Kapitel 12
Adrian hatte das Haus direkt über einer Ley-Line gebaut, was Amber zunächst nur am Rande mitbekommen hatte, weil seine Macht so groß war, dass sie die Vibrationen der Linie überlagerte. Aber als sie den Kreis malte und die natürliche Magie der Erde unterhalb des Hauses anrief, fühlte sie die Linie deutlich, leuchtend und dick wie eine Goldader.
Sie legte ihre Steine und das Salz aus, das Adrian ihr gebracht hatte: kristallisiert und in einem extravaganten Behälter. Die Steine, die Adrian auf der Fahrt von Seattle aufgeladen hatte, glühten immer noch in der Mitte.
Dann malte sie einen Kreis, der den Tisch, sie und alles, was sie brauchte, umschloss. Sie bat Valerian und Sabina zu sich in den Kreis, weil ihre starke Lebensmagie dem Zauber zusätzliche Kraft verleihen konnte. Adrian bat sie absichtlich nicht, denn seine Kräfte könnte sie niemals bändigen, und sie wollte nicht riskieren, dass der ganze Kreis und womöglich ein Teil des Hauses explodierten.
Septimus hatte sich auf die andere Seite des Raums zurückgezogen, um seine Todesmagie fernzuhalten, die den Zauber womöglich beeinträchtigte. Zudem blieb er mit Freuden auf Abstand zu allem, was seiner Meinung nach »Kräutertantenmagie« war. Weggehen wollte er allerdings auch nicht, denn ihn interessierte durchaus, was hier geschah. Kelly stand bei ihm und sprach leise mit ihm, aber wie Amber auffiel, hatte sie Übung darin, den direkten Augenkontakt zu meiden.
Sabina hatte Amber schon vorher bei Ritualen geholfen und wusste, wann sie eine Kerze entzünden und ihren Text aufsagen sollte, um ihre Schutzmächte herbeizurufen. Valerian hingegen hatte offensichtlich noch nie bei Hexenzaubern mitgewirkt, denn er stellte ununterbrochen Fragen und verrückte Kerzen und Steine, nachdem Amber sie sorgsam plaziert hatte. Als Sabina ihm einen Klaps auf die Hand gab, verzog er scherzhaft das Gesicht.
Amber häufte die Quarzkristalle unten um die gelbe Kerze herum auf, die ihr helfen sollten, ihrem Zauber Klarheit und Verständnis zu verleihen. Dann begann sie, leise zu singen. Sie beschwor die Elemente – Erde, Feuer, Wasser und Luft – und bedeutete Valerian, die Kerze für Feuer zu entzünden, und Sabina die für Wasser. Erde und Luft zündete sie selbst an.
Sie bat Göttin und Gott, sie anzuhören und ihr Hilfe wie Schutz zu senden. Die Antwort war ein leichtes Kribbeln, das sie spürte und das ihr verriet, dass beide Gottheiten sie berührten und ihr sagten, alles würde gut.
Als Nächstes blickte sie tief in die Steine, um sich von ihrem Glühen bannen zu lassen. Sie sammelte die magische Energie in sich, bevor sie die von Sabina und dann die von Valerian zu sich holte.
Sabinas Kraft fühlte sich wie immer scharf und stark an, war jedoch heute von einem schwachen blauen Licht durchwirkt, als wäre Sabinas Essenz ausgesprochen amüsiert. Es passte zu Sabinas sarkastischem Humor, der bisweilen ihr gutes Herz verbarg.
Valerian besaß eine andere Energie. Seine Aura war leuchtend gelb mit lichten blauen Funken und einem roten Strahl mittendurch. So etwas hatte Amber noch nie gefühlt. Die Energie, die er abgab, war stark und von der brutalen Kraft eines Raubtiers. Ganz gleich, wie menschlich er aussehen mochte, er war es nicht. Seine Essenz war durch und durch die eines Drachen – mächtig, hungrig und urtümlich. Valerian war zweifelsohne am glücklichsten, wenn er gegen einen Feind kämpfen und sich hinterher an dessen Kadaver gütlich tun konnte.
Dennoch waren die Energien der beiden erstaunlich ähnlich, und Sabina und Valerian warfen sich immer wieder verstohlene Blicke zu, als sie fühlten, wie ihre Auren sich berührten.
Amber nahm ihre Energien in sich auf, um sie ihrer eigenen hinzuzufügen, und rief dazu noch die der Kristalle und der Kerzenflammen zu sich. Sie sang ihren Zauberspruch, hob die aufgeladenen Kristalle auf und warf sie in die Höhe, um die Energie des Zaubers freizusetzen.
Die Wirkung stellte sich sofort ein. Bilder von Valerians Drachen – und Sabinas Wolfsform tauchten in ihrem Kopf auf und wurden klarer. Das hübsche grüne Licht in der Ecke war Kelly, das schwarze rauchige Ding neben ihr Septimus. Detective Simon erschien in Blau- und Violettschattierungen, ein im Grunde freundlicher Mensch, desillusioniert vom Bösen.
