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WIEDERSEHEN MIT BADEN-BADEN
Herbst 1933
Für Fräulein Josepha Krause, die allenfalls Weihnachten Post erhielt und dann ausschließlich Karten mit brennenden Kerzen und Harfe spielenden Engeln, lag Ende Juli 1933 ein Schreiben vom Frankfurter Arbeitsamt im Hausbriefkasten. Die »Antragstellerin« wurde aufgefordert, umgehend »in der Abteilung für Dienstpersonal und unter Vorlage sämtlicher Personalpapiere vorstellig zu werden«. Allerdings war das Wort »Antragstellerin« ersatzlos gestrichen worden, ein Hinweis auf den Umstand, dass das Arbeitsamt noch keine hinreichende Erfahrung mit derartigen Briefen hatte.
Johann Isidor verschob seinen Mittagsschlaf, um seiner aufgeregten Köchin das Schreiben zu erklären. »Sie sollen auf das Arbeitsamt kommen, Josepha. Dort wird man Ihnen sagen, dass es sich für eine deutsche Frau nicht mehr schickt, den Juden ihre Suppe zu kochen. Und sobald Sie bei uns gekündigt haben, wird man Ihnen eine Stelle verschaffen, auf der Sie Ihr täglich Brot auf ehrenvolle Weise verdienen.«
»Was Sie da sagen, verstehe ich auch nicht, Herr Sternberg. Von einer neuen Stelle steht nichts drin.«
»Wie kommst du bloß auf solche Einfälle?«, redete sich Betsy in Zorn. »Das kann doch eine reine Routineangelegenheit sein. Die Nazis stehen halt überall unter dem Zwang, zu zeigen, dass sie die Sache im Griff haben. Es führt doch zu nichts, wenn man immer sofort das Schlechteste annimmt.«
»Meine Liebe, heutzutage führt es auf direktem Weg zur Wahrheit, wenn man das Schlechteste annimmt. Erkundige dich bei Frau Meyerbeer. Ihre Hanna haben sie auch aufs Arbeitsamt bestellt. Sie ist seit vierzig Jahren im Haus und hat’s in den Beinen. Meyerbeers haben sie durch die Lungenentzündung gepflegt, an der sie um ein Haar gestorben wäre, und für ihren unehelichen Sohn hat der gute Adolf das Schulgeld bezahlt, die wiederholten Aufenthalte im Kinderheim an der See, weil der Bub Asthma hatte, und den Konfirmationsanzug, den er eigentlich nicht gebraucht hätte, denn er ist aus der Kirche ausgetreten und in die SA eingetreten. Aber auf dem Arbeitsamt hat Hanna erfahren, dass die Juden ihr Personal bis aufs Blut aussaugen. Man hat ihr eine Stelle als Putzfrau bei einer Kirchengemeinde in Niederrad angeboten.«
»Das beweist, dass die garstige Gustel keine miese kleine Diebin ist, sondern eine deutsche Bannerträgerin, auf die der Führer stolz sein kann. Die Jungfrau aus Friedberg hat es den Juden nur heimgezahlt, dass sie deren Kindern den Hintern abwischen musste«, mischte sich Erwin ein. »Komm, Josepha, du wirst dich doch nicht von so einem läppischen Brief ins Bockshorn jagen lassen. Das sind doch nur Versuchsballons, um herauszubekommen, wie schnell man die kleinen Leute kirre kriegt. Es gehört sich nicht zu weinen, wenn du mich zur Grünen Soße eingeladen hast und ich mir eigens für dich den Hals gewaschen habe.«
»Ich habe die Soße ja extra für dich gemacht«, stellte Josepha klar. »Wer konnte denn wissen, dass so etwas passiert.«
»Merk dir, ab jetzt kann jeden Tag so etwas passieren. Zu Weihnachten kaufe ich dir Scheuklappen, und Anna strickt dir Ohrenschützer. Die können wir jetzt alle gebrauchen.«
Gustel, der Victoria ihre Kinder anvertraut, nach Salos Geburt das Gehalt erhöht und zu deren Entlastung sie eine Putzfrau engagiert hatte, war am 1. Mai, der nun auf Weisung der Reichsregierung »Tag der nationalen Arbeit« hieß, zu ihren Eltern ins heimatliche Friedberg zurückgekehrt. Für immer. Die Familie Feuereisen, bei der das aufmüpfige Mädchen so widerwillig gearbeitet hatte, hatte sie nicht geräuschlos verlassen. Morgens um halb sieben – Victoria war gerade dabei, Salo zu stillen und ihrer zweieinhalbjährigen Tochter bei Wohlverhalten einen Besuch im Zoo in Aussicht zu stellen – wurde die Wohnungstür mit einem Knall zugeschlagen, der durch das ganze Haus hallte. Den Mieter der darüberliegenden Wohnung veranlasste der Donnerschlag, mit dem Besenstiel auf den Fußboden zu dreschen und »Pack, verdammtes!« zu schreien.
»Gustel ist fortgefliegt«, freute sich Fanny.
Wie sie auf die Idee gekommen war, konnte nicht festgestellt werden. Die Aufregung war zu groß, als dass ihre Eltern die Muße gehabt hätten, sich mit den Phantasien und Wortschöpfungen ihrer begabten kleinen Tochter zu beschäftigen. Auf dem Küchentisch, an die Kaffeekanne vom Rosenthal-Service mit einem Faden gebunden, der sonst für Rindsrouladen und zum Fixieren von Gänseschenkeln benutzt wurde, lag ein Bogen nun nutzlos gewordenes Briefpapier aus der Anwaltskanzlei Doktor Friedrich Feuereisen. Darauf hatte Gustel in Blockbuchstaben mitgeteilt: »Ich arbeite nicht mehr bei Euch Juden.« Statt zu unterschreiben, hatte sie ein riesiges Hakenkreuz gemalt.
Es war Fritz nicht gelungen, seine Frau zu beruhigen. Die Kinder, besonders Fanny, hatten mit ihr geweint. Salo hatte die Brust verweigert, Fritz seine Schwiegermutter zu Hilfe holen müssen. Die resolute Betsy hatte ihm Frühstück gemacht, die Kinder angezogen und sodann den Tränenfluss ihrer laut schluchzenden Tochter abrupt mit der zwar herzlosen, aber sofort wirkenden Bemerkung gestoppt: »Wann geht dir endlich auf, dass du mit deiner gotteslästerlichen Hysterie alles noch viel schlimmer machst, als es ist?«
Im Laufe des Tages hatten Victoria und Betsy entdeckt, dass Gustel einen großen Teil des Familiensilbers mitgenommen hatte, außerdem Fritzens vom Vater geerbten Siegelring und Victorias goldenes Collier mit dem wertvollen Smaragdanhänger, das Hochzeitsgeschenk ihrer Schwiegermutter. Fritz, obwohl von seiner Frau als Zauderer beschimpft, der nicht genug Mumm hätte, für »sein Recht zu kämpfen«, weigerte sich, Anzeige zu erstatten.
»Ein gelöschter jüdischer Anwalt hat nicht die Bohne einer Chance, gegen ein rassereines deutsches Dienstmädchen recht zu bekommen«, erklärte er sowohl seiner Frau als auch der übrigen Familie. »Sie braucht bei Gericht nur zu behaupten, ich hätte ihr unter den Rock gegriffen. Dann geht sie hoch erhobenen Kopfes aus dem Gerichtssaal und ich mit gefesselten Händen ins Gefängnis. In München haben sie einen Rechtsanwalt, der sich über die sogenannte Schutzhaft seines Mandanten beschwerte, mit abgeschnittenen Hosenbeinen barfuß durch die Stadt getrieben. Um den Hals haben sie ihm ein Schild mit der Aufschrift gehängt: ›Ich werde mich nie wieder beschweren.‹ Ein ehemaliger Kollege aus München hat’s mir erzählt.«
Vier Tage nach Erhalt der Aufforderung vorzusprechen, machte sich Josepha zum Arbeitsamt auf. Zu Hause erklärte sie, sie ginge zum »Fußdoktor wegen meinem kaputten Knie«, was Betsy insofern verwunderte, weil ihre Köchin alle Ärzte – mit Ausnahme von Doktor Meyerbeer, der seit dreißig Jahren phantasievolle Loblieder auf ihre Dampfnudeln sang – für geldgierige, gewissenlose Scharlatane hielt. Betsy fiel auf, dass Josepha weder ihr Sonntagskleid noch ihre guten Schuhe anzog, doch sie tat, als merke sie nichts. Die Köchin verließ das Haus mit ihrem Henkelkorb. Zwar kaufte sie montags selten ein, doch schien ihr der Henkelkorb eine gute Stütze für einen Weg, der sie sehr viel mehr beunruhigte, als es jeder Arztbesuch getan hätte. Noch ehe sie die Berger Straße erreichte, beschloss sie allerdings, doch für die ganze Woche einzukaufen. Schließlich machte gerade ein voller Korb den Leuten klar, dass die, die ihn trug, eine große Familie zu versorgen und wahrlich keine Zeit für überflüssiges Geschwätz hatte.
