SECHS
Athelstan und Cranston blieben noch eine Weile stehen und erörterten die verschiedenen Möglichkeiten, wie Alcuin verschwunden sein mochte, ehe sie in die Mitte des Chores zurückgingen.
»Ich habe Hunger«, murrte Cranston.
»Ihr habt immer Hunger. Aber Ihr müßt Euch noch etwas ansehen, bevor wir essen.«
Sir John zog einen Schmollmund wie ein kleiner Junge, der seine Süßigkeiten nicht bekommt.
»Mylord Coroner«, fügte Athelstan geduldig hinzu, »Ihr seid hierher gerufen worden, um zu ermitteln. Und was tut ein Coroner?«
Cranston lehnte sich an die Wand. »Er untersucht den Leichnam«, sagte er. »Was hast du vor, Athelstan? Willst du Bruder Bruno ausgraben?«
»Nein. Aber Callixtus liegt aufgebahrt und wartet auf seine Beerdigung.«
»Na los, Athelstan«, knurrte Cranston. »Erst die Arbeit, dann das Essen.«
Sie verließen die Kirche und gingen durch den Kreuzgang zum Refektorium, wo ein alter Laienbruder Wache stand. Athelstan winkte ihn zu sich.
»Ich bitte um Entschuldigung«, wisperte er, »aber sei doch so freundlich und sag dem Pater Prior, daß Sir John Cranston Bruder Callixtus' Leichnam sehen muß.« Der Laienbruder schaute überrascht, ging aber auf Athelstans Drängen ins Refektorium. Athelstan blieb in der halboffenen Tür stehen und sah, wie das Kerzenlicht die Schatten flackern ließ. Er hörte, wie der Lektor aus dem Leben der Heiligen vorlas, während die restliche Gemeinschaft schweigend aß; nur das Klappern der Töpfe und das Tappen sandalenbeschuhter Füße unterbrach die friedliche Stille. Der Laienbruder kam zurück.
»Pater Prior ist einverstanden«, gab er bekannt. »Bruder Callixtus liegt in der Krankenstube, und ich soll Euch hinbringen.«
Die Krankenstube befand sich etwas abseits von den übrigen Gebäuden. Ein Bruder mit weißer Schürze über der Kutte begrüßte sie und führte sie zur Rückseite des Hauses, wo ein kleiner, mit Kalk ausgestreuter Raum als Leichenkammer diente.
»Wir haben getan, was wir konnten«, sagte der Krankenbruder. »Am Samstag wird Bruder Callixtus beerdigt.« Er winkte sie zu dem einsamen Tisch, den ein weißes, purpurgesäumtes Leichentuch bedeckte. Athelstan schlug das Laken zurück. Callixtus' Leib war gewaschen und in die Kutte eines Dominikanermönchs gehüllt worden, aber die Todesursache war doch offenkundig. Sein schmales, säuerliches Gesicht war von blauschwarzen Blutergüssen bedeckt. Athelstan betrachtete die verkniffenen Züge. Schon war die Nase spitz geworden, die Wangen eingefallen und die Augen in die Höhlen zurückgesunken. Mitgefühl wallte auf, als er sich an Callixtus in der Blüte seiner Jahre erinnerte, an seinen scharfen Verstand und seinen spöttischen Humor. Aufmerksam untersuchte er die klaffende Wunde an der Schläfe des toten Bruders. Der Einbalsamierer hatte sein Bestes getan, aber Athelstan sah, wie tief die Wunde war, scharfkantig und breit wie eine Ackerfurche.
