Zwei Brüder (Sommer 1914)
Als in Sehlscheid die Nachricht von der Kriegserklärung eintraf, zogen auch Hermann und Rudolf Vahlen johlend durch die Straßen. Aber während die anderen Mütter das Unterzeug der jungen Männer mit Wäschetinte zeichneten und man im Gasthaus den Frontverlauf voraussagte, wirkten die Vahlen-Frauen unbeteiligt. Großmutter Irma schaute kaum von dem Huhn in ihrer Schürze auf, als die Enkel mit erhitzten Gesichtern von ihrem bevorstehenden Einsatz erzählten. »Geht nur, wird eh nix aus euch werden«, sagte die Alte. »Lasst euch den Kopf wegschießen. Habt ja zwei davon.« Dann klemmte sie den frisch abgebrühten Hühnerleib fester zwischen ihre Knie und rupfte mit verkniffenen Lippen weiter.
Auch die Witwe Kläre melkte morgens wie immer die Kuh, setzte mittags Weißkäse an und leerte abends wortlos die Futtereimer in die Tröge. Wenn Hermann und Rudolf bei Tisch die neuesten Fortschritte bei der Mobilmachung besprachen, traf sie der strenge Blick ihrer Mutter. »Ihr geht zusammen«, sagte Kläre. »Keiner von euch kommt mir ohne den anderen wieder. Und damit Schluss. Ich will vom Krieg nichts mehr hören.«
Am schlimmsten schien Martha zu leiden, dass Hermann und Rudolf sie verlassen würden. So groß und imposant die Brüder mit den Jahren geraten waren, so traurig wirkte die kleine Martha. Ihr geblähter Bauch ließ die Beine aussehen wie dürre Stäbe. Die Augen wirkten übergroß, Gesicht, Hals und Arme waren von Rötungen und Knoten überzogen. Außer Irma Vahlen, die ihre einzige Enkelin schon früh an ihre Seite genommen hatte, ahnte niemand etwas von Marthas nur langsam wachsender Schönheit.
Die Dorfkinder ärgerten das dickliche Mädchen. Sie versteckten Marthas Schuhe, und sie musste barfuß nach Hause gehen. Sie benannten die hässlichsten Fratzen auf ihren Schiefertafeln nach ihr. Und manchmal waren ihre Hänseleien so schlimm, dass Martha die Worte nicht einmal vor ihren Brüdern wiederholen konnte. Aber erst, wenn die Kinder ihren toten Vater beleidigten, wenn sie Adam Vahlen einen Nichtsnutz und Trinker nannten, wehrte sich Martha. Mit aufgeblasenen Wangen rannte sie den Quälgeistern auf dem Pausenhof hinterher, und in ihren Augen blitzte eine Wut auf, die zu ihrem stillen Wesen gar nicht passen wollte.
Wann immer sie in der Nähe waren, traten Rudolf und Hermann für Martha ein. Den Mädchen drohten sie, die Jungen verprügelten sie. Einmal musste Hermann die Schwester aus dem Ziegenstall des Kolonialwarenhändlers Kehl befreien. Lange wurde in Sehlscheid darüber gelacht, wie Rudolf daraufhin den jungen Kehl, der eigentlich zu alt war, um kleine Mädchen wie Martha zu ärgern, für eine ganze Nacht in sein Plumpsklo eingesperrt hatte.
Rudolf und Hermann übertrafen sich gegenseitig in den Bemühungen um ihre Schwester. Sie stritten auch um das Lob der Mutter, und einer wollte der Großmutter besser zur Hand gehen als der andere. Ihr Ehrgeiz wurde immer größer, der Kampf rücksichtsloser. Schließlich standen die Vahlen-Brüder im Wettstreit um die Zuneigung überhaupt jeden weiblichen Wesens im unteren Westerwald.
Der schöne, hochgewachsene Hermann gewann im allgemeinen die Herzen der Mädchen als erster. Weil er aber zurückhaltend war, während Rudolf die Verehrerinnen seines Bruders neckte, ihnen schmeichelte und Geschichten erzählte, machte am Ende der jüngere Vahlen die meisten Eroberungen. An manchen Tagen beobachtete ihre Mutter, wie Hermann in sich gekehrt auf dem Hof die Arbeit verrichtete, während Rudolf am Gatter mit den Mädchen scherzte, als wolle er den Bruder absichtlich reizen. Und in solchen Momenten sorgte sich Kläre, dass aus den Spielchen ihrer Söhne eines Tages bitterer Ernst werden könnte.
In Marthas Vorstellung dagegen gehörten die drei Geschwister, trotz der Streitereien, untrennbar zusammen. »Eines Tages«, hatte Rudolf halb im Spaß gesagt, »wird unsere kleine Martha dieses Dorf verlassen. Auf dem Rücken eines weißen Pferdes trabt sie davon, und ihre Brüder werden sie auf allen ihren Wegen begleiten.« Martha errötete, ganz wie Rudolf es gewollt hatte. Von ihrem Traum, wie die Großmutter Irma einen Mann zu heiraten, der sie aus Sehlscheid fortbringen würde, erzählte sie niemandem.
Die ruppige Zuneigung der Großmutter war sie gewohnt. Und auch der Gleichmut Kläres, die ihrer Tochter nur selten ein freundliches Wort zukommen ließ, hatte Martha nie etwas anhaben können. Aber ohne ihre Brüder schien ihr das Dasein selbst, das Aufstehen und das Zubettgehen, das Ziegenmelken und das Rübenstechen, die Nachmittage am Burplatz, an denen sie die Röcke und Tücher wie dunkle Blumen im Wäschebecken hin und her bewegte, nicht vorstellbar.
Am Tag ihrer Abreise weigerte sich Martha, von ihrem Strohbett aufzustehen. Hermann und Rudolf, die gekommen waren, um nach ihr zu sehen, fanden die kleine, rundliche Gestalt, die Knie angezogen, die Hände fest vor das Gesicht gepresst, wie sie ihnen im Halbdunkel der Kammer den Rücken zuwandte. Erst als sie begannen, Martha am ganzen Leib zu zwicken und zu kitzeln, brach sie in ein plötzliches und von Schluchzen begleitetes Lachen aus, mit dem sie lange nicht mehr aufhören konnte.
Die Witwe Kläre hatte ihren Söhnen für den Weg nach Koblenz einen Beutel mit Broten und eine Flasche Morbelswein eingepackt. Als Martha, die darauf bestanden hatte, sie bis zur Hümmericher Mühle zu begleiten, endlich laut heulend kehrt gemacht hatte, setzten die jungen Männer sich als erstes an den Wegrand und tranken die Flasche mit großen Schlucken aus. Sie versicherten einander mehrfach, dass es ihnen nicht schwer fiel, Sehlscheid zu verlassen. Schließlich mussten sie ihr Land verteidigen. Im Dorf, sagten sie sich, würde das Leben seinen alten Lauf nehmen. Die Männer waren fast alle eingezogen, aber die Frauen waren es gewohnt zuzupacken. Zumindest, meinte Rudolf, könnte ihnen zu Hause niemand die Mädchen wegschnappen.
Müde machten sie sich wieder auf den Weg, und nun begann auch der Hund Schnapp zu fiepen und zu jaulen. Noch vor Straßenhaus musste Rudolf das Tier mit Schimpfen und Tritten in Richtung des Dorfes zurückjagen.
Bereits im Oktober 1914 kamen die Vahlen-Brüder, dürftig an der Waffe ausgebildet, in Flandern an die Front. Sie ließen einander im Gefecht nie aus den Augen, teilten die Verpflegung und zogen sich abends in den Unterständen gegenseitig die nassen Stiefel von den Beinen.
Als Hermann wenige Wochen später bei Ypern unter ein Kartätschgeschütz geriet, glaubte Rudolf einen Moment, er läge selbst im kalten Schlamm. Er zerrte den Körper des Bruders unter den Rädern hervor und schleppte ihn im Lärm der Geschosse durch die Schützengräben, zwischen Drahtverhauen und Granatenkratern hindurch bis ins Feldlazarett.
Hermanns linkes Bein hing als zerquetschte Masse aus Leder, Stoff und Fleisch an seinem Körper. Die Ärzte wollten sofort amputieren, aber Rudolf stellte sich ihnen in den Weg, und schulterzuckend zogen sie die Vorhänge um das Bett des Verletzten wieder zu. Hermann begann, im Fieber von der Schönheit der Heimat zu reden, und Rudolf musste sich die Ohren zuhalten, um nicht selbst verrückt zu werden. Bei seinem nächsten Besuch konnte er eine Krankenschwester überreden, seinem Bruder Spritzen gegen den Schmerz zu geben. Als er Hermann wiedersah, sagte der gar nichts mehr. Rudolf rief die Ärzte zurück, aber die schüttelten nur noch den Kopf.
Mehrfach wollte der Lazarettobere den Kanonier Rudolf Vahlen an die Front zurückschicken, Jedes Mal konnte er ihm einreden, er müsse bei seinem sterbenden Bruder bleiben. Dann erholte Hermann sich doch. Seine Verletzung, das wurde den Brüdern klar, hatte ihnen beiden das Leben gerettet. Die Kameraden aus ihrem Bataillon waren alle gefallen. Rudolf wurde einem neuen Regiment zugeordnet, das sich auf die moderne Angriffstechnik mit Giftgas konzentrieren sollte, und zog etwas weiter westlich erneut in die Gräben. Hermann aber hatte den Krieg hinter sich, bevor das Schlimmste begann.
Ernst und erwachsen kam der ältere Vahlen-Sohn im Februar 1915 nach Hause zurück. Im Invalidenheim hatte man ihm für das narbenglänzende Bein eine Manschette angefertigt, die er mit einer Schnalle gleich unter der Hüfte befestigte. Die Schmerzen blieben. Tagsüber sah man Hermann oft minutenlang teilnahmslos. Noch lange schrie er nachts im Schlaf. Er kroch durch den Schlamm des Feldes und suchte nach seinem Bein. Manchmal meinte er beim Aufwachen, die Rückkehr nach Sehlscheid wäre nur ein Traum. In Wirklichkeit wäre er im Krieg gefallen, und sein Körper faule in einem der Gräben von Flandern.
Für andere war unter den weiten Hosen lediglich eine Steifheit zu bemerken. Auf der Hauptstraße und in der Hohl hielt Hermann sich aufrecht, wenn er die Nachbarn grüßte, und verzog beim Gehen keine Miene. Er heiratete Emmy Gehrke, eine tüchtige und kluge Frau, deren Eltern einen großen Hof im Unterdorf besaßen. Das Walzwerk beförderte Hermann schon kurz nach seiner Einstellung zum Aufseher. Und bald war der Vahlen-Sohn als einer der ersten Kriegsrückkehrer trotz seines geringen Alters und des verkrüppelten Beines hoch angesehen.
Hermann war immer gleich zur Stelle, wenn im Dorf wegen der Vagabunden um Hilfe gerufen wurde. Fasste man einen Dieb, dann kümmerte er sich selbst um die Überstellung an die Wache in Arlich. Man dürfe keine Schwäche zeigen, sagte er oft. Das sei man dem guten Frieden schuldig. Und der werde nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Hermann machte im Brinkschen Gasthaus kein Geheimnis daraus, dass er den deutschen Kaiser verehrte. Aber die Politik und ihre Berliner Misswirtschaft, die schlechten Berater, das sagte er jedem, der es hören wollte, seien seine Sache nicht. Und außer dem jungen Kehl, der in Koblenz für kriegsuntauglich erklärt worden war, und dem alten Baumgart, dessen Vater schon Sozialdemokrat gewesen war, stimmten ihm alle zu.
Wenigen der Bewohner von Sehlscheid fiel es auf, dass Hermann kaum noch von seinem Bruder sprach, der allein an der Front war. Nur die Mutter bemerkte, wie sein starrer, bis zur Anmaßung stolzer Ernst alle anderen Eigenschaften Hermanns nach und nach auslöschte. Und die Witwe Kläre begann, die neue Strenge ihres Sohnes, die im Gasthaus so leichthin mit Aufrichtigkeit und Moral verwechselt wurde, zu fürchten.
Funde (April 2007)
»Wir waren stehen geblieben bei Ordner achtundvierzig. Manuskripte anderer. Hier ist noch eine ganze Mappe mit Briefen, die mir recht geordnet erscheint. Zeitraum – sagen wir 1968 bis etwa …«, Wieland blätterte die Papiere durch, »… 1975. Und da ist wieder ein Brief von Gellmann.« Er sah Judith triumphierend an, sie beugte sich zu ihm herüber und küsste sein Ohr.