So geschah es, dass die Köchin Josepha Krause aus der Rothschildallee, in ihrem dreiundsechzigsten Jahre stehend, heftig schnaufend und mit hochrotem Kopf auf dem Frankfurter Arbeitsamt eintraf – Abteilung Hauspersonal. Eingekauft hatte Josepha zwei Kilo Kartoffeln, drei Salatköpfe, Karotten, Zwiebeln, zehn Salzheringe, die in Zeitungspapier gepackt waren, Gewürzgurken und genug Handkäse, um mindestens zwei Familien satt zu bekommen. Der Käse war genau in jenem weit gediehenen Reifezustand, den man in Frankfurt schätzt; auf dem Flur des Arbeitsamts roch er trotz des schützenden Tuchs, das über dem Korb gespannt war, so penetrant scharf, dass Fräulein Krause keine zehn Minuten vor der Tür des zuständigen Beamten zu warten brauchte. Sie war noch ein wenig außer Atem vom langen Weg und der schweren Last, als der Befehlshaber von Zimmer 15, zweiter Stock links, sie laut und naserümpfend zu sich rief. Der Mann trug ein braunes Jackett, das wie eine Uniformjacke gearbeitet war, seine Hose steckte in blank polierten Stiefeln. Er streckte seine schmale Brust vor und scherte sich keinen Deut darum, dass zwei Frauen im Chor – obwohl eingeschüchtert, doch unmissverständlich – darauf hinwiesen, dass sie seit vierzig Minuten warteten und »die da« eben erst gekommen wäre.
Obgleich sich Josepha wortreich wehrte, musste sie ihren Korb im Flur zurücklassen. Dennoch erwies sich die Unterredung zwischen dem Amtmann Hasenroth und ihr zunächst als nicht so unangenehm, wie sie nach der rohen Trennung von ihrer Habe erwartet hatte. Wilhelm Friedrich Hasenroth, seit fünf Jahren im Beamtenstand, war ein Mann mit trübgrauen Augen und von grauer Gesichtsfarbe. Der Krieg hatte ihm sowohl einen großen Teil seiner Hörkraft als auch seinen gesamten Lebensmut genommen. Wann immer er seine Arbeit an seinen Aufgaben im Krieg maß, missfiel sie ihm; seit der Machtübernahme empfand er die ihm abverlangten Pflichten als eines Mannes nicht ganz würdig, dessen Mut und Eifer an der Westfront mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden waren.
Ihres Alters wegen bot er Josepha den Hocker an, auf der sonst seine Aktentasche und eine abgenutzte Feldflasche mit kaltem Kaffee lagen. Dem Amtmann war klar, dass solche Rücksichtnahme auf einer deutschen Behörde nicht Brauch war, doch in kleinen Dingen zeigte er sich eigenwillig. So ließ er die Frau, die ihm stocksteif gegenübersaß, grundsätzlich ausreden, obwohl sie seine Fragen in der umständlichen Art alter Leute beantwortete und unangenehm oft auch noch eine Gegenfrage stellte. Der Verkehrston wurde erst beamtenbedrohlich, als Hasenroth von Josepha wissen wollte, ob sie nicht schon mal daran gedacht hätte, sich eine Stelle »bei ordentlichen Deutschen zu suchen«. Auf ihre Reaktion war er trotz seiner langjährigen Erfahrungen mit Leuten aus dem Volk nicht gefasst. Mit einem pferdeähnlichen Lachen, das Hasenroth bei einem Dienstboten als besonders ungehörig und gegenüber einem Beamten als eine Provokation ersten Ranges empfand, stand Josepha auf. Erregt gestikulierte sie mit beiden Händen vor der Beamtennase.
»Die Sternbergs«, sagte sie so laut und überdeutlich, dass selbst der schwerhörige Amtmann zusammenzuckte, »sind bessere Deutsche als so manch andere Leut’, die heute ihr Maul aufreißen. Ihr Sohn ist für Deutschland gefallen. Gerade mal achtzehn Jahre alt war unser Bub, und ich hab ihm noch ein Paket mit Kuchen und Leberwurst in den Krieg geschickt, aber das hat er nicht mehr gekriegt. Und zum Dank hat man seinem Vater jetzt die Schaufensterscheiben von der Posamenterie und den beiden anderen Geschäften beschmiert.«
»Ist schon gut«, befand Herr Hasenroth. Es war ihm zuwider, wenn ihm die Leute Privates zumuteten, doch für alte Menschen hatte er mehr Verständnis, als derzeit politisch genehm war. Seine Mutter war fast neunzig und nicht davon abzubringen, vom »Kaiser Hitler« zu sprechen und in der Metzgerei »Guten Morgen, heil!« zu sagen. Nur – als deutscher Beamter war Wilhelm Friedrich Hasenroth es nicht gewohnt, dass man ihm widersprach. Es kränkte ihn besonders, dass dies ausgerechnet eine Köchin wagte, die bald von der Zeit ihre Quittung erhalten würde. Verdrossen ordnete Hasenroth die Stempel auf seinem Schreibtisch, er hauchte dem Stempelkissen Leben ein und säuberte seine Hände an einem blauweiß karierten Taschentuch. Dann holte er seine Butterbrotdose aus der Aktentasche und nickte in Richtung Tür. »Wir sehen uns wieder«, wusste er. »Und beim nächstes Mal erwarte ich mehr vaterländisches Verständnis von Ihnen, Fräulein Krause. Ach ja, was ich Sie noch fragen muss: Ist es schon vorgekommen, dass Ihr Chef Sie belästigt hat?«
»Das können Sie mir glauben! Dem fällt beim Essen immer die Serviette vom Schoß, und ich hab’s in den Knien.«
»Ich meinte geschlechtlich, Fräulein Krause«, erläuterte der Amtmann. »Von den Juden erzählt man sich gerade in dieser Beziehung Dinge, die einem Christenmenschen widerstreben in den Mund zu nehmen.«
»Herr Sternberg ist dreiundsiebzig und hat sechs Kinder, und ich habe seit Jahren vergessen, wie’s geht.«
Josepha hatte kein Talent, Begebenheiten wiederzugeben, und schon gar nicht das dafür nötige Gedächtnis für Gespräche und Situationen. Jedoch den letzten Satz, der zwischen ihr und Amtmann Hasenroth gesprochen wurde, merkte sie sich. Wort für Wort. Selbst Claudette, nur noch in den Vorstellungen von Menschen, die die neue Zeit verschont hatte, ein argloser Backfisch, prustete sich in die einstige Jungmädchenseligkeit: »Mann, wäre ich da gern dabei gewesen!«
Die wohltuende Atempause zwischen einer Hoffnung ohne Anlass und dem permanenten Schrecken mit Anlass überdauerte noch nicht einmal die Woche. Am Freitag erhielt Doktor Friedrich Feuereisen, nun weder Rechtsanwalt noch Notar und nahezu ohne Einkommen, es sei denn, seine ehemaligen Mandanten zahlten die noch ausstehenden Honorare aus freien Stücken, einen Brief von seinem Hauswirt. Ab dem 1. August 1933, ließ der Mann der Macht wissen, erhöhe sich die Miete für die Wohnung Feuereisen um vierhundertundfünfzig Mark. »Zudem weise ich Sie auf allgemeinen Wunsch meiner Mieter darauf hin, dass Sie keine Genehmigung haben, einen Kinderwagen im Hausflur abzustellen, und dass Tierhaltung in meinem Hause verboten ist. Mithin bedeutet der Sie regelmäßig besuchende Hund namens ›Snipper‹ einen böswilligen Verstoß gegen die Vorgaben Ihres Mietvertrags. Auch die Einhaltung der Mittagsruhe zwischen ein und vier Uhr ist mit allem Nachdruck anzumahnen. Meine langjährigen Mieter haben sich wiederholt über das laute Kindergeschrei beschwert, das gerade in den Mittagsstunden aus Ihrer Wohnung zu vernehmen ist. Sollten Sie da keine Abhilfe schaffen, ist das weitere Bestehen Ihres Mietvertrags ernsthaft infrage zu stellen.«
»Früher«, sagte Fritz erschöpft, »hätte ich dem Kerl zurückgeschrieben: Ich habe meinem einjährigen Sohn Ihren Brief vorgelesen, und er hat sich eidesstattlich verpflichtet, jegliche Unmutsäußerungen in den von Ihnen angegebenen Zeiten zu unterlassen. Aber jetzt muss ich meiner Frau klarmachen, dass unsere Tage in der Günthersburgallee gezählt sind. Mensch, Erwin, du glaubst gar nicht, wie oft ich dich beneide. Glühend beneide. Du hast keine Familie, die dich braucht. Du bist nur für dich selbst verantwortlich.«