Und Adrian … seine Aura konnte sie nicht einmal ansehen. Sie war grellweiß und so strahlend, dass sie sich wunderte, wieso das Haus davon nicht in Flammen aufging. Er hatte gelernt, seine Kraft zu bändigen, aber ihn anzuschauen war, als würde man einen Engel erblicken – oder, in diesem Fall, einen Halbgott. Es war eindeutig klug gewesen, seine Energie nicht zu benutzen, um den Zauber auszuüben. Amber hätte sie alle raketengleich in die Mitte des Pazifiks katapultiert.
Sie zog das Notizbuch zu sich und konzentrierte ihre magisch herbeigeführte Sichtschärfe auf die Schrift. Zunächst verschwammen die Zeilen noch vor Ambers Augen, doch dann wurde das Geschnörkel klarer, und sie verstand es. Sie griff sich Stift und Papier und fing an zu übersetzen.
Das war so leicht! Wieso hatten sie nicht längst begriffen, was dort stand? Die Worte waren ganz eindeutig. Hastig kritzelte sie alles mit, weil der Text viel schneller durch ihren Kopf rauschte, als sie schreiben konnte.
Aber was sie schrieb, bereitete ihr Sorgen. Es waren Verse über Sex und erotische Befriedigung, von denen einige andeuteten, dass der Tod von größter Erotik war. Sie schrieb von unersättlichem Verlangen gemischt mit Schmerz und Verwirrung, vom Wunsch nach Schmerz und sexueller Erfüllung zugleich.
Einer der Klageverse lautete: Ich sitze in meinem Kerker aus Eis, der mir vom Gefängnis zur Zuflucht geriet. Hier empfinde ich kein Leid, hier habe ich Frieden, bis er kommt. Aber sie hilft mir, wenn er endet, und ich liebe sie, oder vielleicht liebe ich ihn, ich weiß es nicht.
»Kerker aus Eis«, murmelte Detective Simon, der näher gekommen war und mitlas. »Was soll das sein?«
»Eis?«, wiederholte Valerian. »Interessant, was?«
Amber schrieb weiter. Ihre Hand bewegte sich schneller und schneller, und ihr brach der Schweiß aus. Adrian stand hinter ihr, seine grellweiße Magie berührte sie, und er betrachtete die Wörter, die sie niederschrieb.
Nord, Nord und Nord, wo nichts lebt, wo die Welt der Tod ist, wo ich hingehöre, unter Eis und Wasser und noch mehr Eis. Niemand wird mich finden, sie finden mich niemals. Ich bin der Tod.
In Lichtgeschwindigkeit tauchten die Worte auf, und Ambers Finger krampften. Das Papier zerriss, als sie die letzten Worte unterstrich, obwohl sie sich gar nicht gesagt hatte, dass sie sie unterstreichen sollte.
Der Stift flog ihr wie ein Geschoss aus den Händen und durchbrach den magischen Kreis. Detective Simon duckte sich, als er an ihm vorbeischnellte, gegen die Wand flog und in tausend Plastiksplitter zerbarst.
Valerian sah zu dem Tintenfleck an Adrians ansonsten makellos weißer Wand. »Was zum Geier war das?«
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Sabina und beugte sich vor. »Unter Eis und Wasser und noch mehr Eis?«
Amber lehnte sich atemlos zurück und massierte ihre schmerzende Hand. »Ich weiß es nicht. Polareis vielleicht? Ein Eisberg? Etwas unter Wasser?«
Adrian trat in den zerbrochenen Kreis und setzte sich neben sie. Er nahm ihre zitternden Hände in seine und streichelte sie sanft. Ihre Stirn war noch schweißnass, und ihr Magen revoltierte.
Nun, da der Zauber gebrochen war, sah sie wieder alle in ihrer menschlichen Gestalt, nur Adrian strahlte nach wie vor Unmengen weißen Lichts aus – dasselbe Licht, das in seinen Augen funkelte, wenn er wütend oder erregt war. Sie bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder so sehen könnte wie vorher.
Jetzt erst blickte sie hinab auf die Schrift, die sich rapide wieder in die unentzifferbaren Schnörkel zurückverwandelte. Aber sie hatte etwas in ihr berührt. Diese Worte enthielten mehr Magie als nur die Gedanken der Person, die sie geschrieben hatte. Sie spürte, wie etwas an ihr zog, sie in eine bestimmte Richtung drängte. Nord, Nord und Nord, wo nichts lebt, wo die Welt der Tod ist.
Sie wusste, wer diese Worte geschrieben hatte. Susan hatte sie abgeschrieben, vielleicht von etwas, das sie während ihrer Reise in die Zwischenwelt gesehen hatte. Und dann hatte sie versucht, das Abgeschriebene zu entschlüsseln, weil sie hoffte, jenen Mann zu finden, der sie in ihren Träumen verfolgt hatte.