»Bruder!« rief er. »Hast du den Toten aus der Bibliothek geholt?«
»Ja.«
»Und war er mit dem Kopf auf die Steine oder auf einen scharfkantigen Gegenstand geschlagen?«
»Er lag einfach auf dem Boden.«
»Was hast du denn gefunden?« Cranston kam näher. Ihm war ein bißchen flau; sein Magen war leer, und er rümpfte die Nase ob des sauren Geruchs hier im Raum. »Seht doch, Sir John. Bruder Callixtus hat sich bei seinem Sturz Gesicht und Kopf blaugeschlagen, aber ich vermute, die tödliche Verletzung ist das hier.« Er deutete auf die tiefen Wunden an Callixtus' Schläfe und schlug dann das Tuch wieder über den Leichnam. »Ich will damit sagen«, flüsterte er, »daß Callixtus abgestürzt ist, aber danach mit etwas Scharfkantigem geschlagen wurde. Ach« - Athelstan wandte sich an den Krankenbruder —, »als du Bruder Brunos Leiche aus der Krypta holtest, brannte da die Fackel?«
»Natürlich, sonst herrscht da nachtschwarze Finsternis. Alcuin hatte den Toten entdeckt. Ah!« Der Krankenbruder hob rasch die Hand an den Mund. »Ja, ich fand das merkwürdig.«
»Was?«
»Alcuin entdeckte den Toten, aber erst, nachdem er selbst die Fackel angezündet hatte. Ich entsinne mich, daß er das erwähnte.« Der Bruder legte das Gesicht ratlos in Falten. »Wieso ist Bruno bloß in diesem finsteren, schwarzen Loch herumgestolpert?«
»Diese Frage kann nur Alcuin beantworten«, erwiderte Cranston knapp. Er schaute Athelstan an. »Also birgt ein Mann, der jetzt verschwunden ist, das Geheimnis von Brunos Tod.«
Sie bedankten sich bei dem Krankenbruder. Athelstan bat den Laienbruder, sie zur Bibliothek zu führen, und ließ dort, allen Protesten des Mannes zum Trotz, sämtliche Kerzen anzünden. Dann ging er zu der hohen, schmalen Leiter, die an den dunklen Regalen lehnte. Er bemühte sich, Cranstons bewunderndes Gemurmel zu ignorieren; dieser Raum barg süße Erinnerungen für Athelstan. Hier an diesen Tischen in einer der schönsten Bibliotheken des Reiches hatte er als junger Mönch studiert. Der satte Geruch von Leder und der süße Duft frisch getrockneter Manuskripte ließen tiefe Wehmut in ihm wach werden, und plötzlich hatte er einen Kloß in der Kehle. Aber hier hatte er auch den Entschluß gefaßt, das Kloster zu verlassen und mit seinem Bruder nach Frankreich in den Krieg des Königs zu ziehen. Hastig schaute er sich um. Waren die Geister hier? Der Geist seines Bruders oder die seiner Eltern, die später an gebrochenem Herzen gestorben waren? Athelstan blinzelte heftig und packte die Leiter.
»Seht Ihr, Sir John, Callixtus ist hier hinaufgestiegen. Er rutschte ab und fiel.« Athelstan deutete auf den Boden. »Die Steinplatten sind eben, und es gibt nirgends eine scharfe Kante. Sir John, würdet Ihr dem Laienbruder helfen, alle Kerzenleuchter zusammenzutragen?«
»Wieso?« wollte Cranston wissen. »Bruder, was um alles in der Welt hast du vor?«
Athelstan hielt einen Finger hoch. »Denkt nach und überlegt. Ich wende die Lektion an, die Ihr mich gelehrt habt. Callixtus' Kopf zerschmetterte an einem scharfkantigen Gegenstand. Von den Kanten der Tische und Stühle abgesehen, sind die einzigen scharfkantigen Gegenstände in dieser Bibliothek die Kerzenleuchter.«
Sir John zuckte die Achseln und half dem Laienbruder, sämtliche Kerzenhalter in die Mitte eines langen Studiertisches zu stellen. »Er könnte auf die Tischkante aufgeschlagen sein«, gab er zu bedenken.
Athelstan stand neben der Leiter und schüttelte den Kopf. »Unsinn, Sir John. Die Regale stehen auf der einen Seite des Scriptoriums, die Tische auf der anderen. Wenn Ihr hier oben von der Leiter fallt, schlagt Ihr auf dem Steinboden auf.« Athelstan grinste. »Das könnten wir jederzeit ausprobieren.«
»Diese Leiter trägt mein Gewicht nicht«, knurrte Cranston und stellte die Kerzenleuchter dröhnend auf den Tisch. Endlich war er fertig. Athelstan ging zu einem großen Eichenholzschrank gleich neben der Scriptoriumstür. Er wühlte in den Fächern herum, schob Tintenhörner und Pergamentrollen hin und her, bis er eine kleine, hölzerne Dose gefunden hatte. Er nahm ein großes, rundes Stück Glas heraus.
»Was ist das?« fragte Cranston, als Athelstan damit zum Tisch zurückkam.