»Mit Vicky wäre ich ohnehin nicht verheiratet. Ich hätte gar nicht die Kraft, ihr die Träume und Flausen aus dem hübschen Kopf zu trommeln, die einen Mann um seinen Verstand bringen. Aber du täuschst dich, wenn du mich für einen freien Mann hältst, Fritz. Es stimmt, dass mich keine Frau aufs Standesamt gekriegt hat. Mir wird nämlich nie eine näherstehen als Clara. Und gerade deshalb muss ich für sie sorgen. Für sie und ihre Tochter. Ich glaube, das steht schon so in der Bibel. Gott lässt es also nicht zu, dass ich vom Dom springe oder Zyankali schlucke, ehe Clara und Claudette wieder eine Zukunft haben.«
»Und woher soll in diesem Land eine Zukunft kommen?«
»Ich sprach nicht von unserem Vaterland, dem teuren. Nur wenn du mich schon so anschaust, als würde es sich lohnen, mit mir über das Wort zu diskutieren, will ich dir auch die volle Wahrheit gestehen. Erwin Sternberg, der um ein Haar ein zweiter Rembrandt geworden wäre, hat sich auf die zionistischen Ideale seiner frühesten Jugend besonnen. Diesmal ohne dass ihm sein Vater mit Enterbung droht. Die Zionisten haben schon früh gewusst, dass Deutschland nicht die Heimat der Juden ist.«
»Sag nur, du denkst daran, nach Palästina auszuwandern! Ich weiß, dass es das gibt, nur habe ich noch nie jemanden persönlich kennengelernt, der es auch tun will.«
»Moses. Allerdings hat der es nicht ganz geschafft, aber heutzutage geht man ja die Strecke nicht mehr zu Fuß. Und nicht mehr in Begleitung der Kinder Israels, die nach den Fleischtöpfen Ägyptens jammern. Außerdem ist es noch lange nicht so weit. Weder bei Clara noch bei ihrem Bruder. Johann Isidor Sternberg, ehemals des Kaisers treuester Diener, hätte da ja ein gewaltiges Wort mitzureden. Er hat das Geld, das es kosten wird. Ich nur das Hirn, das man allerdings auch braucht. Seit dem Boykott hat mein Vater mächtig dazugelernt. Er hält junge Zionisten nicht mehr für die jüdische Version des deutschen Wandervogels, und ihm schwant, dass Palästina weit mehr ist als der Schauplatz von Nathan dem Weisen und den tröstlichen Sprüchen von der Gleichheit der drei Religionen. Übrigens haben meine entsprechenden Recherchen ergeben, dass es sich leicht reist, wenn sie dir die Würde und die Ehre genommen haben. Vielleicht ist das auch für dich interessant.«
»Jetzt beneide ich dich erst recht. Ich habe es in Sachen Zukunftsplanung bisher nur zu drei minderbegabten Damen gebracht, die bei mir dreimal in der Woche Englischunterricht nehmen. Im ersten Moment hielt ich das für das große Los. Immerhin habe ich seit dem Abitur weder Englisch gesprochen noch gelesen, und trotzdem verdiene ich bombig. Nur ungefähr fünfundachtzig Prozent weniger als ein Justizwachtmeister im ersten Berufsjahr.«
»Du musst zur Ruhe kommen, Fritz, sonst packst du das alles nicht. Du bist immer noch im Schockzustand. Allerdings hab ich leicht reden. Mich haben die Nazis ja nicht um meine Zukunft gebracht.«
»Wenn du mich fragst, haben sie aus dir einen Mann gemacht, der uns alle beschämt.«
Am 15. August, auf den Tag genau zwei Wochen nach seinem ersten Brief, machte der Hauswirt seine Drohung wahr; er kündigte Friedrich Feuereisen die Wohnung in der Günthersburgallee – den Doktortitel sowie die in Deutschland selbst für Untergebene übliche Anrede »Herr« ließ er ebenso weg wie den Kündigungsgrund. Fritz war getroffen, aber doch weniger unglücklich als nach dem ersten Brief. Er hatte an nichts anderes mehr denken können als an die astronomische Mieterhöhung und dass er Monat für Monat seine Mutter oder seinen Schwiegervater um Hilfe würde bitten müssen, um die Wohnung halten zu können. »Wir haben die Nieten gezogen«, sagte er beim Abendessen zu Victoria. »Der Mann, von dem du gedacht hast, er wäre das große Los, Vicky, hat sich als eklatanter Fehlgriff entpuppt. Das hast du weiß Gott nicht verdient. Gleich wird dir der Kerl sagen, er will zurück zu seiner Mama.«
»Komisch, das habe ich mir auch schon überlegt. Also hör auf, dich kleinzumachen. Das hat keine Frau verdient. Jedenfalls kann uns so etwas in der Beethovenstraße nicht passieren. Da hat deine Mutter das Sagen. Ihr gehört das Haus.«
»Noch.«
»Hast du nicht immer gesagt, Hausbesitzer werden in ein Buch eingetragen, und das ist endgültig?«
»Ins Grundbuch. Aber für die Juden in Deutschland ist nichts mehr endgültig. Hitler hat die fließende Rechtsprechung eingeführt.«
Victorias besonnene, couragierte Reaktion auf die Kündigung der Wohnung, von der sie eine Jugend lang geträumt hatte, erstaunte alle. Ihre Eltern kamen sogar zu dem Schluss, dass Victoria vielleicht doch weniger Schaden durch Tante Jettchens verwöhnende Hand genommen hatte, als von ihnen angenommen. Clara, die sich mehr über die Wohnungskündigung aufgeregt hatte als die Betroffenen selbst, streichelte ihrer Schwester die Wange, was bei Clara, die gegenüber Vicky weit häufiger zu Kritik als zu kosenden Gesten neigte, größtmögliches Lob bedeutete. Ihre Schwiegermutter machte die überraschende Victoria überglücklich mit der Frage: »Was hältst du davon, wenn du jeden Abend deinen obdachlosen Enkeln Märchen erzählen kannst und Mademoiselle Fanny jeden Sonntag Grießpudding mit Himbeersoße auftischst?«
»Das ist mehr, als ich vom Leben erbeten habe«, antwortete Wilhelmine Feuereisen. Obwohl sie sich eine Närrin schalt, die Ursache und Wirkung verwechselte, errötete sie und wurde mit einem Herzschlag um zehn Jahre jünger. Am Abend versprach sie Gott, ihn nie wieder mit einer Bitte zu belästigen. Sie hatte, als ihr Sohn seine Existenz und allen Lebensmut verlor, sich nicht getraut, von den eigenen Sorgen zu sprechen. Ihre Untermieterin sollte zum Jahresende nach Wiesbaden ziehen, und Frau Wilhelmine hatte einen Berg von unlösbaren Problemen auf sich zukommen sehen: »Fritz«, schlug sie vor, »kann sofort kommen. Ich mache ihm sein altes Zimmer neben der Kammer zurecht. Nur für die Kleinen wird’s eng. Könntest du nicht bis Januar, wenn die anderen Zimmer frei werden, bei deinen Eltern unterkommen, Vicky? Da hast du es doch bequemer.«
»Ich kann«, erklärte Victoria, »aber bequem wäre das nicht, Minchen. Meine Mutter ist keine Bequeme. Ursprünglich wollte Gott aus ihr einen Dirigenten machen. Oder einen Löwendompteur.«
Die junge Frau Feuereisen wusste auch zu dirigieren. Vor allem im Kreis der Familie beherrschte sie immer noch die Kunst ihrer Kindertage, die Marzipanrose auf der Torte auf den eigenen Teller umzuleiten. In ihrem Fall war die süße Trophäe eine Reise, und die bedeutete Ferien, Flucht, Vergessen. Noch einmal eintauchen in die Vergangenheit, nicht sehen, was geschah, nichts mehr hören von Drangsalierung, Berufsverbot und Zukunftsangst, nicht erleben müssen, dass die Menschen, die man liebte, graue Gramgesichter und glanzlose Augen hatten. Ferien bedeuteten, in der Nacht den eigenen Mann nicht stöhnen zu hören und beim Aufwachen nicht vergebens auf die Wärme seines Körpers zu warten.
»Nur noch einmal leben wie früher, in der Sonne sitzen und an einem roten Lutscher lecken und darauf warten, dass Tante Jettchen um die Ecke biegt«, flüsterte Victoria ihrem Sohn ins Ohr. Salo der Verschwiegene gähnte, obwohl er schon seit Wochen zu lächeln wusste.
»Ich auch«, forderte Fanny. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und zupfte an ihren Locken.
»Musst’ nicht alles haben«, sagte ihre Mutter. »Das weiß keiner besser als ich.«
Victoria wartete noch zwei Wochen. Ratlos war sie, weil sie nicht deuten konnte, was ihr widerfuhr, und schuldbewusst, weil sie es dennoch ahnte. Ihre Wünsche und Träume gaben sie nicht frei. Das Verlangen, wenigstens für eine kurze Zeit das Damoklesschwert nicht zu sehen, das an einem seidenen Faden über dem Kopf der Juden in Deutschland hing, brannte in ihrem Körper wie ein Nagel, der glühend heiß in eine Tür aus Eisen gestoßen wird.
