Die erste Woche verging rasend schnell und alle lebten sich gut ein. Das Wetter blieb unverändert schön, sodass die Mädchen und Jungen den ganzen Tag am Meer verbringen konnten. Die Reitstunden fanden am frühen Morgen und späten Abend statt, und die einzige unliebsame Unterbrechung dazwischen war der theoretische Unterricht bei Frau Jung. Ihre Schüler stöhnten über ihre rigorose Art, ihnen alles Wissenswerte über Pferde beizubringen. Angie konnte sich gut vorstellen, wie sie früher als Gutsherrin über ihr Land geritten war und mit scharfer Stimme Befehle erteilt hatte. Sie fand die strenge, offenbar verbitterte Frau äußerst unsympathisch.
Kathrin hatte noch immer Schwierigkeiten mit dem morgendlichen Aufstehen. Erst wenn Angie ihr mit einem nassen Waschlappen drohte, kam sie auf die Beine. Sie schimpfte unentwegt auf Simone, aber gleichzeitig enthüllte sie ihre geheime Bewunderung für die Reitlehrerin dadurch, dass sie sie hemmungslos nachahmte. Sie hatte Herrn Stern dazu überredet, dass er sie mitnahm, als er einmal in die Stadt fuhr, und als sie zurückkehrte, hatte sie sich zwei schwarze Kleider, wie Simone sie mit Vorliebe trug, gekauft, dazu hellen Lippenstift und zehn hauchfeine Silberarmreifen. Alle staunten.
»Das muss ja ein Vermögen gekostet haben«, sagte Diane. »Du bist schön verrückt, Kathrin!«
»Wieso verrückt? Ich habe eben Geld. Geld spielt bei uns gar keine Rolle, wisst ihr. Und erst heute früh hat mein Vater mir ein paar schöne neue Scheine geschickt.«
»Ach, wie nett«, sagte Diane. »Dann könntest du mir ja auch endlich einmal das Geld wiedergeben, das ich dir für deine Fahrkarte ausgelegt habe.«
»Das hat keine Eile, mein Schatz, oder?«, fragte Kathrin, die gerade vor dem Spiegel stand und versuchte, ihre dunklen Haare auf die gleiche schwungvolle Art zu frisieren wie Simone. »Im Moment bin ich pleite, aber Papi schickt bald wieder etwas.«
»Hoffentlich tut Papi das«, warf Angie ein. »Weißt du, für uns Bettelkinder spielt Geld schon eine Rolle.«
Kathrin lächelte herablassend und wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu.
Für das übernächste Wochenende war ein kleines Turnier geplant, und die Erlaubnis zur Teilnahme hing von den Leistungen in der Reitstunde ab. Daher gaben sich jetzt alle große Mühe, denn es war nicht leicht, Simone zufriedenzustellen. Die junge Reitlehrerin wirkte fast immer abgespannt und nervös und explodierte bei jeder Kleinigkeit. Sie bekam beinahe einen Wutanfall, als Kathrin sie eines Tages fragte, ob sie nicht statt auf Bessy auf Farino bei dem Turnier starten dürfe.
»Das Schlimmste an dir ist deine ewige, maßlose Selbstüberschätzung!«, rief sie. »Ich kann dir nur sagen, deine Reitkünste sind mehr als kläglich, und eigentlich dürfte man Leute wie dich überhaupt keinem Pferd zumuten!«
Kathrin brach in Tränen aus. Die anderen Kinder schwiegen betroffen. Kathrin war zwar eine Ziege, aber so hart hätte Simone sie nicht anzufahren brauchen. Sie schien heute besonders schlechter Laune zu sein. Keiner entkam ihrer scharfen Zunge. Diane mühte sich redlich mit der kleinen Jane ab, ohne dafür ein Lobeswort zu erhalten, und Pat ritt mit Fairytale drei Mal den Parcours in der falschen Reihenfolge, woraufhin Simone ihr wütend erklärte, heute bräuchte sie sich hier überhaupt nicht mehr blicken zu lassen. Natürlich kümmerte das Pat nicht im Mindesten. Sie pfiff fröhlich vor sich hin und lachte über die bedrückten Mienen der anderen.
»Nehmt es nicht so tragisch«, sagte sie. »Bis morgen hat sich die gute Simone wieder beruhigt.«
»Ich weiß, dass es Farino heute nicht besonders gut ging«, meinte Angie bedrückt. »Aber das war nicht nur meine Schuld. Die Pferde leiden auch unter der Hitze.«
»Klar«, sagte Pat fröhlich, »und das weiß Simone auch. Lass sie doch spinnen.«
Tom kam heran, seine Badehose schwenkend. »He, was macht ihr denn für Gesichter?« Er stieß Diane freundschaftlich an. »Hat die liebe Simone mal wieder ihre schlechte Laune an euch ausgelassen? Denkt nicht darüber nach. Chris ist schon unterwegs zum Strand. Wir wollen schwimmen. Kommt ihr mit?«
Zu aller Erstaunen lehnte Pat ab. »Geht nur ohne mich«, sagte sie. »Ich mache lieber noch einen Spaziergang.«
»Rede keinen Unsinn. Du kommst mit uns«, sagte Angie, aber das half nichts. Pat hatte einen ebenso eigensinnigen und verschlossenen Gesichtsausdruck wie an ihrem ersten Tag in der Pferdeburg. Die Freunde mussten ohne sie losziehen.
