Dreiundzwanzig

Überall in unserer Straße standen Polizisten, in Uniform oder Zivil, und Rettungs- und Streifenwagen mit Blaulicht. Die Sirenen hatte man abgestellt. Die Straße war für den normalen Verkehr gesperrt. Die blitzenden Warnleuchten, das Gewimmel der Beamten waren überwältigend. Trotz der vielen Stimmen ringsum konnte ich Billys Bild nicht vergessen. Billy, der mit seinem zerstörten Auge so reglos auf dem Dach gelegen hatte.

Hinter mir ertönte lautes Klopfen. Als ich mich umdrehte, sah ich Mrs Petrini an unserem Wohnzimmerfenster stehen. Sie hielt einen weinenden Ben hoch. Ich winkte und zwang mich zu einem Lächeln, von dem ich hoffte, dass es meinen Jungen beruhigte. Ben streckte seine Hand aus, wie um durch das Glas hindurch nach mir zu greifen, aber Mrs Petrini umfasste sein kleines Handgelenk und ließ Ben zurückwinken. Plötzlich überkam mich das nackte Grauen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, blindlings hoch auf das Dach zu rennen? Was wäre gewesen, wenn ich es nicht lebend verlassen hätte? Dann hätte mein Sohn seine Mutter verloren! Also winkte und winkte ich und lächelte dabei so breit, dass Ben schließlich aufhörte zu weinen.

Aus Mrs Petrinis Haus wurde ein Leichensack auf einer Trage zu einem Rettungswagen gebracht und hineingeschoben. An der Seite des Wagens stand eine Fernsehreporterin in pinkfarbenem Kostüm, die aufgeregt in ein Mikrophon sprach.

«Brandneue Meldungen aus Brooklyn! Zwei Sonderagenten der DEA, die offenbar unter der Hand für ein mexikanisches Drogenkartell tätig waren, wurden hier in Boerum Hill soeben von Detective Billy Staples von der New Yorker Polizei auf einem Dach gestellt. Die Leiche eines der Agenten wurde gerade in diesen Rettungswagen gebracht. Er starb bei einem Schusswechsel, der sich erst vor wenigen Minuten abgespielt hat. Sein Name ist Fred Miller. Bei einem zweiten Toten handelt es sich um seinen Partner Hyo Park, dessen Leiche hier in dieser Straße im Kofferraum eines Wagens entdeckt wurde. Welche Rolle er in diesem Drama gespielt hat, wissen wir noch nicht, doch soweit uns bekannt ist, ist er nicht der zweite Doppelagent, der für das Drogenkartell tätig war. Wie man uns mitgeteilt hat, handelt es sich bei dieser zweiten Person um Special Agent Jasmine Alvarez, die gerade verhaftet wurde und zurzeit auf dem Weg in eine Haftanstalt ist. Wie es heißt, werden ihr zahlreiche Straftaten zur Last gelegt. Detective Staples wurde während des Schusswechsels verletzt. Anscheinend ist der Notdienst oben auf dem Dach noch immer dabei, ihn transportfähig zu machen. Darüber hinaus soll eine bislang noch nicht identifizierte Person an der Gefangennahme der beiden Doppelagenten beteiligt gewesen sein, doch dazu fehlen uns bisher noch nähere Angaben. Sobald wir weitere Einzelheiten wissen, wird die Berichterstattung fortgesetzt – also bleiben Sie auf diesem Kanal!»

Der Rettungswagen fuhr los. Von der anderen Straßenseite her löste Mac sich aus der Menge, tauchte unter den Fernsehkameras hindurch und stellte sich zu mir auf den Bürgersteig vor unserem Haus. Ich schlang meinen Arm um seine Taille und zog ihn an mich. Ich musste ihn nicht fragen, was er dachte. Ich wusste auch so, dass er sich an den Tag vor zehn Monaten erinnerte, als wir in Bronxville vor dem rot-weiß-blauen Haus seiner Eltern standen und zusahen, wie Hugh und Aileen in Leichensäcken aus dem Haus gebracht wurden. Plötzlich spürte ich diesen Schmerz wieder ganz deutlich und drückte Mac noch fester an mich. Er küsste mich auf die Wange.

«Karin?»

Eine warme Hand legte sich auf meine Schulter, und ich wandte mich um. Hinter mir stand meine Mutter. Offenbar hatte sie jemanden überredet, sie durch die Absperrungen hindurchzulassen.

«Geht es dir gut?», fragte sie besorgt. «Was ist passiert? Wo ist Ben?»

«Mir fehlt nichts, und Ben ist unserem Haus bei Mrs Petrini. Gleich gehe ich zu ihm.»

Meine Mutter lief durch das Gittertor, hastete unsere Eingangstreppe hoch und verschwand im Haus. Ein jüngerer Mann kam auf mich und Mac zu. Er war hochgewachsen und dünn, trug das schwarze Haar auf modische Weise wirr und an den Ohren kleine goldene Kreolen.

