5
Gracila hatte geträumt und wachte lachend auf, glücklich darüber, daß sie den gestrigen Tag noch einmal im Traum hatte erleben dürfen.
Sie waren drunten am Bach gewesen, und Lord Damien hatte geangelt.
Er hatte am Abend zuvor seine alten Angelruten in der Waffenkammer entdeckt, hatte sie zum Bach hinuntergetragen und im hohen Gras versteckt.
Am Morgen hatte er Sampson satteln lassen und Millet gesagt, er unternehme einen längeren Ritt, sei zum Mittagessen nicht zurück, würde aber gern ein paar Sandwiches mitnehmen.
Millet war zu Mrs. Bates, der alten Köchin, gelaufen und hatte ein Picknick für Seine Lordschaft bestellt.
Schon ein paar Minuten später hatte Gracila die Nachricht erreicht, daß Seine Lordschaft ausreite, erst am Nachmittag zurückkäme und sie daher das Haus verlassen dürfe.
„Das Wetter ist so herrlich“, sagte sie zu Mrs. Hansell. „Könnte ich nicht ausnahmsweise eine Kleinigkeit zu essen mitnehmen? Es ist doch schade, wenn ich nur wegen des Mittagessens zurückkommen muß.“
„Da haben Sie recht, Mylady“, hatte Mrs. Hansell entgegnet. „Ich sage Mrs. Bates, daß sie Ihnen einen Picknickkorb zurechtmachen soll.“
Etwa eine Stunde später wanderte Gracila glücklich durch den Park zum Bach hinunter.
„Aber gehen Sie nicht zu weit in den Wald hinein, Mylady“, hatte Mrs. Hansell gesagt, ehe sie mit dem Picknickkorb bewaffnet das Haus verlassen hatte. „Mittags wird es jetzt schon sehr heiß, und man muß immer mit einem Gewitter rechnen.“
„Falls es regnet, stelle ich mich schon irgendwo unter.
Bitte, regen Sie sich nicht auf, wenn ich beim ersten Tropfen nicht schon zurück bin.“
Mit beschwingten Schritten ging Gracila über die Wiesen und wäre vor Freude am liebsten auf und ab gehüpft.
Ein Tag war aufregender und schöner gewesen als der andere. Gracila genoß jede Stunde, die sie mit Lord Damien Zusammensein konnte, und nachts träumte sie von ihm, wie sie auch diese Nacht von ihm geträumt hatte – einen Traum, bei dem sie herzlich hatte lachen müssen.
Am Tag zuvor hatte nämlich ein Fisch angebissen, und Lord Damien hatte die Angelschnur mit einem Ruck aus dem Wasser gezogen und wollte sie sich mit Schwung über die Schulter werfen. Doch er hatte die überhängenden Zweige vergessen.
Die Angelschnur hatte sich verfangen, der Fisch war ausgekommen und in den Bach zurückgefallen, und Gracila hatte gelacht und gelacht, bis Lord Damien schließlich mitgelacht hatte.
„Wie können Sie es wagen, mich auszulachen!“ rief er schließlich.
„Sie können sich nicht vorstellen, wie komisch Sie ausgesehen haben.“
Und dann hatten sie beide wieder gelacht, einfach, weil sie ausgelassen und glücklich waren.
Danach hatte Lord Damien mehr Angelglück. Er fing zwei Forellen, schürte am Rand des Baches ein Feuer und briet die Fische. Die Haut war etwas verbrannt, aber Gracila glaubte, nie etwas Köstlicheres gegessen zu haben.
Es war ein lukullisches Mahl. Lord Damien hatte von Mrs. Bates herzhafte Sandwiches mitbekommen, Gracila Teekuchen, Obst, ein Töpfchen mit Pudding und frisch gepreßten Orangensaft.
Sie teilten alles, auch die Flasche Wein, die Lord Damien aus seiner Satteltasche gezogen hatte.
Er konnte Gracila sogar dazu überreden, nach dem Essen einen winzigen Schluck Kognak aus seinem Flachmann zu trinken. Den Kognak, erzählte er, hatte schon sein Großvater eingelagert.
Geschmeckt hatte ihr der Kognak nicht, aber sie ließ es sich nicht anmerken.
Ehe er einen Schluck zu sich nahm, hob er den Flachmann in die Höhe.
„Auf Ihr Lachen und Ihre Augen“, sagte er.
Sie wurde rot und wich seinem Blick aus.
Danach schwiegen sie, und dieses Schweigen war ihr irgendwie peinlich, um so mehr, als sie spürte, daß mit ihrem Herzen etwas geschehen war.
Den ganzen Nachmittag über traten Schweigepausen ein, und Gracila hatte das Gefühl, als sei die Sonne goldener denn je.
„Ich habe mir überlegt“, sagte Lord Damien, ehe sie sich trennen mußten, „was wir machen sollen, wenn es einmal regnet und wir das Haus nicht verlassen können.“
„Daran habe ich auch schon gedacht“, entgegnete Gracila.
„Haben Sie einen Vorschlag, wie wir uns trotzdem sehen könnten?“
Gracila schüttelte den Kopf. „Mrs. Hansell läßt mich bestimmt nicht weg, wenn das Wetter schlecht ist. Auch nicht, wenn ich sage, daß ich mich in den kleinen Pavillon setzen und lesen will.“
„Dann werde wohl ich Ihnen einen Vorschlag machen müssen“, sagte Lord Damien.
„Es hätte mir eigentlich schon viel früher einfallen müssen“, fuhr er fort. „Allerdings ist es bisher zum Glück nicht nötig gewesen.“
„Was hätte Ihnen früher einfallen müssen?“ fragte Gracila.