Adrian starrte auf das Papier und schien ein wenig enttäuscht. »Das ist alles?«
Amber schüttelte den Kopf und zog die Notizen zu sich. Ihre Handschrift sah fahrig und unordentlich aus, was sie gewöhnlich nicht war. Normalerweise hatte sie eine sehr saubere Schrift.
»Ich habe die Worte nicht blindlings mitgeschrieben«, sagte sie. »Während ich schrieb, sah ich alles. Es war, als hätte der Zauber mir erlaubt, mir genau vorzustellen, was die Worte bedeuteten. Ich habe nicht einfach nur übersetzt, sondern aufgeschrieben, was sie mir zeigten.« Vor lauter Aufregung zerknüllte sie die Blätter in ihrer verschwitzten Hand. »Ich habe deinen Bruder gesehen, Adrian! Genau so muss Susan ihn gesehen haben. Ich glaube, ich kann dich zu ihm bringen.«
»Bist du dem gewachsen?«, fragte Adrian Valerian, als sie später alle am Strand standen.
Die Nachtluft war so nahe am Wasser kühl, und Amber fror, obwohl sie sich für die Reise nach Norden bereits warm gekleidet und sogar einen Parka übergezogen hatte. Amber und Adrian wollten der Spur folgen, die Amber gefühlt hatte, während Detective Simon und Sabina in Adrians Haus ihre Rückkehr abwarteten oder ihnen von dort aus assistierten, je nachdem, was nötig wurde. Detective Simon sah nicht aus, als gefiele es ihm, tatenlos herumzusitzen, aber er sagte nichts, denn er schien zu wissen, dass Adrian recht hatte: Sie waren in dem gut geschützten Haus am sichersten.
Sowohl Adrian als auch Amber hatten gehofft, dass die Schrift den Namen des Dämons enthüllen würde – etwas, womit sie ihn besser einschätzen konnten –, aber da war nichts gewesen. Während er auf Valerians Antwort wartete, las Adrian noch einmal im Licht seiner Taschenlampe, was Amber aufgeschrieben hatte. Er trug einen Ledermantel – nicht den von dem Dämon zerrissenen – eine dicke Jeans und Motorradstiefel.
»Ich weiß nicht«, sagte der Drache. »Wenn ich zu weit nach Norden fliege, gefriert mein Blut. Ich bin ein tropischer Drache. Weißt du, ihr könntet auch nach Alaska oder so fliegen, und von dort Hundeschlitten oder so was nehmen.«
»Ich würde dich nicht fragen, wenn es einen anderen Weg gäbe«, erwiderte Adrian. »Du kannst uns helfen, einen Dämon abzuwehren – ein Flugzeug voller Menschen brächte das wohl weniger fertig. Selbst bei einem Privatflugzeug könnte immer noch der Pilot getötet werden.«
Seufzend blickte Valerian in den Nachthimmel hinauf und schien es aufzugeben.
»Aber warum griff der Dämon nicht an?«, fragte Sabina. »Als Amber den Entzifferungszauber einsetzte, warum attackierte er uns da nicht? Okay, hier ist Adrians Kraft, aber er hätte ja auch warten können, bis wir aus dem Haus kommen.«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Adrian gedankenverloren.
»Na prima!«, knurrte Valerian.
»Vielleicht ist es ihm inzwischen egal, ob du den Aufenthaltsort deines Bruder findest«, sagte Septimus nachdenklich.
Adrian faltete die Blätter zusammen und steckte sie in seine Tasche. »Ich glaube, er hat seine Gründe. Bist du bereit?«
Die Frage richtete er an Valerian, der mit den Händen in die Hüften gestemmt dastand, das Haar zu einem Zopf gewunden. Valerian stöhnte laut auf und entfernte sich ein Stück von ihnen.
»Nicht hingucken, ich bin schüchtern!«, rief er ihnen zu, bevor er anfing, sich auszuziehen. Amber wandte prompt den Blick ab, bemerkte jedoch, dass Sabina ihm schamlos zusah.
Valerian verwandelte sich nicht in einen Drachen, wie Gestaltwandler in Filmen es tun, deren Körper sich dehnen und deren Haut sich zu Schuppen formt. Er war im einen Moment ein Mensch, im nächsten schlicht ein Drache, und sein riesiger Körper krümmte sich auf dem Strand. Der lange Hals ging in einen gewaltigen Schädel mit rasierklingenscharfen Zähnen über. Spitz zulaufende ledrige Flügel sprossen ihm aus dem Rücken und breiteten sich weit aus, als er zu ihnen zurückgeflogen kam.
»Ich wär so weit«, sagte er. »Falls ich zu einem Eisblock gefriere und ins Polarmeer knalle, ist das ganz allein deine Schuld!«
Adrian ersparte sich die Antwort. Er holte seine Bergsteigerausrüstung hervor, die er aus einem der Wandschränke hervorgezaubert hatte, und sicherte damit sich, Amber und eine Reisetasche mit Proviant und Valerians Kleidung auf dessen Rücken. Der Drache murmelte und knurrte vor sich hin, als sie auf ihn stiegen und sich an ihn schnallten.
