Neun

Jäh schreckte ich aus meinem Schlaf auf. Die Haut meines Gesichts juckte und fühlte sich gleichzeitig taub an.

Aber als ich mir die Wange kratzen wollte, ging es nicht.

Meine Augen ließen sich nicht öffnen.

Mein Mund war wie zugeklebt.

Ich bekam Platzangst, aus der schlagartig Panik wurde. Offenbar hatte man mich geknebelt, mir die Augen verbunden und Hände und Füße auf dem Rücken zusammengebunden. Ich lag auf der Seite auf der bloßen Erde, allein, irgendwo in einer Höhle, denn es roch hier feucht und modrig. Mein Magen hob sich bedrohlich. Ich bezwang den Drang, mich zu übergeben, denn ich wollte nicht ersticken. So viel war mir wenigstens noch klar, und daran hielt ich mich fest. Ich musste unbedingt durch die Nase atmen, das war das Einzige, was ich tun konnte. Wenn ich das schaffte, würde ich vielleicht überleben.

Wo ich war, wusste ich nicht. Es musste in Mexiko sein, wahrscheinlich irgendwo in der Umgebung von Cancún. Wie ich in diesem Loch gelandet war, konnte ich mir nicht erklären. Aber ich lebte, und das war mehr, als ich beim Anblick der Waffe im Auto erwartet hatte. An diesen Moment erinnerte ich mich noch in aller Deutlichkeit, ebenso wie an die reine Todesangst, die ich hatte.

Tatsache war, dass jener Fremde mich nicht erschossen hatte. Daraus schloss ich, dass das auch nicht sein Auftrag gewesen war. Der Drahtzieher dieser seltsamen Sache war er also wohl nicht. Aber er hatte die tätowierte Dahlie auf der Brust. Ebenso wie Mac. Arbeiteten die beiden für denselben Menschen? Der mich lebend wollte?

Ich musste von hier weg!

Ich zerrte an meinen Fesseln und wälzte mich verzweifelt hin und her. Die Luft war stickig und heiß. Es dauerte nicht lange, bis sich auf meiner Haut eine klebrige Schweißschicht bildete. Ich versuchte, die Fesseln abzustreifen, aber sie saßen fest und gaben nicht nach. Nach ein paar Minuten vergeblicher Mühe legte ich mich, so gut es ging, zurück und versuchte, ruhig zu atmen.

Wo war ich?

Mit jedem Atemzug sog ich Schimmelsporen ein, die sich auf meine Lunge legten. Unterdessen rasten meine Gedanken.

War es Tag oder Nacht?

Seit wann lag ich hier schon?

Worüber war ich bei meinen Nachforschungen im Collins gestolpert?

War Ethan umgebracht worden, weil er mit mir gesprochen hatte?

Irgendjemand wollte verhindern, dass ich etwas erfuhr. Aber was?

Was konnte derart geheim sein, dass ich es nicht entdecken durfte?

Und wie passte Mac in die ganze Geschichte? Wenn er überhaupt dazugehörte.

Aber da waren immer noch die tätowierten Dahlien. Die hatten der Fahrer und Mac.

Also gehörte Mac dazu. Irgendwie.

Aber warum war Ethan ermordet worden?

Warum hatte man mich entführt?

Und warum hatte man mich am Leben gelassen?

Wie eine beschädigte Festplatte produzierte mein Gehirn nur noch Fragmente, spuckte Sätze aus und raste in immer größer werdendem Tempo auf den Zusammenbruch zu. Einen Weg aus meiner Lage zu finden, dieser Gedanke war schlichtweg absurd.

Ich hatte einen Fehler gemacht, einen tragischen Fehler. Das Schlimmste daran war, dass, falls mir die Flucht nicht gelang – was ziemlich wahrscheinlich war – und sie mich töteten …

Dann würde Ben Vollwaise werden.

Natürlich blieb ihm noch meine Mutter, aber sie war nicht mehr jung. Was, wenn sie nicht lange genug lebte, um ihn großzuziehen?

Dann wären da noch Jon und Andrea. Sie konnten ihn aufziehen, zusammen mit ihren Kindern. Ben würde ihr neuer Bruder. Und er würde sich an seine richtigen Eltern nicht erinnern.

