Eintopftag schnitt sie immer sofort aus und stets mit dem gleichen angewiderten Ausdruck. Dann riss sie die Empfehlungen aus der nationalsozialistischen Küche in winzige Stücke und warf sie mit blutrünstigen Verwünschungen in den Mülleimer. »Wenn der Führer dich erwischt«, pflegte Erwin sie zu necken, »musst du zur Strafe sofort zu ihm in Stellung gehen. Bestimmt auf dem Berghof in Bayern. Dort zieht es ganz jammervoll, habe ich mir sagen lassen, und es gibt jeden Tag Eintopf.«

Trotz einer schmerzenden Brandwunde am Arm war Josepha bester Laune. »Radieschen hat noch längst nicht jede gekriegt«, berichtete sie, als sie die Suppenterrine hereinbrachte. »Da musste sich die alte Josepha allerhand einfallen lassen, ehe sie die Hexe im Gemüsegeschäft endlich dazu brachte, in die Kiste vom Gärtner aus Oberrad zu schauen. Aber damit unsere Claudette wieder rote Backen bekommt und man nicht mehr ihre Rippen zählen kann, kriech ich auch so einer Nazihexe in den fetten Hintern, wenn es sein muss.«

Nicht nur Josepha sorgte sich um Claudette. Seitdem Alicens Schiff am letzten Tag im Januar von Hamburg abgefahren war, war Claudette niedergeschlagen, blass und appetitlos. Sie nahm kaum an Gesprächen teil und ging nicht mehr als nötig mit ihrem Hund spazieren. Sowohl Doktor Meyerbeer als auch Betsy setzten, wie in den letzten fünfzig Jahren, auf die spontane Heilkraft von frischem Gemüse. Bis Mitte März hatte es in den Geschäften nur Kohl, Rote Bete und Erdrüben gegeben, doch selbst die seit ihrer Kinderzeit heiß geliebten Kohlrouladen hatten Claudette nicht zum Essen bewegen können. »Alice«, klagte sie, »war die einzige Freundin, die mir noch geblieben war.«

Die Rundfunkzeitschrift aus dem Ullsteinverlag, die Josepha vom Montagseinkauf mitbrachte, bezeichnete Erwin als seinen »Rettungsring« – neben den Programmen aller deutschen Rundfunkanstalten veröffentlichte das Blatt auch die der Auslandssender, die zu empfangen waren. Am meisten gelegen war Erwin an einem Schweizer Sender, der seine Hörer nicht mit der gängigen Nazipropaganda narkotisierte, sondern umfassend über die Weltpolitik informierte und auch vom Schicksal der deutschen Dichter im Exil berichtete. Durch seinen geschätzten Haussender hatte Erwin soeben erfahren, dass Papst Pius XI. eine Enzyklika über die Lage der Katholischen Kirche im Deutschen Reich erlassen hatte und darin mit »brennender Sorge« die Verfolgung der Kirche in Deutschland kritisierte. Erwin machte einen Versuch, seinem Vater über die Entwicklung in Rom zu berichten, vertagte das Gespräch jedoch sofort: Josephas Redefluss war nicht zu stoppen.

Sie versorgte die Familie gerade mit dem neuesten, spezifisch Frankfurter Gerücht. Frau Obermeier, mit der sie in jungen Jahren im Kirchenchor gesungen hatte und deren Sohn im städtischen Bauamt Dienst tat, hatte ihrer Freundin vor dem Kurzwarengeschäft in der Berger Straße unter dem Siegel der Verschwiegenheit Beängstigendes anvertraut. Die Obermainbrücke am Deutschordenshaus könnte nicht, wie vorgesehen, renoviert werden, erzählte Josepha. Alles verfügbare Eisen wäre in die Rüstungsindustrie gegangen.

»Was braucht es Brücken?«, fragte Erwin. »Ein tapferer deutscher Soldat schwimmt in den Krieg.«

»Wände haben Ohren«, mahnte Betsy. Sie schlug mit dem Kaffeelöffel leicht ans Glas. Fanny lächelte verschwörerisch und legte einen Finger auf ihre Lippen.

»Der Wolf, der die Oma vom Rotkäppchen gefressen hat, hat ganz große Ohren gehabt«, steuerte der kleine Salo bei.

Wie in den glückhaften Zeiten, als Clara, Erwin und Victoria noch bei Tisch über die gerechte Verteilung von Götterspeise debattiert hatten, war bei den Sternbergs die Tradition des gemeinsamen Mittagessens wieder aufgenommen worden. Für Menschen, denen keine regelmäßige Arbeit mehr vergönnt war, gab bereits eine Mahlzeit zu festgesetzter Stunde dem Tag ein angenehm festes Gefüge. Wie meistens, war Victoria mit den Kindern gekommen, ohne sich anzusagen. Die Kleinen waren besonders quirlig und gut gelaunt, ihre Mutter missgestimmt und barsch im Ton.

Die Stimmung war entsprechend gespannt. Vor allem der Hausherr war nervös. Johann Isidor liebte zwar seine Enkel, doch sie forderten von ihm weit mehr Kraft, als ihm geblieben war. Die sechsjährige Fanny war ins Philanthropin eingeschult worden. Bis dahin war sie ein argloses und heiteres Plappermaul gewesen; doch nach nur wenigen Monaten in der Gemeinschaft von ausschließlich jüdischen Jungen und Mädchen und von jüdischen Lehrern wusste sie bedrückend viel von der Welt, in der sie lebte. Sie war ernst und schweigsam geworden, fragte wenig und überlegte genau, ehe sie antwortete.

Der vierjährige Salo, ein körperlich schwächlicher und sensibler Junge, der die Abwesenheit des Vaters nicht verwinden konnte, ängstigte hingegen die gesamte Familie mit seiner Mitteilungsbedürftigkeit. Vor allem seinen Großvater und seinen Onkel machte er mit seiner ausdauernden Redefreudigkeit unglücklich. Wohl stand sie im eklatanten Gegensatz zu seinem schüchternen Naturell, doch in Geschäften, in der Apotheke und selbst auf der Straße drängte es Salo, die Hoffnungen und Enttäuschungen seines Lebens mit anderen Menschen als der Verwandtschaft zu teilen. Überall erzählte der Unermüdliche, er würde bald »zu seinem Papi und den großen Schiffen nach Amsterdam fahren«. Für einen schmächtigen Knaben mit schmaler Brust verfügte Salo Feuereisen zudem über ein Stimmvolumen, das im Jahr 1937 für jüdische Familien brandgefährlich war.

Johann Isidors extreme Nervenanspannung hatte an dem Tag begonnen, als er Alice zum Zug nach Hamburg gebracht hatte – in einem himmelblauen Mantel, der in quälenden Nächten sein Gedächtnis und sein Herz schikanierte, und mit einem weißen Tropenhelm im Gepäck, den Anna für sie hatte kaufen müssen. An der Eingangstür vom Geschäft für Tropenbedarf hatte ein Schild mit der Aufschrift »Juden werden hier nicht bedient« geklebt. Obwohl die umhegte und oft sehr egoistische Alice sich bei ihren ersten selbstständigen Schritten ins Leben vollkommen anders verhalten hatte, als ihre schwarzseherischen Eltern erwartet hatten, blieb Johann Isidor so besorgt um seine jüngste Tochter, als sei sie in einem Erdloch verschwunden und hätte ihrer Familie nie mehr ein Lebenszeichen zukommen lassen.

Das Gegenteil war der Fall. Alice hatte in jedem angelaufenen Hafen Post aufgegeben; die zweiundzwanzigjährige Reisende schrieb ungewöhnlich lange, detaillierte und sehr reizvolle Briefe, allerdings auch sehr heimwehkranke. Ihre Sehnsucht nach der Familie rührte ihre Eltern immens – viel mehr, als die leibhaftige Alice es je getan hatte. Umso unerklärlicher war ihnen daher, dass noch nicht einmal eine Postkarte aus Südafrika angekommen war, um ihre Ankunft zu vermelden, geschweige denn, wie am letzten Abend im Elternhaus verabredet, ein Telegramm. Laut Fahrplan hätte die »Adolph Woermann«, die die Tour »Rund-um-Afrika« der »Deutschen Ost-Afrika-Linie« machte und in vielen Häfen und dort manchmal drei Tage lang anlegte, längst in Südafrika eingelaufen sein müssen.

»Sie hat uns vergessen«, orakelte Josepha. »Das kommt oft vor, wenn man einer jungen Frau zu plötzlich die Fesseln abnimmt. Bei meiner Cousine war es ganz genauso. Die hat sich prompt in einen Gigolo verknallt.«

»Alice ist unsere Tochter«, sagte Betsy indigniert, »nicht unsere Sklavin. Und sie hat es nicht nötig, sich in einen Gigolo zu vergucken.«

Sternbergs diskutierten Tag für Tag und mit einer Phantasie, die ihren Nerven absolut nicht bekömmlich war, ob der ihnen durch die Umstände leider unbekannt gebliebene Bräutigam Leon Zuckermann es wohl so ernst mit seinem Eheversprechen meinte, wie Alice angenommen hatte. Gebräuchlich bei den Gesprächen wurden die Formulierungen »der Kerl« und »unser kleines Mädchen«. Dann stöhnte Erwin: »Courths-Mahler«, und Clara fasste sich an den Kopf.

