Kapitel 11

Kelly war förmlich dahingeschmolzen, als sie das Wort bitte aus Nashs Mund gehört hatte. Zugegeben, es hatte auch am Gefühl seines harten Körpers gelegen, als er sich an sie geschmiegt und sie an das Glück erinnert hatte, das sie in seinen Armen gefunden hatte. Es könnte alles so schön sein, dachte sie. Wenn sie ihm nicht ihre Vergangenheit verschweigen müsste und wenn er nicht so verdammt viel Wert auf Ehrlichkeit legen würde.

Doch genau so war es nun einmal, und sie war so nah dran gewesen, ihm die Wahrheit anzuvertrauen. Aber er hatte sie mit einer einzigen Berührung zum Verstummen gebracht. Er hatte einen Wunsch geäußert, und den hatte sie ihm erfüllt. Deshalb stand sie nun hier, vor der Haustür seiner Adoptivmutter.

Die Sonne ging bereits unter, aber es war noch nicht so dunkel wie neulich, als er mit ihr eine private Stadttour durch Serendipity unternommen hatte, sodass sie das Gebäude diesmal etwas besser erkennen konnte. Das Domizil der Rossmans war umgeben von einer grünen Rasenfläche und nicht ganz so riesig wie die Harrington-Villa, aber nichtsdestoweniger ein recht stattliches Haus, dem eine Aura des Wohlstands anhaftete.

Kelly war total verspannt, obwohl sich die Tür noch gar nicht geöffnet hatte. Nash legte ihr eine Hand aufs Kreuz und murmelte ihr erneut »Tief durchatmen« ins Ohr, genau wie vorhin. Unmittelbar danach hatte er ihr gestanden, dass sie die einzige Frau war, mit der er zusammen sein wollte, und danach hatte sie ein absolut undenkbares Verhalten an den Tag gelegt.

Und sie bereute es kein bisschen.

»Florence beißt nicht«, versicherte er ihr.

In diesem Augenblick schwang die Tür auf. »Nash!«, rief die Frau, die seine Adoptivmutter sein musste. »Wie schön, dass du es einrichten konntest.«

»Als würde ich dich an deinem Geburtstag versetzen.« Er reichte ihr eine kleine blaue Schachtel mit dem unverkennbaren Emblem von Tiffany.

»Du bist für mich immer noch das größte Geschenk«, sagte Florence und schloss ihn in die Arme.

Sie liebte Nash, als wäre er ihr leiblicher Sohn, das war offensichtlich. Es schmerzte Kelly, die Szene mit anzusehen, weil sie selbst nie diese Art von Mutterliebe erlebt hatte, jedenfalls nicht als Teenager oder als Erwachsene. Es machte sie aber auch traurig, zu sehen, wie unwohl sich Nash fühlte in Anbetracht der Zuwendung, die ihm Florence Rossman angedeihen ließ. Er wand sich förmlich in ihrer Umarmung.

»Mom, darf ich vorstellen: Das ist Kelly Moss. Ich habe dir ja bereits erzählt, dass Tess eine erwachsene Halbschwester hat.«

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Kelly hielt der Gastgeberin den Blumenstrauß hin, den sie am späten Nachmittag besorgt hatte. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich ausgerechnet heute Abend aufdränge.«

»Ach, Unsinn.« Florence schnupperte lächelnd an dem Bouquet. »Von Aufdrängen kann keine Rede sein. Ich genieße es, Gesellschaft zu haben.« Sie winkte die beiden herein.

Kelly sah zu Nash, und sie traten ein. Kelly wusste nicht recht, was sie erwartet hatte, aber diese zierliche Person mit dem glatten blonden Haar und dem sonnengebräunten Gesicht, die eine Strickweste, eine elegante schwarze Hose und Ballerinas von Chanel trug, war es definitiv nicht. Ihre Gastfreundschaft und die Herzlichkeit, die sie verströmte, passten so gar nicht zu der Tatsache, dass sie Dare nicht hatte adoptieren wollen.

Florence führte sie ins Wohnzimmer, das in freundlichem Hellblau und Elfenbeinweiß eingerichtet war. Dann fragte sie Nash über sein Leben und seine Arbeit aus, erkundigte sich nach Richard und nahm sich vor, ihm nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Obstkorb zu schicken. Sie wirkte lebhaft und liebenswürdig, und es schien Kelly, als würde sich Nash zusehends entspannen. Während sie sich unterhielten, wurden seine Züge weicher, und er konnte seine Zuneigung für Florence nicht verhehlen. Jedenfalls kam es Kelly so vor. Nur wenn er allein war und die Erinnerungen an seine leiblichen Eltern über ihn hereinbrachen, oder wenn er an Dares Pflegeeltern dachte und daran, wie gut er es verglichen mit seinem Bruder gehabt hatte, dann wurde er plötzlich verschlossen.

Florence servierte ihnen ein köstliches Hühnchengericht, das sie selbst zubereitet hatte, und erzählte einige Anekdoten über Nash als Teenager. Auch als sie danach wieder ins Wohnzimmer zurückkehrten, schwelgte sie in Erinnerungen an früher.

