Kapitel 4
Adrian vergrub das Gesicht an Ambers Hals und ließ sich von ihrem wunderbaren Duft trösten. Er war so daran gewöhnt, mit seiner Trauer allein zu sein, dass ihn ihr Mitgefühl verwirrte.
Ihr zu zeigen, was an jenem Tag geschah, als Tain verschwand, war schwerer gewesen, als er gedacht hatte. Ein kurzes Aufblitzen, das war alles, auch wenn für sie alles in Echtzeit ablief. Aber selbst der winzige Moment, in dem er seinen Schock noch einmal durchlebte, war ungemein schmerzlich.
Sie hatte recht: Wenn Menschen jemanden gewaltsam verloren, gaben sie sich die Schuld, weil sie es nicht verhinderten. Ich hätte es wissen müssen, hätte es erkennen müssen, hätte da sein müssen!
Immer noch war er sich nicht sicher, warum er ihr alles anvertraute, aber die Zeichnung von Tain im Notizbuch ihrer Schwester hatte ihn dazu gebracht. Wie konnte Susan ihn gesehen haben, und was hatte die Dämonenschrift mit alldem zu tun?
Amber hob den Kopf und sah ihn an. Er wusste, dass sie ihm Trost und Mitgefühl anbot, aber ihre braunen Augen versprachen noch mehr – eine sinnliche Frau, die gar nicht ahnte, wie sinnlich sie war. Als er sie küsste, sträubte sie sich nicht, und auch nicht, als er sie aufs Bett legte und sich auf ihr ausstreckte.
Sie schmeckte ebenso süß, wie sie duftete. Genüsslich küsste er ihren Hals, während sie über seinen Rücken strich und mit den Fingern in seine Jeans glitt.
»Wusste ich’s doch!«, flüsterte sie. »Du trägst keine Unterwäsche.«
Ihr Lächeln hatte eine enorme Wirkung auf ihn. Nicht nur wärmte es sein eisiges, einsames Herz, sondern es erhitzte noch ganz andere Partien seiner Anatomie. Seine Erektion wuchs, als ihre Finger über seinen Po streichelten und in den Spalt eintauchten. So kurz erst kannte er sie, doch schon war sein Verlangen nach ihr übermächtig. Er hoffte bei Isis, dass es kein Dämonentrick gewesen war, der ihn zu ihr führte.
Aber nein, sie fühlte sich zu echt an, um eine Täuschungsgestalt zu sein. In ihren Augen und Gedanken erkannte er nichts außer ihr selbst, und in diesem Haus gab es nichts Böses außer dem, womit ihre Schwester experimentiert hatte. In Ambers Zimmer schwangen ausschließlich ihre eigene, saubere Magie, ihre allmorgendliche Anbetung von Göttin und Gott und Zauber, die sich in den Jahren, in denen sie heranwuchs, überlagert hatte.
Ihre Finger wirkten unterdessen einen ganz eigenen Zauber, der Adrians Haut erhitzte und sein Glied anschwellen ließ. Er brauchte sie. »Wenn du nicht aufhörst …«
Sie sah ihn mit strahlenden Augen an. »Was dann? Werde ich es bereuen?«
»Das hoffe ich«, raunte er.
Sie nahm ihre Hände aus seiner Hose und strich über die Narben auf seinem Rücken. Amber war die einzige Frau, die verstand, was seine Narben bedeuteten. Die meisten anderen schlossen die Augen, sobald sie seinen Rücken sahen, oder waren zu sehr damit beschäftigt, unter ihm zu quietschen, um sie zu bemerken. Amber jedoch erkannte, dass diese alten Wunden zu ihm gehörten, und sie fürchtete sich nicht vor ihnen.
Er knabberte zärtlich an ihrem Hals und atmete ihren Duft ein. Vor Wonne erschauderte sie und räkelte sich unter ihm, so dass ihr Busen sich an seiner Brust rieb.
»Hast du nicht gesagt, du bist kein Vampir?«, neckte sie ihn schmunzelnd.
»Das heißt nicht, dass ich dich nicht schmecken will.«
Zu seiner Überraschung leckte sie seinen Hals, vom Schlüsselbein bis zum Kinn. »Du schmeckst auch nicht schlecht.«
Er öffnete ihr Nachthemd und bedeckte die kleine Vertiefung unten an ihrem Hals mit federleichten Küssen. Dann glitt er mit einer Hand unter den dünnen Stoff und umfasste ihre Brust. Die Brustwarze reckte sich warm und fest seiner Handfläche entgegen.
