Zwanzig

Am nächsten Tag fuhren wir heim. Als wir über den Brooklyn Queens Expressway kamen und die Atlantic Avenue erreichten, atmete ich auf. Auf dem Weg hatten wir zweimal Rast gemacht. Aus Billys iPod ertönte On the Road Again, und Ben hüpfte auf seinem Kindersitz auf und ab. Auf halber Strecke durch Connecticut hatten wir entdeckt, dass Ben ein großer Willie-Nelson-Fan war, und dessen Songs auf Billys iPod rauf und runter gespielt. Um Ben auf dieser langen Fahrt ruhigzuhalten, war uns alles recht.

Unser Haus war noch genau so, wie wir es vor anderthalb Wochen Hals über Kopf verlassen hatten – und doch war alles anders. Eine Last war von unseren Schultern genommen worden, wir waren in Sicherheit – und ich hatte eine gebrochene Nase.

Wir luden unsere Koffer aus und bedankten uns herzlich bei Billy. Ich hatte ihm vorgeschlagen, mit uns zu Abend zu essen, eine improvisierte Mahlzeit, die ich von dem Chinesen um die Ecke kommen lassen wollte, aber er hatte abgelehnt. Wahrscheinlich wollte er lieber allein sein mit seinen Gedanken an Jasmine. Dass wir noch immer nichts von ihr gehört hatten, machte uns alle unruhig, aber für Billy war es um einiges schlimmer, denn er liebte Jasmine. Ich wusste nur zu gut, was er empfand. Vom Bürgersteig aus sahen Mac und ich zu, wie er davonfuhr. Dann gingen wir ins Haus, um den ruhigen Familienabend mit Ben und meiner Mutter zu genießen.

Später, als meine Mutter und Ben bereits schliefen, lagen Mac und ich im Bett und unterhielten uns. Mac lag auf der Seite, in gestreifter Schlafanzughose und frischem weißem T-Shirt, den Ellbogen aufgestützt. Ich konnte kaum glauben, was er vor kurzem durchgemacht hatte. Es war, als hätte er unter der Dusche nicht nur den Reisestaub abgespült, sondern auch die Angst, die ihn in Mexiko ständig begleitet hatte. Über den Rand seines Ausschnitts schaute ein winziges Stück der lavendelblauen Tätowierung hervor. Ich wollte diese Dahlie nie mehr wiedersehen.

«Wie sieht es denn nun aus? Wirst du etwas unternehmen, um herauszufinden, ob Diego tatsächlich dein Sohn ist?»

«Glaubst du, er ist es nicht?»

«Nach einem DNS-Test weißt du es genau.»

Selbst in dem weichen Licht der kleinen Lampe, die wir brennen gelassen hatten, erkannte ich die Reue in Macs Blick und wusste, wie sehr ihn das, was geschehen war, bedrückte. Ohne Absicht hatte er ein Kind gezeugt, als er selbst noch ein Junge war, und die Folgen waren verheerend gewesen. Und jetzt war auch noch Jasmine verschwunden.

«Ich weiß nicht, ob Ana so weit gegangen wäre, wenn Diego nicht mein Sohn wäre. Und sie muss sich dessen doch sicher sein.»

«Gut und schön, aber wenn du mich fragst, ist Ana nicht ganz dicht.»

Mac lachte schallend auf und ließ sich auf den Rücken fallen. Ich fühlte mich ziemlich angeschlagen, aber seine Heiterkeit war ansteckend. Wir lachten beide.

«Willst du eigentlich wissen, was du seit letztem August alles verpasst hast?» Ich hob den Zeigefinger und begann, die Anlässe der Reihe nach aufzuzählen. «Unser Hochzeitstag.» Mittelfinger. «Thanksgiving.» Ringfinger. «Die Weihnachtsfeiertage und Silvester.» Kleiner Finger. «Bens Geburtstag. Dazu die Geburtstage von Rosies Kindern und der Geburtstag von Danny, den er dank dir im Gefängnis verbracht hat.» Dazu brauchte ich die andere Hand.

«Klingt, als müsste ich noch jede Menge Geschenke kaufen gehen.»

«Nein, Mac, dass du uns wiedergeschenkt wurdest, reicht uns allen aus.»

