Die wichtigsten Gedanken kommen einem in der Kneipe

Eine blondierte, etwas verschlafene Kellnerin begrüßte uns und half mir, den Koffer meines Onkels hinter dem Zeitungsständer neben dem Ausgang zu platzieren. Mein Onkel setzte sich mit sichtbarer Erleichterung an den Tresen. Ich blätterte die Speisekarte durch auf der Suche nach einem passenden Getränk. Der naive Glaube meines Onkels, wir würden in einem Berliner Café etwas umsonst bekommen, wunderte mich überhaupt nicht. Ich verbuchte diesen Glauben als eine Art Sehnsucht nach den verlorengegangenen Errungenschaften des Sozialismus. In der Sowjetunion hat man keinen Kult aus Essen gemacht, es gab zwar nie zu viel, doch einiges gab es tatsächlich umsonst. Bereits ab den Sechzigerjahren war zum Beispiel das Brot in den russischen Kantinen kostenlos. Es lag dickgeschnitten auf großen Tabletts neben der Kasse oder auf Tellern auf dem Tisch. Auch Salz, Pfeffer und Senf gab es umsonst dazu.

Mein Onkel, ein Mann bescheidener Bedürfnisse und noch bescheidenerer Einkünfte, mochte die kommunistischen Senfstullen sehr. Er ging in die Kantine, schmierte sich Senf aufs Brot, bestellte aus der Küche heißes Wasser oder sogar richtigen Tee dazu, den es ebenfalls kostenlos gab, und dachte, dies sei der Kommunismus. In seinem Weltbild konnte es sowieso nichts Besseres als diesen Senfbrotkommunismus geben, und der war längst eingeführt. Sein Freund und Kollege Gruber, ein Russlanddeutscher, nahm ebenfalls beim Mittag in der Kantine der Schiffsbauer am Hafen jedes Mal ein halbes Stück Brot und legte den Rest zurück auf den Brotteller. Iss gefälligst alles, drohten ihm seine Kumpel. Gruber aber meinte, nein, er brauche nur die Hälfte. Solle doch ein anderer Hungriger die andere Hälfte nehmen.

Natürlich gab es auch in diesem Kommunismus Missbrauchsfälle. Manchmal kamen Zigeuner und aßen das ganze Brot weg, den Senf nahmen sie mit. Oder ideologisch Schwache versuchten, ihre Taschen mit Broten zu füllen, um Vögel im Park damit zu füttern, oder irgendwelche Kinder bewarfen einander aus Langeweile mit Brotkugeln. Trotz all dieser Widrigkeiten hat sich der Brauch, bestimmte Lebensmittel kostenlos anzubieten, sehr lange gehalten – bis diese von Menschen konstruierte Welt zusammenbrach und das Brot, der Senf sowie die Kantinen verschwanden. Seitdem gibt es in Russland nicht einmal mehr einen Fliegenschiss für umsonst.

Inzwischen weint kaum noch jemand dem Senfkommunismus eine Träne nach. Es ist allerdings noch zu früh, um beurteilen zu können, ob sich das Ganze im Geringsten gelohnt hat und ob überhaupt noch irgendetwas aus dieser Zeit bewahrenswert ist. Ein Löffel Senf? Ein Brotkrümel? Das Böse der vergangenen Zeit ist mit dem Guten verwachsen, einer Menschenhand wird es nicht mehr gelingen, sie voneinander zu trennen. Es wird mit der Zeit immer weniger Menschen geben, die sich an den Geschmack der sozialistischen Produkte genau erinnern. Aus ihrer Nostalgie schlägt man Kapital, ihre eigene Vergangenheit wird ihnen quasi noch einmal als belegte Stulle angeboten. Russische Lebensmittelläden sind voll von Nostalgie-Produkten, von Schokoladentafeln, Wurst oder Käse mit dem Etikett »Genau wie damals«. Es wird mit solch hinterhältigen Sprüchen geworben wie »Längst vergessener Geschmack Ihrer Jugend« oder »Die authentische sowjetische Wurst« oder »Das Frühstück Ihrer Kindheit«. Doch alle diese Produkte sind Fälschungen, sie sehen anders aus, sie riechen anders, und schmecken tun sie überhaupt nicht. Sie wurden nicht aus Träumen von einer besseren Welt, sondern aus Gier und Pragmatismus gebacken.

