FÜNF

Sie mußten sich mühsam den Weg auf die andere Seite bahnen, denn die Karren, mit denen die Feldfrüchte zu den Märkten geliefert worden waren, verließen jetzt die Stadt, bevor die Abendglocke geläutet wurde. Auf dem Fischmarkt in der Bridge Street stank es nach ranzigen Heringen. Athelstan sah ein paar der faulen Fische, die die Händler immer noch loszuschlagen versuchten, und gelobte sich stillschweigend, vor den Fischpasteten, die in den Garküchen und Schenken serviert wurden, auf der Hut zu sein. An einem so schönen Tag war ganz London auf der Straße. Die Reichen in Kleidern aus rotbrauner Atlasseide drängten sich Schulter an Schulter mit Straßenjungen, deren dünne Leiber von schmutzigen, zerfetzten Lumpen nur notdürftig bedeckt waren. Ein Schar Prostituierter mit frisch geschorenen Schädeln wurde von einem Dudelsackpfeifer zu dem runden Gebäude namens »Tun« in der Cheapside geführt, wo sie zur Schau gestellt werden würden. Die beiden bogen nach links in die Ropery ein, wo die Verkaufsstände mit Schnüren, Seilen, Tauen und Zwirnen aller Art behängt waren, manche bunt gefärbt, andere in rostbraunen Rollen, die von Maurern und Bauhandwerkern gekauft wurden. Lehrjungen liefen umher und hielten Ausschau nach Kundschaft; sie griffen sogar in das Zaumzeug der Pferde, aber ein Blick auf den rotgesichtigen Cranston und den dunkel verhüllten Priester genügte, und sie wandten sich ab.

Der Anblick der Seile für die Bauleute erinnerte Athelstan an die Steinplatten in der Kirche und an das rätselhafte Steinmetzzeichen. Er hatte seine Gemeinde aufgefordert, sich nach einem ähnlichen Zeichen umzusehen, aber niemand kannte es. Irgend etwas, dachte Athelstan, mußte der Mann, der die Steinplatten damals verlegt hatte, über das Skelett wissen, das darunter lag.

Cranston geriet in Bewegung. »Sieh dir das an«, sagte er. Sie hatten an der Ecke der Vintry haltgemacht, wo die Männer des Sheriffs Bestrafungen ausführten. Ein nackter Mann stand bis zum Kinn in einem Faß mit Pferdepisse. Der roh bekritzelte Zettel, der ans Holz geheftet war, offenbarte ihn als einen Brauer, der sein Bier gepanscht hatte. Die größte Zuschauermenge aber umstand eine alte Vettel, der man die zerlumpten Röcke über den Kopf gebunden hatte, damit ein Gerichtsdiener ihr mit einem Stab den schlaffen, grauen Hintern versohlen konnte: die Strafe für die Mißhandlung einiger Kinder. Die Zuschauer verspotteten die unglückliche Frau, der man die Augen verbunden hatte, und bewarfen sie mit Kot und Abfall. Der Aufruhr legte sich, als eine Beerdigungsprozession näher kam, angeführt von einem Priester, der ein Kreuz trug und sang:    

»Requiem dona eis.« Die meisten Leidtragenden waren betrunken, und der Sarg dümpelte auf den Schultern der Träger dahin wie ein Korken auf dem Wasser; er schwankte so heftig, daß der Deckel sich löste, der grauweiße Arm des Leichnams herausbaumelte und auf und ab fuchtelte, als wolle der Verstorbene den Umstehenden zum Abschied zuwinken.

Athelstan und Cranston stiegen ab und führten ihre Pferde an den Karren vorbei, die über das Kopfsteinpflaster zum Hafen rumpelten. Sie bogen in die Beck Street ein und wurden dort unter die Traufe eines Hauses gedrängt, um Platz für eine seltsame Prozession zu machen: Mehrere Männer mit Kapuzen und Gesichtsmasken, aber nackt bis zur Taille, bewegten sich langsam die Straße hinunter. In leierndem Ton sangen sie den »Miserere«-Psalm, und andere peitschten ihnen dabei den Rücken, bis die Haut blaurot aufplatzte.

»Flagellanten!« wisperte Athelstan. »Man sieht sie in Paris, in Köln und in Madrid, und jetzt auch in London. Sie wandern von Stadt zu Stadt, singen ihre Psalmen und geißeln einander zur Buße für ihre Sünden.«

Cranston rülpste nur laut. »Wie um Gottes willen«, knurrte er, »kann so etwas dem lieben Gott gefallen?« Athelstan schüttelte nur stumm den Kopf. Die Flagellanten bogen um die Ecke, und das Klatschen der Geißeln und die frommen Gesänge verhallten allmählich. Athelstan und Cranston näherten sich jetzt Blackfriars; schon sah man die großen und kleinen Türme des Klosters über den roten Ziegeldächern der Häuser. Eine Seitenstraße wurde von Soldaten in der Livree der City abgesperrt; sie waren bewaffnet und drückten sich Schwämme vor Mund und Nase. Athelstan spähte in die Straße hinein, und ein Schauer überlief ihn. Die Straße lag verlassen. Alle Türen waren verschlossen und verriegelt, und die Fensterläden fest verrammelt. Das bunte Schild vor einer Taverne klapperte gespenstisch und schwang seufzend vor dem Eingang zur leeren Schankstube.   