Kelly genoss es, mehr über den Jungen zu erfahren, der Nash einmal gewesen war und lauschte Florence aufmerksam. Sie hatte nicht erwartet, so viel über die Menschen und die Ereignisse zu erfahren, die ihn zu dem gemacht hatten, der er heute war, und war ihrer Gastgeberin dankbar für diesen Einblick.

»Du hättest mal sein Gesicht sehen sollen, als ihm klar wurde, dass er an der Privatschule eine Schuluniform tragen musste «, sagte Florence gerade und lächelte.

Nash, der neben Kelly saß, schüttelte den Kopf und stöhnte. Wie es aussah, hatte er nach wie vor ein Problem mit dem Thema. Genau wie seine Schwester, dachte Kelly bei sich und unterdrückte ein Lachen. Es erstaunte sie immer wieder, wenn sie auf etwas stieß, das Tess und Nash gemeinsam hatten. »Er hat sich so erbittert gegen den Blazer gewehrt, dass ich nahe daran war, ihn wieder auf die öffentliche Schule zu schicken.«

Aber sie hatte es nicht getan.

Kelly dachte an Tess und beugte sich nach vorn. »Warum haben Sie es nicht getan? Meine ich meine, unsere Schwester Tess fühlt sich auf der Privatschule auch unwohl, und ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte sie.

Florence nickte verständnisvoll. »Nun, als Erziehungsberechtigte war es meine Pflicht, an seine Zukunft zu denken. Ich wusste, wie schlimm es für Nash war, nach allem, was geschehen war, auch noch seine Schulfreunde zu verlieren « Ihre Stimme wurde leise. »Aber wir hegten die Befürchtung, dass er an seiner alten Schule, umgeben von weniger ehrgeizigen Mitschülern, nicht die Möglichkeiten genutzt hätte, die ihm die neue Schule bieten konnte. Also haben wir ihn gebeten, es zumindest zu versuchen.«

»Und das habe ich getan«, sagte Nash, der sich noch lebhaft daran erinnern konnte, wie sehr er sich seinen neuen Eltern gegenüber zu Dank verpflichtet gefühlt hatte.

»Und, warst du dann glücklich dort?«, wollte Kelly wissen, die offenbar noch immer an Tess dachte.

Nash lehnte sich zurück. »Am Anfang nicht«, gab er zu.

Die ersten Monate bei den Rossmans und in der Akademie, an die sie ihn geschickt hatten, waren grauenhaft gewesen. Er hatte Dare und seine Freunde vermisst, und er war wütend gewesen auf die Welt, die ihm alles genommen hatte, was er gekannt und geliebt hatte.

»Aber wenn ich in meiner alten Highschool geblieben wäre, dann hätte ich vermutlich nicht den Ehrgeiz gehabt, zu studieren. So aber war ich auf der New York University und habe Jura studiert.« Er warf seiner Adoptivmutter einen dankbaren Blick zu.

»Es freut mich, das aus deinem Mund zu hören«, sagte Florence. »Ich war nie ganz sicher, was in dir vorgeht.«

Nash rutschte verlegen auf seinem Sessel hin und her. Es stimmte; er hatte seine ambivalenten Gefühle den Rossmans gegenüber nie kaschiert. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er ihnen das Leben schwer gemacht hatte, weil ihm das Schicksal so übel mitgespielt hatte.

Auch wenn es ihm schwerfiel, musste er sich eingestehen, dass er zuweilen recht undankbar gewesen war, und er schämte sich dafür.

»Ich weiß, es wäre einfacher für euch, nachzugeben, wenn Tess unglücklich ist«, sagte Florence nun und unterbrach damit seine Gedankengänge. »Aber ich finde, ihr solltet ihr gut zureden und sie dazu bringen, noch ein Weilchen an der Schule zu bleiben, auch wenn es ihr nicht gefällt.«

Ich sollte mit ihr reden, dachte Nash. Nachdem er nun einen kleinen Fortschritt zu verzeichnen hatte, bestand ja vielleicht sogar die Chance, dass sie ihn ausreden ließ.

Kelly schien einer Meinung mit Florence zu sein, denn sie nickte und sagte: »Ja, das scheint mir die beste Lösung zu sein.« Als sie lächelte, blieb Nash beinahe die Luft weg.

Alles an ihr hatte diese Wirkung auf ihn wie ein Schlag auf den Solarplexus, nach dem man nach Atem rang.

»Ich habe den Eindruck, Ethan ist derselben Meinung«, bemerkte Kelly nun, und Nash fühlte ihren Blick auf sich ruhen. Sie erwartete wohl, dass er explodierte, sobald der Name seines Bruders fiel.

»Wie läuft es denn so zwischen dir und Ethan?«, erkundigte sich Florence bei Nash, ohne von den neuesten Entwicklungen zu ahnen.

