Siebzehn

Shore Haven war so angelegt, dass man spazieren gehen, laufen oder radeln konnte, ohne jemals irgendwo anzukommen. Dann und wann kam man an einem geschlossenen Café vorbei oder an einem Laden mit eingeschränkten Öffnungszeiten, einem abgedeckten Schwimmbecken oder dem mit Eiszapfen bewehrten Aussichtsturm. Aber wenn man diese Orte nicht bewusst ansteuerte, konnte man sich in dem Gewirr der langen, gewundenen Pfade geradezu verlieren. Meine Mutter und ich lenkten uns mit langen Spaziergängen ab, setzten Ben in seinen Buggy und liefen einfach drauflos, vergaßen die Zeit und kehrten schließlich zu dem Schneepalast zurück, den wir inzwischen als unser Zuhause bezeichneten.

Vor unserem ersten Ausflug hatten wir unsere neue Bibel konsultiert, den Ringordner in der Küche, der uns unter anderem auch unsere Grenzen aufzeigte. Dieser Ordner war keine Infobroschüre für Feriengäste, sondern ein Regelwerk voller Sicherheitsbestimmungen, ausgestellt von einer Bundesbehörde. Zwar in freundlichem Ton, aber wenn man zwischen den Zeilen las, offenbarte sich die wahre Botschaft, und die lautete: Seid vorsichtig.

Wir passten uns an. Wir waren weder Gefangene noch Zeugen, sondern potenzielle Opfer, die vor einer konkreten Gefahr geschützt wurden – vor Ana, die auf uns lauerte. Die sich auf uns stürzen würde, falls man sie nicht vorher fasste. Es klang wie eine Wahnidee, nur dass diese leider wahr war. Hin und wieder schauten meine Mutter und ich uns verwirrt an und fragten: «Was um alles in der Welt tun wir eigentlich hier?» Doch dann nickten wir und sagten wie aus einem Mund: «Mexiko.» Damit war alles gesagt. Wir wussten, dass das Schicksal jederzeit zuschlagen konnte; es war keine Frage, ob, sondern nur wann und wie. Ich betete, dass Ana einen Fehler machte, sich vielleicht überschätzte und ihren Häschern in die Arme lief.

Was Mac und seine Entscheidung betraf, die Wahl, die er getroffen hatte, schwankte ich zwischen Zorn und Verständnis. Mitunter kamen mir meine Gefühle für ihn vor wie die Pfade von Shore Haven: gewunden, sich in alle Richtungen verlierend, ohne jemals irgendwo anzukommen. Meine Mutter schien mein inneres Chaos instinktiv zu erfassen, denn wir beide vermieden das Thema Mac. Wir waren hier, zusammen, in dieser Lage, und würden das Beste daraus machen.

An unserem zweiten Tag ohne Mac trafen wir auf unserem Morgenspaziergang Doug, den Gärtner. Er war mit einem kleinen Lastwagen unterwegs, der langsam über eine der Straßen tuckerte und Salzkristalle ausspuckte. Als er uns sah, hielt er an, stieg aus und strahlte. Wie bei unserer ersten Begegnung trug er verdreckte Jeans, die schwarze Daunenjacke und die Stiefel mit den offenen Schnürsenkeln. Ich fragte mich, wie er es in der Kälte ohne Mütze aushielt. Seine Ohren waren schon feuerrot.

«Hallo, die Damen!»

Hatte er unsere Namen vielleicht vergessen? Oder wusste er, dass wir weder Joan, Cornelia noch Timmy waren?

«Doug», sagte meine Mutter. «Warum streuen Sie Salz? Sie halten die Straßen und Wege doch so wunderbar trocken. Inzwischen sind wir fast jeden Zentimeter hier abgelaufen und noch nie auf eine vereiste Stelle gestoßen.»

«Das ist kein Salz, sondern CMA – Kalziummagnesiumazetat. Verhindert die Eisbildung von Anfang an. Das Wetter hier, die Kälte und die Feuchtigkeit, die sind tückisch. Manchmal erkennt man die Glätte erst, wenn man schon auf der Nase liegt. Wie läuft es denn sonst so bei Ihnen?»

Meine Mutter und ich lächelten und zuckten mit den Schultern. Was konnten wir auch sagen?

«Ach, wir verbringen hier einfach eine friedliche kleine Woche», sagte meine Mutter, ganz so, als würden wir Sonntag wieder packen und abreisen.

