DREI
Langsam wanderten Athelstan und Cranston zurück nach St. Erconwald. Die Menschenmenge war immer noch da, aber eine kurze, unverblümte Ansprache ihres Pfarrers ließ sie bald auseinandergehen; nur der schlaftrunkene Crim stand noch Wache vor der Tür.
»Die Arbeiter sind gleich fertig, Pater.«
»Gut«, sagte Athelstan. »Du kannst dann gehen, Crim.« Er warf dem Jungen einen Penny zu.
Athelstan stöhnte auf, als er die Kirche betrat und den Staub sah, der jetzt alles bedeckte.
»Man könnte meinen, hier hätte eine Belagerung stattgefunden«, kicherte Cranston, machte aber sofort ein ernstes Gesicht, als Athelstan ihn mit schmalen Augen anfunkelte und dann zu den Arbeitern hinübersah, die geschäftig ihr Werkzeug in Taschen mit Ledergriffen packten. »Keine weiteren Skelette, Pater«, meldete der Vorarbeiter. Das leise Lachen, das sein Scherz hervorrief, brach ab, als Athelstan mit großen Schritten auf ihn zukam. »Das war nur Spaß, Pater«, sagte der Vorarbeiter. »Ihr könnt uns nicht verantwortlich machen.« Verzweifelt bemüht, das Thema zu wechseln, deutete er in den Chor. »Schaut, die meisten Platten sind raus.«
Athelstan schaute sich um. Der Boden des Altarraums bestand jetzt nur noch aus gestampftem Lehm; wo der Altar gestanden hatte, gähnte ein furchtbares Loch. Die Steine lagen säuberlich gestapelt an der Wand, und alter Kies und Sand waren zu Haufen geschaufelt. Athelstan faßte den Mann bei der Schulter. »Ihr habt gute Arbeit gemacht«, stellte er fest und ging zu den Steinen, um sie genauer anzusehen. »Hier« - er wühlte in seiner Börse nach einer Münze und warf sie dem Vorarbeiter zu -, »trinkt einen Topf Ale. Ihr bekommt euren vollständigen Lohn, wenn die Arbeit getan ist. Aber du siehst aus, als hättest du Erfahrung als Steinmetz.« Er klopfte auf eine der Platten. »Also sag mir: Wurden diese Steinplatten verlegt, als die Kirche gebaut wurde?«
»Nein«, antwortete der Mann. »Die sind hastig gelegt worden, und vor nicht allzu langer Zeit.«
»Wann?«
Der Mann zuckte die Achseln. »Vor ungefähr zehn Jahren, vielleicht mehr. Seht Ihr, Pater« - sein staubiger Stiefel tappte auf den gestampften Lehmboden - »ich schätze, diese Kirche ist ungefähr hundertfünfzig Jahre alt, und als sie gebaut wurde, hatte sie noch keinen Altarstein, sondern nur festgestampfte Erde. In London findet Ihr heute noch solche Kirchen. Weil wir so nah am Fluß sind, ist der Boden feucht; ich nehme an, einer der Priester hat jemanden beauftragt, die Steinplatten zu legen. Der Mann hat sogar sein Zeichen hinterlassen.« Der Arbeiter nahm eine Kerze aus dem Holzkasten vor der Statue Unserer Lieben Muttergottes. Er zündete sie an und hielt sie dicht an eine der Platten. »Seht!« sagte er. »Da ist das Zeichen eines Steinmetzes.« Athelstan und Cranston betrachteten die drei Lettern, die dort eingemeißelt waren: A.Q.D. »Was bedeutet das?« fragte Athelstan.
»Nun, jeder Maurer hat sein Zeichen«, erklärte Cranston. »Und das hier gehört offenbar dem Mann, der den Chor ausgelegt hat.«
»Könnten wir herausfinden, wer das ist?«
»Das bezweifle ich«, meinte der Arbeiter. »Allein in Southwark gibt es Dutzende von Maurern und Steinmetzen. Und wer weiß? Der Priester hat vielleicht jemanden von der anderen Seite des Flusses geholt oder sogar aus einem der Dörfer außerhalb von London. Ich kenne das Zeichen jedenfalls nicht.« Er nahm seine Tasche und winkte seinen Leuten. »Das ist alles, was ich Euch erzählen kann, Pater. Kommt, Leute, unsere Kehlen sind trocken!«
»Macht die Tür hinter euch zu!« rief Athelstan. Er wartete, bis sie weg waren; dann führte er Cranston zu dem großen Gemeindesarg. Er und Cranston studierten das Skelett gründlich, und Athelstan erzählte dem Coroner, was er bisher erfahren hatte.
