2
Am selben Abend tummelten sich etwa 14, 15 Burschen der U-15-Mannschaft auf dem Trainingsplatz des FC Eintracht Floridsdorf. Von links und rechts wurden abwechselnd Flanken zum Elfmeterpunkt gezirkelt, wo ein Spieler nach dem anderen versuchen musste, den Ball volley am Tormann vorbei ins Netz zu schießen. Dazu kamen lautstarke Anweisungen mit der heiseren Stimme des Jugendtrainers Robert Moser: »Mit links schießen – los, trau dich doch – Versager – sofort noch einmal – schärfer, die Flanke – mehr Bewegung, ihr Nichtsnutze.«
Einem der Burschen schien es zu reichen. Nachdem er den Ball um einige Meter neben das Tor gesetzt hatte, trabte er lustlos in Richtung Kabine.
»Zurück!«, schrie Moser.
Der Bursche tat, als hörte er nicht.
»Komm sofort zurück!«, schrie Moser erneut und begleitete sein Gebrüll mit dem schrillen Ton seiner Trillerpfeife.
Der Bursche drehte sich um. Er sah Moser wie einen gereizten Stier auf sich zugerannt kommen und blieb stehen. Moser pfauchte ihn an: »Was soll das? Willst du mich verarschen?«
Der Bub stemmte beide Hände in seine Hüften, versuchte, lässig dazustehen. »Wie lange soll das Training denn heute noch dauern?«, fragte er. »Wir hören doch sonst nicht so spät auf. Die Nächsten warten schon auf den Platz.«
Er war mit seinen 14 Jahren schon größer als der stämmige Moser. Aber Moser wirkte bedrohlich wie ein Vulkan, der vor dem Ausbruch stand. Seine Augen funkelten. Er machte kein Hehl daraus, dass es ihn nicht stören würde, die Beherrschung ganz zu verlieren und dem frechen Burschen eine kleine Abreibung zu verpassen. »Wann ist ein Spiel zu Ende?«, wollte er wissen.
»Was … was meinen Sie?«
Moser packte sein Gegenüber am Leiberl. »Ist die Frage so schwer? Wann ein Fußballspiel zu Ende ist, will ich wissen!«
»Wenn der Schiedsrichter abpfeift«, sagte der Bursche jetzt kleinlaut.
»Eben. Das habt ihr ja gestern wieder einmal total vergessen und in der letzten Minute ein Tor kassiert. So, und jetzt merk dir eins, Bürscherl, und alle anderen hier ebenso: Das Training ist erst dann zu Ende, wenn ich, euer Trainer Robert Moser, sage, dass es zu Ende ist. Verstanden?«
Der Bursche nickte mit zu Boden gesenkten Augen. Moser ließ ihn wieder los.
»Ob ihr verstanden habt«, brüllte er über den ganzen Platz.
Betretenes Schweigen.
»Ich glaube, die meisten von euch wissen immer noch nicht, worum es geht«, legte Moser jetzt los. »Die Anweisungen eures Trainers sind zu befolgen – zu be-fol-gen – und nicht zu ignorieren wie gestern oder gerade eben erst. Und Fußball ist ein Bewegungssport – Be-we-gungs-sport –, bei dem man nicht herumsteht und dumm glotzt. Damit ihr euch das ein für alle Mal merkt, werdet ihr ein paar Runden um den Platz laufen, ihr Lahmärsche. Los, alles aufstellen am Seitenrand bei der Mittellinie.«
Lustlos trabten die jugendlichen Fußballer dorthin. Ebenso lustlos liefen sie los, erst langsam, dann auf Geheiß ihres Trainers immer schneller. Moser zog derweil im Inneren des Spielfelds seine Kreise und brüllte: »Los, los, keine Müdigkeit vorschützen!«
In der Zwischenzeit hatte die U-19-Mannschaft mit dem Training begonnen. Einige machten sich den Spaß und schoben einander die Bälle so zu, dass sie millimetergenau an Mosers Beinen vorbeiliefen. Er achtete nicht darauf. Es war ihm egal. Die größeren Spieler würden seine Kommandos und sein Imponiergehabe höchstens belächeln. Aber dieser pubertäre Haufen, den er da dirigierte, musste ihm gehorchen, sonst konnten sie was erleben.
