41. KAPITEL
Am nächsten Morgen, nachdem er die Nacht damit verbracht hatte, Sienna zu lieben, duschte Paris und warf sich ein paar Klamotten über, die ihm jemand von zu Hause mitgebracht hatte. Dann bewaffnete er sich und vergewisserte sich, dass Siennas Kristalldolch auf dem Nachttisch lag, griffbereit, sollte sie ihn brauchen. Obwohl er es hasste, sie zurücklassen zu müssen, verließ er das Schlafzimmer und betrat eine völlig neue Welt.
Offenbar hatte Danika, das aktuelle Allsehende Auge, vorhergesehen, dass in der Festung in Budapest furchtbare Dinge geschehen würden. Sie hatte gespürt, dass ihre einzige Hoffnung auf ein Überleben darin bestand, dicht bei William zu bleiben. Und hier waren sie nun alle eine große, glückliche Familie. Wie seine Freunde es allerdings geschafft hatten, derart schnell einen Kraftraum, eine professionelle Bar und ein Technikzimmer im Schloss einzurichten, würde er vielleicht niemals erfahren.
Während er die Gänge entlangstapfte, konzentrierte er sich auf die Veränderungen, um nicht an seine Frau zu denken, die friedlich schlafend in seinem Bett lag. Nackt, befriedigt, rosig von seinem Mund und seinen Händen und seinem Körper. Um nicht an die heiseren Laute zu denken, die sie ausgestoßen hatte, wie sie seinen Namen geschrien und um mehr gebettelt hatte. Um nicht daran zu denken, wie sie ihn dazu gebracht hatte, um mehr zu betteln. Wie sie so verdammt perfekt zueinanderpassten.
Zu Anfang mochte er von ihr besessen gewesen sein, ohne sie zu kennen. Doch langsam lernte er sie kennen. Unter ihrem spröden Äußeren und ihrer eisernen Sturheit war sie sanft und gütig. Zart. Sie liebte von ganzem Herzen, und sie kämpfte, um zu beschützen, was ihr gehörte.
Sie war engagiert. Dieses Temperament machte ihn unglaublich heiß. Mit jeder Schublade, die sie auf ihn geworfen hatte, war er härter geworden. Wie viele Frauen waren mutig genug, ihn zu einem Kräftemessen herauszufordern? Nicht viele. Doch sie hatte es getan, denn wenn sie ihn ansah, blickte sie hinter das Gesicht und das Haar und die befleckte, verdorbene Vergangenheit. Sie sah einen Mann. Nur einen Mann.
Fast wäre er umgedreht und zurück zu ihrem Zimmer marschiert. Er wollte ihre Erregung auf seinem Gesicht, ihre Fingernägel an seinem Rücken. Er wollte von ihr gezeichnet sein, auf jede nur mögliche Weise. Dann wüsste jeder, der ihn ansah, Bescheid. Er gehörte ihr. Und –
Was zur Hölle hing da an der Wand? Abrupt blieb er stehen. Wie in der Festung in Buda hingen überall an den Wänden der Gänge Gemälde. Bloß dass hier jedes einzelne Porträt Viola zeigte.
Viola im Abendkleid. Viola in Leder. Viola liegend. Viola stehend. Viola, wie sie den Betrachter über ihre Schulter hinweg ansah. Eine endlose Reihe von Posen.
„Atemberaubend, nicht wahr?“ Mehr eine Feststellung als eine Frage, und sie erklang direkt hinter ihm. Viola trat an seine Seite, ein Bild der Lieblichkeit in ihrem rosafarbenen Tanktop und der tiefsitzenden Hüfthose. „Ich hab sie aus einem meiner Häuser geholt.“
„Äh, sicher. Atemberaubend.“
„Welches gefällt dir am besten?“ Nachdenklich tippte sie sich mit dem Zeigefinger ans Kinn und betrachtete sie eingehend. „Ich kann mich wirklich nicht entscheiden, zwischen dem da und … allen anderen.“
„Äh … lass mich nachdenken.“
Während er so tat, als würde er sich die Bilder genauer besehen, schnurrte Sex laut vor sich hin, wollte näher zu ihr. Sekunden später war Paris steinhart. Scheiße. Beschämt fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar. Selbst das hier fühlte sich an, als würde er Sienna betrügen.