Eine Woche zuvor hatte Betsy nach einer Nacht mit Albträumen und Magenschmerzen schließlich Claras Drängen nachgegeben und Kontakt mit Leons Mutter aufgenommen. Die alte Frau Zuckermann hatte bereits zwei Söhne ins Exil verabschiedet. Nach menschlichem Ermessen würde sie die nicht wiedersehen. Der dritte Sohn war dabei, nach Antwerpen zu emigrieren, die siebzehnjährige Tochter hoffte auf die Einreiseerlaubnis nach Palästina. »Alles gute Kinder und so klug«, murmelte Frau Zuckermann. Aus ihrer Rocktasche holte sie ein vergilbtes Foto und hielt es ihrem Gast hin. Als ihr allerdings aufging, dass Betsy, die ihrer Meinung nach lächerlich aufwendig gekleidet war, Zweifel an der Redlichkeit ihres Leon hegte, wurde sie ungehalten. Und sie zeigte es.

Der fromme Leon mit den guten Zeugnissen und der Ehrfurcht vor der Tradition der Väter war nicht nur der Lieblingssohn der Eheleute Zuckermann. Laut dem mit Leidenschaft vorgetragenen Bericht seiner stolzen Mutter hatte es der tüchtige junge Mann dank seiner Tatkraft und seines Mutes in Südafrika schon zu Erfolgen gebracht, die »anderen Leuten nicht mal im Schlaf vergönnt sind. Wenn einer ein anständiges Mädchen zur Frau verdient hat, dann er«, betonte Frau Zuckermann. Sie zog ein braunes Taschentuch hinter dem Sofakissen hervor, rieb Augen und Stirn trocken und starrte ihre Besucherin an, als hätte die ihr einen unanständigen Witz zugemutet.

Trotz der kleinen Missstimmung zum Auftakt ihrer Bekanntschaft kam Betsy mit einem von Frau Zuckermann gebackenen Zimtkuchen für den Sabbat und einem großen Weckglas selbst geriebenem und mit roter Bete angereichertem Meerrettich nach Hause – beklagenswerterweise auch mit einer recht deprimierenden Geschichte von einem gewissen Herrn Katschinsky aus dem Sandweg. Der hatte sein Fräulein Braut von Frankfurt nach Montevideo kommen lassen und die Unglückliche dann, wie deren mitreisende Cousine postwendend nach Hause meldete, nicht einmal mehr vom Schiff abgeholt. Derzeit war er mit einer Frau verlobt, die Frau Zuckermann mit einem Anflug von Neid als »eine reiche Einheimische« bezeichnete.

»Und seiner Mutter«, erzählte sie ihrer konsternierten Besucherin, »hat der Jossel sogar ein Foto von dieser Frau aus Uruguay geschickt. Eine Schwarzhaarige mit vorstehenden Zähnen. Ich hab’s selbst gesehen. Und die Jüngste ist sie auch nicht. Aber wie sagt mein Mann immer: Geld macht sogar eine Frau mit Buckel schön.«

»Es muss uns ja nicht jeder Schlag treffen, der möglich ist«, sagte Johann Isidor, als er vom treulosen Jossel erfuhr. »Nicht alle Männer schwärmen für vorstehende Zähne.«

Er sorgte sich nicht allein um Alice im fernen Afrika, und er grämte sich nicht nur unaufhörlich, weil er von dem jungen Mann, um dessentwillen sie dahin gereist war, nichts wusste, was ein verantwortungsvoller Vater zu wissen hatte. Auch der Gedanke an Anna und Hans Dietz, den herzenswarmen Drucker, den er so rasch schätzen gelernt hatte, nahm ihm die Ruhe. Seit über einem halben Jahr wollten die beiden heiraten. Von der Familie wussten das bisher allerdings nur Betsy und er, denn Anna und Hans hatten begründete Ängste, des Aufgebots wegen beim Standesamt vorzusprechen. Nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen hätte Anna als »Mischling ersten Grades« gegolten, wenn ihr Vater bekannt geworden wäre. Ohne die entsprechend verlangten Angaben über ihren Vater und die Vaterfamilie hatte sie jedoch keine Aussicht auf einen »Ariernachweis«. Der wiederum wurde zur Ausstellung des Ehetauglichkeitsscheins benötigt.

»Frankfurt«, seufzte Johann Isidor im Schutz des ehelichen Schlafzimmers, »ist nicht der rechte Ort, um auf ein Wunder zu hoffen. Oder auf Gottes Beistand. Hier wird sich der Wind nicht mehr drehen.«

Seit einem Jahr war Frankfurt wieder Garnisonsstadt. Bei jeder Gelegenheit präsentierte sich die Wehrmacht in der Öffentlichkeit. »Heldengedenktag« und »Führers Geburtstag« wurden mit begeistertem patriotischem Einsatz gefeiert; das ließ durchaus den Schluss zu, dass auch die Ämter ihre Treuepflicht zum System in höchsten Ehren hielten. »Wie soll unsere Anna mit dem ganzen Schlamassel fertig werden?«, fragte Johann Isidor bedrückt.

»Vielleicht hätte Hans mehr Glück, wenn er aufs Amt gehen würde.«

»Wer in einem deutschen Konzentrationslager gesessen hat, glaubt nicht mehr so recht an das Glück, Betsy. Im Vergleich mit einem Staatsdiener unseres Führers dürfte der Umgang mit einem Standesbeamten in Südafrika jedoch das reinste Kinderspiel sein. Trotzdem bekommen wir nicht zu erfahren, ob Alice überhaupt einen braucht.«

»Du warst doch sonst immer so geduldig. Selbst in schlechten Zeiten.«

»Geduld nutzt sich bei ständigem Gebrauch ab, meine Gute. Wie Geld und Seife. Und Optimismus.«

Das Gespräch fand am 3. Mai statt. Deutschland war in bester Stimmung. In fünfhundertneunundvierzig Gemeinden traten Abteilungen der Hitlerjugend zu Grundsteinlegungen von HJ-Heimen an. Die Frankfurter schauten aber nicht zu Boden, sie starrten zum Himmel. In der Stadt startete das deutsche Luftschiff LZ 129 »Hindenburg« zur ersten Transatlantikfahrt dieses Jahres nach Nordamerika. Drei Tage später explodierte Deutschlands Stolz bei dem Versuch, ein Gewitter zu umfliegen. Die »Hindenburg« stand unmittelbar vor der Landung auf dem Luftschiffhafen von Lakehurst in den Vereinigten Staaten, die Landungsseile waren bereits heruntergelassen worden. Den fünfunddreißig Menschen, die bei der Katastrophe umkamen, widmete Josepha einen ungewöhnlich sprachgewaltigen Nachruf. »Ausgerechnet am Himmelfahrtstag«, sinnierte sie in ihre Kaffeetasse, »ließ der Herr im Himmel sie zum Himmel fahren.«

»Das ist eine Sünde, so etwas zu sagen«, protestierte Betsy, »es waren Menschen.«

»Bei uns hat der im Himmel vergessen, dass wir Menschen sind«, hielt ihr ihre Köchin vor.

Josepha hatte zu wenig Gottvertrauen. Am folgenden Samstag machte sie sich daran, die trübe Wochenendstimmung zu erhellen. Im Vorgarten schnitt sie den ersten Flieder. Bald lag auf dem frühlingsgrünen Rasen ein duftender lila Strauß; jede Dolde erzählte schamlose Lügen und machte selbst den Bekümmerten und Beladenen weis, das Leben sei eine endlose Kette von heiteren Maientagen und Mozartmelodien. Zwei kleine Mädchen standen am Zaun und sangen mit piepsenden Stimmen »Komm, lieber Mai und mache die Bäume wieder grün«. Josepha dachte an die Zeit, als die sechsjährige Victoria mit ihrer Freundin Marie am Gartentor gestanden und genau dieses Lied gesungen hatte. Sie rieb ihre Augen mit einem Zipfel der Kittelschürze trocken und hätte gern die Mädels verjagt, doch sie stampfte nur müde mit dem rechten Fuß auf den Rand des Rosenrondells. Eine Köchin, die bei Juden in Stellung war, verjagte nicht ungestraft deutsche Kinder.

