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Die Black Lagoon war ein reiner Nachtbetrieb, der erst weit nach Einbruch der Dunkelheit die Pforten ins Paradies öffnete. Da Markesch bis auf den doppelten Scotch im Poseidon II noch nichts gefrühstückt hatte und es eine lange und anstrengende Nacht zu werden versprach, stiefelte er in die Merowinger Straße, verzehrte im Südstadt-Grill Kölns delikateste Mini-Pizza und blätterte in den ausgehängten Tageszeitungen. Die Meldungen über Asylantenhatz in Dresden, Völkermord in Sarajevo und Mullahterror in Teheran bestätigten ihm aufs Neue, daß er in der besten aller Städte lebte, auch wenn sie von einem Menschenfresser und Strapsfanatiker wie Walter Kress regiert wurde.

Kaum hatte er an seinen Auftraggeber gedacht, grinste der ihm auch schon zum zweiten Mal an diesem Tag entgegen, diesmal aus dem Lokalteil des Kölner Express.

Kress’ Foto zierte in der Abteilung Klatsch & Absurdes einen Jubelbericht über die Eröffnung eines Seniorenwohnheims mit integriertem Golfplatz und überdachter Rollstuhlbahn. Die fidele Altendeponie war unter der Bauleitung des Architekturbüros Lieselotte Kress errichtet und von der HaGru Haus- und Grund GmbH finanziert worden, einer Tochtergesellschaft der Stadtwerke, deren Vorstandsvorsitzender praktischerweise Lieselottes Mann Walter war. Stadtrat Kress hatte eine flammende Rede gegen die Armut im Alter gehalten, die Jugend zu Bescheidenheit und Mäßigung ermahnt und anschließend in einem feudalen Gourmettempel am Ring den fünfzigsten Geburtstag seiner Frau gefeiert, die man in ein kleines, unvorteilhaftes Foto in der linken unteren Ecke gezwängt hatte.

Vielleicht lag es nur an der schlechten Bildqualität, aber Lieselotte Kress sah wie eine Frau aus, die zum Blutspenden gegangen und am Tropf vergessen worden war: bleich und schon halb vergeistigt, mit einem derart aufdringlich leidenden Zug um den Mund, daß es sofort wütende Aggressionen weckte.

Nicht unbedingt die Sorte Frau, die mit Begeisterung reagierte, wenn ihr Mann mit Latexhöschen und Handschellen ins Ehebett stieg.

Immerhin hatte sie von der HaGru GmbH ein um fünfzig Prozent höheres Architektenhonorar erhalten als allgemein üblich und wies jede Spekulation über einen Zusammenhang mit der familiären Kress-Connection als ›böswillige Unterstellung‹ zurück.

Aber so sind die Honoratioren der Stadt, dachte Markesch nachsichtig. Im Interesse des Gemeinwohls denken sie an sich selbst zuerst.

Er verließ den Grill, bestieg seinen rostigen Ford und fuhr durch den jungen Nachmittag zum Café Regenbogen, um Archimedes eine Nachricht zu hinterlassen. Im total verdrahteten Leben der neunziger Jahre war spurloses Verschwinden nur den wenigsten Menschen vergönnt. Ganz gleich, wo Yvonne Schmidt alias Astrid Pankrath auch stecken mochte – sie mußte immer noch Schecks ausstellen, Krankenscheine anfordern, Kreditraten oder Kfz-Steuern zahlen. Jetzt, wo er ihren richtigen Namen kannte, sollte es dem umtriebigen Griechen ein leichtes sein, über die Schufa, das Ordnungsamt oder irgendeine andere Orwellsche Einrichtung ihre neue Adresse zu erfahren.

Am Regenbogen angekommen, sah er sich unerwartet mit dem Problem der Überbevölkerung konfrontiert. Das Gebärstreikkomitee hatte zwar längst das Feld geräumt, doch das Café war noch immer bis auf den letzten Platz besetzt – liebestolle Singles beiderlei Geschlechts spielten Romeo und Julia auf dem Fleischmarkt, als gälte es, noch vor Ladenschluß einen Partner fürs Leben zu finden. Selbst an seinem Stammtisch vor dem Tresen machte sich eine Viererbande mittlerer Angestellter breit, gesichtslose Kreaturen in zerknitterten Polyesteranzügen, die mexikanisches Flaschenbier tranken und Sophie mit lüsternen Blicken belästigten.

