TEIL DREI

Reisen

Einleitung

Als ich das Konzept der Funktion kritisierte und den Versuch einer recht radikalen Neudefinition unternahm, habe ich diesen Begriff gleichwohl beibehalten und ihn so weit wie möglich gedehnt, damit ich das Gegensatzpaar «Ausfälle» und «Überschüsse» einbeziehen konnte. Es liegt jedoch auf der Hand, daß auch ganz andere Begriffe eingeführt werden müssen. Sobald wir uns Phänomenen als solchen zuwenden, so bald wir uns mit der tatsächlichen Qualität von Erfahrungen, Gedanken oder Handlungen befassen, müssen wir Begriffe verwenden, die man eher im Zusammenhang mit einem Gedicht oder einem Gemälde gebrauchen würde. Denn wie ließe sich beispielsweise ein Traum im Rahmen des Begriffs «Funktion» erfassen?

Uns stehen immer zwei Gedankenwelten zur Verfügung - man kann sie «physisch» und «phänomenologisch» nennen oder sonstwie. Die eine umfaßt Fragen der quantitativen und formalen Struktur, die andere jene Qualitäten, die eine «Welt» konstituieren. Jeder von uns kennt seine eigenen, spezifischen Gedankenwelten, seine eigenen inneren Reisen und Landschaften, und für die meisten Menschen ist ein klares neurologisches «Korrelat» nicht erforderlich. Im allgemeinen können wir die Geschichte eines Menschen erzählen und Abschnitte und Szenen seines Lebens wiedergeben, ohne auf physiologische oder neurologische Erwägungen zurückzugreifen - das wäre zumindest überflüssig, wenn nicht gar absurd und beleidigend. Wir halten uns ja, und dies mit Recht, für frei, zumindest insofern, als wir uns durch äußerst komplexe menschliche und ethische Erwägungen und nicht durch Veränderungen in unseren neuralen Funktionen oder unserem Nervensystem bestimmt glauben. Das trifft gewöhnlich auch zu, aber nicht immer, denn manchmal bricht eine organische Störung ins Leben eines Menschen ein und formt es um, und wenn dies geschieht, erfordert seine Geschichte in der Tat ein physiologisches oder neurologisches Korrelat. Dies trifft natürlich auf alle hier beschriebenen Fälle zu.

In der ersten Hälfte dieses Buches habe ich Fälle beschrieben, die offensichtlich pathologischer Natur waren – Situationen, in denen ein krasser neurologischer Überschuß oder Verlust vorlag. Solchen Patienten (oder ihren Verwandten) und den behandelnden Ärzten wird früher oder später klar, daß körperlich «irgend etwas nicht stimmt». Ihre innere Welt, ihre Gemütslage mag tatsächlich verändert und umgeformt sein, aber dies, so stellt sich heraus, ist auf eine tiefgreifende (und fast quantitative) Veränderung neuraler Funktionen zurückzuführen. In diesem dritten Teil nun geht es vornehmlich um Erinnerung, veränderte Wahrnehmung, Phantasie, «Traum». Es geschieht nicht oft, daß man diesen Dingen in der Medizin oder Neurologie Beachtung schenkt. Diese «Reisen» - oft mit persönlichen Gefühlen und Bedeutungen durchsetzt und von quälender Intensität - werden, da sie, wie Träume, gewöhnlich als Manifestationen einer unbewußten oder vorbewußten Aktivität (oder, für die mehr mystisch Orientierten, als «spirituelle Erfahrungen») gelten, als psychische und nicht als «medizinische», geschweige denn als «neurologische» Phänomene betrachtet. Es wohnt ihnen ein spezifisch dramatischer, narrativer oder persönlicher «Sinn» inne, und daher werden sie meist nicht als «Symptome» angesehen. Es mag in der Natur dieser Reisen liegen, daß sie nicht einem Arzt, sondern einem Psychoanalytiker oder einem Beichtvater anvertraut, als Psychosen angesehen oder als religiöse Offenbarungen verbreitet werden. Es kommt uns ja zunächst nicht in den Sinn, daß eine Vision «medizinische» Ursachen haben könnte, und wenn eine solche organische Ursache angenommen oder nachgewiesen wird, entsteht leicht der Eindruck, die Vision werde dadurch «entwertet» (obwohl dies natürlich nicht stimmt - Werte und Bewertungen haben mit Ätiologie nichts zu tun).

Alle Reisen, die ich in diesem Teil beschreibe, haben mehr oder weniger klare organische Ursachen (wenn dies auch an fangs nicht offensichtlich war, sondern sich erst nach eingehenden Untersuchungen herausstellte). Dies soll jedoch ihre psychologische und spirituelle Bedeutung nicht im mindesten schmälern. Wenn sich Gott oder die Schöpfungsordnung Dostojewski in Anfällen offenbarte, warum sollten dann andere organische Zustände nicht auch als «Tor» zum jenseits oder zum Unbekannten dienen können? In gewissem Sinne ist dieser Teil des Buches eine Untersuchung solcher Tore.

Als Hughlings Jackson 1880 diese «Reisen», «Tore» oder «Traumzustände» beschrieb, die im Verlauf bestimmter Epilepsien auftreten, gebrauchte er den allgemeinen Begriff «Erinnerungen». Er schrieb: «Ich würde nie eine Epilepsie auf Grund von anfallsartig auftretenden «Erinnerungen» diagnostizieren, wenn sich keine anderen Symptome zeigen. Allerdings würde ich vermuten, daß eine Epilepsie vorliegt, wenn jener übersteigerte Bewußtseinszustand sehr häufig aufzutreten begänne. .. Ich bin nie wegen ‹Erinnerungen› allein konsultiert worden ... »

Ich dagegen bin sehr wohl konsultiert worden, und zwar im Zusammenhang mit künstlich herbeigeführten oder anfallsartig auftretenden «Erinnerungen» an Melodien, «Visionen», «Geister» oder Vorfälle- und dies nicht nur bei Epilepsie, sondern auch bei verschiedenen anderen Zuständen mit organischer Ursache. Diese Reisen oder Reminiszenzen sind bei Migräne-Kranken nichts Ungewöhnliches (siehe «Die Visionen der heiligen Hildegard», Kapitel z0). Das Gefühl «zurückzugehen», sei es auf Grund einer Intoxikation, sei es auf Grund einer Neigung zur Epilepsie, wird in «Reise nach Indien» (Kapitel 17) geschildert. Der in «Nostalgische Ausschweifungen» (Kapitel 16) beschriebene Fall und die seltsame Hyperosmie in «Hundenase» (Kapitel 18) haben eindeutig toxische oder chemische Ursachen. Die schreckliche «Reminiszenz» in «Mord» (Kapitel 19) ist entweder auf einen Anfall oder auf die Aufhebung von Hemmungen im Bereich der Stirnlappen zurückzuführen.

Das Thema des folgenden Teils ist das Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen, das es dem Menschen infolge einer ab normen Stimulation der Schläfenlappen und des limbischen Systems ermöglicht zu «reisen». Wir mögen daraus sogar etwas über die zerebralen Ursachen gewisser Visionen und Träume erfahren und sehen, wie das Gehirn (das Sherrington «einen magischen Webstuhl» genannt hat) in der Lage ist, einen fliegenden Teppich zu weben, mit dem wir auf Reisen gehen können.

15
Erinnerung

Bis auf die Tatsache, daß Mrs. O'C. etwas schwerhörig war, ließ ihre Gesundheit nichts zu wünschen übrig. Sie lebte in einem Altersheim. Eines Nachts im Januar 1979 träumte sie lebhaft und sehnsuchtsvoll von ihrer Kindheit in Irland, vor allem von den Liedern, die man damals sang und zu denen man tanzte. Als sie aufwachte, war die Musik immer noch klar und deutlich zu hören. Ich träume wohl noch, dachte sie, aber dem war nicht so. Aufgeregt und verwirrt stand sie auf. Es war mitten in der Nacht. Irgendjemand mußte das Radio angelassen haben. Aber warum war sie die einzige, die sich dadurch gestört fühlte? Sie überprüfte jedes Radio, das sie finden konnte, aber alle waren abgestellt. Dann kam ihr ein anderer Gedanke: Sie hatte gehört, daß Zahnfüllungen manchmal wie ein Empfänger funktionieren und Radiowellen mit ungewöhnlicher Intensität auffangen können. Das ist es, dachte sie. Eine meiner Füllungen spielt das Radioprogramm. Das wird bald vorbei sein. Morgen früh gehe ich zum Zahnarzt. Sie klagte ihr Leid der Nachtschwester, die sagte, ihre Zahnfüllungen sähen einwandfrei aus. In diesem Augenblick kam Mrs. O'C. ein anderer Gedanke: Welcher Sender, fragte sie sich, würde mitten in der Nacht irische Lieder in dieser Lautstärke spielen? Lieder, nur Lieder, ohne Ansage oder Kommentar? Und ausschließlich Lieder, die ich kenne. Welcher Sender würde wohl nur meine Lieder spielen und sonst nichts? Dies war der Punkt, an dem sie sich fragte: Ist das Radio vielleicht in meinem Kopf?

Sie war inzwischen ziemlich beunruhigt - und die Musik spielte noch immer so laut, daß sie kaum etwas anderes hören konnte. Ihre letzte Hoffnung war ihr Facharzt für Ohrenleiden, den sie regelmäßig aufsuchte: Er würde eine beruhigende Erklärung für diesen nächtlichen Vorfall haben und ihr versichern, es handele sich nur um «Geräusche im Ohr», um etwas, das mit ihrer Schwerhörigkeit zusammenhing und über das sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Aber als er sie am nächsten Morgen untersucht hatte, sagte er: «Nein, Mrs. O'C., ich glaube nicht, daß es an Ihren Ohren liegt. Wenn es um ein einfaches Klingeln oder Summen oder Rumpeln ginge... aber ein Konzert, das ausschließlich aus irischen Liedern besteht - das sind nicht Ihre Ohren. Vielleicht», fuhr er fort, «sollten Sie zu einem Psychiater gehen. » Das tat Mrs. O'C. noch am selben Tag. «Nein», sagte der Psychiater, «an Ihrem Kopf liegt es nicht. Sie sind nicht verrückt – und Verrückte hören übrigens auch keine Musik, sondern nur «Stimmen». Sie sollten zu einem Neurologen gehen, zu meinem Kollegen Dr. Sacks. » Und so kam Mrs. O'C. zu mir.

Es war keineswegs einfach, mit ihr zu sprechen, und zwar zum Teil wegen ihrer Schwerhörigkeit, hauptsächlich aber, weil meine Stimme immer wieder von den Liedern übertönt wurde - sie konnte mich nur an den leiseren Stellen hören. Sie machte keinen deliranten oder verrückten Eindruck, sondern schien aufmerksam und intelligent, sah aber so entrückt aus wie jemand, der halb in einer eigenen Welt lebt. Meine Untersuchungen ergaben keinen pathologischen Befund -und doch wurde ich den Verdacht nicht los, daß die Musik auf eine « neurologische» Ursache zurückzuführen war.

Was mochte diese Störung bei Mrs. O'C. bewirkt haben? Sie war achtundachtzig Jahre alt, ihr Gesundheitszustand war ausgezeichnet, und nichts deutete auf ein Fieber hin. Sie nahm keine Medikamente, die ihre überdurchschnittlich gute geistige Verfassung hätten beeinträchtigen können. Und offenbar war sie am Tag zuvor noch normal gewesen.

«Halten Sie es für möglich, daß es ein Schlaganfall war, Doktor?» fragte sie, als habe sie meine Gedanken gelesen. «Das könnte sein», antwortete ich, «obwohl ich von einem

derartigen Schlaganfall noch nie etwas gehört habe. Irgend etwas ist geschehen, soviel ist sicher, aber ich glaube nicht, daß eine akute Gefahr besteht. Machen Sie sich keine Sorgen, und halten Sie durch.»

«Es ist gar nicht so einfach durchzuhalten», sagte sie, «wenn man in einer Situation wie meiner ist. Ich weiß, daß es hier still ist, aber ich schwimme in einem Meer von Klängen.»

Ich hatte vor, auf der Stelle ein Elektroenzephalogramm an zufertigen, wobei ich mich speziell auf die Schläfenlappen, die «musikalischen» Lappen des Gehirns, konzentrieren wollte, aber besondere Umstände verhinderten dies zunächst. Nach und nach nahm die Musik ab - das heißt, sie wurde leiser und war vor allem nicht mehr ständig zu hören. Nach drei Nächten konnte Mrs. O'C. wieder schlafen und sich in zunehmendem Maße zwischen den «Liedern» unterhalten. Als ich schließlich dazu kam, ein EEG zu machen, hörte sie nur noch gelegentlich kurze Musikfetzen, alles in allem etwa zwölfmal am Tag. Nachdem sie sich hingelegt hatte und die Elektroden an ihrem Kopf befestigt worden waren, bat ich sie, still zu liegen, nicht zu sprechen und nicht «in Gedanken zu singen», sondern ihren rechten Zeigefinger ganz leicht zu heben - diese Bewegung würde das EEG nicht beeinflussen -, wenn sie ein Lied hörte. Im Verlauf der zweistündigen Aufnahme hob sie dreimal ihren Finger, und jedesmal zeichneten die Schreibfedern ausgeprägte Spitzen und Kurven auf, die auf eine starke Aktivität der Schläfenlappen schließen ließen. Damit war bestätigt, daß sie tatsächlich Anfälle im Bereich der Schläfenlappen hatte. Diese Anfälle sind, wie Hughlings Jackson vermutete und Wilder Penfield nachwies, stets die Grundlage von «Erinnerungen» und authentischen Halluzinationen. Aber wie kam es, daß dieses seltsame Symptom so plötzlich auftrat? Ich ließ eine Computertomographie vornehmen, und dabei stellte sich heraus, daß sie tatsächlich eine kleine Thrombose oder einen Infarkt im Bereich ihres rechten Schläfenlappens gehabt hatte. Das plötzliche Erklingen irischer Lieder mitten in der Nacht, die Aktivierung musikalischer Gedächtnisspuren in der Hirnrinde war offenbar die Folge eines Schlaganfalls, und mit dem Pfropf löste sich auch die Musik langsam auf.