»Unsere Probleme sind noch nicht gelöst«, sagte Nash, »aber ich glaube, wir haben einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.«

Kelly riss die Augen auf. Sie hatten noch gar nicht über den gestrigen Nachmittag und das, was zwischen ihm und Ethan vorgefallen war, gesprochen. Und Nash hatte keine Lust gehabt, darüber nachzudenken.

Doch nun war er gezwungen, es zu tun, und die Antwort fiel interessant aus. Seit er Ethan geschlagen hatte, war ein Großteil seines verzehrenden Hasses verraucht. Zurückgeblieben waren eine seltsame Leere in seiner Brust und noch mehr Verwirrung als bisher. Alles in allem fühlte es sich jedoch besser an als der Groll, mit dem er so viele Jahre gelebt hatte.

Florence lächelte. »Das freut mich zu hören. Familie ist und bleibt Familie.« Genau das hatte sie ihm immer wieder gepredigt.

»Ja, das ist toll«, sagte Kelly, und in Anbetracht ihrer aufrichtig wirkenden Freude darüber wurde Nash warm ums Herz. Er wusste, wie sehr sie sich nicht nur für Tess, sondern auch für ihn wünschte, er möge sich mit Ethan versöhnen.

Weil ihr etwas an ihm lag.

Er bekam keine Gelegenheit mehr, noch länger darüber nachzudenken, denn Florence sagte: »Tja, ich muss morgen früh raus ich leiste Freiwilligendienst im Altersheim, und meine Schicht fängt um acht an. Wenn es euch also nichts ausmacht «

»Ich helfe noch beim Aufräumen«, erbot sich Kelly sogleich.

Doch Florence schüttelte den Kopf. »Du hast bereits die Teller in den Geschirrspüler geräumt. Der Rest kann warten, bis morgen früh meine Haushälterin kommt.«

Wenn sie das sagte, dann meinte sie es auch so. Nash hatte sie seit jeher für ihre Eigenschaft bewundert, keinen Stress aufkommen zu lassen und trotzdem alles unter einen Hut zu bringen.

»Aber «

»Lass gut sein, Kelly.« Nash erhob sich, weil er wusste, es würde ohnehin nichts nützen, wenn sie Einwände erhob. Er nahm ihre Hand, um ihr zu signalisieren, dass sie ihm folgen sollte.

»Also, gut, wenn Sie wirklich meinen «

»Das tue ich«, sagte Florence.

»Das tut sie«, sagte Nash in derselben Sekunde, und sie lachten alle drei.

Beim Abschied beteuerte Florence, es habe sie sehr gefreut, dass Kelly mitgekommen sei. Nash konnte selbst noch nicht so recht fassen, dass er Kelly eingeladen hatte. Abgesehen von Annie hatte er den Rossmans keine seiner weiblichen Bekanntschaften vorgestellt. Doch der heutige Abend war äußerst angenehm verlaufen, und die Reaktion seiner Mutter zeigte ihm, dass er richtig gehandelt hatte, als er Kelly gebeten hatte, ihn zu begleiten.

Die Fahrt zu Kellys Wohnung dauerte nicht lange; in Serendipity lag eben alles ziemlich nah beieinander. Nash parkte seinen Wagen hinter Joes Bar, stellte den Motor ab und stieg aus, um Kelly zur Tür zu bringen.

Inzwischen wurde es jeden Tag kühler, und er legte ihr den Arm um die Taille natürlich nur, um sie zu wärmen. Wer’s glaubt, wird selig, dachte er. Er verzehrte sich nach ihr, hatte aber keine Ahnung, wie der Abend enden würde.

Ihre Wohnungstür befand sich am Ende einer langen Treppe, die zumindest von einer hellen Lampe ordentlich beleuchtet wurde. Er musste sich also keine Gedanken machen, wenn sie nachts alleine nach Hause ging.

Er sah sie an und konnte kaum fassen, wie sehr er sie begehrte. »Danke, dass du mitgekommen bist«, sagte er. »Ich weiß, es gibt interessantere Arten, den Abend zu verbringen.«

Sie blinzelte. »Warum sagst du das? Ich habe in diesen paar Stunden mehr über dich erfahren als in all der Zeit davor.«

Ihr vielsagendes Grinsen machte ihn nervös. »So? Was denn?«

»Ach, das behalte ich lieber für mich.« Kelly schob den Schlüssel ins Schloss. »Dann hast du mal etwas zum Grübeln.« Sie lachte und öffnete die Tür.

Er folgte ihr nicht hinein, sondern verharrte zögernd an der Schwelle. Den ganzen Abend über hatte er sie beobachtet und seine Sehnsucht nach ihr genährt. Hatte das Warten nun ein Ende?

»Nash?« Kelly schlüpfte aus dem Mantel und stellte ihre Tasche auf einem Stuhl ab. »Was ist los?«

»Naja, jetzt, wo ich weiß, dass du sicher zu Hause angelangt bist, sollte ich wohl gehen.« Er fragte sich immer noch, ob sie wollte, dass er blieb.

