Im Dom (Juni 2007)

Wieland hatte den Kragen des Mantels hochgeschlagen. Er lief die Hohe Straße entlang durch die Menge der Kaufenden, Kauenden, an Trinkbechern Saugenden. Der Glitter und die Farben der Schaufenster, das Flackern und Wummern, die Musik in den Ladeneingängen übertönte alle eigenen Geräusche. Der süßliche Geruch von Aufgewärmtem, Ketchup, Zwiebeln und Fleisch umgab die Buden.

Tagsüber hielt es ihn nicht in der Wohnung. Und so lief er herum, über Bahnhofsvorplätze und Brücken, durch Parkanlagen und Einkaufspassagen, stieg in einen der Züge, spazierte durch fremde, belebte oder ganz verlassene Straßen, immer in Judiths silbrig glänzenden Mantel gehüllt, den er trotz der Sommerhitze mit beiden Händen zuhielt. Ein paarmal schon hatte er gemeint, die Leute sähen ihm hinterher, ein Kind lache ihn aus. Aber es war ihm gleichgültig geworden. Und schon bald hatte er den Mantel auch zum Schlafen nicht mehr ausgezogen.

Heute Morgen war er in Arlich gewesen, um sich seiner Erinnerungen an die Nachmittage mit Judith zu versichern. Auf der Rückfahrt hatte das vom Wind gebeugte, fahlgelbe Korn durch das verspiegelte Zugfenster des ICE ausgesehen wie geschundener Pelz. Er musste das Gespräch zweier älterer Frauen mit anhören, die hinter ihm saßen. Das entbehre jeglicher, wiederholte die eine immer wieder, entbehre, jeglicher … sie fand das Wort nicht.

Am liebsten wäre er wieder zu seiner Mutter gefahren. Aber er fürchtete, Kittel könnte ihn dort finden. Er hielt es für zu riskant. Er sagte sich, dass er einen klaren Kopf behalten müsse.

Noch immer bereute er, dass er den Professor überhaupt angerufen hatte. Aber nachdem Judith ihn verlassen hatte, war in ihm das Bedürfnis aufgekommen, zumindest seinem Doktorvater verständlich zu machen, dass er sich keinesfalls wie ein Dieb mit den Originalpapieren davongestohlen hatte.

Der Professor hatte zugehört, als er ihm seine Entdeckungen dargelegt hatte. »Das ist in der Tat bemerkenswert«, sagte er schließlich. Wieland hörte, wie Kittel dabei auf einem Bonbon lutschte. »Sie sind da auf sehr interessante Informationen gestoßen.«

Wieland war überrascht über dieses unerwartete Kompliment.

»Wenn Sie meinen, Judith könnte Sie wegen des Manuskripts unter Druck setzen«, sagte Kittel, »dann bringen Sie es doch zu mir. Am Lehrstuhl ist es sicher.« Der Professor bemühte sich kaum, seine Erregung zu verbergen. Krachend zerkaute er den Bonbon. Außerdem hatte er Judith bei ihrem Vornamen genannt. Wieland ließ sich nicht mehr täuschen.

»Ich kann Ihnen das Manuskript nicht überlassen«, sagte Wieland schnell. »Hella Vahlen hat es wieder an sich genommen.«

Noch bevor der Professor etwas entgegnen konnte, hatte Wieland aufgelegt.

Dass Judith mit Kittel tatsächlich sozusagen »unter einer Decke steckte«, war für ihn ein schlimmer Schlag. Aber Wieland wollte diese Vorstellung lieber nicht zulassen. Seit Judith ihn verlassen hatte, fühlte er sich instabil.

Als er damals den Zusammenbruch erlitt, kurz vor dem Abitur, war es ähnlich gewesen. Wochenlang hatte er kaum geschlafen. Zuerst war die Angst gekommen, dann die fixe Idee, jemand wäre hinter ihm her. Mehrfach benachrichtigte eine der Lehrerinnen seine Mutter, aber noch bevor diese reagieren konnte, musste eines Morgens der sozialmedizinische Dienst gerufen werden. Wieland hatte sich im Klassenzimmer verbarrikadiert. Die Lehrerin sperrte er in einen Schrank. Er erinnerte sich noch heute an sein Hochgefühl, als die vor der Tür gestapelten Tische und Stühle dem Drücken und Stoßen der Sanitäter minutenlang nicht nachgaben.

Der Himmel über der Gleisböschung war von mattschwarzen Kabeln durchschnitten. Wieland schloss die Augen, und die in Streifen geteilte Landschaft aus Farben, Texturen, verschwommenen Lichtern zog noch eine Weile in seinen Gedanken an ihm vorbei. Als er aufwachte, rollte der Zug bereits über die Rheinbrücke. Sofort hatte er Lust bekommen, in Köln noch einmal auszusteigen.

Kurz hinter dem Wallraffplatz ergoss sich das Getümmel über den Domplatz. Verstreute, meist asiatische Reisegruppen kommentierten die Auslagen der Souvenirläden. Vor dem Museum polterten Skateboard fahrende Jugendliche auf Betonbahnen herum. Über allem hing die dunkle Kulisse des Doms. Figuren mit schmalen Gesichtern hockten, in Serie um die Portale drapiert, zwischen den geschwärzten Falten der Fassade.

Wieland wunderte sich über zwei Mädchen in bunten Strumpfhosen, die, mit Einkaufstüten und Fransentaschen behängt, in den Eingang des Kirchenbaus bogen. Von hinten schob ihn jemand ungeduldig zur Seite. Er wusste nicht, ob er links oder rechts herum zum Bahnhof gehen sollte. So folgte er kurzerhand den Mädchen durch die Glasschiebetür.

Die Orgelmusik wurde lauter, als er durch den Vorraum in das Langschiff gelangte, das wie eine zweite Stadt erfüllt war von Gehenden, von einem seltsam stillen Treiben im fallenden Tageslicht.

Auf einem in Plastikfolie angebrachten Hinweisschild stand geschrieben: »Glaubensfragen. Sprechen Sie mit uns. Wir sind für Sie da.« Und tatsächlich war vor einer der Kapellen ein Tisch mit zwei Stühlen aufgebaut. Wieland bekam Lust, jemandem, den er nicht kannte und den er auch nie wiedersehen würde, seine Geschichte zu erzählen. Er wünschte sich einen zurückhaltenden, jungen Mann als Gegenüber, einen wie er es früher gewesen war.

Die Menschen strömten in kleinen Gruppen in Richtung des Chors, verschwanden hinter den Säulen und tauchten in den Seitenkapellen wieder auf. Wieland sah einen Mann niederknien. Die Musik die nun aufgebracht, fast unbändig tönte, hüllte ihn ein. Die herrische Schönheit des Augenblicks, der Wunsch so vieler, bewegt zu werden, hatte auch ihn beinahe zu Tränen gerührt.

Draußen war es dunkel geworden. Er zog den Mantel enger um sich und sah auf die Uhr. Er musste zum Bahnhof, wenn er den Zug nach Duisburg bekommen wollte. Vielleicht könnte er vorher noch einen Kaffee trinken.

Vorabendserie (Nachkriegszeit 1991–1993)

Nur eine der Frauen war vor Jahren einmal spätabends bis nach Sehlscheid gekommen. Sie war mit dem Auto vorgefahren, hatte im Dunkeln ein Rosenbeet überrollt und beinahe auch den Hund. Als Hella herunterkam, hatte Judith die Tür bereits geöffnet. Im Licht der kleinen Laterne stand eine auffällig große Frau.

»Das Schwein«, sagte die Fremde, die offenbar betrunken war.

»Wie bitte?«, fragte Judith.

Hella schob ihre Tochter beiseite. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich muss zu Vahlen.«

»Er ist nicht da«, sagte Hella.

Die Fremde verdrehte die Augen. »Und wer bist du?«

»Ich bin seine Frau.«

»Das Schwein.«

Hella musste drohen, die Polizei zu rufen, damit die Fremde wieder ging.

Eigentlich hätten sie über die Geschichte lachen sollen, dachte Hella hinterher. Aber als sie zurück ins Haus getreten waren, hatte sie deutlich Judiths Wut gespürt.

Es gab nur noch selten Gespräche zwischen ihnen, die über das Alltägliche hinausgingen. Nach ihrer Rückkehr aus Amerika hatten sie sich gegen Judiths Wunsch erneut in Sehlscheid niedergelassen. Hella hatte sich darauf gefreut, in Arlich ihre Praxis zu eröffnen. Und auch Vahlen hätte das Haus nie aufgeben wollen. Aber Judith schien die Eltern für diese Entscheidung mit ihrer andauernden Teilnahmslosigkeit bestrafen zu wollen.

Hella musste noch immer daran denken, wie ihre Tochter sie angesehen hatte an dem Tag, als in Berlin die Mauer geöffnet wurde. Hella und Vahlen hatten die Nachricht im Radio gehört, ein Wirbel aufgeregter Stimmen voller ungewohntem Pathos und Euphorie. Sie hatten eine Flasche Wein geöffnet und, obwohl es nicht kalt war, das Kaminfeuer angemacht. Gemeinsam überlegten sie, wie es weitergehen würde. Während Hella fürchtete, es könnten Panzer anrollen, sagte Vahlen, die Russen hätten mit Glasnost und Perestroika genug im eigenen Land zu tun. Es war, als hätten sie tatsächlich mitzureden bei den großen Entscheidungen. Es fühlte sich an wie früher.

Dann hatten sie die Eingangstür zufallen hören und waren zusammengeschreckt. Judith blieb im Durchgang stehen. Sie blickte misstrauisch zu ihnen herüber.

»Was ist denn hier los?«

»Weißt du es noch nicht?«, fragte Hella.

»Weiß ich was nicht?«

»Die Mauer ist auf.«

»Deshalb führt ihr euch so auf?«

Hella schämte sich plötzlich. Sie war angetrunken. Und auch die für sie ungewöhnliche Nähe zu Vahlen, die ihm zugewandte, fast zärtliche Haltung, erschien ihr jetzt unpassend.

»Fangt ihr auch schon an«, sagte Judith beinahe mitleidig. »In der Schule reden sie über nichts anderes.« Sie schaute ihre Mutter an. »Hast du etwa geweint?«

Hella hatte nie verstanden, warum Judith sich ihr gegenüber so gefühlskalt gab. Von klein auf hatte sie es abgelehnt, über ihren missgebildeten Arm zu sprechen. Es war, als seien durch den Versuch, das Fehlen ihrer Hand zu überspielen, ihre Empfindungen gleich mit verschwunden. Hella dachte daran, wie sie und Vahlen früher jeder Bewegung ihrer Tochter, jedem Wort und jedem Lachen wie einem großen Wunder nachgespürt hatten. Oft musste sie an das kleine Mädchen denken, das Judith gewesen war, als wäre sie nun eine andere Person.

Kaum ein DDR-Bürger war bis nach Sehlscheid gekommen. Drei oder vier Mal, hieß es, wäre ein Trabant auf der Bundesstraße gesehen worden. Im Gasthof hatte jemand nach der Adresse der Knopffabrik Hingst gefragt, die es schon seit dreißig Jahren nicht mehr gab. Dann spielte sich alles wieder nur im Fernsehen ab. Und Judith schien zufrieden, dass sie das Thema wechselten.

Sie hatte ihr Abitur bestanden. Aber nachdem die New Yorker Universität, die sie sich für ihr Studium ausgesucht hatte, ihre Bewerbung abgelehnt hatte, schien sie sich nicht auf andere Pläne einlassen zu wollen. Erst als Vahlen und Gellmann bei einem ihrer selten gewordenen Treffen in Frankfurt entschieden, Judith könne bei der Übersetzung von Gellmanns Stücken ins Englische helfen, wirkte sie auf einmal weniger verschlossen. Oft hatte sie gesagt, sie wolle Übersetzerin werden. Aber Hella überraschte es, dass Vahlen diesen Berufswunsch ernst genommen hatte.