Unwillkürlich quollen meine Augen über, und die Tränen sickerten in meine Augenbinde. Meine Nase schwoll zu, und ich merkte, dass ich kurz davor war zu ersticken. Ein grauenhaftes Gefühl: Man muss erkennen, dass der Wunsch und die Fähigkeit zu überleben zwei ganz verschiedene Dinge sind.

 

Als mir der Knebel abgerissen wurde, flog mein Kopf zurück, mein Mund brannte wie Feuer. Ich rang nach Atem. Feuchte, modrige Luft strömte in meine Lunge. Dann wurde ich hochgezerrt und auf die Knie gestoßen. Irgendjemand machte sich an den Fesseln an meinen Handgelenken im Rücken zu schaffen. Ich wurde mir einer Stimme bewusst. Eines Flüsterns.

«Rasch!»

Ein Mann. Aber mit wem sprach er? Ich spitzte die Ohren. Da war keine zweite Stimme.

Die Fessel löste sich. Blut schoss in meine Handgelenke. Ich versuchte, meine Finger zu dehnen und die Hände auszuschütteln, aber sie blieben taub. Als Nächstes wurden meine Füße von den Fesseln befreit. Wieder dieser Stoß Wärme, gefolgt von Taubheit und Kribbeln.

«Versuch dich zu bewegen.»

Der Mann sprach mit mir, mit sonst niemandem. Es gab nur uns beide. Panik und Entsetzen durchfluteten mich, strömten durch meine Adern und erreichten mein Gehirn. Mit einem Mal war ich hellwach.

«Versuch aufzustehen.»

Er sprach Englisch. Ohne spanischen Akzent. Es war eine Stimme, die ich kannte.

Zitternd setzte ich mich auf und zog die Augenbinde ab. Aus einer offenen Luke über mir fiel Sonnenlicht herein und blendete meine Augen. Ich blinzelte – und dann sah ich ihn.

Dylan. Gebräunt und schlank. Er beugte sich zu mir herab und sagte: «Komm, mach schon. Steh auf!»

Ich versuchte, mein Gehirn zum Denken zu bewegen, aber es war wie erstarrt.

«Mac?»

«Beeil dich!»

«Was?»

«Komm, wir müssen los!» Sein Tonfall war drängend. Ich gab mir einen Ruck.

Aber zuerst wollte ich mir Klarheit verschaffen. War das Mac, der Mann, dem ich vertraut hatte, oder Dylan, der Doppelgänger, den ich nicht kannte?

«Wer sind Sie?»

Dylan/Mac zog mich auf die Beine, stemmte mich hoch und bugsierte mich durch die Luke hinaus ins Freie. Ich krabbelte weiter und hörte, dass er mir folgte. Es war ein glühend heißer Tag, die Sonne eine grellweiß leuchtende Scheibe. Hinter mir wurde die Klappe der Luke zugetreten. Ich sah mich um und erkannte, dass ich in einer Höhle unter der Erde gewesen war. Dort hat man mich verstaut, vielleicht zur späteren Verwendung, ohne Rücksicht darauf, ob ich überleben würde oder nicht. Ich war lebendig begraben gewesen.

Gierig atmete ich die frische salzige Luft ein und füllte meine Lunge mit Sauerstoff. Wir befanden uns an einem sandigen Feldweg, einer Sackgasse, inmitten wildwuchernder ausgedörrter Büsche und haushoher Palmen, so still und unberührt, dass es mir vorkam, als hätten die Maya noch diese Schneise geschlagen. Doch dann entdeckte ich am Ende des Weges eine grobgezimmerte Bretterhütte mit Schilfdach.

Mein Retter packte meinen Arm und versuchte, mich zu einem verrosteten, ehemals weißen Wagen zu zerren.

«Halt, ich weiß ja nicht mal, wer Sie sind!»

«Dafür ist jetzt keine Zeit, Karin.» Er mahlte mit dem Kiefer. Das hatte er früher nicht getan. Denn es war Mac, dessen war ich mir sicher. Über die Schulter hinweg warf er einen Blick zu der Hütte hinüber. Sein gebräuntes Gesicht war schweißüberströmt. Er kam mir vor wie ein Fremder, den ich kannte.

Ich riss meinen Arm los. «Sag endlich, was hier gespielt wird.»

Er wollte mich in Richtung Wagen schieben. «Nicht jetzt!»

«Doch.»

«Warum hörst du –?»