»Die Pest!« sagte Cranston und stieg auf sein Pferd. »Gott schütze uns, Bruder, wenn die noch mal wiederkommt.« Athelstan schlug das Kreuzzeichen an der Straßenecke und folgte Cranston auf den großen freien Platz vor Blackfriars. Vor ihnen erhoben sich das mächtige Tor und die hohe Mauer, die das große Kloster umgab. Cranston riß heftig am Glockenseil; ein Laienbruder erschien und geleitete sie über den gepflasterten Hof zu einem Stallknecht, zahnlos, mit triefenden Augen und dem häßlichsten Furunkel im Gesicht, das Athelstan je gesehen hatte; der Mann murmelte etwas Unverständliches und führte ihre Pferde weg. Als der Laienbruder sie in die kühlen, luftigen Gänge führte, lächelte Athelstan. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wieder hier zu sein. Hier hatte er sein Noviziat abgeleistet. Er schaute in einen steinernen Korridor hinein und blieb stehen, als könne er seinen eigenen Geist dort sehen, einen jungen Mann, der sich in finsterer Nacht durch diese Korridore schlich, durch ein offenes Fenster in den mondbeschienenen Garten hinaus und über die Mauer kletterte, hinter der sein jüngerer Bruder auf ihn wartete, um mit ihm in den Krieg des Königs zu ziehen. Armer Francis, verscharrt auf einem französischen Schlachtfeld!

»Es tut mir leid«, flüsterte Athelstan den Stäubchen zu, die im strahlenden Licht tanzten, das durch das Fenster hereinfiel. »Es tut mir so leid!«

Der Laienbruder sah Athelstan neugierig an. »Fehlt Euch etwas?« fragte der Mann.

Cranston kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, als könne er Athelstans Gedanken lesen. »Es ist nichts«, brummte er. »Mein guter Freund hat einen Geist gesehen.«

Der verwunderte Laienbruder führte sie weiter durch den sonnengesprenkelten, von Bogengängen umgebenen Garten zu Prior Anselm, der sie in seinem großen, blaugestrichenen Gemach erwartete.

»Ihr kommt früher als erwartet«, sagte er, schnippte mit den Fingern und flüsterte dem Laienbruder ein paar Anweisungen ins Ohr. »Setzt Euch doch«, murmelte er dann. Er griff nach einer kleinen Glocke und läutete. »Ihr müßt durstig sein.«

Cranston strahlte. Athelstan, der sich in diesem Gemach, wo er für seine Sünden zur Rede gestellt worden war, immer unbehaglich fühlte, nickte geistesabwesend.

Ein Diener erschien mit einem großen Krug Met und drei Bechern. Kaum hatte er Prior Anselm und Athelstan eingeschenkt, als Cranston seinen Becher schon leergetrunken hatte und ihn anstieß, damit er ihn wieder füllte. »Nicht so schüchtern«, sagte der Coroner und schmatzte. »Wunderbar! Absolut wunderbar! Gieß nur voll bis zum Rand, und dann stell den Krug neben mir auf den Boden.« Der unglückliche Diener gehorchte und zog sich großäugig zurück.

»Schmeckt Euch unser Met, Sir John? Unsere Bienen sind äußerst fruchtbar und geben einen überaus milden, süßen Honig. Ich muß Euch ein Glas davon und ein Fäßchen für Lady Maude mitgeben.«

»Ausgezeichnet«, murmelte Cranston, starrte Athelstan mit verschwommenem Blick an und schwankte gefährlich auf seinem Stuhl. »Ein prächtiger Ort. Ich begreife nicht, weshalb du ihn verlassen hast.«

Athelstan funkelte ihn an. Jeden Augenblick würde Sir John jetzt einnicken und sein Nachmittagsschläfchen halten. Hoffentlich würde er nur nicht vom Stuhl fallen; so betrunken, war Cranston unglaublich schwer.

