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Als Leopold das Rad, das er von seinem steirischen Freund Daniel erstanden hatte[11], vor dem Sportplatz der Eintracht Floridsdorf abstellte, taumelten ihm aus dem Eingang einige Überreste der Versammlung im Heller entgegen, immer noch ›einträchtig – übermächtig‹ skandierend, jetzt aber nicht mehr so feurig wie ehedem. Der ganze Haufen machte einen reichlich ramponierten Eindruck. Man hatte offenbar eine weitere kräftige Ladung zu sich genommen.

»Hallo, Leopold! Du hier?«, grölte ihm Paul Wittmann entgegen. »Hast wohl Appetit auf ein gepflegtes Kantinenbier bekommen. Aber beeil dich. Die Posch Gretl ist schon beim Zusperren.«

»Ist ja auch rundgegangen«, krächzte einer seiner Kollegen, der sich nur mehr mit Mühe auf den Beinen halten konnte. »Sogar rausgeworfen hat sie einige, weil sie den Brown und den Ehrentraut beleidigt haben.«

»Dem Wotruba und seinem Freund Schimek haben sie sogar ein Platzverbot erteilt«, erklärte Wittmann. »Die haben denen einmal so richtig schön die Meinung gesagt. Da war einiges los, wie du dir vorstellen kannst. Hast was versäumt.«

Leopold konnte es sich vorstellen. Die Entladung hatte also stattgefunden.

Er betrat die Kantine.

»Ach du mein Schreck«, tönte ihm gleich die wohlbekannte, aber gar nicht freundliche Stimme der Posch Gretl entgegen. »Das gibt’s ja nicht. Der Leopold aus dem Café Heller, der sich immer so abschätzig über unsere Ware äußert. Kommt jahrelang nicht daher und taucht dann plötzlich zur Sperrstunde auf, wenn man am liebsten schon seine Ruhe hätte. Wenn du noch etwas trinken willst, muss es aber schnell gehen.«

»Einen Spritzer weiß, bitte«, sagte Leopold. Tatsächlich waren bereits die letzten Gäste dabei zu gehen. Mit steinerner Miene schenkte Gretl Posch ihm sein Glas ein. Ihre bereits ziemlich grauen Haare zeigten den Ansatz einer Dauerwelle, doch standen sie zerzaust in alle Richtungen. Leopold nahm einen Schluck. Na ja, ein edler Tropfen war’s keiner, aber so übel nun auch wieder nicht und gut zu trinken gegen den Durst. »Ihr sperrt schon zu?«, fragte er.

»Was heißt ›schon‹? Willst du mich beleidigen?« Gretl Posch geriet leicht in Rage. »Es ist bald 11 Uhr, und normalerweise machen wir um 10 Schluss. Aber zuerst waren die Spieler da, dann die ganzen Funktionäre, und schließlich deine Freunde.«

Deine Freunde! Wie vorwurfsvoll das klang! »Die haben sich ziemlich aufgeführt, nicht wahr?«, erkundigte sich Leopold.

»Aufgeführt ist gar kein Ausdruck. Sternhagelvoll sind sie gekommen und noch sternhagelvoller wieder gegangen. Dazwischen haben sie mit den Funktionären von uns und von den Kickers angedreht, sogar mit dem Brown. Zwei haben schließlich vom Ehrentraut ein Platzverbot bekommen. Jetzt muss er sie bei der Generalversammlung nicht hereinlassen, wenn er nicht will. Und von eurer ›geheimen Versammlung‹ wissen mittlerweile auch alle.«

So ähnlich hatte sich Leopold das vorgestellt. »Eine richtige Versammlung war es eigentlich nicht«, schwächte er ab. »Die Leute wollten sich nur einmal treffen und ungestört miteinander reden.«

»Was dabei herausgekommen ist, haben wir ja gesehen. Dabei brauchst du nicht zu glauben, dass der Bertl und ich für die Fusion sind. Für uns heißt das, dass wir in der nächsten Saison nur mehr exklusive Gäste betreuen werden. Das Geschäft wird den Bach hinuntergehen, und irgendwann in der nahen Zukunft wird es ganz aus sein. Aber was kann man dagegen ausrichten, frage ich dich? Der Ehrentraut und sein Freund Brown haben die Zügel fest in der Hand.« Gretl Posch schnaufte leicht, wie immer, wenn sie ungeduldig und schlechter Laune war. Sie wartete darauf, dass Leopold austrank und sie endlich gehen konnte. Inzwischen machte sie ihre letzten Handgriffe. Plötzlich stieß sie einen unterdrückten Schrei aus.

»Was gibt’s?«, fragte Leopold.

»Das ist ja eine schöne Bescherung«, hörte er Gretl weiter schnaufen. »Jetzt steht noch immer der Koffer vom Ehrentraut da. Das heißt, dass er sich nach wie vor irgendwo auf dem Platz herumtreibt.«

»Und?«, wollte Leopold wissen.

»Bitte ärgere mich nicht, mir reicht’s langsam. Nach dem Wirbel vorhin hat der Ehrentraut gesagt, er muss etwas erledigen, ob er seinen Aktenkoffer kurz bei mir hinter der Theke stehen lassen kann, er kommt gleich wieder. Und jetzt ist er immer noch nicht da. Dabei ist außer mir und dir kein Mensch mehr auf dem Platz. Das heißt, ich kann nicht einfach nach Hause gehen, sondern muss auf Ehrentraut warten. Wo kann er bloß stecken?«

»Kann er sich den Koffer nicht morgen holen?«

»Weiß ich, was drinnen ist? Vielleicht sind es wichtige Unterlagen, die er morgen in seiner Firma braucht. Außerdem muss ich die Eingangstür zum Platz zusperren.« Gretl Posch schnaufte immer heftiger.

»Ich würde ja nach ihm schauen, während du hier fertig aufräumst, wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo er sein könnte«, schlug Leopold vor.

»Drüben im Sekretariat und bei den Kabinen brennt kein Licht mehr, das kannst du vergessen«, überlegte Gretl. »Am ehesten ist er auf der Böschung gleich hinter dem Tor auf dieser Seite. Das war schon immer sein Lieblingsplatz. Dort geht er hin, wenn er nachdenkt, oder wenn er ein Problem hat. Aber um diese Zeit …« Seufzend blickte sie auf die Uhr.

Leopold zauberte eine kleine Taschenlampe aus dem leichten, beigefarbenen Blouson hervor, das er anhatte. Er winkte der nervösen Gretl damit zu und leuchtete ihr kurz ins Auge. »Ich geh nachschauen«, meinte er spitzbübisch.

»Lass die Faxen und beeil dich«, schnaufte Gretl Posch.