Ich holte aus und schlug ihm so fest ins Gesicht, dass meine Handfläche brannte. In der Stille klang es wie ein Schuss. Ich fand es regelrecht befreiend. Mac lebte. Das bedeutete, er hatte mich verlassen. Noch einmal schlug ich zu und sah zu, wie sich seine Wange rot färbte.

«Mein Plan war, dich umzubringen, wenn ich dich finde, aber ich habe nie richtig geglaubt, dass du noch leben könntest. Ich wollte nicht glauben, dass du mich – uns – einfach verlassen würdest. Ich habe dich geliebt.»

«Karin –»

«Du hast mir das Herz gebrochen!»

Ein heißer Wind blies Sand in mein Gesicht, der an meiner verschwitzten Haut haften blieb. Ich machte kehrt und rannte fort – weg von ihm – weg von allem. Am anderen Ende des Feldwegs musste es eine Hauptstraße geben. Irgendwo musste doch eine Fluchtmöglichkeit sein.

Ich hörte, dass er mir nachlief und flehte: «Karin, bitte! Was du da machst, ist gefährlich. Wir müssen zum Wagen!»

Seine Stimme klang so ernst und eindringlich, dass ich stehen blieb und mich umdrehte. Mac holte zu mir auf, wild entschlossen, mich festzuhalten. Hinter ihm trat ein Mann aus der Hütte und vergrub die Hand in der Jackentasche, wie um etwas zu suchen.

Schon war Mac bei mir, warf mich über seine Schulter und rannte zu dem Wagen. Im nächsten Augenblick hatte er mich auf den Rücksitz gestoßen und sprang auf den Fahrersitz. Startete den Motor. Wendete den Wagen und raste über den Feldweg los.

Ich warf einen Blick zurück. Der Mann an der Hütte telefonierte mit einem Handy. Ich hatte damit gerechnet, dass er uns hinterherlaufen würde. Dass er so gelassen dastand, war mir nicht geheuer. Aus gutem Grund, denn als ich mich umwandte, entdeckte ich, mit wem er telefoniert hatte.

In halsbrecherischem Tempo kam uns ein Wagen entgegen, der abrupt bremste. Hinter ihm jagte ein zweiter Wagen herbei und hielt ebenfalls jäh an.

Mac sprang von seinem Sitz, rannte los und brüllte: «Lauf, Karin!»

Ich stürzte ins Freie und hetzte ihm nach, auf den Palmenwald zu.

Aber die anderen waren zu viert und wir nur zu zweit. Und sie hatten Waffen. Am Stakkato der Schüsse in meinem Rücken konnte ich erkennen, dass mindestens einer von ihnen mit einem Automatikgewehr auf uns zielte. Die Kugeln zischten an uns vorbei, während wir geduckt weiterliefen, vorbei an Akazien, Mimosen und Palmen mit geschuppten Stämmen. Mac stolperte über die gewölbte Wurzel einer Zypresse und ging zu Boden. Einen Moment lang zauderte ich, doch dann wusste ich, dass ich ihn dort nicht liegen lassen konnte. Bis nach Yucatán war ich ihm gefolgt, und er hatte mich aus der Gefangenschaft gerettet. Ich hatte gedacht, er sei gestorben, aber er lebte. Sollte ich ihn etwa wieder sterben lassen?

«Mac!» Ich nahm ihn in die Arme.

«Ich bin nur gestolpert.»

«Bist du sicher, dass du keine Kugel abbekommen hast?»

Die eiligen Schritte hinter uns hielten inne. Abzugshähne wurden gespannt. Wir waren beide so gut wie tot. Ich küsste Mac zärtlich und dann noch einmal voller Inbrunst.

«Warum hast du mich verlassen?»

Mit zitternder Hand strich Mac mir über die Wange. «Sie werden uns nicht töten.»

«Was ist denn nur passiert?»

«Karin, bitte – es tut mir so leid. Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.»

Die Männer zwangen uns auf die Füße, ehe Mac mir erklären konnte, worin sein schrecklicher Fehler bestand. Was um alles in der Welt hatte er angerichtet, dass wir jetzt vor gezückten Waffen in Yucatán standen?

 

Sie verfrachteten Mac und mich in getrennte Wagen.