Gegen Mitte April waren die Lieder ganz verschwunden, und Mrs. O'C. war wieder die alte. Ich fragte sie, wie es ihr dabei gehe, und vor allem, ob sie diese musikalischen Anfälle vermisse. «Komisch, daß Sie mich das fragen», sagte sie und lächelte. «In erster Linie fühle ich mich eigentlich sehr erleichtert. Aber irgendwie vermisse ich die alten Lieder tatsächlich ein bißchen. An die meisten kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Es war, als hätte ich ein vergessenes Stück meiner Kindheit zurückbekommen. Und einige der Lieder waren wirklich sehr schön. »

Solche Äußerungen waren mir von einigen meiner Patienten her bekannt, denen ich L-Dopa verabreicht hatte - ich gebrauchte dafür den Ausdruck «nostalgische Ausschweifungen». Und das, was Mrs. O'C. mir erzählte, ihre offenkundige Sehnsucht nach der Vergangenheit, ließ mich an die erschütternde Geschichte ‹Die Tür in der Mauem von H. G. Wells denken. Ich erzählte sie ihr. «Das ist es», sagte sie, «das gibt genau die Stimmung und das Gefühl wieder. Aber meine Tür ist real, so wie meine Mauer real war. Meine Tür führt in eine verlorene und vergessene Vergangenheit. »

Erst im Juni 1983 stieß ich auf einen ähnlichen Fall. Ich wurde zu Mrs. O'M. gerufen, die inzwischen im selben Altersheim wohnte. Mrs. O'M. war ebenfalls über achtzig, intelligent, geistig rege und etwas schwerhörig. Auch sie hörte Musik in ihrem Kopf und manchmal ein Klingeln oder Zischen oder Rumpeln; gelegentlich hörte sie «Stimmen, die miteinander reden». Meistens klangen diese «weit entfernt» und redeten «alle auf einmal», so daß sie nie verstehen konnte, was sie eigentlich sagten. Sie hatte nie mit irgend jemandem über diese Symptome gesprochen und vier Jahre lang insgeheim befürchtet, sie sei verrückt. Als die Schwester ihr erzählte, es habe in dem Altersheim vor einiger Zeit einen ähnlichen Fall gegeben, war sie daher sehr erleichtert und entschloß sich, mit mir zu sprechen.

Eines Tages, so erzählte sie, habe sie in der Küche gesessen und Pastinaken geschnitten. Plötzlich sei das Lied «Easter Parade» erklungen, gefolgt von «Glory, Glory Hallelujah» und «Good Night, Sweet Jesus». Wie Mrs. O'C. hatte sie zunächst

angenommen, jemand höre laut Radio, doch hatte sie schnell festgestellt, daß alle Apparate im Haus ausgeschaltet waren. Das war 1979, also vier Jahre zuvor gewesen. Mrs. O'C.s Zu stand hatte sich innerhalb weniger Wochen verbessert, aber Mrs. O'M. hörte noch immer die Musik, und es wurde immer schlimmer.

Zunächst hörte sie nur diese drei Lieder - manchmal ganz spontan, aus heiterem Himmel, aber mit Sicherheit immer, wenn sie an eines von ihnen dachte. Sie versuchte daher bewußt, nicht an sie zu denken, aber das hatte denselben Effekt.

«Mögen Sie diese Lieder besonders gern?» fragte ich sie im Stil eines Psychiaters. «Haben sie für Sie eine spezielle Bedeutung?»

«Nein», antwortete sie sofort. «Ich habe sie nie besonders gemocht, und ich glaube nicht, daß sie eine besondere Bedeutung für mich haben. »

«Und wie war das für Sie, als diese Lieder immer wieder kamen?»

«Mit der Zeit fing ich an, sie zu hassen», sagte sie heftig. «Es war, als legte irgendein verrückter Nachbar andauernd die selbe Platte auf. »

Ein Jahr oder länger hörte sie immer nur diese Lieder, eines nach dem anderen. Es trieb sie fast zum Wahnsinn. Dann wurde die innere Musik komplexer und abwechslungsreicher - und obwohl das in gewisser Weise eine Verschlechterung darstellte, war sie doch irgendwie erleichtert. Sie hörte jetzt zahllose Lieder - manchmal mehrere gleichzeitig, mal von einem Orchester gespielt, mal von einem Chor gesungen - und gelegentlich hörte sie Stimmengemurmel oder einzelne Stimmen.

Als ich Mrs. O'M. untersuchte, konnte ich nichts Ungewöhnliches feststellen, abgesehen von ihrer Schwerhörigkeit. Hier jedoch stieß ich auf etwas sehr Interessantes. Sie litt an einer nicht eben ungewöhnlichen Innenohrschwerhörigkeit, aber darüber hinaus hatte sie jene Art von sonderbaren Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung und Unterscheidung von Tönen, die Neurologen als Amusie bezeichnen und die vornehmlich mit einer Beeinträchtigung der Funktion der

Schläfenlappen einhergehen, in denen sich das Hörzentrum befindet. Sie klagte selbst darüber, daß ihr die Choräle beim Gottesdienst immer ähnlicher vorkamen, so daß sie sie kaum an Tonart oder Melodie, sondern nur noch an den Worten oder am Rhythmus unterscheiden konnte.' Und obwohl sie früher eine gute Sängerin gewesen war, sang sie jetzt, als ich sie darum bat, tonlos und falsch. Sie sagte auch, sie höre diese innere Musik am deutlichsten kurz nach dem Aufwachen; wenn andere Sinneseindrücke auf sie einströmten, lasse die Musik nach, und am seltensten trete sie auf, wenn sie emotional, intellektuell und vor allem visuell in Anspruch genommen sei. Während ihres etwa einstündigen Gesprächs mit mir hörte sie nur einmal Musik: einige Takte der «Easter Parade», die so laut und so plötzlich erklangen, daß sie mich kaum noch verstehen konnte.

Als wir bei Mrs. O'M. schließlich ein EEG machten, zeigte sich, daß Spannung und Erregbarkeit in beiden Schläfenlappen deutlich erhöht waren. Diese Teile des Gehirns haben die Aufgabe, eine Vorstellung von Geräuschen, Musik, komplexen Erfahrungen und Handlungsabläufen zu ermöglichen. Und immer, wenn sie etwas «hörte», schlugen die Kurven dieser hohen Hirnspannung scharf aus und zeigten deutliche Anzeichen eines Anfalls. Dies bestätigte meine Vermutung, daß auch sie infolge einer Erkrankung der Schläfenlappen an einer musikalischen Epilepsie litt.

Aber was ging wirklich in den Gehirnen von Mrs. O'C. und Mrs. O'M. vor? Der Ausdruck «musikalische Epilepsie» klingt wie ein Widerspruch in sich, denn Musik ist normaler weise von Gefühl und Bedeutung erfüllt und korrespondiert mit etwas tief in uns selbst, mit der «Welt hinter der Musik», um es mit Thomas Manns Worten zu sagen, während in dem Begriff «Epilepsie» das genaue Gegenteil mitschwingt: Epilepsie ist ein grobes, willkürliches physiologisches Ereignis, das sein Opfer wahllos überfällt und mit keinerlei Gefühl oder

Sinn erfüllt ist. Daher erscheint «musikalische Epilepsie» oder «individuelle Epilepsie» als ein begrifflicher Widerspruch.[15]

Und doch gibt es solche Epilepsien, wenn auch ausschließlich im Zusammenhang mit Anfällen, von denen die Schläfenlappen betroffen sind, also jener Teil des Gehirns, in dem das Erinnerungsvermögen lokalisiert ist. Hughlings Jackson beschrieb diese Epilepsien vor einem Jahrhundert und gebrauchte dabei die Ausdrücke «Traumzustände», «Erinnerungen» und «psychische Anfälle»: «Es ist nicht ungewöhnlich, daß den Epileptiker zu Beginn eines Anfalls vage und doch außerordentlich komplexe Bewusstseinszustände überkommen... Dieser komplexe Bewusstseinszustand, die sogenannte intellektuelle Aura, ist in allen Fällen genau oder jedenfalls im wesentlichen gleich. »

Solche Beschreibungen blieben rein anekdotisch, bis Wilder Penfield fünfzig Jahre später seine bahnbrechenden Studien vornahm. Es gelang ihm, als Ursprung dieser «komplexen Bewusstseinszustände» die Schläfenlappen auszumachen und diese Zustände oder die äußerst genauen und detaillierten «authentischen Halluzinationen» solcher Anfälle künstlich hervorzurufen. Zu diesem Zweck stimulierte er bei Patienten, denen man den Schädel geöffnet hatte und die bei vollem Bewusstsein waren, mit schwacher elektrischer Spannung jene Punkte in der Hirnrinde, von denen diese Anfälle ausgingen. Auf diese Reizung erfolgte sogleich eine intensive, lebhafte Halluzination von Melodien, Menschen oder Szenen, die die Patienten trotz der nüchternen Atmosphäre des Operationssaals als überwältigend real erlebten und den Anwesenden bis ins kleinste Details schilderten. Damit war bestätigt, was Hughlings Jackson sechzig Jahre früher geschrieben hatte, als er von der charakteristischen «Verdopplung des Bewußtseins» sprach: «Es gibt (1) den quasiparasitären Bewußtseinszustand (Traumzustand) und (2) Reste des normalen Bewußtseins und damit ein doppeltes Bewußtsein.. . eine mentale Diplopie. »

Dies war genau der Zustand, den meine beiden Patientinnen mir beschrieben: Mrs. O'M. hörte und sah mich, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, durch den ohrenbetäubenden Traum von «Easter Parade» oder den ruhigeren, aber eindrucksvolleren Traum von «Good Night, Sweet Jesus» hin durch (der für sie das Bild jener Kirche in der 31. Straße heraufbeschwor, in die sie immer gegangen und in der dieses Lied nach jeder Novene gesungen worden war). Und Mrs. O'C. sah und hörte mich ebenfalls durch den weit heftigeren «Erinnerungsanfall» hindurch, der sie in ihre Kindheit in Irland zurückversetzte: «Ich weiß, daß Sie hier sind, Doktor Sacks. Ich weiß auch, daß ich eine alte Frau in einem Altersheim bin, die einen Schlaganfall gehabt hat, aber ich fühle mich wieder wie als Kind in Irland. Ich fühle die Arme meiner Mutter, ich sehe sie vor mir, ich höre sie singen. » Solche epileptischen Halluzinationen oder Träume sind, wie Penfield nachgewiesen hat, nie Phantasien, sondern äußerst genaue und lebhafte Erinnerungen, die von eben jenen Emotionen begleitet werden, die auch mit dem ursprünglichen Erlebnis verknüpft waren. Die bis ins kleinste Detail gehende Genauigkeit dieser Halluzinationen, die sich jedesmal einstellten, wenn die Hirnrinde stimuliert wurde, übertraf alles, was das normale Gedächtnis leisten könnte, und führte Penfield zu der Annahme, daß sich das Gehirn eine fast vollständige Erinnerung an alle Ereignisse des Lebens und an den ganzen Strom des Bewußtseins bewahrt. Diese Erinnerungen können, sei es aufgrund der normalen Lebensbedürfnisse und -umstände, sei es durch außerordentliche Ereignisse wie einen epileptischen Anfall oder eine elektrische Stimulation, heraufbeschworen oder abgerufen werden. Die Vielfalt, die «Absurdität» solcher konvulsiver Erinnerungen ließ Penfield annehmen, daß die Reminiszenzen im Grunde sinnlos und willkürlich sind:

«Bei einer Operation ist gewöhnlich deutlich zu erkennen, daß die evozierte Reaktion eine willkürliche Wiedergabe der jeweiligen Bestandteile eines Bewußtseinsstroms ist, den der Patient irgendwann in seiner Vergangenheit erlebt hat. » Dann faßt Penfield die ungewöhnliche Vielfalt der epileptischen Träume und Szenen zusammen, die er durch Stimulation hervorgerufen hat: «Es mag sich hierbei um einen Zeitabschnitt handeln, in dem er Musik gehört, einen Blick durch die Tür in einen Tanzsaal geworfen, sich die Schandtaten von Räubern in einem Comicstrip vorgestellt hat, in dem er aus einem lebhaften Traum erwacht ist, mit Freunden ein angeregtes Gespräch geführt oder seinem kleinen Sohn aufmerksam zugehört hat, um ihm irgendwelche Ängste zu nehmen, einen Zeitabschnitt, in dem er oder sie Neonreklamen betrachtete, in Wehen im Kreißsaal lag, von einem furchteinflößenden Mann bedroht wurde, Leute betrachtete, die mit Schnee an ihren Kleidern ins Zimmer kamen... Es mag sich um einen Zeitabschnitt handeln, in dem er oder sie in Southbend, Indiana, an der Ecke von Jacob Street und Washington Street stand... oder um eine Nacht vor Jahren, in seiner Kindheit, in der er Zirkuswagen vorbeifahren sah... um einen Abend, an dem er hörte (und sah), wie seine Mutter Gäste drängte, doch endlich zu gehen... oder um einen Weihnachtsabend, an dem Vater und Mutter Weihnachtslieder sangen. »


 1. Eine Stimme (14); Fall 28. 2. Stimmen (14). 3. Eine Stimme (15). 4. Vertraute Stimme (17). 5. Vertraute Stimme (21). 6. Eine Stimme (23). 7. Eine Stimme (24). B. Eine Stimme (25). 9. Eine Stimme (28); Fall 29. 10. Vertraute Musik (15). 11. Eine Stimme (16). 12. Vertraute Stimme (17). 13. Vertraute Stimme (18). 14. Vertraute Musik (19). 15. Stimmen (23). 16. Stimmen (27); Fall 4. 17. Vertraute Musik (14)18. Vertraute Musik (17). 19. Vertraute Musik (24). 20. Vertraute Musik (25); Fall 30. 21. Vertraute Musik (23); Fall 31. 22. Vertraute Stimme (16); Fall 32. 23. Vertraute Musik (23); Fall 5. 24. Vertraute Musik (Y). 25. Geräusche von Schritten (1); Fall 6. 26. Vertraute Stimme (14). 27. Stimmen (22); Fall B. 28. Musik (15); Fall 9. 29. Stimmen (14); Fall 36. 30. Vertrautes Geräusch (16); Fall 35. 31. Eine Stimme (16a); Fall 23. 32. Eine Stimme (26). 33. Stimmen (25). 34. Stimmen (27). 3 5. Eine Stimme (28). 36. Eine Stimme (33); Fall 12. 37. Musik (12); Fall 11. 38. Eine Stimme (1 7d); Fall 24. 39. Vertraute Stimme (14). 40. Vertraute Stimmen (15). 41. Hundegebell (17). 42. Musik (18). 43. Eine Stimme (20); Fall 13. 44. Vertraute Stimme (11). 45. Eine Stimme (12). 46. Vertraute Stimme (13). 47. Vertraute Stimme (14). 48. Vertraute Musik (15). 49. Eine Stimme (16); Fall 14. So. Stimmen (2). 51. Stimmen (3). 52. Stimmen (5). 53.Stimmen (6). 54. Stimmen (1o). 55. Stimmen (11); Fall 15. 56. Vertraute Stimme (15). 57. Vertraute Stimme (16). 58. Vertraute Stimme (22); Fall 16. 59. Musik (1o); Fall 17. 6o. Vertraute Stimme (30). 61. Vertraute Stimme (31). 62. Vertraute Stimme (32); Fall 3. 63. Vertraute Musik (8). 64. Vertraute Musik (1o). 65. Vertraute Musik (D2); Fall 10. 66. Stimmen (11); Fall 7.

Ich wollte, ich könnte diese wundervolle Passage von Penfield in ihrer ganzen Länge zitieren. Sie erfüllt mich, wie die Berichte der beiden alten Irinnen, mit Ehrfurcht vor der «individuellen Physiologie», der Physiologie des Ichs. Penfield ist beeindruckt von der Häufigkeit musikalischer Anfälle und führt viele faszinierende und oft komische Beispiele dafür an. Bei den über fünfhundert Schläfenlappen-Epileptikern, die er untersucht hat, traten diese musikalischen Anfälle mit einer Häufigkeit von drei Prozent auf. «Wir waren überrascht, wie oft die Stimulation bei dem Patienten bewirkte, daß er Musik hörte. Dieses Erlebnis wurde bei elf Personen an siebzehn verschiedenen Punkten hervorgerufen (siehe Illustration). Manchmal handelte es sich um ein Orchester, in anderen Fällen um Stimmen, ein Klavier oder einen Chor. Mehrmals wurde die Musik als Erkennungsmelodie einer Radiosendung identifiziert... Die Punkte, die musikalische Halluzinationen erzeugen, befinden sich in der oberen Schläfenlappenwindung, und zwar entweder seitlich oder auf der Oberfläche (und liegen damit in der Nähe des Punktes, der die sogenannte musikogene Epilepsie hervorruft). »

Die Beispiele, die Penfield anführt, erläutern dies auf dramatische und oft komische Weise. Die folgende Liste ist ein Aus zug aus seinem umfassenden Abschlußbericht:

 «‹White Christmas› (Fall 4). Von einem Chor gesungen. (Rolling Along Together) (Fall 5). Wurde vom Patienten nicht erkannt, wohl aber von einer Operationsschwester, als der Patient es während der Stimulation vorsummte. (Husha-Bye Baby› (Fall 6). Wurde von der Mutter des Patienten gesungen, ist jedoch wahrscheinlich auch die Erkennungsmelodie einer Radiosendung.

‹Ein Lied, das er schon einmal gehört hatte und das oft im Radio gespielt wurde) (Fall 10).

‹Oh Marie, Oh Marie› (Fall 30). Erkennungsmelodie einer Radiosendung.

‹The War March of the Priests› (Fall 31). Dies war auf der Rückseite der Platte ‹Hallelujah Chorus›, die dem Patienten gehörte.

‹Vater und Mutter des Patienten singen Weihnachtslieder› (Fall 32).

‹Musik aus dem Musical Guys and Dolls) (Fall 37). ‹Ein Lied, das sie oft im Radio gehört hatte) (Fall 45).

‹I'll Get By› und ‹You'll Never Know› (Fall 46). Lieder, die er oft im Radio gehört hatte. »

In jedem Fall war - wie bei Mrs. UM. - der Ablauf der Lieder fixiert und stereotyp. Die Probanden hörten immer wieder dieselbe Melodie (beziehungsweise dieselben Melodien), ganz gleich, ob der Anfall spontan einsetzte oder durch eine elektrische Stimulation von Punkten auf der Hirnrinde hervorgerufen wurde. Diese Melodien sind also nicht nur im Radio, sondern auch bei halluzinatorischen Anfällen beliebt - sie sind sozusagen die «Hitparade der Hirnrinde».

Werden, so müssen wir uns fragen, bestimmte Lieder (oder Szenen) von bestimmten Patienten für eine Reproduktion im Verlauf ihrer halluzinatorischen Anfälle aus einem bestimmten Grund «ausgewählt»? Auch Penfield hat sich diese Frage gestellt und ist zu dem Schluß gekommen, daß die Auswahl keinen Grund hat und daß ihr gewiß keine Bedeutung zukommt: «Es wäre, selbst wenn man sich dieser Möglichkeit deutlich bewußt ist, sehr schwer, sich vorzustellen, daß einige der Lieder oder der nebensächlichen Ereignisse, an die sich der Patient ,während des epileptischen Anfalls oder der Stimulation erinnert, irgendeine emotionale Bedeutung für ihn haben. »

Die Auswahl, so schließt er, geschieht «völlig willkürlich, wenn man davon absieht, daß einiges auf eine kortikale Konditionierung hindeutet». Dies ist die Sprache, ist sozusagen die Einstellung des Physiologen. Vielleicht hat Penfield recht - aber könnte es nicht sein, daß doch mehr dahintersteckt? Ist er sich der möglichen emotionalen Bedeutung der Lieder, ist er sich dessen, was Thomas Mann die «Welt hinter der Musik; bannte, wirklich «deutlich bewußt», und zwar auf jener Ebene, auf die es ankommt? Sind oberflächliche Fragen, wie zum Beispiel «Hat dieses Lied für Sie eine besondere Bedeutung?» wirklich ausreichend? Das Studium der «freien Assoziationen» hat uns nur zu deutlich vor Augen geführt, daß scheinbar völlig nebensächliche oder willkürliche Gedanken plötzlich eine unerwartete Tiefe und Resonanz erhalten können, was allerdings nur offenbar wird, wenn auch die Analyse in die Tiefe geht. Anscheinend hat weder Penfield noch ein anderer Forscher auf dem Gebiet der Psychophysiologie eine solche Tiefenanalyse vorgenommen. Es ist nicht gesichert, daß sie Ergebnisse zeitigen würde; doch angesichts der außergewöhnlichen Gelegenheit, die sich durch das Auftreten dieser bunten Mischung unwillkürlich halluzinierter Lieder und Szenen bietet, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, daß eine solche Analyse einen Versuch wert wäre.

Ich habe Mrs. O'M. noch einmal kurz aufgesucht, um her auszubekommen, welche Assoziationen, welche Gefühle sie mit ihren «Liedern» verbindet. Ein wichtiger Punkt ist bereits ans Licht gekommen. Obwohl sie mit keinem der drei Lieder irgendeine bewußte Emotion oder Bedeutung verbindet, erinnert sie sich inzwischen (und das wird von anderen bestätigt), daß sie diese Melodien, lange bevor sie Gegenstand ihrer halluzinatorischen Anfälle wurden, vor sich hin zu summen pflegte, ohne sich dessen bewußt zu sein. Das läßt die Vermutung zu, daß sie schon damals eine unbewußte «Auswahl» getroffen hatte - eine Auswahl, die dann von einer unvermutet auftretenden organischen Pathologie «übernommen» wurde. Sind diese Lieder heute immer noch ihre Lieblingslieder?

Bedeuten sie ihr noch etwas? Verschafft ihr die halluzinierte Musik irgendeine Befriedigung? Einen Monat nach meinem Besuch bei Mrs. O'M. las ich in der New York Times einen Artikel mit der Oberschrift «Hatte Schostakowitsch ein Geheimnis?» Sein «Geheimnis» - so lautete die These des chinesischen Neurologen Dajue Wang - sei ein beweglicher Granatsplitter im Schläfenhorn des linken Ventrikels gewesen. Schostakowitsch hatte sich offenbar sehr dagegen gesträubt, diesen Splitter entfernen zu lassen: «Seit seiner Verletzung, so sagte er, könne er immer, wenn er seinen Kopf auf die Seite lege, Musik hören. Sein Kopf sei dann von jedesmal anderen Melodien erfüllt gewesen, die er danach in seinen Kompositionen verarbeitet habe. »

Auf Röntgenaufnahmen war angeblich zu sehen, daß der Splitter seine Lage veränderte, wenn Schostakowitsch seinen Kopf bewegte, und daß er Druck auf den «musikalischen» Schläfenlappen ausübte, wenn der Komponist seinen Kopf zur Seite neigte, so daß er eine unendliche Fülle von Melodien vernahm, aus der er schöpfen konnte. R. A. Henson, Herausgeber des Werkes ‹Music and the Brain› (1977), war zwar äußerst skeptisch, wollte etwas Derartiges aber auch nicht ganz ausschließen: «Ich würde zögern zu bestätigen, daß es so etwas nicht geben kann. »

Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, gab ich ihn Mrs. O'M., bei der er eine eindeutige Reaktion hervorrief. «Ich bin kein Schostakowitsch», sagte sie. «Aus meinen Liedern kann ich nichts machen. Jedenfalls habe ich sie satt - es sind immer dieselben. Für Schostakowitsch mögen musikalische Halluzinationen eine Gabe Gottes gewesen sein, aber für mich sind sie eine Folter. Er wollte sich nicht behandeln lassen, aber ich wüßte nichts, was ich lieber täte. »

Ich gab Mrs. O'M. krampflösende Mittel, und fortan litt sie nicht mehr an musikalischen Halluzinationen. Als ich sie kürzlich traf, fragte ich sie, ob sie ihr fehlten. «Ganz und gar nicht», antwortete sie. «Ohne sie fühle ich mich viel besser. » Bei Mrs. O'C. hingegen war das, wie wir gesehen haben, nicht der Fall.

Ihre Halluzinationen waren alles in allem komplexer, geheimnisvoller und tiefer, und wenn sie auch zufällige Ursachen hat-

ten, s0 erwiesen sie sich in psychologischer Hinsicht doch als sehr bedeutsam und nützlich.

Mrs. O'C.s Epilepsie entwickelte sich von Anfang an anders, sowohl hinsichtlich der physiologischen Aspekte als auch des «individuellen» Charakters des Anfalls und seiner Heftigkeit. Während der ersten zweiundsiebzig Stunden befand sie sich in einem fast permanenten Anfall oder «Status», der durch eine Apoplexie im Schläfenlappen hervorgerufen worden war. Dies allein war schon sehr ungewöhnlich. Zwei tens, und auch dies hatte eine physiologische Grundlage (nämlich die Abruptheit und das Ausmaß des Schlaganfalls sowie seine Auswirkungen auf die tiefliegenden «emotionalen Zentren» - Uncus, Mandelkern, limbisches System usw. - im Gehirn und im Schläfenlappen), waren diese Anfälle von einer überwältigenden Emotion und einer tiefen (und ausgesprochen nostalgischen) Zufriedenheit begleitet: Mrs. O'C. hatte das überwältigende Gefühl, wieder ein Kind zu sein und in ihrem lange vergessenen Elternhaus in den Armen ihrer Mutter zu liegen.