»Jede Wette«, sagte Tom. »Sie hat irgendetwas vor!«
Natürlich hatte Pat etwas vor. Seit Tagen schon hatte sie immer wieder nach dem Hund gefragt, von dem Chris und Tom erzählt hatten. Heute hatte sie nun beschlossen, dass endlich etwas geschehen müsste. Am Morgen hatte sie sich bei Benny beiläufig erkundigt, wo denn der Krähenhof liege. Die anderen weihte sie nicht ein in ihre Pläne. Sie waren zwar ihre Freunde, aber viel zu vorsichtig und überlegt. Besonders Tom. Nein, sie musste auf eigene Faust handeln.
Sie sattelte Fairytale, schaute sich vorsichtig um, aber es war kein Erwachsener in der Nähe. Sie wusste, dass sie nicht allein ausreiten durfte, aber sie fand, dass das Leben keinen Spaß machte, wenn man es damit verbrachte, sich an Vorschriften zu halten. Unbekümmert trabten sie und Fairytale daher die Auffahrt hinunter.
Selbst im Sonnenlicht sah der Krähenhof düster und bedrohlich aus. Vor einigen Fenstern des Hauses waren die Läden geschlossen, im Hof stapelten sich alte Autoreifen. Keine Menschenseele ließ sich blicken.
Pat stieg in einiger Entfernung von ihrem Pferd ab. Das letzte Stück musste sie zu Fuß gehen, sonst fiele sie zu sehr auf. Fairytale blieb geduldig stehen und fing an zu grasen, während ihre Herrin auf das Haus zulief. Sie hatte zwar keine Angst, aber ein bisschen unheimlich war ihr doch zumute. Vorsichtig schlich sie an der Hauswand entlang. Als sie um die Ecke in einen verwilderten Hintergarten spähte, sah sie den Hund. Diesmal hatten sie ihn an einen Baum gebunden, mit einer jämmerlich kurzen Leine, die dem Tier nicht einmal erlaubte, bis an seine rostige, mit schalem Wasser gefüllte Futterschüssel zu gelangen. Der Hund, das sah Pat gleich, war noch jung, aber er würde einmal sehr groß und kräftig werden. In ihm mischten sich ein Collie und ein Bernhardiner zu einem grauen, zotteligen Geschöpf mit braunen, weißen und schwarzen Flecken.
Pat legte beschwörend den Finger auf den Mund. »Psst«, machte sie. Der Hund betrachtete sie aufmerksam. Er gab keinen Laut von sich. Das Mädchen blickte sich um. Gerade wollte sie in den Garten huschen, da vernahm sie über sich Stimmen. Sie blickte hoch. Sie stand direkt unter einem Fenster im ersten Stock, das weit geöffnet war. Soeben musste jemand das dahinterliegende Zimmer betreten haben, denn eine Tür wurde nachdrücklich geschlossen.
»War sie schon hier?«, fragte ein Mann.
Ein anderer, der dem Klang der Stimme nach jünger war, entgegnete: »Nein. Aber sie muss jeden Moment kommen.«
»Ich kann es nicht leiden, dass sie immer so unpünktlich ist«, knurrte der erste. »Die Sache muss ganz genau geplant werden.«
»Es ist noch lange bis zum Abend. Und dann noch ein paar Stunden bis Mitternacht.«
»Trotzdem. Sag ihr, wenn sie sich nicht an unsere Vereinbarungen hält, verzichten wir in Zukunft auf sie.«
»Aber Vater ...«
Schritte näherten sich dem Fenster. Pat duckte sich unwillkürlich tiefer. Mit lautem Klirren wurde das Fenster geschlossen. Nun drang kein Laut mehr nach draußen. Pat runzelte die Stirn. Ein wenig seltsam kam ihr diese Unterhaltung schon vor. Aber das sollte jetzt nicht ihre Sorge sein. Solange die beiden dort oben in ihr Gespräch vertieft waren, konnte sie schnell den Hund befreien. Sie tat einen Schritt nach vorn, da stieß sie zu ihrem Schrecken mit einer anderen Person zusammen, die, genau wie sie, vorsichtig an der Hauswand entlanggeschlichen kam. Ein paar blassgraue Augen blickten sie entsetzt an.
»Frau Jung«, sagte Pat voller Staunen.
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