«Tja dann.» Doug stieß eine weiße Atemwolke aus und klatschte sie wie eine Fliege mit bloßen Händen zusammen. «Dann ist es vielleicht Zeit, dass wir uns mal das Karussell anschauen. Das habe ich dem jungen Mann hier ja versprochen.» Er zwinkerte Ben zu, der nicht recht begriff, warum ihn plötzlich alle anschauten, und sicherheitshalber lächelte.

«Ich glaube, das würde ihm gefallen», sagte ich.

Wir klappten den Buggy zusammen, verstauten ihn auf der Ladefläche des Lasters und zwängten uns mit Doug auf den Vordersitz. Ich hielt Ben fest auf meinem Schoß. Wir holperten über die Straße und dann querfeldein über das gefrorene Gelände, vorbei an dem kleinen Aussichtsturm und weiter zu dem großen Schuppen. Dort stiegen wir aus und folgten Doug zu einem Doppeltor, das lose mit einer Eisenkette verschlossen war. Doug zog ein dickes Schlüsselbund aus der Jeanstasche, suchte einen Schlüssel hervor und entriegelte das Schloss. Die Kette glitt ratternd aus der Halterung und fiel klirrend zu Boden. Doug warf das Schloss dazu und zog die Tore eins nach dem anderen auf.

Wir spähten in die Dunkelheit. Dann sickerte das blasse Winterlicht herein und enthüllte langsam das Karussell. Wie von Zauberhand erstanden Pferde und Schlitten, allesamt frisch gestrichen in den Farben des neunzehnten Jahrhunderts – sattes cremiges Weiß, Himmelblau, Zitronengelb, Olivgrün und ein Braun so dunkel, dass es beinah schwarz wirkte.

«Ist das schön», hauchte ich.

«So allerliebst», sagte meine Mutter.

Ben rannte wackelnd darauf zu.

«Nicht so eilig!» Doug lief Ben hinterher, meine Mutter und ich folgten ihnen. Ich schnappte den Kleinen und setzte ihn mir auf die Hüfte. «Halten Sie ihn fest», riet Doug. «Hier drinnen gibt es kein Licht, denn eigentlich ist es nur ein Bretterverschlag, den wir im Frühjahr abbauen.» Er stieg auf das runde Podest, tauchte unter einem aufsteigenden Pferd hindurch und blieb im Innenkreis des Karussells stehen. «Bitte sehr, ein Stück zurücktreten – und los geht’s.»

Doug legte einen Schalter um. Dünne, blecherne Musik ertönte, und das Karussell setzte sich in Bewegung. Die Pferde stiegen auf und ab. Wie gebannt sahen wir den kreisenden Pferden und Schlitten zu, die sich im Dämmerlicht drehten. Ben fing ungeduldig an zu zappeln.

«Warte», sagte ich.

«Will», rief er.

«Darf er eine Runde mitfahren?», fragte ich Doug.

Knarrend und quietschend hielt das Karussell an. Durch den leisen Nachhall hörte ich Dougs Stimme: «Aber wie könnte ich da nein sagen? Suchen Sie sich ein Pferd aus.»

Ich wählte einen weißen Hengst mit blauer Mähne und glänzenden schwarzen Augen, hob Ben auf meinen Schoß und umfasste ihn mit beiden Armen. Meine Mutter schwang sich auf ein rosa Pferd mit grünen Hufen und weißem Sattel.

«Fertig?»

«Fertig!»

Und schon ging es los.

Wir waren dermaßen ausgehungert nach einer kleinen Freude, dass wir gleich fünfmal hintereinander Karussell fuhren und Doug eine ganze Stunde Zeit stahlen. Meine Mutter, Ben und ich hatten ganz rosige Wangen und waren ein wenig atemlos, aber auch voller Dankbarkeit. Wir sahen zu, wie Doug das Tor zusperrte und den Schatz dahinter verbarg.

«Vielen Dank.» Ich schüttelte Dougs Hand. «Das war ganz wundervoll.»

Meine Mutter strahlte, und Doug schien ein wenig zu erröten.

«War mir ein Vergnügen», erklärte er, und ich glaubte ihm. «Wenn der Kleine wieder einmal fahren möchte, sagen Sie mir Bescheid.»

«Ach ja, das wäre schön.»

