FÜNF
»Pete, ich möchte dich mit meiner Mutter bekannt machen.«
Das Zimmer war fast dunkel, erhellt nur von einem zulaufenden Rechteck abendlichen Sonnenscheins von der offenen Tür und den ständig wechselnden Lichteffekten einer holographischen Bühne. Vor dieser machte Pete die unbestimmte Silhouette einer Gestalt aus, die über ein Eingabegerät gebeugt saß, während sich auf der Bühne selbst, die ein professionelles Modell von ungefähr einem Quadratmeter Grundfläche war, farbige Strukturen bewegten, formlos ineinanderflossen und sich in hell aufleuchtenden Spitzen wieder trennten.
Aus dem Halbdunkel kam eine rauhe, tiefe Stimme, fast ein Bariton. »Der einzige Pete, an den ich mich erinnere, ist dieser Laznett-Junge. Er pflegte sich zwischen den Felsen zu verkriechen, um meine Titten anzustarren.«
Dieses Spiel, entschied er, beherrschte er auch. Er trat einen Schritt vor. »Nicht nur Ihre Titten, Mrs. Shakewell. Auch Ihren Arsch.«
Die Gestalt wandte sich um. »Gegen das Anstarren habe ich nichts. Nur gegen das Verstecken.«
Die vormalige Alice Wilks streckte die Hand aus und schaltete eine Tischlampe ein. In ihrem Licht sah Pete eine ungelenk wirkende knochige Frau mit glattem grauen Haar, das in einer Ponyfrisur geschnitten war. Sie trug eine Latzhose, die derjenigen seines Vaters sehr ähnlich war. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen und ganz ohne Make-up.
Sie streckte ihm die Hand hin, und er schüttelte sie. »Ich verstecke mich nicht mehr«, sagte er.
»Sie können von Glück sagen. Wir hatten was vorzuzeigen, seinerzeit.«
Das stimmte sogar: etwas durch seine Seltenheit verworfenes, und daher der Betrachtung wert. Aber ihre Verallgemeinerung war bemüht – daß sie all diese Jahre der öffentlichen Meinung der Landzunge getrotzt hatte, war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Er sah an ihr vorbei zur holographischen Bühne, wo die Formen noch immer durcheinanderwogten. »Ich fürchte, wir haben Sie unterbrochen«, sagte er.
»Keineswegs. Ich lasse mich gern unterbrechen. Außerdem ist es Zeit, daß ich aufhöre.«
Grace kam näher. »Mutter gestaltet Musik. Einen dreidimensionalen Mozart. Eine ganz neue Kunstform.«
»Mozart?« Mrs. Shakewell schnaubte geringschätzig. »Wenn du einen Modernen nicht erkennst, wenn du ihn siehst, Kind, dann vergeude ich meine Zeit.«
Sie starrten. »Oh«, sagte Grace. »Also ist es nicht Mozart. Nein … nein, natürlich nicht. Haynes, vielleicht?«
»Das kommt schon näher. Aber für dich ist es noch immer bloße Raterei.«
Pete sah purpurne Würfel mit abgerundeten Ecken, durchschossen von gelben Dolchstößen. Er verstand nichts von moderner Musik, außer daß er das meiste davon nicht mochte. »Lederheim?« schlug er vor, weil ihm der Name gerade eingefallen war.
Mrs. Shakewell nahm dieses Ansinnen mit steinerner Miene auf. Sie wandte sich zur Eingabetastatur, brachte die purpurnen Würfel zum Erlöschen, wechselte das Band aus und tippte neue Instruktionen in die Eingabe. Die Bühne füllte sich mit leuchtendblauen Säulen, die sich im Kreis bewegten, dann in einer jähen silbernen Kaskade zerbrachen. Dann kamen sie wieder, höher und schlanker diesmal, und bewegten sich weiter im Kreis.
»Da hast du Mozart«, sagte sie.
Grace schürzte die Lippen. »Zu offensichtlich. Und mechanisch. Mozart ist vielschichtiger, findest du nicht?«
Ihre Mutter beugte sich vor und beobachtete kritisch das Geschehen auf der Bühne. »Der Computer findet die Äquivalente schon. Alles läßt sich in anderen Begriffen ausdrücken. Das ist die erste Regel. Die zweite Regel ist, daß keine zwei Augenpaare das gleiche hören.«
Sie blickte wieder zu Pete auf. Es war ein hübscher semantischer Scherz, und sie wollte sehen, ob er es bemerkt hatte.
»Sie sind die Künstlerin, Mrs. Shakewell. Machen Sie es nur, wie Sie es für richtig finden.«
»So aus dem Handgelenk ist das nicht schlecht, Pete … Aber ersparen Sie mir die Mrs. Shakewell, ja? Man kommt sich ja wie hundert vor. Sage Sie ruhig Alice!«
Sie richtete sich auf. »Grace sagte mir, daß Sie Scudder Laznetts Junge sind. Nun, das ist ein Mann, mit dem ich reden kann. Er hält mich für verrückt, wohlgemerkt, aber er hat mir diesen Anschluß zurechtgemacht. Wenn es um Elektronik geht, gibt es nichts, was dieser Mann nicht kann.«
»Das glaube ich gern.«
Ein gefährliches Gutachten, leider.
»Natürlich ist er in jeder anderen Hinsicht ein bösartiger alter Bastard.«
Grace lachte. »Mutter!«
»Nur keine falsche Entrüstung, Kind. Der Junge ist eineinhalb Tage hier. Er weiß es.«
Hinter ihr wurden die Formen, die der Computer für mozartgemäß hielt, zu winzigen Punkten verschiedener Farbe, die hoch über der Bühne komplizierte Muster bildeten. Pete überlegte, ob diese Frau ihm helfen könnte. Sie hatte mit Scudder gesprochen – sie waren beide Außenseiter hier auf der Landzunge und arbeiteten daran, diesem Ruf gerecht zu werden; vielleicht wußte sie, was ihn bewegte … Aber nicht heute abend. Er hatte einen langen, harten Tag hinter sich, und das Ende dieses Tages sollte für Grace reserviert bleiben. Grace.
Er lächelte. »Ihr Mozart gefällt mir, Alice. Wirklich.«
»Das ist nett.« Sie musterte ihn aufmerksam. »Siehst du, was ich meine, Grace? Er weiß genau, daß sein Vater ein bösartiger Bastard ist. Und er sagt mir, daß ich mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern soll.«
Er widersprach ihr nicht. Auch Grace, so bemerkte er, tat es nicht.
Ihre Mutter ging zurück an das Eingabegerät und schaltete aus.
»Zwei Jahre habe ich daran gearbeitet. Hatte eine Schau entworfen, für die Stadt. Aber es ist immer noch nicht richtig.«
Grace nahm Pete am Arm und zog ihn sanft zur Tür. »Bis später, Mama.«
Als sie hinausgingen, rief Alice ihn zurück. »Pete?«
Ihre Stimme hatte den angestrengten, maskulinen Ton verloren. Er wartete, während sie sich zu ihm umwandte.
»Also schön, ich mache mir Sorgen. Seien Sie nicht einer von denen, die nur nehmen. In Ordnung?«
»In Ordnung.« Er dachte plötzlich, wie sehr er sie mochte. Er mochte sie wirklich. Mit all ihren widersprüchlichen Anpassungsversuchen an eine Welt, an der sie nicht teilhatte. »In Ordnung, Alice.«
Sie gingen hinaus und schlossen die Tür hinter sich. Draußen war ein großer Wintergarten mit Blick auf die See; Warmluft strömte durch altertümliche gußeiserne Gitter im Boden, und der ganze Raum war überschattet von den Zweigen eines ebenso alten Weinstocks, von denen winzige hellgrüne Trauben hingen. Das Haus der Shakewells war womöglich noch großartiger als das seiner Eltern.