»Ich gebe dem guten Doktor recht«, erklärte Cranston, und seine Stimme klang hohl durch die dunkle Kirche. »Ich glaube auch, daß es eine Frau ist.« Er befingerte das Kreuz und rieb das zerbröselnde Holz. »Das Fleisch ist ziemlich schnell verwest; im Lehmboden haben sich zwar die Knochen gut erhalten, aber das Holz nicht.« Er nahm das Kreuz zur Hand; im Grunde waren es nur zwei zusammengenagelte Holzstücke. »Sehr plump«, stellte er fest. »Im Kern ist das Holz noch hart. Weißt du, Pater, wenn ich raten soll, so würde ich sagen, diese junge Lady wurde vor höchstens fünfzehn Jahren hier begraben.«
»Zur gleichen Zeit, als auch die Steinplatten verlegt wurden?«
»Genau.« Cranston holte tief Luft. »Gott verzeih mir.« Er hob das Gerippe hoch und drückte den Kopf nach hinten, ohne sich um das Knacken der Halswirbelknochen zu kümmern. Er spähte in den Schädel hinein und holte die Kerze näher heran, bis der Hohlraum darin gespenstisch leuchtete. »Interessant«, murmelte er. »Was denn, Sir John?«
Cranston löste den Schädel jetzt ganz von der Wirbelsäule. Das Knacken hallte durch die Kirche wie Donner. Athelstan schloß die Augen und murmelte ein Gebet. »Gott schenke ihr die ewige Ruhe«, sagte er. »Herr, du bist unser Zeuge: Wir beabsichtigen keine Unehrerbietigkeit; wir suchen nur die Wahrheit.«
»Der liebe Gott wird das verstehen«, dröhnte Cranston; er hob den Schädel hoch und hielt die Kerze noch näher. »Vergiß die frohe Botschaft nicht, Athelstan: Auf den Geist kommt es an, denn das Fleisch ist nichtig. Und jetzt, mein guter Mönch …«
»Ordensbruder, Sir John.«
Der Coroner grinste boshaft. »Natürlich. Aber ich will dir Cranstons Philosophie von Beobachtung und Deduktion darlegen. Schau den Schädel genau an, Athelstan, und sag mir, was du siehst.«
Er hielt dem Priester Schädel und Kerze hin, und dieser leuchtete in die Öffnung hinter dem Kiefer und inspizierte eingehend das Innere des Schädels. »Nichts«, murmelte er dann.
»Na, na, Bruder. Zuviel Ale vernebelt das Hirn und macht die Augen stumpf.« Cranston drückte seinen Arm. »Schau noch einmal.«
Athelstan tat es und schnappte nach Luft. Er schob die Kerze weiter hinein.
»Gib acht, daß du nicht den Knochen verbrennst«, warnte Cranston.
Athelstan betrachtete die rötliche Färbung unter der Schädeldecke. »Wie rote Farbe«, murmelte er. »Sehr schwach.« Cranston nahm ihm Schädel und Kerze ab und hielt beides so in der Hand, daß er im trüben Halbdunkel aussah wie ein Meister der Schwarzen Kunst. Er blies die Kerze aus und legte den Schädel wieder in den Sarg. Er klappte den Deckel zu, nahm Platz und klopfte auffordernd neben sich auf die Holzbank, Athelstan solle sich zu ihm setzen. »Meine Theorie, guter Mann«, begann er hochtrabend, »basierend auf Beobachtung, Logik und Deduktion, besagt, daß dieses Skelett einer jungen Dame gehörte, die ermordet und in dieses Loch unter dem Altar gelegt wurde. Von wem, das weiß ich nicht.«
»Und wie wurde sie ermordet?«
»Durch Ersticken oder Strangulieren.«
»Wie könnt Ihr das beweisen?«
»Ich habe es schon ein paarmal gesehen. Ein genuesischer Arzt hat mir die Zeichen beschrieben. Wenn jemand erstickt oder erwürgt wird, platzen offenbar die Blutgefäße im Gehirn, und der Schädelknochen wird vom Blut befleckt.«
»Und Ihr glaubt, so ist es hier passiert?«
»Ich weiß es sogar, mein Bester. Die Frage ist, wer hat es getan und warum? Es könnten die Arbeiter gewesen sein, die die Platten verlegt haben.«
»Oder der Priester, der hier gewohnt hat.« Cranston tätschelte seinen Schenkel. »Ja, ja. Wir dürfen auch Fitzwolfe — gesegneten Angedenkens — nicht vergessen. Vielleicht sollten wir der Liste seiner Verbrechen noch Mord hinzufugen.«
Athelstan schaute sich in der Kirche um. Jetzt wirkte sie nicht mehr freundlich oder fröhlich. Ein furchtbarer Mord war hier begangen worden, und die schreckliche Sünde schien wie eine lastende Wolke über dem Gebäude zu hängen. Gab es nirgends Sicherheit? fragte er sich. Sickerten Mord und grausiger Totschlag in jede Ritze, jeden Spalt der menschlichen Existenz? Ihn schauderte, und er stand auf. »Sir John, Ihr habt gesagt, Ihr wolltet mich in einer eigenen Angelegenheit sprechen?« Cranston zog eine Grimasse.