Es ist möglich, daß solche Anfälle sowohl physiologischen als auch persönlichen Ursprungs sind, das heißt, daß ihr Ausgangspunkt einerseits in bestimmten belasteten Teilendes Gehirns liegt, daß sie aber andererseits gewissen psychischen Umständen und Bedürfnissen entsprechen.

Dennis Williams (1956) beschreibt einen solchen Fall: «Ein einunddreißig Jahre alter Vertreter (Fall 2770) bekommt heftige epileptische Anfälle, wenn er sich allein unter Fremden befindet. Sie setzen mit einer visuellen Erinnerung an sein Elternhaus und seine Eltern ein, die von dem Gefühl begleitet ist: ‹Wie herrlich, wieder zu Hause zu sein!› Diese Erinnerung beschreibt er als sehr angenehm. Er bekommt dann eine Gänsehaut, und es wird ihm abwechselnd heiß und kalt. Darauf folgt entweder das Anfallsereignis, oder er krampft. »

Williams schildert diese erstaunliche Geschichte ohne jeden Kommentar und stellt auch keine Verbindung zwischen ihren Teilen her. Das Gefühl wird als rein physiologisch - als unangemessene «kurze Krampfaura» abgetan, und auch die mögliche Verbindung zwischen der Einsamkeit und dem Ge

fühl, «wieder zu Hause» zu sein, wird außer acht gelassen. Es kann natürlich sein, daß Williams recht hat - vielleicht hat das alles tatsächlich rein physiologische Gründe -, aber ich muß sagen: Wenn man schon Anfälle haben muß, dann hat dieser Mann, Fall 2770, es geschafft, die richtigen Anfälle zur rechten Zeit zu haben.

In Mrs. O'C.s Fall war das nostalgische Bedürfnis chronischer und tiefergehend, denn ihr Vater starb vor ihrer Geburt und ihre Mutter, bevor sie fünf Jahre alt war. Allein und als Vollwaise wurde sie zu einer ziemlich strengen, unverheirateten Tante nach Amerika geschickt. Mrs. O'C. verfügte über keine bewußte Erinnerung an die ersten fünf Jahre ihres Lebens - sie konnte sich nicht an ihre Mutter, an Irland, an ihr «Zuhause» erinnern. Daß diese ersten, kostbarsten Jahre ihres Lebens fehlten oder in Vergessenheit geraten waren, hatte sie immer mit einer tiefen, schmerzlichen Traurigkeit erfüllt. Sie hatte oft, aber erfolglos, versucht, ihre verlorengegangenen Kindheitserinnerungen wiederzuerlangen. Mit ihrem Traum und dem langen «Traumzustand», der auf ihn folgte, hatte sie nun einen wichtigen Teil ihrer vergessenen, verlorenen Kindheit wiedergefunden. Sie überkam nicht einfach eine «kurze Krampfaura», sondern ein beseligendes Glücksgefühl. Es war, sagte sie, als habe sich eine Tür geöffnet - eine Tür, die ihr ganzes Leben lang verschlossen gewesen war.

In ihrem faszinierenden Buch über «unwillkürliche Erinnerungen» «A Collection of Moments›, 1970) schreibt Esther Salaman über die Notwendigkeit, «die heiligen und kostbaren Erinnerungen an die Kindheit» zu bewahren oder wiederzuerlangen, und weist darauf hin, wie verarmt unser Leben ist, auf welch tönernen Füßen es steht, wenn wir diese Erinnerungen nicht haben. Sie spricht von der tiefen Freude, dem Gefühl der Realität, das das Wiedererlangen dieser Erinnerungen vermitteln kann, und belegt sie mit zahlreichen, sorgfältig zusammengestellten autobiographischen Zitaten, hauptsächlich von Dostojewski und Proust. Wir alle sind «aus unserer Vergangenheit vertrieben» worden, schreibt sie, und daher müssen wir sie wiedererlangen. Bei Mrs. O'C., die sich nach fast neunzig Jahren dem Ende eines langen, einsamen Lebens näherte, wurde dieses Wiedererlangen der «heiligen und kostbaren» Kindheitserinnerungen, diese seltsame und fast wundersame Rückerinnerung, die die verschlossene Tür, die Amnesie der Kindheit durchbrach, paradoxerweise durch eine Störung der Hirnfunktion ausgelöst.

Im Gegensatz zu Mrs. O'M., für die die Anfälle unangenehm und aufreibend waren, empfand Mrs. O'C. sie als geistige Wohltat. Sie gaben ihr ein Gefühl von Realität, ein Gefühl, in seelischer Hinsicht festen Boden unter den Füßen zu haben, und bestätigten ihr etwas ganz Elementares, das sie in den Jahrzehnten des Abgetrenntseins und des «Exils» verloren hatte: daß sie tatsächlich eine Kindheit und ein Zuhause gehabt hatte, daß sie tatsächlich bemuttert, geliebt und umsorgt worden war. Mrs. O'M. wollte behandelt werden, aber Mrs. O'C. lehnte Antikonvulsiva ab. «Ich brauche diese Erinnerungen», sagte sie. «Ich brauche das, was mit mir passiert... Es wird ohnehin bald vorbei sein. »

Dostojewski hatte zu Beginn seiner Anfälle «psychische Anfälle» oder «komplexe Bewußtseinszustände». Über sie sagte er einmal: «Ihr gesunden Menschen könnt euch nicht vorstellen, was für ein Glücksgefühl wir Epileptiker in der Sekunde vor unserem Anfall empfinden... Ich weiß nicht, ob diese Seligkeit Sekunden, Stunden oder Monate dauert, aber glauben Sie mir: Ich würde sie nicht gegen alle Freuden eintauschen, die das Leben bereithalten mag. »

Mrs. O'C. hätte das verstanden. Auch sie überkam während ihrer Anfälle eine umfassende Seligkeit, und ihr erschienen sie als Inbegriff der geistigen und körperlichen Gesundheit - für sie waren sie der Schlüssel, das Tor zum Wohlbefinden. Infolgedessen empfand sie ihre Krankheit als Gesundheit, als Heilung.

Während ihrer Genesung empfand Mrs. O'C. eine Zeitlang Wehmut und Furcht. «Das Tor schließt sich», sagte sie. «Ich verliere wieder alles. » Und so geschah es: Mitte April hörten ihre unvermittelt hereinbrechenden Erinnerungen an Szenen, Musik und Gefühle aus ihrer Kindheit, ihre plötzlichen epileptischen «Reisen» in jene vergangene Welt auf. Hierbei handelte es sich zweifellos um authentische «Reminiszenzen», denn das, was in solchen Anfällen aufgegriffen und reproduziert wird, ist, wie Penfield unwiderlegbar nachgewiesen hat, keine Ausgeburt der Phantasie, sondern erfahrene Realität. Es handelt sich hierbei um Segmente aus dem Leben, aus der erlebten Vergangenheit eines Menschen.

Aber Penfield spricht in diesem Zusammenhang immer von «Bewußtsein» und erklärt, bei psychischen Anfällen werde ein Teil des Bewußtseinsstroms, der bewußten Realität ergriffen und krampfartig wiedergegeben. Was den Fall von Mrs. O'C. jedoch so bewegend und bedeutsam macht, ist die Tatsache, daß die epileptische «Erinnerung» etwas Unbewußtes aufgriff - nämlich Erlebnisse aus der sehr frühen Kindheit, die entweder verblaßt waren oder vom Bewußtsein unterdrückt wurden - und diese Inhalte krampfartig in das Gedächtnis und das Bewußtsein zurückführte. Und aus diesem Grund, so muß man annehmen, hat sie diese Erfahrung selbst nicht vergessen, ob wohl sich, physiologisch gesehen, das «Tor» wieder schloß. Sie hinterließ einen tiefen und dauerhaften Eindruck als bedeutsames und heilsames Erlebnis. «Ich bin froh, daß das passiert ist», sagte Mrs. O'C., als alles vorbei war. «Es war die gesündeste, glücklichste Erfahrung meines Lebens. Heute fehlt mir nicht mehr ein großes Stück meiner Kindheit. Ich kann mich jetzt nicht mehr an die Details erinnern, aber ich weiß, daß die Erinnerung irgendwo in mir ist. Ich empfinde eine Ganzheit, die ich vorher nie gekannt habe. »

Das waren keine leeren Worte - es war eine wahre und mutige Feststellung. Mrs. O'C. s Anfälle hatten eine Art « Wandlung »zur Folge, verliehen ihrem Leben einen Mittelpunkt und gaben ihr die verlorene Kindheit zurück - und damit eine heitere Gelassenheit, die sie nie zuvor gekannt hatte und die sie bis ans Ende ihres Lebens behielt, eine unerschütterliche heitere Gelassenheit und eine geistige Geborgenheit, wie sie nur denjenigen eigen ist, die ihre Vergangenheit kennen und besitzen.

Nachschrift

 «Ich bin nie wegen ‹Erinnerungen› allein konsultiert worden...» schrieb Hughlings Jackson; Freud dagegen behauptete, Neurosen seien Erinnerungen. Anscheinend wird das Wort im entgegengesetzten Sinne verwendet, denn das Ziel der Psychoanalyse, s0 könnte man sagen, besteht darin, falsche oder phantasierte «Reminiszenzen» durch eine echte Erinnerung oder Wiedererinnerung an die Vergangenheit zu ersetzen (und gerade eine solche echte Erinnerung, sei sie nun bedeutsam oder belanglos, wird im Verlauf eines psychischen Anfalls heraufbeschworen). Man weiß, daß Freud Hughlings Jackson sehr bewunderte, aber es ist nicht bekannt, 0b Hugh lings - Jackson, der 1911 starb, je von Freud gehört hatte.

Das Außerordentliche eines Falles wie dem von Mrs. O'C. liegt darin, daß er sowohl «jacksonisch» wie «freudianisch» ist. Sie litt an einer Jacksonschen «Erinnerung», aber diese bewirkte, daß sie, wie durch eine Freudsche «Anamnese», ge heilt und in der Vergangenheit verankert wurde. Solche Fälle sind äußerst interessant und aufschlußreich, denn sie schlagen eine Brücke zwischen dem Körperlichen und dem Seelischen und weisen, wenn wir es zulassen, den Weg zu einer neuen Neurologie, einer Neurologie der lebendigen Erfahrung. Ich glaube nicht, daß Hughlings-Jackson darüber erstaunt oder entrüstet gewesen wäre. Vielmehr hat ihm sicherlich etwas Derartiges vorgeschwebt, als er 1880 über «Traumzustände» und «Erinnerungen» schrieb.

Der Titel des Berichts von Penfield und Perot, den ich im vorigen Kapitel ausführlich zitiert habe, lautet «The brain's record 0f visual and auditory experience» («Die Speicherung von visuellen und auditiven Erfahrungen im Gehirn»). Es stellt sich die Frage, welche Form oder Formen eine solche innere «Speicherung» hat. Bei diesen ganz und gar persönlichen, in der Lebensgeschichte verhafteten Anfällen kommt es zu einer vollständigen Wiedergabe (eines Segments) einer Erfahrung. Was ist das eigentlich, s0 fragen wir uns, was s0 abgespielt werden kann, daß es eine Erfahrung rekonstituiert? Handelt es sich um etwas, das mit einem Film oder einer

Schallplatte vergleichbar ist und das gewissermaßen mit einem Filmprojektor oder Plattenspieler im Gehirn abgespielt wird? Oder ist es etwas Analoges, aber logisch Vorausgehendes wie etwa ein Drehbuch oder eine Partitur? Was ist die endgültige, die natürliche Form des Repertoires unseres Lebens, jenes Repertoires, das uns nicht nur mit Erinnerungen und «Reminiszenzen» versorgt, sondern auch unsere Vorstellung auf jeder Ebene steuert, von den einfachsten sensorischen und motorischen Bildern bis zu den komplexesten vorgestellten Welten, Landschaften und Szenen? Es ist ein Repertoire, eine Erinnerung, eine Vorstellung, die im wesentlichen persönlich, szenisch und «ikonisch» ist.

Die Reminiszenzerlebnisse unserer Patienten haben grundlegende Fragen zur Natur des Gedächtnisses (oder mnesis) aufgeworfen. Diese Fragen stellen sich umgekehrt auch in den Geschichten über Amnesie oder Amnesis («Der verlorene Seemann» und «Eine Frage der Identität», Kapitel 2 und 12). Analoge Fragen zur Natur der Erkenntnis (oder gnosis) stellen sich angesichts von Patienten mit Agnosien- der visuellen Agnosie von Dr. P. («Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte») und den auditiven und musikalischen Agnosien von Mrs. O'M. und Emily D. («Die Ansprache des Präsidenten», Kapitel 9). Und ähnliche Fragen zur Natur von Handlungen (oder praxis) stellen sich durch die motorische Verwirrung oder Apraxie gewisser Retardierter und durch Patienten mit Stirnlappen-Apraxien - Störungen, die zuweilen so schwer sind, daß solche Patienten nicht gehen können und ihre «kinetischen Melodien», ihre Melodie des Gehens einbüßen. (Dies geschieht, wie ich in ‹Bewusstseinsdämmerungen› ausgeführt habe, auch bei Parkinson-Patienten.)

