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DIE ENTSCHEIDUNG

1928/1929

Wäre Victorias Welt nicht schon in der ersten Nacht fern von zu Hause in Stücke zerfallen, wäre Mittwoch, der 31. August 1928, der vierte Tag ihrer Berliner Reise gewesen – vor allem der mit Ungeduld erwartete Höhepunkt. In dem Tagebuch auf ihrem Nachttisch, in dem sie, genau wie als Dreizehnjährige, der Geheimhaltung wegen Bilder, Spiegelschrift und selbst erfundene Schriftzeichen verwandte, war der letzte Augusttag mit einem grasgrünen Ausrufezeichen und drei einzelnen, sorgsam gemalten Groschen gekennzeichnet. Zum Zeitpunkt der Eintragung hatte die Chronistin fest damit gerechnet, den ungeliebten August, den sie als öde und kränkend empfand, weil die meisten Freundinnen – und vor allem ihre Verehrer – verreist waren, in Berlin zu verabschieden. »Adieu, comme il faut«, hatte Victoria gejubelt.

Für den 31. August stand im Berliner Theater am Schiffbauerdamm die Uraufführung von Bert Brechts »Dreigroschenoper« auf dem Programm. Theaterkundige und Menschen, die sich dafür hielten, sprachen im Vorhinein vom Schlager der Saison und schwärmten vom vergangenen Sommer in Baden-Baden. Dort war Brechts »Mahagonny« uraufgeführt worden, mit der Musik von Kurt Weill, der nun auch die »Dreigroschenoper« vertont hatte.

Nur Anna hatte noch nie etwas von Brecht gehört und hielt Weill für einen Bekannten ihres Vaters. Zufällig hieß der auch Kurt und war ein renommierter Briefmarkenhändler in der Fahrgasse. Als Victoria dahinterkam, hatte sie auf absolut nicht schwesterliche Art den Kopf geschüttelt und noch dazu in Gegenwart der frech grinsenden Alice theatralisch die Arme himmelwärts gestreckt. Die gedemütigte Anna, puterrot und unglücklich, hatte sich ihrer Unwissenheit so geniert, dass sie aus dem Zimmer gerannt war, um sich umgehend von der sehr viel verständnisvolleren Clara über die Entwicklung am deutschen Theater im Allgemeinen und über die Bedeutung des jungen Dichters Bert Brecht im Besonderen aufklären zu lassen. »Und komm bloß nicht auf die aberwitzige Idee«, hatte Clara ihre verlegene Halbschwester ermahnt, »dass du dumm bist und Victoria schlau ist. Sie musste schon im zweiten Schuljahr den Satz ›Je größer der Narr, je größer der Hochmut‹ zehnmal in ihr Aufsatzheft schreiben. Leider hat’s nichts geholfen.«

Die meisten Zeitungen, selbst die Provinzblätter und die Familienjournale, sogar die Kundenzeitung, die Josepha einmal in der Woche vom Bäcker mitbrachte, hatten von den Theaterproben in Berlin berichtet. Namhafte Kritiker hatten sich bereits ausführlich mit der Musik von Kurt Weill beschäftigt. Obschon nur ein winziger Kreis diese vor der Premiere gehört haben konnte, wurde sie als äußerst ungewöhnlich und provozierend empfunden. Es hieß, der Komponist hätte Elemente des Jazz mit denen der Oper, der Unterhaltungsmusik und sogar der Kirchenmusik kombiniert. »Mich schaudert’s«, hatte Frau Betsy bei der Lektüre der »Frankfurter Zeitung« gerügt. »Dass diesen modernen Musikklempnern auch nichts mehr heilig ist. Man würde nicht denken, dass dieses Land einmal einen Beethoven und einen Brahms hervorgebracht hat.«

Victoria und Wladi, noch optimistischer als unerfahren, hatten sehr wohl gewusst, dass die Premierenkarten für die »Dreigroschenoper« seit Wochen ausverkauft waren. Trotzdem hatten sie weiter an die gute Fee geglaubt, die mit gütigem Lächeln dem Liebespaar aus Frankfurt die Eintrittsbilletts ins Paradies überreichen würde. »Alle Theater halten Karten für überraschende Gäste bereit«, hatte Wladi schwadroniert, »das habe ich schon zigmal selbst erlebt. Irgendwo gibt es immer eine leere Loge für solche Fälle.«

»Ich glaube aber nur für die ganz prominenten Besucher«, hatte Victoria eingewandt. »So wie früher der Kaiser oder jetzt Hindenburg. Oder Willy Fritsch.«

»Lass du den guten Wladi nur machen. Wer dem den Schneid abkaufen will, muss ganz früh aufstehen. Ich bin bis jetzt in jedes Theater gekommen, in das ich reinwollte. Augen zu und durch, sag ich immer.«

Wie bekannt, brauchte der phantasievolle Aufschneider den Beweis für seine Unerschrockenheit nicht anzutreten. Statt der Glücksfee übernahm ein Riese, der Frauen verachtete und das Urvertrauen eines jungen Mädchens auf einen Schlag und für immer zerstörte, die Regie im Leben der Victoria Sternberg. Die junge Naive aus Frankfurt am Main war nicht unter den Zuschauern, als Harald Paulsen, der den Mackie Messer spielte, Erich Ponto als Bettler Peachum, Roma Bahn als seine Tochter Polly und Lotte Lenya als Spelunken-Jenny die Zuschauer zum Rasen brachten. Die düsterste Seite des Lebens, die auf einer Berliner Bühne zu einem bleibenden Ereignis wurde, erlebte Victoria in vertrauter Umgebung und nicht als episches Theater mit Spott, Satire, Feuer und Musik, sondern als tieftraurige Realität.

Am Tag der Premiere lag sie mit hohem Fieber fröstelnd in ihrem alten Jungmädchenzimmer. Die weißen Möbel, die Frau Winkelried während ihrer Abwesenheit mit Seifenlauge hatte abschrubben müssen, verhöhnten in ihrer Reinheit eine Verzweifelte, die sich beschämt und beschmutzt und auf immer verdammt fühlte, ihr Brot mit Tränen zu essen. Die zitronengelben Gardinen mit den meerblauen Schmetterlingen, die den Blick in die Sommerwelt verwehrten, weil die Kranke das Licht nicht vertrug, erzählten die falschen Geschichten von Leichtigkeit und Hoffnung. Mit dem Schmerz der Sünderin, die nicht mehr auf Erlösung hoffen darf, starrte Victoria die Wände an. Durch den Schleier ihrer Tränen sah sie die romantischen Bilder, die sie als Vierzehnjährige für ihr Zimmer ausgesucht hatte. Fröhliche Mädchen in langen Kleidern und mit Blumenkränzen auf dem Kopf tanzten auf einem Blumenteppich Reigen. Tauchte Victoria mal kurz aus der Höllengrube auf, in die sie aus dem Himmel der Verliebten gestürzt war, schaute sie auf das Bücherregal ihrer Kindertage. Neben dem dritten Band von »Fräulein Übermut« saß der Puppenjunge mit dem ausdruckslosen Gesicht und dem ausgestopften Rucksack. Für ihn hatte die sechsjährige Vicky, die nie bereit gewesen war, ein Nein zu akzeptieren, gegen den Willen der Mutter und mit Tante Jettchens finanzieller Unterstützung eine feldgraue Soldatenuniform beschafft. Victoria kam ein neuer Tränenfluss, als sie an ihr geliebtes Jettchen dachte und dass deren tödliche Erkrankung auch mit nicht zu erklärenden Fieberschüben und Apathie begonnen hatte.

Statt der Hochzeit von Mackie Messer und Polly Peachum in einem Pferdestall beizuwohnen und von der Spelunken-Jenny zu lernen, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral, hörte Victoria im Hinterhof die liebestollen Tauben gurren. Ein Pirol pfiff eine Melodie, die der von Hänschen klein glich, die Spatzen zwitscherten Wohlbefinden. Die unbeliebte Mieterin im Parterre beschimpfte mit schriller Stimme ihre beiden Söhne als »dreckige Saubälger«. Die Buben hatten ihren Ball auf ihre Bleichwäsche gekickt und mit einem einzigen Schuss ein Leinenkissen und eine Tischdecke erwischt. Verheiratet war sie mit einem Beamten vom Grundbuchamt, von dem sie als »mein Herr Gatte« zu sprechen pflegte. Die Frau, erst vor Kurzem in die Rothschildallee gezogen, hieß Hiltrud Neugebauer. Sie putzte die Treppe vor ihrer Wohnung täglich und so blank, dass selbst Claudette und Alice in ihren festen Schuhen ausrutschten, rieb die Klinke von der Kellertür mit Salmiak ab und wienerte das Fenster im Flur mit einem hochprozentigen Essig, der im ganzen Haus stank. Jeden Sonntag Schlag zehn ging Frau Neugebauer mit ihrem Mann und den drei Kindern, die nie im Treppenhaus grüßten, in die Kirche; auch wochentags trug sie ein auffallendes, im gotischen Stil gearbeitetes Silberkreuz um den Hals.