Schon am Morgen des zweiten Tages war Wieland auf einen Stapel Briefe mit der ihm inzwischen vertrauten Type von Gellmanns alter Reiseschreibmaschine gestoßen. Sie waren in einen Extra-Ordner abgelegt. Wieland hatte zu Judith herübergeblickt, die gerade selbst in einen Brief vertieft war. Dann hatte er den Stapel durchgesehen.
Die meisten der Luftpostbögen stammten aus den siebziger und frühen achtziger Jahren. Sie kamen aus Frankfurt, London, Italien. Auch Vahlen war herumgekommen. New York, Berlin, die Gastdozentur in Texas, der Aufenthalt in Kalifornien. Die Freunde mussten sich fast wöchentlich geschrieben haben. Manche der Briefe Gellmanns waren mehrfach geknickt und angegriffen, als habe Vahlen sie tagelang bei sich getragen. Am liebsten hätte Wieland sie gleich gelesen. Aber er wollte Judiths Vertrauen nicht missbrauchen.
»Ich habe hier Briefe von Gellmann«, hatte er mit nachdenklicher Stimme gesagt, als hätte er gerade erst festgestellt, worum es sich handelte. Und sie hatte aufgeschaut und ihn angestrahlt, so dass auch Wieland grinste.
Seit vier Tagen arbeiteten sie nun am Nachlass. Die Vahlen-Witwe war in dieser Zeit nicht aufgetaucht. Judith schien auch gar nicht zu wissen, wann ihre Mutter wieder kommen würde. Alexia, die Schulferien hatte, fuhr am Morgen mit dem Fahrrad zum nahegelegenen Reiterhof, und sobald sie in der Eingangshalle die Tür zufallen hörten, liefen Wieland und Judith die Treppen vom Dachboden hinunter in Judiths Schlafzimmer. Abends tat der Doktorand aus Rücksicht auf das Kind, als würde er im Gästezimmer lesen. Ungeduldig in Manuskripten und Briefen blätternd, wartete er auf ein Zeichen von Judith. Dicht an ihren Körper gedrängt schlief er nachts ein und erwachte nur, weil Judith sich mit nackten Brüsten über ihn beugte und er sein Glied schwer werden spürte.
Wielands Befangenheit gegenüber Judiths fehlender Hand entwickelte sich schnell zu einer verschämten Neugier, einer Faszination, die ihn in der kurzen Zeit ihrer Trennungen kaum losließ. Noch immer hatte er den missgebildeten Arm nicht richtig gesehen. Eines Morgens im Bett hielt er ihn fest.
»Wie ist das passiert?«, fragte er.
»Da ist nichts passiert«, sagte sie. »Das war schon immer so.«
»Ist es schlimm für dich?«
»Nein.«
Wieland fand, sie hätte etwas eingehender antworten können. Aber dann war er doch froh, als sie nach einem kurzen Moment des Schweigens vorschlug, mit dem Nachlass weiterzumachen.
Tagsüber unterbrachen sie die Arbeit nur, um sich zu küssen, sie machten kurze Spaziergänge am Wiesenbach oder schoben sich gegenseitig kleine Brothappen in den Mund. Am Nachmittag bestellten sie Pizza aus der Dorfgaststube und öffneten eine Flasche Wein.
Jetzt, wo sie einen Großteil der Papiere bereits aufgelistet hatten, arbeiteten sie ruhig und schweigend vor sich hin. Wieland stellte nur noch Fragen, wenn er unsicher war. Judith kannte das Werk ihres Vaters gut, ebenso die meisten Daten und Ereignisse aus seinem Leben. Sie antwortete knapp, aber freundlich. Und manchmal rückte sie mit ihrer Kladde dicht an ihn heran, so dass ihre Schultern sich berührten.
Häufig hielt Judith beim Ordnen inne, um eine Erzählung ihres Vaters zu lesen, einen Brief oder ein Gedicht. Wieland sah sie eintauchen in diese Welt vor ihrer Zeit. Das Haar fiel ihr ins Gesicht. Ihre Züge wurden weich, der Mund kindlich.
Wenn er selbst las, glaubte Wieland manchmal, dass die Witwe recht gehabt hatte. Einige dieser Briefe gingen tatsächlich niemanden etwas an. Ihn nicht und vielleicht nicht einmal Judith. Gerade Gert Gellmanns Briefe waren von einer Klugheit und Ehrlichkeit, wie Wieland sie bei ihm kaum für möglich gehalten hätte. Dann empfand er Eifersucht, Bedauern, denn er hatte eine solche beinah zärtliche Verständigung unter Männern nie erlebt, obwohl er schon älter war als Vahlen und Gellmann damals.
Manchmal ärgerte er sich über seine Neugier, die ihm dann vor allem als Gier erschien. Für seine Arbeit hatte er genug Material. Die Briefe an Vahlen warfen ein ganz neues Licht auf Gert Gellmann. Aber jetzt begann Wieland, sich zunehmend für Peter Vahlen zu interessieren. Er bekam Lust, sein ursprüngliches Forschungsziel zu vernachlässigen zugunsten dieser einmaligen Gelegenheit, mehr über den zu seinen Lebzeiten so bekannten Romancier zu erfahren. Er wollte unbedingt herausfinden, warum die so besondere Freundschaft zwischen Gellmann und Vahlen zu Ende gegangen war und was genau Judith damit zu tun hatte.
Wieland versuchte, nicht darüber nachzudenken, was während der Tage, die er im Haus der Vahlens verbracht hatte, mit ihm passiert war – und noch weniger, was passieren würde, wenn die Witwe wiederkam. Er wollte sich nicht verrückt machen. Schließlich hatte sie es zugelassen, dass er den Nachlass gemeinsam mit Judith ordnete.
Als er mit der Auflistung der Hörspielmanuskripte fertig war, zerrte er eine der großen Plastikwannen unter der Dachschräge hervor, die sie bisher übersehen haben mussten. Zuerst meinte er, es handele sich um Unterlagen des Aurum Verlags. Beim Öffnen der ersten Mappe fielen ihm alte Fotos und Dokumente entgegen. Die Schwarzweißaufnahmen verschwammen an den Rändern, ihr Papier war kunstvoll geriffelt. Die Postkarten stammten aus der Vorkriegszeit. Aber dann fand Wieland auch Aufnahmen in Farbe und Notizbücher, die sämtlich in der flachen, jungenhaften Handschrift Peter Vahlens beschrieben waren. Es schien sich um Textentwürfe zu handeln, auch Jahreszahlen, Namen und Orte waren notiert.
»Notizen und Entwürfe«, sagte er laut. »Ich würde sagen, von deinem Vater. Was denkst du? Und das sind wohl Familienfotos?«
»Der Mann da sieht meinem Vater ähnlich«, sagte Judith und kam näher. »Lustiger Schnurrbart. Das ist meine Großmutter. Mütterlicherseits. Martha von Nesselhahn.«
Auf dem Foto sah man eine junge Frau in einem hellen, knielangen Kleid mit auffallend tiefem Ausschnitt. Sie hatte schmale Lippen und harte, beinahe trotzige Gesichtszüge. Ihre etwas wirre Frisur sah aus, als wäre sie um die Jahrhundertwende modern gewesen.
»Das ist die, die hier auf dem Dachboden eingesperrt war?«
»Genau.«
Wieland legte die Bilder zurück. »Schöne Fotos.«
»Das kann man wohl sagen. Alexia wird sich freuen.«
Dann entdeckte er eine weitere Mappe. Sie war hinter die Wäschewanne gerutscht. Wieland musste sich strecken, um sie herauszuziehen. Als er sie öffnete, lag vor ihm ein Stapel engbeschriebener Manuskriptseiten.
Spielchen (August 1968)
Gellmann pflückte eine Himbeere vom Strauch und streckte sie Hella entgegen. Sie standen dicht beieinander, er roch ihre gecremte Haut. Hella lachte, schloss die Augen, schob die Zunge heraus, und er legte die Himbeere mit übertriebener Geste darauf. Er fühlte ihre Lippen, wie sie sich um seine Finger schlossen, und schrie auf, als habe sie ihn gebissen.
Vahlen, der von einem kurzen Spaziergang am Wiesenbach zurückgekommen war, sah zu ihnen herüber. Dann wandte er sich ab und ging ins Haus. Gellmann und Hella sahen ihm nach.
»Er geht arbeiten«, sagte Hella .
»Einer muss es ja tun«, sagte Gellmann.
Vahlens Wachsamkeit Gellmann gegenüber schien einer leichten Abscheu vor Hellas Flirtereien gewichen zu sein. Er machte Gellmann keine Vorwürfe. Fast wirkte er dankbar, dass der Freund es mit Hella nicht zu Schlimmerem kommen ließ.
Ihr Spiel ging nun schon seit zwei Wochen. Aber die Freundschaft und die angenehme Ruhe auf dem Land waren Gellmann zu wichtig geworden, um sie für ein Abenteuer zu riskieren. Auch wenn Hella noch so reizvoll war. Er mochte Vahlen. Er mochte das Haus. Und die Tage in Sehlscheid gehörten zum Schönsten, was er seit langem erlebt hatte. Die Gespräche mit Vahlen über das Schreiben machten Gellmann zu einem Schreibenden. Die Neckereien mit Hella gaben ihm das Gefühl, jung und frei zu sein, obwohl Hella und Vahlen nur wenig älter waren als er.
Die Ironie, der leichte Spott, mit dem sie über die Revolution in den Städten sprachen, ließen Gellmann aufatmen. Sein eigenes Fortkommen, die Arbeit, die Freunde, der Sex waren ihm, waren allen letztlich wichtiger als die Lohnabrechnung eines Arbeiters in Wuppertal. Sie, die Autoren, hatten schon zu viel von ihrer Kraft und Zeit auf fruchtlose gesellschaftspolitische Diskussionen verwendet. Es konnte doch nur darum gehen, da war er ganz Vahlens Meinung, die Sprache für ein anderes, besseres Leben einzusetzen.
Gellmann arbeitete nachts, konnte sich ohnehin erst zum Schreiben hinsetzen, wenn er etwas getrunken hatte. Aber er war sicher, nun seinen Rhythmus gefunden zu haben. Und er meinte, dass es Vahlen ähnlich ging.
Auch Hella schien froh zu sein, dass Gellmann da war. Ihre anfängliche Unsicherheit, dem Haus und den Menschen auf dem Land gegenüber, legte sich. Sie sprach von ihrer Mutter. Und obwohl Gellmann sah, dass sie unter dem Verlust litt, gefiel es ihr offenbar, sich ihm gegenüber unbeschwert zu geben. Sie erzählte, wie Martha von Nesselhahn ihren Mann verlassen hatte. Die Geschichte klang wie ein Gründungsmythos, wie die Befreiung aus einem falschen Paradies.
Gellmann begleitete Hella zum Einkaufen ins Dorf und machte Ausflüge mit ihr zu den Burgen der Umgebung. Morgens strichen sie eins der vielen Zimmer, rissen die Tapete von den Wänden, strichen, brachten Lampen an, während Vahlen im Garten oder in der Bibliothek arbeitete und erst gegen Nachmittag mit Durst und Hunger zu ihnen stieß.
Nur einmal versuchte Gellmann herauszubekommen, wie weit Hella gehen würde. Sie hatten am Abend mehrere Flaschen Wein geleert und saßen noch lange vor dem kalten Kamin. Wie üblich hatte Vahlen sich als erster zurückgezogen. Hella saß auf dem Boden, die Knie angezogen, an Gellmanns Sessel gelehnt. Sie hatten über das Buch von Pfaff geredet, eine misslungene Kolportage seiner Kneipengänge der letzten Jahre.
Gellmann ließ das Gespräch in einem angenehmen Schweigen auslaufen. Erst als er meinte, Hella werde sich nun gleich nach ihm umdrehen, beugte er sich langsam zu ihr hinunter. Er pustete über ihr Ohr, berührte ihren Hals mit der Zungenspitze und strich gleichzeitig mit einer Hand herunter zwischen ihre Beine.
Er spürte, wie Hella zusammenzuckte und glaubte schon, sie würde ihn jetzt küssen. Aber sie stand auf, drehte sich zu ihm um und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Am nächsten Tag fuhren die Mähdrescher über die Straße hinter dem Waldstück auf die Felder im Tal. Die Luft war voll Strohstaub, die Hitze schon mittags drückend. Hella überredete Vahlen, mit ihnen spazieren zu gehen, rollte sich während des Picknicks mit ihm auf der Wiese herum und begann zweimal, ihn vor Gellmanns Augen abzuküssen. Gellmann lag im Schatten einer Eiche und blickte in den Himmel. Er war nicht der Typ für Eifersuchtsdramen. Und schon bald begann die Situation ihn zu langweilen.