Sowjetische Lebensmittel waren dagegen aus einer Ideologie entstanden und deswegen leicht verderblich. Die Produkte hielten nicht lange, das frische Brot war schon am nächsten Tag trocken, während ein westliches Gummibrötchen wochenlang bei uns auf dem Kühlschrank liegen kann, ohne sich äußerlich zu verändern. Die Haupteigenschaft der damaligen Lebensmittel war ihre Zartheit, fast Durchsichtigkeit, als würden sich diese Produkte genieren, zu existieren. Jede Sekunde drohten sie zu verschwinden. Sie kosteten nichts, kamen aus dem Nichts und hatten bloß eine Aufgabe: das Volk mehr oder weniger fit durch die damals angekündigte Übergangsphase vom entwickelten Sozialismus zum Kommunismus zu bringen. Kurzum, es waren Wundermittel. Wie zu Moses’ Zeiten, als plötzlich mitten in der Wüste nahrhafte Delikatessen – Manna – auf das Volk niederregneten, oder später, als Jesus gewöhnliches Wasser in guten Wein verwandelte und eine ganze Hochzeitsfeier damit versorgte.

In der Sowjetunion wurden mit Lebensmitteln wahre Wunder vollbracht, wobei diese Wunder allerdings einen antireligiösen Charakter hatten: Unsere Lebensmittel mehrten sich nicht, im Gegenteil. Wie die leeren Versprechungen der Ideologie lösten sich beispielsweise sozialistische Nudeln ganz im kochenden Wasser auf, weil das richtige Verhältnis zwischen der Nudelidee und dem Nudelgehalt, zwischen der Stärke und dem Mehl nicht aufrechterhalten werden konnte. Dazu muss gesagt werden, dass die Nudeln sich vor allem in der Provinz auflösten, unsere Moskauer Nudeln hielten durch. Das richtige Verhältnis zwischen Stärke und Mehl sollte, wenn ich mich nicht irre, 50/50 sein. Wenn sich aber durch engagiertes Mitwirken der Mitarbeiter einer Nudelfabrik der Anteil des Mehls reduzierte, konnte die Hausfrau gleich drei Packungen in den Topf schmeißen, am Ende kam dabei nur Tapetenkleister heraus.

Mir ist einmal Ähnliches mit sogenannten Moskauer Würsten passiert, die ich zusammen mit meinem Freund M. – wir waren damals beide obdachlos und arbeitslos – in der Küche seiner Freundin kochte. M. hatte ein Kilo dieser Moskauer Würste gekauft. Wir lösten sie erst aus der Pelle und warfen sie dann in kochendes Wasser. Äußerlich sahen die Würste sehr gut aus, knallrot und durchaus appetitanregend. Wie drei hungrige Hunde standen M., seine Freundin und ich am Gasherd und schauten ungeduldig auf den Deckel. Nach drei Minuten, der empfohlenen Minimalzeit für das Würstekochen, nahmen wir den Deckel ab: Der Topf war mit einer roten Brühe gefüllt, die Würste waren in die innere Emigration gegangen. Der original sowjetische Schmelzkäse mit dem knalligen Namen »Mit Zwiebeln« schmolz mir einmal einfach durch das Brot weg. Nur das, was von der Zwiebel übrig blieb, konnte man noch an der Oberfläche erkennen.

Das Hauptwunder der sowjetischen Gastronomie stellte jedoch die Margarine dar. Man kaufte sie nicht direkt zum Essen, sondern verwendete sie zum Kartoffelnbraten, um dabei die teure Butter zu sparen. In dieser Funktion benahm sich die Margarine jedoch äußerst verräterisch. In die heiße Pfanne geworfen imitierte sie zunächst völlig übertrieben die Butter, brutzelte und zischte, wuchs zu einer großen Blase heran, die schließlich platzte und eine so sauber glänzende Pfanne zurückließ, als wäre nie Margarine drin gewesen. Heute denke ich, auch alle postsozialistischen Lebensentwürfe waren derart labil und von äußeren Zwängen abhängig. Sie konnten nur in einem künstlichen Raum ent- und bestehen, in einer Orangerie aus Glas, von Stacheldraht umzäunt. Sie waren zart und launisch, diese Existenzweisen.