Bei dem Pirol hingegen handelte es sich um einen allseits beliebten Hausgenossen. Er nahm bereits das zweite Jahr im Hinterhof der Rothschildallee 9 Quartier, unterhielt bei offen stehenden Fenstern Sprechkontakt mit dem Papagei Otto und war ein Meister der Imitation.

Auch am dritten Tag nach der Rückkehr von ihrer gescheiterten Expedition in die große Welt war die Patientin bleich, apathisch, appetitlos und stumm wie der sprichwörtliche Stockfisch. Vergraben in Kissen und eingehüllt in eine dicke Decke mit persischem Muster, wirkte sie wie ein verängstigtes Kind, das tagelang durch einen undurchdringlichen Wald gelaufen ist und dann nicht mehr begreifen kann, dass es gerettet wurde und zu Hause ist.

»Ich muss immerzu daran denken, dass sie als Kind hauptsächlich die Märchen vorgelesen haben wollte, in denen kleine Mädchen mutterseelenallein durch die Welt irrten«, sorgte sich Betsy.

»Nach dem, was Erwin mir angedeutet hat, scheint es sich in Victorias Fall weder um ein Märchen noch um einen Fall von mutterseelenallein zu handeln«, seufzte Johann Isidor. »Ich glaube, wir sollten sie erst mal ganz in Ruhe lassen. Übrigens ist sie kein kleines Mädchen mehr. Eher das Gegenteil, würde ich sagen.«

»Ja, siehst du denn nicht, dass deine Tochter nur noch Haut und Knochen ist?«

»Sie kann sich doch unmöglich in zwei Tagen an den Rand des Todes gehungert haben. Das hat doch nicht einmal das Mädchen mit den miauenden Katzen geschafft.«

»Das war Paulinchen, und die ist verbrannt, weil sie mit Streichhölzern gespielt hat. So ein Mann hat’s wirklich gut. Redet den größten Stuss und wird trotzdem als Krone der Schöpfung gefeiert.«

Aus Furcht, Victoria könnte jegliche Nahrung verweigern, wenn sie zum Essen gedrängt wurde, servierte Frau Betsy ihre berühmte heilende Hühnersuppe in einer winzigen roten Schüssel, die sie zur Erinnerung an frohe Kindertage aufbewahrte. Auch hielt sich die in der Krankenpflege erfahrene Hausfrau mit Fragen jeglicher Art zurück, obwohl ihr das Schweigen so schwer fiel, dass ihr Magen ebenso stark rebellierte wie der ihrer Tochter. »Eine besorgte Mutter«, vertraute sie ihrem Mann an, »hat das Recht, neugierig zu sein.«

»Nein, die Pflicht, meine Liebe. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Du hast sie ja immer wahrgenommen.«

Victoria hatte auf der Rückfahrt von Berlin nichts so sehr gefürchtet wie die übliche mütterliche Inquisition, doch zeigte sie sich weder erleichtert noch dankbar, dass sie vor jeder Bedrängnis in Frageform verschont wurde. Zu ihrem körperlichen Befinden äußerte sie sich widerwillig und mit geschlossenen Augen; schon gar nicht sprach sie von den Wunden ihrer Seele. Am späten Nachmittag, wenn das Fieber stieg und die spätsommerliche Schwüle selbst gesunde Körper und Köpfe bleischwer machte, stellte sich die Patientin sogar vor, Gevatter Tod würde, mit seiner Sense winkend, an der Schwelle stehen. Und Josepha wusste zu berichten, sie hätte Victoria »Ich bin bereit« flüstern hören, und sie wäre »so steif geworden wie eine tote Katze«.

»Sich steif wie ein Bügelbrett zu machen hat sie vor Jahren in der Ballettstunde gelernt«, sagte Erwin. »Erinnerst du dich denn nicht, Josepha? Es war doch ihre ganz große Nummer.«

Noch hatte er keinem außer Clara über Victorias Berliner Auftritt aus seiner Perspektive berichtet. Nur weil ihm die Zigaretten ausgegangen waren und die Sucht ihn aus dem Bett getrieben hatte, hatte er überhaupt morgens um halb acht die fröhlichste, keckste und mutigste seiner Schwestern schluchzend vor der Wohnungstür der ehrbaren Witwe Benantzky aufgefunden – von einem Sommergewitter niedergestreckt, durchnässt und verwirrt, mit Augen wie ein geprügelter Hund, zerrissenen Strümpfen und einem blutenden Knie. Sie war noch unmittelbar vor dem Ziel über einen Kanaldeckel gestolpert.

»Ein gefallenes Mädchen«, sagte Clara, »ich hab gehört, so etwas soll vorkommen.«

»Ein gefallenes Mädchen mit Rückfahrkarte in den Schoß der Familie«, stellte Erwin klar. »Das ist ein Absturz erster Klasse. Ich musste für mein Fahrgeld und die Hasenbrote für uns beide bei der guten Frau Benantzky Männchen machen und ihr bei allem, was ihr heilig war, versichern, dass auch Juden ihre Schulden zurückzahlen. Übrigens hättest wenigstens du deine kleine Schwester ein bisschen aufklären können. Sie glaubt zwar nicht mehr an den Klapperstorch, aber nach dem, was sie mir in der Bahn erzählt hat und nach ihren Fragen zu urteilen, ist sie auch nicht sehr viel weiter im Pflichtpensum für Jungfrauen aus guter Familie gekommen.«

»Sie ist die Erste nicht.«

»Sagst du!«

»Sagt Goethe. Im Faust.«

Der Gedanke an ein jähes Ende in der Blüte ihres Lebens erschien Victoria längst nicht so schrecklich, wie sie an dem unvergessenen Abend gedacht hatte, als sie, fünfzehn Jahre alt und mit tränennassem Taschentuch in der heißen Hand, Mimi aus der »Bohème« auf der Opernbühne hatte sterben sehen. Nun, da geschehen war, was sie auch vier Tage nach der Stunde null nicht fassen konnte, erschien ihr der Tod als würdige Erlösung aus einer aussichtslosen Situation.

Der Berliner Nachtmahr, der Schock und der Ekel reduzierten sich für Victoria auf das Hohngelächter und die Gewalt eines Mannes, der in ihren Halluzinationen zu einem Kannibalen ohne Gesicht und mit einem Feuer speienden Glied mutiert war. Gelang es ihr doch, zwischen den Schüben der Verzweiflung den Gedanken an die Brutalität zu verdrängen, die ihr den Stolz, ihre Würde, die Selbstachtung und alle Hoffnung auf eine Zukunft ohne Vergangenheit und ohne Schande genommen hatte, lähmte sie eine Panik, von der sie bis dahin nicht gewusst hatte, dass es eine solche kreatürliche Angst überhaupt gab. Das beklemmende Gefühl, einer Macht ausgeliefert zu sein, die keine Gnade kannte, war die eigentliche Hölle.

Zwar war der ehrbare Bürger Johann Isidor Sternberg selbst Vater einer unehelichen Tochter geworden. Weil jedoch das Maß, an dem Männer gemessen wurden, ein anderes war als die Latte, die man den Frauen anlegte, war er doch allerorten angesehen und sein Ruf untadelig geblieben. Würde es nun diesem hochgeschätzten Handelsmann zum zweiten Mal widerfahren, dass eine Tochter, die seinen Namen trug, ihn zum Gespött seiner Freunde, der Nachbarn und der Geschäftsleute, ja auch seiner Verwandten machte? Johann Isidor hatte das Unheil kommen sehen. Sobald Victoria die Augen schloss, sah sie ihn vor seinem Schreibtisch stehen, und sie hörte ihn erklären: »Eine Tochter mit einem unehelichen Kind reicht mir für ein ganzes Leben.«

Der Verlauf der Krankheit war ungewöhnlich. Vier furchtbare Tage lang glichen die Symptome denen der tödlichen Spanischen Grippe, an der fünfzig Millionen Menschen in der Welt gestorben waren. Dass Victoria, so schwach, hilflos und weiß wie die Bettlaken, unter denen sie kauerte, buchstäblich von einer Stunde zur nächsten genesen würde, hatte niemand erwartet. Am wenigsten sie selbst. Am Mittag des fünften Tages entstieg sie ihrer Leidensgruft wie einst Phönix der Asche, und dies tat sie mit einer Haltung, um die sie ein jeder in der Familie bewunderte.

Weder der immer optimistische Doktor Meyerbeer noch Victorias desperate Mutter hatten auf eine solche Spontanheilung zu hoffen gewagt. Sie war nicht Mutters Hühnerbrühe und nicht den kühlenden Wadenwickeln zuzuschreiben, nicht Josephas Tränen am Krankenbett und nicht ihrem heißen Fliedertee mit dem nahrhaften Waldhonig, der direkt von einem Imker in der Wetterau bezogen wurde. Noch nicht einmal das Aspirin, auf das neuerdings die Mediziner so vertrauensvoll setzten wie greise Bauersfrauen auf die Kräuter von deutschen Wiesen, war an diesem großen Wunder beteiligt. Das Mirakel war allein der kleinen Claudette zu verdanken.