Bei ihrer Rückkehr von einem ersten Arbeitstreffen hatte Judith sich mit betonter Erschöpfung in den Sessel vor dem Bücherregal fallen lassen. Hella glaubte, sie würde erzählen, was sie im Verlag erlebt hatte. Aber dann erhob Judith sich doch wieder, ging über den Flur in die Küche, und Hella hätte ihr folgen müssen, um noch etwas zu erfahren.

Am Morgen regte Hella sich Vahlen gegenüber auf, Judith sei zu jung, um Verständnis für Gellmanns Texte zu haben. Sie müsse erst Erfahrungen sammeln.

»Erfahrung ist nicht alles«, hatte Vahlen geantwortet. »Sie soll ja nicht allein übersetzen. Sie macht die Vorarbeit und die Kollegen in New York schauen sich die Feinheiten an. Es ist ein erster Übersetzungsjob, nichts weiter. Es wird ihr Spaß machen. Sie verdient etwas Geld und macht sich einen Namen. Gellmann vertraut ihr.«

»Ausgerechnet Gellmann«, versuchte Hella es erneut. »Ich mag seine Art nicht, mit Frauen umzugehen.«

»Früher mochtest du sie.« Vahlen sah sie scharf an. »Außerdem ist Judith unsere Tochter«, sprach er weiter. »Gellmann kennt sie von klein auf. Er ist unser Freund.«

Vahlen hatte Gellmann schon immer unterschätzt.

Judith kam von ihren Treffen spät nach Hause. Dann blieb sie sogar über Nacht. Als Hella sie fragte, ob sie auf Gellmanns Couch übernachtet hatte, zuckte sie nur mit den Schultern.

Dann begann sie eines Abends beim Essen zu sprechen. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, sah ihre Eltern abschätzend an und sagte, diesmal sei es wirklich ernst. Auch Vahlen musste denken, Judih erzähle von irgendeinem Jungen, den sie im Zug nach Frankfurt oder auf einer Party kennengelernt hatte.

»Ihr wisst, wie das ist«, fuhr sie fort. »Martha und Hagis waren anfangs sicher auch nicht einverstanden, dass ihr zusammenzieht.«

Kurz dachte Hella, es gehe tatsächlich um Vahlen und sie. Sie hatte Schwierigkeiten zu verstehen, was Judith als nächstes sagte. Aber dann traf sie der Satz wie ein Schlag.

»Gellmann will, dass ich zu ihm ziehe«, sagte Judith. »Ich habe ihm versprochen, es mir zu überlegen.«

Judith tat, als wäre sie sich der Wirkung ihrer Worte gar nicht bewusst. »Ihr akzeptiert hoffentlich meine Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt?«

Ihre Tochter stellte sie auf die Probe, dachte Hella. Sie müssten nur Ruhe bewahren, dann wäre alles bald wieder vorbei.

Vahlen schien die Luft anzuhalten. Dann brüllte er plötzlich los: »Gellmann! Das ich nicht lache. Weißt du wie viele Frauen der Mann schon gehabt hat?«

»So viele wie du, Daddy? Oder noch mehr?«

Judiths Erwiderung klang vorbereitet. Hella meinte zu wissen, was ihre Tochter dachte. Das gleiche, was sie selbst früher gedacht hatte: Was konnten diese Frauen, die meisten längst alt und vergessen, mit ihr zu tun haben? Aber Judith schien sich ihrer so sicher, wie Hella es nie gewesen war.

Hella verabscheute Gellmann jetzt. Der Kinderlose, der Voyeur. Er hatte sich immer von anderen genommen. Und nun schien er es mit Judith auf das einzige abzusehen, was ihr und Vahlen wirklich etwas bedeutete.

Vahlens Gesicht lief tiefrot an. In einer zu heftigen Bewegung hatte er sein Glas umgekippt. Der Wein saugte sich dunkel in das Tischtuch. Judith stand auf, nahm ihre Jacke vom Haken am Eingang und drehte sich ein letztes Mal um. Hella sah noch ihre Tasche auf der Anrichte stehen. Erst Wochen später würde sie es wagen, sie in die Hand zu nehmen. Sie würde sie öffnen, dann aber gleich wieder schließen, um sie in den Unterschrank zu den Stoffservietten zu legen.

Vahlen schrie, er wiederholte ein einziges Wort, Scheiße, Scheiße, Scheiße. Judith zog die Tür hinter sich zu. Dann war sie weg.

Noch immer fuhr Vahlen in die Stadt, kaufte ein oder brachte Briefe zur Post. Aber er blieb nie lange weg, und Hella hörte auch keine Stimme mehr im Hintergrund, wenn er von unterwegs anrief. Selten fand sie noch Briefe anderer Frauen, und meistens waren sie ungeöffnet.

Nach dem Frühstück ging Vahlen hinauf in sein Arbeitszimmer. Hella sah ihn erst wieder am frühen Nachmittag, wenn er Hunger bekam. Mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen löffelte er die Suppe und schnitt das Brot, das sie ihm hingestellt hatte. Durch das Küchenfenster sah er in den Garten hinaus, wo der Schnee in der Auffahrt zu tiefen Pfützen zerlaufen war.

Eine Zeitlang hatte Gellmann Judith in Frankfurt ausgeführt, hatte sich mit ihr auf Empfängen, auf der Buchmesse, bei Premierenfeiern gezeigt. Hinterher bekamen Vahlen und Hella Komplimente, wie schön ihre Tochter sei. Manche ihrer Bekannten stellten offen die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Judith mit dem so viel älteren Freund ihres Vaters gegangen war. Einige witzelten sogar, wie Vahlen es Gellmann denn heimzuzahlen gedenke.

Tagelang blieb Vahlen nach solchen Begegnungen wortkarg, stapfte durch die Wälder hinter dem Hahn und weiter weg am Nonnenley. Nachts schlief er nur wenige Stunden und lief dann unruhig durch das Haus, bis er sich an den Schreibtisch setzen konnte.

Hella hörte wieder das regelmäßige Tackern seiner inzwischen elektrischen Schreibmaschine im Haus. Sie fragte Vahlen nicht, woran er arbeitete. Ihre frühere Verbundenheit mit seinen Texten ließ sich kaum mehr herstellen. Und es schien ihr auch unwichtig, solange er nur nicht mehr ständig an Judith und Gellmann dachte.

Oft wirkte sein Arbeiten auf Hella wie ein Wüten. Als gälte es, nach langem Stillstand endlich voranzukommen. Sie glaubte, wenn Vahlen jünger gewesen wäre, hätte er vielleicht tatsächlich von vorne angefangen. So aber war sein Weiterschreiben kein Neubeginn, sondern eine Fortsetzung unter neuen Vorzeichen. Einmal sagte er ihr beim Abendbrot, die früheren Ansätze, seine selbstgerechte Kritik am Zustand der Welt, interessiere ihn nicht mehr. Es könne nicht darum gehen, der Geschichte auf die Spur zu kommen. Vielmehr wolle er sie jetzt bewahren, ihr Bedeutung verleihen. Hella hatte geglaubt zu verstehen, was er meinte. Vahlens Worte beruhigten sie, weil sie dachte, auch er fürchte sich vor dem Verschwinden.

Trotz der stummen Entfernung, die mit den Jahren zwischen Vahlen und ihr entstanden war, spürte Hella eine Sehnsucht nach Nähe. Die Zeit in Berlin, Amerika, der Tod ihrer Mutter, die Schwierigkeiten mit Judith und mit dem Haus, zu oft hatten sie ihre Verbundenheit auf die Probe gestellt, als dass sie noch selbstverständlich wäre. Manchmal glaubte Hella, es könne von einem Tag auf den anderen alles vorbei sein. Die täglichen Übel und kleinen Katastrophen, zu denen für sie bald auch Judiths Weggang zählte, waren letztlich bedeutungslos. Aber Hellas Angst, allein zurückzubleiben, wie damals, als ihre Mutter Selbstmord begangen hatte, hielt an.

Der Arzt hatte bei Marthas Tod von einer Kurzschlussreaktion nach jahrelanger Depression gesprochen. Aber Hella gefiel der Gedanke, ihre Mutter habe mit dieser letzten Handlung die Kontrolle über ihr Leben behalten wollen.

In Hellas Erinnerung saß Martha sehr aufrecht und schmal in ihrem Sessel am Fenster der Kölner Wohnung. Hella hatte die ungewöhnliche Schönheit ihrer Mutter immer bewundert und auch den Mut, mit dem sie dem Leben entgegentrat. Erst spät war ihr aufgefallen, dass Martha ihren Kindern nicht mehr als beiläufige Zärtlichkeiten entgegenbrachte. Nur ihren Sohn Karl hatte sie immer verteidigt. Karl und Emilie waren früh aus dem Haus gegangen. Vielleicht hatte sich Hella als einzige nach einer Familie gesehnt. Richard von Nesselhahn blieb mit seinem Geld und großzügigen Geschenken sein Leben lang in Rufweite. Aber seine Annäherungsversuche wehrte Martha wie die aller anderen Männer ab. Und trotz der vielen Freundinnen hatte ihre Mutter auf Hella zuletzt einsam gewirkt.

Einmal hatte Judith Hella unterstellt, sie schäme sich für Marthas Tod. Hella hatte nicht gewusst, was sie entgegnen sollte. Vielleicht hatte Judith sogar recht. Aber jedes Mal, wenn sie an ihre Mutter dachte, störte sie vor allem die Vorstellung, andere könnten Marthas Entscheidung im Nachhinein ins Unrecht setzen. Wahrscheinlich hielt Judith Hella auf ähnliche Weise für einsam. Dabei fühlte sie sich stark, wie sie hoffte, dass Martha stark gewesen war.

Die Stille auf dem Land, die ihr früher oft feindlich erschienen war, wirkte schon lange wohltuend auf Hella. Das Haus, das Grundstück, der Garten und die Schafe erforderten ihre ständige Aufmerksamkeit. Und je mehr Hella über die Reparaturen, die Tierarztrechnungen und das mühsame Beschneiden der Rosen und Apfelbäume ins Schimpfen geriet, desto mehr, meinte sie, verwachse ihr Leben mit dem Tal.

Morgens ging sie oft hinunter zum Wiesenbach, um nach den Schafen zu sehen, die dort friedlich beieinander standen wie in einem alten Kinderlied. Eins der Lämmer war im Winter eingegangen. Aber das andere war kräftig herangewachsen. Wenn sie sich zu der kleinen Herde ins Gras setzte, blickte das Mutterschaf mit sanften Augen zu ihr herüber. Auch der Bock kam beim Weiden in immer enger werdenden Kreisen näher. An regnerischen Tagen schienen die Hügelkuppen mit dem Himmel zu verschwimmen, und trübes Licht tauchte die bewaldeten Höhen in leicht konturierte Farben. Eine ungekannte Ruhe breitete sich in ihr aus.

Bald drei Jahre waren vergangen, seit Hella zuletzt Judiths Stimme gehört hatte. Sie stehe am Bahnhof von Arlich, sagte sie am Telefon, ob Hella sie abholen könnte, sie habe kein Geld.

Als Hella mit ihrer Tochter ins Haus trat, stand Vahlen in der Mitte des Wohnzimmers. Er wirkte unsicher, wie gealtert. Er habe gekocht, sagte er, Kalbsbraten. Sie esse kein Kalb, sagte Judith. Fleisch ja, aber kein Kalb. Schon gut, sie werde das Gemüse essen. Keinen Wein.

Hella sah ihre Tochter, die während der Fahrt schweigend neben ihr gesessen hatte, zum ersten Mal genauer an. Die Kindlichkeit, aber auch die Sicherheit waren aus ihrem Blick verschwunden. Judith hatte Gellmann verlassen. Er hatte sie offenbar aufhalten wollen. Ihre Jacke, ein helles, dünnes Stück Stoff, war am Kragen eingerissen. Ein seltsam intimes Detail, das Hella an ihrer Tochter lieber nicht bemerkt hätte.