»Ein Glas, das vergrößert, Sir John. Wir benutzen es oft zum Studium von Manuskripten, wenn die Schrift verblaßt, eng oder klein ist. Eine feinsinnige Erfindung, die von den Arabern benutzt wird. Seht.« Athelstan hielt das Vergrößerungsglas an den Fuß eines Kerzenhalters, und Cranston sah mit einem Ausruf des Entzückens, wie es den dicken Metallrand größer erscheinen ließ.
»Also«, sagte Athelstan, und untersuchte aufmerksam nacheinander jeden Kerzenhalter im gesammelten Licht der anderen.
Der Laienbruder trat besorgt von einem Fuß auf den anderen. »Da tropft aber eine Menge Wachs auf den Boden«, klagte er.
»Dann putz es weg!« kläffte Cranston.
Der Mann hastete davon, und Athelstan setzte seine Untersuchung fort.
»Ah!« Er zog einen Kerzenleuchter heran und reichte Sir John das Vergrößerungsglas. »Schaut hin, Mylord Coroner, und der Mord wird Euch ins Gesicht starren.«
Cranston gehorchte.
»Bei allen Zitzen des Satans!« murmelte er und kam noch näher. »Blutflecke! Und Haare!«
Athelstan nahm ihm Glas und Kerzenleuchter ab. »Blut von Callixtus, Haare von Callixtus. Der arme Bruder ist nicht einfach von der Leiter gefallen. Er wurde heruntergestoßen und dann mit diesem Kerzenleuchter totgeschlagen. Lösch die Kerzen«, rief er dem Laienbruder zu. »Und stelle alles wieder an seinen Platz. Ich danke dir für deine Hilfe. Der Pater Prior wird davon erfahren.«
Athelstan nahm den Kerzenleuchter und führte Cranston zurück zum Gästehaus, wo Bruder Norbert dabei war, den Tisch zu decken. Er warf einen überraschten Blick auf den Leuchter und machte den Mund auf, um Fragen zu stellen, aber Cranston packte ihn fest bei der Schulter. »Bruder!« grollte er. »Mein Bauch ist so leer wie die Börse einer Hure. Ich brauche Nahrung. Gutes Fleisch, Brot und ein bißchen von diesem Met.«
Er schob dem jungen Novizen seinen weißen Schnurrbart so dicht unter die Nase, daß Norbert fürchten mußte, Sir John werde ihn auffressen; beinahe im Laufschritt verließ er das Gästehaus, und als Athelstan aus der Kammer im Obergeschoß herunterkam, war er schon zurück und hatte Schüsseln mit dampfendem Fleisch gebracht, dazu frisch gebackenes, in Tücher gewickeltes Brot und zwei große Zinnhumpen. Er stellte das Mahl auf den Tisch und verschwand eilig. »Komm schon, Athelstan«, knurrte Cranston, setzte sich und verteilte die Teller. »Ich werde meinen Teil jetzt essen. Und wenn ich vor dir fertig bin, fange ich mit deinem an!« Sie aßen und tranken schweigend, bis Cranston sich zurücklehnte, sanft rülpste und seinen Schreiber anstrahlte, der gedankenverloren auf den Tisch starrte. »Nun, Athelstan, ich habe den Verdacht, daß es sich um Mord handelt.« Cranston deutete auf das Fäßchen Met. »Noch einen Humpen, und ich werde mir deinen wunderbaren Rat anhören.«
Athelstan grinste und füllte den Humpen zum dritten Mal. Zumindest würde Sir John heute nacht gut schlafen. »Nun?« fragte Cranston.