Schon fiel der erste Läufer hinter die anderen zurück. »Schneller, sonst mache ich dir Beine«, ätzte Moser. »Du rauchst wohl schon heimlich, was?«
»Ich kann nicht mehr«, kam die Antwort mehr gekeucht als gesprochen. »Bitte lassen Sie mich aufhören, Trainer.«
Das war Musik in Mosers Ohren. Bitten mussten sie, betteln und flehen. Ihre Knochen sollten sie spüren. Wenn sie abends ins Bett fielen und sich nicht mehr rühren konnten, war das wenigstens gesund. Sie waren zu jung für Zigaretten, Alkohol und Mädchen. Ihre Eltern würden ihm dankbar sein. »Noch eine Runde«, rief Moser übers Feld. »Aber anständiges Tempo, verstanden. Dann könnt ihr von mir aus in die Kabine und euch duschen.«
Ein letztes Mal kam Bewegung in den müden Haufen, ein letztes Mal gaben die Beine, was sie hatten. Jeder Einzelne wusste, dass mit Moser nicht gut Kirschen essen war. Er konnte einen bei den Eltern oder in der Schule verpfeifen, wenn er auf was draufkam. Er konnte einen vor versammelter Mannschaft fertigmachen. Er konnte sich, was am allerschlimmsten war, vor einem aufbauen, sodass man nicht wusste, ob er zuschlagen würde oder nicht. Man roch dann seinen Schweiß, seinen fauligen Atem und sein billiges Rasierwasser. Und man musste seine körperliche Nähe ertragen, oft minutenlang, und es ekelte einen. Es war für diese jungen, unreifen Knaben, die manchmal gar nicht wussten, was sie mit sich anfangen sollten, also besser, zu tun, was er sagte.
»So, und jetzt alle unter die Dusche, nicht so wie gestern, wo ihr unserem Verein geholfen habt, Wasser zu sparen«, kommandierte Moser. »Aber gestern habt ihr ja auch bewiesen, dass man beim Spazierengehen nicht ins Schwitzen kommt. Nach dem Duschen Mannschaftsbesprechung, verstanden?«
»Das geht sich nicht mehr aus, Herr Trainer«, keuchte der bei der Laufübung zuletzt angekommene Spieler. »Ich muss zu meiner Tante. Ich versäume sonst den Bus.« Er wartete erschöpft auf eine neue Zurechtweisung durch Moser, aber der schwieg überraschenderweise und fuchtelte nur gebieterisch mit den Händen herum.
Schnell verschwanden sie, einer nach dem anderen, im Duschraum und kühlten mit dem Wasser nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Gemüter ab. Dabei ließen sie ihrem Ärger über das durchgedrehte Verhalten ihres Trainers freien Lauf: »Dieser alte Fettsack!«
»Hast du gesehen, wie er dem Alex eine verpassen wollte?
»Bei dem macht das Spielen keine Freude mehr.«
»Wenn das so weitergeht, kann er beim nächsten Spiel auf mich pfeifen.«
»Aber wir kommen doch jetzt wahrscheinlich mit den anderen von den Kickers in eine Mannschaft. Da sollten wir uns schon anstrengen.«
»Streng dich doch an, wenn du unbedingt willst.«
»He, vielleicht bekommen wir dann einen anderen Trainer. Wäre doch cool, oder?«
»Das glaubst du doch selber nicht.«
»Der Moser will uns nur fertigmachen, so viel steht fest. Eine Sauerei ist das.« Plötzlich, mitten während des Volksgemurmels, stand er unter ihnen. »Alle mal herhören«, brüllte er, während einige hastig aus dem Brausestrahl stiegen und ein Handtuch vor ihre Schamteile hielten. »Alle herkommen und einen Kreis bilden. Da es manche von euch schon sehr eilig haben und wegmüssen, machen wir die Mannschaftsbesprechung eben gleich jetzt hier.«
»He«, maulte Alex, der Moser schon vorhin in Rage gebracht hatte, weil er das Training abbrechen wollte. »Können wir nicht einmal fünf Minuten unsere Ruhe haben? Wir haben schließlich auch unser Privat- und Intimleben.«
Einige glucksten, kicherten. Moser ließ sich aber zu keinem Wutausbruch mehr hinreißen. Stattdessen suchte sein Blick die Wehrlosen, die sich ihres Körpers schämten und nicht wussten, was sie mit ihren Händen machen sollten. »Keine Angst, niemand will euch etwas wegnehmen«, lachte er derb. »Also steht nicht so verkrampft da und sagt mir lieber, welche Taktik für das gestrige Spiel ausgegeben war. Welche Taktik war das, Pölzl?«
»Den Ball im Mittelfeld halten … mit Rückversicherung spielen … früh attackieren …«, murmelte der Angesprochene kleinlaut. Man sah, dass ihn fröstelte.