Mit der Gabel schob Judith die Bohnen auf ihrem Teller hin und her. Dann gab sie einen kurzen, nur hingemurmelten Satz von sich, den Hella aber sofort verstand.

Vahlen kaute, sah auf, kaute weiter. »Wie bitte?«, fragte er.

»Ich bin schwanger«, wiederholte Judith.

Amtshilfe (September 1940)

Von der Talwiese aus, wo Brinks Mädchen an diesem Abend die Gänse mit Abfällen fütterten, sahen sie im Unterlaub der Haselsträucher, wie ein Leuchten im schwächer werdenden Licht, einen nackten Arm. Die Regenfälle der letzten Wochen hatten das Gras am Fuß der Hüh hochschießen lassen, und doch zeigten sich die Spuren des Kampfes überall im aufgeweichten Grund. Tiefer im Dickicht erblickten die Mädchen den Körper einer Frau. Ihr schwarzer Kittel, an dem sie gleich die Vahlen-Witwe erkannten, war eingerissen, die Falten ihres Bauches lagen offen, an mehreren Stellen trat schwarzverklumpt ihr Inneres hervor.

Kläre Vahlens Beine blieben merkwürdig verdreht, als die herbeigeholten Männer sie unter den Sträuchern hervorzogen. Erst jetzt war ihr Gesicht zu sehen, die Augen zugeschwollen, der blutige Mund wie verrutscht. Nur die Stirn erschien Hermann, der endlich auch die Melsbacher Hohl erreichte, unbeschädigt. Im Licht der Laternen zeichnete sie sich als ebenmäßiger Halbmond unter dem Haaransatz ab. Schon in diesem Augenblick war es gewesen, als lösche das Bild der Toten alle seine Erinnerungen an die Mutter unwiederbringlich aus.

Hermann Vahlen rieb sich mit den Händen über das Gesicht. Seine Finger erschienen ihm gedunsen, wie etwas Fremdes, das noch über den Kuppen angebracht war. Zum vierten Mal spannte er ein Blatt in die Schreibmaschine.

»Verehrte Parteigenossen«, begann er. »Gestatten Sie mir den Hinweis auf die moralische Unzuverlässigkeit des Verwaltungsangestellten Kehl, Albert, gemeldet in Sehlscheid bei Arlich, Gau Koblenz-Trier.«

Hermann zerrte an seinem Kragen. Er fragte sich, wie es so weit hatte kommen können. Hatte er Recht und Moral nicht immer als das Höchste begriffen? Und trotzdem fühlte er sich schuldig. Er hatte Kehl zum Amtshelfer ernannt. Er hatte es zugelassen, es sogar begrüßt, dass auch schwierige Fragen ohne sein Zutun geregelt wurden.

Seit Hermanns Wahl in den Vorsitz hatte seine Frau Emmy kaum noch mit ihm gesprochen. Doch obwohl Hermann sich von ihr alleingelassen fühlte, überhaupt seit langem meinte, ganz allein zu sein, unverstanden und vielleicht tatsächlich auf dem falschen Weg, hatte er nicht die Kraft aufgebracht, und schon gar nicht den Mut, die einmal eingeschlagene Richtung zu ändern. Was im Land geschah, war ihm bedeutender erschienen als seine persönlichen Schwierigkeiten und wichtiger als der kleine Ort, in dem sie lebten. Wie ein Unwetter war die neue Zeit über Sehlscheid hinweggegangen. Nichts war mehr wie zuvor. Und Hermann hatte den Verdacht, dass er selbst dieses Unwetter am meisten herbeigewünscht hatte.

Noch immer hätte er sein Land gern gesehen, wo der Führer es hinbringen wollte. Aber die Siegesnachrichten von allen Fronten, die Parolen der Partei bewegten ihn kaum mehr. Wenn er an manchen Abenden an seinem Schreibtisch die Post erledigte, Berge von Verwaltungsschreiben, Inkenntnissetzungen, Willens- und Treuebekundungen an die Gauleitung, die Kameraden vom Reichsnährstand, die Geheime Staatspolizei, dann dachte Hermann, dass er eigentlich lieber wie früher mit Emmy und den Kindern zu Hause sein würde. Wenn er nur einen Wunsch erfüllt bekommen sollte, dann würde er wollen, dass alles mit einem Schlag aufhörte. Es wäre ein Aufwachen, ein Augenreiben, und seine Mutter Kläre säße wieder in ihrer Stube, die Handarbeit im Schoß, oder sie rupfte unter dem Vordach ein Huhn für den Abend.

Und doch wäre Hermann nie so weit gegangen, diesen Brief an die Parteigenossen zu schreiben. Wie seine eigene war auch Kehls Familie schon immer da gewesen. Dieses Dasein schuldete sein Amtshelfer niemandem, und er brauchte es vor niemandem zu rechtfertigen. Hermann wäre es nicht in den Sinn gekommen, Kehls Existenz in Frage zu stellen, wenn er nicht hätte fürchten müssen, dass dieser Mann ihm früher oder später damit zuvor kommen würde.

Albert Kehl, der unangenehmste und unberechenbarste seiner Männer, war bereit, jederzeit über den von Partei und Führer verlangten Gehorsam hinauszugehen. Genau aus diesem Grund hatte Hermann ihn eingestellt. Das war zu einer Zeit voller Erregung und Aufbruch gewesen, die Hermann nun so lange vergangen schien, dass er manchmal meinte, es habe sie nie gegeben.

Bis tief in die Nacht waren die Jugendbanden singend und grölend durch die Straßen gezogen. Mehrmals täglich marschierten die Formierungen der Verbände und Vereine über den Marktplatz. Die Prügeleien zwischen den Sozis aus den Arbeitersiedlungen von Arlich und den Nazis aus dem Unterdorf weiteten sich zu einer Art rohem Bürgerkrieg aus. Dann war plötzlich wieder Ruhe in Sehlscheid eingekehrt. Eine heimtückische Stille hatte sich breitgemacht. Und vielleicht, dachte Hermann im Nachhinein, war ihm deshalb das Brüllen hinterher so laut erschienen.

Kehl hatte als einer der ersten in Sehlscheid die Parteiuniform getragen. Die hohen Stiefel, das gebügelte Braunhemd und das funkelnde Abzeichen wirkten an ihm wie eine Verkleidung. Doch wenn er nach Feierabend, zwei geduckt laufende Schäferhunde bei Fuß, seine Hitlerjungen in die Wälder führte, lachte niemand über ihn. Und die Kinder, die ihm folgten, waren mit den Jahren zu einem elternlosen, unbändigen Haufen herangewachsen, den die Witwe Kläre am Abendbrottisch schon mal »Kehls Ratten« geschimpft hatte.

Kehl musste den Juden Wolf bei einem seiner Märsche im Wald aufgegriffen haben, zwei Tage nachdem Hermann ihn bei der Teufelsstiege hatte laufen lassen.

»Ist denen in Koblenz wohl weggelaufen«, rief er schon in der Eingangshalle der Parteistube. »Hat wohl noch nicht genug von uns.«

Den Juden am Mantel hinter sich herzerrend kam Kehl die Treppe heraufgepoltert. Beim Sprechen spuckte er, sein Gesicht war vor Eifer gerötet, und Hermann hatte gleich befürchtet, er könnte etwas von dem Handel mit Wolf erfahren haben. Hermann befahl ihm, den Schreiber Rössel zu holen, und sofort verließ sein Amtshelfer die Stube.

Wolf stand mit hängendem Kopf vor dem Schreibtisch. Ein Geruch nach Urin breitete sich um ihn aus. Er hatte sich in den Schiefermienen verstecken sollen, wo das Gestein senkrecht aufgeworfen war und die Stollen kilometerweit in den Hang reichten. Schon immer hatten sich die Bewohner von Sehlscheid dorthin geflüchtet, wenn Gefahr drohte. Aber vor den Hunden war auch dieses Versteck nicht sicher. Was hatten Kehl und seine Jungen mit ihm gemacht? Der Jude wirkte erschöpft, schien sich kaum aufrecht halten zu können. Seine Haut sah grau aus, wie eingefallen. Dem Tod nahe, dachte Hermann mit Unbehagen.

»Wolf?«

Er blickte nicht auf.

»Wolf!«

Ein Zittern überkam den Körper des Alten, so dass Hermann einen Schritt zurücktrat. Erst als er ihn fragte, ob er seinen Teil der Abmachung eingehalten habe, fixierte Wolf ihn aus undeutlich gewordenen Augen. Hermann wandte sich ab, um diesem Blick nicht länger standhalten zu müssen. Doch da drehte sich der Alte plötzlich um und rannte zur Tür. Hermann griff nach ihm, aber der Ärmel, den er zu fassen bekam, entglitt ihm wieder. Ohne innezuhalten, als habe er nur auf diesen Augenblick gewartet, stürzte sich der Jude über die hölzerne Balustrade hinab in die Eingangshalle. Hermann hörte einen dumpfen Aufprall.

Er trat an das Geländer. Zwei Stockwerke tiefer lag Wolf auf den Steinfliesen. Sofort war ein Scharren zu hören, und Hermann sah mehrere von Kehls Jungen, die unten gewartet haben mussten, an den Körper des Juden herantreten. Einer berührte Wolfs Bein mit seiner Schuhspitze. Ein anderer gab ihm einen Tritt in die Seite. Der Alte regte sich nicht mehr. Sein weiter, staubschwarzer Mantel hatte sich um ihn herum gebreitet wie eine Lache.

Kehl kam mit einem Grinsen die Treppe herauf. »Dann wäre das also auch erledigt«, sagte er. »Wie hast du das gemacht?«

Hermann wollte etwas sagen, wusste nur nicht was. Kehl war älter, vielleicht auch klüger als er. Und Wolf konnte ihm doch etwas erzählt haben.

»Was habe ich gemacht?«

»Wie hast du den Juden dazu gebracht zu springen? Oder hast du nachgeholfen?«

»Was soll das, Kehl?« Hermann versuchte streng zu wirken.

»Er hat mir gesagt, dass er dich erpressen wollte. Dachte wohl, mit mir könnte er es genauso machen. Aber keine Sorge, ich lasse mich auf solche Judereien nicht ein.«

Hermann schwieg, und Kehl lachte sein künstliches Lachen.

»Du weißt, dass mir euer Hungermaul noch nie gefallen hat«, sagte er. »Aber auf die Idee, dass dein Neffe ein Jude sein könnte, bin ich nicht gekommen. Hätte ihm ja sonst meine Ilse nicht überlassen.« Kehl spuckte aus.

»Eigentlich ist es offensichtlich. Die Nase, die Ohren, Heinrich – ich meine Hagis – trägt die typischen Merkmale. Er verschwindet ins Ausland, und Ilse kann sehen, wie sie die Kinder satt kriegt. Rassenschändung nennt man das wohl.«

Hermann schmerzte der Schädel. Er hatte Kehl noch nie so viel auf einmal reden hören. Er wusste, dass es wichtig war, was er sagte, für Hagis und für ihn selbst. Womöglich hatten noch mehr Menschen von Hagis’ Herkunft erfahren. Trotzdem fiel es Hermann schwer zuzuhören. Er wünschte sich Zeit, um zu begreifen, was vor sich ging. Und es gelang ihm nicht, den Blick von dem Toten in der Eingangshalle zu lösen.

»Wie dem auch sei«, sagte Kehl. »Du hast den Juden hier schon viel zu lange sein Unwesen treiben lassen, findest du nicht, Herr Vorsitzender?« Und Hermann war nicht sicher gewesen, ob es drohend oder versöhnlich klingen sollte und ob es um Wolf oder um Hagis ging.