»Pater Prior«, sagte Athelstan rasch, »diese Angelegenheit mit Henry von Winchester - weshalb gibt es da eine so große Debatte?«

Prior Anselm war fasziniert von Cranston und hatte Mühe, seinen Blick von dem jovialen Coroner loszureißen, der wie ein rülpsendes Riesenbaby auf seinem Stuhl hockte. »Henry hat ein Traktat geschrieben«, antwortete er langsam, »und behauptet darin, Gott sei nicht Mensch geworden, um uns von der Sünde zu erlösen, sondern um uns wieder gottselig zu machen.«

Athelstan zog die Brauen hoch. »Aber wo liegt denn dabei die Ketzerei?«

»Erst habe ich mich das auch gefragt; aber wenn wir Bruder Henrys These folgen, daß Christus kam, um uns in den früheren Zustand der Gottseligkeit zurückzuversetzen, was ist dann die Bedeutung der Sünde? Wo bleibt der Gedanke der göttlichen Gerechtigkeit und Vergeltung?« Cranston rülpste. »Zuviel Sünde, verdammt!« murrte er. »Das ist alles, worüber ihr Pfaffen redet. Wie kann der liebe Gott einen Mann in die Hölle schicken, bloß weil er zuviel trinkt?«

Cranston schmatzte und war im Begriff, seine ureigene Abhandlung vom Stapel zu lassen, als es an der Tür klopfte und der Laienbruder hereinkam. »Pater Prior, das Generalkapitel wartet.« Athelstan hatte Cranston, den Theologen, ungläubig angestarrt; jetzt erhob er sich. »Pater Prior«, sagte er hastig, »wir sollten gleich zu ihnen gehen.«

Anselm winkte Athelstan zu und führte die beiden durch ein Labyrinth von Korridoren; Cranston wogte hinterdrein wie ein dickbäuchiges Schiff im Sturm. Die Mitglieder des Generalkapitels und der verwirrte Bruder Roger saßen bereits um den Tisch. Sie erhoben sich halb, aber Anselm winkte ihnen, sich wieder zu setzen. Rasch waren alle einander vorgestellt, und Athelstan war froh, daß er Cranston bei sich hatte. Er galt als das schwarze Schaf des Ordens; einigen dieser Leute könnte seine Anwesenheit mißfallen, ja, sie könnten sogar Einwände dagegen haben. Jetzt aber war jeder nur von Cranston fasziniert, der sich, ohne um Erlaubnis zu bitten, auf Pater Anselms Stuhl plumpsen ließ und wie ein jovialer Bacchus in die Tischrunde strahlte. Athelstan sah sie grinsen und hörte ihre getuschelten Bemerkungen. Die Worte »Säufer« und »Trunkenbold« sowie herablassende Blicke gingen in seine Richtung.

Während der Prior verlegen ein paar Worte sprach, musterte Athelstan seine Brüder in Christo: William de Conches und Eugenius mit seinem fröhlichen Gesicht kannte er vom Hörensagen; gefährliche Männer mit scharfen Augen und Seelen wie Rattenfallen, die glaubten, der Herr sehe es wirklich gern, wenn Menschen um seinetwillen in Kesseln mit siedendem Ol gebraten wurden. Der joviale Bruder Peter und der Ire Niall waren ihm fremd. Sie schienen beide ganz nett zu sein, und Athelstan sah, daß Peter kurz davor war, in helles Gelächter auszubrechen, als er sah, wie Cranston tranigen Blicks am Tisch lehnte. Bruder Henry von Winchester saß da wie eine Statue, und sein dunkles Gesicht war eine Maske heiterer Gelassenheit. Er lächelte Athelstan schüchtern zu und nickte. Athelstan erwiderte die Begrüßung. Von diesem gescheiten jungen Theologen hatte er schon gehört: ein machtvoller Prediger mit rasiermesserscharfem Verstand. Der arme Bruder Roger neben ihm war das genaue Gegenteil mit seinem törichten Gesicht und den wunderlichen Haarbüscheln, die ihm vom Kopf abstanden. Athelstan sah die irren Augen des Mannes und den Speichel, der ihm aus dem Mund tropfte, und er fragte sich, ob der Mann wohl wahnsinnig genug war, um einen Mord zu begehen.

Anselm beendete seine Einleitung, drehte sich um und sah Cranston an; aber dieser war inzwischen fest eingeschlafen, und ein heiteres Lächeln lag auf seinem Gesicht. Athelstan hustete, um die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken, legte Tintenhorn, Pergament und Federkiel auf den Tisch und betastete alles nervös. Er starrte vor sich hin, und dann griff er nach dem Federkiel und schaute in die Runde. »Der Pater Prior«, begann er langsam, »hat mich gebeten, herzukommen, um Licht in gewisse Geheimnisse zu werfen, die das Generalkapitel betreffen. Dieses trat am Montag, dem einunddreißigsten Mai, zusammen. Eine Woche später fiel Bruder Bruno die Treppe zur Krypta hinunter. Am darauffolgenden Samstag, dem vergangenen Samstag, um genau zu sein, ging Bruder Alcuin, der Sakristan, in die Klosterkirche und verschloß die Tür hinter sich, um in aller Stille für die Seelenruhe seines toten Bruders zu beten, der im Sarg vor dem Hochaltar lag. Ist das richtig, Pater Prior?« Anselm nickte. »Ja«, sagte er, »Alcuin ging in die Kirche. Die Tür war verschlossen, aber als Bruder Roger hineinging, war Alcuin verschwunden.« Anselm schwieg, und Athelstan sah, wie der Schwachsinnige mit leerem Blick grinste. »Am Montag abend«, fuhr Anselm fort, »begab sich Bruder Callixtus gegen die Regel des Hauses in die Bibliothek, um private Studien zu treiben. Dort fiel er anscheinend von der Leiter und war auf der Stelle tot.«    