»Ja, klar, erwürg mich ruhig!«, sagte er und richtete seine strahlend blauen Augen auf Sabina. »Warte nicht mit dem Essen auf mich, Liebling – könnte später werden.«
Sabina rümpfte die Nase, aber ihre Augen weiteten sich. Sie bewunderte ihn, keine Frage.
Adrian tippte Valerian in den Nacken, um ihm zu bedeuten, dass sie bereit waren, und der Drache erhob sich gleichsam mühelos in die Lüfte. Amber biss sich auf die Zunge, um nicht zu schreien, als der Boden unter ihnen verschwand und mit ihm die Erde, da Valerian direkt über den dunklen Ozean flog.
Adrian lag halb auf ihr und hielt sie mit seinen handschuhverhüllten Händen fest, obgleich sie beide mit Nylonschnüren geschützt waren, um nicht geradewegs in den sicheren Tod zu stürzen. Valerians Flügel schlugen so weit aus, dass sie sich oben beinahe berührten, und brachten sie in einer atemberaubenden Geschwindigkeit voran. Jedes Mal, wenn er die Flügel nach unten schlug, kamen sie ein ganzes Stück höher und schneller voran, bis sie das Tempo eines kleinen Jets erreichten.
Amber klammerte sich an die Gurte und war froh, zwischen Adrian und der Ausrüstung eingeklemmt zu sein. Weiße Wirbel huschten an ihr vorbei – Wolken, in denen ihr Atem gefror. Sie lehnte sich weit über Valerians Nacken und stellte fest, dass die Schuppen sich erstaunlich weich und warm anfühlten, beinahe seidig. Geschmeidig passten sie sich jeder seiner Körperbewegungen an.
Adrian schien die Kälte nicht das Geringste auszumachen, und seine große wärmende Gestalt schirmte Amber größtenteils vom Wind ab.
Sie flogen weiter und weiter. Die helle Küstenlinie wurde rasch immer kleiner, bis nur noch dunkler Ozean unter ihnen war. Erst jetzt spürte Amber, wie erschöpft sie von dem Zauber und dem Schlafmangel war. Das einzige bisschen Schlaf, das sie während der letzten vierundzwanzig Stunden bekommen hatte, war ein kurzes Nickerchen nach dem Liebesakt mit Adrian gewesen.
Als sie sich an die wohlige Müdigkeit erinnerte, wurde ihr wunderbar warm, und ihr Griff um die Gurte erschlaffte bedrohlich. Erschrocken fasste sie sie fester. Zugleich wechselte Adrian die Position leicht, so dass er sie vollkommen abschirmte.
»Ist schon gut«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Ich halte dich.«
Sie musste dringend aufhören, ihm zu gehorchen – oder zumindest sollte ihr Körper aufhören, ihm zu gehorchen. Doch noch während sie es dachte, war da wieder dieser Nebel in ihrem Kopf, und ihr fielen die Augen zu. Valerian wiegte sie mit seinen Flugbewegungen in den Schlaf, Adrian hielt sie fest, also konnte sie ruhig einschlafen.
Erst als der Drache in einen steilen Sinkflug ging, wurde Amber wieder wach. Adrian hielt sie immer noch an sich gepresst, und ihre Frage, was los war, wurde vom Wind geschluckt.
Als sie hinuntersah, erkannte sie, dass Valerian pfeilgerade auf einen dichten Wald zusteuerte. Er zog den Kopf jedoch in letzter Sekunde hoch, um mit einem dumpfen Aufprall auf seinen Hinterbeinen zu landen.
Sie waren inmitten eines Fichtenwaldes, der sowohl im Norden des Bundesstaates Washington sein konnte als auch irgendwo in British Columbia oder vielleicht im Süden Alaskas. Auf jeden Fall war das hier weder ein von Landschaftsarchitekten entworfener Naturpark für übermüdete Städter noch ein von Großunternehmen angelegtes Forstgebiet. Und so unberührt, wie alles wirkte, hatten in dieser Gegend auch noch keine Unternehmen nach Bodenschätzen oder Öl gesucht.
Adrian löste die Gurte und half Amber beim Absteigen. Eigentlich rechnete sie damit, dass Valerian sich wieder in seine menschliche Form zurückverwandelte, doch er rollte sich schlicht zusammen, die Nase an den Schwanz gedrückt, und schloss seine gigantischen blauen Augen.
Da ihre Beine zu sehr zitterten, um sie zu halten, sank Amber kurzerhand auf den Boden. Die Erde unter den Bäumen war relativ trocken und weich, hoch über ihnen raschelte der Wind in den Baumkronen, und ein durchdringender Harzgeruch lag in der Luft.