Wir kletterten zurück in den Lastwagen, und Doug setzte uns da wieder ab, wo er uns aufgelesen hatte. Wir schauten dem Lastwagen hinterher, der langsam weitertuckerte und CMA verteilte, und wandten uns erst ab, als er verschwunden war.

Karussell zu fahren, war eindeutig der Höhepunkt dieser allerersten Zeit in Shore Haven. Als wir am nächsten Tag spazieren gingen, hielten wir nach Doug Ausschau, sahen ihn aber nicht. Auch nicht am Tag darauf.

Wenn wir nicht durch die Gegend wanderten, spielten wir zu Hause mit Ben, kochten, aßen oder suchten im Internet nach Nachrichten. Jedes Mal gab ich dort als Erstes «Ana Maria Soliz» in die Suchmaschine ein, dann «Soliz Riviera Enterprises», «Diego Soliz», «La Huacana», «Playa del Carmen», «Cancún» und was mir sonst noch einfiel, um an Informationen zu gelangen. Fred und Hyo rief ich nicht mehr an, denn sie hätten mir ohnehin keine Auskunft gegeben. Wahrscheinlich fanden sie, dass ich es früh genug erfahren würde, wenn etwas passierte. Leider fand ich rein gar nichts Neues.

An unserem vierten Abend in Shore Haven, dem dritten ohne Mac, brachte ich Ben kurz nach sieben zu Bett. Als ich die Treppe wieder herunterkam, sprang meine Mutter vom Sofa auf und richtete die Fernbedienung wie einen Zauberstab auf den Fernseher. Als ich näher kam, erkannte ich, dass sie einen Nachrichtensprecher mitten im Wort angehalten hatte. Mit seinem starren Gesicht, den gesenkten Lidern und dem halb offenstehenden Mund sah er aus, als gähnte er gerade herzhaft.

«Als du oben warst, hat dein Handy geklingelt», sagte meine Mutter. «Aber schau dir zuerst das da an.»

Ich stellte mich zu ihr, und sie drückte auf eine Taste der Fernbedienung.

«Vor wenigen Stunden hat die Polizei im Staat Michoacán in Mexiko eine der Größen des dortigen Immobiliengeschäfts festgenommen. Es wird davon ausgegangen, dass es sich dabei gleichzeitig um eine der zentralen Figuren des Drogenkrieges handelt, der in dem Land schon seit einer Weile tobt.»

Ein Foto wurde gezeigt, so groß, dass es den ganzen Bildschirm ausfüllte. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Auf dem Foto war eine lächelnde Ana zu sehen, in enganliegendem weißem, mit Strass besetztem Kleid, dessen Ausschnitt fast bis zu ihrem Nabel reichte.

«Ana Maria Soliz, hier während einer Spendensammlung für einen mexikanischen Politiker, hatte bereits seit langem die Aufmerksamkeit internationaler Drogenbekämpfungsbehörden erregt, die ihren zunehmenden Einfluss auf einen weiten Teil Mexikos unterbinden wollen. Zurzeit beherrscht sie eine Region, die sich von Michoacán bis zu der Halbinsel Yucatán erstreckt, auf der sie geboren wurde und von wo aus sie ihren Immobilienbesitz entlang der sogenannten Maya-Riviera ausgeweitet hat. Wie angenommen wird, benutzt sie die Drogengelder, um ihr Immobilienimperium auszubauen. Allein in Mexiko werden ihr zahlreiche Morde zur Last gelegt. Heute wurde sie wegen zweier Morde auf amerikanischem Boden festgenommen. Nach einer offiziellen Verlautbarung dürfte sie einer langen Haftstrafe entgegensehen. Ob ihr Verfahren in Mexiko oder den Vereinigten Staaten stattfinden wird, konnte bislang noch nicht geklärt werden. Ms Soliz wurde gemeinsam mit elf ihrer Vertrauensleute festgenommen. Die Suche nach weiteren Komplizen dauert noch an.»

Der Nachrichtensprecher setzte zur nächsten Meldung an.

Mein Herz schlug so laut, dass ich es hören konnte.

«Meinst du, dass er Hugh und Aileen gemeint hat?», fragte meine Mutter.

«Ich denke schon. Aber warum haben sie denn Mac und Jasmine mit keiner Silbe erwähnt?»

«Am besten schaust du nach, wer dich eben auf dem Handy erreichen wollte.»