Er bot ihr Hilfe in Form seiner stahlharten Fäuste an, aber sie meinte nur, daß er sich in seinem Alter besser aufs Totenbett legen sollte, statt den Rambo für Grufties zu spielen.

»Was ich so sehr an dir liebe«, knurrte Markesch und angelte sich seine Privatflasche Scotch vom Regal, »ist dein unwiderstehlicher Jungmädchencharme. Wenn du noch ein wenig an dir arbeitest, kannst du bald jeder Dreijährigen Konkurrenz machen.«

Sophie schenkte ihm einen ihrer Killerblicke, den er nur überlebte, weil er sich eine Beerdigung schon aus finanziellen Gründen nicht leisten konnte, und rauschte davon, um die Gäste an der Fensterbank mit Cappuccino zu versorgen. Er blieb am Tresen stehen, schlürfte seinen Scotch und fragte sich mit wachsender Ernüchterung, ob dies der richtige Ort für einen entspannten Nachmittag sei. Er stellte die Flasche ins Regal zurück, kritzelte hastig eine Nachricht für Archimedes und drückte sie Sophie in die Hand.

»Er soll sich so schnell wie möglich darum kümmern«, sagte er. »Ich würd’s ja selbst erledigen, aber ich muß dringend weg. Wie immer geht es um Leben und Tod!«

Sophie rümpfte die Nase.

»Wieso? Erwartet man dich im Leichenschauhaus schon so früh zurück?«

»Ich habe einen Nebenjob angenommen – als Ungeheuer der Schwarzen Lagune. Frauen jagen, kleine Kinder quälen, die Stadt in Angst und Schrecken versetzen; das übliche eben, mit dem sich Männer meines Alters ihr Geld verdienen.«

Er tätschelte ihre Wange, verließ das Café und schlenderte über die Berrenrather Straße zu den nahen Uni-Wiesen. Die milde Witterung schien alle Gesundheitsfanatiker und Sportcracks der Stadt aus den Fitneßstudios gelockt zu haben – die Wiesen sahen aus wie Klein-Olympia zur besten Sendezeit, bevölkert von athletischen Gestalten, die sich so beliebten Disziplinen wie Kampftrinken, Marathondoping und Massenflirten hingaben. Millionen kleiner Kinder tollten zwischen Millionen kleinen Hundehaufen herum, und ihre Mütter demonstrierten derweil aller Welt die Abgründe und Exzesse der Frühjahrsmode – in diesem Jahr trug man vor allem Haut.

Vom Anblick der vielen nackten Schenkel und bloßliegenden Bauchnabel völlig überfordert, ließ er die Parkanlage eilig hinter sich und lenkte seine Schritte am Südbahnhof und der Filmdose vorbei Richtung Zülpicher Platz, wo sich die Kneipen und Bars massierten, als wäre das Viertel eine Art hochprozentiges Feuchtbiotop.

Die Black Lagoon lag in einer stillen Gasse zwischen der Zülpicher und der Kyffhäuser Straße, aber der Sündenpfuhl war natürlich noch nicht in Betrieb, und Markesch entschloß sich, die Wartezeit in einer der nahen Kneipen totzuschlagen.

Er entschied sich für das Podium, einem Oldtimer unter den Kölschtankstellen, wo man seit Jahrzehnten dieselben häßlichen Gesichter an der Theke sah, das Schnapsfigurenkabinett des Doktor Campari, im Dienste der Alkoholforschung vorzeitig mumifiziert. Er trank einige Scotch, fütterte die Jukebox mit Silbermünzen und hörte die alten Hymnen der 68er Revolution, Sympathy for the Devil und Street Fighting Man, während der Tag verdämmerte und am großen Kneipenschaufenster die Jugend der neunziger Jahre vorbeiflanierte: Schöne, gutgekleidete, glückliche Menschen, wie aus einem Werbespot über das Vergnügen, einen Überziehungskredit bei der Deutschen Bank zu haben.