Zumal seine Gefühle für sie heute Abend eine neue, erschreckende Dimension erreicht hatten, nachdem er gesehen hatte, mit welcher Leichtigkeit sie sich in seinen verschiedenen Leben zurecht fand in dem als Barron-Bruder, und in dem als Adoptivsohn wohlhabender Eltern.

»Willst du denn gehen?«, fragte Kelly heiser.

Ihre Bluse war von demselben Zartrosa wie ihre Wangen, und als sie nun begann, einen Knopf nach dem anderen zu öffnen, kam darunter ein sexy Spitzen-BH im selben Farbton zum Vorschein.

Ein deutlicheres Signal hätte sie ihm nicht geben können. Die Anspannung fiel von ihm ab, und er trat ein und ging auf sie zu. Doch als er den Arm ausstreckte, um sie zu berühren, legte sie ihm die Hände auf die Schultern, schob ihn zum Sofa und bedeutete ihm, sich hinzusetzen.

»Du spielst mit dem Feuer«, warnte er sie.

»Ich bin ein großes Mädchen.« Sie zuckte die Achseln, und ihre Bluse rutschte von einer Schulter und entblößte ihre nackte, cremeweiße Haut. »Du willst also wissen, was ich heute über dich erfahren habe?«

»Ja.«

»Mir ist klar geworden, dass du jemanden brauchst, der dich versteht. Du bist den Rossmans dankbar, und du liebst Florence, aber du hast ständig ein schlechtes Gewissen wegen Dare. Der das nebenbei bemerkt gar nicht wollen würde.«

»Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine solche Unterhaltung.«

Nicht, wenn sie dabei ihre Finger zögernd über seinen Schritt wandern ließ, wo sich seine Erektion unter dem Hosenstoff wölbte.

Sie sah ihm in die Augen und grinste. »Keine Sorge, wir werden uns nicht lange unterhalten«, versprach sie. In ihren Augen funkelte die Begierde. »Aber du sollst wissen, dass ich dich verstehe. Und dass du in meiner Gegenwart einfach du selbst sein und deinen Gefühlen freien Lauf lassen kannst. Ich werde nicht über dich urteilen. Für mich war das heute Abend einfach ein schönes Geburtstagsessen mit einer äußerst liebenswürdigen Gastgeberin.«

Er nickte, zutiefst gerührt, weil sie sich seinetwegen so viele Gedanken gemacht hatte. Darüber, was er brauchte und was er wollte. Er streckte die Arme nach ihr aus, um ihr zu zeigen, wie dankbar er ihr dafür war, und ihr seine Gefühle zu offenbaren.

Doch sie entwand sich seinem Griff. »Und jetzt möchte ich, dass du dich einfach zurücklehnst und dich verwöhnen lässt. Dass du dein Gehirn abschaltest und einfach nur fühlst.« Damit kniete sie sich vor ihm auf den Boden.

Jetzt zögerte sie nicht mehr, sondern öffnete zielstrebig seine Hose. Sie räusperte sich und signalisierte ihm, dass er sich ein wenig hochstemmen sollte, und er kam der Aufforderung nach, damit sie ihm die Hose und die Boxershorts zu den Knöcheln hinunterziehen konnte. Dann ließ er sich wieder auf die Couch plumpsen, und sie half ihm aus den Schuhen, zog ihm die Socken und schließlich auch Hose und Shorts aus und warf alles achtlos beiseite.

Als sie wieder vor ihm in Stellung ging und mit beiden Händen seine pralle Männlichkeit umschloss, war ihm, als müsste er jeden Augenblick explodieren.

»Na, fühlst du schon etwas?« Ihre Finger glitten ein paarmal an seinem harten Schaft auf und ab und verharrten schließlich an der Spitze, um den ersten Lusttropfen zu verreiben.

Nash rang nach Atem und war nicht in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu sagen.

»Du fühlst also noch nichts?«, neckte sie ihn. »Tja, da weiß ich ein gutes Mittel.« Er sah zu, wie sie ganz ans Sofa heranrutschte, die Hände auf seine Hüften legte und den Kopf über sein bestes Stück beugte, sodass sich ihre Mähne über seine Leibesmitte ergoss.

»Hör zu, Kelly, das ist wirklich nicht nötig «

»Ich will es aber.« Sie brachte ihn zum Verstummen, indem sie seinen Penis mit den Lippen umschloss und ihn in ihre warme, nasse Mundhöhle aufnahm.

Nash stöhnte auf, und ein Schaudern ging durch seinen gesamten Körper. Von Lust übermannt sank er nach hinten, war nicht mehr in der Lage, aufrecht dazusitzen oder gar Einspruch zu erheben. Als sie begann, den Kopf auf und ab zu bewegen, tastete er nach ihr und vergrub die Hände in ihren Haaren, weil er nicht einfach nur genießen, sondern sich dabei mit ihr verbunden fühlen wollte.