Nachlass (April 2007)
Judith las einen Absatz, blätterte in den beidseitig mit Schreibmaschine beschriebenen Seiten, um zu sehen, wie lang das Kapitel noch sei. Die Frau, um die es ging, war eindeutig ihre Mutter. Der Mann, in den sie verliebt war, Gellmann. Judith lachte, ausgerechnet Gellmann.
Sie lag auf ihrem Bett, neben ihr die große Plastikwanne, in die Wieland sämtliche Papiere gepackt hatte, die offenbar zum Manuskript gehörten: Die Mappe mit dem Typoskript, eine weitere mit losen Zetteln, ein halbes Dutzend zum Teil nur angefangener Notizbücher und zwei Schuhkartons. In den einen hatten sie die Fotos gelegt, in den anderen die historischen Dokumente – Arbeitsbescheinigungen, Feldbriefe, Zeitungsausschnitte – fast immer ging es um einen Vahlen. Zwei kleine Gedichtbände aus den zwanziger Jahren waren dabei, die Memoiren eines Feldwebels aus dem Ersten Weltkrieg, und eine kleine Blechdose mit der Aufschrift »Kemmsteins feine Haarpomade«.
Wieland hatte recht. Es schien sich bei dem Manuskript ihres Vaters tatsächlich um eine Fortsetzung von Westerwald zu handeln, die Familiengeschichte wurde bis in die nahe Vergangenheit weitererzählt. Aber die Namen waren nicht mehr als oberflächlich verschlüsselt. Martha war Maria, Hella war Herta und Judith selbst, da gab es keinen Zweifel, war Julia Voss.
Das Manuskript bestand aus einzelnen Szenen, die nur teilweise ausgearbeitet waren. In den Notizen konnte Judith Vorstufen erkennen, manchmal aber auch neue Entwürfe, Dialoge in Stichworten.
»Herta im Bahnhof«, stand in der hastigen Schrift ihres Vaters am Ende der Szene, die sie gerade gelesen hatte. »Grossmann sieht sie nicht.« Einige Sätze waren durchgestrichen. Dann: »Herta sehnt sich nach Rettung.«
Judith überlegte, was sie davon halten sollte. Hatte Hella wirklich etwas mit Gellmann gehabt? Die Frau, die ihren Mann so sehr liebte, dass sie noch fünfzehn Jahre nach seinem Tod keinen anderen gelten ließ? Hella, die Vahlen für Judiths Geschmack zu vieles verziehen hatte. Die trotz aller Stärke so empfindlich war und noch immer unter dem Selbstmord ihrer Mutter litt. Judith wollte es nicht glauben. Gellmann war ein netter Kerl. Lustig und klug. Aber sicher war die ganze Geschichte nur Spiel. Peter Vahlen hatte seine Ängste und Phantasien im Romanmanuskript aufgebracht, um sie für seine Familie unschädlich zu machen.
Einmal, ganz am Anfang ihrer Übersetzungsarbeit, hatte Judith mit ihrem Vater über Gellmanns Stück Finger gesessen. Es war einer der wenigen Momente, in denen sie das Gefühl gehabt hatte, Vahlen nahe zu sein. Zum ersten Mal behandelte er sie wie eine Erwachsene. Sie verglichen die schwierigen Textstellen, diskutierten jeden ihrer Vorschläge. Oft ging es dabei um die Motivation einer der weiblichen Figuren, die Judith überzogen schien. Sie verstand nicht, welches Interesse die Frau daran haben konnte, ständig die Männer zu hintergehen und zu belügen.
»Das ist in Gellmanns Kopf«, hatte ihr Vater gesagt. »Du kennst ihn doch. Er will die Frauen besitzen, weil er glaubt, sie auf diese Weise kontrollieren zu können. Aber er versteht sie nicht. Sie machen ihm Angst.«
»Du meinst, Gellmann hält Frauen für heimtückisch und verlogen?«
»Nein, so einfach ist es nicht. Er liebt sie ja, die Frauen. Aber wenn er diese Zicke hier auftreten lässt, dann ist das wie ein Bannspruch. Er schreibt ihr alle Eigenschaften zu, die er an Frauen fürchtet, und am Ende hat er weniger Angst.«
Sie erinnerte sich noch genau, wie sie ihren Vater damals bewundert hatte. Er sah, was sonst keiner bemerkte. Er redete über Dinge, die sonst niemand aussprach. Und er traute den Worten Macht zu, als wäre es selbstverständlich.
Judith hatte sich immer gewünscht, schreiben zu können. Sie hatte es mehrfach versucht, hatte sich schon als Kind Geschichten ausgedacht von Indianern, Tieren, Raumschiffen, Königen. Über ihre Fabeln hatte ihr Vater gelacht. Die Gedichte zeigte sie ihm gar nicht erst.
Von Anfang an war sie sich bewusst gewesen, wie ungewöhnlich es war, dass ihr ein so wichtiger Text wie Finger als erste Übersetzungsarbeit anvertraut wurde. Der amerikanische Verlag war zunächst dagegen gewesen, aber Gellmann und Vahlen hatten sich für sie eingesetzt. Am Ende hatte der Lektor kaum Einwände gegen ihr Manuskript gehabt. Es war ja auch in enger Zusammenarbeit mit dem Autor entstanden.
Trotzdem hatte Judith manchmal das Gefühl, ihr Vater wäre enttäuscht von ihr. Sie war ihm nicht klug, nicht gewissenhaft genug. Sie las, aber nicht dieselben Bücher wie er. Er unterhielt sich gerne über »den Fortschritt«, »die Gesellschaft«, »die Zeit«, während sie die täglichen Nachrichten mehr beschäftigten. Nur selten konnten sie über Politik sprechen, über Kunst oder Bücher, ohne sich am Ende zu streiten.
Einmal hatte Vahlen ihr bei einer dieser Diskussionen sogar vorgeworfen, nicht weiter als bis zu ihrer hübschen Nasenspitze zu sehen. Hella hatte ihn zurechtgewiesen. Dafür, dass ihre Tochter eine »hübsche« Nasenspitze habe, könne sie ja wohl nichts. Judith war sofort klar gewesen, worum es eigentlich ging. Hellas Eingreifen erinnerte sie an die hastig überspielte Ungeduld, mit der sie ihr schon immer begegnet war. »Ich helfe dir schnell«, sagte sie oft, weil es zu lange dauerte, wenn Judith es allein versuchte. Ihr Vater dagegen hatte nie solche Andeutungen gemacht, nie, solange sie denken konnte, hatte er auch nur ein Wort über die Hand verloren. Aber Judith war sicher, es war ihm nicht gleichgültig, dass seine Tochter, ausgerechnet die einzige Tochter des von allen so bewunderten Peter Vahlen, eine missgebildete Hand hatte.
Oft wünschte sich Judith, ihr Vater hätte Alexia kennengelernt. Sie glaubte, er hätte sie gemocht. Ihre Tochter war so viel gelassener und auf so viel natürlichere Weise intelligent als sie. Alexia las jetzt schon Bücher, an die Judith sich nicht herantraute. Sie spielte Schach wie Vahlen und war im Internat eine der Besten. Sie gewann sogar Reitturniere. Für die kleinen Unsicherheiten und Probleme, die das Mädchen hatte, gab Judith sich selbst die Schuld. Sie war damals nicht bereit gewesen für ein Kind, so sehr sie auch vor anderen darauf bestanden hatte. Früh hatte sie begonnen Alexia abzugeben. Und sie wusste noch, wie sie, als sie ihre Tochter zum ersten Mal ins Internat brachte, auf dem Rückweg gehofft hatte, das Gröbste nun hinter sich zu haben.
Ob es ihrem Vater mit ihr ähnlich ergangen war? Was wusste sie schon über Peter Vahlen, über seine Befürchtungen, seine Wünsche, seine Pläne? Für sie war er immer nur ihr Vater gewesen, eine ruhige, überlegene Gestalt, hoch angesehen unter Künstlern, Journalisten, Politikern und auch im Dorf. Ein Mann, mit dem viele Menschen etwas verband. Bei den Frauen, das hatte sie inzwischen begriffen, war es meistens eine Hoffnung auf mehr gewesen.
Judith konnte selbst nicht verstehen, warum sie nie auf den Dachboden gegangen war. Da musste erst ein Fremder kommen, ein hübscher Doktorand aus Duisburg, und sie bei der Hand nehmen. Wieder zwang sie sich weiterzulesen, aber schon bald merkte sie, wie sie denselben Satz zum dritten Mal las. Sie liebte Vahlens Gedichte, seine Sprache, die ihr so vertraut war. Und doch konnte sie seine Bücher nie wirklich genießen. Jedes Mal, wenn sie einen Text von ihrem Vater vor sich hatte, musste Judith nach einem Hinweis suchen, der ihr etwas über ihn, über die Mutter oder über sich selbst verraten könnte.
An manchen Tagen fühlte sie sich durch seinen Tod betrogen, meinte, wenn er noch lebendig gewesen wäre, hätte sie ein wichtigeres Leben führen können. Ein Leben ohne die großen Fehler, die Abhängigkeiten von ihrer Mutter und immer wieder, das musste sie sich eingestehen, von den unterschiedlichsten Männern, von denen keiner auch nur entfernt an Peter Vahlen heranreichte. Zugleich war sie wütend auf sich selbst, dass sie ihre Zeit mit ihm nicht ausreichend genutzt hatte.
In dem Manuskript würde sie sicher mehr über sich selbst und ihre Familie finden, als ihr lieb war. Aber es wirkte noch sehr roh. Ganze Szenen waren zusammenhanglos, oft nur in Stichpunkten notiert oder brachen in der Mitte ab. Die auf den ersten Blick so offensichtlich wirkenden Namensentsprechungen erwiesen sich als Täuschung. Einiges ließ sich beim besten Willen nicht einordnen.
Das hatte er also zurückgelassen, der wunderbare Peter Vahlen. Vereinzelte Bilder, Andeutungen und Skizzen – eine verworrene Geschichte, voller Risse und Lücken. Aber vielleicht musste es so sein am Ende eines Lebens. Was hatte sie denn gedacht, im Nachlass zu finden nach all den Jahren? Einen Abschiedsbrief? Ein Geheimnis, das ihr Leben verändern würde?
Sie versuchte, einige Teilstücke des Manuskripts anhand ihrer Überschriften in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Sie begann, das Ende eines Dialogs, den ihr Vater nur stichwortartig festgehalten hatte, auszuformulieren. Aber ihre Sätze klangen hölzern und bemüht.
Sie schloss die Mappe und warf sie zurück in die Plastikwanne. Jemand anderes würde das Fragment bearbeiten müssen. Judith wünschte sich, dass dieses Manuskript zu einem Buch würde. So lückenhaft und gebrochen es war, es würde Vahlens Worten wieder einen Platz in den Köpfen verschaffen.
Wieland wäre vielleicht der Richtige für diese Aufgabe, der etwas seltsame, aber doch sympathische und vor allem zuverlässig wirkende »Herr Doktor«, wie sie ihn ironisch nannte. Es gefiel ihr, mit ihm zusammenzuarbeiten. Zumindest, dachte sie jetzt, war es angenehmer, jemanden an ihrer Seite zu haben, als allein in diesen Erinnerungen zu stöbern, die nirgends hinführten.
Sie griff nach einem der Notizbücher und begann zu blättern. »Die Erfindung des Glücks«, stand da in Bleistift geschrieben und mit blauem Kugelschreiber unterstrichen. Und es folgte ein Eintrag, mehrfach überarbeitet mit Streichungen und Änderungen zwischen den Zeilen, die Liebeserklärung eines Vaters an sein ungeborenes Kind.
Der Kanonier, die Walze und das Mädchen (Herbst 1916)
Ein dumpfer Knall. Rudolfs Ohr schien sich nach außen zu stülpen. Ein Sausen wie von einem Sog, ein Fiepen. Dann nichts mehr. Ein dröhnendes, pochendes Nichts.
Die Haubitze auf seinen Beinen, musste er mitten im Nachtgefecht eingeschlafen sein. Kurz dachte er, ein Schrapnell hätte sein Trommelfell zerrissen. Er wäre taub oder wahnsinnig geworden oder beides gleichzeitig. Doch da setzte das Zischen, das Hämmern, das Flackern und Wimmern wieder ein. Und angesichts der Gesichter der Toten, die im kurzen Feuerleuchten über den Gräben zu sehen waren, schloss Rudolf Vahlen, Kanonier der 4. Kompanie des 2. Bataillons im 479. Infanterieregiment, wieder seine Augen.