Der Unschuldsengel mit der Stupsnase, der niemals auf eine Frage verzichtete, wenn nur die geringste Aussicht auf eine Antwort bestand, war von der Mutter in die erste Etage delegiert worden – mit einem kleinen Kuchenteller und einem besonders großen Eclair. Als aber Claudettes geliebte Tante Victoria, die in Wirklichkeit Dornröschens Erste Hofdame und nur auf Urlaub in Frankfurt war, das Gebäck erblickte, begann sie zu zittern und zu würgen. Kind und Kuchen wehrte die Edelfrau Victoria mit rudernden Handbewegungen ab. Zweimal schrie sie »Nein« und einmal »Nicht!«. Sie stöhnte, wimmerte und weinte. Es sah ganz danach aus, als würden hundert Jahre nicht ausreichen, bis sie sich beruhigt hatte. Erschrocken stellte Claudette Teller und Eclair auf das Fensterbrett. Sie knickste tief, was sie immer tat, wenn sie verlegen war, lief so weit, wie sie nur konnte, vom Bett weg und drückte, Halt suchend, ihren Rücken an den Kleiderschrank. Mit ihrer schönen, lauten, manchmal als überdeutlich empfundenen Stimme fragte sie ihren zufällig anwesenden Onkel Erwin: »Kann man denn mit einer toten Tante noch spielen?«

Erwin, der dabei war, seinen täglichen Besuch am Krankenlager auf männertypische Weise zu verlängern, indem er den Frankfurter »General-Anzeiger« gründlicher las, als er dies unter gewöhnlichen Umständen getan hätte, legte sofort die Zeitung aus der Hand. Mit traurigem Blick schüttelte er sein kluges Haupt. Dann machte er sich ans Werk, seine wissbegierige kleine Nichte über die Endgültigkeit des Todes und die Unwiederbringlichkeit des Glücks aufzuklären. Er wählte äußerst anschauliche Beispiele, um sich dem Kind verständlich zu machen, fing beim törichten Suppenkasper an, der sich ins Grab gehungert hatte, erzählte von Romeo und Julia, sagte über Frau Lot »zu Salz erstarrt ist doppelt tot« und hielt sich längere Zeit bei der kopflosen englischen Königsgattin Anna Boleyn auf, die Heinrich VIII. aufs Schafott geschickt hatte. Claudette war tief beeindruckt und unersättlich in ihrem Forscherdrang; ihre Großmutter, die ins Zimmer kam, als eine von Blaubarts neugierigen Gattinnen gerade ihren letzten Atemzug tat, war außer sich. Genau wie vor vierzehn Jahren in Baden-Baden, als sie an der Mittagstafel um das Seelenleben der sechsjährigen Victoria gebangt hatte, zischte sie gebieterisch: »Taisez-vous!«

Claudette, klug und verständig wie immer, streichelte zärtlich, aber auch mit nachdenklicher Miene die heiße Wange ihrer leidenden Tante. Als sie aber die Kuchengabel beherzt in das Eclair stach, das nun nach dem Urteilsspruch der Großmutter ihr gehörte, schien sie recht zufrieden. Auf alle Fälle sah sie zuversichtlich in die Zukunft. »Ich bin froh, dass ich noch zwei andere Tanten habe, wenn Tante Victoria tot ist«, sagte das süße Kind.

Es war der Moment, in dem die Patientin begriff, und dies ein für alle Mal, dass diejenigen, die vor der Wirklichkeit flüchten, im Leben das Nachsehen haben. Noch während sich ihre schmatzende Nichte die Schokoladenkuvertüre des schaumweichen Gebäcks munden ließ, stand Victoria auf. Ein wenig wacklig auf den Beinen, aber doch mit mutig erhobenem Kopf, lief sie zum Fenster, machte es auf und trank die frische Luft, als wäre sie der Götter Nektar. »Ach«, sagte sie und ging, nun schon mit festerem Schritt, auf die Frisierkommode mit dem großen Spiegel zu. Schaudernd starrte Victoria auf ihr blasses, vom Weinen aufgequollenes Gesicht. Sie sah, dass ihr Haar feucht und strähnig war und dass es am Kopf klebte, befühlte ihre vom Fieber aufgesprungenen Lippen, die Backenknochen und den ausgedorrten Hals. Niedergeschlagen wandte sie sich ab; sie setzte sich auf die Bettkante und stellte sich darauf ein, dass sie wieder anfangen würde zu weinen, doch der Tränenfluss war versiegt. Eine Viertelstunde später stellte sie fest, dass ihre Temperatur wesentlich niedriger war als am Morgen. Ihr Kopf war wieder klar. Erwartungsvoll, als hätte sie das Zimmer, das seit zwanzig Jahren das ihrige war, noch nie gesehen, schaute sich Victoria um. Einen Moment lang konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie Vertrautes sah oder Neues entdeckte. Es verlangte sie, nach der Mutter zu rufen, doch sie drückte nach Kinderart die Hand auf den Mund.

Erwin und Claudette waren gegangen. Der Kuchenteller stand auf dem Fensterbrett, die eine Hälfte vom Frankfurter »General-Anzeiger« lag auf dem weißen Korbsessel, der Rest zerfleddert auf dem Fußboden. Erwin hatte, was sein Vater als schlüssigen Beweis für einen labilen Charakter zu werten pflegte, seiner Lebtag lang keine ausgelesene Zeitung zusammengefaltet. »Liederlich macht widerlich«, hatte der preußisch korrekte Handelsmann Sternberg seinen Kindern gepredigt, sobald er Gelegenheit dazu fand, sich auf sein Lieblingssprichwort zu berufen; es mangelte ihm selten an passenden Situationen.

Victoria merkte nicht, dass sie lächelte. Ihr fiel allerdings auf, dass die Sonne schien, die Wolken durch ein violett getöntes Licht segelten und dass der Pirol immer noch die Melodie pfiff, die der von Hänschen klein ähnelte. Der Gedanke an das Kinderlied brachte ihr Herz aus dem Takt. Ihre Stirn glühte. Sie nahm sich vor, umgehend Clara zu fragen, ab wann und auf welche Weise sich nach dem Zeitpunkt des Geschehens eine eventuelle Schwangerschaft abzeichnen könnte. Eine Zeit lang grübelte sie, wie sie ihrer Schwester von Wladi Bellini erzählen sollte, ohne sich allzu lächerlich zu machen. Clara hatte nicht die Eigenschaft, irgendwen mit ihrem Spott zu verschonen, schon gar nicht die, die sie liebte.

»Bloß keine voreiligen Geständnisse«, hatte Erwin in der Bahn gewarnt. »Nur Spießer halten die Wahrheit für rein und moralisch erforderlich. Tatsächlich hat sie auf der Welt mehr Schaden angerichtet als die Kartoffelkäfer und der deutsche Generalstab.«

Die Lektion war zwischen Göttingen und Kassel erfolgt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Victoria noch deklariert, nur Feiglinge würden versuchen, ihre Haut mit der kümmerlichen Waffe Lüge zu retten. Nun aber, in ihrem eigenen Zimmer mit sich selbst konfrontiert, wurde ihr klar, was der Bruder ihr hatte vermitteln wollen. Sie begriff, dass ihre Sorgen um keinen Deut geringer werden würden, wenn sie ihre Berliner Erlebnisse mit den Eltern teilte. »Sollte ich noch mal auf die Welt kommen und die Wahl haben«, sagte sie zu dem Puppenjungen mit dem Bajonett, »dann nur als Mann. Das kannst du mir glauben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Krieg der Männer schlimmer ist als die Angst der Frauen.«

Sie schlüpfte in die teuren Slipper mit den silbernen Pelzbommeln und zog einen lindgrünen Seidenkimono an, auf dem Rosen mit schweren Köpfen in Rosa und Rot glänzten. Clara und Victoria hatten das Prachtstück im gleichen Moment im Kaufhaus Wronker entdeckt und mit dem alten Kinderspiel »Schere, Stein, Papier« an Ort und Stelle entschieden, wer es kaufen durfte. Als Victoria die Robe zum ersten Mal anzog, hatte sie sich ausgemalt, so hätte Madame Butterfly bei ihrem ersten Treffen mit Leutnant Pinkerton ausgesehen. Auch jetzt, Lebensäonen später, hörte Victoria den amerikanischen Marineoffizier noch »Mädchen, in deinen Augen liegt ein Zauber« singen, und sie sah auch die Kirschbäume blühen, doch sie entschwebte nicht mehr mit Puccinis Musik in eine Welt der Träume und Schönheit. Sie war eine verzweifelte junge Frau, die mit der Butterfly das Leid vom kurzen Liebesglück teilte.

