6

Die Wohnung der Fuentes befand sich in La Mesa. Der schlichte zweistöckige Gebäudekomplex bildete ein Rechteck mit einem Swimmingpool und einem Anwohnerparkplatz in der Mitte. Irgendein Möchtegern-Poet hatte den Wohnkomplex „Die Oase“ getauft, aber diesem Namen wurde er nicht gerecht. Lediglich zwei riesige Palmen standen an der Straße. Keine Gärten, Verandas oder Balkone. Nichts Grünes.

Wenigstens waren die Häuser nicht rosa angestrichen. Lily seufzte, als sie nach einer freien Parklücke suchte und an ihr eigenes winziges Apartment dachte. Sie hatte sich mit der hässlichen Pillenfarbe des Hauses und dem Platzmangel arrangiert, weil es nur drei Blocks vom Strand entfernt war, aber manchmal packte sie doch der Wohnungsneid.

Schließlich musste sie das Auto zwei Straßen weiter abstellen, aber so hatte sie Gelegenheit zu einem schönen Spaziergang. Es war ein sonniger, makelloser Tag, wie man ihn häufig im Herbst erlebte. Genau wegen dieses Wetters zogen die Leute nach Kalifornien. Lily hatte plötzlich das überwältigende Bedürfnis, in der Erde zu wühlen. Sie hatte zwar keinen eigenen Garten, nur ein paar Blumentöpfe, aber die Großmutter ließ ihr freie Hand auf ihrem Anwesen. Vielleicht konnte sie sich später noch ein Stündchen dafür abzwacken.

Lily klingelte bei Rachel und musste eine ganze Weile warten, bis die junge Frau sie über die Sprechanlage zu sich nach oben bat.

Ihr Apartment befand sich im zweiten Stock, an einer Ecke des Gebäudes. Das Treppenhaus mit den schmucklosen Betonstufen führte zu einem Flur mit zwei Wohneinheiten. Lily wollte danach noch mit den Bewohnern von 41C sprechen, um in Erfahrung zu bringen, was sie über Rachel und Carlos Fuentes wussten.

Sie drückte auf den Klingelknopf und wartete. Als sie sich gerade überlegte, ob sie noch einmal klingeln sollte, ging die Tür auf.

Rachel Fuentes sah furchtbar aus. Ihr Gesicht war fleckig, und ihre großen Augen, die am vergangenen Abend noch so gestrahlt hatten, waren glanzlos und gerötet und hinter einer rahmenlosen Brille verborgen. Sie trug einen ausgeleierten Trainingsanzug, den sie wohl irgendwann zusammen mit etwas Rotem gewaschen hatte, denn er hatte einen merkwürdigen violetten Farbton. Ihr prächtiges Haar hatte sie im Nacken zu einem unordentlichen Knoten zusammengeschlungen. „Ich schätze, ich muss mit Ihnen reden.“

„Sie machen eine schwere Zeit durch, ich weiß. Entschuldigen Sie die Störung.“

„Kommen Sie herein.“

Trotz des angenehmen Wetters war die Klimaanlage eingeschaltet. Es war ausgesprochen kühl in dem Apartment, das um einiges größer war als Lilys – aber darin unterschied es sich nicht von vielen anderen. Es war allerdings auch viel unordentlicher als ihres; nicht schmutzig, aber wie bei einem Ordnungsfanatiker sah es dort nicht gerade aus. Und es war sehr viel bunter.

Alle Farbe, die Rachel in ihrer Trauer verloren hatte, schien in ihrem Apartment fortzuleben. Die Wände erstrahlten in einem warmen changierenden Goldton. Auf der roten Couch lagen orange, gelbe und lindgrüne Kissen. Die Stühle um den Esstisch waren alle unterschiedlich gestrichen. An den Wänden hingen Gemälde; keine Drucke, sondern echte Ölbilder: eine abwechslungsreiche, leicht surreale Landschaft und ein grinsender blauer Hund inmitten von abstrakten bunten Figuren.

„Haben Sie den Raum selbst eingerichtet?“, fragte Lily.

„Was?“ Rachel stutzte und blieb mitten in ihrem hübschen Wohnzimmer stehen. „Oh. Ja. Carlos steht auch auf kräftige Farben, aber er interessiert sich nicht … er hat sich nicht für Einrichtungsfragen interessiert.“

„Ich bin beeindruckt.“ Und das war sie wirklich. Für Lilys Geschmack war das Interieur zwar ein bisschen zu knallig, aber man brauchte schon das Auge eine Künstlers, um derart viele kräftige Farben auf kleinem Raum so zu kombinieren, dass sie ein harmonisches Ganzes ergaben. Hier ist wahre Leidenschaft am Werk gewesen, dachte Lily. Doch das überraschte sie nicht – die Harmonie und Ausgeglichenheit, die das Apartment ausstrahlte, hingegen schon.

Sie wusste nicht, ob Rachel sie überhaupt gehört hatte. Die junge Frau stand mit hängenden Armen neben der Couch und sah sich suchend um, als könnte ihr das Sofa oder der Tisch sagen, was sie zu tun hatte. Wie sollte sie sich gegenüber der Polizeibeamtin verhalten, schien sie zu überlegen, die gekommen war, um sie zum Tod ihres Ehemannes zu befragen.

Lily versuchte, ihr zu helfen. „Ihre Schwester ist nicht da?“

„Sie musste arbeiten gehen.“

„Würden Sie lieber mit mir sprechen, wenn sie dabei ist?“

„Ich will es hinter mich bringen. Und es gibt da ein paar Dinge … über die ich besser reden kann, wenn sie nicht dabei ist. Sie bevormundet mich manchmal ein wenig.“ Rachel zuckte mit den Schultern. „Sie ist meine große Schwester, verstehen Sie?“

„So eine habe ich auch. Sie ist okay, aber sie vergisst nie, dass sie die Ältere ist. Ich glaube, sie hat immer noch nicht begriffen, dass ich mir mittlerweile allein die Schuhe zubinden kann.“

Ein Fünkchen Heiterkeit glomm kurz in Rachels dunklen Augen auf. „Kommt mir bekannt vor. Della will mir helfen, aber von Carlos hat sie nicht viel gehalten. Und Rule hat sie wirklich gehasst – eigentlich nicht ihn persönlich – sie hat es gehasst, dass ich eine Affäre mit ihm hatte. Im Moment kann ich sie nur schwer ertragen.“

„Ihre Eltern leben nicht hier?“

„Nein, meine Mutter ist zurück nach Tucson gezogen, als mein Vater verschwunden ist. Keiner von uns weiß, wo er steckt. Sie …“ In Rachels Gesicht spiegelten sich Schmerz und Schuldbewusstsein. „Della hält mir eine Standpauke nach der anderen. Ich hasse das. Und ich finde es absolut unerträglich, dass sie mich für eine Art Ehebrecherin hält. So war das doch gar nicht!“

„Wie war es denn?“

Rachel schaute Lily lange und fest an, doch dann schluckte sie. „Ich muss wohl mit Ihnen darüber reden. Ich will, dass Sie ihn fassen. Wer auch immer der Täter ist, ich will, dass er seine Strafe bekommt. Carlos … Er war ein Chaot.“ Sie lachte bitter. „Ein schlimmerer Chaot als ich, ob Sie es glauben oder nicht. Aber das hat er nicht verdient. Er hat es nicht verdient, so zu enden.“

„Nein, das hat er nicht. Vielleicht können wir uns setzen, und Sie erzählen mir ein bisschen von sich.“

„Oh, natürlich.“ Rachel plumpste auf die Couch. „Ich hätte Ihnen … Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht.“

Der Sessel der Couch gegenüber war gelb und lindgrün gestreift. Lily warf die Zeitung, die darauf lag, auf den Boden. „Dieses Gefühl wird wohl noch ein Weilchen anhalten, fürchte ich“, sagte sie, als sie sich setzte.

„Vermutlich.“ Eine lange Strähne hatte sich aus Rachels Haarknoten gelöst. Sie strich sie sich hinters Ohr, beugte sich vor und schob die Hände zwischen die Knie. „Sie wollen wissen, wer es getan hat? Wer ihn getötet hat? Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber Rule war es auf jeden Fall nicht.“

„Davon scheinen Sie ziemlich überzeugt zu sein.“

„Er hat doch nicht …“ Rachel musste innehalten und schlucken. „Ich könnte Ihnen jetzt sagen, dass er doch nicht mit mir im Club hätte scherzen und lachen können, wenn er gerade meinen Mann umgebracht hätte, aber das wäre für Sie einfach nur meine Meinung, nicht wahr? Und Sie würden es auch ganz normal finden, dass ich so etwas sage. Sonst wäre ich ja schuld an Carlos’ Tod. Aber das bin ich so oder so, nicht wahr?“

Lily schnürte es vor Mitleid die Kehle zusammen. „Warum sagen Sie das?“

„Ein Lupus hat Carlos getötet.“ Rachel sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. „Rule war es nicht, aber es war ein Lupus, also muss es etwas mit Rule zu tun haben. Oder mit dem Club. Oder mit mir. Aber ich komme trotzdem nicht dahinter, sosehr ich mich auch anstrenge.“

„Sie denken ziemlich klar, würde ich sagen.“

Rachel sah Lily gekränkt an. „Ist das ein Kompliment oder ein Vorwurf? Vielleicht sollte ich völlig aufgelöst sein.“

„Wir trauern alle auf unterschiedliche Weise.“ Und Lily hatte keinen Zweifel daran, dass die junge Frau trauerte. „Besaß Ihr Mann eine Waffe, Ms. Fuentes?“

„Ja, er …“ Sie rieb sich die Stirn. „Haben Sie nicht gestern etwas von einer Waffe gesagt?“

„Habe ich.“ Aber da war Rachel überhaupt nicht aufnahmefähig gewesen. „Wir haben eine Waffe in der Nähe der Leiche gefunden. Wir überprüfen gerade die Seriennummer, aber Sie würden uns helfen, wenn Sie uns sagen könnten, was für eine Waffe Ihr Mann gehabt hat.“

„Eine Pistole. Eine Zweiundzwanziger.“

„Hat er sie oft bei sich gehabt?“

„Nein, aber wenn wir ins Hell gegangen sind, dann schon. Das ist ein gefährliches Viertel.“

Lily zog die Augenbrauen hoch. „Sie sind zusammen in den Club gegangen?“

„In … in letzter Zeit nicht.“ Sie blieb stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte nachdenklich zu Boden – oder in die Vergangenheit. „Ich werde Ihnen sagen, wie es passiert ist, wie Rule und ich zusammengekommen sind. Gern tue ich das nicht. Ich würde Ihnen lieber sagen, dass es Sie nichts angeht, aber ich will, dass Sie ihn fassen. Wer immer es getan hat, er soll dafür bezahlen.“

„Ihn zu fassen ist meine Aufgabe. Aber dass er für seine Tat bezahlt, dafür muss der Staatsanwalt sorgen.“

„Okay“, sagte Rachel, doch dann kam nichts mehr. Sie stand einfach nur regungslos da.

Lily versuchte, ihr den Einstieg zu erleichtern. „Sie haben Rule Turner im Club kennengelernt, nicht wahr?“ Wenigstens das hatte sie von Turner erfahren. Ansonsten hatte er nicht viel über seine Beziehung zu Rachel gesagt, aber dass er Carlos kannte, hatte er eingeräumt.

„Ja.“ Ein kleines trauriges Lächeln huschte über Rachels Gesicht. Ihr Blick wirkte leicht entrückt, als versinke sie in tröstliche Erinnerungen. „Ich hätte es nie für möglich gehalten. Die meisten Männer sind einfach gestrickt – wenn sich ihnen eine Gelegenheit zum Sex bietet, dann greifen sie zu. Aber Rule … Er könnte so ziemlich jede haben, und ich bin nichts Besonderes. Nicht hässlich, aber auch nicht schön. Doch er gab mir das Gefühl, schön zu sein.“

Der Stoff, aus dem die Träume sind, dachte Lily. „Sie haben sich in ihn verliebt.“

„Nicht so, wie Sie denken. Ich war vielleicht ein bisschen verknallt in ihn. Aber nicht ernstlich verliebt, genauso wenig wie er in mich.“ Rachel tauchte aus ihren Erinnerungen auf und sah Lily an. „Er mochte mich. Und er war sehr lieb zu mir, aber auf respektvolle Art, nicht aus Mitleid. Und er war nicht eifersüchtig, kein bisschen. Man könnte sagen, ihm ist in die Wiege gelegt worden, was Carlos immer wollte – oder zu wollen glaubte.“

„Was meinen Sie damit?“

Rachel kniff die Lippen zusammen. Ob aus Schmerz oder Wut oder aus einer Mischung aus beiden, konnte Lily nicht einschätzen. „Sie haben sich bestimmt schon gedacht, dass Carlos und ich keine Bilderbuchehe geführt haben. Es war eher eine Achterbahnfahrt. Entweder lief es richtig gut oder richtig schlecht. Er konnte eine ganze Weile lang supersüß sein, aber dann flippte er wieder aus, und ich war diejenige, die versuchte, an der Beziehung festzuhalten, damit wir die Risse wieder kitten konnten.“ Sie holte seufzend Luft. „Irgendwann war ich dieses Auf und Ab leid.“

Lily äußerte ihren Verdacht. „Er hatte Affären.“

„Er hat rumgevögelt.“ Rachel konnte nicht länger still stehen. Unwillkürlich setzten sich ihre Beine in Bewegung. „Er hat mich geliebt. Das wusste ich auch in den schlimmsten Momenten der Kränkung. Aber er musste sich selbst etwas beweisen, immer wieder. Als er sechzehn war, hatte er Mumps, verstehen Sie?“ Sie verstummte, schritt aber weiter auf und ab.

„Er war zeugungsunfähig?“

Rachel nickte, machte vor der Wand kehrt und kam wieder zurück. „Wir waren seit der Highschool zusammen, gleich danach haben wir geheiratet. Er war der Einzige für mich. Der Einzige, den ich haben wollte, und der Einzige, mit dem ich je zusammen gewesen bin. Ich wollte, dass er auch so fühlte. Ich wollte die Einzige sein, die er begehrte, aber das konnte er mir nicht geben. Und dann war es irgendwann so weit, dass ich es nicht mehr ertragen konnte. Als er eines Tages wieder davon anfing, dass die Eifersucht die schlimmste aller Plagen sei und nicht die Untreue, da sagte ich mir: Okay, mal sehen, wer hier recht hat.“

„Sie haben beschlossen, eine Affäre anzufangen.“

„Ich habe mich dazu überreden lassen, eine Affäre anzufangen.“ Rachel blieb stehen und hob den Kopf. „Schockiert Sie das?“, fragte sie bitter. „Es war Carlos’ Idee. Er wollte, dass ich mir, wie er sagte, meine Eifersucht abgewöhne. Er sagte auch, dass jemand, der Sex mit Liebe gleichsetze, auf kindische Weise an einem romantischen Ideal festhalte, das die Leute verklemmt mache.“ Rachels Augen blitzten. Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Aber das waren alles ihre Worte! Nicht seine. Er plapperte nur nach, was sie ihm eingetrichtert hatten.“

„Wer?“

„Die Leute von seiner blöden Kirche. Diese Azá.“

Um halb zwölf am späten Freitagabend hatte Lily es sich in ihrem Relaxsessel gemütlich gemacht, der ein Drittel ihres Wohnzimmermobiliars ausmachte. Die anderen zwei Drittel waren ein niedriger Teakholztisch am Fenster und ein rotes Bodenkissen. Was ihr an Möbeln fehlte, machte sie mit Pflanzen wett: Efeu über dem Durchgang zur Küche, eine üppige Azalee in einer Ecke und elf Terracottatöpfe, die sich den Platz vor dem einzigen großen Fenster teilten.

Lily hatte einen Becher Eiskrem in der einen Hand, einen Stift in der anderen, einen gelben Block auf der Sessellehne und einen gut acht Kilo schweren grau getigerten Kater mit anderthalb Ohren auf den angezogenen Beinen.