»Tu nicht so, als ob du frieren würdest. Draußen ist es warm, herinnen ist es warm, und das Wasser ist auch warm. Also: früh attackieren, Ball halten. Richtig. Aber Ball halten heißt nicht, den Ball hin- und herschieben und stehen bleiben. Oder dribbeln, bis alle gedeckt sind. Wer von euch ist in den freien Raum gesprintet? Wer hat es einmal mit einem satten Schuss probiert? Niemand.« Moser schnappte kurz nach Luft. Es gefiel ihm, wie ehrfürchtig sie vor ihm standen mit ihren nassen Körpern. Seine Augen suchten jetzt Stary, den kleinen Reinhard Stary. Als sie ihn gefunden hatten, fuhr der Trainer fort: »Dennoch hätten wir gewinnen können. Ein Elfmeter, ein Geschenk des Schiedsrichters, wie wir alle zugeben müssen, und wir haben 1:0 geführt, bis zur letzten Minute. Warum haben wir das Spiel trotzdem nicht gewonnen, Stary?«
»Ich war nicht allein schuld«, platzte es aus Reinhard heraus. »Der Charly hat den Ball unnötig verloren. Irgendwie ist er dann zu mir gekommen, aber da waren auch schon die beiden gegnerischen Spieler da.«
Moser machte ein paar Schritte auf Reinhard zu. Es sah so aus, als habe er vor, ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. »Und da hast du nichts Besseres zu tun, als einen Querpass in den Strafraum zu machen, mitten vor unser Tor? Direkt aufgelegt hast du dem Stürmer den Ball. Er brauchte nur mehr ›Danke‹ zu sagen.«
»Was hätte ich machen sollen?«, kam der hilflose Versuch einer Rechtfertigung.
»Vielleicht ins Out schießen? Oder nach vor? Der Schiedsrichter hat bereits auf die Uhr geschaut, er hätte sofort abgepfiffen. Aber das, was du produziert hast, war so ziemlich das Idiotischste, was mir in meiner Trainerlaufbahn untergekommen ist. Als wenn es Absicht gewesen wäre. Hast du es etwa absichtlich getan? Los, sag schon! War es Absicht?«
Nun nahm Moser seine gefürchtete Stellung ein. Jeden Augenblick konnte der Schlag kommen. In seiner Angst ließ Reinhard das Handtuch fallen und hielt sich die Hände zum Schutz vors Gesicht. Wieder glucksten, kicherten einige. Moser genoss seinen Triumph.
Da stand plötzlich ein gepflegter, dunkelblonder Mann hinter Reinhard und legte die Hand auf seine Schulter. »Lass es gut sein, Robert«, sagte Wolfgang Ehrentraut.
*
Sie standen jetzt beide draußen vor dem Kabinentrakt und rauchten.
»Es gefällt mir nicht, wie du mit den Jungs umspringst«, äußerte sich Ehrentraut.
»Das lass nur einmal meine Sorge sein«, gab Moser zurück.
