5
In einem rechteckigen Raum mit rechteckigem Fenster, vor dem ein hellblaues Rollo mit weißen Möwen hing, lag ein Mann in einem weißen Doppelbett mit Handgriffen im Bauernstil. Er hatte die Hand auf die Brust gelegt und fragte sich, ob der zentimetergroße Punkt genau über dem Herzen weniger schmerzen würde, wenn er einen dünnen Brieföffner nähme und ihn sich zwischen die Rippen steckte, genau mitten in den Schmerz. Vielleicht würde es wie eine Art Akupunktur funktionieren, wenn das Blut herausströmte und hälfe, den Schmerz von der befallenen Stelle wegzutransportieren? Das Herz. Immer das Herz. Er hoffte beinahe, dass es sich um einen Infarkt handelte. Strahlte es nicht einen Hauch in den linken Arm hinein? Konnte er wirklich richtig atmen? War ihm nicht ein wenig schwindlig? Könnte er nicht einfach einen Krankenwagen rufen, um danach weggebracht, betäubt, versorgt zu werden, lebendig oder tot? Er hasste die Sonntage. Einsame Stunden, deren Sekunden durch seinen bereits viel zu schweren Körper tickten. Es war nicht weiter verwunderlich, dass sie nicht hatte bleiben wollen – Marianne. Momentan schaffte er es ja nicht einmal selbst, sich im Spiegel anzusehen. Der bleiche Schmerbauch, das Doppelkinn, das lichte Haar, die Ringe unter den Augen. Zum Teufel, womöglich war sogar sein Pimmel eingeschrumpft.
Der Augenblick auf dem Parkplatz machte ihm schwer zu schaffen. Ein einziger Mensch betrachtete ihn derzeit mit Respekt, und nun war auch das zerstört.
Warum musste sie, die Kleine, ihn unbedingt sehen? Als er aus dem Auto gestiegen war, hatte er gedacht, dass sie direkt durch seine Wildlederjacke hindurchsehen könnte, all seine Unzulänglichkeiten und Misserfolge, seine vollständige Demontage als Mann erkannt hätte. Da war sie gekommen, schön und stark, naiv und klug, suchte seine Unterstützung, und dann hatte sich gezeigt, dass er bloß die eklige und verlogene Hülle eines alten Journalisten war, nach Alkohol stinkend und von allen verlassen.
Langsam drehte er sich auf die Seite und sah das Erbrochene neben dem Bett. Widerlich. Konnte er noch tiefer sinken? Was würde wohl geschehen, wenn er ganz einfach nicht mehr aufstünde? Allerdings musste er furchtbar dringend pinkeln. Das war der Nachteil an Bier …
Mühsam setzte er sich auf und stellte fest, dass seine Blase in der sitzenden Position noch stärker zusammengedrückt wurde. Er musste auf die Toilette. Auf seiner schwerfälligen Exkursion ins Badezimmer, riss er im Vorbeigehen die Zeitung an sich, die im Briefschlitz an der Wohnungstür steckte. Gestern hatte er es nicht einmal geschafft, so lange zu bleiben, bis die letzte Seite fertig war. Nicht gut. Nicht, dass das irgendwann irgendeine Rolle gespielt hätte, doch es war eine Grundregel, an die er sich immer strikt gehalten hatte. Jetzt hatte er sogar in der Beziehung kapituliert.
Er hob den Klodeckel an, setzte sich und ließ es plätschern. Die einzige Form von Genuss, die er sich derzeit verschaffen konnte. Er schaute durch die wohlbekannten Zeitungsseiten. Alles sah aus wie beabsichtigt. Er entspannte sich, atmete aus und wartete auf die letzten Tropfen, während er zu den Seiten elf und zwölf umblätterte.
Das Bild von Frida ließ ihn zusammenzucken. Er hatte doch keine Verfasserzeile angeordnet? Oder etwa doch? War es schon so schlimm, dass er es vergessen hatte? Aufmerksam betrachtete er das Foto, sah ihr helles Haar und ihre auffallend geschminkten Augen. Frida Fors stand darunter. Die Überschrift der Kolumne, die er sich ebenfalls nicht erinnern konnte, gelesen zu haben, stach hervor. »Ist alles zu spät?«, lautete sie. Er las die ersten Sätze: »Bruseryd ist der Ort, der sich entschieden hat, einen stillen Tod zu sterben …«
Er fokussierte seinen Blick auf den weiteren Text und wusste plötzlich wieder, worum es ging. »Bruseryd von der Karte verschwunden«. Ja, das stimmte. Aber wo war die Umfrage gelandet? »Ortschaft wird ausradiert – niemand schert sich darum.« Er las die letzte Zeile noch mal: »niemand schert sich darum.« Was zur Hölle war da passiert? Wer hatte die Seite redigiert? Annika, natürlich. Wie hatte er sie bloß mit einer halb fertigen Seite zurücklassen können? Die Frau war doch völlig labil. Wie hatte sie bloß solch eine Überschrift setzen können? Hatte sie einen totalen Blackout gehabt? Eine nach der anderen überprüfte er die Bildunterschriften und überlegte, was er sagen sollte, wenn er sie anrief. Allerdings ging ihm langsam auf, dass der Artikel durchaus fundiert war. Ungefähr so hatten sich die Leute geäußert. Niemand schäumte, niemand regte sich auf, niemand kümmerte sich darum. Der Text und die Überschriften gaben den Inhalt lediglich in einer überspitzten Form wieder. Klassischer Journalismus eben. Wie das wohl aufgenommen wurde?
Frida wachte schweißgebadet auf. Es war kalt im Zimmer, wie konnte ihr dann zu warm sein? Sie hob die Decke an und stellte fest, dass sie angezogen war. Dicker Pullover, Schlabberhose und Strümpfe. Sie drehte sich zur Seite und warf einen Blick auf das Sofa. Er war doch wohl nicht mehr hier? Nein, nein, sie hatte Kalle ja gestern Abend noch nach Hause gefahren. Das Januarlicht sickerte unter dem Rollo hervor und breitete sich über den fadenscheinigen Knüpfteppich und dann weiter bis über den grauen Kunststoffbelag aus. Draußen vor dem Fenster sah sie einen Meisenball. War der da schon vorher gewesen? Ein Fink klammerte sich mit den Krallen im Netz fest und pickte die nährstoffreichen Samen und Fettstückchen heraus. Wie er sich abrackerte. Unverdrossen. Als ob jeder kleine Happen der allerletzte sein könnte.