Gleichzeitig wanderte ihre Hand um seine Taille und öffnete den Knopf seiner Jeans. Er änderte seine Position, damit sie ihn besser erkunden konnte, und unterdrückte ein tiefes Stöhnen, als ihre Finger sich auf seinen festen Schaft legten, der gegen den Reißverschluss drückte.
Sie machte große Augen. »Göttin! Welche Größe hast du? Fünfzig?«
»Gibt es feste Größen?«, fragte er verwundert.
»Angeblich entspricht sie der Schuhgröße.«
Er wollte lachen, dabei hatte er immer noch Tränen in den Augen. Obwohl er noch Tains Angst fühlte, als er ihn um Hilfe anflehte, brachte sie ihn zum Lachen.
Sie glitt mit den Fingern zwischen seinen Bauch und sein erigiertes Glied und streichelte es, bis er von oben bis unten ein pulsierendes Kribbeln empfand. Wenn er sie nehmen würde, würde es höchst befriedigend, und er beließ es ganz gewiss nicht bei einem Mal.
Er öffnete seine Jeans und spreizte die Beine leicht, so dass sie ihn besser anfassen konnte. Ihre Brüste waren inzwischen vollständig entblößt, rund, fest und bettelten geradezu darum, von ihm geküsst zu werden.
Ebenso sehr, wie er sich wünschte, dass sie mit ihm spielte, wollte er auch sie erkunden. Er stützte sich auf einen Ellbogen, und während sie ihn weiterstreichelte, nahm er ihre Brustknospe in den Mund, ließ seine Zunge darauf flattern und sog zärtlich an ihr.
Ihm wurde immer heißer, je fester ihre Finger an seinem Schaft rieben. Und er ballte die Hand im Laken, als sie einen Tropfen Flüssigkeit auf der Spitze seines Penis fand und ihn geschickt darauf verteilte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er kam. Im Geiste hörte er Ferrin höhnisch lachen: Adrian, der mächtige, allzeit beherrschte Krieger!
Amber lächelte ihn an. »Danke, dass du mich gerettet hast!«
Er biss die Zähne zusammen, um seinen Orgasmus zurückzuhalten, und antwortete heiser: »Ich genieße es immer wieder, mein Schwert in einen Dämon zu treiben.«
»Schade, dass er davongekommen ist.«
»Ich werde ihn finden«, versprach er, »und ihn dazu bringen, ein paar Fragen zu beantworten.« Er stöhnte und kämpfte gegen seine wachsende Erregung, während Ambers Finger sich noch fester um sein Glied schlossen.
»Ich möchte vor allem eine Antwort von ihm«, sagte sie entschlossen.
Adrian lockerte ihren Griff ein wenig. »Erinnere mich dran, dich nie zu verärgern. Dein Griff ist gefährlich!«
»Entschuldige.« Ihre Berührung wurde sanfter, und sie schien auf einmal nachdenklich. »Wenn du zur Zeit der ersten ägyptischen Dynastie geboren wurdest, wie kommt es dann, dass du modernes Englisch sprichst?«
»Weil du mich nicht verstehen würdest, wenn ich uraltes Ägyptisch spräche«, sagte er. »Außerdem hat sich die Ausdrucksweise in den letzten sechstausend Jahren nicht wesentlich verändert. Wir alle greifen auf Standardformulierungen zurück, wenn uns etwas wichtig ist.«
»Und ist das hier jetzt wichtig?«
»Dir zu begegnen war mit das Wichtigste, was mir in einer sehr langen Zeit widerfahren ist. Ich weiß nicht genau, weshalb, aber es ist sehr wichtig.«
Sie betrachtete ihn, als wollte sie seinen Selbstschutz durchbrechen und geradewegs in ihn hineinsehen. Das konnte er nicht zulassen – noch nicht. Was er war, könnte sie verletzen, und das Letzte, was er dieser Unschuld antun wollte, war, ihr Schmerz zuzufügen.