»Zunächst, Mylord Coroner, halte ich Bruder Brunos Tod für einen Unfall insofern, als eigentlich Alcuin die Treppe hinuntergestoßen werden sollte. Zweitens denke ich, daß Alcuin tot ist, obwohl nur der liebe Gott weiß, wohin man seinen Leichnam geschafft hat und wie und warum er gestorben ist. Drittens: Callixtus wurde ohne Zweifel ermordet. Viertens, alle diese Todesfälle und auch das Verschwinden Alcuins hängen mit der Angelegenheit zusammen, die gerade vor dem Generalkapitel verhandelt wird. Und schließlich: Ich glaube, Callixtus hat in der Bibliothek etwas gesucht. Aber auch hier weiß nur der liebe Gott, was es war.«
»Das ist nicht viel«, grummelte Cranston und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Und, Bruder - was können wir noch tun?«
»Nun, es ist viel zu spät, um jetzt noch alle zu fragen, wo sie waren, aber wenigstens kann ich den Pater Prior bitten, Alcuins und Callixtus' Zellen gründlich durchsuchen zu lassen. Vielleicht findet sich etwas. Aber ich sage Euch eins, Sir John: Womöglich wird es weitere Morde geben.« Er schwieg und wandte den Blick ab. »Ich bin nie frei davon, nicht wahr, Sir John?«
Cranston sah ihn mitleidig an. »Athelstan, du kennst den menschlichen Geist. Du bist Priester. Du sitzt im Beichtstuhl und hörst, wie andere ihre Sünden vor dir ausbreiten. Seit Kain den Kieferknochen eines Esels aufhob, um seinen Bruder zu erschlagen, findest du den Mord überall, wo Männer und Frauen, gleich welchen Standes und in welchen Umständen, miteinander Umgang haben und nach Macht streben. Schau …« Er stand auf und schob seinen Stuhl zurück. »Wir haben für das Problem deines Priors getan, was wir können. Komm schon, Athelstan, ich habe nur noch eine gute Woche Zeit, um das Rätsel für Lord Gaunt zu lösen.«
Athelstan rieb sich die Augen. »Sir John, ich bin müde. Ich muß noch eine Andacht sprechen, und dann ist da die Sache in St. Erconwald.«
»Unfug!« Cranston klatschte sich auf den Schenkel. »Es wird dir guttun. Laß uns ins Schlafgemach hinaufgehen.« Athelstan seufzte, löschte die Öllampen, vergewisserte sich, daß das Feuer gut eingedämmt war, nahm eine Kerze und folgte Sir John hinauf in die dunkle Schlafkammer. »Komm schon, Mönch, zünde die Kerzen an!« Athelstan gehorchte, und flackernd erwachte der Raum zum Leben.
»Und jetzt«, fuhr Cranston fort, »wollen wir so tun, als wäre dies die scharlachrote Kammer.« Er ging hinüber zu dem Dokument, in dem das Geheimnis beschrieben war, und las es rasch. »Wir haben ein Bett, einen Schemel, einen Tisch und ein Fenster, ganz ähnlich wie hier.« Er schloß die Tür. »Man sagt uns, es gebe keinen geheimen Gang. Niemand ist hereingekommen, Essen und Trinken wurden nicht gebracht. Wie also sind sie gestorben?« Er ging zum Fenster. »Der erste lehnte tot am Fenster und hatte vor lauter Angst die Fingernägel ins Holz gegraben.«
Athelstan setzte sich auf das Bett und versuchte trotz seiner Müdigkeit, Sir John bei Laune zu halten. »Der Leichnam trägt keine Spur von Gewalt.«
»Gut!« murmelte Cranston.
»Das zweite Opfer«, fuhr Athelstan fort, »wurde auf dem Boden vor dem Bett gefunden. Los, Sir John, spielt das vor.«
Cranston gehorchte und streckte sich der Länge nach am Boden aus.
»Wiederum«, murmelte Athelstan, »keine Spur von Gewalt, niemand war hereingekommen, und keine vergifteten Speisen oder Getränke waren gebracht worden.« Er stand auf und schob seinen Schemel dicht vor Cranstons Bett. »Und jetzt, Sir John, die beiden letzten Toten. Ich bin der Mann, der auf dem Schemel sitzt, und Ihr liegt auf dem Bett und tut, als hättet Ihr eine geladene Armbrust in den Händen.« Cranston gehorchte.
»Und jetzt, Sir John, springt Ihr auf und schießt mir einen Pfeil in die Brust. Wenn Ihr Euch vom Bett erhebt, stehe ich vom Schemel auf.«
Sie spielten die Szene wie zwei Schauspieler; dann starrten sie einander verdrossen an.
»Das führt zu nichts«, stöhnte Cranston.
»Könnte es etwas im Feuer gewesen sein oder an den Kerzen?« fragte Athelstan.
»Daran habe ich auch schon gedacht«, antwortete Cranston. »Aber vergiß nicht, als der zweite starb, der Priester aus dem Dorf, da brannten keine Kerzen, und das Feuer war auch aus.«
»Mich beschäftigen die letzten beiden Todesfälle«, sagte Athelstan, als Cranston ihn flehentlich anschaute. »Laßt es uns noch einmal spielen, Sir John. Legt Euch auf das Bett.« Cranston gehorchte. Athelstan nahm auf dem Schemel Platz und lehnte sich an die Wand.