So weit ich zurückblicken kann, war ich als junger Dissident ständig auf der Suche nach westlich aussehenden Lebensmitteln. In den Achtzigerjahren begann in der Sowjetunion die Produktion der Käsemarke Roquefort. Der Käse mit dem erotisch klingenden französischen Namen sollte die Lebensfreude in der Sowjetunion steigern. Er wurde allerdings nur in den beiden Hauptstädten des Landes, in Moskau und in St. Petersburg, verkauft. Die Bewohner der russischen Provinz waren nach Meinung der Machteliten noch nicht reif für diesen Käse. In unserem Moskauer Lebensmittelmarkt lag der Roquefort frei zugänglich auf einer extra Vitrine, von anderen sozialistischen Produkten getrennt. Nur wenige wagten, ihn zu probieren. Ich mochte Roquefort sehr. Jedes Mal, wenn ich ein Stück davon kaufen wollte, sprach die Verkäuferin vertraulich eine Warnung aus:

»Natürlich kann ich Ihnen eine Ecke von diesem Käse abschneiden«, sagte sie. »Aber ich muss Ihnen gleich sagen: Der ist ein bisschen verschimmelt.«

Diese idiotische, aber auch skurrile Bemerkung machte mir den verschimmelten Käse noch schmackhafter. Meine Vorliebe für Roquefort hat sich mit den Jahren nicht abgeschwächt, ebenso wenig meine Freude an skurrilen Bemerkungen, Fragen oder Aufforderungen. Niemand sonst, den ich kannte, konnte meine Vorliebe für Schimmelkäse teilen, ich war einer der sehr wenigen Schimmelkäsefreunde. Die Erwachsenen standen mehr auf flüssige Produkte, die Jugend begehrte Kaugummis. Viele aus meiner Generation wuchsen daher als äußerst schweigsame Menschen auf. Sie konnten nicht reden, sie kauten. Dabei war der sowjetische Kaugummi hart wie Stein. Ich kann mich noch an drei Sorten erinnern: Kirsche, Zitrone und Apfelsine. Sie sahen alle gleich aus, hatten die Farbe von Zement, schmeckten wie Zement und hatten auch beinahe dieselbe Wirkung. Auf jeden Fall verklebte dieser Kaugummi den Mund schon nach zwei Minuten und machte jegliche Kommunikation mit der Welt unmöglich.

Wenn uns die sozialistische Diktatur mit ihrem Kaugummi mundtot machen, zum Schweigen bringen wollte, dann ist ihr das gelungen. Manchmal gab es als Alternative zum sowjetischen Kauvergnügen chinesischen Kaugummi auf dem Markt. Die chinesischen Kaugummis waren noch langlebiger als unsere, außerdem steckte in jeder Packung ein Aufkleber mit asiatischen Bikinischönheiten. Auf diese Aufkleber waren viele scharf, sie verschönten uns das öde Leben. Kinder wie Erwachsene freuten sich über diese Frauen, die sie sammelten und untereinander tauschten.

Einmal besuchten wir mit Verwandten meine verstorbene Oma in Odessa auf dem Friedhof. Der Onkel war ebenfalls dabei. Meine Oma war gerade vor einem Jahr gestorben, und die Familie fuhr beinahe vollzählig zum Friedhof, um sich gemeinsam an sie zu erinnern. Dieser Friedhof lag außerhalb der Stadt, sah unglaublich langweilig aus und ist mir als finsterer Ort in Erinnerung geblieben. Man sah keine Bäume, keine Geschäfte oder Menschen, nur Grabsteine, so weit das Auge reichte. Wir versammelten uns vor Omas Grabstein, die Erwachsenen stellten Blumen in ein Glas, schaufelten den Schnee zur Seite, abschließend tranken sie einen Schnaps zum Gedenken an die Oma.

Meine damals zehnjährige Cousine Jana und ich langweilten uns auf dem Friedhof zu Tode. Wir konnten es nicht erwarten, diesen Ort endlich wieder zu verlassen. Als unsere Eltern bereit waren zu gehen, holte Jana plötzlich eine chinesische Kaugummipackung aus der Tasche, entnahm ihr einen der Aufkleber und drückte ihn zum Abschied auf den Grabstein. »Langweile dich nicht, Oma«, sagte sie. Die Erwachsenen blieben wie versteinert stehen, so unerwartet frech kam das. Keiner hat so etwas von Jana erwartet. Nur mein Onkel lachte auf. »Ich sehe schon die Pubertät kommen«, sagte er zu Janas Mutter, Tante Wanda. Danach gaben sich die Erwachsenen große Mühe, mit einem Messer und einem Schlüsselbund die halbnackte Asiatin wieder vom Grabstein abzukratzen. Die chinesische Kleber-Qualität war schon damals sehr hoch, mit keiner russischen zu vergleichen. Daher blieben trotz aller Anstrengungen Teile der Asiatin – ihr Knie, ein Stück vom Bikini und ihr Lächeln – am Grabstein kleben. Meine Cousine Jana musste dafür büßen: Sie musste am gleichen Abend zu Hause im Wohnzimmer drei Stunden lang mit dem Gesicht zur Wand in einer Ecke stehen und durfte die Sendung »Gute Nacht, Kleine« um 20.15 Uhr nicht sehen, die von einem Schweinchen und einem Hündchen moderiert wurde. Ich habe ihr später alles nacherzählt.

