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Drei Tage später, an einem Sonntagmorgen, steigen Judith und ich in eine Straßenbahn, die uns zu den Rheinauen bringen wird. Wir müssen bis zur Endstation fahren und dann noch zwanzig Minuten gehen. Die Auen sind eine leicht gewellte Landschaft mit kleinen Kiefernwäldchen, versteppten Grasflächen, flachen Tümpeln, wildwachsenden Pflaumenbäumen und ein bißchen Mischwald dazwischen. An der Endstation werden wir auf die Vogelkundlergruppe des Naturschutzbundes treffen. Ich sitze am Fenster der Straßenbahn und betrachte Judith, wir fahren in mäßiger Geschwindigkeit dahin. Es gibt keinen Lärm, keinerlei Durchsagen, keine Betrunkenen, keine Werbebilder. Judith und ich führen zuweilen kleine sinnlose Unterhaltungen, die uns deutlich machen, daß wir in zufriedener Stimmung sind. Zum Beispiel über die Frage, ob sich aneinander vorbeifahrende Straßenbahnführer grüßen sollen oder nicht. Judith ist dafür, daß sie sich grüßen, ich halte dagegen, daß sie sich pro Tag nicht fünfzig- oder sechzigmal grüßen können. Aber sie können doch auch nicht jedesmal wegschauen, wenn sie aneinander vorbeifahren, sagt Judith. Wir können das Problem nicht lösen und sind froh, daß wir keine Straßenbahnführer sind. Seit zwei Tagen wackelt einer meiner hinteren Backenzähne. Ich gleite mit der Zunge über den Zahn und beschleunige damit seinen Abgang. Es wird insgesamt der dritte Backenzahn sein, der mich verläßt, ich werde den Verlust hinnehmen und nicht zum Zahnarzt gehen, weil ich mich vor Zahnärzten fürchte. Wir fahren durch Vorstadtstraßen, an verlassenen Villen vorbei. Mir gefallen neuerdings Gärten, guter Gott, ich werde älter. Im stillen lobe ich Judith für ihre Anteilnahme am Leben der Straßenbahnführer. Sie wird es vermutlich mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn die Sexualität zwischen uns einschläft. Ich habe bis jetzt nur ein einziges Mal mit ihr über dieses Thema gesprochen. Sie sagte nur: Ich wundere mich, daß überhaupt noch etwas los ist; ich hätte nie für möglich gehalten, daß ich noch mit einundfünfzig mit einem Mann ins Bett gehe. Nach dieser Bemerkung war das Thema (vorläufig) beendet. Insofern ist Judith die für das Problem der Sexualverlöschung wahrscheinlich geeignetere Frau. Im Augenblick spricht Judith über das Fernsehen, das heißt über eine Dokumentation über den Tod eines von Terroristen ermordeten Politikers.
Stell dir vor, sagt Judith, die Witwe hat während der fürchterlichen Todestage ihres Mannes ›Mensch ärgere dich nicht‹ gespielt.
Unglaublich, sage ich.
Der Mann erstickte fast im Kofferraum eines Autos, ehe er mit ein paar Genickschüssen erledigt wurde, und seine Frau sitzt zu Hause und würfelt.
Hat sie das selber gesagt?
Ja. Noch zwei Stunden später, als ich im Bett lag, habe ich an die Witwe gedacht. Dann habe ich zufällig im Radio die Bachkantate ›Ärgere dich, o Seele, nicht‹ gehört. Erst durch das Anhören der Kantate habe ich die Witwe vergessen können, aber ich habs nicht verstanden. Denn inhaltlich drücken ›Mensch ärgere dich nicht‹ und ›Ärgere dich, o Seele, nicht‹ doch dasselbe aus, oder?
Find’ ich schon, sage ich.
Erst am nächsten Morgen ist mir ein Unterschied aufgefallen, sagt Judith; ›Mensch ärgere dich nicht‹ erniedrigt den Menschen ein bißchen, weil es den Ärger als blödes Massenschicksal hinstellt.
Das ist der Ärger ja auch, sage ich.