Vom Haus Nummer 11 winkte der Briefträger. Er war ein freundlicher Mann, der die Post seit zwanzig Jahren brachte und Weihnachten von den Sternbergs außer den zehn Mark, die in der Nachbarschaft üblich waren, stets eine Flasche Korn geschenkt bekam und für seine alte Mutter Stoff aus der Posamenterie für einen Flanellunterrock. Selbst in Uniform sagte der Eigensinnige immer noch leise »Guten Tag« und nicht laut »Heil Hitler«, wenn er Menschen grüßte, die das zu würdigen wussten. An diesem Samstag der Samstage aber rief er: »Endlich!«, als er Josepha sah. Während er auf das Haus Nummer 9 zulief, grinste der Grauhaarige so verschwörerisch wie ein Schulbub, der den Lehrerstuhl mit nasser Kreide beschmiert hat.

Er war ein Briefträger mit Herz und Seele, vor allem mit Erfahrung und Menschenkenntnis. Er wusste, was es bedeutete, wenn ständig ein Familienmitglied zur Zeit der Postzustellung auf der Straße herumlungerte und auf sein Kommen lauerte. Es war genau zehn Minuten nach zehn, als die Köchin Josepha Krause, die von Gott nichts mehr hatte wissen wollen und sonntags Liebesromane in Groschenheften las, statt zur Messe zu gehen, die so lange ersehnte Erlösung vom Übel der Ungewissheit in ihre dunkelblaue Kittelschürze steckte. Sie bekreuzigte sich.

Der Brief steckte in einem Kuvert mit blau-weiß-roter Umrandung; er war mit vier farbenfrohen Briefmarken frankiert und in Pretoria abgestempelt worden. »Wenn das nicht in Südafrika liegt, dann spring ich in meinen eigenen Suppentopf«, flüsterte Josepha. Ihr Herz raste, und in ihren Schläfen hämmerte das Blut. Es drängte sie so zur Eile, dass sie den abgeschnittenen Flieder samt dem guten Messer im Vorgarten liegen ließ. Als sie die Treppen nach oben hetzte, wuchsen ihren siebenundsechzigjährigen Füßen die Flügel des griechischen Götterboten Hermes.

»Der Silberstreifen«, stammelte Betsy, »ich hab so fest geglaubt, dass er kommt.«

Weinend umarmte sie Josepha. Sie holte ihren Mann von seiner Zeitung weg und Clara, Claudette und Erwin vom vierten Stock herunter. Stumm saßen die sechs um den runden Tisch im Salon und starrten den Briefumschlag mit Alicens Schrift an. Dann und wann versuchten sie, einander zuzulächeln, doch sie waren das Lächeln nicht mehr gewohnt. Ihre Gesichter blieben starr.

»Kannst sagen, was du willst«, sagte Erwin, »der Führer hat uns zu verdammt sympathischen Leuten gemacht, so bescheiden und ganz ohne Bedürfnisse.« Es war indes er, der nach ein paar Minuten das entdeckte, was er »das Härchen in der Suppe« nannte. Den Übrigen war in der ersten Euphorie entgangen, dass der Briefumschlag geöffnet und anschließend nicht mit deutscher Gründlichkeit wieder zugemacht worden war. »Wahrscheinlich wäre es das Ende von Deutschland, wenn der Staat ausgerechnet bei den Juden das Briefgeheimnis wahrt«, sagte er. »Ich höre immer wieder, dass Briefe aus dem Ausland geöffnet werden, aber merkwürdigerweise habe ich gerade das nie geglaubt.«

»Wir wollen danken, dass es etwas zu öffnen gegeben hat«, beschied ihm seine Mutter, »und jetzt liest uns Claudette den Brief vor.«

In ihrer Briefanrede erwähnte Alice jedes Familienmitglied – von ihrem Vater bis zum kleinen Salo, natürlich auch Josepha und zum Schluss sogar Snipper, obwohl sie und Claudettes Hund nie miteinander Freundschaft geschlossen hatten. »Ich weiß gar nicht, wie ich alles, was geschehen ist, in einen Brief hineinbekommen soll«, schrieb Alice. »Seitdem ich meinen Fuß auf Südafrikas Boden gesetzt habe, ist so viel geschehen, wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Manchmal glaube ich, dass mein Herz zerspringt. Oder mein Kopf. Oder dass ich träume und mich eines Tages die missgünstige Fee aus ›Dornröschen‹ in die Wirklichkeit zurückholen wird.

Das Schiff legte in Durban an, und ich war so aufgeregt, dass mir der Schiffsarzt Tropfen zur Beruhigung geben musste. Ihr könnt Euch nämlich nicht vorstellen, was ich auf der Reise alles von ungetreuen Männern und sitzen gelassenen Frauen gehört habe. Doch mein lieber guter Leon stand am Kai, ganz, wie er mir in jedem Brief versprochen hatte. Nur habe ich ihn fast nicht erkannt. Ich hatte ihn ja nie ohne Sorgen gesehen, und auf einmal sah er aus, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Er hat mindestens zehn Pfund zugenommen, ist braun gebrannt, als hätte er sein Leben lang in Afrikas Sonne gelegen, trägt weder Jacke noch Schlips, sondern Khakihemden in der Farbe von Oliven (die man hier übrigens isst) und einen großen Hut mit breitem Rand. Er hat sich vollkommen verändert. So stell ich mir einen Vogel vor, dem es gelungen ist, seinem Käfig zu entkommen. Aus seinem alten Leben ist nur die Liebe geblieben. Er hat mich vor allen Leuten geküsst, und ich wäre vor Scham fast im Boden versunken, doch keiner hat sich nach uns umgedreht. Leons neuer Freund Howard war mit ihm nach Durban gekommen, um mich vom Schiff abzuholen. Leider spricht Howard nur Englisch, aber ich verstehe ihn schon viel besser als am Anfang.

Es ist erstaunlich, wie schnell man eine Sprache lernt, wenn man begriffen hat, dass man für sich selbst lernt. Wenn ich das bloß auf der Schule den Lehrern geglaubt hätte, als sie es noch gut mit mir meinten! Leon kann schon so viel Englisch, dass er manchmal sogar nach einem deutschen Wort sucht. Gestern nannte er Weintrauben ›grapes‹, und statt Kaffee sagt er jetzt ›coffee‹. Er sagt, man nennt das ›Refugeedeutsch‹. ›Refugees‹ sind Flüchtlinge. Wahrscheinlich wird es mir sehr bald auch so gehen. Seit einer Woche lebe ich nämlich auf einer Farm in der Nähe von Pretoria (einer wunderschönen Stadt mit Bäumen und Blumen, wie sie zu Hause noch nicht einmal im Palmengarten wachsen) und höre kein Wort mehr in meiner Muttersprache. Ich bin bei einer englischen Familie mit vier Kindern gelandet, von denen eins wilder ist als das andere. Nur das Baby (drei Monate) nicht. Ich bin das Kindermädchen und hab die Stellung nur bekommen, weil Howard meinen Chefs erzählt hat, dass ich vier Geschwister und drei kleine Nichten habe, die ich alle versorgen musste. Leon meint, Gott verzeiht Notlügen.

Ich muss keine körperliche Arbeit leisten. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Hauspersonal und Feldarbeiter es auf so einer Farm gibt (alle schwarz und so freundlich zu mir, dass ich jeden Tag aufs Neue bewegt bin). Übrigens: Die Familie Green zündet am Freitagabend Kerzen an und kocht am Samstag nicht. Deswegen haben sie ja auch für mich gebürgt. Sonst hätte ich nicht nach Südafrika kommen können. Die Greens haben auch dafür gesorgt, dass Leon eine Stellung in Pretoria gefunden hat. Er arbeitet jetzt bei der Eisenbahn (Büro), verdient recht gut für einen Refugee, ist sehr zufrieden und sagt manchmal, er kann sich gar nicht vorstellen, dass es junge Männer gibt, die davon träumen, Kinderarzt zu werden. Wir beide hoffen, dass wir bald heiraten und zusammenwohnen können, doch dazu müssen wir erst ein bisschen Geld ansparen. Ich gebe nichts von meinem Gehalt aus. Wie auch? Ich komme ja nicht von der Farm weg. Zum Glück darf mich Leon mittwochs und am Sonntag besuchen. Dann hungert er mit mir.

Das große Glück bei den guten Greens hat nämlich einen kleinen Haken. Sie essen so kleine Portionen, wie man sie bei uns noch nicht einmal einem siebenjährigen Kind zumuten würde, und sie kommen überhaupt nicht auf die Idee, dass ich bei ihnen nie satt werde – gestern gab es zum Abendessen zwei dünne Weißbrotscheiben, zwischen denen dünne rohe Gurkenscheiben steckten (das Ganze wird hier Sandwich genannt), und eine Suppe aus Fleischwürfeln. Dabei wachsen im Garten die herrlichsten Tomaten, wunderbare grüne Bohnen und riesige Karotten. Weil ich nicht wage, um Nachschlag zu bitten, und ich ja auch nicht genug Englisch kann, um das zu tun, komme ich mir ständig wie Oliver Twist im Waisenhaus vor. Zum Glück hat die Köchin einen Narren an mir gefressen. Sie wiegt mindestens zwei Zentner und hat eine geheime Schatzkammer, aus der sie mir, wenn die Chefin es nicht sieht, sättigende Käsehappen, dicke Maisfladen (bekommt sonst nur das Personal) und tropische Früchte zusteckt.