»Ich frage mich schön langsam wirklich, weshalb ich dich zum Nachwuchsleiter des neuen Vereins küren soll.«
»Weil wir Freunde sind, Kameraden? Weil wir jahrelang in derselben Mannschaft gespielt haben?«
In der Tat hatten Moser und Ehrentraut zusammen mit Helmut Sturm, dem jetzigen Trainer der Kampfmannschaft, als Spieler jahrelang das Rückgrat der Floridsdorfer Eintracht gebildet. Die ›Drei Musketiere‹ waren sie gewesen, hatten einander auf dem Platz blind verstanden: Moser als bulliger ›Abräumer‹, Ehrentraut als eleganter Drahtzieher im Mittelfeld, Sturm als konsequenter Vollstrecker. Auch privat waren sie dicke Freunde gewesen. Sie hatten manche Nacht gemeinsam durchgefeiert, dieselben Mädchen vernascht und einander geholfen, wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten war. Später hatten sich ihre Wege getrennt und wieder gekreuzt, bis sie schließlich, einer nach dem anderen, wieder bei der Eintracht gelandet waren und ihre jetzigen Positionen eingenommen hatten. Moser und Ehrentraut wollten dem Verein nach der Fusion erhalten bleiben, nur Sturm zog es weg in die 2. Bundesliga.
Waren sie immer noch Freunde? Ehrentraut wusste es nicht. Die Jahre hatten einiges an ihnen verändert, die Gemeinsamkeiten waren verloren gegangen. Aber einander beizustehen wie weiland Athos, Porthos und Aramis, den anderen nicht im Stich zu lassen, dieser edle Gedanke spukte nach wie vor in ihren Hinterköpfen herum.
»Deine Jungs sind momentan schlecht drauf«, sagte Ehrentraut, während er kurz seine Fingernägel betrachtete, ob sie auch sauber waren. »Keine Lust am Spiel, keine Freude. Das ist nicht nur mir aufgefallen. Deine U-14-Mannschaft hat einen eklatanten Leistungsabfall und steht von allen unseren Nachwuchsteams am schlechtesten da. Soll ich noch mehr sagen?«
»Die Kerle spuren einfach nicht, sie sind in einem ungünstigen Alter.«
»Komm, hör auf. Das, was ich gerade gesehen habe, hat mir gereicht. Ich würde mich nicht wundern, wenn bald die ersten Beschwerden von den Eltern kommen.«
»Und du?«, lachte Moser plötzlich grimmig. »Du hast nichts getan, worüber sich Eltern oder sonst wer beschweren könnten?«
»Ach!« Ehrentraut machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich weiß schon, was du meinst. Das war ein Spaß, ein einmaliger Spaß. Darüber regt sich doch niemand auf. Im Gegenteil, das war cool.«
»Wenn du meinst. Aber ich möchte diesen Job als Nachwuchsleiter, hörst du?«
Sie sahen einander fest in die Augen.
»Morgen kommt Brown und schaut sich alles hier ein wenig genauer an«, erwähnte Ehrentraut. »Da kannst du ja versuchen, dich beliebt bei ihm zu machen. Was allerdings meine Fürsprache betrifft …«
»Ich möchte diesen Job«, wiederholte Moser. »Und denk einmal daran, was aus uns wird, wenn wir beginnen, plötzlich gegeneinander zu arbeiten.«
Ehrentraut blies kleine Wölkchen in den Himmel, dann drehte er sich um und marschierte langsam in Richtung des Hauptspielfeldes, wo jetzt auch die Kampfmannschaft ihr Training aufgenommen hatte.
»Harry Leitner ist wieder in Wien«, rief Moser ihm nach. »Nicht, dass ich vergessen hätte, es dir zu sagen.«
*
Wolfgang Ehrentraut lenkte seine Schritte zu seinem Lieblingsplatz schräg hinter dem Tor unterhalb der Matchuhr. Schon als Kind, bei seinen ersten Besuchen der Eintracht-Spiele, hatte es ihn immer hierher gezogen, das heißt, damals war er ganz unten am Spielfeldrand gestanden, weil ihm dort niemand die Sicht verstellen hatte können. Nach und nach war er weiter nach oben gewandert, bis an den Rand der Böschung. Und mit der Zeit hatte er dann begonnen, sich einzureden, dass dieser Ort ihm gehörte, ihm ganz allein, dieser Fleck, auf den von morgens bis abends die Sonne schien, und von dem aus man das Spielfeld wie von einem Feldherrnhügel überblicken konnte. Wenn ein Heimmatch gut besucht war und sich auch hier die Leute drängten, war es ihm, als wolle man ihn vertreiben, und die Eifersucht packte ihn. Aber jetzt, unter der Woche, konnte er sich ungestört hierher zurückziehen, um seinen Gedanken nachzugehen.