Ich holte mein Handy. Zwei Nachrichten waren eingegangen. Eine von Fred, die andere von Billy.

«Gute Neuigkeiten», hatte Fred hinterlassen. «Ana Maria Soliz wurde festgenommen. Ich wollte es Ihnen als Erster sagen.»

Billy klang aufgeregt. «Sie haben sie! Ana sitzt in Haft! Mac und Jazz haben sich noch nicht gemeldet. Ruf mich an.»

Zunächst rief ich Fred an. Meine erste Frage beantwortete er, noch ehe ich sie gestellt hatte.

«Von Ihrem Mann oder Special Agent Alvarez haben wir noch keine Nachricht.»

«Was ist mit Diego Soliz?»

«Ana Marias Sohn.» Ich hörte die Missbilligung in Freds Stimme.

«Und Macs Sohn.»

«Da haben wir noch nichts. Aber wenn wir ihn finden, wird er ebenso wie seine Mutter festgenommen. Wir betrachten ihn als ihren Partner, fast schon auf derselben Stufe wie sie.»

Bei seinen Worten wurde mein Herz seltsam schwer, fast als hätten sich Macs Gefühle aus der Ferne auf mich übertragen.

Mac. Wo war er?

«Wer hat sie gefunden?», fragte ich. «Und wie?»

«Tut mir leid, Karin, aber das kann ich nicht erzählen. Schließlich handelt es sich um eine laufende Ermittlung.»

Ich rang nach Atem, denn das bedeutete, dass es noch immer lose Fäden gab, Dinge, die in der Luft hingen, aber von zentraler Bedeutung waren. Jasmine war eine Bundesagentin. Solche Leute kehrten zurück, wenn ihr Hauptziel erreicht war. Und Mac? Betrachtete man ihn auch als Bundesagenten, oder war er nur der Söldner, auf den man nach getaner Tat verzichten konnte?

Sowie ich mich von Fred verabschiedet hatte, rief ich Billy an.

«Fred Miller will mir nichts über Mac und Jasmine verraten», beklagte ich mich.

«Mir auch nicht.»

«Weißt du, wie sie Ana gefunden haben?»

«Nein, aber ich bin froh, dass es ihnen geglückt ist. Das heißt, dass sie den Fall allmählich aufrollen können. Hör zu, wie wär’s mit Folgendem? Sobald du grünes Licht zur Abreise erhältst, komme ich und hole euch ab.»

Tränen schossen mir in die Augen. Ich wischte sie fort. Seit unserem Streit hatte ich nicht mehr mit Billy gesprochen. Sein Angebot war nicht nur freundlich, sondern auch eine Geste der Versöhnung. «Bist du sicher? Die Fahrt dauert ziemlich lange.»

«Natürlich bin ich sicher.»

«Danke, Billy, das ist wirklich lieb.»

«Wir halten uns auf dem Laufenden, ja?»

«Ja.»

Und so senkte sich die Nacht herab und umhüllte mich mit Hoffnung und Furcht.

Ana war gefangen worden!

Von Mac und Jasmine fehlte jede Spur …

Ana konnte uns nichts mehr tun!

Mac konnte tot sein …

Ebenso wie Jasmine.

Waren die beiden erfolgreich gewesen, oder hatten sie versagt? Die DEA hatte einen entscheidenden Sieg davongetragen. Wenn Mac oder Jasmine im Lauf des Gefechts getötet worden wären, würde das als Kollateralschaden gelten. Nein, diesen Gedanken musste ich abschütteln, den konnte ich nicht ertragen.

Bislang hatte noch niemand angerufen, um uns zu sagen, dass wir zurückkehren konnten. Auch das ging mir nicht aus dem Kopf.

Meine Mutter und ich tranken jetzt Kaffee, denn wir wollten wach bleiben und auf weitere Nachrichten warten. Im Internet entdeckte ich ein paar Meldungen, aber sie wiederholten im Grunde nur das, was wir schon über CNN erfahren hatten. Neuigkeiten über Mac, Jasmine oder Diego gab es nicht. Diese Stille machte mich halb wahnsinnig. Das hatte ich schon einmal erlebt, und die Erinnerung daran konnten auch zig Tassen Kaffee nicht vertreiben. Ich behielt mein Handy in der Hosentasche und stellte es auf laut und vibrieren. Aber niemand meldete sich.