»Zufälle!« fauchte William de Conches, verschränkte die Arme und stützte sie auf den Tisch. »Bruno war ein alter Mann, und die Treppe ist steil.« Er zuckte die Achseln. »Alcuin ging in die Kirche und beschloß, vielleicht von seinen Gefühlen übermannt, aus dem Kloster zu fliehen. Er ging hinein, verschloß die Kirche hinter sich und stahl sich davon wie ein Dieb in der Nacht.« Der Inquisitor funkelte Athelstan unverschämt an. »Er wäre nicht der erste Ordensbruder, der so etwas tut, und bestimmt auch nicht der letzte.«

Athelstan erwiderte seinen Blick kühl und versuchte, die aufsteigende Wut zu verbergen. Hoffentlich bist du der Mörder, dachte er, denn hier ist ein Mord geschehen. Er blinzelte und bemühte sich, so boshafte Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen.

»Und Bruder Callixtus?« fragte Athelstan. »Er ist ebenfalls gestürzt, diesmal von der Leiter?«

»Ja, ja«, blaffte Eugenius; er wandte sich nur halb um und wollte Athelstan nicht ansehen.

Der Bruder stützte die Ellbogen auf den Tisch, formte mit den Fingern ein spitzes Dach, und er nahm sich vor, nicht nach rechts zu blicken, wo Cranston schnarchte wie ein Baby. »Bruder Henry, Bruder Niall, Bruder Peter?« Er lächelte die Theologen an. »Ihr habt alle die Logik studiert?« Die drei nickten.

»Und die Theorie der Wahrscheinlichkeit und die Möglichkeit des Zufalls?« Wieder nickten sie zustimmend.

»Dann sagt mir, Pater Prior«, bat Athelstan, »wieviele gewaltsame Todesfälle hat es in den letzten drei Jahren hier im Kloster gegeben? Also nicht natürliche Todesfälle, sondern gewaltsame und unerwartete.«

»Keinen.«

»Es hat also«, schloß Athelstan, »bevor das Generalkapitel zusammentrat, drei Jahre lang keinen gewaltsamen Todesfall gegeben, vielleicht sogar sechs Jahre lang. Aber dann tagt das Generalkapitel, und innerhalb von zwei Wochen sind zwei Brüder tot und ein dritter auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Nun sagt mir bitte, Ihr alle: Ist das wahrscheinlich? Ist das logisch?«   

Bruder Henry von Winchester schüttelte lächelnd den Kopf. »Bruder Niall, Bruder Peter?«

Ihren Gesichtern war anzusehen, daß sie Bruder Henry zustimmten.

»Überdies haben wir noch weiteres Beweismaterial«, fügte Athelstan hinzu. »Etwas, das der Pater Prior mir gar nicht erzählt hat.«

Anselm schaute ihn überrascht an. »Da gibt es doch noch etwas, nicht wahr, Pater Prior?« Anselm fuhr sich mit der Zunge über die schmalen, trockenen Lippen. Hatte er recht daran getan, diesen jungen Dominikaner zurückzuholen? Athelstans Verstand war zu schnell, zu scharf. War die Kur, die er vorgeschlagen hatte, vielleicht schlimmer als die Krankheit? Hatte William de Conches recht? Wäre es besser, diese Dinge ruhen zu lassen? Athelstan schaute ihn mit seinen meergrauen Augen fest an. »Ja, ja, da ist noch etwas«, gestand er. »Alcuin kann nicht aus dem Kloster geflohen sein. Seine Zelle war so, wie er sie verlassen hatte; er nahm nichts mit, keine Heilige Schrift, keine Tasche, keine Speise, kein Geld, keine Stiefel, kein Pferd aus dem Stall. Und wenn er geflohen wäre, hätte ihn doch sicher jemand gesehen. Außerdem fühlte er sich aus dem Kapitel ausgeschlossen. Er und sein enger Freund, Bruder Callixtus« - Anselm lächelte matt -, »hielten sich immer für Theologen. Die anderen Brüder hörten sie schwatzen; sie taten das Generalkapitel als Farce ab. Alcuin meinte, sein Freund Callixtus könne beweisen, daß Ihr, Großinquisitor, Eure Zeit verschwendet.«

»Was meinte er damit?« bellte William de Conches.

»Er meinte, Mönch …« Cranston schmatzte und klappte die Augen auf.

Die Dominikaner zuckten zusammen, als der Coroner vollends erwachte, sich reckte und scharf in die Runde spähte, ob jemand über ihn lachte.

»Er meinte«, wiederholte er dann, »daß es zwei Mönche gab« - er grinste -, »Verzeihung, zwei Ordensbrüder, die das Generalkapitel für Zeitverschwendung hielten. Jetzt ist der eine tot und der andere verschwunden. Habe ich recht, Pater Prior?«

Anselm nickte rasch. Cranston hielt einen dicken Finger hoch.