»Ja, aber nicht hier, Bruder. Hast du noch was von diesem ausgezeichneten Wein?«
»Eine Flasche habe ich heute verbraucht, aber eine ist noch da für Euch, Sir John.«
»Gut, dann laß uns von hier verschwinden. Ich bekomme allmählich eine Gänsehaut, und mein Magen brüllt nach dem Saft der Rebe.«
Athelstan schloß die Kirche sorgfältig ab und führte Sir John hinüber zum Pfarrhaus. Gottlob war Bonaventura wieder verschwunden. Athelstan schloß die Läden, zündete die Kerzen an und entfachte das Feuer mit etwas Reisig neu. Er schenkte für Sir John und sich zwei große Becher Wein ein. Cranston zog die Kerze zu sich und schob eine kleine Pergamentrolle über den Tisch. »Lies das, Bruder.«
»Warum?«
»Lies es einfach.«
Athelstan schnürte das Pergament auf und studierte die geübte Handschrift eines Schreibers. Er las einmal und blickte dann verwundert auf.
»Eine sonderbare Geschichte, Sir John. Was habt Ihr damit zu tun?«
Cranston erzählte, und Athelstan stöhnte auf. »Oh, Sir John, um der Liebe Gottes willen, Ihr sitzt in der Falle! Wißt Ihr denn nichts von diesen Rätseln, diesen raffinierten Mosaiks der Logik? Manche sind jahrhundertealt und wurden nie gelöst.«
Cranston zuckte die Achseln. »Ich denke, dies hier ist eine wahre Geschichte.«
»Sir John, das könnte Euch tausend Kronen kosten - oder, wenn John von Gaunt Euch in die Finger kriegt, Eure Integrität.«
»Dann hilf mir, Bruder.« Cranston leerte seinen Becher und stellte ihn dröhnend auf den Tisch.
Athelstan sah die Bangigkeit im sonst so gutgelaunten Gesicht des Coroners. »Ich werde mein Bestes tun.«
Cranston wollte seinen Becher wieder bis zum Rand füllen, doch dann besann er sich anders. Er wagte es nicht. Er wollte nicht betrunken nach Hause kommen. Bis jetzt hatte er die Angelegenheit geheimgehalten, nur er und Athelstan wußten davon. Ob Lady Maude irgendwelche Gerüchte gehört hatte? »Ihr müßt es ihr erzählen, Sir John«, sagte Athelstan leise, als habe er des Coroners Gedanken gelesen. »Ihr müßt es Lady Maude sagen.«
»Aye, aber das ist es ja gerade. Meine Frau weiß, daß ich Gaunt niemals um Hilfe bitten werde, aber woher soll ich tausend Kronen nehmen? Von den Bankiers? Da werden noch meine Urenkel die Zinsen zahlen müssen.« Athelstan beugte sich vor und legte dem Coroner die Hand auf die dicke Faust.
»Mut, Sir John. Denkt immer daran: Wenn es ein Problem gibt, so diktiert die Logik, daß es auch eine Lösung dazu geben muß.«
Cranston erhob sich und griff nach Bibermütze und Mantel.
»Aye, Bruder. Ich werde mich nach deiner Kirche erkundigen und nach dem Aufenthalt des geheiligten Fitzwolfe.« Er scharrte mit den Füßen und spähte zu den Deckenbalken hinauf.
»Da ist noch etwas, nicht wahr, Mylord Coroner?« Cranston plumpste wieder auf den Schemel. »Ja, das stimmt. Ich hatte Besuch.«
»Von wem?«
»Von deinem Pater Prior.« Athelstan starrte ihn verblüfft an.