Es war zu Rosch Haschanah im September. Das neue jüdische Jahr wurde mit traditioneller Festlichkeit willkommen geheißen und so, als sei in dem Jahr, das soeben abgelaufen war, nichts von Bedeutung geschehen und auch in Zukunft kein Unheil zu erwarten. »Das«, sagte Erwin, und er hatte den Mut, beim Sprechen seinen Vater anzuschauen, »hat Hitler also schon geschafft. Er hat aus uns, die wir deutscher waren als die Deutschen, richtig gute, gottesfürchtige Juden gemacht.«
Die Challa allerdings fehlte. Selbst Josepha hatte nicht die Courage aufgebracht, noch einmal vor einem jüdischen Feiertag einen Mohnzopf zu bestellen. In den Silberleuchtern aber, die Betsy zur Hochzeit von ihrer Großmutter bekommen hatte, brannten die Kerzen wie seit Jahren. Ihr Licht spiegelte sich in den farbigen Weinrömern aus Böhmen, die nur an den hohen Feiertagen aus der Vitrine geholt wurden. Der Tisch war mit der weißen Damasttischdecke aus Betsys Aussteuer eingedeckt. »Zwölf Personen samt Servietten«, hatte sie mit Hausfrauenstolz in den Jahren der Fülle zu sagen gepflegt. Frau Winkelried, die Zugehfrau, die ihre jüdischen Arbeitgeber bis zu ihrem letzten Arbeitstag verachtet hatte, hatte eine Serviette beim Bügeln versengt und zwei gestohlen.
Die Kinder hatten Lätzchen mit Häkelrand um den Hals, Fanny rosa, Salo hellblau. Das hellblaue hatte Josepha für ihren Hätschelbuben Erwin gehäkelt und immer selbst gewaschen. Aus der Küche duftete die Hühnersuppe. Die gehackte Hühnerleber mit gebratenen Zwiebeln stand schon auf dem Tisch. In einer gravierten Silberschale mit Glaseinsatz. Den Deckel hatte Alice zerbrochen, damals vier Jahre alt und auf dem Weg, eine jüdische Prinzessin zu werden. Die Schuld hatte sie auf einen rothaarigen Troll mit schwarzen Zähnen geschoben, den nur sie sehen konnte.
»Es ist alles wie immer«, staunte Claudette.
»Dein Wort in Gottes Ohr«, erwiderte ihre Mutter. »Von jetzt ab hat dieses Wort seine ganz eigene Bedeutung.«
»Pst«, zischte Betsy, »nicht heute. Nicht am Jontef.«
»Wen willst du schonen, Mutter?«
»Mich.«
Zwischen dem in Honig getauchten Apfel, von dem sich die Tischgesellschaft wider besseres Wissen ein süßes Jahr erhoffte, und den Lachskugeln in geschlagener Eiersoße, an denen der kleine Salo auf Vaters Schoß schon lecken durfte, räusperte sich Victoria. »Uns bleiben«, sagte sie mit einer Stimme, die nur eine Spur weinerlich war, »noch genau fünf Tage in der Günthersburgallee. Ich bin dauernd am Überlegen, ob es für Fritz nicht doch leichter wäre, sich mit der Lage zu arrangieren, wenn er nicht mich und die Kinder als Klotz am Bein hätte. Wenigstens eine Weile.«
»Wie in aller Welt kommst du denn darauf?«, wunderte sich Fritz. Er reichte den krähenden Salo an seine Mutter weiter.
»Ach, meine Freundinnen haben mich darauf gebracht. Kätchen Karlitz hat ihr Mann zu seiner Schwester nach Bad Kreuznach geschickt. Susi Kleinmann ist schon eine ganze Zeit mit den beiden Kleinen in Baden-Baden. Sie hat mir gerade geschrieben und klang recht zufrieden. Das ist bei der guten Susi schon seit Jahren nicht der Fall gewesen.« Einen Moment schien es, als würde Victorias flinke Zunge ins Stolpern geraten. Sie fasste sich kurz an die Stirn – die gewohnte Andeutung, dass sie verlegen war und lieber geschwiegen hätte. Mit der linken Hand schob sie einen Teil von einem Lachskügelchen in Fannys Mund.
»Donnerwetter«, entfuhr es Johann Isidor. Er bohrte die Fischgabel in einen Lachskloß. Erwin grinste, als wäre er im Bilde. Fritz holte seinen protestierenden Sohn vom weichen Großmutterschoß zurück und hielt ihn sich vors Gesicht. Clara fixierte ihre jüngere Schwester und dachte Unfreundliches. Alice nicht minder. Anna lächelte sich fort vom Geschehen. Frau Betsy wurde klar, dass Victoria fortan nicht mehr die Trumpfkarte würde ausspielen können, sie wäre ein ahnungsloser Engel auf steter Suche nach Aufklärung. »Das Stück ist gelaufen«, stellte sie fest, doch nur die lauschende Josepha, die in der Küche den Kalbsbraten aufschnitt, begriff auf Anhieb, was die Hausherrin meinte.
Sobald irgendwo ein Feuer loderte, dessen Flammen auch sie bedrohten, pflegte sich Victoria einzuigeln und zurückzuziehen, zu schweigen und sich möglichst unsichtbar zu machen. Sie nahm sich gut in Acht, erst wieder aufzutauchen, wenn sich die letzten Rauchschwaden verzogen hatten. Seit dem Reichstagsbrand hatte die Meistertaktikerin alle, selbst ihren Mann und ihren Bruder, glauben lassen, sie würde die politische Entwicklung in Deutschland nicht in voller Tragweite begreifen. Die beschmierten Schaufensterscheiben der väterlichen Geschäfte und die Bestürzung ihres Vaters hatten sie zu keinem Kommentar veranlasst. Die Schilder »Kauft nicht beim Juden«, von denen wahrlich nicht alle nach dem Boykott verschwunden waren, schien sie zu übersehen. Die selbstbewusste Frau Feuereisen ging in die Stadt, als wäre sie immer noch das reiche Fräulein Sternberg mit dem vom Vater gut gefüllten Portemonnaie.
»Und nun«, zog Betsy Bilanz und wurde wieder die Mutter, die streng Gerichtstag hielt, »gibt uns unsere kluge Tochter zu verstehen, dass sie die ganze Zeit doch mitgedacht hat. Ich habe schon immer geahnt, dass sie ihren Kopf nicht nur als Hutständer benutzt. Bravo, Victoria. Du hast dir ja schon als Kind nicht in die Karten gucken lassen. Ich hab dich immer dafür bewundert, obwohl ich es lästig fand. Jetzt schau mich bloß nicht so waidwund an. Ich bin sehr dafür, dass du die Zeit überbrückst, bis ihr in der Beethovenstraße unterkommt. Den Kleinen wird’s guttun, wenigstens eine Weile der allgemeinen Nervosität und Aufgeregtheit zu entkommen.«
»Recht hast du, Vicky«, stimmte auch Erwin zu. »Reisende soll man nicht aufhalten. Aber diesmal kaufst du dir die Schokoladenpflaumen in Goldpapier gleich am ersten Tag. Tante Jettchen hat mir extra aufgetragen, dir das zu sagen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Schließlich weiß man nie, wann wieder ein Weltkrieg ausbricht.«
»Ach, du«, schluckte Victoria, »du hast mal wieder gespickt.«
»Ich hab dich nur durchschaut, Vickylein. Ich weiß, was du suchst. Das tun wir alle. Doch du wirst nicht fündig werden. Vorbei ist vorbei. Da helfen noch nicht mal Gebete.«
Johann Isidor zog die Fischgabel aus der Lachskugel. Er hielt sie in Richtung Victoria und schüttelte den Kopf. »Wann wirst du endlich erwachsen werden?«, fragte er irritiert, doch schon am nächsten Tag steckte er seinem Schwiegersohn eine beträchtliche Geldsumme zu, die dem zwar sehr peinlich, doch ebenso willkommen war. Fritz hatte das Gespräch mit Erwin nicht vergessen und selbst das Bedürfnis, Victoria und die Kinder für eine Weile aus Frankfurt herauszubringen. Viele Männer, die in der gleichen Lage waren wie er, hielten es so: Sie wähnten sich ohne ihre Frauen freier, die unangenehmen Entscheidungen zu treffen, denen sie nicht mehr ausweichen konnten. Ohne dass sie ihren Frauen umgehend Rechenschaft zollen mussten, hielten sie Ausschau nach beruflichen Schlupflöchern, an die zu denken sie schon beschämte. Einige von den jüngeren jüdischen Männern, in erster Linie die Juristen, dachten an neue Existenzen in Holland, Frankreich oder der Tschechoslowakei, doch es fiel ihnen leichter, sich als Vertreter für Schnürsenkel in Prag vorzustellen, als die verwöhnten höheren Töchter einzuweihen, die sie in guten Zeiten geheiratet hatten.