Solche antipädagogischen Erziehungsmethoden waren in der Sowjetunion durchaus üblich. Die Erwachsenen gaben sich nicht die Mühe, als Vorbild für das eigene Kind aufzutreten. Sie konnten selbst ein völlig unmoralisches Leben führen, ihre Kinder aber wegen jeder Kleinigkeit zur Verantwortung ziehen und bestrafen. Während Jana weinend in der Ecke stand, saß die ganze Verwandtschaft mit Schnaps, Zigaretten, Gitarre und Akkordeon in der Küche und gedachte im Vollrausch der verstorbenen Oma. Während sie in der Küche lärmten, klaute ich für Jana Vitamin-C-Kügelchen aus dem Apothekenkasten ihrer Mama. Von ihr bekam Jana nur ein Kügelchen pro Tag, von mir durfte sie gleich die ganze Packung haben als Ersatz für den beschlagnahmten Kaugummi.

Wenn ich heute zurückblicke, stelle ich fest, ja, wir waren schlecht erzogen. Aber unsere Eltern doch auch! Die meisten Benimmregeln, die Grundsteine der Erziehung, wurden vor allem im Literaturunterricht auf uns abgeworfen – in Form von Fabeln. In meiner sozialistischen Schule mussten wir mindestens drei dieser Fabeln auswendig lernen. In jeder ging es um unglückliche, zurückgebliebene Tiere, Vögel und Insekten, die einander hassten. In Der Schwan, der Krebs und der Hecht zum Beispiel wurden obengenannte Lebewesen vor einen Karren gespannt, den sie nach dem bösen Willen des schadenfrohen Fabelschreibers zusammen ziehen mussten. Sie konnten sich aber wegen ihrer unterschiedlichen Fortbewegungsarten nicht koordinieren. Der Schwan wollte fliegen, der Hecht schwimmen, der Krebs rückwärts kriechen. Die Moral dieser Fabel war, glaube ich, klar: Nur zusammen können wir die Karre aus dem Dreck ziehen, nicht als einzelne freie Bürger, sondern als gemeinsames großes sowjetisches Volk. Man sollte sich also nicht um sein eigenes kleines Glück kümmern, sondern um das Wohl des ganzen Karrens, des Staates genauer gesagt. Der Vogel, der Fisch und das Krustentier glaubten, dass jeder für sich seinen Weg gehen dürfe. Sie nahmen an, dass jedes Wesen allein und auf seine Weise auf dem krummen Pfad des Lebens wandeln könne, ohne Reisebus, ohne Reisegruppe, ohne irgendwelche Reiseführer, die ihnen die Sehenswürdigkeiten links und rechts erklärten und die Richtung wiesen. Aber dem Fabelschreiber gefielen sie als eingespannte Nutztiere besser.

In der zweiten Fabel ging es um eine dumme Krähe und einen schlauen Fuchs. Die Krähe saß auf einem Baum und hielt ein Stück Käse im Schnabel. Der schlaue Fuchs schleimte sich bei ihr mit der Bemerkung ein, die Krähe sei bestimmt eine tolle Sängerin. Die machte daraufhin den Schnabel auf, um zu singen, der Käse fiel herunter und wurde vom Fuchs gefressen. Die Moral dieser Fabel ist mir heute nicht mehr präsent, wahrscheinlich so etwas wie »Singe nie mit vollem Mund« oder Ähnliches. Sie ist mir schon damals unverständlich gewesen. Warum soll man nicht singen, wenn man Lust dazu hat? Ich denke, Krähen sind in Wirklichkeit viel klüger als Fabelschreiber. Außerdem glaube ich, Füchse essen gar keinen Käse.

