ich sie ihnen! Nicht einmal Awwa, der alten Vettel von Ehefrau

des Teufel Shaitan würde ich sie verkaufen, das schwöre ich jedenfalls jetzt nicht mehr, wo ich um seine wahre Natur weiß!

Ich bitte die messieurs aufrichtig um Verzeihung. Und auch

dieses Miststück hier wird sich entschuldigen! Hörst du mich?

Entschuldige dich dafür, wie abscheulich du dich aufgeführt

hast! Erniedrige dich! Red schon, Nasenloch!«

 

»Nasenloch?« riefen wir wie aus einem Mund.

»Ja, so lautet mein Name, gütige Herren!« sagte der Sklave

freilich in einem Ton, mit dem er wahrhaftig nicht um

Verzeihung zu heischen schien. »Ich habe noch andere

Namen, doch meistens ruft man mich Nasenloch, und das aus

gutem Grund.«

 

Er hob einen schmutzstarrenden Finger an seine Hängenase und schob die Spitze in die Höhe, um sehen zu lassen, daß er anstelle zweier Nasenlöcher nur ein großes hatte. Dieser Anblick wäre schon an sich abstoßend genug gewesen, wurde es aber noch mehr dadurch, daß eine Menge verrotzter Haare daraus hervorsproß.

»Eine geringfügige Bestrafung für ein noch geringfügigeres Vergehen. Nur solltet Ihr deshalb mir gegenüber nicht voreingenommen sein, gütige Herren. Denn ich biete, abgesehen von diesen Dingen, auch zahllose Vorteile. Wie Ihr selbst seht, bin ich sonst ein durchaus annehmbarer Mann. Von Beruf war ich einst ein Seemann, ehe ich in die Sklaverei fiel, und ich bin überall gewesen, von meinem heimatlichen Sind in Indien bis zu den fernsten Gestaden des...«

»Gesü Marä Isepo«, erklärte mein Onkel Mafio bewundernd. »Was die Flinkheit betrifft, so steht die Zunge dieses Mannes der seines Mittelbeins in nichts nach.«

Wie gebannt standen wir einfach da und ließen Nasenloch weiterplappern. »Ich würde ja immer noch reisen, wäre ich zu meinem Unglück nicht den Sklavenjägern in die Hände gefallen. Ich hatte mich gerade mit einem weiblichen shaqäl gepaart, als die Sklavenfänger angriffen, und Ihr Herren wißt ja wohl, wie fest die mihrab einer Hündin den liebenden zab umklammert und ihn nicht so ohne weiteres freiläßt. Da mir nun die shaqal-Hündin vorn herunterbaumelte, hin und her geworfen wurde und quiekte, konnte ich nicht besonders schnell laufen. Infolgedessen fingen sie mich, meine Laufbahn als Seemann nahm ein Ende und meine Laufbahn als Sklave begann. Allerdings muß ich in aller Bescheidenheit sagen, daß ich bald zu einem unvergleichlichen Sklaven wurde. Ihr werdet bemerkt haben, daß ich jetzt auf sabir gesprochen habe, der Handelssprache des Westens -doch jetzt horcht auf, geneigte Herren, denn ich bin auch des Farsi mächtig, der Handelssprache des Ostens. Des weiteren spreche ich geläufig mein heimatliches Sindi, außerdem Pashtun, Hindi und Panjabi. Mein Arabisch ist annehmbar, ich kann mich in einer ganzen Reihe von Türk-Dialekten verständigen und...«

»Hältst du eigentlich nie in irgendeiner von ihnen den Mund?«

fragte mein Vater. Ohne weiter darauf einzugehen, fuhr

Nasenloch fort: »Auch besitze ich etliche andere Eigenschaften

und Gaben, von denen ich bis jetzt noch nichts erwähnt habe.

Ich kann, wie Ihr bemerkt haben werdet, gut mit Pferden

umgehen. Mit Pferden zusammen bin ich aufgewachsen und...«

 

»Gerade eben hast du behauptet, du wärest Seemann

 

gewesen«, bedeutete mein Onkel ihm.

»Das war aber erst, nachdem ich herangewachsen war, Herr.

Außerdem verstehe ich mich vorzüglich auf den Umgang mit

Kamelen. Ich kann das Horoskop stellen und es nicht nur auf

die arabische, sondern auch noch auf die persische und

indische Weise deuten. Ich habe Angebote der erlauchtesten

hammans abgelehnt, sich meiner Dienste als unübertrefflicher

Reiber zu versichern. Ich kann ergraute Barte mit hinna färben

und Runzeln durch Auftragen einer Quecksilbersalbe glätten.

Mit meinem einzelnen Nasenloch kann ich die Flöte lieblicher

blasen als manch ein Musikant mit dem Mund. Und diese

Körperöffnung überdies auch noch auf eine gewisse andere Art

und Weise nutzen...«

 

Wie aus einem Mund riefen mein Vater, mein Onkel und der

 

wazir.

»Dio me Varda!« und:

»Der Mann würde selbst eine Made anekeln!« und:

»Schafft ihn uns aus den Augen, Mirza Händler! Er stellt eine

 

Beschmutzung Baghdads dar. Bindet ihn hier irgendwo fest und

 

überlaßt ihn den Geiern!«

»Euch hören und gehorchen, sind eins, oh, wazir«, sagte der

Händler. »Aber vielleicht darf ich Euch zuvor noch andere Ware

zeigen?«

 

»Es ist spät«, sagt Jamshid, um nicht Häßlicheres über den

Sklavenhändler und seine Ware zu sagen. »Wir werden im

Palast zurückerwartet. Kommt, messieurs. Morgen ist auch

noch ein Tag.«

 

»Und dazu noch ein saubererer«, sagte der Händler und

funkelte den Sklaven rachsüchtig an. So verließen wir den Sklavenpferch und den bazär und suchten uns den Weg durch Gassen und Gärten. Wir hatten den Palast schon fast wieder erreicht, ehe es Onkel Mafio einfiel zu sagen: »Ist das Euch auch aufgefallen? Dieser abscheuliche Schurke Nasenloch hat es doch tatsächlich fertiggebracht, sich nicht TM entschuldigen!«

Und wieder ließen wir uns von unseren Dienern ankleiden und legten unsere besten Kleider an; wieder leisteten wir Shah Zaman bei seiner Abendmahlzeit Gesellschaft, die wieder etwas ganz besonders Köstliches war; und wieder erwarteten wir, den schweren Shiraz-Wein vorgesetzt zu bekommen. Ich erinnere mich noch, daß der letzte Gang aus sheriye bestand, einer Art Bandnudeln ähnlich unseren fetucine, nur daß die sheriye zusammen mit Mandeln und Pistazien in Sahne gegart und mit winzigen Gold-und Silberflittern gekocht gereicht werden, die man mitißt.

Beim Essen erzählte der Shah, seine Erstgeborene, die Shahzrad Magas, habe ihn um Erlaubnis gebeten -und diese auch erhalten -, mir als Gefährtin und Führerin zur Seite zu stehen und mir, solange ich in Baghdad weilte, alles Sehenswerte in der Stadt und ihrer Umgebung zu zeigen; selbstverständlich gehöre dazu aber auch eine Anstandsdame. Mein Vater bedachte mich mit einem langen Seitenblick, dankte dem Shah jedoch für die Freundlichkeit der Prinzessin. Außerdem erklärte mein Vater, da ich ja offensichtlich in guten Händen wäre, erübrige es sich, noch einen Sklaven zu kaufen, der sich um mich kümmerte. Er werde also gleich am nächsten Morgen gen Süden aufbrechen und nach Hormuz reisen -und Mafio nach Basra.

Bei Tagesanbruch nahm ich Abschied von ihnen, die beide in der Begleitung einer ihnen vom Shah zugeteilten Palastwache davonritten, damit diese sie während der Reise bediente und beschützte. Sodann begab ich mich in den Palastgarten, wobei die Shazrad Magas -die Großmutter schattengleich in der Nähe -auf mich wartete, um sich meiner anzunehmen und mir Baghdad zu zeigen. Ich begrüßte sie außerordentlich förmlich, ließ jedoch nichts von dem verlauten, was sie mir sonst noch

versprochen hatte, und auch sie kam vorerst nicht wieder

darauf zurück. »Die Morgendämmerung ist eine gute Zeit, unsere Palastmasjid zu besichtigen«, sagte sie und führte mich zu der Stätte der Verehrung, wo sie mir ans Herz legte, schon einmal das Äußere zu bewundern, das in der Tat bewundernswert war. Die riesige Kuppel war mit einem Mosaik blauer und silberner Kacheln bedeckt und wurde von einem goldenen Knauf gekrönt

-all das blitzte und blinkte im Licht der aufgehenden Sonne. Der manaret-Turm gemahnte an eine riesige, über und über mit schimmernden Edelsteinen geschmückte Kerze.

In diesem Augenblick kam mir ein Verdacht, von dem ich am

liebsten an dieser Stelle berichten möchte. Ich wußte bereits, daß muslimische Männer gehalten sind, ihre Frauen nutzlos, stumm und allen Augen verhüllt für sich leben zu lassen -in pardah, wie die Perser die lebenslange Unterdrückung ihrer Frauen nennen. Ich war mir darüber im klaren, daß eine Frau laut Gebot des Propheten Muhammad und des von ihm geschriebenen Quran nichts weiter ist als ein Stück Eigentum - nichts anderes als sein Schwert oder seine Ziegen oder seine Kleidung -und daß sie sich von seinem sonstigen Besitz nur dadurch unterscheidet, daß er sich gelegentlich mit ihr paart und auch das nur ausschließlich zum Zweck des Kinderzeugens, die allerdings nur dann geschätzt werden, wenn sie männlichen Geschlechts sind wie er selbst. Die Mehrheit der frommen Muslime -Männer wie Frauen dürfen von den zwischen ihnen bestehenden Beziehungen nicht sprechen, ja, dürfen nicht einmal erwähnen, daß sie Umgang miteinander haben, wiewohl es einem Manne gestattet ist, sich lüstern über seine Beziehungen zu anderen Männern auszulassen.

Nun kam ich an jenem Morgen beim Betrachten der Palastmasjid zu dem Schluß, daß alle strengen Vorschriften des Islam gegen den normalen Ausdruck normaler Geschlechtlichkeit es nicht fertiggebracht haben, jeden Ausdruck desselben zu unterdrücken. Man sehe sich jede beliebige masjid an, und man wird feststellen, daß eine jede Kuppel einer Frauenbrust nachgebildet ist, deren erregte Warze sich gen Himmel reckt, und jedes manaret einem gleicherweise freudig aufgerichteten männlichen Glied. Selbstverständlich kann ich mich irren, wenn ich diese Vergleiche anstelle, doch glaube ich, es nicht zu tun. Der Quran erklärt, daß zwischen Männern und Frauen keine Gleichheit bestehe. Er hat die natürliche Beziehung zwischen Mann und Frau für anstößig erklärt, für etwas, worüber man nicht spricht -und hat sie auf diese Weise auf das schändlichste verzerrt. Dabei verkünden ausgerechnet die Tempel des Islam mutig, daß der Prophet sich geirrt habe und daß Allah Mann und Frau dazu gemacht habe, ein Fleisch und ein Blut zu sein.

Die Prinzessin und ich begaben uns ins Innere des herrlich hohen und weiträumigen Mittelraums, der auf das wunderbarste ausgeschmückt war, wenn auch nicht mit Bildern und Statuen, sondern ausschließlich mit Ornamenten. Die Wände waren mit Mosaiken aus blauem lapis lazura bedeckt, die mit weißem Marmor wechselten, so daß der ganze Raum zu einem beruhigend hellblauen Gemach wurde.

Ebensowenig, wie es in Muslim-Tempeln Bilder gibt, gibt es auch keine Altäre, keine Priester noch Musikanten oder Chorsänger und auch kein kultisches Gerät wie Weihrauchgefäße, Weihwasserbecken oder Leuchter. Es gibt weder Messen noch das heilige Sakrament des Abendmahls, und eine mus limische Gemeinde hat nur ein einziges rituelles Gebot zu beachten: sich beim Gebet in Richtung der heiligen Stadt Mekka auf dem Boden auszustrecken, dem Geburtsort ihres Propheten Muhammad. Da Mekka südwestlich von Baghdad gelegen ist, ging die Hinterwand dieser masjid nach Südwesten und wies in dieser Wand eine nicht eben besonders tiefe, etwas über mannshohe Nische auf, die gleichfalls blau

weiß ausgekachelt ist. »Das ist die mihrab«, erklärte Prinzessin Falter. »Wenn der Islam auch keine Priester kennt, richtet doch bisweilen ein durchziehender Weiser das Wort an uns. Vielleicht ein imam, einer, dessen gründliches Studium des Quran ihn zu einer Autorität der darin niedergelegten Glaubenslehren macht. Oder ein mufti, ein Gesetzeskenner, der sich auskennt in den weltlichen Gesetzen, die der Prophet (Segen und Friede seien mit Ihm!) erlassen hat. Oder ein hajji, also einer, der die lange hadj-Pilgerreise ins heilige Mekka gemacht hat. Um unserer Versenkung und Verehrung eine bestimmte Richtung zu geben, nimmt ein solcher weiser Mann in der mihrab dort drüben Aufstellung.«

Ich sagte: »Und ich dachte, das Wort mihrab bedeutete...« Doch dann sprach ich nicht weiter, und die Prinzessin lächelte mich durchtrieben an.

Schon war ich drauf und dran zu sagen, meiner Meinung nach bedeute das Wort mihrab die Scham der Frau -dasjenige, was ein venezianisches Mädchen vulgär ihre pota genannt hatte, woraufhin ich mich von einer vornehmen venezianischen Dame hatte belehren lassen müssen, daß dies ihre mona genannt sei. Doch dann fiel mir die Form auf, welche die mihrab-Nische in der masjid-Wand auszeichnete. Diese war genauso geformt wie die entsprechende Körperöffnung einer Frau, leicht oval und oben spitz zulaufend. Ich bin schon in so mancher anderen masjid gewesen, und noch in jeder war die Nische in der nach Mekka weisenden Wand von dieser Gestalt. Ich halte das für eine zusätzliche Bestätigung meiner Theorie, daß menschliche Geschlechtlichkeit einen bestimmenden Einfluß auf die islamische Architektur ausgeübt hat. Selbstverständlich weiß ich nicht -und bezweifle auch, daß irgendein Muslim es weiß -, welche Bedeutung das Wort mihrab ursprünglich gehabt hat: die ecklesiastische oder die weltliche.

»Und hier«, sagte Prinzessin Falter und zeigte nach oben, »befinden sich die Fenster, welche die Sonne dazu bringen, den Gang des Tages zu verkünden.«

Und in der Tat: Sorgsam in der oberen Hälfte der Kuppel

eingelassen, befanden sich Öffnungen, und die gerade eben

aufgegangene Sonne schickte einen Strahl durch die Weite der

Kuppel hindurch auf die gegenüberliegende Kuppelwand, an

der Tafeln angebracht waren, die in ihren Ornamenten

arabische Schriftzüge enthielten. Laut las die Prinzessin vor,

was dort stand, wo der Sonnenstrahl hinzeigte. Wollte man

diesem Beweis trauen, handelte es sich bei dem heutigen Tag nach muslimischer Zählung -um den dritten Tag des Monats

Jumada, des zweiten also im 670. Jahr von Muhammads Hijra,

oder nach dem persischen Kalender um das 199. Jahr des

Jalali-Zeitalters. Sodann stellten Prinzessin Falter und ich

gemeinsam unter umständlicher Zuhilfenahme unserer Finger

die notwendigen Berechnungen an, um dieses Datum in die

christliche Zeitrechnung umzurechnen.

 

»Dann ist heute der zwanzigste September!« rief ich aus.

 

»Mein Geburtstag.«

Woraufhin sie mir gratulierte und sagte: »Ihr Christen erhaltet

bisweilen Geschenke an eurem Geburtstag, nicht wahr? So wie

wir, oder?«

 

»Manchmal ja.«

»Dann werde ich Euch heute nacht etwas schenken - sofern Ihr

den Mut aufbringt, ein gewisses Risiko einzugehen, um es in

 

Empfang zu nehmen. Ich werde Euch eine zina-Nacht

schenken.«

»Und was ist eine zina«. fragte ich, wiewohl ich bereits ahnte,

 

was es wohl wäre.

»Zina ist der unerlaubte Verkehr zwischen Mann und Frau. Der

ist haram, was soviel bedeutet wie verboten. Wenn Ihr das

Geschenk in Empfang nehmen wollt, müßt Ihr Euch im andenin

 

des Palasts in mein Gemach stehlen, von dem Ihr ja wißt, daß

es gleichfalls haram ist.«

»Da ist mir kein Risiko zu groß!« rief ich beherzt. Dann jedoch

 

fiel mir etwas ein. »Nur... verzeiht, daß ich frage, Prinzessin

Falter. Nur... man hat mir gesagt, muslimische Frauen seien...

seien ihrer Begeisterung für zina beraubt. Man hat mir, nun ja,

 

gesagt, sie müßten eine Art Beschneidung über sich ergehen lassen; wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, wieso eigentlich.«

»Ach so, tabzir«, sagte sie gleichmütig. »Das geschieht im allgemeinen mit den Frauen, solange sie noch Kinder sind. Nicht aber Kindern von königlichem Geblüt oder solchen, die später Frauen oder Konkubinen an einem Königshof werden sollen. Bei mir jedenfalls wurde das nicht gemacht.«

»Wie sehr mich das für Euch freut!« sagte ich, und nichts konnte aufrichtiger gemeint gewesen sein. »Nur... sagt mir doch, was wird denn mit den anderen Frauen eigentlich gemacht? Was ist tabzir?«

»Ich will es Euch zeigen«, erklärte sie. Erschrocken argwöhnte ich, sie wolle sich auf der Stelle vor mir entkleiden, und so machte ich eine zu Vorsicht mahnende Handbewegung in Richtung auf die im Hintergrund lauernde Großmutter. Doch Falter grinste mich nur an, trat an die Predigernische in der masjid-Wand und sagte: »Seid Ihr sehr vertraut mit der Anatomie des weiblichen Körpers? Dann wißt Ihr ja, daß Frauen hier« -und damit zeigte sie auf eine Stelle ganz oben am Bogen -»ganz vorn an ihrer mihrab-Öffnung

einen empfindsamen, knopfartigen Auswuchs haben, der zambur genannt wird.« »Ah«, sagte ich, dem endlich etwas klarzuwerden begann. »In

Venedig heißt dieser Auswuchs lumagheta.« Ich bemühte mich beim Aussprechen dieses Wortes darum, so sachlich zu klingen wie ein Arzt, weiß jedoch, daß mir das Blut ins Gesicht schoß.

»Wo genau der zambur sitzt, das ist von Frau zu Frau verschieden«, fuhr Falter kühl fort, ohne im geringsten zu erröten. »Auch was seine Größe betrifft, unterscheiden sie sich. Mein eigener zambur ist leidlich groß und dehnt sich im Erregungszustand bis zur Größe des ersten Glieds meines kleinen Fingers aus.«

Allein der Gedanke daran bewirkte, daß sich in mir etwas regte und reckte. Eingedenk der Anwesenheit der Großmutter, war ich abermals dankbar für die faltenreichen Beinkleider, die ich

anhatte. Munter fuhr die Prinzessin fort: »Aus diesem Grunde besteht unter den anderen Frauen im anderun rege Nachfrage nach mir, denn mein zambur tut ihnen fast genauso gute Dienste wie der zab eines Mannes. Und das Spiel der Frauen untereinander ist halal, was soviel bedeutet wie erlaubt, nicht haram.«

War mein Gesicht bisher rosig überhaucht gewesen, mußte es jetzt feuerrot glühen. Doch wenn es der Prinzessin auch aufgefallen war, hielt es sie nicht davon ab fortzufahren.