Ich hockte auf dem Rücksitz, vor mir ein Mann, der sein Maschinengewehr auf mich gerichtet hielt, nur für den Fall, dass ich plötzlich vergaß, dass sie mich gefangen hielten. Meine Gedanken ratterten nur so, mein Herz hämmerte, und ich schaute mit panischem Blick aus dem Fenster. Wir fuhren über den Feldweg, links und rechts zogen Palmen an uns vorbei: Ich fühlte mich wie im freien Fall. Nichts ergab mehr Sinn. Das Einzige, woran ich mich klammerte, das Einzige, was absolut feststand, war, dass sie uns nicht umgebracht hatten, obwohl sie es hätten tun können. Also hatten sie wohl einen anderen Auftrag. Ich war die Ware, die irgendjemand bestellt hatte.

«Ich zahle Ihnen, was Sie wollen, wenn Sie uns gehen lassen», brachte ich schließlich hervor. «Mehr, als Sie für diesen Auftrag bekommen. Wie viel wollen Sie? Sagen Sie mir Ihren Preis – in Dollar oder Pesos.»

Derjenige mit dem Gewehr warf dem Fahrer einen Blick zu. Eine Antwort erhielt ich nicht. Entmutigt schaute ich wieder aus dem Fenster. Die Schnellstraße nahmen wir nicht, so viel konnte ich erkennen. Stattdessen folgten wir gewundenen Nebenstraßen, die mal gepflastert waren und dann plötzlich wieder nicht. Immer wieder holperte der Wagen, und wir wurden heftig durchgerüttelt. Das Haar des Fahrers war pechschwarz und lockte sich über seinem tiefgebräunten, reglosen Nacken. Er sah so stur geradeaus, dass ich mich fragte, ob er mich überhaupt gehört hatte. Mein Geldangebot war eindeutig nicht angenommen worden. Ich versuchte es mit einer neuen Taktik.

«Mein Name ist Karin», begann ich. «Wie heißen Sie? Stammen Sie hier aus der Gegend? Ich selbst komme aus New Jersey in den Vereinigten Staaten. Inzwischen wohne ich in New York City, genau genommen in Brooklyn. Vielleicht kennen Sie ja jemanden von dort.»

«Sunset Park», antwortete der mit dem Gewehr. «Cousin.»

«Maul halten», sagte der Fahrer, ohne ihn anzuschauen.

In den Augen des Schützen loderte etwas auf, aber er schwieg. Nach einer Weile erreichten wir eine heruntergekommene Wohngegend. Es war heller Tag, und ich saß hinten in einem Wagen und wurde für jedermann sichtbar mit einer Waffe bedroht. Mein Blick huschte nach links und rechts, in der Hoffnung, dass einer der Menschen da draußen auf mich aufmerksam wurde, die Gefahr erkannte und die Polizei verständigte. Als hätte er meine Gedanken gelesen, fing der Typ mit dem Gewehr an zu grinsen und schob die Mündung noch näher an mein Gesicht.

Am Straßenrand saß ein Mann auf einer Plastikkiste. Als er den Fahrer erkannte, tippte er zum Gruß an seinen zerfledderten Sonnenhut. Der Fahrer nickte ihm zu. Eine abgezehrte Frau in schmutziger Jeans und einem T-Shirt der Yankees lächelte und winkte. Der Schütze auf dem Beifahrersitz winkte mit seinem Gewehr zurück. Zwei kleine Jungen – Zwillinge mit verdreckten Gesichtern – sprangen auf und ab und riefen fröhlich hola, als sie unseren Wagen sahen.

Wir passierten ein kleines, adrettes Gebäude mit weißverputzter Fassade. Auf einem der Fenster stand in blauer Farbe La Policía geschrieben. Der Fahrer drosselte das Tempo. An der Außenmauer lehnte ein Uniformierter, der uns gleichmütig mit dem Blick folgte. Die Botschaft war deutlich: Er war hier nur Zuschauer. Weder in meiner Zeit als Polizistin noch später als Opfer hatte ich jemals etwas dermaßen Surreales erlebt. Hier steckten die Entführer, die Bewohner dieser Gegend und die Polizei allesamt unter einer Decke! Niemand würde mir hier helfen.

Es wurde immer heißer, je länger wir durch diese endlos wirkende Ansammlung ärmlicher Hütten fuhren, und dennoch überlief mich ein Frösteln. Um mich zu wärmen, rieb ich mir die nackten Arme – und spürte einen Knubbel in der linken Armbeuge. Als ich den Arm öffnete, entdeckte ich so etwas wie einen Abszess. In der Mitte befand sich ein grober Einstich, als hätte man eilig eine Nadel hineingejagt. Er schien sich infiziert zu haben. Ich spuckte in meine rechte Hand und versuchte, den Eiter und die Kruste zu entfernen.

