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Beide waren sie an diesem Morgen mit einem seligen Lächeln auf den Lippen aufgewacht: Frau Heller aus Gründen, die sie des Weiteren für sich zu behalten und einem größeren Publikum nicht unbedingt mitzuteilen gedachte, und Leopold, weil endlich das heißersehnte Verbrechen geschehen war. Fröhlich erzählte er seiner Chefin dann auch beim frühmorgendlichen Tête-à-tête bei der Kaffeemaschine vom Mord an Ehrentraut. Er vergaß dabei nicht, darauf hinzuweisen, dass er die Wurzel des Übels nach wie vor in dem Unmut sah, der sich bei der gestrigen Versammlung aufgestaut hatte und durch die kampfeslustige Musik noch verstärkt worden war.
»Aber Leopold«, lächelte Frau Heller ihn mit verklärten Augen an. »Unsere Versammlung soll es gewesen sein? Das kostet mich nur einen Lacher. Mir scheint, Sie erkennen die wahren Zusammenhänge nicht. Herr Ehrentraut ist an seinem Tod selber schuld. Man geht mit einer traditionsbeladenen Einrichtung wie unserer Eintracht Floridsdorf nicht um wie mit einem Spielzeug. Die Leute wollen ihren Klub haben, mit dem sie sich identifizieren können, auch wenn es einmal sportlich nicht so läuft. Wer vorhat, ihnen das wegzunehmen, ist eben seines Lebens nicht mehr sicher.« Sie winkte ihn mit dem Finger näher an sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Wir müssen weiterkämpfen, Leopold!« Dann verschwand sie wieder in ihrer kleinen Küche.
Leopold schüttelte schmunzelnd den Kopf. So viel Ehrgeiz hatte er seiner Chefin nicht zugetraut. Aber er durfte nicht seinen eigenen Kampf vergessen, den Kampf gegen das Verbrechen, das am gestrigen Abend passiert war, und dabei durfte man die Dinge nicht so vereinfacht sehen. Während er eine Melange zum zweiten Fenster trug, erinnerte er sich daran, dass er Bettina Ehrentraut, die Gattin des Mordopfers, anrufen wollte. Gott sei Dank war ihre Telefonnummer im Frisiersalon noch geläufig gewesen, als er sich vor seinem Dienstantritt danach erkundigt hatte. »Hallo?«, hörte er es zögernd am anderen Ende der Leitung.
»Hier Leopold. Der Ober vom Café Heller.«
Keine Reaktion.
»Erinnern Sie sich? Das Kaffeehaus gegenüber dem Friseurgeschäft, wo Sie immer Ihren kleinen Braunen getrunken haben«, erklärte er.
»Ach ja … ja, natürlich.«
»Bitte seien Sie nicht böse, dass ich Sie anrufe. Aber ich habe … ich wollte … ich wollte Ihnen nur mein herzlichstes Beileid zum Tod Ihres Mannes aussprechen.«
»Sie haben ihn gefunden, nicht wahr?«
»Das kann man so sagen, ja«, kam es gepresst aus Leopold heraus. Er mochte solche unnatürlichen Gesprächssituationen gar nicht.
»Wissen Sie, dass ich es bisher gar nicht realisiert habe? Ich habe es ja erst spät in der Nacht erfahren, kurz nachdem ich von einer Vernissage nach Hause gekommen war. Heute Früh war dann gleich die Polizei bei mir, und seither … geht alles drunter und drüber.« Bettina Ehrentraut sprach langsam, und ihre Stimme hatte einen eigenartigen Klang. Leopold konnte nicht ausmachen, ob es der Schock, die Trauer oder eine leichte Unpässlichkeit nach einer langen Nacht war.
»Ich wollte jedenfalls nicht stören«, sagte er.
»Aber Sie stören ja nicht. Ich bin froh, wenn ich in einer solchen Situation mit jemandem reden kann, und früher haben wir doch immer so nett miteinander geplaudert. Es ist nur momentan alles so … ich weiß nicht! Dabei ist es kein Geheimnis, dass mein Mann und ich uns nicht mehr geliebt haben.«
»Kommen Sie doch auf ein Sprüngerl vorbei, wenn es sich ausgeht«, versuchte Leopold sich in seinem charmantesten Ton.