Er schaute den Spielern der Kampfmannschaft zu, die unten munter und locker mit ihrem Training begonnen hatten. Wie lange würde das so weitergehen? Zwei, drei Wochen vielleicht. Dann war Schluss, endgültig Schluss. Er würde sich einen neuen Fleck auf einem anderen Fußballplatz suchen müssen. Nur mehr der Nachwuchs würde eine Zeitlang hier trainieren und spielen, bis auch das vorbei war. Der Platz würde verwildern, und eines Tages würden die Bagger und Planierraupen kommen und den finalen Schlussstrich ziehen.
Niemand sollte sagen, dass ihm, Wolfgang Ehrentraut, das nicht in der Seele weh tat, ihm, der mit diesem Verein von Kindheit an mit nur wenigen Unterbrechungen immer verbunden gewesen war, als Spieler, als Trainer und jetzt als Obmann. Aber durfte man deswegen einer neuen Entwicklung im Weg stehen, die für alle, vor allem für ihn, das Beste war? Nein, Gefühlsduseleien waren hier fehl am Platz.
Floridsdorf würde das erste Mal seit der unseligen Abwanderung der ›Admira‹[7] aus dem Bezirksteil Jedlesee in die Südstadt im Jahr 1967 einen Großklub haben, der in ein bis zwei Jahren den Aufstieg zumindest in die 2. Bundesliga schaffen konnte. Ein neues, supermodernes Stadion würde entstehen. Er selbst würde die Geschicke dieses Vereines, des ›1. FC Floridsdorf‹, lenken. Joe Brown würde zwar Präsident sein und mit seinen Millionen alles möglich machen, auch im Mittelpunkt der Medienberichte zu stehen. Aber wie oft würde es ihn nach Wien verschlagen? Er hatte seine Firma BBF in Kanada, seine Familie und ein Haus samt Riesengrundstück. Es musste hier vor Ort jemanden geben, auf den er sich verlassen konnte, und dieser Jemand würde er sein. Ehrentraut würde, ausgestattet mit dem hübschen Titel ›Manager‹, alle Fäden ziehen und weit mehr verdienen als bei seinem jetzigen Job als Prokurist einer Werkzeugfirma. Das war praktisch fix. Und es war gut so.
Er blickte gegen die tiefer werdende Abendsonne auf das Spielfeld. Es überkam ihn jetzt öfter so etwas wie Wehmut, eine Schwäche, die er bekämpfen musste. Was war sie denn anderes als eine Selbstverliebtheit der Seele, die letztendlich Schuld daran trug, wenn alles auf der Stelle trat?
Mitten in seine Gedanken hinein läutete sein Handy. Es war seine Frau.
»Hallo, Betty?«
»Hallo! Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute Abend nicht zu Hause bin und morgen ziemlich sicher auch nicht. Solltest du Heimweh nach unserer Wohnung bekommen; es sind ein paar Sachen im Kühlschrank. Du wirst also nicht verhungern.«
»Wo gehst du denn hin?«
»Das geht dich nichts an.«
»Betty, ich denke, wir müssen einmal miteinander über alles reden.« Seine Stimme klang belegt und unsicher. Sie hatte ihre Weichheit und den melodischen Klang verloren.