Plötzlich fiel es ihr ein. Agnes war heute Nacht hier oben bei ihr gewesen. Sie hatte geträumt, und Agnes hatte sie schreien hören und war heraufgekommen, hatte sie getröstet, sie wie ein kleines Kind in den Armen gehalten und ihr über das Haar gestrichen, bis der nächtliche Traum seine Macht verlor.
Frida schloss die Augen, und der Traum wurde wieder sichtbar: Sie ist auf einem großen Fest. Es sind große Säle mit hohen Decken, Kerzen brennen in Kristallständern. Alle sind festlich gekleidet, Kanapees und Champagner werden gereicht. Peter ist da. Er ist hübsch und unterhält sich intensiv mit Cilla und Janne Ahlsén. Sie flüstern und lachen, als wären sie Mitglieder in einem geheimen Club und amüsierten sich besser als alle anderen. Die hässliche Ann-Louise ist auch da. Sogar sie sieht in ihrem schimmernden langen Kleid elegant aus. Frida will zu ihnen gehen, ist auf dem Weg, entdeckt jedoch, dass sie nur ein Schlaf-T-Shirt und eine Unterhose trägt. Sie hat fettiges Haar und unrasierte Beine, keine Schuhe. So kann sie sich nicht sehen lassen. Sie schleicht sich ganz tief in den Saal hinein, ganz weit, wo nicht alles erleuchtet ist. Aus dem dunkeln Teil des Raums hört sie Schluchzer. Unter einem Brokatsofa aus dem 18. Jahrhundert, auf dem Boden ausgestreckt, liegt Mona. Sie hat die Arme dicht an den Körper gezogen, wirft den Kopf von einer Seite zur anderen und wimmert: Frida, du musst etwas tun. Er darf mich nicht verlassen. Wenn er mich verlässt, will ich nicht mehr leben. Wenn du mir nicht hilfst, bist auch du schuld. Aber Frida kann nicht helfen, will nicht. Sie will sich verdrücken und schleicht sich ans Fenster. Obwohl die Sonne scheint, ist es draußen kohlrabenschwarz. Sie sieht, wie Carsten die Tür eines Taxis öffnet. Plötzlich ist er nicht mehr ihr Vater, er ist zu Carsten geworden, einer anderen Person, die wichtigere Dinge zu tun hat, als Papa zu sein. Er schaut zum Fenster herauf und winkt Frida zu. Sie muss ihm zu verstehen geben, dass nur er ihre Kleider holen kann. Mama kann nicht, sie ist nur mit sich selbst beschäftigt. Nur Papa kann es, aber er will Carsten sein und nicht ihr Vater. Er kann nicht wegfahren, ohne ihr erst zu helfen, damit sie sich unter die anderen Leute mischen kann. Bloß eine Gardine oder ein Stofffetzen, egal was, nur irgendetwas, um sich zu bedecken. Sie ruft zum Fenster hinaus, doch er lacht nur und winkt ihr zu. Sie kann nicht glauben, dass er es macht, doch ohne zu zögern klettert er ins Taxi, schließt die Tür und verschwindet. Frida hat Angst, dass jemand sie hat rufen hören. Falls jemand kommt, muss sie sich verstecken. Niemand darf sie hier so sehen. Mit nackten Füßen läuft sie an der Wand entlang. In einem Flur zwischen den Sälen ist es jetzt leer. Frida späht umher. An einer Wand steht ein anderes Sofa. Es ist blau. Sie blickt sich um, läuft schnell dorthin, geht auf die Knie und kriecht schnell unter den Sitz. Jetzt kann sie niemand sehen. Der Fußboden ist kalt, und hart, aber sie ist unsichtbar. Sie sieht ein Paar große Schuhe auf dem Boden. Sie hört, wie sich ein schwerer Körper hinsetzt, dann lang ausstreckt, und sie sieht, wie sich das Sofa plötzlich nach unten krümmt. Sie wird eingequetscht werden. Sie hört eine Männerstimme sich räuspern und dann in Smålands-Dialekt sagen: Ich weiß, dass du da bist. Gefällt es dir?
In diesem Moment war Frida von Agnes’ Händen wach geworden, die ihr über das Haar strichen. Dankbar für die warmen Hände, hatte sich Frida von ihr trösten und halten lassen. Erst nach einigen Minuten hatte sie um Entschuldigung gebeten, dass Agnes von ihrem Traum aufgewacht war.
»Was hab ich geschrien?«, fragte sie.
»Papa«, sagte Agnes. »Nur Papa. Ganz herzzerreißend …«
Nach einer Weile war Agnes aufgestanden, hatte Tee gekocht und Frida ein Butterbrot gemacht. Während Frida auf dem Sofa gesessen und sich langsam erholt hatte, hatte Agnes das Fenster geöffnet und, obwohl es dunkel war, den Meisenball aufgehängt. Danach hatte sie das schlaff herunterhängende Usambaraveilchen gegossen und war hinunter in ihre Wohnung gegangen.
Frida stand auf, schaltete die Kaffeemaschine ein und holte die Zeitung. Schnell blätterte sie zu ihren Seiten vor. Wie groß alles geworden war. Eine ganze Doppelseite. Und ein Bild von ihr. Das Foto von Eiwor war wirklich grässlich, doch dafür, dass alles so schnell zusammengeschustert worden war, sah es ganz gut aus. Die Überschrift war zugespitzt, das war offensichtlich. Wie augenscheinlich alles, wenn man die Aussagen der Befragten auf ihre Essenz herunterkochte. Aber das war ja schließlich kein Fehler. Frida hoffte, dass sich niemand ärgerte, schließlich war jeder Einzelne ganz korrekt zitiert. Sie las sich alle Texte noch einmal durch. Die Kolumne gefiel ihr am besten. Jetzt müsste Harriet doch wohl zufrieden sein. Frida hatte wirklich alles getan, um den Ort auf die Karte zu setzen.