»Na ja …« Cranston leckte sich die Lippen und schaute sehnsüchtig auf seinen Weinbecher. »Wie du weißt, findet da eine Sitzung des Generalkapitels statt, bei der die Schriften eines deiner Brüder erörtert werden sollen.«
»Ja. Bruder Henry von Winchester. Warum?« Athelstans Stimme wurde höher. »Was hat das mit mir zu tun?«
»Gar nichts, aber - um es kurz zu machen, Athelstan, in Blackfriars gehen seltsame Dinge vor sich. Ein Mönch ist tot, und ein anderer namens Alcuin ist verschwunden.«
»Alcuin!« hauchte Athelstan und sah das asketische Gesicht seines Mitbruders vor sich. »Verschwunden, Sir John? Alcuin war für das Klosterleben wie geschaffen. Ich könnte mir nie vorstellen, daß er über die Klostermauer springt und mit Hallo ins Fleischerviertel galoppiert, um sich dort mit einer hübschen Dirne zu treffen.«
»Nun, er ist verschwunden, und Pater Prior hat mich gebeten, die Sache zu untersuchen.« Cranston schluckte heftig. »Am Mittwoch kommt er zu dir. Das heißt, wir kommen beide. Ich nehme an, er will dich um Hilfe bitten.« Athelstan schlug die Hände vors Gesicht. »O Gott!« betete er. »Nicht das. Nicht wieder zurück nach Blackfriars und zur Politik des Ordens.«
Und dann fluchte er, murmelte jedes schmutzige Wort, das er von Cranston gelernt hatte. Er war so glücklich gewesen; da waren zwar seine üblichen Pflichten als Cranstons Schreiber, aber nichts Ernstes, nicht seit jenen blutigen Morden im Tower am letzten Weihnachtsfest. Er hatte sich in das Studium der Sterne versenkt, in seine Plaudereien mit Bonaventura, er hatte seinen Pfarrkindern geholfen und - vor allem - seine geliebte Kirche renoviert. Und jetzt würde seine schwer errungene friedliche Ruhe zerstört werden: von Sir John mit seinem Problem, von Benedicta mit ihren Sorgen um ihren Ehemann, von dem Skelett in der Kirche und vom Pater Prior, der seine Hilfe wollte. Er schaute Cranston an.
»Überall folgen mir Mord und Totschlag«, flüsterte er, »sie schleppen sich hinter mir her wie eine Bestie aus der Hölle.
Einen Fehler habe ich begangen, Sir John, und wie habe ich dafür bezahlt!«
Cranston stand auf, stellte sich neben ihn und klopfte ihm sanft auf die Schulter.
»Du hast nichts Unrechtes getan, Athelstan«, sagte er leise. »Du warst ein junger Mann, der in den Krieg zog. Du hast deinen jüngeren Bruder mitgenommen. Es war Gottes Wille, daß er fiel. Wenn dafür bezahlt werden mußte, so hast du es getan. Jetzt gibt es einen neuen Francis, meinen Sohn und dein Patenkind. Das Leben geht weiter, Bruder. Ich sehe dich Mittwoch.«
Cranston öffnete die Tür und verschwand in der Abenddämmerung.
Athelstan blieb sitzen und hörte, wie er wegging. Dann ging er zum Fenster und starrte hinauf zum dunklen Turm von St. Erconwald. Er atmete tief und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Pater Prior würde warten müssen, und das Skelett in der Kirche ebenfalls. Heute abend würde er nicht die Sterne studieren, sondern das Problem analysieren, das Cranston mitgebracht hatte.
Er setzte sich an den Tisch und studierte das Manuskript, das Cranston dagelassen hatte. Wie hatten diese Männer im scharlachroten Gemach so raffiniert ermordet werden können? »Nichts zu essen«, flüsterte er, »nichts zu trinken, keine Falltüren und keine verborgenen Vorrichtungen. Kein lautloser Mörder. Wie also sind diese Männer gestorben?« Athelstan durchdachte alle Möglichkeiten, aber die Todesfälle waren scheinbar so einfach - es gab keinen Hinweis, keinen Haken, an dem man einen Verdacht hätte befestigen, keinen Spalt, den man hätte aufbrechen können. Athelstan fielen die Augen zu. Jäh schrak er hoch. Die Kerze war heruntergebrannt. Irgendwie, folgerte er, lag der Schlüssel zu all den Todesfällen bei den letzten beiden. Was hatte den Armbrustschützen so erschreckt, daß er seinen Kameraden erschossen hatte?