Er fragte Grace: »Hat sie dich schon mal gebissen gesehen?«
Grace schüttelte den Kopf. »Nicht mich. Sich selbst. So erkläre ich es mir. Mein Vater war in der Macho-Rolle steckengeblieben. Er wollte Söhne, überredete sie dazu. Und dann, als ich daherkam … nun, da war er eben einer von denen, die Kinder nicht ausstehen können.«
»Muß hart gewesen sein.«
»Das Dumme war, sie konnte Kinder auch nicht ausstehen.«
»Wer kann das schon? Jetzt, da die Leute Zeit haben, darüber nachzudenken.«
»Einige schon. Viele sogar. Aber die damalige Alice Wilks nicht.«
Pete lachte. »Du und ich. Ich – siebzehn Jahre lang wurde ich vor Liebe geradezu aufgefressen. Und nun du …«
»Ich beklage mich nicht. Du hast sie gesehen – was sie macht, das macht sie ordentlich.«
»Arme Grace.«
»Du meinst, arme Alice Wilks, wie sie war.« Sie streckte sich, küßte ihn auf die Nasenspitze … »Beichte zu Ende! Gehen wir essen?«
Sie hatte ihren eigenen Teil des Hauses, durch nachträglich eingezogene Wände abgetrennt, so daß sie hinausgehen mußten, um ihn zu erreichen. Die untergehende Sonne sandte breite goldene Lichtstrahlen durch das Kieferngehölz. Mückenschwärme tanzten dort in einer gelungeneren Umsetzung mozartscher Musik. Pete hielt sie zurück. »Sollten wir nicht deine Mutter fragen, ob sie mit uns essen will?«
»Mutter? Sie ist eine begeisterte Vegetarierin. Hat eine Anlage zur Zelluloseverarbeitung im Keller, die aus Grünzeug Proteine und Mineralstoffe gewinnt. Und wenn ihr nach Cordon bleu ist, kocht sie Seetang.«
»Ich erinnere mich nicht, daß sie früher Vegetarierin war.«
»Das kam vor fünf Jahren oder so über sie. Ungefähr zur gleichen Zeit, als sie die Hoffnung aufgab, daß Vater zu uns ziehen würde.«
Sie brach ab, schaute zu Boden. »Tut mir leid, wenn ich es so erzähle, hört es sich schrecklich albern an. Aber sie erlebte diese plötzliche Konversion. Jemand anders hätte sich vielleicht der Religion zugewandt.«
Nicht albern, dachte Pete. Nur traurig. »Ich muß sagen, es scheint ihr sehr gut zu bekommen.«
»Ja. Vorher wurde sie immer fetter.«
Alles richtig gemacht? Das meiste, vielleicht. Aber nicht, wo es sie selbst betraf.
Sie gingen weiter um das Haus und betraten es durch Graces Eingang. Ihr Teil war ein Gästeflügel mit eigenem Treppenhaus gewesen. Die einzigen notwendigen Umbauten waren eine Trennwand in den Repräsentationsräumen des Erdgeschoßes und die Einrichtung einer kleinen modernen Küche. Die großen Glastüren des Wohnraumes öffneten sich auf eine Terrasse über den Felsen der Steilküste. Ein Schwarm kleiner Segelboote kreuzte in der goldenen Bahn der untergehenden Sonne. Grace lehnte neben ihm an der breiten Steinbalustrade der Terrasse und schob den Arm um seine Taille.
»Da sind wir also, Pete.«
»Da sind wir.«
»Zuerst das Essen, denke ich.«
»Zuerst das Essen.«
»Sex später?«
»Sex später.«
Und beides hatte keine große Eile.
Er bot ihr eine Zigarette an, und sie saßen eine Weile und sahen die Dämmerung über Land und Meer. Fledermäuse gaukelten unter dem opalfarbenen Himmel. Lichtpunkte wie Stecknadelköpfe gingen jenseits der Bucht an, flimmerten wie Leuchtkäfer. Ihr Gespräch war ruhig, mit langen Pausen, der Abendstimmung angemessen. Im Ganzen war ihnen das Wenige, was sie voneinander wußten, genug.
»Mußt du wirklich in die Stadt zurück, Pete?«
Dort, in diesem Augenblick, schien es unvorstellbar. Er dachte über ihre Frage nach. Die Stadt warf ihm ein Spiegelbild zurück: die Landzunge war einfach.
»Man muß wissen, wer man ist«, sagte er.
Sie wand eine lange Haarsträhne um ihren Finger. »Oder nicht danach fragen.«
Seine Gedanken waren in die gleiche Richtung gegangen. Sprach sie von sich selbst? Nach einer Kindheit mit Alice, die das meiste richtig machte? War solche Gewißheit möglich?
Er sagte: »Vielleicht ist es ein Fehler, Kinder zu lieben.« Nein, dachte er, das Wort ›lieben‹ war falsch. Emma war ein Beweis dafür. Emma war geliebt worden, wurde noch immer geliebt.
Und Emma hatte Gewißheiten.
›Kannibalismus an Kindern‹ hätte er sagen sollen.
Grace schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie: »Ich hatte Glück. Sie schickte mich nach Frankreich. Ich war noch jung genug, und ich fand dort einen, der mich lehrte.«
In der Tat ein Glücksfall. Er vervollständigte das Bild. Manche Leute waren so, konnten das Geschenk der Ganzheit zurücklassen. Vielleicht konnte Grace es jetzt auch.
Der Himmel dunkelte, löste sich auf, die Sterne funkelten in seiner gewaltigen Leere. Die See war schwarz, unsichtbar, murmelte leise um die Felsen.
Grace stand auf. »Das Essen«, sagte sie. »Bleib du hier! Ich werde dich rufen.«
Er ließ sie gehen. Das Stück vom domestizierten Mann konnte wörtlich genommen werden. Außerdem war sie die Gastgeberin. Er streckte die Beine von sich, war bereits im Haus, Teil der ruhigen Aktivität hinter ihm. Ein gedeckter Tisch, helle Farben, Töpfe die zu tragen waren, eine Weinflasche zu öffnen, Leute. Die Nacht war dort draußen. Er war weitergegangen.
Wie einfach es war. Sie rief ihn herein. Kein Aufhebens, kein großes Fest. Zwei Leute, die ein gutes Essen miteinander teilten. Die ein schönes Zimmer, Gelächter, Geplauder miteinander teilten, weder allzu witzig noch allzu langweilig, eine sanfte Brise durch die offenen Fenster, die den besonderen Nachtgeruch der See hereintrug. Sie teilten sich einander mit. Nachher spielte Grace ein paar Bänder – frei assoziierende Musik, Radiophonie, Schlager, alles mögliche … Und noch immer keine große Eile. Während das Band noch lief, gingen sie aus dem Haus, standen unter den Bäumen und blickten zum Himmel auf. Grillen sangen ihr zeitloses Lied, Musik drang aus dem beleuchteten Eingang, und in den dunklen Wipfeln über ihnen rief ein aufgestörtes Käuzchen. Schließlich kehrten sie ins Haus zurück, füllten die Geschirrspülmaschine, schalteten das Band aus und gingen zu Bett.
Das Bett war eine Fortsetzung. Wie es heißt, daß der Krieg eine Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln ist, so war das Bett eine Fortsetzung des Friedens mit anderen Mitteln – des miteinander geteilten Friedens, den sie an diesem Abend genährt hatten. Was nicht sanfte Passivität suggerieren soll, oder eine esoterische beiderseitige Nabelschau, denn was sie in dieser Nacht miteinander teilten, war weder passiv noch sonderlich esoterisch. Alles aber hatte jene besondere Intensität, jene Verengung und Erhöhung der Wahrnehmungen, die nur die geheiligte Gabe der Wollust hervorbringt.
Anfangs erforschten sie, studierten die winzigsten Zeichen und Symbole. Selbstsicherer dann, wie Kinder auf dem Spielplatz, vergaßen sie ihren furchtsamen Respekt und konnten spielen. Nervenenden von Ohren, Brüsten und Schenkeln, Körperhaar, das die Haut darunter erschauern machte, Liebkosungen von Brustwarzen und Testikeln, Zungen wie kleine warme flinke Fische, genießerische Sinneswahrnehmungen … und das alte Aphrodisiakum der Worte: Schlüpfrigkeiten, unschuldig gemacht durch Lächeln und Zärtlichkeit, eine sanfte, leidenschaftliche Anrufung.
Ihre geteilte Besessenheit vertiefte sich, verlangte Ernst und die Anerkennung ihrer eigenen einzigartigen Bedeutung. Sie vereinigten sich, existierten als Eins, ohne Grenzen, auf wunderbare Weise zusammen, außerhalb der Welt und der Zeit. Neue Gebote verschafften sich Geltung, und sie spielten nicht mehr.