Sie überprüfte ihr Handy. Zwei SMS. Eine von Peter um 04.32 Uhr. Von Peter! Also dachte er an sie! Frida fummelte an den Tasten herum, um die Nachricht zu öffnen: »Stockholm kann ganz schön langweilig sein. Es ist kalt unter meiner Decke. Falls dich deine Wege hierherführen, schau doch mal vorbei. Dann erwecke ich dich wieder zum Leben. Peter.« Fridas Denkapparat kam abrupt in Gang. Sie sah ihn vor sich in einem großen Bett, kalt und einsam. Das war doch wohl eine Einladung, oder? Er wollte, dass sie zu ihm kam. Vielleicht hatte er sich geändert und eingesehen, wie viel sie ihm bedeutete. Oder war das bloß so eine SMS, die man schrieb, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft waren? Jetzt kroch er wieder in sie hinein und füllte ihren Körper mit der Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Bestätigung. Aber hatte sie die eigentlich je bekommen? Hatte er nicht die ganze Zeit versucht, sie ein bisschen auf Distanz zu halten? Verdammt! Gerade jetzt, wo es ihr gelungen war, ihn aus ihren Gedanken zu verdrängen. Aber immerhin, eine SMS. Die zweite Nachricht war von dem Mädchen aus dem Zug: »Wir sind in Västerås. Nach Weihnachten haben die Leute kein Geld, die Geschäfte gehen also schlecht. Wir wohnen beengt. Mama ist krank. Morgen habe ich Geburtstag. Dann wird Zana mich schminken. Geht’s dir gut? Bitte schreib zurück. Liebe Grüße, Aliana.«
Agnes hatte Rock und Bluse gegen lange Hosen und Strickjacke getauscht. Sogar Joggingschuhe hatte sie an den Füßen. Sie hatte Seife, Wischlappen und Bürsten in einen Eimer gelegt und heißes Wasser in einen alten Kanister gefüllt. Jetzt wartete sie mit angezogener Steppjacke, aus deren Taschen Gummihandschuhe ragten, auf Fridas Startsignal.
»Der Recyclinghof schließt um zwei, falls wir da was hinbringen müssen. Ob das nötig wird?«, wollte Agnes wissen.
»Keine Ahnung«, erwiderte Frida. »Ich bin ja zuletzt als kleines Kind dort gewesen und weiß gar nicht genau, was ich da machen soll.«
»Das sehen wir dann, wenn wir ankommen. Sonst müssen Sie wohl Ihre Mutter anrufen und fragen.«
Sie beluden den Kofferraum, und Frida half Agnes auf den Beifahrersitz.
»Finden Sie den Weg?«, fragte Agnes, als Frida auf die Landstraße 33 einbog.
»Ich weiß nicht. Wollen wir’s mal hoffen.«
»Falls nicht, ich kenne ihn«, sagte Agnes.
Sie fuhren nach Osten in Richtung Mariannelund, bogen dann nördlich nach Äskeby ab, vorbei an Feldern und Kahlflächen. Frida sah das rote Haus des Lederjackenmannes und bemerkte, dass der Jeep verschwunden war. Auf dem Hof lagen Bretter und Gerümpel.
Frida konnte ein Lachen nicht unterdrücken. In gleichem Maße, wie sie ihr Vorhaben als mühsam einschätzte, schien Agnes voller Vorfreude zu sein.
Der Fichtenwald war dicht, dunkel und nicht sehr einladend. Doch hier gab es ihn immerhin noch. Irgendetwas an der Windrichtung musste diese Gegend geschützt haben, als der Orkan hier durchgezogen war. Nur ab und zu waren vereinzelte Bäume umgeknickt. Der Boden war von einer Schicht aus alten Tannennadeln, Moos und Blaubeerreisig bedeckt. Die Bäume neigten sich über den schmalen Schotterweg und schufen eine schwere und düstere Atmosphäre. Das Tageslicht war von einem penetranten Grau. Frida war froh, dass Agnes neben ihr saß.
Sie kamen an einem umgestürzten Lattenzaun und einem in den Graben geworfenen Gartentor vorbei. Der Wald wurde heller, und eine grasbewachsene Lichtung kam zum Vorschein. Ein überwucherter Kiesweg führte zu einem kleinen hellgelben Holzhaus mit Veranda und zerborstener Treppe. Rechts stand eine kleine, in verblichenem Fleischrot gestrichene Scheune, deren halb abgelöste Außenpaneele im Wind zitterten; links befand sich ein Holzschuppen mit einer schief hängenden Tür. Auf dem Hof gab es eine Wasserpumpe und eine verwilderte, kahle Gartenlaube. Die verrosteten und kaputten Gartenmöbel standen noch draußen. Wieso hatte Mama sie einfach stehen lassen?
Schweigend stiegen sie aus dem Auto, atmeten die Luft ein und nahmen die neuen Sinneseindrücke in sich auf. Auf dem Weg zum Haus zeigte Agnes auf die Lichtung.
»Jetzt ist ja alles überwuchert, aber Sie hätten sehen sollen, was die hier für einen Garten hatten. Ihre Großmutter und ihr Bruder haben die Erde hier so behandelt, als wäre sie ein Kind. Da wurde gedüngt und umgegraben, gesäubert und aufgelockert. Und so hatten sie dann auch die feinsten Kartoffeln, die zartesten Mohrrüben und die süßesten Himbeeren in der ganzen Gemeinde.«
Frida versuchte, sich einen Wohnort vorzustellen, wo alles in Ordnung war – der Boden bestellt, das Gras gemäht, der Weg geharkt, das Haus neu gestrichen – und wo sich die Menschen drinnen und draußen zu Hause fühlten. Doch sie sah nur vernachlässigten Grund und kaputte Fenster.
»Haben Sie den Schlüssel?«, fragte Agnes.
Frida nickte und holte ihn aus der Tasche. Das Schloss ging schwer, doch nach ein paar Versuchen gab es nach, und die Tür öffnete sich. Drinnen war es kalt und schmutzig, es roch nach Plastikteppich und Staub. Im Flur hingen noch alte Herrenjacken und Arbeitshosen. Vor dem kalten Heizkörper standen Stiefel und Holzpantinen. Zur Rechten ging die Küche ab. Auf der niedrigen Spüle vor dem Fenster standen eingestaubte Kaffeetassen und Teller. Ein Messer und ein Schneidebrett lagen ebenfalls dort. Auf dem runden Tisch mit der Wachstuchdecke lagen Briefe und Zeitungen auf einem Haufen. Wenn nicht die ganzen leeren Flaschen neben der Speisekammer gestanden hätten, hätte es richtig nett ausgesehen.