Macs Augen wurden feucht. Er zog mich an sich, und ich schmiegte mich an seine Brust. Es war nach Mitternacht, ein neuer Tag begann, und wir liebten uns in der Stille und Sicherheit unseres eigenen Schlafzimmers, in unserem eigenen Haus, in unserer Straße, in unserer Nachbarschaft und der Stadt, die wir als unser Zuhause gewählt hatten.

Wir waren wieder daheim.

 

Am nächsten Morgen wurde ich von Stimmengemurmel und dem Geklapper des Frühstücksgeschirrs wach. Es klang, als wäre jeder außer mir längst auf den Beinen. Ich warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es schon nach neun war. Mac hatte mich ausschlafen lassen. Ich dehnte mich und drehte mich auf die Seite. Und da lag etwas auf seinem Kopfkissen:

Eine schmale Schachtel, in Silberpapier eingeschlagen und mit einem feuerroten Band umwunden.

Ich setzte mich auf und zog den Briefumschlag unter dem Band hervor. Darauf stand mein Name. Darin steckte eine wunderschöne Karte. Auf cremigem grünem Untergrund war eine gelbe Orchidee abgebildet. Ich klappte die Karte auf. Das Datum – der dritte September des vergangenen Jahres – war mit grüner Tinte geschrieben.

Einen schönen zweiten Hochzeitstag

meiner geliebten Frau

Karin.

In ewiger

ewiger

ewiger Liebe

von ihrem Mann

Mac

Ich konnte nicht anders, ich musste einfach weinen.

Ich schälte das Silberpapier ab, vorsichtig, um es aufzuheben, was ich sonst nie tat. Dann drückte ich den ziselierten kleinen Schnappverschluss der langen schwarzen Juwelierschatulle auf. Und da lag sie: die Kette, von der ich durch einen Beleg aus einem Laden in Manhattan erfahren hatte, durch den Zettel, der mit dem Karton aus Macs Büro gekommen war. Goldkette (18 k), Anhänger mit Brillanten und Rubinen besetzt. Ich hatte die Kette erst an Deidres und dann an Anas Hals gesehen, als Sinnbild der Liebe, die ich verloren geglaubt hatte, und als Grund für meine Zweifel, die mich nach Florida und Mexiko geführt hatten. Ich zupfte die zarte Goldkette aus ihrem Samtbett und betrachtete andächtig die Edelsteine, die im Tageslicht funkelten. Ich legte die Kette um und stieg aus dem Bett.

Anscheinend sah man mir an, dass ich geweint hatte, denn als ich die Küche betrat, machten Mac, meine Mutter und Ben bestürzte Gesichter.

«Mein armer Schatz», sagte meine Mutter. «Tut deine Nase wieder so weh?»

«Das auch, aber darum geht es nicht.» Ich löste den obersten Knopf meines Nachthemds. Mac sah die Kette.

Lächelnd fragte er: «Gefällt sie dir?»

«Sie ist wundervoll. Vielen, vielen Dank dafür.»

«Letzte Nacht hast du mich wieder daran erinnert. Ich wusste kaum noch, wo ich sie versteckt hatte.»

«Wo?»

Mac lächelte verschmitzt. «Wenn du glaubst, ich würde dir meine geheimen Verstecke verraten, hast du dich aber gründlich geirrt.»

Ich beschloss, ihn nicht weiter zu bedrängen, und füllte eine Schale mit Müsli. Mac und meine Mutter waren schon fertig. Ben setzte sich auf den Boden und tat, als würde er ein Bilderbuch lesen. Sobald meine Mutter die Küche verlassen hatte, um zu duschen, zog ich den Anhänger hervor und legte mir die glitzernden Edelsteine auf die Hand.

«In gewisser Weise hat diese Kette mich bis nach Mexiko getrieben.»

«Wie denn das? Du wusstest doch gar nichts von ihr.»

«Doch. Tina hat mir deine Privatsachen aus dem Büro bringen lassen. Da habe ich den Beleg entdeckt.»

«Mist», sagte Mac und schnitt eine Grimasse.

«Ich habe das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Sogar Tina habe ich angerufen, und sie hat bei Quest im Safe nach der Kette gesucht.»

«Oh, oh, ich kann mir denken, was du dabei gedacht hast.»