»Das wäre vielleicht wirklich keine schlechte Idee«, überlegte Bettina. »Warten Sie … Wie wäre es um halb zwei?«
»Ausgezeichnet.«
»Dann komme ich.«
Leopold war zufrieden. Fürs Erste hatte er erreicht, was er wollte. Bettina Ehrentraut würde ihn im Kaffeehaus aufsuchen, um sich einen Teil der Last, die jetzt auf ihr lag, von der Seele zu reden. Sie war schon immer eine Plaudertasche gewesen. Also würde er etwas von ihr in Erfahrung bringen, egal, wie ihre augenblickliche Gemütsstimmung wirklich war. Und vielleicht war sie doch in die Sache verwickelt? Die Ehe war nicht mehr sehr rund gelaufen, hatte er gehört. Wer weiß, was sich zwischen den beiden in letzter Zeit abgespielt hatte. Wenn er da an die Nacktfotos in Ehrentrauts Koffer dachte …
Plötzlich schaute Leopold in ein Gesicht, das ihm extrem unsympathisch vorkam: dunkelblondes Haar, mit viel Brillantine in Form gebracht und zur Seite gestriegelt; unruhige Augen unter buschigen Brauen; ein schmaler Mund, der auch dann, wenn er halb geöffnet war, keinen Blick auf die Zähne freigab; die Stirn erwartungsvoll, beinahe fordernd hochgezogen. Der ganze Mann duftete nach Rasierwasser und Deo und wirkte in seinem hellblauen Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte beinahe schon zu auffällig in dieser Umgebung.
Eine alte Weisheit sagt: Wenn einer besonders elegant und vornehm tut, dann lass ihn erst einmal den Mund aufmachen. So war es auch hier.
»Coffee, please«, herrschte der Fremde Leopold an. »Aber rasch. Time is money.«
»Welchen Kaffee belieben zu wünschen?«, ließ sich Leopold nicht aus der Ruhe bringen. »Einen Braunen oder einen Schwarzen, klein oder groß, oder vielleicht eine Melange? Bevorzugen eine Variante mit Schlagobers oder eher eine mit Feuerwasser?«
»Einen großen Schwarzen, so schwarz wie die Bimbos am Äquator«, polterte der Fremde. »Brown bin ich selber.« Dann lachte Joe Brown über diesen vermeintlichen Witz so verkrampft und unbeherrscht, dass dem pensionierten Studienrat Klampfer, der nicht weit von der Theke saß, beinahe die ›Neue Züricher Zeitung‹ aus der Hand fiel.
Brown sah sich um, blickte auf die Billardbretter, die vom Rauch gelblich verfärbten Tapeten, die im seligen Morgenschlummer dahindösenden leeren Kartentische und bemerkte, während er gierig am heißen Kaffee schlürfte: »Alt-Wiener Kaffeehaus, ja, ja. Ganz hübsch hier, really nice. Aber rentiert sich so etwas heutzutage?«
»Freilich«, antwortete Leopold zögernd. »Was glauben Sie, was wir manchmal Leute haben. Jetzt, wo es draußen schön ist, ist am Vormittag freilich nicht viel los.« Er konnte sich nicht helfen, aber dieser Mensch war ihm wirklich unsympathisch.
»Renovieren müsste man die Bude, bevor der Verputz herunterfällt«, bemerkte Brown in überheblichem Ton und zündete sich eine Zigarre an. »Eine Art Wiederbelebung, you understand? Diese ganzen Schnörkel mit kleiner Brauner, großer Brauner, das ist doch Unfug, you see? Kleiner Spaß für Touristen, aber sonst? Ab ins Museum damit.«
Er blies dem armen Leopold den Rauch ins Gesicht. Das war also der Möbelfritze aus Kanada, der die Geschicke der Eintracht Floridsdorf übernehmen sollte. Kein Wunder, dass sich da der Volkszorn aufgestaut hatte.
»Coffee, das reicht«, redete Brown weiter. »Coffee large, coffee medium, coffee small, die feinste Bohne von den Niggern da unten, von mir aus Fairtrade, und fertig ist die Sache. Und diese Zeitungen … to the hell with the newspapers. Wer braucht so etwas? Ein paar Internetanschlüsse dort hinten, fertig ist die Sache. Und schließlich Musik, the people love music. Da lässt man einfach ein bisschen was los über die Lautsprecher, nicht brutal, sondern gemütlich, that’s it.«
Selten hatte sich Leopold so sehr danach gesehnt, seinen Chef oder seine Chefin an seiner Seite zu haben, aber offensichtlich hatten sich beide zurückgezogen. Wollten sie etwa ungestört sein? War die alte Liebe wieder entflammt? Egal, Brown lehnte an der Theke und streute die Asche seiner Zigarre überallhin, nur nicht in den dafür vorgesehenen Aschenbecher.
»Bitte nicht die ganze Asche auf den Boden«, wies ihn Leopold noch mit Zurückhaltung zurecht. »Wie schaut denn das aus?«
»Ach, lassen Sie mich doch zufrieden«, wehrte Brown ab. »Das ist ja geradezu lächerlich, ridiculous. Ich frage mich, wie es in dieser Bruchbude überhaupt bald ausschauen wird, wenn nichts geschieht. Da werden nur noch die Social Outcasts hereinkommen, weil sie woanders nichts mehr kriegen, Obdachlose, Bimbos, Asylanten. Und dann werden ganz andere Dinge auf dem Boden liegen, believe me. Was kann man aus dem Laden machen, das interessiert mich. Als Vereinslokal für den 1. FC Floridsdorf könnte ich es mir gut vorstellen. Natürlich müsste ich es zuerst kaufen.«
Aha, daher wehte also der Wind. Brown suchte ein Lokal, wo er sich mit seinem neuen Verein wichtig machen konnte. Aber da würde er bei Frau Heller auf Granit beißen.