»Was hat den Bogenschützen aufgeweckt?« fragte er. »Was hat ihm solche Angst gemacht, daß er seinen Kameraden erschoß, bevor es ihn selbst tötete? Die meisten Berufsschützen können blitzschnell schießen, und so starb der Kamerad. Aber, wie die Mathematiker sagen: Es muß einen gemeinsamen Nenner geben, etwas, das die beiden Tode miteinander verbindet. Wir dürfen hier nichts durcheinanderbringen. Meint Ihr nicht auch, Sir John?«
Lautes Schnarchen war die Antwort. Athelstan erhob sich ungläubig. Cranston lag wie ein Kind auf dem Rücken, ein Lächeln auf dem roten Gesicht, verloren für die Welt. Athelstan zog ihm die Stiefel aus, löste seinen Gürtel und versuchte, es ihm so bequem wie möglich zu machen. Dann blies er die Kerzen aus, kniete vor seinem eigenen Bett nieder, bekreuzigte sich und versuchte, das kirchliche Abendgebet zu sprechen, was aber fast unmöglich war. Seine Gedanken wanderten von einem Problem zum anderen: Bruder Rogers einfältiges Gesicht, Callixtus, kalt und tot, die Inquisitoren mit ihren bösen, vorwurfsvollen Blicken, Cranstons unlösbares Problem, das Chaos vor der Kirche St. Erconwald - und dann Benedicta, wunderschön in ihrer Einsamkeit. Athelstan schüttelte den Kopf, bekreuzigte sich erneut, stieg ins Bett und betete, daß der Schlaf bald kommen möge. Er erwachte früh am nächsten Morgen. Cranston schnarchte immer noch wie ein Schwein im anderen Bett. Der Dominikaner rasierte und wusch sich leise, zog eine saubere Kutte an und schob die Füße in die Riemensandalen. Er schlich sich aus dem Gästehaus und über das nebelverhüllte Gelände, denn die Glocke rief mit gedämpftem Klang zum Lobgebet. Athelstan begab sich zu der Klostergemeinschaft auf ihren Bänken im Chor. Die Mönche sangen Psalmen und lauschten den Lesungen, die Arme verschränkt und die Köpfe gesenkt. Athelstan spürte, daß seine Gegenwart ihre Neugier weckte. Er las seine Messe in einer kleinen Stifterkapelle und versuchte, sich auf das Mysterium der Wandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi zu konzentrieren.
Bruder Norbert war sein Meßdiener und half ihm nachher auch, die Gewänder und heiligen Gefäße wegzuräumen. Danach ging Athelstan ins Refektorium, um eine Schale Hafergrütze mit Milch und Honig und zwei schneeweiße Brötchen zu essen. Er dachte an das karge Frühstück, das es manchmal in St. Erconwald gab, und trank lächelnd einen Schluck von seinem verdünnten Bier. Er saß am ersten Tisch vor der Tür, der für Besucher und Gäste reserviert war. Am Lesepult am oberen Ende des Refektoriums las ein verschlafener Lektor mit eintöniger Stimme aus dem Leben des hl. Dominikus, bis Pater Prior die Glocke läutete und die Gemeinde aufstand und sich zu ihren verschiedenen Aufgaben zerstreute. Athelstan hielt den Blick gesenkt. »Geht es dir gut, Bruder?«
Er blickte auf. Henry von Winchester stand vor ihm. »So gut, wie man es erwarten kann. Nimm doch Platz.« Der junge Theologe ließ sich neben ihm auf die Bank gleiten. Athelstan sah, wie geschmeidig und flink seine Bewegungen waren. Henry war von einer körperlichen Anmut und Gewandtheit, die in schönem Einklang mit seinem scharfen Intellekt standen. »Deine Ermittlungen laufen gut?«
Athelstan verzog das Gesicht. »Ich erzähle es dir später, Bruder, wenn ich dem Pater Prior Bericht erstattet habe. Und deine Abhandlung?«
»Cur Deus homo - Warum Gott Mensch ward.«
»Wenn das Generalkapitel sich für dich ausspricht, wird dein Werk an jeder Universität in Europa studiert werden.« Athelstan versetzte ihm einen spielerischen Rippenstoß. »Und dann, Bruder Henry, hm? Ein Bistum? Ein Kardinalshut? Ein Sitz in der Kurie?«
Henry von Winchester lachte leise, wandte sich ab und spielte mit ein paar Brotkrumen auf dem Tisch. »Ich bin schon froh, wenn ich den Beifall des Großinquisitors gewinne. Hätte ich gewußt, daß meine Arbeit soviel Aufregung verursacht, hätte ich es mir vielleicht noch mal überlegt. Du hast meine Abhandlung gelesen?« Athelstan schüttelte den Kopf.