»Wirklich schade, dass Stickan nie eine Frau gefunden hat. Er war etwas eigen«, sagte Agnes. »Elsa hat alles erledigt und sich um ihn gekümmert. Als sie starb, ging ’s mit ihm bergab. Alte Männer kommen nur schlecht alleine klar. Als ob ihre Energie verebbt und die Kraft völlig aus ihnen entweicht.«
Sie betraten das Schlafzimmer. Überall waren Pappkartons mit alten Zeitungen und leeren Flaschen übereinandergestapelt, doch das Bett war ordentlich gemacht, wenn auch voller Reste von Mäusedreck, Abgenagtem und toten Fliegen. Hier hatte Stickan sein ganzes Leben gewohnt. Hatte er sich wohl jemals gefragt, ob es das war, was er wirklich wollte? Sie gingen zurück in die Küche, und Agnes öffnete die Kühlschranktür. Ein saurer Gestank nach Schimmel schlug ihnen entgegen. Schnell machte sie die Tür wieder zu und öffnete die Schranktür unter der Spüle.
»Hier haben die Mäuse eine Party gefeiert. Igitt«, sagte Agnes und rümpfte die Nase. »Da müssen wir sauber machen.«
Auf der anderen Seite des Flurs lag die Wohnstube. Der Korkteppich war verzogen und hatte sich an den Wänden aufgewellt. Von Jahren in Wind und Sonnenschein gealtert, hingen die schmutzigen und brüchigen Gardinen vor dem Fenster. Am Kamin stand ein Esstisch in altmodischem Bauernstil. Unter einem großen Bild mit grasenden Kühen gab es eine kleine Sitzgruppe und einen alten Fernseher.
»Hier hat man gesessen, wenn eine Feier stattfand«, fuhr Agnes fort. »Im Kamin brannte ein Feuer, und es gab Himbeertorte und Weizenbrot. Aber das kommt mir jetzt alles viel kleiner vor, die niedrige Decke und alles. Können Sie sich erinnern?«
»An den Kamin entsinne ich mich. Das war immer toll, wenn ich Großmutter helfen durfte, die Holzscheite nachzulegen. Und die Pumpe. Es war großartig, wenn man sich ordentlich abgerackert hat und dann das Wasser rauskam. Aber wenn man nicht aufpasste, konnte der Pumpschwengel mit voller Wucht zurückschlagen.«
»Ich frage mich, ob wohl noch Wasser im Brunnen ist. Das Grundwasser müsste doch auch dann noch vorhanden sein, wenn der Brunnen nicht benutzt wird, oder?«, überlegte Agnes und klopfte ein paar Mal auf die Sitzkissen, sodass eine Wolke aus Staub und Asche aufwirbelte.
»Haben Sie heute die Zeitung gesehen?«, fragte Frida.
»Das hab ich«, erwiderte Agnes. »Eine deutliche Aussage.«
»Ich habe nur geschrieben, was die Leute gesagt haben und was ich entdeckt habe. War das zu viel?«
Agnes sagte nichts und wedelte ein paar Mal mit der Hand durch die staubige Luft.
»Sie sind mutig«, sagte sie schließlich ernst.
Frida lachte erstaunt. »Mut ist wohl das Letzte, was ich habe.«
»Warten Sie’s einfach ab«, entgegnete Agnes.
Eine Windböe erfasste die Haustür und knallte sie gegen die Außenwand. Kalter Wind fegte durch den Raum. Frida beeilte sich, die Tür zu schließen und sie richtig im Schloss zu verankern. Als sie sich umwandte, sah sie Agnes mitten im Zimmer stehen und dachte, dass dieser Anblick sehr behaglich und beruhigend wirkte und sie eigentlich hierhergehörte.
»Haben Sie immer gewusst, dass Sie hier leben wollten?«, fragte Frida.
»Ich?«
»Ja? Da Sie sich entschieden haben, hier zu leben, müssen Sie die Gegend doch sehr gern haben.«
Agnes blickte zur Seite. »Ganz im Gegenteil. Ich wollte immer von hier weg. Hierzubleiben kam mir wie ein Schicksal vor, das schlimmer war als der Tod. Aber vielleicht hab ich mich da auch verschätzt; das werde ich erst beurteilen können, wenn ich nicht mehr da bin.«
Frida verstand plötzlich gar nichts mehr. Sie hatte einfach vorausgesetzt, dass Agnes hiergeblieben war, weil sie es mehr als alles andere wollte.
»Aber warum sind Sie dann nicht fortgegangen?«
»Das war nicht möglich. Ich war Einzelkind, traf nie einen Mann, mit dem ich eine Familie hätte gründen können, und als meine Eltern dann alt wurden, war es mein Los, mich um sie zu kümmern. Das war früher eben so.«
»Aber Sie hatten doch eine Ausbildung. Sie hätten es sicher überall geschafft.«
Agnes trat ans Fenster und rüttelte vorsichtig an der Gardine. Ein paar tote Insekten fielen zu Boden.
»Ja, aber ich hatte wohl auch Angst. Kein schöner Gedanke, es vielleicht nicht zu schaffen und dann nach Hause zurückkehren zu müssen. Und hier war ich ja auch jemand. Ich hatte eine gewisse Position, wenn auch nur als Handarbeitslehrerin. In einer Großstadt wäre ich vielleicht nicht weit gekommen. Hier in der Provinz gibt es eine Sicherheit, die man nur schwer aufgeben kann.«
»Wo wären Sie gern hingegangen?«
Agnes lächelte bei diesem Gedanken, antwortete aber nicht.