»Soviel ich weiß, ist das Kaffeehaus unverkäuflich«, ließ sich Leopold zu einer Bemerkung hinreißen.
»Meinetwegen. In Europa ist immer alles unverkäuflich, das jemandem gehört, der es nicht hergeben möchte«, sagte Brown lakonisch. »Das bin ich schon gewohnt, das ist Business as usual. Trotzdem, vielleicht wäre Ihr Chef doch besser beraten, mir das Lokal für eine vernünftige Summe zu überlassen. Ist er vielleicht da?«
»Derzeit nicht zu sprechen«, blieb Leopold knapp und bestimmt.
»Schade. Aber Sie können ihm etwas ausrichten: Ich lasse mir von ihm einfach gewisse Dinge nicht gefallen! Viel ist für euch nicht mehr drinnen, believe me! Die Gäste werden euch wegbleiben, und ihr werdet an eurem eigenen Rauch ersticken. Was nicht im Guten geht, wird böse enden, des werd’n ma scho moch’n. Ich lasse mich nicht konkurrenzieren durch kopflose Fanatiker, die hier in sogenannten ›Geheimversammlungen‹ gegen mich aufgehetzt werden, sodass sie dann den Fußballplatz stürmen und zu randalieren beginnen. Wenn jemand glaubt, er kann in einer gewissen Sache Geld gegen mich ausstreuen – einen lächerlichen Betrag übrigens – dann schaun mer mal, wer mehr hat. Leute, wenn ihr mir ein Ei legen wollt, müsst ihr schon früher aufstehen. Und meinen Freund und besten Mitarbeiter Ehrentraut umzubringen …« Brown staubte noch einmal kurz und nervös die Asche seiner Zigarre ab.
»Ja?«, meinte Leopold.
»Er wurde erstochen, nachdem es den ganzen Trouble gegeben hatte, wie Sie wissen, Sie haben ihn ja gefunden, nicht wahr? Scheint alles hier vom Kaffeehaus ausgegangen zu sein.«
»So eine Unterstellung müssen Sie uns erst einmal beweisen.«
Brown steigerte sich immer mehr in sein wildes, fantastisches Gebrabbel hinein: »Ach was, beweisen. Ich habe genug, Mann. Musste schon um 8 Uhr früh zwei Policemen Rede und Antwort stehen. Es scheint so, als hätte man es darauf angelegt, mir die nächste Zeit komplett zu versauen. Aber nicht mit mir. Ich werde gegen alle vorgehen, die an Ehrentrauts Tod beteiligt waren. Und ich werde nicht zulassen, dass Lokalitäten wie diese, in deren Hinterzimmern kaltblütige Mordpläne ausgeheckt werden, weiterhin ungestraft ihr Unwesen treiben können, you understand? Ich werde jeden zur Verantwortung ziehen, vielleicht auch Sie!« Dabei verteilte er weiterhin die Asche seiner Zigarre wahllos in seiner näheren Umgebung.
Jetzt wurde es Leopold aber zu bunt. »Ich an Ihrer Stelle würde mich ein wenig zurückhalten«, ging er zum Angriff über. »Sie sind ja recht flott darin, die Schuld an allen möglichen Sachen auf andere, vorwiegend Gäste unseres ehrenwerten Kaffeehauses, zu schieben. Könnte man da nicht annehmen, dass es sich um ein geschicktes Ablenkungsmanöver handelt? Wer weiß schon, was es in den letzten Tagen für Reibereien zwischen Ihnen und Ehrentraut gegeben hat, kleine Machtspiele, wer mehr von seinen Freunden in entscheidenden Positionen beim neuen Verein unterbringt. Dass Ihnen jemand widerspricht oder Sie vor vollendete Tatsachen stellt, das wollen Sie ja überhaupt nicht. Also waren es vielleicht doch Sie, der das Messer gezückt hat? Weil Ehrentraut irgendeinen Trumpf im Ärmel hatte und Sie damit zur Weißglut brachte?«
»Jetzt werden Sie bloß nicht unverschämt«, fauchte Brown mit bösem Blick. Einen Moment lang schien es, als wolle er jetzt so richtig loslegen, sein ganzes Aggressionspotenzial zeigen, aber er hatte sich sofort wieder in seiner Gewalt. »Sie glauben wohl, ich rege mich auf?«, fragte er, und ein kurzes, schmutziges Grinsen huschte dabei über sein Gesicht. »Nein, nein, das ist die Sache nicht wert. Über dem großen Teich sind wir anderes gewohnt. Und wir haben ein Motto: Immer schön cool bleiben.« Dabei blies er Leopold den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht und schmetterte erneut sein künstliches Lachen los, dass es den armen Herrn Klampfer auf seinem Sitz hin- und herfetzte. Er knallte einen Zehneuroschein auf die Theke. »Sagen Sie Ihrem Chef nur, dass ich mich demnächst bei ihm melden werde. Er soll sich die Sache überlegen. Man könnte aus dieser Hütte etwas machen. Aber wenn er sie nicht hergeben will, wird sie bald leerstehen, I give you my word. Und vorher kommen einige unangenehme Leute und sehen sich die Buchhaltung genau an, die Hygienebedingungen und so weiter. Na, ich denke, Sie wissen, was ich meine.« Dann donnerte er aus dem Lokal hinaus.