»Auf jeden Fall ist dies die empfindsamste Körperstelle einer jeden Frau, Dreh-und Angelpunkt ihrer Erregbarkeit. Ohne Erregung ihres zambur bleibt sie der Annäherung von Seiten eines Mannes gegenüber unempfänglich. Und da sie den Akt so gar nicht genießen kann, sehnt sie sich auch nicht danach. Das -versteht sich -ist der eigentliche Grund für das tabzir oder die Beschneidung, wie Ihr es genannt habt. Ist eine erwachsene Frau nicht sehr erregt, versteckt sich ihr zambur züchtig zwischen den geschlossenen Lippen ihrer mihrab. Doch bei einem Kind weiblichen Geschlechts ragt er über die kleinen Lippen hinaus, so daß er von einem damit beauftragten hakim mit einer Schere einfach abgeschnippelt werden kann.«

»Grundgütiger Gott!« rief ich, und meine eigene Erregtheit erschlaffte augenblicklich vor Entsetzen. »Das ist ja keine Beschneidung -auf diese Weise macht man aus dem Kind ja einen weiblichen Eunuchen!«

»Der Unterschied ist nicht groß«, stimmte sie zu, als wäre überhaupt nichts Schlimmes dabei. »Das Kind wächst zu einer Frau heran, die züchtig kalt ist und der es vollkommen an sexuellen Reaktionen fehlt, ja, sie verlangt nicht einmal danach. Sie ist die vollkommene muslimische Frau!«

»Vollkommen? Aber welcher Mann könnte sich eine solche

Frau wünschen?« »Ein muslimischer Gatte«, sagte sie schlicht. »Denn eine solche Frau wird niemals Ehebruch begehen und ihn zum Hahnrei machen. Sie ist

außerstande, an einen Akt von zina oder was sonst noch haram

ist auch nur zu denken. Sie wird den Zorn ihres Mannes nicht

einmal dadurch erregen, daß sie mit einem anderen Mann auch

nur kokettiert. Bewahrt sie die pardah, wie es sich geziemt,

bekommt sie einen anderen Mann überhaupt nicht zu sehen bis sie ein Kind männlichen Geschlechts zur Welt bringt. Ihr

versteht -ihre Funktionen als Mutter werden durch das tabzir in

keiner Weise beeinträchtigt. Sie kann durchaus Mutter werden,

und damit ist sie einem Eunuchen überlegen, der nie Vater

werden kann.«

 

»Trotzdem ist das ein schreckliches Los für eine Frau.«

»Das ist das Los, wie der Prophet (Segen und Friede seien mit

Ihm!) es bestimmt hat. Trotzdem bin ich froh, daß uns Frauen

der herrschenden Schicht derlei Ungelegenheiten, wie sie die

 

Frauen aus dem Volk erleiden müssen, erspart bleiben. Was

nun aber Euer Geburtstagsgeschenk betrifft, junger Marco...«

»Ach, wäre es doch schon Abend!« sagte ich und warf einen

 

Blick auf den langsam sich weiter vorschiebenden

Sonnenstrahl. »Dies wird der längste Geburtstag meines

Lebens sein - indessen ich auf den Einbruch der Nacht und die

zina mit Euch warte.«

 

»Oh, nicht mit mir«

»Wie bitte?«

Sie kicherte. »Nun, nicht eigentlich mit mir.«

Völlig verwirrt, wiederholte ich noch einmal: »Wie bitte?«

»Ihr habt mich abgelenkt, Marco, als Ihr mich nach dem tabzir

 

fragtet. Folglich bin ich nicht dazu gekommen, Euch das

Geschenk zu erläutern, das ich Euch machen werde. Bevor ich

es erkläre, bitte ich Euch zu bedenken, daß ich eine Jungfrau

bin.«

 

Ein wenig verdattert schickte ich mich an zu sagen: »Ihr habt

aber nicht geredet wie eine...« - doch sie legte mir den Finger

über die Lippen.

 

»Es stimmt, ich bin nicht tabzir und auch nicht gefühlskalt.

Vielleicht würdet Ihr mich nicht einmal wirklich tugendhaft

 

nennen, da ich Euch auffordere, etwas haram zu tun. Auch

stimmt es, daß ich einen ganz bezaubernden zambur besitze

und ich nichts mehr liebe, als ihn sich betätigen zu lassen - das

freilich nur auf Arten und Weisen, die halal sind und meiner

Jungfräulichkeit keinerlei Abbruch tun. Denn wißt, ich besitze

nicht nur meinen zambur, sondern auch noch meine sangar.

Dieses Jungfernhäutchen ist intakt und darf nicht durchbohrt

werden, bis ich einen Prinzen von königlichem Geblüt heirate.

Denn sonst würde mich nie ein Prinz wollen, ja, ich könnte

sogar noch von Glück sagen, wenn man mich nicht dafür

enthauptete, daß ich mich habe besudeln lassen. Nein, Marco,

Ihr solltet nicht einmal davon träumen, mit mir zina zu

vollführen.«

 

»Ich bin verwirrt, Prinzessin Falter. Ihr habt doch eben ganz

deutlich erklärt, Ihr würdet mich in Euer Gemach

schmuggeln...«

 

»Und das werde ich auch. Und werde dort bleiben und Euch

helfen, zina mit meiner Schwester zu vollziehen.«

 

»Mit Eurer Schwester?«

»Pst! Die alte Großmutter ist zwar taub, versteht es aber,

manch einfache Worte von den Lippen abzulesen. Jetzt

schweigt und hört zu. Mein Vater besitzt viele Frauen, folglich

habe ich viele Schwestern. Eine von ihnen ist für zina zu haben,

ja, kann nie genug davon bekommen. Sie ist es, die Euer

Geburtstagsgeschenk sein soll.«

 

»Aber wenn sie doch auch eine Prinzessin von königlichem

Geblüt ist, warum gilt ihre Jungfräulichkeit dann nicht

genausoviel wie...?«

 

»Ich habe gesagt, Ihr solltet schweigen. Jawohl, sie ist von

königlichem Geblüt, doch gibt es einen Grund, warum sie nicht

so erpicht ist auf ihre Jungfräulichkeit, wie ich es bin... Das

werdet Ihr alles heute nacht erfahren. Doch bis heute abend

werde ich nichts mehr sagen, und wenn Ihr mir mit Fragen

zusetzt, nehme ich das Geschenk zurück. Jetzt laßt uns den

Tag genießen, Marco. Laßt mich einen Kutscher rufen, daß er

uns durch die Stadt fährt.«

 

Bei dem Wagen, der schließlich kam, handelte es sich in

Wirklichkeit nur um einen hübschen Karren mit zwei hohen

Rädern, der von einem persischen Zwergpferd gezogen wurde.

Der Kutscher half mir, die gebrechliche Großmutter

hochzuheben, damit sie neben ihm Platz nahm, während die

Prinzessin und ich drinnen nebeneinander saßen. Als der

Karren die breite Zufahrt durch den Garten hinabrollte und

durch die Palasttore hinaus nach Baghdad, gestand Falter mir,

sie habe bis jetzt noch nichts zum Frühstück gegessen, nestelte

einen Beutel auf, holte ein paar grünlich aussehende Früchte

hervor, biß in eine und bot mir die andere an.

 

»Das ist ein banyan«, sagte sie. »Eine Art Feige.«

Bei dem Wort Feige zuckte ich zusammen und lehnte höflich

ab, machte mir jedoch nicht die Mühe, von meinem Abenteuer

in Acre zu berichten, das einen solchen Widerwillen gegen

 

Feigen in mir ausgelöst hatte. Falter machte einen

Schmollmund, als ich dankte, und ich fragte sie, warum.

»Wißt Ihr«, flüsterte sie und lehnte sich so nahe an mich, daß

 

der Kutscher es nicht hören konnte, »daß dies die verbotene

 

Frucht ist, mit der Eva Adam verführte?«

»Ich ziehe die Verführung ohne die Frucht vor«, erwiderte ich

im Flüsterton. »Und wo wir schon davon sprechen...«

 

»Ich habe Euch gesagt, Ihr solltet nicht davon reden. Nicht vor

 

heute abend.«

So versuchte ich im Laufe dieser vormittäglichen Spazierfahrt

das Thema noch mehrere Male zur Sprache zu bringen, doch

jedesmal ging sie darüber hinweg und sprach mich nur an, um

mir dieses oder jenes von Interesse zu zeigen und mir

Aufschlußreiches darüber zu erzählen.

 

Sie sagte: »Hier sind wir im bazär, in dem Ihr ja bereits

gewesen seid. Doch vielleicht erkennt Ihr ihn jetzt, wo er so leer

und verlassen und schweigend daliegt, gar nicht wieder. Das

liegt daran, daß heute jume ist - Freitag, wir ihr es nennt -und

diesen Tag hat Allah zum Ruhetag erklärt. An diesem Tag

werden keine Geschäfte gemacht und wird nicht gearbeitet.«

 

Und sie sagte: »Das grasbewachsene Feld dort drüben ist ein

Friedhof, den wir ›Stadt der Schweigenden‹ nennen.« Und sie sagte: »Das große Gebäude dahinten ist das Haus der Enttäuschung, eine Wohlfahrtseinrichtung, die mein Vater, der Shah, ins Leben gerufen hat. Darin werden alle diejenigen verwahrt und gepflegt, die den Verstand verloren haben, wie das vielen in der Sommerhitze ergeht. Sie werden regelmäßig von einem hakim untersucht, und wenn sie jemals wieder zu Verstand kommen, werden sie wieder freigelassen.«

In den Außenbezirken der Stadt rollten wir über eine Brücke, die über einen kleinen Bach hinwegführte, dessen Wasserfarbe mich betroffen machte -ein höchst ungewöhnliches Tiefblau. Dann kamen wir über einen anderen Bach hinüber, der von einem für Wasser höchst uncharakteristischen leuchtenden Grün war. Doch erst als wir über einen dritten hinwegfuhren, der von blutroter Farbe war, machte ich eine entsprechende Bemerkung.

»Die Gewässer sämtlicher Bäche hier draußen werden von den Farbstoffen getrübt, mit denen man die Wolle für die ^«//-Herstellung färbt. Ihr habt noch niemals gesehen, wie ein qali entsteht?« fragte die Prinzessin. »Das müßt Ihr sehen.« Mit diesen Worten gab sie dem Kutscher ein bestimmtes Ziel an.

Ich hätte erwartet, daß es zurückginge nach Baghdad und dort in irgendeine städtische Werkstätte, doch der Karren fuhr nur noch weiter ins Land hinaus und hielt neben einem Hügel, der in halber Höhe einen Höhleneingang auf wies. Falter und ich kletterten von unserem Gefährt herunter, stiegen hügelan und bückten uns, um durch das Loch hineinzukommen.

In gebückter Haltung mußten wir durch einen kurzen dunklen Gang hindurch, doch dann traten wir im Hügelinneren in eine hochgewölbte Felshöhle voller Menschen, deren Boden mit Arbeitstischen und -bänken und Krügen mit Farblösungen bedeckt war. In der Höhle war es dunkel, bis meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, das von zahllosen Kerzen und Lampen und Fackeln verbreitet wurde. Die Lampen waren auf allen möglichen Einrichtungsgegenständen abgestellt, die Fackeln in gewissen Abständen in die Felswand hineingesteckt und die Kerzen mit Hilfe des von ihnen heruntertropfenden Wachses auf die Felsen geklebt. Andere Kerzen wurden von den vielen, vielen Arbeitern mit den Händen getragen.

Ich sagte zu der Prinzessin: »Ich dachte, dies sei ein Ruhetag.« »Für die Muslime«, entgegnete sie. »Dies hier sind Sklaven

christliche Russniaken und dergleichen. Sie dürfen den ihnen zustehenden Ruhetag am Sonntag feiern.« Nur bei wenigen der Sklaven handelte es sich um erwachsene

Männer und Frauen. Diese waren mit bestimmten Aufgaben auf dem Boden beschäftigt, wie dem Umrühren von Färbemitteln in Töpfen. Alle anderen waren Kinder, die ihre Arbeit verrichteten, während sie gleichsam in der Luft schwebten. Das mag sich anhören wie eine der Geschichten der Shahryar Zahd, entsprach aber der Wahrheit. Von der hohen Kuppel der Höhle hing ein gewaltiger, aus Hunderten von parallel und dicht nebeneinander verlaufenden Schnüren bestehender Kamm herunter, ein vertikal verlaufendes Webnetz, das die gesamte Höhe und Breite der Höhle ausfüllte. Es lag für mich als Betrachter auf der Hand, daß es sich offensichtlich um die Kettenfäden für einen qali handelte, der -war er erst einmal fertiggestellt -ein riesiges Palastgemach oder einen ganzen Tanzsaal ausfüllen würde. Hoch oben vor dieser Wand aus Kettenfäden hing in Seilschlingen, die aus irgendeiner noch höheren dunklen Höhe herunterhingen, eine ganze Kinderschar.

Die kleinen Jungen und Mädchen waren allesamt nackt -der Hitze dort oben wegen, wie Prinzessin Falter mir erklärte -, und sie waren über die gesamte Breite der Kette, nur in unterschiedlicher Höhe davor aufgehängt, manche höher und manche niedriger. Hoch droben war der qali zum Teil bereits fertiggestellt. Vom oberen Rand bis hinunter zu jener Ebene, auf der die Kinder am Werk waren; selbst in diesem frühen Stadium konnte ich bereits erkennen, daß es sich um einen qali mit einem höchst verschlungenen bunten Gartenmuster handelte. Ein jedes der dort oben schwebenden Kinder trug auf dem Kopf festgeklebt einen Wachsstock. Alle waren sie emsig beschäftigt, doch womit, konnte ich nicht genau erkennen: Es

sah so aus, als zupften sie am unteren Rand des qali herum. Die Prinzessin sagte:»Sie schlingen die Fäden der Kette um die Schußfäden herum und durch sie hindurch. Jeder Sklave hält ein Weberschiffchen sowie eine Docke Faden von einer einzigen Farbe in der Hand. Er oder sie webt es hindurch und zieht fest, und zwar in der Reihenfolge, wie das Muster es erfordert.«

»Aber wie um alles in der Welt«, fragte ich, »kann ein Kind wissen, wann und wo es sein Teil dazu beitragen muß -dazu sind es doch viel zu viele andere Sklaven und Fäden und handelt es sich um ein so verworrenes Muster?«

»Das gibt ihnen der qali-Meister mit seinem Gesang an«, sagte sie. »Unsere Ankunft hat ihn unterbrochen. Da, jetzt fängt er wieder an.«

Es war wundersam anzusehen. Der qali-Meister genannte Mann saß vor einem Tisch, auf dem ein gewaltiges Stück Papier ausgebreitet lag. Darauf waren in gerader Linie nebenund untereinander unzählige kleine Quadrate eingezeichnet, denen gleichsam eine Zeichnung des gesamten Musters übergestülpt war, den der Teppich haben sollte, und in den winzigen Quadraten war jeweils die Farbe angedeutet, die der betreffende Teil bekommen sollte. Von dieser Vorlage nun las der qali-Meister ab, was er dann in einem Singsang von sich gab, der etwa folgendermaßen ging:

»Eins, Rot!... Dreizehn, Blau!... Fünfundvierzig, Braun!...«

Nur, daß dieser Singsang weit vertrackter war, als es sich hier anhört. Erstens mußte er oben dicht unterm Dach der Höhle noch zu

hören sein und zweitens von jedem angerufenen Jungen und Mädchen genau verstanden werden -und mußte zudem noch in einem bestimmten Takt und mit einer Modulation der Stimme vorgetragen werden, daß sie alle in einem eigentümlichen Rhythmus zusammenwirkten. Während die Wörter sich an ein Sklavenkind nach dem anderen aus einer großen Vielzahl richteten und ihnen begreiflich machten, wann sie ihr

Weberschiffchen einsetzen sollten, wurde ihnen durch Höhe

oder Tiefe der Stimmlage -also das, was den eigentlichen

Gesang ausmachte -bedeutet, wie weit sie den Schuß durch

die Kettenfäden hindurchzuführen und wo sie einen Knoten zu

schlingen hatten. Auf diese wirklich wundersame Arbeitsweise

sollten die kleinen Sklaven den qali Faden um Faden und Reihe

um Reihe bis tief hinunter zum Höhlenboden fertigstellen, und

wenn er fertig war, sollte er genauso vollkommen anzusehen

sein, als hätte ein einziger Künstler ihn gemalt.

 

»Allein dieser eine qali kann viele Sklaven kosten«, sagte die

Prinzessin, als wir uns anschickten, die Höhle wieder zu

verlassen. »Die kleinen Knüpfer müssen möglichst jung sein,

damit sie nicht viel wiegen und kleine flinke Finger haben. Aber

es ist nicht einfach, so kleinen Kindern ein so

verantwortungsvolles Arbeiten beizubringen. Auch schwinden

ihnen in der Hitze dort oben häufig die Sinne, dann stürzen sie

ab und brechen sich die Knochen oder sie sterben. Leben sie

aber lange genug, kann man fast sicher sein, daß sie aufgrund

der Arbeit und des schlechten Lichtes erblinden. Und für jedes

Kind, das ausfällt, muß selbstverständlich ein anderes, bereits

ausgebildetes zum Einspringen bereitstehen.«

 

»Jetzt kann ich verstehen«, sagte ich, »warum selbst der

 

kleinste qali so kostbar ist.«

»Aber stellt Euch vor, was einer kosten würde«, sagte sie, als

wir wieder ins Sonnenlicht hinaustraten, »wenn wir richtige

Menschen benutzen müßten.«

 

Der Karren brachte uns zurück zur Stadt, die wir durchquerten,

um die Palastgärten wieder zu erreichen. Noch ein-oder

zweimal versuchte ich, der Prinzessin auf irgendeine Art zu

entlocken, was nun heute abend geschehen werde, doch zeigte

sie sich meiner Neugier gegenüber unzugänglich. Erst als wir

ausstiegen und sie und die Großmutter sich anschickten, sich in

 

den Weraw-Frauentrakt zu begeben, spielte sie auf unser Stelldichein an. »Bis zum Aufgang des Monds«, sagte sie. »Wieder beim

gulsa'at«.

Ich mußte bis dahin einiges an Qualen durchstehen. Als ich

mein Gemach erreichte, richtete Diener Karim mir aus, mir

werde am Abend wieder die Ehre zuteil, zusammen mit Shah

Zaman und seiner Shahryar Zahd zu speisen. Das war von

ihrer Seite aus zweifellos ein Zeichen besonderer

Wertschätzung -zumal ich noch so jung war und mein Vater

und mein Onkel, die ja immerhin den Rang von Gesandten

hatten, nicht mehr in Baghdad weilten. Gleichwohl gestehe ich,

daß ich mir aus dieser Ehre nicht sonderlich viel machte und

beim Essen nur dahockte und wünschte, es möge bald

vorübergehen. Immerhin war mir einigermaßen unbehaglich

zumute, ausgerechnet mit den Eltern jenes Mädchens

zusammenzusitzen, das mich aufgefordert hatte, später am

Abend zina zu begehen. (Von dem anderen Mädchen, das,

soweit ich wußte, irgendwie an der zina beteiligt sein sollte,

wußte ich nur, daß der Shah ihr Vater war; wer jedoch die

Mutter war, konnte ich nicht einmal erraten.) Außerdem lief mir

buchstäblich das Wasser im Mund zusammen bei der Aussicht

auf das, was mich erwartete -wiewohl ich nicht wußte, was

genau nun eigentlich. Obgleich meine Speicheldrüsen

unentwegt arbeiteten, war es mir kaum möglich, die erlesenen

Gerichte zu genießen -ganz zu schweigen davon, mich dabei

auch noch angeregt zu unterhalten. Zum Glück schloß die

Geschwätzigkeit der Shahryar es aus, daß ich mehr sagen

mußte als gelegentlich: ›Jawohl, Hoheit‹ oder: ›Was Ihr nicht

sagt!‹ und: ›Erzählt!‹ Und das tat sie mit Hingabe! Nichts hätte

sie davon abhalten können; nur -viel Handfestes hat sie wohl

nicht berichtet, denke ich.

 

»Soso, Ihr habt also heute die Teppichknüpfer besucht«, sagte

sie.