Zur Mittagszeit saß sie, von ihrer Mutter wie eine Erscheinung aus der Geisterwelt bestaunt und wie eine Prinzessin umsorgt, auf der gelbschwarz gestreiften Récamière im Wintergarten. Ihre Lippen waren noch fiebertrocken, aber die Stirn war wieder kühl. Dem weißen Licht in dem kleinen Raum und einem Zitronenfalter, der einen Flügelschlag lang an die Fensterscheibe, dann aber sofort zurück ins Leben flog, wohnten ein Zauber inne, der Victoria belebte. Die Geborgenheit, die dem Vertrauten entströmte, erlöste Kopf und Herz. Es war nicht mehr der Rausch der Liebe, nach dem es Victoria verlangte. In diesem Augenblick der Rückkehr begehrte sie nichts als Ruhe und einen Fixstern, um ihr Lebensschiff aus den Höllengewässern zu steuern.

Zur Hühnerbrühe – nicht mehr in alter roter Kinderschüssel serviert, sondern in einer weißen Suppentasse mit Veilchenmuster – aß sie ein Stück Toast, dick mit safrangelber Butter bestrichen. Von der Küche erreichte sie der Duft von Käsekuchen und frisch aufgebrühtem Kaffee. »Der erweckt Tote zum Leben«, lockte Josepha, als sie die kleine Silberkanne auf den runden Marmortisch stellte.

»Ich war doch nicht tot«, lachte Victoria, obwohl sie an das silberne Geschirr im Speisewagen hatte denken müssen und Wladi mit der Zuckerzange spielen sah.

»Ein bisschen tot warst du schon. Mir ist es damals ganz genauso gegangen.«

»Wann? Davon hast du mir ja noch nie was erzählt, Josepha.«

»Das erzähl ich dir, wenn du älter bist.«

»Ach, du! Das hast du immer gesagt, als wir noch Kinder waren.«

»Und bist du jetzt kein Kind mehr? Iss nur tüchtig, Vickylein. Den Käsekuchen hab ich extra für dich gebacken, damit du wieder Fleisch auf die Rippen und einen Mann fürs Leben kriegst. Magere Frauen sind wie magere Hühner. Sie geben weder eine ordentliche Suppe noch ein gutes Frikassee.«

Die Topfrosen auf dem Fensterbrett waren in einem sommerfrohen Rausch, sie blühten rosa, rot und weiß und prunkten mit ebenso großen Köpfen wie ihre Schwestern in den Gärten. Der Warzenkaktus hatte sich von seinem garstigen Namen nicht den Lebensmut nehmen lassen. Er stand auf einem grün gekachelten Blumenhocker und erfreute die ganze Familie mit seinen zarten lila Blüten, der Buckelkaktus überbot ihn mit butterblumengelben. Die beiden Zimmerazaleen, die im Frühjahr die Hüterin des Heims an ihrem berühmten grünen Daumen hatten zweifeln lassen, standen in voller Blüte. Auf dem Paradiesbild von Lucas Cranach reichte Eva mit blonden Zöpfen und einem Feigenblatt, das wenig Wesentliches verhüllte, aufmerksam von einem sanft blickenden Löwen beobachtet, einem zaudernden Adam den Apfel. Noch waren die beiden Unschuldsmenschen mit Augen, die nur Gutes gesehen, noch wussten sie nichts von der Sünde.

»Ist das Bild neu?«, wunderte sich Victoria.

»Brandneu«, nickte Frau Betsy, und einen Augenblick sah sie so aus, als erinnerte sie sich, welche Bedeutung ein Lächeln im Leben einer Frau hat, »es hängt erst seit zehn Jahren hier.«

»Weißbrot und Rotwein«, rief der Papagei. Auch der gefiederte Otto hatte eine Vergangenheit. Tante Jettchens Ehemann, dessen Leben er ja ursprünglich geteilt hatte, war Sanitätsrat gewesen und hatte seinen Patienten bei sämtlichen Krankheiten, selbst bei verstauchten Knöcheln und Brandwunden, Weißbrot und Rotwein verordnet. »Den Rotwein«, versprach Victoria dem aufgekratzten Vogel, »bringst du mir heute Abend, Monsieur.«

Es wurde Mitternacht, ehe sie die Schlussbilanz zog. Ohne sich zu schonen, machte sie sich klar, dass sie keine Sekunde der vierundzwanzig Stunden von Berlin je aus der Chronik des Grauens würde tilgen können. Die Wut, die sie ansprang, umklammerte sie wie ein ausgehungertes Tier seine Beute. Der zerfetzende Zorn versengte ihren Körper mit einem tödlichen Höllenfeuer. Sie glaubte zu ersticken, wurde steif und verdorrte. Und doch war dieser unmäßige Zorn ihr Retter. Er gab ihr die Kraft zurück, die sie noch am Morgen für immer verloren gewähnt hatte. Nach und nach und Stück für Stück begann eine neue Zeitrechnung. Victoria sah sich nicht mehr als Opfer, sie war nicht mehr eine, die sich duckte und der die Rechtschaffenen Vorhaltungen machen durften. Sie war kein erschrockenes, vom Teufel verführtes Bürgermädchen, auf das die Welt bis zum Jüngsten Tage mit dem Schandfinger zeigen würde. Sie war keine Flüchtende mit gebeugtem Rücken. Victoria war zwanzig Jahre jung, sie war schön und mutig, sie stand am Anfang ihrer Lebensreise und war unterwegs zum Gipfel.

Strampelnd befreite sich Victoria von dem schweren Federbett. Sie stieß es mit dem ordinärsten Fluch, den sie kannte, in Richtung Frisierkommode, streckte sich katzengleich, wie sie es immer getan hatte, stand auf und wurde sich bewusst, dass sie nicht mehr befürchtete, sie würde straucheln und fallen. Sie fühlte sich freier als seit Tagen, erfrischt und erlöst. In diesem kurzen, berauschenden Moment von Jubel und Sieg hätte weder Freund noch Feind der lebensfrohen Victoria Sternberg den Glauben nehmen können, dass sie schon am nächsten Morgen damit beginnen würde, ihr altes Leben wieder aufzunehmen.

Sie zog die Gardinen zurück und machte beide Flügel des Fensters auf. Wie es die liebenden Frauen in ihren alten Jungmädchenbüchern und nun auch im Kino taten, starrte Victoria in die Tiefe. Dem romantischen Bild fehlten nur die gewellten Haare, die bis zu den Schultern reichten und verführerisch im Nachtwind wehten, und es fehlten auch ein dünn verschleierter Mond und der üppige Sternenglanz. Der Himmel über Frankfurt war verhangen, die Luft noch schwer von der Tagesschwüle. Victoria rieb sich die letzten Körner des Zorns aus den Augen. Noch immer wähnte sie, sie könnte neu beginnen; ungeduldig wartete sie auf das Zeichen, das Erlösung versprach.

Doch es verging der Jubel, und es verlosch der Glanz. Die, die es traf, konnte nicht ausmachen, ob es die Einsamkeit war, die sie am meisten quälte, oder die Bestürzung, dass ihre Träume und Zukunftshoffnungen einen so schmählichen Tod gestorben waren. Zwar gelang es ihr in dieser Stunde zwischen Nacht und Tag, noch einmal der Verzweiflung zu entkommen, aber da hatte sie bereits begriffen, dass für eine, die so tief herabgestürzt war wie sie, Sicherheit nie mehr eine Gnade von Dauer sein würde.

»Rausch«, flüsterte Victoria, »nur ein Rausch.« Betreten, als könnten sie die missgünstigen Geister der Nacht belauschen, strich sie mit der Rechten über Brust und Bauch. Die Angst, die sie durchströmte, fühlte sie als körperlichen Schmerz. Panik drückte ihr die Kehle zu. Sie nahm sich vor, Erwin zu bitten, wenigstens noch die drei Wochen in Frankfurt zu bleiben, bis sie wusste, ob sie schwanger war oder nicht.

»Das hätte ich ohnehin getan«, sagte er, als er sich am nächsten Morgen Vaters Zeitungen ausborgen kam. »Glaubst du denn, ich kann in Berlin in Ruhe Bilder malen, die sowieso kein Mensch je kaufen wird, wenn meine süße kleine Schwester hier von einem wütenden Vater in die Verbannung geschickt wird? Oder würdest du gleich in den Main gehen?«

»Clara hat es doch auch geschafft.«

»Clara ist ja auch ein Mann.«

Frau Betsy, die in dreiunddreißig Jahren Ehe gelernt hatte, lieber drei Worte zu wenig als eins zu früh zu sagen, registrierte sehr wohl, dass ihre Tochter seit ihrer Berliner Reise nicht mehr davon sprach, Schauspielerin zu werden, doch in Victorias Gegenwart gab sie vor, sie hätte nichts gemerkt. »Was hast du vor?«, fragte die ungewöhnliche Mutter jeden Morgen, und wenn ihre blasse Tochter von den Exkursionen nach Hause kam, deren Ziel niemand kannte, wollte sie lediglich wissen »War’s schön?« oder »Hast du was Ordentliches gegessen?«.