Leopold bemühte sich, seinerseits die Fassung zu bewahren. Das war er also, der ungehobelte Kanadier, der offenbar schon glaubte, der halbe Bezirk gehöre ihm. Leopold traute ihm zu, in die ganze Sache um Ehrentrauts Tod verwickelt zu sein, wenngleich er sich noch nicht vorstellen konnte, welchen Nutzen er aus dem Ableben seines ehemaligen zukünftigen Managers ziehen konnte. Aber wenn es da etwas herauszufinden gab, würde Leopold es in Erfahrung bringen.
Sollte er Herrn oder Frau Heller etwas über Browns Absichten beziehungsweise seine Drohungen, das Kaffeehaus zu Schaden kommen zu lassen, mitteilen? Leopold beschloss, dies vorderhand nicht zu tun. Man musste abwarten, was Brown wirklich im Schilde führte. Und man musste sehen, wie man von irgendwoher Informationen über diese dubiose Gestalt einholen konnte.
Leopold wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. War’s die Aufregung, war’s die Anstrengung, die ihn ein wenig außer Atem hatten kommen lassen? Oder beutelte ihn das Alter tatsächlich schon ein wenig? Egal, er musste etwas unternehmen. Deshalb fischte er den Zettel aus der Sakkotasche, den er gestern in Ehrentrauts Koffer gefunden hatte: den Zettel mit der Telefonnummer.
Es war ruhig im Kaffeehaus, nur Frau Wojtak hatte vorhin ein Achtel Rotwein bestellt. Die konnte warten. Hastig drückte Leopold die Tasten auf seinem Handy. Die Verbindung war hergestellt. Es läutete.
»Hallo?«, hörte er eine belegte männliche, unausgeschlafene Stimme.
»Wer spricht bitte?«
Keine Antwort.
»Wer spricht bitte?«, wiederholte Leopold.
»Harry! Was gibt’s?«
«Welcher Harry?«
«Harry Leitner, zum Teufel nochmal. Was gibt’s? Wer sind Sie?«
»Entschuldigung, falsch verbunden.«
Und schon hatte Leopold das Gespräch beendet. ›Da schau her, Harry Leitner‹, dachte er für sich. ›Das ist ja interessant.‹
Mit neuem Schwung und Elan brachte er, vorbei am nervös zurückweichenden Herrn Klampfer, das Achtel Rotwein zu Frau Wojtak.
*
Sie hatte sich kaum verändert. Noch sichtlich gezeichnet von den Ereignissen um ihren Mann, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, sobald sie Leopold sah, betrat Bettina Ehrentraut um Punkt 13.30 Uhr das Café Heller. Leopold spürte den schwachen Druck ihrer feuchten Hand, das kurze Anlehnen ihrer Schultern an die seinen, ihre Wangen. Er schaute in ihre Augen. Nein, da war keine Träne drin, und wie er Bettina kannte, würde auch keine hineinkommen.
Sie setzte sich an den Tisch am ersten Fenster gleich neben der Theke, bestellte eine Melange ›wie immer‹ und zündete sich eine Zigarette an. Wie viele mochte sie an diesem Tag schon geraucht haben? Sie fuhr mit der Hand durch ihr rotblond gefärbtes Haar, das in sanften Wellen auf ihre Schultern herabfiel.
Das waren seit jeher Bettinas Stärken: ihr gepflegtes Aussehen und die beinahe mühelose Art, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Sie war ein sogenannter Konversationsmensch. Sie konnte viel reden, aber auch gut zuhören, wenn es nötig war. Sie bevorzugte zwar die eher seichteren Themen aus diversen Journalen, traute sich jedoch, zu allem ihre Meinung abzugeben, egal, wie viel sie davon verstand. Sie wirkte umgänglich und sympathisch. Eine ideale Friseurin, die man auch als Privatmensch mochte.
Bettina Ehrentraut eröffnete das Gespräch dann auch sofort auf die direkte Art: »Ich sage es Ihnen gleich, Leopold, bedauern brauchen Sie mich nicht. Es ist zwar traurig, wenn man einen Menschen verliert, mit dem man lange beisammen war, aber geliebt haben Wolfgang und ich uns nicht mehr. Wir haben uns respektiert und nebeneinander hergelebt, das war alles. Die letzte Zeit hat er sogar schon eine eigene Wohnung gehabt.«
So kannte Leopold Bettina: Nicht viel um den heißen Brei herumreden, gleich zur Sache kommen. Er hatte sich schon oft gefragt, wie sie es zusammen mit Ehrentraut ausgehalten hatte, der von der Art her ihr genaues Gegenteil gewesen war, zurückhaltend und verschlossen. Ein Geheimniskrämer und Taktiker, der mit etwas erst dann herausrückte, wenn er den Zeitpunkt für gekommen sah, Nutzen daraus zu ziehen, dessen emotionale Unterkühltheit einfach nicht zu Betty, wie er sie rief, passte. Ebenfalls gepflegt, aber aalglatt und undurchschaubar.