Wie sehr sie ihren Laptop auch schätzte, er half ihr nicht so gut beim Nachdenken wie ein gelber Schreibblock. Sie hatte ihn quer vor sich liegen und bereits eine Tabelle angelegt. Vier Spalten waren mit den Namen der Lupi versehen, die am vergangenen Abend im Club gewesen waren, über den anderen stand: Carlos, Rachel, Azá und Lupi.

Es war nicht zwingend davon auszugehen, dass der Mörder ein Lupus war, der an diesem Abend das Hell besucht hatte, aber irgendwie hatte der Club mit der Sache zu tun. Fuentes war weniger als einen Block entfernt davon ermordet worden. Das konnte kein Zufall sein. Zwei der Lupi, die dort gewesen waren, hatten ein wasserdichtes Alibi; die anderen hatten, bis auf Turner, kein Motiv.

Lily tippte mit dem Stift auf den zweiten Namen. Cullen Seabourne. Er unterschied sich in einem Punkt von den anderen drei Lupi: Er war kein Nokolai. Auf die Frage nach dem Namen seines Clans hatte er mit einem freundlichen Lächeln erklärt, er gehöre zu keinem.

Zur Zeit der zwangsweisen Registrierung hatte jeder Lupus, der gefasst wurde, behauptet, clanlos zu sein, damit ihn die Behörden nicht nötigten, seine eigenen Leute zu verraten. Aber inzwischen hatten Lupi eigentlich keinen Grund mehr, an dieser Behauptung festzuhalten.

Was bedeutete es für einen Lupus, zu keinem Clan zu gehören? Und wie kam so etwas zustande? War Seabourne ein Geächteter oder war er aus irgendeinem Grund nie in einen Clan aufgenommen worden? Lily hatte versucht, ihn zur Abendessenzeit anzurufen, ihn aber nicht erreicht. Nicht einmal einen Anrufbeantworter oder eine Mailbox. Also hatte sie dem unwirschen Gnom im Club eine Nachricht für ihn hinterlassen.

Sie schrieb „geächtet?“ unter Seabournes Namen und machte mit der nächsten Spalte weiter, über der „Azá“ stand. Dann pochte sie wieder mit dem Stift aufs Papier, diesmal jedoch aus Verärgerung. Mech hatte eine Nachricht auf ihre Mailbox gesprochen. Er hatte ein paar von den Ältesten der Kirche der Glaubenstreuen befragt – was in Ordnung gewesen wäre, wenn er es vorher mit Lily abgesprochen hätte. Sie hatte die Leitung, und er konnte nicht einfach tun, was er wollte.

Nicht dass er schlechte Arbeit geleistet hätte. Mech ging stets sehr systematisch vor und hatte alle naheliegenden Fragen zu Fuentes abgearbeitet. Aber seine Nachricht warf dennoch Fragen für Lily auf. Morgen, nahm sie sich vor, würde sie als Erstes seinen Bericht lesen und sich diese Kirche dann selbst ansehen. Und Mech zu einem kleinen Gespräch bitten.

Ihr Stift bewegte sich über die Tabelle und blieb bei „Lupi“ stehen. Darunter hatte sie geschrieben: promiskuitiv, Bürgerrechtsreform/Benachteiligung. Clan: oberste Priorität, schwer durchschaubare Innenpolitik. Hierarchisch. Eifersucht?

Rachel hatte gesagt, Lupi seien nicht eifersüchtig, doch die Großmutter hatte ihr erklärt, dass ihnen das nicht angeboren, sondern vielmehr anerzogen sei. Man brachte ihnen bei, in Bezug auf Sexualpartner nicht besitzergreifend zu sein, genau wie man Kindern beibrachte, ihr Spielzeug mit anderen zu teilen.

Aber nicht jeder legte die kindliche Habgier im Erwachsenenalter ab. Lily hatte schon jede Menge Leute verhaftet, die nichts dabei fanden, sich einfach zu nehmen, was sie haben wollten – solange sie nicht geschnappt wurden. Eine Anleitung zu fairem, anständigem Verhalten brachte nicht immer das gewünschte Ergebnis.

War Turner vielleicht doch eifersüchtig gewesen, und hatte ihn die Eifersucht umso heftiger geplagt, weil sie verboten war und er sie verbergen musste?

Lily schlief allmählich ein Fuß ein, und ihre Hüfte schmerzte. Sie sah ihren Kater stirnrunzelnd an. „Ich muss mich mal anders hinsetzen.“

Dirty Harry öffnete die Augen gerade so weit, dass zwei gelbe Schlitze zu sehen waren, und sah sie grimmig an. Er unterstrich seinen nonverbalen Kommentar, indem er eine Pfote ausstreckte und seine Krallen in den Stoff ihrer Judohose bohrte.

„Lass das!“, entgegnete sie. „Mir steht jetzt wirklich nicht der Sinn nach einem fordernden männlichen Wesen.“ Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie fast gedacht, sie bekäme ihre Periode. Sie war unruhig und schlecht gelaunt, und allem Anschein nach war sie auch noch zum Tollpatsch mutiert.

Sie hatte beim abendlichen Training eine denkbar schlechte Landung hingelegt. Ein einfacher Schulterwurf, und sie war auf den Boden gekracht wie eine Anfängerin, die Angst vor der Matte hat. Absolut peinlich. John hatte sie ganz vorwurfsvoll angesehen. Aber ihr sensai hatte ihr ja auch nie richtig verziehen, dass sie nicht gewissenhafter trainierte. Er hatte gewollt, dass sie an Wettkämpfen teilnahm, aber beim Judo war es ihr nie um Medaillen gegangen. Anfangs war es eine Methode für sie gewesen, um sich sicher zu fühlen. Und nun … Sie wusste es nicht so genau. Eine Gewohnheit? Vielleicht wollte sie ihre einmal erworbenen Fähigkeiten nicht verlieren … oder vielleicht brauchte sie immer noch das Gefühl der Sicherheit.

Sie sah ihren Kater streng an. „Los, Harry, beweg dich, bevor mir der Fuß abstirbt!“ Sie streckte in dem Wissen die Hände nach ihm aus, dass er freiwillig springen würde, weil er es nicht ausstehen konnte, hochgehoben zu werden.

Er sprang tatsächlich. Aber dann blieb er vor ihr sitzen, zuckte mit dem Schwanz und starrte sie wie ein böser Dämon an. Als er sicher war, dass er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, stolzierte er in die Küche.

„Na schön.“ Lily stand auf und folgte ihm.

Eigentlich sollte er erst am nächsten Morgen wieder etwas zu fressen bekommen, aber was sein Gewicht anging, war Harry nicht mit dem Tierarzt einer Meinung. Hätte ich eine ganze Zeit lang von Spatzen und Abfall leben müssen, dachte Lily, dann hätte ich auch ein Problem mit Diätvorschriften.

Sie holte das Trockenfutter aus dem Schrank. Harry sah die Schachtel angewidert an und ging zum Kühlschrank. „Aber nur ein kleines bisschen“, sagte Lily, stellte das Trockenfutter zurück und nahm die Milch aus dem Kühlschrank. Der Tierarzt hatte ihr gesagt, Kuhmilch sei nicht gut für Katzen, schon gar nicht für übergewichtige, aber Harry liebte Milch, und sie verweigerte ihm diesen kleinen Leckerbissen nur ungern. Sie goss vorsichtig ein wenig auf eine Untertasse und stellte sie ihm hin.

Lily war sich in keiner Weise sicher, ob sie mit Dirty Harry alles richtig machte. Er war ihre erste Katze – falls man überhaupt davon sprechen konnte, dass er ihr gehörte. Meistens hatte sie nämlich das Gefühl, es sei genau umgekehrt. Sie hatte ihn ein Jahr zuvor am Strand gefunden, halb verhungert und mit einem geschwollenen, entzündeten Bein, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Es war das einzige Mal gewesen, dass er sich von ihr hatte hochheben lassen.

„Was meinst du denn, Harry?“ Sie lehnte sich gegen den Kühlschrank, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihm zu, wie er seine Milch aufschleckte. „Tiere – pardon, ich meine Tiere von ausschließlich nichtmenschlicher Gestalt – sind doch nicht frei von Besitzdenken in Bezug auf ihre Sexualpartner. Was mit deinem Ohr passiert ist, bevor wir uns kennengelernt haben, hatte möglicherweise genau damit zu tun, oder?“

Harry ignorierte sie.

„Und Wölfe kämpfen doch um ihre Weibchen. Aber Lupi sind nicht mit Wölfen gleichzusetzen, nicht wahr? Sie haben Regeln für ihre Kämpfe, sie haben sie ritualisiert, sagt Großmutter, und um eine Frau dürfen sie sich eigentlich gar nicht schlagen.“

Harry hatte den letzten Tropfen Milch aufgeleckt und begann sich zu putzen. Lily rieb sich geistesabwesend ihre lädierte Hüfte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass das, was sie bisher herausgefunden hatte, sie nicht weiterbrachte. Irgendwie ergab alles noch keinen rechten Sinn. „Entweder hat Turner ihn in einem Anfall von rasender Eifersucht getötet oder … Tja, oder was?“

Sie löste sich vom Kühlschrank und begann auf und ab zu gehen. Viel Platz hatte sie nicht dafür, und nach wenigen Schritten war sie wieder im Wohnzimmer. „Wenn Turner nicht völlig vernarrt in Rachel oder äußerst besitzergreifend ist, hatte er eigentlich keinen Grund, Fuentes umzubringen. Aber wenn er es nicht ist … was war dann das Motiv für diese Tat?“

Lily blieb am Fenster stehen und starrte nachdenklich die zugezogenen Vorhänge an. Wer profitierte von Fuentes’ Tod? Das war, wie bei jedem Mord, eine wichtige Frage. In den meisten Fällen hatte die Antwort mit Geld zu tun, aber diesmal vielleicht nicht. Laut Rachel hatte Carlos zwar über seinen Arbeitgeber eine kleine Versicherung abgeschlossen, aber der Betrag reichte gerade einmal für seine Beerdigung.

Mord aus Leidenschaft? Carlos hatte – wieder Rachels Aussage zufolge – Affären gehabt. Aber ihn hatte kein wütender Ehemann oder Lover getötet, sondern ein Wolf.

Und was waren die unmittelbaren Folgen seines Todes?

„Dass ich den Mord untersuche“, sagte Lily langsam. Und dass sie sich auf Turner konzentrierte, weil er eine Affäre mit Rachel hatte und ein Lupus war. Und dass Fuentes von einem Lupus getötet worden war, war das Einzige, dessen sie sich ganz sicher war.

Moment mal! Vielleicht lautete die entscheidende Frage, warum Fuentes von einem Wolf getötet wurde. Nicht einfach von einem Lupus, sondern von einem Lupus, der sich verwandelt hatte. Und der ihr genauso gut einen Zettel mit dem Hinweis hätte hinterlassen können, dass der Mord von jemandem seines Schlages begangen worden war.

Lupi waren in Wolfsgestalt am gefährlichsten, aber schnell und beängstigend stark waren sie auch in Menschengestalt. Ein Lupus hätte Fuentes mit Leichtigkeit töten können, ohne sich zu verwandeln.

Harry strich ihr schnurrend um die Beine. „Du hast recht“, sagte Lily. „Es ist schon spät. Höchste Zeit, schlafen zu gehen.“ Aber während sie sich bettfertig machte, kreisten ihre Gedanken pausenlos um eine Frage: Warum hatte sich Fuentes’ Mörder verwandelt?

 
 

7

Eine holprige kleine Straße schlängelte sich in die Berge nordöstlich der Stadt. Wenn man ihr etwa dreißig Kilometer folgte, gelangte man an eine Stelle, an der einst ein Bezirksplaner einen Aussichtspunkt mit einem Picknicktisch aus Beton und einer Abfalltonne eingerichtet hatte. Genau dort wartete Rule nun. Es war elf Uhr. Er lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen an seinem Wagen und reckte die Nase in die Luft.

Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel auf ihn herab, doch der Wind war kalt und schneidend. Es roch nach Salbei, Teeröl und Kaninchen. Vor dem Aussichtspunkt fiel die hügelige Landschaft stufenförmig zur Stadt hin ab. Weit genug von San Diego entfernt und knapp zwei Kilometer die von alten Eichen gesäumte Straße hinauf befand sich die Zufahrt zum Clangut der Nokolai.

Rule schloss die Augen und wünschte, der Tag hätte mehr Stunden. Im Grunde hätte er in diesem Moment an zwei Orten gleichzeitig sein sollen – obwohl er eigentlich an keinem von beiden sein wollte. Er hatte den ganzen Morgen versucht, Cullen zu erreichen. Er musste ihn finden oder wenigstens in Erfahrung bringen, ob sein Freund nur wieder einmal abgetaucht war. Von Zeit zu Zeit verschwand Cullen nämlich von der Bildfläche, ohne jemandem zu sagen, wohin er ging und wann er zurückkehrte. Das allein war oft schon ärgerlich genug.

Und jetzt noch ärgerlicher als sonst.

Rule ermahnte sich zur Ruhe und versuchte, sich zu sammeln. Es war schon sehr lange her, dass er in seiner anderen Gestalt durch diese Hügellandschaft gestreift war. Aber auch das letzte Mal, als er sie in menschlicher Gestalt betreten hatte, lag schon lange zurück. Er musste die Natur von Neuem in sich aufnehmen, sich von ihr aufnehmen lassen, aber dazu fehlte die Zeit … und trotzdem befand er sich jetzt hier.

Er hielt prüfend die Nase in den Wind, versuchte, den Ursprung des Kaninchengeruchs ausfindig zu machen, und entdeckte ihn unter einem struppigen Busch. Dort kauerte zitternd ein kleines graubraunes Fellbündel, das farblich kaum vom Erdboden zu unterscheiden war. Rule beobachtete es regungslos und atmete tief ein und aus. Das half.

Ihr Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf … ein herzförmiges Gesicht mit einer schönen, geraden Nase und dunklen mandelförmigen Augen. Wenn sie lächelte, rundeten sich ihre Wangen, und sie war dann noch hübscher. Er dachte an ihre Haut – wie Sahne, mit einem Schuss Honig darin. Und ihr Duft! Würzig. Hundertprozentig menschlich. Einzigartig.

Die Erinnerungen erregten ihn und versetzten ihn in Unruhe. Er wollte sie sofort sehen, nicht erst in zwei Stunden.

Und das war kein gutes Zeichen. Ganz und gar nicht.

Wenige Minuten später hörte er das Knirschen von Autoreifen auf Schotter. Das Kaninchen verließ fluchtartig seinen Unterschlupf. Rule drehte sich um und sah, dass ein dunkelgrauer Jeep hinter seinem Cabrio anhielt. Zu seiner Überraschung stiegen zwei Männer aus – erwartet hatte er nur einen. Beide trugen Jeans und Sportschuhe. Beide hatten nackte Oberkörper. Der Fahrer hatte drei frische lange Narben auf der Brust; eine Folge des Angriffs zwei Tage zuvor.

Er war ein stämmiger Kerl mit der Statur eines Fullbacks und den Händen eines Basketballspielers. Er war ungewöhnlich dunkel für einen Lupus und hatte die kupferfarbene Haut seiner Mutter. Sein schwarzes Haar war sehr kurz und glänzte silbrig. In der langen Lederscheide auf seinem Rücken steckte eine Machete, in jener an seinem Gürtel ein Messer. Die Klingen beider Waffen waren sehr scharf, wie Rule wusste, obwohl die Metalllegierung aufgrund des hohen Silberanteils sie recht weich und biegsam machte.

Die Statur des Beifahrers entsprach in etwa der Form der Machete des anderen – er war groß und schlank und hatte breite, knochige Schultern. Er hatte ein schmales Gesicht, helle Haut und Augen, und sein hellbraunes Haar war lang genug, dass er es zu einem Zopf zusammenbinden konnte. Die meisten Leute hätten ihn ungefähr auf Rules Alter geschätzt.