»Jawohl, Hoheit.«

 

»Ach, wißt Ihr, früher hat es mal einen Zauber-qali gegeben, mit

dem man sich durch die Lüfte tragen lassen konnte.«

 

»Was Ihr nicht sagt!«

»Ja, man brauchte diesen qali nur zu betreten und ihm

befehlen, einen in einen weit entfernten Teil der Erde zu

bringen. Und, hui, flog er davon, über Berge, Meere und

Wüsten -und brachte den Betreffenden im Handumdrehen

dorthin.«

 

»Erzählt!«

»Gern. Ich werde Euch die Geschichte eines Prinzen erzählen.

Seine Geliebte, gleichfalls von edlem Geblüt, wurde von einem

riesigen Vogel Rock entführt, und das stürzte ihn in tiefste

 

Verzweiflung. Deshalb erbat er sich von einem jinni einen

Zauber-qali und...«

Endlich war die Geschichte aus und auch das Essen vorbei;

 

damit hatte auch mein ungeduldiges Warten ein Ende, und so

eilte ich wie der Prinz im Märchen zu meiner

Prinzessingeliebten. Sie stand beim Blumenrund, das die

Tageszeit anzeigte, und zum ersten Mal war sie allein, wurde

sie nicht von ihrer alten Aufpasserin begleitet. Sie nahm mich

bei der Hand, führte mich die Gartenwege entlang und um den

Palast herum zu einem Flügel, von dem ich bislang noch nicht

einmal gewußt hatte, daß es ihn gab. Die Zugänge zu diesem

Gebäude wurden genauso bewacht wie alle anderen

Palasttore, doch Prinzessin Falter und ich brauchten nur im

Dunkel eines Blütenstrauchs zu warten, bis beide Wa chen den

Kopf wegdrehten. Das taten sie wie auf ein Stichwort hin beide

zugleich, und ich fragte mich, ob Falter sie wohl bestochen

haben mochte. Ungesehen oder zumindest unangerufen

huschten sie und ich hinein, und sie führte mich durch eine

Reihe von Gängen, in denen sich merkwürdigerweise keinerlei

Wachen aufhielten, um etliche Ecken herum und schließlich

durch eine gleichfalls unbewachte Tür.

 

Wir befanden uns in ihren Gemächern, in denen viele

prachtvolle qali sowie duftige durchsichtige Vorhänge und

Schleier in allen möglichen sorto-Farben hingen oder in köstlich

 

gewelltem Durcheinander gerafft oder hindrapiert waren freilich stets so, daß die dazwischen ihren sanften Schein verströmenden Flämmchen der Lampen sie nicht erreichen konnten. Der Boden war von einer Wand bis zur anderen mit sorto-farbenen Kissen gepolstert -und zwar so vielen, daß ich nicht sagen konnte, welche nun einen daiwan bildeten und welche das Nachtlager der Prinzessin.

»Willkommen in meinen Gemächern, Mirza Marco«, sagte sie.

»Und zu diesem hier'« Mit diesem Wort muß sie, indem sie nur einen Knoten öffnete oder eine einzige Spange, alle ihre Kleidungsstücke abgestreift haben, denn sie fielen ihr mit einem Mal zu Füßen. Da stand sie vor mir im warmen Lampenschein, nur in ihre Schönheit, ihr aufreizendes Lächeln, in den Anschein von Hingabe und einen einzigen Schmuck gehüllt, ein Diadem aus drei leuchtendroten Kirschen, das ihr in dem üppig frisierten schwarzen Haar auf dem Haupt saß.

Lebhaft hob die Prinzessin sich mit ihrem Rot und Schwarz und Grün und Weiß von den blassen sorbet-Farben ihres Gemaches ab: mit den rotleuchtenden Kirschen auf ihren schwarzen Flechten, ihren grünen Augen und den langen, schwarzbewimperten Lidern, den roten Lippen im elfenbeinfarbenen Antlitz, den roten Brustwarzen und dem Schwarz ihres Dreiecks zwischen den Beinen auf dem Elfenbein ihres Leibes. Ihr Lächeln verbreiterte sich, als sie meinem Blick folgte, der ihren nackten Körper in die Höhe wanderte und dann wieder nach unten und abermals nach oben, um an den drei köstlich schmückenden Kirschen in ihrem Haar haftenzubleiben. Dabei murmelte sie:

»Leuchtend rot wie Rubine, nicht wahr? Und dennoch unendlich viel kostbarer als Rubine, denn Kirschen welken und vergehen. - Oder«, sagte sie verführerisch und fuhr sich dabei mit der Zunge über die rote Oberlippe, »oder sollte jemand daran naschen?« Sie lachte.

Der Atem ging mir heftig, als wäre ich den ganzen Weg durch Baghdad bis in dieses Zaubergemach gelaufen. Unbeholfen

schob ich mich näher, und sie ließ mich bis auf Armeslänge

herankommen; dort freilich hielt ihre ausgestreckte Hand mich

auf, um dann hinunterzugreifen und den am weitesten

vorstehenden Teil von mir zu berühren.

 

»Gut«, sagte sie, offenbar mit dem zufrieden, was sie gespürt

hatte. »Willig und bereit zu zina. Legt die Kleider ab, Marco. Ich

kümmere mich dieweil um die Lampen.«

 

Gehorsam zog ich mich aus, ließ aber dabei die brennenden

Augen nicht einen Moment von ihr. Anmutig bewegte sie sich

hin und her und löschte einen Docht nach dem anderen. Als

Falter einen Augenblick vor einer der Lampen stehenblieb,

hatte sie zwar die Beine ganz dicht zusammen, und dennoch

sah ich, einem lockenden Leuchtfeuer gleich,

 

zwischen ihrer Artischocke und den Oberschenkeln ein

winziges Dreieck Lampenlicht hindurchschimmern. Da fiel mir

ein, was vor langer Zeit einmal ein venezianischer Junge zu mir

gesagt hatte, daß nämlich dies ein Zeichen sei für eine Frau

von »höchst begehrenswerter Bettwürdigkeit«. Nachdem sie

alle Lampen gelöscht hatte, kam sie durchs Dunkel wieder zu

mir.

 

»Ich wünschte, Ihr hättet die Lampen angelassen«, sagte ich.

»Ihr seid bezaubernd schön, Falter, und es versetzt mich in

Entzücken, Euch anzusehen.«

 

»Aber Lampenlicht ist tödlich für Falter«, sagte sie lachend. »Es

dringt doch genug Mondenschein durchs Fenster -so seht Ihr

mich und sonst nichts. Und jetzt...«

 

»Und jetzt!« wiederholte ich in völligem und freudigem Einklang

 

und stürzte vor, doch sie wich geschickt beiseite.

»Wartet, Marco! Ihr vergeßt, nicht ich bin das

Geburtstagsgeschenk.«

 

»Ja«, murmelte ich. »Daran hatte ich im Moment nicht gedacht.

Eure Schwester. Jetzt fällt es mir wieder ein. Aber warum habt

Ihr Euch dann nackt ausgezogen, Falter, wenn es doch sie sein

soll, die...?«

 

»Ich habe gesagt, heute abend würde ich Euch alles erklären.

Und das will ich auch gern tun, wenn Ihr solange die Hände von

mir laßt. Hört mich also an. Diese meine Schwester, um die es

hier geht und die gleichfalls von königlichem Geblüt ist, hat als

Kind gleichfalls die Verstümmelung durch das tabzir nicht über

sich ergehen lassen müssen, denn es wurde erwartet, daß sie

eines Tages einen königlichen Prinzen ehelichen würde. So

kommt es, daß sie vollständig Frau ist, unversehrt in allen ihren

Organen und selbstverständlich mit allen Sehnsüchten und

Begierden und Fähigkeiten einer Frau. Unseligerweise stellte

sich für das Mädchen beim Heranwachsen heraus, daß sie

häßlich ist. Ganz furchtbar häßlich. Ich kann Euch gar nicht

sagen, wie häßlich.«

 

Verwundert sagte ich: »So jemand habe ich aber nirgends im

 

Palast gesehen.«

»Selbstverständlich nicht. Sie würde nie zulassen, daß sie

gesehen wird. Denn sie ist zwar bedrückend häßlich, besitzt

aber ein empfindsames Herz. Deshalb hält sie sich stets in

ihren Gemächern hier im anderun auf, um nicht Gefahr zu

laufen, jemand zu begegnen, und sei es nur ein Kind oder ein

Eunuch; sie könnten sich zu Tode erschrecken.«

 

»Mare mia!« murmelte ich. »Wie häßlich ist sie denn wirklich,

Falter? Und ist sie es nur im Gesicht? Oder ist sie verwachsen?

Hat sie einen Buckel? Was denn?«

 

»Pst! Sie wartet draußen vor der Tür und könnte uns hören.«

 

Ich senkte die Stimme. »Wie lautet denn der Name dieses...

dieses Mädchens?«

»Prinzessin Shams -und auch das ist ein Jammer, denn das

 

Wort bedeutet Sonnenlicht. Doch halten wir uns nicht mit dieser

unseligen Häßlichkeit auf. Laßt es genug sein damit, daß ich

Euch sage, diese meine bedauernswerte Schwester hat schon

längst jede Hoffnung aufgegeben, irgendwen zu heiraten oder

auch nur die Aufmerksamkeit eines Liebhabers für kurze Zeit

auf sich zu lenken. Kein Mann könnte sie bei hellem Tageslicht

anschauen oder sie im Dunkeln ertasten und seine Lanze zum

zina gereckt halten.«

 

»Che braga!« murmelte ich und spürte, wie mich ein leiser

Schauder überlief. Wäre Falter nicht noch immer sichtbar -und

wenn auch nur schemenhaft verlockend -, wer weiß, ob nicht

meine eigene Lanze sich gesenkt hätte.

 

»Wie dem auch sei, Marco -ich versichere Euch, daß ihre

Weiblichkeit ganz normal ist. Sie sehnt sich ganz normal

danach, gefüllt zu werden und Erfüllung zu finden. Aus diesem

Grund haben sie und ich uns etwas ausgedacht; und da ich

meine Schwester Shams liebe, mache ich dabei mit, diesen

Plan zu verwirklichen. -Wann immer sie aus ihrem Versteck

heraus einen Mann erblickt, der ihr Begehren weckt, lade ich

ihn hierher ein und...«

 

»Ihr habt dies schon zuvor getan?« entfuhr es mir unwillkürlich.

»Unverständiger Ungläubiger, selbstverständlich haben wir das.

Und zwar schon viele, viele Male. Das ist doch gerade der

Grund dafür, Euch versprechen zu können: Ihr werdet es

 

genießen. Eben weil schon so viele andere Männer es

genossen haben.«

»Ihr habt gesagt, es sei ein Geburtstagsgeschenk...«

»Verschmäht Ihr ein Geschenk, weil es von jemand kommt, der

 

großzügig schenkt? Seid still und hört zu! Was wir tun, ist

folgendes: Ihr legt Euch hin, auf den Rücken. Ich lege mich auf

Euch, in Hüfthöhe; Ihr könnt mich die ganze Zeit über sehen.

Und während wir beide uns liebkosen und der Lustbarkeit

hingeben -und dabei alles tun, nur das allerletzte nicht -,

schleicht meine Schwester sich still herein und begnügt sich mit

Eurer unteren Hälfte. Ihr seht Shams nicht und berührt sie nicht

 

-nur mit Eurem zab, und der wiederum begegnet nichts

Abstoßendem. Und die ganze Zeit über seht und fühlt Ihr nur

mich. Ihr und ich, wir werden uns reizen und erregen wie toll,

bis wir völlig außer uns sind. Und wenn das zina da unten sich

vollzieht und vollendet, werdet Ihr nie merken, daß nicht ich es

bin, mit der es geschieht.«

 

»Aber das ist grotesk!«

»Selbstverständlich könnt Ihr das Geschenk zurückweisen«,

sagte sie kalt. Trat aber gleichzeitig so nahe an mich heran,

 

daß ihre Brust mich berührte, und die war nun alles andere als kalt. »Oder aber Ihr schenkt mir und Euch etwas Köstliches und tut gleichzeitig eine gute Tat an einem Geschöpf, dem für immer Dunkel und Unbedeutendheit beschieden sind. Nun... weist Ihr zurück und lehnt ab?« Ihre Hand vergewisserte sich, wie die Antwort ausgefallen war. »Ah, dachte ich mir doch, daß Ihr es nicht tun würdet. Ich wußte, Ihr seid ein gütiger Mensch. Wohlauf dann, Marco - legen wir uns nieder.«

Was wir dann taten. Ich für mein Teil legte mich, wie angewiesen, auf den Rücken, und Falter ringelte sich dergestalt über meine Taille, daß ich meine untere Hälfte nicht sehen konnte. Dann begannen wir mit dem Vorspiel des musicare oder Musizierens. Flaumleicht strich sie mit den Fingerkuppen über mein Gesicht, fuhr mir durchs Haar und über die Brust, und ich tat das gleiche bei ihr, und jedesmal, wenn wir einander berührten und wo immer wir einander auch berührten, spürten wir jene Art von knisternder Spannung, die man erleben kann, wenn man einer Katze gegen den Strich heftig übers Fell fährt. Nur, daß es in der Art, wie sie mich -oder ich sie, wie ich bald erfuhr -liebkoste, kein ›gegen den Strich‹ gab. Ihre Brustwarzen schwollen an und reckten sich spitz unter meiner Berührung in die Höhe, und selbst im dämmerigen Licht konnte ich erkennen, wie ihre Augen sich weiteten, und kostete ich ihre Lippen, da wir uns ganz der Leidenschaft hingaben.

»Warum nennt Ihr dies musicare?« fragte sie an einer Stelle

leise. »So köstlich wie dies kann Musik doch niemals sein.« »Nun, ja«, sagte ich, nachdem ich eine Weile überlegt hatte. »Ich hatte die Art von Musik, die Ihr hier in Persien habt, ganz vergessen.«

Ab und zu griff sie mit der Hand hinter sich, um jenen Teil von mir zu streicheln, den sie meinem Blick entzog, und jedesmal durchfuhr mich dabei ein köstliches Drängen -und jedesmal lockerte sie wieder rechtzeitig ihren Griff, sonst hätte ich einen spruzzo in die Luft geschossen. Sie ließ zu, daß ich mit einer Hand ihre unteren Regionen erforschte, und flüsterte mir nur zitternd ins Ohr: »Vorsichtig mit den Fingern. Nur den zambur! Nicht eindringen, ja?!« Und sie dort zu streicheln, ließ sie mehrere Male in höchste Ekstase geraten. Später setzte sie sich rittlings auf mich, so daß die Spitzen ihrer Locken mir sanft übers Gesicht strichen und ihre mihrab sich in Reichweite meiner Zunge befand. »Eine Zunge kann das sangar-Häutchen nicht durchstoßen. Mit Eurer Zunge dürft Ihr also tun, was Euch beliebt, und so tief eindringen, wie Ihr wollt.« Wiewohl die Prinzessin kein Parfüm trug, verbreitete dieser Körperteil von ihr einen kühlen Duft wie nach frischem Farn oder Lattich. Und, was sie von ihrem zambur gesagt hatte, war nicht übertrieben; es war, als begegnete meiner Zunge die Spitze einer anderen und lecke und fahre in Reaktion auf die meine herum und umher. Was wiederum Falter von einer Ekstase in die andere trieb, die sich nur leicht in Hinaufsteigern und Abklingen voneinander unterschieden -genauso wie der wortlose Gesang, mit dem sie dies begleitete.

Verzückung, hatte Falter gesagt, und Verzückung wurde es. Ich war, als ich das erste Mal spruzzo machte, fest überzeugt, dies irgendwo in ihr zu tun -und das, obwohl ihre mihrab sich immer noch warm und feucht vor meinem Mund befand. Erst als ich langsam wieder zu Sinnen kam und mir darüber klar wurde, daß eine andere Frau rittlings auf meinem Unterleib sitzen mußte, dämmerte mir, daß dies die sonst in ihrer Abgeschiedenheit lebende Schwester Shams sein müsse. Weder konnte ich sie sehen, noch versuchte ich es oder verlangte es mich danach, es zu tun; doch der Leichtigkeit des Gewichts nach zu urteilen, das ich auf mir spürte, konnte ich entnehmen, daß diese andere Prinzessin klein und überaus zart sein mußte. So wandte ich meinen Mund von Falters gierig zustoßendem Hügel und fragte: »Ist Eure Schwester viel jünger als Ihr?«

Als komme sie nur widerwillig aus weiter Ferne, hielt sie in ihrer

Ekstase inne, um atemlos zu sagen: »Nicht... sehr viel...« Um sich augenblicklich wieder in den weiten Fernen zu verlieren, während ich mein Bestes tat, um sie noch weiter und in noch schwindelndere Höhen zu schicken -freilich, um mich ihr etliche Male bei diesem hochfliegenden Frohlocken zuzugesellen - und entsprechend etliche Male spruzziin diese

fremde mihrab zu schießen; wobei es mir nicht wirklich wichtig war, wessen es war, ich jedoch soweit bei Bewußtsein blieb, um unbestimmt zu hoffen, daß die jüngere und häßliche Prinzessin Sonnenlicht es mit mir genauso genoß wie ich mit ihr.

Die zina zu dritt zog sich lange hin. Schließlich befanden Prinzessin Falter und ich uns im Frühling der Jugend und konnten uns viele Male immer aufs neue zum Erblühen bringen, und Prinzessin Shams (nahm ich an) war wohl überglücklich, immer neue Sträuße pflücken zu können. Doch zuletzt schien selbst die dem Anschein nach nimmersatte Prinzessin Falter befriedigt, ihr Zittern wurde flacher, und genauso schrumpfte auch mein zäh immer mehr und legte sich ermattet auf die Seite, um zu ruhen. Mein Glied fühlte sich nachgerade roh und wund an, meine Zunge schmerzte an der Wurzel, und überhaupt kam ich mir völlig leer und ausgepumpt vor. Kraftund atemschöpfend lagen Falter und ich eine Weile da, sie erschlafft auf meiner Brust, ihr Haar hingegossen über meinem Gesicht. Die drei zierenden Kirschen waren längst herausgeschüttelt worden und verloren. Und während wir still dalagen, war ich mir bewußt, daß mir ein schmatzender Kuß auf den Bauch gedrückt wurde, und schließlich vernahm ich noch ein kurzes Rascheln, als Shams sich ungesehen zur Tür hinausschlich.

Ich erhob mich und legte meine Kleider an, und Prinzessin Falter schlüpfte in einen knappen Umhang, der ihre Blöße kaum bedeckte. Und wieder führte sie mich durch die Gänge des andenun hinaus in den Garten. Von der Höhe eines nahe gelegenen manarets ließ der erste muedhdhin des Tages seinen langgezogenen Ruf erschallen, um in der Stunde vor Morgengrauen zum Gebet zu rufen. Ohne von irgendwelchen Wachen angehalten zu werden, fand ich den Rückweg durch die Gärten zu jenem Flügel des Palasts, in dem ich untergebracht war. Gewissenhaft war Diener Karim noch auf und wartete auf mich. Er half mir, mich zum Schlafen auszukleiden, und stieß einige höchst überwältigte Rufe des

Erstaunens aus, als er sah, in welch außerordentlich

 

ausgepumptem Zustand ich mich befand.

»Dann hat die Lanze des jungen Mirza ihr Ziel gefunden«,

sagte er, stellte aber keine unverschämten Fragen. Er verzog

nur den Mund ein wenig; offenbar bekümmerte es ihn, daß ich

keinerlei weitere Verwendung für seine kleinen Dienste hatte,

und begab sich selbst zu Bett.

 

Mein Vater und mein Onkel waren wohl über drei Wochen fern

von Baghdad. In dieser Zeit verbrachte ich nahezu jeden Tag

damit, in Begleitung der Shahzrad alles mögliche Interessante

gezeigt zu bekommen, während ihre Großmutter uns wie ein

Schatten folgte, und genoß

 

es nahezu jede Nacht, mich der zina mit den beiden

 

Prinzessinnen Falter und Sonnenlicht hinzugeben.