Irgendwann musste ich auf dem Sofa eingenickt sein, denn als mein Handy klingelte, lag ich mit einem Bein auf dem Boden halb auf der Couch. Ich erkannte Freds Namen auf dem Display und spürte das Kribbeln der Angst in der Magengrube.

«Gibt es was Neues?», begrüßte ich ihn.

«Nein, aber vermutlich möchten Sie wissen, ob Sie jetzt nach Hause fahren können.»

«Und?»

«Noch nicht. Tut mir leid, Karin.»

«Aber warum nicht?»

«Weil wir ein paar seltsame E-Mails abgefangen haben. Wir wollen nichts überstürzen.»

Mehr holte ich aus ihm nicht heraus.

 

Fünf weitere Tage vergingen. Inzwischen wohnten wir seit anderthalb Wochen im Schneepalast. Die Genehmigung, das Gelände zu verlassen, war uns noch immer nicht erteilt worden, aber allmählich erhielten wir unter unseren neuen Namen Post, in der Regel Werbesendungen, Kataloge und Doppelseiter, die auf die typische amerikanische Familie zugeschnitten waren. Mich interessierte nichts davon. Jede dieser Sendungen war für mich ein Zeichen, das bedeutete, dass wir hier ewig leben würden und dass man uns in unserer wahren Heimat vergessen hatte. Ich fügte mich in mein Schicksal und bestellte ein Bettgestell für Ben, denn inzwischen kletterte er jeden Morgen über das Gitter seines Bettchens, und ich entschied, dass er in einem normalen Bett schlafen sollte. Für meine Mutter bestellte ich eine neue Mütze, die zu ihrem grünen Schal passte, und für mich zwei Paar warme Socken. Wenige Tage später rief Mike an.

«Wir haben Post für Sie, Mrs Peltrie», begann er, ehe die Verbindung zusammenbrach. Hier passierte das öfter, wenn draußen Minusgrade herrschten.

Meine Mutter hatte es gerade geschafft, Ben seine warme Jacke, Stiefel, Mütze und Fäustlinge überzustreifen – das gesamte Winterensemble, gegen das er sich jedes Mal wehrte, weil es ihn beengte – und war dabei, ihn in seinem Buggy anzuschnallen.

«Unten wurde etwas für uns abgegeben», sagte ich. «Ich hoffe, es ist das Bettgestell. Lass mich nur kurz hinunterlaufen und nachsehen, was es ist.»

«Du kannst ja später nachkommen.» Meine Mutter zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu. «Ich möchte heute nicht als Cornelia angesprochen werden.»

«Dann bis gleich.»

Meine Mutter schob Ben aus dem Haus. Ich schlüpfte in Stiefel und Jacke. Draußen sah ich, dass die beiden den Weg zum Karussell eingeschlagen hatten. Meine Mutter sang, und Ben trommelte dazu mit den Beinen. Jeden Tag begannen wir unseren Spaziergang in der Hoffnung, noch einmal auf dem Karussell fahren zu können. Jeden Tag dachten wir, heute wird es sicher so sein, aber dann begnügten wir uns mit dem, was der Tag brachte.

Ich wandte mich in die entgegengesetzte Richtung, hinunter zur Wachstation. Bald war ich allein auf dem langen, gewundenen Waldweg und stieß beim Gehen weiße Atemwolken aus. Es war so still, dass jeder Laut deutlich zu hören war: meine Schritte, kleine Zweige, totes Laub und Kiesel, die unter meinen Stiefeln knirschten und knackten, meinen Atem, ja selbst meine Gedanken glaubte ich zu hören. Sie drehten sich wie immer um Mac und die Frage, ob wir uns jemals wiedersehen würden; um die Abgeschiedenheit dieses Ortes mit seiner strengen Schönheit und Einsamkeit; um das Bettgestell, das Ben mehr an Freiheit geben würde und mir ein neues Maß an Freude über sein Größerwerden, mit der Sorge, die damit einherging. Die Zeit stand nie still, sondern bewegte sich weiter. Mit ihr veränderten sich die Dinge, und wir passten uns notgedrungen an.

Dann hörte ich etwas, blieb stehen und horchte. Es war Musik, die aus der Ferne zu mir herüberwehte. Ich schob meine Mütze auf einem Ohr nach oben und lauschte. Es war das Karussell! Mein Herz machte einen Satz. Mom und Ben waren auf Doug gestoßen.