Warum tust du mir das an? fragte er seinen Dämon vorwurfsvoll. Ich dachte, wir hätten darüber gesprochen.
Betrügen fühlt sich gut an. Ich will mich gut fühlen.
Tja, Betrügen kannst du dir abschminken. Und ich will, dass du dir mal kurz was vor Augen führst. Jedes Mal, wenn wir mit Sienna schlafen, kriegen wir zwei zum Preis von einem. Hölle, vielleicht sogar noch mehr. Sie ist ein Mensch, ein Geist, eine Ambrosiaquelle, eine ehemalige Jägerin und ein Dämon, alles in einem einzigen köstlichen Paket. Und wenn wir ihr untreu sind, verlieren wir sie. Und du kriegst nie wieder einen Fünfer.
Verdammt, sie ist eine regelrechte Orgie.
Ganz genau.
Eine bedeutungsschwangere Pause. Oh … hmm … na ja.
„Und?“, bohrte Viola nach.
Ach ja. Womit könnte er sie zufriedenstellen? „Ich kann mich nicht wirklich entscheiden. Sie sind alle gleich bezaubernd.“
„Ich weiß, nicht wahr. Ich lasse dir eins in dein Zimmer bringen. Du und deine Hand, ihr könnt Stunden damit verbringen, die Details zu betrachten. Ich hab ein paar kleine Überraschungen einbauen lassen. Gern geschehen.“ Fröhlich vor sich hin pfeifend spazierte sie davon.
Einen Moment lang stand er da und dachte an den gefallenen Engel, der sie so begehrte. Er sollte die beiden wirklich miteinander verkuppeln. Denn mal im Ernst, gab es eine schlimmere Strafe für den Kerl, als bis in alle Ewigkeit damit festzusitzen? Interessanter Gedanke.
Schließlich machte er sich wieder auf den Weg und war nicht im Geringsten überrascht, Anya anzutreffen, die die Bilder von Viola abhängte und gegen welche von ihr austauschte. Mochte die Inneneinrichter-Schlacht beginnen.
„Gwen, Kaia, echt jetzt“, fauchte die (Halb-)Göttin der Anarchie und versuchte relativ erfolglos, einen Bilderrahmen und einen Hammer gleichzeitig festzuhalten, während sie auf einer Leiter balancierte. „Das ist die wichtigste Mission eures Lebens, und ihr hängt bloß tatenlos am Spielfeldrand rum? Bewegt eure Ärsche hierher, ihr faulen Miststücke!“
In der Hoffnung, nicht auch noch rekrutiert zu werden, zog Paris den Kopf ein und ging weiter, ohne anzuhalten. Aus dem Augenwinkel erhaschte er einen Blick auf die Harpyien-Schwestern, die in einem der Schlafzimmer ein lebensgroßes – und ziemlich verzerrtes – Bild von Galen betrachteten. Auf dem Gemälde hatte er Hörner, schiefe Zähne und an jeder Hand drei Finger. Seine Clownsfüße waren viel zu groß für seinen Körper, und anstelle von Genitalien hatte er ein rotes X. Ein sehr kleines rotes X.
Gwen mimte das Spannen einer Armbrust und zielte auf sein Herz, wozu Kaia nur den Kopf schüttelte und auf seine nicht vorhandenen Kronjuwelen zeigte.
Sex begann wieder mit seinem Schnurren. Vielleicht aber auch nur aus Gewohnheit, denn ein paar Sekunden später verklang das Geräusch schon wieder. Und das Beste? Er hatte nicht einmal ansatzweise einen Steifen gekriegt.
In seinem Kopf ertönte ein müdes Seufzen. Wenn wir das mit dieser Beziehung durchziehen, werde ich sie oft brauchen.
Der Dämon war bereit, es zu versuchen. Paris konnte nicht anders, er reckte eine Siegerfaust in Richtung Decke. Glaub mir, das weiß ich. Und wir werden wesentlich öfter mit ihr schlafen als „oft“.
Was für ein verdammt fantastischer Tag. Auf seinem Gesicht breitete sich ein strahlendes Grinsen aus. Oh ja, er hatte eine Menge zu erledigen. Einen netten Plausch mit Cronus, dessen Frau den Hintern versohlen, Galen töten, wenn er gerade am schwächsten war, und Kane finden. Aber erst mal wollte er hören, wie es seinen Freunden in der Zwischenzeit ergangen war, und die neuesten Familienmitglieder besuchen.