«Es ist ganz seltsam, aber zuerst dachte ich, dass sie dein Geschenk für mich zu unserem Hochzeitstag sein musste, das ich leider nirgends finden konnte. Doch dann wurde mir das Foto gebracht, und darauf sah ich dich mit einer Frau an einer Bar sitzen. Die Frau trug eine Kette, und ich dachte, es wäre diese hier. Da bin ich dann doch ein bisschen …» eifersüchtig geworden. Die beiden Wörter wollte ich einfach nicht aussprechen, denn sie klangen so albern. Gleichzeitig waren sie die Untertreibung des Jahres.

Mac trat zu mir und küsste mich. «Wenn es um andere Frauen geht, brauchst du dir nie auch nur die kleinste Sorge zu machen.»

«Das weiß ich – aber was hättest du denn an meiner Stelle gedacht?»

«Keine Ahnung. Ich wünschte, ich hätte den Beleg weggeworfen oder mitsamt dem Geschenk versteckt. Dann hättest du dir nicht den Kopf zerbrochen und dir zu allem anderen auch noch Gedanken über die Bedeutung dieser Kette gemacht.»

«Und wenn ich sie nie gefunden hätte? Du hättest ewig in Mexiko bleiben oder tot sein können. Ich meine, für mich hättest du tot sein können.»

«Nicht ewig, Karin. Ich habe nach einem Ausweg gesucht, auch wenn ich nicht wusste, wie lange ich dazu brauchen würde. Aber irgendwann hätte ich ihn gefunden.»

«Aber ich habe nie etwas von dir gehört. Was wäre, wenn ich tatsächlich geglaubt hätte, dass du tot bist?»

«Dieser Gedanke hat mich die ganze Zeit verfolgt. Er hat mich nachts wach gehalten.»

«Als ich damals dachte, ich hätte dich am Flughafen gesehen – nein, ich habe dich ja gesehen –, bist du da nach Miami gekommen, um dich mit Jasmine zu treffen?»

«Nein, wir haben uns nie getroffen. Ana war in Miami und wollte, dass ich nachkomme. Zu dem Zeitpunkt wusste ich, dass es besser war, zu tun, was sie verlangte.»

«Aber in letzter Zeit dachte ich immer, vielleicht –»

«– hätten Jasmine und ich uns dort verabredet?»

«Um den Fall zu besprechen. Das lag doch nahe, oder nicht?»

«Im Gegenteil. Es wäre viel zu gefährlich gewesen. Jasmine wusste, wo ich war, und damit hatte es sich. Mein Gott, auf was für Ideen du kommst. Damals wusste ich ja nicht einmal, dass Jasmine überhaupt in Miami war. Ich habe dich gesehen, wie du den Kaffee umgestoßen hast, und dachte, mir müsste das Herz stehenbleiben. Was glaubst du, was für eine Angst ich hatte, du könntest eine Szene machen, und das würde dann Ana zu Ohren kommen. All das, was ich für deine Sicherheit getan hatte, wäre zerstört gewesen … Deshalb bin ich weitergegangen.»

Wir sahen uns an und schienen denselben Gedanken zu haben.

«Und weshalb ist Jasmine dann nach Miami geflogen?», fragte ich. «Mir hatte sie erzählt, sie wollte ihren Geburtstag unter Palmen feiern. Aber wenn ich mir überlege, wie viele ihrer Geschichten erfunden waren, dann frage ich mich, ob sie überhaupt im November Geburtstag hat.»

«Tja, das weiß ich auch nicht.»

«Nehmen wir mal an, es war gar keine Geburtstagsreise. Warum wäre sie dann wohl dorthin geflogen?»

Ich stand auf, um ans Telefon zu gehen, doch da fing Ben an zu weinen, weil er sich einen Finger in der Schranktür geklemmt hatte.

«Ruf Fred Miller an.» Ich reichte Mac das Telefon und hob Ben hoch. «Frag ihn danach und auch, ob er inzwischen etwas von ihr gehört hat.»

«Glaubst du nicht, dann hätte er uns angerufen?»

«Nicht wirklich.» Ich pustete Bens Finger heil und küsste ihn.

Mac schien sämtliche DEA-Nummern auswendig zu kennen, denn auch Fred wählte er aus dem Gedächtnis an. Ich setzte mich und hörte zu.