S0 wie Mrs. O'C. und Mrs. O'M. an «Erinnerungen» litten, einer konvulsiven Überflutung mit Melodien und Szenen, einer Art von Hypermnesis und Hypergnosis, s0 haben die amnestischagnostischen Patienten ihre inneren Melodien und Szenen verloren (oder sind dabei, sie zu verlieren). Beides bezeugt gleichermaßen das im Kern «melodische» und «szenische» Wesen des menschlichen Innenlebens, das Wesen des Gedächtnisses und des Geistes.

Wenn man einen Punkt auf der Hirnrinde eines solchen Patienten stimuliert, steigt unwillkürlich eine Proustsche Reminiszenz aus dem Dunkel empor. Wie, so fragen wir uns, geschieht das? Welche Art von Organisation des Gehirns könnte dies ermöglichen? Alle gegenwärtigen Vorstellungen zur Verarbeitungs- und Wiedergabetätigkeit des Gehirns orientieren sich an der Arbeitsweise von Computern (siehe zum Beispiel David Marrs hervorragendes Buch Vision: A Computational Investigation of Visual Representation in Man›, 1982). Die Verwendung von Begriffen wie «Schemata», «Programme», «Algorithmen» usw. ist daher durchaus geläufig.

Aber könnten Schemata, Programme, Algorithmen allein uns die visionäre, dramatische und musikalische Qualität von Erfahrung vermitteln- jene intensive persönliche Qualität, die sie erst zur Erfahrung macht?

Die Antwort ist ein leidenschaftliches «Nein! » Eine computerartige Wiedergabe - selbst wenn sie die ausgefeilte Finesse erreicht, die Marr und Bernstein (den beiden größten Pionieren und Denkern auf diesem Gebiet) vorschwebt - wird niemals aus sich selbst heraus an eine «ikonische» Wiedergabe, die ja den Faden und den Stoff des Lebens liefert, heranreichen.

Es klafft also eine Lücke, ja ein Abgrund, zwischen dem, was wir von unseren Patienten lernen, und dem, was die Physiologen uns sagen. Läßt sich dieser Abgrund überbrücken? Oder gibt es, falls dies (wie es den Anschein hat) ganz und gar unmöglich ist, irgendwelche Konzepte, die über die der Kybernetiker hinausgehen und uns in die Lage versetzen, das im Grunde persönliche, Proustsche Wesen der Reminiszenz des Geistes, des Lebens, zu begreifen? Kurz: Können wir über die mechanistische, Sherringtonsche Physiologie zu einer persönlichen, Proustschen Physiologie kommen? (In dem 1938 veröffentlichten Buch ‹Man an His Nature› deutet Sherrington selbst dies an, wenn er sich den Geist als «einen magischen Webstuhl» vorstellt, der sich ständig verändernde und doch immer sinnvolle Muster, ja eigentlich Sinnmuster webt... )

Solche Sinnmuster würden tatsächlich über die Grenzen rein formaler oder computerorientierter Programme oder Muster hinausgehen und der im Grunde persönlichen Qualität Raum

geben, die der Erinnerung, die aller Mnesis, Gnosis und Praxis innewohnt. Und wenn wir fragen, welche Form, welche Organisation solche Muster haben könnten, so ergibt sich die Antwort sofort (und gewissermaßen zwangsläufig) von selbst: Die persönlichen Muster, die Muster für das Individuum, müßten die Form von Drehbüchern oder Partituren haben - so wie abstrakte Muster, die Muster für einen Computer, die Form von Schemata und Programmen haben. Da her müssen wir uns über der Ebene zerebraler Programme eine Ebene zerebraler Drehbücher und Partituren vorstellen.

Ich vermute, daß die Partitur zu «Easter Parade» unauslöschlich in Mrs. O'M. s Gehirn bewahrt ist - die Partitur, ihre Partitur all dessen, was sie in dem Moment hörte und fühlte, in dem sich diese Erfahrung in ihr Gehirn eingrub. In ähnlicher Weise muß in den «dramaturgischen» Bereichen von Mrs. O'C.s Gehirn, scheinbar vergessen und doch unversehrt und aktivierbar, das Drehbuch für ihre dramatische Kindheitsszene geruht haben, die sich dort unauslöschlich eingeprägt hatte.

Und vergessen wir nicht, daß, wie Penfields Fälle beweisen, die Entfernung einer winzigen Region der Hirnrinde, jenes Reizfokus, der eine Reminiszenz erzeugt, die sich wieder holende Szene gänzlich löschen und bewirken kann, daß an die Stelle einer spezifischen Erinnerung oder Hypermnesie ein gleichermaßen spezifisches «Erinnerungsloch», eine Amnesie tritt. Dies ist eine ungeheuer wichtige und beängstigende Erkenntnis: daß die Möglichkeit einer wirklichen Operation der Seele, eines neurologischen Eingriffs in die Identität besteht (die unendlich feiner und spezifischer ist als unsere bisherigen plumpen Amputationen und Leukotomien, die den ganzen Charakter dämpfen und deformieren, die individuellen Erfahrungen jedoch nicht berühren können).

Erfahrung und Handeln sind nicht möglich, wenn sie nicht ikonisch organisiert sind. Die «Speicherung im Gehirn» von allem, was lebendig ist, muß ikonisch erfolgen. Es ist dies die endgültige Form der Speicherung, die mit Computer-Programmen nichts zu tun hat. Die endgültige Form. der zerebralen Wiedergabe muß «Kunst» sein oder «Kunst» zulassen: die künstlerische Szenerie und die Melodie von Erfahrung und Handlung.

Aus demselben Grunde muß, wenn die Wiedergabefähigkeit des Gehirns - wie bei Amnesien, Agnosien oder Apraxien -beeinträchtigt oder zerstört ist, die Wiederherstellung dieser Fähigkeit (wenn möglich) mit Hilfe eines doppelten Behandlungsansatzes erfolgen, nämlich durch den Versuch, die beschädigten Programme und Systeme zu rekonstruieren (so wjetische Neurologen verzeichnen große Erfolge auf diesem Gebiet), oder aber dadurch, daß man den direkten Weg wählt und sich auf die Ebene der inneren Melodien und Szenen begibt (wie in ‹Bewusstseinsdämmerungen›, ‹Der Tag, an dem mein Bein fortging›, anhand mehrerer Fälle in diesem Buch, vor allem «Rebecca» [Kapitel 21], sowie in der Einführung zu Teil 4 beschrieben). Jeder dieser Ansätze - oder eine Kombination von beiden ist legitim, wenn wir hirngestörte Patienten verstehen und ihnen helfen wollen: sowohl die «systemorientierte» als auch die «Kunst»-Therapie, am besten jedoch beide.

All dies wurde schon vor hundert Jahren angedeutet - von Hughlings Jackson in seiner Beschreibung von «Erinnerungen» (188o), von Korsakow in seiner Arbeit über Amnesie (1887) und von Freud und Anton in ihren in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschienenen Studien über Agnosien. Ihre bemerkenswerten Einsichten sind infolge der Dominanz einer systematischen Physiologie überdeckt worden und halb in Vergessenheit geraten. Es ist jetzt an der Zeit, sich auf sie zu besinnen und sie sich zunutze zu machen, so daß in unseren Tagen eine neue und schöne «existentielle» Wissenschaft und Therapie entstehen kann. Wenn diese sich mit der systemorientierten Wissenschaft und Therapie verbindet, werden wir über umfassende Erkenntnisse und Heilungsmöglichkeiten verfügen.

Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches habe ich zahllose Fälle von musikalischen «Reminiszenzen» kennengelernt. Diese sind offenbar, zumal bei älteren Menschen, nichts Ungewöhnliches - allerdings hält ihre Angst diese Menschen oft davon ab, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Manchmal liegt (wie bei Mrs. O`C. und Mrs. UM.) ein schwerwiegender pathologischer Befund vor. Gelegentlich hat dieses Symptom - wie in einer kürzlich veröffentlichten Fallstudie (NEJM, 5. September 1985) - seine Ursache in einer Vergiftung, zum Beispiel einer Überdosis Aspirin. Patienten mit schweren Nervenausfällen haben manchmal musikalische «Phantomerscheinungen». In den meisten Fällen liegt jedoch kein pathologischer Befund vor, und der Zustand gibt, wenn er auch lästig ist, im wesentlichen keinen Anlaß zur Besorgnis. (Warum vor allem die musikalischen Teile des Gehirns im Alter für diese «Freisetzungen» so anfällig sind, ist bislang völlig ungeklärt.)

16
Nostalgische Ausschweifungen

Die Erinnerungen, die gelegentlich im Zusammenhang mit Epilepsie oder Migräne auftraten, begegneten mir häufig bei postenzephalitischen Patienten, die durch das verabreichte L-Dopa in einen Erregungszustand versetzt worden waren - so häufig, daß ich L-Dopa zuweilen als eine Art «individueller Zeitmaschine» bezeichnete. Bei einer Patientin war diese Entwicklung so dramatisch, daß ich sie in einem Leserbrief beschrieb, der im Juni 1970 in der Fachzeitschrift Lancet erschien und in diesem Kapitel abgedruckt ist. In diesem Brief betrachtete ich «Erinnerung» im strengen Jacksonschen Sinne als ein konvulsives Aufwallen von Gedächtnisinhalten aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Später, als ich die Geschichte dieser Patientin (Rose R.) in ‹Bewusstseinsdämmerungen› schilderte, dachte ich weniger an den Begriff «Erinnerung)) als vielmehr an «Stillstand» («Ist sie im Jahre 1926 stehengeblieben?» schrieb ich) - und dies waren auch die Worte, mit denen Harold Pinter seine Deborah in ‹Eine Art Alaska› beschrieb.

«Bei bestimmten postenzephalitischen Patienten ist eine der erstaunlichsten Wirkungen von L-Dopa die Reaktivierung von Symptomen und Verhaltensmustern, die in einem viel früheren Stadium der Krankheit vorhanden waren, später jedoch (verlorengingen›. Wir sind in diesem Zusammenhang bereits auf das Wiederauftreten oder die Verschärfung von respiratorischen und okulogyrischen Krisen, iterativen Hyperkinesen und Tics eingegangen. Wir haben auch die Reaktivierung vieler anderer ‹ruhender) primitiver Symptome beobachtet, zum Beispiel Myoklonie, Bulimie, Polydipsie, Satyriasis, zentrale Schmerzempfindungen, zwanghafte Affekte usw. Auf höheren Funktionsebenen kam es zur Wiederkehr und Reaktivierung von kunstvoll ausgearbeiteten, affektiv besetzten moralischen Überzeugungen, Gedankensystemen, Träumen und Erinnerungen, die allesamt infolge der tiefgreifenden Bewegungshemmung und zuweilen auftretenden Apathie im Verlauf der postenzephalitischen Krankheit ‹vergessen›, unterdrückt oder auf andere Weise deaktiviert worden waren.

Ein erstaunliches Beispiel für jene durch L-Dopa forcierte Erinnerung war der Fall einer dreiundsechzigjährigen Frau, die seit ihrem achtzehnten Lebensjahr an fortgeschrittenem postenzephalitischem Parkinsonismus litt und seit vierundzwanzig Jahren in einem Zustand fast ständiger okulogyrischer ‹Trance› in einer Anstalt untergebracht war. Die Verabreichung von L-Dopa führte zunächst zu einer einschneiden den Besserung ihres Parkinsonismus und zu einem Abklingendes okulogyrischen Trancezustandes, so daß sie fast normal sprechen und sich bewegen konnte. Wenig später kam es (wie bei verschiedenen anderen unserer Patienten) zu psychomotorischer Erregung mit verstärkter Libido. Diese Periode war gekennzeichnet durch Nostalgie, freudige Identifikation mit einem jugendlichen Ich und durch ein unkontrollierbares Aufwallen lange zurückliegender sexueller Erinnerungen und Anspielungen. Die Patientin bat um einen Cassettenrecorder und nahm innerhalb weniger Tage zahllose frivole Lieder und ‹obszöne› Witze und Limericks auf, die sie Mitte bis Ende der zwanziger Jahre auf Parties, in Nachtclubs und Varietés aufgeschnappt oder in ‹Schundheften› gelesen hatte. Der Eindruck dieser Darbietungen wurde noch verstärkt durch wiederholte Anspielungen auf damalige Ereignisse und die Verwendung etlicher aus der Mode gekommener Ausdrücke, Sprechweisen und Verhaltensmuster, die jene vergangenen Jahre und ihre Teenagerzeit wieder lebendig werden ließen. Niemand war darüber erstaunter als die Patientin selbst: ‹Es ist komisch), sagte sie. ‹Ich verstehe das nicht. Seit mehr als vierzig Jahren habe ich nicht an diese Dinge gedacht oder von ihnen gehört.

‹Ich hatte keine Ahnung, daß ich das alles noch wußte, aber jetzt geht es mir ständig im Kopf herum.› Ihre wachsende Erregung erforderte eine Reduzierung der L-Dopa-Dosis, und damit ‹vergaß› die Patientin, obwohl sie sich weiterhin gut artikulieren konnte, prompt all diese frühen Erinnerungen und war nie mehr in der Lage, sich auch nur an eine einzige Zeile der Lieder zu erinnern, die sie aufgenommen hatte.