Im nächsten Gang stand ein Tisch, auf dem Snacks aller Art aufgetürmt lagen. Im Vorbeigehen schnappte Paris sich einen Apfel und eine Packung von Striders „Red Hots“. Ein Bissen Apfel zusammen mit ein paar der Zimtbonbons, und man hatte einen Mundvoll eines der köstlichsten Geschmäcker überhaupt.
Eine Menge von seinen Jungs hatten sich auf dem Gang vor Ashlyns Zimmer eingefunden, aßen, redeten, lachten und waren entspannter, als er sie seit Langem gesehen hatte. So wie jetzt sollte ihr Leben immer sein, sinnierte er.
William saß in der Ecke, ein dunkelhaariges Mädchen an seiner Seite, und schien eine ernsthafte Diskussion mit ihr zu führen. Gilly war ein Teenager auf der Schwelle zum Erwachsensein und war in ihrer Kindheit unvorstellbar missbraucht worden. Danika hatte sie unter ihre Fittiche genommen, und jedem außer William war das Mädchen mit Misstrauen begegnet. Aus irgendeinem Grund hatte sie den Bastard von Anfang an angehimmelt.
Vielleicht, weil sie noch nicht wusste, dass William kürzlich ihre gesamte Familie abgeschlachtet hatte. Paris fragte sich, wie sie reagieren würde, wenn die Wahrheit ans Licht kam. Und das würde sie; das tat sie immer.
Gilly hatte ihre Mutter, ihren Stiefvater und ihre Brüder gehasst, doch tief in ihrem Inneren hatte sie sie vermutlich auch geliebt, und über so ein Gefühl kam man nur schwer hinweg. Das wahrscheinlichste Szenario: Sie würde verschwinden, und William würde ihr folgen und sie beschützen. Er könnte nicht anders. Das Bedürfnis, zu beschützen, brannte sich einem Mann direkt in die Seele, und sobald er den ersten Funken davon verspürte, war es ebenfalls nur schwer zu vergessen.
Jetzt, da er Blut für sie vergossen hatte, würde dieses Bedürfnis umso stärker werden, wie Paris nur zu gut wusste. Mit jedem Leben, das er ausgelöscht hatte, war sein Drang, Sienna zu erreichen, gewachsen. Doch jetzt hatte er sie gefunden. Sie waren zusammen – und er würde sie nicht wieder gehen lassen.
Als Paris bei den beiden ankam, berührte er das Mädchen an der Schulter, um auf sich aufmerksam zu machen. Überrascht quiekte sie auf, verpasste ihm reflexartig eine Ohrfeige und drückte sich enger an William. Damit sie nicht auf die Idee kam, er wäre sauer oder würde zurückschlagen, hielt Paris den Blick fest auf den anderen Krieger gerichtet. „Was gibt’s Neues von den drei Unsterblichen oben?“
Genauso gut hätte er selbst nachsehen können, ihre Zimmer waren bloß ein paar Türen weiter, doch er wollte es lieber von dem Klatschmaul William hören und Zeit sparen.
Finster erwiderte William seinen Blick. „Verflixt noch mal. Entschuldige dich.“
Verflixt noch mal? „Sie muss sich nicht bei mir entschuldigen.“ Beruhigend grinste er ihr zu. „Mir wurde vor Kurzem mitgeteilt, mein Gesicht sei wie gemacht für Ohrfeigen.“
„Sie hab ich nicht gemeint, ich hab mit dir geredet. Entschuldige dich, dass du sie erschreckt hast.“
Oh. „Sorry, Gilly.“
Sie antwortete mit einem sanften Lächeln. Ein hübsches kleines Ding war sie, mit dunklem Haar und dunklen Augen, leicht gebräunter Haut und der Art von Kurven, die kein Vater an seiner Tochter sehen wollte. „Kein Problem. Meine Schuld. Ich hab vollkommen meine Umgebung vergessen.“
„Na ja, kein Wunder, dass du lieber alles ausblendest, als deine Aufmerksamkeit Williams hässlicher Visage zu schenken.“
Sie kicherte, und Paris wandte sich wieder an William: „Also, die Unsterblichen?“
William zuckte mit den Schultern. „Alles unverändert. Ich hab alles probiert, was mir eingefallen ist, und glaub mir, das war ziemlich beeindruckender Sch… äh, Kram, aber nichts hat funktioniert. Die sitzen fest in ihren Schlafzimmern.“
„Irgendwelche Neuigkeiten von Kane?“
„Äh, ja, die Sache.“ Mit der freien Hand massierte William sich den Nacken. „Er ist am Leben, und er ist in der Hölle, aber nicht mehr in Feindeshand. Wenn ihr ihn allerdings zurückhaben wollt, werdet ihr runtergehen und ihn holen müssen.“
Irgendetwas an seinem Tonfall war seltsam. „Woher weißt du das?“ Nicht einmal Amun hatte die Wahrheit herausfinden können.