Leider ist das Haustier der Kinder ein zahmer Mungo mit reißscharfen Zähnen (Leon hat die Übersetzung für mich herausgefunden), vor dem ich eine Riesenangst habe. Derzeit habe ich auch noch Angst vor den Kindern (drei bis zwölf Jahre). Sie hocken meistens auf Bäumen oder galoppieren auf Pferden herum, und ich habe noch nicht herausbekommen, weshalb sie nicht in die Schule gehen. Jetzt weiß ich, was der Spruch bedeutet, den Fräulein Kranichstein in mein Poesiealbum schrieb, als ich zwölf Jahre alt war – wer vor fremden Leuten weint, der verschwendet seine Tränen. Wie prophetisch! Ich darf mich aber nicht beklagen, es geht mir wirklich gut, und das sage ich Gott jeden Abend. Ja, ich bete. Wofür, könnt Ihr Euch denken. Und wem ich meine neue Frömmigkeit zu verdanken habe, auch. Leon war sein ganzes Leben lang fromm. Nicht nur in der Not.

Leider friere ich oft. In Südafrika fängt nämlich der Winter an, und ich trauere jedem Pullover nach, den ich Claudette geschenkt habe, weil ich dachte, in Afrika würde man das ganze Jahr über schwitzen. Die Chefin hat mir eine Jacke von ihrer zwölfjährigen Tochter gegeben (zu klein) und die Köchin einen Pullover von sich (sehr viel zu groß). Meine ganze Garderobe und sämtliche Gurkenbrote, die ich zu erwarten habe, würde ich jedoch gegen einen Brief aus Frankfurt eintauschen. Heimweh ist tausendmal schlimmer als Hunger. Erst hier ist mir aufgegangen, wie viel ich Euch zu verdanken habe und wie gut ich es immer hatte. Ich schreibe sehr bald wieder und küsse Euch alle mit großer Sehnsucht. Eure dankbare Tochter, liebende Schwester und treue Tante Alice.«

Es war so still und die Luft im Salon so schwer, als wäre der Schöpfer dabei, die Welt neu zu erschaffen. Dann hechelte der Hund und schnappte nach einer Fliege. Seine Zähne schlugen laut aufeinander, doch die Beute flog zum Fenster hinaus. Betsy verdeckte ihr Gesicht mit einem Taschentuch, Johann Isidor schlug mit seiner Rechten auf die Tischplatte und seinen Siegelring gegen das Holz. Claudette faltete den Brief zusammen und sofort wieder auseinander. »Warum«, fragte sie mit der Kinderstimme, der ihr Großvater nie hatte widerstehen können, »erwähnt Alice das extra, dass die Leute am Freitagabend Kerzen anzünden und samstags nicht kochen.«

»Sie wollte uns wissen lassen, dass sie bei Juden arbeitet, aber sie wollte das Wort jüdisch vermeiden. Für so schlau hätte ich das kluge Kind gar nicht gehalten«, antwortete Clara.

»Immer schön spitz, meine älteste Tochter«, sagte Betsy. »Das macht dich so unwiderstehlich. Es wird ihr jemand geraten haben. So einfach ist das. Ob man wohl Pakete nach Südafrika schicken kann?«, fragte sie ihren Mann.

»Dürfen Juden überhaupt noch Pakete versenden? Ich nehme an, Frau Zuckermann wird das wissen. Vielleicht könnten wir Alice ihre Wollsachen schicken.«

»Und was zu essen«, ereiferte sich Josepha. »Das muss man sich vorstellen. Gurken als Brotbelag. Ein so verwöhntes Mädel wie unsere Alice kann sich nicht satt essen und rennt in Kleidern von fremden Leuten herum. Mir bricht es das Herz.«

»Ich fürchte, Ihr Herz wird noch ganz andere Gelegenheiten finden, um zu brechen, Josepha«, erklärte ihr Johann Isidor. »Wir müssen alle lernen, mit unseren Gefühlen hauszuhalten.«

Sie lernten es. Monat um Monat wurde die Stimmung gedrückter und der Himmel düsterer. Die Ausgrenzung der Juden wurde systematisch und mit abgrundtiefer Phantasie betrieben. Der Blick, den die Nachbarn über den Zaun der jüdischen Häuser warfen, war nicht nur bösartig und hämisch. Er wurde gemeingefährlich. Eine Nachbarin vom gegenüberliegenden Haus in der Martin-Luther-Straße zeigte an, dass »die Köchin aus dem Küchenfenster der Rothschildallee 9 schmutziges Wasser gekippt hatte. Um ein Haar«, schloss die korrekte Bürgerin, eine Frau in bestem Alter, Mutter dreier Kinder und in der Nachbarschaft als Tierfreundin gerühmt, »hätte das Wasser spielende deutsche Kinder getroffen.« Das Ordnungsamt erklärte sich nach »persönlicher Befragung der Verdächtigten Josepha Krause« bereit, »soweit es bei dieser einmaligen Verfehlung bleibt, gegen Überweisung von fünfzig Reichsmark von einer Strafanzeige abzusehen. Das Geld wird dem Winterhilfswerk zugeführt. Heil Hitler.«

Eine kurze Zeit später wurden Eheschließungen zwischen »Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes« verboten. »Jüdische Rassenschänder« wurden mit Konzentrationslager bedroht. »Ich weiß noch nicht einmal, ob uns das was angeht oder nicht«, sagte Anna.

»Im Zweifelsfall immer«, wusste Hans, »glaub mir. Ich hab Erfahrung.«

Die beiden gaben den Traum auf, ihre Liebe auf einem deutschen Standesamt zu legalisieren. Sie taten keinen Seufzer, als sie auf die Heirat verzichteten; sie schauten sich nach einer Vermieterin um, die in ihrer Wohnung zwei Zimmer zur Untermiete anbot. »Ich habe schon so viel in meinem Leben warten müssen«, erklärte Hans, als die beiden in die Rothschildallee zum Sonntagskaffee kamen. »Warum sollen Anna und ich nicht in Ruhe darauf warten, dass wir die Nazis überleben? Dann schert sich keiner mehr darum, wer wen heiratet und warum.«

»Und außerdem«, sagte Anna, keck wie noch nie, »bin ich ein uneheliches Kind gewesen. Warum soll ich als lediges Fräulein kein uneheliches Kind kriegen?«

Die Vermieterin mit zwei großen, nebeneinanderliegenden Zimmern fand sich in Offenbach. Sie hieß Sedlazky, was darauf schließen ließ, dass in ihren Adern nicht allein das reine Blut der Germanen floss. Frau Sedlazky hatte einen großen Busen, ein ebenso großes Herz und einen kirschroten Lippenstift. Sie fragte nicht, weshalb sie nachts erst die Dielen und dann die Bettfedern quietschen hörte. Ihr Mann war in Verdun gefallen, ihr Sohn beim Einsatz der Legion Condor über Guernica in Spanien abgestürzt. Menschen in Uniform war Frau Sedlazky leid.

Neben Dachau wurde ein zweites großes KZ eröffnet – Buchenwald in unmittelbarer Nähe der Goethestadt Weimar. Frankfurt am Main, bisher durch die Adler-Werke als »Autostadt« bekannt und von den Nationalsozialisten zur »Stadt des deutschen Handwerks« gemacht, besann sich auf die Kultur und veranstaltete weiter die Römerberg-Festspiele, obwohl die ursprünglich von Alwin Kronacher initiiert worden waren, dessen Namen nicht mehr genannt werden durfte. Der verdiente Frankfurter Theaterintendant war wegen seiner »nichtarischen Herkunft« in Unehren entlassen worden.

Mit leuchtenden Fackeln und prächtigem Fahnenschmuck wurde das Festival von 1937 am 1. Juli mit Gerhart Hauptmanns Tragödie »Florian Geyer« eröffnet. Im Publikum saß der weißhaarige, hoch verehrte Dramatiker, dem großen Frankfurter Dichtersohn Goethe erstaunlich ähnlich und eine beglückende Augenweide. Nur als Zaungast erlebte an drei Abenden eine aufgewühlte junge Frau den Höhepunkt der Aufführung – der schwarze Ritter stach »der deutschen Zwietracht mitten ins Herz«, und das Publikum stöhnte selig. Die junge Frau, die sich unter die freien Bürger der Stadt gemischt hatte, trug trotz der sommerlichen Witterung einen schlichten schwarzen Mantel. Sie glaubte immer noch, in der Nacht würden schwarze Büßergewänder den unschuldig Verfemten Schutz gewähren. Es handelte sich um Victoria Feuereisen, geborene Sternberg, die in ihren lodernden Jugendträumen überzeugt gewesen war, sie wäre zur Königin des Frankfurter Theaters geboren. Die Tränen, die sie nun vergoss, galten nicht der Tragödie des Bauernkriegs, die sich vor der historischen Kulisse des Frankfurter Römers entrollte. Im Strahl der Bühnenscheinwerfer sah Victoria allein die Tragödie ihres Lebens. Als ihre Hoffnungen sich im Bühnennebel auflösten und ihre Liebe verkümmerte, schaute sie beschämt zu Boden.