»Was macht er da?«, fragte sie Adrian mit zittriger Stimme.
»Er muss Kraft schöpfen.« Adrian stemmte die Hände in die Hüften und blickte sich um. Deutlich spürte Amber, wie er Magiefäden in alle Richtungen aussandte, um die Gegend auf mögliche Gefahren zu überprüfen. »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«
»Vielleicht sollten wir doch noch einmal über ein Privatflugzeug nachdenken«, sagte sie, sobald sie wieder bei Atem war. Adrian begann sofort, den Kopf zu schütteln, doch sie hob eine Hand. »Zu gefährlich, ich weiß, aber sollte ich von Valerians Rücken fallen, wird es für mich gefährlich!«
»Ich würde dich nie fallenlassen«, erwiderte Adrian.
Sie glaubte ihm. Seine Kraft war wie ein Sicherheitsnetz, wenngleich sie wusste, dass sie sich alles andere als sicher wähnen durfte. Sie hockte in einem tiefen Wald, fernab von jedweder Zivilisation, und ihre einzige Möglichkeit, hier wieder wegzukommen, bestand darin, auf dem Rücken eines Drachen zu fliegen, der beschlossen hatte, ein Nickerchen zu machen. Sie hatten nichts zu essen und keinen Unterschlupf, und dennoch rief ihr idiotischer Verstand ihr zu: Alles ist gut, Adrian sorgt für mich!
»Ich mag’s nicht, wenn andere für mich sorgen«, sagte sie laut.
Adrian wandte sich zu ihr um. »Wieso nicht?«
»Keine Ahnung. Mein Schicksal in die Hände von jemand anderem zu legen, der mein Vertrauen missbrauchen oder mir wehtun könnte, halte ich nun einmal für eine schlechte Idee. Mir erscheint es klüger, für mich selbst zu sorgen. Und ich will mich um der Liebe, nicht um der Sicherheit willen verlieben.«
Wieder bedachte er sie mit einem rätselhaften, durchdringenden Blick. Sie wollte im Erdboden versinken, als ihr bewusst wurde, dass sie Dinge brabbelte, die nichts mit ihm oder ihr zu tun hatten. Im Grunde sprach sie nur, um ihre Zähne vom Klappern abzuhalten, und sagte, was ihr gerade in den Sinn kam.
Nach einer Weile fragte Adrian: »Glaubst du, ich werde dir wehtun?«
»Nein«, antwortete sie kopfschüttelnd, »aber ich weiß nicht, ob ich tatsächlich an dich glaube oder du nur wieder einmal meine Gedanken steuerst.«
Interessiert lüpfte er eine Braue. »Das fühlst du?«
»Ja, vielleicht weil ich so eine unglaublich fähige Hexe bin. Nehmen Vampire eigentlich richtige Mahlzeiten zu sich?«
Er blinzelte zunächst erstaunt. »Die Ewigen schon. Die niederen Vampire halten sich eher nicht damit auf.«
»Dann war Julio, mein Vampir, ein Ewiger.«
Adrian nickte bedächtig. »Das dachte ich mir schon, wenn er imstande war, eine mächtige Erdhexe wie dich zu blenden.«
»Das sagst du nur, um mich zu trösten. Ich sollte mir idiotisch vorkommen, weil ich nicht merkte, dass er ein Vampir war. Wahrscheinlich habe ich sogar alle Zeichen gesehen, wollte sie aber nicht wahrhaben.«
»Nein. Du warst jung und er sehr stark. Ich weiß, warum er es versucht hat. Mit einer Hexe als Blutsklavin wäre seine Macht um einiges größer geworden.«
»Wie wirkt es sich für dich aus, dass ich eine Hexe bin?«
Wieder sah er sie nur stumm an. Dann legte er plötzlich eine Hand unter ihr Kinn und küsste sie leidenschaftlich. »Ich fühle mich lebendiger«, sagte er.
Während ihr Mund und der Rest ihres Körpers unter seinem Kuss dahinschmolzen, betrachtete sie ihn verwundert. Und ebenso unvermittelt, wie er sie geküsst hatte, kehrte er ihr gleich darauf wieder den Rücken zu, um erneut in den Wald ringsum zu blicken. Hielt er Wache, oder dachte er einfach nach? Amber sah zu dem schlafenden Drachen, dessen Atem überraschend ruhig ging.
»Wie lange wird er voraussichtlich schlafen?«
»Nicht lange«, antwortete Adrian, wandte sich wieder zu ihr um und verschränkte die Arme vor der Brust. »Solange wir warten, kannst du mir vielleicht erzählen, wo genau wir hinwollen.«
Unter seinem prüfenden Blick wurde Amber nervös und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das feucht vom Kondenswasser aus den Wolken war. »Tja, ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich meine, ich kann dir keine Karte zeichnen oder so. Aber ich spüre, welche Richtung wir nehmen müssen, als wäre ich bei der Übersetzung mit einem magischen Kompass versehen worden, der direkt auf Tain zeigt. Vielleicht wollte Tain das und vermittelte es auf die einzige ihm mögliche Weise.«
Adrian sagte nichts, erschien aber zusehends grimmig. Vermutlich fragte er sich, warum Tain sich Amber ausgesucht hatte, statt sich an ihn zu wenden.