„Ich weiß es eben. Morgen zieht der Rettungstrupp los – du bist übrigens nicht eingeladen. Ich schätze mal, sie halten dich für einen irren Psycho, der mit sich selbst rummacht, aber das ist bloß so eine Vermutung.“
Was auch immer. „Wer ist alles dabei?“
„Amun, Haidee, Cameo, Strider und Kaia.“
Fast nur Mädchen. Kampfgruppen-Umstrukturierung oder was? „Du gehst nicht mit runter?“
„Wer’s glaubt, wird selig. Ich meine, na ja, seine Gastgeber haben es quasi zur Bedingung gemacht, damit sie ihn freilassen, aber … Ach nö. Ich glaub nicht. Hab Sachen zu erledigen, weißt schon. Ich und John Frieda werden einen intimen Abend zu zweit verbringen.“
Ein Date mit seinem Conditioner. Na klar. „Wer sind diese Gastgeber? Und warum bestehen sie drauf, dass du mitkommst?“ Auf Williams Absage ging er nicht weiter ein, denn – ganz im Ernst? Das hatte gar nichts zu sagen. Wenn seine Anwesenheit eine Bedingung für Kanes Freilassung war, würde er anwesend sein. Basta.
William blickte zu Gilly hinunter, seine Miene plötzlich sanft und andächtig, und gab ihr einen kleinen Stups. „Sei ein Schatz und besorg mir ein paar Gummibärchen.“
Ihre Augen, normalerweise halb geschlossen zu einem sündhaften Schlafzimmerblick, sobald sie den Krieger ansah, verengten sich. „So was von bevormundend.“ Trotzdem erhob sie sich und stapfte davon, genau, wie er es gewollt hatte, sodass sie ein bisschen Privatsphäre hatten.
„Und pass auf, was du sagst, während du mir meine Süßigkeiten holst“, rief William ihr hinterher. In dem Moment entdeckte Paris die Aufschrift seines T-Shirts. Dort stand in Großbuchstaben Rette eine Jungfrau, nimm mich. „Widerworte sind äußerst unattraktiv.“
„Hast recht. Ich sollte mehr Respekt vor Älteren haben.“ Sie wandte sich nicht noch einmal um, aber über die Schulter zeigte sie ihm den Stinkefinger.
Paris lachte in sich hinein. „Was bringst du dem Mädchen bloß bei?“
Plötzlich ernst, presste William hervor: „Zu überleben. So, um noch mal zum Thema zurückzukommen. Kanes Gastgeber sind zufälligerweise ein paar echt harte Typen, mit denen ich früher da unten zu tun hatte.“
Harte Typen ließ etwas klingeln bei Paris. „Du sprichst von den Reitern der Apokalypse, oder? Denn, na ja, möglicherweise hat Amun erwähnt, dass du ihr Daddy bist.“
„Dieser verdammte Amun.“ In Williams elektrisierend blauen Augen glitzerte das Versprechen auf Vergeltung. „Was für eine feige Tratschtante!“
Jetzt wurde also wieder geflucht, nichts mehr von wegen verflixt?