Und sie hätten recht gehabt. Auch wenn die meisten gar nicht wussten, wie alt Rule wirklich war.

„Mick!“ Rule richtete sich auf und spürte, wie seine innere Anspannung plötzlich zurückkehrte. „Ich wusste gar nicht, dass du hier bist.“

„Bin mal kurz runtergekommen“, sagte der schmalere der beiden Männer und kam auf Rule zu. „Der Weinberg hält es auch ein paar Tage ohne mich aus. Toby lässt dich grüßen. Und er bittet um Kaubonbons oder irgendetwas anderes, das schlecht für die Zähne ist. Du weißt ja, wie sehr Nettie auf gesunde Ernährung achtet.“

Rules Herz machte einen Sprung. „Du hast ihn gesehen?“

„Nur ein paar Minuten, bevor ihn die Sklaventreiber zu seinem Unterricht geschleppt haben. Ich finde, du hast überreagiert“, entgegnete Mick. „Es bestand kein Grund, den Jungen quer durchs ganze Land zu schleifen. Kein Lupus würde einem Kind etwas zuleide tun!“

Rule schüttelte nur den Kopf. Mick wusste nichts von Cullen und den Dingen, die er herausgefunden hatte. Vorsicht war besser als Nachsicht. Rule streckte die Hand aus, und die beiden begrüßten sich förmlich, indem sie sich an den Unterarmen fassten. Dann grinste Mick und schlug Rule so fest auf den Rücken, dass ein Mensch aus dem Gleichgewicht geraten wäre.

Es war nicht Micks scheinbar freundschaftlicher Schlag, der Rule knurrend auffahren und in Angriffsstellung gehen ließ, sondern sein Geruch.

Der große Mann packte Mick an der Schulter. Seine Stimme war ungewöhnlich tief. „Sag Frieden!“

„Um Himmels willen, ich habe ihm doch nur auf die Schulter geklopft!“

Benedict schnaubte. „Du stinkst so sehr nach Wolf, dass sogar ein Mensch darauf reagieren würde. Ich habe keine Zeit für Albernheiten. Sag Frieden!“

Mick blickte mürrisch drein, murmelte aber gehorsam das Wort. Rules Anspannung schwand zwar, aber es würde eine Weile dauern, bis das Adrenalin, das seinen Körper überflutet hatte, wieder abgebaut war. Der feindselige Gestank seines Bruders verpestete die ganze Luft.

„Und du“, sagte Benedict zu ihm, „solltest dich besser im Griff haben. Der Lu Nuncio kann es sich nicht erlauben, bei jeder Kleinigkeit hochzugehen wie ein Jugendlicher im Hormonrausch.“

Rule kniff die Lippen zusammen. Eigentlich hatte er sich das abgewöhnt – nur auf Mick reagierte er noch so. Sie hatten schon immer miteinander in Konkurrenz gestanden. In der Kindheit hatte Rule Mick darum beneidet, dass er eine Mutter hatte, die ihn liebte. Doch richtig schwierig war ihre Beziehung erst geworden, als Isen seinen jüngsten Sohn zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. „Ich weiß. Ich bin nervös.“

„Umso mehr musst du dich beherrschen.“ Benedict ließ Micks Schulter los. „Wir sollten direkt zur Sache kommen. Ich will den Rho nicht so lange allein lassen.“

„Deine Entscheidung“, entgegnete Rule. „Wir hätten uns auch in seiner Nähe treffen können.“ Warum hatte Benedict Mick überhaupt mitgebracht? Er musste doch wissen, dass es Dinge gab, über die Rule nicht sprechen konnte, wenn noch jemand dabei war.

„Das habe ich ihm auch gesagt, ob du es glaubst oder nicht“, sagte Mick und rieb sich die Schulter. „Nicht dass es etwas genützt hätte! Aber ich sehe auch keinen Grund, dir den Zutritt zum Clangut zu verwehren.“

Benedict bedachte ihn mit einem kalten, ausdruckslosen Blick, der typisch für ihn war. Rule hatte sich früher immer davon einschüchtern lassen, als er noch bei Benedict in die Lehre gegangen war. „Du bist sehr nachgiebig, was die Rechte deines Bruders angeht.“

„Du hast vermutlich erwartet, dass ich mich freue, weil du ihm Hausverbot erteilt hast.“ Mick verzog abschätzig den Mund und wendete den Blick ab. „Ich habe Schwierigkeiten damit, dass mein kleiner Bruder der Lu Nuncio ist. Du weißt es, er weiß es, alle wissen es. Vielleicht ärgert es mich deshalb umso mehr, wenn jemand ihm gegenüber respektlos ist.“

„So will es nun mal der Brauch“, sagte Benedict. „Moment!“ Er hob die Hand und schnitt Mick das Wort ab. „Mir ist schon klar, dass ihm die Tradition lediglich verbietet, den Rho zu sehen. Aber Isen war mit meiner Entscheidung einverstanden, ihm den Zutritt zum Clangut ganz zu verbieten.“

Mick wirkte entsetzt, doch Rule hatte sich so etwas gedacht. Isen hatte schließlich nicht die ganze Zeit geschlafen. Er hätte Benedicts Befehl widerrufen können … wenn er gewollt hätte.

„Rule“, sagte Mick. „Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Vater kann dich doch unmöglich verdächtigen!“

Rule zuckte mit den Schultern und ignorierte das unangenehme Gefühl in seiner Magengrube, so gut es ging. „Isen hat immer gute Gründe für das, was er tut.“

„Ich darf ihn übrigens auch nicht sehen“, erklärte Mick, „falls dir das ein Trost ist.“ Er sah Benedict vorwurfsvoll an.

Benedict blieb völlig ungerührt. „Ich habe dir erlaubt mitzukommen, damit ich nicht alles zweimal erzählen muss. Also hört zu!“

Mick funkelte ihn zornig an. „Dann fang doch endlich an!“

„Allem Anschein nach haben wir einen Verräter in unserem Clan. Das ist der Hauptgrund, warum Rule nicht auf das Clangut darf, solange Vater seine Verletzungen auskuriert.“

Nun fühlte Rule sich erst recht schlecht. „Der Angriff! Sie wussten nicht, dass du Isen bei seiner Rückkehr abholen wolltest, aber sie wussten, dass du ihn vorher nicht begleitet hast.“

„Moment mal“, sagte Mick. „Benedict ist zwar gut, aber seine Anwesenheit genügt ja wohl kaum, um Angriffe wie von Zauberhand abzuwehren.“

„Sie waren zu fünft“, entgegnete Rule. „Würdest du gegen Benedict und Vater ins Feld ziehen, wenn du nur vier Leute hinter dir hättest?“

„Okay, da ist was dran. Aber wir wissen, wer es war. Drei der Angreifer gehörten definitiv zum Clan der Leidolf. Und die zwei, die flüchten konnten, wahrscheinlich auch.“

„Ihr Clan wurde bereits benachrichtigt“, sagte Benedict. „Der Rat hat offiziell Anzeige erstattet und eine Klärung der Angelegenheit gefordert. Ihr Rho will mit den Angreifern nichts zu tun gehabt haben.“

„Der Rat?“ Rule runzelte die Stirn. „Wenn die Anzeige nicht von Isen selbst kam, wissen sie, dass er schwer verletzt ist.“

„Er wollte es so haben.“

Rule dachte nach. Offenbar wollte Isen den Anschein von Schwäche erwecken, indem er vorgab, seinem Nachfolger nicht zu vertrauen, und seinen Feinden zu verstehen gab, dass er angeschlagen war. Aber was brachte das, da er doch tatsächlich schwer verletzt war? Rule sah Benedict besorgt an, der nur mit einem Schulterzucken reagierte.

Also wusste Benedict auch nicht, was der Vater im Schilde führte. „Eine Entschädigung haben die Leidolf wohl nicht angeboten?“

„Nein, obwohl ihnen klar sein dürfte, dass sie es irgendwann tun müssen. Vorläufig duldet es der Rat, dass sie die Dinge hinauszögern. Auf beiden Seiten wird geknurrt, aber auf eine Herausforderung legt es keiner an.“

Rule nickte. Die Leidolf und die Nokolai waren schon seit Ewigkeiten verfeindet, doch in den vergangenen sechzig Jahren war es ihnen weitgehend gelungen, Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Kriege waren viel zu verlustreich. Isen bevorzugte raffiniertere Methoden, um seine Ziele zu erreichen. Die Leidolf, die ihnen zahlenmäßig überlegen waren, mochten zwar glauben, das Alles-oder-nichts-Prinzip eines Krieges sei für sie von Vorteil, doch die Nokolai hatten zu viele Freunde. Sie würden nicht allein kämpfen. Sogar die Leidolf mussten erkennen, dass ein derart ausufernder Konflikt eine Katastrophe wäre.

„Der Punkt ist“, sagte Benedict, „dass der Angriff zeitlich einfach zu gut abgestimmt war. Nur sehr wenige wussten von dem Treffen der Nokolai und der Kyffin – auf unserer Seite nur wir drei und der Rat. Ich habe es niemandem außer dem Bodyguard gesagt, von dem ich Isen begleiten ließ, und der ist tot.“

„Die Leidolf sind bekanntermaßen nicht zimperlich“, warf Rule ein. „Es ist durchaus vorstellbar, dass sie ihren Handlanger töten, damit er nicht quatscht …“

„Rule“, sagte Mick schockiert. „Du sprichst von Frederick!“

Rule schüttelte den Kopf. „Ich weiß. Diese Vorstellung behagt einem ganz und gar nicht, aber im Prinzip teile ich Benedicts Einschätzung. Er war dabei.“

„Frederick ist bei der Verteidigung seines Rho umgekommen“, entgegnete Benedict bestimmt. „Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Hast du mit jemandem über das Treffen gesprochen, Mick?“

„Natürlich nicht.“

„Rule?“

Eine Person, die nicht zum Clan gehörte, hatte von dem Treffen erfahren, allerdings nicht durch Rule: Cullen. Rule wählte seine Worte mit Bedacht. „Bevor es stattgefunden hat, habe ich mit niemandem darüber gesprochen.“

„Ich habe die Ratsmitglieder befragt“, sagte Benedict. „Keiner von ihnen gibt zu, es jemandem verraten zu haben.“

Mick schnaubte. „Das beweist gar nichts, da du Rule ja nicht aufs Clangut lässt, damit er sie in die Zange nehmen kann!“

Rule zog die Augenbrauen hoch. „Das würdest du zulassen? Ohne ausdrücklichen Befehl des Rho?“

Mick verzog das Gesicht. „Schon gut, ich habe nicht nachgedacht. Aber wir sind vom Thema abgekommen. Auch wenn die Ratsmitglieder den Mund gehalten haben – es waren immerhin zwei Clans bei dem Treffen. Was ist mit den Kyffin?“

„Jasper ist ein Hitzkopf“, sagte Rule, „aber eine ehrliche Haut.“

„Ich sage doch nur, dass er vielleicht mit der falschen Person gesprochen hat.“

Benedict schüttelte den Kopf. „Jasper hat das Treffen noch strenger geheim gehalten als wir. Er sagte, nur er und sein Lu Nuncio wussten vorher davon – und er ist bereit, seine Loyalität zu beweisen. Er will sich den Nokolai in einer offiziellen Zeremonie unterwerfen.“

Merde!“, rief Rule und schüttelte fassungslos, aber voller Bewunderung den Kopf. „Isen schafft es doch immer wieder, auf die Füße zu fallen, selbst wenn sie ihm abgerissen werden. Er hatte gar nicht vor, auf diese Weise die Unterstützung der Kyffin zu gewinnen, aber ich wette, er wird hochzufrieden sein. Irgendwelche Einschränkungen?“

„Nur das Übliche. Befristung auf ein Jahr und einen Tag.“

„Dann musst du Rule auf das Clangut lassen“, sagte Mick. „Es sei denn, du willst Jasper hinhalten, bis Vater so weit genesen ist, dass er selbst an der Zeremonie teilnehmen kann.“

„Selbstverständlich muss der Lu Nuncio die Unterwerfung im Namen der Nokolai annehmen. Jasper ist vor einer Stunde mit sieben Kyffin und zwei Angehörigen anderer Clans als Zeugen eingetroffen. Die Zeremonie ist für zwei Uhr angesetzt. Rule kehrt mit uns zum Clangut zurück.“

„Jetzt gleich?“, fuhr Rule überrascht auf. „Darf ich fragen, warum du das alles organisiert hast, ohne es vorher mit mir abzusprechen?“

„Du hast eine seltsame Vorstellung von meinen Befugnissen. Nicht ich habe es organisiert, sondern der Rat.“

Natürlich. Rule kam sich dumm vor. Hatte ihm die Sehnsucht, Lily wiederzusehen, das Hirn benebelt? Er musste sie anrufen und das Date verschieben. Das Date? Sie würde es wohl kaum so nennen … „Schlechtes Timing, aber da kann man wohl nichts machen.“

„Du hast etwas vor, das du für wichtiger hältst, als die Unterwerfung der Kyffin anzunehmen?“, fragte ihn Benedict.

„Wenn ich es tatsächlich für wichtiger hielte, würde ich den Rat um einen Aufschub bitten!“, schnauzte er zurück. „Zufällig versuche ich gerade, einer Festnahme wegen Mordes zu entgehen. Von meiner Meinung dazu mal ganz abgesehen – Kalifornien gehört zu den Staaten mit Todesstrafe. Es wäre nicht gut für den Clan, wenn der Nachfolger des Rho hingerichtet würde.“

Ein Hauch von Betroffenheit zeichnete sich auf Benedicts Zügen ab. „Wen hast du denn umgebracht?“

„Niemanden in letzter Zeit. Verdammt noch mal, ihr habt nichts davon mitbekommen, was? Verfolgt eigentlich niemand auf dem Gut die Nachrichten?“

„Wir waren ziemlich beschäftigt“, entgegnete Benedict trocken.

Rule fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Seine Frage war eigentlich rhetorischer Natur gewesen. Viele von denen, die das Glück hatten, auf dem Clangut leben zu dürfen, interessierten sich nicht für das, was in der Welt der Menschen vor sich ging. Der Rat konnte sich eine solche Ignoranz natürlich nicht leisten, aber derzeit hatte man andere Dinge im Kopf. „Man versucht anscheinend, mir etwas anzuhängen“, sagte er und fasste die Geschichte kurz zusammen.

„Dann sind sie also auch hinter dir her.“ Mick blickte finster drein. „Sie wollen die Nokolai vernichten. Und wir wissen auch, warum, nicht wahr? Isens verdammte politische Manöver! Warum kann er nicht einsehen, dass es sich nicht für uns auszahlt, wenn er sich in die Politik der Menschen einmischt?“

Rule sagte nichts. Als Lu Nuncio war ihm der Luxus der freien Meinungsäußerung nicht vergönnt.

Benedict schwieg ebenfalls, aber das war typisch für ihn. Er hätte einen perfekten Lu Nuncio abgegeben, wenn die Dinge anders gelaufen wären. „Du brauchst Bodyguards“, sagte er zu Rule.

„Mich zu töten würde ihre Pläne durcheinanderbringen.“

„Sie ziehen es vermutlich vor, dass du festgenommen wirst, aber was geschieht, wenn es gar nicht dazu kommt?“

Rule nickte. In diesem Punkt musste er seinem Bruder recht geben. Wenn sie ihn auf diese Weise nicht loswurden, dann versuchten sie es vielleicht auf direkterem Wege. „Hab schon verstanden. Aber ich kann nicht tun, was ich tun muss, wenn ich ständig Bodyguards um mich habe. Und es ist ja nicht so, als wäre ich leicht zu töten.“

Benedict sah ihn missbilligend an, ließ das Thema aber auf sich beruhen. Er war zwar für die Sicherheit auf dem Gut des Clans zuständig, aber außerhalb hatte er Rule nichts zu sagen. Er konnte ihn nicht dazu zwingen, sich mit Bodyguards zu schützen. Er kramte in seiner Tasche und warf Mick einen Schlüsselbund zu. „Ich muss allein mit Rule sprechen. Fahr du mit meinem Jeep nach Hause!“

Micks Gesicht verfinsterte sich, aber es hatte keinen Sinn, mit Benedict zu streiten. Er zuckte mit den Schultern und nickte Rule zu. „Bis dann“, sagte er und ging zu dem Jeep.