Die Bataillone steckten in Ypern im Stellungskrieg fest. Eine Feuerwalze nach der anderen tobte über die Schützengräben hinweg. Was von den Mannschaften übrigblieb, wehrte mit Granaten die feindliche Infanterie ab, bis sie von den Kanonen eingeholt wurde. Unter den festgefrorenen Schäften ihrer Stiefel begannen den Rekruten die Beine abzufaulen. In den Verschlägen und Erdhöhlen fraßen nachts die Ratten ihre Ohren an. Wochenlang zogen die Männer die Geschosse durch knietiefen Schlamm. Dann erst stand der Wind günstig für das Gas.
Als das Grünkreuz nichts mehr anrichtete, setzte Rudolf Blaukreuz ein, so dass die französischen Soldaten sich vor Husten das Mundstück herunterreißen mussten. Dann schoss er Gelbkreuz nach, bis sich in den Trichtern nichts mehr regte. Wie Geister suchten sich die zurückgebliebenen, mit Gasmasken geschützten Hunde und Pferde ihren Weg über das Schlachtfeld. Rudolf ertappte sich dabei, wie er beim Einschlafen hoffte, nicht wieder zu erwachen.
Schließlich schickte man ihn im Herbst 1916 nach Hause. In Arlich wurden inzwischen Schienen für das gesamte Kaiserreich hergestellt. Das Fockenbach-Werk hatte Rudolf als unabkömmlich für die Kriegswirtschaft angefordert. Die meisten Frauen von Sehlscheid arbeiteten im Walzwerk oder bei Hingst. Noch die jüngsten unter ihnen stanzten Munitionsbüchsen, sortierten Schrauben oder kümmerten sich wie Martha um die Küche der Arbeiter.
Die Felder lagen größtenteils brach. Zugtiere und Karren waren für die Front beschlagnahmt worden. Überall hungerten die Menschen, und fast täglich fielen Horden von Städtern in den unteren Westerwald ein, durchkämmten die Wälder nach Beeren und Pilzen, stahlen Kartoffeln und Rüben von den Äckern, Äpfel und Nüsse aus den Gärten. Die Bauern Brink und Gehrke empfingen auf ihren Höfen die feineren Herrschaften, die unter der Hand Speck, Würste, und Eier kauften. Für eine Schweinehälfte zahlten die Städter den Preis eines ganzen Ochsen. Mit Schnapsflaschen, Kartoffelsäcken und Speckseiten beladen, brausten sie nach abgeschlossenem Geschäft in ihren eleganten Wagen wieder ab.
Die Vahlen-Witwen dagegen zogen bald ihr letztes Kaninchen aus dem Schlag. Martha brachte von der Großküche Gemüseabfälle mit, die sie spätabends zu dünnen Suppen verkochte. Jede Nacht fürchtete Kläre, die Kuh könnte ihnen aus dem Stall gestohlen werden. Allein Hermanns Anwesenheit in Sehlscheid bedeutete für sie noch eine Sicherheit.
Als Rudolf im Oktober 1916 unversehrt aus Flandern zurückkehrte, um bei Nesselhahn die Walze zu bedienen, schien es ihnen, als wäre der Krieg so gut wie vorbei. Die alte Vahlen erteilte ihm Anweisungen, wie er nach Feierabend das Feld zu wässern, die Rüben zu lagern und die Scheune zu reparieren habe. Man sprach davon, im Frühjahr auf der Hüh zu bauen, um mehr Platz für ihn zu schaffen. Und die kleine Martha, die Rudolf gar nicht mehr dick oder hässlich vorkam, warf sich ihrem Bruder in die Arme und sagte, er dürfe sie nie wieder verlassen.
Aber auf seine Mutter Kläre machte Rudolf, anders als Hermann, den nicht einmal das Geschimpfe der Großmutter aus der Fassung brachte, einen unsicheren und ängstlichen Eindruck. Noch immer sprach Rudolf schnell und gewandt und zupfte an allem, was einen Rock trug. Aber sein Blick huschte dabei nervös hin und her. Seine Wangen wirkten fahl. Und während Martha und die anderen auf ihn einredeten, seinen kräftigen Körper, das lange Haar, die Schrammen und Narben bewunderten, die vorbeirasende Granaten auf seiner Haut hinterlassen hatten, sah auch Hermann den Bruder von Zeit zu Zeit die Augen zusammenkneifen, als würde er auf etwas lauschen – auf ein entferntes, nie enden wollendes Gebrüll.
Bald war klar, dass der Krieg keinesfalls zu Ende war. Die Produktion bei Fockenbach lief auf Hochtouren. Immer mehr Kriegsinvaliden wurden eingestellt, um die Walzen zu betätigen, dagegen rief man noch die ältesten und jüngsten unter den Männer an die Front. Auch Rudolf Vahlen, das war gewiss, würde wieder gehen müssen.
Martha versuchte ihren Bruder zum Desertieren zu überreden. Er könnte vorgeben, verrückt geworden zu sein wie der ältere Runkel-Sohn, der als Kriegszitterer aus den Ardennen zurückgekehrt war. Oder er würde sich in den Schiefermienen im Wald verstecken, bis alles vorbei war. Zuerst hatte Rudolf tatsächlich überlegt, nicht wieder fortzugehen. Doch schließlich zog er noch vor der Zeit und freiwillig zurück an die Front. Der Grund für seine Flucht in den Krieg war, wie alles, was Rudolfs Leben jemals bewegt hatte, ein Mädchen.
Lisbeth Gehrke war die Schwester von Hermanns Frau Emmy. Sie hatte sich von der kaum jüngeren Martha bei den Schulaufgaben helfen lassen, und seit kurzem vertrauten sich die beiden Mädchen ihre Träume und Geheimnisse an. Als Lisbeth den Bruder ihrer besten Freundin an jenem Oktobermorgen seiner Rückkehr von der Front die Dorfstraße in Richtung Hüh heraufkommen sah, hatte sie ohne nachzudenken den noch warmen Butterzopf aus der Backstube ihrer Mutter gegriffen und war ihm entgegengelaufen.
Auch Rudolf hatte nicht lange gezögert. Lisbeth war vierzehn Jahre alt. Die Zöpfe trug sie in Schnecken an den Hinterkopf gesteckt. Ihre schönen Hände, mit denen sie die Schrauben im Lager bei Fockenbach aushändigte, ihr schneller Schritt beim abendlichen Heimweg, ihr lachender Gruß, wenn sie morgens in der Hohl auf die anderen traf, gefielen Rudolf. Und ihre Brüste formten unter dem Kittel zwei feste Kugeln, an die er während seiner Arbeit an der Eisenwalze immer öfter denken musste.
Rudolf wollte Lisbeth heiraten. Selbstverständlich nicht gleich, denn sie war ja noch zu jung. Aber sobald sich eine Gelegenheit bot, wollte er mit dem Bauern Gehrke über ihre Zukunft sprechen. Wenn der Krieg vorbei war, würde er bei Fockenbach aufsteigen. Bis zum Aufseher wie sein Bruder Hermann würde er es schon bringen, dachte er. Auf der Hüh wollte er ein neues Haus bauen für sich und Lisbeth, für Martha und die Mutter. Zumal eine Gehrke-Tochter ja auch nicht ganz mittellos in die Ehe gehen würde. So wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Lisbeth und er einen eigenen Hausstand und Kinder haben würden, ein zufriedenes Leben weitab der Gräben, der Schreie und der Giftgasgranaten. Jeden Morgen würde er an der Seite dieser warmen, vollen Brüste erwachen, und Lisbeths Lächeln wäre immer für ihn da.
Doch bevor Rudolf mit Lisbeths Vater sprechen konnte, kam sie eines Morgens Anfang Dezember nicht mehr zur Arbeit. Vorsichtig holte er bei Martha, die als einzige von den heimlichen Treffen der beiden wissen musste, Erkundigungen ein, und es zeigte sich, dass Lisbeth schwer erkrankt war.
Von einem Tag auf den anderen hatte das Mädchen keine Nahrung mehr bei sich behalten. Schon bald lag sie geschwächt und abgemagert im Bett. Ihre Mutter versuchte mit Wickeln und Kompressen das Leiden zu lindern. Denn alle Säfte und Tabletten, Suppen, Tees oder Inhalationen führten nur dazu, dass das Mädchen sich wieder über dem Eimer erbrach. Auch der alte Doktor Busch, der als einziger Arzt der Gegend nicht an die Front berufen worden war, fand keine Erklärung für Lisbeths seltsame Krankheit. Nach zwei aufeinanderfolgenden Besuchen stellte der halb erblindete Mann lediglich fest, die Symptome sprächen nicht für eine Darmgrippe.
Schließlich war es die Witwe Kläre, die ihrer Schwiegertochter Emmy gegenüber den Verdacht äußerte, es könne sich bei Lisbeth um einen Zustand handeln, der gar keinen krankhaften Ursprung habe. Denn obwohl das Mädchen von Tag zu Tag schwächer, dünner und ausdrucksloser wurde, ragten ihre Brüste doch prall und wie in vorwitziger Selbstbehauptung auf.
Mit der Feststellung ihrer frühen Schwangerschaft ging Lisbeths Leiden aber keinesfalls einer Besserung entgegen. An eine Prozedur, die den unglücklichen Umstand hätte beenden können, noch bevor er im Dorf bekannt geworden wäre, war bei der Schwäche des Mädchens nicht zu denken. Die Hebamme, die ihre Mutter ins Vertrauen gezogen hatte, und selbst die eilig herbeigeholte Engelmacherin aus Kurtscheid, rieten, das arme Kind erst einmal zu Kräften zu bringen. Vielleicht würde das, was da in Lisbeth wachse, ganz von alleine erkennen, wie ungünstig der Augenblick war.
Mit größter Mühe gelang es schließlich, Lisbeth tropfenweise stärkende Flüssigkeiten einzuflößen: Hühnerbrühe und Honig, Haselnussbrei und Hollensaft. Nach Wochen begannen die Augen des Mädchens wieder zu leuchten, Lisbeths Wangen bekamen Farbe, und das Haar glänzte wie vorher. Aber auch ihr Bauch zeigte nun die erste, untrügliche Rundung.
Gleich nachdem sie gemerkt hatte, dass die kleine Gehrke schwanger war, hatte die Witwe Kläre ihren Rudolf zu sich gerufen. Nichts wies darauf hin, dass ausgerechnet ihr Sohn für Lisbeths Zustand verantwortlich sein könnte. Aber seit sie vor vielen Jahren den Fehler begangen hatte, sich ausgerechnet in den hitzköpfigen Adam Vahlen von der Hüh zu verlieben, meinte Kläre sich in ihren Ahnungen und Urteilen nie wieder geirrt zu haben. Niemanden in Sehlscheid hielt sie für fähig, die Unschuld eines vierzehnjährigen Mädchens auszunutzen. Niemanden außer Rudolf, der, ganz wie sein Vater, im Grunde selbst noch ein Kind war.
Der Krieg hatte ihren Sohn verändert, da machte Kläre sich nichts vor. Und doch glaubte sie, dass es außerhalb des Dorfes keinen anderen Ort für ihn gab auf der Welt. Keinen anderen Ort als Flandern. Sie sah die verheulten Augen der Kriegswitwen, sah die dumpfe Verzweiflung der heimgekehrten Invaliden. Nichts fürchtete die Mutter mehr für ihren Sohn als den Krieg. Nichts außer dem Zorn seines inzwischen geradezu engstirnig rechtschaffenen Bruders Hermann.
Eine ganze Nacht wendete Kläre diese Gedanken hin und her, ohne dass sie ihr deshalb weniger wahr oder weniger falsch erschienen. Und am Morgen fällte sie die Entscheidung, von der sie sofort wusste, dass sie sie bereuen würde.
»Wenn dein Bruder von Lisbeth erfährt, wird er dich umbringen«, sagte sie, als Rudolf vor ihr stand. »Du musst so schnell wie möglich hier weg.«
Noch am selben Abend kam Rudolf nach der Arbeit nicht nach Hause. Und gleich am nächsten Tag meldete er sich im Arlicher Rekruten-Amt zurück an die Front.
Eine Bitte (April 2007)
»Andreas! Wo steckst du?« Carolines Stimme klang fröhlich.
Wieland zögerte. Eigentlich hatte er vorgehabt, seinen Professor um Rat zu fragen. Aber jetzt wurde er von einem unwiderstehlichen Drang gepackt, sich auch seiner Konkurrentin am Lehrstuhl anzuvertrauen.