Behutsam griff er in ihre Gedanken ein und sorgte dafür, dass sie sich nicht mehr fragte, wer er war. Prompt wurde sie schläfrig, und ihr fielen die Augen zu. Dabei streichelte sie ihn weiter, und Adrian legte sich auf den Rücken, um das Gefühl auszukosten, das sie ihm bescherte.
Das Verlangen nach einem Orgasmus schwand, nicht aber die Erregung. Er bewegte die Hüften, so dass seine Erektion zwischen ihren Fingern hin- und herglitt. Im Halbschlaf seufzte Amber wohlig, als wäre das, was sie hier taten, für sie ebenso befriedigend wie für ihn.
Er wollte sie nehmen, und ihm fiel kein Grund ein, warum er es nicht tun sollte: Sie waren allein in ihrem Bett, mussten sich vor niemandem rechtfertigen und nirgendwohin. Er könnte sich tief in ihr befriedigen und sie wieder und wieder zum Höhepunkt bringen, bis sein Kummer in der lauen Nacht verblasste.
Nach einer Weile öffnete sie die Augen und sah ihn an. Da wusste er endgültig, dass sie es genauso sehr wollte. Beide erlebten sie den Kitzel, wie ihn zwei Fremde verspüren, die sich entschließen, Sex zu haben, bloß dass er den verstörenden Eindruck hatte, sie schon sein ganzes Leben lang zu kennen.
Plötzlich verwandelte Ferrin sich auf seinem Arm in die Schlange und schlich über das Bett. Dabei berührte er Amber, die zusammenzuckte und Adrian losließ. »Könnte er das vielleicht lassen?«
Ferrin bewegte sich zum Fenster, hob den Kopf und spreizte sein Schild.
»Was ist los, mein Freund?«, fragte Adrian, der nichts Gutes ahnte.
Ferrin schwankte ein wenig, ohne die Augen vom Fenster abzuwenden. Ha, mir juckt der Daumen sehr, etwas Böses kommt hierher.
»Du hast keine Daumen«, konterte Adrian, rollte sich aber dennoch von Amber weg und machte sich die Hose wieder zu. Amber raffte ihr Nachthemd oben zusammen und sah aufmerksam zum Fenster.
»Es könnte auch bloß Sabina sein«, sagte sie. »Sie wollte heute Nacht doch draußen bleiben.«
»Nein.« Adrian spürte, dass sich schwarze Magie näherte, weil alles Licht, alle Hoffnung und aller Lebensmut deutlich gedämpft wurden. »Das ist kein Werwolf.«
Ferrin zischte noch einmal und wirkte unruhig. Dämon!, züngelte die Schlange warnend, und im selben Moment brach auch schon die Hölle los.
Das Fenster zerbarst, und eine Böe von der Stärke eines Tornados tobte durchs Zimmer, die Bücher, Papiere, Kerzen und allen losen Krimskrams sowie kleine Möbelstücke verwirbelte. Das Bett erzitterte und begann, mit allen sonstigen Möbeln vom Boden abzuheben. Mit dem Wind legte sich eine unheimliche Finsternis wie ein ausgeworfenes dichtmaschiges Netz über den Raum, das sie zu ersticken drohte.
Ein Stuhl krachte gegen die Wand, worauf sich ein Splitterregen auf Adrians nackten Rücken ergoss. Holzstücke bohrten sich wie Nadeln in seine Haut. Amber duckte sich unter ihn, doch weder weinte sie, noch wurde sie ängstlich. Vielmehr wurde sie zornig. »Dieses Haus ist geschützt! Wie kann hier schwarze Magie eindringen?«
»Der Dämon kam mit unserer Vision hierher. Ich brachte ihn herein.« Adrian beugte sich weit über sie, als eine Regalladung Bücher herbeiflog und auf ihn niederprasselte.
»Selbst bei Reisen in die Zwischenwelt soll der Schutz gegen schwarze Magie intakt bleiben!«, rief Amber über den Lärm hinweg.
»Nicht, nachdem deine Schwester etwas davon hereingelassen hat.«
Der Wirbelwind hob Kristalle hoch und schleuderte sie gegen den Spiegel über der Kommode. Glasscherben schossen wie Munition durchs Zimmer und schnitten in Adrians bloßen Oberkörper. Eine flog sogar an ihm vorbei und traf Amber in die Wange.