Freilich, wie man hörte, führte Bettina Ehrentraut einen ziemlich aufwändigen Lebensstil, den sie wohl zum Großteil ihren Gatten hatte finanzieren lassen. Sie hatte bald nach der Hochzeit ihren Beruf als Friseurin aufgegeben und nur mehr aushilfsweise gearbeitet, später auch das nicht mehr. Dafür ließ sie es sich zu Hause gut gehen und besuchte selbst den Friseur einmal in der Woche. Dazu kamen Maniküre, Pediküre und Wellness-Urlaube mit Freundinnen. Wolfgang Ehrentraut hatte nicht schlecht verdient, war aber finanziell immer mehr ins Trudeln gekommen und hatte versucht, einen Teil seiner Ausgaben durch Sportwetten hereinzubekommen, was die Situation jedoch nur verschlimmert hatte. Die Position als Manager des geplanten Großklubs war wohl der Strohhalm gewesen, an den er sich geklammert hatte.
Nach und nach fielen Leopold diese Dinge ein, als ihm Bettina jetzt wieder gegenübersaß. »Ich hoffe, Sie erschrecken nicht über meine Offenheit«, hörte er sie sagen. »Aber früher oder später kommt ja doch alles heraus.«
»Erschrecken tu ich über so etwas nicht mehr«, beruhigte er sie. »Dafür bin ich schon zu lange in dem Geschäft.«
»Na, dann ist’s ja gut. Ich habe es heute Morgen auch der Polizei so erzählt, obwohl ich mich auf diese Art wahrscheinlich gleich verdächtig gemacht habe. Das heißt nicht, dass mir die Sache nicht nahe geht, es ist alles furchtbar genug.«
»Sie sind noch ganz durcheinander, was?«
»Ja natürlich. Ich habe ja alles erst in der Früh erfahren. Ich war in der Nacht ein wenig … unterwegs. Im Nachhinein ist mir das jetzt furchtbar peinlich. Es sieht so … pietätlos aus.«
»Aber wenn Sie in der Nacht unterwegs waren, haben Sie doch immerhin ein Alibi«, lächelte Leopold erleichtert.
»Nicht unbedingt«, wehrte Bettina betroffen ab. »Ich war auf einer Vernissage, und nachher haben wir in einer Bar ein Gläschen getrunken. Ich bin allerdings ziemlich spät dort aufgekreuzt, und die Polizei meint, es wäre sich zeitlich ausgegangen, meinen Mann zwischenzeitlich umzubringen. Wissen Sie, Leopold, das ist das Allerschlimmste: Die Nüchternheit, mit der einem so etwas mitgeteilt wird, kaum dass man die Todesnachricht empfangen hat. Und dann die Blicke der Leute, die mir heute schon auf der Straße begegnet sind.« Sie trank den Kaffee in kleinen Schlucken, wie eine Medizin.
»Kopf hoch! Es wird schon wieder werden. Braucht alles seine Zeit«, meinte Leopold.
»Sie haben meinen Mann gefunden. Das muss ja schrecklich gewesen sein«, sagte Bettina.
Leopold zuckte mit den Achseln. »Angenehm ist so etwas nie. Das viele Blut, die toten Augen, das Gefühl, man ist jetzt allein mit jemandem, den es gar nicht mehr gibt. Aber andererseits ist es auch nicht schlimmer, als wenn ein Gast nicht zahlen möchte und man seine Scherereien mit ihm hat.« Er sah, wie ihn Bettina Ehrentraut entgeistert anstarrte. Mit dieser drastischen Darstellung war er offenbar zu weit gegangen. »Ich hab halt schon viele Tote gesehen, die schauen alle gleich aus«, fügte er entschuldigend hinzu.
»Na ja, irgendwie werde ich über diese Tage schon hinwegkommen. Ich muss mich eben daran gewöhnen, dass ich überall auf den Tod meines Mannes angesprochen werde. Wie gesagt, ich bin traurig, ohne zu trauern. Dazu hat mich Wolfgang in der letzten Zeit viel zu sehr vernachlässigt. Sogar seine Wohnung hat er mir lange verheimlicht.«
Leopold überlegte kurz. »Denken Sie, dass er … ? Ich meine, verstehen Sie mich nicht falsch, aber …«, suchte er nach den richtigen Worten.
»Dass er eine Freundin hatte? Möglich. Aber ich glaube es ehrlich gesagt nicht, Wolfgang war nicht der Typ dafür. Er hat doch jede freie Minute in den Fußball investiert. Genau weiß ich es jedenfalls nicht, ich weiß nur, dass er mich verdächtigt hat, einen Liebhaber zu besitzen. Er hat mich sogar von einem Privatdetektiv beschatten lassen.«
Leopold horchte auf.