Auch Claudette, die leidenschaftliche Schwimmerin, versuchte ein allerletztes Mal, sich ihrer demütigenden Fesseln zu entledigen. Am heißesten Tag des Sommers machte sich die Trotzige ins Stadionbad auf – mit Badeanzug und Handtuch, zwei Butterbroten und einer Flasche Limonade in einer Basttasche. Ihr Gang war beschwingt, als sie in die Straßenbahn stieg. Ihr Kopf gab vor, er wüsste nichts von den Restriktionen, die den Juden galten, und als dürfte ausgerechnet Fräulein Sternberg, die Verfolgte und Ausgeschlossene, der Jugend Lust nachgeben, in den Tag hineinzuleben und fröhlich zu sein.

Jedoch bereits in der Garderobe, schon im Badeanzug, begegnete Claudette einer ehemaligen Mitschülerin. Deren Name fiel Claudette sofort ein, sie ließ sich das jedoch nicht anmerken. Hedwig Meister, vor einigen Monaten mit dem Zeugnis der Reife von der Schule entlassen und beim Bund Deutscher Mädel wiederholt für die kompetente Gestaltung der Heim- und Werkabende belobigt, durfte indes bekannt geben, was sie dachte. Das patriotische Fräulein Meister brauchte mit Erinnerung wahrlich nicht achtsam umzugehen. Klar, deutlich und drohend laut schmetterte die Linientreue: »Ich dachte, Juden dürfen nicht mehr in unsere Schwimmbäder. Ich werde mich sofort bei der Stadionleitung erkundigen.«

Claudette kam bleich und weinend nach Hause. Ihren Badeanzug hatte sie in der Garderobe vom Stadionbad liegen lassen, die Basttasche mit den Broten und der Limonadenflasche in der Straßenbahn. Sie war so verwirrt in ihrem Schock, dass sie noch nicht einmal die Wohnungstür hinter sich schloss, ehe sie im Detail erzählte, was ihr widerfahren war. Ihre Mutter und ihr Onkel waren fassungslos und so wütend, wie Claudette sie noch nie erlebt hatte. »Wenn du nicht auf der Stelle kapierst, dass Juden keine Menschen mehr sind, bringst du uns alle in Gefahr, du blöde Gans«, brüllte Erwin. »Vielleicht solltest du mal bei Doktor Meyerbeer nachfragen, wie es in einem deutschen Gefängnis zugeht und wie lange dein Großvater das aushalten kann.«

»Lass sie«, mahnte Clara. Sie war ungewöhnlich sanft und selbst erschrocken. »Ich glaube, diesmal hat’s Claudette begriffen.«

Anfang August kam ein Brief aus Pretoria mit einem Foto von Leon vor dem Bahnhof und zwei Bildern von einer strahlenden Alice. Einmal hielt sie das Baby ihrer Gastfamilie auf dem Arm, auf dem zweiten Foto stand sie mit ihrem Bräutigam und einem Riesenhund vor einem mannshohen Kaktus. Alice schrieb, sie und Leon wollten im September heiraten – unmittelbar vor den Feiertagen und »ganz so, wie Ihr, meine lieben Eltern, es Euch bestimmt wünschen würdet. Mithilfe der Gemeinde hier«, begründete die selige Braut die ungewöhnlich rasche Wendung ihres Lebens zum Guten. »Die kümmert sich ganz rührend um Menschen wie uns.« Rosch Haschana, den Beginn des jüdischen Jahres, umschrieb sie als den »Tag des guten Essens«.

»Die Mühe könnte sie sich allmählich sparen«, meinte Erwin. »Den Nazis kann man viel nachsagen, nur nicht, dass sie blöd sind. Die wissen längst, dass es die Juden sind, die Briefe aus dem Ausland bekommen.«

»Such doch nicht immerzu das Haar in der Suppe, Erwin. Freu’ dich lieber, dass deine Schwester heiraten kann. Ich hätte nie gedacht, dass das alles so gut ausgeht. Frau Zuckermann stimmt einen ja nicht gerade optimistisch und herzensfroh.«

»Sei mir nicht böse, Mutter, es gibt ganz andere Dinge, über die ich mich freuen möchte, als Alicens Traumhochzeit unter Afrikas Sonne.«

Anfang Herbst gab Erwin die Hoffnung auf, ihm, Clara und Claudette würde es im Jahr 1937 noch gelingen, als legale Einwanderer nach Palästina zu gelangen. Seit drei Monaten rührte sich nichts mehr in dem zermürbenden Kampf um die Ausreisegenehmigungen aus Deutschland und die Einreisevisa nach Palästina. Alle Gesuche blieben unbeantwortet; nie gelang es Erwin, bei empfohlenen Beratern und offiziellen Instanzen vorzusprechen. Immer wieder erfuhr er von Schicksalsgenossen, die, als sie ihre Auswanderungspapiere endlich beisammenhatten, nicht an Schiffspassagen gekommen waren. An manchen Tagen war er so niedergeschlagen, dass er in Lethargie verfiel und sein Ziel vollkommen aus den Augen verlor. In solchen Stimmungstiefs war er um seiner Eltern und Josephas willen, die er im Fall einer Emigration ja allein würde zurücklassen müssen, sogar froh, dass seine Hoffnungen versandeten und das Leben zu einem Stillstand gekommen war. Der Gleichgültigkeit folgte Verzweiflung. Dann war er überzeugt, die Verfolgung der Juden in Deutschland würde noch ganz andere Formen als die bisherigen annehmen.

»Was immer es ist«, sagte er zu Clara, »Hauptsache, es geht schnell.«

»Ich nehm’s, wie’s kommt«, erklärte er seinem Vater. »Was auf dem Teller liegt, wird gegessen. Hast du das nicht immer gesagt?«

Es war Freitag, der Abend noch in der anbrechenden Dämmerung sommermild und erfüllt vom Duft der Lindenbäume. Die Vögel hockten schon in den Zweigen, die Rosen in den Blumenbeeten hatten noch sommerschwere Köpfe. Liebespaare, die von keinen Schildern aus dem Paradies gewiesen wurden, saßen auf den Bänken und schauten in die Wolken. Der Vater und sein Sohn waren unterwegs zu der Synagoge in der Friedberger Anlage. War ihnen der Tempel die Stätte, um sich Gott anzuvertrauen, seinen Beistand zu erflehen?

Die Frage hätte Johann Isidor verlegen gemacht und Erwin verblüfft. Die männlichen Mitglieder der Familie Sternberg hatten das Beten nie gelernt. Trotzdem war ihnen in den Zeiten der Seelennot die Einkehr im Haus Gottes zur Gewohnheit geworden. Dort kannte man die Gesichter, die man sah; in der Synagoge konnten Juden noch ohne Furcht miteinander reden. Dort waren Fremde nicht Lauscher und Späher. Zuweilen erfuhren sie auch Neues, Wichtiges, Unerwartetes – Details, über die sie Bescheid wissen mussten, um im Strom des Lebens weiter mitschwimmen zu können.

»So darfst du nicht denken«, protestierte Johann Isidor. »Wenn die Juden immer widerspruchslos alles gegessen hätten, was auf den Tisch kam, gäbe es gar keine Juden mehr. Moses ist auch losgegangen, als er musste.«

»Moses hatte auch göttlichen Beistand, Vater. Trotzdem ist er nicht im Gelobten Land angekommen. Warum soll ich es weiter versuchen?«

»Weil du eine Verantwortung hast, mein Sohn. Claudette ist gerade neunzehn. Soll sie nicht unter Menschen leben, für die sie ein Mensch ist? Und Clara? Hier ist sie schutzlos. Wahrscheinlich hätte sie geheiratet, wenn du ihr nicht genug gewesen wärst. Ein Leben lang.«

»Mir ist es nicht anders gegangen.«

»Spring nicht ab vom fahrenden Zug, Erwin. Gib die Hoffnung nicht auf, ehe man sie dir nimmt.«

