An der Kirche
Wir waren nah am Ziel. Vielleicht ein, höchstens zwei Kilometer noch, den Weg gut vor Augen – immer geradeaus die Invalidenstraße entlang bis zum Ende der Straße, dann in die Brunnenstraße rechts, nein, lieber links einbiegen, bis zur Bernauerstraße oder besser noch weiter zu uns von West nach Ost, über den unsichtbaren Stacheldraht der Geschichte, an allen Sehenswürdigkeiten und Touristenattraktionen entlang, die von der vergangenen Stadtteilung übrig geblieben waren, vorbei an der Mauerbar, am Mauerrestaurant, am Mauermuseum und am Mauersouvenirkiosk, dann über den Mauerstreifen, den Mauerflohmarkt und den Mauerpark, und gleich dahinter wären wir schon bei mir zu Hause.
Mein Onkel ging langsam, er atmete schwer. Kaum hatte ich in meinen Erzählungen etwas ausgeholt und war ein wenig schneller gegangen, kuckte er reichlich mitgenommen, und sein Gesicht färbte sich rot.
»Halt mal an, warte, lauf nicht so schnell!«, bat er. »Ich habe mir das Ausland viel gemütlicher vorgestellt. Ich möchte nicht als Invalide auf der Invalidenstraße enden. Was ist das überhaupt für eine finstere Gegend?«
Keine Ahnung, wieso er die Invalidenstraße so finster fand. Wahrscheinlich wegen der vielen traurigen Einrichtungen, die uns an die Endlichkeit des Daseins, an Tod und Verwesung erinnerten. Wir gingen an einem großen Altersheim vorbei, an einem Krankenhaus, an mehreren Apotheken, an einem Bestattungsunternehmen, einer Kirche mit dazugehörigem kleinem Friedhof, und davor waren wir an einem größeren Friedhof vorbeigekommen.
»Ist das eine christliche Kirche?«, fragte mein Onkel interessiert. »Ist sie evangelisch oder katholisch?«
Ich bin hundertmal an dieser schönen kleinen Kirche am Nordbahnhof vorbeigelaufen, konnte aber seine Frage nicht eindeutig beantworten. Ich kann Kirchen schwer unterscheiden. An dieser stand zum Beispiel, sie sei die Kirche der heiligen Elisabeth, einer Katholikin also, die Invaliden geholfen, viel Leid erfahren und einen frühen Tod gefunden hatte. Aber die Kirche sah bescheiden, verlassen und einsam, also irgendwie sehr evangelisch aus. Ich wusste nicht einmal, ob das eine funktionierende oder eine Museumskirche war. In vielen Kirchen wird heutzutage ein Kulturprogramm geboten, Punkbands dürfen dort auftreten, Künstler ihre Werke ausstellen. Moderne Priester unterstützen jede Art von Glauben. Sie umwerben den wenig Gläubigen, den an etwas anderes Gläubigen, und sogar den gläubigen Ungläubigen gegenüber sind sie tolerant geworden. Sie tun alles, Hauptsache, die Kirche steht nicht leer.
Ich bekomme ebenfalls oft Einladungen, in Kirchen aufzutreten, zu lesen oder gar eine Russendisko auf dem Altar zu veranstalten. Ich habe einige Male zugesagt und fühlte mich unwohl dabei, ich schämte mich. Vor allem des Publikums wegen. Wenn sich schon jemand entscheidet, in die Kirche zu gehen, so dachte ich, dann will er dort wahrscheinlich Gott nahe sein oder dem Priester, aber ganz sicher nicht der Russendisko. Solche Bedenken kamen mir zuletzt in Hannover, in der ehemaligen Luther-, jetzt Jugendkirche, wo ich sie meinen Gastgebern gegenüber zur Sprache brachte.
»Wir wollen die Kirche für alles, was Leben ist, öffnen. Hier drin soll es wie da draußen sein«, meinte die Pfarrerin. Und ein junger Theologe, der Torsten hieß, wie ich seinem Namensschild entnehmen konnte, nickte zustimmend. Sie hatten deswegen neben Früchtetee auch Alkohol im Angebot. Alkohol sei eine salonfähige Droge geworden, also auch ein Stück Leben, behaupteten sie. Von Gewissensbissen geplagt verlangte ich sofort nach einem Schnaps. Die Pfarrerin hatte aber nur Bier und Wein hinter dem Kirchentresen, Schnaps war anscheinend doch nicht salonfähig genug. Der junge Theologe brachte mir aus dem Kiosk nebenan eine große Flasche Weinbrand. Die Kirche füllte sich langsam mit Publikum, wir gingen mit der Pfarrerin und Torsten vor die Tür, um eine zu rauchen.