«Wann hat Jasmine Geburtstag?» Gereizt zog Mac die Brauen zusammen und warf mir einen frustrierten Blick zu. Offenbar hielt Fred sich wieder einmal bedeckt. «Na schön.»

«Und wo ist sie aufgewachsen?» Pause. Verärgerte Miene. «Gut, das verstehe ich.»

«Und wo hat sie gewohnt, ehe sie nach Brooklyn kam?» Pause. Grimmiges Gesicht. «Herrgott nochmal.»

«Aber vielleicht darf ich ja erfahren, warum sie im letzten November nach Florida geflogen ist.» Pause. Mac verdrehte die Augen. «Natürlich leuchtet mir das ein, aber ich werde ja wohl noch fragen dürfen.»

Für eine Weile lauschte er. Dann war das Gespräch, falls man es so nennen konnte, beendet. Mac stieß einen langen, entnervten Seufzer aus.

«War ja auch nicht anders zu erwarten», stellte er missmutig fest. «Laufende Ermittlung. Darf nichts verraten. Hat mir klargemacht, dass ich nicht mehr dazugehöre.»

«Rein technisch stimmt das ja auch», entgegnete ich. «Vielleicht ist sie ja vor ein paar Tagen ohne Auftrag nach Mexiko geflogen. Sie wollte dich zurückholen, das hat Billy jedenfalls gesagt.»

«Und ich habe geglaubt, du hättest sie dorthin befohlen.» Mac lächelte ein wenig, aber auf mich wirkte es etwas gezwungen. Wir waren noch zu nah an allem dran, um darüber lächeln zu können. «Das Einzige, was ich Fred abnehme, ist, dass er seit ihrer jüngsten Reise nach Mexiko keinen Ton von Jasmine gehört hat. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst, genau das waren seine Worte.»

«Erinnerst du dich an den Namen Lucky Herman? Das ist der Privatdetektiv, den ich in Miami auf die Suche nach dir geschickt hatte.»

«An den Namen, ja, aber sonst weiß ich eigentlich nichts über ihn.»

«Wie wär’s, wenn wir ihn bitten, sich mal in Florida nach Jasmine umzuschauen. Einfach nur mal so aus Interesse.»

«Karin! Die DEA hat Jasmine keineswegs vergessen. Sie wissen, dass sie von ihrem Radar verschwunden ist. Früher oder später werden sie Jasmine finden und dann …»

Früher oder später war alles, was ich hören musste. Geduld war nun mal nicht meine hervorstechendste Eigenschaft. Ich war schon im Flur und suchte in meiner Handtasche nach Lucky Hermans Nummer, noch ehe Mac seinen Satz beendet hatte. Gleich darauf hatte ich Lucky Herman am Apparat.

«Hallo, Karin», begrüßte er mich mit einem Lächeln in der Stimme. «Wollten Sie einfach nur guten Tag sagen, oder melden Sie sich wieder als Kundin? Ganz unter uns gesagt, wäre mir Ersteres lieber.»

«Dann muss ich Sie leider enttäuschen. Wie war die Metropolitan?»

«Einfach phantastisch. Das schönste Geschenk, das meine Frau mir jemals gemacht hat, und wir sind immerhin schon seit dreißig Jahren verheiratet. Aber worum geht’s? Haben Sie Ihren Mann noch immer nicht gefunden?»

«Doch. Er sitzt neben mir.»

«Wunderbar, dann will ich auch nicht fragen, was passiert ist, sondern nur meinen Glückwunsch aussprechen.»

«Ich danke Ihnen, Lucky. Wirklich aus ganzem Herzen.»

«Aber ich habe doch nur ein Foto geschossen.»

«Nicht ein Foto, sondern das Foto. Es hat sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt.»

«Na, ich glaube, die waren schon vor Ihrem ersten Anruf in Bewegung. Worum geht es denn jetzt?»

Ich erzählte es ihm.

«Jasmine Alvarez», wiederholte er langsam und notierte sich den Namen. «Mitglied der DEA

«Ja.»

«Das wird ein harter Brocken. Womöglich ist es nicht einmal ihr richtiger Name.»

«Auch das ist denkbar.»

«Dann will ich mal sehen, was sich machen lässt. Wie viele Details möchten Sie denn erfahren?»