»Los doch, sagen Sie schon! Jönköping? Stockholm?«
»Lieber ganz hoch hinaus«, erwiderte Agnes. »Paris natürlich! Es wäre doch toll gewesen, für die großen Modehäuser zu nähen, schöne Stoffe aus aller Welt zu sehen, mit interessanten Modeschöpfern zu arbeiten, mit anderen Leuten zusammenzusitzen, die Nadel zu schwingen und dann später, wenn das Kleid oder der Rock fertig wäre, mit seinen Kollegen zu feiern. Und dann vielleicht nachmittags in einem schönen Café auf der Champs-Élysées sitzen, mit einer Stickerei im Schoß, und eine mondäne Person in einer Kreation über die Avenue gehen sehen, an der man selbst genäht hat. Das waren meine Träume. Albern, nicht wahr?«
»Das ist ganz und gar nicht albern. Sind Sie in Paris gewesen?«, fragte Frida.
»Nein. Ich war einmal in Hamburg, aber das ist ja kein Vergleich. Aber ich hab’s ja im Fernsehen gesehen.«
Frida betrachtete Agnes plötzlich in einem ganz neuen Licht. Es schien, als ob die hellgrauen Locken dunkler wurden, das Gesicht Farbe, der Blick eine ganz andere Entschlossenheit bekam, und beinahe konnte sie Agnes vor sich sehen, in einem Restaurant sitzend, im Hintergrund der Triumphbogen, und in eine enthusiastische Unterhaltung mit ihren Freundinnen vertieft.
»Vielleicht ist es noch nicht zu spät?«
»Aber natürlich ist es das. Jetzt ist es, wie es ist. Ich bleibe hier zurück …«, seufzte Agnes. »Nun, jetzt müssen wir uns hier aber mal nützlich machen.«
Agnes hatte gefegt und gescheuert, und Frida hatte Karton nach Karton mit Flaschen und Zeitungen zum Wagen getragen. Wenn alles weg sollte, müsste sie wohl mehrmals zum Recyclinghof fahren. Frida hatte eine Wegbeschreibung bekommen und wollte eine Ladung allein abtransportieren, während Agnes blieb und sich des Kühlschranks annahm.
Jetzt war sie an der örtlichen Recyclingstelle angekommen und parkte vor den Glascontainern. Dort stand noch ein Wagen, ein Jeep. Der Mann mit der Lederjacke lud seine Müllsäcke vor den weißen Container. Frida blieb im Wagen sitzen und beobachtete ihn bei der Arbeit. Mit seinen blonden, zotteligen Haaren und den groben Gesichtszügen erinnerte er sie an diesen fiesen britischen Koch, wie hieß der noch gleich? Er wirkte müde, beinahe fertig, hatte aber früher bestimmt einmal sehr gut ausgesehen. Irgendetwas an seinen hastigen und leicht ruckartigen Bewegungen kam ihr bekannt vor.
Frida begann, ihre Kästen mit den alten, durchsichtigen Explorer-Flaschen auszuladen. Die sollten ebenfalls in den weißen Container. Irgendwie war es albern, hier in der Schlange stehen zu müssen, während der restliche Recyclinghof vollkommen leer war. Jedes Mal, wenn eine Flasche auf den anderen landete und zerbrach, gab es ein ohrenbetäubendes Geräusch. Sie bereute, dass sie sich so dicht daneben gestellt hatte, doch jetzt wieder in den Wagen zu klettern, wäre sehr auffällig. Je länger sie ihn betrachtete, desto mehr war sie davon überzeugt, ihn schon einmal gesehen zu haben, und das nicht nur, als sie an seinem Haus vorbeigelaufen war. Irgendetwas an Mund und Augen kam ihr sehr bekannt vor, seine Bewegungen, die Art, wie er sich zur Seite drehte, wenn er eine neue Flasche nahm und sie in das schmutzige Loch des Behälters stopfte. Plötzlich tauchte in ihrem Kopf eine Melodie auf. Irgendwo in ihren Gehirnwindungen hörte sie das Intro und sah seine Hand sich über die Saiten bewegen.
Sie sah das MTV-Video an sich vorbeiflimmern, in dem der britische Sänger auf dem Geländer einer Brücke über die Themse balancierte. Die Melodie ging in einen Refrain über, und als das Wort schließlich auftauchte, konnte Frida nicht einmal mehr nachdenken, bevor es aus ihr hervorbrach:
»Big time?! Das stimmt doch, oder?«
Der Mann mit der Lederjacke fuhr mit erschrockenem Ausdruck herum, nickte bestätigend und fuhr dann kommentarlos fort, seine Flaschen einzuwerfen.
Frida wünschte, sie hätte ihre Zunge verschluckt. Sie und ihre Impulse, immer falsch, immer takt- und gefühllos.
Peter hatte das auch stets gesagt – dass sie keinerlei Feeling habe und nicht improvisieren könne. Hier stand sie also mit einem der bekanntesten schwedischen Musiker der neunziger Jahre, der durch die ganze Welt getourt war, und bekam dann nichts Vernünftigeres heraus.
»Tut mir leid, ich wollte nicht aufdringlich sein. Es muss ziemlich nervig mit diesen ganzen Leuten sein, die ankommen und mit einem reden wollen«, sagte sie in dem Versuch, die Situation zu retten.
Er stellte seinen Müllsack ab und sah sie mit seinen eisblauen Augen an. »Sie müssen sich nicht entschuldigen. Seit ein paar Tagen sind Sie die erste, die mit mir redet.«
»Na, ich wollte jedenfalls nicht stören.«
»Ist schon in Ordnung.«
Frida lachte und war froh, dass sie so glimpflich davongekommen war.
»Ich sollte mich vielleicht vorstellen …«, sagte Frida.
»Ich weiß, wer Sie sind«, unterbrach Lederjacke. »Ich habe Ihr Bild heute in der Zeitung gesehen. Ich hab mich gefragt, wieso Sie darauf so ernst aussehen.«
»Ich wollte nur seriös erscheinen«, erwiderte Frida und streckte die rechte Hand aus.