»Ich möchte aber nicht mit dir darüber reden.«
»Dann tu mir bitte einen Gefallen. Joe Brown hat uns für Mittwoch Abend zum Essen eingeladen. Bitte nimm dir diesen Abend für mich frei. Es ist ungeheuer wichtig für mich. Er steht so auf intakte Familien.«
»Welchen Grund hätte ich, ausgerechnet jetzt diesem Brown eine intakte Familie vorzugaukeln?«
»Tu es mir zuliebe. Bitte!«
»Ich denke, du willst bloß gewisse Dinge verdrängen, weil sie dir nicht in deinen Kram passen. Ich werde diese Woche die Scheidung einreichen, und das ist mein Ernst, egal, ob du einwilligst oder nicht.«
Abwartend, möglichst unschuldig klingend fragte er: »Warum?«
»Wolfgang, ich will dir das jetzt nicht wieder alles am Telefon auseinandersetzen. Du hast dich verändert, du kümmerst dich nicht mehr um mich. Du hast dich still und heimlich in eine kleine Wohnung eingemietet, von der ich erst unlängst erfahren habe. Du bleibst oft nächtelang fort. Ich weiß nicht mehr, wann du kommst und gehst. Genügt dir das?«
»Ich habe dir schon gesagt, ich habe jetzt viel zu tun. Es geht um meine berufliche Zukunft. Es ist eine schwierige Zeit für mich. Ich wollte dich mit all dem nicht belasten.«
»Und wann sehe ich wieder einmal Geld für unseren Unterhalt von dir?«
Geld! Als er das Wort hörte, spürte Ehrentraut sofort ein unangenehmes Kribbeln auf seiner Haut. Geld war etwas, das nicht lange bei ihm blieb. Geld bereitete ihm Sorgen. »Ich denke, ich habe dir doch vorige Woche …«
Sie unterbrach ihn sofort. »Gar nichts hast du. Nicht einmal mehr darauf kann ich mich noch verlassen. Mein Sparbuch muss ich angreifen, wenn ich etwas brauche. Nein, nein, ich will die Scheidung, und damit basta. Wenn du vernünftig bist, stimmst du zu.«
Er erinnerte sich daran, wie sie früher sein Geld mit vollen Händen ausgegeben hatte. Eine Scheidung würde teuer werden. Betty würde alles nehmen, was sie kriegen konnte. »Welcher Mann steckt denn dahinter?«, fragte er.
»Offensichtlich muss immer ein anderer dahinterstecken, sonst glaubt ihr Männer es nicht. Aber ich kann dich beruhigen: Es gibt keinen anderen. Noch nicht. Es hat also keinen Sinn, wenn du ständig diesen Detektiv, oder was für ein Kerl das auch immer ist, hinter mir herrennen lässt.«
»Hör mal, wegen Mittwoch …«
»Du wirst am Mittwoch mit deinem Herrn Brown allein essen gehen müssen. Und versuche nicht immer abzulenken. Du hast dich verändert, Wolfgang. Du bist nicht mehr der, der du warst. Ich bedeute dir nichts mehr, auch wenn du es nicht zugibst. Und mir ist es völlig egal, wer oder was bei dir dahintersteckt. Ich mache jetzt einfach Schluss, ob es dir recht ist oder nicht.«
Damit stand es 1:0 für Bettina Ehrentraut. Sie hatte eiskalt eingenetzt und beendete das Gespräch sofort nach diesem Treffer, nahm ihrem Gatten damit jede Chance auf den Ausgleich.
Wolfgang Ehrentraut steckte gedankenverloren sein Handy ein. Eine Scheidung war das Letzte, was er in seiner jetzigen Situation brauchen konnte. Aber was sollte er tun?
Als er so dastand und sich einiges in seinem Kopf bewegte, fiel ihm das große Loch in dem Maschendrahtzaun auf, der den Platz nach draußen zu einem Fußweg hin begrenzte, welcher von der Straße abzweigte und zu einer Tennisanlage führte. Das Loch war so groß, dass ein ausgewachsener Mann in gebückter Haltung leicht ein und aus gehen konnte. Wer das wohl wieder getan haben mochte? Handelte es sich um eine der angekündigten ›Aktionen‹ aufgebrachter Eintracht-Anhänger? Ehrentraut schüttelte verärgert den Kopf. Bis zum Spiel am Sonntag musste das repariert werden, sonst gab’s womöglich Schwierigkeiten mit Gratisblitzern.
Er ging zurück in Richtung Kantine, um das Gespräch mit seiner Frau bei einer Flasche Bier zu verdauen. Das Loch im Zaun hatte er schon nach einigen Schritten wieder vergessen.
*
Ehrentraut nahm sich nicht die Zeit, das Bier in ein Glas zu schenken, sondern trank hastig aus der Flasche. Bertl Posch, der Kantinenwirt, spielte mit dem Messer, mit dem er gerade vorhin ein paar Scheiben Brot heruntergeschnitten hatte, und sah ihm neugierig dabei zu.
»Probleme?«, fragte er.