Noch am selben Abend hatte er seinen Neffen, der noch immer in Sehlscheid zu Besuch war, zur Abreise gedrängt. Er hatte die schwangere Ilse und ihre kleinen Söhne zum Bahnhof in Arlich begleitet, um Hagis zu verabschieden. Als der Zug langsam anrollte und aus den Lautsprechern das Horst-Wessel-Lied erklang, hatten selbst die Kinder ohne zu zögern den Arm zum Hitlergruß erhoben. Nur Hagis hing schlaff lächelnd aus dem Fenster des Waggons und winkte mit beiden Händen zum Abschied.

Sofort hatte Hermann wieder an Kehls Worte denken müssen. Erst am Vortag hatten sie einen alten Bauern in Schutzhaft genommen, weil er den Hitlergruß verweigerte. Aber seinen Neffen ließ er nach London abreisen – mit diesem schiefen Grinsen, als kümmerte es den Jungen nicht, was man in Sehlscheid von ihm dachte, was aus der Familie wurde, aus seiner Frau Ilse und den Kindern.

Kehl würde eine Möglichkeit finden, sein Wissen über Hagis zu seinem Vorteil einzusetzen, das war Hermann sofort klar gewesen. Aber erst Monate später, als sein Schwager Richard bis in die Parteistube nach Sehlscheid gekommen war, um ihn zu sprechen, begann Hermann zu ahnen, was vor sich ging.

Nesselhahns Anzug, das gepflegte Haar und die Uhrenkette am Revers strahlten dieselbe Kultiviertheit aus, die Hermann schon früher an seinem Schwager beeindruckt hatte. Aber als er zu reden begann, erkannte er ihn kaum wieder.

»Wie du vielleicht weißt, lebt deine Schwester nun mit den Kindern in Köln«, sagte Nesselhahn.

Hermann hatte davon nichts gehört, aber die Nachricht überraschte ihn kaum. Seit ihrer Hochzeit hatte er seine Schwester selten zu Gesicht bekommen. Nur Emmy hatte von den Hausangestellten gehört, dass Martha unglücklich sei. Noch bis vor kurzem hatte er gemeint, es läge an seinem Schwager, der zu viel arbeitete und sie selten ausführte. Aber heute, da Hermann eine Art kummervolle Leere selbst ein vertrautes Gefühl geworden war, sah er Nesselhahn an, dass er Marthas Liebe schon seit längerer Zeit verloren hatte.

Angesichts seiner Niedergeschlagenheit wirkte Nesselhahns Anliegen wie ein Vorwand. Er beschwerte sich über Kehl. Der Mann schleiche mit den Hunden seit Monaten um sein Haus herum, sagte er, und blinzelte dabei mit den Augen. Trotz Marthas Fortgang – oder gerade deshalb? – schien es Nesselhahn ein Bedürfnis, Kehl loszuwerden.

Hermann hatte den Schwager vertröstet, so wie er sich selbst zu vertrösten pflegte, wenn er wieder einmal zweifelte an der Richtigkeit seiner Entscheidungen. Er sagte sich, dass Martha in Köln in Sicherheit sei und Kehl, was immer er bei ihr versucht hatte, nun von alleine aufhören würde.

Erst als die Nachricht vom Tod der Witwe Kläre die Parteistube erreichte, als man Hermann, der gleich in die Hohl herunterlaufen wollte, abzuhalten versuchte, seine tote Mutter zu sehen, als schließlich Emmy endlich bei ihm war und ihn wortlos in die Arme schloss, erst in diesem Moment fühlte Hermann, dass er sich nun nicht länger vertrösten konnte.

Kläre Vahlen hatte noch am Sonntag einen von Kehls Jungen dabei erwischt, wie er den alten Schmiedepeter durch das Gebück jagte. Die Witwe war alt geworden, ihre Hüfte war steif, kaum hörte sie noch, was man ihr sagte. Aber den Jungen griff sie an der Uniform und zog ihn kräftig am Ohr. »Bringt Kehl denn nur seinen Hunden Benehmen bei?«, schalt sie ihn, so dass es mehrere der Frauen hinter ihren Fenstern hören mussten.

Bald darauf hatte Kläre dann auch noch Kehl selbst beleidigt. Niemand konnte sagen, was auf dem Marktplatz gesprochen worden war. Aber sämtliche Zeugen bestätigten, dass die Witwe dem Amtshelfer vor aller Augen ins Gesicht gespuckt hatte.

Der Witwe wird es nicht gefallen haben, was Kehl im Dorf über ihren Enkel redete, hieß es hinterher. Denn in ganz Sehlscheid erzählte man sich inzwischen, dass Kläre Vahlens geliebter Hagis nicht nur Kehls Ilse mit den Kindern im Stich gelassen hatte, sondern dass er auch noch in Wahrheit ein Jude war.

Die Witwe musste noch gelebt haben, als die Jungen gegangen waren. So sagte es zumindest der Arzt. Auch der Kreispolizist vermutete, ihr Opfer habe es noch aus eigener Kraft bis unter die Haselsträucher am Fuß der Hüh geschafft. Nach dieser Feststellung hatten die beiden Männer, links und rechts von der Toten, ihre Aktentaschen verschlossen und die Untersuchung beendet.

Hermann hatte noch immer gemeint, es müsse sich um ein Missverständnis handeln, um einen schlimmen Fehler, der sich bald aufklären würde. Aber jetzt war offensichtlich, dass die ehrenvollen Herren bereits alles gesagt hatten, was sie sagen wollten. Sie hatten ihre letzte Pflicht erledigt, bevor sie es endgültig aufgaben, für das, was in Sehlscheid passierte, Rede und Antwort zu stehen. Keiner von ihnen würde es übernehmen, einen Brief zu schreiben, um zumindest Kehls Treiben ein Ende zu setzen. Sie hatten sie längst abgegeben, die Verantwortung, – vor langer Zeit, wie alle anderen auch – abgegeben an ihn, an Hermann Vahlen.

Duisburg IV: Das Gesetz der Serie (Juni 2007)

»Herein«, rief Kittel ärgerlich, als es an der Tür klopfte. Er drückte die rote Taste seines Handys. Ohnehin hatte er wieder nur Wielands Mailbox dran, die keine Nachrichten annahm.

Am liebsten wäre er gar nicht ins Institut gekommen. Jemand war in den Aufenthaltsraum der Hilfskräfte eingedrungen und hatte dort alles durcheinandergebracht und verwüstet. Die Doktoranden bemühten sich seit Tagen, die Ordnung in ihren Papieren wiederherzustellen. Und das war ausgerechnet in derselben Nacht passiert, in der Kittel Wielands Karton dort weggeholt hatte. Es gab Zeugen, die Andreas Wieland mehrfach nachts im Institut gesehen haben wollten. Er habe sich eigenartig benommen.

»Herr Professor?«

Kittel zuckte zusammen. Er hatte ganz vergessen, dass jemand eingetreten war. Ein Mädchen, blass, hellblond, auffallend hübsch, stand an der Tür und blickte ihn mit kühlen Augen an. Sie trug einen kurzen Rock und eine Umhängetasche, deren Riemen quer über ihre Brust gespannt war. Sie war höchstens sechzehn und konnte unmöglich eine Studentin sein.

»Womit kann ich Ihnen helfen?«

»Ich bin Alexia Gellmann-Vahlen.«

Das hatte gerade noch gefehlt. Natürlich. Sie sah aus wie Judith.

»Mit Ihrer Mutter hatte ich schon vor ein paar Tagen die Ehre.«

»Meine Mutter weiß nicht, dass ich hier bin.«

Kittel wurde mulmig. Was wollte das Mädchen? Die Situation war riskant. Es wäre höchst unangenehm, mit diesem knapp bekleideten und offensichtlich minderjährigen Mädchen überrascht zu werden. Kittel überlegte, unter einem Vorwand das Zimmer zu verlassen und Caroline Schweizer hereinzubitten. Aber sie war die einzige, die wusste, dass er im Aufenthaltsraum nach Wielands Material gesucht hatte. Mit ihrer zwanghaften Ehrlichkeit könnte sie ihm ernsthaft schaden, sollte sie mehr über das Vahlen-Projekt erfahren.

»Herr Professor, meine Großmutter ist sehr unglücklich. Sie befürchtet, Sie könnten meine Mutter und Andreas Wieland in ihren Plänen unterstützen, das Manuskript meines Großvaters zu veröffentlichen.«

Kittel nickte. Die Witwe hatte also ihre Enkelin zu ihm geschickt.

Alexia war in den Raum getreten, hatte sich, während sie sprach, auf den Stuhl gegenüber gesetzt und schlug nun die langen Beine übereinander.

»Ich habe hier Briefe an meinen Großvater, die Sie interessieren dürften. Zumindest hat Andreas Wieland Interesse daran.« Sie zog eine blaue Klarsichthülle aus ihrer Tasche, in der ein eng mit Hand beschriebenes Luftpostpapier zuoberst lag. Kittel war sprachlos. Gerade hatte er noch darüber nachgedacht, wie er sich aus seiner Klemme mit Gellmann befreien sollte, da schneite dieses Mädchen herein und legte ihm dessen Briefe auf den Tisch.

»Ich dachte«, sagte Alexia, »wenn ich Ihnen die Briefe bringe, dann geben Sie meiner Großmutter das Manuskript zurück.«

Woher wusste das Mädchen, dass er das Manuskript hatte? Mit dem Fuß tastete Kittel nach dem Dokumentenkarton unter seinem Schreibtisch, stieß aber nur gegen den Mülleimer.

In Alexias Blick lag Berechnung und Zuversicht. Mit ihrer gespielten Unschuld vermochte sie Kittel keine Sekunde lang zu täuschen. Die »schwierige Witwe« hätte die Briefe niemals einfach hergegeben, schon gar nicht im Original. Alexia arbeitete auf eigene Rechnung. Sie stellte sich gegen ihre Mutter, genau wie Judith es getan hatte. Wenn Kittel es geschickt anging, könnte er die Situation zu seinen Gunsten entscheiden. Er durfte nur nicht den Kopf verlieren. Er würde Alexia mitsamt den Briefen und dem Manuskript zu ihrer Großmutter zurückbringen. Schließlich war er selbst Vater einer gerade erst volljährig gewordenen Tochter. Sicher wäre Hella Vahlen ihm dankbar, dass er sich von den pubertären Alleingängen des Mädchens nicht beeindruckt gezeigt hatte. Wenn überhaupt jemand die Westerwald-Fortsetzung herausgeben würde, dann er.

Wieder schob Kittel seinen Fuß unter den Schreibtisch, und diesmal meinte er, den Karton mit dem Manuskript zu berühren. Alexia war ganz still geblieben, während er nachdachte.

»Ich nehme die Briefe«, sagte er und näherte sich ihr mit ausgestreckter Hand.

»Wo ist das Manuskript?«, fragte sie etwas barsch und erhob sich von ihrem Stuhl.

Kittel versuchte ein Lächeln, das einen scherzhaften Tadel für ihr freches Benehmen andeuten sollte. Schließlich musste er Alexia noch dazu bringen, sich von ihm nach Hause fahren zu lassen. In gespielter Gelassenheit beugte er sich unter den Schreibtisch, um das Manuskript hervorzuziehen. Aber neben dem Mülleimer, an der Stelle, wo er den Karton vermutet hatte, lagen nur zwei Packungen Büropapier, die dort nicht hingehörten.

Kittel ging in die Hocke, um genauer nachzusehen. Aber Alexia musste die Bewegung falsch verstanden haben. Sie stieß einen Schrei aus, so dass Kittel, der nur ihre Beine sah, hochschreckte und sich den Kopf an der Schreibtischplatte stieß.

In diesem Moment hörte man ein kurzes Klopfen. Und noch ehe Kittel unter dem Tisch hervorkriechen konnte, um den Eintretenden zu sehen, wusste er, wer es war. Im Gesichtsausdruck des Dekans lag eine gewichtige und völlig humorlose Strenge.