«Karin Schaeffer?» Er reichte mir die Hand. Die blauen Venen auf seinem Handrücken entlarvten ihn als eher vierzig statt dreißig.

«Kennen wir uns?» Ich gab ihm die Hand.

«Special Agent Rick Latham, FBI, Abteilung Gegenspionage.»

«Gegenspionage», wiederholte ich. Wenn er in dieser Abteilung tätig war, dann musste das FBI Jasmine und Fred schon länger auf dem Schirm gehabt haben. Zweifellos hatte es dafür Gründe gegeben.

«Sie sind sicherlich Mac.» Rick Latham streckte Mac seine Hand entgegen. Mac drückte sie und nickte.

«Genau der bin ich.»

«Die Sache ist ein wenig aus dem Ruder gelaufen.» Latham hatte auffallend grüne Augen. «Tut mir leid, dass Sie da mit hineingezogen wurden.»

«Ja, aber in was genau eigentlich?», erkundigte ich mich.

«Ich glaube, je weniger wir wissen, desto besser», bemerkte Mac.

«Ihr Mann hat recht.» Lathams nachdenklicher Blick glitt zwischen Mac und mir hin und her.

«Trotzdem. Seit wann wissen Sie, dass die beiden Doppelagenten waren?»

«Karin, bitte. Bist du das Thema immer noch nicht leid?», fragte Mac. «Ich wünschte, wir wären nie in diese Geschichte verwickelt worden.»

«Das sind wir aber», entgegnete ich störrisch.

Mac schwieg. Was sollte er auch dagegen sagen?

Latham suchte etwas in seiner Jeanstasche. Er schien es zu finden, beschloss aber, es mitsamt seiner Hand in der Tasche zu lassen.

«Wussten Sie es schon, bevor Mac zum ersten Mal nach Mexiko flog?», hakte ich nach. «Mehr müssen Sie mir nicht verraten.»

Latham deutete ein Nicken an. «Lassen Sie es gut sein. Jetzt ist es ja vorbei.»

«Das heißt also, ja.»

«Tut mir leid, aber ich habe ohnehin schon zu viel gesagt!»

«Ich finde, Sie haben noch gar nichts gesagt.»

Endlich befreite Latham seine Hand aus seiner Hosentasche. Er hielt ein Plektrum aus Schildpatt zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ein paarmal schnipste er mit dem Daumennagel gegen die Kante, dann nickte er uns zu und sagte: «Tja dann, vielen Dank auch.»

«Wofür denn eigentlich?», rief ich ihm nach, während er die Straße überquerte.

«Weißt du, wofür er sich bedankt hat?», fragte ich Mac.

«Das bleibt wohl unserer Phantasie überlassen», antwortete er.

«Wenn du mich fragst, haben sie von Anfang an Bescheid gewusst.»

«Ja, wahrscheinlich.»

Wir warteten noch eine Viertelstunde, bis Billy aus Mrs Petrinis Haus zu einem der Rettungswagen abtransportiert wurde. Er lag angeschnallt auf einer Trage, mit einer Sauerstoffmaske und an einen Tropf angeschlossen, der neben ihm über die Straße gerollt wurde. Die Hälfte seines Gesichts und das fehlende Auge waren mit Bandagen umwunden. Aber wenigstens steckte er nicht in einem Leichensack.

Mac und ich gingen zum Rettungswagen und sahen zu, wie Billy hineingeschoben wurde.

«Können wir bitte mitfahren?», fragte Mac.

«Wenn, dann nur einer von Ihnen», erwiderte einer der Sanitäter, ein rundlicher Mann mit bleistiftdünnem Schnauzer, der sich beim Sprechen kaum bewegte.

«Ich fahre mit», entschied Mac. «Du bleibst bei Ben.»

Ich wusste, wie er das meinte. Billy war sein bester Freund, Mac liebte ihn. Wie hätte er da nicht mitfahren können?

«Bis später dann.» Ich gab ihm einen Kuss. «Ruf mich vom Krankenhaus aus an, ja?»

«Ist gut, aber du hörst jetzt auf, allen möglichen Leuten Fragen zu stellen, ja?» Seine Stimme klang erschöpft. «Wir ziehen einen Schlussstrich, und damit hat es sich.»

Ich nickte, Mac sprang in den Rettungswagen. Der rundliche Sanitäter schloss die Tür, und ich stand da und sah zu, wie der Wagen in den Abend eines Tages fuhr, der so schön begonnen hatte. Statt eine verlorene Freundin wiederzufinden, hatte ich erkennen müssen, dass sie nie eine Freundin gewesen war. Aber vielleicht hatte Mac ja recht: Wir wussten das, was wir im Moment wissen mussten. Wir hatten unseren Teil beigetragen, aber jetzt war es vorbei.

Deshalb folgte ich dem Rat, den mir mein Mann gegeben hatte. Ich sprach nicht mehr mit Rick Latham und fragte auch sonst niemanden. Stattdessen machte ich kehrt, stieg unsere Eingangstreppe hoch ins Haus und schlug die Tür hinter mir zu.