„Oh, und wo wir gerade bei Tratsch sind“, fuhr William erwartungsvoll fort, „hast du Blut und Gedärme schon gesehen?“
„Was?“
„Knarre und Klappmesser. Mord und Totschlag. Ich gebe ihnen alle paar Stunden neue Namen, das macht’s interessanter.“
Wenn er meinte – aber wie waren ihre richtigen Namen? „Darum bin ich hier. Ich will sie kennenlernen.“
„Hey, warum hast du das nicht gleich gesagt?“ William legte ihm einen Arm um die Schultern und bugsierte ihn durch das Gedränge vertrauter Körper. „Aus dem Weg, ihr Mutanten. Mein Kumpel Paris geht als Nächster rein.“
„Aber ich bin dran“, beschwerte sich Cameo, und er wollte verdammt sein, wenn das kein Quengeln war, das sich da unter das versammelte Leid der Welt in ihrer Stimme mischte. Mit verschränkten Armen stellte sie sich ihnen in den Weg. „Wusstet ihr, dass jedes Jahr siebentausend Babys sterben, weil …“
„Das ist der Grund, warum wir dich überspringen.“ Zuckersüß lächelte William sie an. „Außerdem hab ich diese Satansbraten auf die Welt geholt und wäre dabei fast abgekratzt. Ich bestimme die Reihenfolge, und ich sage, Paris ist der Nächste.“
Cameo blickte finster drein. Sie war eine der schönsten Frauen, die Paris je gesehen hatte. Sogar schöner als Viola, mit langem schwarzen Haar und glänzenden silbergrauen Augen. Lippen so üppig und frisch wie eine Rose.
„Wusstet ihr, dass ungefähr ein Prozent aller Geburten Totgeburten sind?“, fragte sie. Das Quengeln war verschwunden, übrig blieb nur Elend.
Außerdem konnte sie einen echt runterziehen.
Bitte stecht mich ab, dachte Paris. Weil sie die Hüterin des Elends war, reichte allein der Klang ihrer Stimme, um erwachsene Männer in Tränen ausbrechen zu lassen. Dazu noch die unzähligen Todesstatistiken, mit denen sie immer häufiger um sich warf, und die Party war gelaufen.
„Irgendjemand soll dem Mädchen gefälligst einen Lolli besorgen, und dann tief in ihren Mund damit. Aber dalli“, rief William, während er sich mit Paris an ihr vorbei zur Tür drängte. Er machte sich nicht die Mühe zu klopfen, sondern stürmte einfach hinein. „Okay, Ladys. Wir sind dran.“
Neben dem Bett saß Reyes, dunkel und bedrohlich, mit dem blonden Riesen Strider zu seiner Linken. Beide Krieger gurrten den dick eingewickelten Wonneproppen an, den Reyes auf dem Arm hielt.
Ashlyn ruhte halb aufgerichtet im Bett, blass, zittrig und offensichtlich ziemlich schwach. Neben ihr saß Maddox, das zweite Baby im Arm.
„Raus hier“, fügte William hinzu. „Paris will Smith und Wesson sehen.“
„Nenn sie nicht so“, sagte Maddox. Noch nie hatte Paris den Hüter der Gewalt mit so sanfter Stimme sprechen hören. Es war schockierender als ein Schlag ins Gesicht.
„Wie soll ich sie denn sonst nennen? Übel und Gefährlich? Sam und Max? Nee, der gefällt mir nicht. Black and Decker? Alter, diese Bälger sind knallharte Gangster. Die brauchen Wahnsinnsnamen, nicht diesen Sch… Mist, den ihr euch ausgesucht habt.“
Langsam stand Reyes auf, wartete, dass William zu ihm kam, und legte ihm das Bündel sanft in die Arme. Im Hinausgehen klopfte der dunkelhaarige Krieger Paris auf die Schulter, und Strider tat dasselbe. Bloß dass er außerdem kurz anhielt und sagte: „Wir treffen uns im Kraftraum, wenn du fertig bist“, bevor er verschwand.
Paris nickte und kämpfte gegen das Gefühl einer dunklen Vorahnung an. Dann waren die beiden fort, die Tür geschlossen, und er blendete das bevorstehende Gespräch aus. Neugierig ging er zu William, der sich pudelwohl zu fühlen schien mit so einem zerbrechlichen kleinen Ding auf dem Arm. Nur ganz insgeheim hatte Paris sich gestattet, von einer Familie zu träumen, denn auf keinen Fall wollte er ein Kind mit einem One-Night-Stand. Jetzt, mit Sienna, der ihre Chance auf Mutterschaft genommen worden war …
Er wollte ihr das hier geben.
Neben William blickte er neugierig auf das erste halb menschliche, halb dämonische Kind, das zu ihrer Crew dazugekommen war – und was er sah, verpasste ihm beinahe einen Herzstillstand.