Nun kochte Adrian vor Wut. Er sprang auf und wehrte eine Lampe ab, die mit hundert Meilen die Stunde auf ihn zugeflogen kam. Ferrin schlich unters Bett. Feiges Vieh!
Adrian breitete die Arme aus und brüllte ein uraltes Kommandowort, wobei seine Stimme mühelos das Rumpeln und Tosen des widernatürlichen Sturms übertönte. Die Laute röhrten buchstäblich aus seiner Kehle, zornerfüllt und unerbittlich. Es handelte sich um ein Machtwort, das er selten benutzte und das aus den Anfängen der Zeit stammte. Seit Tausenden von Jahren war es in dieser Welt nicht mehr vernommen worden. Aus gutem Grund, war es doch gefährlich und verriet den Unsichtbaren der Welt genau, was und wo er war.
Schlagartig war der Wind verschwunden. Für einen absurden Moment hingen Ambers Bücher, Papiere und Kristalle in der Luft, ehe alles scheppernd und donnernd auf dem Fußboden landete. Glas zersprang, Papiere flatterten, und dann war auf einmal alles still.
Amber zog sich am Bett hoch. »Ist es vorbei?«
»Fürs Erste ja. Du kannst wieder rauskommen, Ferrin.«
Die Schlange lugte vorsichtig unter dem Bett hervor und züngelte misstrauisch, bevor sie rasch am Bettpfosten hinaufglitt und sich unter eines der Kissen verkrümelte.
»Pack ein paar Sachen zusammen«, sagte Adrian, »und so viel von Susans Recherchen, wie du kannst!«
Amber blickte sich unglücklich in dem Chaos um. »Wozu?«
»Wir können nicht hierbleiben. Der Dämon hat sich an unsere Vision gehängt, und er wird wieder einen Weg finden, ins Haus zu gelangen. Wir müssen alles wegbringen, was Susan herausgefunden hat.«
»Aber du hast den Angriff doch abgewehrt!«
»Nein, ich konnte lediglich Zeit schinden.« Er nahm Ambers Hände und zog sie zu sich hoch. »Das ist kein gewöhnlicher Dämon. Er ist ein Wesen aus ganz früher Zeit, ein Ewiger, noch älter als ich. Meine Brüder und ich wurden geschaffen, um gegen solche Dämonen anzutreten, aber es bedarf unserer gebündelten Kräfte, wollen wir ihn besiegen. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch welche dieses Kalibers gibt.«
»Ein Dämon, der noch schlimmer ist als die gängigen?« Amber riss die Augen weit auf. »Na super!«
»Er tötete deine Schwester und ist hinter irgendetwas her – vielleicht hinter dem, was sie über Tain wusste. Deshalb müssen wir Tain finden, bevor er es tut.«
»Welches Interesse hat ein so uralter Dämon an deinem Bruder?«, fragte sie stirnrunzelnd.
»Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich bin ich schlauer, wenn ich die alte Schrift entziffert habe.«
Amber ergriff seine Hand, und ihre fühlte sich warm an – sie war immerzu warm. »Was ich meine, ist: Wieso sucht er nach deinem Bruder, wo du direkt vor seiner Nase bist? Wenn er einen Unsterblichen will, warum nimmt er dann nicht dich?«
Adrian schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich bin ziemlich mächtig und schwer zu besiegen. Tain wird seit siebenhundert Jahren vermisst. Aber wenn ein Dämon sich plötzlich für ihn interessiert, will ich den Grund wissen.«
»Ich kann nicht einfach weggehen, Adrian. Ich habe Klienten. Und ich habe Schüler, denen ich beibringen muss, wie sie Kerzenzauber ausführen, ohne sich versehentlich in die Luft zu sprengen.«
»Sie werden sicherer sein, solange du nicht in der Nähe bist.«
Der Krieger in ihm verlangte nach Taten, nicht nach Worten. Eben noch hatte er vorgehabt, seine Anspannung durch einen fantastischen Orgasmus loszuwerden, und dann musste er stattdessen eine gewaltige Menge Magie aufbringen, um den Riss zu schließen, durch den der Dämon zu ihnen gelangt war. Und jetzt wollte er nur noch Amber in Sicherheit bringen und sich danach in die Schlacht stürzen. Dafür war er geschaffen. Verbale Auseinandersetzungen dagegen waren schlicht nicht sein Stil.