Betsy gab sich ungewöhnlich viel Mühe, die aufgebrachte Clara zu besänftigen. »Ich kann verstehen, dass sie mal rauswill. Vor allem mit den kleinen Kindern und dem Umzug. Schon allein das Einstellen der Möbel ist eine Sisyphusarbeit gewesen.«
»Mich schickt keiner nach Baden-Baden, damit meine Tochter hier nicht mehr als nötig leidet. Und Claudette kriegt mehr mit als die ahnungslose Fanny, das kannst du mir glauben.«
»Gegen Eifersucht hilft keine Reise, Clara. Ich hätte dich bis zum Mond reisen lassen, wenn es deinem Herzen und deiner Seele geholfen hätte. Und vielleicht machst du dir doch endlich mal klar, dass du es bist, die darauf besteht, dass Claudette weiter in die Schule geht. Du bist diejenige, die sie täglich Spießruten laufen lässt. Deinem Vater brichst du damit das Herz.«
Waren es nur Kinderträume, die Victoria zurück nach Baden-Baden lockten? Auf alle Fälle waren es Träume, die wenigstens für eine kurze Zeitspanne den Schmerz und den Schock des Jahres 1933 lindern halfen. Der beliebte, sommermilde Kurort in seiner idyllisch schönen Umgebung war nämlich die erstaunliche Ausnahme von der grausamen deutschen Wirklichkeit. Victorias Freundin Susi Kleinmann hatte absolut nicht übertrieben. Als sie mit ihren Kindern im Kurpark die herbstliche Sonne genoss, unter den Kolonnaden flanierte und dabei von den Häusern keine Hakenkreuzfahnen wehten und keine braunen Burschen auf den Straßen marschierten, die Nazilieder grölten, die das Herz vereisten, hatte sie wirklich gut schreiben: »Hier gibt es gewisse Leute nicht. Das Leben ist noch wie früher.«
Aus der Ferne war auch Johann Isidor Sternberg informiert, ebenso gut wie im Jahr 1914. Damals hatte sich der Posamentier Sternberg für eine Kur mit den Seinen in Baden-Baden entschieden, weil man dort weltoffener war als anderswo und die Hoteliers nicht nach der Konfession der Gäste fragten, ehe sie ihre Zimmer vermieteten. »Und das hat sich nicht geändert«, erklärte Johann Isidor seinem Schwiegersohn. »Sagen wir, noch nicht. Du kannst Victoria und die Kinder beruhigt reisen lassen. Baden-Baden kann sich vorerst nämlich den Antisemitismus nicht leisten. Im Übrigen nehme ich an, es wird auch preiswerte Unterkünfte geben. Dies für den Fall, dass meine Frau Tochter dir einreden will, sie kann nur im Badhotel Zum Hirschen wohnen. Ich habe immer gefunden, Damen mit einem guten Gedächtnis sind gefährlich kostenträchtig.«
Die Baden-Badener Spielbank, unter Kaiser Wilhelm I. geschlossen, hatte soeben ihre Konzession zurückerhalten. Die Hotels setzten ebenfalls auf die Devisen bringenden Gäste aus dem Ausland, und die wollte man nicht durch die antisemitischen Hetzparolen schockieren, die in anderen Kurorten unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zur Tagesordnung geworden waren. Wie in den goldenen Zeiten der Kaiserinwitwe Augusta, die lieber in Baden-Baden kurte, als in Potsdam zu residieren, standen nur Blumenkübel vor den Hotels und Pensionen. Es gab nicht an ihrer Statt, wie in den Nordseebädern, Aushänge, die wissen ließen: »Israeliten sind nicht erwünscht« oder »Wir sind judenfrei«. In keinem Baden-Badener Tanzcafé und erst recht nicht im Kursaal war zu lesen: »Die deutsche Frau tanzt mit keinem Juden.«
Baden-Baden mit der großen Vergangenheit, die Kaiser und Könige, Millionäre und Mäzene, Dichter und Spieler an die Oos gelockt hatte, war von den Nazis dazu bestimmt worden, die »Besuchskarte« Deutschlands zu sein. Noch heiliger als zur Kaiserzeit war im Jahr 1933 den Kaufleuten und Wirten das internationale Flair der geldbesonnten Tage. Es war für sie eine Frage des Überlebens, dass die gut betuchten ausländischen Gäste in ihrer Heimat erzählten, die Berichte von antijüdischer Hetze und von Schikanen in Deutschland seien nur übelste Gräuelmärchen. Die Juden hätten sie selbst in die Welt gesetzt. Der Baden-Badener Burgfrieden blendete auch manchen Juden, der sich an den Glauben klammerte, er könnte sich mit den Verhältnissen in Deutschland arrangieren. Nicht nur, dass die Juden, wie in der Kaiserzeit und den Zwanzigerjahren, als Kurgäste nach Baden-Baden kamen. Sie kauften Häuser, mieteten Villen, ließen sich nieder und erzählten einander, dass die »Dinge bestimmt bald wieder ins Lot kommen« würden.
»Nein, wir lassen Salo noch ein bisschen schlafen, und du gehst mit deinem schönen neuen Ball spielen«, sagte Victoria zu ihrer Tochter.
»Wo ist Gustel?«
»Gustel ist nach Hause zu ihrer Mama nach Friedberg. Das habe ich dir doch schon so oft erklärt.«
»Fanny will zur Oma«, jammerte Fanny. »Oma ist lieb.«
»Hier ist es doch viel schöner als in Frankfurt. Hier scheint die Sonne wie im Sommer, und du brauchst keine langen Strümpfe anzuziehen und keine Handschuhe. Schau doch mal, die Rosen blühen noch, und die Vögel singen. Hier ist das Paradies, mein Kind.«
»Fanny will keine Rosen nicht.«
»Du bist eine Pest«, sagte ihre Mutter. Sie sprach in liebenswürdigem Ton, und von ihren Lippen kam ein besonders liebevolles Mutterlächeln, denn sie saß nicht allein auf ihrer Lieblingsbank im Kurpark. Victoria schaute hinauf zum Ginkgobaum; der von Goethe besungene Blattzauberer war noch im Sommerkleid. Seine Bewunderin seufzte– allerdings so leise wie ein Windhauch. »Eine richtige kleine Pest bist du«, wiederholte die Mutter, der das Leben nicht mehr gestattete, mit den Wolken zu reisen und nach den Sternen zu greifen. Sie schob ihre nörgelnde Tochter vom Schoß, stellte sie ein wenig unsanft auf den Boden, sagte energisch: »Los, du kleiner Faulpelz!«, und warf den Ball in Richtung Wiese.
Victoria hatte eine dunkelblaue Jacke mit weißem Kragen und blitzenden Goldknöpfen an. Die Jacke erinnerte an die Matrosenkleider der Vorkriegszeit, der sanfte Blick aus großen Augen immer noch an das niedliche Kind, das stets mehr Aufmerksamkeit erregt und mehr Wohlwollen geerntet hatte als die Freundinnen und Mitschülerinnen. Wenn Fanny mit dem großen Wortschatz und dem unerschöpflichen Vorrat an Widerspruch es zuließ, dass ihre Mutter wenigstens für die Dauer eines Atemzugs die Augen schließen und aus der Gegenwart ausbrechen konnte, sah sich Victoria als Sechsjährige. Sie hatte eine weiße Taftschleife im Haar und einen mit Perlen bestickten Beutel über dem Arm. Großtante Jettchen spannte ihren gelben Parasol auf. Hellblaue Vögel umkreisten seine Spitze. Hand in Hand gingen das vollschlanke Tantchen und die froh gestimmte Nichte, die unterwegs ein paarmal in den Himmel hüpfte, in die Konditorei. Unterwegs trafen sie Trolle und Heinzelmännchen, Menschen, die Kinder anlächelten, und immer wieder Französisch parlierende Damen in lindgrünen Kleidern, an ihrer Seite Kavaliere mit Samtwesten und seidenen Halstüchern. Manchmal sprangen Erwin und Clara hinter einem Baum hervor und versuchten, ihre kleine Schwester vom Platz an der Sonne zu verdrängen, doch das ließ Victoria nicht zu. Jettchen und sie hatten nämlich einen Beschützer; er trug eine spitze Tarnkappe und war doppelt so stark wie der Riese Goliath.