Skyscraper (Mai 1945)

»Die Sonne ist fast untergegangen. Darf ich die Jalousien nun hochziehen, Herr Kind?« Amy Berger trat auf das Fenster zu, aber Kind winkte ab.

»Lassen Sie nur, Fräulein Berger. Ich habe ja die Lampe.« Er drehte sich mit ernstem Gesicht zu ihr um. »Ist der Chef schon gegangen?«

Sie nickte. Sie war nicht ganz sicher, ob seine Frage andeuten sollte, dass sie sich nun näher kommen könnten. Sie hätte gerne gesehen, woran Kind arbeitete. Aber wie so oft bei dem jungen Assistenten des Chefs, hatte sie Angst, ihn zu stören.

»Ich wollte ihm das hier zeigen.« Jetzt hob er seinen Entwurf vom Schreibtisch auf, die durchscheinende, mit feinem Bleistiftstrich gezeichnete Skizze eines Wolkenkratzers. Amy ging auf das Bild zu.

»Sie haben höher gebaut.«

»Nur drei Stockwerke.«

Jetzt musste sie lachen. »Der Chef wird außer sich sein.«

»Ich weiß.« Auch Kind grinste.

Der Chef, mit dem er aus London gekommen war, nannte ihn seine »Geheimwaffe« und sprach vom »zielsicheren Talent« seines Assistenten. Er witzelte, Kind würde eines Tages nicht nur Türme bauen, die höher wären als seine, sondern sie würden auch besser aussehen. Wie schön Kind war, dachte Amy. Wenn er nur nicht verheiratet wäre in Europa. Oder wenn er es zumindest nicht allen erzählen würde.

»Wollen Sie nicht nach Hause, jetzt wo alles vorbei ist?«, fragte sie ernst.

»Wo ist das, zu Hause?«

Wieder musste sie lachen. Sie kannte seinen Humor, den er gekonnt mit etwas Tragik mischte. Das musste es sein, dachte sie, was ihn so anziehend machte. Sein Blick hatte etwas Trauriges, wenn er sie anschaute oder sich plötzlich herumdrehte, als habe er etwas verloren. Er schien ihr so – sie fand nicht gleich das richtige Wort – haltlos.

Kind schlief mit ihr, schon seit einigen Monaten. Nicht häufig, nur wenn es die Zeit und die Arbeit zuließen, nach Feierabend, wenn alle anderen gegangen waren. Nahm er sie von hinten auf dem großen Kartentisch im Konferenzraum, dann blickte sie dabei aus dem Fenster des 32. Stockwerkes über die ganze Stadt. Sah er ihr dabei in die Augen, dann war es, als suchte er vergeblich nach einer Wärme, die sie ihm zu gerne gegeben hätte.

Hinterher war er höflich. Das Arbeiten hatte sich im Ganzen kaum verändert. Nur in seltenen Augenblicken erzählte er ihr von seinem früheren Leben. Er sprach von seinem Studium in England, von seiner Tante in Deutschland und von dem kleinen Dorf, wo er die Frau und die Kinder zurückgelassen hatte.

Er schien kein übermäßiges Interesse an Frauen zu haben. Nie sah Amy ihn den Mädchen hinterherblicken, und er beteiligte sich auch nicht an den Witzeleien der anderen Architekten. Trotzdem riefen ständig junge Damen für ihn an. Amy gefielen keine Männer, denen die Frauen zuliefen. Aber sie mochte Kinds Geschichten. Im Gegensatz zu anderen, erzählte er nicht nur von Baseballspielern, von Filmstars oder Politik. Er sprach davon, was er fühlte, wie er die Dinge sah und erlebte.

Er kam aus dem Westerwald. Das Wort klang für Amy wie aus einem Märchen, wie »German chocolate cake«. Und genau wie sie das Wort »Westerwald« mochte, so mochte Amy auch den Namen Kind, weil sie wusste, was er bedeutete, und weil sie meinte, er passe zu seiner verlorenen, immer ein wenig verträumten Gestalt. Warum er Deutschland verlassen hatte, um in England zu studieren, brauchte er Amy nicht zu erklären. Dass er Jude war, schien ihr unzweifelhaft bei seiner langen Nase und den dunklen Augen. Der Chef und die meisten der Zeichner und Modellbauer hatten denselben Hintergrund. Niemand sprach darüber.

Die täglichen Nachrichten vom Krieg wurden im Büro dagegen ausführlich diskutiert. Einige der Mitarbeiter zitterten vor Wut, andere vor Angst, wenn sie von den Luftangriffen, Kesselschlachten und Eroberungen hörten. Als schließlich endlich von den Erfolgen der Alliierten berichtet wurde, kam Freude auf. Nur Kind blieb gelassen, als gehe ihn das alles nichts an.

Eines Morgens hatte man sich in den Gängen zugeflüstert, dass die Bomben nun rund um Koblenz und die Stahlwerke am Rhein fielen. Alle wussten, dass Hagis Kind dort seine Familie hatte. Aber nur wenig später hörte Amy ihn zum Chef sagen, um seinen Heimatort sei es ohnehin nicht schade. »Ein paar Fachwerkhäuser inmitten von Wäldern und ein paar Schieferminen, in denen sich die Leute wie Ratten verkriechen«, hatte er verächtlich bemerkt. Und Amy musste an sich halten, um nicht weinend aus dem Büro zu stürzen.

Mehr als an seiner Familie schien Kind an seiner Tante Martha gehangen zu haben, auf eine seltsame, fast unheimliche Weise. Oft erzählte er von dieser Frau, von ihrer zarten Schönheit, von der Eleganz ihrer Kleider und vom Erfolg ihres Kochbuchs für moderne Frauen. Aber je mehr Amy von Martha hörte, desto weniger wusste sie, ob diese Tante für Kind wie eine Mutter, wie eine Schwester oder doch eher wie eine Geliebte gewesen war.

Gleich am Abend ihres ersten Kusses war die Rede auf Martha gekommen. »Wie kommen Sie zu Ihrem schönen Namen?«, hatte Amy ihn ein wenig frech gefragt. Sie hatte ja gesehen, dass in Kinds Arbeitspapieren etwas ganz anderes stand. Sie saß auf seinem Schoß und konnte nicht beobachten, wie er auf die Frage reagierte. Doch nach einer kurzen Pause begann er zu erzählen.

Getauft sei er auf den Namen Heinrich Vahlen, sagte Kind, aber schon in seinem Heimatort habe man ihn Hagis Kind genannt. Für ihn hatte es wie ein Kosename geklungen, als wäre er früher hager gewesen, ein schwächliches Kind.

»Bis ich eines Tages gewagt habe, meine Tante Martha zu küssen.« Sein Lächeln bekam etwas Gezwungenes. »Wir haben uns geschämt. Wir waren wie Bruder und Schwester aufgewachsen.«

Amy hatte vorsichtig genickt.

Kind erzählte, dass seine Tante ihn weggeschickt hatte. Erst auf die höhere Schule, dann nach Karlsruhe und schließlich nach England. Damals dachte er, sie wollte ihn loswerden.

»Ein anderes Mädchen aus dem Dorf hat mir schließlich gesagt, wer ich bin«, sprach er weiter. »Dafür habe ich sie sofort geheiratet.« Er zwinkerte Amy zu, ohne wirklich zu lachen.

Von seiner späteren Frau erfuhr er, dass er während des Krieges von seinen Eltern verschickt und dabei verloren gegangen war. Eigentlich hätte er in ein Waisenhaus kommen sollen. Aber Marthas echter Neffe Heinrich starb bei einem Feuer und die Familie behielt Kind an seiner Stelle bei sich.

»Meine Eltern suchen mich womöglich heute noch«, sagte Kind. »Wahrscheinlicher ist, dass sie nicht mehr leben. Niemand hat mich nach dem Krieg vermisst. Man nannte mich Hagis Kind, denn so stand es auf dem Verschickungsschein, aber auch das war wahrscheinlich nur ein Fehler.«

Amy bemerkte einen Schmerz in Kinds Stimme, wie ein leises Pfeifen.

»Zumindest fühle ich mich nicht mehr allein auf der Welt, seit ich weiß, dass es noch einen anderen Heinrich Vahlen gegeben hat«, sagte Kind und zwinkerte diesmal fröhlicher. »Ich frage mich, ob Heinrich mir böse ist, dass er in Sehlscheid unter meinem falschen Namen begraben liegt. Oder ob er sich darüber freut, dass ich sein Leben lebe.«

Amy war erleichtert gewesen, dass Kind wieder Witze machte.

Sie sagte sich, dass er unter den vielen Einwanderern in Chicago mit seiner merkwürdigen Geschichte kaum auffiel. Alle hatten sie auf die eine oder andere Weise etwas hinter sich gelassen, eine Familie, ein Glück, eine Zukunft verloren. Das Besondere war nur, dachte Amy, dass Kind schon lange vor dem Krieg anders gewesen war. Er war selbst verloren gegangen, ein echtes Findelkind wie aus den Geschichten ihrer Großmutter.

»Was wird Ihre Tante Martha jetzt tun, wo der Krieg vorbei ist?«, fragte Amy, als Kind sich wieder seiner Zeichnung zuwenden wollte.

»Ich habe lange nichts von ihr gehört«, sagte er, und obwohl es klang als überraschte ihn die Frage, schien er bereitwillig weiterzusprechen. »Das letzte, was ich von ihr weiß ist, dass sie in Köln ausgebombt wurde. Tagelang musste sie mit den Kindern zwischen den Ruinen herumirren, bevor sie die Stadt verlassen konnte. Eine Weile kam sie in einem Invalidenheim unter, wo sie als Köchin arbeitete. Dann ging sie zurück. Es geht ihr soweit gut, denke ich. Amerikanische Zone.« Kind lachte auf. »Nur Schuhe findet man nach wie vor in ganz Köln nicht. Nicht einmal für die Kinder.«

»Was ist mit ihrem Mann?«

Kind hatte zu einem Bleistift gegriffen und begonnen, kurze, gerade Striche über das Papier zu ziehen. »Den hat sie verlassen. Noch bevor die Bombenangriffe losgingen.«

»Sie hat ihren Mann verlassen?«

Kind sah kurz auf, wandte sich aber gleich wieder seinem Zeichentisch zu, als handele es sich lediglich um eine Feststellung.

»Aber dann hätten Sie doch –« Amy unterbrach sich.

»Solange es ging bin ich noch zu ihr gefahren«, sagte Kind. »Ich habe sie sogar auf Knien angefleht, mit mir fortzugehen.« Er drehte sich auf seinem Stuhl herum und ließ wie nebenbei eine Hand über Amys Hüfte streichen.

»Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, sagte sie, ich solle sie in Frieden lassen. Sie habe einen Mann, der gut zu ihr sei. Ich dürfe meine Kinder und meine Frau nicht enttäuschen. Ich sagte, dass ich mich nicht scherte um diese Kinder. Rief, dass ich Ilse lieber enttäuschen würde, als sie weiter zu belügen.« Beinahe schrie Kind auch jetzt, und seine Hand fasste härter zu, so dass Amy erschrak. Er wirkte nun wieder ganz unnahbar.

»Ich glaube, Martha war kurz davor, nachzugeben. Fast wäre sie mir nach England gefolgt. Doch in dem Moment kam das Hausmädchen herein. Sie fragte, ob alles in Ordnung sei. Martha wehrte ab, und die Frau verschwand. Wir standen einander gegenüber, minutenlang. Aber es war zu spät.«

Amy sagte nichts. Kinds Erregung hatte auch sie aufgewühlt. Als er sie zu küssen begann, atmete sie heftig. Natürlich hatte seine Geschichte etwas Selbstgefälliges. Vielleicht erzählte er sein Schicksal allen Frauen, weil er wusste, dass er sie damit verliebt in ihn machte. Trotzdem genoss es Amy, von ihm gehalten zu werden. Wie Kind meinte sie, ganz allein auf der Welt zu sein. Und wie er musste sie niemandem Rechenschaft ablegen, außer sich selbst.