»Und wohin sollen wir, bitte schön?«, fuhr sie fort. »Dieses Haus ist seit anderthalb Jahrhunderten geschützt. Und wenn der Dämon hier hereinkommt, wo könnten wir da sicherer sein?«
»In meinem Haus.«
»Wohnst du nicht in Los Angeles?«, fragte sie ihn entgeistert.
»Ja. Du musst nicht viele Sachen mitnehmen. Wir können dort alles kaufen, was du brauchst.«
Amber schaute sich wieder in dem Tohuwabohu um, und Adrian sah an ihrem Hals, wie ihr Puls raste. Unwillkürlich dachte er daran, wie wunderbar ihre Haut schmeckte. Sein Adrenalin steigerte noch sein Verlangen nach ihr, aber dem durfte er auf keinen Fall nachgeben.
»Was ist mit meinem Haus?«, wandte Amber ein, die keine Ahnung hatte, wie gern er sie inmitten dieses Durcheinanders vernaschen würde. »Was hält den Dämon ab, es vollständig zu zerstören?«
»Er wird uns folgen.«
»Ich nehme an, das soll mich beruhigen«, sagte sie trocken.
»Der sicherste Ort für dich ist bei mir.« Adrian holte einen Koffer aus dem Wandschrank und schleuderte ihn aufs Bett. »Entweder fängst du sofort an zu packen, oder ich mache es! Und dir ist klar, dass ich die falschen Sachen mitnehme. Seit fünftausendvierhundert Jahren beobachte ich die Menschen, aber ich kapiere immer noch nicht, welche Kleidungsstücke Frauen wichtig finden.«
Amber sah aus, als hätte sie noch einige Einwände in petto, aber schließlich ging sie zur Kommode, die vom Wirbelsturm ganz in die Ecke gehievt worden war, und zog die oberste Schublade auf. »Flugtickets in letzter Minute kosten ein Vermögen. Oder hast du zufällig einen Privatjet?«
»Wir werden nicht fliegen.« Er verdrängte das Bild von ihnen beiden hinten in einem Flugzeug, wo er sie küsste und sie direkt an der Kabinenwand nahm. »Ich möchte lieber nicht in einem Flugzeug eingesperrt sein, wenn mir ein mächtiger Dämon hinterherjagt. Außerdem brächten wir damit alle an Bord in Gefahr. Er könnte die anderen Passagiere oder die Piloten als Geiseln nehmen.«
»Wohingegen dich keinerlei Skrupel zu plagen scheinen, dass du mich in Gefahr bringst«, entgegnete Amber und stopfte Unterwäsche in ihren Koffer.
»Du bist bereits in Gefahr, und ich behalte dich unter meinem Schutz. Wir nehmen deinen Wagen.«
Sie blinzelte. »Der ist sicher?«
»So sicher, wie es überhaupt geht. Du schützt dein Auto doch, oder?«
»Selbstverständlich, aber bis Los Angeles fährt man – wie lange? – sechzehn Stunden?«
Er hob die Notizbücher auf, die mit ihnen zu Boden gefallen waren, warf sie in den Koffer auf die Unterwäsche – besser gesagt: auf ihre Spitzendessous. »Ich glaube schon, aber das macht nichts. Ich kann fahren, während du schläfst. Nimm dir meinetwegen ein paar CDs mit. Ich mag Stevie Ray Vaughan.«
Eine halbe Stunde später rasten sie südwärts durch Seattle in Richtung Oregon, dem nördlich an Kalifornien angrenzenden Bundesstaat. Amber warf Adrian einen Seitenblick zu, der vollkommen ruhig und gelassen hinterm Steuer saß, allerdings den Verkehr um sie herum sehr genau im Auge behielt.
Sie hatten gut und gern sechzehn Stunden Fahrt vor sich, gejagt von einem Dämon, und er dachte über CDs nach! Währenddessen fühlte Amber sich unausweichlich in etwas hineingezogen, das ihre Kräfte bei weitem überstieg und um ein Vielfaches entsetzlicher werden dürfte als der Mord an Susan. Noch dazu war Adrian – ebenjenes Wesen, das sie in den ganzen Schlamassel hineingezogen hatte – inzwischen der Einzige, der sie schützen konnte.