Sie nahm ihn in sich auf, so tief es ging, und er war schier überwältigt es fühlte sich einfach so gut, so richtig an. Ihre Fingernägel, die sich in seine Oberschenkel bohrten, das Saugen ihrer Lippen und die nasse Zunge, die an seinem Glied auf und ab glitt, bereiteten ihm unbeschreibliche Wonnen, sodass er in rasendem Tempo dem Höhepunkt zustrebte.

Er zog leicht an ihren Haaren, um sie zu warnen, doch sie machte unbeirrt weiter, nahm nun auch die Hand zu Hilfe, um ihn kräftig zu massieren, während sie unerbittlich die Spitze mit dem Mund bearbeitete, bis er kam. Und auch dann hörte sie nicht auf, ihn zu melken, sondern ließ erst von ihm ab, als es vorbei war.

Sein ganzer Körper zuckte und bebte noch, während sie aufstand, sich mit glänzenden Augen hastig auszog und ihre Kleider zu den seinen warf. Dann setzte sie sich rittlings auf ihn, drückte den Rücken durch und begann sich an ihm zu reiben. Er legte ihr die Hände auf die Hüften und zog sie an sich, sodass ihre Leiber genau an der richtigen Stelle aufeinandertrafen, und dann stieß er zu, immer wieder und wieder, bis auch sie explodierte und dabei seinen Namen stöhnte.

Als Kelly am nächsten Morgen erwachte, war Nash schon gegangen, doch er hatte ihr eine Nachricht auf das Kopfkissen gelegt. Diese Nacht war etwas Besonderes, so wie du. Bis später. Sie legte sich wieder hin und stellte fest, dass den Laken noch sein männlicher Geruch anhaftete und sie an all das erinnerte, was sie in der vergangenen Nacht getrieben hatten. Zuerst auf dem Sofa und dann noch zweimal im Bett. Na, wenigstens hatten sie zwischendurch ein paar Stunden geschlafen, dachte sie und grinste in sich hinein.

Sie schlüpfte in ihren besten Jogginganzug und ihre Turnschuhe, ein Zugeständnis an die Arbeit im staubigen Archiv der Kanzlei, aber auch an ihren erschöpften Körper, der noch ganz wund war. Bei jeder Bewegung fiel ihr etwas ein, das ihr ein Lächeln entlockte. Nashs maskuliner Duft, seine pralle Erektion, die in sie eindrang, seine starken Arme, in die sie sich im Schlaf gekuschelt hatte.

Kelly hatte sich noch nie einem Mann so nah gefühlt, und sie kam allmählich zu dem Schluss, dass Annie recht hatte sie musste Nash reinen Wein einschenken, ihn über ihre Vergangenheit und über das drohende Unheil informieren.

Ehe sie sich auf den Weg zur Arbeit machte, beschloss sie, Annie anzurufen und zu fragen, wie das Date mit Joe gelaufen war. Vielleicht konnten sie sich ja mal wieder auf einen Plausch im Cuppa Café treffen. Ihrem Vater ging es von Tag zu Tag besser. Seit seiner Operation hatte Kelly einmal mit Richard selbst telefoniert und sich ansonsten bei Mary oder Annie nach seinem Zustand erkundigt.

Doch in den vergangenen zwei, drei Tagen hatte sie nichts von Annie gehört, was hoffentlich kein schlechtes Zeichen war.

Kelly wählte und ließ es ziemlich lange klingeln, und sie wollte gerade auflegen, als Annie endlich dranging.

»Hallo?«, tönte es schlaftrunken aus dem Hörer.

»Annie? Hier ist Kelly. Hab ich dich etwa geweckt?«

»Nein, nein, keine Sorge«, sagte Annie, wie man es tut, wenn man nicht will, dass sich der Anrufer Vorwürfe macht, weil er einen aus dem Schlaf gerissen hat.

»Ruf mich doch zurück, wenn du richtig wach bist«, schlug Kelly vor. Es kam ihr seltsam vor, dass Annie um diese Uhrzeit noch im Bett gelegen hatte.

»Nein, es geht schon. Ich hab bloß etwas länger geschlafen, weil es mir gerade nicht so gut geht.«

»Kann ich irgendetwas für dich tun? Soll ich dir etwas zu essen vorbeibringen?« Kelly lehnte sich mit der Hüfte an die Anrichte in der Küche und überlegte im Geiste bereits, wo sie ein Mittag- oder Abendessen für ihre Freundin auftreiben konnte.

»Nicht nötig, danke. Ich habe alles, was ich brauche.«

Seltsam. Annie klang so schwach, dass sie wohl kaum in der Lage war, für sich selbst zu sorgen. Kelly fragte sich, ob sie ihren Zustand nur herunterspielte, weil sie niemandem zur Last fallen wollte. »Ach, ja? Wie das?«

Schließlich war Mary Kane den ganzen Tag vollauf mit ihrem rekonvaleszenten Mann beschäftigt.

Annie schwieg, und plötzlich fiel es Kelly wie Schuppen von den Augen. »Du hast Besuch von Joe, stimmt’s?«

»Im Augenblick nicht, nein.« Annie seufzte.