„Daß man den Westflügel erreichen kann, ohne gesehen zu werden.“
„Meinen Sie über die Balustrade oberhalb der Eingangshalle?“ fragte Gracila. „Da riskiert man aber doch, einem Diener zu begegnen.“
Lord Damien lächelte. „Eben nicht. Ich spreche nicht von der Balustrade.“
„Sondern?“
„Vom obersten Stockwerk.“
Gracila hob erstaunt die Brauen. „Daran habe ich nie gedacht.“
„Ich habe es gestern abend nach dem Essen ausgekundschaftet“, erzählte Lord Damien. „Da droben ist es zwar etwas staubig, aber man geht quer durch das ganze Haus, an den ehemaligen Dienstbotenkammern vorbei, und steigt auf der anderen Seite, also am Ende des Westflügels, die Treppe wieder hinunter.“
„Ich weiß genau, wo diese Treppe ist“, sagte Gracila. „Gleich neben der Bibliothek.“
„Genau. Und dort treffen wir uns dann.“
„In der Bibliothek?“
„Ja. Dort warte ich auf Sie.“
„Phantastisch! Das trifft sich gut, denn ich habe nichts mehr zu lesen. Alles, was ich im Renaissancezimmer finden konnte, habe ich schon durchgeschmökert.“
„Warum haben Sie mir das denn nicht gesagt?“ .
Gracila lachte. „Und wenn ich es Ihnen gesagt hätte, was hätten Sie dann getan? Millet beauftragt, dem Mädchen, das bei Ihnen wohnt, ein paar Bücher hinaufzubringen?“
„Ich hätte sie Ihnen gern selbst gebracht“, sagte Lord Damien leise.
„Obwohl Mrs. Hansell nebenan schläft? Das gäbe ein schönes Spektakel.“
Lord Damien merkte, daß Gracila die Bemerkung rein wörtlich aufgefaßt hatte.
Sie war so unschuldig und so rein, daß sie nicht einmal auf die Idee kam, er könne sie aus einem anderen Grund in ihrem Schlafzimmer besuchen wollen.
„Gut“, sagte er. „Wir treffen uns also in der Bibliothek. Ich finde es allerdings nicht sonderlich schmeichelhaft, daß Sie lediglich wegen der Bücher in die Bibliothek kommen wollen. Ich hatte gehofft, daß ich etwas höher im Kurs stehe.“
„Aber das tun Sie ja auch“, sagte Gracila sofort. „Sie müssen aber auch verstehen, daß mir die Abende endlos lang vorkommen, wenn ich nichts zu lesen habe.“
„Und – schlau, wie ich bin, habe ich mir etwas einfallen lassen, um die langen Abende zu verkürzen. Wir treffen uns in der Bibliothek und verbringen die Abende zusammen.“
„Das ist natürlich viel schöner als lesen“, sagte Gracila. „Sie müssen mir von Ihren Reisen und den vielen Städten erzählen, in denen Sie gelebt haben. Vielleicht gibt es in der Bibliothek ja auch Bildbände, wo Sie mir dies oder jenes zeigen können.“
„Über Indien, das weiß ich zufällig, gibt es einen solchen Band. Er wird Sie bestimmt interessieren. Ich werde schauen, was sonst noch da ist.“
„Ich freue mich jetzt schon auf diese Bücher. Ich finde es toll, wenn man sich die Dinge, von denen man erzählt bekommt, nicht vorstellen muß, sondern sie gleichzeitig sehen kann.“
Lord Damien war bisher noch keiner Frau begegnet, die sich nicht nur für ihn persönlich interessierte, sondern auch für all das, was mit seinem Leben in Zusammenhang stand.
In diesem Augenblick wurde es ihm bewußt, daß er Gracila nicht nur liebte, sondern daß sie Gefühle in ihm wachrief, die er noch nie für eine Frau empfunden hatte.
Der Idealismus, den er verloren zu haben glaubte, war plötzlich wieder da, allerdings in viel tieferer, menschlicherer Form.
Gracila ist wie eine Blume, dachte er, die man beschützen muß und keiner groben Berührung oder rauhen Winden aussetzen darf. Ihre Unschuld und ihre Reinheit faszinierten ihn, aber auch ihre unerweckte Weiblichkeit.
Sein Blick lag auf ihren Lippen, und Gracila senkte errötend den Kopf, als habe sie seine Gedanken erraten.
Lord Damien stand auf. „Wir sollten die Reste nicht liegenlassen. Falls zufällig jemand hier vorbeikommt, sieht es sonst so aus, als sei hier wer weiß wie geschlemmt worden.“
„Für mich war es das beste Essen meines Lebens“ sagte Gracila.
„Für mich auch“, entgegnete Lord Damien lächelnd.
Er mußte daran denken, welche Unsummen er für seine berühmten Partys ausgegeben hatte, bei denen der Champagner in Strömen geflossen war und Delikatessen aus der ganzen Welt die verwöhnten Gaumen erfreut hatten.
Und am Morgen danach das Kopfweh und der Kater …
Wie er so hatte leben können, war ihm jetzt fast unbegreiflich.
Und Gracila war es fast unbegreiflich, wie die Menschen so schlecht über Lord Damien reden konnten.
Dieser blendend aussehende Mann faszinierte sie. Noch nie war sie einem Menschen begegnet, der auch die Gedanken verstand, die sie bisher nicht ausgesprochen hatte, weil sie gefürchtet hatte, nicht verstanden zu werden.
Lord Damien hatte ihr nicht nur zugehört, er hatte ihr auch geholfen, sich über gewisse Dinge klar zu werden.