Bei Anfällen von Migräne und Epilepsie, bei hypnotischen und psychotischen Zuständen und, weniger dramatisch, als Reaktion auf den starken mnemonischen Stimulus gewisser Worte, Geräusche, Szenen und vor allem Gerüche tritt forcierte Erinnerung - gewöhnlich begleitet von einem Gefühl des deja vu und einer (um Hughlings -Jacksons Bezeichnung zu gebrauchen) ‹Verdoppelung des Bewußtseins› - recht häufig auf. Man hat das plötzliche Aufwallen von Erinnerungen im Verlauf okulogyrischer Krisen beschrieben, zum Beispiel in einem von Zutt geschilderten Fall, bei dem sich ‹Tausende von Erinnerungen plötzlich im Kopf des Patienten drängten›. Penfield und Perot ist es gelungen, durch Stimulierung epileptogener Punkte auf der Hirnrinde stereotype Erinnerungen hervorzurufen, und sie vermuten, daß sowohl natürlich entstandene als auch künstlich ausgelöste Anfälle bei solchenPatienten ‹fossile Erinnerungssequenzen› im Gehirn aktivieren.

Wir nehmen an, daß unsere Patientin (wie jedermann) über eine fast unendliche Zahl von ‹schlummernden› Gedächtnis spuren verfügt, von denen einige unter besonderen Bedingungen, vor allem bei starker Erregung, reaktiviert werden können. Diese Spuren, so glauben wir, haben sich - wie die subkortikalen Eindrücke lange vergangener Ereignisse, die weit unterhalb der geistigen Wahrnehmungsschwelle geblieben sind - unauslöschlich in das Nervensystem eingegraben und können unbegrenzte Zeit in einem Ruhezustand verharren, weil es entweder zu keiner Erregung kommt oder weil eine spezifische Hemmung vorliegt. Die Auswirkungen einer Erregung oder einer Enthemmung können natürlich identisch sein und zu einer wechselseitigen Reizverstärkung führen. Wir bezweifeln jedoch, daß sich die Behauptung halten läßt, die Erinnerungen unserer Patienten seien während ihrer Krankheit lediglich ‹unterdrückt› und dann, als Reaktion auf die Verabreichung von L-Dopa, ‹freigesetzt› worden.

Die forcierte Erinnerung infolge von L-Dopa, Sondierungen der Hirnrinde, Migräneanfällen, Epilepsien, Krisen usw. ist wohl in erster Linie auf eine Erregung zurückzuführen, während die ausschweifenden nostalgischen Erinnerungen, zu denen es im hohen Alter und manchmal infolge von Trunken heit kommt, wohl eher auf eine Enthemmung und eine Freilegung archaischer Spuren zurückzuführen sind. All diese Zustände können Erinnerungen ‹freisetzen› - sie alle können zu einem Wieder-Erleben der Vergangenheit führen. »

17
Reise nach Indien

Bhagawhandi P., ein neunzehnjähriges indisches Mädchen mit einem bösartigen Gehirntumor, wurde 1978 in unsere Klinik eingeliefert. Der Tumor - ein Astrozytom - war zum ersten Mal entdeckt worden, als sie sieben gewesen war. Damals aber war er nur von geringer Malignität und scharf umrissen gewesen, so daß man ihn vollständig hatte entfernen können. Die Hirnfunktion war ganz wiederhergestellt worden, und Bhagawhandi hatte ins normale Leben zurückkehren können.

Dieser Aufschub hatte zehn Jahre gedauert. Bewußt und dankbar hatte sie in dieser Zeit ihr Leben genossen, denn da sie ein intelligentes Mädchen war, wußte sie, daß in ihrem Kopf eine «Zeitbombe» tickte.

In ihrem achtzehnten Lebensjahr kam es zu einem Rezidiv, und diesmal war der Tumor weit aggressiver und bösartiger als zuvor. Außerdem ließ er sich nicht mehr durch eine Operation entfernen. Eine Druckentlastung wurde vorgenommen, um seine Ausbreitung zu ermöglichen - und in diesem Zustand, mit linksseitigen Schwäche- und Taubheitsgefühlen, gelegentlichen Anfällen und anderen Beschwerden, wurde Bhagawhandi bei uns eingeliefert.

Zunächst war sie recht fröhlich und schien ihr Schicksal zu akzeptieren. Sie suchte immer noch den Kontakt zu anderen Menschen, war aktiv und entschlossen, so lange wie möglich neue Erfahrungen zu machen und das Leben zu genießen. Als der Tumor sich ihrem Schläfenlappen näherte und die Dekompressionsöffnung sich vorzuwölben begann (wir gaben ihr Steroide, um die Gefahr eines Hirnödems zu verringern), wurden ihre Anfälle häufiger - und merkwürdiger.

Ursprünglich hatte sie Grandmal-Anfälle gehabt, und diese traten auch jetzt noch gelegentlich auf. Ihre neuen Anfälle waren jedoch ganz anderer Natur: Sie verlor nicht das Bewußtsein, sondern war sichtlich «verträumt»; es hatte den Anschein (und dies wurde durch eine EEG-Untersuchung bestätigt), daß sie jetzt häufig Schläfenlappen-Anfälle hatte, die, wie Hughlings Jackson festgestellt hat, oft durch «Verträumtheit» und unwillkürliche Erinnerungen gekennzeichnet sind.

Bald nahm diese vage Verträumtheit einen enger umrissenen, konkreteren und visionäreren Charakter an. Bhagawhandi hatte jetzt Visionen von Indien- sie sah Landschaften, Dörfer, Häuser und Gärten -, die sie sofort als Orte erkannte, wo sie als Kind gewesen war und die ihr viel bedeutet hatten.

«Belasten diese Visionen Sie?» fragten wir sie. «Wir könnten Ihnen andere Medikamente geben. »

«Nein», antwortete sie friedlich lächelnd, «ich mag diese Träume - sie führen mich in meine Heimat zurück. » Manchmal sah sie Menschen, gewöhnlich Familienmitglieder oder Nachbarn aus ihrem Heimatdorf; manchmal hörte sie Gespräche oder Lieder, oder sie sah Tänze; mal war sie in einer Kirche, mal auf einem Friedhof; meistens aber sah sie die Ebenen, die Äcker und Reisfelder in der Umgebung ihres Dorfes und die niedrigen, sanften Hügel, die sich bis zum Horizont erstreckten.

Handelte es sich tatsächlich um Schläfenlappen-Anfälle? Mittlerweile waren wir uns nicht mehr so sicher. Den Untersuchungen Hughlings-Jacksons und Penfields zufolge haben die Visionen bei diesen Anfällen einen recht eng umrissenen Inhalt: Es geht dabei um eine bestimmte Szene oder eine bestimmte Musik, die sich ständig und unverändert wiederholt und durch die Reizung eines ganz bestimmten Punktes auf der Hirnrinde ausgelöst wird. Bhagawhandis Träume dagegen liefen nicht nach einem so festgelegten Muster ab, sondern führten ihr ständig wechselnde Panoramen und ineinander übergehende Landschaften vor. Lag vielleicht eine medikamentöse Intoxikation vor? Waren diese Halluzinationen vielleicht eine Folge der hohen Steroid-Dosen, die sie jetzt erhielt? Das war nicht auszuschließen, aber wir konnten diese Dosen nicht reduzieren, denn dann wäre sie in ein Koma gefallen und innerhalb weniger Tage gestorben.

Außerdem ist eine sogenannte «Steroid-Psychose» gekenn zeichnet durch Erregung und Verwirrtheit, während Bhagawhandi immer friedlich, ruhig und bei klarem Verstand war. Handelte es sich bei diesen Visionen vielleicht um Phantasien oder Träume im Freudschen Sinne oder um jene Art von Traum-Verrücktheit (Oneirophrenie), die manchmal im Verlauf einer Schizophrenie auftritt? Auch diese Frage konnten wir nicht mit Gewißheit beantworten, denn wenn hier auch eine Art von Phantasmagorie vorlag, so bestanden die Halluzinationen doch offenbar ausschließlich aus Erinnerungen. Sie traten parallel zum normalen Bewußtsein auf (Hughlings Jackson sprach, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, von einer «Verdoppelung des Bewußtseins»), und sie schienen nicht «überbesetzt» oder von leidenschaftlichen Trieben erfüllt zu sein. Eher erschienen sie wie gewisse Gemälde oder Tondichtungen -es waren manchmal heitere, manchmal traurige Erinnerungen und Rückblicke, Ausflüge in eine glückliche Kindheit.

Diese Träume, diese Visionen wurden mit jedem Tag, mit jeder Woche, häufiger und intensiver. Sie traten jetzt nicht mehr gelegentlich auf, sondern dauerten fast den ganzen Tag. Bhagawhandi machte ein verzücktes Gesicht, als sei sie in Trance. Manchmal waren ihre Augen geschlossen, dann wie der waren sie, ohne daß sie etwas wahrnahm; geöffnet, aber immer lag ein leichtes, geheimnisvolles Lächeln auf Bhagawhandis Gesicht. Wenn man sich ihr näherte oder wenn die Schwestern sie etwas fragten, antwortete sie sofort klar und höflich, aber selbst diejenigen, die nicht an übersinnliche Phänomene glaubten, hatten das Gefühl, daß sie bereits in einer anderen Welt sei und man sie nicht stören sollte. Auch mir ging es nicht anders, und ich zögerte, obwohl ich neugierig war, sie direkt darauf anzusprechen. Nur einmal fragte ich sie: «Bhagawhandi, was geht in Ihnen vor?»

«Ich sterbe», antwortete sie. «Ich gehe nach Hause. Ich kehre dorthin zurück, wo ich hergekommen bin - das ist meine Heimkehr. »

Eine weitere Woche verging. Bhagawhandi reagierte jetzt nicht mehr auf äußere Reize, sondern schien völlig in einer eigenen Welt zu leben, und obwohl ihre Augen geschlossen waren, lag auf ihrem Gesicht noch immer jenes leichte, glückliche Lächeln. «Sie kehrt heim», sagten die Schwestern. «Bald wird sie angekommen sein. » Drei Tage später starb sie. Vielleicht sollte man besser sagen: Sie hatte das Ziel ihrer Reise nach Indien erreicht.

18
Hundenase

Stephen D., zweiundzwanzig Jahre alt, Medizinstudent, Drogenkonsument (Kokain, Psychostimulantien, hauptsächlich Amphetamine), hatte eines Nachts einen lebhaften Traum: Er war ein Hund in einer Welt voller unvorstellbar starker und bedeutsamer Gerüche. («Der glückliche Geruch von Wasser... der tapfere Geruch eines Steins.») Beim Aufwachen stellte er fest, daß sein Traum Wirklichkeit geworden war. «Als ob ich bis dahin total farbenblind gewesen wäre und mich plötzlich in einer Welt voller Farben wiederfinde. » Tatsächlich war auch seine Farbwahrnehmung stärker ausgeprägt als zuvor. («Ich konnte Dutzende von Brauntönen unterscheiden, wo ich vorher nur Braun gesehen hatte. Meine ledergebundenen Bücher, die früher alle gleich ausgesehen hatten, hatten plötzlich ganz verschiedene Schattierungen. ») Auch sein eidetisches Wahrnehmungsvermögen und Gedächtnis hatten sich drastisch verbessert. («Ich konnte vorher nie zeichnen, ich konnte keine geistigen Bilder (sehen», aber jetzt war es, als hätte ich ein Zeichenprisma im Kopf. Ich ‹sah› alles, als sei es auf das Papier projiziert, und brauchte nur noch die Linien nachzuzeichnen, die ich ‹sah›. Plötzlich konnte ich exakte anatomische Zeichnungen anfertigen. ») Am tiefgreifendsten jedoch veränderte die Verstärkung des Geruchsempfindens seine Welt: «Ich hatte geträumt, ich sei ein Hund - es war ein olfaktorischer Traum -, und als ich erwachte, war ich in einer Welt unendlich vieler Gerüche, einer Welt, in der alle anderen Wahrnehmungen, auch wenn sie verstärkt waren, vor der Intensität der Gerüche verblaßten. » Und all dies ging einher mit einer bebenden, lebhaften Emotion und einer seltsamen Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Welt, die halb vergessen, halb erhalten geblieben war. [16]

«Ich ging in eine Parfümerie», fuhr er fort. «Ich habe Gerüche noch nie gut auseinanderhalten können, aber jetzt erkannte ich sie alle sofort, und ich fand jeden einzigartig - jeder erinnerte mich an etwas, jeder war eine Welt für sich. » Er stellte auch fest, daß er all seine Freunde und Patienten am Geruch identifizieren konnte: «Ich ging in die Klinik, schnupperte wie ein Hund und erkannte alle zwanzig Patienten, die dort waren, bevor ich sie sehen konnte. Jeder von ihnen hatte seine eigene olfaktorische Physiognomie, ein Duft-Gesicht, das weit plastischer und einprägsamer, weit assoziationsreicher war als sein wirkliches Gesicht. » Er konnte ihre Gefühle - Angst, Zufriedenheit, sexuelle Erregung - wie ein Hund riechen. Er konnte jede Straße, jedes Geschäft am Geruch erkennen und sich unfehlbar in New York zurechtfinden, indem er sich an Gerüchen orientierte.