Tagsüber besichtigten die Prinzessin und ich zum Beispiel

Einrichtungen wie das Haus der Enttäuschung, jenes Gebäude,

in dem Hospital und Gefängnis vereint schienen. Dorthin gingen

wir an einem Freitag, dem Ruhetag, da auch dieses Haus von

vielen Leuten aufgesucht wurde, die sonst nichts zu tun hatten,

doch auch von vielen auswärtigen Besuchern, gehörte doch ein

Besuch dieser Einrichtung zu den Hauptvergnügungen, die

Baghdad zu bieten hatte. Die Leute kamen in Gruppen und

ganzen Familien und wurden von Führern hindurchgeleitet, und

am Eingang erhielt jeder Besucher einen weiten Kittel gereicht,

ihn über seine Kleider zu ziehen und sie zu schützen. Dann

ging man gemächlich durch die Gänge, während die Führer die

Besucher über die verschiedenen Arten des Wahnsinns

aufklärten, welche die hier festgehaltenen Männer und Frauen

befallen hatten, und alle, die wir da waren, lachten wir über die

Possen, die sie darboten, und redeten darüber. Über manche

dieser Dinge konnte man wirklich lachen, über andere hingegen

höchstens weinen, noch andere hinwieder waren von

unterhaltsamer Schlüpfrigkeit und noch andere nur schmutzig.

So schien eine Anzahl der Schwachsinnigen etwas gegen uns

Besucher zu haben und bewarfen uns mit allem, was ihnen in

die Hände kam. Da alle Insassen vernünftigerweise unbekleidet

gehalten wurden und die Hände frei hatten, bestanden die

 

einzigen Wurfgeschosse, die sie hatten, aus dem eigenen Kot.

Aus eben diesem Grund hatte der Pförtner uns ja die Kittel

gereicht, und wir waren froh, sie anzuhaben.

 

Manchmal, des Nachts, wenn ich in den Gemächern der

Prinzessin weilte, kam ich mir selbst wie ein solcher Insasse

vor, der beaufsichtigt und beschworen wurde. Als dies das

dritte oder vierte Mal geschah, noch ganz am Anfang unserer

Spiele, da die Schwester sich noch nicht hereingeschlichen

hatte und Falter und ich uns kaum entkleidet hatten und uns am

Vorspiel ergötzten, hielt sie mit ihren forschenden Händen

meine forschenden Hände fest und sagte:

 

»Meine Schwester Shams möchte Euch um etwas bitten,

 

Marco.«

»Das hatte ich bereits befürchtet«, sagte ich. »Sie möchte

gewiß, daß Ihr als Mittlerin zurückträte, und die Stelle vorn

einnehmen.«

 

»Nein, nein. Das würde sie niemals tun. Sie und ich -wir sind

beide glücklich damit, wie wir es haben einrichten können. Bis

auf eine Kleinigkeit.«

 

Ich war auf der Hut und knurrte nur.

»Ich habe Euch doch schon gesagt, Marco, daß Sonnenlicht

die zina oft und ausgiebig genossen hat; infolgedessen ist die

mihrab der Ärmsten stark ausgeweitet. Offen gestanden ist sie

dort unten so weit wie eine Frau, die schon viele Kinder

geboren hat. Ihr Vergnügen an unserer zina würde sich

 

womöglich noch steigern, wenn es gelänge, Euren zab zu

vergrößern durch...«

»Nein!« wehrte ich mit Entschiedenheit ab und versuchte, mich

 

wie ein Krebs rückwärtsschiebend unter Falter

herauszuwinden. »Ich habe den zab vieler Männer aus dem

Osten gesehen; der meine ist dem ihren bereits überlegen. Ich

weigere mich, irgendwelche...«

 

»Still, habe ich gesagt! Ihr habt einen bewunderungswürdigen

zab, Marco. Schließlich füllt er meine Hand voll aus, und ich bin

sicher, was seine Länge und seinen Umfang betrifft, so ist

 

Shams durchaus zufrieden damit. Was sie vorschlägt, ist nichts

 

weiter als eine Verfeinerung des Ganzen.«

Das jedoch verärgerte mich. »Keine andere Frau hat sich

jemals über die Art beklagt, wie ich sie liebte!« verwahrte ich

mich. »Und wenn diese wirklich so häßlich ist, wie Ihr sagt,

meine ich, ist sie wohl kaum in der Lage, das, was sie

bekommt, auch noch zu bekritteln.«

 

»Hört, hört, wer krittelt denn nun an wem herum?« sagte Falter

spöttisch. »Ahnt Ihr eigentlich, wie unendlich viele Männer

davon träumen, einer königlichen Prinzessin beizuwohnen und zwar vergeblich davon träumen! Oder jedenfalls einmal im

Leben eine Prinzessin unverschleierten Gesichts zu sehen?

Und da seid Ihr, habt zwei Prinzessinnen, die nackt bei Euch

liegen und Euch Nacht für Nacht zu Willen sind' Und Ihr wagt

es, einer von Ihnen zu versagen, eine kleine Grille zu

befriedigen?«

 

»Nun«, sagte ich, nachdem sie mir diesen Dämpfer aufgesetzt

 

hatte, »um was für eine Grille geht es denn?«

»Es gibt sehr wohl eine Möglichkeit, das Vergnügen einer Frau

zu verstärken, die mit einer zu großen Öffnung geschlagen ist.

Dabei wird nicht der zab an sich vergrößert, sondern -wie

nennt Ihr doch den stumpfen Kopf desselben?«

 

»Im Venezianischen ist das die fava, die dicke Bohne. Und auf

 

farsi, denke ich, heißt er lubya.«

»Sehr wohl. Selbstverständlich habe ich inzwischen bemerkt,

daß Ihr nicht beschnitten seid, und das ist gut so, denn diese

Verfeinerung läßt sich mit einem beschnittenen zab nicht

erreichen. Ihr tut nichts weiter als dies hier.« Und sie tat es,

verstärkte den Griff ihrer Hand und zog die capela-Haut zurück,

so weit es ging, und dann noch ein bißchen weiter. »Seht Ihr?

Auf diese Weise wird die dicke Bohne noch praller als sonst.«

 

»Aber das ist unangenehm, fast schmerzhaft.«

»Doch nur vorübergehend, Marco, und es ist doch erträglich.

Tut nur dies, sobald Ihr eindringt. Shams sagt, das verleihe

ihren mihrab-Lippen das erlesen-köstliche Gefühl, ausgeweitet

zu werden. Es handele sich um eine Art heißersehnter

 

Vergewaltigung, sagt sie. Frauen genießen das, meine ich,

wenn ich das selbstverständlich auch nicht genau wissen kann,

da ich ja noch nicht verheiratet bin.«

 

»Dia me varda!« entfuhr es mir halb unterdrückt.

»Und selbstverständlich braucht nicht Ihr das zu tun und dabei

Gefahr zu laufen, Shams' häßlichen Leib zu berühren. Sie ist

 

bereit, dies kleine Bißchen an Strecken und Prallermachen

eigenhändig für Euch zu tun. Sie bittet nur um Eure Erlaubnis.«

»Hat Shams vielleicht noch andere Wünsche?« fragte ich

 

beißend.

 

»Für einen Ausbund an Häßlichkeit kommt sie mir

ungewöhnlich wählerisch vor.«

»Hört, hört!« ließ Falter sich spöttisch abermals vernehmen.

 

»Da seid Ihr in einer Gesellschaft, um die jeder andere Mann

Euch beneiden würde. Da lehrt Euch ein Königskind etwas

ganz Besonderes, das andere Männer nie lernen. Ihr werdet ihr

noch dankbar sein, Marco; jawohl, Marco, eines Tages, wenn

Ihr es mit einer Frau zu tun habt, deren mihrab ungewöhnlich

groß ist, werdet Ihr es Shams danken, Euch dies beigebracht

zu haben. Damit wiederum beweist sie ihre Dankbarkeit. Doch

jetzt macht mich ein-oder zweimal auf andere Weise dankbar,

bevor Sonnenlicht kommt...«

 

An manchen Tagen wohnten wir, das heißt, Falter und ich, zu

unserer Unterhaltung wie zur Erbauung den Sitzungen des

Königlichen Gerichtshofs bei. Dieser hieß schlicht daiwan, und

zwar nach den Unmengen von daiwan-Kissen, auf denen Shah

Zaman, Shahryar Zahd und ein paar ältere muftis des

muslimischen Gesetzes sowie bisweilen auf der Durchreise

befindliche mongolische Gesandte des Ilkhan Abagha Platz

nahmen. Es wurden Verbrecher vor sie gebracht, damit ihnen

der Prozeß gemacht wurde, es kamen Bürger mit

Beschwerden, die sie zur Anhörung brachten, oder mit

 

Gnadenerweisen und Gesuchen, die sie vorbrachten; der Shah und sein wazir und die anderen Würdenträger hörten sich Beschuldigungen oder Rechtfertigungen oder Bitten an, besprachen sich dann untereinander und verkündeten dann Urteilsspruch, Verfügung oder Schuldspruch.

Ich fand den daiwan für jemand, der nur zuschaute und zuhörte, sehr lehrreich. Wäre ich jedoch ein Missetäter gewesen, hätte ich eine Heidenangst gehabt, vor ihn zitiert zu werden. Und wäre ich ein Bürger gewesen, der sich über etwas zu beschweren hatte, hätte es schon ein überwältigendes Unrecht sein müssen, ehe ich es gewagt haben würde, es dem daiwan vorzutragen. Denn auf der offenen Terrasse direkt außerhalb des Gerichtssaals stand ein gewaltiges Kohlebecken voller Glut, über welcher ein Riesenkessel Öl erhitzt und am Sieden gehalten wurde; daneben standen kräftige Palastwachen sowie der offizielle Scharfrichter des Shah bereit, dieses zur Anwendung zu bringen. Prinzessin Falter gestand mir insgeheim ein, diese Art der Bestrafung bleibe nicht nur verurteilten Missetätern vorbehalten, sondern sei auch für jene Bürger bestimmt, die falsche Anschuldigungen und boshafte Beschwerden vortrugen, und auch für diejenigen, die falsches Zeugnis ablegten. Die kraftvoll gebauten Wachen sahen bereits einschüchternd genug aus; der Scharfrichter jedoch sollte ganz offensichtlich Schrecken verbreiten. Er trug Kapuze und Maske und war sonst in ein Gewand gekleidet, das brandrot leuchtete wie das Feuer der Hölle.

Ich wurde nur ein einziges Mal Zeuge, wie ein Missetäter tatsächlich zum Eintauchen in den Kessel verurteilt wurde. Ich meinerseits hätte ihn nicht so streng verurteilt, aber schließlich bin ich kein Muslim. Es handelte sich um einen wohlhabenden persischen Kaufmann, dessen andenun aus den vier erlaubten Ehefrauen und der üblichen Anzahl von Konkubinen bestand. Die Verfehlung, die man ihm zur Last legte, wurde laut als khalwat verkündet, was soviel heißt wie »kompromittierende Nähe«; das Wort als solches sagt nicht viel aus, doch die Einzelheiten waren einigermaßen erhellend. Dem Kaufmann wurde vorgeworfen, mit zweien seiner Konkubinen gleichzeitig zina verübt zu haben, während seine vier Frauen und eine dritte Konkubine zusehen durften -alles Umstände, die zusammengenommen nach muslimischem Gesetz haram waren.

Als ich mir die Beschuldigungen anhörte, hatte ich zwar Mitgefühl mit dem Angeklagten, wurde jedoch gleichzeitig von höchstem Unbehagen erfüllt, was meine eigene Person betraf; denn schließlich beging ich fast jede Nacht zina mit zwei Frauen, die noch nicht einmal meine Gattinnen waren. Als ich verstohlen einen Blick auf meine Begleiterin, Prinzessin Falter, warf, erkannte ich in ihrem Gesicht weder Schuld noch Angst. Allmählich kam ich durch bloßes Zuhören dahinter, daß selbst das schlimmste haram-Vergehen nach muslimischem Gesetz nicht geahndet werden kann, wenn nicht zumindest vier Augenzeugen es bestätigen können. Der Kaufmann hatte mit Absicht, aus Stolz oder aus Dummheit fünf Frauen zusehen lassen, wie er sein überragendes Können unter Beweis stellte von denen später die eine oder andere Teilnehmerin oder Zuschauerin aus Gehässigkeit oder Eifersucht oder aus irgendeinem anderen nur dem weiblichen Herzen bekannten Grunde die Anklage auf khalwat gegen ihn vorgebracht hatte. So kam es, daß die fünf Frauen, um die es ging, jetzt auch Zeuge werden mußten, wie er ergriffen wurde und -während er um sich trat und schrie -auf die Terrasse hinausgeschleift und bei lebendigem Leibe in das siedende Öl geworfen wurde. Bei dem, was sich daraufhin abspielte, möchte ich nicht verweilen.

Doch nicht alle vom daiwan erlassenen Urteile fielen so hart und ungewöhnlich aus. Manche standen auf bewunderungswürdige Weise in sehr engem Zusammenhang mit dem Verbrechen, das begangen worden war. Eines Tages wurde ein Bäcker vor Gericht gebracht und über ihn der Schuldspruch verhängt, er habe seinen Kunden Brot verkauft, welches nicht dem vorgeschriebenen Gewicht entsprach; jetzt wurde er verurteilt, in seinen eigenen Backofen gestoßen und darin zu Tode gebacken zu werden. In einem anderen Fall ging es um einen Mann, der des ganz besonderen Vergehens wegen angezeigt worden war, beim Durch-eine-Straße-Gehen auf ein Stück Papier getreten zu sein. Bei dem, der ihn beschuldigte, handelte es sich um einen Jungen, der hinter dem Mann hergegangen war, das Stück Papier aufgehoben und entdeckt hatte, daß unter anderem der Name Allahs darauf gestanden hatte. Der Beschuldigte brachte zu seiner Rechtfertigung vor, er habe diese Beleidigung des allmächtigen Allah ja nur unwissentlich und unabsichtlich begangen, doch brachten andere Zeugen vor, es handele sich um einen unverbesserlichen Gotteslästerer. Es wurde gesagt, er habe oft andere Bücher auf seine Ausgabe des Quran gelegt, ja, diesen einmal sogar in der linken Hand gehalten. Folglich wurde er dazu verurteilt, daß die Wachen und der Scharfrichter so lange auf ihm herumtrampeln sollten, wie er auf dem Stück Papier bis zu seinem Tode!

Doch einen Ort heiligen Schreckens, der große Furcht weckte, konnte man den Palast des Shah nur dann nennen, wenn der daiwan darin tagte. Weit häufiger war der Palast -zumeist aus religiösem Anlaß -ein Ort der Festmähler und des Frohsinns. Die Perser anerkennen an die siebentausend Propheten des Islam aus alter Zeit; einem jeden von ihnen ist ein Festtag geweiht. An den Tagen, da die bedeutenderen Propheten geehrt werden, pflegte der Shah Feste zu geben, zu denen für gewöhnlich sämtliche Angehörige des Königshauses und des Baghdader Adels geladen wurden; bisweilen wurden die Tore der Palastgärten sogar für jedermann geöffnet.

Wenn ich auch weder zur königlichen Familie noch zum Adel gehörte und kein Muslim war, war ich doch Gast im Palast und nahm daher an etlichen solcher Feste teil. Insbesondere erinnere ich mich an die Feier für einen längst verblichenen Propheten, die draußen in den Palastgärten stattfand. Jeder Gast erhielt diesmal nicht die üblichen daiwan-Kissen, um sich daraufzusetzen oder sich darauf zurückzulehnen, sondern einen Haufen frisch eingesammelter und wohlduftender Rosenblüten. Äste und Gezweig eines jeden Baums waren wegen der auf die Rinde aufgesetzten Kerzen überdeutlich zu erkennen; außerdem brachte der Schimmer dieser Kerzen jede Grünschattierung des Laubs wunderbar zur Geltung. In jedem Blumenbeet standen Kerzenleuchter, und der Schimmer, der davon ausging, ließ die Überfülle der verschiedensten Blumen in allen nur erdenklichen Farben erstrahlen. Diese vielen Kerzen genügten, den Garten nahezu taghell zu erleuchten, doch hatten die Diener des Shahs noch ein übriges getan und im bazär und von Kindern sämtliche kleinen Schildkröten aufgekauft, die sie bekommen konnten, einem jeden dieser kleinen Tiere eine Kerze auf den Panzer geklebt und Tausende der kriechenden kleinen Geschöpfe als bewegliche Lichtpunkte sich durch die Gärten bewegen lassen.

Wie immer gab es an diesen Festtagen reichlicher und köstlicher zu essen, als ich es jemals bei einem Fest daheim erlebt hatte. Zur Unterhaltung spielten Musikanten auf Instrumenten, von denen ich viele nie zuvor weder gesehen noch gehört hatte, tanzten Tänzer und sangen Sänger. Die männlichen Tänzer ahmten mit Lanzen und Säbeln unter viel Fußgestampfe die Schlachten berühmter persischer Krieger aus der Vergangenheit, wie Rustam und Shorab, nach. Die Tänzerinnen bewegten ihre Füße kaum, sondern ließen Brüste und Bäuche auf eine Weise zucken, daß dem Zuschauer die Augen aus dem Kopf fielen. Die Sänger brachten keineswegs fromme Lieder zu Gehör -der Islam sieht so etwas nicht gern -, sondern ganz im Gegenteil. Ich meine damit außerordentlich schlüpfrige und derbe Lieder. Außerdem gab es Bärenbändiger, die ihre wendigen und kräftigen Bären Kunststücke vorführen ließen, sowie Schlangenbeschwörer, deren najhaya genannte Schlangen in ihren Körben tanzten, Wahrsager, die aus dem Sand auf ihren Tabletts die Zukunft weissagten, sowie fardarbab-Spaßmacher, die komisch gekleidet ihre Possen rissen und frivole kleine Spaße aufsagten oder in kleinen Spielen zum besten gaben.

Nachdem ich mir mit dem Dattelschnaps araq einigermaßen Mut angetrunken hatte, ließ ich alle christlichen Skrupel gegen das Wahrsagen fahren, trat an einen der fardarbab heran, einen alten Araber oder Juden mit verfilztem Bart, und fragte ihn, was die Zukunft in seinen Augen für mich bereithalte. Er jedoch muß in mir jemand erkannt haben, der seiner

Zauberkunst auf gut christliche Weise ungläubig und zweifelnd

gegenübertrat, denn er warf einen einzigen Blick auf den von

mir durchgerüttelten Sand und knurrte empört: »Hütet Euch vor

der Blutrünstigkeit der Schönheit«, was mir nicht das geringste

über meine Zukunft verriet, wenn mir auch irgendwie

dämmerte, ähnliches schon mal gehört zu haben. Folglich

lachte ich höhnisch über den alten Gauner, erhob mich und

entfernte mich, indem ich mich im Kreise drehte, hinfiel und von

Karim in mein Schlafgemach gebracht wurde.

 

Das war eine der Nächte, da die Prinzessinnen Falter und

Sonnenlicht und ich nicht zueinander kamen. Bei einer anderen

Gelegenheit sagte Falter mir, für die nächsten paar Nächte

solle ich mir etwas anderes vornehmen, denn sie erleide ihren

Mondfluch.

 

»Euren Mondfluch?« wiederholte ich ungläubig und echogleich.

Ungeduldig sagte sie: »Das Frauenbluten.«

»Und was ist das?« fragte ich, der ich auf Ehre und Gewissen

 

bis dato nie von so etwas gehört hatte.

Sie bedachte mich, amüsiert und verblüfft zugleich, mit einem

langen Seitenblick aus ihren grünen Augen und sagte

freundlich: »Ihr Tor! Wie alle jungen Männer haltet Ihr Frauen

für etwas Reines und Vollkommenes -wie das Völkchen der

kleinen geflügelten, peri genannten Wesen. Die zarten peri

essen nicht einmal, sondern leben von dem Duft, den sie aus

Blüten trinken; infolgedessen brauchen sie nie Wasser zu

lassen oder irgendwelche Notdurft zu verrichten. Ihr bildet Euch

ein, eine schöne Frau könne unmöglich mit den

 

Unvollkommenheiten und Widerwärtigkeiten behaftet sein, wie

sie dem Rest der Menschheit natürlich sind.«

Achselzuckend sagte ich: »Ist was Schlimmes daran, so zu

 

denken?«

»Ach, das würde ich nicht sagen, denn schließlich nutzen wir

schönen Frauen diesen männlichen Wahn weidlich aus.