Benedict wartete, bis Mick losgefahren war. „Also, was ist los? Diese kryptische Warnung von heute Morgen musst du mir erklären.“

„Deshalb sind wir ja hier.“ Benedict war für die Sicherheit des Rho verantwortlich. Er musste wissen, was unter Umständen auf ihn zukam. „Erinnerst du dich an Cullen Seabourne?“

„Seabourne …“ Benedict runzelte die Stirn. „Du hast dich früher mit ihm rumgetrieben, als du noch jung und dumm warst. Aber … ist er nicht ein Clanloser?“

„Ja. Und mein Freund.“

„Du hast komische Freunde.“ Eine gewisse Verblüffung spiegelte sich in Benedicts düsterer Miene. „Jetzt erinnere ich mich wieder! Er hatte eine Katze!“

Darüber musste Rule grinsen, wenn auch nur kurz. Lupi und Katzen gingen sich in der Regel aus dem Weg. „Genau! Und was ich dir jetzt sage, ist nur für deine Ohren bestimmt, Benedict. Isen weiß darüber Bescheid, aber der Rat nicht.“

Benedict nickte. „Du bist nervös“, stellte er fest.

„Der Mondwechsel naht, und es ist ja schon eine ganze Weile her, und …“ Rule raufte sich abermals die Haare. „Im Moment gibt es eine Menge Gründe, nervös zu sein.“

„Du brauchtest wirklich mal ein ausgiebiges Training, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Lass uns zu Fuß gehen!“ Und schon marschierte Benedict los.

Das Nervige an Benedict war unter anderem, dass er so oft recht hatte. Es tat gut, sich zu bewegen. „Cullen ist nur einer von vielen aus meiner Jugendzeit, mit denen ich in Verbindung geblieben bin. Es sind übrigens nicht nur Lupi. Alle Andersblütigen führen unter den Menschen leider meistens ein Einsiedlerdasein. Man redet nicht miteinander und tut sich schon gar nicht zusammen.“

„Du willst ja wohl nicht vorschlagen, dass wir mit den Todesfeen gemeinsame Sache machen.“

„Das ist wohl ein Witz.“

„Lass es mich wissen, wenn du dir sicher bist.“

Kurz bevor sie die Straße erreichten, änderten sie die Marschrichtung und bewegten sich instinktiv gegen den Wind. Der Boden auf dem Hügel war hart und staubig. Rules Schritte waren leise, doch Benedicts waren selbst für ihn fast nicht zu hören.

„Wir sind es gewöhnt, uns zu verstecken“, sagte Benedict. „Wir alle. Außerdem sind sich manche jahrhundertelang mit Ablehnung und Misstrauen begegnet. Das hat seine Gründe.“

„Einige dieser Gründe dürften eigentlich nach der Spaltung keine Rolle mehr spielen. Und die meisten Übrigen haben sich seit Jahrhunderten nicht mehr bemerkbar gemacht.“

„Aber jetzt wohl schon, wenn ich deinen Worten glauben darf.“

Rule nickte. „Ich bin mir zwar nicht sicher, aber Cullen schon.“

„Hast du außer eurer Freundschaft noch einen Grund, ihm zu glauben?“

„Du hast dich doch an seine Katze erinnert. Sie war sein Schutzgeist.“

„Aber er ist kein Hexer. Das kann unmöglich sein. Er ist ein Andersblütiger.“

„Nein, ein Hexer ist er nicht. Aber ein Zauberer.“

Benedict zog hörbar die Luft ein. „Du meinst, ein richtiger, kein blöder Dilettant? Aber … wie ist das möglich? Dieser Weg ist uns verschlossen.“

„Ich weiß es nicht. Aber seine Mutter war eine Hexe.“

„Was ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ein zaubernder Einzelgängerwolf …“ Benedict schüttelte den Kopf. „Du machst mir Angst.“

„Dabei habe ich dir das wirklich Beängstigende noch gar nicht erzählt“, entgegnete Rule grimmig. „Cullen kam vor ein paar Wochen zu mir. Ihm war etwas Merkwürdiges an den Energien aufgefallen, mit denen er arbeitet – Turbulenzen nannte er es. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen. Das heißt, ich kann es auch gar nicht, weil ich nur die Hälfte von dem, was er sagte, verstanden habe. Aber im Wesentlichen vermutet er, dass ein Konflikt zwischen Mächten in anderen Welten hierher reflektiert wird und die Nokolai irgendwie in diese Sache verwickelt sind – oder unsere Feinde, was auf dasselbe hinausläuft.“

Benedict schüttelte den Kopf. „Dafür gibt es nicht genug Berührungspunkte zwischen den Welten. Nicht mehr.“

„Das haben wir immer geglaubt. Aber es kursieren Gerüchte darüber, dass Wesen gesichtet wurden, die eigentlich nicht hier erscheinen dürften – eine Todesfee in Texas, ein Greif in Wales.“

„Alles nur Gerüchte“, sagte Benedict verächtlich.

„Ich weiß, ich weiß, Gerüchte beweisen gar nichts. Aber Cullen kam zu mir, weil … Verdammt! Fast hätte ich vergessen, dir das zu sagen.“ Rule atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Das Laufen hatte ihm nur kurzfristig geholfen. Die innere Unruhe war wieder da und wurde sogar noch schlimmer. Er hatte ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch. „Als Dank für die Warnung hat Vater Cullen für einen Monat die Unterstützung und den Schutz des Clans angeboten. Ich bezweifle, dass er auftaucht, aber wenn …“

„Ich werde mich um ihn kümmern. Aber fahr fort!“

„Also gut.“ Rule musste sich zwingen weiterzugehen. Er hatte das Gefühl, die falsche Richtung eingeschlagen zu haben. Sie waren zum Clangut unterwegs, und er wollte … er musste … „Cullen kam zu mir, nachdem ein verängstigter Elementargeist in der Flamme aufgetaucht war, aus der er wahrsagen wollte.“

Benedict lachte spöttisch. „So ist es doch auch gedacht, oder? In der Flamme – oder im Wasser oder was immer verwendet wird – zeigt einem der Elementargeist Bilder. Meistens Lügen oder nutzloses Zeug. Elementarwesen sind zu einfach gestrickt, um komplexe Gedanken oder Gefühle zu übermitteln.“

„Normalerweise schon. Aber es war ein sehr alter, sehr großer Elementargeist. Und laut Cullen war er nicht von dieser Welt.“

„Du hast recht“, sagte Benedict nach einer Weile. „Das ist wirklich Besorgnis erregend.“

Rule wurde schwindelig, als bekäme er nicht genug Luft. Er blieb stehen. „Gestern hat Cullen die Würfel befragt. Ich habe sie danach gesehen, Benedict. Schlangenaugen überall, auf allen Seiten der Würfel!“

Benedict fluchte nie, doch sein Gesicht sprach Bände. „So ganz kaufe ich ihm die Geschichte nicht ab, aber wenn auch nur die Hälfte stimmt … Was ist los?“

„Ich kann nicht …“ Atmen, wollte er sagen. „Ich muss zurück.“ Rule machte auf dem Absatz kehrt – und geriet so heftig ins Wanken, dass er gestürzt wäre, wenn Benedict ihn nicht festgehalten hätte. „Es geht nicht anders.“ Er setzte sich in Bewegung. Ja, so war es gut – das war die richtige Richtung. Der Schwindel verflog, aber seine Beunruhigung wuchs. Er beschleunigte das Tempo und rannte immer schneller, und Benedict lief lautlos neben ihm her.

Er muss mich für verrückt halten, und da liegt er auch gar nicht so falsch, dachte Rule, doch er blieb nicht stehen, um Erklärungen abzugeben. Als er Sekunden später seinen Wagen erreichte, stemmte er die Hände auf die Oberschenkel und schnappte keuchend nach Luft.

Ein kurzer Sprint hätte seinen Puls eigentlich nicht so beschleunigen und ihn schon gar nicht derart atemlos machen dürfen. Verdammt, verdammt, verdammt …

Benedict sah ihn finster an. „Du sagst mir jetzt sofort, was los ist! Auf der Stelle!“

„Es tut mir leid.“ Rule richtete sich wieder auf. Er musste Lily anrufen, um die Verabredung zu verschieben, aber vor allem, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Wenn sie gerade am Steuer ihres Wagens gesessen hatte … „Ich kann nicht mit aufs Clangut. Du musst Jasper herbringen. Nein, vielleicht sollte er lieber in meine Wohnung in der Stadt kommen. Wir müssen uns überlegen, wie wir das alles umorganisieren.“

„Was redest du da?“

„Ich war mir bis gerade eben noch nicht sicher, aber … anscheinend hat die Dame jemanden für mich ausgewählt.“

Benedict riss die Augen auf. „Wen?“

Rule atmete noch einmal tief durch, während sich sein Puls allmählich wieder normalisierte. „Die Polizeibeamtin, die den Mord untersucht, den ich angeblich begangen habe.“

„Himmel, Arsch und Zwirn!“, sagte der Mann, der niemals fluchte.

 
 

8

Das Viertel, in dem Carlos Fuentes erschossen worden war, wirkte tagsüber genauso schäbig wie nachts, aber Lily fiel auf, dass die Straßen in ummittelbarer Nähe des Hell einen winzigen Tick besser aussahen als der Rest.

Die meisten Geschäfte hatten zwar Gitterstäbe vor den Fenstern, aber immerhin waren sie geöffnet, und die Häuser standen nicht leer. Auf den Gehsteigen waren die üblichen Horden finster dreinblickender junger Männer anzutreffen, aber auch Frauen waren auf der Straße zu sehen, und nicht nur die Prostituierten. Vor Lily gingen zwei alte Frauen, die den Jungmännern böse Blicke zuwarfen und in schnellem Spanisch aufeinander einredeten.

Diesmal waren Lilys Schritte leise, denn sie trug keine Pumps. Aber auch nicht diese hässlichen Polizeischuhe. Normale Laufschuhe waren einer der großen Vorteile, wenn man im Dienst keine Uniform mehr tragen musste.

Darüber war sie sehr froh, denn sie war irgendwie unruhig, nervös. Als hätte sie schon bald Grund loszurennen. „Haben Sie ihre Akte angefordert?“, fragte sie.

„Es gibt keine Akte.“ Officer Larry Phillips schlenderte neben ihr her. „Vielleicht hat das Jugendgericht etwas, aber wenn, dann ist es unter Verschluss. Sie war eine ganze Weile auf der Straße, aber nicht als Erwachsene. Laut Ausweis ist sie gerade neunzehn geworden.“ Er schnaubte. „Gonzales meint, sie sei sauber.“

„Mmm.“ Theoretisch war es möglich, dass eine Prostituierte aus diesem Viertel ohne Drogen auskam. Aber sehr wahrscheinlich war das nicht. „Gut, dass Sie sie gefunden haben.“

Er zuckte mit den Schultern. „Eine besonders vertrauenswürdige Zeugin ist sie nicht, aber wen außer ihr hätte ich sonst nehmen sollen? Hier treiben sich nachts doch nur Zuhälter, Huren, Dealer und Drogensüchtige herum.“

„Sie haben die Schlägerbanden vergessen.“ Lilys innere Unruhe wuchs. Sie fühlte sich getrieben, als müsse sie irgendwohin, und zwar schnell. Was war nur mit ihr los? Sie wusste, dass sie keine übersinnlichen Fähigkeiten besaß, also konnte es keine Vorahnung oder sonst ein psychischer Mist sein.

„Die Banden halten sich neuerdings von hier fern. Es ist das letzte Haus dort“, sagte Phillips und wies auf ein heruntergekommenes Backsteingebäude am westlichen Ende der Straße. „Dritter Stock. Sie scheinen ja ziemlich erfreut darüber zu sein. Aber entlastet ihre Geschichte nicht den Hauptverdächtigen?“

„Sie deckt sich mit anderen Zeugenaussagen. Fuentes soll gegen halb neun eine Kirche in La Mesa verlassen haben.“

„Von dort hat er höchstens dreißig Minuten bis hierher gebraucht. Was hat er sonst noch bis zehn vor zehn gemacht?“

„Das wissen wir noch nicht.“ Lily ging ein paar Schritte, bevor sie fortfuhr. „Sagen Sie, Phillips, Sie kennen sich doch mit Lupi aus. Warum sollte sich ein Lupus verwandeln, um zu töten?“

„Keine Ahnung.“ Er klang überrascht. „Vielleicht hat er es instinktiv getan. Fuentes hatte eine Waffe.“

„Nach allem, was Sie mir gesagt haben und was ich gelesen habe, stellt eine Zweiundzwanziger keine große Bedrohung für einen Lupus dar.“

„Wenn er getroffen worden wäre, hätte ihn die Schusswunde verraten. Verletzungen heilen bei ihnen zwar schnell, aber nicht so schnell, dass Sie sie nicht entdeckt hätten, als Sie in den Club gegangen sind.“

„Aber ich wäre doch gar nicht in den Club gegangen, wenn nicht alles darauf hingedeutet hätte, dass ein Lupus für den Mord verantwortlich ist. Es ist so, als habe er ein großes Hinweisschild für uns aufgestellt!“

„Vielleicht hatte er einfach nur Bock, seine Zähne in Fuentes’ Hals zu schlagen. Zum Teufel, es können alle möglichen Gründe eine Rolle gespielt haben, auf die kein Mensch kommt!“

„Ja, mag sein.“ Vielleicht versuchte aber auch jemand, sie auf die falsche Fährte zu locken. Warum hatte der Mörder sich in einen Wolf verwandelt, bevor er Fuentes angriff? Hatte er es bewusst getan oder instinktiv? Die Instinkt-Theorie hatte nur dann Bestand, wenn bei der Begegnung von Opfer und Täter irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen war, das sich ihrer Kenntnis entzog. Keiner der anderen Lupi war von seinem Instinkt dazu getrieben worden, sich zu verwandeln und zu töten, jedenfalls nicht in den vergangenen elf Monaten.

Den Mord in Wolfsgestalt zu begehen war hingegen eine Notwendigkeit, wenn der Täter gewollt hatte, dass die Lupi für die Tat verantwortlich gemacht wurden. Ein bestimmter Lupus, besser gesagt.

Der, den sie mittags sehen würde.

Sie verspürte einen merkwürdigen kleinen Krampf in der Magengegend und hatte das Gefühl, ganz leer zu sein. Sie rieb sich geistesabwesend den Bauch. Hatte sie eigentlich gefrühstückt?

„Hier?“, fragte sie, als sie vor dem renovierungsbedürftigen Backsteingebäude an der Straßenecke ankamen.

„Ja.“ Phillips griff ihr über die Schulter und drückte die Haustür auf. Der Eingangsflur war sehr klein und schmutzig. Lily ging vor ihrem Kollegen die Treppe hoch. „Sie haben vorhin gesagt, dass die Banden sich neuerdings von hier fernhalten. Was hat das zu bedeuten?“

„Das liegt an den Wölfen“, erklärte Phillips widerstrebend. „Gerüchten zufolge sollen sie ein paar Bandenchefs tüchtig Angst eingejagt haben, damit sie die Clubgäste in Ruhe lassen. Oder der seltsame kleine Kerl, dem der Club gehört, hat sie verschreckt. Wie dem auch sei, von denen lässt sich hier jedenfalls … Na so was! Was ist denn mit Ihnen los?“

Lily war stehen geblieben und hielt sich am Treppengeländer fest. Um ein Haar wäre sie rückwärts die Stufen hinuntergestürzt. „Ich … einen Moment bitte.“ Doch der Schwindel, der sie urplötzlich überkommen hatte, ließ nicht nach. Er schien ihr regelrecht die Luft aus der Lunge zu pressen.