Zwei Wochen später geschah tatsächlich Unfassbares. Der Kalender zeigte Donnerstag, den 19. August, an, die Uhr im Wohnzimmer die zwölfte Tagesstunde. Betsy hatte Victoria gebrauchte Kinderkleidung von den Enkeln ihrer Freundin gebracht und war noch nicht wieder daheim. Josepha suchte auf der Berger Straße nach frischer Kalbsleber. Johann Isidor war dabei, seine morgendliche Zeitungslektüre mit Erwin zu besprechen. »Die Deutschen kaufen wieder mehr ein«, zitierte er den »General-Anzeiger«. »Die Umsätze des Einzelhandels im Reich sind im ersten Halbjahr um zehn Prozent gestiegen.« Er faltete die Zeitung zusammen und seufzte. »Den Posamentier Sternberg haben sie vergessen zu erwähnen«, sagte er. »Der verkauft höchstens einen Meter Samt pro Tag und wartet jeden Morgen darauf, dass man ihm in der Nacht die Schaufensterscheiben eingeschlagen hat.«

»Es hat keinen Sinn mehr, Vater. Gib auf, bevor man dich dazu zwingt. Ich könnte es nicht ertragen, mit anzusehen, wie der ehrenwerte Raffzahn Pius Ehrlich zum zweiten Mal die Schilder am Geschäft auswechselt.«

»Wir müssen ja nicht hinschauen. Er ist schon auf mich zugekommen. Weiß Gott, nicht bloß einmal.«

Es war – Erwin wusste es noch nach Jahrzehnten – genau nach diesem Eingeständnis der totalen Resignation, dass der Briefträger Sturm klingelte. Das Frankfurter Büro des Hilfsvereins der Juden in Deutschland forderte Erwin Sternberg per Einschreiben auf, »persönlich und umgehend und mit sämtlichen erforderlichen Unterlagen auf der Beratungsstelle für Auswanderer vorzusprechen«.

»Ich habe doch gar keinen Kontakt mit dem Hilfsverein aufgenommen«, murmelte Erwin. »Es wird wieder einmal das ganz große Missverständnis sein. Ich wette mit dir um eine Flasche Cognac. Wie lange hält man es eigentlich aus, dass die Hoffnung einen an der Nase herumführt?«

»Bis zum Tod«, erwiderte Johann Isidor.

Zwei Wochen nach seiner verlorenen Wette war Erwin im Besitz von drei Ausreisegenehmigungen aus Deutschland und drei Einreisezertifikaten in das britische Mandatsgebiet Palästina. Was geschehen war, welche gütige Fee den dreien vom vierten Stock im Haus Rothschildallee 9 beigestanden hatte oder weshalb ausgerechnet die Gebete eines lebenslangen Zweiflers die Kraft gehabt hatten, deutsche Ämter und britische Behörden gnädig zu stimmen, wurde nie bekannt. Ein jeder rätselte, weshalb Menschen im Alter von siebenunddreißig Jahren in ein Land einreisen durften, in dem nur die Jungen willkommen waren, und da vorzugsweise landwirtschaftliche Arbeiter, industrielle Facharbeiter und Handwerker.

Erwin war so aufgeregt, dass er sich auf dem Nachhauseweg an einem stadteigenen Kastanienbaum in einem öffentlichen Park übergeben musste, in Tränen ausbrach und spontan ein Dankgebet sprach – in seiner Verwirrtheit wählte er ausgerechnet den Segensspruch für Wein. Er brauchte drei Tage und nach jeder Mahlzeit einen Magenbitter und Kamillentee, ehe er seiner Schwester verriet, was in seiner Aktentasche lag. Obwohl die Geschwister sich einig waren, dass die Zeit sie drängte, ließen sie zwei Wochen verstreichen, bis sie mit ihren Eltern und Claudette sprachen.

Betsy beteuerte mit roten Flecken im Gesicht und mit ineinander verschränkten Händen, sie sei so glücklich wie noch nie in ihrem Leben; nachts weinte sie sich in eine Seelenstarre, die noch gewaltiger war als der Schmerz, der ihr bei Alicens Abfahrt ein Stück vom Herzen gerissen hatte. Johann Isidor konnte eine Viertelstunde lang kein Wort sagen. Danach versicherte er seinem Sohn mit dem Stolz, der seinem Verantwortungsgefühl und seiner Weitsicht gebührte, dass vom Erlös des Hauses in der Glauburgstraße genug Geld geblieben war, um alle Unkosten zu decken. »Einschließlich der Schiffspassagen«, betonte er.

Josepha schrie so laut »Mein Bub!«, dass in zwei von den gegenüberliegenden Wohnungen die Fenster aufgerissen wurden. Die beiden Worte wiederholte sie tagelang und konnte doch nicht fassen, was das Leben ihr nahm. Einzig Claudette reagierte anders als erwartet. Als sie erfuhr, dass ihr Schicksal entschieden war, schloss sie sich, wie in den alten Tagen von Trotz und Erwachsenwerden, mit ihrem Hund in ihrem Zimmer ein. Zwei Stunden lang war es so still, dass ihre aufgewühlte Mutter und der tief beunruhigte Erwin sich einig waren, es sei ihre Pflicht, die Tür einzutreten.

Am Ende der einhundertzwanzig bedrohlichen Minuten aber kehrte Claudette ins Wohnzimmer zurück, als sei der Tag der Endgültigkeit einer wie die übrigen. Zu einem schwingenden Sommerrock, auf dem Mohnblumen blühten und Schmetterlinge flogen, hatte sie eine kragenlose weiße Bluse angezogen, die wie ein Engelsgewand aussah. Claudettes Augen waren nicht rot geweint, ihre Hände zitterten nicht, auch die Stimme war fest. Einen Moment, der Äonen währte und in dem selbst ihre beherrschte, rationale Mutter sich ihrer Gefühle nicht genierte, sah Claudette wie die Fee aus Titanias Gefolge aus, die sie als Zwölfjährige in einer Schulaufführung von Shakespeares »Sommernachtstraum« gespielt hatte. Sie beugte sich hinunter zu ihrem Hund und tätschelte seinen Kopf. »Ich habe«, erklärte sie, »mit Snipper gesprochen, und er hat gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen. Es wird ihm gut gehen bei Josepha und den Großeltern.«

Es war das letzte Mal, dass Claudette, die kleine Circe, Reißaus in ihre Kindheit nahm. Danach waren ihre Augen nie mehr so klar, ihr Haar schimmerte nicht mehr, als hätte es das Mondlicht in der Nacht geküsst, und auch das Lächeln war nicht mehr so arglos und spontan, wie es das Lächeln der Kinder ist. Claudette, ohne Vater aufgewachsen, jedoch eingebettet in die Liebe einer Familie, für die Liebe Gebot und Nahrung war, saß auf der Fensterbank und baumelte mit den Beinen. Noch konnte sie in das Paradies schauen, aus dem man sie verstoßen hatte. Schon aber entschlüpfte sie dem Kokon, der die Kinder beschützt und ihnen weismacht, Sicherheit und Glück würden ewig währen. »Wie«, fragte die junge Frau, die soeben den Schicksalsapfel vom Baum der Erkenntnis gepflückt hatte, »kommt man überhaupt nach Palästina?«

»Die Kinder Israels«, erinnerte Erwin sie, »haben es zu Fuß geschafft, doch bei der Ankunft waren sie ziemlich mieser Laune und beklagten sich, es hätte immer nur Manna vom Himmel geregnet und niemals frische Brötchen. Wir werden mit dem Zug nach Genua fahren und von dort mit dem Schiff ins Gelobte Land. Und wir setzen auf dich, dass wir unterwegs besser gestimmt sind und mehr Vertrauen in Gott haben werden als unsere Urväter.«

Sie hätten alle drei lachen sollen, denn die Kinder im Hause Sternberg lernten schon früh Galgenhumor und Selbstironie als Seelenschutz und Stütze einzusetzen. Es war aber nur der Hund, der fröhlich war. Snipper der Unverwüstliche stellte sich auf seine Hinterbeine, riss das Maul löwenweit auf, zeigte Zähne und Zunge und fing japsend den Keks, den Clara ihm zuwarf. »Ich bin stolz auf dich, Claudette«, sagte sie.

»Wir feiern alle noch einmal zusammen Schabbes«, bestimmte Betsy, nachdem feststand, dass das Schiff am 11. November von Genua abfahren sollte. Die Zugkarten nach Italien wurden für den 9. November bestellt, für den fünften des traurigen Monats orderte die Hausfrau Suppenfleisch, Hecht und zwei Hühner. An diesem Tag legte in Berlin der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler seine Zukunftspläne dar. Er wies auf die Notwendigkeit hin »die Raumnot des deutschen Volkes« zu beheben und kündigte die Annexion Österreichs und der Tschechoslowakei an.

Erwin und Clara waren da bereits so mit der Zukunft beschäftigt, dass sie weder Augen noch Ohren für die Geschehnisse in der Heimat hatten. In den Nächten, die sie zusammen durchwachten, saßen sie am Fenster und fragten einander, was ihnen geschah und weshalb. Zuweilen sahen sie einen Stern und grübelten, ob der wohl auch an Palästinas Himmel strahle. Dann träumten sie von einem Neuanfang, von Datteln und Feigen und vom Seelenfrieden.

»Ich hab noch nie eine frische Feige gegessen«, sagte Clara.