»Aber er war da und hat dich bekocht.«

»Richtig. Woher weißt du das?« Das klang schon etwas fröhlicher, wenn auch immer noch matt.

»Ähm « Kelly biss sich auf die Unterlippe, dann gab sie sich einen Ruck. »Also gut, ich wollte es dir ohnehin sagen, nur damit du gewarnt bist: Nash wollte gestern früh auf einen Sprung bei dir vorbeischauen, weil er irgendwie das Gefühl hatte, dass du schwächelst.«

»Und warum hat er es nicht getan?«, fragte Annie verwirrt.

»Weil er gesehen hat, wie Joe aus deinem Haus kam.«

»Ach, herrje. Und, ist er ausgeflippt?«

Kelly umklammerte ihr Telefon etwas fester. »Wie man’s nimmt. Sagen wir mal, es hat ihm die Augen geöffnet. Aber er hat es ganz gut weggesteckt.«

»Ehrlich? Oder sagst du das nur, weil ich krank bin und du nicht willst, dass ich mich aufrege?«

Kelly musste wider Willen lachen. »Nein, keine Sorge, es ist echt alles bestens.«

Und das war es wirklich. Kelly rief sich den gestrigen Vormittag in Erinnerung, als Nash ihr gesagt hatte, dass es ihm nichts mehr ausmachte, wenn seine Ex einen neuen Verehrer hatte. Sie dachte daran, wie überrascht er selbst gewesen war, und wie er danach über sie hergefallen war und sie auf dem Schreibtisch im Hinterzimmer der Kanzlei geliebt hatte.

»Gott sei Dank«, stieß Annie erleichtert hervor. »Ich bin echt froh darüber, und du sicher auch.«

»Oh, ja.« Kelly hatte nicht vor, sich in Details zu ergehen, schon gar nicht im Gespräch mit Nashs Ex-Frau. »Und wie war dein Date mit Joe? Was wurde aus der Frau, die behauptet hat, sie bräuchte keinen Babysitter?«

»Sie ist ein Häufchen Elend und hat klein beigegeben.« Annie lachte. »Das Date hatte ich total vergessen. Als er mich neulich Abend abholen wollte, bin ich ihm quasi bewusstlos in die Arme gesunken. Und stell dir vor, als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, war er immer noch da er lag neben mir im Bett!«

Kelly quietschte begeistert auf. Wie gut, dass Annie einen so fürsorglichen Verehrer wie Joe hatte!

»Aber ich will nicht, dass er nur aus Mitleid mit mir zusammen ist, oder weil er meint, dass ich nicht allein zurechtkomme.«

»Mit Mitleid hat das garantiert nichts zu tun«, versicherte ihr Kelly. Ihr war nicht entgangen, wie Joe ihre Freundin angesehen hatte. Er war bis über beide Ohren in sie verschossen.

»Jedenfalls möchte ich, dass er auch die andere Annie kennenlernt die, die nicht tagelang das Bett hüten muss. Ich würde ihn gern überraschen, ich weiß nur noch nicht genau, wie. Es soll eine Entschädigung sein, weil ich unser Date vergessen habe, und ein Dankeschön dafür, dass er für mich da war.«

»Hast du schon irgendeine Idee?«

»Nein. Es soll etwas sein, mit dem er nicht rechnet.«

»Der Mann ist zu beneiden.« Kelly lachte. »Und für wann hast du diese Überraschung geplant?«

»Wenn ich das wüsste.« Annie seufzte erneut. »Ich muss abwarten, bis es mir wieder besser geht.«

Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten über Richard, dann versprach Kelly, sich später noch einmal zu melden und beendete das Gespräch.

Mittlerweile war es kurz vor neun; die Arbeit rief. Auf dem Weg in die Kanzlei legte sie einen kurzen Zwischenstopp im Cuppa Café ein, und wenig später setzte sie sich mit ihrem Becher Kaffee ins Archiv und öffnete den ersten Karton. Sie würde sämtliche Akten durchsehen, um zu prüfen, ob sie vollständig und ordentlich beschriftet waren, ehe sie sie in chronologischer Reihenfolge in eine neue, stabile Box schichtete.

Die Zeit verflog. Als ihre Beine zu schmerzen begannen, sah sie auf die Uhr und stellte überrascht fest, dass es gleich halb eins war. Sie spähte in die Schachtel, die nur noch einen kleinen Stapel Unterlagen enthielt. Die würde sie sich noch vorknöpfen, und nach der Pause konnte sie sich dann mit frischem Elan an den nächsten Karton machen.

Als sie nach dem Stapel griff und ihr Blick den Namen streifte, der auf dem Deckblatt stand, setzte ihr Herz einen Takt aus. Sie blinzelte und las ihn ein zweites Mal.

Barron.