Ich beschleunigte meine Schritte, wollte die Wachstation erreichen und das Paket abholen, wenn es nur etwas Kleines war, und hoch zu dem Karussell laufen, ehe Doug das Tor wieder versperrte. Wenn es das Bettgestell wäre und ich es nicht allein tragen konnte, würde ich Doug bitten, nachher mit uns hinunterzufahren, den Karton in seinen Laster zu laden und uns zurück nach Hause zu bringen.

Durch das Gewirr der kahlen Zweige erkannte ich schon von weitem einen hohen braunen Lieferwagen von UPS, der den Wirtschaftsweg von Shore Haven entlangtuckerte, und dachte, offenbar hat auch einer von denen, die hier arbeiteten, irgendetwas bestellt.

Vor der Tür der Wachstation stand ein großer Karton auf dem Boden.

«Mike», rief ich. «Ich bin da.»

Er gab keine Antwort. Also blieb ich stehen und schaute mir den Karton an. Einen Absender gab es nicht. Ebenso merkwürdig fand ich die Art, wie die Adresse geschrieben war. Es lag nicht nur an dem immer noch fremden Namen Joan Peltrie, sondern auch daran, dass alles mit der Hand geschrieben worden war. Abgesehen davon, sah der Karton nicht aus, als könne sich darin ein Bettgestell befinden, doch etwas in dieser Größe hatte ich nicht bestellt. Keine Spur von den typischen UPS-Aufklebern noch irgendwelche anderen Krakel oder Zettel, die bewiesen, dass dieser Karton den normalen Lieferweg hinter sich hatte. Und die Handschrift – ich beugte mich tiefer hinab – sah aus wie die von Mac.

«Mike?»

Mit einem Mal fühlte die Stille sich bedrückend an. Ich trat in das Wachhäuschen, das Platz für zwei Personen und einen Schreibtisch bot. Es war leer. Ich durchquerte den Raum zu dem kleinen rückwärtigen Fenster und erkannte etwas, das aussah wie die Spitze eines Schuhs.

Ich eilte hinaus und umrundete das Häuschen.

Es war ein schwarzer Schuh, doppelt geschnürt, an einem Fuß, der zu Mike gehörte. Er lag seitlich auf dem Boden. Ich hockte mich zu ihm. In seinen Augen stand die nackte Panik.

«Was ist passiert?», fragte ich.

Sein Blick trübte sich und schien zu erstarren. Plötzlich weiteten sich seine Pupillen und füllten die Iris ganz aus. Ich kannte das von zu vielen Tatorten, von all den vielen Toten. Wie oft hatte ich in solche reglosen Augen geschaut. Aber noch nie hatte ich mit angesehen, wie das Leben aus einem Körper wich. Eiseskälte kroch über meine Wirbelsäule und sickerte in mein Herz.

«Mike», flüsterte ich.

Gleich darauf sah ich das Blut. Es quoll aus einer Wunde hinter seinem Ohr.

Ich drehte mich um, schloss die Augen und bekämpfte meinen Brechreiz. Dann schluckte ich, öffnete die Augen, stand auf und griff nach dem Handy in meiner Jackentasche. Kein Handy. Ich musste es ihm Haus vergessen haben. Mir fiel das Telefon in der Wachstation ein. Von dort aus konnte ich den Notdienst anrufen.

Ich dachte an den UPS-Wagen, der über den Wirtschaftsweg davongezockelt war.

Plötzlich hörte ich die Musik des Karussells wieder.

Vor meinem geistigen Auge entstand eine Karte. Der Wirtschaftsweg führte als Abkürzung zu dem Teil des Geländes, auf dem sich der Großteil der Freizeiteinrichtungen befand – das Restaurant, das Café, die Schwimmbecken und der Aussichtsturm.

Und das Karussell.

Mir war, als würde die Musik die kalte, stille Luft durchschneiden. Plötzlich gab es für mich keinen Zweifel:

Derjenige, der den Karton gebracht hatte, hatte auch Mike ermordet.

Und fuhr jetzt durch Shore Haven.

Zu dem er sich mit einer bestimmten Absicht Zugang verschafft hatte.

Weil er einen Zweck verfolgte,

ein Ziel,

eine Zielperson.

Ich musste den Notruf wählen.

Und den Karton öffnen.

Aber vor allem musste ich zu dem Karussell gelangen.