Ein impulsives Verlangen trieb ihn, alles zu beschnuppern und zu betasten («Nichts war wirklich vorhanden, bevor ich es nicht gerochen und befühlt hatte»), doch unterdrückte er dieses Verlangen in Gegenwart anderer, um nicht unangenehm aufzufallen. Sexuelle Gerüche waren erregend und intensiver allerdings nicht mehr, so fand er, als andere, zum Beispiel Essensgerüche. Der Genuß von Düften war verstärkt - ebenso wie das Mißfallen über bestimmte Gerüche -, aber es hatte sich ihm weniger eine neue Welt von Genuß und Mißfallen eröffnet als vielmehr eine neue Ästhetik, ein neues Urteilskriterium, eine neue Bedeutsamkeit, die ihn von allen Seiten umgab. «Es war eine Welt, die aus ungeheuer konkreten Einzelheiten bestand», sagte er, «eine Welt, deren Unmittelbarkeit, deren unmittelbare Bedeutsamkeit überwältigend war. » Vorher war er eher intellektuell orientiert gewesen und hatte zu Reflexion und Abstraktion geneigt. Jetzt dagegen stellte er fest, daß Nachdenken, Abstrahieren und Kategorisieren angesichts der übermächtigen Unmittelbarkeit einer jeden Erfahrung für ihn ziemlich unwirklich und schwierig geworden war.

Dieser Zustand fand nach drei Wochen ein recht plötzliches Ende- seine Geruchswahrnehmung, all seine Sinneswahrnehmungen wurden wieder normal. Mit einer Mischung aus Bedauern und Erleichterung fand er sich wieder in seiner alten, blassen Welt der beschränkten Sinneserfahrung, der Nicht Konkretheit und Abstraktion. «Ich bin froh, wieder zurück zu sein», sagte er, « aber für mich ist es auch ein sehr großer Verlust. Ich sehe jetzt, was wir dadurch, daß wir zivilisierte Menschen sind, aufgegeben haben. Wir brauchen auch das andere, das ‹Primitive›. »

Seitdem sind sechzehn Jahre vergangen, und seine Studien zeit, die Zeit, in der er Aufputschmittel nahm, liegt lange zurück. Zustände, die auch nur entfernt mit denen von damals vergleichbar wären, sind nicht mehr aufgetreten. Mein Freund und Kollege Dr. D. ist ein überaus erfolgreicher Internist in New York. Er bedauert nichts, aber gelegentlich überkommt ihn eine Sehnsucht nach jener Zeit: «Diese Welt der Gerüche und Atmosphären», seufzt er. «Sie war so lebendig, so real! Es war wie ein Besuch in einer anderen Welt, einer Welt der reinen Wahrnehmung einer reichen, bunten, prallvollen Welt. Wenn ich doch nur ab und zu zurückgehen und wieder ein Hund sein könnte! »

Freud hat an mehreren Stellen darauf hingewiesen, daß der Geruchssinn des Menschen im Verlauf seiner Entwicklung und Zivilisierung infolge des aufrechten Ganges und der Unterdrückung einer primitiven, prägenitalen Sexualität geschwächt worden und auf der Strecke geblieben sei. Tatsächlich ist belegt, daß spezifische (und pathologische) Verstärkungen des Geruchsvermögens bei Paraphilie, Fetischismus und verwandten Perversionen und Regressionen auftreten.[17] Aber die hier vorliegende Enthemmung scheint weit allgemeinerer Natur zu sein, und obwohl sie mit Erregung verbunden war - wahrscheinlich handelte es sich um eine durch Amphetamine hervorgerufene dopaminerge Erregung -, war sie weder spezifisch sexueller Art, noch ging sie mit sexueller Regression einher. Zu ähnlichen, zuweilen anfallsweise auf tretenden Hyperosmien kann es bei hyperdopaminergen Erregungszuständen kommen, so zum Beispiel bei manchen postenzephalitischen Patienten, die mit L-Dopa behandelt werden, und gelegentlich bei Patienten, die am Touretteschen Syndrom leiden.

Aus all dem ersehen wir zumindest das Allumfassende der Hemmung, die selbst auf der elementarsten Wahrnehmungs ebene wirksam wird; wir sehen das Bedürfnis, das im Zaum zu halten, was für Head mit Ton-Gefühl erfüllt und ursprünglich war und was er als «protopathisch» bezeichnete. Erst diese Unterdrückung ermöglichte den Auftritt des differenzierten, kategorisierenden, affektlosen «Epikritikers».

Weder kann das Bedürfnis nach einer solchen Hemmung auf das Freudianische reduziert werden, noch sollte der Abbau dieser Hemmung verklärt und romantisiert werden, wie Blake es getan hat. Vielleicht brauchen wir sie, wie Head andeutet, damit wir Menschen und nicht Hunde sind.[18] Und doch erinnert uns Stephen D. s Erfahrung, wie G. K. Chestertons Gedicht «The Song of Quoodle», daran, daß wir manchmal nicht Menschen, sondern Hunde sein müssen:

 «Sie haben keine Nasen,
die gefallenen Söhne von Eva...
Ach, für den glücklichen Geruch von Wasser,
den tapfren Geruch eines Steins!»

Nachschrift

Ich bin kürzlich auf eine Art Pendant zu diesem Fall gestoßen: Ein Mann erlitt eine Kopfverletzung, die seine olfaktorischen Nervenstränge schwer in Mitleidenschaft zog (diese sind wegen ihrer Länge und ihrer Position in der vorderen Schädelgrube nicht sehr gut geschützt). Durch die Verletzung verlor dieser Mann jeglichen Geruchssinn.

Er war überrascht und unglücklich darüber. «Geruchssinn? Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet. Normaler weise denkt man ja auch nicht daran. Aber als ich nichts mehr riechen konnte, war es, als wäre ich plötzlich erblindet. Das Leben hat für mich viel von seinem Reiz verloren - man macht sich ja gar nicht bewußt, wieviel vom Geruch abhängt. Man riecht Menschen, man riecht Bücher, man riecht die Stadt, man riecht den Frühling - vielleicht nicht bewußt, aber der Geruch bildet einen breiten unbewußten Hintergrund für al les andere. Meine Welt war mit einem Schlag viel ärmer geworden... »

Er hatte ein starkes Gefühl des Verlustes, eine große Sehn sucht, eine regelrechte Osmalgie - das Verlangen, sich an eine Geruchswelt zu erinnern, der er vorher keine bewußte Aufmerksamkeit geschenkt hatte und von der er nun glaubte, sie habe gewissermaßen den Grundrhythmus seines Lebens gebildet. Und dann, einige Monate später, begann er zu seiner Freude und Verwunderung in seinem geliebten Morgenkaffee, der seit seiner Verletzung «fade» geschmeckt hatte, wieder ein Aroma wahrzunehmen. Zögernd stopfte er seine Pfeife, die er monatelang nicht angerührt hatte, und auch hier entdeckte er eine Spur des vollen Aromas, das er so liebte. Sehr erregt - die Neurologen hatten ihm gesagt, es gebe keine Hoffnung auf Besserung - suchte er seinen Arzt auf, der ihm jedoch nach eingehender Untersuchung mitteilte: «Tut mir leid - es deutet nichts auf eine Wiederherstellung hin. Sie leiden immer noch an totaler Anosmie. Merkwürdig, daß Sie Ihre Pfeife und Ihren Kaffee ‹riechen› können ... »

Hier scheint sich (und es ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, daß nur das olfaktorische Nervensystem verletzt war, nicht aber die Hirnrinde) eine verstärkte olfaktorische Imagination ausgebildet zu haben, fast könnte man von einer kontrollierten Halluzinose sprechen. Dadurch ist dieser Mann, wenn er seinen Kaffee trinkt oder seine Pfeife raucht in Situationen also, die normalerweise mit Geruchsassoziationen besetzt sind -, in der Lage, diese Assoziationen unbewußt zu erwecken oder wiederzuerwecken, und zwar mit solcher Intensität, daß er zunächst glaubte, er könne wirklich wieder riechen.

Diese zum Teil bewußte, zum Teil unbewußte Fähigkeit hat zugenommen und sich auf andere Bereiche ausgedehnt. Inzwischen kann er zum Beispiel den Frühling «riechen». Jedenfalls vermag er eine so intensive Geruchserinnerung oder ein Geruchsbild heraufzubeschwören, daß er fast in der Lage ist, sich selbst und andere glauben zu machen, er könne tatsächlich Frühlingsdüfte wahrnehmen.

Es ist bekannt, daß solche Kompensationen bei Blinden oder Tauben häufig vorkommen - denken wir nur an Beethoven und seine Taubheit. Ich weiß allerdings nicht, wie oft solche Verlagerungen bei Anosmie auftreten.

19
Mord

Donald hatte unter dem Einfluß von Psychostimulantien seine Freundin getötet. Er konnte sich nicht an die Tat erinnern, weder unter Hypnose noch nach Verabreichung von Natriumamytal. Es handelte sich hier, so lautete das Urteil der Sachverständigen vor Gericht, also nicht um eine Unterdrükkung von Erinnerungen, sondern um eine organische Amnesie - um jene Art von «Blackout», die bei Konsumenten von Psychostimulantien häufiger auftritt.

Die schrecklichen Details des gerichtsmedizinischen Untersuchungsergebnisses kamen in einer nicht öffentlichen Verhandlung zur Sprache, an der auch Donald selbst nicht teilnehmen durfte. Man verglich die Tat mit den Gewaltakten, zu denen es manchmal bei psychomotorischen oder Schläfenlappen-Anfällen kommt. Der Betreffende kann sich später nicht mehr daran erinnern und hatte vielleicht auch gar nicht die Absicht, gewalttätig zu werden - man kann ihn dafür weder verantwortlich machen noch bestrafen. Dennoch muß er in eine Anstalt eingewiesen werden, um ihn selbst und die Gesellschaft vor ihm zu schützen. Auch Donald traf dieses Urteil.

Er verbrachte vier Jahre in einer geschlossenen Anstalt für kriminelle Geisteskranke - obwohl Zweifel daran bestanden, ob er tatsächlich kriminell oder geisteskrank war. Er nahm seine Einweisung mit einer gewissen Erleichterung hin. Viel leicht empfand er sie als gerechte Strafe, zweifellos aber hatte er das Gefühl, in der Isolation liege auch Sicherheit. Wenn rnan ihn danach fragte, lautete seine traurige Antwort: «Ich eigne mich nicht für ein Leben in der Gesellschaft. »

In der Anstalt fühlte er sich sicher vor plötzlichen, gefährlichen Ausbrüchen- er fühlte sich sicher und ließ eine beinahe heitere Gelassenheit erkennen. Er hatte sich von klein auf für Pflanzen interessiert, und dieses Interesse, das so konstruktiv und von der Gefahrenzone menschlicher Beziehungen und Handlungen so weit entfernt war, wurde von den Ärzten und vom Personal stark gefördert. Auf dem ungepflegten, verwilderten Gelände legte er Blumenbeete, Zier- und Gemüsegärten an. Er schien eine Art nüchternen Gleichgewichts gefunden zu haben, in dem eine seltsame Ruhe an die Stelle der früher so ungestümen Beziehungen und Leidenschaften getreten war. Manche hielten ihn für schizoid, andere für geheilt, aber alle, die ihn kannten, hatten das Gefühl, er habe eine gewisse Stabilität erlangt. Im fünften Jahr nach seiner Einweisung erhielt er die Erlaubnis, die Anstalt am Wochenende zu verlassen. Früher war er ein begeisterter Radfahrer gewesen, und jetzt kaufte er sich sofort ein Fahrrad. Damit begann das zweite Kapitel seiner merkwürdigen Geschichte. Eines Tages, als er - wie er es am liebsten tat - so schnell er konnte einen steilen Hügel hinunterfuhr, kam ihm in einer unübersichtlichen Kurve ein Wagen entgegen, den er erst im letzten Moment sah. Donald versuchte auszuweichen, verlor die Kontrolle über sein Gefährt und stürzte kopfüber auf den Asphalt.

Er erlitt schwere Kopfverletzungen - massive, beidseitige subdurale Blutergüsse, die sofort nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus operativ dräniert wurden - und schwere Quetschungen der beiden Stirnlappen. Fast zwei Wochen lang lag er in einem hemiplegischen Koma; dann begann sich sein Zu stand, zur Überraschung der Ärzte, zu bessern. Und an diesem Punkt setzten die «Alpträume» ein.

Das Wiedererlangen des Bewußtseins war keineswegs angenehm, sondern begleitet von schrecklicher Erregung und inneren Tumulten. Donald, der immer noch halb bewußtlos war, schien heftige Kämpfe auszustehen und schrie immer wieder «O Gott!» und «Nein!» Mit dem Bewußtsein kehrte auch die Erinnerung, die jetzt schreckliche Erinnerung, zurück. Gravierende neurologische Störungen traten auf - linksseitige Schwäche und Gefühllosigkeit, Krämpfe und schwere Ausfälle der Stirnlappen-Funktionen. Durch diese Anfälle ergab sich eine völlig neue Situation. Die Gewalttat, der Mord, der zuvor aus seinem Gedächtnis verschwunden gewesen war, stand jetzt in allen Details, mit fast halluzinatorischer Deutlichkeit vor seinem inneren Auge. Ununterdrückbare Erinnerungen wallten auf und überwältigten ihn immer wieder «sah» er den Mord vor sich, immer wieder beging er ihn aufs neue. War dies ein Alptraum, war es Wahnsinn, oder war es zu einer «Hypermnesie», einem Durchbruch echter, wirklichkeitsgetreuer, erschreckend verstärkter Erinnerungen gekommen?