»So viele Menschen hatten wir schon seit langem nicht mehr hier«, freuten sich meine Gastgeber. Trotz des Weinbrands hatte ich immer noch Skrupel.
»Ist es richtig, im Gotteshaus zu tanzen«, murmelte ich unentschlossen.
»Hey, machen Sie sich da mal keine Sorgen«, mischte sich der junge Theologe ein. »Wir übernehmen die Verantwortung. Jesus hat auch Partys gemacht. Jawohl! Er hat die Händler aus der Kirche vertrieben und Partys veranstaltet.«
»Aber ich bin nicht Jesus«, erwiderte ich.
Die Veranstaltung kam mir so vor, als würde eine Veganer-Kantine einen Sonntagsschweinebraten anbieten, um mehr Kundschaft zu haben. Die schmale Grenze kirchlicher Toleranz verlief irgendwo zwischen Wein und Schnaps, zwischen Russendisko und Gruftifestival. Ich versuchte damals in Hannover, Sanfteres aufzulegen – Folk, Reggae, Balladen. Das Publikum reagierte unterschiedlich: Einige gingen sofort, andere standen stramm in einer Ecke im Kerzenlicht, ein paar sprangen wie wild auf der Kirchentanzfläche herum. Die Pfarrerin und Torsten waren gut drauf, sie strahlten. Drei russische Mädchen blitzten mit ihren Fotoapparaten in der Dunkelheit. Von ganz oben, so schien mir, aus der hohen Kuppel der Kirche, kamen wohlwollende Signale, dass jedem verziehen werde, über jeden gelacht und geweint und getrauert werde, und mehr brauche es nicht. Es war an diesem Abend eine funktionierende Kirche, denke ich. Doch wie unterscheidet man eine funktionierende von einer Museumskirche? In Köln hat die Stadt viele leerstehende Kirchen Ausländern angeboten, Kroaten, Polen, Bulgaren und anderen Ankömmlingen aus christlichen Ländern. Sie mussten sich um die Kirche kümmern und bekamen dafür das Recht, dort einmal in der Woche einen Gottesdienst in der Sprache ihres Heimatlandes abzuhalten. Im Handumdrehen wurden aus diesen Kirchen kleine Ghettos, wo sich Menschen einer Tradition, einer Sprache, eines Landes zusammenfanden.
Ich habe als Kind und später als Jugendlicher an dieser Religionsproblematik völlig vorbeigelebt. Mir fehlte jede Art religiöse Erziehung, und ich fange an zu stottern, wenn ich nach Judentum, Christentum oder irgendeinem anderen -tum gefragt werde. Meine Eltern waren nicht einmal Atheisten. Sie waren immer zu beschäftigt gewesen mit den alltäglichen Problemen des Seins und hatten daher keine Zeit gehabt, sich groß mit Fragen des Bewusstseins zu beschäftigen. Dafür haben sie ohne Depressionen, glücklich und ahnungslos vor sich hin gelebt.
Unsere Moskauer Nachbarn, die Familie Morsin, waren dagegen sehr religiös. Sie hatten zwei Söhne, Andrej und Alexander. Andrej starb bei einem selbstverschuldeten Autounfall, er war betrunken gewesen, Alexander arbeitete im Energieministerium. Einmal fuhr er nach Afghanistan, um der damaligen kommunistischen Führung des Landes beim Aufbau einer Starkstromanlage zu helfen. Alexander hatte aber vergessen, seine Eltern über das genaue Datum seiner Abreise zu informieren. Eines Tages bekam seine Mutter ein Telegramm: »Bin endlich angekommen, ist furchtbar heiß hier. A. Morsin.« Die Mutter dachte wahrscheinlich, ihr verstorbener Sohn hätte sich aus der Hölle gemeldet, und bekam eine echte Krise. Seitdem ist die Familie gläubig.