Sie nahm seine Hand und legte sie sanft auf den Huppelsender, der neben ihrem Kopf auf dem Kissen lag, umschloß ihn und Petes Hand mit den Fingern. Er stützte sich auf einen Ellbogen und ließ den Sender zu ihr sprechen. Die stumme Sprache ging durch ihren Körper, liebkoste ihren Geist, ihr ganzes Wesen. Er sah ihr in die Augen und hatte teil daran. Sie waren Gemeinsamkeit. In diesen Augenblicken war er von ihrem Fleisch, von ihrem Geist von ihrer Seele, bis Fleisch und Geist und Seele in einer orgasmischen, selbsterhöhenden Dreieinigkeit verschmolzen.
Sie warteten. Mit der Rückkehr des Verlangens löste Grace seine Finger vom Sender und überließ diesen sich selbst und seiner Weisheit. Sie waren ohne Furcht. Ganzheit, die einmal beschworen worden war, konnte wieder beschworen werden, und sie war mit ihm, als der Orgasmus wie eine Welle zwischen ihnen wuchs und stieg und sich auftürmte und schließlich brach … und in seiner flackernden, tumulthaften Übereinstimmung war sie noch immer mit ihm.
Sie lagen beisammen, zufrieden in wortloser Erinnerung. Der Jahrmarkt war zu Ende, der Zirkus hatte die Stadt verlassen. Der Abend, der so gut begonnen hatte, hatte unerwartete Wunder beschert, und nun hatten sie wieder ihren Frieden in der einfachen Freude miteinander.
Es war immer seltsam, wie die sinnlichen und emotionalen Wirkungen eines Huppelsenders so variabel sein konnten, wurden sie doch in der Theorie völlig mechanisch durch myoelektrische Implantate hervorgerufen. Natürlich waren diese Effekte niemals unangenehm, aber bisweilen – wie es in diesem Fall geschehen war – konnten sie transzendental sein. Pete hatte mit der Hilfe dieses Gerätes im Lauf seines Lebens viele Orgasmen mit vielen Leuten geteilt, gegeben und empfangen. Oft war er seinen Partnerinnen gefolgt, genauso oft waren sie ihm gefolgt. Es war nicht wichtig, ob sie oder er zuerst den Höhepunkt erreichten, oder beide zusammen, denn es war immer befriedigend, an einem solch bedingungslosen Genuß teilzuhaben, immer befriedigend, gewählt zu sein, sei es für die Stunde, den Tag, eine Woche oder einen Monat. Und dennoch die Distanz aufrechtzuerhalten, die eigene, ungefährdete Identität.
So hatte es welche gegeben, die, und mit denen, er einfach beobachtet hatte. Aber es hatte auch andere gegeben, einige wenige, mit denen Gefahr keine Bedeutung mehr hatte, mit denen Identität irrelevant war, mit denen die geteilten Wonnen darum unermeßlich größer waren: die Möglichkeit von Einheit und durch sie, von flüchtiger Selbstvervollkommnung. Emma war eine von diesen, und jetzt auch Grace.
Er öffnete die Augen. »Ich habe schon wieder Hunger«, sagte er.
Grace überlegte einen Augenblick lang. »Ich auch.«
Sie blieben noch eine Weile länger und genossen die Aussicht auf Essen. Dann standen sie auf und plünderten gemeinsam die Küche. Darauf gingen sie wieder zu Bett ließen sich von der gleichen Welle emportragen, fanden die gleiche glänzende, ungetrübte Einheit und schliefen endlich ein.
Den Huppelsender ließen sie unbeachtet irgendwo im zerwühlten Bettzeug – was nicht mehr als recht und billig war: nicht einmal CH-International hätte behauptet, daß sie Selbstvervollkommnung verkaufe. Die myoelektrische Technik vermochte einiges, aber Selbstvervollkommnung war Sache des Selbst.
Nein, CH-International war nicht großsprecherisch – im Einklang mit den Bestimmungen des Handelsrechts offerierte sie ganz einfach sinnverwirrende körperliche Wonnen und Entzücken jenseits aller lüsternen Träume: mit einem Wort, daß größte Vergnügen der Welt.
Und weil das größte Vergnügen der Welt in den 90er Jahren genau das gewesen war, wonach die Leute Ausschau gehalten hatten, war CH-International in einen ungeahnten Aufwind geraten.
Verantwortungsbewußtsein galt nichts mehr. Es wurde von einer genußsüchtigen Welt als grausame Falle gesehen, als Eingriff in die persönliche Freiheit, als etwas, das zusammen mit der Würde der Arbeit erfunden worden war, um eine Gesellschaftsordnung am Leben zu erhalten, die in rascher Auflösung begriffen war. So wurde eine fünfte Freiheit geboren: Freiheit von Verantwortlichkeit.
Es war eine gefährliche Freiheit, auf die niemand recht vorbereitet war, und die Folge waren Umwälzungen, unter denen alle litten. Am meisten die Kinder, weil sich das Verständnis durchsetzte, daß sie den Männern die Geliebten und den Frauen ihr Eigenleben raubten. Der Konflikt nahm in vielen Fällen den Charakter der Unvereinbarkeit an: Kinder oder soziale und berufliche Gleichheit; Kinder oder Selbsterfüllung. Die Ehe, einst eine Einrichtung zur Vermögensbildung, wurde zu ihrer sozialen Rechtfertigung immer mehr abhängig von der Kinderaufzucht und geriet dadurch trotz aller Aufwertungsversuche konservativer Regierungen mehr und mehr in Mißkredit. Eine ständig wachsende Zahl von Menschen sah in ihr eine Bürde, die sie weder tragen konnten noch wollten.
Noch grundlegender war, daß das Identitätsgefühl, welches der Besitz von Kindern den Eltern einst verschafft hatte, nun, in den 70er und 80er Jahren aus allen möglichen anderen, weniger beanspruchenden Besitztümern bezogen werden konnte. Darüber hinaus war das Bewußtsein der Kontinuität, das Kinder boten, in einer von atomaren und ökologischen Katastrophen bedrohten Welt fragwürdig geworden. Schließlich bewirkten Werbung und Mode im kapitalistischen Westen eine unnatürliche Bewußtseinsveränderung: Jugendlichkeit war das Ideal, die Reife des Erwachsenen wurde ertragen, das Alter säuberlich aus dem Blickfeld entfernt, der Tod zum Tabu gemacht. Kinder gerieten so in den Brennpunkt einer westlichen Zivilisationsneurose: erwünscht, wenn sie erwünscht wären, und dann meist aus den falschen Gründen, und geliebt, wenn sie geliebt wurden, allzu oft aus einer unbehaglichen Mischung von animalischem Wärmebedürfnis und Schuldgefühl.
Gegen diese Situation verteidigten die Kinder sich, so gut sie konnten, meistens mit einer manipulatorischen und letzten Endes das eigene Bemühen zunichte machenden Schlauheit. In dem Bewußtsein, daß sie ungeliebt waren, wurden sie unausweichlich unliebenswürdig. Umarme heute ein Kind, baten die Autoaufkleber und die Kluft zwischen den Generationen wurde volljährig: an einem Ende der Skala mißhandelte Säuglinge; am anderen mißhandelte Eltern. Und dies alles inmitten einer katastrophenhaften Bevölkerungsexplosion, die bereits eine Anzahl schwerer Krisen ausgelöst hatte: eine Energiekrise, eine Umweltkrise, eine Unterbeschäftigungskrise, eine monetäre Krise und eine internationale politische Krise.
So war der historische Augenblick günstig gewesen. Als in dieser Situation ein positiver, ja, geradezu ekstatischer Anreiz geboten wurde, mit eben den Verhaltensweisen, die zuvor zur verhängnisvollen Bevölkerungsexplosion geführt hatten, nun deren Gegenteil zu erreichen, war abzusehen, daß die Menschen davon Gebrauch machen würden. Daher der Erfolg der CH-International. Sie stellte angesichts schwärzester Zukunftsperspektiven ein Gegenmittel bereit, daß der Vergnügungssucht und Verantwortungslosigkeit Rechnung trug. Und mit der Verfügbarmachung dieses Mittels mußte man wirklich Kinder wollen, bevor man bereit war, die altmodische Alternative zu wählen, jenes unklare Empfinden halbwegs zwischen einem Gähnen und einem Niesen.