Victoria rieb ihren Kopf frei. Beim zweiten Mal tat der Seufzer weh. Sie hatte nicht erwartet, dass ihr in Baden-Baden die Vergangenheit so schmerzhaft und die Tage so lang werden würden. Die alte Dame neben ihr auf der Bank mit dem moosgrünen Hut und dem schwarzen Mantel nickte. Victorias Seufzer hatte sie aus dem kurzen Schlummer gerissen, der das Alter und die Erinnerungen erträglich macht. »Täuschen Sie sich nicht, junge Frau«, sagte sie, »das Paradies ist auch nicht mehr, was es war. Und es ist auch nicht mehr hier.«
Ihre Sprache hatte die angenehme Klangfärbung der Berliner, die Stimme war kräftig, sie selbst war klein und wirkte fragil. Mit ihrem silbergrauen, sorgsam ondulierten Haar und dem gesunden Teint eines jungen Mädchens sah sie aus wie die liebenswerten Großmütter in Kinderbüchern, die in geblümten Ohrensesseln sitzen, Strümpfe stricken und artigen kleinen Enkeln Märchen vorlesen. Der erste Eindruck war ein gewaltiges Missverständnis. Die Berlinerin von der Parkbank erzählte keine Märchen mehr. Sie hatte in den letzten sieben Monaten zu viel gesehen und zu viel erlebt.
Jeden Morgen und jeden Nachmittag kam sie in den Kurpark, immer um die gleiche Zeit und stets mit einem Buch, das in einer weinroten, bestickten Samthülle steckte. Selbst wenn etliche andere Bänke frei waren, fragte sie Victoria, ob sie sich zu ihr setzen dürfte. Sie lächelte den Kindern zu; bald lächelte Fanny zurück. Manchmal zeigte die Kleine auf die bunt belaubten Bäume und sagte: »Meine, meine!«, worauf die alte Dame zu antworten pflegte: »Das ist aber schön.« Einmal sagte sie Siggi zu Salo, obwohl sie da schon seinen Namen kannte. Danach nestelte sie nervös an ihrem Mantelknopf.
»Siggi«, plapperte Fanny nach.
Ab da hatte die Kinderfreundin für Fanny einen Bonbon im roten Glanzpapier in der Manteltasche. An einem Sonntag spielte die Kurkapelle überraschenderweise ein Potpourri aus Jacques Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt«, obgleich der »Nichtarier Offenbach« in Ungnade gefallen war und seine Werke auf der Verbotsliste standen. Noch während sie Beifall klatschte, erzählte Victoria ihrer Banknachbarin von ihrer überstürzten Abreise bei ihrem letzten Aufenthalt in Baden-Baden. »Der Krieg ist dazwischengekommen«, sagte sie. »Wir mussten abreisen. Von einem Tag zum anderen.«
»Kriege kommen immer dazwischen. Bei meinem Sohn auch. Er wollte Medizin studieren und Kinderarzt werden und selbst mindestens zehn kriegen. Er war vollkommen kindernärrisch, mein Siggi. Keiner durfte seine kleine Schwester auch nur schief anschauen. Mein Mann hat immer gesagt, der Junge heiratet noch seine Schwester.«
»Gefallen?«, fragte Victoria. Ottos Tod hatte sehr früh ihren Sinn für Menschen geschärft, die unvermittelt die Vergangenheitsform benutzten.
»Ja. In Tannenberg. Da war nämlich Hindenburg der Einzige, der gesiegt hat. Die Soldaten sind auf dem Feld der Ehre geblieben. Siegfried war der älteste von meinen Dreien. Und der begabteste.«
»Mein Bruder ist auch gefallen. Wir waren fünf, aber die Jüngste, unsere Alice, hat Otto überhaupt nicht mehr kennengelernt. Der wusste noch nicht einmal, dass sie unterwegs war.«
Die Berlinerin mit dem Bonbon, das in der Sonne wie ein Rubin glänzte, und einem Lächeln, das selbst die fremdenscheue Fanny erreichte, hieß Lilly Bär. Ihr Sohn leitete seit drei Jahren ein renommiertes Hotel in Lugano und hatte die Mutter schon zweimal in Baden-Baden angerufen, die Tochter war vor einigen Wochen mit ihrem Mann, einem Mediziner, von Düsseldorf nach Amsterdam gezogen, und die fünf Enkel standen alle vor der Aufgabe, ihre deutsche Muttersprache durch Holländisch zu ersetzen. Seit März war Frau Bär Witwe. Sie berichtete das, ohne ihre Stimmlage zu verändern, so als wäre der Tod des Ehemanns ein alltägliches Schicksal in ihrem Alter. Er war ein in ganz Deutschland bekannter Kunsthändler gewesen. Sie hätte, erzählte sie, nach seinem Tod überstürzt ihre Villa in Berlin verlassen und wäre »mit kleinem Gepäck« nach Baden-Baden gekommen. »Wer weiß, wie lange.«
»Mein Gott, wie halten Sie das bloß alles auseinander?«, fragte Victoria, »So viele Veränderungen in so kurzer Zeit. Holland und Düsseldorf und die Schweiz. Und Berlin und Baden-Baden. Da würde selbst ich die Dinge durcheinanderbringen, und ich bin ja ein paar Jährchen jünger.«
»Das Leben macht flexibel. Da kommen Sie auch noch dahinter. Hoffentlich nicht allzu bald. Die Wirklichkeit ist eine Lehrmeisterin, die weder Gnade noch Zurückhaltung kennt.«
Eben weil sie so jung und unerfahren und auch noch nicht neugierig genug auf das Leben war, hatte Victoria nicht die Gewohnheit, Namen zu deuten und sich aus Details, die man ihr erzählte, ein Gesamtbild zu machen. Sie kam überhaupt nicht auf die Idee, ihre Bekannte von der Bank könnte jüdisch sein. Lilly Bär dagegen reichten zwei Sätze, um Bescheid zu wissen. Als Victoria ihr nämlich erzählte, dass sie auf Empfehlung eines Bekannten ihres Mannes Quartier in einer kleinen Pension im Bäderviertel genommen hätte, erübrigten sich alle weiteren Fragen, die Lilly Bär hätte stellen können. Die Pension war als ebenso preiswert bekannt wie die geschäftstüchtige Wirtin und das von ihr angebotene Essen berüchtigt. Die Zimmer, das wusste jeder, der sich in Baden-Baden auskannte, waren klein, die wenigsten hatten fließendes Wasser. Weder Victorias elegante Garderobe noch Fannys teure Kleider und Salos weiß lackierter Korbwagen mit den hohen Rädern passten zur Logis.
»Jüdisch?«, fragte Frau Bär.
»Wie kommen Sie denn darauf?«, fragte Victoria erschrocken.
»Ach, Kindchen, in dem Haus haben seit jeher Menschen gewohnt, die bessere Tage gesehen haben. Ich nehme an, auch die anderen Gäste essen keine Schinkensemmeln. Ich kenne mich ganz gut mit den Verhältnissen hier aus. Seit zwanzig Jahren habe ich den Herbst in Baden-Baden verbracht. Allerdings ist es das erste Mal ohne meinen Mann.«
An diesem Abend speiste Victoria im Badhotel Zum Hirsch – wie in den Sonnenzeiten, von denen ihre Mutter mit einem Strahlen erzählte, das ihrem Naturell schon lange nicht mehr entsprach. Ihre Gastgeberin war eine gute Fee mit Silberlocken, die sich auf einer Bank im Kurpark zu Baden-Baden an Kindern freute, die von nichts wussten und die noch lange nicht erfahren würden, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind. Lilly Bär hatte dafür gesorgt, dass ein vertrauenswürdiges Zimmermädchen vom Hirschen, wo sie ja seit Jahren Stammgast und trotz der Parolen der neuen Zeit noch willkommen war, einen Abend lang Fanny und Salo hütete. Ein paar barmherzige Stunden lang war Victoria wieder die, die sie gewesen war, ehe die Nazis in das Leben der Familie Sternberg stürmten – unbeschwert und lebensfroh und von ihren nichtjüdischen Freundinnen, die nun die Straßenseite wechselten und den Kopf abwandten, wenn sie sie sahen, als eine der ihren akzeptiert.
»Ich komme mir vor wie im Schlaraffenland«, sagte Victoria. »Ach, wenn doch die Zeit stehen bleiben würde. Nur einen Augenblick.«
Sie war wieder Kind und spielte Hickelkreis auf der Straße, hüpfte in ihr Wolkenkuckucksheim und sang Soldatenlieder. Am Ernst des Lebens litten nur die anderen. In ihrem Schulranzen war ein Griffelkasten aus hell poliertem Holz; auf dem Schiebedeckel saß Kaiser Wilhelm II. Er war ein schöner junger Mann, der auf einem Schimmel zur Sonne ritt. Und zum Sieg. Sitz gerade, Victoria, befahl die Mutter, sonst gibt es keinen Pudding. Breite deine Flügel aus, flüsterte Tante Jettchen, sonst bleibst du ewig unten.