Draußen war es ein wenig kühler geworden. Die Böschung lag gleich hinter der Kantine, und Leopold kannte sie von seinen früheren Besuchen auf dem Eintracht-Sportplatz. Das war gut, denn die Taschenlampe nutzte auf der freien, offenen Fläche zunächst nicht viel. Das Auge musste sich erst an die Finsternis gewöhnen.

Er hörte das sanfte Rauschen der Blätter der Pappelbäume, die in einer Reihe oberhalb von ihm standen, sonst nichts. Ganz wohl war ihm nicht in seiner Haut. Es war so merkwürdig still, und der Gedanke, hier irgendwo plötzlich auf Ehrentraut zu stoßen, kam ihm von Minute zu Minute absurder vor. »Herr Ehrentraut, sind Sie da?«, rief er in die Dunkelheit, aber wie erwartet erhielt er keine Antwort.

Trotzdem ging er, angetrieben von seiner Neugierde, langsam und bedächtig weiter. Der Lichtkegel der Taschenlampe suchte nach etwas Unbestimmtem, Unerwartetem, nach etwas, das ihm die Gewissheit gab, nicht umsonst hier herausgekommen zu sein.

Dann war es doch der Fuß, der auf etwas stieß. Leopold hielt kurz inne, ehe er hinunterleuchtete. Offenbar hatte Ehrentraut wirklich seinen Lieblingsplatz aufgesucht. Jetzt aber lag er da, tot, die Augen weit aufgerissen, um ihn eine Lache von Blut. Die einzige Fusion, die er in diesem Zustand noch eingehen konnte, war die Verbindung mit der Ewigkeit.

Leopold sah sich die ganze Situation kurz einmal an. Das Blut kam von links hinten am Rücken. Dort befanden sich zwei Einstiche, und einer davon hatte das Herz wohl ziemlich genau getroffen. Das Messer, mit dem diese Tat begangen worden war, konnte er allerdings nicht ausfindig machen.

Gern hätte er den Leichnam genauer untersucht, aber viel konnte er nicht machen, ohne dessen Lage entscheidend zu verändern, und das würde Schwierigkeiten mit sich bringen, vor allem mit dem unleidlichen Inspektor Bollek, der meist als Erster am Tatort auftauchte, und auf den er gar nicht gut zu sprechen war. Nein, nein, es war besser, sich vorderhand ein wenig in Geduld zu üben und auf seine Chance zu warten. Sein Freund und ehemaliger Schulkollege Oberinspektor Juricek, der Leiter der Mordkommission, würde seine treuen Dienste sicher wieder in Anspruch nehmen.

Also ging Leopold, die neue Situation überdenkend, zurück zur Kantine. Gretl Posch musste einsehen, dass sie noch nicht nach Hause fahren konnte.

 

*

 

»Was ist?«, begrüßte Gretl Posch Leopold, erwartungsvoll und ungeduldig schnaufend.

»Nix ist. Dableiben müssen wir.«

»Hast du ihn denn nicht gefunden?«

»Doch, aber in einem sehr schlechten Zustand. Genau genommen in gar keinem Zustand mehr. Er ist tot«, sagte Leopold, als ob es die natürlichste Sache der Welt wäre. Er war noch nie sehr gut darin gewesen, jemand anderem eine tragische Nachricht schonungsvoll mitzuteilen.

Gretl Posch griff sich auch gleich vor Schreck an den Hals. »Um Gottes willen, wie ist denn das passiert?«, fragte sie schockiert.

»Erstochen. Von hinten. Trotzdem hat er die Augen ganz weit aufgerissen. Vielleicht hat er seinen Mörder gesehen, aber das nützt uns jetzt auch nichts mehr«, erzählte Leopold trocken.

Die Posch Gretl brach in Tränen aus. Offenbar hatte sie das blanke Entsetzen gepackt. »Das … Das ist ja furchtbar«, stammelte sie.

»Na ja, in erster Linie einmal unangenehm, weil wir die Polizei rufen müssen und hier gleich eine Menge los sein wird«, führte Leopold an.

»Aber was weißt denn du«, platzte es aus Gretl heraus. »Jetzt werden alle meinen Mann für den Mörder halten. Und das Schlimmste ist, ich bin mir gar nicht sicher, ob er es nicht auch getan hat.«

Jetzt begann die Sache für Leopold interessant zu werden. »Warum denn?«, erkundigte er sich scheinheilig.

»Er hat gestern Abend mit Ehrentraut eine Auseinandersetzung gehabt. Es ist um die zweite Kantine gegangen, die jetzt provisorisch auf dem Kickers-Platz eingerichtet und dann im neuen Stadion voll ausgebaut wird. Ehrentraut hat uns versprochen, dass er sich diesbezüglich für uns einsetzen wird, hier ist ja bald nichts mehr los. Gemacht hat er natürlich nichts, ganz im Gegenteil: Still und heimlich hat er mit Joe Brown abgesegnet, dass diese Kantine auch an den Moravec geht. Jetzt sitzt der Moravec überall und wir nirgends. Wie der Bertl da draufgekommen ist, hat er eine Stinkwut bekommen.« Sie schnäuzte sich in ein Taschentuch. »Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll, Leopold«, sagte sie dann. »Ein, zwei Jahre werden wir hier dahinvegetieren, dann ist es ganz aus. Wir sind zu alt, um danach irgendwo anders Fuß zu fassen. Dabei brauchen wir das Geld dringend, weil Bertls Mutter in einem Pflegeheim liegt. Da hat der Bertl gesagt: ›Ich bring diesen arroganten Kerl mit meinen eigenen Händen um.‹«

»Das heißt noch lange nicht, dass er ihn wirklich töten wollte«, versuchte Leopold, Gretl zu beruhigen. »Man sagt so etwas leider oft in seiner ersten Wut.«

»Ich weiß nicht, ich habe einfach ein ungutes Gefühl. Und was das Schlimmste ist: Vorhin beim Zusammenräumen ist mir aufgefallen, dass eins von den großen Schneidemessern fehlt. Ich bilde mir ein, dass es zuerst noch da war.«

»War der Bertl heute Abend auch in der Kantine?«, fragte Leopold.

»Ja, sicher! Er hat gewartet, bis der ärgste Wirbel vorüber war und die beiden Unruhestifter draußen waren. Dann hat’s ihm aber gereicht. ›Glaubt’s ihr, für einen Bettel spiele ich bis in die Nacht den Hinausschmeißer?‹, hat er gesagt. Dann ist er gefahren, und ich bin halt geblieben, weil nach wie vor viele Leute da waren. Und schließlich hat der Ehrentraut seinen Aktenkoffer deponiert und ist verschwunden.«

Leopold schüttelte den Kopf. »Wenn der Bertl vorher weggefahren ist, kann er nicht der Täter sein«, stellte er fest.