Die Leute hatten lange schon einen Vorwand gesucht, und jetzt hatten sie ihn. Die konventionelle Empfängnisverhütung war niemals ganz zufriedenstellend gewesen: von berüchtigter Unzuverlässigkeit, war sie entweder mechanisch störend oder eine physiologische Belastung. GH-International hingegen bot totale Sicherheit plus Gefühlsverstärkung jenseits aller überkommenen Vorstellungen … Ein Nebeneffekt des Erfolgs von CH-International war dabei die Wiederherstellung der Elternschaft als ehrenhafter Zustand. Sie demonstrierte nun die bewußte Akzeptanz der Verantwortung, den bewußten Wunsch nach Kontinuität. Und die bewußte Ablehnung einer lustbetonten Lebensweise.
In Anerkennung dieser Haltung wurde der Huppeltag eingeführt, der Tag, an dem Kinder in aller Welt ihren Dank ausdrückten, daß sie bewußt gezeugt worden waren.
Die Bevölkerungszahlen gingen zurück. Zuerst im wohlhabenden Westen, nicht lange danach aber in weltweitem Maßstab. Denn die frühen Huppelgeräte waren einfach, erforderten keine körperliche Manipulationen und verstießen kaum gegen religiöse Überzeugungen. Überdies verteilte die Weltgesundheitsorganisation im ersten Jahrzehnt einhundert Millionen Geräte gratis. So daß jeder, ob schwarz oder weiß, braun oder gelb, Moslem, Hindu, Christ, dialektischer Materialist, Rosenkreuzer, Jude und Buddhist, von Aachen bis zum Zululand mit einer beinahe unwiderstehlichen Alternative zur herkömmlichen Fortpflanzung versehen war. Die katholische Kirche hielt am längsten aus und leistete manchenorts noch immer Widerstand. Aber es gab eine Kettenreaktion: schrumpfende Bevölkerungen führten zu wachsendem Wohlstand, und wenn auch dem einfachsten Bauern ein Huppelgerät und die gesetzlich garantierte Aussicht auf eine Rente im Alter von sechzig Jahren geboten wurde, nahm er es an und gebrauchte es. Das Ding war handlich, narrensicher, klimafest, beinahe unzerstörbar, und wurde durch Körperelektrizität automatisch aufgeladen. Sein Gebrauch sollte auch die alte Streitfrage beantworten, ob es einen dem Menschen innewohnenden Drang zur Fortpflanzung gebe: der Drang, so schien nun erwiesen, war tatsächlich ganz und gar fleischlich. Andere Dränge, hauptsächlich sozialer Natur, existierten unleugbar, aber der Wandel der Zeiten und Anschauungen veränderte auch sie.
Überall änderten sich die Zeiten. Bei rasch sinkender Bevölkerungszahl war die Automation keine Drohung mehr. Eine zentrale Industrieverwaltung steuerte und überwachte die Produktion der mehr und mehr selbsttätig arbeitenden Fabriken. Sie erzeugten, was benötigt wurde, und erzeugten nicht, was überflüssig war. Es gab Muße, und den Raum, sich ihrer zu erfreuen. Wirtschaftswachstum war unnötig. Die Bevölkerungen stabilisierten sich. Die Menschen hatten die Wahl, und es war nicht überraschend, daß genug von ihnen sich für Kinder entschieden. Während die übrigen ihr Leben nach eigenem Gutdünken gestalteten. Wer Gleichheit wollte, konnte sie haben. Und Conrad Huppel wurde zum Retter der Zivilisation erklärt.
Er lebte noch, inzwischen vierundachtzigjährig, in einem aus zwei Räumen bestehenden abgelegenen Häuschen auf den Hebriden, dreißig Kilometer vor der schottischen Küste. Besucher waren nicht erwünscht, und von den wenigen, denen es gelang, über den mit Selbstschußanlagen verminten Stand und an den Wachhunden des kauzigen Millionärs vorbeizukommen, sagten manche, er sei verrückt wie ein Eichelhäher. Andere meinten jedoch, er habe auf sie einen außerordentlich glücklichen Eindruck gemacht.
Dies war die Gesellschaft, in der Pete Laznett aufgewachsen war: friedlich, krisenfrei, in universaler Auskömmlichkeit lebend. In den vergangenen dreißig Jahren hatte sich wenig geändert, außer zum Besseren. Die myoelektrischen Komponenten des Huppelgeräts waren jetzt miniaturisiert und wurden den Erdenbürgern beiderlei Geschlechts nach Vollendung des zehnten Lebensjahres eingepflanzt. Ein kleiner drahtloser Aktivator oder ›Sender‹, der auf das Implantat eingestellt war und eine Reichweite von zwei Metern hatte, war ästhetischer als das frühere integrierte Gerät, das körperlichen Kontakt benötigt hatte. Den Laznett-Eltern hatte die Idee des Implantats nicht gefallen, aber es war wie mit dem roten Dreirad – alle Kinder hatten eins.
Dann gab es die Spiele. Anders als das Huppelgerät hatten die Spiele keinen anerkannten Erfinder. Sie stellten vielmehr eine logische Entwicklung in einer bereits von chronischer Spielleidenschaft befallenen Gesellschaft dar – in welche das Huppelgerät natürlich ausgezeichnet gepaßt hatte. Aus den primitiven Videospielen, den Peng-pengs, der 80er Jahre entstanden, waren sie die Antwort der an Bildschirmspiele gewöhnten Bevölkerungen der Industriestaaten an die problemlosen Bedingungen einer stabilen, von intelligenter Technologie gesteuerten Zivilisation. Ihrem durch geringe berufliche Auslastung beschädigten Identitätsgefühl wurde aufgeholfen, als die Leute entdeckten, daß sie, statt zu sein, was sie taten, werden konnten, was sie spielten. Auch kanalisierten die Spiele ihre Aggressionen und öffneten ein Gebiet für persönliche Leistung und die Möglichkeit öffentlichen Ruhmes. Sie wurden auf vielen verschiedenen Ebenen und aus vielen verschiedenen Gründen gespielt aber sie hielten das Interesse der Menschen wach … und waren aus versuchsweisen Anfängen in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bis zu der Zeit als Pete seine Eltern verlassen hatte, zu einer sehr wettbewerbsorientierten Organisation mit Bezirks-, Landes- und Weltmeisterschaften gewachsen.
Die traditionellen Berufe existierten natürlich weiter, und die Kenntnisse, die Pete im College erworben hatte, hätten ihn dort einen Platz finden lassen. Er hätte nach seiner Ausbildungszeit dort auch in der Zentralen Industrieverwaltung bleiben und sich mit der Verteilung beschäftigen können – einem an Anforderungen reichen Gebiet, da kein Einzelhändler außerhalb der Nahrungsmittelbranche Vorräte am Lager hielt, sondern Bestellungen einschickte, wie er sie erhielt und sich dabei auf rasche Lieferung verließ, um seine Kunden bei Laune zu halten. Durch dieses Mittel und durch regelmäßige Bedarfsprüfungen konnte die Zentrale Industrieverwaltung die Produktion auf den tatsächlichen Bedarf ausrichten, geschützt vor den Verzerrungen der Werbung, die in einem wettbewerbsfreien, nicht an Wachstum orientierten Wirtschaftssystem beinahe ganz verschwunden war.
Pete hatte sich jedoch für die Verwaltung der Spiele entschieden. Sie schloß ihn von der tatsächlichen Teilnahme an den Spielen aus, da er aber von Natur aus nicht wettbewerbsorientiert war, machte es ihm nichts aus. Er war gut in seiner Arbeit, und sie befriedigte ihn, und er glaubte an ihren gesellschaftlichen Wert. Mit dreißig Jahren hatte man ihn zum Schiedsrichter auf regionaler Ebene ernannt, und nun war er auf dem Weg, der jüngste Inspektor der Verwaltung zu werden.
Er schreckte jäh aus dem Schlaf und setzte sich im Bett auf. Die Sonne schien zu den Fenstern herein. Grace war fort, und er vermutete, daß es das Schließen der Tür hinter ihr gewesen sei, das ihn geweckt hatte.