Trotzdem ist es eine Wahnvorstellung, Marco, und jetzt werde

ich mein Geschlecht verraten und Euch die Augen darüber

öffnen. Hört mich also an!«

 

Sie erklärte mir, was einem Mädchen mit etwa zehn Jahren geschieht, was es zur Frau macht und ihr fürderhin jeden Mond einmal widerfährt.

»Wirklich?« sagte ich. »Das habe ich nicht gewußt. Allen

Frauen?« »Jawohl, und sie müssen diesen Mondfluch ertragen, bis sie alt werden und in jeder Hinsicht vertrocknen. Diesen Fluch begleiten auch noch Krämpfe, Rückenschmerzen und Gereiztheit. In dieser Zeit ist eine Frau griesgrämig und garstig, und eine kluge Frau hält sich während dieser Zeit von anderen Menschen fern oder nimmt bis zur Benommenheit banj oder Theriak zu sich, bis der Fluch vorbei ist.«

»Das klingt ja erschreckend« Falter lachte, doch heiter klang das nicht. »Weit erschreckender aber ist das, wenn ein Mond sich erfüllt und sie nicht mit dem Fluch belegt ist. Denn das bedeutet, daß sie schwanger ist. Und von der Niedergeschlagenheit, der Verzagtheit und der Peinlichkeit, die das mit sich bringt, will ich gar nicht erst anfangen zu reden. Ich komme mir kratzbürstig und garstig und hassenswert vor und werde mich daher zurückziehen. Ihr, Marco, geht fort, amüsiert Euch und genießt die Freiheit Eures

Körpers wie alle verdammten, nicht von dieser Pest geplagten Männer, und überlaßt mich meinem Elend als Frau.« Trotz der Beschreibung, die Prinzessin Falter von den

Schwächen ihres Geschlechts gab, habe ich es weder damals noch seither jemals fertiggebracht, in einer schönen Frau ein notwendigerweise mit einem Makel oder einem Fehler behaftetes Wesen zu sehen -zumindest nicht, solange sie sich nicht als solches zu erkennen gegeben hatte wie einst die Dame Ilaria, die auf diese Weise aller meiner Hochachtung verlustig gegangen war. Dort draußen im Osten lernte ich schöne Frauen auf eine neue Weise schätzen -und mache in dieser Hinsicht auch heute noch immer neue Entdeckungen. Nichts hat mich je dazu bringen können, sie zu verachten und zu verschmähen.

Um das zu verdeutlichen: In sehr jungen Jahren glaubte ich, die Körperschönheit einer Frau wohne nur in Zügen wie Gesicht und Brüsten, Beinen und Hinterteil, die man ja ohne weiteres zu sehen bekommt, sowie in den weniger leicht zu ergründenden Dingen wie einer hübschen, einladenden (und zugänglichen) Artischocke oder Venushügel, dem Me daillon und der mihrab. Inzwischen hatte ich jedoch genug Frauen gehabt und wußte, daß es sehr viel feinere Regionen gibt, in denen körperliche Schönheit sich kundtut. Um nur eine zu erwähnen: Was ich bei Frauen ganz besonders liebe, sind die zarten Sehnen, die sich an der Innenseite der Oberschenkel von der Leiste hinunter bis zur Kniekehle immer dann spannen, wenn sie sie auseinandernimmt. Auch war mir aufgegangen, daß es selbst in jenen Zügen, die allen schönen Frauen gemeinsam sind, noch Unterschiede gibt, die eben deswegen reizvoll sind und reizen, weil es sie gibt. Jede schöne Frau besitzt schöne Brüste und Brustwarzen, doch gibt es darin unzählige Unterschiede in bezug auf Fülle und Form, Proportion und Färbung -und alle sind sie schön. Auch besitzt jede schöne Frau eine schöne mihrab-aber gleichviel: Wie köstlich unterscheidet sich eine von der anderen, je nachdem, wo sie sitzt, weiter vorn oder tiefer unten, je nach ihrer Farbe und je nach der Seidigkeit der äußeren Lippen, im Hinblick darauf, wie gefältelt und wie fest geschlossen sich diese darbieten, in bezug auf Größe und Versteifbarkeit des zambur und wo genau dieser sitzt...

Vielleicht klingt all dies mehr lüstern und weniger galant. Dabei ist mir einzig daran gelegen klarzumachen, daß ich die schönen Frauen dieser Welt nie geringgeschätzt habe und nie geringschätzen werde; dazu war ich nie imstande. Auch in Baghdad nicht, als Prinzessin Falter -wiewohl selbst eine von den Schönen -ihr Bestes tat, um mir das Schlimmste an ihnen zu zeigen. So richtete sie es zum Beispiel eines Tages ein, daß ich mich in den Palast-anderun einschleichen konnte, nicht, um

-wie sonst - unserem abendlich-nächtlichen Vergnügen zu frönen, sondern am Nachmittag, und das bloß, weil ich zu ihr gesagt hatte: »Falter, erinnert Ihr Euch an jenen Kaufmann, der wegen der haram-Methode hingerichtet wurde, mit der er zina beging? Gehört das eigentlich zu den üblichen Dingen, die sich in einem anderun abspielen?«

Sie bedachte mich mit einem ihrer unergründlichen Blicke aus den grünen Augen und sagte: »Kommt und seht es Euch selbst an.«

Bei dieser Gelegenheit hatte sie die Wachen und Eunuchen zweifellos bestochen, einfach beiseite zu blicken; denn diesmal schaffte sie es nicht nur, mich ungesehen in jenen Flügel des Palastes einzuschmuggeln, sondern auch, mich in einem der Wandschränke auf dem Korridor unterzubringen, in den zwei Gucklöcher hineingebohrt worden waren, die es uns gestatteten, heimlich einen Blick in zwei große und üppig ausgestattete Gemächer zu werfen. Ich spähte erst durch das eine Loch und dann durch das andere: Beide Räume waren in diesem Augenblick leer. Falter sagte: »Das hier sind Gemeinschaftsräume, in denen die Frauen zusammenkommen können, wenn sie es leid sind, allein in ihren Gemächern zu sein. Und dieser Wandschrank ist einer von den vielen Verstecken zum Beobachten im ganzen andenun, in denen ab und zu ein Eunuch Platz nimmt und nach Streitereien oder Raufereien unter den Frauen Ausschau hält oder nach irgendwelchen anderen Dingen, die sich nicht gehören. Alles, was er sieht, berichtet er der Königlichen Ersten Gemahlin, die dafür verantwortlich ist, daß alles hier seine Ordnung hat. Heute wird der Eunuch nicht hier sein, und auch ich werde jetzt gehen und das den Frauen sagen. Dann werden wir gemeinsam abwarten und beobachten, wie die Frauen die Abwesenheit des Wächters ausnutzen.«

Sie ging, kam wieder, und wir beide standen auf engem Raum nebeneinander, jeder ein Auge an eines der Löcher gedrückt. Sehr lange geschah überhaupt nichts. Dann betraten vier Frauen das Gemach, das ich beobachtete, und streckten sich hier und da auf den daiwan-Kissen aus. Alle vier standen ungefähr in dem Alter der Shahryar Zahd, und alle waren nicht minder hübsch als diese. Eine von ihnen war offensichtlich eine Perserin, denn sie hatte eine elfenbeinfarbene Haut und nachtschwarzes Haar, dabei jedoch Augen von einem Blau wie lapis lazura. Eine andere hielt ich für eine Armenierin, denn eine jede ihrer Brüste war genauso groß wie ihr Kopf. Bei noch einer anderen handelte es sich um eine Schwarze, offenbar eine Äthiopierin oder Nubierin; selbstverständlich hatte sie breit ausgetretene Füße und spindeldürre Enkel und ein Hinterteil, ausladend wie ein Balkon; sonst jedoch war sie von annehmbarer Gestalt und besaß ein hübsches Gesicht, die Lippen darin nicht allzu wulstig, einen wohlgeformten Busen und schöne schlanke Hände. Die vierte Frau besaß einen so rauchdunklen Teint und hatte so glutvolle dunkle Augen, daß sie Araberin sein mußte.

Da die Frauen sich unbeobachtet wähnten, hätten sie tun und lassen können, was sie wollten, nahmen sich jedoch nichts Ungebührliches heraus und ließen es weder an Scham noch Bescheidenheit mangeln. Abgesehen davon, daß keine einzige von ihnen den chador trug, waren sie alle vollständig bekleidet und blieben auch so; auch heimliche Liebhaber gesellten sich nicht zu ihnen. Die Schwarze und die Rauchdunkle hatten irgendwelche Nadelarbeit mitgebracht, die sie in Händen hielten; auf diese Weise vertrieben sie sich die Zeit. Die Perserin hockte zwischen Tiegeln und Bürsten und kleinen Gerätschaften und pflegte ausgiebig die Hand-und Fußnägel der Armenierin, und nachdem das geschehen war, färbten beide Frauen sich die Handflächen sowie die Fußsohlen mit

hinna.

Dieser Anblick langweilte mich alsbald bis zum Überdruß; den vier Frauen erging es nicht anders -ich konnte sie gähnen sehen, hörte sie rülpsen und roch, daß sie Winde fahren ließen

-und fragte mich nachgerade, wie ich dazu gekommen war, den prickelnden Argwohn zu nähren, ausgerechnet in einem Haus voller Frauen müsse es zu so etwas wie babylonischen Orgien kommen, bloß weil diese Frauen einem einzigen Mann gehörten. Es lag doch auf der Hand -wo so viele Frauen nichts weiter zu tun haben, als darauf zu warten, von ihrem Herrn und Gebieter gerufen zu werden, gab es buchstäblich nichts anderes für sie zu tun. Sie konnten nur müßig herumsitzen, besaßen keinerlei Unternehmungslust und waren nur dazu da, ihre tierischen Instinkte ab und zu bei ihrem Herrn auszuleben. Genausogut hätte ich eine Reihe von Kohls amen dabei beobachten können, wie sie aufgingen, und drehte mich in dem Schrank um in der Absicht, etwas in diesem Sinne zu der Prinzessin zu sagen.

Doch die hatte ein lüsternes Grinsen aufgesetzt, hielt beschwichtigend einen Finger vor die Lippen und zeigte dann auf ihr Guckloch. Ich lehnte mich hinüber und schaute hindurch

-und konnte kaum einen Ausruf der Überraschung unterdrücken. In diesem Gemach befanden sich zwei Lebewesen, das eine davon weiblichen Geschlechtes, ein Mädchen, weit jünger als eine der vier Frauen im anderen Gemach -aber auch viel hübscher, was vielleicht daran lag, daß von ihr viel mehr zu sehen war. Sie hatte nämlich ihren paijamah sowie alles, was sie noch darunter getragen hatte, ausgezogen und war von der Taille ab nackt. Es handelte sich wieder um eine rauchdunkle Araberin, deren Gesicht jetzt allerdings rosig erglühte, so sehr strengte sie das an, was sie tat. Bei dem männlichen Insassen des Gemachs handelte es sich um einen jener kindgroßen simiazze-Affen, der dermaßen behaart war, daß ich ihn niemals als männlich erkannt hätte, wäre das Mädchen nicht fieberhaft damit beschäftigt gewesen, der Männlichkeit des Tieres Mut zu machen. Was ihr zwar nach einigen Mühen gelang, den Affen jedoch nur veranlaßte, das aufgerichtete kleine Beweisstück stupide anzuglotzen; jedenfalls mußte das Mädchen sich weiterhin enorm anstrengen, um ihm begreiflich zu machen, was er wo damit zu tun hätte. Schließlich wurde jedoch auch das erreicht, und Falter und ich wechselten uns beim Spähen am Guckloch ab.

Nach Beendigung der lächerlichen Darbietung wischte das Arabermädchen sich mit einem Tuch ab und reinigte hinterher auch noch die paar Kratzwunden, die ihr Partner ihr beigebracht hatte. Dann zog sie den paijamah hoch und führte den watschelnden und hüpfenden Affen hinaus. Falter und ich kletterten aus unserem Versteck hinaus, in dem es inzwischen

recht warm und feucht geworden war. Auf dem Korridor

konnten wir uns schließlich unterhalten, ohne von den vier

anderen Frauen in dem angrenzenden Raum gehört zu werden.

 

Ich sagte: »Kein Wunder, daß der wazir mir gesagt hat, dieses

 

Tier werde als unsäglich unrein bezeichnet.«

»Ach, Jamshid ist doch nur neidisch«, erklärte Prinzessin Falter

leichthin. »Das Tier kann tun, wozu er nicht mehr in der Lage

ist.«

 

»Aber nicht besonders gut. Sein zab war ja noch kleiner als der

eines Arabers. Doch wie dem auch sei, ich würde meinen, eine

anständige Frau täte besser daran, sich des Fingers eines

Eunuchen zu bedienen als eines Affen-zabs«

 

»Nun, manche tun das auch. Aber jetzt wißt Ihr wohl auch,

warum mein zambur so begehrt ist. Es gibt viele Frauen im

anderun, die lange sehnsüchtig darauf warten müssen, bis der

Shah wieder einmal nach ihnen verlangt. Das ist ja gerade der

Grund, warum der Prophet (Segen und Friede seien mit Ihm!)

vor langer Zeit das tabzir eingeführt hat. Auf daß eine

anständige Frau durch ihr heißes Verlangen nicht dazu verführt

werde, auf Mittel und Wege zurückzugreifen, die einer Ehefrau

nicht anstehen.«

 

»Ich glaube, mir wäre es -wäre ich Shah - lieber, wenn meine

Frauen sich gegenseitig ihrer zamburs bedienten statt

irgendeines beliebigen zab. Man stelle sich doch bloß einmal

vor, die kleine Araberin würde von diesem Affen schwanger!

Was für widerwärtige Nachkommen sie da bekäme!« Dieser

schreckliche Gedanke ließ mich an etwas weit Schlimmeres

denken. »Per Christo, was ist, wenn nun Eure abstoßend

häßliche Schwester ein Kind von mir bekommt'! Wäre ich dann

gezwungen, Shams zu heiraten?«

 

»Keine Sorge, Marco. Jede Frau hier im anderun, gleichgültig,

welchem Volk sie angehört, kennt die besondere, von ihrem

Volk benutzte Methode, sich gegen dergleichen zu wappnen.«

 

Mit großen Augen starrte ich sie an. »Sie verstehen sich darauf,

eine Empfängnis zu verhüten?«

 

»Mit unterschiedlichem Erfolg - doch alles ist besser, als es einfach dem Zufall zu überlassen. Eine Araberin, zum Beispiel, stopft vorm zina einen mit dem Saft der Trauerweide getränkten Wollbausch in sich hinein. Perserinnen füttern ihr Inneres gleichsam mit der zarten weißen Basthaut aus, die unter der Rinde des Granatapfelbaums wächst.«

»Wie abscheulich sündig!« entfuhr es mir, wie es einem

Christen geziemte. »Und welche Methode ist besser?« »Die persische ist selbstverständlich vorzuziehen, weil sie für beide Liebende angenehmer ist. Shams zum Beispiel benutzt diese Methode, und ich möchte wetten, Ihr habt das nie gespürt.«

»Nein.« »Stellt Euch doch nur einmal vor, wie es wäre, wenn Ihr mit Eurer zarten lubya gegen ein dickes Wollknäuel stießet. Ganz abgesehen davon, daß ich der Wirksamkeit dieser Methode stark mißtraue. Woher sollte eine Araberin schon etwas von Empfängnisverhütung verstehen? Wenn ein Araber nicht ausdrücklich ein Kind machen will, würde er mit seiner Frau niemals zina machen, höchstens durch ihren Hintereingang, so

wie er es gewohnt ist, daß er andere Männer und Knaben benutzt und sie ihn!« Ich war erleichtert, daß Prinzessin Shams dank des

Granatapfelbasts nicht schwanger werden und ihre Häßlichkeit weitervererben könnte. Eigentlich jedoch hätte es mich beunruhigen müssen, denn schließlich beging ich dadurch eine der schlimmsten Todsünden, die ein Christ begehen kann. Sicherlich begegnete ich auf meinen Reisen, spätestens jedoch dann, wenn ich nach Venedig zurückkehrte, einem christlichen Priester, bei dem ich zu beichten verpflichtet gewesen wäre. Selbstverständlich würde der Priester mir eine Menge Bußen auferlegen dafür, daß ich es mit zwei unverheirateten Frauen gleichzeitig getrieben hatte; doch das war, verglichen mit der anderen, nur eine läßliche Sünde. Ich konnte mir sehr wohl vorstellen, wie entsetzt er wäre, wenn ich ihm beichtete, daß ich durch die bösen Künste des Orients instand gesetzt worden wäre, aus reiner Freude am Akt als solchem zu kopulieren, ohne dabei die christliche Absicht zu verfolgen oder auch nur zu erwarten, daß dabei Nachkommen entstehen könnten.

Überflüssig zu sagen, daß ich weiterhin freudig sündigte. Wenn es überhaupt etwas gab, meinen vollkommenen und umfassenden Genuß zu beeinträchtigen, so war es gewiß kein bohrendes Schuldgefühl. Das war vielmehr mein natürlicher Wunsch, daß jeder Vollzug von zina sich in Prinzessin Falter abspielen möchte, mit der ich mich liebte, und nicht in der ungeliebten und alles andere als lieblichen Prinzessin Shams. Doch als Falter streng alle tastenden Versuche in dieser Hins icht zurückwies, war ich so vernünftig, davon abzulassen. Ich wollte einfach nicht einer glücklichen Situation verlustig gehen aus lauter Gier nach einer vielleicht noch glücklicheren. Statt dessen erfand ich für mich eine Geschichte von der Art, wie die märchenerzählende Shahryar Zahd sie hätte erfinden können.

In der Geschichte, die ich mir ausdachte, also vor meinem geistigen Auge, war Prinzessin Sonnenlicht nicht die häßlichste Frau Persiens, sondern die wirklich wunderschönste. Ich machte sie so schön, daß Allah in Seiner Weisheit gebot: »Es ist undenkbar, daß die göttliche Schönheit und gesegnete Liebe der Prinzessin Shams nur dem Vergnügen eines einzigen Mannes vorbehalten sein soll.« Das war der Grund, warum Shams unverheiratet war und nie heiraten sollte. Ganz dem Willen des Allmächtigen Allah folgend, war sie gehalten, ihre Gunst allen guten und verdienstvollen Männern zu gewähren, die um sie warben; und im Augenblick war ich der Glückliche, dem sie zuteil wurde. Eine Zeitlang machte ich mir diese Geschichte nur dann zunutze, wenn es nötig war. Meistens bedurfte es während des nächtlichen zina nichts weiter als der höchst wirklichen Schönheit und greifbaren Nähe der Prinzessin Falter, um meine Glut zu entfachen und nicht zum Erlöschen zu bringen. Doch wenn unser Spiel den köstlichen Druck in mir so übermächtig werden ließ, daß ich ihm nicht länger widerstehen konnte und ihm nachgeben mußte, ließ ich die von mir erfundene, nur ausgedachte, unwirklich erhabene Prinzessin Sonnenlicht vor meinem geistigen Auge erstehen und machte sie zum Gefäß meines Überquellens und meiner Liebe.

Wie bereits gesagt: Das genügte mir eine Zeitlang. Doch nach einiger Zeit fiel ich einer Art milden Wahns zum Opfer; ich fing nämlich an, mich zu fragen, ob meine Geschichte nicht vielleicht doch der Wahrheit ziemlich nahe komme. Da diese Wahnvorstellung immer größer wurde, fing ich an, ein tiefes Geheimnis darin zu argwöhnen und der Vermutung nachzuhängen, daß ich kraft des Wirkens meines feinen Verstandes der erste wäre, der diesem Geheimnis auf die Spur gekommen wäre. Schließlich wurde der Wahn so groß, daß ich anfing, Falter gegenüber Andeutungen zu machen: daß ich ihre unsichtbare Schwester eigentlich doch gern einmal sehen würde. Falter schaute besorgt drein und wurde ganz aufgeregt, als ich das tat, was sich noch steigerte, als ich die Tollheit besaß, den Namen ihrer Schwester bei Gelegenheiten fallenzulassen, da wir uns nicht allein, sondern in Gesellschaft ihrer Eltern und ihrer Großmutter befanden.