Stimmt, sagt Judith, aber Bach richtet den Menschen in seinem dummen Ärger wieder auf.
Wieso?
Weil Bach das Wort Seele verwendet, sagt Judith, und wer von der Seele spricht, meint nicht die angeblödeten Leute, die ›Mensch ärgere dich nicht‹ spielen, weil sie sich die Zeit vertreiben müssen wie Hühner oder Witwen.
Es ist nur das Wort Seele, das dem einzelnen verärgerten Menschen die Würde zurückgibt.
Wenn ich im Augenblick die Wahl treffen müßte, mit welcher Frau ich alt werden möchte, würde ich keine Minute zögern müssen. Wir schauen stumm auf die Rapsfelder, die sich links und rechts der Straßenbahnlinie hinziehen. Das Sonnenlicht steht auf Judiths weißem Gesicht. Ruhig atmet ihre Brust. Ich schaue in Judiths Ausschnitt wie ein Neunzehnjähriger. Die Endstation kommt in Sicht. Ein knappes Dutzend Amateur-Ornithologen steht herum. Es sind durchweg ältere Leute. Wir zeigen dem Exkursionsleiter den Einzahlungsbeleg unserer Teilnahmegebühr. Der Exkursionsleiter ist ein drahtiger Greis, der mit dem Spazierstock in die Gegend deutet und Erklärungen abgibt. Er führt die Gruppe nach links in ein Gelände mit verwilderten Grundstücken, durch das ein überwachsener Pfad hindurchführt. Leider gibt der Boden nicht viel her, einige Bäume sind schon abgestorben, sagt der Exkursionsleiter, aber in den Büschen leben viele Vögel. Zwei der Teilnehmer haben ein Fernglas mitgebracht. Ringsum ertönt ein Fiepen, Pfeifen und Piepen. Der Vogelkundler versammelt die Leute um sich und flüstert: Das ist noch keine Nachtigall, das ist ein Pirol. Der Pirol hat einen schönen melodischen Pfiff, hören Sie es? Der Vogelkundler schweigt und hält sein linkes Ohr in Richtung der Töne. Der Pirol pfeift weiter. Der Vogel muß sich in unserer Nähe befinden, aber wir sehen ihn nicht. Aus einer anderen Richtung kommt ein Zilp-Zalp, Zilp-Zalp, Zilp-Zalp. Das ist ein Grauschnäpper, sagt der Vogelkundler. Der Pfad ist jetzt so stark zugewachsen, daß der Weg unter dem Gestrüpp kaum noch zu sehen ist. Das hat den Vorteil, sagt der Leiter, daß Katzen und Hunde nicht in das Gelände eindringen. Dafür aber Menschen, sagt eine grauhaarige Frau strafend. Das ist nicht so schlimm, wie viele meinen, sagt der Leiter, denn die Vögel wissen, daß wir sie nicht fangen und nicht fressen. Mir fällt ein Lehrer ein, der das Gezwitscher der Vögel in der Grundschulzeit stets das Konzert unserer gefiederten Freunde nannte. Als Kind stellte ich mir eine Weile vor, die Vögel würden sich winzig kleine Instrumente unter ihre Flügel klemmen und sich wie Mitglieder eines Orchesters auf einem Baum sammeln. Der Leiter hebt den gestreckten Zeigefinger und spitzt die Lippen. Das sind Nachtigallen, flüstert er. Wir hören ein Zwitschern, Seufzen, Girren, Stöhnen, Gurren, Locken, Schlagen, Glucken. Judith senkt den Blick (wie im Konzert, wenn sie Bach hört) und faßt mich an. Zizazi coi coi coi coi coi, tönt es von links. Tsetsetsetsetsetse tsatsatsi, tönt es von rechts. Und, ganz aus der Nähe: Hiip hiip hiip quoi quoi quoi quoi. Immer schneller folgt Erwiderung auf Erwiderung. Der Vogelkundler hebt den Kopf und flüstert in die Runde: Eine Nachtigall kann innerhalb einer Stunde mehr als vierhundert Strophen nacheinander singen. Die Teilnehmer sind gerührt-erstaunt-ergriffen. Der