»Ich bin im Westerwald, bei den Erben Peter Vahlens. Es gibt ein Problem.«
»Bist du krank? Hattest du einen Autounfall? Kann ich dir helfen?«
Caroline Schweizer war das talentierteste von »Kittels Mädchen«. Zumindest hatte sie Wieland immer am meisten beeindruckt. Groß und kräftig, mit einem offenen, freundlichen Gesicht, wirkte sie entwaffnend, wenn andere aggressiv auftraten. Eine respektvolle Reserviertheit hatte bisher seinen Umgang mit ihr bestimmt, der über die gemeinsame Kaffeepause nie hinausgegangen war. Vielleicht wollte Caroline nur herausfinden, wie weit er mit seiner Arbeit war, dachte Wieland.
»Das ist lieb, Caroline. Nein, es ist alles in Ordnung mit mir. Ich komme schon klar. Wenn ich zurück bin, erzähle ich dir alles. Jetzt würde ich gerne mit Kittel sprechen.«
»Okay, halt durch«, sie lachte hell, und Wieland bereute fast, ihr nicht doch mehr gesagt zu haben. »Ich verbinde.« Es knackte in der Leitung. Dann hörte er den Professor jemanden verabschieden.
»Wieland! Haben Sie etwas erreicht?«, kam Kittels Stimme aus dem Hörer.
»Ja, ich habe alles beisammen, zumindest alles, was ich für das Gellmann-Projekt brauche. Ich rufe wegen einer anderen Sache an.«
»Hatten Sie einen Autounfall? Eine Panne?«
»Nein. Warum denken alle, ich hätte einen Unfall gehabt?«
Am anderen Ende der Leitung vernahm Wieland das Knistern von Bonbonpapier.
»Ich habe ein unveröffentlichtes Manuskript in Vahlens Nachlass gefunden.«
Stille.
»Ich glaube, es handelt sich um so etwas wie einen Entwurf. Mehrere, zum Teil unzusammenhängende Textstücke. Ein Fragment, Notizen.«
»Soso? Phantastisch. Verstehe.« Kittel klang irritiert, beinahe verärgert.
»Die Frage ist, wie man das am besten macht. Es scheint sich um eine Fortführung von Villa …, äh, von Westerwald zu handeln. Judith Gellmann-Vahlen will, dass ich es veröffentliche. Herausgebe, meine ich. Mit dem ganzen Drum und Dran.«
»Hat sie schon mit Vahlens Verlag gesprochen?«
»Nein. Nur mit mir.«
»Und die Witwe?«
»Ich weiß nicht, die ist verreist. Es könnte kompliziert werden. Deshalb will ich ja wissen, wie ich mich verhalten soll.«
Ein lautes Hintergrundgeräusch, wie von einem fallenden Gegenstand.
»Das kann ich so nicht beurteilen.«
»Ich meine, gibt es die Möglichkeit so ein Manuskript, ich meine, so ein Fragment zu bearbeiten? Es geht um die Namen. Es scheint sich um einen Schlüsselroman zu handeln. Die Namen sind so gut wie unverschlüsselt. Womöglich ist es einfach noch sehr unfertig. Judith möchte, dass ich es bearbeite, bevor wir es jemandem zeigen.«
»Hören Sie mal, so etwas kann man nicht am Telefon besprechen. Bringen Sie mir das Manuskript vorbei, dann sehen wir weiter …« Die Stimme des Professors wurde leiser, als hätte er sich vom Hörer abgewendet. »Entschuldigen Sie, Wieland, der Dekan ist hereingekommen. Ich muss Schluss machen. Melden Sie sich, wenn Sie da sind.« Kittel hängte auf.
Wieland hatte sich ins Gasthaus Brink zurückgezogen. Die Wirtin freute sich. Da habe er aber Glück, dass sein Zimmer noch frei sei, hatte sie gesagt. Den DVD-Spieler habe sie auch noch nicht wieder herausgenommen. Er habe ja seine Villa Westerwald-DVD mitsamt der Hülle vergessen. Da habe sie sich schon gedacht, dass er zurückkommen würde.
Judith hatte er versprochen, bald wiederzukommen, er brauche etwas Zeit zum Nachdenken. Nach der ersten Aufregung über die Entdeckung wusste er nicht, was er von ihrem Vorhaben halten sollte. Er fühlte sich von seinem Doktorvater im Stich gelassen. Kittels Reaktion schien ihm seltsam unangemessen. Das Manuskript schien ihn kaum zu interessieren, er tat, als wäre Wielands Unsicherheit eine Zumutung.
Judith war dagegen nervös, geradezu erregt, so wie er. Aber ihre Begeisterung über den Fund wirkte berechnend. Sie hatte kaum gezögert, ihn darum zu bitten, das Fragment ihres Vaters zu veröffentlichen. Bei dem Gedanken, sie hätte ihn womöglich nur deshalb auf den Dachboden geführt, damit er das von ihr zurechtgelegte Manuskript entdeckte, wurde Wieland wütend. Er fragte sich, ob sie die ganze Zeit, während er gewissenhaft die Papiere sichtete, während sie zusammen im Bett waren, sich näher kamen, nur darauf gewartet hatte, dass er es endlich fand?
Mit trägen Handbewegungen begann er die Hosen und Hemden zu falten, die er achtlos in seine Reisetasche hineingeworfen hatte. Er stellte die Schuhe ordentlich ausgerichtet unter den Heizkörper und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Vor dem Spiegel tastete er die dunklen Schatten unter seinen Augen ab. Sein Gesicht hatte sich nicht verändert. Warum auch. Er selbst hatte sich nicht verändert. Er hatte nur ein paar Tage lang gedacht, er wäre ein anderer.
Gleis 7 (März 1971)
Die Bahnhofshalle war erfüllt vom Zischen der Lokomotiven, dem Surren der Leitungen, dem rasselnden Geräusch der Gepäckwagen. Gemurmel, Rufe und Kindergeschrei in zwanzig verschiedenen Sprachen mischte sich zu einem einzigen, aufsässigen Brausen. Züge fuhren ein, andere kamen in Fahrt. Gruppen von Reisenden strömten heran, umarmten sich, glitten auseinander.
Hella sah Gellmann jetzt wenige Meter vor ihr den Zug entlanggehen, eine große Reisetasche über der Schulter. An einem Zeitungsstand blieb er stehen und las die Schlagzeilen. Absichtlich lief sie dicht an ihm vorbei in Richtung des Ausgangs. Aber er bemerkte sie nicht, schaute nicht auf.
Hella stellte sich vor, wie er gleich hinter ihr gehen würde. Er müsste sie sofort erkennen, so wie sie ihn in jeder Menge sofort erkannt hätte. Vielleicht würde er sie beobachten, wie sie langsam an den Schaufenstern vorüberging. Die Eiligen machten einen Bogen um sie, manche stießen sie an, einer schimpfte. Und Hella meinte, spätestens jetzt würde Gellmann auf sie aufmerksam werden.
Während des ersten Sommers im Haus hatte Gellmanns unverhohlenes Interesse Hella gleich gefallen. Sein Verlangen hatte nichts Höfliches, seine Zuneigung wirkte kompromisslos. Sie hatte nie verstanden, warum Gellmann damals von einem Tag auf den anderen weg und nach Frankfurt gegangen war.
An einem ihrer letzten Abende im Gasthaus war Vahlen zu den Bauern an den Ecktisch gegangen, um über die Kirmesvorbereitungen zu sprechen. Hella war am Tisch sitzen geblieben und rauchte. Als Gellmann nicht von der Toilette wiederkam, hatte sie sich gelangweilt. Sie verließ die Schankstube, um nach ihm zu sehen. Gellmann stand im Vorraum beim Telefon. Sobald er sie sah, legte er hastig den Hörer auf. Er habe nur mit einer Freundin gesprochen, sagte er. Hella war überrascht gewesen, dass er sie wegen eines Telefongesprächs warten ließ. Aber Gellmanns Reaktion hatte ihr Erstaunen wie Eifersucht aussehen lassen. Und die wegwerfende Geste, mit der er über die Andere sprach, traf Hella, als gehe es um sie selbst.
Nachdem Gellmann gegangen war, hatte sie die Enge und Einsamkeit mit Vahlen auf dem Land erst richtig gespürt. Sie sprachen nie aus, was offensichtlich war: Sie beide fühlten sich von dem Freund verlassen. Ihre festgefügte Zweisamkeit, dieses Miteinander, ohne das Hella sich ihr Leben einmal nicht mehr hatte vorstellen wollen, war zur Eintönigkeit geworden. Vahlen und sie waren auf sich selbst zurückgeworfen. Das perfekte Paar, wie sie von Freunden gerne genannt wurden, das perfekte Paar.
Vahlen hatte Gellmanns neue Freundin anfangs verteidigt. Eine im Grunde biedere Frau, die auf freien Sex bestand, als ginge es um Tischmanieren. Bei Demonstrationen war sie auf ihr Erscheinen im Vordergrund bedacht. Hella glaubte sie schon einmal gesehen zu haben, auf einer Party von Freunden. Sie erinnerte sich an indianerhaft glattes Haar, an ein schmales Becken. Gellmann wirke wie angebunden, sagte Vahlen, ein Hofhund der seine Wachsamkeit verloren hat.
Die Freunde wechselten regelmäßig Briefe. Als sie aus Amerika zurück waren, besuchte Vahlen Gellmann in Frankfurt. Er fand, Gellmann sei stabiler geworden, weniger chaotisch. Aber Hella hatte ihn sich abgestumpft vorgestellt. Bis sie ihn an diesem Nachmittag Jahre später im selben Waggon entdeckt hatte, in dem sie selbst nach Frankfurt unterwegs war. Gellmann hatte während der Fahrt in verschiedenen Büchern mehr geblättert als gelesen. Hella sprach ihn nicht an. Sie genoss es, ihn zu beobachten.
Neben den Schließfächern bei der Bahnhofgaststätte blieb sie stehen. An einer der Werbesäulen lehnte ein Mann, der das Gesicht seiner Freundin mit beiden Händen festhielt und auf sie einredete. In den kurzen Pausen seines Sprechens küsste er sie. Die Fürsorglichkeit der Geste bewegte Hella, und fast schämte sie sich dieser Rührung, als müsse die Sehnsucht nach einer solchen Zärtlichkeit weit hinter ihr liegen.
Gellmann sollte längst aufgeholt haben, auch wenn er sich noch eine Zeitschrift gekauft hatte. Auf der Höhe des Feinkostladens spürte Hella plötzlich einen heftigen Schlag auf den Arm. Sie sah sich nach Gellmann um, als sie ein zweiter, unmissverständlich aggressiver Stoß gegen den Rücken fast aus dem Gleichgewicht brachte. Sie taumelte, fing sich aber wieder. Ein Mann in einem befleckten Blaumann stand vor ihr und sah sie stumm an. Erst jetzt verstand sie, dass Gellmann nichts damit zu tun hatte. Der Mann hatte sie – vielleicht unabsichtlich – angerempelt. Er entschuldigte sich aber nicht, sondern sah Hella, die sich vorsichtig über den schmerzenden Arm rieb, stumm an. Sein Gesicht war wie verwaschen von Alkohol und unterdrückter Wut.
Hella glaubte, Gellmann müsse nun ganz in der Nähe sein. Er würde eingreifen und sie von dem Kerl befreien. Vielleicht würde er sich mit ihm schlagen. Dann würde er so etwas rufen wie: »Was machst du bloß für Sachen, Hella?« Er würde sie umarmen und sagen, »Jetzt gehen wir erst einmal etwas trinken auf den Schreck«.
Aber Gellmann kam nicht, hatte den Bahnhof womöglich längst verlassen. Vielleicht war er sogar absichtlich an ihr vorbeigegangen.
Wenn einer geht, bleibt ein anderer zurück
(letzte Kriegsjahre 1917–1918)
Im Frühjahr des dritten Kriegsjahres waren im Gasthaus Brink anstelle der Pensionäre und Wanderfreunde aus der Stadt nur noch Kriegszitterer und Invaliden zur Erholung untergebracht. Mit ihren zerschossenen Gesichtern, ihren nur vorläufig gestützten Amputationen, ihren Grabenfüßen saßen sie stumm in ihre Decken gewickelt auf der Sonnenterrasse. Und auf die Frauen von Sehlscheid, die am Morgen im fahlen Februarlicht von der Feldwache zurückkehrten, wirkte ihr Anblick wie eine hämische Klage.