Die Lichter der Großstadt huschten über die Windschutzscheibe. Zu dieser nächtlichen Stunde herrschte kaum Verkehr auf den Straßen, so dass sie schnell vorankamen. Von der Bucht waberten gespenstische Nebelschwaden herüber, und Amber war froh, dass sie sich in letzter Minute noch ihre Jacke gegriffen hatte.
Adrian lehnte sich auf dem Fahrersitz zurück, eine Hand am Lenkrad, und genoss es sichtlich, zu fahren. Sein schwarzes Haar hatte er wieder zu einem Zopf gebunden, wenn auch nur mit einem Band, so dass es ihm hinten offen auf den Rücken fiel. Mit seinem kantigen Gesicht und den verführerischen Augen könnte er beinahe wie ein Held aus einem Schnulzenroman aussehen, wären da nicht die etwas zu harten Züge, die zweifellos Jahrtausenden von Erfahrung geschuldet waren. Er hatte vieles gesehen, viel gekämpft. Nein, ein Schönling war er ganz und gar nicht.
Über seinem immer noch fleckigen T-Shirt trug er wieder seinen Ledermantel, in dem der Riss klaffte, den der Dämon mit seiner Eisenstange verursacht hatte. Amber strich mit der Hand über die Risskante des Leders, während Adrian den Wagen in eine Kurve lenkte.
»Tut mir leid wegen deines Mantels«, sagte sie, um überhaupt etwas zu sagen. Seit sie auf der Stadtautobahn waren, hatten sie kein einziges Wort gesprochen.
Er zuckte nur mit den Schultern. »Ich habe noch einen.«
Dann schwieg er wieder und achtete auf die wenigen Wagen um sie herum. Seit ihrer überstürzten Abfahrt hatten sie nichts mehr von dem Dämon gehört.
»Wie sind wir ihn losgeworden?«, fragte Amber. »Ich habe noch nie vorher eine solche Macht gefühlt, aber du hast den Sturm einfach so aufgehalten.«
»Ein uralter Zauber«, antwortete er in einem Ton, als würde er ständig mit derlei Magie um sich werfen. »Das magische Äquivalent zum Tränengas.« Er rieb sich die Hand. »Allerdings nicht einfach heraufzubeschwören.«
»Dir schien es keine große Mühe zu machen.«
»Der Schein trügt. Mein Bruder Hunter ist besser im Aussprechen von Machtworten als ich – wahrscheinlich weil er dadurch die Möglichkeit hat, das Meiste im Sitzen zu erledigen.«
»Ist er auch ein Unsterblicher?« Als Adrian nickte, fragte sie: »Wie kommt es, dass ich noch nie von Unsterblichen gehört habe, obwohl es euch schon so lange gibt?«
Wieder zuckte er mit den Schultern, dass sein Ledermantel knirschte. »Viel von dem Wissen über Unsterbliche ging verloren.«
»Dann klär mich auf!«, sagte sie ein wenig gereizt. »Wir haben eine lange Fahrt vor uns und jede Menge Zeit.«
Adrian sah sie kurz an, und sie glaubte schon, er würde ihr nicht antworten. Schließlich aber atmete er tief durch und begann zu erzählen.
»Wir sind insgesamt fünf: Kalen, Darius, Hunter, Tain und ich. Vor Jahrtausenden schuf man uns, damit wir die Kreaturen der Todesmagie in Schach halten. Sie fingen zu jener Zeit an, die menschliche Zivilisation zu vernichten. Du bist eine Hexe, du weißt, dass die Lebens- und die Todesmagie – oder die weiße und die schwarze Magie – stets im Gleichgewicht sein müssen, weil andernfalls das Universum ins Chaos stürzt. Wir sind also quasi die Garanten des Gleichgewichts. Anfangs waren die Dämonen unglaublich mächtig und allzeit bereit, der Welt sozusagen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Sie lieben das Chaos und den Tod. Gleichzeitig tauchten die ersten Vampire auf. Sie sind zwar nicht mit den Dämonen befreundet, ernähren sich jedoch genau wie sie vom Tod. Du hättest die Gesichter der Vampire sehen sollen, als sie erstmals Unsterblichen gegenüberstanden. Mann, hatten wir einen Spaß!«
»So wie an dem See, als du die ganzen Dunkelfeen getötet hast?«
»Besser. Die Vampire und Dämonen, mit denen ich damals zu tun hatte, hielten sich für unverwundbar, und ich überzeugte sie vom Gegenteil.«
Er prahlte nicht, sondern legte lediglich die Fakten dar.