»Hast du eine Ahnung. Bei der Matchuhr hinten ist ein mannsgroßes Loch im Drahtzaun, das irgendwelche Vandalen am Wochenende gemacht haben. Der Riediger, unser Platzwart, hat’s jedenfalls nicht repariert, nur ein bisschen zugedeckt.«

»Du meinst also, Ehrentraut hätte sich mit Bertl bei der Matchuhr treffen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre«, schloss Leopold messerscharf. »Sagen wir, sie wollten über diese neue Kantine reden, aber unter sich, ohne das Beisein Browns. Bertl ist nur zum Schein weggefahren und steigt durch das Loch im Zaun wieder ein. Sie fangen an zu debattieren. Ehrentraut kommt mit einer fadenscheinigen Lösung, um Bertl zu besänftigen, der ist aber bereits geladen. Das Messer hat er bei sich, und als ihm Ehrentraut den Rücken zukehrt, sticht er zu.«

»Vielleicht.« Gretl Posch hatte sich einen doppelten Schnaps eingeschenkt und kippte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, in einem Zug hinunter.

»Wir müssen hineinschauen«, verkündete Leopold, und man merkte ihm dabei eine gewisse Vorfreude an.

»Was müssen wir?« Gretl verstand gar nichts.

»Hineinschauen. In den Koffer.« Leopold zeigte unbarmherzig mit der rechten Hand auf das Objekt seiner Begierde.

Gretl Posch verstand noch immer nichts.

»Es könnten Beweismittel drin sein, die deinen Mann, den Bertl, entlasten«, erklärte Leopold.

»Ja, aber dürfen wir denn das? Sollten wir nicht lieber gleich die Polizei rufen?«

Mein Gott, wie man nur so begriffsstutzig sein konnte! »Auf die paar Minuten kommt’s jetzt auch nicht mehr an«, sagte Leopold. »Wir sollten uns doch vergewissern, ob jemand anders auch einen Grund gehabt haben könnte, Ehrentraut zu töten. Dann kennen wir uns wenigstens aus. Dann sind wir gewappnet, wenn sie uns ins Verhör nehmen. Wir müssen es eben so machen, dass es keiner merkt, verstehst du?«

Gretl Posch begann jetzt wieder stärker zu schnaufen und kippte noch einen Schnaps hinunter. Leopold nahm zwei dünne, durchsichtige Wegwerfhandschuhe aus seiner Blousontasche und zog sie über seine Hände. »Das ist nur wegen der Fingerabdrücke«, meinte er beschwichtigend. »Die sind recht praktisch. Hab ich von der netten Dame in der Feinkostabteilung im Supermarkt geschenkt bekommen. Im Kaffeehaus hab ich noch einige in meiner Lade.«

  »Wenn wir nur nichts Verbotenes machen.« Gretl wischte sich mit der Hand über die Stirn. Ihre Nervosität stieg ins Unermessliche. »Außerdem hat der Koffer ein Zahlenschloss«, stöhnte sie. »Wie willst du das so schnell aufkriegen?«

 »Nur ruhig Blut, das haben wir gleich.«

Natürlich wusste Leopold, dass die Sache nicht so einfach war. Das Schloss hatte vier Stellen, also gab es insgesamt 10.000 Möglichkeiten. Wenn er für eine Kombination etwa drei Sekunden rechnete, waren das zwanzig Kombinationen in der Minute und immerhin 1.200 in der Stunde, ohne Verschnaufpause. Bis er alle Varianten durchgespielt hatte, würde es mehr als acht Stunden dauern. Und die Zeit hatte er nicht, vor allem, wenn er daran dachte, was er sich dann wieder von seinem Intimfeind Bollek anhören konnte. Aber die Chancen, den Code schnell zu knacken, standen auch nicht sehr günstig.

»Weißt du, wie alt Ehrentraut war, Gretl?«, fragte er.

»Keine Ahnung, aber ich schätze, um die 50. Er hat sicher jünger als sein tatsächliches Alter ausgesehen, weil er sich immer so fesch hergerichtet hat. Wieso?«

Leopold ignorierte Gretl Poschs stupide Fragen. »Welcher Monat? Welcher Tag?«, bohrte er weiter.

»Wie soll ich denn das wissen?«

»Vielleicht hat er ihn einmal bei euch im Verein gefeiert. Wäre ja möglich.«

»Warte mal, ich denke, das war nach Weihnachten. Ende Jänner oder Anfang Februar.«

Leopold drehte herum, aber alles, worauf Gretl Poschs Angaben hindeuteten, war eine Fehlanzeige. Zu dumm! Er durfte sich nicht mehr viel länger mit dem Zahlenschloss aufhalten, die Zeit rannte ihm davon. Im Geist sah er James Bond vor sich, wie er, Sekundenbruchteile, bevor die Atombombe explodierte, den Mechanismus entschärfte. So ein Geniestreich musste ihm jetzt auch gelingen.

»Wie lange dauert das denn noch?«, hörte er die nervöse Gretl hinter sich.

Viele Möglichkeiten blieben ihm nicht mehr. Einer Eingebung folgend, ließ er die 19 vorne stehen und begann dann, fieberhaft zu drehen. Wenn es sich um eine Jahreszahl handelte, war das der schnellste Weg zum Erfolg.

Gretl Posch goss sich vor Aufregung erneut einen hinter die Binde. Da machte es ›klack‹, und der Koffer war offen. Leopold lächelte verschmitzt. 1913, das Gründungsjahr der Eintracht Floridsdorf. Da hätte er gleich draufkommen können. »Na bitte«, sagte er triumphierend.

Allerdings sah der Inhalt zunächst einmal nicht sehr vielversprechend aus. Viele Papiere, die Ehrentraut wohl für das Treffen mit Joe Brown und seinen Leuten benötigt hatte. Die eine oder andere Akte aus seiner Firma. Nichts, was auf die Schnelle besehen verdächtig wirkte.

Leopold wühlte behutsam, aber er wühlte. Jetzt war er schon beinahe am Boden des Aktenkoffers angelangt. Da fiel ihm ein größeres, unverschlossenes Kuvert im Format A4 auf. Es enthielt etwas, das dicker war als Papier. Es fühlte sich an wie Fotos, stark vergrößerte Fotos. Rasch zog Leopold sie heraus.

Donnerwetter! Da hielt er aber etwas Heißes in der Hand: Nacktfotos, die die Geschlechtsorgane und Hinterteile von halbwüchsigen Burschen zeigten. Es sah so aus, als wären mit dem Computer Teile aus den ursprünglichen Fotos ausgeschnitten und dann in dieser stattlichen Größe kopiert worden. Aber wie kamen die Bilder in Ehrentrauts Koffer? Wo stammten sie her? Hatten sie etwas mit seiner Ermordung zu tun?

