10. KAPITEL

Reißzähne bohrten sich in seine Arme. Klauen in seine Beine. Hörner stießen ihm in den Bauch. Eine Weile lang hatten einige der Steinmonster ihn bestiegen wie die Hunde, während ihre Freunde versuchten, ihn anzuketten. Nicht würgen. Eigentlich hätte er ihnen erlaubt, ihn zu fesseln – hätte er nicht Sienna gesehen. Sie war hier. Am Leben. Ohne Fesseln.

Sie hatte ihn angesehen, hatte seinen Blick erwidert und eine unglaubliche Traurigkeit verströmt. Traurigkeit und Reue und sogar Entsetzen. Die Hornbrille, die sie damals getragen hatte, war fort, wahrscheinlich war ihre Sehkraft im Leben nach dem Tod perfekt – aber ihre Züge waren noch dieselben. Große haselnussbraune Augen, volle rote Lippen. Mahagonifarbenes Haar, das ihr mittlerweile bis zur Taille reichte.

Seine Frau. Seine. Einer nach dem anderen hatten seine Freunde sich verliebt, und er war so neidisch gewesen. Doch hier war sie nun, die Frau, die ihn faszinierte wie keine andere. Er hatte gedacht: Ich muss zu ihr … muss dieses Entsetzen auslöschen …

Sex hatte gedacht: Ich muss sie haben.

Jetzt zog sich der Dämon in den hintersten Winkel seines Geistes zurück, der Feigling, während Paris sich unter den Gargoyles hervorkämpfte, um hinter ihr herzulaufen. Einen Augenblick später überliefen ihn seine Angreifer erneut, jetzt noch verbissener. Er warf sie ab, erst einen, dann noch einen, dann wieder einen, schleuderte die spröden Steinkörper gegen die Wände. Sekundenschnell erholten sie sich und griffen ihn wieder an. Mehr Klauen, mehr wild zustoßende Hörner.

Sie verlangsamten sein Vorankommen, doch sie konnten ihn nicht aufhalten. Aber er war schwach und wurde kontinuierlich schwächer, denn er hatte den ganzen Tag noch keinen Sex gehabt. Wenn er so überlegte, wahrscheinlich auch gestern nicht. Er hatte es bereits vergessen. Es spielte keine Rolle. Sienna war hier, und bei ihrem Anblick war er augenblicklich hart geworden.

Er könnte wieder mit ihr schlafen. Daran gab es keinen Zweifel mehr.

Er musste es nur bis zu ihr schaffen.

Als sich in ihm die Dunkelheit erhob und seinen Geist mit Gedanken an Zerstörung und Tod vernebelte, wehrte er sich nicht mehr dagegen. Er ließ zu, dass sie ihn immer weiter auf den Punkt zutrieb, an dem nichts mehr eine Rolle spielte außer den Hindernissen in seinem Weg. Diese Steinfiguren wollten ihn von seiner Frau fernhalten. Sie verdienten es nicht, zu leben.

Einen Schritt, zwei, drei, schleppte er sich zurück in den Ballsaal, die Wesen in seine Oberschenkel gekrallt, in seine Waden, festgeklammert an seinen Fußknöcheln. Die ganze Zeit über prügelte er auf Köpfe ein, trat und stach nach Körpern. Stein krachte. Splitter rieselten zu Boden.

„Sienna! Wo …“

Sie fegte um die Ecke, wenige Meter von ihm entfernt, das dunkle Haar wirr, die braunen Augen wild leuchtend. Augenblicklich spielte sich alles nur noch in Zeitlupe ab, und er nahm Details wahr, die ihm bisher entgangen waren. Ihre Lippen waren voller als sonst, geschwollen, und in ihren Mundwinkeln klebte getrocknetes Blut. Auf ihrer Wange blühte ein Bluterguss, ein schwarzblaues Zeugnis der Schmerzen, die sie hatte ertragen müssen. Einer ihrer nachtschwarzen Flügel stand in einem unnatürlichen Winkel ab, offensichtlich gebrochen.

Sie war verletzt. Jemand hatte sie verletzt.