Pfad öffnet sich und mündet in eine kleine verwilderte Wiese. Die Vogelliebhaber schauen sich beglückt in die Gesichter. Die Vögel sind uns nah, obwohl wir sie kaum sehen. Am Rand der Wiese, zum Wald hin, entdeckt Judith zwei verlassene Schlafsäcke. Sie sind geöffnet und liegen nebeneinander. Wir reden darüber, ob sie ganz aufgegeben oder nur vorübergehend zurückgelassen worden sind. Judith vermutet, sie gehören zwei Obdachlosen, die von unserem Ausflug wußten und sich für einen Tag aus dem Staub gemacht haben. Die Gruppe durchquert ein Wäldchen und zieht sich dabei auseinander. Sperlinge lassen sich auf den Schlafsäcken nieder und picken Brotkrumen auf. Wenn ich mich nicht täusche, ist es Judith inzwischen ziemlich nachtigallenmäßig zumute. Sie löst sich von mir und kriecht unter die überhängenden Äste einer größeren Hecke. Meine Aufmerksamkeit ist ein wenig gestört beziehungsweise gespalten. Auf dem Weg über die Wiese habe ich leere Batterien, kaputte Kassettenrecorder, kleine Elektroteile liegen sehen. Judiths Hand erscheint unter dem Gesträuch und winkt mich herbei. Ich beuge mich unter die Äste und sehe Judith in einer kleinen Grasmulde sitzen. Judith greift mir unters Hemd und flüstert: Kannst du kommen? Ich schaue mich um, offenbar sind wir hinreichend allein. Judith zieht ihren Schlüpfer aus und beugt sich nach vorne. Ich kämpfe mit meiner Schamhaftigkeit, die sich im Freien nicht leicht bändigen läßt. Aber dann hilft mir der Anblick von Judiths weißen Schenkeln inmitten einiger sanft wedelnder Gräser. Es ist ein unaussprechliches Glück, Judiths Hinternfalte zu öffnen, die Backen sanft hochzuziehen und dann die Stelle zu sehen, wo die Falte in die Geschlechtsritze übergeht. Judith läßt zwei, drei Seufzer hören, die von Nachtigallenseufzern kaum zu unterscheiden sind. Judith weiß, daß ich den Beischlaf im Freien nicht lange dehnen kann. Obwohl wir allein sind, schaue ich mich doch verstohlen um und werde dabei nervös. Meine Empfindungen für Judith und Sandra fließen wieder ineinander. Momentweise habe ich das Gefühl, daß ich mit beiden Frauen gleichzeitig zusammen bin. Selbst die bläulichen Schatten einiger Krampfadern in den Kniekehlen sind bei Judith und Sandra ähnlich. In den Augenblicken des Samenabgangs schwirrt ein Dutzend Sperlinge aus der Hecke. Es entzückt mich, daß die Vögel geordnet auffliegen und ebenso geordnet in eine andere Hecke einfallen. Ich schäme mich meiner zerfließenden Gefühle, allerdings nicht sehr. Ich würde gerne behaupten, daß ich nur mit Judith diesen schönen Körperwiderspruch einer starken Ermattung erlebe. Aber es wäre gelogen. Auch mit Sandra bin ich genauso glücklich zerschlagen und gleichzeitig gestärkt wie jetzt bei Judith. Ich wünsche allen Männern zwei Frauen und allen Frauen zwei Männer, wenigstens phasenweise, denn zwei Frauen oder zwei Männer sind die Mindestüppigkeit, mit der wir den Kampf gegen unser armseliges Leben antreten können, ohne uns gleich dem Gesetz der Kargheit auszuliefern. Judith steigt in ihren Schlüpfer und sagt: Man wird schön belohnt, wenn man dich liebt. Nach einer Pause sagt sie: So richtig verletzt haben wir uns noch nicht, oder?
Nein, sage ich; willst du, daß wir wegen irgend etwas aufeinander losgehen?