Als sie sich hatten trennen müssen, war sie daher mit dem Gefühl zurückgeblieben, als habe sich ihr Geist erweitert, als sei sie von ihm in Höhen gehoben worden, die sie bisher noch nicht gekannt hatte.
Bald sehe ich ihn wieder, dachte sie, als Mrs. Hansell nun hereinkam und die Vorhänge zurückzog.
„Also, heute regnet es leider, Mylady“, sagte Mrs. Hansell. „Aber nach dem Gewitter von heute nacht war das zu erwarten.“
„Es hat ein Gewitter gegeben?“ fragte Gracila erstaunt.
„Und was für eines! Haben Sie es nicht gehört? Da haben Sie aber einen festen Schlaf, Mylady.“
Gracila lächelte. Gestern noch wäre sie bei dem Gedanken, nicht zum Bach hinuntergehen zu können, todunglücklich gewesen. Aber heute nicht. Heute würde sie Lord Damien in der Bibliothek treffen.
„Also, ich habe mir vorgenommen“, sagte Mrs. Hansell und zog den zweiten Vorhang zurück, „Sie nicht gleich damit zu überfallen, aber jetzt muß ich es Ihnen doch erzählen.“
„Was denn?“
„Also, etwas Schreckliches ist passiert, Mylady. Wir hätten um ein Haar unsere Königin verloren.“
„Die Königin?“ wiederholte Gracila.
„Also, in der Zeitung steht, daß irgend so ein Wahnsinniger auf unsere Königin im Park geschossen hat.“
„Ist sie verletzt?“
Mrs. Hansell schüttelte den Kopf. „Gott hat sie beschützt. Aber die Königin muß so mutig gewesen sein wie sonst keine Frau.“
„Was ist denn genau passiert?“ fragte Gracila.
Sie hatte sich schon immer für alles interessiert, was mit der Königin zusammenhing.
Prinzessin Victoria, bis vor sechs Jahren von ihrer Mutter streng beaufsichtigt, war nach dem Tode des Königs über Nacht praktisch von der Schulbank auf den Thron gekommen. Und das mit knapp achtzehn Jahren.
Das ganze Land und natürlich auch Gracila hatten in ihr die reine Märchenprinzessin gesehen. Alles war überzeugt davon gewesen, daß unter ihrer Regentschaft das Land zu Frieden und Wohlstand geführt werden würde.
Alles, was man nur über sie in Erfahrung bringen konnte, wurde erzählt, ihr Bild erschien täglich in allen Zeitungen, man betete sie an.
Hatte schon ihre Krönung ganz England in Aufregung und Begeisterung versetzt, die Heirat mit dem Mann, den sie liebte, übertraf alles. England jubelte.
Jedes junge Mädchen hatte das Gefühl, daß endlich einmal eine Schlacht für die Liebe geschlagen worden war. Zwar seit Generationen daran gewöhnt, daß nicht nur in königlichen, sondern in allen adeligen Familien die Ehe von den Eltern geschlossen wurde, träumte natürlich jedes junge Mädchen von einer Liebesheirat.
Jetzt fragte sich Gracila, warum sie eigentlich nicht darauf bestanden hatte, sich den Mann, mit dem sie das ganze Leben teilen sollte, selbst auszuwählen, so wie die Königin es getan hatte.
Und diese Königin, die die enorme Bürde der Monarchie auf ihren schmalen Schultern zu tragen hatte, war in so großer Gefahr geschwebt.
„Was ist passiert?“ fragte Gracila.
„Also“, sagte Mrs. Hansell, stolz darauf, ihr das Neueste berichten zu können, „Millet hat es mir vorgelesen, und da stand, daß Ihre Majestät vorgestern mit Prinz Albert spazierengefahren sind, und da hat Ihre Majestät gesehen, wie ein dunkelhaariger, finster aussehender Mann mit einer Pistole auf sie gezielt hat.“
„Hat er geschossen?“ fragte Gracila.
„Nein“, antwortete Mrs. Hansell. „Allem Anschein nach hat die Pistole geklemmt oder so. Auf alle Fälle ist der Mann in der Menge verschwunden.“
„Aber man hätte ihn doch festnehmen müssen“, sagte Gracila entsetzt.
„Also, das finde ich auch“, entgegnete Mrs. Hansell. „Wenn Sie mich fragen, ich sage schon immer, daß nicht genug getan wird für die Sicherheit Ihrer Majestät.“
„Und dann?“
„Also, dann steht weiter in der Zeitung, daß Ihre Majestät überzeugt ist, der Mann würde es noch einmal probieren, aber trotzdem wollte sie sich nicht davon abhalten lassen, ihre tägliche Spazierfahrt zu unternehmen. Prinz Albert versuchte sie davon abzubringen, aber sie wollte trotz der drohenden Gefahr an die frische Luft.“
„Das kann ich verstehen“, sagte Gracila.
„Also, dann ist das königliche Paar gestern wieder ausgefahren, aber diesmal hat die Königin die diensttuende Hofdame, Lady Portman, nicht mitgenommen, um diese nicht in Gefahr zu bringen.“
„Das finde ich fabelhaft“, sagte Gracila.
„Also, ich auch“, meinte Mrs. Hansell. „Aber ich sage ja schon immer, daß unsere Königin ein sehr verantwortungsbewußter Mensch ist.“
„Und was geschah während dieser Spazierfahrt?“ fragte Gracila.
„Der schwarzhaarige Mann ist wieder aufgetaucht und hat geschossen. Aus fünf Schritten Entfernung!“
„Und hat nicht getroffen?“
„Nein. Die Pistole hat nur klick gemacht, und dann hatten sie den Mann auch schon festgenommen. In der Zeitung steht, daß die Pistole nicht geladen war.“
„Nicht geladen?“ rief Gracila. „Dann muß es sich um einen Geisteskranken handeln.“
„Das meinen sie in der Zeitung auch, aber wir erfahren bestimmt mehr, wenn der Mann vor den Richter gestellt wird.“
„Gar nicht auszudenken, was da hätte passieren können!“ sagte Gracila leise.