Gleis 8 (Februar 1993)

Während sie sich dem Bahnhof näherten, auf immer dichter befahrenen Straßen, wurde Hella nervös.

»Auf welchem Gleis fährt dein Zug?«

»Ganz vorn. Gleis 8«, sagte Vahlen. »Am besten, ich gehe zu Fuß. Das ist schneller. Ich muss da nur rüber und bin schon da.«

Er zeigte auf die vierspurige Schnellstraße, auf der die Autos in beiden Richtungen vorüberdonnerten. »Wenn wir erst um all die Einbahnstraßen herumfahren, verpasse ich den Zug.«

Hella hielt am Straßenrand. Hinter ihnen hupte es.

»Ich will mich nicht mehr aufregen«, sagte er. »Wir besprechen alles. Auch mit Judith. Vielleicht kann sie eine Weile bleiben.«

Er stieg aus, nahm seine Tasche von der Rückbank, ging um den Wagen herum und küsste sie auf die Wange. Wieder hupte es.

Vahlen mochte das Gefühl, neu anzufangen. Die Vorstellung, in wenigen Minuten ganz ruhig dazusitzen, während der Zug durch die Landschaft raste, gefiel ihm. Er würde Zeit haben, sich über alles klarzuwerden, würde Pläne machen, eine Strategie finden, mit allem umzugehen.

Hella war ebenfalls ausgestiegen. Sie lehnte am Wagen und sah ihm hinterher. Als er sich nach ihr umdrehte, rief sie etwas und winkte mit beiden Armen. Er hörte nichts, sah nur den besorgten Ausdruck in ihrem Gesicht. Die frühere Ängstlichkeit in ihren Augen hatte er immer für eine Äußerlichkeit gehalten, eine Täuschung. Längst war sie kühlem Stolz gewichen. Aber die Sorge, um ihn, um Judith, um das Leben an sich, war geblieben. Eine gesunde, zärtliche Sorge. Vahlen verstand nicht, wie er seine Liebe zu dieser Frau je hatte in Frage stellen können, obwohl er wusste, dass auch dieses Gefühl nur kurze Zeit anhalten würde.

Hella dachte, Vahlen habe noch etwas sagen wollen, aber dann wandte er sich doch ab. Oft hatte seine Großzügigkeit anderen gegenüber beliebig auf sie gewirkt. Aber inzwischen schätzte sie seine Fähigkeit zu verzeihen. Nach der ersten Wut schien er sich sogar auf Judiths Kind zu freuen. Und auch Hella glaubte, dass es schön sein könnte, ihre Tochter in diesem Zustand zu sehen. Judith würde ihrem Körper, den sie, vielleicht aufgrund der Behinderung, immer ignoriert hatte – nie krank, nie verletzt –, zum ersten Mal völlig ausgeliefert sein. Im Grunde ähnelte sie ihrem Vater. Auch ihre Anziehungskraft, die trotz ihrer so offensichtlichen Unbekümmertheit nie vulgär wirkte, musste von Vahlen stammen: Sein Auftreten, dieses scheinbare in sich Ruhen, das andere völlig aus dem Konzept bringen konnte.

Er drehte sich noch einmal herum, mitten auf der Fahrbahn. Sie winkte, wollte ihm bedeuten, er solle doch erst die Straße überqueren. Er schaute sie fragend an, ein Lächeln, fast töricht in seiner Hilflosigkeit. Vahlen stand das Ernsthafte besser als das Fröhliche. Das war immer so gewesen. Worauf wartete er? Ein Lastwagen dröhnte heran, Vahlen sah sich um, tat einen Schritt nach hinten.

Sie schrie auf, hörte sich selbst aber nicht schreien, spürte nur das Ziehen in ihrer Kehle. Der Laut wurde übertönt von ohrenbetäubendem Lärm – mehrere Autos prallten aufeinander.

Die Information über das Unheil schien die Köpfe nur langsam zu erreichen. Noch immer rauschten die Wagen auf ihrer Seite der Fahrbahn vorüber, als ginge es tatsächlich darum, sie von Vahlen zu trennen. Hella konnte nicht sehen, wo er lag, ahnte nur den dunklen Fleck seines Mantels im Gewirr. Erst nach und nach kam alles zum Stillstand.

Sie lief zwischen den kreuz und quer liegengebliebenen Autos hindurch, dorthin, wo sie Vahlen vermutete.

»Rufen Sie einen Krankenwagen«, hörte sie jemanden schreien.

Vahlen lag am Rand der Straße auf dem Asphalt, die Beine verdreht, der Kopf merkwürdig verformt. Seine Augen waren geöffnet. Sie blickten glasig auf die dunkle Pfütze, die sich unter seiner Wange bildete. Hella schien es, als würden seine Lippen zittern. Sie kniete jetzt neben ihm, tastete seine Arme und Beine nach Brüchen ab, suchte den Puls. Aber da war nichts mehr. Nur noch eine letzte, rasch abnehmende Wärme.

Showdown I (Juni 2007)

»Es gibt nicht die eine Wahrheit hinter den Dingen«, rief Reinier Westphal gegen das Motorengeräusch an. »Ich möchte, dass aus jeder Folge der Villa diese Einsicht spricht, eine echt Vahlensche Einsicht, die der Serie ihre besondere Melancholie verleiht.«

Judith saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Der Schal, mit dem sie ihr Haar vor dem Fahrtwind schützte, verstärkte noch den Eindruck ihres kindlichen Gesichts. Westphal war nicht sicher, ob sie ihn gehört hatte. Vielleicht hätte er lieber den Kombi nehmen sollen, überlegte er. Aber die Sonne schien, und er hatte der Versuchung nicht widerstehen können, vor Hellas Tochter mit seinem Cabriolet anzugeben.

»›Dein wahres Glück, oh Menschenkind, so denke doch mitnichten, dass es erfüllte Wünsche sind, es sind erfüllte Pflichten‹, wie es der Philosophische Gärtner so schön formuliert hat. Allerdings hat Goethe das zuerst gesagt.« Der Produzent zwinkerte Judith zu. Diesmal lächelte sie zurück.

Mit einer Frau wie Judith an seiner Seite musste ein Mann unbesiegbar sein, dachte Westphal. Sie war zu ihm gekommen, weil sie wollte, dass er sich bei ihrer Mutter für die Veröffentlichung des neuen Manuskripts einsetzte. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass auf dem Dachboden der Vahlens Stoff für weitere Folgen lagerte. Er war auch nach wie vor nicht sicher, ob Judith ihm das Manuskript zur Verfilmung überlassen wollte. Noch am Morgen hatte sie an der letzten Staffel herumkritisiert. Die Serie habe kaum mehr etwas mit dem zu tun, was Peter Vahlen gewollt habe, und so weiter. Es war als habe sie ein genaues Bild ihres Vaters und seiner Geschichte in ihrem Kopf, an dem niemand rücken durfte. Es war als spräche Hella Vahlen selbst.

Sie fuhren die Bundesstraße am Rheinufer entlang. Unter ihnen glitzerte das Wasser in der Nachmittagssonne.

»Du weißt sicher, dass der Philosophische Gärtner meine Erfindung war«, rief Westphal. »Ich brauchte ihn, um die Handlung, die manchmal zerläuft – in eine prosaische Larmoyanz, sagen wir mal –, um diese Handlung zuzuspitzen.« Diesmal bedachte er Judith mit einem entschuldigenden Lächeln. »Heute ist Freddy laut Umfragen die beliebteste Serienfigur Deutschlands. Noch vor Hasso Boll, Minna Maria Thalheim oder den amerikanischen Superstars und brasilianischen Telenovela-Sternchen.«

Westphal überlegte, ob er erwähnen sollte, dass ein Orangensaft-Hersteller angefragt hatte, mit dem Philosophischen Gärtner zu werben. Eine Kaffeerösterei hatte ihn sogar billig imitieren lassen. Aber er war nicht sicher, ob Judith über so etwas lachen konnte.

Schon waren die Atommeiler von Arlich zu sehen. Die Gegend wirkte aufgeräumter als noch vor Jahren. Gleich mehrere Schnellstraßen führten die Anhöhen nach Melsbach und Datzeroth herauf. Hinter einer Biegung tauchte der Kirchturm von Sehlscheid auf. Nördlich davon lag die Hüh, auf der sich Ärzte und Anwälte Bungalows mit Blick über das Aulbachtal gebaut hatten.

Auf Wunsch der Gemeinde und mit großzügigen Fördermitteln des Landes hatte Westphal vor einiger Zeit versucht, zumindest Außenaufnahmen in Sehlscheid zu arrangieren. Mehrfach war er mit den Historikern die Gassen des Oberdorfes abgegangen, aber es war kaum noch etwas übrig von den alten Gasthäusern, den Kettenschmieden und Töpferstuben. Und schließlich hatte er sich mit ein paar Wald- und Wieseneinstellungen bei den Landesvätern herausgeredet.

Nach einer Linkskurve kamen sie am Brunnen der Bürgermeisterei mit den neugestalteten Einkaufsarkaden vorbei. Dann war im Tal bereits das Haus der Vahlens zu erkennen.

»Da ist sie ja, eure Villa Westerwald!« Westphal wandte sich zu Judith um, damit sie seinen begeisterten Gesichtsausdruck sah.

Sie bogen in die Auffahrt ein. Die Pappeln am Wiesenbach blitzten silbrig auf. Vor der Treppe des Hauses parkte ein kleiner, weißer Wagen, ein amerikanisches Modell.

»Das ist Gellmanns Auto«, sagte Judith. Zum ersten Mal, seit sie am Morgen losgefahren waren, blickte sie Westphal direkt an. Er fragte sich, was das zu bedeuten hatte.

»Dann sind wir ja alle beisammen.« Der Produzent versuchte ein unverbindliches Grinsen. »Kamera läuft!«

Im Spion (Juni 2007)

Wieland erwachte vom Vogelgezwitscher. Das penetrante Tschirpen der Spatzen – was sonst sollte sich in die trostlose Straße verirren? Zu wenige Bäume, zu spärliche Gärten. Die halbhohen Arbeiterhäuschen standen dicht an dicht. Bei seiner Ankunft in Duisburg hatte er sich gefreut, eine so günstige Wohnung gefunden zu haben. Ein Schlafzimmer, in das morgens die Sonne schräg einfiel, das gekachelte Wannenbad, die Einbauküche und ein für seine Bedürfnisse zu großes Wohnzimmer mit seinem Schreibtisch. Da er keine Regale anschaffen wollte, stapelte Wieland die Bücher in hohen, ordentlich ausgerichteten Türmen auf dem Fußboden. Er hatte nie vorgehabt, in Duisburg heimisch zu werden. Aber jetzt war er doch froh, wieder in seiner gewohnten Umgebung zu sein.

In einer plötzlichen Vorahnung hatte er Judiths Mantel am gestrigen Abend ausgezogen, frische Wäsche herausgelegt und lange geduscht. Jeden Moment rechnete er damit, dass die Polizei ihn fand. Sicher hatten Kittel und Judith seine Ausrede keine Minute lang geglaubt.

Selbst wenn die Papiere wieder auftauchen würden, musste er davon ausgehen, dass es für ihn keine weitere Zusammenarbeit mit Judith geben würde. Peter Vahlen war seit fünfzehn Jahren tot. Womöglich brauchte es noch einmal solange, bis sein Fragment in der Familie kein Unheil mehr anrichten würde. Und es dauerte mindestens solange, bis Judith begreifen würde, was sie an ihm hatte.

Mit schwerem Kopf und geschwollenen Augen stand Wieland vom Bett auf, legte sich den Mantel wieder um und ging in die Küche. Er zog eine Graubrotscheibe aus der Plastikverpackung, verstrich die Margarine und löffelte Erdbeermarmelade darüber.