Victorias radikale Absage an die Muse Thalia war kein spontaner Entschluss. Er war in den Tagen der Verzweiflung gereift. Und, wie sich bald herausstellte, war er endgültig. Victoria glaubte nicht mehr an ihr Talent, sie hielt das Theater nicht mehr für das Lebenselixier der Auserkorenen. Sie übte keine Texte mehr für die Aufnahmeprüfungen in Schauspielschulen ein. Romeos Julia, Gretchen am Spinnrad und Schillers Jungfrau verschwanden für immer. Mit ihnen der Privatlehrer, der dem selbstbewussten Fräulein Sternberg so geschickt und selbstsüchtig die Flausen von Begabung und Ruhm in den Kopf gesetzt hatte. Victoria die Geläuterte, deretwegen der berühmte Kritiker Alfred Kerr sich in der ersten Reihe die Hände hatte wund klatschen sollen, wenn er sie als Gerhart Hauptmanns Hannele sterben sah, machte ihre Augen zu und verstopfte ihre Ohren, sobald jemand nur das Theater erwähnte.

Auch ins Kino mochte Victoria nicht mehr gehen. Oft zog sie sich nach dem Essen zurück; sie sprach von »interessanten, guten« Büchern, die sie schon »seit Ewigkeiten« hätte lesen wollen, und sie glaubte, was sie sagte. Zur Überraschung der Familie entdeckte sie ihre kleine Schwester. Alice, die selbst ihre geduldige Mutter des Öfteren als Nervengift bezeichnete, vermochte ihr Glück kaum zu fassen. Ihre schöne Schwester Victoria, von allen bewundert und hofiert, ging mit ihr einkaufen und Eis essen und holte sie von der Schule ab. Sie promenierte mit ihr im Westend und auf der Forsthausstraße, interessierte sich für die Geheimnisse der aufmüpfigen Dreizehnjährigen, und sie interessierte sich für deren Freundinnen, die ebenso anstrengend und vorlaut waren wie sie. Diese wunderbare große Schwester ließ sich gar alles von Fräulein Kranichstein berichten, der immer noch angebeteten Deutschlehrerin.

Wenigstens das Rätsel der plötzlich entflammten Geschwisterliebe war leicht zu lösen. In den Stunden mit Alice war auch Victoria wieder dreizehn Jahre jung, ein niedlicher Backfisch mit Rehaugen und Grübchen, der das Leben für eine nie endende Lustbarkeit hielt. In Alicens Gegenwart wurde aus Victoria mit den ermordeten Träumen und den verbrannten Illusionen und der Angst vor einer Schwangerschaft noch einmal Vicky, das bezaubernde Glückskind, für das es Sterne vom Himmel regnete.

In den Nächten weinte sich die neue Victoria in den Schlaf. Sie würgte an ihrem Frühstück herum und fürchtete jeden Morgen aufs Neue, ihre Mutter oder Josepha würden ihre Übelkeit bemerken. Sie las, was sie ihrer Lebtag nicht getan hatte, sämtliche Zeitungen, die ins Haus kamen – selbst die Wirtschaftsberichte, von denen sie noch nicht einmal die Überschriften verstand. Sie schleppte, bis Erwin sie einen Blaustrumpf nannte und Clara sie nur noch als »Fräulein Doktor« anredete, Bücher über Psychologie, persische Mythologie und europäische Kulturgeschichte an. Einmal erkundigte sie sich gar nach dem Pensionat für höhere Töchter in Montreux, auf dem einst ihre Mutter gesellschaftlichen Schliff erhalten hatte.

»Ich kann mir wahrhaftig nicht vorstellen, dass es einem Mädchen deiner Generation dort zusagen würde«, mutmaßte Frau Betsy, »wir wollten ja kochen und sticken und in Französisch parlieren lernen, um den Mann fürs Leben zu finden. Ihr wollt aber auch noch von ihm auf Händen getragen werden, und das ein Leben lang. Das kann man nicht lernen. Nirgends.«

»Dann findest du wahrscheinlich auch Nähkurse sinnlos. Einige aus meiner alten Klasse haben sich in einem Institut in Sachsenhausen angemeldet, von dem man sich Wunderdinge erzählt«, sagte Victoria zum erneuten Erstaunen ihrer Mutter.

»Was kann an einer geraden Naht oder an einem gelungenen Knopfloch schon ein Wunder sein? Ich finde, es würde reichen, wenn du dir deine Strümpfe nicht von Josepha stopfen lässt. Ihre Augen machen nicht mehr mit. Ihre Hände übrigens auch nicht.«

Für ihre Nichte hatte Victoria noch mehr Zeit als für ihre kleine Schwester. Sie brachte Claudette zur Ballettstunde und begleitete sie zum Klavierunterricht, ging mit ihr auf sämtliche Spielplätze zwischen der Günthersburgallee und dem Holzhausenpark, half ihr, wenn Clara nicht zu Hause war, um es zu verbieten, bei den Schulaufgaben und häkelte sämtlichen Puppen Mützen mit passenden Strümpfen. Keinen Kinderfilm ließen die beiden aus und nie ein Marionettentheater. Abends las die perfekte Tante aus einer Kinderfassung der »Ilias« vor, und gelegentlich vergaß sie, dass das Theater nicht mehr ihre Welt war. Eingehüllt in eine kornblumenblaue Seidenstola und mit einer Stimme, die sich darauf verstand, ein Kind fürs Leben zu verzaubern, rezitierte sie die großen Theatermonologe.

Es war ein Septemberabend voller Sommersüße, an dem die neunjährige Claudette erstmals von dem Elfenkönig Oberon erfuhr, der seinen Diener Puck ausschickte, um die Wunderblume zu suchen. »Deren Saft auf entschlafene Wimpern geträufelt«, wusste Victoria, »erweckt bei Mann und Weib in jeder Kreatur die Liebe.«

»So etwas Schönes werde ich nie wieder hören«, schwante es Claudette.

Für die erste Begegnung mit Shakespeare revanchierte sie sich bei ihrer Tante mit einem Verrat an ihrer Mutter. Flüsternd erzählte sie von dem Mann ohne Namen, der am späten Abend mit Negerküssen für sie und »einem Zaubertrank für meine Mami« vor der Tür stehen würde und von dem nur ihre Mutter und sie selbst wissen dürften.

»Er hat«, berichtete die Verschwörerin mit der früh ausgeprägten Beobachtungsgabe, »nur einen Fuß und einen ganz, ganz steifen Arm. Man kann ihn zwicken, ohne dass er schreit. Er zappelt noch nicht einmal. Aber warum weinst du denn, Tante Vicky? Ihm tut das nicht weh, sagt er. Er hat gesagt, ihm kann gar nichts mehr wehtun.«

Wenn Victoria glaubte, sie könnte die Spannung ihres Lebens keinen Augenblick mehr aushalten und sie müsste auf der Stelle dem Käfig entkommen, in dem sie aus freien Stücken hockte, ging sie mit Erwin spazieren. Die beiden wanderten am Main und am Lohrberg, fuhren mit der Tram in den Stadtwald, nach Oberursel und Bad Homburg. Sie lachten viel und genossen es, dass sie es konnten. In der Natur waren sich Bruder und Schwester, der Tröster und die Trostbedürftige, absolut sicher, dass sich jede Widrigkeit des Lebens mit spitzer Zunge und einem stählernen Herzen meistern ließ. Trotzdem kam Victoria mit betrübtem Gesicht und eingezogenen Schultern nach Hause. Hatte, fragte Frau Betsy ihren Mann, die Sorgentochter nicht nur ihre Lebensfrische verloren, sondern am Ende auch ihre Illusionen und Hoffnungen aufgegeben?

»Vielleicht«, mutmaßte der kluge Vater, »hat sich unser Fräulein Tochter nun endlich ihre meschuggenen Vorstellungen vom Leben aus dem Herzen gerissen. Warum sollen wir nicht auch mal Glück haben? Sieh dir unseren Sohn an.«

Erwins wundersame Verwandlung fiel nicht nur der Familie auf. Vom Balkon aus erneuerte er seine Kinderkontakte zu den Bewohnern der Nachbarhäuser. Er winkte Menschen auf der Straße zu, die er gar nicht kannte. Im Hausflur schlich er sich nicht mehr an den Mietern vorbei– er grüßte sie herzlich und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Sein Tonfall entledigte sich des Berlinerischen und nahm wieder die ursprüngliche Frankfurter Färbung an. Die Sprache wurde wieder weich. Den Ohren von Ortsfremden mochte sie nachlässig und bäurisch erscheinen, weil die Endsilben verschluckt wurden und die Grammatik nicht stimmte, doch die Frankfurter mochten es, wenn Sprache so gemütlich war wie das Leben nach dem vierten Glas Ebbelwein. Erwin sagte nicht mehr »Sonnabend«, wenn er Samstag meinte. Josepha war die Erste, der es auffiel, dass er ihren Frankfurter »Quetschenkuche« nicht mehr hochdeutsch als Pflaumenkuchen verhöhnte. »Kreppel« nannte er nicht mehr »Pfannkuchen«, »Frikadellen« nicht mehr »Buletten«.