Die dritte Fabel, die wir lernen mussten, war gleichzeitig die umstrittenste von allen: Sie hieß Die Libelle und die Ameise. Beide Insekten unterschieden sich rasant in ihrer Lebenshaltung. Die Ameise hatte den ganzen Sommer geschuftet wie ein Arbeitsheld in der Kolchose, während die Libelle ihr Leben als endlose Party in der Sonne genoss. »Na warte«, dachte die Ameise. »Die kalten Tage werden kommen, dann schauen wir, wer besser dran ist.« Und so geschah es dann auch. Der Winter kam, aber die Ameise hatte vorgesorgt und konnte satt und warm überwintern. Die Libelle bat bei ihr um Asyl, bekam eine Absage und starb im Schnee. Unsere Sympathien waren stets auf der Seite der Libelle. Die verräterische Ameise benahm sich wie ein perverser Geizkragen, deren ganzer Lebenssinn darin bestand, durch den Tod der Libelle ins Recht gesetzt zu werden.

Während meiner Schulzeit gab es mehrere selbstgedichtete Fortsetzungen dieser Fabel, bei denen die Libelle im Winter nicht starb. Stattdessen fuhr sie in einem gut beheizten Jeep an der noch immer ackernden Ameise vorbei und rief ihr zu, sie habe dieses fabelhafte Landleben satt und ziehe nun nach Moskau. »Wenn dir dort zufällig unser Autor begegnet«, rief ihr die Ameise hinterher, »bestell ihm bitte von mir, er ist ein Arschloch!«

Im Kapitalismus ist die libellische Lebenseinstellung, soweit ich das beurteilen kann, trotz des amerikanischen Traums ebenfalls populär. Sogar in Deutschland, dem Land des Fleißes, wollen mehrere großwüchsige Mädchen in der siebten Klasse des Gymnasiums meiner Tochter nicht, sagen wir mal, Tierärztin, sondern It-Girl werden, MMMs auf Deutsch – »Mädchen mit Medienpräsenz«. Sie besitzen noch keine eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet, haben aber schon kein Vertrauen mehr in die Kräfte der Natur und wollen sich deswegen bereits jetzt die Brüste vergrößern lassen, für alle Fälle, statt zu warten, wie weit sie sich von alleine entwickeln. Sicher ist sicher. Danach wollen sie ein wenig als Model arbeiten und dann eine Karriere als multimediale Erscheinung starten.

Ihr größtes Vorbild ist Paris Hilton, diese Libelle unseres Sommers, der Begleitservice für Millionen. Streng genommen ist sie keine Libelle, der es nur um den Spaß geht. Sie ist eine Fabelfigur der Neuzeit. Paris Hilton hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion, sie produziert Nachrichten und dient vielen Menschen als Gesprächsstoff. Sie ist der »Streit am Wochenende«, wie man solche Medienfiguren im kaukasischen Dorf meiner Schwiegermutter nennt.

In der pragmatisch angelegten Nutztierwelt dieses Dorfes gibt es ebenfalls eine Paris Hilton. In dieser Funktion tritt hier der Ziegenbock Kusja auf, der eine große Präsenz besitzt und die volle Aufmerksamkeit der Dorfbevölkerung genießt, ohne etwas Gescheites zu produzieren. Anders als die anderen Nutztiere im Dorf bringt Kusja der dortigen Landwirtschaft keinen direkten Gewinn – er legt keine Eier, gibt keine Milch und liefert kein Fell. Aber er ist im dörflichen Leben so überpräsent wie Stefan Raab im deutschen Fernsehen. Überhaupt ist Kusja das am häufigsten anzutreffende Tier in der Gegend und schart laufend neue Zuschauer um sich, vor allem kleine Kinder und alleinstehende Rentner. Kusja baut ständig Mist. Er neigt dazu, die Regeln des Dorflebens zu brechen, sich in fremden Gärten auszutoben oder die Wäsche eines Nachbarn von der Leine zu zerren. Er liebt es, die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich zu ziehen. Genau wie Paris Hilton hat auch Kusja seine Kritiker und Befürworter. Die einen bemitleiden ihn, die anderen schimpfen über ihn, aber alle warten ungeduldig, was er als Nächstes anstellt.

So wie Kusja haben auch wir nichts Vernünftiges jenseits der Fabeln gelernt und sabotierten das Wissen unserer Väter und Großväter. Dabei waren viele von ihnen voll von Weisheiten aller Art. Diese Menschen hatten vom Schicksal die härteste Zeit zugewiesen bekommen, manche hatten Revolution, Bürgerkrieg, Weltkrieg, mehrere kleine Zwischenkriege und die Industrialisierung erlebt, die mehr Menschenleben forderte als ein Krieg und im Großen und Ganzen unter dem Motto »Lagerarbeiter! Lass in den Flammen deines Arbeitseinsatzes deine Strafe schmelzen!« stattfand. Diese Menschen waren schon deswegen Helden, weil sie das alles überlebt hatten. Und natürlich hätten sie uns viel beibringen können, wenn wir nicht so faul und blöd gewesen wären.