Irgendwann gingen ihm dann die Silbermünzen aus, und ein Blick auf die Uhr verriet ihm, daß es höchste Zeit wurde, seine Ermittlungen fortzusetzen. Er verließ das Podium, nutzte eine Verkehrslücke zum Sprint über die Zülpicher Straße und marschierte zur Black Lagoon.

Eine schwungvolle Neonschrift wies allen Freunden der käuflichen Weiblichkeit den Weg ins Paradies, doch die Pforte war verschlossen. Markesch hämmerte Einlaß gebietend mit der Faust gegen die Tür, bis er unter der Sichtluke eine Messingschelle entdeckte. Trunken zielte er mit dem Zeigefinger auf den Klingelknopf, verfehlte ihn beim ersten Versuch und wurde im nächsten Moment von einer aufgedunsenen Visage erschreckt, die in der Sichtluke auftauchte und ihn feindselig taxierte.

»Tut mir leid, Meister«, sagte die Visage ohne jedes Bedauern in der Stimme, »das hier ist ein Privatclub. Nur für Mitglieder. Und Almosen geben wir auch nicht. Vielleicht versuchen Sie’s mal im Pennerasyl an der Annostraße.«

»Ich bin schon seit meiner Geburt Mitglied«, versicherte Markesch und zeigte der Visage seinen Mitgliedsausweis in Form eines Banknotenbündels aus Walter Kress’ Spesenfond. »Aber wenn Sie’s nicht glauben, können sie gerne mal nachzählen.«

»Nicht nötig, Meister!« Mit unverhohlener Gier wurde die Tür aufgerissen. »Kommen Sie doch rein! Auf Sie haben wir gerade noch gewartet!«

Der Türsteher lachte heiter und wälzte seinen aufgeschwemmten Bier- und Chips-Körper zur Seite. Was ihm an Schönheit fehlte, machte er eindeutig durch Masse wett; wahrscheinlich ließ er sich, wenn aufrührerische Gäste Streit anzettelten, einfach auf seine Gegner fallen und begrub sie unter seinen Fettwülsten.

Markesch zwängte sich an ihm vorbei in die Lobby, wo es nach Testosteron und billigem Parfüm roch, und trat zur Rezeption, hinter der eine füllige Frau in einem hautengen Lederkorsett einen Brandy schlürfte. Aufdringlich blondiert, die Falten und Krähenfüße mit Make-up zugespachtelt, die feuerrot geschminkten Lippen zu einem lasziv-geschäftstüchtigen Lächeln erstarrt, war sie eine Mischung aus Rubensmodell und Kleingartendomina, wie geschaffen, um den zahlungskräftigen Muttersöhnchen aus der rheinischen Provinz Schauder der Wollust über den Rücken zu jagen.

Rechts neben dem samtbezogenen Empfangstisch ging es in einen dezent beleuchteten Umkleideraum mit Spinden wie Tresore und erotischen Drucken an den Wänden, Szenen aus dem Kamasutra und dekadenten Zeichnungen von Bayros. Dahinter bot sich dem Auge ein schwarzgekacheltes Minischwimmbad mit Whirlpool und Duschnische dar, die Schwarze Lagune in ihrer ganzen düsteren Schönheit. Eine kurze Treppe, halb unter einem schweren schwarzen Samtvorhang begraben, schien den Zugang zum eigentlichen Garten der Lüste zu bilden. Gedämpft, über dem aufgeregten Rauschen des Whirlpools kaum hörbar, drang animierende Popmusik an Markeschs Ohr.

»Willkommen in der Black Lagoon«, begrüßte ihn die verblühte Domina mit einer rauchigen Stimme, wie sie nicht einmal Zarah Leander in ihren besten Tagen gehabt hatte. »Sind Sie zum erstenmal bei uns zu Gast?«

»So ist es – und ich hoffe, ich kann für immer bleiben!«

»Wir schließen um sechs Uhr morgens«, meinte sie ohne jeden Funken Humor. »Aber bis dahin werden unsere Damen alles tun, um Sie zu verwöhnen. Die Stunde im Separée kostet zweihundert Mark, Getränke extra, plus eine Wäschepauschale von dreißig Mark. Die Pauschale ist sofort fällig.«

Sie bückte sich und zauberte unter der Rezeption einen kurzen weißen Bademantel und ein großes Handtuch hervor.