„Eine bezaubernde kleine Teufelin, oder?“, meinte William und strahlte sie an. Er kitzelte sie am Bauch. „Oh ja, das ist sie. Ja, ja, wirklich wahr.“
Fröhlich glucksend wedelte das Baby mit den kleinen Fäusten. Die Augen des Mädchens waren offen und klar, leuchteten in einem glühenden Orange-Gold und blickten beängstigend intelligent drein – trotz der Tatsache, dass sie William schlicht anzubeten schien. Und ja, sie war bezaubernd. Schon jetzt hatte sie den Kopf voller honigblonder Locken. Aber der wahre Schocker? Sie hatte den ganzen Mund voll Zähne. Und zwar verdammt scharfe. Und diese süßen kleinen Fäustchen? Statt Fingernägeln hatte sie gebogene Krallen.
„Wird sie jemals so tun können, als sei sie ein Mensch?“, fragte er leise, damit die vermutlich empfindliche Mutter es nicht hörte.
„Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht“, antwortete Ashlyn trotzdem. „Die Zeit wird’s zeigen. So oder so, sie sind beide schöner, als ich sie mir je hätte vorstellen können.“
Kein Wunder, dass sie ihn gehört hatte. Sie mochte zwar ein Mensch sein, doch sie konnte jede Unterhaltung hören, die an einem Ort geführt worden war, egal, wie lange es her war. Das war ihr Fluch. Wenn das mal nicht ein Traum für die Zwillinge war – eine Mom, vor der man nichts verbergen konnte.
„Wie heißt sie?“, fragte er.
„Ever“, sagte William mit deutlichem Abscheu.
Ever streckte eine Siegerfaust in die Luft. Aus Stolz? Oder Zorn?
„Der Name ist perfekt, genau wie sie“, stellte Ashlyn fest. Ihre Lider flatterten, als hätte sie Schwierigkeiten, sich wach zu halten.
„Na los, schlaf, Liebling. Ich kümmere mich um alles.“
„Danke“, sagte sie seufzend, und schon rollte ihr Kopf zur Seite.
„Willst du sie mal halten?“, fragte William.
„Ashlyn? Nein danke.“ Maddox würde ihm den Schädel einschlagen, genauso wie Paris jedem den Schädel einschlagen würde, der versuchte, Sienna zu halten. Nicht, dass irgendjemand außer William und vielleicht noch Lucien sie im Augenblick sehen könnte.
William verdrehte die Augen. „Du weißt, was ich gemeint hab. Das Baby. Ever.“
„Oh, äh, klar. Ich wusste absolut, was du meinst.“
„Müsst ihr so laut sein?“, fuhr Maddox sie mit dieser leisen, sanften Stimme an, die so gar nicht zu seinen harten Zügen passte.
Paris hob abwehrend die Hände und flüsterte: „Auf gar keinen Fall halte ich den Winzling.“ Er war einfach zu groß, zu hart, um irgendetwas anderes zu tun, als das kleine Mädchen zu verletzen. Außerdem knurrte Ever in seine Richtung, fletschte die winzigen Fangzähne und war offensichtlich sehr glücklich, wo sie war.
Er ging um das Bett herum, wo Maddox den Jungen im Arm hielt. Natürlich strahlte der Krieger vor Stolz, als er das Laken zurückzog, um das Gesicht des Kleinen zu zeigen. Genau wie Ever sah das Baby aus, als wäre es schon Monate alt. Sein Haar war schwarz, und seine Augen hatten den gleichen violetten Ton wie die seines Vaters – mit einem diamantharten Glitzern darin. Zwei kleine Hörner ragten aus seinem Schädel hervor, und auf den Händen hatte er an manchen Stellen Schuppen, schwarz und glatt wie Glas.
Mit konzentrierter Intensität betrachtete der Junge Paris. Und Paris zweifelte keine Sekunde lang daran, dass der Kleine ihn innerhalb eines Herzschlags durchschaut hatte, all seine Schwächen und Makel kannte, genau, wie seine schlechten Angewohnheiten, und sich gerade auf den Angriff vorbereitete.
„Wie ist sein Name?“
„Urban“, antwortete William, bevor Maddox es konnte, und wieder lag Abscheu in seinem Ton.