»Nein, nur Durst.«
Ehrentraut machte einen zweiten großen Schluck, sodass die Flasche zu mehr als der Hälfte leer war.
»Was ist eigentlich bei der Sache herausgekommen?«, wollte Posch wissen. Dabei behielt er das Messer in seiner Hand, als ob er sich nicht davon trennen könne.
»Bei welcher Sache?«
»Bei der Sache mit der Kantine am Kickers-Sportplatz.«
Ehrentraut erinnerte sich vage. Posch hatte sich um die Kantine beworben und gebeten, dass er bei Brown ein gutes Wort für ihn einlegte.
»Die wird wohl dem Moravec bleiben«, sagte Ehrentraut ausweichend.
Posch verbesserte ihn ganz ruhig und mit dem Anflug von einem Lächeln auf seinem Gesicht: »Du weißt, ich meine die zweite Kantine in der Kurve, die jetzt zusätzlich für Spiele der Kampfmannschaft gebaut wird. Glaubst du, dass die auch der Moravec bekommen wird?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe mit Brown geredet, aber eine Entscheidung wird erst in den nächsten Tagen fallen.«
»Und wenn ich dir sage, dass die Entscheidung bereits gefallen ist? Dass Moravec den Zuschlag bekommen hat, ohne dass viel herumverhandelt wurde?« Posch spielte weiter mit dem Messer, jetzt um eine Spur ungeduldiger, hektischer. Er lächelte noch immer, aber seine Augen starrten erbarmungslos in Ehrentrauts Gesicht.
Ehrentraut kannte Posch zur Genüge. Sein Oberkörper war stark und muskulös. Er konnte unangenehm werden, wenn er die Beherrschung verlor. An der zweiten Kantine, die ihm auch einen Platz im wahrscheinlich neu entstehenden Stadion sichern würde, lag dem Posch Bertl viel, das wusste er. Und zwischen Posch und Moravec bestand eine jahrzehntelange Feindschaft, seit die Eintracht einmal mit zwei Heimspielen auf den Kickers-Platz hatte ausweichen müssen und Moravec damals die gesamten Einnahmen aus dem Kantinenbetrieb abkassiert hatte.
Aber durfte man wegen solcher Kleinigkeiten und Eifersüchteleien die Fusion aufs Spiel setzen? Moravec hatte mehr Einfluss auf die eigenen Anhänger als viele glaubten. Also hatte Ehrentraut Brown gegenüber gar nicht viel vom Posch Bertl gesagt, und man hatte sich rasch darauf geeinigt, Moravec, dem Pächter der einen Kantine, auch die andere zu überlassen. Wenn es ums Ganze ging, war es einfach wichtig, dass die Details stimmten.
»Nicht einmal gesagt hast du es mir«, fuhr Posch, nach wie vor lächelnd, fort. »Und jetzt stehst du da, trinkst dein Bier und tust so, als ob nichts wäre. Ist das kameradschaftlich? Ich frage dich, ist das kameradschaftlich?« Er wurde um eine Spur lauter.
»Bertl, schau, ich …«
Posch machte mit seinem Finger eine kreisende Bewegung ins Lokal hinein. »Schau hin. Schau dir die paar Unverbesserlichen an, die an einem normalen Trainingstag hereinkommen. Von denen kann ich nicht leben. Du darfst dir ausrechnen, was die Kantine abwerfen wird, wenn die Kampfmannschaft einmal nicht mehr da ist. Meine Mutter liegt seit Anfang des Jahres in einem Pflegeheim, das kostet zusätzlich. Aber gut, ist ja nicht dein Geld.«
Geld! Schon wieder dieses Wort, das ein Kribbeln auf seiner Haut verursachte. Ehrentraut wollte etwas sagen, aber Posch schnitt ihm das Wort ab: »Ich will gar nicht hören, was du dir jetzt in aller Eile für Ausreden zusammengebastelt hast. Ich hab zu tun. Aber wir sprechen uns noch, darauf kannst du dich verlassen.«
Das Lächeln war jetzt aus seinem Gesicht gewichen. Das Messer hielt er weiterhin fest und beinahe drohend in der Hand.