„Also, wirklich! Dankgottesdienste sollten sie in jeder Kirche des Landes abhalten.“
„Da haben Sie recht. Die Königin zu verlieren – das wäre schrecklich.“
Nach dem alten William IV., der weiß Gott nicht wie ein König ausgesehen hatte, eine so junge Frau als Königin zu haben, fand Gracila sehr romantisch und aufregend.
„Ich bin wirklich froh, daß der Königin nichts passiert ist“, sagte sie voll Mitgefühl.
„Also, das wäre wirklich nicht auszudenken gewesen, wenn die Königin morgen nicht hätte hierherkommen können.“
„Morgen?“ fragte Gracila.
„Also, wissen Sie denn nicht, daß Ihre Majestät in Newberg ein Krankenhaus einweiht und danach an einer Gartenparty teilnimmt, die der Marquis von Lynmouth ihr zu Ehren gibt?“
„Ach ja, natürlich“, antwortete Gracila. „Ich habe davon gehört, wußte aber das Datum nicht mehr.“
Und da fiel Gracila plötzlich ein, daß man den 31. Mai schrieb und sie an diesem Tag hätte heiraten sollen.
Da sie mit den eigenen Vorbereitungen beschäftigt gewesen war, hatte sie nicht mehr an das Gartenfest gedacht, das für die Königin gegeben werden sollte. Doch jetzt erinnerte sie sich daran, daß ihre Stiefmutter darüber gesprochen hatte.
„Ein Glück“, hatte sie gesagt, „daß wir deine Hochzeit nicht für den 1. Juni angesetzt haben, sonst hätten wir sie wegen dieser Party doch glatt verschieben müssen.“
Nun war diese Hochzeit nicht verschoben worden, sondern fand überhaupt nicht statt, und das empfand Gracila als Glück.
Wenn sie nicht von zu Hause weggelaufen wäre, so würde sie sich jetzt gerade für die Trauung mit einem Mann anziehen, der nicht an ihr, sondern an ihrer Stiefmutter interessiert war. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Sie hatte sich nicht genug klar gemacht, was eine Heirat bedeutete. Jetzt allerdings wußte sie, daß man nur dann mit einem Menschen das Leben teilen konnte, wenn man ihn liebte.
Mrs. Hansell brachte das Tablett mit ihrem Frühstück und stellte es auf dem Nachttisch ab.
„Also, die Sache mit der Königin hat mich so aufgeregt, Mylady“, sagte sie, „daß ich völlig darauf vergessen habe. Heute hätten Sie ja heiraten sollen, Mylady.“
„Das wäre ein verregneter Hochzeitstag geworden, was?“ sagte Gracila und lächelte. „Nicht einmal durchs Dorf hätte ich in der offenen Kutsche fahren können, und wahrscheinlich wäre alles enttäuscht gewesen.“
„Tut es Ihnen nicht leid, daß Sie weggelaufen sind, Mylady?“
„Überhaupt nicht“, antwortete Gracila. „Zum Glück habe ich rechtzeitig herausgefunden, daß ich den Herzog nicht heiraten kann. Und Ihnen und Mitty werde ich mein Leben lang dankbar sein, daß Sie mich aufgenommen haben und sich so lieb um mich kümmern.“
„Aber irgendwann müssen Sie einmal heiraten, Mylady“, sagte Mrs. Hansell. „Ich habe erst gestern abend zu meinem Bruder gesagt, daß Sie hübscher sind denn je. Es muß an der Ruhe liegen, die Sie hier haben, und an der frischen Luft.“
„Es liegt vor allem daran“, entgegnete Gracila und lächelte, „daß ich hier sehr glücklich bin.“
Daß Gracila vor allem Lord Damiens wegen so glücklich war, konnte Mrs. Hansell natürlich nicht ahnen. Jede Minute, die Gracila nicht mit ihm zusammen sein konnte, kam ihr wie verlorene Zeit vor.
„Also, da es heute regnet“, sagte Mrs. Hansell in Gracilas Gedanken hinein, „dachte ich, ich könnte eigentlich einmachen. Sie haben neulich gesagt, daß Sie mir gern dabei helfen würden, Mylady. Gilt das immer noch?“
Gracila hatte sich tatsächlich erboten, Mrs. Hansell zur Hand zu gehen.
Sie hatte Mrs. Hansell eine Freude machen wollen und auch geglaubt, damit die langen Stunden des Tages vertreiben zu können, wenn sie das Haus nicht verlassen durfte, weil es ungewiß war, wo sich Lord Damien aufhielt.
Daß sie über den Tagesplan Lord Damiens genau informiert sein würde, hatte sie damals noch nicht wissen können.
Versprochen ist versprochen, dachte Gracila jetzt. Daran ist leider nichts zu ändern.
„Aber natürlich gilt das noch, Mrs. Hansell“, sagte sie daher. „Ich helfe Ihnen heute morgen beim Einmachen, und wenn es heute nachmittag immer noch regnet, dann kann ich ja in meinem Zimmer bleiben und mich ausruhen.“
„Also, das ist ein vernünftiger Gedanke“, sagte Mrs. Hansell. „Ich will nämlich mit Hetty zusammen die Wäscheschränke ausräumen, das habe ich mir schon lange vorgenommen, aber immer wieder ist mir etwas dazwischengekommen.“
„Und ich mache Ihnen jetzt noch zusätzlich Mühe“, sagte Gracila und wußte schon im voraus, daß Mrs. Hansell protestieren würde.