»Ich habe nicht Logik studiert, erinnere mich aber stets an das alte Sprichwort: ›Wenn ein Hund die Augen schließt, muß er deshalb noch lange nicht schlafen.‹ Ich bin Sir John Cranston, Coroner des Königs in dieser Stadt. Auch wenn ich schlafe, bin ich wach.«

Athelstan stöhnte. Er wünschte, Cranston würde jetzt nicht sein Possenspiel vom Trunkenbold veranstalten. »Pater Prior«, sagte er hastig, »was, glaubt Ihr, haben Alcuin und Callixtus gemeint, als sie sagten, der Großinquisitor verschwende hier seine Zeit?«

»Das weiß ich nicht. Die beiden standen ständig tuschelnd in den Ecken; und Callixtus suchte in der Bibliothek nach irgendeinem Manuskript.«

»Und der andere«, unterbrach Cranston grob und funkelte Athelstan an. »Ihr wißt schon, der Alte, der als erster gestorben ist - Bruno. Hatte er etwas mit dem Generalkapitel zu tun?«

»Nein«, antwortete Eugenius. »Aber Alcuin behauptete aus irgendeinem merkwürdigen Grund immer, er habe genau um die Zeit in die Krypta gehen wollen, als Bruno dort stolperte und fiel.« Eugenius verzog das Gesicht. »Ich überlasse es Euch, Athelstan, nun Eure Schlüsse zu ziehen, was er damit gemeint haben könnte.«

Athelstan notierte sich, was bis dahin berichtet worden war; dann legte er seine Feder hin, stand auf und blieb vor Bruder Roger stehen, der sich duckte wie ein verängstigter Hase und den Großinquisitor nicht aus den Augen ließ. Athelstan ergriff die Hand des Schwachsinnigen. »Bruder Roger«, sagte er leise, »was möchtest du dem Pater Prior erzählen?«

Roger klapperte heftig mit den Lidern und leckte sich die Lippen, so daß seine Zunge zu groß für seinen Mund zu sein schien. Speichel rann ihm über das Stoppelkinn, und der Subsakristan rieb sich mit schmutzigen Fingern den Schädel. »Ich habe in der Kirche etwas gesehen«, sagte er. »Aber ich weiß nicht mehr, was es war - nur, daß es zwölf hätten sein müssen. Oder dreizehn?« Er grinste Athelstan ausdruckslos an. »Ich weiß es nicht. Bruder Roger vergißt so schnell.«

Athelstan richtete sich kopfschüttelnd auf. »Pater Prior, gibt es noch etwas, das wir wissen müssen? Weiß sonst jemand noch mehr über diese geheimnisvollen Ereignisse?«

Eine Mauer des Schweigens beantwortete diese Frage. »Wenn das so ist, Pater Prior, würden Sir John und ich uns gern zurückziehen. Wir haben doch ein Zimmer hier?«

»Ja, der Diener wird euch hinaufführen. Sir John und du, ihr werdet in unserem Gästehaus wohnen.« Athelstan biß sich auf die Lippen. Er wußte, daß Sir John in Blackfriars bleiben wollte, um vor Lady Maudes spitzer Zunge sicher zu sein, aber der Gedanke, mit ihm eine Kammer zu teilen, mißfiel ihm. Er war ein paarmal mit Cranston auf Reisen gewesen, und er wußte, daß der Coroner sehr gesprächig werden konnte, zumal nach einem guten Essen und einigen Bechern vom spanischen Weißen. »Wir haben Eure Erlaubnis, im Kloster umherzugehen und uns anzusehen, was wir wollen?«

»Selbstverständlich.«

Die Sitzung war beendet. Bruder Roger rannte fast aus dem Zimmer. Die Brüder Niall und Peter nickten Athelstan lächelnd zu. Bruder Henry murmelte, er sei erfreut, ihn hier zu sehen, aber die beiden Inquisitoren ignorierten ihn. Prior Anselm überantwortete Athelstan und Cranston dem Laienbruder, der sie zum Hauptgebäude hinaus und um die Kirche herum zu einem kleinen Gästehaus mit Blick auf den Obstgarten führte. Im Erdgeschoß verfügte es über eine eigene Küche samt Speisekammer, und in einer geräumigen Kammer darüber gab es zwei Betten, eine Truhe, einen Betstuhl, einen Tisch am verglasten Fenster, einen Stuhl, mehrere Schemel und an den Wänden etliche Haken für ihre Kleider. Das Zimmer war sauber und gut gefegt. Frische, mit Kräutern vermischte Binsen bedeckten den Küchenboden; die Wände der Schlafkammer zierten wollene Tücher, und auf dem Boden lag ein Teppich aus reiner Wolle, der auf eine rauhe Unterlage genäht worden war.