Meine Eltern kannten sich mit den Weltreligionen nicht aus, aber sie waren nicht ungläubig, im Gegenteil, sie glaubten an alles. Sie glaubten, dass man gegen den sowjetischen Staat im Lotto gewinnen könne. Sie glaubten an die heilende Wirkung von Vogelbeerschnaps, mein Vater machte selbst welchen. Zeitweise glaubten sie sogar an eine strahlende Zukunft im Sozialismus. Und sie glaubten jede meiner Geschichten, die ich aus der Schule mitbrachte, ganz egal, was ich erzählte. Heute würde ich sagen, meine Eltern waren schwer leichtgläubig. Nur in Religionsfragen zeigten sie eine seltsame Zurückhaltung und hegten großes Misstrauen jeder Art Erleuchtung oder Erlösung gegenüber. Selbst die vage Möglichkeit der Existenz eines oder mehrerer Götter gaben sie nur unwillig zu. Ein Leben nach dem Tod lehnten sie kategorisch ab.
Gemäß der russischen Religionsentwicklung, die sich wie eine Achterbahn bergauf und bergab bewegte, erwischten wir in den Neunzigerjahren eine Phase religiöser Wiedergeburt. Das Ideal einer gerechten menschlichen Gesellschaft wurde erst einmal begraben, und viele ehemalige Kommunisten gingen in die Kirche. Die Menschen suchten mehr oder weniger verzweifelt nach einem geistigen Halt, und alle fanden irgendetwas, nur meine Eltern nicht. In den Neunzigerjahren blühten in Russland hunderte von Religionen auf, die bekanntesten waren das Christentum für die Älteren und der Buddhismus für die Jüngeren. Manchmal trafen sich beide Religionen in einer Familie.
Unsere Moskauer Nachbarn, die Eltern von Alexander und dem verstorbenen Andrej, wurden orthodoxe Christen. Ihr Papa, ein ehemaliger Major, der beruflich und auch privat bestimmt viel gesündigt hatte, ließ sich einen Bart wachsen, aber vorsichtshalber erst einmal noch nicht taufen. Eigentlich, so erzählte er meinem Vater in einem Anfall von Aufrichtigkeit, sollte man sich als orthodoxer Christ so spät wie möglich taufen lassen, am besten kurz vor dem Tod. Nach christlichem Glauben bist du ohne Taufe für Gott nicht sichtbar, jedenfalls nicht als Christ, deine Sünden können dich erst nach der Taufe belasten. Und umgekehrt zählt alles, was einer vor der Taufe falsch gemacht hat, danach nicht mehr. Dieser Logik folgend träumte der Major quasi von einer Fortsetzung seiner Karriere im Himmel. Sein Ziel war es, sich auf dem Sterbebett taufen zu lassen und als reines Christenkind gen Himmel zu fahren. Es konnte eigentlich nichts schiefgehen, er hatte sein religiöses Konzept gründlich durchdacht. Es hatte nur eine Schwachstelle: das Risiko eines plötzlichen Todes wie bei seinem jüngsten Sohn, der sogar ein Warntelegramm aus der Hölle geschickt hatte. Ein plötzlicher Tod – was konnte man dagegen tun? Ein Auto, das zu schnell um die Ecke fuhr, ein Stein, der vom Dach fiel – solche zwar nicht zu erwartenden, aber theoretisch durchaus möglichen Unfälle vergifteten den Glauben des Majors und zwangen ihn, ständig nervös um sich zu schauen. Er benahm sich äußerst vorsichtig, ging langsam und konzentriert über die Straße und blieb nach 18.00 Uhr grundsätzlich zu Hause.
Sein Sohn, der inzwischen die Arbeit im Energieministerium verloren hatte, teilte die Überzeugungen seines Vaters nicht, er war Buddhist. Nicht irgendein Sektenmitglied oder Krischna-Anhänger, wie sie damals an vielen Ecken Moskaus auftauchten, mit kahlrasierten Köpfen und bunten Gewändern durch die Straßen zogen und dabei laut ihr eintöniges Loblied auf Krischna sangen. Der Sohn des Majors war ein ganz normaler, ein traditioneller Buddhist auf dem Weg zur Erleuchtung. Auf diesem Wege musste er sich von Stress sowie allen Leiden, Gelüsten und Verwirrungen befreien. Eine höllisch komplizierte Arbeit, die die gesamte Zeit eines Mannes in Anspruch nahm. Es traf sich, dass der Sohn des Majors keine Arbeit und keine Freundin mehr hatte.