Bruder Henry überblickte das Refektorium und verzog das Gesicht, als er sah, daß der Pater Prior auf sie zukam.
»Dann schicke ich dir eine Abschrift ins Gästehaus. Bitte lies sie; deine Meinung wäre mir wertvoll.«
Der Theologe stand auf, nickte und ging davon, als der Pater Prior die Ärmel seiner Kutte zurückschlug und zu Athelstan trat.
»Du hast gut geschlafen, Bruder?«
Athelstan ließ das starre Lächeln, das er für Bruder Henry aufgesetzt hatte, verschwinden.
»Pater Prior«, flüsterte er, »ich möchte, daß Ihr die Habe der Brüder Callixtus und Alcuin durchsucht. Ihr seid dazu befugt und ermächtigt. Wenn Ihr etwas Ungewöhnliches findet, laßt es mich bitte sehen.«
Der Prior sah ihn scharf an. »Warum?«
»Ihr habt recht getan, mich herzuholen, Pater. Callixtus wurde ermordet; man hat ihm mit einem Kerzenleuchter den Schädel eingeschlagen. Bruno wurde ermordet, und Gott weiß, wo der Leichnam des armen Alcuin versteckt ist.«
Der Prior wurde bleich. Er ließ den Kopf in die Hände sinken und rieb sich die Augen.
»Du bist sicher?«
»Gott ist mein Zeuge, Pater Prior. Ihr beherbergt einen Meuchelmörder hier in Blackfriars. Ich möchte, daß diese Durchsuchung stattfindet, und heute nachmittag muß das Generalkapitel zusammentreten, damit ich meine Schlußfolgerungen vortragen kann.«
»Muß man hier verhungern?« Cranston stand in der Tür und brüllte ins Refektorium, daß ein alter Bruder fast vor Schreck aus den Sandalen gesprungen wäre. »Bei den Titten einer Fee!« Er funkelte Athelstan an. »Frierend und hungrig wache ich auf, du bist weg, und es ist nichts zu essen da!« Der Prior hob die Hand, schnippte mit den Fingern, und ein Diener brachte ein Tablett mit einer Schüssel köstlich duftender Lammbrühe, einem Berg weißer Brötchen und einem Krug Ale. Cranston riß dem armen Mann das Tablett förmlich aus den Händen und ließ sich neben Athelstan auf die Bank fallen. Er spähte durch das Refektorium, klopfte sich auf den mächtigen Wanst und sah Athelstans Grinsen, die Verblüffung des Priors und die staunenden Augen der Brüder.
»Bei den Zähnen der Hölle!« knurrte er. »Ich habe euer Schweigegelübde ganz vergessen.«
Er schnupperte an dem Fleisch und strahlte in die Runde. »Ach, na ja, ich bitte alle um Entschuldigung. Morgen, Pater Prior, Bruder Athelstan.« Er griff nach dem großen Hornlöffel und machte sich genüßlich über die Schüssel her. Dann wischte er sich den Mund mit dem Tuch ab, das die Brötchen bedeckte, und rülpste. »Ein gutes Essen«, dröhnte er, daß mindestens das halbe Kloster ihn hören konnte, »ist eine Eucharistiefeier. Wenn der liebe Gott nicht gewollt hätte, daß wir essen - na, dann hätte er uns keinen Bauch gegeben und keine leckeren Speisen, um ihn zu füllen! Denn wie sagt der Psalmist? ›Der Wein erfreut des Menschen Herz.«‹ »Das ist der einzige Psalmenvers, den er kennt«, raunte Athelstan dem Prior zu.
Cranston aß genüßlich weiter, und Fleisch und Brot und Bier verschwanden im Handumdrehen. Rasch bekreuzigte er sich, stand auf und stieß Athelstan an.