»Zahlen Sie bar oder mit Kreditkarte?«

»Kredit ist was für Arme«, brummte Markesch und raschelte mit seinem Banknotenbündel. Mit spitzen Fingern zog er einen Fünfziger heraus und ließ ihn auf den roten Samt flattern. »Der Rest ist für Sie. Seit ich meine abbruchreifen Häuser als Asylantenheime an die Stadt vermiete, kann ich das Geld gar nicht so schnell ausgeben, wie es hereinkommt.«

Er lachte dröhnend. Die Domina fiel mit wogendem Altweiberbusen ein; offenbar war ihr Humor geldfixiert.

»Unsere Damen werden Ihnen beim Geldausgeben schon unter die Arme greifen«, meinte sie optimistisch. »Nebenan können Sie sich umziehen und ihre Sachen im Spind verstauen. Die Spinde sind diebstahlsicher – aber lassen Sie Ihren Schlüssel nicht unbeaufsichtigt herumliegen. Zu den Damen geht’s dann die Treppe hinauf.«

»Heißen Dank, schöne Frau«, log Markesch galant, klemmte sich das Wäschebündel unter den Arm und verschwand im Nebenraum.

Die meisten Spinde waren unbenutzt, aber das wunderte ihn nicht. Gewöhnlich füllten sich derartige Etablissements erst um Mitternacht, wenn die Freier abgefüllt genug waren, um ihre AIDS-Angst und die daheim wartende Ehefrau zu vergessen. Er zog sich aus, schlüpfte in den Bademantel, deponierte Geld, Erpresserfoto und Kleidung im Spind und verschloß ihn. Der Schlüssel war praktischerweise an einem Kettchen befestigt; er hing ihn sich um den Hals, warf das Handtuch über die Schulter und ging ins schwarzgekachelte Minibad.

Einen Moment blieb er am Ufer der Schwarzen Lagune stehen und spähte mißtrauisch in die schaumig strudelnden Wassermassen, liftete dann entschlossen den Saum des Bademantels und stieg hinein. Das Wasser war handwarm und reichte ihm knapp bis zu den Hüften. Mit vier, fünf großen Schritten watete er ans jenseitige Ufer, und für einen Moment kam er sich tatsächlich wie das Ungeheuer der Schwarzen Lagune vor: monströs und von unheiligen Gelüsten erfüllt, gierend nach dem Fleisch unschuldiger Blondinen.

Jenseits des schwarzen Samtvorhangs lockte die Musik. Er zog den Vorhang zur Seite – und stand im Garten der Lüste.

Entlang einer verspiegelten Bar, die mit ihren endlosen Flaschenbatterien wie geschaffen war, um an ihr in glückseliger Trunkenheit die Ewigkeit zu verbringen, posierten rund zwei Dutzend Schöne der Nacht in Seidentangas, Spitzenhöschen und – natürlich – Strapsen. Es war ein Bild wie aus dem Wunschkatalog eines emanzipationsgeschädigten Erotomanen, der Archetyp der totalen weiblichen Verfügbarkeit. Einen Moment lang fühlte er sich wie ein kleines Kind in einem riesengroßen Bonbonladen, von der schieren Vielfalt der bunten Köstlichkeiten förmlich erdrückt, doch dann fiel ihm ein, daß er nicht zum Vergnügen hier war.

Er gab sich einen Ruck und trat an die Bar.

Zwei schwarzhaarige Nymphen mit naiven Gesichtern und kalten, geschäftstüchtigen Augen rückten sofort an ihn heran. Sie sahen so jung und unschuldig aus, als hätten sie am Morgen noch die Schulbank gedrückt, aber so, wie sie sprachen, mußten sie die Unschuld schon vor Jahrzehnten verloren haben.