Auf dem Hof vor dem Haus meines Onkels saßen bei gutem Wetter drei solche Weise an einem großen Holztisch. Einer davon war mein Onkel selbst, ein schweigsamer, nachdenklicher Mensch. Seine letzte Arbeitsstelle war die eines Buchhalters bei einem Hafenbetrieb der Schiffsflotte, wo er für die Finanzströme innerhalb der Flotte sorgte. Mein Onkel konnte damals mit ernster Miene tolle Tricks zeigen. Zum Beispiel krempelte er einen Ärmel hoch, nahm eine Fünfkopeken-Münze, presste sie auf seinen Unterarm und rieb sie in die Haut ein. Die Münze verschwand auf mysteriöse Weise vor aller Augen, sie löste sich unter den Fingern meines Onkels einfach auf. Der demonstrierte stolz seine leeren Hände und holte gleich darauf dieselbe Münze aus seiner eigenen Hosentasche, oder er fand sie bei einem Kind hinter dem Ohr, jedenfalls immer an einem Ort, wo es bis dahin nie irgendwelche Münzen gegeben hatte. Er war ein Magier, ein Zauberer. Dementsprechend magisch stellte ich mir seine Buchhaltertätigkeit vor. In meiner Phantasie saß der Onkel auf der Führungsetage im Hafen und rieb sich die Gewinne der Flotte Münze für Münze in die Unterarme ein. Es war eine harte, aber notwendige Arbeit.

Sein Kumpel Eduard, der Zweite am Holztisch, konnte mit den Ohren wackeln. Er hatte laut Gerücht bei der ersten Judo-Weltmeisterschaft 1956 Bronze geholt und war überhaupt sehr sportlich. Onkel Eduard hatte besondere Ohren. Sie waren krumm gewickelt und ungeheuer beweglich. Ich glaube, in Gestalt von Onkel Eduard hatte die Natur etwas ganz Neues, Revolutionäres versucht, das Experiment dann aber aus unerfindlichen Gründen frühzeitig abgebrochen. Für uns waren die sportlichen Erfolge von Onkel Eduard kein Gerücht. Niemand konnte gegen einen mit den Ohren wackelnden Kämpfer bestehen, jeder würde sofort vor Lachen umfallen, dachten wir.

Der Dritte in der Runde auf dem Hof war der verdiente alleinstehende Rentner Kowalew aus der Wohnung Nummer 77, ein ehemaliger Raketenentwickler. Er musste früher zu jedem Raketenstart von Odessa nach Kasachstan fahren, zum Kosmodrom Baikonur. Kowalew konnte bei jedem Wetter, in Regen und Wind, Streichhölzer anzünden. Er verbarg das Streichholz auf eine besondere Weise in seinen Händen, sodass es sogar im Regen bis zu Ende brannte. Ich hielt ihn daher für den Raketenanzünder. In meiner Vorstellung war der Ingenieur Kowalew der wichtigste Mann auf Baikonur. Er war derjenige, der mit einem brennenden Streichholz zur Rakete kroch und sie durch Anzünden zum Starten brachte. Gott weiß, wie viel wir von diesen Menschen hätten lernen können, deren aktive Arbeitsphase längst vorbei war. Nun saßen sie auf dem Hof in der Sonne, tranken Bier aus Dreilitergläsern, spielten Domino und versuchten ab und zu, der heranwachsenden Generation ein paar Weisheiten unterzujubeln. Aber wir waren, wie gesagt, zu faul und zu blöd und haben nichts von ihnen angenommen. Die Weisheit der Väter und Großväter ist an mir vorbeigegangen. Ich kann keine Münzen in meinen Unterarm einreiben, ich schaffe es wahrscheinlich auch nicht, mit einem Streichholz eine Rakete zu zünden. Ich kann nicht einmal mit den Ohren wackeln! Nur mit den Augen zwinkern.

Ich nahm einen Rotwein für mich, einen Schnaps und einen Tee für meinen Onkel.

»Kannst du eigentlich noch wie damals das Geld in die Arme einreiben?«, fragte ich ihn.

Er lächelte.