»Es kann sein, dass er es nicht konnte«, beantwortete sie die Frage, die Adrian gar nicht laut gestellt hatte. »Falls er von wem auch immer entführt wurde und dieser Dämon versucht, seinen Aufenthaltsort geheim zu halten, konnte Tain dich nicht rufen. Als er die Worte in dem Buch schrieb, waren sie für Susan auf ihrer Reise in der Zwischenwelt bestimmt.«
Damit waren Adrians Zweifel nicht ausgeräumt. »Wenn der Dämon Tain versteckt hält, warum konnte Susan ihn dann sehen? Warum hat sie ihn plötzlich gesehen und konnte diese Sätze notieren, während ich seit Jahrhunderten nicht die kleinste Spur von ihm entdeckte? Ganz zu schweigen davon, dass Sabinas Frage durchaus berechtigt war: Wieso versuchte der Dämon nicht, uns anzugreifen, als du den Zauber eingesetzt hast oder wir entschieden haben, dem Hinweis zu folgen?«
Amber überlegte, das heißt: Sie gab vor, zu überlegen, denn der bittere Geschmack in ihrem Mund war bereits Antwort genug. »Weil es eine Falle ist. Der Dämon lockt uns in eine Falle.«
»Nicht uns«, korrigierte er, »mich.«
»Ja, aber …« Amber wurde panisch, als ihr Gedanken durch den Kopf schossen, die sie lieber verdrängt hätte. »Ich war diejenige, die den Übersetzungszauber ausführen konnte. Ich bin die Einzige, die der Spur folgen kann.«
»Ich weiß. Deshalb hat er mich zuerst zu dir geführt.«
Amber schluckte gegen das Brennen in ihrem Hals an. »Warte mal! Du meinst, der Dämon tötete meine Schwester also, er ließ sie von Tain wissen und ermordete sie dann, und alles nur, um dich in seine Falle zu locken?« Ihr kamen die Tränen, die sie schon viel zu lange zurückgehalten hatte. »Willst du behaupten, Susan starb, weil sie ein Köder war?«
Adrian sagte nichts, denn es gab nichts mehr zu sagen. Falls er recht hatte, dann benutzte der Dämon Susan, um ihn von Los Angeles nach Seattle zu locken, wo er herausfand, was Susan gewusst hatte. Er hatte Susan ermordet, damit Adrian nachforschte, was sie getan hatte. Susan bedeutete dem Dämon nichts – sie war schlicht Mittel zum Zweck für ihn.
Amber liefen die Tränen übers Gesicht. »Er hätte jeden benutzen können! Er hätte sie in Ruhe lassen und sich jemand anders suchen können. Warum musste er ausgerechnet sie nehmen?«
»Nein, nicht irgendjemand«, erwiderte Adrian sanft. »Er wollte Susan … und dich. Er brauchte euch beide.«
Amber stand auf. »Was redest du da? Wir waren keine Anführerinnen mächtiger Zirkel, sondern junge Frauen mit ein paar magischen Fähigkeiten. Andere besitzen weit mehr. Es gibt Frauen im Hexenzirkel des Lichts, die zehnmal mehr Kräfte besitzen als ich. Das ist verrückt! Nein, es kann nicht stimmen!«
Er sah ihr in die Augen, als wollte er sie so dazu bringen, ihn zu verstehen. »Du hast mir erzählt, dass Susan kreativ war, dass sie gern bis an ihre Grenzen ging und waghalsig war. Und du konntest alles, was Susan entdeckte, nehmen und es in mächtige praktische Hexerei verwandeln. Du würdest alles tun, einschließlich einem Unsterblichen helfen, vor dem du dich eigentlich fürchten solltest, um deine Schwester zu rächen.«
»Ich glaube dir nicht! Wie konnte der Dämon das wissen? Warum sollte er uns wollen? Es gibt haufenweise Hexen da draußen, die für ihre Schwestern, Freundinnen oder Geliebten sonst was riskieren würden …«
»Ich vermute, dass er vor zehn Jahren einen Vampir anheuerte, einen Ewigen, der dich verführen und herausfinden sollte, wie gut du bist.«
Amber blieb die Luft weg. »Julio.«
»Julio muss verzweifelt gewesen sein, wenn er freiwillig einem Dämon half. Ewige Vampire müssen nicht so oft Nahrung haben, aber wenn, dann ist ihr Hunger fast unstillbar. Der Dämon könnte Julio unbegrenzte Mengen von Opfern versprochen haben, wenn er ihm im Gegenzug verriet, wie du tickst.«
Tränen liefen ihr über die Lippen, und der Salzgeschmack legte sich auf ihre Zunge. »Das war vor zehn Jahren. Meinst du, er hat so lange im Voraus geplant?«