Plötzlich hob sich der Nebel, der sich auf meine Erinnerung gelegt hatte. In der Höhle hatte ich geschlafen, jedes Zeitgefühl verloren, und beim Aufwachen hatte mein Gesicht gejuckt. Trotzdem hatte ich mich im ersten Augenblick nicht schlecht gefühlt und einige Zeit gebraucht, bis ich begriffen hatte, in welcher Lage ich mich befand. Also musste mir jemand eine Spritze verpasst und mich unter Drogen gesetzt haben. Apropos Drogen. Hatten die Menschen, denen wir begegnet waren, nicht wie Drogensüchtige gewirkt? Die ausgemergelte Frau mit dem Yankees-T-Shirt, der teilnahmslose Polizist, die ganze Bande der gleichgültigen Bewohner? Ich selbst hatte nie Drogen genommen, schon gar kein Heroin, aber in meiner Zeit bei der Polizei hatte ich genügend Junkies erlebt und kannte die Symptome. Wieder musste ich den Brechreiz niederkämpfen. Matt schloss ich die Augen. Wir rumpelten wieder über einen ausgefahrenen Feldweg.

Dann hielt der Wagen an, und ich öffnete die Augen. Wir standen vor einem gelbverputzten Herrenhaus mit einer Markise über dem Säuleneingang, flankiert von wuchtigen Blumentöpfen, in denen üppige Hibiskussträucher wuchsen. Der Fahrer und der Schütze zerrten mich aus dem Wagen und schleppten mich ein paar Schritte zu einem Van hinüber, dessen Laderaum keine Fenster hatte. Ich warf einen Blick zurück. Das Haus sollte offenbar einen jahrhundertealten und ehrwürdigen Eindruck machen, aber es war ganz neu errichtet worden, das konnte man erkennen. Dahinter schien das Meer zu liegen, denn ich hörte das leise Rauschen der Brandung, und ein schwüler Wind trug Salzgeruch herbei.

Es dauerte nicht lange, ehe der zweite Wagen hinter uns bremste und Mac ebenso grob wie ich zuvor herausgezerrt wurde. Er sprach mit den Männern auf Spanisch und redete sie mit ihren Namen an.

Jetzt trat ein junger Mann in Jeans und weißem Hemd aus dem Haus. Auch er hatte eine tätowierte Dahlie, allerdings am Hals. Sie war ein wenig größer als die der anderen, und das Lavendelblau wirkte heller und leuchtender. Dazu trug er eine Kette mit einem großen goldenen Kruzifix. Überhaupt war er größer, schlanker und hellhäutiger als die anderen vier, die allesamt gedrungen und muskulös waren und an deren Gesichtszügen man noch das Erbe der Maya erkennen konnte. Seine Haare waren eher brünett als schwarz und die Augen blau. Aber nicht nur sein Äußeres ließ ihn hervorstechen, er wirkte auch selbstbewusster, beinah autoritär. Er musste der Herr des Hauses hier sein, vielleicht sogar der gesamten Gegend.

Er näherte sich ohne Eile. «Felix!», sagte er knapp. Dem folgte ein Schwall auf Spanisch. Ich erfasste lediglich den Namen «Dylan».

«Sí, Diego», erwiderte Felix, packte Macs Arm und zog ihn ein paar Schritte fort.

Mac hieß für diese Menschen tatsächlich Dylan.

Der Schütze griff nach meinem Arm.

Mac befreite sich, lief auf mich zu und nahm meine Hand. Der Schütze runzelte die Brauen, aber er ließ mich los. Keiner machte Anstalten, Mac und mich zu trennen. Vielleicht war es ihnen der Mühe nicht wert, schließlich hatten sie allesamt Waffen. Auch der Anführer, wahrscheinlich ein Drogenboss, hatte eine Waffe im Bund seiner Jeans stecken. Wir schlugen den Weg zum Haus ein und betraten eine weiße Marmorhalle, in der wohltuende Kühle herrschte. Merkwürdig: Mac schien mit jedem Schritt selbstsicherer zu werden. Noch vor einer Minute hatte ich Diego für den Chef gehalten. Jetzt war ich mir nicht mehr so sicher.