Sie hatte ihm gesagt, daß sie jeden Morgen zum Strand hinunterging, also griff er zu Hose und Schuhen und lief ihr nach. Die Luft war noch kühl, frisch und duftend, der Morgen strahlend. Er trottete die baumbestandene Straße hinab, durch goldene Balken schräg einfallenden Sonnenscheins, den sandigen Asphalt unter den Füßen, dem verheißungsvollen Glanz von See und Himmel entgegen. Er kam über den Felsen heraus und sprang leichtsinnig von Absatz zu Absatz durch das zerklüftete Felsgelände hinab. Zu seinen Füßen sah er Grace in ihrem blauen Trainingsanzug den Strand entlang laufen. Er rief ihr zu und winkte. Sie wandte sich halb um, winkte zurück und lief weiter.
Wo der Sand anfing, blieb er eine Weile stehen und sah ihr nach. Der Strand zog sich in einer scheinbar endlosen, sanft geschwungenen Perspektive hinaus, begrenzt auf einer Seite vom dürftigen Gras der Dünen und auf der anderen von langen, niederen Brandungswellen, die sich kurz vor dem Auflaufen gleichsam wie im Traum vornüber neigten und in sich zusammenfielen. Während Grace unverdrossen weiterlief, so klein schon in der Entfernung, daß sie sich kaum fortzubewegen schien.
Er beherzigte den Hinweis und stieg wieder die Felsen hinauf, bereit, sich ihrer überlegenen Umsicht zu beugen. Das Leben war lang. Vielleicht würde es andere Morgen geben. Er ging die Straße zurück, den Rest seiner Kleidung aus dem Haus zu holen.
Mrs. Shakewell – Alice – saß in einem formlosen orangefarbenen Bademantel auf ihrer Terrasse und trank Kaffee. Als er näher kam, winkte sie ihm zu. »Morgen, Pete Laznett.«
»Morgen, Alice Shakewell.« Abschätzend. Er ging weiter.
»Im Topf ist genug für zwei, Pete Laznett.«
Er wandte sich um. Sie hob eine Tasse und zeigte sie ihm. »Ich bringe immer eine mehr heraus. Leute kommen vorbei.«
Er zögerte, warf einen Blick die Straße hinunter zum Strand. »Ich …«
»Das ist schon in Ordnung. Sie wird noch mindestens eine halbe Stunde ausbleiben.«
»Danke.« Sie wußte viel, diese Alice. Er stieg die Stufen zu ihr hinauf. »Sie sind eine Frühaufsteherin.«
»Ich mag die Kühle. Später wird es so heiß.«
Sie schenkte Kaffee ein und reichte ihm die Tasse. Er setzte sich. »Ihre Tochter ist etwas Besonderes«, sagte er.
»Ja. Ich weiß es. Ein Jammer, daß wir nicht miteinander auskommen.«
»Tut mir leid, das zu hören.«
»Dann hat sie es Ihnen nicht erzählt? Nein. Nein, ich nehme an, ihr hattet Besseres zu besprechen.«
Auch sie, auf der Terrasse, an diesem strahlenden Morgen, hatten Besseres zu besprechen. »Ihr Haus gefällt mir sehr, Alice.«
»Mir auch. Und ich habe meine Arbeit. Ich kann von Glück sagen.«
Es war ihr Ernst. Unter ihnen kam ein Waschbär aus den Büschen, schnüffelte herum, überquerte trippelnd die Straße. Pete trank den Kaffee. »Sie wollten mir etwas sagen?«
»Eigentlich nicht. Ich wollte Sie bloß ein bißchen besser kennenlernen.«
Ein rotes Licht leuchtete auf. »Ich bin nur zu Besuch hier.«
»Das ist keine Disqualifikation. Sie sind trotzdem jemand.«
»Ich meinte …«
»Ich weiß, was Sie meinten. Und glauben Sie mir, ich bin keine Kupplerin. Sie sind nur auf Besuch hier. Wie alle anderen.«
»Das klingt bitter.«
»Oberhaupt nicht. Besuche sind etwas Schönes.«
Sie wich aus. Auch gut, dachte er. »Darf ich Sie etwas fragen?«
»Das haben Sie gerade.« Sie lächelte ihn über ihre Tasse hinweg an. »Auf eine dumme Frage gehört eine dumme Antwort.«
Er ließ sich nicht beirren. »Warum schickten Sie Grace nach Frankreich?«
»Gab ihr eine Karriere, nicht wahr?«
»Aber warum Frankreich? War ihr Vater Franzose?«
»Ich verstehe. Ein weiter Umweg, aber schließlich sind Sie ans Ziel gekommen. Grace hatte keinen Vater.«
»Sie muß einen …«
»Nicht in der Weise, wie Sie meinen. Ich bekam sie durch künstliche Befruchtung. Anonymer Spender.«
Er glaubte es nicht. Er erinnerte sich daran, was Grace ihm von diesem primitiven Macho-Typ erzählt hatte, der Söhne gewollt hatte. »Aber was ist mit ihrem Namen? Wo haben Sie …?«
»Er stand auf der Flasche.«
Ihr Tonfall machte ihn ebenso stutzig wie das, was sie gesagt hatte. Es war leidenschaftslos, ein wenig gelangweilt. Und ob er sie mit seinen Fragen verdroß oder sie mit sich selbst unzufrieden war, schien kaum von Belang.
Sie runzelte die Stirn und stellte die Tasse zurück. »Es war nur ein Protest«, fuhr sie fort. »Ich wollte den Spießern hier ins Gesicht spucken. Damals schien es ein guter Scherz zu sein. Es war natürlich keiner. Aber ich konnte ihn nicht rückgängig machen, also blieb er an mir hängen.«
Pete schien es der abstoßendste Scherz zu sein, den er je gehört hatte. »Weiß Grace davon?«
»Natürlich. Die Todessehnsucht, Pete Laznett. Sie heißt Wahrhaftigkeit.«
Theatralisches Getue. Von ihr, enttäuschend. »Es hätte gutgehen sollen«, sagte er. »Sie müssen sich sehr ein Kind gewünscht haben.«
»Vielleicht.« Sie neigte den Kopf, als versuchte sie sich zu erinnern. »Hoffentlich. Es könnte natürlich andere Gründe gegeben haben. Aber ich hoffe, ich wünschte es mir … Als Grace geboren war, ganz bestimmt.«
»Na dann …«
»Kommen Sie, Pete, Sie wissen es besser! Selbstverständlich wollte ich mein Kind. Aber wo gibt es eine Regel, die besagt, daß ich es auch mögen muß? Grace ist von ihrer Art, ich bin von meiner. Deshalb schickte ich sie jedenfalls nach Frankreich, einfach irgendwohin, wo wir einander nicht in die Quere kommen konnten.«
»Trotzdem kam sie zurück.«
»Älter und weiser. Wir beide. Und ich ließ die Wand einziehen, und der Rest hat sich ergeben. Wie ich sagte, es ist schade, daß nicht mehr daran ist, aber eine große Tragödie sehe ich nicht darin. Wir mögen einander ganz gern. Ich habe diesen Teil des Hauses, meine Arbeit … Ich kann von Glück sagen.«
Sie sagte die Wahrheit. In ihrer Stimme war nicht eine Spur von Selbstmitleid, und es war allein seine Schuld, daß sie ihm davon erzählt hatte – auf dumme Fragen bekommt man dumme Antworten. Er dachte an ihre vegetarische Überzeugung und an Graces Theorie, erwähnte aber nichts davon. Graces Probleme waren nicht die seinen.
Alice füllte ihre Tasse auf, bot ihm den Kaffeetopf, daß er sich selbst nachschenke. Dann sah sie zu, wie er es tat. »Sie müssen das glauben«, sagte sie. »Niemand sonst weiß von der Sache mit dem Namen. Also behalten Sie es für sich, ja? Ich meine, man könnte wirklich einen Zorn auf sich selbst bekommen, wenn so etwas die Runde machte. Von meiner Tochter nicht zu reden.«
Er lachte. Und unter der Deckung seines Lachens wagte er mit der Todessehnsucht Wahrhaftigkeit zu spielen. »Sagen Sie, Alice«, fing er an, »lassen Sie in all diesen Reden von Mögen nicht die Liebe aus?« Denn er hatte persönliche Gründe dafür, daß er es wissen wollte. Trotzdem schrak er zusammen.