Natürlich nicht.
Aber es ist dir verdächtig, daß es zwischen uns keinen Hickhack gibt?
Ja, sagt Judith; ich denke häufig, daß sich im geheimen etwas ansammelt.
Das denke ich manchmal auch; aber warum sollten wir uns verletzen?
Ich möchte sehen, wie wir hinterher damit fertig werden, sagt Judith.
Wir lachen und kriechen unter der Hecke hervor. Die anderen Vogelkundler sind uns inzwischen weit voraus. Wir beeilen uns ein bißchen und hören schon bald ihre Stimmen.
Drei Morgende später wache ich gegen sieben Uhr auf und habe wieder dieses nervöse Zittern im rechten Augenlid. Das Kribbeln überfällt mich in Abständen von drei bis vier Wochen und löst jedesmal eine Flut von finalen Vorstellungen aus. Ich habe schon öfter Menschen gesehen, denen ein Lid tot über einem Auge hing wie ein kaputter Rolladen. Kriege ich jetzt auch ein solches Auge? Nach einer Weile scheue ich mich nicht, eingebildete Sterbeszenen zu durchleben. Ich glaube, daß ich an Krebs erkrankt bin (letztes Stadium natürlich) und den nächsten Winter nicht mehr überleben werde. Schon als Kind habe ich gewußt, daß der Tod eine ferne Beschmutzung ist, die man sich auch noch selbst zufügen muß. Es hat nichts genutzt, daß du dich ein Leben lang ordentlich gewaschen hast! Die nächsten Stationen werden sein: Darmspiegelung, Darmverschluß, Darmoperation, Darmkatheter. Meine Ängste sind so fürchterlich, daß mir allein von ihnen fast schlecht wird. Ich schaue in meinem Arbeitszimmer umher und sehe die wirren Aufhäufungen von Briefen, Katalogen, Broschüren, Programmen, Protokollen, Zeitschriften und Zeitungsausschnitten, die ich nur noch selten ordne. Das alles wird weggeworfen werden müssen, wenn du tot bist! Und wer wird in das Zimmer treten und das Zeug in Müllsäcken verschwinden lassen, Sandra oder Judith? Bleicher Himmel, jetzt geht das wieder los. Zum Glück komme ich auf die Idee, das Fenster zu öffnen. Ich höre Frau Schlesinger, die mit zusammengeknülltem Zeitungspapier ihre Fenster putzt. Das Quietschen des Papiers auf dem Glas erinnert mich an Mutter, die die Fenster genauso geputzt hat. Als ich jung war, erschien mir das Fensterputzen als Gipfel der Lebensleere, jetzt kommt es mir vor wie ein kostbares Innehalten meiner rasenden Todesangstmaschine. Nach einer halben Stunde läßt das Zittern in meinem Augenlid nach. Danach ergreift mich ein seltsamer Arbeitsdrang, vermutlich eine Form von Dankbarkeit. Ich setze mich neben die eben noch beklagten Aufschichtungen auf meinem Schreibtisch und arbeite. Kern meines neuen apokalyptischen Vortrags wird sein, daß ein neuer, diesmal endgültiger, apokalyptischer Faschismus auf uns zukommt. Schnell wird er da sein, weil er bei den Menschen nicht mehr langwierig durchgesetzt werden muß; die allgemeine Bereitschaft für ihn ist da. Das Volk wird ihn bejubeln, wie noch kein Faschismus zuvor bejubelt worden ist. Der neue Faschismus kommt in der Maske der permanenten Massenunterhaltung auf uns zu. Schon vor dreißig Jahren (werde ich ausführen) hätte uns der Widerspruch auffallen müssen, daß der Staat die immer totaler (und totalitär) werdende Unterhaltung nicht gestoppt und gleichzeitig behauptet hat, er hätte nach wie vor das Wohl seiner Bewohner im Sinn. Und es hätte uns allen auffallen müssen (werde ich hinzufügen), daß man das Denken von Menschen, die sich täglich drei bis vier Stunden lang dem Fernsehen