Den Vormittag damit verbringen zu müssen, Obst auszusteinen oder dergleichen, war ärgerlich, aber irgendwie hatte Gracila das Gefühl, daß Lord Damien am Vormittag nicht mit ihr rechnete.
Ihr Gefühl sollte sie nicht betrogen haben. Sie hörte später, daß er gegen elf ausgeritten war und gesagt hatte, er sei in etwa einer Stunde, also zum Mittagessen, wieder zurück.
Während des ganzen Vormittags freute sich Gracila auf die Stunden, die sie am Nachmittag mit Lord Damien würde verbringen können.
Je später es wurde, desto aufgeregter war sie, und so brachte sie von den köstlichen Dingen, die Mrs. Bates für sie zubereitet hatte, kaum einen Bissen hinunter.
Wie lächerlich es war, daß sie in ihrem kleinen Salon im ersten Stock allein vor dem Essen saß, während Lord Damien im Speisezimmer allein vor seinem Essen saß.
Zusammen eingenommen, hätte die Mahlzeit ein Genuß sein können.
Es gab so vieles, was sie Lord Damien sagen wollte und wozu immer die Zeit zu fehlen schien.
Mrs. Hansell kam und holte das Tablett.
„Und, jetzt machen Sie einen ausgedehnten Mittagsschlaf, Mylady“, sagte sie. „Also, daß Sie mir nicht wieder stundenlang lesen. Damit verdirbt man sich doch nur die Augen. Schlaf braucht der Mensch – das ist gesund.“
„Ja“, entgegnete Gracila. „Ich werde schlafen.“
Mrs. Hansell verschwand mit dem Tablett, und Gracila ging in das Schlafzimmer nebenan. Dort stand sie da und horchte, bis die Schritte der Haushälterin verklungen waren.
Dann schloß sie die Tür von innen ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Man weiß ja nie, dachte sie.
Sie ging in den kleinen Salon zurück und auf Zehenspitzen in den Gang hinaus.
Niemand zu sehen. Schnell war sie an der Treppe und stieg in den dritten Stock hinauf.
Lord Damien hatte ihr gesagt, daß es in dem Gang, der quer durch das ganze Haus lief, ziemlich staubig war und er an den ehemaligen Dienstbotenkammern vorbeiführte.
Es waren an die dreißig Türen. Sie waren alle geschlossen.
Der Korridor machte einen etwas gespenstischen Eindruck, aber Gracila ließ sich davon nicht einschüchtern. Sie kam zu der Treppe und stieg schnell hinunter.
Auf der vorletzten Stufe blieb sie stehen und horchte. Falls jemand Lord Damien in die Bibliothek hatte gehen sehen, stand jetzt bestimmt ein Diener vor der Tür.
Aber niemand war da.
Gracila öffnete die Tür zur Bibliothek.
„Gracila! Ich wußte, daß Sie kommen würden.“
Er sprang aus seinem Sessel auf, und Gracila konnte sich nur mit Mühe zurückhalten. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen und hätte die Arme um ihn geschlungen.
Doch sie zwang sich, die Tür hinter sich zu schließen und langsam zum Kamin zu gehen.
„Ich wußte, daß Sie kommen würden“, wiederholte Lord Damien. „Ich war heute morgen schon einmal hier und habe ein Stündchen gewartet, bin dann aber ausgeritten.“
„Ja, ich weiß. Mrs. Hansell hatte mich gebeten, ihr beim Einmachen zu helfen, und da wollte ich nicht nein sagen.“
Sie begegneten sich mit allgemeinen Phrasen, aber ihre Augen sagten völlig andere Dinge.
Da der Ausdruck in seinen Augen Gracila plötzlich scheu machte, sah sie sich in dem großen Raum um.
„Jedesmal, wenn ich hierherkomme“, sagte sie, „bin ich von neuem begeistert. Das Deckengemälde hat mich schon als Kind fasziniert. Diese vielen Putten auf ihren rosa Wölkchen …“
Sie sah in die Höhe, und Lord Damien hielt den Atem an. Gracilas Nackenlinie war von einer so edlen Schönheit, daß er mit den Fingerspitzen hätte darüber streichen mögen.
„Ich halte das nicht aus“, sagte er plötzlich, und seine Stimme klang so anders, daß Gracila erschrak.
„Was halten Sie nicht aus?“ fragte sie schnell.
„Ich habe hier auf Sie gewartet, Gracila, und jede Sekunde war wie eine Ewigkeit“, antwortete Lord Damien. „Und jetzt, wo ich Sie hier sehe, weiß ich, daß ich weg muß.“
„Weg?“ wiederholte Gracila. „Aber warum denn? Ich verstehe das nicht.“
„Weil ich Sie nicht heimlich hier treffen kann. Das geht einfach nicht, und für mich ist es die Hölle.“
„Ich – ich verstehe es immer noch nicht“, sagte sie.
„Dann muß ich es so sagen, wie es ist“, entgegnete Lord Damien, und seine Stimme klang rauh. „Ich liebe Sie, Gracila. Ich liebe Sie, wie ich noch nie in meinem Leben geliebt habe und nie mehr lieben werde. Aber ich kann Ihnen nichts bieten.“
Im ersten Moment traute Gracila ihren Ohren nicht, doch dann ging plötzlich ein Leuchten über ihr Gesicht, als seien ihre Augen von tausend Kerzen erhellt.
„Sie lieben mich?“ fragte sie leise.