»Liebe? Liebe?« Alice warf die Arme hoch und breitete sie aus, daß Kaffee über die Terrasse spritzte. »Grace und ich haben soviel Liebe, daß sie uns aus den Ohren quillt. Es mag sein, daß wir nicht miteinander auskommen können, aber Liebe haben wir genug, um ein Schlachtschiff flott zu machen. Ich sage Ihnen, Pete, an Liebe fehlt es uns nicht!« Sie hielt inne. »Sie fragten mich, ob ich etwas sagen wollte. Nun, vielleicht wollte ich. Wir haben Liebe, Grace und ich. Und ich danke Gott dafür!«
Sie stellte die Tasse weg, stand auf. »Der Tag geht dahin, und es wird Zeit, daß ich mich an meinen Mozart mache. Grace hatte recht – es ist zu mechanisch. Es war nett, mit Ihnen zu sprechen, Pete. Noch viel Spaß hier!«
Auch er stand auf und sah ihr nach, wie sie ins Haus ging. Der orangefarbene Bademantel wirbelte hinter ihr. Dann stellte er das Kaffeegeschirr säuberlich auf das Tablett. Er war froh, daß er es gewagt hatte. Alice Shakewell war eine bemerkenswerte Frau – ohne ihre Antwort hätte er sich vielleicht noch immer nicht mit seinem Vater beschäftigt, nicht sich selbst gequält, sondern wäre zum Abendessen wieder in der Stadt gewesen. Sie und Grace mochten nicht miteinander auskommen, aber sie hatten Liebe. Es war zu machen.
Er verließ die Terrasse, ging um das Haus zu Graces Eingang, suchte seine Kleider zusammen und zog sie an. Er stand und starrte auf das breite, zerwühlte Bett. Alice hatte gesagt, eine halbe Stunde, er mußte sich beeilen. Es würde andere Morgen geben. Das Leben war lang.
Auf dem Rückweg zur Schulman-Villa hörte er hinter sich auf der Straße ein Automobil heranschnurren. Es kam längsseits, hielt an. Er blieb stehen. An der sandgelben Wagentür war das Abzeichen einer Polizeistreife, und hinter dem Lenkrad saß ein Uniformierter.
»Kenne ich Sie?« fragte der Polizist.
»Wahrscheinlich nicht. Bin erst vorgestern gekommen.«
»Dies ist ein hübscher Ort, Mister. Die Einwohner hier sind nette Leute. Sie mögen keine Fremden.«
»Ich bin kein Fremder. Ich besuche meine Eltern. Ihr Name ist Laz …«
»Klappe, Mister! Sparen Sie sich Ihre Worte, bis ich die Kennkarte habe!«
Pete sparte sich seine Worte und händigte seinen maschinenlesbaren Personalausweis aus. Der Polizist beugte sich über sein Pistolenhalfter vor zum Kontrollgerät am Armaturenbrett und fluchte verhalten, während seine Wurstfinger an der Einstellung fummelten. Pete spähte zum Wagenfenster hinein. »Alles auf der Höhe der Zeit in Kansas City«, sagte er.
»Sind Sie von da, Kansas City?«
»Ein alter Witz. Hat nichts zu sagen.«
»Denn dieses Gerät hier beweist, ob Sie ein Lügner sind oder nicht.« Er murmelte weitere Flüche. Endlich isolierte er Petes kodiertes Signal und drückte auf die Sendetaste. »Gehirnimpulse, Mister. Unverwechselbar. Können Sie mir glauben.«
Pete glaubte es. Die Behörden in der Stadt hatten die Identifikation mittels Elektroenzephalogramm schon vor zehn Jahren eingeführt. Die Methode war genauso zuverlässig wie die Abnahme von Fingerabdrücken, aber einfacher und ideal für Funkübertragungen.
Der Polizist trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und wartete auf die Antwort der Datenzentrale. »Immer so früh unterwegs;?«
Pete blickte auf seine Armbanduhr. »Es geht auf acht. Das nenne ich nicht früh.«
»Es ist früh. Wenn ich es früh nenne, Mister, dann ist es früh.«
Der kleine Bildschirm am Armaturenbrett leuchtete auf und tickte leise, um die Aufmerksamkeit des Polizisten auf sich zu lenken. Der beugte sich schnaufend vor und fuhr mit einem dicken kurzen Finger die Schriftzeilen nach.
»Nun fangen Sie mal an, Mister.« Ohne aufzublicken. »Zuerst Namen und Anschrift, hübsch langsam.«
Pete sagte es ihm, hübsch langsam.
»Vorstrafen?«
Pete sagte, keine.
Der Polizist verglich mit den Daten auf seinem Bildschirm und grunzte. »Geburtsdatum?«
Pete sagte es ihm.
»Eltern?«
Pete sagte ihm auch das.
»Kommt hin, Mister. Kommt hin … Geburtsort?«
»Hier auf der Landzunge. Ferry Lane vier.«
»Sagen Sie – das ist ja nicht weit von hier … vielleicht sind Sie doch kein Fremder, was das angeht.« Er lehnte sich zurück.
»Kann ich jetzt gehen?«
»Will Ihnen was sagen, Mister – kannte nie einen aus Kansas City, der so sprach.«
»Kann ich jetzt gehen?«
»Scudder Laznetts Junge?«
»Wenn nicht, dann laufe ich mit seinem EEG herum.«
»Scudder Laznetts Junge … sieh einer an …« Eine große haarige Hand erschien in der Fensteröffnung. »Ich bin Ev Scannel. Freut mich.«
Pete schüttelte die Hand. »Aha.«
»Was macht Scudder dieser Tage, Pete? Hab ihn seit … oh, Monaten nicht gesehen.«
»Es geht ihm gut. Wie immer.«
»Scudder Laznetts Junge … Na, dann sagen Sie dem alten Geier, daß ich ihn liebe, ja?«
»Das werde ich tun.«
»Ja, ja, tun Sie das! Wer hätte das gedacht – Scudder Laznetts Junge … sieh einer an …«
Der Polizeiwagen fuhr langsam weiter, Kiefernnadeln zerknackend. Pete sah ihm nach, bis er nach links zum alten Van Dayton-Landsitz abbog und außer Sicht kam. Da die Landzunge sich ganz in Privatbesitz befand, mußte sie über die Bürgervereinigung das städtische Polizeipräsidium für ihren Schutz bezahlen. Offenbar bekam sie etwas für ihr Geld.
In der Schulman-Villa saßen Scudder und Maudie beim Frühstück. Sein nächtliches Ausbleiben wurde nicht erwähnt, aber er konnte sehen, daß sie vor Neugier vergingen. Maudie sagte, es sei ein Brief für ihn da, also ging er ins Herrenzimmer und tastete seinen Kode in den Datenanschluß, worauf die Ausdruckstation den Brief freigab. Er war von Emma.
Lieber Pete,
wie geht es? Mühsam, denke ich mir. Schließlich kann niemand wieder dort anfangen, wo er vor siebzehn Jahren aufgehört hat. Du wirst eben geduldig sein müssen, und wie ich Dich kenne, wirst Du es sein. Du hast Deinen Eltern alles voraus – Du bist jung und kein Dummkopf, und Du kennst die Welt. Und der Sommer ist noch lang, wenn es sein muß. Also halte nur aus – hier oben gibt es nichts, was nicht warten könnte …
Den ganzen Sommer … Er schloß die Augen. Bei allen guten Vorsätzen bezweifelte er jetzt, ob er die Woche aushalten würde. Er war erst seit fünf Minuten wieder im Haus, und schon hatte die darin herrschende emotionale Aufladung ihn so weit, daß er zuckte. Und außerdem, wenn man es bei Licht besah, was hatte er seinen Eltern wirklich voraus? Nichts. Gut, er war jung, und kein Dummkopf, und er kannte die Welt. Aber ihre Welt war wieder etwas anderes. Kein Mensch konnte die kennen.
Nein, wäre Grace nicht gewesen, er hätte längst aufgegeben. Seufzend kehrte er zum Brief zurück.