»Was sind zehn Jahr für einen Ewigen? Sie erleben Jahrtausende wie du Wochen. Ich würde wetten, dass er einige der anderen Hexen im Hexenzirkel des Lichts überprüfte, bevor er die richtige Kombination hatte. Er fand Susan, und dann sah er dich und wusste, ich würde dich beschützen und bei mir behalten wollen. Ich glaube, er ließ sich so viel Zeit, weil er die Falle sehr sorgfältig vorbereiten wollte.«
Amber wischte sich die Augen mit dem Handrücken. »Und warum tappen wir hinein?«
Wieder blickte Adrian zwischen die Bäume, und sie fühlte, dass er sich ihr, wie so oft, verschloss. »Ich will sehen, was der Mistkerl im Schilde führt. Wenn er weiß, wo Tain ist, werde ich dafür sorgen, dass er mich zu ihm bringt.«
»Und wenn er dich in seine Falle lockt, hat er zwei Unsterbliche in seiner Gewalt.«
»Tain ist nicht so stark wie ich. Das war er nie. Ich werde den Spieß umdrehen und meinen Bruder befreien.«
Vor Wut und Angst ballte Amber die Fäuste. »Aber der Dämon ist verdammt stark! Du hast mehrmals gegen ihn gekämpft, und nach dem letzten Mal fand ich dich völlig zerfetzt vor.«
»Da habe ich nicht versucht, ihn zu töten«, entgegnete er abwesend. »Ich wollte Informationen von ihm. Sollte er uns erwarten, mit oder ohne Tain, werde ich ihn umbringen.«
Seine Augen funkelten vor grimmiger Entschlossenheit, aber immer noch sah er Amber nicht an. Er wollte diese Schlacht, so viel erkannte sie an der Art, wie er die Lippen zusammenpresste. Er würde kämpfen, bis er nicht mehr konnte, und Amber wurde eiskalt bei der Vorstellung, was ihm der Dämon antun könnte, sollte Adrian ihm in die Hände fallen.
Sie war es leid, Menschen an diesen Dämon zu verlieren, die ihr lieb und teuer waren. Es musste einen anderen Weg geben, als in die Falle des Dämons zu laufen und sie gegen ihn wenden zu wollen, auch wenn Amber zugab, dass ihr momentan keiner einfiel.
Adrian würde versuchen, Amber vor dem Dämon zu beschützen, wahrscheinlich Valerian zur Hilfe einspannen, aber da hatte sie auch noch einiges mitzureden. Sie kannte die Aura des Drachen, seit er ihr beim Zauber geholfen hatte, und sie könnte Valerians Vertrauen gewinnen oder ihn zumindest dazu bringen, sich auf ihre Seite zu schlagen. Falls nötig, würde sie ihn sogar erpressen.
In diesem Moment erwachte Valerian und streckte sich. Beim Rascheln seiner Schuppen verstummten sogleich sämtliche Tierlaute im Wald, denn die Lebewesen hier erkannten, dass ein gigantischer Räuber mitten unter ihnen war. »Bereit zum Aufbruch?«, grollte er.
Adrian und Amber sahen sich an, dann wandte Adrian den Blick ab und half Amber schweigend, sich auf Valerian festzuschnallen, bevor sie ein weiteres Mal in die eisige Atmosphäre aufstiegen.
Valerian konnte nur bis zu einem kleinen Fischerdorf im Norden Alaskas fliegen. Bewegte er sich weiter nördlich, würde sein Drachenblut gefrieren, sagte er. Aber Amber hatte Tains genauen Aufenthaltsort noch nicht erspürt.
»Weiter nach Norden, mehr weiß ich nicht.«
Sie fanden ein kleines Motel an der Hauptstraße in der Nähe des einzigen Stoppschilds im Ort. An der Rezeption stand eine Frau, die sie misstrauisch beäugte, während im Zimmer hinter ihr zwei Kinder herumschrien. Ihr Misstrauen war verständlich, da sie offensichtlich keine Einheimischen waren und auch nicht wie die üblichen Sportangler aussahen, die sich so weit nach Norden trauten.
Es gab nur ein einziges freies Zimmer, der Rest war belegt oder musste renoviert werden. Adrian bezahlte. Später kam ein zierliches Dienstmädchen mit einem Stapel Handtücher an die Tür, das versuchte, an Amber vorbei ins Zimmer zu sehen. Natürlich waren alle neugierig, was die drei Fremden hier wollten. Das Dienstmädchen schien enttäuscht, als Adrian lediglich telefonierte und Valerian sich gelangweilt durch die Fernsehsender zappte.
»Die sollten echt einen besseren Kabelanschluss beantragen!«, murmelte er.