„Wundert Sie das? Meine geliebte Gracila, ich hatte keine Ahnung, daß es auf dieser Welt einen so reinen, so einmaligen, so unschuldigen Menschen gibt. Und das ist der Grund, warum ich mich zurückziehen muß.“
„Sie lieben mich“, sagte Gracila. „Und ich weiß jetzt, daß ich …“
Sie sprach den Satz nicht zu Ende.
„Bitte, sagen Sie es“, flehte Lord Damien. „Lassen Sie es mich ein einziges Mal hören, damit ich mich für den Rest meines Lebens daran erinnern kann.“
„Ich liebe Sie“, sagte Gracila. „Ich wußte nur nicht, daß es Liebe ist, oder ich habe es vielleicht doch gewußt.“
Er sah sie an, und sein Blick war voll tiefem Schmerz.
„Lieben Sie mich denn wirklich?“ fragte sie wie ein Kind, das Angst hat, sich verhört zu haben.
„Ich liebe Sie so sehr, Gracila, daß ich wie in Stücke gerissen bin.“
„Aber – warum müssen Sie denn dann weg?“
„Weil ich Ihnen nichts zu bieten habe, Gracila.“
Sie stand da und sah ihn mit strahlenden Augen an.
„Ich weiß, was Sie denken, meine geliebte Gracila“, sagte Lord Damien nach einer Weile, „aber das ist völlig unmöglich. Wie kann ich Sie bitten, meine Frau zu werden? Bedenken Sie doch, was das für eine Heirat wäre!“
„Ich liebe Sie“, entgegnete Gracila schlicht, „und ich weiß jetzt, warum ich keinen anderen Mann habe heiraten können. Ich könnte nur Sie heiraten.“
„Das stimmt nicht“, sagte Lord Damien in scharfem Ton. „Natürlich werden Sie heiraten. Sie werden einen Mann heiraten, der Ihrer würdig ist.“
„Nie!“ entgegnete Gracila. „Nie werde ich einen Mann heiraten, den ich nicht liebe.“
„Sie sind so jung und verstehen die Liebe nicht so, wie ich sie verstehe. Eines Tages werden Sie mich vergessen haben.“
„Nie – nie werde ich Sie vergessen können. Sie sind der Mann, nach dem ich mich immer gesehnt habe. Ich habe gewußt, daß es irgendwo auf der Welt diesen Mann gibt. Von Ihnen habe ich geträumt, während ich in den Büchern von der Liebe gelesen habe. Aber jetzt sind meine Träume Wirklichkeit geworden, und Sie stehen hier vor mir.“
„Schluß!“ sagte Lord Damien streng. „So dürfen Sie nicht mit mir sprechen, Gracila. Sie dürfen mich nicht dazu bringen zu vergessen, daß ich noch eine Spur von Anstand besitze.“
„Sie haben gelitten“, sagte Gracila. „Aber ich kann Sie vielleicht glücklich machen.“
Lord Damien legte eine Hand über die Augen.
„Seien Sie doch vernünftig, Gracila“, sagte er. „Bedenken Sie, welches Leben Sie als meine Frau haben würden. Von allen anständigen Menschen geächtet, von Ort zu Ort ziehend und nie ein Zuhause.“
„Wir können doch hier leben“, sagte Gracila sanft.
„Und jede Tür in der ganzen Grafschaft verschließt sich vor uns? Mit dem Finger würde man auf Sie zeigen, sobald Sie auch nur das Haus verlassen.“
Er sah sie mit ernstem Gesicht an.
„Glauben Sie denn, meine Liebe zu Ihnen ist so schwach, daß ich lieber Sie opfern würde als mich selbst? Geliebte Gracila, ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie liebe, und das bedeutet, daß ich gehen werde. Morgen verlasse ich Barons1 Hall wieder. Wenn ich vernünftig wäre, würde ich noch heute nacht losreiten.“
„Nein!“ rief Gracila. „Ich könnte das nicht ertragen. Ich will Sie nicht verlieren.“
Sie sah seine entschlossene Miene, und ihre Verzweiflung wuchs.
„Ich habe Ihnen nie gesagt“, fuhr sie fort, „warum ich hier bin, und Sie haben mich nie nach dem Grund gefragt.“
„Weil ich wollte, daß Sie Vertrauen zu mir haben, Gracila.“
„Ich habe Ihnen vertraut und vertraue Ihnen immer noch, aber ich will Ihnen mit meinem ganzen Leben vertrauen.“
„Bitte, sagen Sie, was Sie mir eben sagen wollten“, entgegnete Lord Damien, als wolle er von dem ablenken, was sie gerade ausgesprochen hatte.
„Ich bin Gracila Shering“, erklärte sie. „Mein Vater, der Graf Sheringham, war ein Freund Ihres Vaters.“
„Ich kann mich an ihn erinnern“, sagte Lord Damien.
„Meine Mutter starb, und mein Vater heiratete ein drittesmal. Ich habe meine Stiefmutter nie gemocht.“
Gracila fand es schwierig, ihre Geschichte zu erzählen, denn sie hatte das Gefühl, daß Lord Damien sich durch nichts in seinem Entschluß beeinflussen lassen würde.
Schnell, manchmal etwas stockend, erzählte sie, wie sie sich einverstanden erklärt hatte, den Herzog zu heiraten, wie sie zufällig das Gespräch in der Bibliothek mitangehört und gewußt hatte, daß eine Ehe mit diesem Mann für sie nicht in Frage kam.
„Ich wußte nicht, wohin ich mich retten sollte“, sagte sie, „bis mir Millet einfiel, der viele Jahre bei uns gewesen ist.“
„Und er hat Sie hier in Barons’ Hall versteckt“, fügte Lord Damien hinzu.