Wieder fiel ihm der Kopf auf die Brust, und er versank in einem tiefen Traum: Er saß in einer scharlachroten Kammer, und die Gestalt des Todes mit seinem Totenkopfgesicht drehte sich in seltsamem Tanz, während eine lautlose Macht langsam und drohend immer näher kam. Am nächsten Morgen erwachte Athelstan frierend und steif; er saß noch immer am Tisch, den Kopf auf die Arme gelegt, und Bonaventura rieb sich auffordernd an seinem Bein. Irgendwo zwischen den schmutzigen Hütten und Behausungen von Southwark krähte ein Hahn sein Morgenlied in die aufgehende Sonne. Der Priester stand auf und streckte sich; er rieb sich das Gesicht und wünschte, er wäre ins Bett gegangen. Er rollte das Pergament zusammen, das Cranston ihm gegeben hatte, und brachte es hinauf in seine Schlafkammer, um es dort in die Truhe zu legen. Dann zog er sich aus, wusch sich mit einem nassen Lappen, rasierte sich und versuchte, sich auf die Messe zu konzentrieren, die er lesen mußte. Er durfte sich nicht von den Gedanken ablenken lassen, die ihm im Kopf herumgingen. Er putzte sich die Zähne mit einem Gemisch aus Salz und Essig, holte seine zweite Kutte hervor, aß zum Frühstück ein bißchen altbackenes Brot und fütterte geistesabwesend Bonaventura, der die Nacht anscheinend mit einem Streifzug durch sein Königreich in den Gassen rings um die Kirche verbracht hatte. »Irgend etwas sagt mir, Bonaventura«, meinte Athelstan leise, als er sich niederhockte, um den zerzausten Kater zu füttern, »daß dies ein seltsamer Tag werden wird.« Er ging hinüber in die Kirche und las allein die Messe an einem behelfsmäßigen Altar in der Mitte des Kirchenschiffs. Sorgfältig vermied er jeden Blick auf den Sarg mit seinem grausigen Inhalt, der zu seiner Linken stand. Niemand außer Pemel, der Flamin, kam, und sie schien sich mehr für den Sarg zu interessieren. Athelstan beendete seine Messe und räumte den Altar für die Bauarbeiter ab. Er fütterte Philomel und ließ das Schlachtroß mit locker zusammengebundenen Vorderbeinen in seinem kleinen Garten herumlaufen, damit es ein wenig Bewegung hatte. Dann kehrte er ins Haus zurück. Er beschloß, sich auf die Zusammenstellung der Liste der benötigten Vorräte zu konzentrieren, ehe er sich wieder den Skizzen zuwandte, die zeigten, wie der neue Chor aussehen sollte. Aber er war immer noch hungrig und rastlos, und so verschloß er sein Haus und ging zu einer Garküche in der Blowbladder Alley.
Er kaufte sich eine knusprige Fleischpastete und einen Teller Gemüse mit Sauce; dann setzte er sich draußen an die Wand und genoß die heiße Tunke und den würzigen Duft. Ein Betder, dem für irgendein früheres Verbrechen die Nase aufgeschlitzt worden war, kam herangekrochen und winselte um Almosen. Athelstan gab ihm zwei Pennys. Der Kerl verschwand in der Garküche, kaufte dem Fettkloß von Bäcker ein paar Pasteten ab und setzte sich neben Athelstan. Nach einer halben Stunde hatte Athelstan genug von seinen weitschweifigen Geschichten über seine Heldentaten als Soldat und beschloß, einen Spaziergang zu machen. Er mochte Southwark in der Frühe immer gern, trotz der überlaufenden Gassenrinnen, der faulig stinkenden Abfallberge und der Bewohner der Unterwelt, die sich jetzt in ihre Kämmerchen verdrückten, um dort die Rückkehr der Nacht abzuwarten. Eine Hure, deren scharlachrote Perücke schief saß, lehnte an einer Wand und schrie freundliche Schmähungen zu ihm herüber. Ein Trödler mit einem Karren voll angestoßener Äpfel stellte sich unten bei der Brücke auf und wartete auf morgendliche Kundschaft. Ein Tagelöhner, der seine Packtiere hinter sich herzog, ging eilig vorüber, entschlossen, Southwark hinter sich zu bringen, bevor das Tagesgeschäft begann. An der kleinen Kreuzung zwischen Stinking Alley und Pig Lane hockte eine Gruppe von Aussätzigen eng beieinander, die Köpfe von Kapuzen verhüllt, die Gesichter maskiert; sie schauten einer verrückten Zigeunerin zu, die einen seltsamen, lautlosen Tanz vollführte. Athelstan blieb stehen und schaute zwischen den überhängenden Häusern hoch. Der Himmel war inzwischen von Licht überstrahlt, und so machte er sich auf den Heimweg, immer noch entschlossen, einen klaren Kopf zu bewahren. Er räumte auf, spülte die Becher ab und fegte den Fußboden. Draußen erwachte Southwark, geweckt vom Rumpeln der Karren, dem Geschrei der Kinder und den Rufen der Händler. Eine kleine Schar versammelte sich nach und nach vor der Kirche; die Arbeiter kamen und taten ihre Anwesenheit mit lauten Flüchen und Werkzeuggeklapper kund. Athelstan beschloß, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Er ging nach oben, kniete auf seinem kleinen Betstuhl nieder und begann mit seiner Morgenandacht: Frühgebet, Lobgesang und None. Er konzentrierte sich auf das Mysterium der Psalmen, die Lobpreisungen und die anschaulichen Beschreibungen vom Propheten Jesaja.