Ever und Urban. Niedlich, auf eine verschrobene Hollywoodart. „Warum habt ihr gerade diese Namen ausgesucht?“
„Haben wir nicht“, sagte Maddox. „Das waren sie.“
Paris’ Augen weiteten sich. „Sie können sprechen?“
„Nein, aber sie können sich sehr gut verständlich machen.“
Und das sollte … wie funktionieren? „Äh, ich hab gehört, die Geburt war schwierig. Wie hat William die Kuh vom Eis geholt?“
Maddox versteifte sich, während William den Kopf schüttelte und Ever in das Körbchen neben dem Bett legte. Als er sich wieder aufrichtete, fuhr er sich mit gestreckten Fingern quer über die Kehle – die universelle Geste für „Halt sofort die Klappe“.
„Dieser verflixte götterverbrannte Hundesohn hat meine Frau aufgeschnitten, die Babys rausgerissen und sie wieder zusammengenäht.“ Maddox’ Nasenflügel bebten heftig. „Ohne Betäubung.“
William knackte mit dem Kiefergelenk. „Es war keine Zeit mehr. Sie waren dabei, sich aus ihr rauszugraben, und wenn ich noch länger gewartet hätte, wäre deine Ashlyn hundertprozentig gestorben. Und besser ein einzelner Schnitt, als von innen zerfetzt zu werden. Übrigens: Gern geschehen. Sie sind alle drei am Leben.“
So viel also dazu. Wie ein Feigling verzog Paris sich und überließ William dem Zorn des frischgebackenen Vaters. Er machte sich auf den Weg zum Kraftraum im Erdgeschoss des Schlosses. Wie versprochen war Strider bereits dort und rannte auf dem Laufband wie ein Besessener. Was er ja auch war.
Das blonde Haar klebte ihm am Kopf, und Schweiß rann ihm über die gebräunte Haut.
Am anderen Ende des Raums war der weißhaarige Torin beim Bankdrücken. Unter dem Gewicht, das er da stemmte, hätte eigentlich der Marmorfußboden splittern müssen. Einen Moment lang war er vor Schock wie festgenagelt. Torin mischte sich nie unter die Leute, hatte viel zu viel Angst, jemand könnte ihn aus Versehen berühren.
Wie war er überhaupt hierhergekommen? Das Letzte, was er gehört hatte, war, dass Krankheit Luciens Angebot, ihn herzubeamen, ausgeschlagen hatte. Und wann zur Hölle hatte Torin sich diese mörderischen Muskeln antrainiert? Normalerweise hockte er allein in seinem Zimmer, von Kopf bis Fuß in Schwarz eingehüllt. Jetzt, ohne Shirt, sah Paris, dass der Krieger einen Körper hatte, mit dem selbst Paris nicht mithalten konnte.
Beide Männer hielten inne, als sie sein Eintreten bemerkten. Paris legte das Pistolenholster und die Messer ab, zog sich das T-Shirt über den Kopf und deponierte alles zusammen auf einer Bank, bevor er zu dem Laufband neben Strider ging.
„Worüber wolltest du mit mir reden?“ Er drückte ein paar Knöpfe, dann hob sich das Ding und begann zu laufen, mutete ihm eine zermürbende Steigung zu und erforderte ein Sprinttempo, das sich unglaublich gut anfühlte. Schon ewig hatte er nicht mehr so trainiert.
„Was höre ich da für Geschichten über dich und eine unsichtbare Jägerin in unserem Revier?“, fragte Strider und fing ein Handtuch auf, das Torin ihm zugeworfen hatte. Er trocknete sich das Gesicht ab, den Blick weiter unverwandt auf Paris gerichtet. „Die Jägerin, die jetzt Zorn in sich trägt, möchte ich hinzufügen.“
Ich hätte es wissen müssen. „Sie ist keine Jägerin, nicht mehr, und ihre Anwesenheit steht nicht zur Diskussion.“
„Und wie sie das tut. Meine Frau ist hier, verdammt.“
„Ganz genau, und deine Frau kann ganz gut auf sich aufpassen.“
Stolz flackerte in Striders dunkelblauen Augen auf. „Wohl wahr. Aber die Tatsache bleibt, dass ein unsichtbarer Feind immer noch der gefährlichste ist. Deine Kleine kann jedem hier ungeahnten Schaden zufügen.“
Paris drehte die Geschwindigkeit noch ein paar Tausend Stufen hoch, bis seine Stiefel so heftig auf das Band hämmerten, dass das ganze Gerät ratterte. „Sie hat nicht vor, uns etwas zu tun.“
„Äh, ich muss dann mal ein paar Kabel legen“, erklang Torins Stimme hinter ihnen. „Macht euch ruhig übereinander her, Jungs.“ Schritte, und dann waren sie nur noch zu zweit.