Über den Buddhismus hatte ihn ein Freund aufgeklärt. Der ganze Stress im Leben komme daher, dass man sich, genauer gesagt seinen Geist, stets für oder gegen etwas aufputsche, mal durch eine kritische Sicht auf das Geschehen, mal durch Wünsche und Träume, Zwänge und Verbindlichkeiten. Beides mache den Menschen dumm, es verneble seinen Geist. Dagegen halfen nur zwei Dinge: Meditation im Sitzen und monotone physische Arbeit an der frischen Luft. Holz hacken sei zum Beispiel sehr gut für die Erleuchtung, ebenso das Umgraben der Erde. Solche Möglichkeiten zur geistigen Stärkung hatte der Sohn des Majors nicht, wir lebten in einer Großstadt in einem Haus mit Zentralheizung. Es gab dort kein Holz zu spalten und nichts zu pflügen. Als Alternative strickte der Sohn des Majors auf dem Balkon, in der Erwartung, beim Stricken irgendwann einmal die endgültige Erleuchtung, die ewige Ruhe zu erreichen, wo ihm dann nichts, aber auch gar nichts mehr etwas anhaben konnte.
Sein Vater mochte dieses erwartungsvolle Stricken nicht, er glaubte, mit seinem Sohn stimme etwas nicht. Dasselbe dachte der Sohn über seinen Vater. Die ebenfalls streng gläubige Mutter hielt strikte Neutralität. Die Männer besprachen ihre Probleme jedoch nie miteinander, sondern nur mit uns, mit mir und meinem Vater, sodass wir bestens im Bilde waren über die geistig religiöse Entwicklung unserer Nachbarn. Die beiden lebten in einer Art religiöser Gemeinschaft zusammen – der Vater als nicht getaufter Christ, der Sohn als strickender Buddhist. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Ich habe gehört, der Vater sei inzwischen im Himmel und bestimmt General, der Sohn arbeite bei Gazprom in der Buchhaltung.
In Russland habe ich in all den Jahren nur einmal eine Kirche besucht. Die Kirchen fielen im Straßenbild Moskaus nicht besonders auf, aber ich kannte eine neben der Metrostation Sokol in der Nähe meiner Theaterschule. Es war eine kleine, in sich zusammengeschrumpfte Kirche, eingeengt zwischen großen pathetischen Wohnhäusern, mit bettelnden alten Frauen in schwarzen Gewändern, die immer auf der Treppe vor dem Kircheneingang saßen und Unverständliches murmelten. Die Kirche sah merkwürdig traurig aus, wie der Vorraum eines Friedhofs, ein Überbleibsel aus dunkler Vergangenheit, ein Tor in eine andere Welt.
Dort, wo das berühmte Schwimmbad Moskau neben der Metrostation Kropotkinskaja stand – benannt zu Ehren des Überväterchens der russischen Anarchie –, war zuvor ebenfalls eine Kirche gewesen. Wir fuhren mit der Schule zum Schwimmunterricht dorthin. Das Bad war die größte öffentliche Badeanstalt Russlands unter freiem Himmel und wurde an die Stelle einer großen Kirche gebaut, die nach der Revolution von den Bolschewiken gesprengt worden war. Alle Kinder Moskaus schwammen dort. Sogar meine Eltern gingen manchmal am Wochenende in dieses Schwimmbad, obwohl wir, weit vom Zentrum entfernt, drei Bushaltestellen von der letzten Metrostation am Rande der Stadt wohnten.
Hundert Meter hinter unserem Haus lag der Moskauer Ring, eine Art Autobahn, die unsere Stadt umrundete. Auf der anderen Seite des Rings befand sich eine Hühnerfarm und ein kleines halbleeres Dörfchen namens Krilatskoe (»Geflügeltes« auf Deutsch). Die letzten Bewohner dieses Dorfes waren auf der Hühnerfarm beschäftigt und hielten auch in ihren Höfen Hühner, sodass dort ständig Federn durch die Luft flogen. Vielleicht hat das Dorf deswegen seinen Namen bekommen. Die Häuser standen auf malerischen Hügeln, »Geflügelte Berge« genannt, und jeder im Bezirk wusste, dass das Dorf nicht mehr lange Bestand haben würde. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man es abreißen würde. Moskau wuchs schon damals langsam, aber unaufhaltsam. Die Stadt vergrößerte sich wie ein Tintenfleck in alle Richtungen. Heute liegt diese Gegend schon beinahe im Zentrum, aber damals fühlten wir uns wie Aborigines – mit der Natur noch quasi vereint. Als Kinder gingen wir immer auf die andere Seite des Rings in »Geflügeltes« zum Spielen, im Sommer mit unseren Fahrrädern, im Winter auf Skiern, um von den Hügeln runterzufahren. Später, als Jugendliche, sind wir zum Biertrinken dort hingegangen. Man kann sagen, Geflügeltes war unsere Schweiz. Die wenigen Bewohner des Dorfes freuten sich über uns Jugendliche und haben nie versucht, uns zu verscheuchen.