»Es ist natürlich alles Unsinn«, winkte Bettina Ehrentraut gleich ab. »Aber erstens hätte es Wolfgangs Ego nicht vertragen, dass ich ihm einen anderen Mann vorziehe, und zweitens wollte er mit allen Mitteln eine Scheidung verhindern. Darum hat er etwas gesucht, das er gegen mich in der Hand hat.«
»Sie wollten sich scheiden lassen?«
»Ja. Was soll man denn sonst tun, wenn eine Ehe zerrüttet ist? Wolfgang hat nie eingesehen, dass er der Schuldige ist. Primär ging’s ihm nämlich ums Geld. Ich denke, er hatte schon einiges an Schulden angesammelt, und eine Trennung durch sein Verschulden hätte ihm den Rest gegeben. Da hätte er sich auch mit einem Managergehalt nicht so schnell gefangen. Für mich ist jedenfalls zuletzt so gut wie gar nichts übrig geblieben.«
Wie unschuldig Bettina Ehrentraut das dahinsprach, so als hätte sie immer nur die bescheidensten finanziellen Ansprüche an ihren Mann gestellt. Aber sonst blieb sie bei der Direktheit, die Leopold schon von ihrer Zeit als Friseurin kannte. Er musste nur herausfinden, wie viel Ehrlichkeit bei dieser Direktheit dabei war.
Leopold machte seine üblichen Handgriffe und servierte zwischendurch ein paar Getränke. Dabei fiel ihm der unliebsame Gast von vorhin ein. »Da gibt’s ja noch diesen … diesen kanadischen Geldscheißer«, argwöhnte er. »Der war doch recht gut mit Ihrem Mann. Der hätte ihm finanziell unter die Arme greifen können, ich meine, es wäre für ihn ein Leichtes gewesen …«
»Vielleicht. Aber Sie kennen Brown nicht«, unterbrach Bettina ihn sofort. »Wenn man den anbettelt, hat man bei ihm schon verloren. Der steht nicht drauf, dass Leute über ihre Verhältnisse leben, das hat Wolfgang gewusst. Er musste ihm den glücklich verheirateten Familienmenschen vorspielen, der immer ein bisschen was auf der Seite hat, sonst wäre er vielleicht aus dem Projekt geflogen. Und gar so gut waren die beiden auch nicht miteinander.«
»Haben Sie eigentlich einen Verdacht, wer Ihren Mann umgebracht haben könnte? Hatte er Feinde?«, steuerte Leopold das Gespräch jetzt ohne Umschweife in die von ihm bevorzugte Richtung.
Erstmals fuhr sich Bettina Ehrentraut mit der Hand über das Gesicht, so als würde sie versuchen, die Emotionen zurückzuhalten, die sich ihrer bemächtigen wollten. »Was hat es denn für einen Sinn, einen Verdacht zu haben?«, fragte sie leise. »Mein Mann ist tot, genügt das nicht? Muss man sich da zusätzlich den Kopf darüber zerbrechen, wer der Mörder war? Das macht ihn auch nicht mehr lebendig. Ich bin überzeugt, dass man den Täter finden wird, aber es ist mir egal, wer es gewesen sein könnte. Wahrscheinlich irgendein Fanatiker.«
»Ich frage mich, ob es nicht noch andere Spuren geben könnte«, blieb Leopold hartnäckig. »Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber Sie haben selbst behauptet, dass Sie jetzt zu den Verdächtigen zählen. Da sollten Sie nicht so teilnahmslos sein.«
»Ich bin müde«, sagte Bettina. »Schrecklich müde.«
»Ja, ja, das kommt so von einem Augenblick auf den anderen. Trotzdem würde ich ein bisschen nachdenken an Ihrer Stelle. Vielleicht fällt Ihnen etwas Wichtiges ein, wenn Sie wieder besser beisammen sind«, tat Leopold auf harmlos. »Warum er wohl die Wohnung brauchte, wenn er keine Freundin hatte. Keine Freundin, aber vielleicht …«
»Einen Freund? Sie spielen auf die Nacktfotos von den jungen Spielern an. Na, das hat sich ja schnell herumgesprochen«, kam es aus Bettina jetzt entrüstet hervor. »Ich weiß jedenfalls nichts davon, das habe ich auch der Polizei gesagt. Ich weiß auch nicht, warum ich mit Ihnen darüber reden sollte.« Dann wurde sie plötzlich trotzdem unsicher und fragte: »Glauben Sie, dass Wolfgang auf einmal etwas mit Männern hatte, oder schlimmer … mit Kindern?«
»Nein, natürlich nicht, andererseits weiß ich nicht, was in letzter Zeit in ihm vorgegangen ist. Und schließlich gibt es diese Fotos. Man kann sie nicht aus der Welt schaffen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Ich kann mir nur vorstellen, dass das aus einer Art Langeweile heraus entstanden ist, aber ich weiß auch nicht. Er hat offenbar neue Wege für sein Privatleben gesucht. Vielleicht hat er seine Grenzen ausgetestet, hat ihn das Verbotene gereizt. Vielleicht war es auch nur ein ganz, ganz schlechter Scherz.« Mit ihrem Plauderton überspielte Bettina Ehrentraut weiterhin jeden Gefühlsausbruch.