… Den gestrigen Abend verbrachte ich mit John. Wir gingen seine Ergebnisse durch, die wirklich eindrucksvoll sind. Sagte ich Dir, daß er die McPhee-Kopfhörer bei autistischen Patienten verwendet hat? Zuerst geschah es nur, um sie zu beruhigen, aufzuschließen. Aber ich schwöre, er bringt echte Kommunikation zustande. Da war zum Beispiel dieses Madchen, das den ganzen Tag bloß dasaß und Stecknadeln in ein Brett klopfte. John versuchte es mit dem Rechenband. Gleichmäßige Muster, ruhig und leicht. Er dachte, daß sie vielleicht versuchte, etwas herauszubringen, und die eine oder die andere Gruppierung wiedererkennen würde. Ein totaler Mißerfolg. Also versuchte er es statt dessen mit Zorn – und ich sage Dir, es war ein Volltreffer. Ich sah eine Videoaufnahme von dem Mädchen; es hat das Brett mit den Stecknadeln in die Ecke geworfen und spricht über das Mikrofon zu ihren Kopfhörern, als ob sie eine alte Freundin vor sich hätte. Heute die Kopfhörer, morgen vielleicht der Mann, der sie ihr gibt …Es mag sich nicht sehr aufregend lesen, Briefe sind umständlich und schwerfällig, aber wenn Du die Videoaufnahme gesehen hättest, würdest Du wissen, was ich meine.
Übrigens gehe ich heute abend in das Patterson-Konzert. Ich glaube, in meinem letzten Brief schrieb ich, es sei Donnerstag, aber das stimmte nicht. Ich werde Dir meine Eindrücke berichten. Teile davon werden im Fernsehen ausgestrahlt, soviel ich weiß, aber das ist eben nicht das gleiche. Die Klinik ruft. Bis
wann immer …
Emma
Er schaute aus dem Fenster des Herrenzimmers. Der Ausblick umfaßte borkige Baumstämme, einen von felsigen Schichtenköpfen durchbrochenen Wiesenhang und, zwischen Sträuchern und Bäumen hervorlugend, Teile des Nachbarhauses. Das Carter-Anwesen, dachte er. Harold Carter, nicht Millie … Wenn das Patterson-Konzert übertragen wurde, wollte er es probeweise einschalten. Immer vorausgesetzt, daß Grace nicht anrief. Später könnte er vielleicht sie anrufen. Es stand ihr immer frei, nein zu sagen … Aber er glaubte selbst nicht recht, daß er es tun würde. Wie er Alice gesagt hatte, war er nur zu Besuch da.
Er trug Emmas Brief in sein Zimmer hinauf und steckte ihn zu dem anderen in die Schublade. Dann ordnete er seine Hemden so, daß sie die Ausdrucke bedeckten. Seine Mutter sah zu viele Bedeutsamkeiten. Er bewahrte sie nur auf, bis er Zeit und Lust zur Beantwortung hatte.
Als er in die Küche kam, briet Maudie Spiegeleier. »Du hast dir Zeit gelassen«, sagte sie. »Jetzt sind sie verbrutzelt.«
Keine Schüsse aus dem Hinterhalt mehr, dachte er. Fang an, wie du weitermachen willst! Wie du gleich hättest anfangen sollen. »Wie du sagtest, es ist meine Zeit.«
Scudder machte ihm Platz am Tisch, und er setzte sich. Der alte Mann las in einer Zeitschrift für Elektronik, die er gegen eine Packung Haferflocken gelehnt hatte. Die Seite trug die Überschrift Lasermodulation: Verwendung und Gefahren. Maudie füllte Petes Teller und setzte ihn ihm vor. Dann lehnte sie beim Herd und sah ihm zu.
»Ich sagte, sie sind verbrutzelt. Es ist deine eigene Schuld.«
»Willst du, daß wir deswegen Streit anfangen?«
»Es ist mir bloß verhaßt, gutes Essen vergeudet zu sehen.«
»Ich esse es ja, nicht?«
Scudder blickte über den Rand seiner Zeitung. »Hast du vor, heute Nachmittag die Bildschirme zu benutzen, Pete? Ich habe da ein paar Geräte eingeschaltet, die zu Testzwecken angeschlossen bleiben müssen.«
»Heute nachmittag? Nein, da gibt es nichts. Heute nachmittag beschäftige ich mich mit Papierkrieg.«
»Denn du könntest immer noch Maudies Gerät benutzen.« Sein Vater warf ihr einen schlauen Blick zu. »Das heißt, wenn sie dich läßt.«
Er sah, daß er in etwas hineingeraten war. Er wurde benutzt. »Den Bildschirm brauche ich nicht, aber einen Datenanschluß.« Er wandte sich zu ihr, wie es sich gehörte. Nicht zu beanstanden. »Ist dir das recht, Mutter?«
»Du hast deine Arbeit, Junge. Es ist nicht meine Sache, dir im Wege zu stehen.«
Er konnte nicht gewinnen. Aber wenigstens hatte er nicht verloren. Sie schenkte ihm Kaffee ein, setzte ihm einen sauberen Teller vor, gab ihm frisch aufgebackene Semmel, schob den Gelee über den Tisch, füllte ihm die Kaffeetasse nach. Er ließ sie gewähren. Und Scudder las seine Zeitschrift.
»Auf dem Weg hierher wurde ich vorhin von Ev Scannel angehalten«, sagte Pete. »Er überprüfte mich. Ich soll dir von ihm ausrichten, daß er dich liebt.«
Scudder hob seinen Blick nicht von der Zeitung. »Der verdammte Heuchler. Würde nichts lieber tun als mich einlochen.«
»Weswegen?«
»Weil ich atme.«
Erst Maudie, und nun Scudder. Pete kam nirgendwo voran. Er war wieder eingetaucht, weiß Gott, als ob diese siebzehn Jahre nicht gewesen wären. Warum nahm er es auf sich? In der Tat, warum?
Er verbrachte den Vormittag mit Haushaltgeräten. Sein Koordinator postulierte einen Streik in der Instandhaltung automatischer Fertigungseinlagen. Die Spieler begegneten der Situation, so gut sie konnten, was in den meisten Fällen nicht sehr gut war.
Das Mittagessen war besser. Scudder war in seiner Werkstatt verschwunden, sobald Pete sein Frühstück beendet hatte, und als er mit Verspätung wieder in der Küche erschien, war er in Hochstimmung. Er verkündete, daß er sich einen freien Nachmittag gegeben habe. Die Sonargeräte der Küstenwache wollten in Strandnähe einen großen Makrelenschwarm geortet haben, und er und der alte Meikeljohn hatten ausgemacht, daß sie ihre Anglerstiefel anziehen und in die Brandung hinausgehen wollten, um ein paar von ihnen herauszuholen.
Maudie mißbilligte seinen Umgang mit dem alten Meikeljohn, der, wie es schien, noch immer die Müllabfuhr besorgte. Aber sie räumte ein, daß es besser sei, wenn Scudder unten am Strand angelte, als seine Gesundheit über den Bildschirmen anderer Leute zu ruinieren.
Scudder schlang sein Essen hinunter, dann ging er über den Hof, um seine schwere Angelrute und fünfzig Kilo Leine aus einem der Schuppen zu holen. Während er fort war, kam der alte Meikeljohn und schlug an die Küchentür. Maudie ließ ihn ein, und er sagte Pete, daß er voller geworden sei und sich in der Stadt gut herausgemacht habe, aber bei alledem sei er nicht halb so viel von einem Mann wie sein Vater. Er trug Anglerstiefel bis zum Gürtel und stampfte in der Küche herum, schaute in die Schränke und roch mächtig nach dem Müll, mit dem er umging. Er war ein alter, vom Leben gebeutelter Mann, aber er war auch ein Sturzbach von Leben, der ungefähr alles in Gefahr brachte, was es in Maudies altmodischer Küche gab. Pete mochte ihn. Zu Winston Schulmans Zeiten hätte man ihn auf dem Hof warten lassen.
Scudder kam mit Angel und Leine zurück. Vor der Küchentür mühte er sich in seine Anglerstiefel, und die beiden machten sich umgänglich fluchend auf den Weg. Nichts war zerbrochen worden, nichts war auch nur in Unordnung gebracht, und doch war es, als sei ein Wirbelwind durch die Küche gegangen. Scudder war wie ausgewechselt gewesen, ein neuer Mensch, sah man ab von den Anglerstiefeln, die er, stubenrein erzogen, draußen vor der Küchentür angelegt hatte. Pete wäre gern mit ihm gegangen.
Zehn Minuten später kam ein Anruf. Maudie nahm ihn entgegen. Es war Millie Carter, deren Stimme durch die ganze Küche drang, als sie nach Scudder fragte. Maudie sagte ihr, er sei ausgegangen, funkelte Pete an, sagte nein, sie wisse nicht, wohin.