»Und ich noch nie Seelenfrieden gefunden«, erkannte Erwin.

Am 5. November sagte Hans Dietz auf dem Weg von Offenbach nach Frankfurt, den Anna und er auf Fahrrädern zurücklegten, weil sie sich nur frei fühlten, wenn sie zu zweit allein waren. »Hier stinkt es in jeder Ecke nach Krieg. Du glaubst gar nicht, wie ich Erwin beneide.«

»Ich bewundere ihn«, erwiderte Anna, »er hat immer Mut gehabt.«

»Auswandern ist nicht mehr eine Sache von Mut, Anna.«

So viele von der Familie hatten schon lange nicht mehr am sternbergschen Esstisch gesessen. Victoria – nicht mehr die erwartungsfrohe Himmelsstürmerin, aber noch immer schön und elegant – war mit den Kindern da. Ihre Schwiegermutter saß neben dem Hausherrn. Die alte Frau Feuereisen war seit der Abfahrt ihres Sohnes nach Amsterdam und Victorias steter Weigerung, mit den beiden Kindern nachzukommen, sehr gealtert und auffallend gebrechlich geworden. Hans nahm zum ersten Mal an einem Sabbatessen teil, den kleinen Salo zur Linken und auf dem Kopf das weinrote Samtkäppchen mit goldfarbener Bordüre, das seit vierzig Jahren für unerwartete Feiertagsgäste in dem kleinen Schrank in der Diele lag.

»Mensch, Hans, man meint, du hättest schon immer mit uns zur Nacht gebetet«, sagte Erwin. »Schade, dass du dir keine günstigere Gelegenheit ausgesucht hast, um jüdische Familieninnigkeit und Mutters Fischklöße kennenzulernen.«

»Ich hab mir nie was im Leben ausgesucht. Das haben immer andere für mich getan.«

»Was heißt das?«, fragte Fanny.

»Das war nur ein Scherz«, erklärte ihr Anna.

»Ich kann aber nicht lachen, wenn ich ihn nicht verstehe«, monierte die Kritische.

Die Suppe war so kräftig und schmackhaft wie schon lange nicht mehr, die Hechtklöße so wohlgeformt und locker wie in den Zeiten, als das adelige Fräulein im Schweizer Pensionat ihren Schülerinnen noch weismachen konnte, das Eheglück einer jeden Frau hinge von ihrer Geschicklichkeit am Herd und einer gut geschulten Zunge ab. Hühnerkeulen mit wolkenweißem Fleisch und Bruststücke ohne Haut, dazu die Flügel für die beiden Kinder mit Karottenscheiben, in die Augen und Mund geschnitzt waren, waren mit Sträußchen von Petersilie in einer schäumenden gelben Soße arrangiert. »Otto wollte noch die Flügel haben, als er in der Untersekunda war«, erinnerte sich Betsy.

»Und wahrscheinlich bin ich leer ausgegangen«, versuchte Erwin einen Scherz.

»Nein, ich«, klärte ihn Clara auf.

»Glaub ich nicht«, widersprach Fanny.

Der kleine Salo, zu dünn, immer blass und als schlechter Esser familienberüchtigt, verlangte einen Nachschlag; nach dem zweiten Stück Hühnerbrust leckte er seinen Teller sauber. Josepha aber weinte in der Küche. Erwin hatte nur ein paar Löffel von der Suppe, einen einzigen Hechtkloß und kaum etwas vom Hauptgang gegessen. »Kein Wunder, dass meinem Bub der Appetit vergangen ist«, klagte sie. »Ausgerechnet beim letzten Schabbes kann er nichts essen. Das werde ich diesen gottverdammten Nazis nie verzeihen.«

Obwohl Josepha die große Gemüseschale vom Limoges-Geschirr in Händen hielt und von dem kostbaren Service seit Jahren kein Stück mehr zu kaufen war, drückte Betsy ihre Köchin an sich. »Wir dürfen es ihm nicht schwer machen«, mahnte sie. »Wir müssen so tun, als glaubten wir immer noch, dass alles gut wird. Menschen, die ihre Heimat verlassen, brauchen Sicherheit, Josepha. Etwas, an das sie sich klammern können. Am besten, wir servieren jetzt das Dessert. Ihr Nachtisch hat immer Kinderwunden geheilt, Josepha.«

Die Zitronencreme mit fein geriebenen Schokoladenstreuseln und Löffelbiskuits, in hellgrün getönten Sektkelchen mit einer eingemachten Sauerkirsche vom eigenen Baum serviert, bewirkte die alten Wunder. Salo, der eben noch über das mütterliche Verbot geweint hatte, die Tafel ohne Erlaubnis zu verlassen, fragte verlangend: »Warum ist nicht immer Schabbes?«

»Dummkopf!«, beschied ihn seine Schwester. Sie war noch nicht alt genug, um sich, wie ihre beiden Großmütter, an einem vierjährigen Philosophen zu erfreuen. Mit ihren sechs Jahren ahnte sie aber schon, wie es um die Endgültigkeit im Leben der Menschen bestellt ist.

»Werde ich«, fragte sie, »Onkel Erwin und Tante Clara nie mehr wiedersehen? Und Claudette. Ist Verreisen wie tot sein?«

»Pst«, sagte ihre Mutter. »Was dir auch immer einfällt, Kind. Das jammert ja einen Hund.«

»Lass sie reden«, hielt Johann Isidor seiner schwierigsten Tochter vor. »Klugen Menschen verbietet man nicht den Mund. Und klugen Kindern schon gar nicht.«

Nach dem Mokka wurde es still. Fanny und Salo, sonst bei jeder Gelegenheit kampfbereit und wortgewaltig, schliefen im grünledernen Ohrensessel, aneinandergeschmiegt wie ein Liebespaar, das an die eigenen Träume glaubt. Fremde hätten gemutmaßt, die Kinder würden fiebern, doch die kleinen Feuereisens hatten lediglich die Reste in den Likörgläsern aufgeschleckt und den üblichen Feiertagsrausch.

Von den Erwachsenen traute sich keiner, das zu sagen, was ihn bewegte. Einmal, als ihre Eltern und die Witwe Feuereisen aussahen, als würden sie in den kurzen Schlaf flüchten, der ein paar Atemzüge lang das Leiden an der Welt zu lindern vermag, stand Clara auf. Sie umarmte erst Victoria und dann Anna. In diesem Moment der Bekennung, da sie sich der Wahrheit auslieferte, war Clara ihren Schwestern so verbunden wie nie zuvor.

»Mach’s uns nach«, flüsterte sie Victoria zu, »der Kinder wegen.«

»Wir sehen uns wieder«, tröstete sie Anna. »Wir müssen daran glauben.«

Der Familienrat, bestehend aus Johann Isidor, Frau Betsy und Josepha, war sich einig: die schlaftrunkenen Kinder, Victoria und erst recht ihre Schwiegermutter, die abends über den kleinsten Stein stolperte, sollten in der Rothschildallee übernachten. Alicens Zimmer war immer noch so, wie sie es hinterlassen hatte, das Bett bezogen, die Couch mit Kissen und einem Plüschäffchen bestückt und genug Decken, dass Fanny und Salo auf der Erde schlafen konnten. Anna und Hans sollten im vierten Stock bei Clara übernachten.

»Die Frankfurter Nächte eignen sich nicht mehr gut für Fahrradtouren«, meinte Erwin.

Niemand kam auf die Idee, dass er, der sich den ganzen Abend in seine Beklemmung und Zukunftsangst zurückgezogen hatte, zum Schluss aufstehen und mit dem Kaffeelöffel ans Glas klopfen würde.

»Nein, nicht die feine Damenrede«, wehrte er ab, »und auch kein Aufruf zum Spenden für einen Kreuzzug ins Gelobte Land. Nur eine Bitte, aber weiß Gott keine kleine. Wir alle drei möchten nicht, dass einer von den hier Anwesenden mit zum Bahnhof kommt. In dem Moment allein zu sein, wenn das Herz bricht, macht es möglich weiterzuleben. Aber ein Abschied mit Tränen bedeutet, ein Leben lang den Schmerz nicht mehr loszuwerden.«

»Genauso hat Otto gedacht, nur konnte er es nicht so poetisch ausdrücken wie du. Er wollte durchaus allein in den Krieg.«

»Und hast du ihn gelassen, Vater?«

»Selbstverständlich«, sagte Johann Isidor. Er errötete nicht. Um ein Haar hätte er gar gelächelt. Lügen in der Not und aus Liebe hatten sein Gewissen nie beschwert. Nur vermied er es, Betsy anzuschauen.