»Ich wollte nur sachte darauf hinweisen, dass die Möglichkeit eines Zusammenhanges mit dem Mordfall besteht«, bemerkte Leopold.
»Das glaubt die Polizei auch, deshalb haben sie alle Computer beschlagnahmt. Die halten Wolfgang wahrscheinlich für einen Perversling, der sich Schweinereien über das Internet beschafft hat«, bestätigte Bettina. »Na ja, alles keine rosigen Aussichten. Halten Sie mir die Daumen, dass ich die nächsten Tage gut überstehe, Leopold. Der Kaffee war gut, aber langsam muss ich mich wieder auf den Weg machen.« Sie stand auf und ging zunächst einmal in Richtung Damentoilette, um nach ihrem Herzen auch ihren Körper ein wenig zu erleichtern. Im selben Augenblick kam Thomas Korber zur Tür herein, etwas unausgeschlafen, jedoch sichtlich wieder frühlingshaft gut gelaunt.
»Einen großen Braunen bitte, aber vom Feinsten«, sagte er in Richtung Leopold und rieb sich die Hände dabei. »Eine kleine Stärkung tut gut, ehe wir den kleinen Reinhard wieder in Englisch unterweisen.«
»Du meinst wohl deinen Gedichtvortrag«, bemerkte Leopold spöttelnd.
»Sei nicht schon wieder so böse. Das Schicksal des jungen Mannes liegt mir sehr am Herzen. Aber ich habe, dank deiner Hilfe, heute Nacht tatsächlich ein passendes Gedicht gefunden. Es heißt ›Schlaflose Nacht‹ und …«
Leopold schien von einem plötzlichen Geistesblitz erfasst worden zu sein. »Lassen wir das, dafür ist später noch Zeit«, nahm er Korber hastig zur Seite. »Und für deinen Kaffee ebenfalls. Du musst mir jetzt einen kleinen Gefallen tun. Auf der Toilette ist eine Dame, die gleich zahlen und unser Lokal verlassen wird. Der gehst du nach und schaust, was sie tut.«
»Also, das ist, glaube ich, das erste Mal, dass du mich quasi darum bittest, einer Frau nachzustellen.« Korber wirkte erheitert. Offenbar war ihm die Tragweite von Leopolds Worten nicht bewusst.
»Wer redet denn von nachstellen?«, fragte Leopold nervös. »Nachgehen sollst du ihr, und zwar möglichst unauffällig. Es handelt sich um die Witwe vom Ehrentraut. Ich habe da so eine Ahnung.«
»Das ist doch nicht dein Ernst«, reagierte Korber empört. »Erstens will ich jetzt meinen Kaffee trinken, zweitens beginnt um drei meine Stunde, und auf die möchte ich mich ein wenig vorbereiten.«
»Vorbereiten? Ist ja lächerlich. Außerdem kann sich ein guter Lehrer immer und überall vorbereiten, auch unterwegs.«
»Zu spät kommen darf ich jedenfalls auch nicht.«
»Ich habe ja nicht gesagt, dass du eine Weltreise unternehmen sollst, nur der Dame ein wenig in sicherem Abstand folgen und schauen, ob sich etwas tut.«
»Und wenn sie mit dem Auto fährt?«
Jetzt war Leopold für einige Augenblicke verlegen. Thomas Korber besaß kein Auto, aber Bettina Ehrentraut hatte seines Wissens nach auch keinen Führerschein, zumindest hatte sie vor einigen Jahren keinen gehabt. Aber wie als Antwort auf Korbers Frage kam sie aus der Damentoilette und rief: »So, ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft wird mir bei diesem herrlichen Wetter sicher gut tun.«
»Beehren Sie uns bald wieder, gnä Frau, wenn die traurigen Tage vorüber sind«, verabschiedete sich Leopold mit einer kleinen Verbeugung, nachdem er ein ordentliches Trinkgeld kassiert hatte. Dabei machte er einen schnellen Griff in seine Lade, sein Heiligtum, in dem er eine ganze Sammlung kurioser und nützlicher Dinge liegen hatte, und drückte Korber unbemerkt ein metallisches Etwas in die Hand, kaum dass sich Bettina umgedreht hatte.
»Auf Wiedersehen, Leopold, war nett, in dieser Situation mit Ihnen plaudern zu dürfen«, rief sie, ehe sie das Kaffeehaus verließ.