*
Nachdenklich schritt Ehrentraut über den Kies zwischen Kantine und Kabinentrakt, wo sich auch die Büroräume der Eintracht Floridsdorf befanden. Es war eine kurze Sitzung mit Arthur Eberl, dem Kassier und zweiten Obmann, sowie Alfred Sonnleitner anberaumt, um eventuelle Unklarheiten vor dem morgigen Treffen mit Joe Brown und einigen Kickers-Funktionären zu bereinigen. Aber die Weichen waren bereits vor geraumer Zeit gestellt worden, es lief alles nach Plan. Ihn ärgerte nur, dass er sich beinahe von dem ungehobelten Bertl Posch einschüchtern hätte lassen. Der hatte doch wirklich geglaubt, er würde sich für ihn der neuen Kantine wegen einsetzen. Doch wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Da konnte man wirklich nichts machen.
Alfred Sonnleitner kam, wie immer ein wenig schusselig und hektisch, mit einer großen braunen Tasche in der rechten Hand, die so aussah, als hätte er sie aus der Gründerzeit des Vereins herübergerettet. Sein glattes, schwarzes Haar war mit viel Brillantine stark nach hinten gekämmt. Er wirkte ein wenig wie ein Rezeptionist aus einem seiner Hotels.
»Können wir anfangen?«, fragte er Ehrentraut ein wenig außer Atem.
»Arthur fehlt.«
»Auch gut! Dann bleibt mir wenigstens Zeit, dich an etwas zu erinnern. Du schuldest mir 3.500 Euro.«
Auch das noch. Hatte sich heute denn alles gegen Ehrentraut verschworen? »Einen kleinen Aufschub wirst du mir doch geben«, sagte er mit belegter Stimme.
Sonnleitner bemühte sich um ein verkrampftes Lächeln. »Höchstens bis zur Generalversammlung nächste Woche. Da muss ich das Geld haben, denn dann trete ich ja offiziell zurück und übersiedle nach Kärnten.«
»Ich kann es dir auf dein Konto überweisen.«
Sonnleitner schüttelte den Kopf. »Nein, nein, kommt gar nicht infrage. Ich habe es dir bar gegeben, und ich möchte es auch bar wieder zurückhaben. Bis nächsten Donnerstag. Spätestens.«
»Alfred, ich brauche einen Aufschub. Zu Hause gibt’s Probleme, und ich habe für eine Wohnung einen Kredit aufgenommen. Ich bin im Augenblick schlecht bei Kasse.«
»Hast du beim Wetten verloren, oder stimmen etwa die anderen Dinge, die man sich über dich erzählt?«, krächzte Sonnleitner. Mit seiner Heiterkeit schien es vorbei zu sein. »Hör einmal zu«, fuhr er fort, so ruhig er konnte. »Weißt du, warum ich den Verein verlasse? Da gibt es einige Gründe, aber einer davon bist du. Glaubst du, ich bin blind und taub oder schon senil? Du hast Geld aus der Kasse genommen, Wolfgang. Einige Male.«
»Wie hätte ich denn das tun sollen?«, fragte Ehrentraut unschuldig.
»Eben das werde ich bei der Generalversammlung aufdecken, wenn ich bis dahin meine 3.500 Euro nicht habe. Dann kannst du dir deinen neuen Job, auf den du so große Stücke setzt, in die Haare schmieren. Und Bekanntschaft mit der Polizei wirst du vermutlich auch machen. Versteh mich bitte nicht falsch. Ich weiß, dass du dich viel für den Verein eingesetzt hast, wenn ich die letzten Tage und Wochen vergesse. Ich will dir deine Zukunft nicht verderben. Aber mein Geld will ich zurückhaben, und zwar schnell.«
Ehrentraut schwieg nachdenklich. Er dachte daran, dass er schon schwierigere Situationen in den Griff bekommen hatte. Doch die Lage war ernst, sehr ernst sogar.
»Ah, da kommt ja Arthur. Jetzt kann es losgehen«, posaunte Sonnleitner in die beginnende Dunkelheit.
Die Spieler der Kampfmannschaft hatten soeben ihr Training beendet. Sie lachten und scherzten auf ihrem Weg in die Kabine. Sturm, der Trainer, ging an Ehrentraut vorüber. Die beiden sahen einander kurz in die Augen, grüßten sich aber nicht.