Endlich gab es im Haus wieder einen, der sich in seiner Vaterstadt auskannte. Der brachte Claudette bei, dass Kaiser Karl der Große bei einem in Frankfurt abgehaltenen Reichstag den Ebbelwein erfunden hatte, als er sich versehentlich auf den Reichsapfel setzte. Und für seine Josepha rezitierte der liebenswürdige Bub, der er einst gewesen war, Friedrich Stoltzes Gedicht vom richtigen Umgang mit der Bratwurst:
»So e Bratworscht muss indesse
jeder ohne Gawel esse;
nor die rächte Hand und linke
sind als Gawle mit fünf Zinke
noch gestatt – und des is gut,
weil sich kääns da steche duht.«

Die grauhaarige Köchin saß am Küchentisch, ihr Hätschelbub auf dem Hocker, den er früher gebraucht hatte, um an die Schublade mit den Rosinen und dem Orangeat zu kommen. Sie weinten beide ein bisschen und hielten das Salz, das sie schmeckten, für Zucker. »Wenn uns jemand hier sieht, lässt er uns in die Klapsmühle einliefern«, sagte Erwin.

Es war, als hätte dieser früh gealterte, von Enttäuschungen, Bitterkeit und Alkohol gezeichnete Mann im Jungbrunnen gebadet. Am Ende war es doch kein Zufall, dass er das Werk von Lucas Cranach dem Älteren, in dem der fränkische Meister das Wunder der Verjüngung unsterblich gemacht hat, besonders liebte. Er suchte das Bild für Anna aus einer Kunstgeschichte heraus; sie wurde rot und sagte »Ach« und wusste nicht, weshalb.

Erwins Aussehen und vor allem seine Laune entsprachen wieder seinem Alter, seine Bewegungen waren nicht mehr fahrig, die Augen klar, die Reden weniger zynisch und der Humor nicht mehr bissig. »Er sieht jetzt wie ein junger Mann aus, der sich für einen Künstler hält«, befand Johann Isidor, »nicht mehr wie eine Mischung aus Hofnarr und Bürgerschreck.«

Der Meister der Andeutungen war überaus zufrieden. Zwar gab er in den Gesprächen mit Betsy vor, ihm wäre es nicht aufgefallen, dass die Gespräche zwischen ihm und seinem Sohn zum ersten Mal seit der Zeit von Erwins Barrikadenstürmen frei von Häme und geprägt vom Verständnis füreinander waren. Nacht für Nacht aber dankte der Mann, dem dieses Vaterwunder widerfahren war, dem Vater im Himmel, dass er es hatte geschehen lassen. Es war ein Nehmen und Geben in der neuen Harmonie, die das Klima bestimmte, wenn die Herren Sternberg im Salon saßen, ihren Rücken in die Ledersessel mit den hohen Lehnen drückten und Versäumtes nachholten. Noch ehe die erste Zigarette ausgedrückt wurde, wurde aus dem Lächeln des Einverständnisses das Männergrinsen von Kumpanen.

Johann Isidor und der Sohn, den er so vorschnell aufgegeben hatte, sprachen viel über die Entwicklung in Deutschland; es tat ihnen wohl, dass sie über die Rechten und über die Linken einer Meinung waren und dass sie die Zukunft mit der gleichen Sorge sahen und sich keine Illusionen machten. Beide spürten sie, dass ein besonderer Segen über diesem späten Gleichklang der Seelen lag, doch sie hüteten sich, den neuen Zauber durch das Wort zu vernichten.

Was dem Vater entging, weil er ein Mann war und nur das aufnahm, was er sah und was sich anfassen ließ, offenbarte sich der Mutter. Sie fühlte, dass Erwin genau wusste, was Victoria in Berlin widerfahren war und was sie weiter quälte. Ihr fiel auf, wie beunruhigt er die Schwester beobachtete und dass er sie, als sei sie ein verängstigtes Kind, bei jeder sich bietenden Gelegenheit lobte, und dies für Nichtigkeiten. Wenn Betsy daran dachte, dass sie Erwin immer als das schwierigste ihrer Kinder bezeichnet hatte, schämte sie sich.

Waren die Geschwister allein, redete Erwin mit Engelszungen auf Victoria ein, dass sie sich nicht vom Leben zurückziehen dürfe. »Und von den Männern«, sagte er jedes Mal. »Du kannst nicht den einen Schurken für die ganze Gattung haftbar machen. Wenn das alle Frauen täten, wäre die Menschheit längst ausgestorben.«

Anfangs wehrte sich Victoria mit Krallen und Knurren. Ihre unliebenswürdige Art hätte jeden außer ihren Bruder in die Flucht geschlagen. Sie hatte nie ein nachgiebiges Naturell gehabt, Vernunft und Einsicht waren für sie nicht die Messlatte der Dinge. Nun gaukelten ihr ihre Widerspenstigkeit und ihr kindlicher Trotz einen bleibenden Schutz vor neuen Enttäuschungen vor. Auf die Dauer aber war Victoria Erwins hartnäckigen Attacken doch nicht gewachsen. Es waren seine Logik und sein Humor, die die Schlacht entschieden. Eines Abends fand Victoria einen Zettel auf ihrem Kopfkissen. »Kein Mann, der das Herz einer Frau bricht, ist nur eine ihrer Tränen wert«, hatte Erwin in seiner kräftigen, nach links neigenden Schrift geschrieben. Victoria lachte so laut und spontan, als wäre ihre Welt nie aus den Fugen geraten.

Die Botschaft auf dem Kopfkissen leitete die große Wende ein. Schon am nächsten Tag zogen Bruder und Schwester los. Sie planten ihren Kampf um neue Lebensperspektiven wie Generale die Schlachten; schon wenn sie die Höhenstraße erreichten, hielten sie Ausschau nach der Zukunft, registrierten Zufälligkeiten und analysierten Besonderheiten. Sie kicherten wie Halbwüchsige und wirkten wie ein fröhliches Liebespaar. Die kecke Fröhlichkeit ihrer Kindertage spazierte mit.

»Er ist wirklich fürsorglich geworden«, meinte Betsy, als sie einen typischen Abgang der beiden beobachtete.

»Das war er immer«, erinnerte sie Josepha. »Nur wollte das außer mir keiner hier sehen. Der Bub hat sich schon als Fünfjähriger rührend um sein Schwesterchen gekümmert.«

»Er war acht, als Victoria geboren wurde«, stellte Frau Betsy klar, »und er hat ihr nicht die Butter aufs Brot gegönnt. Von der Erdbeermarmelade und seinem Stoffesel ganz zu schweigen.«

Auch Clara kommentierte Erwins Verwandlung. »Du gehst ja voll in deiner Rolle als Victoriapapi auf«, stichelte sie. »Haben sie dich denn in Berlin komplett umgemodelt?«

»Komplett«, bestätigte Erwin, »aber nicht in Berlin.« Er war immer noch immun gegen Claras Spitzen. »Weißt du«, erklärte er, »dein Bruder befindet sich in einem ganz neuen Entwicklungsstadium. Es ist das allererste Mal in seinem früh verpfuschten Leben, dass er gebraucht wird. Ich wache morgens auf und denke nicht an mich. Und abends gehe ich ins Bett und denke immer noch nicht an mich. Derzeit interessiert es mich auch keinen Pfifferling, ob und wann ich je wieder einen Pinsel in die Hand nehme. Altruismus ist wie eine doppelte Prise Koks. Oder wie ein schönes nacktes Mädchen im Bett. Gebraucht zu werden hilft in jeder Lebensphase. Besonders bei Einsamkeit und Weltschmerz. Wahrscheinlich auch bei bevorstehendem Suizid.«

»Sieh mal einer an, mein verkannter Bruder! Der passionierte Egoist. Und warum glaubst du, bin ich nicht in den Main gegangen, als Claudette geboren wurde und ihr feiner Vater ›Wir sollten uns Zeit lassen‹ sagte? Weil das Kind mich gebraucht hat, hab ich das alles durchgestanden. Vaters Zorn, Mutters Verzweiflung und die geballte Verachtung aller germanischen Spießer mit Ausnahme von Josepha.«

»Und ich hab immer gedacht, du bist nicht ins Wasser gegangen, weil du so gut schwimmen kannst. Ich hab mir sagen lassen, da ist Ertrinken ein Problem.«

»Ach, Erwin, kannst du denn nie ernst sein?«

Zwei Wochen vor Beginn der hohen jüdischen Feiertage wurde Victoria von der Angst erlöst, sie könnte schwanger sein. Jede der drei Wochen Panik und Beschämung hatte sie ein Kilo Gewicht gekostet – und auf Lebenszeit ihren Stolz und Mut. Am Tag ihrer Befreiung schrieb sie morgens um sieben in winziger Spiegelschrift in ihr Tagebuch: »Danke!« Dazu malte sie, wie es Kinder tun, aus Punkt, Komma und Strich ein lächelndes Mondgesicht. Zum Frühstück bat sie um zwei Eier im Glas, obgleich es ein Dienstag war und bei der Familie Sternberg nur sonntags Eier zum Frühstück gegessen wurden. Der Hausherr registrierte ein wenig irritiert den zurückgekehrten Appetit seiner Tochter, in Anbetracht ihrer gerade überstandenen Krankheit wagte er jedoch weder Rüge noch Kommentar. Josepha weinte, als sie die Eier schälte, ein Dankgebet zum Himmel sprach und einen der nagelneuen Hornlöffel einweihte. Auch Frau Betsy, die mehr als nur einen erleichterten Seufzer verschlucken musste, wusste sofort Bescheid.