In den Städten, hieß es, seien die Menschen schon im Kohlrübenwinter von 1916 zu Tausenden verhungert. Darauf folgte im Spätsommer die misslungene Getreideernte. Selbst auf den größeren Höfen im Westerwald wurden die Vorräte knapp. Jede Nacht verjagten die mit schweren Forken bewaffneten Bäuerinnen die Plünderer aus dem Unterdorf und vom Birnbaumstück. Manchmal mussten sie ihnen bis hinunter zur Unteren Mühle folgen. Längst schreckten die Banden und Landstreicher nicht mehr davor zurück, auch brütende Hennen oder unreifes Obst zu stehlen.
Kaum einer sprach mehr von der Verteidigung des Vaterlandes. Der Hunger, die willkürliche Rationierung, die von der Kriegswirtschaft an der Feldarbeit gehinderten Männer, die Verletzten, Verstümmelten und nie aus dem Krieg Zurückgekehrten bestimmten die Gespräche. Hilda Gehrke hatte einen Sohn verloren, die Brinks und Lindes sogar zwei. Allein in Sehlscheid zählte man inzwischen über ein Dutzend Kriegsopfer, die Versehrten und auf immer Entstellten nicht mitgezählt.
Nachdem Rudolf sich wieder an die Front gemeldet hatte, war Kläre Vahlens Haar innerhalb weniger Wochen ergraut. Die alte Irma Vahlen sprach wochenlang kein Wort mehr. Und auch Martha sah man nur noch betrübt herumgehen. Wenn jemand fragte, was mit ihr sei, rief sie entrüstet, ob denn außer ihr niemand an Rudolf dachte, der an der Front um sein Leben kämpfte.
Hermann Vahlen ahnte, warum der Bruder freiwillig, überstürzt und ohne weitere Worte fortgegangen war. Er hätte auch wütend darüber werden wollen, aber in seinem Inneren spürte er nur Leere. Und an manchen Tagen kämpfte er wegen Marthas heftiger, ihn gänzlich ausschließender Sehnsucht nach dem abwesenden Bruder mit einer muffigen Eifersucht, derer er sich schämte.
Erst im April wurde bekannt, dass Rudolf bereits vor Monaten gefallen war. Die Frau des Gemeindevorstehers Linde, die frühmorgens mit der Neuigkeit aus den Listen des Kriegsministeriums in die Backstube der Gehrkes geeilt kam, erfuhr auch als erste im Dorf die Wahrheit über Lisbeths rätselhafte Empfängnis. Hermanns Frau Emmy begann gleich zu weinen, als sie vom Tod ihres Schwagers erfuhr. Die hochschwangere Lisbeth aber sackte ohnmächtig auf den Boden. Sofort stürzten die Schwester und die Frau Gemeindevorsteher auf sie zu, um ihr aufzuhelfen. Und endlich hörten sie das Mädchen, das auf Nachfragen bisher immer nur mit Schulterzucken oder stummen Tränen geantwortet hatte, den Namen seines Geliebten flüstern, der es so schändlich allein gelassen hatte.
Keine drei Wochen nachdem die Nachricht von Rudolfs Tod sie erreicht hatte, brachte Lisbeth im Mai einen Jungen zur Welt. Die Hebamme, die Bäuerin Gehrke, Emmy und die Witwe Kläre beeilten sich, das Kind in saubere Tücher zu wickeln und es der jungen Mutter an die Brust zu legen. Lisbeths Leib hörte nicht auf zu bluten. Es schien, als habe das Mädchen mit der Hoffnung auf Rudolfs Rückkehr auch den Willen zum eigenen Leben verloren. Wenige Stunden nach der Geburt starb sie mit einem leisen Schrei, der von dem ihres neugeborenen Sohnes Heinrich noch übertönt wurde.
Vor dem Winter 1917 nahm das Dorf in einer vom preußischen Ministerium beorderten patriotischen Aktion drei Dutzend unterernährte Kinder aus Koblenz und Köln auf. Die meisten der »Hungermäuler« kamen beim Gemeindevorsteher Linde, beim Pastor, in der Schulstube und auf den Höfen der Brinks und Gehrkes unter. Aber auch zu den beiden Witwen auf der Hüh brachte man ein vierjähriges Mädchen und ihren kleinen Bruder, der gerade erst das Laufen lernte. Hans Gisbert und Doris Kind hießen die beiden laut eines Zettels, den sie um den Hals trugen. Und das Vaterland wäre den Gastgebern dankbar, wenn die Kinder bis auf weiteres in ihrem Haus zu Kräften kommen dürften.
Doris weinte in den ersten Tagen viel. Aber sie lernte schnell, an der Seite der Vahlen-Frauen die Kaninchen und Ziegen zu füttern, Morbeln zu sammeln und Bucheckern mit Kartoffeln zu verstampfen, so dass alle davon satt wurden. Sie war ein tüchtiges, freundliches Mädchen und bald verschwand auch die städtische Blässe aus ihrem Gesicht.
Niemand wunderte sich, dass Doris nur wenig mit ihrem Bruder zu tun haben wollte. Ausgehungert und von den Eltern weggeschickt, hatten die Geschwister Kind eben früh gelernt, zuerst an sich selbst zu denken, sagte man sich. Hagis, wie man den Jungen der Einfachheit halber nannte, zeigte von Anfang an keinerlei Anzeichen von Heimweh. Er nahm die Freundlichkeit der Witwe Kläre und die Schimpferei der Alten Vahlen wie selbstverständlich hin. Statt an seine Schwester Doris hielt er sich vor allem an Martha, auf deren Schoß er saß, als würde er ihm gehören. Der kränkliche Heinrich, den die Vahlen-Witwen nach Lisbeths Tod zu sich genommen hatten, wurde sein bester Freund.
Heinrich hatte das greisenhafte Aussehen eines Neugeborenen nie abgelegt. Im Dorf hieß es, er habe »im Bauch seiner Mutter ein Bein verloren«. Nur mühsam konnte er sich mit Hilfe seiner Arme und des schwachen rechten Beins am Boden vorwärts schleppen. Während das wenig ältere Hungermaul den ganzen Tag plapperte, sang oder tanzte, blieb Rudolfs und Lisbeths Sohn stumm. Hagis setzte den Freund in ein kleines Wägelchen, das er auf seinen unermüdlichen Wegen zwischen dem Hühnerstall und dem Ziegenverschlag, zwischen dem Apfelgarten und dem Rübenfeld hinter sich herzog.
Im November 1918 dankte in Berlin der Kaiser ab, der als preußischer König dem Gesetz nach auch in Sehlscheid regierte. Der Krieg war beendet. Letzte Meldungen von Gefallenen erreichten das Dorf. Nachrichten Überlebender trafen verzögert aus der Kriegsgefangenschaft ein. Und wer vergeblich wartete, fühlte sich zurückgelassener als zuvor.
Dann wurde eines Tages bekanntgegeben, dass die neue Republik gegründet war. Kopfschüttelnd diskutierte man in der Gastwirtschaft die Niederlage und dass nun auch den Frauen das Wahlrecht zugesprochen wurde. Hermann Vahlen schimpfte laut über den schlechten Frieden, der in Frankreich zustande gekommen war, und über die Demokraten, die das Reich auf dem Gewissen hätten. Aber in Sehlscheid, da waren sich die meisten Bewohner einig, würde sich so schnell nichts ändern.
Das kann nicht jeder (April 2007)
Wieland warf sich auf das Bett, zog die Decke bis zum Kinn und starrte auf das stummgeschaltete Fernsehbild. Die Nachrichten wurden verlesen. Bilder der Kämpfe in Afghanistan flackerten über den Fernsehschirm. Sie zeigten einen Mann im Krankenhaus, dem ein Geschoß Arme und Beine weggerissen hatte. Die weißbandagierten Stümpfe sahen aus wie angeklebt an seinem dunklen, von Brandflecken überzogenen Körper. Er blickte ängstlich in die Kamera. Die Frau neben seinem Bett hatte den Mund aufgerissen, sie hob ihre Hände vor das Gesicht. Danach sah man Panzer über staubige Pisten rollen. Internationale Politiker stiegen auf eine Bühne vor blauem Hintergrund.
Schon nach einem halben Tag im Hotel begann Wieland, Judith zu vermissen. Er wusste immer noch nicht, wie er mit ihrer Behinderung umgehen sollte, und fragte sich, wann sein Bedürfnis nachlassen würde, sie zu beschützen. Dann wieder schien es ihm, als reiche es abzuwarten, und alles würde sich wie von selbst ergeben.
Sein Vater hätte ihn für eine behinderte Frau wahrscheinlich verachtet. So einfach Jürgen Wieland es sich im Leben gemacht hatte, so streng war er mit seinem Sohn gewesen. Nichts, was Wieland gerne tat, hatte er je gut geheißen.
Seine Mutter würde etwas ironisch sagen: »Wo die Liebe hinfällt.« Und dann würde sie hinzufügen: »Hauptsache, es ist nicht erblich.«
Wieland musste lachen. Allein die Vorstellung, er würde mit Judith Gellmann-Vahlen eine Familie gründen, erschien ihm komisch. Sie hatten sich ja gerade erst kennen gelernt.
Er drückte den Knopf der Fernbedienung. Anstelle des Politikers erschien das Testbild des DVD-Spielers auf dem Bildschirm, dann augenblicklich die Szene der Folge, in der er vor nicht einmal zwei Wochen von Judith unterbrochen worden war. Die Gesichter waren ihm fremd, wie einem nur alte Freunde nach längerer Abwesenheit fremd werden können. Die Jugendliebe der Witwe Krieger, ein freundlicher älterer Herr, der zu glattgekämmt und zu braungebrannt war, um als Dorfbewohner überzeugend zu sein, schloss für immer seinen Gasthof. Die Alte selbst veranlasste gerade, dass einer ihrer Mitarbeiter, der sie betrogen hatte, in eine psychiatrische Klinik eingeliefert würde. In der folgenden Szene lag der junge Mann mit der Tochter im Bett. Ein Wagen mit Sanitätern fuhr bei der Villa vor. Als es an der Tür klopfte, sah man das schöne Paar in Großaufnahme. Mit fragendem Blick schauten die beiden in die Kamera.
In diesem Moment klingelte Wielands Handy. Zögernd griff er nach dem Telefon.
»Wieland? Hier ist Gellmann.«
»Herr Gellmann. Was für eine Überraschung.«
»Wie läuft es denn so? Was macht die Wissenschaft?«
»Stellen Sie sich vor, ich bin in Sehlscheid im Westerwald bei den Vahlens.«
»Was du nicht sagst. Im Westerwald. Wie geht es den Vahlen-Frauen?«
»Ich denke, es geht ihnen gut. Sie sind beschäftigt. Frau Vahlen meine ich. Und Judith, ich meine Frau Gellmann-Vahlen – ich wusste gar nicht, dass Sie mit ihr verheiratet waren.«
»Jaja. Ist schon eine Weile her. Und Alexia?«
»Alexia ist prima. Eine echte Schönheit. Sie sollten sie sehen.«
»Ganz klar. Aber deshalb rufe ich nicht an. Ich wollte wissen, wann mein Buch kommt.«
»Ihr Buch –«, Wieland brauchte einen Moment, um zu verstehen, was Gellmann meinte. Seine Doktorarbeit war also zu Gellmanns Buch geworden. »Ich habe neues Material. Einige sehr schöne Briefe an Peter Vahlen sind dabei. Ich hätte noch Fragen an Sie, wenn ich alles genau durchgesehen habe. Die Arbeit soll im Herbst fertig werden. Der Verlag plant für das späte Frühjahr. – Nur«, Wieland überlegte, ob er Gellmann einbeziehen sollte. »Es ist etwas dazwischen gekommen. Ich habe Vahlens Nachlass gesichtet, wegen Ihrer Briefe, und da habe ich, ich meine wir, Judith und ich, haben etwas gefunden.«
»Ist nicht wahr. Hatte Vahlen noch was? Einen Roman? Gedichte?«
»Ein Romanmanuskript. Eher ein Fragment.«
»Scheiße auch.«
»Die Frage ist, was damit geschehen soll.«
»Die Vahlen-Frauen sind doch nicht auf den Kopf gefallen. Denen fällt schon was ein. Ich müsste das erst sehen, um es beurteilen zu können.«
»Es ist so, mit Hella Vahlen war es etwas schwierig …«
»Ja ja, so ist sie.«
Wieland zögerte, mehr zu erzählen. Ihm war klar, dass der Dramatiker nicht ehrlich mit ihm gewesen war, obwohl er durchaus vorhatte, von Wielands Arbeit zu profitieren. Nicht einmal von Judith hatte er ihm erzählt. Aber was immer Gellmann auch plante, er wusste über Vahlen besser Bescheid als irgendjemand sonst. Wenn überhaupt, dann könnte nur er Wieland helfen.