»Ich habe die Ehre gehabt, fast jedes Mitglied Eurer Familie kennenzulernen, Hoheit«, sagte ich wohl zu Shah Zaman oder der Shahryar Zahd, um dann wie beiläufig fortzufahren: »Bis auf die geschätzte Prinzessin Shams, wie ich meine.«

»Shams?« sagten dann wohl mißtrauisch er oder sie und blickten sich unstet um, woraufhin Falter plötzlich ins Reden geriet, um uns alle abzulenken, während sie mich roh und praktisch buchstäblich aus dem Gemach hinausdrängte, in dem wir uns gerade befanden.

Gott allein weiß, wohin mein Verhalten mich schließlich geführt hätte -vielleicht hätte man mich in das Haus der Enttäuschung eingeliefert -, doch endlich kehrten mein Vater und mein Onkel nach Baghdad zurück, und es wurde Zeit, mich von allen dreien meiner zina-Gefährtinnen zu verabschieden, nämlich von Falter, Shams und der Shams, die es nur in meiner Phantasie gab.

Mein Vater und mein Onkel waren nördlich vom Golf wieder zusammengetroffen und kamen au diesem Grunde gemeinsam in Baghdad an. Kaum daß er mich erblickt und noch ehe wir Gelegenheit gehabt hatten, einander zu begrüßen, rief mein Onkel laut und herzlich aus:

»Ecco, Marco! Wie durch ein Wunder immer noch am Leben und immer noch auf zwei Beinen; nicht einmal festgenommen hat man ich! Dann steckst du also im Moment nicht in irgendeinem Schlamassel, scaragön«

Ich erwiderte: »Bis jetzt wohl noch nicht«, und ging mich vergewissern, daß das auch so blieb. Ich suchte Prinzessin Falter auf und erklärte ihr, unsere Verbindung müsse leider enden. »Ich kann nachts unmöglich länger wegbleiben, ohne daß sie Verdacht schöpfen.«

»Wie schade!« sagte sie und machte einen Schmollmund. »Meine Schwester ist der zina mit Euch keineswegs überdrüssig.«

»Ich auch nicht, Shahzrad Magas Mirza. Nur hat sie, ehrlich gesagt, ziemlich an meinen Kräften gezehrt. Jetzt muß ich mich für den Rest unserer Reise erst einmal wieder erholen.«

»Jawohl, Ihr seht wirklich etwas angestrengt und eingefallen aus. Nun gut, ich gestatte Euch fernzubleiben. Vor Eurer Abreise werden wir uns noch in aller Form voneinander verabschieden.«

So kam es, daß mein Vater, mein Onkel und ich uns mit dem Shah zusammensetzten und ihm erklärten, wir hätten beschlossen, die Reise in den Osten nicht durch eine Seefahrt abzukürzen.

»Trotzdem danken wir Euch aufrichtig, Shah Zaman, uns diesen Vorschlag gemacht zu haben«, sagte mein Vater. »Aber es gibt ein altes venezianisches Sprichwort: Loda il mär, tiente a la tera.«

»Was soviel bedeutet wie?« fragte der Shah liebenswürdig.

»Preise das Meer, aber halte dich ans Land. In weiterem Sinne heißt es: Preise die Mächtigen und die Gefährlichen, aber klammere dich an das Kleine und Sichere. Nun sind Mafio und ich schon über mächtige Meere gesegelt, nie allerdings auf

solchen Schiffen, denen die arabischen Händler sich

anvertrauen. Keine Überlandroute könnte unsicherer oder

gefahrvoller sein.«

 

»Die Araber«, sagte mein Onkel, »bauen ihre seegängigen Schiffe auf genausowenig vertrauenerweckende Weise wie ihre klapprigen Flußkähne, die Hoheit hier in Baghdad zu sehen bekommen. Sie werden einfach von Fischleim und Seilen zusammengehalten ohne auch nur das kleinste Stückchen Metall. Pferde und Ziegen lassen ihre merda in die Fahrgastkammern fallen. Mögen Araber auch so unwissend ahnungslos sein, sich in derartig dreckigen und zerbrechlichen Nußschalen aufs offene Meer hinauszuwagen -wir sind es nicht.«

»Vielleicht seid ihr weise beraten, es nicht zu tun«, erklärte die Shahryar Zahd, die in diesem Augenblick hereinkam, obwohl es sich in unserem Kreis um eine reine Männerversammlung handelte. »Ich werde Euch eine Geschichte erzählen...«

Bei der einen blieb es nicht, und alle handelten sie von einem gewissen Sindbad dem Seefahrer, der eine ganze Reihe von unwahrscheinlichen Abenteuern bestanden hatte -mit einem riesigen Vogel Rock, mit einem Alten Sheik vom Meer, einem Fisch, so groß wie eine Insel, und was weiß ich sonst noch allem. Warum sie uns diese Geschichten jedoch erzählte, war, daß jedes einzelne der Abenteuer dieses Sindbad daherrührte, daß er auf arabischen Schiffen reiste, ein jedes dieser Schiffe auf See zugrunde ging, und sein Überleben daherrührte, daß er allein stets an ein unbekanntes Gestade gespült wurde.

»Vielen Dank, meine Liebe«, sagte der Shah, als sie mit der sechsten oder siebten Sindbad-Geschichte zu Ende gekommen war. Und ehe sie zu einer neuen anheben konnte, sagte der Shah zu meinem Vater und meinem Onkel: »Hat Euer Abstecher an den Golf sich denn überhaupt nicht gelohnt?«

»Oh, doch«, sagte mein Vater. »Es gab viel Interessantes zu sehen und kennenzulernen und zu erwerben. So habe ich zum Beispiel in Neyriz diesen schönen neuen und überaus scharfen shimshir-Säbel gekauft; der Mann, der die Klinge geschmiedet hat, sagte mir, sie bestehe aus Stahl aus den königlichen Eisenminen in der Nähe. Was er sagte, ließ mich aufhorchen, und so fragte ich ihn: ›Ihr meint gewiß die königlichen Stahlminen.‹ Doch er erklärte: ›Nein, wir nehmen das Eisen aus den Minen und stecken es in eine ganz besondere Art von Ofen, in dem das Eisen in Stahl verwandelt wird.‹ Woraufhin ich sagte: ›Was, Ihr wollt mir weismachen, wenn ich meinen Esel in einen Ofen stecke, käme er als Pferd wieder heraus?‹ Es kostete den Schwertschmied viel Überredung, mich zu überzeugen. Jetzt aber erkläre ich feierlich: Ich und das ganze Abendland, wir haben immer geglaubt, Stahl sei ein völlig anderes Metall als Eisen und diesem weit überlegen.«

»Nein«, sagte der Shah lächelnd. »Stahl ist durch ein besonderes Verfahren, von dem die Abendländer bis jetzt vielleicht nichts wissen, nichts weiter als umgewandeltes Eisen.«

»Dann habe ich mein Wissen in Neyriz erweitert«, sagte mein Vater. »Und selbstverständlich hat mich meine Reise auch nach Shiraz und seinen ausgedehnten Weingärten gebracht; dort habe ich Kostproben sämtlicher berühmten Weine in eben jenen Weingärten genommen, in denen sie hergestellt werden. Außerdem habe ich Kostproben...« Mit einem Seitenblick auf die Shahryar Zahd hielt er inne. »Außerdem gibt es in Shiraz mehr hübsche Frauen als in jeder anderen Stadt, die ich bisher besucht habe - viel mehr sogar.«

»Ja«, sagte die Dame. »Ich stamme selbst aus Shiraz. In Persien gibt es ein Sprichwort, das da lautet: Suchst du eine schöne Frau, such sie in Shiraz; suchst du einen schönen Knaben, such ihn in Kashan. Wenn Ihr Euch nach Osten wendet, werdet Ihr durch Kashan hindurchkommen.«

»Ah«, sagte mein Onkel Mafio. »Und was mich betrifft, so habe ich in Basra etwas Neues kennengelernt. Das Naphta genannte öl, das nicht aus Nüssen oder Oliven gewonnen wird und auch nicht aus Fischen oder Speck, sondern das geradenwegs aus der Erde heraussickert. Es brennt viel heller und länger als alle anderen Trane oder öle und riecht auch nicht schlecht. Ich habe mehrere Flaschen damit abfüllen lassen, damit wir es unterwegs nachts hell haben -vielleicht aber auch, um andere damit zu erstaunen, die nie zuvor einen solchen Stoff gesehen haben.«

»Noch einmal zu Eurer Reise«, sagte der Shah. »Jetzt, wo Ihr beschlossen habt, über Land weiterzureisen, denkt daran, daß ich Euch vor dem Dasht-e-Kavir, der Großen Salzwüste im Osten, gewarnt habe. Der Spätherbst ist zwar die beste Zeit, sie zu durchqueren, doch wenn man ehrlich ist, gibt es so etwas wie einen guten Zeitpunkt dafür nicht. Ich habe vorgeschlagen, daß Ihr für Eure karwan Kamele nehmt, und zwar fünf, würde ich sagen. Eines für einen jeden von Euch und Eure Satteltaschen mit dem ganz persönlichen Hab und Gut darin, eines für Euren Treiber und ein Lastkamel für Euer übriges Gepäck. Der wazir wird morgen mit Euch auf den bazär gehen und Euch welche aussuchen; er wird sie auch bezahlen, und ich meinerseits bin bereit, Eure Pferde gegen sie einzutauschen.«

»Das ist sehr gütig von Euch, Hoheit«, sagte mein Vater. »Doch

ehe ich's vergesse - wir haben keinen Kameltreiber.« »Wenn Ihr nicht besonders geübt seid im Umgang mit diesen Tieren, werdet Ihr aber einen brauchen. Damit kann ich Euch vermutlich auch aushelfen. Doch zuerst kauft einmal die Kamele.«

So begaben wir drei uns am nächsten Morgen abermals in Jamshids Begleitung auf den bazär. Der Kamelmarkt nahm ein großes, vom übrigen Markt abgetrenntes Areal ein und wurde von einem Zaun aus aneinandergereihten Felssteinen begrenzt. Die zum Verkauf stehenden Tiere standen sämtlich mit den Vorderfüßen auf diesem langgestreckten Steinpodest, damit es aussah, als wären sie größer und stolzer, als sie in Wahrheit waren. Auf dies em Markt ging es bei weitem schrillstimmiger und lauter zu als in irgendeinem anderen Teil des bazärs, denn hier kam zu den üblichen lauten Rufen und dem Streit zwischen Käufer und Verkäufer das zornige Geschrei und das kummervolle Röhren der Kamele, die es sich gefallen lassen mußten, daß ihre Mäuler immer wieder gepackt, gezwickt und herumgedreht wurden, um zu demonstrieren, mit welcher Behendigkeit sie sich niederknien und aufrichten konnten. Diese Probe aufs Exempel sowie eine Menge anderer machte Jamshid. Er kniff den Kamelen in den Höcker, tastete ihnen die Beine von oben bis unten ab und spähte ihnen in die Nasenlöcher. Nachdem er nahezu jedes ausgewachsene Tier begutachtet hatte, das an diesem Tag zum Verkauf stand, ließ er fünf von ihnen, einen Hengst und vier Stuten, beiseite führen und sagte zu meinem Vater:

»Sagt, ob Ihr mit meiner Auswahl einverstanden seid, Mirza Polo. Ihr werdet bemerken, daß sie sämtlich größere Vorderals Hinterfüße haben, was ein sicheres Zeichen für großes Stehvermögen ist. Außerdem sind sie alle frei von Nasenwürmern. Auf diese gefährliche Krankheit solltet Ihr stets achten; bemerkt Ihr irgendwelche Würmer, stäubt ihnen die Nasenlöcher mit Pfeffer ein.«

Da weder mein Vater noch mein Onkel von Kamelen und vom Kamelhandel das geringste verstanden, erklärten sie sich freudig mit der Auswahl des wazir einverstanden. Der Kamelhändler schickte einen Helfer, der die aneinandergebundenen Tiere in die Stallungen des Palasts brachte, und wir folgten ihnen in aller Gemächlichkeit.

Im Palast wurden wir bereits von Shah Zaman und der Shahryar Zahd in einem Raum erwartet, in welchem die Geschenke gestapelt waren, die wir ihrem Wunsch entsprechend dem Khakhan Kubilai mitbringen sollten. Da waren fest zusammengerollte aah von allerbester Qualität und Fäßchen voller Juwelen, Krüge und Schalen aus wunderbar gearbeitetem Gold, shimshirs aus Neyrizer Stahl in edelsteinbesetzten Scheiden und für die Frauen des Khakhans polierte Metallspiegel, gleichfalls aus Neyrizer Stahl, Schönheitsmittel wie alkohl und hinna, Schläuche voller Shiraz-Wein und behutsam eingewickelte Stecklinge von den allerschönsten Rosen der Palastgärten, desgleichen Stecklinge von samenlosen banj-Pflanzen und Samenkapseln des Mohns, aus dem Theriak gemacht wird. Das beeindruckendste Geschenk jedoch war eine Holztafel, die irgendein Hofkünstler mit dem Porträt eines Mannes bemalt hatte -eines ingrimmig und asketisch dreinschauenden, doch blinden Mannes, denn seine Augen waren nichts weiter als weiße Löcher. Was ich vor mir sah, war die einzige Wiedergabe eines Lebewesens, der ich jemals in einem muslimischen Lande begegnet bin.

Der Shah sagte: »Es handelt sich um die Gestalt des Propheten Muhammad (Segen und Friede seien mit Ihm!). Es gibt viele Muslime in den Reichen des Khakhans, und viele haben keine Ahnung, wie der Prophet (Segen und Friede seien mit Ihm!) im Leben ausgesehen hat. Nehmt dies mit, um es ihnen zu zeigen.«

»Verzeiht, Hoheit«, sagte mein Onkel Mafio zaudernd, wie das sonst so gar nicht seine Art war. »Ich dachte, lebensechte Abbilder wären im Islam verboten. Und noch dazu das Bildnis des Propheten...«

Die Shahryar Zahd erklärte: »Es ist ja nicht lebendig, solange die Augen nicht hineingemalt sind. Ihr werdet dies von irgendeinem Künstler nachholen lassen, kurz bevor Ihr das Bild dem Khan überreicht. Es brauchen ja nur die beiden braunen Punkte auf die weißen Augäpfel gemalt zu werden.«

Und der Shah fügte hinzu: »Das Bild selbst ist mit Zauberfarben gemalt, die in wenigen Monaten anfangen werden zu verblassen, bis das Bild vollständig verschwunden ist. Auf diese Weise kann es nie zu einem Gegenstand der Verehrung werden, wie Ihr Christen sie anbetet; denn solche sind verboten, weil sie in unserer vergeistigteren Religion überflüssig sind.«

»Dieses Porträt«, sagte mein Vater, »wird einzigartig sein unter den vielen Geschenken, die der Khan ständig von überallher erhält. Eure Hoheiten erweisen sich in Euren Tributen als überaus großzügig.«

»Gern hätte ich ihm auch ein paar Jungfrauen aus Shiraz und Knaben aus Kashan geschickt«, sann der Shah. »Nur habe ich das schon mehrere Male versucht, doch irgendwie kommen sie nie an seinem Hofe an. Es muß schwierig sein, Jungfrauen zu transportieren.«

»Ich hoffe nur, wir schaffen es, all dies hier hinzubringen«,

sagte mein Onkel und vollführte eine allesumfassende Geste. »Ach, das dürfte nicht weiter schwierig sein«, sagte wazir Jamshid. »Ein jedes von Euren neuen Kamelen ist imstande, diese ganze Last zu tragen, und das noch dazu bei einer

Reisegeschwindigkeit von acht arshaks pro Tag; dazu

brauchen sie notfalls nur jeden vierten Tag zu saufen.

Vorausgesetzt, versteht sich, Ihr habt einen tüchtigen

Kameltreiber.«

 

»Welchselbigen Ihr jetzt habt«, erklärte der Shah. »Noch ein

Geschenk von mir, und zwar diesmal eines für Euch, meine

Herren.« Er gab der Wache an der Tür einen Wink, woraufhin

diese hinausging. »Ein Sklave, den ich selbst erst vor kurzem

erworben habe; das heißt, einer meiner Hofeunuchen hat ihn

für mich gekauft.«

 

Mein Vater murmelte:

 

»Die Großmut Eurer Hoheit ist weiterhin unerschöpflich und

überwältigend.«

»Nun ja«, sagte der Shah bescheiden. »Was ist schon ein

 

Sklave unter Freunden? Selbst ein Sklave, der mich

 

fünfhundert Dinar gekostet hat.«

Die Wache kehrte mit diesem Sklaven zurück, der sich

augenblicklich grüßend zu Boden warf und mit schriller Stimme

rief: »Allah sei gepriesen! Da treffen wir uns wieder, gütige

Herren!«

 

»Sia budelä!« entfuhr es Onkel Mafio. »Das ist doch die Natter,

 

die zu kaufen wir zurückgeschreckt sind!«

»Das Scheusal Nasenloch!« rief auch der wazir. »Wirklich, Euer

Hoheit, wie seid Ihr dazu gekommen, diesen Auswurf zu

kaufen?«

 

»Ich nehme an, der Eunuch hat sich in ihn verliebt und ist auf ihn hereingefallen«, erklärte der Shah säuerlich. »Ich aber nicht. Und deshalb gehört er jetzt Euch, meine Herren.«

»Nun...«, sagten mein Vater und mein Onkel voller Unbehagen,

ohne indes beleidigend werden zu wollen. »Nie habe ich einen widerborstigeren und aufrührerischeren Sklaven kennengelernt«, sagte der Shah und verzichtete auf jeden Anschein, sein Geschenk lobend herausstreichen zu wollen. »Er flucht und erregt in einem halben Dutzend Sprachen, die ich nicht verstehe, meinen Abscheu. Ich weiß

nur, daß in jeder Verwünschung das Wort ›Schwein‹

auftaucht.«

»Auch mir gegenüber ist er frech geworden«, sagte die

 

Shahryar. »Man stelle sich vor -ein Sklave, der die Lieblichkeit

der Stimme seiner Herrin bekrittelt!« »Der Prophet (aller Segen und aller Friede seien mit Ihm!)« ließ sich nunmehr Nasenloch vernehmen, als grüble er laut vor sich hin. »Der Prophet hat gesagt, verflucht sei das Haus, in welchem die Stimme der Frau auch noch außerhalb seiner Türen zu hören ist.«

Giftig funkelte die Shahryar ihn an, und der Shah sagte: »Hört Ihr? Nun, der Eunuch, der ihn gekauft hat, ohne daß er irgendeinen Auftrag dazu hatte, is t von vier wilden Pferden in Stücke gerissen worden. Auf den Eunuchen ließe sich verzichten, denn schließlich war er unter meinem Dach von einer meiner anderen Sklavinnen geboren worden, hat also nichts gekostet. Aber dieser Sohn einer shaqäl-Hündin hat mich fünfhundert Dinar gekostet; infolgedessen muß er, selbst wenn wir uns seiner entledigen, noch einigen Nutzen bringen. Ihr, meine Herren, braucht einen Kameltreiber, und er behauptet, einer zu sein.«

»Und das ist die reine Wahrheit!« rief der Sohn einer shaqäl-Hündin. »Gütige Herren, ich bin mit Kamelen aufgewachsen und liebe sie wie meine Schwestern...«

»Das«, erklärte mein Onkel, »glaube ich dir.«

»Beantworte mir dies, Sklave!« donnerte Jamshid ihn an. »Ein

Kamel kniet zum Beladen nieder. Es ächzt und stöhnt bei jeder

neuen Last, die ihm aufgebürdet wird. Woher weißt du, wann es

soweit ist, daß nichts mehr hinzugeladen werden darf?«

 

»Das ist leicht zu erkennen, wazir Mirza. Sobald es aufhört zu

murren, ist ihm der letzte Strohhalm aufgeladen, den zu tragen

es imstande ist.«

 

Jamshid zuckte die Achseln. »Er kennt sich mit Kamelen aus.«

»Nun...«, murmelten mein Vater und mein Onkel.