Am frühen Nachmittag spazierte das davongekommene Fräulein Sternberg die Berger Straße hinunter, durch die schöne Grünanlage hinter dem Gericht und auf die Zeil, beschwingt und vom Glück berauscht. Sie kaufte die feinsten Seidenstrümpfe, die sie fand, dazu einen neuen Strumpfbandgürtel mit schwarzer Spitze, einen kniekurzen plissierten weißen Rock, der Luftsprünge bis zum Himmel und zurück ermöglichte, und einen cognacfarbenen Glockenhut mit kleiner Krempe. Zwar ähnelte er dem sehr, der in Berlin zurückgeblieben war, erweckte aber seiner Farbe wegen keine unliebsamen Erinnerungen.

Als Victoria ihrem Spiegelbild in der Schaufensterscheibe eines Schuhgeschäfts begegnete, verließ sie ihr neuer Elan. Ihr Gesicht war papierblaß, sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und den Körper einer Vierzehnjährigen. Erst da wurde ihr bewusst, wie wohltuend und diskret sich ihre Eltern während der letzten drei Wochen verhalten hatten. Keine der üblichen Fragen, keine Vorwürfe, keine unterschwelligen Drohungen und nicht eine einzige Bemerkung, dass ihre Schwester Anna so viel mehr vom Ernst des Lebens begriffen hätte als sie, nur Hühnersuppe, Rotwein mit Ei, viel Rücksicht und noch mehr Elternliebe.

Einem plötzlichen Impuls folgend, kaufte Victoria ihrer Mutter, die sämtliche Beiträge des Schriftstellers Ernst Glaeser in der »Frankfurter Zeitung« las und große Stücke auf seinen Erstling »Überwindung der Madonna« hielt, sein soeben erschienenes Buch »Jahrgang 1902«. Für ihren Vater erwarb die dankbare Tochter ein Zigarettenetui im Art-deco-Stil. Am nächsten Tag rührte das teure Präsent Johann Isidor über alle Maßen, auch wenn er es, wie sonst auch, selbst bezahlen musste, indem er Victorias Börse auffüllte. »Bleibt das ein Leben lang so?«, fragte er seine Frau.

»Sie ist doch erst zwanzig«, entgegnete Betsy. »Da kannst du nicht erwarten, dass sie schon verheiratet ist und dich nichts mehr kostet.«

»In dem Alter war unsere Tochter Clara schon Fräulein Mutter.«

»Ja, willst du das denn noch mal durchmachen?«

Abends ging Victoria – in einem gerafften Taftkleid, das ihre Magerkeit geschickt verhüllte, und mit viel Rouge auf den Wangen – mit Erwin und Clara in ein kürzlich eröffnetes Lokal in der Kaiserstraße. Das noble Restaurant mit weiß lackierten Möbeln und einer königsblauen Zimmerdecke, in die eine Unzahl von kleinen Lampen eingelassen war, die sternenhell strahlten, galt als der allerletzte Schrei im Bilderbuch der Avantgarde. Das Etablissement bot sowohl internationale als auch völlig unbekannte und sehr exotische Speisen an und einmal in der Woche die eigenwilligen Vorstellungen des elsässischen Chefkochs von moderner Hausmannskost. Die Speisen wurden sogar im Frankfurter »General-Anzeiger« erwähnt, beispielsweise Linsensuppe mit Streifen von Entenbrust oder Bratwurst in einer Soße aus Backpflaumen und frischem Paprika. Serviert wurden die Küchenkreationen von jungen athletischen Kellnern, die wie hellenische Diskuswerfer aussahen, und auch von Kellnerinnen. Die jungen Frauen waren entweder ziemlich misslungene Kopien der viel bewunderten Filmschauspielerin Jenny Jugo, oder sie waren wie die koketten Nummerngirls im Varieté herausgeputzt.

Alle drei Geschwister Sternberg hielten Gaumenexperimente für einen Beweis von Lebenskunst und Aufgeschlossenheit. So aßen sie mit dem Gleichmut der gehobenen Gesellschaft in Grappa flambierte Hummermedaillons mit Safranfäden und Ingwerstückchen. Es folgte eine indische Mulligatawnysuppe, von der auch der streng befragte Kellner nicht zu sagen vermochte, wie sie auszusprechen war, und schließlich wurde gekochter Schinken serviert – mit Gänseleberpüree und Trüffeln bestrichen und auf der Speisekarte ausgerechnet als »Jambon Rothschild« aufgeführt. Bei Erwin löste die Sprachkomposition einen Anfall von Atavismus aus. Er grunzte fortwährend vor sich hin und fragte, als schließlich der Kellner besorgt herbeieilte, recht laut nach »gefilte Fisch«.

Am Nachbartisch saß ein dunkelhaariger junger Mann, auffallend groß und wie ein englischer Gentleman gekleidet. Selbst seine Krawatte hatte er zum berühmten Windsorknoten des englischen Thronfolgers gebunden. Er hatte die drei munteren Geschwister schon seit der Mulligatawnysuppe eingehend beobachtet; als der Kellner, ein wenig stammelnd und entsprechend verdrossen zu erklären versuchte, weshalb das Haus keinen »gefilte Fisch« führte, war es um den Gast am Nachbartisch geschehen. Jedes Wort, das der Kellner sagte, löste einen neuen Heiterkeitsausbruch aus, und nur sehr allmählich wurde dem Gentleman mit dem Windsorknoten bewusst, dass ihn sowohl die übrigen Gäste als auch der Maître des Gourmettempels, der mit einem silberfarbenen Sektkübel stilbewusst an einer Säule stand, befremdet anstarrten. Bestürzt schaute der junge Mann, für den sonst Zurückhaltung das elfte Gebot war, auf seinen Teller. Ein wenig zögerlich ließ er den Rest seiner geschmorten Hammelkeule im Stich, stand auf und ging mit flammendem Gesicht, die Serviette versehentlich in der Hand, zum Nachbartisch. Dort entschuldigte er sich wortreich und stellte sich schließlich vor.

Er hieß Friedrich Feuereisen und war seit dem Frühjahr Juniorpartner eines stadtbekannten Rechtsanwalts in der Biebergasse. Den Doktortitel, der das Eintrittsbillett in das Heim begüterter jüdischer Bürger mit Töchtern im heiratsfähigen Alter war, hatte er auch. Erwin mit seinem ausgeprägten Erkennungsvermögen für Stimmen, erinnerte sich sofort, dass er und Doktor Feuereisen sich früher bereits begegnet waren, und zwar mehrmals. Beide hatten als Obersekundaner die Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde besucht, in denen gegen die diffamierenden Judenzählungen im deutschen Heer protestiert wurde.

Die Herren tauschten – im Stehen und mit Vergnügen – die Erinnerungen aus, die ihnen geblieben waren. »Vielleicht könnten wir uns mal in Ruhe treffen«, schlug Doktor Feuereisen vor. Eine rot berockte Kellnerin mit einer voluminösen Schleife im Haar hatte ihn mittels einer Auswahl von Petits Fours, die alle mit Silberperlen und winzigen Fähnchen in den deutschen Farben geschmückt waren, zurück an den eigenen Tisch gelockt. Es gab keinen Zweifel, dass der Liebhaber süßer Versuchungen das Wort an Erwin gerichtet hatte, doch es war Victoria, die er beim Sprechen anschaute.