»Frau Gellmann-Vahlen möchte, dass ich die Herausgabe des Manuskripts übernehme und es bearbeite«, sagte er. »Ich weiß nur nicht genau, wie weit man bei so einer Sache gehen kann.«
»Sie will, dass du es zu Ende bringst? Na, das ist doch eine schöne Sache!«
Er räusperte sich. »Bin ich denn der Richtige? Sollte nicht lieber jemand wie Sie …«
»Ich? Judith hasst mich. Und Hella hasst mich noch mehr.«
»Aber ich bin Wissenschaftler.«
»Junge, hier geht es um moderne Literatur und nicht um antike Alexandriner. Das musst du nicht so ernst nehmen. Da kannst du Punkt und Komma setzen, wie du lustig bist. Mit einem Fragment ist den Vahlen-Frauen nicht geholfen. Was die brauchen, ist ein weiteres Drehbuch. Bei der Serie klingelt, soweit ich gehört habe, doch ordentlich die Kasse.«
Hatte Gellmann recht? Ging es um Geld?
»Und warum bearbeiten die Vahlens es nicht selbst?«
»Warum Hella es nicht tut oder nicht längst getan hat, weiß ich nicht. Frag sie. Judith kann es nicht. Sie ist eine gute Übersetzerin. Aber sie hat kein Durchhaltevermögen. So was braucht Zeit und Ausdauer. Und außerdem bekommt sie keine einzige Zeile aufs Papier, wenn es leer ist. Jawohl, Wieland. Das kann nicht jeder.« Gellmann schien das Gespräch beenden zu wollen. »Aber du kannst es ja. Wann kommt mein Buch, sagst du?«
Das Hungermaul (Dezember 1918)
Selbst in eisiger Kälte brachte Albert Kehl seine Hunde auf den Tennisplatz am Hahn. Abwechselnd ließ er sie auf dem mit Unkraut bewachsenen Gelände bei Fuß gehen, apportieren, niederhocken und aufspringen. Er gab ruckartige Zeichen, nur selten hörte man ihn Befehle erteilen. Und gelegentlich sahen Vorbeigehende, wie er angesichts eines Zögerns, der zu langsam einsetzenden Folgsamkeit eines der Tiere, in eine kalte, mechanisch zuschlagende Wut abglitt.
Die meisten Menschen im Dorf wollten nichts mit dem Sohn des Kolonialwarenhändlers zu tun haben. Sie scheuten seinen immer ein wenig beleidigt wirkenden Gesichtsausdruck, die meckernde Stimme, die Rohheit seiner Ausbrüche. Aber nie war ganz klar, ob es nicht der junge Kehl selbst war, der die anderen mied. Erst als ihn das Rekruten-Amt in Koblenz trotz der Lage an der Front dauerhaft freistellte und er, noch während des größten Mangels an Arbeitskräften auch bei Hingst und in den Fockenbachwerken keine Anstellung bekam, begann man einen echten Fehler bei dem jungen Mann zu vermuten. Dabei wirkte Albert Kehl weder krank noch geistig verwirrt. Man sah ihn mit dem Schwager aus Irlich die Ferkel kastrieren, immer Freitags verpackte, sortierte und kennzeichnete er die Waren im Lager seines Vaters und ansonsten strich er scheinbar ziellos mit den Hunden durch die Wälder. Einmal hatte er nachts mit seinen Tieren eine ganze Bande von Plünderern gefangen und hielt sie fest, bis man sie am nächsten Tag in Arlich der Polizei übergab. Seitdem wagte es im Dorf niemand mehr, das seltsame Treiben des jungen Kehl in Frage zu stellen.
An diesem Dezembertag war er auf dem Hahn damit beschäftigt, einen jungen Mischling mit dem Knüppel zu strafen, als am Waldrand im Dämmerlicht das Gesicht eines Soldaten in amerikanischer Uniform auftauchte. Der Fremde erschrak über die unvorhergesehene Begegnung. Kehl dagegen regte sich kaum, als einer seiner Schäferhunde auf den Mann zustürzte. Der Soldat war aus den Büschen hervorgetreten und rief etwas, das Kehl unverständlich blieb. Dann zückte der Amerikaner ein Messer, und noch bevor das Tier seinen Arm packen konnte, stach er zu, und es sackte leblos zu Boden.
Der Mischlingswelpe, den Kehl gerade noch geschlagen hatte, drückte sich winselnd an die Beine seines Herrn. Kehl gab ihm einen kurzen, festen Tritt.
Wenige Augenblicke später war das Motorengeräusch der amerikanischen Wagen im gesamten Aulbachtal zu hören. Die Reifen der Gefährte sanken in den nur mit einer dünnen Frostschicht überzogenen Boden der Feldwege ein. Im Oberdorf lehnten die Frauen stumm an den Türen ihrer Häuser. Die meisten Männer waren noch immer nicht von der Front zurück.
Kurz vor Weihnachten ließ sich eine der durchkommenden Truppen im Ort nieder. Dreißig Infanteristen sollten die Fockenbach-Werke bewachen, die vorläufig ihre Tore hatten schließen müssen. Wofür aber die Versorgungseinheit benötigt wurde, die aus vierzig schwarzen Männern bestand, wusste keiner so genau. Hermann Vahlen war der erste, der in der Gastwirtschaft die Vermutung äußerte, die schwarzen Besatzer seien da, um dem Dorf die Schande der Niederlage vorzuführen.
Ein Offizier bezog das Büro des Gemeindevorstehers. Die weißen Soldaten quartierte man auf den größeren Höfen im Unterdorf ein. Bis auf weiteres wurde die Schule geschlossen, damit die schwarzen Männer dort ihr Lager aufschlagen konnten. Sie schliefen dicht aneinandergedrängt auf Strohmatratzen, trockneten ihre Unterhosen über Wäscheleinen, die sie zwischen der Tafel und dem Kohlenofen gespannt hatten, und kochten abends auf dem Schulhof über offenem Feuer Bohnen.
In kürzester Zeit war es nicht nur eng, sondern auch noch ärmlicher in Sehlscheid geworden. Die Plünderer aus den Städten blieben dank der bewachten Besatzungslinien aus. Dafür bedienten sich die Soldaten in den Gasthäusern und auf den Höfen mit dem Appetit junger Männer, die – wie die Haushälterin des Pfarrers bemerkte – »fern ihrer guten Kinderstube« waren. Die Runkelsche Kettenschmiede wurde zur Werkstatt ausgebaut, vor der die Kraftwagen der Besatzer bald in langen Reihen zur Reparatur anstanden. Und mit Hilfe des jungen Kehls, der den Amerikanern seit ihrer Ankunft nicht mehr von der Seite gewichen war, fanden sich die Fremden schnell zurecht.
Allgemein sah man es als glückliche Fügung, dass rechtzeitig zum Weihnachtsfest die Familien der aufgepäppelten Kinder kamen, um ihre Söhne und Töchter nach Hause zurückzuholen. Und doch fiel es den meisten der Dorfbewohner schwer, sich von ihren »Hungermäulern« zu trennen. Albert Kehl, der nun seine Haare mit Pomade zurückgekämmt trug, hatte sich bereit erklärt, die Eltern gegen eine kleine Entschädigung zu den Unterkünften der Kinder zu führen. Dabei drängte er die Sehlscheider Familien zum Abschied und zerrte unter heftigem Knurren seiner Hunde an den Kindern.
Ausgerechnet die Haushälterin des Pfarrers, die während des vergangenen Jahres immerhin vier Hungermäuler in der Pfarrstube beherbergt hatte, versuchte er, wie man sich später im Dorf erzählte, bei ihren Küssen zu unterbrechen. Doch die sonst so gelassene Frau drehte sich unvermittelt zu Kehl um und spuckte ihm auf seine blankgeputzten Stiefel. Kehl geriet sofort außer sich. Brüllend und zitternd drohte er ihr, dem Besatzer von ihrem Betragen zu berichten. Aber das Fräulein hatte keine Angst: »Das wird der liebe Gott schon regeln zwischen uns, da brauchst du deine Amerikaner nicht«, sagte sie.
Auch auf der Hüh rechnete man damit, dass Doris und Hagis bald abgeholt würden. Nur vier der fremden Kinder waren überhaupt bis nach Weihnachten geblieben. Aber weder Irma noch Kläre sprachen über den baldigen Abschied, und auch Martha versuchte, den Gedanken daran weit von sich zu schieben.
Längst war ihr Hagis so nah wie ein Bruder. Frühmorgens überfiel er Martha mit Küssen in ihrer Kammer. Wenn sie vom Füttern der Tiere in die Küche zurückkam, war Hagis schon über den Stuhl zur Anrichte hinaufgeklettert, um dem stummen Heinrich einen Apfel zuzuwerfen. Auf dem Hof veranstaltete er wilde Verfolgungsjagden mit dem Hund Schnapp. Und abends erzählte er Martha atemlos, was er erlebt hatte, bis Großmutter Irma zu schimpfen begann und sie beide ins Bett schickte.
An einem späten Dezembermorgen, an dem sich der Nebel nur langsam in die Hohlwege und Gräben um Sehlscheid hinabsenkte, melkte Martha im Stall die Ziegen, als plötzlich der junge Kehl in seinen Militärstiefeln vor ihr stand. Sie hatte ihn übers Stroh nicht kommen hören und mit seinem glattgezogenen Scheitel auch nicht gleich erkannt. Sie erschrak, und Kehl grinste hämisch. Er war nicht viel älter als Hermann. Aber wie die meisten Dorfbewohner kannte Martha ihn kaum.
»Buh«, machte er. »Hab ich dir Angst gemacht, kleine Martha? Wo sind denn deine großen Brüder?« Er tat einen Schritt auf sie zu. »Ich komm, um dir deine Kinder wegzunehmen«, zischte er. Dann drehte er sich um und war wieder weg.
Erst jetzt sah Martha die hagere, fahlhäutige Frau vor der Stalltür stehen. Während die Städterin sagte, sie käme, um Doris abzuholen, fiel der Schrecken über Kehls plötzliches Auftauchen von Martha ab. Möglichst freundlich begann sie, der Fremden von Doris zu erzählen, davon, wie das Mädchen gewachsen war, und wie gern es alle hatten. »Und Hagis erst«, sagte sie. »Den Kleinen werden Sie kaum wiedererkennen.«
Die Frau sah sie stumm an, während Martha das Euter der Ziege mit Fett einrieb. Dann erst fragte die Fremde, ob sie Doris sehen dürfe.
Martha fing sich sofort. »Natürlich. Kommen Sie. Doris wird gleich zurück sein. Sie ist mit meiner Mutter in den Wald zum Holz holen gegangen. Aber Hagis ist ja da.«
Drinnen in der Küche des Haupthauses häkelte die alte Vahlen an einem Wolljäckchen für die Jungen. Hagis und Heinrich saßen zu ihren Füßen und bewarfen Schnapp mit Kastanien.
»Frau Kind ist gekommen«, sagte Martha beim Eintreten in einem möglichst sanften Tonfall. Aber sofort begann Irma mit ihrem schlimmen, in der Mundart nur schwer verständlichem Geschimpfe, und Martha war froh, als die Alte ihr Häkelzeug auf die Bank legte, sich mit steifem Rücken erhob und endlich den Raum verließ.
»Sie müssen entschuldigen«, sagte Martha. Sie hatte Tränen in den Augen. »Das ist Heinrich, mein Neffe. Und da ist auch Ihr Hagis.«
Sie sah, wie die fremde Frau mit großer Gier das frische Roggenbrot anstarrte, das auf dem Küchentisch lag. Die Kinder würdigte sie keines Blickes.
»Er erkennt Sie nicht wieder«, sagte Martha, als auch Hagis weiterhin Kastanien über den Boden rollte. »Er war ja noch so klein, als er Sie verlassen hat.«
»Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor«, sagte die Frau. »Ich heiße Benning. Ich komme wegen Doris.«
»Ja, aber Hagis?«, fragte Martha erstaunt.
»Ich kenne den Jungen nicht«, antwortete die Frau ungerührt.
»Aber das ist Doris’ Bruder, Hagis Kind«, sagte Martha, als könne sie die Dinge richtig stellen.
»Doris ist mein einziges Kind.«
In diesem Moment kam die Alte zurück in das Zimmer gestürmt. In der Hand hielt sie ein Papier, mit dem sie in der Luft herumwedelte. Doris’ Mutter musste sich davon überzeugen, dass der Name des Jungen darauf gleich unter dem des Mädchens stand. In dem Feld »Familienname« war bei Doris »Kind« eingetragen und bei Hans Gisbert ein schlichtes Gänsefüßchen als Platzhalter. Zufrieden hielt Irma auch Martha den Zettel vor das Gesicht.