„Anfangs wollte er sich weigern“, entgegnete Gracila. „Erst als ich ihm sagte, daß ich Angst habe und nicht allein und ohne Geld nach London gehen will, war er einverstanden.“
„Wie haben Sie aber auch einfach weglaufen können?“
„Was hätte ich denn sonst tun sollen?“
„Sie haben recht“, sagte Lord Damien. „Es ist Ihnen wohl nichts anderes übriggeblieben. Daß ich natürlich da war, ich meine, hier in Barons’ Hall, das war Pech für Sie.“
Gracila holte tief Atem.
„Ich glaube, es war Schicksal“, sagte sie. „Schicksal, daß wir uns begegnen sollten. Wir gehören doch zusammen.“
Bei den letzten Worten stieg Gracila die Röte in die Wangen.
„In einem früheren Leben wäre das vielleicht der Fall gewesen“, sagte Lord Damien. „Aber jetzt nicht mehr, Gracila.“
Er streckte in einer verzweifelten Geste die Hände aus.
„Gott weiß, wie ich diese Strafe verdiene! Eine Strafe, die dem Verbrechen angemessen ist, das ich begangen habe. Ich bin Ihnen begegnet, und nun muß ich mich wieder von Ihnen trennen.“
„Wie können Sie uns das antun?“ fragte Gracila. „Wie können Sie weggehen und mich allein lassen?“
„Weil ich nicht bleiben und Sie lieben kann.“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist schwer genug gewesen, so lange mit Ihnen zusammen zu sein und Sie nicht berühren und küssen zu dürfen.“
„Und warum tun Sie es nicht?“
„Weil ich Sie so sehr liebe, daß ich Sie nicht unglücklich machen will.“
„Und weil Sie mich nicht unglücklich machen wollen, verlassen Sie mich?“
„Ich dachte, wir könnten das Spiel einfach fortsetzen“, sagte Lord Damien wie zu sich selbst. „Wir könnten so tun, als seien wir Freunde und hätten unseren Spaß zusammen. Aber heute morgen, als ich auf Sie gewartet habe und Sie nicht gekommen sind, da habe ich gewußt, daß ich mir etwas vormache mit diesem Spiel. Ich habe mich so danach gesehnt, Sie nur zu sehen, daß ich geglaubt habe den Verstand zu verlieren.“
Er seufzte tief auf.
„Ich habe mich nur mit der allergrößten Mühe davon abhalten können“, fuhr er fort, „in Ihr Zimmer zu laufen, um mich zu vergewissern, daß Sie da sind. Nur Ihr Gesicht wollte ich sehen. Ihre Stimme hören.“
„Und ich habe mich nach Ihnen gesehnt“, sagte Gracila. „Während ich Preiselbeeren verlesen und Pflaumen entkernen mußte, habe ich nur an Sie gedacht.“
Lord Damien stieß ein ersticktes Lachen aus.
„Meine über alles geliebte Gracila!“ rief er. „Wie absurd das alles klingt. Ich will Ihnen erzählen, daß ich mir fast das Leben genommen hätte, und Sie erzählen mir, daß Sie Pflaumen entkernt haben.“
„Aber so ist es nun einmal im Leben“, sagte Gracila. „Das gehört alles zusammen. Mit Ihnen zusammen sein zu dürfen, ist so wundervoll, daß man sich wie im Himmel fühlt.“
Lord Damien trat einen Schritt auf sie zu, und Gracila glaubte, er würde sie in die Arme nehmen, doch er tat es nicht. Ärgerlich runzelte er die Stirn.
„Und wie lange, glauben Sie, würde dieser Himmel bestehen?“ fragte er. „Sie verstehen das nicht, aber ich habe zwölf lange Jahre das Leben ertragen müssen, das zu leben wir gezwungen wären, und ich schwöre Ihnen, es ist nicht der Himmel, es ist die Hölle.“
Gracila schwieg.
„Glauben Sie, ich würde es zulassen“, fuhr Lord Damien fort, „daß Sie durch die einzige Sorte von Menschen, die unsere Gesellschaft suchen würden, daß Sie von diesen Menschen auf deren Stufe herabgezogen werden? Glauben Sie, ich würde mit ansehen können, wie Sie vom Leben und der Liebe enttäuscht wären? Von einer Liebe, die Ihnen im Moment als heilig erscheint?“
„Sie ist heilig“, sagte Gracila. „Und weil ich glaube, daß es die Liebe ist, die Sie immer gesucht haben und nach der ich mich immer gesehnt habe, könnte sie nie zerstört werden.“
„Doch, sie würde zerstört werden“, sagte Lord Damien. „Und weil ich Sie liebe und weil Sie für mich heilig sind, meine geliebte Gracila, muß ich vernünftig sein und das tun, was für uns beide das Beste ist.“
„Aber Weggehen ist doch nicht das Beste.“
„Wie könnte ich in England bleiben und Sie nicht sehen dürfen? Wie könnte ich in Ihrer Nähe sein und nicht schon nach kürzester Zeit alle Vorsätze und noblen Prinzipien in den Wind schlagen? Wenn es um Sie geht, Gracila, bin ich nicht willensstark, sondern willensschwach. Ich bin ein Mensch, der so verliebt ist, daß er nicht mehr weiß, was er tut.“
In seiner Stimme lag soviel Leidenschaft und gleichzeitig soviel Schmerz, daß Gracila nicht mehr an sich halten konnte. Sie konnte den geliebten Mann nicht leiden sehen, sie wollte ihn trösten und ging daher auf ihn zu.
„Bitte, bitte bleiben Sie bei mir“, flehte sie und hob das Gesicht zu ihm auf. „Ich gehe überall hin mit Ihnen.