Sie blieb in der Luft hängen. Wieder falsch, dachte Frida. Er hielt ja seinen Plastiksack mit der rechten Hand und konnte ihre Geste natürlich nicht erwidern. Wieso hatte sie das nicht bemerkt? Weshalb sollte er hier auf einem Recyclinghof mitten im Nirgendwo ihre Hand nehmen? Wieder wurde sie gerettet, indem er unbeholfen seine linke Hand ausstreckte. Das war zwar eine verkehrte Begrüßung, aber er nahm sie trotzdem, ihre ausgestreckte Hand, und nannte seinen Namen – Micke. Sie erinnerte sich an seinen Künstlernamen: Micke Molotov. Damals hatte er gut geklungen, doch jetzt hörte er sich völlig übertrieben an. Vielleicht hatte er ihn aufgegeben.
Trotz des lockeren Handschlags fühlte Frida ein paar kräftige Narben auf seiner Handfläche.
»Was ist mit Ihrer Hand geschehen?«
»Ach, das ist im Suff passiert. Ziemlich idiotisch, man könnte sagen, das Ergebnis lag auf der Hand. Hab ein Drahtseil gehalten, das ausgebrochen ist. Die Sehne zum Daumen und zu zwei anderen Fingern ist draufgegangen.«
»Oje. Und wie geht’s jetzt mit dem Gitarrespielen?«
»Überhaupt nicht. Deswegen bin ich ja hier.«
»Ach wirklich? Ja, ich war verwundert, Sie hier zu sehen. Ich bin davon ausgegangen, dass Sie im Ausland leben.«
»Das ist lange her«, sagte er, warf die letzte Flasche ein und knüllte den Müllbeutel zusammen.
Frida hob den ersten Karton an und begann nun damit, ihre Flaschen wegzuwerfen.
»Und was machen Sie jetzt?«, fragte sie. Sie wollte nicht, dass er jetzt einfach so ging, denn sie fand es spannend, mit ihm über die Welt da draußen zu reden, von der sie viel lieber ein Teil gewesen wäre.
»Was ich mache? Ich versuche, das alte Leben zu ertränken, und bilde mir ein, dass ein neues auf mich wartet. Obwohl ich nicht wirklich daran glaube.«
»Und das ausgerechnet hier?«
»Hier sieht auf jeden Fall niemand, wie bergab es mit mir gegangen ist. Wenn man einmal erlebt hat, wie es ist, immer nur höher und weiter zu gehen, kommen einem alle anderen Richtungen ziemlich lächerlich und unbedeutend vor. Ich hab wohl irgendwie die Pointe im Leben verpasst. Wenn man erst mal aus dem Zusammenhang gerissen wird, versucht man lieber, einen Komazustand zu erreichen.«
»Das klingt ziemlich ernst. Was brauchen Sie denn jetzt, um die Pointe wiederzufinden?«, fragte Frida.
»Sagen Sie es mir? Vielleicht eine neue Leidenschaft«, sagte Micke und strich Frida schnell mit zwei Fingern über die Wange.
Frida spürte, wie sie errötete, während er in seinen Jeep sprang und verschwand.
Als Frida zurückkam, hatte Agnes unter der Spüle aufgeräumt, die Küche geputzt und den abgewischten, wachstuchüberzogenen Tisch mit Frikadellenbrötchen, Rote-Beete-Salat und Kaffee gedeckt. Ein ungewohntes Gefühl von Wärme und Zusammengehörigkeit breitete sich in Frida aus, als sie Agnes dort herumlaufen und sich um alles kümmern sah. Selbstlose Rücksicht und Fürsorge, dachte sie gerührt. Warum war so etwas nie ein Teil ihres Alltags gewesen? Als sie aufgewachsen war, hatte es immer Dinge gegeben, die wichtiger waren – Papas Arbeit, Mamas Arbeit; Dinge, die diskutiert, gelöst, zustande gebracht und erreicht werden mussten. Sich einfach nur im Kleinen um einen anderen Menschen zu kümmern, ohne Erwartung irgendeines Ausgleichs, war eben äußerst selten.
Gerade, als sie sich hinsetzen wollten, rief Mona an. Zur Abwechslung konnte Frida einmal antworten, ohne von schlechtem Gewissen geplagt zu werden. Endlich gab es mal alle Voraussetzungen für ein angenehmes Gespräch, und Frida konnte beruhigt jeden Karton aufzählen, den sie auf den Müll gebracht hatte; Mamas gierige Forderungen waren erfüllt. Anschaulich beschrieb sie, wie es in der Wohnstube aussah, was sie alles aufgeräumt hatten und wie Agnes den ganzen Mäusedreck und Schimmel entfernt hatte. Jetzt, da sie fertig waren, hoffte Frida auf ein Lob, einen Dank. Doch das war von Mona natürlich nicht zu erwarten.
»Und wann macht ihr weiter?«
»Was meinst du?«
»Wann kümmert ihr euch um den Rest?«, fragte Mona.
»Wir haben jetzt doch was gemacht …«, erwiderte Frida behutsam.
»Aber du hast gesagt, dass der Korkteppich im Wohnzimmer verzogen ist und sich die Fassade gelockert hat, oder?«
»Wir haben jetzt hier den ganzen Tag gearbeitet und das getan, was wir tun konnten. Reicht das nicht?«, erwiderte Frida, ohne ihre Verärgerung gänzlich verbergen zu können.
»Zeitungen und Flaschen sind erst der Anfang. Da gibt es doch wohl noch viel zu tun«, sagte Mona.
Frida hatte wirklich geglaubt, den Vorwürfen entkommen zu können, doch nicht einmal jetzt war Mona mit dem zufrieden, was sie getan hatte. Der Anblick von Agnes, die ohne Erwartung einer Gegenleistung ihre Kaffeetasse auffüllte, gab ihr den Impuls, diesmal die Verantwortung von sich zu weisen.
»Dann musst du eben herkommen und selbst aufräumen.«
»Aber, meine liebe Frida, jetzt bist du wirklich albern. Ich bin in Göteborg; du bist diejenige, die vor Ort ist.«
»Setz dich in den Zug. Du brauchst bloß zwei Mal umzusteigen.«
»Wie kannst du das sagen, wo du doch weißt, wie es mir geht? Außerdem kann ich so schwere Sachen nicht machen.«
»Glaubst du nicht, dass es auch Agnes schwerfällt, hier auf den Knien rumzurutschen und den Mäusedreck unter der Spüle wegzukratzen?«
»Sie hat vielleicht nicht richtig mitbekommen, was ich durchgemacht habe«, sagte Mona, und Frida spürte, wie das Bild ihrer Mutter einen weiteren Riss bekam.