„Sie sehen aber gar nicht gut aus!“

„Mir ist schwindelig.“ Sie fasste sich an die Brust, als bekäme sie so mehr Luft. Und dann, Atemzug für Atemzug, ließ der Schwindel allmählich wieder nach. Als er verflogen war, kam sie sich ziemlich dumm vor. „Du meine Güte! Ich weiß nicht, was das war, aber …“ Sie bemerkte Phillips’ Gesichtsausdruck. „Ich bin nicht auf Droge!“, fuhr sie auf.

„Sie sind ein bisschen zu jung für einen Herzinfarkt. Niedriger Blutzucker?“ Er klang so skeptisch, wie nur ein Cop klingen kann.

„Vielleicht. Ich habe noch nicht gefrühstückt.“ Das war allerdings noch nie ein Problem gewesen. Sie dachte an ihren Judounfall am Vorabend und runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sie doch etwas Ernsteres abbekommen. „Aber egal. Jetzt geht es mir wieder gut, und wir müssen eine Zeugin befragen.“

Das Ein-Zimmer-Apartment der Zeugin war winzig klein und vollgestopft mit Puppen.

Babypuppen, Barbies und Puppen mit Porzellanköpfen, Spitzenkleidchen und glänzendem, perfekt frisiertem Haar. Sie füllten zwei Bücherschränke, saßen in allen Ecken, auf dem Beistelltisch und auf den Kissen des großen Doppelbetts. Und alle waren blond.

Außer den Puppen beherbergte das Zimmer einen alten Kühlschrank, einen Herd mit zwei Kochplatten, eine Schubladenkommode und ein durchgesessenes blaues Zweiersofa, das Therese Martin ihnen zum Sitzen anbot. Sie selbst saß auf dem Bett, eine magere kleine Gestalt in einem übergroßen blauen T-Shirt mit nichts darunter – Hose und BH trug sie jedenfalls nicht. Ob auch der Slip fehlte, war schwer zu sagen.

Therese hatte glänzendes blondes Haar wie ihre Puppen; die Farbe war allerdings das Verdienst der Schönheitsindustrie. Dass sie volljährig war, hätte Lily niemals geglaubt, wenn Phillips nicht geschworen hätte, dass die Angaben in ihrem Ausweis stimmten. „Eigentlich müsste ich jetzt schlafen, wissen Sie“, sagte Therese und sah sie feindselig an. „Für mich ist es mitten in der Nacht.“

„Ich weiß Ihre Bereitschaft, uns zu helfen, sehr zu schätzen.“ Lily nahm das Foto von Carlos Fuentes aus ihrer Tasche.

„Ich weiß nicht, was Sie hier wollen. Ich habe ihm doch schon alles gesagt.“ Sie wies mit dem Kinn in Phillips’ Richtung.

„Er hatte kein Foto dabei.“ Lily machte sich keine Illusionen, was die Mädchen und Frauen betraf, die auf den Strich gingen. Prostitution war ein schmutziges Geschäft, ein Überlebenskampf, der sich um Benutzen und Benutztwerden drehte. Da war nicht viel Raum für moralische Prinzipien und Wertvorstellungen. Aber diese Puppen … Das Mitgefühl schnürte Lily die Kehle zu, und sie musste sich räuspern. „Ist das der Mann, mit dem Sie gestern Abend gesprochen haben?“

Therese nahm das Foto, das Lily ihr hinhielt, warf einen prüfenden Blick darauf und gab es ihr wieder zurück. „Ja, das ist er.“

„Officer Phillips sagte, Sie kannten ihn.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht mit Namen. Ich habe ihn nur öfter hier gesehen. In meiner Branche ist es ganz gut, wenn man sich Gesichter merken kann.“

„Verstehe. Um welche Zeit haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Das habe ich ihm doch schon gesagt. Oh, na schön. Ich zeige es Ihnen.“

Sie stieg aus dem Bett, wodurch die Frage nach der Unterhose beantwortet wurde – sie trug keine –, und holte ihr Handy, das eine der Puppen auf dem Beistelltisch im Schoß liegen hatte, drückte eine Taste und gab es Lily. „Sehen Sie? Die Liste der eingegangenen Anrufe. Als ich gestern Abend unterwegs zu meinem Stammplatz war, rief Lisa an. Ich hatte noch nicht angefangen zu arbeiten, und wir haben uns unterhalten. Und da habe ich gesehen, wie dieser Typ am Spielplatz anhielt.“

Lily schaute auf das Display, das in der Tat anzeigte, dass am Vorabend um 21:49 Uhr ein Anruf eingegangen war. Sie notierte sich die Nummer. „Sie sagen, er hat dort angehalten. War er allein?“

„Ja.“

„Was für ein Auto war es?“ Sie hatten Fuentes’ Wagen am Rand des Spielplatzes gefunden, einen großen dunkelblauen Ford, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte.

„Keine Ahnung. Eine große, hässliche Kiste. Vier Türen. Dunkle Farbe.“ Therese setzte sich wieder aufs Bett und ließ die Beine baumeln. „Jedenfalls habe ich ihn eine Weile beobachtet, während ich mit Lisa sprach. Sie können sie danach fragen, ich habe mit ihr über ihn gesprochen. Dann dachte ich, ich könnte es ja mal bei ihm versuchen. Also habe ich Lisa tschüs gesagt und bin zu ihm gegangen, um ihn zu fragen, ob er – Sie wissen schon – einsam ist oder so.“

„Dann ist er also kurz nach 21:49 Uhr am Spielplatz eingetroffen.“ Was bedeutete, dass er noch lebte, als sieben Zeugen Turner in den Club hatten kommen sehen.

Therese verdrehte die Augen. „Habe ich doch gesagt!“

„Haben Sie lange mit ihm gesprochen?“

„So gut wie gar nicht.“ Sie verzog das Gesicht. „Er wollte nicht, und ich muss mir doch meinen Lebensunterhalt verdienen, nicht wahr? Ich bin dann Richtung Proctor gegangen – da ist mein Stammplatz.“

„Haben Sie gesehen, ob er sich mit jemandem getroffen hat?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„War sonst irgendjemand in der Nähe?“

„Kann sein, dass vor dem Club ein paar Leute aus dem Auto gestiegen sind.“ Sie verzog nachdenklich das Gesicht. „Ja, ich glaube, ich erinnere mich wieder. Sie haben das Auto auf dem Parkplatz abgestellt.“

„Sie? Wie viele waren es denn?“

„Keine Ahnung. Es waren Frauen, also habe ich nicht so genau hingeguckt, verstehen Sie? Bis ich auf die Proctor kam, habe ich sonst niemanden gesehen.“

„In Ordnung. Und wie ist es mit diesem Mann?“ Lily holte ein Foto von Turner hervor. „Haben Sie den gestern Abend auch gesehen?“

„Gestern Abend nicht, aber ab und zu ist er mir hier schon über den Weg gelaufen. Einmal habe ich mit ihm gesprochen.“ Sie seufzte. „Nur gesprochen, mehr nicht. Männer wie er, die bezahlen nicht dafür. Aber er ist okay. Er behandelt einen wenigstens mit Respekt.“

„Und diesen Mann?“ Nun hielt Lily ihr ein Foto von Cullen Seabourne hin.

Therese leckte sich die Lippen und wirkte für einen Augenblick geradezu gierig. „Natürlich habe ich den schon mal gesehen. Er tanzt im Club, wissen Sie? Er zieht sich nackt aus. Genau wie ich.“ Sie kicherte. „Ich habe ihm irgendwann mal gesagt, dass er und ich sozusagen den gleichen Job haben, nur dass bei mir auch Hand angelegt wird. Da hat er gelacht.“

„Haben Sie ihn gestern Abend gesehen?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, wen ich gesehen habe – den Typen, den Sie mir zuerst gezeigt haben, und ein paar Frauen. Das war’s.“

„Eine Sache noch, Ms. Martin. Haben Sie mit irgendjemandem darüber gesprochen, dass Sie diesen Mann am Spielplatz gesehen haben?“

Sie schnaubte. „Um Himmels willen, nein! Glauben Sie, ich bin blöd? Wenn man hier in der Gegend zu geschwätzig ist, bekommt man Ärger.“

„Sehr gut. Dann halten Sie auch weiter dicht! Und was ist mit Ihrer Freundin, die Sie angerufen hat? Haben Sie ihr Genaueres über ihn erzählt?“

„Ich habe nur gesagt, dass ich vielleicht einen Kunden habe, dann habe ich aufgelegt. Mehr weiß sie nicht.“

Lily erhob sich. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Officer Phillips wird Ihnen Ihre Aussage zum Unterschreiben vorbeibringen, damit Sie nicht auf die Wache kommen müssen. Sie wollen bestimmt nicht, dass jemand erfährt, dass Sie mit uns gesprochen haben, und ich will es auch nicht.“

Bevor Lily ging, wies sie Phillips an, mit Thereses Freundin zu sprechen, sich das Telefonat bestätigen zu lassen und sich zu vergewissern, dass sie wirklich nichts wusste.

Im Treppenhaus schaute sie auf ihre Uhr. Fünf nach zwölf. Sie musste sich also nicht beeilen, um pünktlich im Bishop’s zu sein. Sie freute sich schon auf Turners Gesicht, wenn er …

Ihr Handy klingelte, und sie zog es aus der Tasche. „Detective Yu.“

„Hier ist Rule.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und sie verfluchte sich dafür. „Ja?“, entgegnete sie barsch.

„Ich bedaure zutiefst, aber ich kann mich nicht mit Ihnen zum Lunch treffen. Ich habe eine wichtige Angelegenheit für den Clan zu regeln. Können wir uns gegen halb drei treffen?“

„Ich habe um drei eine Verabredung.“ Lily verließ das Haus und trat auf den Gehsteig. Nein, nein, nein, sie war nicht enttäuscht.

„Wie wäre es dann mit Abendessen?“

„Wie wäre es mit halb fünf? Wir müssen ja nicht unbedingt essen, während Sie mir etwas über Lupi erzählen.“

„Sagen Sie doch ja! Irgendwann müssen wir schließlich beide etwas essen. Sie können mir Fragen über Lupi stellen, die relevant für Ihre Ermittlungen sind, und ich kann dabei versuchen, Sie noch mal ein bisschen anzumachen.“

Lily musste lachen. Oh ja, er war wirklich gefährlich. „Das ist kein privates Treffen!“

„Es steht Ihnen frei, das so zu sehen.“ Er zögerte. „Es besteht unter Umständen die Möglichkeit, dass ich Ihnen Zugang zum Clangut verschaffen kann, falls Sie Interesse haben. Es wären allerdings ein paar Bedingungen daran geknüpft.“

„Ich habe Interesse.“ Die meisten Leute hatten jahrelang geglaubt, bei der Enklave der Nokolai vor der Stadt handele es sich um das Anwesen einer verrückten, pseudoreligiösen Gemeinschaft, die keine Außenstehenden auf ihr Gelände ließ. Nach der Entscheidung des Obersten Bundesgerichts hatte sich der Clan zwar geoutet, war Fremden gegenüber aber immer noch sehr abweisend – und das Clangut lag eben außerhalb der Stadtgrenzen. Ohne Durchsuchungsbefehl hatte ein städtischer Cop so gut wie keine Chance, auch nur einen Fuß in ihr Revier zu setzen.

„Dann sprechen wir beim Abendessen darüber.“

„Einverstanden. Aber ich arbeite lange. Ist halb neun okay?“

„Dum alius hora, delicia.“

„Was soll das denn heißen?“

Er kicherte. „Warum so misstrauisch? Halb neun passt mir gut.“

„Im Bishop’s“, rief sie ihm in Erinnerung.

„Im Bishop’s. Bleiben Sie sauber!“, sagte er und beendete das Gespräch.

Bleiben Sie sauber? Lily sah stirnrunzelnd ihr Handy an. Einer ihrer Lehrer an der Polizeischule hatte jede Stunde mit diesem Satz beendet, aber aus dem Mund eines Zivilisten hatte sie ihn noch nie gehört. Es gab auch eine Krimiserie, in der er öfter fiel … Wie hieß sie noch? Vielleicht war Turner ja ein Fan davon.

Bei der Vorstellung, dass ein Lupusprinz begeistert eine Krimiserie im Fernsehen verfolgte, musste sie grinsen. Das reicht!, ermahnte sie sich, als sie zu ihrem Auto ging. Sie musste sich jetzt mit einem anderen Mann beschäftigen: mit Carlos Fuentes. Er war kurz nach 21:49 Uhr am Spielplatz eingetroffen. Aber was hatte er da gewollt? Mit wem hatte er sich getroffen? Und was hatte er wirklich von der Affäre seiner Frau gehalten?

Einer der Letzten, die mit Fuentes vor seinem Tod gesprochen hatten, war der Most Reverend Patrick Harlowe. Also fuhr Lily als Nächstes zur Kirche der Glaubenstreuen. Sie nahm sich vor, unterwegs eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen.

„Was soll das heißen, er kann nicht mit mir sprechen?“

Der rundliche kleine Mann war bestürzt. „Das habe ich so nicht gesagt. Nein, nein, der Hochwürdigste wird ganz gewiss mit Ihnen reden, Detective, aber er ist gerade nicht da. Er musste zu unserem Mutterhaus in Los Angeles, aber morgen müsste er eigentlich wieder zurück sein.“ Er lächelte Lily hoffnungsvoll an.

„Morgen.“ Lily runzelte die Stirn. Wann würde Turner sie auf das Clangut mitnehmen? Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie dort vielleicht ein paar Antworten auf ihre Fragen fand. Die ganze Sache sah für sie allmählich nach einer Lupi-gegen-Lupi-Intrige aus, auch wenn das Opfer ein Mensch war. „Um wie viel Uhr?“

„Gegen Abend, denke ich. Pater Hidalgo wird den Morgengottesdienst abhalten.“

„Sie haben zwei Pater?“

„Zwei Geistliche“, berichtigte er sie. „Wir haben Pater in unserer Kirche, Reverends, den Most Reverend und Seine Heiligkeit, der gewissermaßen unser Papst ist.“ Er strahlte Lily an. „Er ist normalerweise in England, aber zurzeit besucht er unser neues Mutterhaus. Deshalb musste der Hochwürdigste auch nach L. A.“

„Für eine neue Religionsgemeinschaft verfügen Sie schon über eine stattliche Hierarchie.“ Und waren etwa alle Geistlichen männlich? Bei einer Religion, in deren Mittelpunkt eine weibliche Gottheit stand, mutete das reichlich seltsam an.