Brüllend warf er zwei weitere Steinmonster ab. Das nächste packte er beim Hals und schlug, schlug, schlug darauf ein, hieb ihm ein Loch in die Wange, aus dem immer mehr Steinsplitter zu Boden fielen. Und immer noch kämpfte die Kreatur gegen Paris an, schlug die Zähne in die Faust, die sie festhielt.

„Lass dich von ihnen fesseln“, rief Sienna. „Bitte, lass sie einfach machen.“

Sie wollte ihn gefesselt sehen? Hasste sie ihn so sehr, wie er gefürchtet hatte? Egal. Ihre Bitte fegte er beiseite, seine Entschlossenheit ungebrochen. Muss töten … Knack, krach. Feind muss sterben. Krach, krach, klirr. Hindernisse auslöschen. Knack, klirr. Trümmer flogen in alle Richtungen. Mittlerweile hatten die Wasserspeier ihren Durst nach Befriedigung vergessen, oder was auch immer sie dazu getrieben hatte, sich an seinem Körper zu reiben. Jetzt gingen sie voll zum Angriff über.

Endlich war Sienna bei ihm, mit ihrem Duft nach Wildblumen und … Ambrosia? Tief atmete er ein. Oh ja. Das süße, süße Parfüm von Ambrosia durchdrang ihn völlig, überschattete alles andere, selbst seinen Drang zu töten. Oh, brauchte er jetzt einen Schuss. Und wie er den brauchte. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, doch gleichzeitig fragte er sich, warum sie nach einer Droge der Unsterblichen riechen sollte. Einer Droge, der er vor Kurzem abgeschworen hatte, als er bei einem Kampf verletzt worden war, den er nüchtern gewonnen hätte. Durch seine Verletzungen hätte er fast ein Treffen mit einer Göttin verpasst, die ihm seine Kristalldolche verkauft hatte, und in jener Sekunde hatte er beschlossen aufzuhören. Glücklicherweise hatte er den schlimmsten Teil des Entzugs schon hinter sich; das konnte er sich nicht noch einmal leisten. Nichts wäre mehr von Bedeutung für ihn außer seinem nächsten Schuss.

Ich will sie. So nah, wie sie jetzt war, wurde Sex munter, pumpte Kraft in Paris’ Körper und veränderte auch den Fokus seiner Gedanken. Muss sie berühren … Muss sie besitzen …

Ausnahmsweise waren sie sich mal einig.

„Du musst dich von ihnen fesseln lassen.“ Als sie versuchte, zwei der Steinmonster von ihm loszureißen, gingen sie auf sie los, schlugen ihre Klauen in sie, bissen sie, rammten ihre Köpfe gegen ihren Körper. Unter ihrem Gewicht ging sie in die Knie.

Ein weiteres Brüllen entrang sich seiner Kehle. Sie hatte versucht, ihn zu retten? Der bloße Gedanke war unvorstellbar. Ohne die Biester zu beachten, die ihn zu fesseln versuchten, befasste er sich mit denen, die auf ihr herumkletterten. Packte eins und schleuderte es fort. Noch eins, weg damit.

„Lauf!“, befahl er ihr.

Sofort gingen die Viecher wieder auf ihn los. Er versuchte, sie aus dem Weg zu stoßen, ihr einen Gang zu bahnen, doch sie lief nicht fort. Keuchend lag sie da, rührte keinen Finger, versuchte nicht einmal, sich zu schützen.

Mit Tränen in den Augen flehte sie ihn an. „Bitte, Paris. Halt still. Wehr dich nicht.“

Der heiße Atem stockte ihm in der Kehle, alles in ihm schrie danach, weiterzukämpfen, allem wehzutun, das ihm im Weg stand. Doch er stemmte die Fersen in den Boden, steckte seine Dolche weg und senkte die Arme. Sie hatte versucht, ihn zu retten; er würde ihr vertrauen.

Er würde sich ergeben.

Einen Moment lang nutzten die Biester das voll aus und umschwärmten ihn wie die Fliegen den Honig. Ruhig. Wie Sienna blieb er reglos liegen. Unglaublich, aber wahr – bald schon ließ ihr Kampfdurst nach. Die Steinfiguren packten ihn bei den Armen und begannen erneut, ihn auf das Gefängnis zuzuschleifen, in dem sie bereits William festgekettet hatten.