Die Hauptattraktion des Dorfes waren jedoch nicht der steile Berg in der Mitte und nicht die freundlichen Einwohner, sondern die Ruine der sogenannten »Geflügelten Kirche«, die unten im Tal zwischen den Hügeln stand. Es war eine im Krieg zerstörte Kirche, die in zwei Hälften zerfallen war, als hätte sie jemand mit einem Messer diagonal von rechts nach links aufgeschnitten. Der Legende nach war sie vor langer Zeit zu Ehren des Sieges über Napoleon gebaut und nach der Revolution an eine Kolchose abgegeben worden, die sie als Kartoffellager benutzte. Während des Krieges flog ein Flugzeug in die Kirche, es brannte aus, explodierte aber nicht. Zwei Jahrzehnte nach dem Krieg hing das abgebrannte Heck dieses Flugzeuges noch immer aus der Ruine, ich habe es auf Fotos meines Vaters gesehen. Ob es ein deutsches oder ein russisches Flugzeug war, darüber stritten sich die Geister im Dorf. Die einen meinten, es wäre ein deutscher Kampfjäger gewesen, der von unserer Flugabwehr vom Himmel geholt worden war. Die anderen behaupteten, dass es ein sowjetischer Abfangjäger gewesen sei, dem während des Fluges der Treibstoff ausgegangen war.
Die Ruine der Geflügelten Kirche zog Menschen aller Altersgruppen an. Kinder liefen dorthin, um Versteck zu spielen, und für Jugendliche war sie ein begehrter Lagerfeuerplatz. Einsame junge Männer, von Liebeskummer und Portwein getrieben, Pärchen auf der Suche nach einem lauschigen Plätzchen – alle fanden in der Ruine der Geflügelten Kirche Asyl. Die ältere Generation stand an Sonn- und Feiertagen sogar Schlange hinter der Ruine. Direkt hinter der Ruine sprudelte nämlich ein Bach aus der Erde, mit angeblich sehr wohlschmeckendem Wasser. Man munkelte, es heile obendrein Magen- und andere Geschwüre. Die Großmütter aus unserem Bezirk und den umliegenden Dörfern fuhren extra mit leeren Plastikflaschen, Blechkannen und Eimern hierher. Manche verfielen dabei einem regelrechten Wasserwahn, und ich habe dort Frauen gesehen, die den ganzen Sonntag neben der Quelle saßen und ihre Füße in Töpfen mit dem Wasser badeten. Meine Eltern, auch sonst ziemlich abergläubisch, waren eine Zeit lang ebenfalls diesem Wasserwahn verfallen. Jeden Sonntag joggte mein Vater mit einem Kanister zur Quelle und zurück. Wir haben damals viel von diesem heiligen Wasser getrunken, es schmeckte ein wenig süßlich, aber eine heilende Wirkung konnte ich nicht feststellen. Andererseits fehlte mir auch nichts. Ich glaube, die meisten Patienten, die sich um die Quelle der Geflügelten Kirche scharten, hatten sich ihre Krankheiten nur eingebildet. Sie hätten ihre Leiden genauso gut mit Wasser aus der Leitung heilen können.
Auf jeden Fall war dieser Bach die spirituelle Quelle unseres Bezirks. Er war der Ersatz für Religion, Heimatkunde, Glaube, Liebe und Hoffnung. Und jede spirituelle Quelle will kontrolliert werden. So bekam auch der Bach hinter der Ruine einen eigenen Aufpasser, der sich wie aus dem Nichts aus dem klaren Wasser herauskristallisiert hatte: ein Mann unbestimmten Alters mit einem zerzausten Bart und ewig verlöschten Papirossi im Mundwinkel, ein ehemaliger Arbeiter der Hühnerfarm, der anscheinend nichts Besseres mehr zu tun hatte, als jeden Tag neben der Quelle zu sitzen, die Versteck spielenden Kinder aus der Ruine zu jagen, die Pärchen beim ersten Kuss zu überraschen und leere Flaschen sowie anderen Müll neben dem Lagerfeuerplatz in seiner schwarzen Stofftasche zu sammeln. Außerdem hinderte er die Omas daran, ihre Füße oder andere Körperteile in den Bach zu stecken. Er verkaufte leere Plastikgläser für fünf Kopeken das Stück an alle, die mit leeren Händen gekommen waren und nicht aus der Hand trinken wollten. Wir nannten diesen komischen Kauz den Priester der Geflügelten Kirche.