»Es gibt immer noch Vampire und Dämonen«, sagte Amber, »und nicht zu knapp. Aber mir kam noch nie etwas von einem Unsterblichen zu Ohren.«
Sie waren inzwischen am Stadtrand, wo Adrian auf eine andere Autobahn abbog. »Die Vampire und Dämonen von heute sind nur mehr ein blasser Abklatsch der früheren. Wir töteten die Schlimmsten von ihnen vor Jahrtausenden. Die heutigen sind gerade stark genug, um die Lebens- und Todesmagie im Gleichgewicht zu halten, nicht aber, um die Balance zu ihren Gunsten zu verschieben. Folglich wurden wir seit langem nicht mehr gebraucht.«
»Wo sind die anderen von euch? Hunter und Darius und …«
Adrian schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht. Kalen hat immer schon sein eigenes Ding durchgezogen. Er war zum Schutz bestimmter Menschen abgestellt. Hunter stieg ungefähr zu der Zeit aus, als Tain verschwand, und Darius ging nach Ravenscroft zurück. Ob er in die Welt zurückkehren könnte, ist schwer zu sagen. Jedenfalls befand er es nicht für nötig, nach mir zu suchen – keiner von ihnen.«
Er mochte sich gleichgültig geben, aber Amber spürte, wie angespannt er unter dieser Fassade von Gelassenheit war.
»Es tut mir leid, dass sie keinen Kontakt zu dir aufgenommen haben.« Der Zusammenhalt in ihrer eigenen Familie war ihr stets sehr wichtig gewesen.
»Na ja, ich habe ja auch nicht nach ihnen gesucht«, entgegnete er ungerührt. »Wir haben uns nichts zu sagen. Kalen konnte mit uns anderen nie sonderlich viel anfangen. Die Etrusker machten ihn zu einem Gott.« Er schnaubte verächtlich.
»Mir war immer schleierhaft, wieso er glaubte, dass es wichtiger sei; Aquädukte zu bauen, als gegen das Böse zu kämpfen. Bei der Göttin, haben wir gekämpft!« Für eine Weile verfiel er in Schweigen, als hinge er seinen Erinnerungen nach. »Darius ist eine gutgeölte Kampfmaschine – hat Tattoos am ganzen Körper, die sich bei Berührung in alle möglichen Waffen verwandeln. Er ist ein echter Pedant, wenn es um die Pflicht geht – traut keinem außer sich selbst zu, eine Arbeit richtig zu machen, auch mir nicht.«
»Und Hunter …« Er schüttelte den Kopf. »Hunter ist einfach nur irre. Kali ist seine Mutter. Sie verlieh ihm etwas von ihrer Macht, mit Wirbelstürmen Verwüstungen anzurichten. Wir sind Brüder, das heißt eigentlich Halbbrüder mit einem menschlichen Vater und unterschiedlichen Manifestationen der Göttin als Mutter. Darius stammt von Sekhmet, Kalen von Uni, Hunter von Kali. Wir sind praktisch Brüder und Einzelkinder zugleich – das ist schwer zu erklären.«
»Und ihr habt euch seit ungefähr 1300 nicht mehr gesehen?«
»Ja, ungefähr.«
»Was habt ihr vorher gemacht?«, fragte sie interessiert. »Ich meine, zwischen 2500 vor Christus und 1300? Gegen das Böse gekämpft?«
»Ja das, und wir trainierten, spielten Karten, tranken, was gerade gebrannt oder fermentiert wurde, lebten auf Ravenscroft und warteten, bis man uns rief. Früher konnten Hexen oder andere Wesen der weißen Magie einen Zirkel formen, einen Beschwörungsgesang anstimmen und, puff, war ein Unsterblicher zur Stelle, um die bösen Buben zu vertreiben.«
Amber erschrak. »Wenn jetzt jemand diesen Rufzauber ausführt, würdest du einfach verschwinden, und ich säße allein in einem fahrerlosen Wagen, der über die Autobahn rast?«
Er lachte kurz auf. »Der Ruf ist seit Jahrhunderten nicht mehr erfolgt, und das Geheimnis des Zaubers ging verloren. Nicht dass ich deshalb traurig wäre. Als die Göttinnen durchblicken ließen, dass es sie einen feuchten Dreck schert, ob wir Tain finden oder nicht, bin ich gegangen. Sogar Ceridwen, die Tain schuf, zuckte einfach mit ihren keltischen Schultern und schrieb ihn ab. Also sagte ich etwas in Richtung ›Leck mich!‹ und beschloss, dass die Göttinnen ihre Arbeit in Zukunft allein erledigen dürfen.«
»Und wenn jemand dringend Hilfe braucht?«
»Ich kämpfe nach wie vor gegen das Böse«, sagte er. »Ich fühle ein wirklich tödliches Übel, sobald es auftaucht, wie den Dämon, der deine Schwester umgebracht hat.« Er verstummte, während die Lichter eines entgegenkommenden Wagens über sein Gesicht glitten. »In jener Nacht träumte ich von Tain und dem Dämon, nur dass der Dämon kein Traum, sondern echt war. Er wollte mich töten, indem er sich in mein Denken schlich. Dann aber lenkte ihn etwas ab, und er verschwand.