Schon war Gretl Posch bei Leopold. »Na, was haben wir denn da?«, schnaufte sie. »Ich hab schon immer gewusst, dass der Ehrentraut ein Schweinderl ist, aber das schlägt dem Fass ja wohl den Boden aus. Hat er doch glatt unsere Jungs abfotografiert, damit er zu Hause,eh schon wissen, was zum Anschauen hat. Das ist ja … das ist ja die reinste Pornografie, ist ja das.«

»Glaubst du wirklich, dass Ehrentraut die Fotos selbst gemacht hat?«, wollte Leopold wissen.

»Aber sicher doch! Da schau her. Man sieht es zwar nur klein und verschwommen, aber das sind unsere Duschkabinen hier auf dem Platz. Saukerl, gemeiner.«

»Du glaubst also, diese Fotos sind da entstanden?«

»Natürlich!« Gretl Posch war kaum mehr zu beruhigen. »Ich glaube, ich weiß auch schon, wie er’s gemacht hat. Bei seinem Geburtstag war’s, und der war doch erst im …«

»Jänner oder Februar«, zeigte sich Leopold auf dem Laufenden.

»Genau! Da ist er mit ein paar Bierflaschen nach hinten in den Duschraum gegangen. Er hat den Burschen was zu trinken gegeben, dann hat er sie fotografiert. Die haben geglaubt, es ist alles nur Spaß. Wenn die gewusst hätten, dass er sich hinterher an ihnen aufgeilt! Eine Schweinerei, das Ganze. Na, jedenfalls hat der Ehrentraut jetzt seine gerechte Strafe und mein Bertl ist aus dem Schneider. Ich werde das gleich alles der Polizei erzählen.«

»Gar nichts wirst du«, murmelte Leopold, während er weiterhin im Koffer kramte.

»Warum nicht?«

»Weil die Polizei nicht wissen darf, dass wir sozusagen eine kleine Voruntersuchung gemacht haben.«

»Aber was soll ich denn tun?«

Die dumme Fragerei ging Leopold ordentlich auf die Nerven. »Wie ich schon gesagt habe, gar nichts«, erklärte er Gretl jetzt laut und deutlich wie einem kleinen Kind. »Du wartest, bis sie dich fragen. Dann erzählst du ihnen wahrheitsgetreu, wie der heutige Abend abgelaufen ist. Keine unnötigen Verweise auf Bertl. Vom Koffer weißt du nur, dass Ehrentraut ihn bei dir deponiert hat. Alles andere ergibt sich von selber.«

»Ist das aber kompliziert«, stöhnte Gretl.

Leopold bereute bereits, diese Frau ins Vertrauen gezogen zu haben. Während er versuchte, die Dinge im Koffer wieder in ihre ursprüngliche Ordnung zu bringen, flatterte ihm aus irgendeiner Ecke ein Zettel entgegen, der offenbar von einem Notizblock abgerissen worden war. Darauf stand, hastig hingeschrieben, eine Handynummer, aber dazu kein Name, nichts. ›Auch gut‹, dachte er und steckte das Blatt ohne viel nachzudenken, sozusagen aus alter Gewohnheit, ein. Dann machte er den Koffer zu und stellte ihn auf seinen vorigen Platz.

Es war ein schönes Stück Zeit vergangen. Jetzt musste Leopold die Polizei, genauer gesagt seinen alten Freund Oberinspektor Juricek, anrufen, ob er wollte oder nicht. Während er die Nummer wählte, rief er Gretl Posch noch einmal mahnend zu: »Kein Wort von unserer Aktion mit dem Koffer!«

 

*

 

Der rotgesichtige, spärlich behaarte und leicht cholerische Inspektor Bollek wirkte bereits ein wenig müde, aber angriffslustig wie immer, als er die Kantine betrat. »Sieh an, der Herr Chefober. Der Mann mit dem Dingsda in seinem Namen, dem ›W‹«, grüßte er mürrisch.

»Das ›Dingsda‹ ist eine Initiale, darauf lege ich größten Wert«, sagte Leopold.

»Weiß ich. Machen wir’s kurz. Sie haben wieder einmal die Leiche gefunden?«

»Ja natürlich, sonst hätte ich ja nicht angerufen.«

»Lassen Sie Ihre dummen Scherze. Wann und wo war das?«

»Also gefunden habe ich den Herrn Ehrentraut dort, wo er vermutlich jetzt noch liegt und sich Ihre Leute gerade an ihm zu schaffen machen, nämlich hinter dem herüberen Tor unter der Matchuhr. Und wann? Mein Gott, es war dunkel, und ich habe nicht gleich auf die Uhr geschaut. Aber es wird ungefähr halb zwölf gewesen sein.«

»23.30 Uhr, meinen Sie. Aha! Wahrscheinlich haben Sie wieder an dem Toten rumgefummelt, alle Spuren verwischt und vergessen, wie spät es ist. Und sonst? Wissen Sie vielleicht schon, wer der Täter ist?«

»Nein, woher sollte ich?«, fragte Leopold mit gespielter Unschuld.

»Hätte ja sein können«, bemerkte Bollek, und sein Gesicht verzog sich dabei zu einem fratzenartigen Grinsen. »Da hätten Sie uns allen eine Menge Arbeit erspart. Woher kommt es eigentlich, dass Sie immer dort sind, wo sich eine Leiche befindet? Was suchen Sie überhaupt hier? Ihr Kaffeehaus ist doch ganz woanders?«

»Wir haben heute früher Schluss gemacht, und da habe ich noch auf ein Getränk vorbeigeschaut. Das ist ja nicht verboten, oder?«

»Nein, nein, keineswegs. Aber warum sind Sie dann plötzlich in der Dunkelheit hinter das Tor marschiert? Um frische Luft zu schnappen? Oder weil Ihnen gerade danach war, Ihr Wasser in der freien Natur zu lassen? Antworten Sie! Da stimmt doch etwas nicht, da ist doch was faul.«

Leopold hatte sich bis jetzt zurückgehalten, weil es ihm lästig war, sich ständig an dem Herzinfarktkandidaten Bollek aufzureiben. Aber jetzt platzte es aus ihm heraus: »Hören Sie zu, muss ich mich für jeden meiner Schritte bei Ihnen rechtfertigen? Da drüben liegt eine Leiche, und es ist ein Mord geschehen. Wie wär’s, wenn Sie einmal Fragen stellen würden, die zur Aufklärung des Falles beitragen können, anstatt mich vor anderen Leuten so schikanös zu behandeln?«

Damit meinte er Gretl Posch, die der Befragung bisher mit weit geöffneten Augen gefolgt war und glaubte, sich jetzt einmischen zu müssen. »Der Herr Leopold hat nachgeschaut, wo der Herr Ehrentraut so lange bleibt«, gab sie gehorsam zu Protokoll. »Ich wollte endlich nach Hause fahren und alles zusperren, aber Herr Ehrentraut war noch irgendwo hier auf dem Platz. Wissen Sie, er hat nämlich seinen Koffer hier …«

»Ja?«, fragte Bollek und schielte neugierig in die von Gretl Posch angedeutete Richtung.