Mit der Perestroika begann schließlich eine neue Zeitrechnung. Überall in Moskau schossen Kirchen aus dem Boden wie Pilze im Wald nach einem leichten Herbstregen. Das Schwimmbad Moskau wurde zugeschüttet und an seiner Stelle die große Kirche wiederaufgebaut, diesmal noch größer und pompöser als die alte. In unserem Bezirk veränderte sich sogar die Landschaft. Die Hühnerfarm wurde, da nicht kapitalistisch genug, aber auch wegen ihres Gestanks, geschlossen. Anstelle des Geflügelten Dorfes sollte eine Neureichensiedlung entstehen, zumal die Gegend als ökologisch einwandfrei galt und es die Reichen auf der ganzen Welt außerdem vorziehen, sich auf Hügeln niederzulassen. Angeblich ist die Luft erheblich besser, wenn man zehn Meter näher am Himmel wohnt. Um den Umbau zu beschleunigen, rissen die Baufirmen die alten Häuser nicht nacheinander ab, sondern sprengten kurzerhand alle an einem einzigen Tag. So wurde das Geflügelte Dorf zumindest bei seinem Ende seinem Namen gerecht. Die Häuser flogen in die Luft und bescherten uns einen merkwürdigen Hagelregen aus kleinen dunkelgrauen Phenoplastkügelchen, die in großen Mengen vom Himmel fielen. Niemand wusste genau, woher das Zeug kam, aber wahrscheinlich waren es Teile des pulverisierten Hühnerdorfes.
Die ökologisch bewussten Neureichen ließen die Kirchenruine akkurat entsorgen, den Bach in ein Häuschen aus Panzerglas einhüllen und den Priester verjagen. Er gilt seitdem als verschollen, niemand hat ihn je wiedergesehen. Die neuen Bewohner sind alles gutgläubige Menschen, wie es heute in Russland Mode ist. Sie tun es ihrem Präsidenten und dem Premierminister nach und gehen an jedem religiösen Feiertag in die großen pompösen Kirchen der Hauptstadt, um dem Gottesdienst zu lauschen und sich erleuchten zu lassen. Sie atmen eine bessere Luft, joggen zwischen den Hügeln und haben angeblich so gut wie nie Magengeschwüre.
Meine Großmutter, die in einem Haus in der Nähe wohnte, mochte das heilende Wasser aus dem Bach hinter der Geflügelten Kirche sehr. Wie blöd, sagte sie, als sie mit 96 Jahren sterben musste. Sie hatte Revolution und Krieg überlebt, durfte nach dem Krieg mit zwei kleinen Kindern nicht in ihre Heimatstadt zurück, pendelte ein halbes Jahrhundert ohne festen Wohnsitz durch das Land, hatte zwei Dutzend verschiedene Arbeitsstellen und trug ein Dutzend Lebenspartner zu Grabe. Wie blöd, sagte sie, und wie schnell. In ihrem Nachlass entdeckte ich zum ersten Mal volkstümlich-christlich religiöse Literatur. Wir blätterten mit Freunden die alten Bücher in der Küche durch. Viele komische Bilder waren dabei. Besonders lächerlich fanden wir die Hölle und das Paradies. Die Hölle, in der die Sünder bei hohen Temperaturen kochten, erinnerte uns an die russische Sauna. Auch das Paradies erinnerte lustigerweise an eine Sauna, wo schon gewaschene Sünder in weiße Tücher gehüllt auf der Suche nach ihren Hosen herumirrten.
Unsere irdische Welt hat wesentlich mehr Schrecken zu bieten als die gemalte Hölle in dem Buch. In dieser Welt schmort jeder in seiner persönlichen Hölle und glaubt noch, er sei im Paradies. Und viele fragen sich, was danach kommt. So kurz und unbefriedigend wie ein spannender Krimi, der sich am Ende nicht auflöste, durfte das Leben doch nicht sein. Deswegen bemühen sich die Menschen aller Religionen, sich selbst ein anständiges Leben nach dem Tod in Aussicht zu stellen, ob als gekochter Sünder, als kleiner weißer Vogel oder als unsichtbarer Geist, egal wie, egal als was, Hauptsache, es geht irgendwie weiter.