Und die Worte des Shahs ließen keine Widerrede mehr zu, als

 

er sagte: »Entweder Ihr nehmt ihn mit, meine Herren, oder Ihr

 

steht daneben und seht zu, wie er in den Krug gesteckt wird.«

»In den Krug?« fragte mein Vater nach, der nicht wußte, was

das war.

 

»Nehmen wir ihn, Vater«, sagte ich, der ich das erste Mal den

Mund aufmachte. Ich sagte es nicht mit Begeisterung, hätte

aber nicht ein zweites Mal einer Hinrichtung durch siedendes Öl

beiwohnen können -auch dann nicht, wenn es sich um diesen

widerwärtigen Wurm gehandelt hätte.

 

»Allah wird es Euch vergelten, junger Mirza!« rief der Wurm.

»Ach, die Zierde der Vollkommenheit - Ihr seid mitleidig wie der

Derwisch Bayazid aus alter Zeit, der auf seinen Reisen in den

Flusen seines Nabels eine Ameise fand und hundert farsakhs

an seinen Ausgangspunkt zurückwanderte, um die entführte

Ameise auf den Haufen zurückzutun, von dem sie stammte,

und...«

 

»Schweig!« herrschte mein Onkel ihn an. »Wir nehmen dich,

weil wir unseren Freund, Shah Zaman, von deiner stinkenden

Gegenwart befreien wollen. Aber ich warne dich, Abschaum du,

Mitleid wirst du kaum von uns erfahren!«

 

»Ich bin es zufrieden!« rief der Abschaum. »Verunglimpfungen

und Schläge von einem Weisen sind köstlicher denn

Schmeicheleien und Blumen von einem Dummkopf.

Außerdem...«

 

»Gesü!« sagte mein Onkel müde. »Man wird dich nicht auf das Hinterteil schlagen - man wird die Prügel deiner allzu hurtigen Zunge verabreichen. Hoheit, wir werden aufbrechen, sobald der Morgen tagt -und Euch von der Gegenwart dieser Pestbeule befreien, so rasch es geht.«

Früh am nächsten Morgen kleideten Karim und unsere anderen beiden Diener uns in gute, derbe Reisekleidung persischer Art, halfen uns, unsere persönlichen Habseligkeiten zu packen, und überreichten uns einen großen Korb feiner Speisen und Weine und anderer Leckerbissen, welche die Palastköche bereitet, auf daß diese Nahrung sich lange halte und uns unterwegs eine ganze Weile den Hunger stille. Dann gaben alle drei Diener sich einem Schauspiel tiefen Kummers hin, als wären wir ihr Leben lang ihre geliebten Herren gewesen, die sie nun für immer zurückließen. Sie warfen sich zum Abschied der Länge nach auf den Boden, rissen sich die tulbands vom Kopf, schlugen mit der Stirn auf den Boden und ließen von alledem nicht ab, bis mein Onkel reichlich bakhshish unter sie verteilt hatte, woraufhin sie uns zufrieden lächelnd und den Schutz Allahs auf uns herabbeschwörend verabschiedeten.

Bei den Palaststallungen stellten wir fest, daß Nasenloch, ohne daß irgend jemand es ihm befohlen hatte, ohne Schläge und ganz auf sich allein gestellt, unsere Reittiere gesattelt und das Lastkamel beladen hatte. Er hatte sogar all die Geschenke, die der Shah mitschicken wollte, sorgfältig verpackt und dergestalt verstaut, daß sie nicht herunterfallen, aneinanderstoßen und unterwegs auch nicht mit Schmutz in Berührung kommen konnten; und soweit wir sahen, hatte er auch nichts gestohlen.

Statt ihn dazu zu beglückwünschen, erklärte mein Onkel streng: »Du Schurke bildest dir ein, uns jetzt einzuseifen, um uns hinterher um so besser über den Löffel halbieren zu können; und denkst dir, daß es uns hinterher nichts ausmacht, wenn du in deine üblichen Schlampereien zurückfällst. Aber ich warne dich, Nasenloch, genau diese Art von Tüchtigkeit erwarten wir von dir, und...«

Unterwürfig unterbrach der Sklave ihn: »Ein guter Herr sorgt dafür, daß er einen guten Sklaven hat; was er an Dienstleistung und Gehorsam zu erwarten hat, steht in direktem Verhältnis zu der Achtung und dem Vertrauen, die ihm entgegengebracht werden.«

»Aber nach allem, was wir gehört haben«, erklärte mein Vater, »hast du deinen letzten Herren, dem Shah und dem Sklavenhändler, nicht gerade gut gedient...«

»Ach, gütiger Mirza Polo, viel zu lange hat man mich in Städten und Häusern eingesperrt, und Eingesperrtsein macht mich kratzbürstig und böse. Allah hat mich als jemand geschaffen, der immer unterwegs sein muß. Als ich erfuhr, daß Ihr Herren Reisende seid, habe ich alles darangesetzt, aus dem Haushalt des Palastes hinausgeworfen und Eurer karwan zugeteilt zu werden.«

»Hm«, meinten mein Vater und mein Onkel skeptisch. »Indem ich das tat -dessen war ich mir wohl bewußt -, lief ich selbstverständlich Gefahr, ein noch schlimmeres Schicksal zu erleiden -wie etwa in den Ölkrug getaucht zu werden. Doch davor hat mich der junge Mirza Polo bewahrt, und das wird er nie bedauern. Für Euch ältere Herren werde ich der gehorsame Diener sein -ihm gegenüber jedoch werde ich der hingebungsvolle Freund und Erzieher sein. Ich will zwischen ihm und jedem Schaden stehen, der ihm zustoßen könnte,

genauso, wie er es für mich getan hat - und ihn unermüdlich in die Weisheit der Straße einführen.« Nasenloch war also der zweite ungewöhnliche Lehrer, den ich

in Baghdad bekam. Zwar wünschte ich von Herzen, es hätte jemand so hübsch und gesellig und begehrenswert sein können, wie Prinzessin Falter es gewesen war. Und ich war auch nicht sonderlich begeistert, der Schützling dieses grindigen Sklaven zu sein -und womöglich noch Gefahr zu laufen, daß einige seiner häßlichen Züge auf mich abfärbten. Aber ich wollte ihn nicht verlieren, indem ich diese Dinge laut sagte, und so setzte ich nur eine Miene auf, die duldsames Einverständnis erkennen ließ.

»Daß Ihr nicht glaubt, ich behauptete, ein guter Mensch zu sein«, sagte Nasenloch, als hätte er meine Gedanken gelesen.

»Ich bin ein höchst weltlicher Mensch, und nicht alle meine Vorlieben und Gewohnheiten gelten in den Augen der gebildeten Gesellschaft als annehmbar. Ihr werdet zweifellos häufig Anlaß haben, mich zu schmähen oder mich zu schlagen. Aber ein guter Reisender bin ich wirklich. Und jetzt, wo ich wieder unterwegs sein darf, werdet Ihr meine Nützlichkeit bald zu schätzen wissen. Ihr werdet schon sehen!«

So gingen wir drei, uns endgültig und in aller Form vom Shah und von der Shahryar und ihrer alten Mutter sowie der Shahzrad Magas zu verabschieden. Alle waren sie aus diesem Grunde bereits früh aufgestanden - und verabschiedeten uns in der Tat, als wären wir gerngesehene Gäste und nicht nur Männer, die mit einem ferman des Khakhan ausgestattet waren und die man unterbringen mußte, ob man nun wollte oder nicht.

»Hier die Papiere, aus denen hervorgeht, daß Ihr Besitzer dieses Sklaven seid«, sagte Shah Zaman und reichte sie meinem Vater. »Ihr werdet von nun an auf Eurer Reise in den Osten viele Grenzen überschreiten, und es könnte sein, daß die Grenzwachen wissen wollen, wer alles zu dieser karwan gehört. Und jetzt, lebt wohl, gute Freunde! Möge der Schatten Allahs nie von Euch weichen!«

An uns alle gerichtet, doch mit einem besonderen Lächeln, das nur mir galt, sagte Prinzessin Falter: »Möget Ihr unterwegs nie einem afriti oder einem bösen jinni begegnen -nur den lieblichen und vollkommenen peri.«

Die Großmutter nickte uns nur stumm zu, während die Shahryar Zahd zum Abschied etwas sagte, das fast so lange dauerte wie eines ihrer Märchen, bis sie endlich mit einem übertriebenen: »Eure Abreise läßt uns alle untröstlich zurück« schloß.

Woraufhin ich mich erkühnte zu sagen: »Einen Menschen gibt es hier im Palast, dem ich gern persönlich Grüße ausrichten lassen möchte.« Ich gestehe, ich war immer noch ziemlich verwirrt von den Phantasien, die ich um Prinzessin Sonnenlicht gesponnen hatte -und von der irrigen Meinung, ein lange bewahrtes Geheimnis, das sich um sie rankte, gelüftet zu haben. Doch gleichviel: ob sie nun wirklich so unvergleichlich schön war, wie ich sie in meiner Phantasie sah, oder nicht, sie war eine nie erlahmende Liebhaberin gewesen, und so war es mehr als ein Gebot der Höflichkeit, daß ich mich besonders von ihr verabschiedete. »Würdet Ihr der Dame ausrichten, daß ich sie von Herzen grüßen lasse, Hoheit?« wandte ich mich an die Shahryar Zahd. »Ich glaube nicht, daß Prinzessin Shams Eure Tochter ist, doch...«

»Wirklich«, sagte die Shahryar kichernd. »Meine Tochter - was Ihr Euch so alles ausdenkt! Ihr scherzt, junger Mirza Marco, auf daß der Abschiedsschmerz uns nicht überwältigt und wir alle lachen und guter Dinge sind. Ich bin sicher, Ihr seid Euch darüber im klaren, daß die Shahrpiryar die einzige persische Prinzessin namens Shams ist.«

Unsicher sagte ich: »Ich habe diesen Titel nie zuvor gehört.« Was mich verwirrte, war, daß Prinzessin Falter sich in die äußerste Ecke des Raums zurückgezogen hatte und ihr Gesicht in den Falten des chador barg; nur ihre grünen Augen waren zu sehen, und die leuchteten boshaft, während sie versuchte, ihr Lachen zu unterdrücken, welches so stark war, daß sie sich fast krümmte.

»Der Titel Shahrpiryar«, erklärte ihre Mutter, »bedeutet soviel wie Prinzessinnen-Mutter Shams, die altehrwürdige Stammutter von uns Prinzessinnen.« Sie vollführte eine weitausholende Geste. »Meine Mutter hier.«

Vor Ekel und Entsetzen mit Stummheit geschlagen, starrte ich die Shahrpiryar Shams an, die verrunzelte und verhutzelte, braunfleckige und hinfällige unsägliche alte Großmutter mit dem immer schütterer werdenden Haarwuchs. Und sie erwiderte mein Glotzen, daß mir die Augen förmlich aus dem Kopf fielen, mit einem wollüstigen, geilen Lächeln, bei dem sich ihre zahnlosen Kiefer entblößten. Gleichsam um sicherzustellen, daß ich auch wirklich erkannte, um wen es sich hier handelte, fuhr sie sich mit ihrer grauen Zungenspitze über die rissige Oberlippe.

Ich hätte auf der Stelle herumfahren und davonlaufen können, doch irgendwie drehte ich mich nur und folgte meinem Vater und meinem Onkel aus dem Raum hinaus, ohne daß mir die Sinne schwanden oder ich mich auf den alabasternen Boden erbrach. Unbestimmt nahm ich das lustige, lachende und spöttische Lebewohl wahr, das Falter hinter mir herrief, denn in meinem Inneren hörte ich andere spöttische Stimmen -hörte meine eigene alberne Frage: »Ist Eure Schwester viel jünger als Ihr?« sowie das eingebildete Gebot Allahs hinsichtlich der »göttlichen Schönheit der Prinzessin« und hörte die vom fardarbab aus dem von mir geschüttelten Sand gelesene Antwort: »Hütet Euch vor der Blutrünstigkeit der Schönheit!«

Nun, meine letzte Begegnung mit der Schönheit hatte mich kein Blut gekostet, und ich darf wohl behaupten, daß noch nie jemand an Ekel oder an Demütigung gestorben ist. Falls überhaupt, war die Erfahrung höchstens dazu angetan, daß mein Blut lange nicht zur Ruhe kam und ich auch hinterher immer noch einen roten Kopf hatte und mir der Schädel brummte. -Denn wann immer ich an jene Nächte im anderun des Palastes von Bahgdad zurückdachte, schoß mir das Blut zu Kopf, und ich errötete.

Der Wazir hoch zu Roß begleitete unsere kleine Kamel-karwan jenen isteq Ibal -also jene halbe Tagereise lang -, mit der die Perser der Sitte entsprechend scheidende Gäste ehren. Im Laufe dieses Vormittags äußerte Jamshid sich mehrere Male besorgt darüber, wie schlimm ich mit dem glasigen Blick und dem schlaff herabhängenden Kinn aussehe. Auch mein Vater und mein Onkel sowie der Sklave Nasenloch erkundigten sich mehr als einmal, ob der wogende Gang des Kamels mir nicht bekomme. Jeden fertigte ich mit einer ausweichenden Antwort ab. Schließlich konnte ich unmöglich zugeben, daß ich mich wie vor den Kopf geschlagen fühlte bei dem Bewußtsein, mich rund drei Wochen hindurch beseligt mit einer sabbernden Alten gepaart zu haben, die ohne weiteres meine Großmutter hätte sein können.

Aber ich war nun einmal jung, und folglich erholte ich mich bald wieder von dem Schlag. Nach einiger Zeit redete ich mir selbst ein, es sei weiter kein Schaden angerichtet -gelitten hätte höchstens mein Selbstbewußtsein -, und es stehe auch nicht zu erwarten, daß die Prinzessinnen plauderten und mich zum Gespött der Leute machten. Als Jamshid sich endgültig mit einem letzten salaam aleikum verabschiedete und sein Pferd wendete, um nach Baghdad zurückzukehren, hatte ich mich schon wieder soweit erholt, daß ich mich umsah und erkennen konnte, durch was für eine Landschaft wir hindurchritten. Wir befanden uns in einer Gegend und sollten das auch noch eine Weile bleiben, die aus angenehm begrünten Tälern bestand, welche sich zwischen blauen Bergen dahinzogen.

Das war gut, setzte es uns doch instand, uns an unsere Kamele zu gewöhnen, ehe wir den beschwerlichen Ritt durch die Wüste antreten mußten.

Ich möchte feststellen, daß es nicht schwerer ist, ein Kamel zu reiten als ein Pferd, jedenfalls, nachdem man sich erst einmal daran gewöhnt hat, daß man bei dem Wüstentier viel höher

über dem Boden thront. Kamele haben einen kurzen,

zockelnden Gang und einen überaus hochnäsigen

Gesichtsausdruck, genauso wie eine bestimmte Art von

 

Männern. An die abgehackte Gangart kann sich auch ein Anfänger ziemlich leicht gewöhnen; am leichtesten ist es, wenn man beide Beine zur selben Seite hinunterhängen läßt wie auf einem Damensattel und den Sattelknauf in die Kniekehle eines der Beine klemmt. Kamele tragen aber kein Zaumzeug mit Gebiß, wie Pferde, sondern einen Zügel, der mit einem Holzpflock verbunden ist, der lebenslang in der Nasenscheidewand des Tieres sitzt. Die gleichsam gerümpfte Nase verleiht dem Kamel das Aussehen eines hochmütigintelligenten Wesens, doch dieser Anschein trügt vollkommen. Man muß sich ständig darüber im klaren sein, daß Kamele zu den beschränktesten aller Tiere gehören. Ein kluges Pferd spielt dem Reiter vielleicht gern einen Streich, um ihn abzuwerfen oder zu verwirren. Zu so etwas wäre ein Kamel nie in der Lage; es besitzt aber auch nicht den gesunden Instinkt

aufzupassen, wo es hintritt, oder vermeidbaren Gefahren auszuweichen. Ein Kamelreiter muß stets auf der Hut sein und sein Reittier selbst um deutlich erkennbare Felsen oder Löcher im Boden herumführen, auf daß es nicht stürze und sich womöglich ein Bein breche.

Wie schon die ganze Strecke von Acre her, reisten wir immer noch durch Gebiete, die meinem Vater und meinem Onkel nicht minder neu waren als mir; denn auf ihren bisherigen Reisen durch Asien waren sie auf einer weit nördlicheren Route als dieser gen Osten gezogen und auch wieder auf dieser zurückgekehrt in den Westen. Deshalb überließen sie es, wenn auch widerwillig, dem Sklaven Nasenloch, die Richtung anzugeben, der behauptete, in seinem Wanderleben schon oft durch dieses Land gezogen zu sein. Und das muß stimmen, denn er führte uns durchaus zuversichtlich und hielt nicht zweifelnd inne an den vielen Weggabelungen, auf die wir stießen. Er schien immer ganz genau zu wissen, wie wir weiterzureiten hatten. So brachte er uns auch zum Sonnenuntergang dieses ersten Tages in eine passend gelegene karwansarai. Um Nasenloch für sein gutes Betragen zu belohnen, ließen wir ihn sein Lager nicht im Stall bei den Kamelen aufschlagen, sondern bezahlten dafür, daß er im Hauptgebäude essen und schlafen konnte.

Als wir an diesem Abend um das Speisetuch herum saßen, vertiefte mein Vater sich in die Papiere, die der Shah uns gegeben hatte, und sagte:

»Ich erinnere mich, daß du uns gesagt hast, du hättest schon viele andere Namen gehabt, Nasenloch. Jetzt geht aus diesen Dokumenten hervor, daß du einem jeden deiner bisherigen Herren unter einem anderen Namen gedient hast: Sindbad. Ali Baba, Ali-ad-Din. Alle diese Namen klingen hübscher als Nasenloch. Wie, möchtest du, daß wir dich rufen?«

»Mit keinem dieser Namen, wenn ich bitten darf, Herr. Sie alle gehören längst vergangenen Etappen meines bisherigen Lebens an. Der Name Sindbad zum Beispiel hat nur etwas mit dem Lande Sind zu tun, wo ich herstamme. Diesen Namen habe ich längst abgelegt.«

Ich sagte: »Die Shahryar Zahd hat uns die Abenteuer eines Mannes erzählt, der unter dem Namen Sindbad der Seefahrer durch die Welt gezogen ist. Ist es möglich, daß Ihr das gewesen seid?«

»Das muß jemand gewesen sein, der mir sehr ähnlich ist -denn der Mann war ganz offensichtlich ein Lügner.« Er gluckste vergnügt in sich hinein, als er so über sich selbst herzog. »Ihr Herren stammt aus der Seefahrer-Republik Venedig, müßt also wissen, daß kein Seemann sich selbst jemals als Seefahrer bezeichnen würde. Er ist unwandelbar Seemann oder Matrose -Seefahrer ist ein Ausdruck der Landratten, die keine Ahnung von der Seefahrt haben. Und wenn dieser Sindbad es nicht einmal geschafft hat, seinen Beinamen glaubwürdig klingen zu lassen, muß einem auch alles, was er sonst erzählt, verdächtig vorkommen.«

Mein Vater jedoch ließ nicht ganz locker: »Ich muß in dies Papier einen Namen eintragen, unter dem Ihr jetzt unser Eigentum seid...«

»Schreibt nur Nasenloch hin, gütiger Herr«, sagte er leichthin. »Diesen Namen führe ich nun bereits seit jenem unseligen Zwischenfall, der mir ihn eingetragen hat. Ob Ihr Herren es nun glaubt oder nicht, ich bin früher einmal ein ausnehmend hübsches und stattliches Mannsbild gewesen, ehe diese Verstümmelung mir mein ganzes Aussehen ruiniert hat.«

Dann erging er sich ausschweifend darüber, was für ein gutaussehender Mann er gewesen war, als er noch zwei Nasenlöcher gehabt hatte, und wie die in seine männliche Schönheit verliebten Frauen hinter ihm hergewesen seien. In seiner Jugend, als Sindbad, sagte er, habe er ein reizendes Mädchen dermaßen bestrickt, daß sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um ihn aus den Händen geflügelter und böser Inselbewohner zu retten. Später, als Ali Baba, sei er einer Diebesbande in die Hände gefallen, die ihn in einen Krug mit Sesamöl gesteckt habe; gewiß hätte man ihm den sprechenden Kopf vom mürbe gewordenen Hals gerissen, wäre ihm nicht ein anderes schönes Mädchen zu Hilfe geeilt, das gleichfalls seinem Zauber erlegen sei und ihn aus dem Krug und damit aus den Händen der Diebe befreit hätte. Als Ali-ad-Din habe er noch ein anderes reizendes Mädchen dazu gebracht, allen Mut zusammenzunehmen und ihn aus den Klauen eines afritizu befreien, der unter dem Befehl eines bösen Zauberers gestanden habe...