Der Bewunderten ging nur wenige Tage nach diesem unbeschwerten Fest der Erlösung auf, dass ihr Jubel schnell verwelkt war; sie kannte den Grund, und das seit Wochen, aber erst im Schutz einer dunklen Nacht fand sie den Mut, sich ihrem Bruder anzuvertrauen. Auf dem Heimweg vom Kino – die romantische Stimmung nach dem herrlichen Ernst-Lubitsch-Film »Alt-Heidelberg« begann gerade nachzulassen – blieb Victoria in der Günthersburgallee stehen. Vor dem stolzen Bürgerhaus mit Giebeln, Erkern und phantasievoll verzierten Balkons, vor dem sie als Achtjährige mit ihrer Freundin Mariechen Hickelkreise gemalt hatte, um Himmel und Hölle zu spielen, sagte sie entschlossen »Jetzt« und noch resoluter »doch«. Dann, die Stimme gesenkt, als hätte jeder Baum in der Allee geschworen, das Geheimnis der Sünderin Victoria Sternberg in die Welt zu posaunen, druckste sie: »Merkt eigentlich jeder Mann in der Hochzeitsnacht, wenn er nicht der Erste im Leben seiner Frau ist?«

»Wenn er sturzbesoffen ist, bekommt er das nicht so richtig mit. Jetzt sag nur, dass du auf der Suche nach einem Gewohnheitstrinker bist, der die Verantwortung für dein Leben übernehmen soll! Oder nach einem Quartalsäufer. Vergiss es, Schwesterchen. Juden saufen nicht. Sie trinken noch nicht einmal. Sonst bräuchten sie nicht eigens den Befehl, dass sie zu Pessach vier Gläser Wein zu trinken haben. Ich bin da die große Ausnahme, und selbst mir schmeckt der Alkohol neuerdings nicht mehr so richtig.«

»Ich hab’s ernst gemeint.«

»Ich auch, Vicky. Bitterernst. Allerdings bin ich bis zu diesem Augenblick überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass du daran denkst, sowohl deine Bühnenlaufbahn für immer sausen zu lassen, als auch deinen Familienstand zu verändern. Ich finde beides richtig. Und einer Tochter aus dem Hause Sternberg würdig. Das Risiko, in einer Ehe unglücklich zu werden, ist weiß Gott nicht größer als anderswo. Nur wirst du nie den passenden Ehemann finden, wenn du zu Hause hockst und Puppenkleider häkelst und in den Wirtschaftsteil der ›Frankfurter Zeitung‹ glotzt. Komm, wir setzen uns drüben auf die Bank. Es gibt Dinge, die man nicht im Stehen besprechen sollte.«

»Ich hock’ zu Hause, weil ich eine Mordsangst habe, ihn irgendwo zu treffen. Das könnte ich nicht durchstehen.«

»Vergiss den Mistkerl, Vicky. Es gibt genug Örtlichkeiten in dieser Stadt, wo sich so einer noch nicht mal mit einem Fuß hintraut. Oder glaubst du, er speist in unserem Lokal von neulich Jambon Rothschild? Oder geht in der Freßgass einkaufen? Und in die Synagoge geht er auch nicht. Noch nicht einmal in die Kaffeehäuser, in die ich dich ab sofort führen werde, damit du wenigstens wieder begreifst, wie ein Mann aussieht und wofür man ihn verwenden kann, wenn man so aussieht wie du und eine solche Mitgift zu erwarten hat, wie du sie bekommst. Lass deinen Bruder nur machen. Das ist eine Ehrenpflicht. Es steht schon in der Bibel, dass ein Bruder dafür zu sorgen hat, dass seine unversorgte Schwester heiratet.«

»Wie kommst du auf die Idee, dass ich heiraten will?«

»Ach, weißt du, ich bin zum Schadchen geboren. Ich hab schon mit fünf Jahren Claras Puppen verheiratet. Und ihren Teddy mit meinem Esel. Ich hab’s einfach im Gefühl, wer zu wem passt.«

»Und was, bitte, ist ein Schalchen?«

»Schadchen, du Schaf. Ein Schadchen ist ein Heiratsvermittler. Ein ganz gewöhnlicher Amor. Nur mit einem jüdischen Kopf statt mit Pfeil und Bogen. Bei den Juden erfüllt der Schadchen, der ebenso gut Mann wie Frau sein kann, eine ganz wichtige gesellschaftliche Funktion. Das Vermitteln einer Ehe gilt bei uns als eine fromme Handlung.«

»Mein Gott, du kannst doch nicht wirklich glauben, dass sich im zwanzigsten Jahrhundert ein Mädchen wie ein Pferd verschachern lässt. Da waren ja unsere Eltern schon weiter.«

»Und glaubst du wirklich, Johann Isidor Sternberg, der Sohn eines Viehhändlers aus Schotten in Oberhessen, hat das wohlhabende und hoch gebildete Fräulein Betsy Strauß aus Pforzheim auf dem väterlichen Kartoffelacker ausgebuddelt?«

»Ich kann mir mich gar nicht als verheiratete Frau vorstellen. Ich war immer so sicher, ich würde im Leben was Großes leisten.«

»Es gibt keine größere Leistung für eine Frau, als es ein Leben lang bei einem Mann auszuhalten. Und keine größere Tragödie für eine Frau, als die Feiertage bei ihren verheirateten Geschwistern zu verbringen und abends mit einer Wärmflasche ins Bett zu gehen.«

»Aber Clara...«

»Vergiss Clara. Du bist nicht wie sie. Du bist die schönste und empfindsamste meiner drei Schwestern. Pardon, ich hab schon wieder Jungfer Anna vergessen. Und wenn eine Frau nicht dafür geeignet ist, allein durchs Leben zu gehen, dann bist du’s, Prinzessin. Übrigens eignest du dich auch nicht zur Schauspielerin.«

»Du hast ja nichts von mir gesehen, seitdem ich Silvester vor zwei Jahren mit Claudette das Stückchen von ›Marietta‹ geplärrt habe.«

»Dein Talent kann ich auch nicht beurteilen. Nur deine Ellbogen. Die taugen nichts fürs Theater. Nein, ich rede absolut nicht wie der Blinde von der Farbe. Ich war zwei Jahre lang mit einer Schauspielerin zusammen.«

»Und was hat euch auseinandergebracht?«

»Der Gashahn. Sie hat ihn aufgedreht, weil sie mit den Enttäuschungen und Intrigen nicht fertig geworden ist, die für Schauspieler das tägliche Brot sind. Du musst nicht weinen, Vickylein, aber wenn du weinen musst, ist es besser jetzt als später.«

Obwohl Erwin seit zehn Jahren in Berlin lebte, kannte er sich glänzend in seiner Vaterstadt aus – vor allem in der weiten Landschaft der Kaffeehäuser. Er wusste, wo die besten Torten gebacken wurden, wo die interessantesten Zeitungen auslagen und wo es mehr jüdische Gäste als anderswo gab. Seine Schwester, am Anfang noch widerstrebend und entsprechend gehemmt, fand sehr bald Gefallen an der sanften Bevormundung ihres phantasievollen Bruders. Erwin war der ideale Begleiter, charmant, witzig und aufmerksam. Frauen drehten sich nach ihm um, Männer schätzten seine Scherze und seine Ironie, Kellner empfingen ihn schon beim zweiten Besuch wie einen Stammgast. Die Geschwister waren viel in den feinen Cafés auf der Kaiserstraße unterwegs. Sie kehrten gern ins Café Bräutigam am Liebfrauenberg ein, wanderten bei schönem Wetter bis zur Fichardstraße, in der es nun seit drei Jahren das Café Laumer gab, und saßen oft in dem beliebten Café Leo Rothschild an der Ecke zwischen Biebergasse und Rathenauplatz.

Die meisten Abende waren noch warm genug, um sie im Garten vom Café Rumpelmayer an der Gallusanlage zu genießen. Das Rumpelmayer war ein internationaler Treffpunkt. Dort machten die Omnibusse mit Reisegesellschaften von nah und fern halt. Auf den Tischen standen kleine Papierfahnen aus aller Herren Länder. Ausgerechnet in dieser Atmosphäre von Leichtigkeit und fröhlichem Flirt fand die vielversprechende Karriere des Erwin Sternberg als Schadchen ein Ende, ehe sie überhaupt richtig in Gang gekommen war.

Es war an einem frühen Freitagabend. Doktor Friedrich Feuereisen, der sich an einem Stück Frankfurter Kranz delektierte und dazu einen Einspänner nach Wiener Art zu sich nahm, sah die Geschwister Sternberg im gleichen Moment, da sie das Terrain betraten. Die Glocke der nahen Katharinenkirche schlug gerade zum sechsten Mal. Die letzten Strahlen der Septembersonne versprachen einen goldenen Oktober. Das Laub färbte sich bunt; es roch, obgleich das in Frankfurt kaum wahrscheinlich war, nach Kartoffelfeuer.

Doktor Feuereisen war in Hochstimmung. Am Morgen hatte der Achtundzwanzigjährige erfahren, dass er allerbeste Aussicht hatte, Notar zu werden – sein Seniorpartner plante, sich nach Lugano zurückzuziehen, und hatte vor, sich von seinem Nachfolger versorgen zu lassen. Der so jung vom Glück gesegnete Jurist duldete nicht, dass sich Victoria und Erwin woandershin setzten als zu ihm. Er bestellte einen Rosé vom Kaiserstuhl und das delikate französische Käsegebäck, für das das Rumpelmayer berühmt war. Noch ehe serviert wurde, erzählte er von seiner ungewöhnlichen Fortüne. »Mit achtundzwanzig schon Notar«, erklärte er, »das ist wie ein Haupttreffer in der Lotterie.«

Victoria nickte beeindruckt, obgleich sie nicht wusste, wovon die Rede war. Ihr Gastgeber lächelte. Er berührte ihre Hand und ganz kurz ihr Knie mit dem seinen. Noch vor dem zweiten Glas Wein zeichnete sich ab, dass Doktor Friedrich Feuereisen, von seiner verwitweten Mutter und sämtlichen Freunden Fritz genannt, in allem ein Mann von schnellem Entschluss war. Im Bedarfsfall würde er nicht auf die vermittelnden Dienste von einem Schadchen angewiesen sein.