»Seinen Koffer hat er bei mir gelassen, und dann ist er ihn nicht mehr holen gekommen, und das hat uns irgendwie misstrauisch gemacht«, erklärte sie.

»Beweisstück Nummer 1«, stellte Bollek zufrieden fest. Schon wollte er eine eingehendere Untersuchung desselben vornehmen, als Frau Inspektor Dichtl die Kantine betrat.

»Hallo, Bollek«, rief sie. »Sie mögen mit Herrn Leopold Hofer gleich zum Chef kommen. Er wartet bei der Leiche auf Sie beide. Um die Kantinenwirtin hier kümmere ich mich.«

»Er ist schon da?«, fragte Bollek ungläubig. »Da hätten wir ihn ja kommen sehen müssen.«

»Ich weiß auch nicht«, verkündete Frau Dichtl achselzuckend. Oberinspektor Richard Juricek hatte die Angewohnheit, stets ein wenig später am Tatort zu erscheinen, dann, wenn er bereits auf erste konkrete Ergebnisse hoffen konnte. Vorher überließ er das Feld gern der Spurensicherung und seinen beiden Ermittlungshelfern, das war bekannt. Diese fragten sich jedoch jetzt, wie er, ohne den normalen Eingang zu benützen und von ihnen bemerkt zu werden, den Sportplatz betreten hatte.

Juriceks große, mächtige Gestalt mit dem breitkrempigen Sombrero war schon von Weitem gegen das gleißende Licht der Scheinwerfer der Spurensicherung zu erkennen. Leopold tauchte als Erster bei ihm auf, und die beiden Freunde begrüßten einander herzlich.

»Sag, Leopold«, meinte Juricek dann, »liegt der Tote genauso, wie du ihn gefunden hast?«

»Ja, natürlich. Ich bilde es mir zumindest ein. Es war ja ganz dunkel, und ich habe nur eine kleine Taschenlampe dabeigehabt.«

»Du hast also nichts verändert an der Leiche? Nichts weggenommen? Nichts eingesteckt, was im unmittelbaren Umkreis gelegen ist? Geld, Visitenkarten, Kinokarten, Kontoauszüge, Mobiltelefon?«

»Aber Richard, du kennst mich doch.«

»Eben.« Juricek nickte wissend und atmete dabei tief durch. »Wir haben nämlich so gut wie nichts bei dem Toten gefunden, keine Brieftasche, kein Handy, nichts, was man sonst in seinen Taschen eingesteckt hat. Nur ein paar Schlüssel und seinen Führerschein.«

»Und da ziehst du gleich in Erwägung, dass ich mich nach Lust und Laune bedient habe? Fängst du auch schon an wie dein netter Gehilfe Bollek?« Leopold zeigte Juricek seine ganze Enttäuschung über diesen Verdacht. »Ich habe jedenfalls alles so liegen und stehen gelassen, wie es war«, bemerkte er knapp und schroff.

»Ich erwäge vorderhand gar nichts«, winkte Juricek ab. »Wahrscheinlich haben wir es eben mit einem sehr gründlichen Täter zu tun. Aber vielleicht hat er uns dadurch ein paar Spuren hinterlassen. Wo ist denn Bollek?«

Bollek, der mit der schrägen, naturbelassenen Stehplatztribüne in der Dunkelheit nur schlecht zurechtkam und von Leopold nach einigen Schritten mehr oder minder links liegen gelassen worden war, hatte sich nun ebenfalls bis zum Tatort durchgekämpft. »Hier bin ich«, stöhnte er. »Das ist ja ein Ding. Dass so eine Stehplatzrampe überhaupt noch erlaubt ist. Ich habe vorne in der Kantine auf Sie gewartet, Chef. Wie sind Sie denn hereingekommen?«

Juricek deutete in die Dunkelheit hinter sich. »Durch das mannsgroße Loch im Drahtzaun«, sagte er. »Ich habe zufällig gehört, dass gestern deswegen eine Anzeige bei uns gemacht worden ist. Derzeit sprich sich im Bezirk ja alles schnell herum, was die Eintracht Floridsdorf betrifft. Also habe ich gleich einmal die Gelegenheit wahrgenommen und mir die Sache angesehen. Ich muss sagen, ich bin nicht enttäuscht worden. Man kommt ganz leicht durch und auf den Platz.« Er lächelte schelmisch.

»Das heißt …«

»Das heißt, der Täter könnte es auch benutzt haben, richtig, Bollek. Eine Möglichkeit, hierher zu gelangen, ohne vorne beim Haupteingang und der Kantine aufzufallen. Eine Möglichkeit, heimlich wiederzukommen, nachdem man scheinbar schon weggefahren ist. Wir müssen das alles in unsere Überlegungen miteinbeziehen. Ehrentraut ist jedenfalls durch zwei Stiche in den Rücken mit einem größeren Messer umgebracht worden. Ein Stich hat genau ins Herz getroffen.«

»Aus der Kantine ist heute ein solches Messer gestohlen worden«, berichtete Leopold. »Zumindest behauptet das Frau Posch, die das Lokal mit ihrem Mann gepachtet hat.«

»Offenbar war ja heute Abend dort einiges los«, meinte Juricek. »Sagen Sie, Bollek, haben Sie diesbezüglich schon etwas herausgefunden?«

»Wie? Nein, leider, nicht viel bisher«, antwortete Bollek. Er schien auf diese Frage nicht ganz vorbereitet. »Ich stehe mit meinen Ermittlungen gewissermaßen erst am Anfang.«

»Der Herr Inspektor hat es für wichtiger befunden, sich in ein paar nebulose Verdächtigungen gegen mich zu verzetteln«, stichelte Leopold genüsslich.

»Wundert’s dich?«, grinste Juricek. »Er tut das, was ich an seiner Stelle auch tun würde: Er traut dir nicht über den Weg. Aber einen kleinen Lagebericht hätten Sie schon für mich parat haben können, Bollek.«

»Vielleicht kann ich aushelfen«, sagte Leopold. Er wirkte weiterhin kühl und ein wenig sauer. »Ich bin zwar selbst erst später gekommen, aber es sieht so aus, als habe es ein größeres Remmidemmi gegeben. Einige Vereinsmitglieder, die die Fusion der Eintracht mit den Kickers mit allen Mitteln verhindern wollen und sich deshalb bei uns im Heller getroffen haben, sind dann von unserem Lokal hierher marschiert und auf einige Funktionäre gestoßen, die diese Verbindung jetzt möglichst schnell absegnen wollen. Stier trifft sozusagen auf rotes Tuch. Du kannst dir denken, dass sich da einiges abgespielt hat, Beschimpfungen, Platzverweise und so, vielleicht auch kleinere Handgreiflichkeiten. Alle waren ziemlich geladen, und Ehrentraut war mittendrin. Genaueres wirst du von Gretl Posch erfahren.«

»Und du glaubst, Ehrentrauts Tod hat mit diesen Aggressionen zu tun?«

»Ich glaube gar nichts«, wehrte Leopold ab.