Nun, diese Geschichten waren genauso unglaubwürdig wie all die Märchen, die Shahryar Zahd uns erzählt -aber auch nicht unglaubwürdiger als seine Beteuerung, einst ein gutaussehender Mann gewesen zu sein. Kein Mensch hätte ihm das geglaubt. Hätte er auch die üblichen zwei Nasenlöcher gehabt oder deren gar drei - das hätte seiner Ähnlichkeit mit einem großschnäbligen, kinnlosen, kugelbäuchigen shuturmurq-Kamelvogel keinerlei Abbruch getan, die durch den Stoppelbart unter seinem Schnabel nur noch komischer wirkte. Nasenloch ging jedoch noch weiter und behauptete -was noch unglaubwürdiger klingt -, nicht nur ein schöner Mann sei er gewesen, sondern auch einer, der viele überaus beherzte und Mut erfordernde Heldentaten vollbracht hätte. Höflich lauschten wir ihm, wußten jedoch, daß seine ganze Aufschneiderei nichts war als »Rebranken ohne Trauben«, wie mein Vater es später ausdrückte.

Einige Tage später, als mein Onkel unser weiteres Vordringen gen Osten mit den Landkarten im Kitab des al-Idrisi verglich, verkündete er, wir seien an eine wahrhaft historische Stätte gelangt. Seinen Berechnungen zufolge müßten wir nahe jener im Alexanderbuch erwähnten Stelle sein, wo die Amazonenkönigin Thalestris dem Eroberer mit ihrem Heer von Kriegerinnen gegenübergetreten war, ihn zu begrüßen und ihm zu huldigen. Wir müßten uns auf Onkel Mafios Wort verlassen, denn es war weit und breit kein Monument zu sehen, dieses Zusammentreffen zu feiern.

In späteren Jahren bin ich oft gefragt worden, ob ich auf meinen Reisen jemals dem Volk der Amazonen begegnet sei. Doch das ist weder in Persien noch sonstwo der Fall gewesen. Später, im unmittelbaren Herrschaftsbereich der Mongolen, traf ich zwar viele Kriegerinnen, doch die waren sämtlich ihren Männern untergeordnet. Übrigens hat man mich auch oft gefragt, ob ich in jenen fernen Landen jemals dem Priester Johannes begegnet sei, oder dem Priester John oder Prete Zuäne, wie er in anderen Sprachen heißt; bei diesem verehrten und mächtigen Mann handelt es sich offensichtlich um eine in den Nebeln von Mythos und Fabel, Rätsel und Legende eingehüllte Gestalt.

Seit mehr als hundert Jahren gehen im Abendland Gerüchte über ihn um: er sei ein direkter Nachkomme eines der Heiligen Drei Könige, die als erste das Christuskind angebetet hätten, und folglich selbst ein frommer Christ von königlichem Geblüt, darüber hinaus aber auch noch reich und mächtig und weise. Als christlicher Monarch eines dem Vernehmen nach immens großen christlichen Reiches hat er die Phantasie der Abendländer immer wieder beschäftigt. Wenn man aber bedenkt, wie zerrissen das Abendland ist, aus wie vielen kleinen Nationen es besteht, die von vergleichsweise kleinen Königen und Herzögen und dergleichen beherrscht werden, die unablässig Krieg gegeneinander führen -und überdies auch noch einem Christentum angehören, das ständig neue kirchenspalterische und einander feindselig gesonnene Sekten hervorbringt -, ist es nur allzu natürlich, daß wir unseren Blick mit sehnsüchtiger Bewunderung jenen unglaublich großen Völkergemeinschaften zuwenden, die alle friedlich unter einem Herrscher und einem allerhöchsten Hohenpriester, die wiederum beide in ein und derselben herrscherlichen Persönlichkeit vereint sind.

Außerdem hat das Abendland immer dann, wenn es von heidnischen Wilden, die aus dem Osten herangebrandet kamen, bedrängt wurde - also von Hunnen, Tataren, Mongolen und den muslimischen Sarazenen -, inbrünstig gehofft und dafür gebet, daß der Prete Zuäne mit seinen Legionen christlicher Krieger im noch ferneren Osten hinter den Linien der Invasoren auftauchen möge, damit die Heere dieser Heiden zwischen seinen und unseren Streitkräften aufgerieben würden. Doch der Prete Zuäne ist nie aus seinen geheimnisumwitterten fernen Ländern im Osten aufgetaucht, um den christlichen Abendländern in den immer wiederkehrenden Zeiten der Not beizustehen oder jedenfalls einem handfest zu beweisen, daß es ihn wirklich gab. Gibt es ihn also, und wenn ja, wer ist er? Gebietet er wirklich über ein fernes christliches Reich, und wenn ja, wo liegt dieses?

Ich habe bereits in den früher erschienenen Berichten über meine Reisen Spekulationen darüber angestellt, daß es den Prete Zuäne in einem gewissen Sinne gegeben hat und vielleicht immer noch gibt -daß es sich jedoch bei ihm nie und nimmer um einen christlichen Potentaten handelt.

Früher, in der Zeit, da die Mongolen nichts weiter waren als ein Haufen nebeneinanderherlebender und schlecht organisierter Stämme, nannten sie jeden Stammeshäuptling einen Khan. Als die vielen Stämme unter dem furchtgebietenden Chinghiz zusammengefaßt und vereinigt wurden, wurde er zu dem einzigen Alleinherrscher des Ostens, der über ein Reich gebot, das dem glich, über das -so man den Gerüchten Glauben schenkt - besagter Prete Zuäne oder Prester John oder Priester Johannes gebieten sollte. Seit der Zeit des Chinghiz ist dieses Mongolen-Khanat in Teilen oder im Ganzen von verschiedenen seiner Nachkommen beherrscht worden, ehe sein Enkel Kubilai Khakhan wurde, dieses Reich noch weiter vergrößerte und mit noch festerer Hand zusammenfügte. Alle diese Mongolenherrscher von Chinghiz Zeiten an hatten verschiedene Namen, trugen aber alle ein und denselben Titel Khan oder Khakhan.

Nun fordere ich die Leser auf, einmal zu überlegen, wie leicht das gesprochene oder geschriebene Wort Khan oder Khakhan irrtümlich als Zuäne oder John oder Johannes verstanden oder geles en werden könnte. Einmal angenommen, irgendein längst verstorbener christlicher Reisender im Osten hat den Namen irrtümlich so verstanden. Es wäre doch nur allzu natürlich, wenn er dabei an den heiligen Apostel eben dieses Namens erinnert wurde - und wäre ja wohl weiter kein Wunder, wenn er hinterher glaubte, von einem Priester oder Bischof, der den Namen des Apostels trug, gehört zu haben. Er brauchte ja nur das falsch Gehörte mit der Wirklichkeit zu vermischen -dem Ausmaß, der Macht und dem Reichtum des Mongolen-Khanats -, um später, als er zurückkehrte ins Abendland, eifrig von einem Prete Zuäne zu berichten, den es zwar nur in seiner Phantasie gab, der aber über ein imaginäres christliches Reich gebieten sollte.

Nun, wenn ich recht habe, waren die Khane wohl für die Legendenbildung verantwortlich, ohne dazu von sich aus beigetragen zu haben; nur sind sie selbstverständlich keine Christen. Auch haben sie nie jene legendenumwobenen Dinge besessen, deren Besitz dem Prete Zuäne zugeschrieben wurde: den Zauberspiegel, in dem er ferne Machenschaften seiner Feinde erblickt, die Zaubermittel, mit deren Hilfe er jedes menschliche Gebrechen heilen kann, sowie seine menschenverschlingenden Krieger, die unbesiegbar sind, weil sie nur von überwältigten Feinden leben -und all die anderen Wunderdinge, die so sehr an die Märchen der Shahryar Zahd gemahnen.

Was nicht heißt, im Osten gäbe es überhaupt keine Christen. Die gibt es nämlich, und zwar viele, Einzelindividuen und Gruppen, ja ganze Christengemeinden, die sich überall finden, von der mittelmeerischen Levante bis zu den fernsten Gestaden Kithais, und diese Christen findet man unter allen Hautfarben, von Weiß bis zu Rauchfarben, Braun und Schwarz. Unseligerweise handelt es sich durch die Bank um Angehörige der östlichen Kirche, das heißt, um Anhänger der Lehren des schismatischen Abtes Nestorius, sind also für uns Gläubige der römischen Kirche Ketzer. Denn die Nestorianer leugnen, daß die Jungfrau Maria den Titel Muttergottes trage, gestatten nicht, daß das Kruzifix in ihren Kirchen hängt, und verehren den von uns verabscheuten Nestorius als Heiligen. Außerdem geben sie sich zahllosen anderen Häresien hin. Ihre Priester leben nicht im Zölibat, viele von ihnen sind verheiratet, und alle hängen sie der Praxis der Simonie an, denn sie spenden die Sakramente nur gegen Bezahlung von Geld. Das einzige, was die Nestorianer mit uns echten Christen verbindet, ist die Tatsache, daß sie denselben Herrgott anbeten und Christus als Seinen Sohn anerkennen.

Das zumindest ließ sie mir, meinem Vater und meinem Onkel verwandter erscheinen als die zahlenmäßig weit überlegenen Verehrer Allahs oder Buddhas oder noch unbekannterer Gottheiten. Infolgedessen bemühten wir uns -auch wenn wir ihre Lehren nicht anerkannten -, keine übergroße Abscheu vor den Nestorianern zu nähren, die uns für gewöhnlich sehr gastfreundlich und hilfreich begegneten.

Sollte es den Prete Zuäne aber in Wirklichkeit doch geben und nicht nur in der Phantasie der Abendländer -und wäre er, wie das Gerücht es will, ein Abkömmling der Heiligen Drei Könige -, hätten wir ihm begegnen müssen, als wir Persien durchquerten, denn dort haben die Heiligen Drei Könige gelebt, und von Persien aus sind sie dem Stern von Bethlehem bis an die Krippe gefolgt. Allerdings würde das bedeuten, daß der Prete Zuäne Nestorianer gewesen wäre, denn nur solche gibt es in diesen Landen. Und tatsächlich haben wir unter den Persern auch einen Christen dieses Namens gefunden, doch der kann unmöglich der Prete Zuäne der Legende gewesen sein. Der Mann hieß Vizan, was die persische Lesart jenes Namens ist, der woanders Zuäne, Giovanni, Johannes oder John lautet. Vizan gehörte von Geburt der persischen Königsfamilie an war also als Shahzade oder Prinz zur Welt gekommen -, hatte aber in seiner Jugend den Glauben der östlichen Kirche angenommen, was bedeutete, daß er nicht nur dem Islam entsagte, sondern auch seines Titels und seines Erbes, des ihm zustehenden Reichtums und der Privilegien ebenso verlustig ging wie des Rechts, in der Thronfolge des Shahs zu stehen. All dem hatte er entsagt, um sich einem Stamm nestorianischer bedawin anzuschließen. Inzwischen ein uralter Mann, war er der Älteste und Anführer sowie anerkannter Priester dieses Stamms geworden. Wir stellten fest, daß es sich bei ihm um einen guten und weisen Mann handelte. Was das betrifft, entsprach er durchaus dem, was man sich unter dem legendären Prete Zuäne vorstellt. Nur über ein ausgedehntes, reiches und volkreiches Gebiet herrschte er nicht, sondern nur über einen ziemlich abgerissenen Sta mm einiger zwanzig verarmter und landloser Schafhirtenfamilien.

Diesen Schafhirten begegneten wir eines Nachts, als wir keine karwansarai in der Nähe fanden. Die Leute luden uns ein, ihr Lager zu teilen, das sie in der Mitte ihrer Herde aufgeschlagen hatten, und so verbrachten wir den Abend in Gesellschaft ihres Priesters Vizan.

Während er und wir an einem kleinen Feuer lagerten und unser schlichtes Mahl einnahmen, verwickelten mein Vater und Onkel ihn in ein theologisches Streitgespräch und brachten es gekonnt fertig, viele der von dem alten bedawin am meisten geliebten ketzerischen Lehren als unhaltbar hinzustellen und zu erschüttern. Ihm jedoch schien das überhaupt nichts auszumachen, und er schien auch nicht willens, die Fetzen, die von seinem Glauben übriggeblieben waren, ganz von sich zu tun. Statt dessen wandte er sich in der Unterhaltung fröhlich dem Hof von Baghdad zu, an dem wir vor kurzem als Gast geweilt hatten, und fragte uns nach allen, die dort lebten und selbstverständlich seine königlichen Verwandten waren. Wir berichteten ihm, daß es ihnen gutgehe, daß sie blühten und gediehen, wiewohl sie verständlicherweise unter der Oberherrschaft des Khanats litten. Der alte Vizan schien erfreut über diese Neuigkeiten, und diese Freude schien auch nicht im geringsten beeinträchtigt durch irgendwelche nostalgischen Sehnsüchte nach dem Leben in höfischer Pracht, das er vor so langer Zeit aufgegeben hatte. Erst als Onkel Mafio zufällig die Shahrpiryar Shams erwähnte -wobei ich innerlich zusammenzuckte -, stieß der alte Schafhirten-Bischof einen Seufzer aus, den man als Zeichen von Bedauern hätte auslegen können.

»Dann lebt die Prinzessinnen-Mutter immer noch?« sagte er. »Nun, dann muß sie fast achtzig Jahre alt sein, genauso wie ich.« Und ich zuckte abermals zusammen.

Er schwieg eine Weile, nahm dann einen Stecken zur Hand, stocherte im Feuer herum und starrte gedankenverloren in die Glut. Dann sagte er: »Zweifellos sieht man es der Shahrpiryar Shams heute nicht mehr an -doch auch wenn Ihr guten Brüder mir vielleicht nicht mehr glaubt, diese Prinzessin Sonnenlicht war in ihrer Jugend die schönste Frau von ganz Persien, vielleicht die allerschönste Frau aller Zeiten.«

Mein Vater und mein Onkel murmelten irgend etwas Unverbindliches, und ich mußte immer noch mit der lebhaften Erinnerung an die völlig verrunzelte und verlebte alte Vettel kämpfen.

»Ach, als sie und ich und die Welt noch jung waren«, sagte der alte Vizan verträumt. »Ich war damals noch Shahzade von Täbris, und sie war die Shahzrad, älteste Tochter des Shahs von Kirman. Berichte über ihre Schönheit ließen mich von Täbris aus hineilen, genauso wie zahllose andere Prinzen selbst aus dem fernen Sabaea und Kashmir, und nicht einer war enttäuscht, wenn er sie sah.«

Leise stieß ich ein spöttisch-unhöfliches Geräusch aus, das Ungläubigkeit verriet, doch war es nicht laut genug, daß er es hätte hören können.

»Ich könnte Euch von den strahlenden Augen, den Rosenlippen und der biegsamen Anmut des Mädchens erzählen, doch damit könntet Ihr Euch immer noch keine Vorstellung von ihr machen. Denn ach, allein einen Blick auf sie zu werfen, konnte einen Mann entflammen lassen und ihn doch gleichzeitig erfrischen. Sie war wie -wie ein Kleeanger, der von der Sonne erwärmt war und über den dann ein sanfter Regen herniedergegangen ist. Jawohl. Denn das ist das Wohlduftendste, das Gott auf dieser Erde geschaffen hat, und jedesmal, wenn ich diesen Duft in die Nase bekomme, muß ich an die junge und wunderschöne Prinzessin Shams denken.«

Eine Frau mit Klee zu vergleichen! Typisch für den bäurischen und phantasielosen Schafhirten, dachte ich. Gewiß hatte das Denkvermögen des Alten darunter gelitten und war abgestumpft unter den vielen Jahrzehnten, da er mit nichts anderem denn fettigen Schafen und womöglich noch fettigeren Nestorianern Umgang gehabt hatte.

»Es gab keinen Mann in ganz Persien, der nicht riskiert hätte, mit einer Tracht Prügel von den Palastwachen in Kirman vertrieben zu werden, bloß um sich heranzuschleichen und einen flüchtigen Blick auf Prinzessin Sonnenlicht werfen zu können, die sich in den Palastgärten erging. Sein Leben hätte ein Mann gegeben, um sie ohne chador-Schleier sehen zu dürfen. Und in der unbestimmten Hoffnung, ein Lächeln von ihr geschenkt zu bekommen, hätte ein Mann gewiß seine unsterbliche Seele gegeben. Weitere Vertraulichkeiten -ach, unmöglich, daran auch nur zu denken! Selbst für die vielen, vielen Prinzen von königlichem Geblüt, die sich bereits unsterblich in sie verliebt hatten.«

Fassungslos und ungläubig starrte ich Vizan an. Das alte Weibsbild, mit dem ich so viele Nächte nackt verbracht -ein unerreichbarer Traum? Unmöglich! Lächerlich!

»Es gab so viele Freier, und alle verzehrten sie sich in Sehnsucht nach ihr, daß die zartbesaitete Shams es nicht fertigbrachte, einen aus ihrer Schar zu erwählen; sie konnte es einfach nicht, aber vielleicht wollte sie es auch nicht. Und auch der Shah, ihr Vater, wollte lange Zeit hindurch nicht die Wahl für sie treffen. Dabei wurde er von so vielen bedrängt, beschworen, und ein jeder überhäufte ihn mit noch kostbareren Geschenken als sein Vorgänger. Diese Werbung ging jahrelang weiter, und Shams war immer noch unvermählt. Dabei wurde sie immer rosenhaft schöner, in ihrer Anmut immer weidenhaft biegsamer und ihr Duft immer betörender wie der von Klee, der in der Blüte steht.«

Ich saß immer noch da und starrte ihn an, doch jetzt wich meine Skepsis nachgerade Fassungslosigkeit. All dies war die Frau gewesen, die mich geliebt hatte? Für diesen Mann so überaus begehrenswert und für andere Männer in jener längstvergangenen Zeit desgleichen? Von so köstlicher Erinnerungswürdigkeit, daß sie immer noch unvergessen war, zumindest von diesem Mann, wenn dieser sich jetzt auch dem Ende seines Lebens näherte?

Onkel Mafio wollte sprechen, hüstelte erst, räusperte sich dann und sagte: »Und was kam bei der Werbung der vielen Freier schließlich heraus?«

»Oh, die fand schließlich in der Tat ein Ende. Ihr Vater, der Shah, wählte schließlich -mit ihrer Billigung, wie ich annehme den Shahzade von Shiraz für sie aus. Er und Shams wurden

vermählt, und das gesamte Persische Reich -bis auf die

zurückgewiesenen Freier - feierten freudig. Nur -lange Zeit war

der Verbindung keine Nachkommenschaft beschert. Ich habe

den starken Verdacht, daß der Bräutigam von seinem Glück

und der reinen Schönheit seiner Frau dermaßen überwältigt

war, daß es ziemlich lange dauerte, ehe er imstande war, die