Unten hörte er einen Tumult, aber er beschloß, sich nicht darum zu kümmern. Mehrere Rufe und Aufschreie folgten, dann wurde laut an seiner Tür geklopft. Er flüsterte ein letztes Gebet und eilte nach unten. Watkin und Pike standen da, und ihre Gesichter glänzten vor Aufregung. »Pater, Pater, Ihr müßt kommen! Ein Wunder ist geschehen!«
»Jeder neue Tag ist ein Wunder«, versetzte er schroff. »Nein, Pater, ein richtiges Wunder!«
Sie zerrten ihn aus dem Haus und vor die Kirche, wo sich eine kleine Menschenmenge versammelt hatte. Die Leute umringten einen großen, weißhaarigen Mann, der den Ärmel seines grünen Mantels hochgeschoben hatte und aller Welt seinen Arm zeigte.
»Was gibt's?« bellte Athelstan und drängte sich durch die Menge.
Der Mann drehte sich um. Er hatte ein breites, sonnengebräuntes Gesicht. Athelstan bemerkte die Lachfältchen um Mund und Augen und die gute Qualität seiner Kleider. Neben ihm stand eine Frau; kastanienbraune Löckchen lugten unter einer hellblauen Haube hervor, und der butterblumengelbe Kittel über ihrem weißen Hemd sah teuer aus, gutgeschnitten und sauber. Der Mann lächelte Athelstan an. »Pater, ein Wunder.«
»Unsinn!« fauchte Athelstan.
»Seht nur, Pater.« Der Mann zeigte ihm seinen rechten Arm, entblößt vom Ellbogen bis zum Handgelenk. »Als ich heute morgen aufwachte, war dieser Arm entzündet. Vor fünf Tagen habe ich mich geschnitten.« Er zeigte auf eine feine, rosarote Linie, die auf halber Höhe immer noch undeutlich zu erkennen war. »Ich habe die Wunde nicht behandelt, und sie war infiziert. Die Haut wurde krank. Der Arzt Culpepper behandelte die Stelle mit Salben und Verbänden, aber sie wurde nicht besser.« Der Mann schaute in die Runde, und Athelstan sah, daß viele Gemeindemitglieder seine dramatische Geschichte mit aufgerissenen Augen und offenen Mäulern verfolgten.
»Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen, Pater. Das Jucken war so unerträglich.« Er fuhr sich mit der Zunge über die vollen Lippen. »Gestern hatten wir gehört, daß hier ein Heiliger gefunden worden sei.« Der Blick des Mannes wurde flehentlich. »Pater, ich war verzweifelt. Ich bin in Eure Kirche gegangen, habe mich an den Sarg gelehnt und um Hilfe gebetet.«
»Das stimmt.« Die junge Frau neben ihm ergriff das Wort. Sie wies auf einen Berg schmutziger Verbände vor der Kirchentür. »Mein Mann sagte, es gehe ihm besser. Der Schmerz und das Jucken hätten aufgehört.« Ihre lächelnden Augen schauten Athelstan beschwörend an. »Ich kann Euch nur erzählen, was passiert ist. Wir haben die Verbände abgemacht.« Sie deutete auf einen Wasserverkäufer, der die Straße hinuntereilte. »Ich habe eine Kanne Wasser gekauft und den Arm gewaschen. Und da war keine Entzündung, Pater. Die Haut war rein wie die eines Säuglings.« Ein Aufschrei des Erstaunens erhob sich nach ihrem Bericht. Athelstan betrachtete mißtrauisch den Arm des Mannes. »Ihr sagt, Ihr habt Euch an den Gemeindesarg gelehnt und ein Gebet gesprochen?«
Der Mann rollte den Mantelärmel herunter. »Es war so, wie ich gesagt habe, Pater. Ich war nicht mehr als zehn Minuten dort.«
»Ich habe gesehen, wie der Verband abgenommen wurde«, schrie Watkin. »Es ist wahr, Pater. Ein Wunder.« Die Leute bekreuzigten sich und schauten furchtsam zur Kirche hinüber.