«So viele wie möglich. Aber vor allem wüsste ich gern, ob sie in Florida ist.»

«Können Sie mir ein Foto schicken? Name hin oder her, aber wenn ich ein Gesicht habe, kann ich mich doch leichter an sie ranmachen. Oh, Entschuldigung, so war das nicht gemeint.»

Meine Gedanken waren schon woanders., Wie um alles in der Welt sollte ich ein Foto von Jasmine auftreiben? Dann fielen mir die zahllosen Aufnahmen ein, die meine Mutter gemacht hatte, als Jasmine zu Thanksgiving bei uns war.

«Ich schicke Ihnen gleich ein Foto.»

Lucky Herman wies mich darauf hin, dass er für nichts garantieren könne, weder für die Zeit, die er brauchen würde, noch für den Erfolg. Das hatte ich alles schon einmal gehört, aber inzwischen wusste ich, wie fähig Lucky Herman war, und ließ mich nicht entmutigen.

«Auf Lucky Herman ist Verlass», verabschiedete er sich schließlich, und ich musste lächeln.

Meine Mutter hatte alle Fotos auf ihren Laptop geladen. Ich entdeckte ein sehr hübsches, auf dem Jasmine in unserer Küche stand. Sie hatte die Schürze mit den Kühen umgebunden, einen Arm um meine Mutter geschlungen und grinste mit ihr um die Wette. Ich sandte es Lucky Herman per E-Mail und schrieb dazu: Bitte, tun Sie Ihr Bestes.

 

Wir warteten auf eine Nachricht von Lucky Herman oder der DEA, und unser Leben ging weiter. Mac arbeitete als freiberuflicher Berater auf dem Gebiet forensischer Sicherheit; meine Mutter fand eine neue Wohnung und plante ihren Umzug; und ich beschloss, erst im Herbst mein abgebrochenes Studium wiederaufzunehmen, denn erst einmal wollte ich mich hauptsächlich meiner Familie widmen. Darüber hinaus entschieden Mac und ich, uns einer Paartherapie zu unterziehen. Wir hatten doch einiges durchgemacht, und ich fand, wir sollten ein paar Fäden entwirren, ehe sie zu unauflöslichen Knoten wurden. Es ging vor allem um das Vertrauen, denn das wird dünn, wenn der Partner sich angewöhnt hat, immer wieder einfach zu verschwinden. Das zweite Problem bezog sich auf Diego, der tatsächlich Macs Sohn war, das hatte der DNS-Test ergeben. Es sah so aus, als würde er für den Mord an Hugh und Aileen den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen, genau wie seine Mutter. Macs Gefühle für Diego waren gemischt – und das war noch gelinde ausgedrückt.

Fünf Wochen vergingen, dann war es Mitte März. In unserem Garten reckten die ersten gelben Krokusse ihre Köpfe aus dem schmelzenden Schnee hervor, und an manchen Tagen stieg die Temperatur schon fast auf zehn Grad. Der Winter zog sich langsam zurück.

Eines Tages läutete es an der Tür. Aus dem Fenster sah ich den Federal-Express-Wagen, der vor unserem Haus stand, und nahm an, dass wieder eine Sendung für Mac gekommen war, denn seit er seine Firma MacLeary – Experten in forensischer Sicherheit gegründet hatte, wurde ihm ständig Expresspost gebracht. Die Experten im Namen seiner Firma waren zurzeit noch Wunschdenken, denn noch arbeitete Mac allein. Ich ging an die Tür, quittierte den Empfang und legte den Briefumschlag auf dem Garderobenschrank ab. Da erst erkannte ich, dass er an mich gerichtet war, drehte ihn um und las den Absender. Miami Investigation Services. Mein Puls schlug schneller.

 

Ihr Mädchenname war Jasmine Baez, doch Alvarez war keineswegs ausgedacht, sondern der Nachname ihres Exmannes. Dieser Joe Alvarez, so erfuhr ich aus Luckys Informationen, war tatsächlich Skilehrer in Maine, und in diesem Bundesstaat war Jasmine auch aufgewachsen, ganz wie sie es gesagt hatte. Ihr Geburtstag war der 27. November. Überhaupt war sie auf dem Papier tatsächlich der Mensch, den sie mir gezeigt hatte. Ich atmete auf, meine Instinkte waren offenbar doch noch intakt, und Jasmine hatte mich nicht gänzlich zum Narren gehalten. Aber es bedeutete auch, dass ich eine Freundin verloren hatte.