Wenn ich mit Ihnen zusammen sein kann, fürchte ich mich vor nichts.“
Lord Damien sah sie an, und sein Gesichtsausdruck spiegelte den Kampf wider, den er mit sich auszufechten hatte.
Mit einer Geste der Hilflosigkeit wandte er sich plötzlich von ihr ab und ging zum Fenster.
„Bitte, führen Sie mich nicht in Versuchung, Gracila“, sagte er. „Lassen Sie mich in Frieden. Es wird der Tag kommen, an dem Sie wissen werden, daß nicht der Teufel Sie gelockt hat, sondern Sie den Teufel.“
In diesem Augenblick wußte Gracila, daß sie verloren hatte.
Sie stand da und glaubte, in tiefe Dunkelheit getaucht zu sein.
„Und wenn Sie sich je fragen sollten, was aus mir geworden ist“, fuhr Lord Damien fort, „dann brauchen Sie sich nur einen Mann vorzustellen, der sich auf lauten Partys betrinkt, der Leute um sich schart, die von der Gesellschaft ausgestoßen und so einsam sind wie er.“
„Und Frauen wird es geben“, fuhr er fort. „Natürlich wird es Frauen geben. Und sie werden mich, wenn ich Glück habe, betäuben und wie der Alkohol vergessen lassen.“
Er drehte sich um und sah sie an.
Für Gracila war innerhalb von Sekunden eine Welt zusammengebrochen. Sie war allein und hatte Angst.
Als Lord Damien den verzweifelten Blick in ihren Augen sah, war er mit zwei Schritten neben ihr.
„Mein geliebtes Wesen!“ sagte er. „Sieh mich nicht so an. Ich habe es doch nicht so gemeint. Ich hatte vergessen, zu wem ich das sage. Ich hatte vergessen, daß du keine Ahnung hast von den Tiefen, in die ein Mensch in seiner Verzweiflung sinken kann.“
Er legte beide Arme um sie, und Gracila barg das Gesicht an seiner Schulter.
„Ich liebe dich“, sagte Lord Damien, die Lippen auf Gracilas Haar gepreßt. „Ich liebe dich so sehr, daß ein Leben ohne dich für mich wie ein Abgrund der Zerstörung sein wird, in dem möglichst schnell zu verschwinden ich nur hoffen kann.“
Gracila schwieg, aber Lord Damien wußte, daß sie weinte.
„Vergib mir, mein Liebling. Bitte, vergib mir. Ich bin nicht eine Träne wert, und daß du meinetwegen Tränen vergießt, ist das Wundervollste, was je geschehen konnte.“
Daß er sie in den Armen hielt und sie ihm so nahe sein durfte, war für Gracila das Wundervollste, was je geschehen war.
Seine Worte drangen kaum durch den Nebel, der sich auf ihre Gedanken gelegt hatte, aber seine Arme gaben ihr Geborgenheit und ein Gefühl von Schutz, ein Gefühl, das sie eben noch verloren zu haben glaubte.
„Wie habe ich so grausam zu dir sein können?“ fuhr Lord Damien fort. „Wie habe ich dir weh tun können? Mein flüchtiger Meteor. Mein Leben würde ich dafür hingeben, wenn ich dir dadurch auch nur eine Sekunde Traurigkeit ersparen könnte, und trotzdem habe ich dich zum Weinen gebracht.“
Seine Stimme klang so zärtlich, daß sie nur noch mehr weinen mußte.
Lord Damien legte ihr den Zeigefinger unter das Kinn und hob ihr Gesicht zu sich auf.
„Sieh mich an, Gracila“, sagte er. „Sieh mich an.“
Sie öffnete die Augen, und ihre Blicke trafen sich.
„Ich liebe dich“, sagte Lord Damien leise. „Ich bete dich an. Du bist die begehrenswerteste Frau, die mir je begegnet ist. Du bist mein ein und alles, und du mußt mir glauben, wenn ich dir sage, daß ich etwas so Schönes und so Heiliges nicht zerstören darf.“
„Ich liebe dich“, flüsterte Gracila.
„Und du hast gesagt, daß du mir vertraust. Du mußt mir auch jetzt vertrauen, mein Liebling, wenn ich dir sage, daß ich weiß, was für dich richtig ist.“
„Du wirst also gehen?“
„Ich muß gehen“, sagte Lord Damien, und seine Stimme klang ruhig, aber endlos traurig.
„Aber wie soll ich ohne dich leben können?“ fragte Gracila verzweifelt. „Wie kann ich je wieder glücklich sein – ohne dich?“
„Du bist sehr jung, Gracila“, sagte Lord Damien. „Die Jugend vergißt.“
„Hast du vergessen?“
Ein schwaches Lächeln glitt über seine Lippen.
„Du bist nicht nur wunderschön, meine geliebte Gracila, du bist auch klug, und das ist ein weiterer Grund, warum ich dich liebe. Nein, ich habe nicht vergessen können. Aber ich glaube, daß du es können wirst, und ich tue nur das, was ich für richtig halte und was deine Mutter gutheißen würde, wenn sie noch am Leben wäre.“
„Mama würde mich glücklich sehen wollen.“
„Sie würde vor allem wollen, daß du nicht den Weg nach unten wählst, Gracila, und das würdest du tun, wenn du mich heiratest.“
Gracila war von seinem Blick gefangen. Obwohl er sie noch in den Armen hielt, spürte sie, wie er sich von ihr entfernte.
„Bitte, bitte heirate mich“, flehte sie.
Er zog sie näher an sich, und Gracila glaubte, er wolle sie küssen.
Statt dessen legte er jedoch lediglich eine Wange an ihre Stirn.
„Wir müssen uns trennen, meine geliebte Gracila“, sagte er mit tieftrauriger Stimme. „Jetzt und für immer.“