»Hallo, Süßer«, gurrte die eine und drückte ihm ihre spitzen Brüste gegen den Arm, »wie wär’s mit einem kühlen Drink für zwei heiße Mädchen?«

»Oder mit einem kleinen Abstecher ins Separée?« schlug die andere vor und lüftete frech den Saum seines Bademantels. »So, wie dein kleiner Freund aussieht, hat er einen Stich dringend nötig.«

»Bleiben wir vorerst bei den Drinks«, sagte Markesch und zog diskret den Mantel nach unten. Er winkte die luftig gekleidete Bardame heran. »Für mich einen Scotch ohne Eis, ohne Soda und ohne jede Verzögerung, für die beiden Kleinen hier ein Glas Brause mit zwei Strohhalmen.«

Die Nymphen starrten ihn an, als hätte er sich übergangslos in eine riesige Schabe verwandelt.

»Wenn heute noch mehr von dieser Sorte kommen«, meinte die eine, »geb’ ich den Job auf und werd’ Betschwester im Domkloster. Was meinst du, Cindy?«

»Ich weiß nicht, Josy – die haben dich schon beim letzten Mal abgelehnt, weil du überqualifiziert bist.« Cindy streichelte verführerisch Markeschs Oberschenkel. »Außerdem gehe ich jede Wette ein, daß es sich unser Spaßvogel hier gleich anders überlegen wird. Stimmt’s, Süßer?«

Er stoppte ihre vorwitzige Hand, ehe sie unter seinen Bademantel kriechen konnte. »Ich will eurer Klosterkarriere wirklich nicht im Wege stehen. Aber wenn ihr mir verratet, wo ich Denise finde, gibt’s statt Brause ein Täßchen Champagner.«

»Was willst du denn von Denise, wenn du uns haben kannst?« fragte Josy giftig. »Sie ist momentan sowieso besetzt. Irgendein Lustgreis hat sie abgeschleppt und …«

Cindy drehte den Kopf. »Okay, Süßer, rück den Schampus raus. Da ist Denise.«

Markesch folgte ihrem Blick und stieß einen leisen, bewundernden Pfiff aus. Der Zwerg hatte nicht zuviel versprochen; wenn es so etwas wie die fleischgewordene Sünde gab, dann Denise. Es lag nicht allein an ihrer perfekten Figur, den festen, runden Brüsten, dem mandeläugigen, von tizianroten Locken umspielten Gesicht oder ihrer Berufskleidung aus Straps und Seide. Ihre eigentliche Anziehungskraft ging über das rein Körperliche hinaus, als hätte sie einen Weg gefunden, die sexuelle Energie zu sammeln, zu bündeln und drahtlos auf ihre Mitmenschen zu übertragen.

Die anderen Freier reckten bereits gierig die Köpfe.

Markesch orderte eilig zwei Gläser Champagner für die hilfreichen Nymphen, nahm seinen Scotch und war bei Denise, ehe einer der Freier vom Barhocker rutschen und seinen Anspruch anmelden konnte.

»Ich bin schon seit Jahren auf der Suche nach dem Paradies«, sagte er, »und du siehst aus, als könntest du’s mir zeigen.«

»Kein Problem«, meinte sie mit einem hinreißenden Lächeln, das ihm sofort den Kopf verdreht hätte, wäre es mehr als reine Routine gewesen. »Das Paradies liegt gleich um die Ecke. Pack’ eine Flasche Champagner ein, und ich zeig’ dir all die Dinge, von denen du bisher nur geträumt hast.«

»Da kann ich nur hoffen, daß du damit nicht meine Alpträume meinst.« Er ging zur Bar und kehrte kurz darauf mit einem Champagnerkübel zurück. »Okay, Denise, ich bin bereit fürs Nirwana.«

Er folgte ihr in den hinteren Teil des Raums und gelangte durch einen Vorhang in einen langen, schlauchartigen Korridor mit roter Samttapete und dunkel gebeizten Türen. Aus den Zimmern drangen gedämpfte Liebeslaute, Gelächter, Gläserklirren und ein sumpfiges Gurgeln, als hätte sich das Fischmonster vom Amazonas tatsächlich an den Rhein verirrt.