An ihren Lebenslauf hatte Lucky mit einer Heftklammer einen braunen A5-Umschlag befestigt. Er war mit einem breiten Klebestreifen verschlossen, was ich so seltsam fand, dass mir mulmig wurde. Ich hatte Angst, ihn zu öffnen. Was konnte Lucky Herman herausgefunden haben?

«Mac!»

«Ich bin hier unten», rief er zurück.

Ich lief hinunter ins Gästezimmer, das Mac zu seinem Büro umfunktioniert hatte. Er sah mein Gesicht und legte seinen Stift hin.

«Was ist denn passiert?»

«Das hier ist gerade gekommen.» Ich reichte ihm die Seite mit Jasmines Lebenslauf.

Mac überflog die Angaben. «Gut, jetzt weißt du, dass sie tatsächlich die Person ist, die sie uns beschrieben hat.» Er gab mir die Seite zurück. «Nur über die DEA steht da nichts, aber das hätte mich auch gewundert.»

«Trotzdem. Sie muss eine sehr gute Agentin sein.»

«Ist sie ja auch.»

«Und vor sieben Jahren hat sie sich einen Bungalow in Key West gekauft.»

«Wahrscheinlich ihr Ferienhaus.» Mac stand auf, reckte sich und lächelte. «So etwas sollten wir uns auch zulegen.»

«Ja, sollten wir.» Ich hielt ihm den Umschlag hin. «Mach du den auf.»

«Wie du willst.» Mac nahm den Umschlag entgegen, drehte ihn um und starrte verwundert auf den Klebestreifen. «Hm.» Er schlitzte den Umschlag auf und zog ein Foto heraus.

Das Foto zeigte ein Haus oder vielmehr ein Cottage, blau, grün und rosa gestrichen. Daran steckte eine handschriftliche Notiz von Lucky Herman. Mac las sie mir vor.

«Die Nachbarn von Special Agent Alvarez in Key West sagen aus, dass sie vorwiegend allein zu Stippvisiten gekommen und nur hier und da in Begleitung eines Freundes oder ihres Exmannes erschienen ist. Seit letztem Winter hat sie jedoch keiner der Nachbarn mehr gesehen oder sonst irgendwelche Aktivitäten im Haus wahrgenommen. Der Strom wurde inzwischen abgeschaltet, angeblich aufgrund von Zahlungsrückständen. Post wird nicht mehr geliefert.

(Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich jetzt erst melde, aber meine Frau war krank, und mein Assistent ist nach Mumbai zurückgekehrt. Ich hatte gehofft, mehr zu finden, aber leider …)»

Das las sich wie ein Nachruf auf Jasmine. Kein Wunder, dass Lucky den Umschlag so sorgsam zugeklebt hatte.

«Tja, das war’s dann wohl.» Mac steckte das Foto und die Notiz zurück in den Umschlag, zog eine Schublade auf und warf ihn hinein.

In diesem Augenblick übermannte der Verlust mich mit aller Macht und schnürte mir fast die Brust ab. «Dann ist sie also endgültig fort», flüsterte ich.

«Zumindest sieht es nicht gut aus.»

«Aber wie kommt es, dass Billy nichts von diesem Häuschen in Key West gewusst hat?»

«Vielleicht war er noch nicht hoch genug aufgestiegen.»

«Auf der Freundesebene?»

Mac nickte.

«Was meinst du? Sollen wir es ihm sagen?»

«Lieber nicht.»

«Na schön. Aber was jetzt?»

«Jetzt versuchen wir, die Geschichte hinter uns zu lassen.»

Ich küsste Mac, und er wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Und nach und nach ließen wir die Geschichte tatsächlich hinter uns.

Es wurde Sommer. In der letzten Juniwoche machte ich Hausputz, denn für den 4. Juli hatten wir Gäste zum Barbecue eingeladen – so wie Hugh und Aileen es immer getan hatten. Als ich im Wohnzimmer den Teppich anhob, um darunter sauber zu wischen, entdeckte ich einen kleinen Zettel. Darauf stand eine Ziffernreihe. Die Handschrift war eindeutig Jasmines.