»Los, Bruder, es ist ein schöner Morgen. Pater Prior, ich habe Euren Obstgarten gesehen. Äpfel und Pflaumen, he? Und die Bienenkörbe sind auch dort?«
Fasziniert von Cranston, nickte der Prior wieder stumm.
Athelstan konnte nur die Achseln zucken, die Augen zum Himmel verdrehen und Cranston eilig folgen, denn dieser marschierte bereits zur Tür hinaus und den Kiesweg hinunter, zu den Klostergärten. Unterwegs blieb er stehen, setzte seine Bibermütze auf und spähte zum dunstigen Himmel hinauf.
»Warte nur, Bruder, es wird ein schöner Tag werden. Hast du mein Rätsel gelöst?«
»Ich habe es versucht, aber Ihr seid darüber eingeschlafen, Mylord Coroner.«
Sir John machte ein unhöfliches Geräusch mit den Lippen. »Und vermutlich gibt es auch in dem reizenden Schlamassel hier keine Fortschritte?«
»Nein, Sir John.«
Sie gingen durch den Kräutergarten, vorbei am Gästehaus und in den großen Obstgarten, der bis zur Außenmauer von Blackfriars hinunterreichte. Cranston schilderte eifrig, wie er in der Nacht geschlafen hatte, als Athelstan plötzlich stehenblieb und seinen Begleiter am Arm festhielt. »Mylord, Coroner, schaut!«
Cranston spähte angestrengt umher, denn noch immer wehte der Dunst um die Bäume.
»Beim Hintern der Königin Mab!« knurrte er und trat einen Schritt vor. »Was ist das denn?«
Aber Athelstan rannte schon zwischen den Bäumen dahin. »O nein!« stöhnte er, fiel auf die Knie und starrte hinauf in das weiße, grotesk verzerrte Gesicht Bruder Rogers. Der arme Schwachsinnige hing an einem überhängenden Ast, den Hals seitwärts verrenkt, und Hände und Beine baumelten herab wie die einer kläglichen Puppe.
»Gott erbarme dich!« schrie Cranston hinter ihm. Er zog sein großes Messer, reckte sich und schnitt das Seil durch; er fing den toten Körper auf, als wäre er leicht wie ein Kind, und legte ihn sanft ins taunasse Gras. Athelstan kniete neben dem Leichnam nieder, schlug das Kreuzzeichen und flüsterte ihm hastig ins Ohr:
»Absolvo te a peccatis … Ich spreche dich los von deinen Sünden.« Er führte die rasche Absolution zu Ende, während Cranston am Baum lehnte und das Seil anstarrte, das noch dort baumelte, eine grausige Erinnerung an die Tragödie.
»Was soll das?« knurrte er. »Der Mann ist seit Stunden tot. Seine Seele ist längst weg.«
Athelstan löste das Seil von Rogers Hals. »Das wissen wir nicht, Sir John«, erwiderte er über die Schulter. »Die Kirche lehrt, daß die Seele den Körper erst Stunden, vielleicht sogar Tage nach dem Tod verläßt; solange also Hoffnung ist, gibt es auch Erlösung.« Er hockte sich auf die Fersen. »Ich denke allerdings, dieser arme Mann wird sicher die Gnade Christi genießen. Trauriges Ende eines tragischen Lebens.«
»Er hat sich umgebracht«, bemerkte Cranston. »Hat Selbstmord begangen.«
Athelstan betrachtete den üblen Striemen am Hals des Mannes.
»Das glaube ich nicht, Sir John.« Er schaute sich die rotschwarze Wunde, die das Seil geschürft hatte, genauer an und drehte den Toten behutsam um. »Ja, wie ich's mir dachte. Schaut, Sir John.« Mit der Fingerspitze zeichnete er die Spur der Schlinge nach; unter dem Kieferknochen, bei den Ohren, waren zwei feinere Schnitte, kleine, rote Schrammen.
»Was ist das?« fragte Cranston.
»Kommt, Sir John, so etwas habt Ihr schon gesehen.« Der Coroner schaute näher hin; er wendete den Leichnam um und versuchte, nicht in die hervorquellenden Augen zu blicken, und auch nicht auf die geschwollene, schwärzliche Zunge, die fest zwischen den gelben Zähnen klemmte.