»Pater Prior sagt, Ihr könnt zum Essen zu uns ins Refektorium kommen, wenn Ihr wollt«, sagte der junge Diener. »Ihr könnt aber auch selbst kochen oder Euch etwas aus der Küche bringen lassen.«

»Wer würde das Essen bringen?« fragte Athelstan. »Ich«, antwortete der junge Bursche. »Mein Name ist Norbert. Ich bin im Noviziat und bereite mich auf die letzten Gelübde vor.«

Athelstan musterte Norberts glattes Gesicht und die klaren braunen Augen. Er sah aus, als könne man ihm vertrauen. »Du hast nichts zu tun mit dem Generalkapitel?« fragte Athelstan.

»O nein, Bruder Athelstan. Zu groß für mich.«

»Dann bringst du uns das Essen aus dem Refektorium herüber«, sagte Athelstan und klopfte ihm auf die Schulter. »Und jetzt sei ein braver Bursche und sieh nach unseren Pferden im Stall. Philomel, das alte Schlachtroß, frißt, bis es platzt.« Er warf einen listigen Blick auf Cranston. »Und er ist nicht der einzige. Mylord Coroner ist ein Mann mit wunderbarem Appetit. Sieh zu, daß sein Tablett gut gefüllt ist.« Norbert entblößte grinsend seine Zahnlücken. »Und dieser Met«, meldete sich Cranston zu Wort und schob die Daumen hinter seinen Gürtel. »Wie ich höre, ist er sehr gut für die Gurgel.«

»Pater Prior hat bereits ein Fäßchen für Euch dagelassen, Sir John. In der Speisekammer sind auch Krüge mit Wein und ein kleines Faß Bier.«

»Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!« brummte Cranston. Athelstan wartete, bis der junge Diener gegangen war, und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen.

»Sir John, was haben wir nun hier?« Er breitete Pergament und Federn auf dem Tisch aus. »Zunächst einmal ein Generalkapitel, das einberufen worden ist, um theologische Fragen zu erörtern. Bruder Henry verteidigt seine Thesen gegen die Brüder Peter und Niall. Die Inquisitoren sind dabei, um Ketzerei aufzuspüren. Zwei andere Dominikaner, Alcuin und Callixtus, machen merkwürdige Bemerkungen darüber, daß das Generalkapitel Zeitverschwendung sei. Callixtus stürzt in der Bibliothek von einer Leiter, und Alcuin verschwindet. Man erzählt sich, obwohl Bruder Bruno nichts mit dem Generalkapitel zu schaffen gehabt habe, sei er just zu der Zeit die Treppe zur Krypta hinuntergestürzt, als Alcuin hätte dort sein sollen. Bruder Roger, ein Schwachsinniger, behauptet, in der Kirche stimme etwas nicht, und redet von zwölf oder dreizehn. Nun, Sir John, was meint Ihr dazu?« Lautes Schnarchen beantwortete seine Aufzählung. Athelstan drehte sich um. Cranston saß in dem einzigen hochlehnigen Stuhl vor dem kleinen Feuer, schlief fest und lächelte und schmatzte. Seufzend ging Athelstan, um es ihm bequemer zu machen; er legte Holz nach und kehrte dann zurück zu seinen Notizen. Eine Stunde lang saß er da und bemühte sich, Sinn in das zu bringen, was man ihm erzählt hatte; derweil schnarchte Cranston, und Athelstan hörte mit halbem Ohr, wie die Klosterglocke läutete und die Brüder zur Andacht rief. Die Sonne ging unter. Cranston schrak aus dem Schlaf hoch; er klopfte sich auf den Bauch, ging erst zum Abort und dann in die Speisekammer, um sich einen Krug Met zu holen.    

»Nicht jetzt, Sir John«, sagte Athelstan, der ihm gefolgt war. »Wir haben zu arbeiten.«

Cranstons Gesicht war der Inbegriff von Selbstmitleid. »Bruder, ich habe Durst.«

»Sir John, wir haben zu arbeiten.«

»Was denn?«

»Sir John, Ihr seid der Coroner. Ihr besichtigt den Schauplatz dieser Verbrechen, und je eher wir die Geheimnisse aufgeklärt haben«, fügte er hoffnungsvoll hinzu, »desto eher können wir auch das Rätsel der scharlachroten Kammer lösen.« Cranston stellte den Krug hin und grinste. »Bruder Athelstan, ich bin ganz Ohr.«

Sie gingen zurück zum Kreuzgang. Athelstan erinnerte sich verschwommen, daß die Krypta von einem kleinen Gang an der Nordseite der Kirche abging. In dem Garten innerhalb des Kreuzgangs war es still; nur Bienen umsummten die Blumen am plätschernden Springbrunnen. Die kleinen Pulte, an denen die Brüder kopierten und schrieben, waren beiseite geschoben. Athelstan dachte an die langen Stunden, die er hier zugebracht und das Tageslicht benutzt hatte, um einen gelehrten Traktat abzuschreiben. Er blieb stehen. Bruder Callixtus war sein Mentor gewesen, und Alcuin hatte immer einen Hang zu theologischen Schriften gehabt. Hatten sie etwas gesehen oder einen Traktat studiert, der etwas mit dem Generalkapitel zu tun hatte? Athelstan starrte den kleinen Springbrunnen an. Die Bibliothek von Blackfriars war berühmt; sie enthielt Manuskripte aus ganz Westeuropa, und nicht nur die Schriften seines Ordens, sondern auch die der alten Philosophen sowie anderer Theologen. »Komm schon, Athelstan«, drängte Cranston und deutete auf die große, eisenbewehrte Tür. »Die Geheimnisse der Krypta erwarten uns.«   