Sie stand vom Tisch auf und ging auf den Hof hinaus. Sie wollte nicht, dass Agnes hörte, in welcher Tonart sie sich am Telefon unterhielten.
»Dürfte ich mal fragen, wieso ich hier überhaupt in dem alten Haus aufräumen soll? Seit verdammt vielen Jahren ist niemand mehr hier gewesen, und es kommt auch niemand her. Welche Rolle spielt es da, wenn die Zeitungen und Flaschen noch ein paar Jahre länger rumliegen? Dadurch wird nichts verändert und nichts zerstört. Ich mach das hier nur, weil du es wolltest.«
»Die Sachen müssen geschützt und gepflegt werden. Du erbst schließlich irgendwann die Hälfte, also ist das auch deine Angelegenheit.«
»Aber es gehört hauptsächlich dir. Wieso hast du hier alles so stehen lassen? Warum kümmerst du dich nicht selbst darum? Warum müssen sich immer die anderen um deine Sorgen und Angelegenheiten kümmern?«
»Ich versuche lediglich, dir dabei zu helfen, den Wert dessen zu erhalten, was auch dein Besitz ist. Dafür könntest du ruhig ein bisschen dankbar sein. Du kannst es doch benutzen, wie du willst. Wenn die Frühlingssonne kommt, kannst du draußen auf der Treppe sitzen und Kaffee trinken. Eines Tages wirst du mir noch danken. Doch stattdessen trittst du noch jemanden, der bereits am Boden liegt.«
»Du bist diejenige, die auf allen herumtrampelt, weil du es nicht schaffst oder nicht versuchen möchtest, aufzustehen.«
»Wie konnte ich bloß eine so gemeine Tochter aufziehen?«, zischte Mona und legte auf.
Es war schon lange dunkel, als Frida über die Straße zu Danis Kiosk lief. Nachdem sie aufgeräumt und die ganzen Sachen hinausgetragen hatte, war sie angenehm müde und noch immer mit den neuen Eindrücken sowie alten, wiedererweckten Erinnerungen beschäftigt. Sie hatte die Pumpe ausprobiert. Tatsächlich war Wasser herausgekommen, zwar braun und stinkend, aber immerhin. Heute wie damals war es spannend zu sehen, wie der Pumpenschwengel mit fortschreitender Tiefe, aus der das Wasser hochgepumpt wurde, immer größeren Widerstand leistete. Das Geräusch des Wassers, das sich der Erdoberfläche näherte und durch das rostige Rohr geleitet wurde, um schließlich herauszuströmen, hatte Frida ausgesprochen glücklich gemacht – wie ein Zeichen, dass es möglich war, an diesem Ort zu überleben. Auch der Gedanke an die Begegnung vor dem Glascontainer tauchte wieder auf. Sie hatte zwar alles falsch gemacht und war total uncool gewesen, aber auch das hatte sie überlebt. Er hatte sie nicht verurteilt oder beschimpft. Im Gegenteil. Ein kleines Kribbeln fuhr durch ihren Körper, als sie sich erlaubte, den kurzen Hautkontakt in Gedanken noch einmal nachzuempfinden. Er hatte ihre Wange gestreichelt.
Für einen kurzen Moment hatte sich die Sonne gezeigt, und Frida hatte sich auf die gesprungene Treppe gesetzt und Aliana, dem Mädchen aus dem Zug, geantwortet: »Hi. Schön von dir zu hören. Hast du wirklich morgen Geburtstag? Was wünschst du dir? Tut mir leid, dass deine Mama krank ist. Was hat sie denn? Liebe Grüße, Frida.« Sie hatte die eingegangenen Nachrichten aufgerufen und Peters nächtliche SMS noch ein paar Mal gelesen, sich aber entschieden, solange wie möglich mit einer Antwort zu warten. Er sollte sie ruhig ein bisschen vermissen. Wenn er das überhaupt tat.
Jetzt balancierte sie in ihren hochhackigen schwarzen Stiefeln über die Straße und ärgerte sich, dass sie nicht ihre alten Schnürstiefel angezogen hatte.
Im Kiosk war es dunkel, doch in dem kleinen einstöckigen Haus dahinter brannte Licht. Frida drückte auf die Klingel und hoffte, dass sie zur richtigen Zeit zum richtigen Haus gekommen war. Eigentlich hatte sie auf die Frage, ob sie kommen würde, nur mit einem »vielleicht« geantwortet. Anstatt eines traditionellen Klingelgeräuschs ertönte Christer Sjögrens »I love Europe« an der Tür. Ein bunter Leuchtstreifen am Türrahmen blinkte im Takt der Musik. Frida musste über diese Einrichtung lachen, als Dani die Tür öffnete. Er trug ein weißes Hemd, eine dunkelrote Samtfliege und sackartige Hip-Hop-Jeans. Sein schwarzes Haar hatte er feucht durchgekämmt, ohne dass es ihm gelungen war, alle widerspenstigen Strähnen zu glätten. Den flaumigen Schnurrbart hatte er offensichtlich abrasiert.
»Du mochtest den Schnurrbart nicht. Ich hab ’s dir beim letzten Mal angesehen. Willkommen«, sagte Dani und deutete mit einer eleganten Bewegung des rechten Arms in den Flur.
»Danke«, sagte Frida und reichte ihm ihren Mantel. »Kann ich die Stiefel anbehalten, wenn ich sie ordentlich abtrete?«
»Wie du willst«, erwiderte Dani. »Ich kann dir auch die Füße abtrocknen, wenn du möchtest. Warte mal …«
Bevor Frida ihn aufhalten konnte, war er verschwunden und kam mit einem gelben Frotteehandtuch zurück. Er ging auf die Knie und machte ihr ein Zeichen, dass sie ihm ihren Fuß überlassen sollte.
»Du spinnst doch«, sagte Frida. »Du machst ja das Handtuch ganz dreckig, und ich möchte auch gar nicht, dass ein Mann vor mir auf den Knien liegt und meine Füße trocknet.«
Dani seufzte, erhob sich und wischte ein paar Steinchen von seinen Knien. »Ich verstehe die schwedischen Frauen nicht. Wie soll man sein? Ihr redet von Gleichstellung, wollt aber keine Hilfe?«
»Das hatte doch wohl nichts mit Gleichstellung zu tun, oder? Das war wohl eher Untertänigkeit.«
»Wie soll man das wissen?«, wunderte sich Dani.