»Der arme Hund hat sich nicht selbst aufgehängt!« murmelte Cranston. »Er wurde mit einer Garotte erwürgt! Solche roten Male hinterläßt nur die Schnur einer Garotte.« Athelstan war auf den Baum geklettert und knotete das Ende des Seils los. Zustimmend rief er: »Ihr habt recht, Sir John. Das Seil hier hat eine Spur hinterlassen, aber nur wegen des Gewichts des Toten. Wenn Roger Selbstmord begangen hätte, wäre der Ast tiefer abgeschürft. Auch ein Mann, der sich aufhängt, kämpft um sein Leben. Der Ast würde tiefere Spuren tragen.« Athelstan richtete sich vorsichtig auf im schwankenden Baum und trat gegen den Ast, an dem das Seil gehangen hatte.
»Was machst du da, Bruder?« schrie Cranston, als harte, unreife Äpfel auf ihn herunterprasselten.
»Das werdet Ihr gleich sehen, Sir John.«
Vor den Augen des überraschten Coroners packte Athelstan den Ast mit beiden Händen und schob sich darauf vorwärts, bis er mit seinem ganzen Gewicht darauf saß. Er beugte und streckte den Arm, so daß der Ast ins Tanzen geriet. Plötzlich krachte es, der Ast brach, und Athelstan wäre fast auf den verdutzten Cranston gefallen. Grinsend rappelte er sich auf, wischte die Hände ab und klopfte sich den Schmutz von der Kutte.
»So etwas habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht, Sir John.« Grimmig schaute er zu dem abgebrochenen Ast hinauf und dann auf Rogers Leichnam im Gras. »Wir können beweisen, daß es Mord war, Sir John. Erstens: die Spuren der Garotte. Der Mörder hat gehofft, daß die Schürfwunde der Seilschlinge sie überdecken werde. Zweitens: Der Ast ist nicht tief genug abgerieben; das bedeutet, daß Roger schon tot gewesen sein muß, als er aufgehängt wurde. Und schließlich: Wenn Roger sich selbst aufgehängt hätte, dann hätte er gezuckt und den Ast dabei nicht nur aufgeschürft, sondern wahrscheinlich abgebrochen. Er ist schwerer als ich, und es heißt, ein Gehängter kann bis zu einer halben Stunde am Seil tanzen.« Athelstan kratzte sich am Kopf. »Nein, Sir John - wie Ihr sagen würdet: ›Dieses arme Schwein‹ wurde wahrscheinlich entweder gestern abend oder heute früh vor Tagesanbruch hierher gerufen und mit der Garotte erwürgt.« Er schwieg einen Augenblick lang. »Ihr seht das Problem, Mylord Coroner?«
Cranston blinzelte. »Nein.«
»Nun, Roger wurde ermordet; aber wie konnte der Mörder mit einer Leiche auf den Baum klettern und das Seil um den Ast knoten?«
Cranston sah sich um und suchte gründlich den Boden ab. »Tja, der Mörder hatte die Schlinge schon vorbereitet. Roger wird erwürgt, er zieht die Leiche hoch, und die Schlinge zieht sich um den Hals zu.«
»Dann muß der Mörder aber sehr groß gewesen sein.«
»Nein.« Cranston ging unter den Bäumen umher und kam bald mit einer robusten Holzkiste zurück; sie war ungefähr einen Fuß hoch und einen Yard breit. Er stellte sie genau an die Stelle, wo Rogers Leichnam gebaumelt hatte. Athelstan lächelte. »Natürlich! Diese Kisten stehen überall im Obstgarten herum. Die Brüder brauchen sie im Herbst, wenn das Obst geerntet wird. Man muß nur hinaufsteigen, die Kiste wieder wegnehmen, und - simsalabim! -, sieht es aus, als hätte Roger sich aufgehängt.«
»Und, wie du so gekonnt bewiesen hast, mein lieber Ordensbruder, wäre der Ast wohl abgebrochen, wenn Roger selbst darauf entlanggekrochen wäre, und seine Todeszuckungen hätte er ganz sicher nicht ausgehalten.« Der Coroner blieb vor dem Toten stehen. »Mord«, erklärte er, »durch eine oder mehrere unbekannte Personen. Aber Gott will Gerechtigkeit, und der König ebenfalls! Wir werden herausfinden, wer es war, und ich würde zu gern wissen, warum er es getan hat.«
»Weil Roger in der Kirche etwas gesehen hat«, sagte Athelstan. »Er hat ja gesagt: ›Es hätten zwölf sein müssen.‹ Was mag er damit wohl gemeint haben?«