»Schön. Wir werden uns auf jeden Fall von dieser Frau die Namen aller Beteiligten geben lassen, an die sie sich erinnern kann«, wies Juricek an.

»Soll ich das erledigen?«, meldete sich Bollek zu Wort, der eine Gelegenheit suchte, sich bei seinem Chef wieder beliebt zu machen. »Drüben in der Kantine ist auch noch ein Aktenkoffer, den Ehrentraut dort vor seinem Tod deponiert hat. Den müsste man sich ebenfalls genauer ansehen. Er ist mit einem Zahlenschloss versperrt, soviel ich gesehen habe.«

»Nein, ich werde mich gleich selbst darum kümmern«, beschloss Juricek. Dann nahm er Leopold auf die Seite und begann mit ihm ein vertrauliches Gespräch. »Na, bist du etwa angefressen?«, fragte er.

»Wie mans nimmt. Vertrauen zu mir hat ja keiner mehr von euch.«

»Wer sagt denn das? Du kennst unseren Bollek und weißt, dass er gern übers Ziel hinausschießt. Und mir hast dus ja auch nicht immer gerade leicht gemacht. Also zieh nicht gleich ein Schnoferl[12], wenn man dir einmal etwas sagt, wir zweifeln ja nicht an deiner Spürnase, sondern nur manchmal an deiner Loyalität uns gegenüber. Nicht zu Unrecht, wie ich meine, nicht zu Unrecht. Trotzdem, wenn es dir gelingt, deine Eigenmächtigkeiten im Zaum zu halten«, dabei machte er eine leichte drohende Bewegung mit seinem rechten Zeigefinger in Leopolds Richtung, »könntest du mir zusammen mit deinem Freund Thomas Korber in diesem Fall natürlich sehr behilflich sein.«

»Wir könnten uns ein wenig auf dem Platz umhören«, bot Leopold sich an, und seine Augen begannen zu funkeln.

»Genau. Der allgemeine Tratsch könnte wichtig sein, die Dinge, die man uns von der Polizei nicht auf die Nase bindet. Gerüchte, die vielen kleinen Animositäten und Eifersüchteleien, die es aufgrund der bevorstehenden Fusion jetzt gibt. Vielleicht ist da irgendwo etwas dran, dem man nachgehen kann. Ehrentraut scheint ja in letzter Zeit nicht gerade beliebt gewesen zu sein. Aber du weißt …« Erneut ging Juriceks Finger kurz nach oben. Ob er hoffte, Leopold damit für längere Zeit in seiner Unternehmungslust einbremsen zu können?

Beide gingen schweigend ein paar Schritte vom Tatort weg in die Nacht. »Wie geht es dir eigentlich sonst?«, erkundigte sich Juricek dann.

»Danke der Nachfrage, eigentlich ganz gut. Warum?« Leopold konnte sich nicht erinnern, dass sein Freund einmal ernsthaft nach seinem Befinden gefragt hätte.

»Fühlst du dich nicht auch manchmal müde und abgespannt? Gibt es nicht Tage, an denen du am liebsten im Bett geblieben wärst? Ich frage dich, weil wir dieselbe Schulbank gedrückt haben, Leopold, weil wir derselbe Jahrgang sind. Manchmal meine ich, ich spüre schubweise das Alter an mich herankommen. Draußen ist der strahlendste Tag, aber ich hänge nur schlapp im Büro herum. Meine Frau kocht etwas Gutes, aber ich habe keinen Appetit. Ich wollte nur wissen, ob dich zeitweise auch schon solche Wehwehchen plagen.«

»Einstweilen geht’s mir prächtig«, meinte Leopold, dem der grausige Fund offenbar neue Kräfte verliehen hatte. Er beschloss, seine üble Laune vom Vortag endgültig zu vergessen.

»Vielleicht ist es dein Beruf, der dich auf Trab hält«, sagte Juricek nachdenklich. »Du hast viel mit Menschen zu tun, die leben, mit denen man sich unterhalten und etwas trinken kann. Bei mir ist das genaue Gegenteil der Fall. Wenn man mich ruft, ist wieder irgendwo ein Mord geschehen. Ich sehe Blut, eingeschlagene Schädel und starre, weit aufgerissene Augen. Ich sehe Menschen, die tot sind. Immer öfter begegnen sie mir jetzt auch im Traum, die Leichen meines Lebens. Dann schlafe ich schlecht, nehme meine üble Laune mit in den nächsten Tag und grüble vor mich hin. Manchmal glaube ich, es ist Zeit, Schluss zu machen, aber irgendwie geht es doch weiter.«

›Gegen den alten Richard bin ich ja wirklich gut beisammen‹, dachte Leopold und empfand beinahe so etwas wie Mitleid. Dass jemanden der Anblick einer Leiche lethargisch machte, konnte er überhaupt nicht verstehen.

»Vielleicht ist es meine slawische Seele«, sinnierte Juricek weiter. »Oft frage ich mich, was in diesen Toten vorgegangen ist, kurz bevor sie gestorben sind, was ihre letzten Gedanken waren. Ich möchte mit ihnen reden, aber ich kann es nicht mehr. Der Mund bleibt ihnen für immer verschlossen. Man möchte sehen, wie es war, als sie gelacht haben, aber ihr Gesicht ist nur noch eine Fratze. Ich kann sie nicht mehr kennenlernen. Sie sind von uns gegangen, ehe ich etwas von ihnen gewusst habe.«

»Erstens: Der Ehrentraut war sicher kein umwerfender Gesprächspartner, soviel ich weiß. Zweitens: Was glaubst du, wie viele Scheintote bei uns im Kaffeehaus herumlaufen. Da ist es auch nicht immer leicht, bei Laune zu bleiben«, versuchte Leopold, seinen Freund aufzuheitern.

»Ich denke jetzt eben öfter nach«, sinnierte Juricek. »Wahrscheinlich sollte ich das nicht. Einfach ran an die Sache wie Bollek, das hält einen vielleicht länger frisch.«

Sie hatten sich schon ein wenig von den anderen entfernt. Man hörte Bollek fortwährend laute Befehle in sein Handy plärren. Sonst war es seltsam ruhig in dieser lauen Frühlingsnacht.