»Das muss ein Fehler beim Amt gewesen sein«, rief sie. »Wenn Hagis nicht Ihr Sohn ist, bleibt er natürlich bei uns.« Selten hatte Martha ihre Großmutter so erregt gesehen.
Als Doris wenig später mit Kläre die Stube betrat, begann das Mädchen beim Anblick ihrer Mutter heftig zu weinen. Auch Frau Benning wirkte mitgenommen. In schweigendem Einverständnis packten die Witwen einen Korb mit Mehl, Eiern, Brot und Eingemachtem für das Mädchen zusammen. Kläre blieb noch lange in der Tür stehen, bis erst Doris und dann auch ihre Mutter auf dem abschüssigen Weg die Hüh hinunter nicht mehr zu erkennen waren. Irma und Martha sahen ihr Gesicht blank und wie mürbe werden. Schließlich sagte Kläre, sie müsse noch das Brennholz stapeln, und ging zögerlich, mit einem leicht zur Seite gebogenen Rücken, den Martha an ihrer Mutter bisher nie bemerkt hatte, in Richtung der Scheune.
Während die Alte Vahlen es gar nicht erstaunlich finden wollte, dass Doris und Hans Gisbert mit einem falschen Familiennamen bei ihnen untergebracht worden waren, lief die Witwe Kläre am nächsten Tag mit ihrem Hungermaul an der Hand ins Dorf, um den Gemeindevorsteher Linde davon in Kenntnis zu setzen. Bereits früh am Morgen roch es in den Räumen der Militärverwaltung nach gebratenem Geflügel. Der amerikanische Offizier war nicht zu sehen. Sein Dolmetscher, ein gewisser Meyer, der mit dem Gemeindevorsteher das Vorzimmer teilte, schien nur mit halbem Ohr zuzuhören. Der Gemeindevorsteher Linde, der mit Kläre die Dorfschule besucht hatte, ließ sich die Geschichte dagegen gleich mehrfach wiederholen. Die richtigen Eltern des Jungen würden sich bestimmt bald melden, sagte er schließlich und schickte die Witwe nach Hause.
Erst als das neue Jahr längst begonnen hatte, als alle Hungermäuler das Dorf verlassen hatten, und noch immer niemand nach Hagis gefragt hatte, stellte der Gemeindevorsteher auf Kläres wiederholtes Drängen hin eine Anfrage in Koblenz. Aber auch dort fand niemand heraus, zu wem der Junge gehörte. Man hatte allerdings in Köln die Bestätigung einholen können, dass Frau Benning tatsächlich nur ein Mädchen nach Sehlscheid geschickt hatte, dass keine Familie Kind im Einzugsgebiet wohnhaft war und dass keine Familie Gisbert einen kleinen Jungen vermisste.
Die Besatzer mischten sich nicht ein. Mit dem Ausdruck größter Geschäftigkeit ließ der Dolmetscher den Gemeindevorsteher seine Arbeit tun. Der junge Kehl, der täglich in der Amtsstube vorbeischaute, um den Besatzern seine Dienste anzubieten, begann auf dem Besucherstuhl die Augen zu verdrehen, wenn die Vahlen-Witwe zur Tür hereinkam. Der Gemeindevorsteher Linde, der durchaus verstanden hatte, dass es Kläre nicht darum ging, den Jungen loszuwerden, meinte sie nach dem fünften ihrer Besuche beruhigen zu dürfen. »Da können wir nur abwarten«, sagte er. »Das Kind ist ja in der Zwischenzeit bei euch gut aufgehoben.«
Nachdem die Tür der Amtsstube an diesem kalten Frühjahrsmorgen hinter ihr zugefallen war, zog Kläre Vahlen den kleinen Hagis wortlos die Vortreppe hinunter und verließ rasch den Dorfplatz. Erst im Hohlweg unterhalb der Hüh hielt sie an, schob die Wollmütze in das vom Laufen gerötete Gesicht des Jungen, wickelte ihm den Schal, den ihm die alte Vahlen gestrickt hatte, enger um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Hagis lächelte.
»Nach Hause?«, fragte er.
Kläre atmete tief ein. Sie nickte und lächelte zurück. Die Angst fiel langsam von ihr ab. Aber zugleich war da wieder das andere bedrückende Gefühl, woanders müsse jemand diesen kleinen Jungen, den sie so gerne bei sich behalten wollte, schmerzlich vermissen.
Abends dachte Kläre daran, wie Rudolf auf den Schlachtfeldern von Ypern um sein Leben gekämpft haben musste. Um die rechtzeitige Nachricht seines Todes betrogen, konnte sie noch immer nicht glauben, dass es ihn nicht mehr gab. Als müsse eine Mutter es spüren, wenn ihr Sohn ums Leben kam. Als habe sie, die ihn ja fortgeschickt hatte, das Recht verloren, um ihn zu trauern.
Nachts träumte Kläre davon, wie sie ihre Kinder suchte. Sie rannte, die Beine und Arme schmerzten, kaum bekam sie Luft. Die Kinder waren nicht zu sehen. Sie lief ohne anzuhalten, sie meinte ein Lachen zu hören oder ein Weinen. Sie rief nach ihnen, aber sie bekam nie eine Antwort.
Der Finger (Oktober 1971)
Den ganzen Nachmittag war es nicht richtig hell geworden. Es regnete in Strömen. Gellmann hatte geplant, gemeinsam mit Ingeborg zu kochen. Solche Abende waren selten geworden. Meistens waren sie jetzt mit den Treffen beschäftigt, in Kellerräumen oder Wohngemeinschaften, sie planten Kundgebungen und bereiteten an der Druckpresse Flugblätter und Plakate für Demonstrationen vor.
Ingeborg war streng, was das Engagement anging. Und Gellmann machte mit, weil sie ihm gefiel. Er mochte ihre nervöse Begeisterung, ihre katzenhaften, kleinen Bewegungen und ihre Freizügigkeit. Es interessierte ihn nicht mehr, wo die Leute hinwollten mit ihren Ideen. Längst hatte er die »Revolution« und ihre vielen Regeln satt.
Als die Protestaktionen komplizierter und gefährlicher wurden, nahm er Abstand, übernachtete zwischendurch auch bei anderen Frauen, ohne dass Ingeborg darauf mit mehr als einer vorübergehenden Distanziertheit reagiert hätte. So druckte Gellmann noch, klebte aber keine Plakate mehr und machte auch nie mit, wenn es um größere Aktionen ging. Trotzdem fühlte er sich wohl. Er notierte, was er sah, begann wieder an eigenen Projekten zu arbeiten, für die er seine Beobachtungen nutzen wollte – in Form eines Tagebuchs oder eines dokumentarischen Theaterspiels. Es sollte ein Zeitstück werden.
Und dann war plötzlich Hella am Telefon gewesen. Sie meldete sich mit heiserer Stimme. Gellmann gab den Hörer gleich an Ingeborg weiter, weil er sie für eine ihrer Kolleginnen aus der Musikschule hielt. Erst als Ingeborg am Apparat verstummte, verstand er, dass es Hella Vahlen war. Bestürzung ergriff ihn, ein fast körperlicher Aufruhr, über den er sich selbst wunderte. Und in diesem Moment wurde ihm klar, wie sehr er das Aufeinandertreffen der beiden Frauen fürchtete.
Als Vahlen vor zwei Jahren mit Hella aus Amerika zurückgekommen war, hatte er Gellmann gleich sehen wollen. Sie hatten sich in Mainz getroffen bei einer der vielen Veranstaltungen, zu denen Vahlen jetzt eingeladen wurde. Der Freund war zurückgekehrt wie aus einer künftigen Welt – mit Ideen und Worten, die nicht nur für Gellmann neu und faszinierend waren.
Wenn sie gemeinsam in der Kneipe saßen, ging es selten um früher, um das Haus oder um Hella. Auch da hatte sich etwas verändert. Hella blieb in Sehlscheid. Sie sei schwanger, hatte Vahlen nur gesagt und gleich abgewinkt, als Gellmann etwas erwidern wollte. Gellmann hatte die offensichtlichen Schwierigkeiten zwischen Hella und Vahlen für eine natürliche Folge dieser Schwangerschaft gehalten. Es war vorbei mit »Brüderchen und Schwesterchen«, wie man sie genannt hatte, weil sie sich so ähnlich sahen – beide groß und schlank, mit diesem oft überheblich wirkenden Stolz in ihrer Haltung. Ein Kind war dann nicht gekommen. Sie hatten auch nie mehr darüber gesprochen.
Zwischen Vahlen und Gellmann war es meistens um die Arbeit gegangen. Sie fragten sich, wie Literatur noch zeitgemäß sein konnte. Vahlen setzte seine Suche nach der passenden Sprache zielstrebig fort. Umso mehr erstaunte Gellmann die Unsicherheit, die den Freund trotz seiner Erfolge und trotz Hella an seiner Seite oft zu ergreifen schien. Auch Gellmann wollte nun endlich mehr Anerkennung. Und dafür brauchte er Frankfurt, und er brauchte Ingeborg.
Als nun Hella vor seiner Tür stand, klatschnass, eine kleine, dunkelgrüne Reisetasche in der Hand, und als sie sagte, sie habe kein Hotelzimmer gefunden, wusste Gellmann nicht gleich, ob sie das ernst meinte oder ob er darüber lachen sollte.
Hella sah müde aus. Das Haar trug sie noch immer lang, aber es wirkte jetzt spröde. Ihr Gesicht war schmal, die Schultern mager, die Haut im tiefen Ausschnitt der Bluse durchscheinend. Und doch verblasste Ingeborg neben ihr regelrecht.
»Komm rein«, sagte er. »Wärm dich erst mal auf. Wir haben einen Wein offen. Ich koche.«
Er bemühte sich, beim Hantieren mit Gemüse, Fleisch und Töpfen eine heitere Stimmung zu verbreiten. Er sagte: »Erzähl mal, wie ist es euch ergangen«, und: »Was macht das Haus?« Auch Ingeborg wollte die Anspannung wohl überspielen, lief wie aufgekratzt hin und her, schenkte ein und fragte nach Vahlen, den sie von früher kannte.
Hella sagte, Vahlen schreibe wieder Gedichte. Leicht zusammengesunken saß sie am Küchentisch, formte Kugeln aus dem Brot, trank mit nervtötend winzigen Schlucken und wirkte beim Sprechen dünnhäutig. Gellmann nahm den Schleifstein aus der Schublade und begann, mit heftigen Bewegungen das Messer zu schärfen.
Erst als Ingeborg zum Telefon ging, wahrscheinlich um das Treffen für Sonntag zu organisieren, erwachte Hella aus ihrem Dämmerzustand. Sie stand auf, trat zu Gellmann, redete etwas davon, wie er sich verändert habe, dass überhaupt alles anders sei. Langsam strich sie sich dabei über die vor der Brust verschränkten Arme. Sie denke noch immer an die Zeit im Haus, sagte sie.
Gellmann ahnte, was jetzt kommen würde. Zu oft hatte er das schon erlebt. Die Unberührbare, die plötzlich vor ihm kniet. In seinen besten Zeiten hatte er monatelang auf diesen Moment hinarbeiten können. Auch Hella hatte er gewollt. Vielleicht mehr als alle anderen. Aber gerade jetzt und gerade von ihr wollte er das nicht hören.
Er warf das Zwiebelmesser auf das Brett und drehte sich zu Hella herum. Sie erschrak. Er ging auf sie zu, packte ihr Haar im Nacken.
»Was willst du hier?«, flüsterte er.
In diesem Moment hörte er Ingeborgs Schritte im Flur. Er ließ Hella los, drehte sich um, blickte, das Messer schon wieder in der Hand, noch einmal zurück. Hella saß auf ihrem Stuhl, der Blick stumpf, als wäre nichts passiert.
Ingeborg trug das Telefon am Kabel mit sich herum. Es ging um die Demo. Misstrauisch roch Gellmann am Fleisch, einer noch nicht vom Knochen gelösten Lammschulter, die sie gestern auf dem Markt gekauft hatten und die sich bereits zu verfärben begann. Draußen war es dunkel geworden, im Fenster sah er sein Spiegelbild, das Gesicht massig, grob, mit der immer höher werdenden Stirn. Gellmann versuchte, sich auf das Schneiden zu konzentrieren. Die Sehnen ließen sich nur mühsam abtrennen. Er nahm das schärfere Messer, rutschte ab, und erst als sich das Blut über das feuchte Holz des Schneidbretts verteilte, merkte er, dass er sich in den Finger geschnitten hatte.