Der Zug fuhr um sechs Uhr in der Frühe ab. Er stand mit dampfender Lokomotive auf dem Gleis, als Erwin, Clara und Claudette hinter dem Gepäckträger herliefen. Sie gaben sich Mühe, wie ganz gewöhnliche Reisende auszusehen, die es im Novembernebel nach Italiens Sonne dürstete – nicht wie nervöse Auswanderer, auf die das Exil wartete. Bis zur letzten Reisetasche hatten sie die Ratschläge der Erfahrenen befolgt, kein teures Gepäck, sondern handliche kleine Koffer mitzunehmen, denen man Gebrauch und Verschleiß ansah. Die Entwicklung in Deutschland war Ende 1937 auch schon so weit, dass eine Gruppe weinender Menschen, die sich um einen Reisenden scharte, Aufmerksamkeit erregte. Als Clara in den Zug einstieg, sah sie die Männer im schwarzen Mantel und mit schwarzem Hut, vor denen man sie gewarnt hatte. Es hieß, die Gestapo würde alle Züge überwachen, die ins Ausland fuhren.

Erwin hatte noch ganz andere Geschichten gehört, von greisen Männern, die man aus dem Zug geholt und des Schmuggelns bezichtigt hatte, von Ehepaaren, die getrennt worden waren und die Wochen später eine Postkarte aus Buchenwald geschrieben hatten. Von dem, was er wusste, hatte er mit niemanden gesprochen. Er nickte Clara zu. »In Italien ist es vorbei«, flüsterte er.

»In Kufstein«, schniefte Clara. »Österreich kommt vor Italien. Ich glaube, jetzt wird es endgültig Zeit, dass du dich in der Welt auskennen lernst.«

»Das ist ja noch nicht einmal Gott gelungen. Sonst würden wir nicht hier sitzen.«

»Was ist vorbei«, fragte Claudette, »der Schmerz?«

Sie saßen im stehenden Zug und hofften, sie würden allein im Abteil bleiben. Rosen im Korb einer Blumenfrau narrten die Augen mit ihrer Schönheit, doch sie ließen das Herz erstarren.

»Ich bin noch nie weiter als Baden-Baden mit der Eisenbahn gefahren«, fiel Clara ein.

»Und ich nach Berlin«, seufzte Erwin, »doch das war in einem anderen Leben.«

»Ich hab’s nur bis Bad Vilbel geschafft«, sagte Claudette. Sie zog mit aller Kraft an einem Ledergurt und ließ das Abteilfenster herunter. Die einströmende Luft war kalt und feucht. Dennoch atmete die Reisende tief ein. Einen Herzschlag lang genoss sie die Befreiung und den Anblick eines Kindes mit weißen Gamaschen und einem kobaltblauen Luftballon in der Hand.

Claudette lehnte sich weit zum Fenster hinaus, Rücken und Nacken waren steif und kalt. Dann wurde ihr bewusst, dass ihre Augen brannten und das Herz trommellaut schlug. Jeder Atemzug strengte sie an. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich umzudrehen. Sie starrte in das dunkle Abteil, machte den Mund auf und wieder zu, doch sie war nicht fähig zu sagen, was sie gesehen hatte.

»Claudette, was ist denn? Du siehst so seltsam aus. Du darfst es nicht so nahe an dich heranlassen. Das ist nur der Anfang.«

»Der Opa«, stammelte Claudette, »er ist doch gekommen.«

Johann Isidor, barhäuptig und in einem zu dünnen Mantel, auch in seinen leichten Sommerschuhen, hatte sich nicht die Zeit genommen, um Hut und Wintersachen zu suchen. Trotzdem sah er nicht abgehetzt aus und schon gar nicht wie ein Mann, der sich geniert, weil er sein Wort nicht gehalten hat. Er stand aufrecht am Bahnsteig, sicher wie einer, der noch mehr Lebensjahre vor sich hat, als er zählen kann. Mit einer Hand berührte er die Wand vom Abteil.

»Opabär«, hauchte Claudette, »ich hab’s mir so gewünscht.«

»Meine Lieblingsenkelin«, sagte Johann Isidor. »Ja, das bist du und das bleibst du. Erzähl das bloß nicht Fanny. Und schon gar nicht ihrer eifersüchtigen Mutter.«

»Ich kann’s ihr doch gar nicht mehr erzählen.«

»Wortklauberisches Gör.«

Sie standen dicht gedrängt im Fensterrahmen und wärmten sich aneinander. Ihre Gesichter waren spitz und grau und von einer Trauer verzerrt, wie sie keiner von ihnen je erlebt hatte, doch für den Vater waren es Kinderaugen, in die er schaute. »Ich konnte nicht anders«, sagte er, »es hat einfach nicht geklappt. Bei Otto war es damals genauso, aber ich glaube, er war froh, als ich zum Ostbahnhof kam. Er sah so verloren aus. Wie bestellt und nicht abgeholt.«

»Ich bin auch froh, Vater«, sagte Erwin. »Ich wollte, ich könnte jetzt etwas Gescheites sagen, etwas, an das du dich ein Leben lang erinnern kannst, doch es fällt einem so verdammt wenig ein, wenn man aus der Heimat abfährt.«

»Du fährst nicht aus der Heimat ab, mein Sohn. Du lässt die Hölle hinter dir.«

Johann Isidor Sternberg, der Vater, dem sein deutsches Vaterland zum zweiten Mal einen Sohn entriss, blickte dem abfahrenden Zug noch lange nach. Er bezweifelte, dass Erwin noch verstanden hatte, was er ihm eben noch zugerufen hatte. Jedoch erst in dem Moment, da er eine Bewegung machte, seinen Hut zu richten und ihm einfiel, dass der im Flur in der Ablage lag, lief Johann Isidor eine Träne die Wange herunter.

Weil ihm vor dem Ziel schauderte – die leer gewordene Wohnung mit zwei weinenden Frauen –, beschloss er, den weiten Weg nach Hause zu Fuß zu gehen. An dem Wagen mit den blauen Luftballons, von denen einer eine Viertelstunde zuvor einen Hauch von Lebensfreude in Claudettes wundes Herz gezaubert hatte, kaufte er ein mit Leberwurst belegtes Brötchen. Fette Wurst hatten ihm sowohl Doktor Meyerbeer als auch Betsy verboten. Später kaufte er eine Zeitung und schließlich eine Packung Mandelkekse, die Josepha so gern aß und nie gebacken hatte, weil Erwin keine Nüsse mochte. An den breiten steinernen Pfeiler vor seinem Haus, das ihm bald nicht mehr gehören würde, hatte jemand »Juden nach Dachau!« geschmiert. Die schwarze Farbe war noch feucht. Johann Isidor zuckte noch nicht einmal zusammen. Der Gedanke machte ihn froh, dass für Claudette die Zeit der Angst und Beschämung vorbei war.

Im ersten Stock keifte ein Hund. Es dauerte eine Weile, ehe Johann Isidor einfiel, dass es der glückliche, ahnungslose Snipper mit den zuversichtlichen Augen war, der da bellte. »Auf den Hund gekommen sind wir«, sagte er zu Betsy.

Sie war dabei, das zu tun, was sie seit vierzig Jahren immer Mitte November getan hatte, die Sommergarderobe zu versorgen. Josepha war mit Sommerjacken, leichten Riemchenschuhen und Seidenkleidern unterwegs zum Speicher.

Johann Isidors Hände wurden klamm. Er spürte Schweißtropfen auf der Stirn und rief gellend: »Nein!« In genau diesem Moment sah er die helle Jacke mit den beiden tiefen Taschen, die er bei den langen Spaziergängen mit Meyerbeer getragen hatte. »Lass das«, sagte er, »wenn ich schon hier bin, kann ich die Taschen ja selbst leer machen.« Der Schweiß auf seiner Stirn wurde eiskalt. Ohne Erbarmen prügelten die Bilder auf ihn ein, sie jagten einander in einen Brunnen ohne Boden. Erst heulte der Wind, dann tobte der Sturm.

»Das Gift«, erklärte Betsy, »habe ich schon vor Ewigkeiten aus der Jacke genommen. Der gute Meyerbeer wird immer schusseliger. Er hat sich verplappert.«

»Und was sollen wir machen, wenn es so weit ist? Die Schläge kommen immer näher.«

»Das Thema vertagen«, sagte Betsy, »bis wir ausschließlich an uns selbst denken dürfen. Hast du vergessen, dass Victoria und die Kinder noch hier sind, dass Anna bleiben muss und Josepha keinen Menschen außer uns hat?«

Betsy wurde verlegen, als ihr Mann sie umarmte. Sie waren es beide nicht mehr gewöhnt, Gefühl zu zeigen. Und doch wärmte sie der Augenblick, als ihre Lippen und ihre Körper zueinanderfanden. Es drängte sie sogar, von ihrer Liebe zu sprechen, jedoch das Wort war ihnen abhandengekommen. Johann Isidor siegte im Kampf gegen die widerborstige Zunge.

»Dein Mann ist ein ganz großer Taugenichts«, sagte er leise.

»Ein Schlemihl ist er«, widersprach Betsy. Genau das hatte sie zwanzig Jahre zuvor schon einmal gesagt.