»Pater«, rief Tab, der Kesselflicker, »was sollen wir jetzt machen?«
»Wir sollten den Mund halten, Tab, und einen kühlen Kopf bewahren. Kommt!« befahl Athelstan. »Alle in die Kirche! Pike, du gehst und holst den Arzt Culpepper. Sag ihm, ich bitte um Verzeihung, aber es ist wichtig, daß er sofort kommt.«
Die Gemeinde folgte Athelstan und dem Mann, der die Wunderheilung erfahren hatte, in die Kirche. Athelstan befahl allen, sich hinzusetzen und den Mund zu halten. Er ging wieder hinaus und lehnte sich an die Tür, während hinter ihm erneut aufgeregtes Getöse losbrach. Er hockte sich nieder und betrachtete den Haufen schmutziger Verbände: Sie waren mit dunklen Flecken übersät und stanken faulig. Athelstan untersuchte sie immer noch, als Pike mit dem verdrossen dreinblickenden Culpepper zurückkam. »Pater, was gibt es jetzt schon wieder?«
»Lieber Doktor, ich bitte um Entschuldigung, aber da ist ein Mann in der Kirche, einer Eurer Patienten. Er behauptet, er habe an einer Entzündung am Arm gelitten, und Ihr hättet die Stelle mit Salbe bestrichen und verbunden.« Culpepper zog sich den pelzverbrämten Mantel fester um die knochigen Schultern, und sein sonst humorvolles Gesicht wirkte jetzt gereizt und angespannt.
»Pater, ist das alles? Ich kann mich doch nicht an jede Verletzung erinnern!«
»Geht dort hinein«, bat Athelstan. »Geht hinein, schaut Euch den Mann an, untersucht seinen Arm, und dann kommt heraus und berichtet mir.«
Kopfschüttelnd und fluchend gehorchte Culpepper. Athelstan wartete draußen. Das Geplapper hinter ihm verstummte für eine Weile und brach dann erneut los, als Culpepper mit überraschter und bestürzter Miene aus der Kirche kam. »Nun?« fragte Pike, an Gesicht und Körper angespannt wie ein Windhund.
Der Arzt schaute Athelstan betreten an. »Es stimmt, Pater. Vor einigen Tagen kam Raymond D'Arques mit einer schrecklichen Hautentzündung zu mir. Ich habe sie sorgfältig untersucht, eine Salbe daraufgestrichen, den Arm verbunden und eine Gebühr kassiert.«
»Der Arm hatte die Fäule?«
»Eindeutig, Pater. Ein pilzartiger Ausschlag, der die Haut rauh machte und furchtbares Jucken verursachte.«
»Und der ist jetzt geheilt?«
»Ihr habt es gesehen, Pater. Und ich auch.«
»Könnte eine solche Infektion durch die Salbe geheilt worden sein, die Ihr daraufgestrichen habt?«
»Das bezweifle ich, Pater. Nicht in so kurzer Zeit. Solche Infektionen - ich habe sie schon oft gesehen - brauchen Wochen, ja Monate, bis sie abheilen. Aber die Haut ist jetzt gesund und frisch.«
Athelstan trat gegen den kleinen Haufen Verbandstoff. »Und das hier ist von Euch?«
Der Arzt hob die Verbände auf, ohne sich zu besinnen, und schnupperte aufmerksam daran. »Ja, Pater, und wenn Ihr sie nicht braucht - er braucht sie sicher nicht mehr -, nehme ich sie mit und verwende sie noch einmal.« Der Arzt trat dicht an Athelstan heran. »Ich kann es nicht erklären, Pater, und Ihr könnt es auch nicht. Und wieso sollte Gott in St. Erconwald keine Wunder wirken?« Er machte auf dem Absatz kehrt und stapfte die Straße hinunter.
Athelstan sah Pike an. »Was weißt du über diesen Raymond D'Arques?«
»Ein braver Mann, Pater. Er und seine Frau Margot leben an der Dog Leg Lane. Er hat ein ziemlich großes Haus beim Skinner's Yard.«
Athelstan lehnte sich an die Wand. Die Dog Leg Lane lag gerade noch innerhalb seines Pfarrbezirks. »Ich sehe sie aber nie in der Kirche«, brummte er. »Ah«, antwortete Pike, »weil er und seine junge Frau wohlhabend sind und nach St. Swithin gehen. Sie sind gute, fromme Menschen, Pater, und geben regelmäßig den Armen. Er ist ein anständiger Handwerker, beliebt und geachtet. Fragt den alten Bladdersniff. Der kennt jedermanns Geschäft.« Athelstan seufzte und kehrte in die Kirche zurück, wo seine aufgeregten Pfarrkinder Raymond D'Arques und seine Frau umdrängten. Der Mann winkte die anderen zur Seite und kam auf ihn zu.