»So, Leopold, jetzt erzählst du mir, was in dem Koffer vom Ehrentraut drinnen ist«, sagte Juricek plötzlich wieder mit der gewohnten Bestimmtheit und Sicherheit. »Irgendwas von Bedeutung?«

»Aber Richard, du tust ja geradezu so, als ob …«

»Als ob du bereits einen Blick hineingeworfen hättest, richtig. Und das hast du doch, oder? So ein Schloss ist ja eine Kleinigkeit für dich.«

»Sag einmal, wofür hältst du mich?«

»Ich hab’s dir schon vorhin gesagt: Für einen, der seine Nase überall hineinsteckt, auch wenn’s ihn nichts angeht. Für einen liebenswerten, aber oft sehr sturen Menschen. Für jemanden, dem man jederzeit wegen Unterschlagung von Beweismaterial gehörige Schwierigkeiten machen könnte. Also rede jetzt bitte, oder du wirst mich von einer anderen Seite kennenlernen.«

Leopold versuchte, möglichst belanglos zu wirken. »Könnte ja sein, dass der Koffer auf einmal zufällig aufgegangen ist, und ich gar nicht anders konnte«, meinte er.

»Könnte sein«, sagte Juricek. »Wenn du trotzdem die Nummer von dem Schloss wüsstest, wäre uns sehr geholfen. Vielleicht kriegt Bollek doch den Koffer in die Hände, und der könnte in seiner Ungeduld leider eine richtige Zerstörungswut bekommen und ihn kaputtmachen.«

»Das wär schade«, überlegte Leopold. »Da könntet ihr ihn nicht einmal mehr auf dem Polizeiflohmarkt verkaufen. Ich glaube, 1913 war’s.«

»Na also! Und der Inhalt? Irgendwas Verdächtiges?«

»Nichts Besonderes. Dokumente, Akten, Rechnungen, wahrscheinlich großteils die Eintracht Floridsdorf betreffend. Die müsst ihr euch anschauen, bei Paragraphen und Finanzen kenne ich mich zuwenig aus. Aber …«

»Ja?« Juricek wurde hellhörig.

»Es gibt da auch ein Kuvert mit Nacktfotos von einigen Buben aus dem Nachwuchs. Das heißt, eigentlich sind es Vergrößerungen von den Teilen, die man sonst eben nicht so herzeigt. Lauter Schwanzerln und Popscherln.«

»Pfui Teufel«, schimpfte Juricek. »Die Sache fängt aber gut an.«

 

*

 

Leopold saß wieder auf seinem Rad und steuerte es durch die Nacht, ganz in Gedanken versunken. Denn er stellte sich bereits einige wichtige Fragen.

Erste und wichtigste Frage: Warum war Ehrentraut auf die Böschung hinter dem Tor gegangen, und wie war er dort auf seinen Mörder getroffen? Hatte er sich von den anderen entfernt und hatte ihm jemand nachgestellt, einer von den aufgebrachten und nicht mehr nüchternen Eintracht-Freunden? Oder war er mit jemand anderem zusammen hierher gekommen, unter Umständen im Verlauf einer heftigen Diskussion, bei der sein Gegner dann das Messer gezückt hatte? Man musste herausfinden, ob jemand auf dem Platz etwas bemerkt hatte.

Aus der Kantine war ein Schneidemesser entwendet worden. Wenn es sich um die Tatwaffe handelte, war es sehr wahrscheinlich, dass der Mord geplant gewesen war, der Täter Ehrentraut also in der Dunkelheit aufgelauert hatte. Dazu musste er aber gewusst haben, wo er auf ihn treffen würde. Hatte sich Ehrentraut gar mit jemandem verabredet? Und war der Mörder durch das Loch im Zaun gekommen? Dann konnte es jemand sein, der sich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Fußballplatz befunden hatte, jemand, der vorgetäuscht hatte, bereits gegangen zu sein, oder jemand, der von den anderen überhaupt nicht wahrgenommen worden war.

Zweite Frage: Wer hatte ein Motiv, Ehrentraut umzubringen? Da gab es sicher einige, zunächst die wütenden Eintracht-Anhänger und Fusionsgegner, die mit ihren Protesten über das Ziel hinausgeschossen waren. Aber war das Veranlassung genug, einen Mord zu begehen? Gab es jetzt nicht auch innerhalb der Eintracht-Funktionärsriege Querelen und kleine Machtspielchen? War Ehrentraut nicht auch dort vielen im Weg gewesen? Das Verhältnis zu Sonnleitner war, wenn man den vielen Gerüchten Glauben schenken konnte, von tiefem Misstrauen geprägt gewesen. Von Joe Brown wusste man nicht viel, außer dass er mächtig war und sich nicht dreinreden ließ. Ehrentrauts aalglatte, selbstherrliche Art konnte eigentlich auf jeden provokant gewirkt haben, nicht zuletzt auf den unberechenbaren Kantinenwirt Bertl Posch, dessen Vertrauen Ehrentraut missbraucht hatte, und der nicht mehr als einen Handgriff gebraucht hätte, um an das Messer zu kommen.

Trotzdem durfte man nicht die Fotos vergessen, die Fotos von heranwachsenden Nackedeis, das heißt, die Ausschnitte ihrer intimsten Körperstellen. Hatte Ehrentraut sie wirklich selbst gemacht, und wenn ja, weshalb trug er sie dann mit sich herum? War er ein kleiner Perverser gewesen, einer der zahlreichen Pädophilen, von denen man in letzter Zeit so viel las? Hatte er etwa einen der abgebildeten jungen Spieler hinter das Tor gelockt, damit er …? Und der hatte sich dann nicht anders zu helfen gewusst, als mit dem Messer …? Nicht auszudenken!

Dritte Frage: Konnte man irgendjemanden von vorneherein als Täter ausschließen? Aufgrund der schrägen Böschung konnte man wahrscheinlich vom Einstichkanal her nicht unbedingt auf die Körpergröße des Mörders schließen. Er bzw. sie konnte neben, aber auch ober- oder unterhalb von Ehrentraut gestanden sein. Er bzw. sie hatte zweimal zugestochen, außerdem von hinten, also konnte es sich Leopolds Meinung nach auch um eine schwächlichere Person oder eine Frau handeln. Er wusste, dass vor Wut rasende Frauen gern zum Messer griffen. Aber wenn eine Frau, dann welche?

Leopold fiel ein, dass er Bettina Ehrentraut von früher sehr gut kannte. Sie hatte, ehe sie sich mit Wolfgang verehelichte, als Friseuse in dem kleinen Salon gegenüber dem Café Heller gearbeitet, sich regelmäßig bei Leopold den Kaffee geholt und war manchmal nach der Arbeit auf ein Getränk geblieben und hatte mit ihm getratscht. Später hatte sie sich lieber selbst von anderen schön machen lassen und war Ehrentraut auf dem Geldbeutel gesessen. Wenn er Glück hatte, wusste jemand im Frisiersalon noch Bettinas Telefonnummer. Dann konnte er sie gleich in der Früh anrufen, sie mit irgendeinem Schmäh ins Kaffeehaus lotsen und ein wenig ausfratscheln. Das hieß nicht, dass er sie gleich zu den Verdächtigen zählte. Aber wenn es noch andere Frauen in Ehrentrauts Leben gegeben hatte, dann war möglich, dass sie es wusste.