Denise ließ auf verführerische Art die Hüften schwingen, wie um ihm zu beweisen, daß sie ihren Stundenlohn von zweihundert harten Deutschmarks mehr als wert war, und öffnete schließlich die letzte Tür im Korridor. Der Raum dahinter war gerade groß genug für ein breites französisches Bett, einen Abstelltisch für Gläser, Flaschen und Aschenbecher und die paar Kubikmeter Luft, die zwei erwachsene Menschen beim Liebesakt verbrauchten. Aus verborgenen Lautsprechern drang leise, einschmeichelnde Musik, süßlich genug, um jeden Diabetiker auf der Stelle umzubringen.

Markesch stellte den Champagnerkübel auf das Tischchen und sank mit einem zufriedenen Seufzer aufs Bett. Denise schloß die Tür und schlüpfte so schnell aus ihrer knappen Straps- und Seide-Kombination, daß ihm schon beim Zusehen schwindlig wurde. Aber vielleicht lag es weniger an ihrer Schnelligkeit und mehr an dem Traum aus straffer Haut und prallem Fleisch, den sie seinen staunenden Augen präsentierte.

»Gefall’ ich dir?« fragte sie überflüssigerweise.

»Ich hab’ größte Mühe, nicht zu sabbern«, antwortete er heiser und grinste schräg gegen ihr hinreißendes Lächeln an.

Sie kniete sich aufs Bett, brachte ihre Brüste gefährlich nah an seine Augen und ließ sie leicht hin und her pendeln, als wollte sie ihn noch zusätzlich hypnotisieren. »Wie hast du’s denn gern?« fragte sie mit kunstvoll kehlig klingender Stimme. »Magst du’s Französisch?«

»Meine Fremdsprachenkenntnisse beschränken sich auf das schottische Wort für Lebenswasser«, sagte er, während seine Pupillen, wie von einem eigenen Willen beseelt, dem suggestiven Pendeln der rosa Nippeln folgte. »Aber ansonsten bin ich zu allem bereit.«

»Oder soll ich dir erzählen, wie es ist, wenn ich’s mit mir selbst mache?« gurrte sie. »Oder wie es war, als ich entjungfert wurde?«

»Klingt nach einem abendfüllenden Thema«, sagte er freundlich zu ihren hypnotischen Brüsten und mußte sich beherrschen, um nicht in das Stadium eines Säuglings zurückzufallen. »Aber leider werde ich heute abend noch auf dem Frühlingsfest der Nervenärzte erwartet. Die Kollegen von der Psychofront wählen die Miß Medizinball 1993. Ich dachte, unsere gemeinsame Freundin Astrid Pankrath wäre die richtige Kandidatin für den Job. Sie geht doch immer noch mit ihrer Krankenschwesternummer auf Freiersfang, oder?«

Das Pendeln hörte abrupt auf. Denise wich zurück, entzog ihre Brüste seinem reduzierten Blickfeld, rollte auf die Seite und griff nach der Champagnerflasche.

»Astrid?« sagte sie gedehnt, während sie die beiden Gläser füllte. »Woher kennst du Astrid?«

»Wir haben einen gemeinsamen Freund«, log er spontan. »Trucker. Ich hab’ eine Weile mit ihm die Zelle geteilt. Als ich vor ein paar Tagen entlassen wurde, meinte er, ich soll mich um seine Freundin kümmern. Er im Knast, und sie allein in der großen, feindlichen Welt … Er macht sich Sorgen um sie. Große Sorgen.«

Denise reichte ihm das perlende Glas Champagner und sah ihn über den Rand ihres eigenen Glases hinweg forschend an. »Du hast mit Trucker zusammen im Knast gesessen?«

»Auf der Schneepiste ausgerutscht.« Markesch nickte. Er nippte an seinem Glas und verzog das Gesicht; entweder wurden in der Champagne neuerdings auch Zuckerrüben gekeltert, oder an der Flasche war nur das Etikett echt. »Trucker muß noch ein paar Monate absitzen, und da ich der einzige Knacki mit vertrauenerweckendem Gesicht war, hat er mich ausgeguckt, für seine Liebste zu sorgen. Ich hab’ schon in Nippes nach ihr gesucht, aber die Wohnung an der Niehler Straße steht leer.«