Kelly begann die Unterlagen durchzublättern, wie sie es auch bei allen anderen Akten getan hatte, um sicherzugehen, dass alles zu ein- und demselben Fall gehörte. Doch sie kam nicht umhin, sich diesmal etwas mehr auf den Inhalt zu konzentrieren.

Richard Kane war bis kurz vor Ethan Barrons Verhaftung Bezirksstaatsanwalt von Serendipity gewesen und hatte wenig später seine Kanzlei eröffnet. Kelly wusste, dass er den drei Jungs hatte helfen wollen er hatte ihr erzählt, er habe sich mit ihnen identifizieren können, weil er früher selbst ein ziemlicher Rowdy gewesen sei. Eigentlich ging es in den meisten Akten, die sie bis jetzt durchgesehen hatten, um Jugendliche, die sich irgendwelche Schwierigkeiten eingehandelt und Hilfe benötigt hatten. Da Richards Vater erfolgreich im Immobiliengeschäft tätig gewesen war, hatte es sich Richard leisten können, mittellose Klienten kostenlos zu vertreten, wofür ihn Kelly sehr bewunderte.

Die Barron-Brüder hatten also auch zu seiner Klientel gehört. Sie wusste zwar von Nash, dass sich Richard für ihn eingesetzt hatte, aber die Details waren ihr bislang nicht bekannt gewesen. Jetzt lagen sie alle vor ihr. Kelly hatte Bedenken, rief sich dann aber in Erinnerung, dass sie alle anderen Akten ja auch ohne zu zögern durchgeblättert hatte.

Sie atmete einmal tief durch, dann klappte sie die Mappe auf und begann die Unterlagen zu studieren. Als sie fertig war, konnte sie nicht fassen, was sie da eben gelesen hatte. Sie hatte Dinge erfahren, von denen vermutlich nicht einmal Nash wusste, und ihr war klar, dass die Informationen, die sie nun hatte, seine Perspektive nachhaltig verändern würden.

Nashs erste Amtshandlung an diesem Vormittag bestand darin, Bill Manfredi zum Junior Partner zu ernennen. Bill war wie erwartet hocherfreut und nahm das Angebot dankend an, und Nash war überzeugt, dass sie beide von diesem Schritt profitieren würden. Schon das Bewusstsein, dass er von nun an nicht mehr die alleinige Verantwortung für die Vorgänge in seiner Kanzlei trug, war eine ungeheure Erleichterung.

Gegen Mittag rief Kelly ihn an und bat ihn, er möge sofort zu ihr kommen. Sie klang ziemlich aufgeregt, und da das eher ungewöhnlich für sie war, ließ Nash alles stehen und liegen und machte sich auf der Stelle auf den Weg.

Kaum hatte er Richards Kanzlei betreten, da wurde er sich Kellys Anwesenheit auch schon überdeutlich bewusst. Ihr Geruch stieg ihm in die Nase und weckte Erinnerungen an das, was sie gestern hier getan hatten. Doch jetzt war er nicht hier, um mit ihr zu schlafen, auch wenn sein Körper zu allen Schandtaten bereit gewesen wäre.

»Kelly?«, rief er.

»Ich bin hier hinten.«

Er begab sich ins Archiv, wo sie am Schreibtisch saß, vor sich einen Stapel Akten.

»Was gibt’s?«, fragte er.

Sie trommelte mit den Fingernägeln auf die Mappe. »Richard hat dich doch gebeten, mich bei der Arbeit zu unterstützen, falls es nötig sein sollte, richtig?«

»Richtig. Bist du auf ein Problem gestoßen?« Er legte das Sakko ab und breitete es über eine Kiste mit Akten.

Kelly schüttelte den Kopf. »Im Moment kümmere ich mich nicht um die aktuellen Fälle, sondern archiviere alte Akten.«

Nash runzelte die Stirn. Dabei würde sie wohl kaum seine Hilfe benötigen.

»Einige dieser Fälle sind noch aus den 1980er Jahren.«

»Und?« Nash wusste noch immer nicht, worauf sie hinauswollte oder warum sie ihn zu sich gebeten hatte.

Sie holte tief Luft. Ihre Anspannung übertrug sich auch auf ihn; er spürte, wie er feuchte Hände bekam.

»Nehmen wir mal an, ich hätte Bedenken, dir eine Akte zur Durchsicht zu übergeben, bei der es keinerlei Verbindung zu einem aktuellen Fall gibt«, sagte Kelly. Die Verwendung des Konjunktivs ließ Nash aufhorchen.

Als Anwalt wurde er laufend mit Hypothesen konfrontiert, aber diesmal hatte er dabei ein ungutes Gefühl.

»Aber es wäre etwas anderes, wenn ich bei der Archivierung all dieser Akten deine Hilfe benötigen würde und wenn du im Zuge dessen die entsprechenden Akten überfliegen müsstest, um sicherzugehen, dass sie sich in der richtigen Mappe befinden. Dann wäre das einfach ein Teil der zu erledigenden Arbeit.«

Sein Blick wanderte von ihrer besorgten Miene zu der Mappe, die vor ihr auf dem Tisch lag und die sie nach wie vor mit einer Hand bedeckte. Diese Mappe enthielt ganz offensichtlich Unterlagen, die er sich anschauen sollte, aber Kelly zögerte, sie ihm auszuhändigen, weil es sich um vertrauliche Inhalte handelte.