Athelstan nickte und stieß die Tür auf. »Eine steile Treppe«, murmelte er. »Sie verschwindet nach unten in der Dunkelheit. Früher dachte ich immer, dies sei der Eingang zur Hölle.« Er zeigte auf eine Fackel im Halter neben dem Eingang. »Ihr habt Feuer dabei, Sir John. Zündet sie an.«

Der Coroner tat es, und die harzgetränkte Fackel erwachte blakend zum Leben.

»Macht das noch einmal, Sir John«, bat Athelstan und schloß die Kryptatür hinter ihnen.

Sir John machte ein verwirrtes Gesicht. »Um Gottes willen, Bruder, die Fackel brennt doch schon.«

»Nein, macht es noch einmal! Wiederholt die Bewegung!« Cranston gehorchte widerstrebend. »Was ist denn los, Bruder?«

»Nun, wir wollen versuchen, uns vorzustellen, was Bruder Bruno getan haben mag. Seht, Sir John, die oberste Stufe ist breit und sicher. Wenn man die Tür hinter sich schließt, hängt die Fackel daneben an der Wand. Bruder Bruno dürfte sich umgedreht haben wie Ihr, um diese Fackel anzuzünden. Nun ist die oberste Stufe, wie gesagt, breit genug, daß jemand Platz hätte, hinter der Tür zu warten. Bruno kommt herein und dreht sich um. Wie Ihr, müßte er fast das Gleichgewicht verlieren, wenn er sich reckt, um die Fackel anzuzünden.«

»Du willst also sagen«, unterbrach Cranston, »daß jemand hier im Dunkeln lauerte und dem alten Mann einen heftigen Stoß gab, weil er ihn für Alcuin hielt?«

»Ja.«

Vorsichtig nahm Athelstan die Fackel aus der eisernen Halterung und hielt sie in die Schwärze, so daß die Schatten über die steile Treppe tanzten, die unter ihnen in die Tiefe führte. Er deutete auf den eisernen Handlauf.

»Als ich hier Novize war, fürchtete sich jedermann vor diesen steilen, scharfkantigen Stufen. Deshalb wurde der Handlauf angebracht. Kein Mensch, schon gar kein alter Mann, und auch nicht jemand wie Alcuin, könnte einen solchen Sturz überleben.«

»Aber nicht Alcuin wurde hier hinuntergestoßen«, bemerkte Cranston, »sondern der arme Bruno. Zugegeben, der Falsche, aber die Frage bleibt: Warum wartete hier jemand auf Alcuin? Und warum wollte Alcuin herkommen? Du hast in Blackfriars studiert, Athelstan?«

Athelstan lächelte, steckte die Fackel wieder in den eisernen Halter und öffnete die Tür. »Sehr gut beobachtet, Sir John. Ja, die Krypta wurde oft für geheime Zusammenkünfte benutzt. Ihr kennt die kleinen Streitereien und Auseinandersetzungen, die es in jeder Gemeinschaft gibt - von den verbotenen Beziehungen nicht zu reden, die zwischen Männern, die dem Zölibat verpflichtet sind, entstehen können.«

»So etwas ging hier vor sich?« Cranston schloß die Kryptatür hinter sich.

Athelstan nahm ihn behutsam beim Ellbogen und führte ihn zurück in das verblassende Sonnenlicht im Garten. »So etwas und noch merkwürdigere Dinge, Sir John, aber jetzt suchen wir einen Mörder.«

»Es könnte immer noch ein Unfall gewesen sein«, widersprach Cranston.

»Das würde von zwei Dingen abhängen. Erstens: Können wir einen Zusammenhang zwischen Alcuin und der Krypta finden? Wen wollte er dort treffen? Und zweitens: Brannte die Fackel an der Wand, als Brunos Leichnam gefunden wurde? Wenn nicht, bedeutet das, daß er gestoßen wurde, als er gerade Feuer schlug; der Mörder mußte sich beeilen, um nicht entdeckt zu werden. Er hätte dann lediglich einen Schatten gesehen. Ihm einen heftigen Stoß zu versetzen und dann zu verschwinden wäre ein Kinderspiel.« Cranston rieb sich den verkrampften Nacken, und ihn fröstelte. So ruhig, so friedlich, dachte er; Blackfriars war ganz anders als die Stadt, mit seinen weißgekälkten Mauern, sauberen Wegen, blumenreichen Gärten, plätschernden Springbrunnen und den melodiösen Stimmen, die das Lob Gottes sangen. Und doch herrschten hier die gleichen Gefühle wie in den Gassen der Cheapside, und sie waren ebenso stark: Wollust, Neid, Eifersucht, Habgier. Und sogar Mord. Sie traten beiseite, als die Kirchentür sich öffnete und die Mönche herauskamen, die Hände in den weiten Ärmeln ihrer Kutten verborgen, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, und schweigend in langer Reihe zum Refektorium zurückgingen. Cranston hob den Kopf wie ein Jagdhund und schnupperte in den Wind. Dann klopfte er sich auf den Bauch und leckte sich die Lippen.