„Nein, nein, so neu ist unsere Kirche gar nicht. Nun ja, in Amerika schon, aber die Glaubensrichtung gibt es schon lange, sehr lange. Sie nahm ihren Anfang in Ägypten, im Jahr … Oje, ich habe ein schlechtes Zahlengedächtnis. War es in der Zweiten Dynastie? Im Mittelalter wurden wir erbarmungslos verfolgt.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir mussten im Verborgenen leben. Deshalb hat man lange nichts von uns gehört, aber unsere Riten gingen nicht verloren. Nicht vollständig. Viele kann man Tausende Jahre zurückverfolgen.“

Je bekloppter eine Sekte war, dachte Lily, desto mehr pochte sie auf ihre vermeintlich alten Wurzeln. Und um einer Glaubensrichtung zu einem gewissen Ansehen zu verhelfen, gab es nichts Besseres als eine hübsche kleine Verfolgung – vorzugsweise in grauer Vorzeit. „Sie kennen sich ja ziemlich gut aus. Vielleicht können Sie mir ein paar Fragen beantworten.“

Sein Lächeln schwand. „Ich wüsste nicht, was ich Ihnen sagen könnte. Ich kannte Carlos zwar, aber nicht besonders gut.“

„Sie haben Donnerstagabend mit ihm gesprochen.“

„Aber nur kurz“, entgegnete er widerstrebend. „Das habe ich Ihrem Kollegen schon gesagt.“

„Es gibt nur ein paar Dinge, die ich mir noch mal bestätigen lassen möchte, und ich brauche mehr Hintergrundinformationen.“ Sie schenkte ihm ein um Verständnis bittendes Lächeln. „Sie wissen doch, wie das ist. Ich muss in der Lage sein, meinem Vorgesetzten sämtliche Fragen zu beantworten, die ihm in den Sinn kommen.“

Er nickte zögernd. „Ich denke, wir können uns ins Sekretariat zurückziehen.“

Der Raum, in dem sie standen, war offenbar das Kirchenschiff, auch wenn er immer noch wie die Schalterhalle einer Bank aussah, nur mit Sitzbänken. „Sie haben kein eigenes Büro?“

„Oh nein!“ Er schüttelte den Kopf und ging lächelnd auf die rückwärtige Tür des Raumes zu. „Ich bin nur ein Laienbruder. Ich bin Zimmermann … das war ich jedenfalls. Ich bin jetzt in Rente, wissen Sie, also helfe ich hier aus, aber ich habe kein offizielles Amt inne.“

„Haben Sie bei den Umbauarbeiten geholfen?“

„Oh ja, das habe ich.“ Er strahlte.

„Das war mal eine Bank, nicht wahr?“

„Das ist richtig.“ Er sah sich mit Besitzerstolz um. „Das Gebäude wurde 1932 gebaut, stand aber jahrelang leer. Wir sind sehr stolz auf unser Werk. Der Bau war in einem furchtbaren Zustand; wahrhaftig, in einem furchtbaren Zustand.“

„Mmm.“ Es kostete eine Menge Geld, ein altes Gebäude instand zu setzen. Dieses war zwar nicht besonders groß für eine Bank, aber trotz allem ein seltsamer Ort für eine Kirche. An Geldmangel litt die Kirche der Glaubenstreuen jedenfalls ganz offensichtlich nicht.

Wie sich herausstellte, konnte ihr der rundliche Laienbruder und pensionierte Zimmermann tatsächlich nicht viel sagen. Er bestätigte, dass Fuentes – er hatte ihn kommen sehen – Donnerstagabend in der Kirche gewesen war, jedoch nicht wegen der Chorprobe. Er hatte den Hochwürdigsten um ein vertrauliches Gespräch gebeten.

Morgen, nahm Lily sich vor, als sie ihr Auto aufschloss, würde sie mit dem Most Reverend Patrick Harlowe sprechen. Aber heute Abend … ihre Mundwinkel gingen nach oben. Heute Abend war sie mit Rule Turner zum Abendessen verabredet. Sie freute sich schon darauf, sein Gesicht zu sehen, wenn er ins Bishop’s kam.

 
 

9

Rule war noch keine zehn Sekunden in dem Lokal, da wusste er bereits, dass Lily ihm einen Streich gespielt hatte.

Das Bishop’s war eher eine Bar als ein Restaurant und hatte den Charme eines Umkleideraums. Fotos in billigen Plastikrahmen hingen an den im Stil der Siebzigerjahre verkleideten Wänden. Die hölzernen Tische und Stühle, die sich in Nischen in dem schmalen Raum aneinanderreihten, sahen aus, als hätten sie schon ein paar Kriege hinter sich und würden den nächsten auch noch überstehen. Es roch nach gebratenem Fisch, Hamburgern und Feindseligkeit.

Als Rule in den hinteren Teil des Lokals ging, verstummten die Leute und drehten sich nach ihm um. Beobachtet zu werden war nichts Neues für ihn, aber die ausdruckslosen, kalten Blicke, die ihn verfolgten, entsprachen nicht der Reaktion, die er normalerweise hervorrief.

Das Bishop’s war ein Polizistentreff.

Lily Yu saß in der vorletzten Nische auf der linken Seite. Sie trug eine hellgelbe Jacke mit einem schwarzen T-Shirt darunter und eine schwarze Hose. Unter der Jacke war, wie er wusste, ein Schulterholster verborgen. Kein Schmuck. Das Haar – schulterlang, glänzend und so schwarz wie die Innenseite seiner Augenlider in einer mondlosen Nacht – trug sie offen.

Er wäre am liebsten mit der Hand hindurchgefahren, hätte seine Nase unter dem glänzenden Vorhang an ihren Hals geschmiegt und ihren Duft aufgesaugt.

Keine Chance! Doch das hielt sein Herz nicht davon ab, heftig zu klopfen, als er sich auf den Platz ihr gegenüber setzte. Er spürte das Kribbeln in seinen Fingerspitzen, das Bedürfnis, sie zu berühren. Er lächelte verschmitzt. „Vielleicht sollte ich mich doch lieber benehmen. Hier sind zu viele Waffen.“

Das vergnügte Funkeln in ihren Augen, dieses flüchtige Zeichen von Humor, das er zuvor schon einmal bemerkt hatte, gab ihm Hoffnung. Und die konnte er auch gebrauchen!

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte sie.

„Waffenöl hat einen unverwechselbaren Geruch.“

Sie nickte. „Komisches Gefühl, dass Sie die ganze Zeit Informationen aufnehmen, die mir verschlossen sind. Wie empfindlich ist Ihr Geruchssinn eigentlich, wenn Sie … äh, wenn Sie so sind wie jetzt?“

„Längst nicht so ausgeprägt, als wenn ich auf vier Beinen bin. Dann hat die Luft Gewicht und Konsistenz, und die Gerüche sind beinahe greifbar für mich, als ginge ich durch einen wogenden Vorhang.“

„Das fehlt Ihnen.“

„Ja. Es ist schon eine Weile her.“

Das Bishop’s gehörte zu den Lokalen, in denen das Besteck in kleine, dünne Papierservietten eingewickelt wurde. Lily wickelte ihres aus, wobei sie dieser Tätigkeit viel mehr Aufmerksamkeit widmete als nötig. „Ich habe gehört, dass Lupi sich in bestimmten Zeitabständen verwandeln müssen. Dass sie es nur eine gewisse Zeit hinausschieben können, und der Vollmond … verdammt.“

Die junge Frau, die an ihren Tisch gekommen war, trug Baggy-Jeans, die ihr auf den Hüftknochen hingen und alle Blicke auf ihr Bauchnabelpiercing lenkten. Ihr Haar war kurz, ihr T-Shirt ebenfalls. Ihre Brustwarzen waren hart. Sie hielt einen Block in der Hand und roch erregt – und zugleich ängstlich. „Ich bin Sharon“, sagte sie etwas atemlos. „Was darf ich Ihnen bringen?“

Rule setzte automatisch ein freundliches Lächeln auf. „Einen doppelten Hamburger, blutig und ohne alles, bitte. Ist der Kaffee hier gut?“

„Ganz okay. Ich mache frischen“, versprach die Kellnerin.

„Vielen Dank. Lily?“ Er sah sie fragend an.

„‚Detective Yu, wollten Sie wohl sagen.“ Sie sah die Kellnerin an. „Ich nehme auch einen Hamburger, aber einen einfachen, schön durch und mit extra viel saurer Gurke. Ganz viel, bitte! Und einen Kaffee mit Milch.“

„Alles klar. Bin gleich wieder da.“ Sharon starrte Rule noch einen Augenblick an, bevor sie mit einem leisen Seufzen davoneilte.

„Fühlen Sie sich jetzt wohler hier?“, fragte Lily trocken.

„So wohl, wie man sich als Mann nur fühlen kann, wenn man mit einer schönen Frau zu Abend isst – unter den wachsamen Augen ihrer großen Brüder.“

Sie kicherte. „Hier tropft das Testosteron regelrecht von den Wänden, nicht wahr? Aber Sie stammen aus einer von Männern beherrschten Kultur. Das müsste Ihnen doch ganz normal vorkommen.“

„Lupi sind Männer, das schon. Aber unsere Kultur ist nicht männerverherrlichend. Wir schätzen Frauen sehr.“

„Komisch, das sagen auch die Männer, die ihre Frauen unter eine Burka stecken.“

„Aber so ist es nicht!“ Er musterte sie einen Moment lang. Irgendetwas war an diesem Abend anders an ihr. Sie wirkte entspannter. Genau wie er es sich wünschte, aber er hatte eigentlich erwartet, einiges dafür tun zu müssen. „Es muss schwierig für Sie gewesen sein, in einem Bereich Karriere zu machen, wo … äh … das Testosteron nur so von den Wänden tropft. Sie mussten sich bestimmt immer und immer wieder beweisen.“

„Die Jungs wollen einfach wissen, ob sie sich auf einen verlassen können, das ist alles. Aber wissen Sie, was man tun muss, um wirklich dazuzugehören? Man muss sich prügeln!“ Sie schüttelte amüsiert den Kopf. „Eine ordentliche Schlägerei, und man wird akzeptiert.“

Er stutzte. „Sie haben sich geprügelt? Mann gegen Mann sozusagen?“

„Das lässt sich nicht immer vermeiden, obwohl ich … Sie gucken ja so komisch!“

Sie war so klein und zierlich. Sie mochte zwar zäh und körperlich fit sein, aber gegen neun von zehn Männern hatte sie keine Chance. „Ich habe einen starken Beschützerinstinkt. Wie alle Lupi. Und das Göttliche ist bei uns ausschließlich weiblich besetzt.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Die Große Mutter meinen Sie?“

„So ungefähr.“

„Aber die braucht vermutlich gar keine großen starken Männer, die sie beschützen.“

Er grinste. „Da könnten Sie recht haben.“

„Ich habe kürzlich mit anderen Leuten gesprochen, die eine weibliche Gottheit verehren. Anscheinend ist ihr Name so heilig, dass er nur von Geistlichen ausgesprochen werden darf, die sich ihr verschrieben haben.“

„Hat das etwas mit Ihren Ermittlungen zu tun?“

Lily überging die Frage. „Die offizielle Bezeichnung ist Kirche der Glaubenstreuen, aber sie nennen sich auch Azá. Das stammt angeblich aus irgendeiner alten Sprache, Babylonisch oder so. Haben Sie schon mal etwas von ihnen gehört?“

„Kann ich nicht gerade behaupten.“ Er legte sich seine Serviette auf den Schoß. „Sie haben gesagt, Sie sind daran interessiert, sich das Clangut anzusehen.“

„Das bin ich.“

„Morgen findet eine Zeremonie statt, an der ich teilnehmen muss. Ich glaube, ich kann es arrangieren, dass Sie mich begleiten dürfen.“ Sie musste natürlich mitkommen. Zumindest musste sie in der Nähe des Clanguts sein, sonst konnte er sich auch nicht dort aufhalten.

„Sie sind doch der Thronfolger, der Kronprinz. Was müssen Sie da groß arrangieren?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe eine hohe Stellung, und das ist selbstverständlich von Bedeutung. Aber ich habe keine Weisungsbefugnis. Die liegt allein bei dem Rho.“

„Bei Ihrem Vater.“

„Ja. Können Sie mir versprechen, alles für sich zu behalten, was Sie beobachten und was nicht direkt mit Ihrem Fall in Zusammenhang steht?“

„Ich habe noch nie gehört, dass ein Außenstehender einer Lupus-Zeremonie beiwohnen durfte, geschweige denn, dazu eingeladen wurde. Warum ausgerechnet ich?“

Rule sagte ihr die Wahrheit – jedoch längst nicht die ganze. „Ich will, dass Sie mir vertrauen.“

Während Lily überlegte, tippte sie mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. Zu Spontaneität neigte seine nadia nicht gerade, stellte Rule fest. Schließlich nickte sie. „Also gut. Ich verspreche es. Um wie viel Uhr?“

„Ich hole Sie um elf ab.“

„Nein, ich hole Sie ab. Wo finde ich Sie?“

„Ich fahre lieber selbst.“

„Ich auch.“

Warum überraschte ihn das nicht? „Man bekommt nicht immer, was man will, nicht wahr? Sie können … Ah, danke!“ Die Kellnerin war mit Kaffee und Wasser gekommen. Sie hatte sich mit einem moschusartigen Duft besprüht. Die jahrelange Übung verhinderte jedoch, dass Rule voller Abscheu die Nase rümpfte. „Sharon, ich glaube, Sie haben die Milch für meine Begleiterin vergessen.“

Sie stutzte. „Oh. Ja, natürlich.“ Sie holte aus der Tasche an ihrem Oberschenkel zwei kleine Tütchen hervor, deren Inhalt noch nie eine Kuh von Nahem gesehen hatte. „Hier. Komme gleich mit den Burgern wieder“, sagte sie lächelnd zu Rule und wandte sich zum Gehen.

Ein Mann am Nebentisch hielt sie am Arm fest. Er war jung und hatte extrem kurzes braunes Haar. Die beiden anderen Männer am Tisch waren etwas älter. „Sharon, wenn der Kerl dir Ärger macht“, sagte er laut, „dann sag mir Bescheid!“

Sie blinzelte verwirrt. „Äh, sicher. Aber er ist gar nicht …“

„Ich weiß, was er ist.“ Der junge Cop sah Rule durchdringend an, dann richtete er seinen Blick auf Lily, tat aber immer noch so, als rede er ausschließlich mit der Kellnerin. „Und ich weiß, dass du zu viel Selbstachtung hast, um dich mit seinesgleichen abzugeben.“

Rule sträubten sich die Nackenhaare. Lily wäre bestimmt nicht begeistert, wenn er dem jungen Schnösel eins auf die Nase gäbe, aber …

„He, Crowder!“, rief Lily. „Haben Sie mal ein Taschentuch?“

Einer der älteren Männer am Tisch sah sie überrascht an, fand aber ziemlich schnell seine Sprache wieder. „Nee. Hab meine Handtasche nicht dabei.“ Sein Kollege kicherte.

Lily schüttelte bekümmert den Kopf. „Sie sollten besser ausgerüstet sein.“ Sie stellte ihre Tasche auf den Tisch und kramte demonstrativ darin herum. „Hier!“, sagte sie und warf ihm ein Päckchen Taschentücher zu. „Wischen Sie Ihrem Kleinen mal die Ohren ab. Er ist ja noch ganz feucht dahinter!“

Nicht nur die beiden Älteren brachen in lautes Gelächter aus, sondern auch die Kollegen an den Nebentischen. Der junge Cop wurde knallrot und ließ Sharons Arm los.

„Das haben Sie sehr gut gemacht“, sagte Rule.