»Hab ich recht?«, fragte sie.

Er nickte. Sie versuchte, ihn auf die Spur einer wichtigen Information zu bringen, aber er sollte selbst herausfinden, worum es ging. »Was auch immer in diesen Unterlagen steht, dir wird kein Schaden daraus entstehen, dass du sie mir überlassen hast«, versprach er ihr. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, obwohl er keinen blassen Schimmer hatte, was ihn erwartete.

»Okay.« Sie atmete aus. »Dann lege ich jetzt eine Pause ein und lasse dich allein. Ich bin nebenan, falls du mich brauchst.« Sie trat näher und legte ihm eine Hand auf die Wange. »Und ich glaube, das wirst du«, flüsterte sie, ehe sie hinausging.

Mit einem flauen Gefühl im Magen nahm Nash die Mappe zur Hand und setzte sich.

Das Schild auf der Vorderseite war mit seinem Nachnamen beschriftet. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als er die Mappe aufschlug. Er starrte auf die erste Seite, auf der es um Ethans Verhaftung ging. Den Gerichtsunterlagen folgte ein zusammengehefteter Stapel Briefe und Notizen, aus dem hervorging, dass Richard Ethan angeboten hatte, ihm bei der Suche nach einem Arbeitsplatz sowie einer Unterkunft für ihn und seine Brüder behilflich zu sein. Doch Ethan war untergetaucht, sodass sich der Staat um Dare und Nash hatte kümmern müssen, wie Nash bestens bekannt war. Auch das war umfassend dokumentiert.

Nash überblätterte einige unwichtige Unterlagen, bis er zu den Formularen kam, die die Rossmans hatten ausfüllen müssen, um sich als Pflegeeltern zu bewerben. Jetzt wurde es interessant. Auf dem ersten Antrag erkannte er sogleich die vertraute verschnörkelte Handschrift von Florence. Sie gab an, warum sie eine Pflegemutter werden wollte und was sie einem Kind ihrer Meinung nach bieten konnte. Und ganz am Schluss hatte sie ausdrücklich hingeschrieben, dass sie sowohl Andrew (Dare) als auch Nash Barron bei sich aufnehmen wollte.

Nash blinzelte und las die Zeile noch einmal. Kein Zweifel. Florence hatte sie beide haben wollen. Sein Atem ging nun rasch und unregelmäßig. Er blätterte weiter zu Samuels Antrag, und sein Blick wanderte unverzüglich zum letzten Absatz. Und auch hier stand klipp und klar, dass er sie beide gewollt hatte, Nash und Dare.

»Das verstehe ich nicht«, murmelte Nash.

Er erinnerte sich noch genau daran, wie Richard ihn bei dem Freund, bei dem er in den Tagen nach dem Tod seiner leiblichen Eltern vorübergehend untergebracht war, aufgesucht hatte. Dare hatte ebenfalls bei der Familie eines Mitschülers Aufnahme gefunden.

Als Nash von Richard erfahren hatte, dass die Rossmans gewillt waren, ihn zu adoptieren, hatte er gefragt: »Und was ist mit Dare?«

Richard hatte zwar wie ein anständiger Kerl gewirkt, aber er war trotzdem ein Fremder für ihn gewesen, und Nash hatte versucht, sich von seiner hünenhaften Gestalt nicht einschüchtern zu lassen.

»Es gibt da eine nette Familie, die Dare gern zu sich nehmen würde«, hatte Richard gesagt.

»Können die Leute, die mich nehmen, nicht uns beide nehmen?«, hatte Nash beharrt.

»Manche Menschen haben in ihrem Herzen eben nur Platz für ein Kind«, hatte Richard damals erwidert, mit einem Lächeln, das selbst auf den sechzehn Jahre alten Nash gezwungen gewirkt hatte.

Nash erinnerte sich an seine Worte, denn als er damals mit seinem kleinen Koffer bei den Rossmans angekommen war, hatte er sich sogleich gefragt, wie es sein konnte, dass die zwei Menschen, die ihn willkommen hießen, in ihrem Herzen keinen Platz mehr für seinen kleinen Bruder hatten; zumal in ihrem riesigen Haus noch genügend Platz für ihn gewesen wäre.

Übelkeit stieg in ihm auf. Nash blätterte weiter, überflog die Informationen über die Garcias, die Dare adoptiert hatten, und weitere Unterlagen, die ihn nicht sonderlich interessierten.

Er konnte sich nur auf einen Gedanken konzentrieren: Florence und Samuel hatten sie beide haben wollen, obwohl man ihm zehn Jahre lang etwas anderes gesagt hatte.

So viele Lügen, so viele Geheimnisse, dachte Nash verbittert und zornig. Hört das denn nie auf?