»Pater«, flüsterte er, »es tut mir leid. Mein Arm war krank, und ich kam her, um zu beten. Ich kann nur Gott und Euch danken. Bitte nehmt dies.« Er drückte Athelstan eine Silbermünze in die Hand.
Der Priester trat zurück. »Nein, nein, das kann ich nicht.«
»Pater, Ihr müßt. Es ist mein Opfer. Wenn die Kirche es nicht will, gebt es den Armen.« D'Arques schloß Athelstans Finger um das Geld. »Bitte, Pater, ich werde Euch keine weiteren Ungelegenheiten machen. Margot«, rief er über die Schulter, »wir haben diesen armen Priester lange genug gestört.«
Er ging davon. Seine Frau lächelte Athelstan zu, berührte sanft seine Hand und schlüpfte lautlos zur Tür hinaus, ihrem Mann hinterher.
»Tja, Pater!« Watkin, der Mistsammler, baute sich mit verschränkten Armen und gespreizten Beinen vor seinem Pfarrer auf. »Tja, Pater«, wiederholte er, »nun haben wir unser Wunder. Die Heilung ist der Beweis: Wir haben einen Heiligen hier in St. Erconwald.«
Athelstan sah, wie die Augen des Mistsammlers beim Gedanken an den zu erwartenden Profit glitzerten. »Wallfahrten werden stattfinden«, rief der Sakristan. »St. Erconwald wird berühmt. Ihr könnt uns nicht hindern«, fügte er trotzig hinzu. »Ihr kennt das Kirchenrecht. Das Kirchenschiff gehört dem Volk. Dies ist unsere Kirche.« Er deutete mit dickem Finger auf das Querschiff. »Das ist unser Sarg, unser Skelett und unser Heiliger. Und wer anderer Meinung ist, kann sich gleich verpissen.« Ein Beifallschor begrüßte seine Worte. Athelstan schaute seine Gemeinde an. Wenn doch nur Benedicta da wäre, um die Wogen zu glätten! Athelstan erkannte die gefährliche Mischung aus religiösem Eifer und Profitgier, die in den anderen erwacht war. Tab, der Kesselflicker, würde jetzt in seine Werkstatt gehen und feine Amulette, Bildnisse und Kreuze zurechthämmern, und binnen eines Tages würde er damit handeln. Der Tuchwalker Amasias würde mit einem »E« bestickte Tücher feilbieten und behaupten, sie hätten die Überreste des Heiligen berührt. Der Maler Huddle würde Skizzen auf Pergament anfertigen. Pike würde seine Frau Brot und Zuckerwerk backen lassen und in unheiliger Allianz mit Watkin den Pilgern und Neugierigen einen Wegezoll abnehmen. Eine Woge des Bedauerns durchströmte Athelstan, aber er sah ein, daß dies nicht die Zeit für kühle Logik oder unverblümte Wahrheiten war.
»Laßt mich darüber nachdenken«, sagte er. Er richtete sich zu voller Höhe auf und sah sich unter seinen Gemeindemitgliedern um. »Ihr Kindlein«, rief er und benutzte die Anrede, mit der er sonst seine Predigten eröffnete. »Ich bitte euch, seid achtsam und umsichtig. Gott wirkt Wunder. Dieser Tag ist ein Wunder. Jeder von euch, einzigartig in sich selbst, ist ein Wunder. Überstürzt nichts, denn diese Angelegenheit ist noch nicht geklärt. Ich will mich nicht gegen euch stellen, aber überlegt euch, was dies für euch und eure Gemeinde am Ende bedeutet. Ihr seid gute Leute, aber ich glaube, ihr seid verblendet.«
»Was ist mit dem Wunder?« schrie Mugwort. »Was ist mit unserem Märtyrer?«
Athelstan lächelte. »Wie der Psalmist sagt, Mugwort: Wer kennt die Wege Gottes? Wir werden sehen, wir werden sehen.«
Er machte auf dem Absatz kehrt und ließ sie stehen. In seinem Haus angekommen, stürzte er trotz der frühen Stunde einen Becher Wein herunter, und zwar mit einer Geschwindigkeit, für die ihn der Lord Coroner bewundert hätte.