Ich glaube, Susan begann ihr Ritual. Da entwischte er durch ein Portal, bevor ich ihn packen und töten konnte. Ich verfüge nicht über die Magie, durch Portale zu gehen, es sei denn, jemand zieht mich hindurch. Wir alle können in Ravenscroft ein- und auswandern, aber nur Kalen kann ohne Hilfe passieren. Also musste ich ein Flugzeug nehmen und den Dämon verfolgen, bis ich ihn in dem Lagerhaus aufspürte. Als ich ankam, stellte ich fest, dass mein Traum zeitverzerrt gewesen war. Ich fand zwar dich, aber deine Schwester hatte er fast einen Monat vorher ermordet.«
Amber verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. Sie begriff immer noch nicht, warum Susan einen Dämon heraufbeschworen hatte – und ausgerechnet diesen. Was Adrian erzählte, behagte ihr überhaupt nicht: dass der Dämon den Mordversuch an Adrian abbrach, um Susan wie eine enervierende Mücke zu zerquetschen.
Tränen stiegen ihr in die Augen und ließen die Scheinwerferlichter der anderen Wagen verschwimmen.
Adrian nahm ihre Hand und drückte sie sanft. Tatsächlich tröstete es sie. »Es tut mir leid, dass ich ihn nicht aufhalten konnte. Ich habe es versucht, aber er war fort. Er verfügt über eine unbeschreibliche Macht.«
»Weißt du, welcher Dämon es ist?«, fragte Amber mit belegter Stimme. »Wenn er so alt und mächtig ist, hat er doch gewiss einen Namen, und es müsste eine Legende über ihn geben.«
»Höchstwahrscheinlich hat er viele Namen, aber einer würde schon helfen, ihn aufzuspüren und unschädlich zu machen. Wir finden ihn!«
Die Zuversicht, die aus seinen Worten sprach, vermochte Amber leider nicht zu teilen. Andererseits hatte Adrian viereinhalbtausend Jahre als unschlagbarer Krieger gelebt, dürfte in dieser Zeit so ziemlich alles gesehen haben und glaubte sich zu fast allem imstande, selbst dazu, einen Dämon aufzuspüren und zu töten, der stärker war, als Amber es je erlebt hatte.
»Du vertraust mir sehr viel über dich an«, stellte sie fest.
Er warf ihr einen überraschten Blick zu, wobei sein schwarzer Pferdeschwanz geräuschvoll über das feste Leder seines Mantels glitt. »Nichts, was du mit ein bisschen Recherche nicht selbst herausfinden könntest. Die Unsterblichen waren einst allgemein bekannt und sind es unter den Untoten immer noch. Menschen und Lebensmagiekreaturen wie Werwölfe haben sie allerdings vergessen.«
Er küsste ihre Hand, deren Haut unter seinen heißen Lippen zu kribbeln begann, dann ließ er sie wieder los. »Ich weiß aber noch viel zu wenig über dich«, sagte er. »Erzähl mir von Amber Silverthorne – und lass nichts aus! Alles könnte wichtig sein.«
Wieder hatte Amber das Gefühl, dass mit ihren Gedanken etwas geschah. Gleichzeitig wollte sie reden.