aussetzen, nicht frei nennen kann. Ich werde den Staat mit einem immer härter werdenden Eisblock vergleichen, den wir zwar jeden Abend in der Tagesschau an uns vorbeitrudeln sehen, den wir aber nicht mehr fassen, nicht mehr begreifen und nicht mehr schätzen können. Wir können sehen, daß der Eisblock mit seinen messerscharfen Kanten alles niederrammt, was er selbst nicht mehr als zu sich gehörig erkennen kann. Ich werde die Teilnehmer meines Seminars dafür sensibilisieren, daß jeder neue Faschismus mit der Neuerfindung von Vorbehalten gegen bestimmte Opfergruppen beginnt und daß diese Vorbehalte im Schutz der Massenunterhaltung unmerklich situiert und ebenso unmerklich durchgesetzt werden. Schon jetzt hat der Unterhaltungsfaschismus bestimmte Schichten ausgemacht (Arbeitslose, Obdachlose, Arbeitsunwillige, Alte, Behinderte, Opfer, Dauerkranke), die mit brüderlich klingenden Fernsehshows gekennzeichnet und dann sanft eliminiert werden. Als Zukunftsaufgabe bleibt dem Eisblockfaschismus nur noch, daß sich unter den Bewohnern ein immer größeres Publikum bildet, das an Vorbehalten Freude und an der sanften Bezichtigung Genugtuung empfindet. Dann wird der faschistische Mechanismus (Unbetroffene kennzeichnen freiwillig die Betroffenen) nicht mehr rückgängig zu machen sein. Es gibt, werde ich sagen, in einem einmal durchgesetzten Faschismus keine Revision mehr, die eine eingespielte Ausgrenzung wieder aufheben könnte.
Ich überlege, ob ich Sandra oder Judith zu meinem Seminar mitnehmen soll. Beide Frauen sind, glaube ich, an meinem Beruf und seinen Problemen kaum interesssiert; sie hören mir zwar zu, wenn ich über moderne Apokalypse spreche, aber mit erkennbar geringer Neigung. Für beide wären zweieinhalb Tage in der Schweiz ein willkommener Kurzurlaub. Da ich andererseits die Kosten niedrig halten muß, entscheide ich mich für ein Einzelzimmer ohne Begleitung. Unter den Hotelangeboten war das Berghotel ›Seeblick‹ (Hanglage) in Interlaken das günstigste und wahrscheinlich das praktischste; es ist ein mittelgroßes Tagungshotel mit kleinen und mittleren Salons; es bietet schlichte Einzelzimmer und Luxus-Appartements an. Bis jetzt haben sich für mein Seminar zwölf Teilnehmer gemeldet, neun Frauen und drei Männer; das ist für die kurze Anlaufzeit eine gute Quote. Wenn mehr als zwanzig Teilnehmer verbindlich zusagen, wird sich die Geschäftsleitung als Dank für meine Gästebeschaffung kulant zeigen: Ich darf dann umsonst wohnen, essen und trinken. Es könnte sein, daß es klappt. Apokalypse ist gefragt, und ich glaube, ich habe einen guten bis sehr guten Ruf. Das Telefon klingelt. Ich habe keine Lust zu reden, aber ich muß den Hörer abnehmen, vielleicht ist es ein neuer Teilnehmer. Es ist Judith. Sie ist gerade unterwegs in einem vermutlich unerheblichen Vorort namens Nettenheim. Neuerdings ruft Judith öfter von unterwegs an und will besänftigt werden. Sie klagt über ihr Leben als Nachhilfe-Lehrerin. Den ganzen Tag ist sie auf den Beinen, sie geht in (vermutlich) schäbigen Häusern (vermutlich) schäbige Treppen auf und ab, immer wieder muß sie sich auf die Eigenarten ihrer Schüler (und deren Mütter) einstellen. Sie versteht nicht, daß sie so müde ist, obwohl der Tag erst zur Hälfte vorüber ist. In früheren Jahren haben wir über diese Probleme nur gesprochen, wenn wir abends zusammensaßen und ein Glas Wein tranken.