»Aber das ist schrecklich, Maudie, du mußt!« schrillte es aus dem Hörer. »Maudie, ich schwöre, du führst mich an. Maudie, ich muß darauf bestehen!«
»Bestehe darauf, soviel du willst, meine Liebe!«
Darauf folgte eine lange Pause.
»Aber ich brauche ihn. Du weißt nicht, was hier los ist. Wenn er nicht kommt, dann … dann … Ich …« Sie kam nicht weiter.
Pete schaltete sich ein, denn sie schien in ernsten Schwierigkeiten. »Pete hier, Mrs. Carter. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«
»Ich wünschte, du könntest, Pete. Ehrlich, ich weiß es nicht.«
»Hat es was mit Ihren Bildschirmen zu tun?«
»Ich sage dir, Pete, ich bin am Ende meiner Weisheit. Sie machen den armen Gaston ganz verrückt. Um drei hat er diese Sitzung mit seinem Schiedsrichter – er hat den ganzen Morgen daran gearbeitet, es geht auf Biegen und Brechen. Und nun ist alles meine Schuld – man könne sich auf nichts mehr verlassen, sagte er. Wir seien so verdammt primitiv hier unten und …«
»Worin genau besteht die Schwierigkeit, Mrs. Carter?«
»Die Schwierigkeit? Was soll ich dir sagen, Pete, da ist diese Unscharfe, dieser Dunst, diese Art von dichtem Nebel, der …«
»Hat er es mit der Feineinstellung probiert?«
»Pete mein Junge, er ist so wild, daß er es sogar mit dem Lomparex im Erdgeschoß versucht hat.«
»Hört sich nach einer Störung an, Mrs. Carter.«
»Das sagt er auch … Um Himmels willen, Pete, gibt es denn da kein Gesetz? Ich meine, können wir nicht jemanden anrufen? Ich meine, wie ich dir sagte, Pete. Es geht um alles. Und nun ist da diese verdammte Bildstörung, dieser Nebel …«
»Könnten Sie eine Minute am Apparat bleiben?« Ihm war etwas eingefallen: die fehlerhafte Feineinstellung am Sendeteil in Scudders Werkstatt. »Mrs. Carter, bleiben Sie bitte dran. Vielleicht kann ich helfen. Wenn Sie eine Minute warten wollen. Können Sie das für mich tun. Einfach warten?«
Er bedeutete seiner Mutter, weiterzusprechen, und eilte aus der Küche. Hinter ihm fragte Millie Carter wieder, ob es denn kein Gesetz gebe, das jemanden verpflichte, sofort zu kommen und das Gerät zu reparieren.
Er ging hinauf zu Scudders Werkstatt. Die Tür war abgesperrt, aber seine Stimmaufnahme verschaffte ihm Zutritt. Er setzte sich an den Schreibtisch, holte tief Atem und sammelte sich. Er hatte vergessen, seinem Vater von der fehlerhaften Feineinstellung zu berichten. Eine Bewegung auf der Konsole fiel ihm ins Auge, die langsam rotierenden Spulen einer Videoband-Schleife. Der Schalter stand auf SENDEN, der Zerhacker war eingeschaltet. Scudder hatte gesagt, daß er Geräte ausprobieren wolle. Pete pfiff leise durch die Zähne. Wenn die Geräteerprobung bedingte, daß den ganzen Nachmittag lang eine Bandschleife gesendet wurde, dann war es kein Wunder, daß Scudders Rechnung über Bildschirmzeit ein dicker Brocken war.
Er schaltete das Bild ein und drehte an der Einstellung, als Scudders Antlitz sehr verschwommen auf dem Bildschirm eins erschien. Die Synchronisation lag offensichtlich weit daneben und strahlte in einem breiten Bereich Interferenzen ab.
Mit dem Bild kam der Ton: »… dann möchte ich Sie willkommen heißen, Freunde. Denn wenn Sie mich jetzt eingeschaltet haben, müssen Sie zu der Einsicht gekommen sein, daß Sie und ich in vielen wichtigen Fragen übereinstimmen. Rufen wir uns ins Gedächtnis zurück, daß nichts auf dieser Welt ewig währt. Sehen Sie, es gibt eine Menge von uns, und wenn wir uns zusammentun, dann …«
Pete, der kaum hinhörte, justierte die Feineinstellung, und die Unschärfe verschwand. Scudders Züge traten klar hervor, das eckige Kinn, die etwas ausgefallenen grauen Altmännerwangen, die beängstigend eindringlichen Augen unter den schweren Brauenbögen. Und die Beschriftung auf dem Knopf, den er, gleichsam als Motto, an den Brustlatz seiner blauen Trägerhose geheftet hatte: BILDSCHIRM AUS!
Pete war plötzlich wie elektrisiert. Worte und Bild kamen zusammen, ergaben einen Sinn: Scudders Sinn.
»… Sie wissen es so gut wie ich. Diese Bildschirme sind die Wurzel des Übels, und nur indem wir sie verbannen, werden wir Änderungen erreichen. Aber Sie und ich, Freund, wir müssen die Sache Schritt für Schritt angehen. Sie kennen mich nicht, und ich kenne Sie nicht. Das erste Gebot ist, vertraue niemandem. Ich biete Ihnen einen Weg, die Verhältnisse zu ändern – aber ich könnte irgendwer sein, ein Spinner, der irgendwo sitzt und eine Sendung losläßt. Also werde ich folgendes tun …«
Pete stand auf. Er war angewidert. Entsetzt. Wegen einer Kleinigkeit war er heraufgekommen, nur um eine fehlerhafte Einstellung zu berichtigen. Und nun war ihm dies in den Schoß gefallen, dieser idiotische Versuch, Mitverschwörer zu werben … und wogegen? Gegen Bildschirme? – Er schüttelte den Kopf; darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Er wußte nicht, was, zum Henker, er tun sollte.
Er schaltete den Ton wieder aus, ließ das Band laufen und ging langsam die Treppe hinunter. Er dachte an seinen Vater, den armen verdrehten Alten, wie er draußen in der Brandung stand, bis zum Gürtel im Wasser, seine. Angelschnur auswarf und einholte. Er erinnerte sich an Scudders mühsam unterdrückte Heftigkeit, seinen stieren Blick, als er diese ›großartige neue Welt‹ mit einem Haufen Scheiße verglichen hatte. Er erinnerte sich auch an den Krater draußen im Wald. Ein Mittel, um die Verhältnisse zu ändern? Er schauderte. Lieber Gott, dieser arme, verrückte alte Revoluzzer.
Er erreichte die Küchentür. Millies Stimme drang schrill aus dem Hörer.
»Maudie? Hör mal, Maudie, ich weiß nicht, was dieser Herzensjunge von dir gerade gemacht hat, aber du kannst ihm von mir sagen, daß er ein Genie ist. Das Bild ist gut. Kein Nebel mehr, nichts … Gaston ist im siebten Himmel. Also sag deinem Jungen, daß er ein richtiges Genie ist, ja?«
Pete fing den Blick seiner Mutter auf, legte den Zeigefinger an die Lippen und zog sich leise zurück. Die Tür fiel hinter ihm zu. Die verdammte Millie Carter. Ohne die und ihren verwünschten Gaston wäre er nicht hinaufgegangen, hätte nicht sehen müssen, was er nicht sehen wollte. Nicht hören, was er nicht hören wollte. Ohne Warnung sah er sich in einen Alptraum gestoßen. Scudders kriminelle Torheit, ihre Implikationen … er wollte mit beiden nichts zu schaffen haben.
Seine Knie zitterten. Er stand eine Weile im Speisezimmer, die geballten Fäuste auf die helle Marmorplatte des Tisches gestützt, die Knöchel weiß auf dem geäderten Weiß des Steins, die Augen geschlossen, die Gedanken abwehrend zurückgedrängt. Unter den offenen Fenstern zischte und rauschte ungehört die Brandung. Ungesehen krochen Sonnenschein und Schatten millimeterweise über den gewachsten Parkettboden. Zeit verging.
Als er sich erholt hatte und dazu fähig fühlte, richtete er sich auf, ruhig jetzt, kehrte der Marmorplatte den Rücken und stieg wieder die Treppe hinauf. Wenn er seinem Vater helfen sollte, und sein Vater hatte Hilfe bitter nötig, dann mußte er wenigstens vom Anfang bis zum Ende hören, was der arme verrückte alte Teufel zu sagen hatte.