Die Angehörigen des christlichen Kulturkreises haben klare Vorstellungen, wie ihr unsterblicher Geist nach dem Tod aussieht. In amerikanischen, europäischen und russischen Filmen wird er immer auf ähnliche Weise dargestellt: Wenn der Held stirbt, tritt sein Geist aus ihm heraus, der dem Verstorbenen verblüffend ähnlich sieht. Er hat dieselbe Größe, dieselbe Figur und sogar die gleichen Klamotten an. Der Geist kann alle sehen und hören, nur ihn selbst sieht keiner. Eine Zeit lang ist er verwirrt und kann nicht begreifen, was passiert ist, aber schnell findet sich der Geist in den Filmen zurecht und nimmt die irdischen Tätigkeiten des Verstorbenen wieder auf. Er will unbedingt endlich mit seiner Witwe über die Liebe reden oder eine wichtige Arbeit, die er zu Lebzeiten immer wieder aufschieben musste, zu Ende bringen. Noch öfter geht der Geist in diesen Filmen auf Rachefeldzug. Er will sich an jenen Menschen rächen, die ihm den Tod brachten, und er nutzt seinen Vorteil, unsichtbar zu sein, um Angst und Schrecken unter seinen Feinden zu verbreiten. Was aber macht der Geist, wenn er mit all seinen Aufgaben fertig ist? Er kann nicht ein zweites Mal sterben, denn er ist bereits tot. In den meisten Filmen geht der Geist ins Licht, wenn er mit allem Irdischen fertig ist. Das Licht symbolisiert ein weiteres, überirdisches Leben in der Sonne, ein All-inclusive-Paradies. Das ist natürlich ein protestantisches Bild der Erlösung. Katholiken können nicht so einfach ins Licht gehen. Sie müssen in der Zeit nach dem Tod und vor dem Himmel in einem speziell dafür eingerichteten Zwischenraum ausharren, wo sie sich innerlich mit ihren Sünden auseinandersetzen, d. h. über all die verpassten Chancen, Gutes zu tun, grübeln und darüber, wie sie ihre kostbare Zeit auf Erden für nichts und wieder nichts verschwendet haben, dem falschen Glitzer hinterherrannten, den Rücken zur Sonne drehten. Alle versäumten Freundschaften, verratenen Liebschaften, verschmähten Kinder, verspeisten Kaninchen und zerdrückten Ameisen sollen sie betrauern und auf die Großzügigkeit des Schöpfers hoffen.
Das Jüngste Gericht wird in Filmen so gut wie nie dargestellt, weil die Regisseure ihren Zuschauern wahrscheinlich nicht vorzeitig die gute Laune verderben wollen. Im Selbstverständnis des russisch-orthodoxen Christentums kommt niemand sündenfrei davon, denn das ganze Leben ist eine einzige Versuchung, ein pausenloser Kampf mit dem inneren Teufel. Als Grigori Rasputin, ein orthodoxer Wanderprediger und Herzensfreund der letzten russischen Zarin, von der Öffentlichkeit beschuldigt wurde, stark alkoholisiert mit mehreren Damen zusammen die Sauna besucht zu haben, erklärte er der Öffentlichkeit naiv, dies sei sein persönlicher Kampf mit dem Bösen gewesen, er würde auf diese Weise den Teufel in sich herausfordern. Sollte es ihm gelingen, die Damen in der Sauna trotz ihrer Nacktheit nicht anzubaggern, so habe er das Böse besiegt. Auf konkrete Nachfragen der Zeitungen, wie nun der Kampf mit dem Bösen ausgegangen sei, antwortete Rasputin ausweichend: Dies sei ein Kampf auf Lebenszeit, vorläufig stehe es 5 : 8 für den Teufel, aber er sei guter Dinge und festen Glaubens, die Situation in der Teufelssauna zu kippen. Diese Rasputin’sche Sauna ist die russische Hölle und gleichzeitig das russische Paradies. Sie sagt: Lebt! Man muss nicht warten, bis man stirbt, um sein Verhältnis zur Welt zu klären. Zum Teufel mit dem Leben »danach«, lass uns in diesem Leben herumprobieren, fallen, leiden, Buße tun – aber nie aufgeben.