In den Händen der Witwe wären die Geheimnisse der Vahlens wohl tatsächlich am besten aufgehoben, dachte er. Nur wäre das Manuskript damit noch immer nicht vor Judiths Zugriff sicher.

Es klingelte. Wieland schreckte auf. Da war sie also, die Polizei. Was sollte er sagen? Sicher hätte er den Diebstahl der Papiere melden müssen. Aber er konnte ja kaum wissen, ob es nicht Kittel oder die Vahlens selbst waren, die es aus dem Aufenthaltsraum genommen hatten. So wollte er es den Beamten erklären.

Doch als er durch den Spion blickte, erkannte er – auf fast anrührende Weise vom Guckloch verzerrt – Caroline Schweizers vertrautes Gesicht. In den Händen hielt sie einen Dokumentenkarton. Er brauchte einen Moment, um die Schrift zu erkennen, mit der er selbst ihn vor Wochen markiert hatte.

Showdown II (Juni 2007)

Gellmanns braungebranntes, mit Furchen durchzogenes Gesicht setzte sich vorteilhaft vom Weiß seines Leinenhemdes ab. Er wirkte schlanker als früher. Aber die Gelassenheit, mit der er aus dem Wagen stieg, war nur vorgeschützt. Noch immer war sein Ausdruck der eines Ungeduldigen, getrieben von den eigenen Bedürfnissen. Als sich ihre Blicke trafen, schaute Hella gleich zurück auf die Stufen, die sie nun selbst betont langsam herunterstieg.

»Was für eine Überraschung. Alexia ist gerade nach oben gegangen. Weiß sie, dass du kommst?«

»Guten Tag, Hella. Nein, ich wollte dich sprechen.«

Sie sah ihn fragend an.

»Ich will nicht lange herumreden«, sagte er. Du kennst diesen Germanisten, der ein Buch über mich macht, Andreas Wieland. Er hat mir gesagt, er habe meine Briefe bei euch gefunden. Ich hätte sie gerne.«

»Er hat dir sicher auch gesagt, dass ich nicht möchte, dass die Briefe veröffentlicht werden.«

»Das sind meine Briefe. Ich habe sie an Vahlen geschrieben. Das hat mit dir nicht viel zu tun.«

»Hast du sie mal wieder gelesen, diese Briefe?«

»Hör mal, es gehört heutzutage dazu, den Leuten Einblick in die Privatsphäre zu geben. Das hält sie lebendig. Vahlen würde es auch nicht schaden, wenn man wieder über ihn spricht.«

»Du willst dich mit ihm schmücken. Genau wie dieser Doktorand. Mit welchem Recht?«

»Wir waren Freunde. Vahlen hat das nie vergessen.«

Sie lachte auf. »Ihr wart längst keine Freunde mehr. Ihr habt euch doch immer nur gegenseitig die Frauen ausgespannt.«

»Ich habe Vahlen sehr geschätzt. Und ich habe auch nicht vor, mich mit ihm zu schmücken. Im Gegensatz zu ihm werde ich noch gelesen und aufgeführt. Jeden Tag.«

»Schön für dich.«

»Findest du nicht, du übertreibst? Willst du denn ewig auf diesen Sachen hockenbleiben? Du wirkst bitter, meine Liebe. Weißt du, wie man dich nennt? Die schwierige Witwe.«

»Ich bin schon so viel beschimpft worden. Inzwischen ist es mir egal, was ihr alle denkt oder wie ihr mich nennt. Ich bin wie ihr. Mich interessiert nur noch, was mich selbst angeht.«

»Vahlen hätte das nicht gewollt, dass du dich auf diese Art vor seine Arbeiten stellst.«

»Bisher hat sich nie jemand wirklich für Vahlens Sachen interessiert. Warum sollte es plötzlich so dringend sein? Ich möchte nicht, dass du meine Familie in deine Angelegenheiten hineinziehst.«

»Was bitte ist daran anstößig, in einer Publikation über mein Werk und Leben vorzukommen? Davon abgesehen, dass es ein Stück weit auch um meine Familie geht, schon vergessen?«

»Das hättest du dir früher überlegen müssen. Alexia hat ziemlich darunter gelitten, dass sie dich nicht mehr gesehen hat.«

»Hat sie das gesagt?«

»Das braucht sie nicht zu sagen.«

»Dann hat sie also auch nicht gesagt, dass sie es war, die jeden Kontakt zu mir abgebrochen hat?«

Hella zögerte. Kurzzeitig verschwand die Sonne hinter den Wolken. In diesem Moment sah sie einen zweiten Wagen in die Auffahrt einbiegen. Westphals Cabriolet.

»Du hättest dich um sie bemühen müssen. Auch Väter haben gewisse Rechte.«

Der Wind wehte Hella das Haar in die Augen. Gellmann sah sie an, eine Mischung aus Staunen und Verachtung in seinem Blick.

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass Alexia von mir ist?«, fragte er.

Westerwaldlied (März 1959)

In einer langen Reihe parkten die Wagen vor der Einfahrt der Wirtschaft im Gebück. Die Damen trugen lange schwarzglänzende Kleider, und die Herren standen in Grüppchen auf dem Pflaster des Vorplatzes, auf das die Morgensonne harte Schatten warf.

Die Augen der Witwe Emmy schauten klein und ängstlich unter ihrem Hut hervor. Beim Eintreten in das Gasthaus stützte sie sich auf den Arm ihrer Schwiegertochter Hilde. Die Blumengestecke waren im Flur abgestellt, der Blechkuchen stapelte sich in der Durchreiche zur Küche, Flaschen wurden klirrend auf die Tische gestellt. Ein dickes Mädchen im dunkelblauen Kittelkleid drängte sich lachend und mit herausgestreckter Zunge vorbei an den Gästen.

Hella lehnte am Eingang zur Schankstube. Ihre Mutter unterhielt sich mit der Verwandtschaft. Von Zeit zu Zeit deutete Martha von Nesselhahn im Gespräch in Richtung ihrer Tochter. Schüchtern erwiderte Hella die Blicke, froh, dass die Mutter sie nicht zu sich rief. Sie schämte sich jetzt, beim Friseur auf den Kurzhaarschnitt bestanden zu haben. Da spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.

»Wie geht es dir?« Ein schlaksiger junger Mann mit leicht abstehenden Ohren war an sie herangetreten.

»Danke, es geht«, sagte Hella. »Ich kannte Onkel Hermann ja kaum. Eigentlich kenne ich niemanden hier.«

»Das meine ich nicht.« Der Junge sah sie belustigt an. »Um den Großteil der Leute aus Sehlscheid ist es ohnehin nicht schade.«

Hella wusste nicht, wie sie reagieren sollte.

»Ich bin so etwas wie ein Cousin von dir. Peter Vahlen, Hagis’ Sohn.«

»Hagis Kind?« Den berühmten Onkel aus Amerika kannte sie natürlich. Einmal hatte er ihre Mutter sogar in Köln besucht. »Der hatte einen Sohn?«

»Drei. Aus erster Ehe. Hättest du nicht gedacht, was?« Peter beobachtete sie genau.

»Ich wusste nicht einmal, dass er verheiratet war.«

»Dreimal.«

Hella musste lachen. »Das passt schon eher zu ihm.«

Peter winkte ab. »Du scheinst ja doch eine ganze Menge über uns zu wissen. Aber ich sage dir, die einzige, die es sich wirklich zu kennen lohnt in dieser Familie, das ist mein Gertrud hier. Sie ist die Tochter von Hilde, der das Gasthaus gehört, nicht wahr, Prinzessin?« Das dicke Mädchen, dessen rundes Gesicht ohne Hals in den plumpen Körper überzugehen schien, hatte sich an Peters Arm gehängt und grinste. Hella meinte, sich jetzt doch an diese entfernte Verwandte zu erinnern, die nur wenig älter sein konnte als sie und von der ihre Mutter gesagt hatte, sie sei zurückgeblieben.

»Kennst du noch das Cousinchen Hella?«, fragte Peter. »Das letzte Mal haben wir sie gesehen, da war sie noch nicht mal eingeschult. Und jetzt?«

»Ich studiere Medizin«, sagte Hella.

»Der schönen Tante Marthas schönste Tochter«, sagte Peter, und Hella war nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte.

Das Gertrud hatte Hella an den Händen genommen und zog sie hinter sich her auf die Terrasse. Einige der jüngeren Gäste stützten sich auf das Geländer und blickten über das Tal. Wie später Schnee sammelten sich die Blütenblätter der Apfelbäume in den Senken am Hang.

Peter ließ sein Feuerzeug aufschnappen, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen Zug. »Da unten sind meine Brüder und ich früher Schlitten gefahren. Es war die schnellste Piste im Ort. Dann hatten eines Morgens die Franzosen ihre Zelte da aufgebaut.« Er zeigte auf den schmalen Weg, der an den Pappeln vorbei zum Wiesenbach führte. Hella betrachtete seinen Nacken, die leicht hochgezogenen Schultern.

»Als meine Mutter gestorben ist, mussten wir zu Hagis nach Amerika. Aber letztes Jahr bin ich zurückgekommen. Hierzulande ist das Studium immerhin umsonst. Und jemand musste schließlich aufpassen, dass sich die Nazis nicht zu breit machen.«

Zwei der jungen Frauen blickten Peter entsetzt an.

»Ja, ja, ihr habt es nicht so gerne, wenn ich so etwas sage. Aber alle wissen doch, dass der tote Onkel hier ein Nazi war, nicht wahr Cousinchen?«

»Nazi, Nazi!«, rief das Gertrud und klemmte die Zunge zwischen die Zähne.

»Lass das lieber, Prinzessin. Sonst hängen die lieben Nachbarn das Gertrud übermorgen an ihrem Kirschbaum auf.«

Später saßen sie auf den Holzkisten im Weinkeller. Peter sagte, er hätte dort früher Verstecken gespielt. Eine einzige Lampe erhellte vom Flur aus die Räume. Er hatte mit dem Daumen den Korken einer Flasche eingedrückt. In kleinen Schlucken tranken sie von dem sauren Wein. Hella fror, und Peter rieb ihre Arme. Erst küsste er sie auf die Stirn, dann auf den Mund. Hella wollte sich losmachen, aber er hielt sie fest.

»Du weißt, dass wir das dürfen«, flüsterte er. Hella verstand nicht, was er meinte. »Du weißt doch, dass mein Vater adoptiert ist?«

»Von wem?«, flüsterte sie zurück.

»Von deiner Oma Kläre, Dummerchen.«

Sie hörten das Gertrud im Nachbarraum herumtappen. Ein Blecheimer schepperte. Ein Glas ging zu Bruch.

»Prinzessin! Hier sind wir!«, rief Peter und zog Hella an sich heran. Sie fühlte sein Herz an ihrer Brust klopfen. Als der Körper des dicken Mädchens den Eingang verdeckte, wurde es einen Moment lang dunkel im Raum.

»Lass uns abhauen«, sagte Peter zu Hella. »Ich habe einen Wagen. Wir könnten hoch zum Nonnenley fahren.«

Hella nickte.

Das Gertrud quetschte sich auf die Rückbank des Sportwagens. Peter hatte das Verdeck geöffnet, und der Fahrtwind brannte auf Hellas Wangen. Sie blickte durch die Buchenstände hinab ins Tal, bis ihr schwindelig wurde. In den engen Kurven kreischte das Gertrud auf.

»Bitte nicht so schnell«, sagte Hella.

»Keine Angst, ich hab alles im Griff.«

»Aber wenn dir jemand entgegenkommt.«

Peter grinste. »Dann stehen unsere Chancen wohl fifty-fifty«, sagte er.

Der Wagen wurde schneller.

»Du musst mich nicht beeindrucken«, sagte Hella.