So tief in Gedanken versunken trat Leopold bei etwas auffrischendem Wind in die Pedale. Er kam gerade bei seinem Stammheurigen ›Zum Fuhrmann‹ in Groß Jedlersdorf vorbei, der freilich schon geschlossen hatte, und dachte mit einem Mal wieder an seinen Freund Thomas Korber, der ja ganz in der Nähe wohnte. Daraus ergab sich automatisch die Frage vier: Warum hatte er Thomas den ganzen Abend über nicht gesehen? Er war doch Eintracht-Mitglied und hatte von der Versammlung gewusst.

In Korbers Fenstern brannte noch Licht. In der Hoffnung, ihn um diese Uhrzeit nicht bei irgendetwas, womöglich bei einem kleinen Tête-à-tête, zu stören, stellte Leopold sein Rad ab und läutete an.

»Was machst du denn so spät hier? Ist etwas passiert?«, fragte Korber überrascht, als er ihn zur Tür hereinließ.

»Das kann man wohl sagen.« Ohne große Umschweife ging Leopold herein und erzählte von den Ereignissen des Abends.

»Eine schöne Bescherung«, resümierte Korber. »Jetzt wird’s bei der Eintracht erst recht drunter und drüber gehen.«

»Das ist im Augenblick zweitrangig. Es ist immerhin ein Mord geschehen, und den gilt es aufzuklären.«

»Sag bloß nicht, dass du gekommen bist, um mich wieder in eine solche Sache hineinzuziehen«, protestierte Korber. »Ich ahne es: Du willst, dass ich den Beobachter auf dem Eintracht-Platz spiele, allen möglichen Leuten nachspioniere und mich dabei zum Hanswurst mache.«

»Das wäre unter Umständen sehr hilfreich.«

»Nein, nein, lieber Freund, diesmal ohne mich.«

»Du kannst es dir ja überlegen«, beruhigte ihn Leopold. »Aber jetzt sag mir einmal, warum du nicht zu der Versammlung der ›Freunde der Eintracht‹ gekommen bist. Ich habe geglaubt, du würdest dich als Mitglied in dieser schwierigen Situation besonders für deinen Verein einsetzen.«

Korber war einen Augenblick unschlüssig, überlegte, was er sagen sollte. Dann zeigte er auf den eingeschalteten Computer und die Bücher auf seinem Arbeitstisch. »Die Schule«, sagte er. »Ich hab eine Menge vorzubereiten.«

Leopold fiel die relative Unordnung erst jetzt auf. »Du bist auch nicht mehr der Jüngste«, meinte er kopfschüttelnd. »Früher hättest du dich von so etwas nicht aufhalten lassen.«

»Ich weiß, ich weiß.« Korber machte einen fahrigen, nervösen Eindruck. Irgendetwas bekümmerte ihn.

Leopold bemerkte diese innere Unruhe. Er ging zum Computer, schaute auf den Bildschirm, musterte mit einem kurzen Blick das Durcheinander auf dem Schreibtisch. »Lyrik«, konstatierte er anerkennend. »Gedichte. Schön, sehr schön. Aber noch lange kein Grund, ein wichtiges Treffen der Mitglieder deines Vereins in unserem Kaffeehaus zu versäumen. Du mit deiner Routine! Da macht man ›klick‹ und ›klick‹ und ›klick‹, und fertig ist die Vorbereitung. So haben wir nach einem Heurigenbesuch doch gemeinsam schon die besten Stunden hervorgezaubert.«

»Es muss … ein bestimmtes Gedicht sein«, entfuhr es Korber. »Ein romantisches Gedicht. Nicht zu kurz, nicht zu lang. Eins ohne eindeutige Zueignung an eine Person. Eins, das sich leicht lernen und aufsagen lässt. Und … ich finde es nicht.«

»Du siehst müde aus«, stellte Leopold fest.

»Ich suche auch schon eine ganze Weile.«

»Sie wird es nicht schätzen.«

»Wer?«

»Na, die Mutter von deinem Nachhilfeschüler. Wie heißt sie? Stary, denke ich, Manuela Stary. Die sieht nicht, wie du dich abmühst, glaube mir.«

Korber ging zum Kühlschrank und holte sich ein Bier. »Das erste heute«, sagte er, und es klang wie eine Entschuldigung. »Du auch?«

Leopold schüttelte den Kopf. »Ich bin mit dem Rad da.«

»Also gut, es ist für Manuela.« Korber zog hastig an der Flasche. »Aber frag jetzt bitte ja nicht, wie ich mich von ihr habe herumkriegen lassen. Sie mag einfach Gedichte gern. Von ihrem Mann scheint sie nicht viel zu haben. Er ist wenig zu Hause und ihren Schilderungen nach ein grober, ungehobelter Typ. Sie dagegen ist ein äußerst feinfühliges Wesen, und mit einem Gedicht kann man ihr eine große Freude machen. Sie liebt den Reim und den Rhythmus.«

Leopold schüttelte kurz den Kopf: »Da kann ich mir jetzt schon zusammenreimen, dass sie dich in einen Rhythmus hineinziehen wird, aus dem du so leicht nicht wieder herauskommst. Die Vernachlässigten sind die Gefährlichsten. Wenn du mich fragst, lass das mit dem Gedicht bleiben. Gib dem Buben die paar Stunden Nachhilfe, dann vergiss das Ganze. Außerdem kann ich mich an den Mann, an Klaus Stary, erinnern. Der ist wahrhaftig kein Freund der schönen Worte. Ich kenne ihn eher als Mann der mitleidlos ausgeteilten Watschen. Also pass auf.« Er war während der letzten Worte sehr ernst geworden. Gleichzeitig sah er, wie viel es seinem Freund bedeutete, Manuela Stary eine Freude zu bereiten.

»Es ist ja nur für einmal«, seufzte Korber. »Vorausgesetzt, ich finde etwas Gescheites.«

»Wenn es schon sein muss«, sagte Leopold und hob dabei leicht den Zeigefinger. »Also, wenn es schon sein muss, nimm ein Nachtgedicht.«

Korber schaute ihn ratlos an.

»Ein Gedicht über die Nacht«, wiederholte Leopold. »Verstehst du? Erstens ist so was immer romantisch, oft schaurig-schön, und zweitens …«

»Ja?« Korber hing an seinen Lippen.

»Schau doch einmal auf die Uhr, wie spät es ist.«