Schon bei den mit Meerrettichschaum gefüllten Lachstüten zogen sich die grüngesichtigen Gespenster zurück, die sonst Tag und Nacht Victoria einhämmerten, dass ihr Mann keine Existenz mehr hatte und dass es die Wohnung in der Günthersburgallee mit den Erkern und kleinen Türmen, den Sammeltassen und Seidenportieren nicht mehr gab. Mit jedem Schluck badischer Rosé, den sie trank, nippte Victoria am großen Vergessen. Stück für Stück verdrängte die vom Albtraum Genesene, dass die drei Geschäfte ihres Vaters seit dem Boykott immer schlechter liefen und er jeden Tag Brom schluckte für seine Nerven, dass ihr Bruder ohne Einkommen war und Clara jedes Mal zusammenzuckte, wenn einer an der Wohnungstür schellte. Die Schwester, für die das Wort Angst nie einen persönlichen Bezug gehabt hatte, fürchtete nun, Theo Berghammer könnte Einlass begehren und alte Privilegien einfordern. In seinem ersten Leben hatte Claudettes stürmischer Vater Heine rezitiert und um Mitternacht viel von der Liebe gesprochen, im zweiten war er ein strammer Nazi im Ledermantel und mit bellender Stimme.
Victoria, die als Sechsjährige bei jeder Mahlzeit gemault hatte, das Essen schmecke ihr nicht, der Stuhl wäre zu hart und sie wolle nach Hause zu Josepha und ihrem Pflaumenpfannkuchen mit Vanillesoße, schaute zum kristallenen Leuchter. Sie kniff beide Augen zu, machte sie sofort wieder auf und berauschte sich am Regenbogenlicht. Vickylein schnalzte mit der Zunge, was kleinen Mädchen, die feine Damen werden wollten, streng verboten war. Pfui, sagte Otto und schnalzte auch.
Frau Feuereisen, die einen vielversprechenden Rechtsanwalt und Notar geheiratet hatte, der nun wieder in seinem alten Kinderzimmer wohnte, aber immer noch auf den Sieg der Gerechtigkeit hoffte und derweil Stellenangebote durchforstete, fixierte die Dahlien mit den roten Sommerköpfen und die Chrysanthemen mit den winterschweren goldenen. Der üppige Herbststrauß stand in einem silbernen Kübel. Er hatte gedrechselte Henkel, auf der Vorderseite leuchtete das Bildnis der Kaisergattin Augusta, die die Preußen hatte wissen lassen, Baden-Baden sei ihre zweite Heimat. Victoria erkannte den Kübel. Ihr Herz taumelte in die Seligkeit. Nur anschauen, nicht anfassen, du kleiner Satansbraten, sonst holt dich die Hexe, und du musst jeden Tag Rapunzelsalat mit Speck essen. Das war die Stimme von Erwin, den die kecke Vicky lange Zeit für einen nichtsnutzigen, schadenfrohen Bruder gehalten hatte, doch tatsächlich war er ein gütiger, besorgter Schwesternbeschützer.
Frau Feuereisen, erst fünfundzwanzig Jahre alt und schon von einer hoffnungslosen Zukunft bedroht, die machtberauschte Menschenverächter für die Juden entworfen hatten, genoss die volle Palette, die das Leben den Glücklichen und Unbekümmerten bietet. Sie hatte ein tief dekolletiertes cognacfarbenes Kleid an, das sie ursprünglich gar nicht hatte mitnehmen wollen, und um den hell gepuderten Hals das zweireihige Korallencollier mit den kleinen Diamantbaguettes, die ihr Jettchen an dem Tag geschenkt hatte, als in Sarajevo der österreichische Thronfolger und seine Gattin erschossen wurden. »Ich kann mich noch gut erinnern«, murmelte die Abgetauchte in ihr Taschentuch. Es duftete nach Jasmin und Rosen und erzählte Geschichten, die mit einem Paukenschlag traurig machten und den Kopf vernebelten.
Es verwirrte Victoria, sich laut sprechen zu hören; sie war erleichtert, dass Frau Bär nicht reagierte und weiter zerstreut das Bildnis einer fürstlichen Dame mit Puderperücke und Hündchen anlächelte. Mit einer Eloquenz, der die in den Träumerjahren entwickelte schauspielerische Begabung zugutekam, lobte Frau Feuereisen den gefüllten Kalbsrücken; mit großen Kinderaugen bestaunte sie die in Riesling pochierten Pfirsiche. Die Butterspätzle, goldglänzend und fett, bezeichnete sie als »superb« und leckte dabei ihre Lippen. Sie freute sich so mimisch wirkungsvoll an ihnen, als hätte sie sich ihr Leben lang nach Schwabens Küchenschätzen gesehnt. Nach langen Lehrjahren hatte Victoria, die Aufmüpfige, die sich so mühsam davon abhalten ließ, jedermann ihre Meinung mitzuteilen, endlich gelernt, was sich für Damen aus gutem Hause ziemte. Niemand musste sie, wie damals Tante Jettchen, mit fünf Groschen bestechen, damit sie die »Ekelwürmer« nicht unter dem Teppich verscharrte.
Die Geister ihrer Kindheit tanzten furioser in ihrem Kopf als die Hexen in der Walpurgisnacht auf dem Brocken. Als der Pianist zu spielen begann und ihre Augen sich ebenso täuschen ließen wie die Ohren, stellte Victoria gar fest, Lilly Bär mit ihrer Liebenswürdigkeit, ihrem Charme und den schönen Bilderbuchlocken würde ihrer nie vergessenen Großtante ähneln. Zur Vorspeise erzählte sie ihrer Gastgeberin von Jettchens Papagei, dem unverwüstlichen Otto mit dem Elefantengedächtnis, beim Hauptgang von den Ferientagen in Baden-Baden und den wundersamen Ausflügen mit Schutzengeln, die Tante und Nichte für alle Ewigkeit aneinanderschmiedeten. Victoria, noch stärker von den mit Goldfäden durchwebten Erinnerungen trunken als vom Wein, war nicht mehr zu halten. Bei den mit Grand Marnier flambierten Kirschen vertraute Frau Feuereisen der aufmerksam lauschenden Frau Bär an, dass sie eine Kindheit lang die großherzige, unkonsequente Tante mehr geliebt hätte als die Mutter mit den gestrengen Prinzipien. »Wir waren immer zu viert und immer im siebten Himmel. Die Tante, ich und unsere beiden Schutzengel. Pit und Pat hießen sie. Sie spielten mit Sternschnuppen Federball und konnten aus Tränen Perlen machen.«
Die, die ohne Arg und ohne Vorsatz in die Kindheit gereist war, hatte Tränen in den Augen. Zum ersten Mal seit der bedrückenden Abreise aus Frankfurt war sie froh, dass ihr Mann nicht mit am Tisch saß. Schon auf der Hochzeitsreise in Brixen hatte Fritz, der eiserne Preußengatte, irritiert moniert, seine ihm soeben angetraute Frau wäre zu sentimental und hätte zu nahe am Wasser gebaut. Ehe die damals Gescholtene nun dazu kam, sich geziemend beschämt mit der mangelnden Contenance einer Ehefrau auf Reisen zu beschäftigen, machte auch Victorias großzügige Gönnerin ein sehr freimütiges Geständnis. Sie hätte, bekannte Frau Bär, sich mit »Kalkül und der Schamlosigkeit alter einsamer Weiber« an Victoria »herangemacht«. Um nicht allein zu sein.
»Allein mit meinem Schmerz«, fügte sie nach unbehaglicher Schweigepause hinzu. Ihr Mann, der bekannte Kunsthändler, den die ganze Branche als einen der Großen und Redlichen verehrte, der Mäzen mit der stets offenen Hand, war nicht eines Todes gestorben, »den die Menschen natürlich zu nennen belieben. Umgebracht haben sie ihn, diese Verbrecher.«
In ihrer Erregung betonte Lilly Bär ausgerechnet das letzte Wort in dem fatalen Satz. Der Kellner hatte erst eine der beiden Mokkatassen gefüllt, er zuckte zusammen wie ein Mann, der die Hand der Inquisition auf der Schulter spürt. Mit dem kleinen Silbertablett, auf dem noch die Schale mit Würfelzucker stand, schlug er an die Tischkante. Er sah sich verlegen um, murmelte: »Pardon«, und hetzte, feuerrot im Gesicht, in Richtung Küche. Lilly Bär senkte ihren Kopf. Sie sprach nun leiser, doch immer noch so deutlich, dass Victoria den Kinderimpuls unterdrücken musste, ihre Ohren mit den Händen zuzuhalten und zu schreien. Die braunen Schergen hatten Arthur Bär, einen baumstarken Mann bei bester Gesundheit, am Tag nach dem Reichstagsbrand abgeholt – morgens um fünf, ohne einen Haftbefehl zu haben und ohne einen Haftgrund zu nennen. Ihr Mann sei noch im Schlafanzug gewesen. Ausgerechnet in dem dunkelblauen mit der geflickten Hose.