»Ich will dich aber beeindrucken.« Er sah sie nicht an.

Bei der Abfahrt in Richtung Hardert kam der Wagen am Rand der Schnellstraße zum Stehen. Hella war übel. Sie öffnete die Tür und lief vornüber gebeugt in die Böschung, Peter folgte ihr, versuchte sie zu fassen. Von weitem hörten sie das Gertrud rufen. Hella trat in eine Pfütze, stolperte, er griff nach ihr. Sie rannte weiter. Dann fielen sie beide, er lag auf ihr und küsste sie heftig.

Als sie die Straße wieder erreichten, hatten die vereinzelt vorüberrauschenden Autos die Scheinwerfer eingeschaltet. Lange gingen sie auf dem Grasstreifen zurück, bevor sie den Wagen am Straßenrand stehen sahen. Hella bemerkte nicht sofort, dass die Rückbank leer war. Das Gertrud war nirgends zu sehen.

Sie suchten, in den sumpfigen Böschungen, rufend, über die Höhen laufend, mit der Taschenlampe, die Peter aus dem Handschuhfach geholt hatte, liefen durch Brennnesseln, sprangen über nachtschwarze Abwassergräben, bis sie keuchend innehielten. Einmal dachte Hella, im Dunkeln etwas liegen zu sehen. Sie blieben stehen, gingen weiter, blieben wieder stehen. Die Wolken ihres Atems wirbelten im Schein der Lampe umeinander. Ein Knacken. Peter rief noch einmal. Das Gertrud blieb verschwunden, auch an allen folgenden Tagen.

Vor Ort aufgezeichnet (Juni 2007)

Westphals Cabriolet war kaum zum Stehen gekommen, als Judith ohne ein weiteres Wort heraussprang. In ihrem hellen Kostüm, den Schal in einer großzügigen Geste um Kopf und Oberkörper geworfen, ging sie ihrer Mutter und Gellmann entgegen. Westphal schaltete den Motor ab, stieg aus und lief langsam über den Rasen zu ihnen herüber.

»Gib ihm die Briefe, Mama. Es sind seine«, rief Judith.

»Was weißt du schon? Er hat uns immer nur benutzt.«

Gellmann schien verzweifelt. »Benutzt? Ihr brauchtet mich doch als Bösewicht für eure Romanze im Westerwald. Von wegen, ich hätte euch eure Tochter genommen. Wollt ihr wissen, wie es wirklich war? Wir haben uns geliebt. Die Details erspare ich euch. Erst durfte ich für Alexia den Vater spielen, dann habt ihr sie mich nicht mehr besuchen lassen.«

»So kann man es auch sehen«, Judith lachte gezwungen. »Du warst doch froh, dass du dich nicht mehr um sie kümmern musstest.«

»Ich bin allein auf der Welt. Ich habe nur mein Werk. Und jetzt wollt ihr mir auch noch meine eigenen Briefe vorenthalten.«

»Gib ihm die Briefe, Mama«, wiederholte Judith. »Papa hätte es so gewollt.«

»Ich habe sie doch gar nicht. Die hast du doch, oder dein feiner Doktorand hat sie in seine Universität gebracht.«

Judith schien verwirrt. »Ich dachte, du hättest sie genommen.«

Aber die Witwe ging gar nicht darauf ein. »Du hast dich nie für die Arbeiten deines Vaters interessiert. Denkst du, er wäre dir dankbar, dass du seine unfertigen Manuskripte verscherbelst?«

»Wer hat denn mit den Drehbüchern angefangen?«

»Westerwald ist ein autorisierter und publizierter Roman. Die Verfilmung war eine einmalige Gelegenheit. Du weißt selbst, dass ich mit den späteren Folgen nicht glücklich bin.«

Judith schien einlenken zu wollen: »Wir müssen das Manuskript ja gar nicht veröffentlichen. Wir könnten es direkt für die Serie umschreiben. Diesmal passen wir auf, dass alles stimmt. Ich kümmere mich darum, dass wir das Manuskript zurückbekommen, sobald Wieland wieder auftaucht.«

»Willst du etwa sagen, er sei damit verschwunden?« Hella war jetzt sehr bleich.

»Wieland ist ein bisschen durchgedreht. Aber er wird schon wiederkommen. Bestimmt bringt er dir das Manuskript demnächst selbst vorbei. Was du nicht drin haben willst, lassen wir raus. Das muss Reinier uns versprechen.«

Die Blicke der Frauen richteten sich auf Westphal.

Aber in diesem Moment griff Gellmann mit rettender Hand in das Geschehen ein. »Meine Lieben!«, rief er, wie um alle zu beschwichtigen. »Das Haus brennt!«

Sie schauten nach oben. Dicke schwarze Rauchwolken stiegen hinter dem Giebel auf und wurden von heftigen Windstößen hin und hergerissen.

»Wo ist Alexia?«, schrie die Witwe. »Wir müssen sie da rausholen!«

»Ich dachte, sie ist bei den Pferden?«, rief Judith.

»Sie war eben noch im Haus!«

Die Witwe blickte Judith an, und diese schaute, plötzlich wieder sehr gefasst, zurück.

Hinter einem der Fenster im ersten Stock war das beinahe gespenstisch zarte Gesicht des Mädchens zu sehen. Im nächsten Moment bewegte sich nur noch der Vorhang hin und her.

Gellmann begann zu lachen: »Gut gemacht, Alexia! Herr Westphal, Aufnahme bitte!« Die Arme vor sich ausgebreitet, den Blick weiterhin auf den nun lodernd brennenden Dachstuhl gerichtet, rief er nach oben, als sollte vor allem Alexia ihn hören: »Aus bisher unbekannten Motiven hat die Enkeltochter des verstorbenen Romanciers Peter Vahlen heute das Haus ihrer Familie in Brand gesetzt.«

Hella schrie, es möge doch endlich jemand die Feuerwehr rufen. Westphal suchte in seiner Jackentasche nach dem Handy.

Gellmann redete wie aufgezogen weiter: »Die Villa des Schriftstellers, die auch als Vorlage der beliebten Fernsehserie Villa Westerwald fungiert hat, ist abgebrannt. Sämtliche Briefe der Kollegen, darunter die wertvolle Korrespondenz mit dem Dramatiker Gert Gellmann sind unwiederbringlich für die Nachwelt verloren gegangen. Näheres zu den Hintergründen der Tat ist noch nicht bekannt! Oder doch. Die Enkeltochter ist das letzte Bindeglied einer langen, ungeklärten Geschichte. Unter anderem geht es um die Freundschaft zwischen zwei Schriftstellerkollegen. Wenn hier noch irgendjemand weiß, was das Wort Freundschaft bedeutet!«

Bei sechzig Grad (Juni 2007)

Gisela Wieland schaltete den Fernseher ab. Kein Kommentar mehr zu der Nachricht, die gestern immerhin das Abendjournal beendet hatte. Das Dach der Villa hatte gebrannt, die Feuerwehr war gekommen, aber da bestand der Nachlass des Romanciers bereits nur noch aus Asche. Mehr war nicht passiert.

Es war ja auch nur Papier, dachte Gisela. Und so berühmt war Peter Vahlen nicht. Jedenfalls hatte Ortrud Giester noch nie von ihm gehört. Gleich im Anschluss an die Nachrichten hatte sie angerufen. »Hast du das gehört?«, quietschte sie. »Die Enkelin von diesem Schriftsteller hat die Villa Westerwald angezündet!« Ortrud fragte sich, warum das Mädchen das wohl getan haben könnte und was der Dramatiker Gert Gellmann damit zu tun hatte. Mit Sicherheit stecke eine Frau hinter der Geschichte, sagte sie. Und Gisela antwortete, das könne schon stimmen. Sie müsse jetzt auflegen, sie erwarte Besuch.

Noch am Morgen vor der Fernsehnachricht hatte Gisela während des Ausbreitens der nassen Laken gedacht, Andreas würde jeden Moment anrufen, und alles würde sich aufklären. Sein hysterisches Gerede, die Unruhe und Angst, als er ihr das Manuskript gebracht hatte, konnten nur Folge seiner Überbelastung sein. Er würde wieder ganz der Alte sein, immer ein wenig unglücklich, immer ein wenig hinterher. »Andreas bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück«, hatte es schon in den ersten Schulzeugnissen geheißen. Aber am Ende würde er doch seinen Weg finden.

Sie dachte an die endlosen Nächte, in denen er sich wundgekratzt hatte. Oft hatte sie sich damals gefragt, ob es ihre Schuld war, dass ihr Sohn sie mindestens zweimal in der Nacht zu sich rief. Hätte sie, wie ihr Mann behauptet hatte, strenger mit dem Jungen sein müssen? Hätte sie wütend werden, ihn anschreien sollen? Oder war es besser, immer zu ihm zu halten, wie nur eine Mutter zu ihrem Sohn halten kann. Noch immer wusste sie keine Antwort auf diese Fragen.

Andreas hatte bei ihr geklingelt, wieder ohne sich vorher anzukündigen. Als sie hinter dem Türfenster das Gesicht ihres Sohnes erkannte, war ihr erster Gedanke, er habe nun doch ihr Auto kaputt gefahren. Aber Andreas drückte sich schnaufend an ihr vorbei in den Flur. Er trug noch immer den schmutzigen Frauenmantel, und in den Händen hielt er einen orangen Plastikkorb, wie sie ihn für ihre Wäsche benutzte.

Das »Manuskript« war in Wahrheit ein Haufen von verblichenen Ordnern, alten Fotos und schäbigen Notizbüchern. Gisela hatte es nicht gewagt, die Sachen anzufassen, deckte nur ein Laken darüber, ein dunkles. Denn, dass das alles nicht ganz sauber war, schien offensichtlich. Gemeinsam hatten sie den Korb im untersten Fach ihres Kleiderschranks verstaut, da wo vorher die Winterstiefel in großen Kartons gestapelt waren. Und seit er dort stand, konnte sie kaum mehr an etwas anderes denken.

Das Haus war jetzt ganz still. Nicht einmal, nachdem Andreas’ Vater damals gegangen war, hatte Gisela sich so einsam darin gefühlt. Andreas hatte etwas von fünfzehn Jahren gesagt, die man abwarten müsste, und von Polizisten, die wegen des Manuskripts nach ihm suchten. Und je länger Gisela nachdachte, desto mehr verließ sie die Gewissheit, sie würde ihren Sohn in nächster Zeit wiedersehen. »Unwiederbringlich verloren«, hatte es in der Fernsehmeldung geheißen, »Dokumente und Briefe von schwer schätzbarem Wert«.

Jeden Abend drehte sie nun den Schlüssel in der Haustür zweimal herum. Sie ließ alle Rollläden herunter und überprüfte vor dem Schlafengehen das schwerschließende Fenster in der Küche. Wenn sie das alte Klappbett nicht zum Sperrmüll gegeben hätte, dann hätte sie die Nächte wohl in ihrer Waschküche verbracht. Denn sicher fühlte sie sich nur dort.

Entschlossen legte Gisela den Roman zur Seite, dessen Handlung sie ohnehin nicht folgen konnte. Sie stand auf, zog sich Pantoffeln und den Bademantel über, zerrte den Plastikkorb aus dem Schrank hervor und trug ihn die Treppen herunter in die Waschküche.

Mit dem vertrauten Ploppen öffnete sich das Bullauge der Maschine. Die Trommel im Inneren strahlte vor Sauberkeit. Sie zog das Laken vom Korb und griff nach den staubigen Mappen. Die Notizbücher und Fotos passten auch noch hinein. Sie nahm die Waschmittelpackung, füllte das Pulver in die kleine Schublade, schüttete Wasserenthärter nach, drehte das Rädchen auf sechzig Grad und drückte auf Start. Nach einigen kurzen Tick-Geräuschen öffnete sich das Ventil, und sie hörte das Wasser in den Zylinder rauschen.