„Du willst mir ernsthaft erzählen, dass das Mädchen, das dich unter Drogen gesetzt und dann zugesehen hat, wie du gefoltert wurdest, keine Bedrohung mehr für dich oder sonst irgendwen darstellt?“, fragte Strider skeptisch. „Also bitte.“
„Wir haben das geklärt.“ Auch er begann zu schwitzen, tropfte langsam vor sich hin. Seine Muskeln brannten herrlich, liebten die Herausforderung.
„Ja klar, im Bett, aber das bedeutet bloß, dass du mit was anderem denkst als mit dem Ding zwischen deinen Ohren. Das muss dir doch klar sein.“
Fordere ihn nicht heraus, fordere ihn nicht heraus, wage es ja nicht, ihn herauszufordern. Mit Strider musste man vorsichtig sein. Sein Dämon nahm jede Andeutung einer Konfrontation persönlich, und dann musste Strider es austragen, alles in seiner Macht Stehende tun, um seinen Gegner auszuknocken, oder er würde tagelang leiden.
„Haidee hat jeder akzeptiert“, erinnerte Paris ihn, „und sie war auch eine Jägerin.“
„Jetzt ist sie die lebende Verkörperung der Liebe. Es fällt schwer, sie nicht zu mögen und ihr zu vertrauen. Aber dein Mädchen können wir weder sehen noch hören. Können ihre Worte und Taten nicht selbst beurteilen. Können nicht sehen, wie sie mit dir umgeht. Und muss ich dir wirklich noch mal die Hör-auf-mit-deinem-Schwanz-zu-denken-Predigt halten?“
Dunkelheit … erhob sich … „Ich bitte dich, aufzuhören“, sagte Paris, „bevor das hier hässlich wird und wir es auf die harte Tour austragen müssen.“ Wenn er eine Herausforderung aussprechen musste, um Strider davon abzuhalten, über seine Frau herzuziehen, würde er es tun.
Schweigen. Dann ein gepresstes: „Ich fühle …“
„… beim Pinkeln so ein Brennen?“ Jetzt bist du einfach nur gemein.
„Echt erwachsen“, murmelte Strider, aber er beruhigte sich ein wenig. „Du und ich, wir haben eine gemeinsame Vergangenheit. Mehr als die anderen wissen, mehr als wir beide jemals eingestehen wollen. Aber wir wissen beide, dass das einer der Gründe ist, warum sich unsere Wege getrennt haben, als die beiden Gruppen für eine Weile allein umhergezogen sind – ich mit Sabin und du mit Lucien.“
Hitze brannte in Paris’ Wangen, und das Gefühl hatte nichts mit körperlicher Anstrengung zu tun. „Wir haben abgemacht, wir würden niemals wieder darüber sprechen oder daran denken.“ Und er hatte sich immer daran gehalten.
„Die Zeiten ändern sich offenbar. Du warst schwach, lagst im Sterben. Weit und breit waren keine Menschen, und du hast dich geweigert, dir von irgendeinem von uns helfen zu lassen.“
„Halt die Klappe.“ Sein fantastischer Tag verabschiedete sich gerade endgültig. „Halt einfach die Klappe.“
„Also hat mein Dämon die Herausforderung angenommen, und ich hab mich um dich gekümmert. Jetzt bitte ich dich, dich ebenfalls um deine Freunde zu kümmern. Werd das Mädchen los“, fuhr Strider fort und ignorierte Paris einfach. „Uns fehlt noch ein Artefakt, genau eins, und wenn wir das zurückhaben, können wir endlich nach Pandoras Büchse suchen. Wir können uns endlich erlösen. Sie dagegen kann uns nicht nur ausspionieren, bestehlen und unseren verwundbareren Familienmitgliedern Schaden zufügen, sondern auch unsere Zukunft zerstören. Denk bitte drüber nach. Für mich.“
Strider warf sein Handtuch in den Wäschekorb und stapfte davon.