»Essen«, murmelte er. »Hirschbraten, Bruder. Frisch, zart und mit Rosmarin gewürzt.«

»Später, Sir John.«

Athelstan hielt ihn am Handgelenk fest und wartete, bis die Mönche vorbeigezogen waren, ehe er Cranston in die Kirche schob. Noch spielte ein Rest Sonnenlicht in den bunten Glasfenstern und erfüllte die Dunkelheit mit blassen Lichtstreifen. Die Weihrauchwolken aus dem Chor wehten ins Kirchenschiff herunter wie Parfüm. Athelstan empfand die heilige Stille, als sei sogar die Luft durch den Gesang der Brüder geweiht.

Sie gingen durch das Kirchenschiff und unter dem prachtvoll geschnitzten Lettner hindurch in den Chor. Athelstan schaute sich um und bestaunte die Schönheit des vielfarbigen Marmorbodens, der Alabasterstufen, des großen, aus kostbarstem Marmor gehauenen Hochaltars und der Säulen, deren Simse mit dickem Blattgold überzogen waren. Kerzenhalter aus massivem Silber standen auf dem weißseidenen Altartuch. Hoch oben in der Wand strahlte eine zierliche Fensterrosette im Licht der sinkenden Sonne. Athelstan betrachtete die wuchtigen geschnitzten Bänke zu beiden Seiten des Chors, wo die Brüder sich zum Gottesdienst versammelten. Er dachte an die Tage, da er selbst hier im Halbschlaf gestanden und zur Morgenandacht die Psalmen gesungen hatte. Über dem Altar hing ein schweres schwarzes Kreuz an Ketten aus purem Gold von den Deckenbalken herunter. In der Apsis hinter dem Altar und unter dem Rosettenfenster waren Nischen eingemeißelt, und in einigen standen lebensgroße Apostelstatuen.

»Das ist nicht St. Erconwald«, stellte Cranston leise fest und bestaunte die stille Schönheit des Chores. »Ein Gedicht aus Stein und Marmor«, fügte er hinzu. »Aber ob Alcuin hier gestorben ist?«

Athelstan blinzelte, als habe er im stillen Frieden dieser Kirche ganz vergessen, weshalb er eigentlich hier war. »Wie viele Eingänge gibt es?« fragte Cranston schroff. »Nur zwei«, sagte Athelstan. »Der, durch den wir gekommen sind« - er deutete auf das Hauptportal - »und einen im Chor.«

»Und keine Falltüren oder Geheimgänge?«

»Nichts dergleichen. Und Pater Prior sagt, beide Türen waren verschlossen. Alcuin wollte offenbar allein sein.«

»Und wo könnte er hingegangen sein?« Athelstan winkte und führte ihn um den Hochaltar herum. Dahinter lag ein scharlachroter Teppich, und auf jeder der vier Ecken stand ein kräftiger Holzpfeiler. »Wozu dienen die?« fragte Cranston.

»Wenn ein Bruder stirbt, wird der Sarg auf diesem Pfeiler auf dem roten Teppich gestellt«, erklärte Athelstan. »Der Leichnam muß einen Tag und eine Nacht am Altar ruhen. Dann wird die Requiemmesse gesungen.« Athelstan tappte mit dem Fuß auf den Boden. »Dann wird der Sarg in das große Gewölbe darunter versenkt.«

»Könnte Alcuin in dieses Gewölbe geworfen worden sein?«

»Das bezweifle ich. Bedenkt, daß man ja Brunos Sarg hinabgelassen hat. Unsere Laienbrüder sind vielleicht nicht die allerhellsten Köpfe, aber es wäre ihnen sicher aufgefallen, wenn da die Leiche eines ihrer Brüder gelegen hätte.« Athelstan zeigte auf den Betstuhl, sah sich um und betrachtete die lebensgroßen Statuen in ihren Nischen. »Hier wurde Alcuin das letzte Mal lebend gesehen«, sagte er. »Pater Prior ist sicher, daß er in die Kirche ging. Aber was geschah dann?« Seine halb geflüsterten Worte klangen gespenstisch in der Stille, und trotz der Schönheit dieser Kirche verspürte Cranston etwas Bedrohliches.

»Ich weiß nicht, Bruder«, antwortete er. »Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich habe das Gefühl, wir stehen am Eingang zum Tal des Todes!«