Sein Menschengesicht war eingefallen und müde. Die Tausende von Meilen, die er geflogen war, forderten eben ihren Tribut. Amber hatte ihnen einen Riesenberg chinesisches Essen aus dem einzigen Restaurant der Stadt bestellt, das zugleich der Haupttreffpunkt der Einwohner zu sein schien. Und Adrian telefonierte, um ihnen eine Ausrüstung für die weitere Reise zu mieten oder zu kaufen.
Gähnend streckte Valerian die Beine aus. »Ich könnte Wochen durchschlafen.«
»Kannst du vielleicht auch.« Adrian legte den Hörer auf. »Ich gehe davon aus, dass Amber und ich noch einen weiten Weg vor uns haben. Ich habe uns gerade Motorräder für über Land besorgt und Skier, mit denen wir übers Eis kommen.«
»Tut mir leid«, murmelte Valerian.
»Du hast schon genug getan«, versicherte Amber ihm. »Iss, schlaf und bring dich auf den neuesten Stand deiner Lieblingsserien.«
Valerian grinste. »Hey, vielleicht leistet mir ja das kleine Zimmermädchen Gesellschaft.« Sein Lachen klang hohl, aber etwas kräftiger. »Besser wär’s allerdings gewesen, wenn wir die Werwölfin mitgenommen hätten.« Dabei wippte er mit den Brauen, um den anderen beiden zu bedeuten, wozu er Sabina gern dabeihätte.
»Sie beißt!«, warnte Amber ihn.
»Das will ich doch hoffen.« Valerians Grinsen war ansteckend. Von der Spannung zwischen Amber und Adrian bekam er überhaupt nichts mit und fragte gähnend: »Wo bleibt das Essen?«
Kurz darauf klopfte der Lieferservice. Obwohl es Ende April war, schneite es. Der Himmel war noch hell, bereitete sich die nördliche Hemisphäre doch auf die bevorstehende Mitternachtssonne vor.
Valerian aß von ihnen allen am meisten. Amber hingegen hatte trotz der langen Reise keinen großen Hunger, und Adrian aß überhaupt nichts. Appetitlos stocherte sie in ihrem Rindfleisch mit Brokkoli herum, während Valerian mindestens vier Portionen Kung-Pao-Hum inhalierte und die Mu-Shu-Shrimps vernichtete, die für Adrian vorgesehen waren. Anschließend machte der Drachenmann sich auf dem Bett lang, bedeckte sich die Augen mit dem Unterarm und schlief ein.
Adrian studierte eine Karte, die ihm von dem Laden rübergeschickt worden war, wo er die Motorräder gemietet hatte. Die Straßenkarte war größtenteils weiß mit wenigen zumeist unbefestigten Wegen. Als Nächstes faltete er eine Reliefkarte auseinander, mit der Amber nicht allzu viel anfangen konnte, auch wenn sie ihren Ort am Rande eines riesigen Nichts erkannte.
»Gibt’s bei dem Motorradverleih GPS-Geräte?«, fragte sie. »Ich würde mich ungern in dem ganzen Eis da draußen verirren.«
»Wir werden uns nicht verirren«, sagte Adrian, ohne von der Karte aufzusehen.
»Wenn ich doch nur genau sagen könnte, wohin wir müssen! Aber ich weiß bloß, dass es diese Richtung ist.« Sie zeigte sie vage auf der fast leeren Karte an.
»Dann fahren wir in diese Richtung.« Adrian drehte sich zu ihr um und sah sie an. Wieder merkte sie, dass er in ihre Gedanken eingriff. Er wollte sie dazu bringen, zu tun, was er wollte.
Amber beugte sich vor und küsste ihn, worauf ihr prompt heiß wurde und sie wünschte, sie hätten zwei Zimmer. Adrian erwiderte und vertiefte ihren Kuss, so dass sie seine würzige Zunge schmeckte.
»Schlaf jetzt!«, wies er sie an, und sofort fühlten ihre Glieder sich schwer an. »Ich wecke dich, wenn wir losmüssen.«
Amber wollte dagegen ankämpfen, doch ihre Augen brannten, und sie gähnte. Vollständig bekleidet, kroch sie unter die dünnen Laken in dem zweiten Bett. Von hier aus sah sie nur Adrians Rücken. Er hatte sich wieder über die Karte gebeugt. Während sie einschlief, sah sie, dass er den Kopf hob und etwas in die Luft sprach. Sie glaubte, einen dünnen Nebel zu sehen, der sich vor ihm bildete, aber je mehr sie sich anstrengte, etwas zu erkennen, umso bleierner wurde ihre Müdigkeit.
Er drehte sich zu ihr und streckte ihr beide Hände entgegen, die Innenflächen nach oben gerichtet. »Schlaf ein, Amber!«
Diesmal war die Verlockung zu groß, als dass Amber hätte widerstehen können, und sie fiel in einen tiefen Schlaf. Als sie wieder aufwachte, waren beide Männer fort.