Lily schnitt eine Grimasse, riss das Tütchen mit dem Kaffeeweißer auf und schüttete ihn in ihre Tasse. „Mir war nicht klar, dass es so schlimm werden würde. Ob sich eine weiße Frau vor dreißig Jahren in Alabama so gefühlt hat, wenn sie mit einem Schwarzen essen ging?“

„Ganz so furchtbar geht es hier hoffentlich nicht zu. Die geschätzten Gäste dieses Lokals werden mich doch nicht nach draußen zerren und zusammenschlagen.“

„Ich glaube, das könnten sie gar nicht – außer mit Waffengewalt. Aber es gibt durchaus Parallelen, nicht wahr?“ Sie nahm einen Schluck Kaffee und schaute Rule über den Rand ihrer Tasse hinweg an. „Die Bürgerrechtsbewegung hat den Lupi Türen geöffnet, die ihnen andernfalls verschlossen geblieben wären.“

„Das stimmt. Wenn die Leute sich nicht irgendwann geweigert hätten, im Bus hinten zu sitzen, wäre so etwas wie die anstehende Bürgerrechtsreform gar nicht möglich. Darüber muss ich auch noch mit Ihnen reden. Aber zuerst möchte ich Sie fragen, ob Sie schon darüber nachgedacht haben, ob Sie mal mit mir ausgehen möchten.“

Sie lachte. „Kommen Sie mit dieser direkten Tour immer durch?“ Sie schüttelte den Kopf, und ihre Belustigung verflog. „Das geht nicht, Turner. Sie sind hübsch anzusehen. Und charmant, wenn auch etwas großspurig.“

„Großspurig sagt man zu Jungspunden.“

„Hatte ich arrogant schon erwähnt? Ist ja auch egal. Es spielt keine Rolle, wie gut aussehend oder charmant Sie sind – Sie sind es auf jeden Fall nicht wert, dass ich meine Karriere zum Fenster hinauswerfe.“

„Das wäre die Konsequenz?“ Er hielt inne, dann nickte er. „Verstehe. Das macht die Sache natürlich schwierig für uns.“

„Es gibt kein uns. Und jetzt würde ich Ihnen gern ein paar Fragen stellen.“

„Persönliche, hoffe ich.“

„Über Lupi. Zwingt der Vollmond Lupi zur Verwandlung?“

Er konnte der Versuchung, sie weiter zu bestürmen, kaum widerstehen, aber es ging hier leider nicht um sein Vergnügen. Er seufzte. „Nun gut, kommen wir zur Sache. Der Vollmond beeinflusst uns alle, aber nur die jungen Lupi zwingt er zur Verwandlung. Wie alle Heranwachsenden müssen sie lernen, sich zu beherrschen.“

„Also ist die Verwandlung eine Frage des freien Willens?“

„Im Allgemeinen schon.“

Die Falte zwischen ihren Augenbrauen deutete darauf hin, dass sie sein Ausweichmanöver bemerkt hatte, aber sie hakte nicht nach. „Was ist mit den ganz jungen Lupi? Kindern mangelt es ja oft an Selbstbeherrschung.“

„Die Fähigkeit zur Verwandlung kommt erst mit der Pubertät.“ Das überraschte sie offenbar. Sehr gut. „Ich hoffe, Sie schreiben das nicht in Ihren Bericht. Das gehört nicht gerade zum Allgemeinwissen.“

„Das ist mir bewusst“, sagte sie nachdenklich. „Warum haben Sie es mir gesagt?“

„Ich habe den Wunsch zu kooperieren. Wäre es vielleicht möglich, dass ich mir Fuentes’ Leiche ansehe?“

„Du liebe Zeit! Wozu?“

„Es besteht die minimale Chance, dass ich seinen Mörder wittern kann. Und wenn nicht, finde ich möglicherweise Hinweise, die anderen nicht zugänglich sind.“

Sie begann erneut, mit dem Finger auf den Tisch zu trommeln. „Was für Hinweise?“

„Die Wunden verraten mir vielleicht etwas über den Mörder. Zum Beispiel, ob es sich wirklich um einen Lupus handelt, wie Sie vermuten. Und ob er ein Heranwachsender ist oder ein Berserker.“

„Ein Berserker? Klingt ja ominös. Ist das ein bestimmter Lupustyp?“

„Eher ein Zustand. Aber das kommt zum Glück nur selten vor.“

„Apropos Glück: Da kommt Ihr Burger. Ich hoffe, sie hat auch an meinen gedacht.“

Sharon schwebte lächelnd auf einer Moschuswolke heran und stellte zwei Teller mit gewaltigen Hamburgern und Bergen von Pommes auf den Tisch. Dann blieb sie unschlüssig stehen, hantierte mit den Saucen herum und fragte Rule, ob er sonst noch etwas wolle. Vielleicht noch etwas Kaffee? Ein anderer Gast rief ihr zu, sie solle schleunigst mit der Kaffeekanne bei ihm vorbeikommen. Sharon seufzte und ging.

Rule wartete, bis sie außer Hörweite war, dann sagte er: „Ich habe mich schon oft gefragt, warum eure Männer darauf stehen, wenn Frauen nach dem Drüsensekret männlicher Moschustiere riechen.“

„Parfüm mögen Sie also nicht.“ Lily griff zu der Mayonnaise. „Na so was, ich habe Sharon unterschätzt. Sie hat an meine Gurken gedacht.“

„Sie ist nur ein bisschen aufgeregt. Ich bin wahrscheinlich der einzige Lupus, dem sie je begegnen wird. Wissentlich zumindest.“

„Hmm.“ Die sauren Gurken waren nicht in Scheiben geschnitten, sondern in dicke Stücke. Lily schnitt sie noch mehrmals durch und belegte das Fleisch damit. „Auf jedem Foto, das ich von Ihnen gesehen habe, tragen Sie Schwarz. Auch gestern haben Sie Schwarz getragen und heute wieder. Sie tun das mit Absicht, nicht wahr? Sie wollen erkannt werden. Die Leute sollen wissen, dass sie es mit einem Lupus zu tun haben.“

„Schwarz verfehlt nie seine Wirkung“, gab er zu. „Wollen Sie das wirklich essen?“

„Sie mögen rohes Fleisch. Ich mag Gurken.“ Sie setzte die obere Brötchenhälfte auf ihren Gurkenberg. „Das mit der geheimnisvollen Aura haben Sie wirklich drauf – Sex, Kultiviertheit, der Reiz des Verbotenen und der Gefahr. Das ist ganz sicher Absicht. Dieses Image sollen die Menschen mit Lupi in Verbindung bringen. Glamour statt Bestialität. Sie sind zum Aushängeschild Ihres Volkes geworden.“

Er schürzte die Lippen. „Oh, vielen Dank.“

Sie grinste. „Sie glauben allmählich selbst an dieses Image, was?“

„Vielleicht bin ich ja wirklich sexy, kultiviert und … wie sagten Sie? Und strahle den Reiz des Verbotenen aus.“

„Irgendwas strahlen Sie auf jeden Fall aus.“

Er erwiderte ihr Grinsen und griff nach der Ketchupflasche. „Wie ist es mit Ihnen, Lily? Glauben Sie an Ihr Image?“

„Ich habe kein Image.“

„Aber sicher haben Sie eins: Sie machen einen auf zähen, zynischen Cop.“

„Nein, so bin ich wirklich. Ich habe keine Geheimnisse … nun ja, ein bis zwei vielleicht schon.“ Plötzlich wich alle Fröhlichkeit aus ihrem Gesicht. „Aber Ihnen kann ich in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen. Ich habe kein Kind, das ich irgendwo verstecken muss, damit es mir nicht das Image versaut.“

 
 

10

Rule sah Lily so zornig an, dass sie glaubte, er fiele jeden Moment über sie her.

Er blieb jedoch eine Weile regungslos sitzen und sagte keinen Ton. Schließlich fragte er heiser: „Woher wissen Sie von meinem Sohn?“

Ihr Mund war ganz trocken. Das ärgerte sie. „Sie wollen nicht, dass die Polizei von ihm Kenntnis hat?“

„Ich hatte vergessen, dass ich mit der Polizei spreche. Wie dumm von mir! Nein, ich möchte nicht, dass die Polizei von ihm Kenntnis hat. Niemand außerhalb des Clans soll von ihm wissen – allerdings nicht aus dem Grund, den Sie genannt haben!“ Er schürzte spöttisch die Lippen. „Sie haben ja eine interessante Meinung von mir.“

Das Gefühl, ihn verletzt zu haben, schockierte sie derart, dass sie augenblicklich versuchte, es sich auszureden.

Er war kein Tatverdächtiger mehr. Zu viele Zeugen hatten ihn ab halb zehn im Hell gesehen, und Therese hatte mit Hilfe ihres Handys bewiesen, dass Fuentes um zehn vor zehn noch lebte. Vielleicht war sie deshalb zu entspannt gewesen. Sie hatte das Gespräch zu zwanglos, zu freundschaftlich werden lassen. Vielleicht mochte sie diesen Mann sogar – aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund. Als er davon gesprochen hatte, wie sehr ihm die Verwandlung fehlte, hatte sie Mitleid mit ihm gehabt. War er seiner magischen Kräfte beraubt worden? Konnte er sie zurückbekommen? Das konnte sie ihn jedoch nicht fragen.

Eigentlich kannte sie ihn nicht, und er kannte sie nicht. Ihre Meinung spielte im Grunde keine Rolle. Und dennoch … „Ich bin zu weit gegangen“, sagte sie leise. „Tut mir leid.“

„Mein Sohn ist für Ihre Ermittlungen überhaupt nicht von Belang.“ Er warf seine Serviette auf den Tisch, sprang auf und zückte seine Geldbörse.

Sie erhob sich ebenfalls. „Sie müssen nicht …“

„Ich habe Sie eingeladen. Ich bezahle.“ Er warf ein paar Scheine auf den Tisch. „Bon appétit, Detective! Wenn Sie sich das Clangut ansehen wollen, dann warten Sie morgen früh um halb elf vor dem Präsidium. Ich hole Sie ab.“

Als er das Lokal verließ, folgten ihm die gleichen starren Blicke wie bei seiner Ankunft.

Lily nahm ihren Hamburger in die Hand und versuchte, sich für ihn zu begeistern. Okay, dachte sie, das habe ich richtig vermasselt. Als sie gerade lustlos auf einem Bissen herumkaute, kam Crowder herüber.

„War wohl nichts mit Ihrem Date?“, fragte er und setzte sich unaufgefordert zu ihr.

„Ich versuche, in Ruhe zu Abend zu essen.“

„Lassen Sie sich nicht stören“, sagte er und zog einen der Pommes von Rules Teller durch den Ketchup. „Haben Sie auch Senf hier?“

„Nein.“ Sie nahm rasch noch einen Bissen.

„Ach, da ist er ja!“ Er griff zu der Spritzflasche und drückte einen dicken gelben Klecks auf den Hamburger. „Mit Zwiebeln wäre er besser“, sagte er und setzte die Brötchenhälfte auf das Fleisch, „aber ich bin nicht wählerisch.“

„Das Fleisch ist beinahe roh!“

„Wie ich schon sagte, ich bin nicht wählerisch.“ Er nahm einen großen Bissen.

Sie legte seufzend ihren Hamburger ab. „Sie wollen also nicht wieder verschwinden?“

„Nee.“ Er kaute, dann wischte er sich den Mund ab. „Ich wollte mich entschuldigen, wegen Tucker. Der ist wirklich noch feucht hinter den Ohren, genau wie Sie sagten. Die Sache ist die … Also, ich dachte, Sie sollten es wissen. Jemand zerreißt sich das Maul über Sie. Und Tucker ist einfach zu unerfahren, um das, was er hört, mit Vorsicht zu behandeln.“

„Es wird geredet?“ Ihr Magen zog sich zusammen. „Über mich?“

Crowder nickte, biss ein weiteres Viertel von dem Hamburger ab, kaute und schluckte. „Nichts Schlimmes, nur … Sie wissen schon, bloßes Geschwätz. Über Sie und Turner und die Wirkung, die er und seinesgleichen auf Frauen haben. Solche Dinge.“

„Wer?“, fragte sie. Verdammt, sie arbeitete noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden an diesem Fall! „Wer zieht über mich her?“

Crowder schüttelte den Kopf. „Das möchte ich nicht sagen. Sie wissen doch, wie das ist.“

Ja, das wusste sie. Sie gehörte eben doch nicht hundertprozentig dazu. Was an Schlüpfrigkeiten im Umkleideraum ausgetauscht wurde, unterlag immer noch dem Highschoolgesetz, das da lautete: Kein Wort darüber den Mädchen gegenüber! Vielleicht war das auch gut so – meistens jedenfalls –, denn sonst könnte es wohl keine Frau bei der Polizei aushalten.

Crowder hatte sich über die unausgesprochenen Regeln hinweggesetzt, indem er zu ihr gekommen war. „Danke für die Warnung“, sagte Lily.

„Keine Ursache.“ Er verputzte schnell den Rest des Hamburgers. „Hätte mit Zwiebeln wirklich besser geschmeckt“, sagte er dann und erhob sich. „Passen Sie auf sich auf!“

„Ja. Bleiben Sie sauber!“

Ihr Kollege schlenderte an seinen Tisch zurück, und Lily überlegte fieberhaft. Crowder arbeitete in derselben Schicht wie sie. Wer war wohl derjenige, der sich nach Dienstende im Umkleideraum das Maul über sie zerrissen hatte?

Sie verzog das Gesicht. Da kamen zu viele in Betracht. Aber sie musste unwillkürlich daran denken, dass Mech sie nicht mit Turner hatte allein lassen wollen. Keine voreiligen Schlüsse!, ermahnte sie sich.

Die unerfreulichen Gedanken hatten ihr nun endgültig den Appetit verdorben. Sie nahm ihre Tasche und verließ den Tisch.

„War das Essen nicht gut?“ Die Kellnerin trat ihr in den Weg und sah sie enttäuscht an.

Doch es war nicht das Essen, das ihr Sorgen bereitete. Lily seufzte. „Das Essen war gut, aber er musste gehen. Und ich muss jetzt auch weg.“

Sharon schüttelte den Kopf. „Hören Sie auf meinen Rat, und laufen Sie ihm nicht hinterher. Sorgen Sie dafür, dass er zu Ihnen kommt. Aber ich kann es Ihnen nicht verdenken.“ Sie seufzte. „Dieser Mann strahlt einfach puren Sex aus. Ich wette, er … Okay, okay!“ Jemand hatte nach ihr gerufen. „Komme sofort!“ Sie lächelte Lily freundlich an. „Meine Mama hat immer gesagt, wenn du es nicht schaffst, dich rar zu machen, dann tu, was du tun musst, und amüsier dich!“ Sie gab Lily einen Klaps auf den Arm und eilte davon.

Lily sah ihr erstaunt nach. Sie hatte Sharon tatsächlich unterschätzt, und zwar gewaltig.

Der Schmerz war da, dumpf und quälend, aber nicht übermächtig. Etwas anderes trieb Cullen an und sagte ihm, dass es Zeit wurde. Zeit zum Aufwachen.

Er bewegte sich. Unter ihm war etwas Hartes … Hart … es war unglaublich hart für ihn, wach zu werden. Merkwürdig. Er hatte … er war …

Er wusste überhaupt nicht, was los war. Die Panik, die ihn ergriff, ließ ihn endgültig aus seiner Benommenheit auftauchen. Er öffnete die Augen.

Holz über seinem Kopf. Und unter ihm. Die Hütte. Ja, genau!, dachte er erleichtert. Er war in der Hütte. Er war hergekommen, um … Der Gedanke entglitt ihm.

Seine Rippen schmerzten. Er setzte sich vorsichtig auf und ließ die Decke, die ihn gewärmt hatte, auf seinen Schoß hinunterrutschen. Dann stutzte er. Er hatte vollständig bekleidet auf dem Boden gelegen. Und in der Wand war ein großes Loch.

Oh ja, er war bei der kleinen Auseinandersetzung mit Mollys Freund durch diese Wand hindurchgesegelt. Er fasste sich in die Seite und verzog das Gesicht. Diesen Disput hatte er wohl nicht gewonnen.

Seine Erinnerungen waren sonderbar verschwommen. Er musste eine leichte Gehirnerschütterung erlitten haben, obwohl ihm der Kopf gar nicht wehtat. Habe ich anscheinend schon geheilt, während ich bewusstlos war, dachte er und rappelte sich auf. Genug Zeit hatte ich ja. Das Licht, das durch das Loch in der Wand hereinfiel, sagte ihm, dass es früher Morgen war. Er war am Vortag gegen Mittag mit Molly und ihrem Zaubererfreund zur Hütte gekommen. Sie hatten magische Formeln austauschen wollen, und dann …

War es wirklich gestern gewesen? Er runzelte die Stirn. Doch, es musste so sein. Wäre er länger als eine Nacht bewusstlos gewesen, dann täten ihm seine Rippen nicht mehr so weh. Und er hätte viel mehr Hunger.

Nicht dass er nicht hungrig war. Aber immer eins nach dem anderen. Zunächst kontrollierte er seine mentalen Schutzschilde und stellte fest, dass alles in Ordnung war, dann machte er sich daran, die Schäden an seinem baufälligen Zweitwohnsitz zu prüfen.