»Sie nannten es Schutzhaft«, berichtete die, von der Victoria nichts wusste, außer dass sie Berlinerin und jüdisch war und dass sie Kinder liebte und sich nach ihren Enkeln sehnte. »Das Wort hatte ich noch nie gehört. Ich hielt das Ganze für ein großes Missverständnis und lief zur Polizei, als wäre die Welt, in der solches geschah, noch die alte. Keiner sagte mir, wohin man meinen Mann gebracht hatte. Sie zuckten mit den Schultern, und wenn sie wohlmeinend waren, starrten sie an mir vorbei und rauchten ihre Zigaretten. Ein junger Kerl brüllte: ›Frag doch bei Jehova nach. Vielleicht ist der zuständig für abhandengekommene Juden.‹ Nach einer Woche teilte man mir Arthurs Tod mit. Er sei im Gefängnis an Lungenentzündung gestorben und am gleichen Tag eingeäschert worden. Aus volkshygienischen Gründen. Die Rechnung für die Kosten war beigefügt. Ich wagte nicht, meinem Sohn in der Schweiz zu schreiben. Meine Tochter und der Schwiegersohn haben mich gedrängt, sofort aus Berlin zu verschwinden, und ich habe mich gefügt. Inzwischen habe ich von meinem Hausmädchen erfahren, dass sie alle Bilder aus dem Haus und die meisten aus der Galerie geholt haben. Auch das eine von Franz Marc, zwei von Kandinsky und sämtliche Grafiken.«
»Ich verstehe das alles nicht«, stammelte Victoria, »wie kann so etwas passieren? Ich dachte, sie beschmieren nur Schaufensterscheiben.«
»Das kann man auch nicht verstehen. Und ich glaube, es ist seitdem oft passiert. Arthur hat immer gesagt: ›Wer sich so liebt wie wir, stirbt zusammen. Wie Philemon und Baucis.‹ Das war sein Traum. Für den hat er gebetet. ›Gott lässt nicht mit sich handeln‹, habe ich ihm gesagt.«
Es war das erste Mal, dass die fröhlichste und leichtlebigste der Sternbergtöchter, die, die am besten Wirklichkeit auszublenden und Trauer zu verdrängen wusste, vom Mord an einem Menschen erfuhr, dem die Mörder nichts anderes anlasteten als seinen jüdischen Glauben und seinen geschäftlichen Erfolg. Sie fragte sich, während jeder Herzschlag ihren Körper zu sprengen drohte, ob es ihr noch gelingen würde, Lilly Bär so anzuschauen wie zuvor. Wie sollte sie mit ihr über das Wetter und die Kurkonzerte sprechen, wie noch einmal mit ihr lachen, wenn Fanny ihren Bruder einen faulen Hund nannte? »Im Gefängnis gestorben, ohne dass Sie es wussten«, stammelte die Hilflose.
»Im Gefängnis umgebracht. Ein deutscher Mann, der Deutschland liebte.«
Der Kronleuchter strahlte im vollen Glanz, die Rieslingpfirsiche leuchteten herbstprall auf den Fleischplatten. Der Pianist spielte erst den Schlager des Jahres »Auch in Frankfurt am Main« aus dem Singspiel »Der Königsleutnant« von Fred Raymond und danach »Wir ziehen durch die Heimat« aus dem Film »Mädels von heute«. Die Gäste legten das Besteck aus der Hand. Sie lehnten sich zurück und applaudierten, doch es klatschten nur jene Beifall, die die neue Zeit bestimmt hatte, auf der Gewinnerseite zu stehen. Die Witwe Lilly Bär und Frau Feuereisen, die eine fast am Ziel, die andere erst am Beginn ihres Dornenweges, rührten stumm in den Mokkatassen mit dem feinen Goldrand. Victoria merkte nicht, dass der verschreckte Kellner nicht mehr dazu gekommen war, die ihre zu füllen, und setzte sie an den Mund.
»Wir gehören nicht mehr hierher«, sagte Frau Bär. »Nicht nach Baden-Baden und nicht in den Hirschen. Und bald nicht mehr nach Deutschland. Es war ein Fehler, dass ich hier essen und die Zeit zurückdrehen wollte. Mein Arthur hat immer gesagt, ich will mit dem Kopf durch die Wand. Früher galt das als mutig. Heute schlägt man sich den Schädel ein. Kommen Sie, mein Kind.«
Victoria faltete die Serviette glatt, wie die Mutter es befohlen hatte, ehe sie vom Tisch aufstehen durfte. In wohlgesetzten Worten, wie sie die Untersekundanerinnen in der Tanzstunde einübten, bedankte sie sich für die Einladung. Weil es zum Ritus gehörte, versuchte Victoria zu lächeln. Zu spät merkte sie, dass ihre Lippen aufeinanderklebten und ihr die Gepflogenheiten der ermordeten Tage verweigerten. »Bis morgen«, sagte sie.
Der nächste Morgen war ein Tag, wie ihn Theodor Storm in seinen Herbstgedichten besingt, vergoldet mit den Farben vom Oktober, mit leichten Nebelschwaden, die zur Sonne stiegen, und mit Blättern, die sanft auf die Erde fielen. Die Kurkapelle spielte wieder im Freien, und abermals vergaßen die Musiker, dass die Juden Offenbach und Paul Abraham in Ungnade gefallen waren und dass nur noch die Werke politisch genehmer Komponisten gespielt werden durften. Victoria summte die Melodien mit und dachte an die Abende im Frankfurter Schumanntheater.
Bunte Papierdrachen mit flatternden Schwänzen flogen in Richtung Wolkenland. Die Buben trugen Kniestrümpfe und stopften ihre Mützen in die Hosentaschen. Grauhaarige Ehepaare, die sich im Jugendmai ewige Treue geschworen hatten, spazierten noch immer Hand in Hand. Im Wasser, das an den Häusern, Pensionen und Hotels vorbeifloss, glänzten die Steine wie Jade, und die dümpelnden Enten streckten ihre Hälse, als wären sie Schwäne. Doch Frau Bär mit dem Buch im roten Samteinband und den Bonbons in der Manteltasche kam nicht zu der weiß lackierten Bank unter dem Ginkgobaum. Weder morgens noch am Nachmittag.
Fanny jagte ihren Ball auf dem Rasen, den Kinder nicht betreten durften. Der Parkwächter sagte, sie wäre ein ungezogenes kleines Mädchen, dem er beim nächsten Mal den Ball wegnehmen würde. Sie stemmte ihre Arme in die Hüften und schrie »Nein!«, denn noch hatte ihr keiner klargemacht, dass es gefährlich war, wenn jüdische Kinder Männern in Uniform widersprachen. Salo setzte sich zum ersten Mal in seinem Kinderwagen auf, er fand die Welt zum Lachen und gurgelte Frohsinn. Victoria stierte ins Leere. Ihr Herz schlug schnell, ihre Augen neckten sie mit Bildern, die dem zweiten Blick nicht standhielten. Sie befahl ihrem Gedächtnis, jedes Wort zu wiederholen, das sie und Lilly Bär am Abend zuvor gesprochen hatten, doch kein Licht erhellte das Dunkel.
Am dritten Tag ertrug sie die Unruhe ihrer Seele nicht mehr. Sie ging mit den Kindern zum Badhotel Hirsch.
Der Portier, gut geschult und bei seinen Chefs für seine Fähigkeit geschätzt, eine Situation auf den ersten Blick zu erfassen, schaute erst Fanny und dann den Kinderwagen an. Er räusperte sich und registrierte, dass Victoria ihre Schultern breitmachte wie jemand, der sich in einer Situation, die ihm unbehaglich ist, Mut zu machen sucht. In Sekundenschnelle begriff der meisterliche Menschenkenner, dass die junge Frau an seinem Tresen zu denen gehörte, für die er nicht zu lächeln brauchte. »Also?«, fragte er probehalber.
»Ich wollte mich nach Frau Bär erkundigen. Lilly Bär. Sie wohnt hier.«
»Nicht mehr.«
»Aber ich weiß es genau. Wir haben am Dienstag zusammen hier gegessen. Vielleicht ist sie krank.«
»Gesund wie ein Fisch im Wasser ist sie«, lachte der Mitleidlose, »aber leider ein bisschen tot. Umgebracht hat sie sich, Ihre feine Frau Freundin. Und wir hatten die Scherereien. Und falls Sie eine Glaubensgenossin von ihr sind, empfehle ich Ihnen zu verschwinden. Und zwar ein bisschen plötzlich.«
Es war das erste Mal, dass Victoria ein Telegramm aufgab. Ihre Wirtin musste ihr erst erklären, dass sie dafür zur Post musste. Der Postangestellte runzelte die Stirn, als er den Text las, der die Rückkehr nach Frankfurt ankündigte. Er war ein Mann, der seine Häuslichkeit schätzte, abends Kümmeltee trank, Patiencen legte und jeden Sonntag in die Kirche ging. Hassen hat er noch nicht gelernt. Der Gemütliche empfahl ihr, sich der Kosten wegen auf zehn Worte zu beschränken. Victoria bedankte sich und strich den Zusatz: »Wir freuen uns auf Papa.«