Sienna rappelte sich auf und folgte ihnen, ohne den Blick auch nur einmal von ihm zu wenden. Und das war auch gut so. Hätte sie es getan, wäre er wieder explodiert. Nicht mal das bisschen darf ich verlieren.

„Wenn sie dich erst angekettet haben, lassen sie dich in Ruhe.“ Schmerz schwang in ihrer bebenden Stimme mit. „Sie müssen einfach ihre Aufgabe erfüllen, danach kannst du tun, was du willst.“

Ich will sie …

Trotz seiner Verletzungen wurde er wieder hart, und der Duft seines Dämons strömte von ihm aus, edle Schokolade vermischt mit teuerstem Champagner. Hätte er noch einen Beweis gebraucht, dass er diese Frau ein weiteres Mal haben konnte, das wäre er gewesen. Er konnte sie so oft haben, wie er nur wollte, sooft sie es ihm erlaubte. Ehrfurcht erfüllte ihn. Er war frei.

Er war verloren.

Endlich war er bei der Frau, die er mehr als jede andere begehrte.

Die Monster, die ihn nicht an Armen und Beinen gepackt hielten, sprangen ihn an und rieben sich erneut auf diese abartige Weise an ihm. Diesmal noch härter, entschlossener. Offenbar konnte nicht einmal ihr Drang, ihre Pflicht zu erfüllen, die Anziehungskraft seines Dämons außer Gefecht setzen. Er blendete sie aus, konzentrierte sich nur auf Sienna.

Sie war hier – dieses Gedankens würde er nie müde werden –, und sie war atemberaubend bezaubernd, die Essenz der Weiblichkeit. So dreckig und blutverschmiert sie auch war, nie hatte er eine wundervollere Frau gesehen. Selbst über die lange Trennung hatte er sie sich nicht schöner geredet, als sie war. Im Gegenteil, er war ihr nicht einmal gerecht geworden. In diesen haselnussbraunen Augen schimmerten kupferne und smaragdene Einsprengsel, Sommer und Winter aufs Köstlichste vereint, umrahmt von langen schwarzen Wimpern. Ihre Lippen waren wie geschwollen, jede Sünde wert. Die Art Lippen, für die Frauen Schönheitschirurgen bezahlten – und Männer Frauen.

Ihr Haar war weder zu dunkel noch zu hell, sondern glänzte in einer perfekten Nuance von Rotbraun, durchzogen von Strähnen in schimmerndem Gold. Mittlerweile trug sie es länger als zuvor, in Wellen so faszinierend wie der Ozean.

Ihre Sommersprossen waren etwas verblasst, aber so zahlreich wie eh und je, eine Schatzkarte für seine Zunge. Der Rest ihrer Haut, in der Farbe von Sahne und Rosenblüten, schimmerte, als trüge sie die Sonne in sich. Schlank und elegant war ihr Körper, so graziös wie der einer Ballerina. Ihre Brüste waren klein, aber sie würden perfekt in seine großen Hände passen, während er ihre Nippel leckte. Die langen Beine würde sie um seine Hüfte schlingen und ihn damit fest an sich drücken.

Meine, dachte er. Meine.

Nimm sie. Sex hatte das Will und Brauche drangegeben und versuchte es jetzt mit Befehlen. Als würde Paris ihm da widersprechen. Doch eine Frage quälte ihn: Würde es ihn tatsächlich stärken, wenn er noch einmal mit ihr schlief?

Hinter der nächsten Ecke wartete William – und grinste Paris mit einem süffisanten Ich-hab’s-dir-doch-gleich-gesagt-Ausdruck in den elektrisierend blauen Augen an. Er hatte sich bereits von seinen Ketten befreit und winkte, als Paris an ihm vorbeigeschleift wurde. Die Biester schenkten ihm keine Beachtung, klammerten sich weiter an Paris und bestätigten Siennas Behauptung. Endlich entspannte Paris sich. Er stand so kurz davor, sie zu halten, sie zu berühren, wie er es sich erträumt hatte.

Oh, die Sachen, die er mit ihr anstellen wollte …

Vielleicht würde sie ihn von sich stoßen, vielleicht auch nicht. So oder so, endlich würde er es herausfinden.