»Das Vergnügen war ganz meinerseits«, zirpte Leopold, wild in Richtung Korber gestikulierend. Der stand einigermaßen ratlos da. »Eine digitale Kamera, habe ich von einem Gast billig erstanden«, erklärte Leopold ihm. »Müsste funktionieren. Wenn etwas Entscheidendes passiert, mach bitte ein Foto.«
»Aber was soll denn …«, versuchte sich Korber zu wehren.
Doch Leopold kannte kein Mitleid. Mit einem »So beeil dich doch, sonst ist sie futsch« stieß er seinen Freund förmlich zur Tür hinaus.
*
Auch Sitzen, Stehen, Lesen, in den Computer Schauen und etwas an die Tafel Schreiben können einen Menschen anstrengen, wenn er vorher nicht viel geschlafen hat. Korber spürte Blei in seinen Knochen, als er sich auf der Straße weiterbewegte. Zudem war sein Hirn ganz woanders. Aber anstatt in der ›schlaflosen Nacht‹ aus jenem Gedicht zu schwelgen, das er bis in die frühen Morgenstunden für Manuela Stary auswendiggelernt hatte, schlängelte er sich jetzt durch das lebendige Treiben eines schönen Maitages.
Vor ihm trippelte Bettina Ehrentraut beherzt ihres Weges. Sie hatte, kaum im Freien, sofort ihr Handy gezückt und zu telefonieren begonnen. Ein-, zweimal sah sie sich dabei nervös um. Ein Zeichen, dass sie etwas zu verbergen hatte?
Korber war es ziemlich egal. Was sollte er, Leopolds vagen Andeutungen zufolge, eigentlich herausfinden? ›Ob sich etwas tut‹, hatte Leopold gemeint. Und was, bitteschön, sollte das heißen? Welche Destination Bettina Ehrentraut wählte? Ob sie sich mit jemandem treffen würde? Ob sie eine außergewöhnliche und überraschende Aktion setzen würde? Das konnte ja Stunden dauern. Und so viel Zeit hatte Korber nicht.
Bettina betrat den Floridsdorfer Bahnhof und bewegte sich weiter Richtung U-Bahn. Auch das noch. Wenn sie einen Zug bestieg, hieß das, dass Korber ihr unter Umständen durch halb Wien folgen musste. Wenn er allerdings jetzt schon aufgab, würde er sich sicher einiges von Leopold anhören müssen.
Ein kleiner Zeitpolster blieb ihm noch. Unten am Bahnsteig war die Luft warm und stickig. U-Bahn-Stationen zählten zu jenen Orten, an denen das ganze Jahr über dasselbe Klima herrschte. Irgendwo auf der Rolltreppe wurde man von einer bestimmten Temperatur und einem ganz eigenen Geruch umfangen und nicht mehr losgelassen. Nur ein Lufthauch hie und da kündete von der Außenwelt. Bettina Ehrentraut blickte auf die Uhr. Sie nahm sich eine Gratiszeitung und fächelte sich damit ein wenig Luft zu. Korber blieb in angemessener Entfernung stehen. Ein Zug fuhr ein.
Alles drängte in die Waggons. Woher waren auf einmal die ganzen Leute gekommen? Unvorstellbar, wie viele Menschen in ein, zwei Minuten auf einen Bahnsteig gespieen werden konnten. Eine kurze Hast und Unruhe entstanden, während Korber versuchte, mit Bettina wieder auf Tuchfühlung zu kommen. Dabei roch er den Schweiß der anderen. Noch schlimmer, er bemerkte, dass er selbst schwitzte und ahnte, dass er vor der Nachhilfestunde keine Möglichkeit mehr haben würde, sich wieder frisch zu machen.
Die Zeit rückte unbarmherzig vor. Korber memorierte in Gedanken das Nachtgedicht, welches er Manuela Stary vorzutragen gedachte. Wenigstens das sollte an diesem verunglückten Nachmittag klappen. Die Zeilen tanzten in seinem Kopf hin und her, er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Beinahe hätte er versäumt, wie sich Bettina Ehrentraut zurück zur Ausstiegstüre begab. Im letzten Augenblick hetzte er hinter ihr auf den Bahnsteig hinaus. Sie waren jetzt jenseits der Donau beim Millennium Tower angelangt.
Korber wurde ungeduldig. ›Tut sich jetzt bald was, oder tut sich nichts?‹, dachte er.
Bettina trippelte erneut etwas schneller, beinahe erwartungsfroh die Stiegen hinunter, Korber in einigem Abstand hinterher. Und dann, unten, traf sie auf das Objekt ihrer Begierde. Es war ein nicht mehr ganz taufrischer, leicht ergrauter, aber sportlicher Mann mit Sonnenbrille. Sie lächelte ihn an, er lächelte zurück.
Korber hantierte zunächst ein wenig ungeschickt mit der Kamera herum, immer darauf bedacht, dass ja niemand Verdacht schöpfte. Obwohl er bisher kaum Fotos mit digitalen Apparaten gemacht hatte, fabrizierte er doch zwei einigermaßen scharfe Aufnahmen von dem Pärchen. Auf einem dritten Bild war später sogar ein inniger Kuss zu sehen.