»Ich habe Astrid schon seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen«, sagte sie reserviert. »Ich kann dir nicht helfen. Tut mir leid.«

»Gibt es sonst vielleicht jemand, den ich fragen könnte? Eine Freundin, die Putzfrau, vielleicht ihren Gesundheitsberater von der AOK? Jeder Tip wird von mir sofort vergoldet.«

Er wartete, aber sie sagte nichts, sah ihn nur an. Er schenkte ihr sein bewährtes Wenn-du-mir-nicht-vertrauen-kannst-dann-kannst-du-niemand-mehr-vertrauen-Lächeln und stellte den Zuckerschampus auf das Tischchen.

»Wenn ich sie nicht finde, wird Trucker verdammt enttäuscht sein«, fügte er hinzu. »Und ich möchte ihn nicht enttäuschen.«

»Sicher«, sagte Denise. »Ich kenne Trucker. Niemand enttäuscht ihn zweimal.« Sie griff nach ihrer Straps- und Seide-Kombination und schlüpfte hinein. »Vielleicht gibt es tatsächlich jemand, der dir weiterhelfen kann.«

»Der AOK-Berater?«

»Ein gemeinsamer Freund«, erklärte sie und wandte sich zur Tür. »Wenn ich telefoniert habe, wissen wir mehr.«

»Tausend Dank. Und bring mir auf dem Rückweg einen Scotch mit. Doppelt, ohne Eis und ohne Soda.«

Sie warf ihm ihr routiniertes Von-mir-bekommst-du-alles-was-du-willst-Lächeln zu und verschwand durch die Tür. Markesch verschränkte zufrieden die Hände hinter dem Kopf und gratulierte sich ausgiebig zu seiner eigenen Schlitzohrigkeit.

Der Einfall, sich als Truckers Knastbruder auszugeben und sich so Denises Vertrauen zu erschleichen, war in seiner Schlichtheit geradezu genial. Mit ein wenig Glück hatte er den Fall schon morgen gelöst und die zehntausend Mark Erfolgsprämie in der Tasche.

Ein paar Minuten später kehrte Denise mit dem doppelten Whisky zurück. Erleichtert griff er nach dem Glas und spülte den Zuckergeschmack hinunter, den der falsche Champagner hinterlassen hatte. Aber es gelang ihm nur halb. Die klebrige Süße war verschwunden, doch dafür hatte er jetzt einen bitteren Belag auf der Zunge. Offenbar war auch der Scotch gepanscht. Barbarisch.

»Nun?« fragte er, als Denise nichts sagte. »Wie sieht’s aus?«

»Noch eine Minute«, erwiderte sie, und plötzlich war etwas Kaltes und Boshaftes in ihren Mandelaugen, das so ganz und gar nicht zu ihrem hinreißenden Lächeln paßte. »Dann sehen wir weiter.«

Markesch richtete sich halb auf. »Und was sehen wir dann?« wollte er ungeduldig wissen. Er schluckte, um den bitteren Geschmack im Mund zu vertreiben, und spürte plötzlich eine seltsame Benommenheit, als hätten alle Scotch dieses Tages nur auf diesen einen Moment gewartet, um ihre konzentrierte Wirkung zu entfalten. Außerdem bockte das Bett mit einem Mal wie ein Schlauchboot, dem auf hoher, stürmischer See jäh die Luft ausging. Er sank zurück in die Kissen und hielt sich an der Matratze fest.

»He«, murmelte er undeutlich. »Was ist mit dem Scheißbett los?«

Denise schwieg und lächelte nur kalt und teilnahmslos wie ein Eiswürfel.

Und ihr Lächeln war das letzte, was er sah, bevor tief in seinem Kopf dieser lauter und immer lauter werdende Trommelwirbel losdröhnte und er in diesen schwarzen, verschlingenden Strudel stürzte, in den sich die Welt plötzlich verwandelte.