Man befragte ihn ausführlich, wobei man sorgfältig darauf achtete, ihm keine Suggestivfragen zu stellen oder Hinweise zu geben, und bald konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, daß es sich hier um echte, unkontrollierbare Erinnerungen handelte. Er konnte jede noch so kleine Einzelheit der Tat schildern, alle Details, die bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung ans Licht gekommen, aber nicht in öffentlicher Sitzung und auch nicht in seiner Gegenwart behandelt worden waren.

Alles, was - zumindest dem Anschein nach - zuvor selbst unter Hypnose und nach der Verabreichung von Natriumamytal vergessen oder verschüttet geblieben war, lag jetzt offen zutage. Mehr noch: Es war unkontrollierbar und überschritt die Grenze des Erträglichen. Zweimal versuchte er, sich auf der neurochirurgischen Station das Leben zu nehmen, und musste mit Gewalt daran gehindert und mit starken Medikamenten ruhig gestellt werden.

Was war mit Donald passiert, was ging in ihm vor? Daß es sich hier nicht um einen plötzlichen Einbruch psychotischer Phantasien handelte, bewies die Übereinstimmung seiner Vision mit der Wirklichkeit. Und selbst wenn es lediglich ein psychotisches Phantasiegespinst gewesen wäre, warum sollte es dann ausgerechnet jetzt, so plötzlich und unvermutet, nach einer Kopfverletzung auftreten? Diese Erinnerungen hatten etwas Psychotisches oder beinahe Psychotisches - sie waren, um in der psychiatrischen Terminologie zu bleiben-über-«besetzt», und zwar so stark, daß Donald fortwährend an Suizid

dachte. Aber was wäre angesichts einer solchen Erinnerung schon eine normale Besetzung? Immerhin tauchte hier nicht eine obskure ödipale Auseinandersetzung oder Schuld aus der totalen Amnesie auf, sondern ein wirklich vorgefallener Mord.

War vielleicht mit dem Verlust der Unversehrtheit der Stirnlappen auch eine unerläßliche Voraussetzung für die Unter drückung der Erinnerung verschwunden? War das, was wir jetzt erlebten, eine plötzliche, explosionsartige und spezifische Freisetzung der Erinnerungsbilder? Keinem von uns war je ein ähnlicher Fall untergekommen, keiner von uns hatte je auch nur von einem ähnlichen Fall gehört, obwohl wir alle durchaus mit der allgemeinen Enthemmung vertraut waren, die Stirnlappen-Syndrome begleitet - mit der Impulsivität, den Witzeleien, der Redseligkeit, der Obszönität, der Zurschaustellung eines zügellosen, unbekümmerten, vulgären Es. Das entsprach jedoch nicht Donalds gegenwärtiger Verfassung. Er war nicht im mindesten impulsiv oder wahllos und unangemessen in seiner Ausdrucksweise. Sein Charakter, seine Urteilsfähigkeit und seine allgemeine Persönlichkeit waren vollkommen intakt- es waren einzig und allein die mit dem Mord verbundenen Erinnerungen und Gefühle, die jetzt unkontrollierbar hervorbrachen und ihn beherrschten und quälten.

War vielleicht ein besonderes erregendes oder epileptisches Element im Spiel? Die EEG-Untersuchungen, mit deren Hilfe wir diese Frage zu klären hofften, förderten interessante Ergebnisse zutage: Nachdem besondere (nasopharyngeale) Elektroden angelegt worden waren, stellte sich heraus, daß er zusätzlich zu den gelegentlichen Grandmal-Anfällen auch an einer unablässig brodelnden, tiefliegenden Epilepsie in beiden Schläfenlappen litt, die sich (so vermuteten wir, konnten es jedoch ohne ins Gehirn eingesetzte Elektroden nicht bestätigen) bis hinunter in den Uncus, den Mandelkern und die limbischen Strukturen erstreckte, jenem System emotionaler Schaltkreise, das auf der Höhe der Schläfenlappen liegt. Penfield und Perot haben wiederholt auftretende Erinnerungen bei einigen Patienten beschrieben, die an Schläfenlappen Anfällen litten (Brain, 1963). Aber die meisten der Erfahrun-

gen oder Reminiszenzen, die Penfield beschrieb, waren mehr passiver Natur: Die Patienten hörten Musik, sahen Szenen, auch solche, in denen sie anwesend waren, aber nicht als Agierende, sondern als Zuschauer.[19]

Niemand von uns hatte je davon gehört, daß ein Patient eine Tat wiedererlebte, oder besser: wiederausführte. Genau dies aber geschah offensichtlich bei Donald. Wir kamen nie zu einer klaren Einschätzung dieses Falls.

Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt. Seine jugendliche Energie, Glück, Zeit, die natürlichen Heilungsprozesse, seine schon vor dem Unfall überdurchschnittlich entwickelten Gehirnfunktionen und die Unterstützung durch eine Therapie nach Lurija, die die «Substitution» der Stirnlappenaktivität an regt, haben dazu geführt, daß Donalds Genesung im Lauf der Jahre enorme Fortschritte machte. Seine Stirnlappen funktionieren jetzt fast normal. Der Einsatz neuer krampflösender Mittel, die erst seit einigen Jahren verfügbar sind, hat zu einer effektiven Kontrolle der Schläfenlappen-Erregung geführt, und auch hier hat wahrscheinlich die natürliche Selbstheilungskraft eine wichtige Rolle gespielt. Schließlich ist durch eine einfühlsame und unterstützende Psychotherapie Donalds Über-Ich, das sich selbst anklagte und nach einer harten Bestrafung verlangte, besänftigt worden, so daß das Ich mehr Gewicht bekommen hat. Das wichtigste jedoch ist, daß Donald seine Gartenarbeiten wieder aufgenommen hat. «Beim Gärtnern finde ich Frieden», sagt er zu mir. «Es gibt keine Konflikte. Pflanzen haben keine Egos. Sie können keine Gefühle verletzen. » Arbeit und Liebe, sagte Freud, sind die beste Therapie.

Donald hat nichts von dem Mord vergessen oder wieder verdrängt wenn hier überhaupt eine Verdrängung von Erinnerungen im Spiel war -, aber er ist nicht mehr davon besessen. Er hat sein physiologisches und moralisches Gleichgewicht gefunden.

Aber wie steht es mit dem erst verlorenen und dann wieder gefundenen Gedächtnis? Woher kam die Amnesie, und woher die explosionsartige Wiederkehr der Erinnerung? Warum erst der totale «Blackout» und dann diese Klarsichtigkeit? Was ist in diesem seltsamen, halbneurologischen Drama eigentlich wirklich passiert? All diese Fragen sind bis auf den heutigen Tag unbeantwortet geblieben.

20
Die Visionen der heiligen Hildegard

Die religiöse Literatur aller Jahrhunderte ist voller Beschreibungen von «Visionen», bei denen erhabene und unaussprechliche Gefühle mit der Wahrnehmung leuchtender Erscheinungen einhergehen (William James spricht in diesem Zusammenhang von «Photismus»). In der überwältigenden Mehrheit der Fälle läßt sich nicht sagen, ob das Erlebnis durch eine hysterische oder psychotische Ekstase, durch berauschende Mittel oder durch einen Anfall von Epilepsie oder Migräne zustande gekommen ist. Eine einzigartige Ausnahme bildet die Geschichte der Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), einer Nonne und Mystikerin, die über außergewöhnliche geistige und literarische Fähigkeiten verfügte. Von ihrer frühesten Kindheit an bis zum Ende ihres Lebens hatte sie zahllose «Visionen». Diese Erlebnisse hat sie in schriftlicher und bildlicher Form ausgezeichnet dargestellt, und zwar in den beiden Werken ‹Scivias› («Wisse die Wege» und ‹Liber divinorum operum› (Die Gotteswerke).

Ein sorgfältiges Studium dieser Schilderungen und Bilder läßt keinen Zweifel an ihrem Ursprung: Sie waren eindeutig durch Migräne hervorgerufen, und sie beschreiben viele der bereits zuvor erwähnten Varianten visueller Auren. Singer (1958) greift in einem ausführlichen Essay über Hildegards Visionen die folgenden Phänomene als besonders charakteristisch heraus: «Bei ihnen allen ist ein hervorstechendes Merkmal ein Lichtpunkt oder mehrere Lichtpunkte, die schimmern und sich gewöhnlich wellenförmig bewegen. Diese Punkte

werden meist als Sterne oder flammende Augen gedeutet [Abbildung B]. In vielen Fällen ist ein Licht, das größer als die anderen leuchtenden Punkte ist, von einer Reihe tanzender konzentrischer Kreise umgeben [Abbildung A]. Häufig werden eindeutig Befestigungsanlagen dargestellt, die sich in einigen Fällen deutlich von einem farbigen Hintergrund abheben [Abbildung C und D]. Oft machten die Lichter den Eindruck, als arbeiteten, kochten oder fermentierten sie. Diese Erscheinung wird auch von zahlreichen anderen Visionären beschrieben...»

 

 

Hildegard selbst schreibt: «Die Gesichte, die ich schaue, empfange ich nicht in traumhaften Zuständen, nicht im Schlafe oder in Geistesgestörtheit, nicht mit den Augen des Körpers oder den Ohren des äußeren Menschen und nicht an abgelegenen Orten, sondern wachend, besonnen und mit klarem Geiste, mit den Augen und Ohren des inneren Menschen, an allgemein zugänglichen Orten, so wie Gott es will. »

Eine dieser Visionen - fallende Sterne, die im Meer erlöschen (B) - deutet sie als Fall der Engel: «Doch plötzlich geht... aus dem Geheimnis des auf dem Throne Sitzenden ein großer Stern in lichtem Glanze und strahlender Schönheit hervor. Ihm folgten zahlreiche sprühende Funken... Mit all seinen Trabanten zieht der Stern zum Süden hin... Sofort erloschen sie und wurden schwarz wie Kohle... Sie stürzten in den Abgrund, und keinen von ihnen sahst du wieder. »

Soweit Hildegards allegorische Interpretation. Unsere prosaische Interpretation würde lauten, daß Phosphene, gefolgt von einem negativen Skotom, ihr Gesichtsfeld durchzogen. Visionen mit Befestigungsanlagen sind in ihrem Zelus Dei (C) und Sedens Lucidus (D) abgebildet. Die Fertifikationsfiguren strahlen von einem hell leuchtenden und (im Original) schimmernden farbigen Punkt aus. Diese beiden Visionen sind in einer zusammengesetzten Vision (Abbildung S. 223) miteinander kombiniert, wobei sie die Befestigungsanlagen als Aedificium der Stadt Gottes deutet.

Eine tiefe Verzückung begleitete die Wahrnehmung dieser Auren, vor allem wenn, was selten vorkam, auf das ursprüngliche Funkeln und Leuchten ein zweites Skotom folgte: «Das Licht, das ich sehe, steht nicht an einem festen Ort und ist doch heller als die Sonne. Auch kann ich seine Höhe, Länge und Breite nicht bestimmen, und ich nenne es (die Wolke des lebendigen Lichts›. Und wie Sonne, Mond und Sterne sich im Wasser spiegeln, so leuchten in ihm die Schriften und Worte, die Tugenden und Werke der Menschen vor mir auf... Zuweilen sehe ich in diesem Licht ein anderes Licht, das ich ‹das lebendige Licht selbst› nenne... Und wenn ich es betrachte, dann verschwindet alle Trauer, aller Schmerz aus meinem Gedächtnis, so daß ich nicht eine alte Frau, sondern gleich einem jungen Mädchen bin. »

Weil diese Visionen von Ekstase von einer tief empfundenen göttlichen und geistigen Bedeutung erfüllt waren, trugen sie entscheidend dazu bei, daß Hildegard ihr Leben dem Gottes dienst und der Mystik widmete. Sie stellen ein einzigartiges Beispiel dafür dar, wie ein physiologischer Vorgang, der für die allermeisten anderen Menschen banal, unangenehm oder bedeutungslos wäre, bei einem Menschen, dessen Bewusstsein ihn von der breiten Masse abhebt, zur Grundlage höchst ekstatischer Inspirationen werden kann.

Erst bei Dostojewski stößt man auf eine adäquate historische Parallele. Auch er sah bisweilen ekstatische epileptische Auren, denen er eine große Bedeutung beimaß: «Es gibt Augenblicke», sagt Kirillow in den Dämonen›, «sie dauern nur fünf, sechs Sekunden, da spürt man plötzlich die Gegenwart ewiger Harmonie und hat sie völlig erlangt... Und das Fürchterlichste dabei - es ist so erschreckend klar und so freudvoll. Währte es länger als fünf Sekunden, die Seele ertrüge es nicht und müßte vergehen. In diesen fünf Sekunden durchlebe ich ein Leben und würde dafür mein eigenes ganzes Leben hingeben, denn es lohnt... »