»Du hast recht. Es ist nicht leicht zu wissen, wie man sein soll.«
»Das sagst du nur, damit ich mir nicht blöd vorkomme. Du weißt doch genau, wie alles sein soll«, sagte Dani.
Frida konnte ihr Lachen angesichts dieser Situation nicht unterdrücken. Das war alles vollkommen absurd. Das Komischste war, dass er glaubte, sie hätte den Durchblick.
Er führte sie durch die kleinen Räume. Er hatte das Haus möbliert gekauft. Im Schlafzimmer thronte ein Wasserbett, im Wohnzimmer standen ein Ecksofa aus weißem Leder, ein Glastisch und ein riesiger Fernseher. Alles andere war ein seltsames Gemisch.
In der Küche war gedeckt. Auf dem Tisch standen Schalen mit Salat, Zwiebeln, Tomaten, gebratenen Auberginen, verschiedene Saucen, Pita-Brot und ein großer Teller mit nach Knoblauch duftendem, frisch abgeschnittenem Lammfleisch. Dani bot Frida einen Stuhl an, wechselte zu etwas sanfterer Hip-Hop-Musik und öffnete den altersschwachen Kühlschrank.
»Was möchtest du trinken?«
»Einen Wein vielleicht?«
»Genau. Hab ich für dich besorgt. Ich glaube, schwedische Mädchen mögen Wein.«
»Und du? Trinkst du keinen Wein?«
»Ich bin mit Cola aufgewachsen. Ein Kasten bei Netto, 59 Kronen. Für Mama war es ein Luxus, dass sie es uns anbieten konnte. Vergoldet den Alltag, sagte sie, und stellte sie uns morgens, mittags und abends auf den Tisch.«
»Andere Länder, andere Sitten. Dann trinke ich auch Cola«, sagte Frida.
Dani blieb vor dem geöffneten Kühlschrank stehen und wirkte so, als wolle er einen wichtigen Beschluss fassen. Dann machte er die Tür wieder zu und breitete die Arme aus. »Oder…«, sagte er, »ich richte mich zur Abwechslung mal nach den anderen Sitten. Heute Abend werde ich das erste Glas Wein meiner persönlichen Weltgeschichte trinken. Was hältst du davon?«
»Oh. Das ist aber mutig.«
»Mit dir habe ich Lust, neue Sachen auszuprobieren«, sagte Dani dramatisch, und Frida wusste nicht, ob er sie auf den Arm nahm oder es tatsächlich ernst meinte.
Der Wein vermochte wirklich, die Zunge zu lösen, die – in Danis Fall – auch von Beginn an nicht sonderlich festgesessen hatte. Frida erfuhr alles über das Jungenzimmer in Södertälje, über Mutter und Vater, die Brüder und Schwestern, die Kumpel und Lehrer. Dani erzählte von den engen Wohnverhältnissen, den Kriminellen, dem Zerwürfnis, der Langeweile, der Musik, dem Gruppendruck, den verlorenen Träumen und der Sehnsucht nach der gleichberechtigten Liebe, die er zu Hause in Södertalje nicht hatte finden können. Dani sprach von einem selbstgewählten Exil, wo er seine Seele retten und nach einem Dasein suchen konnte, wo alles anders war, ursprünglicher und echter, ohne altmodisch, konventionell oder rückwärtsgewandt zu sein.
Frida wurde von seinen Worten, Erzählungen und Gedankensprüngen langsam benommen. Als er bei seinem zweiten Glas angekommen war, hatte sein blasses Jungengesicht einen leicht rosaroten Ton angenommen, die Fliege hatte sich gelöst, und seine Haare waren jetzt genauso zerzaust wie immer.
Mit wackligen Beinen stellte er sich auf seinen Stuhl und hielt eine kurze, aber eindrucksvolle Rede: »Vor dieser ehrenvollen Versammlung gelobe ich, dass ich alle meine Kinder gleich behandeln, mit ihnen genauso viel Fußball wie Computerspiele spielen und ihnen beibringen werde, egal ob sie Jungen oder Mädchen sind, Auberginen und Kebab zu braten. Ich gelobe weiter, dass ich meine überschüssigen Gewinne aus dem Pokerspiel dazu verwenden werde, anderen Gutes angedeihen zu lassen, und später, wenn ich kann, ein bisschen in der Chemie zu forschen. Und zu guter Letzt gelobe ich hiermit, der am meisten gleichgestellte Mann auf der Welt zu werden! Meine Zukünftige soll sich niemals unterdrückt und unfrei fühlen und soll es niemals langweilig haben … natürlich nur, wenn sie will, denn das kann sie natürlich haben, schließlich ist das die totale Gleichberechtigung. Friede sei mit Euch. Salam aleikum!«
Dann sank Dani auf seinen Stuhl. Frida lachte über seine gute Laune, die großen Pläne und nicht zuletzt darüber, dass seine Körperteile nicht länger in der Lage schienen, miteinander zu kommunizieren. Seit ihrer Ankunft war sie selbst fast gar nicht zu Wort gekommen.
Sie stand auf, um den Tisch abzudecken und auf die Toilette zu gehen. Als sie sich im Badezimmerspiegel betrachtete, sah sie einen neuen Glanz in ihren Augen, der sich vorher dort nicht befunden hatte. Vermutlich lag es am Licht oder am Wein, doch da war ganz deutlich ein neuer, regenbogenartiger Schimmer auf Iris und Pupille.
Als sie wieder in die Küche kam, war Dani infolge seines ersten Alkoholrauschs auf dem Stuhl eingeschlafen. Er war wirklich ein sehr besonderer Neunzehnjähriger. Sie räumte die Sachen beiseite, legte eine Decke über ihn, schrieb einen Zettel, auf dem sie sich für das Essen und die angenehme Gesellschaft bedankte, und machte sich auf den Heimweg. Nicht ein einziges Auto und kein einziger Mensch begegneten ihr auf der Straße, aber das war ohne Bedeutung.