Er war zwar kein besonders guter Zimmermann, aber die nötigen Reparaturarbeiten schienen noch im Rahmen seiner Möglichkeiten zu sein. Er musste allerdings rasch handeln – das Dach hing ziemlich durch. Jemand hatte ein paar Kanthölzer unter den obersten Balken geklemmt, um es abzustützen, aber das würde nicht lange halten. Ein kräftiger Windstoß konnte alles zum Einsturz bringen.

Wie aufmerksam von ihnen, dachte er und ging zu der Kühlbox, die er mitgebracht hatte. Sie hatten ihn k.o. geschlagen, ihm ein paar Rippen gebrochen, aber zumindest hatten sie verhindert, dass das Dach über ihm einstürzte, während er bewusstlos war. Und sie hatten ihm eine Decke übergeworfen, bevor sie gegangen waren. Das war vermutlich Mollys Idee gewesen. Sie hatte ein weiches Herz. Aber sie hatte bestimmt nicht genug Kraft, um das Dach mit den Kanthölzern abzustützen. Das musste … wie hieß er noch mal?

Stirnrunzelnd nahm Cullen den Eierkarton aus der Kühlbox, dann hielt er inne und versuchte, das seltsame Wupp-Wupp-Geräusch zu identifizieren, das an sein Ohr drang. Ein Helikopter, stellte er fest. Aus südlicher Richtung. So etwas hörte man nicht oft in dieser abgelegenen Gegend, aber es war kein Grund zur Beunruhigung.

Er ging zu dem kleinen Propangaskocher. Er musste Rule anrufen. Irgendetwas Gefährliches war im Schwange: Seltsame Energien bewegten sich zwischen den Welten, die er sich nicht erklären konnte. Er hatte nur eine vage Ahnung, weil der andere Mann etwas darüber gesagt hatte … dass die Welten sich verschoben oder so ähnlich.

Verdammt, er musste sich unbedingt wieder erinnern! Er machte den Brenner an und goss einen Tropfen Öl in die gusseiserne Pfanne, während er in seinem Gedächtnis kramte. Was war das Letzte, woran er sich deutlich erinnerte?

Da war zum Beispiel die hübsche kleine Polizeibeamtin im Hell gewesen. Cullen grinste. Rule hatte eindeutig Interesse an ihr. Sollte er seinem Freund sagen, dass seine neue Flamme eine Sensitive war?

Vielleicht schon, aber im Moment war das egal. Hauptsache, die Erinnerung war da. Auch an den nächsten Morgen konnte er sich erinnern: Mollys Anruf hatte ihn viel zu früh aus dem Schlaf gerissen – und ziemlich neugierig gemacht. Ein paar Stunden später war er zum Flugplatz gefahren, um Molly und ihren derzeitigen Lover abzuholen, der Zauberer war wie er auch.

Und doch nicht wie er. Cullen runzelte die Stirn. Ab da ließ ihn sein Gedächtnis im Stich. Er konnte sich weder an das Gesicht des Mannes erinnern noch an das, was nach der Ankunft der beiden geschehen war. Sie hatten sich gestritten, er und der andere Zauberer. Das wusste er noch. Er hatte mehr gewollt als der andere … Michael. Genau, dachte er, erfreut über diesen Gedankenblitz, das war sein Name!

Jedenfalls hatte er sich so genannt. Zauberer waren verschlossene Leute, also hieß er wahrscheinlich ganz anders. Normalerweise hätte Cullen einen anderen Zauberer, der sich mit Sorcéri befasste, nicht in sein Refugium gelassen. Neben der Hütte gab es einen kleinen brachliegenden Netzknoten, den er mit niemandem teilen wollte. Aber Molly hatte sich für den Mann verbürgt.

Und nun war er an die vierundzwanzig Stunden bewusstlos gewesen. Tja, dachte Cullen und rieb sich unwillkürlich die Seite, ich habe es wohl nicht anders verdient. Er hatte mit Michael ein paar einfache Formeln ausgetauscht – nette Kleinigkeiten, aber im Grunde nichts Neues. Aber als sie dann auf die Theorie zu sprechen kamen, hatte der Mann sich zurückhaltend gegeben. Cullen konnte sich nicht erinnern, was genau passiert war, aber ihm schwante, dass er eine kleine Hinterhältigkeit begangen hatte.

Und es hatte funktioniert! Er grinste hocherfreut, als er sich plötzlich wieder erinnerte, und vergaß darüber die zwei Eier, die er in der Hand hielt.

Was war schon eine angeknackste Rippe oder ein unbeabsichtigtes Nickerchen auf dem Boden? Er hatte einen tollen neuen Illusionszauber von beachtlicher Eleganz und Macht. Er war viel raffinierter als alles, was er je zuvor gesehen oder sich erträumt hatte. Schon die Anfangssequenz versprach ungeahnte Möglichkeiten …

Als heißes Öl auf seine Hand spritzte, fielen ihm die Eier wieder ein, und er schlug sie rasch in die Pfanne und fügte noch ein drittes hinzu. Zuerst essen, und dann … Oh, dann wollte er sich an eine genauere Untersuchung seiner neuen Errungenschaft machen.

Aber er durfte sich nicht zu sehr darin vertiefen, sonst vergaß er noch, Rule anzurufen. Cullen seufzte. Es war zu schade, aber er konnte nicht einfach abtauchen und in Ruhe arbeiten; nicht jetzt. Wer sonst außer ihm konnte die Wahrheit herausfinden? In dieser Zeit der Ahnungslosigkeit gab es kaum noch jemanden, der sich mit Magie auskannte. Einige wenige beherrschten vielleicht gerade einmal die Grundlagen, aber sie brannten nicht wie er darauf, alles zu verstehen. Nein, genau wie Kinder sich aus Angst vor der Dunkelheit die Decke über den Kopf zogen, vergruben sie sich in ihrer Unwissenheit – und verstießen diejenigen, die sich keine derart erdrückenden geistigen Beschränkungen auferlegen lassen wollten.

Wie es der Clan getan hatte, der der seine hätte sein sollen.

Cullen atmete tief durch. Genug davon! Rule war nie von ihm abgerückt, weil er getan hatte, was er hatte tun müssen. Dafür schuldete er ihm Freundschaft. Und einen Anruf.

Als die Eier fertig waren, schob er sie aus der Pfanne auf einen Teller, den er zusammen mit einem Laib Brot zum Tisch trug. Er holte eine Dose Cola aus der Kühlbox und stärkte sich hastig, wobei er kaum wahrnahm, was er aß, denn seine Gedanken kreisten um Symbole, Strukturen und Gefüge, die keine direkte physische Entsprechung hatten. Dreißig Minuten später stand der Teller mit den kalten Eierresten auf dem Boden, wo ihn Cullen abgestellt hatte, als er gemerkt hatte, dass er ihm im Weg war. Der Tisch war mit Zetteln übersät, und er blickte stirnrunzelnd auf eine Reihe von leuchtenden Symbolen, die vor ihm in der Luft schwebten. Nach einer Weile rutschten zwei der Symbole nach rechts, und eine andere Sequenz trat an ihre Stelle.

Ja, das war es! Das hatte er zuvor übersehen. Wenn die Kongruenz von Objekt und Illusion dauerhaft anhalten sollte, musste er …

Ein roter Energiestrahl schnellte durch sein Gesichtsfeld. Er fuhr erschrocken auf. Einer seiner Schutzbanne war offenbar durchbrochen worden. Er war nicht manipuliert oder verändert worden, sondern irgendetwas war einfach hindurchgefahren, als sei er gar nicht da.

Was eigentlich unmöglich war.

Cullen hatte nicht die für Lupi typische Abneigung gegen Schusswaffen. Mit einer raschen Handbewegung ließ er die leuchtenden Symbole verschwinden und flitzte in die Ecke, wo seine – geladene und schussbereite – Schrotflinte stand. Er schnappte sie sich und hielt inne, um sich kurz zu konzentrieren, und schon gingen die Zettel auf dem Tisch in Flammen auf. Dann ging er mit großen Schritten zum Ausgang.

Jedoch nicht zur Vordertür oder dem Durchlass, den er am Vortag geschaffen hatte, als er durch die Wand gekracht war, sondern zu der Falltür im hinteren Teil der Hütte. Durch sie gelangte man in einen engen Tunnel, der in eine Höhle führte, die Cullen schon vor langer Zeit erkundet hatte. Er mochte enge, geschlossene Räume genauso wenig wie jeder andere Wolf, aber die Vorstellung, demjenigen zu begegnen, der seine Banne so mühelos überwand, behagte ihm noch viel weniger.

Vielleicht war er ja paranoid, aber verdammt, wahrlich freundlich gesinnte Besucher klopften an!

Er warf den Teppich zur Seite und zog die Falltür hoch. Sie war schwerer, als sie auf den ersten Blick aussah, denn sie war aus massivem Stahl.

In diesem Moment wurde er von unerträglichen brennenden Schmerzen überwältigt. Er krümmte sich, die Flinte rutschte ihm aus der Hand, er bekam weiche Knie und stürzte zu Boden.

Wie die meisten Lupi war Cullen nicht sehr schmerzempfindlich, aber so etwas hatte er noch nie erlebt. Es war, als verbrenne er innerlich bei lebendigem Leibe. Er hörte sich schreien und versuchte, die Zähne zusammenzubeißen, doch sein Körper zuckte und verkrampfte sich und gehorchte ihm nicht mehr. Instinktiv versuchte er, sich zu verwandeln, aber auch das gelang ihm nicht, und ihn ergriff eine Angst, die genauso groß und vernichtend war wie der Schmerz.

Doch als habe jemand einen Schalter umgelegt, war der Albtraum plötzlich wieder vorbei.

Genau wie Sex wirkt auch ein intensiver Schmerz noch eine Weile nach. Cullen lag benommen und keuchend auf dem Boden, und sein ganzer Körper pochte wie ein entzündeter Zahn.

Die Flinte!

Sie war nur wenige Zentimeter von seiner ausgestreckten Hand entfernt. Er angelte nach ihr – oder versuchte es zumindest, aber sein Arm bewegte sich nicht. Verzweiflung stieg in ihm auf, doch er konzentrierte sich und probierte es wieder. Seine Muskeln zuckten kurz – und er wurde von einer neuerlichen Schmerzwelle heimgesucht.

Er biss die Zähne zusammen. Der Angriff war also rein physischer Natur. Er hatte zwar Schäden angerichtet, aber die konnte er heilen. Möge die Dame mir etwas Zeit geben, dachte er, damit ich …

Mehrere schwarz gekleidete Gestalten stürzten zur Tür herein. Drei, vier … und zwei weitere kamen durch das Loch in der Wand. Sie trugen Anzüge, die wie Gis aussahen, und waren gegürtet mit langen Streifen aus rotem Stoff, die auf komplizierte Weise gebunden waren. Die schwarzen Schals, die sie sich wie Beduinen um die Köpfe geschlungen hatten, verhüllten ihre Gesichter bis auf die Augenpartie.

Und sie hatten Gewehre. Alle.

Möchtegern-Ninjas mit Schusswaffen?

„Du!“, bellte einer von ihnen, ein kleiner blasser Kerl, der nach Wolf roch. „Wo sind die anderen?“

„Er kann nicht antworten, Sekundant“, ertönte eine leise, helle Stimme hinter den schwarzen Gestalten, die vor dem Loch in der Wand standen. Sie klang kindlich, besser gesagt, wie eine kindliche Computerstimme, denn es war kein Leben, kein Gefühl in ihr. „Es überrascht mich, dass er überhaupt bei Bewusstsein ist. Er wird mehrere Stunden nicht sprechen können.“

Die schwarzen Gestalten wichen auseinander. Eine Frau in einem langen roten Kleid bahnte sich anmutig den Weg durch die zerschlagenen Holzbretter.

Sie war klein, vielleicht knapp eins fünfzig, und sah aus, als sei sie nicht einmal vierzehn. Ihr pechschwarzes Haar reichte ihr bis über die Schultern. Sie trug ein schmales silbernes Stirnband mit einem großen schwarzen Opal, der genau an der Stelle des Stirn-Chakras saß. Sie hielt einen mit silbernem Band umwickelten schwarzen Stab in der Hand, der sie beinahe überragte. Er stank nach Magie.

Cullen hätte fast gelacht, denn er fand ihren Aufzug höchst albern – ein kleines Mädchen, das wie eine Komparsin eines B-Movie kostümiert war. Doch ihm sträubten sich die Nackenhaare. Getrieben von einem unerklärlichen Hass, der ihn plötzlich erfüllte, bleckte er die Zähne.

Schon diese kleine Bewegung tat höllisch weh. Verdammt, verdammt, verdammt! Er hatte Tränen in den Augen, als sie auf ihn zugeschlendert kam. „Sucht sie!“, herrschte sie die schwarzen Gestalten an wie eine Königin ihre Lakaien.

Wen?, überlegte Cullen, dann dämmerte ihm, dass sie Michael und Molly meinte. Diese Kostümfilmfiguren wollten den anderen Zauberer, nicht ihn. Was soll das ganze Theater, dachte er, wenn sie nicht einmal hinter mir her sind! Was für ein Scheiß!

„Madonna“, sagte der Mann zögernd, der Cullen zuvor angeblafft hatte. „Bleib zurück, bitte. Lass dich von uns beschützen.“

„Du Narr“, entgegnete sie mit ihrer Baby-Computerstimme. „Er kann sich nicht bewegen. Seht nach, wohin das hier führt!“ Sie zeigte mit ihrem Stab auf den Tunnel. „Und ob sich jemand darin versteckt.“

Der kleine Ninja bellte ein paar Befehle. Drei seiner Leute beeilten sich, ihm zu gehorchen, und verschwanden einer nach dem anderen in der Falltür. Der Kurzgewachsene rückte dichter an Cullen heran und beäugte ihn misstrauisch.

Sie jedoch beachtete ihn nicht und hielt ihren Blick fest auf Cullen gerichtet. Ihre Augen waren beängstigend schwarz, so schwarz, dass die Pupillen nicht von der Iris zu unterscheiden waren. Auch ihr Geruch war reichlich seltsam, doch Cullen konnte ihn nicht genauer identifizieren, weil der heftige Gestank der Magie, der ihrem Stab anhaftete, alles andere überlagerte.

Ihr Stab …

„Ich frage mich, warum du bei Bewusstsein bist“, sagte sie.

Dieser Stab! Auf ihn konzentrierte sich Cullens ganzer Hass. Er lechzte danach, ihn zu zerstören. Er hätte sich am liebsten verwandelt und ihn zwischen seinen scharfen Zähnen zermalmt, aber … Moment mal! Vorher hatte er sich nicht verwandeln können, doch nun war der Angriff vorbei. Er war zwar angeschlagen, aber vielleicht …

„Also“, flüsterte sie, „dann wollen wir mal sehen, was du denkst. Wo sind die beiden?“

Sie sah ihm tief in die Augen – und er schielte, um sie zu verspotten, als ihr forschender Blick wirkungslos von ihm abprallte. Er hätte ihr die Zunge herausgestreckt, wenn ihm seine Gesichtsmuskeln gehorcht hätten.

„Du hast dich abgeschirmt!“, rief sie schrill. Mit finsterer Miene stieß sie ihm ihren Stab in die Rippen.

Ich lasse mich nicht von dieser Abscheulichkeit beschmutzen!, sagte Cullen beschwörend zu sich. Getrieben von seinem Hass, erhob er sich. Er hatte zwar Schmerzen, doch sein Drang, dieses unreine Ding zu vernichten, war tausendmal stärker.

Aber ignorierte Schmerzen sind keine besiegten Schmerzen. Cullen konnte sich nur sehr langsam und unbeholfen bewegen. Er wankte und griff ins Leere, als er sich den Stab angeln wollte. Und den Gewehrkolben sah er erst im letzten Moment – zu spät, um zu verhindern, dass er ihm auf den Schädel krachte.