Willst du nicht wenigstens die älteren Schüler und die Erwachsenen zu dir nach Hause bestellen? frage ich.
Nein.
Aber das würde dir doch wenigstens ein bißchen Erleichterung bringen?
Nein.
Nein?
Ich will nicht, daß so viele fremde Leute wissen, wie es bei mir zu Hause aussieht. Außerdem will ich nicht für fremde Menschen meine Wohnung aufräumen, sagt Judith.
Ich will nicht einmal für mich selbst meine Wohnung aufräumen, sage ich.
Es ist nicht die Erschöpfung, die mich fertigmacht, obwohl ich jeden Abend erschöpft bin, sagt Judith, sondern es ist mein Konflikt, daß ich keine Nachhilfelehrerin sein will, aber dennoch jeden Tag ordentlich meinen Job mache.
Ich verstehe Judith ganz ausgezeichnet, aber eine passende und gleichzeitig (irgendwie) befreiende Antwort fällt mir nicht ein. Judith ist einundfünfzig; in diesem Alter ist jedem bekannt, daß sich ein anderes, neues Leben nicht mehr so einfach herbeipfeifen läßt.
Aber in dieser Situation leben wir doch alle, sage ich.
Was meinst du?
Um Judith aufzuheitern, sage ich: Es ist die Dialektik des Deliriums, in der wir leben.
Endlich lacht Judith ein bißchen und sagt: Von dieser Dialektik habe ich noch nie etwas gehört.
Die Dialektik des Deliriums geht so: kaum einer tut etwas, kaum einer erreicht etwas, kaum einer verdient etwas, und trotzdem geht alles immerzu weiter.
Judith sagt nichts.
Das Mysteriöse der Dialektik besteht darin, sage ich, daß trotz mehrerer Verneinungen am Ende eine Bejahung herauskommt, die dann keiner versteht.
Du bist mein Retter, sagt Judith leise.
Ich zucke zusammen und bin froh, daß Judith meinen kleinen Schreck nicht sieht. Sie sagt, daß sie heute noch zwei Nachhilfestunden geben muß, einmal Latein und einmal Klavier. Danach werde ich mich ein bißchen ekeln wie ein Hausierer, sagt sie.
Aber wenn du in der Straßenbahn sitzt und nach Hause fährst, wirst du plötzlich zufrieden sein, antworte ich.
Das ist die Endstufe der Dialektik des Deliriums?
Genau, sage ich.
Judith lacht. Am Klang ihrer Stimme höre ich, daß sie sich wieder gefangen hat. Weich und samtig verabschiedet sie sich am Telefon.
Ich gehe mit einem leeren Kissenbezug in der Wohnung umher und sammle schmutzige Unterhosen, Unterhemden, Strümpfe, Handtücher, Geschirrtücher und Bettwäsche ein. Sandra hat mir vor langer Zeit erlaubt (sie hat mich sogar dazu aufgefordert!), ihr meine schmutzige Wäsche zu bringen. Ich mache von dieser Möglichkeit nur selten Gebrauch, weil ich mir als Wäscheablieferer ein bißchen schäbig vorkomme. Aber in den letzten vierzehn Tagen hat sich derart viel schmutziges Zeug angesammelt, daß ich meine Vergünstigung in Anspruch nehme. Bevor ich weggehe, wähle ich die Nummer von Morgenthaler. Ich will mit ihm einen Termin für die Besichtigung der Wohnung seiner Mutter ausmachen. Sekunden später bin ich peinlich berührt. Auch Morgenthaler hat jetzt einen Anrufbeantworter. Ausgerechnet Morgenthaler, von dem kaum noch jemand etwas will. Es ist nicht zu fassen! Im Herzen bin ich dankbar für den Anrufbeantworter. Er treibt eine kleine Wut in mir hoch, die dazu führt, daß ich den Anruf unterlasse. Wahrscheinlich ist auch Morgenthaler schon tot, denke ich, nur sein Anrufbeantworter ist noch nicht abgeschaltet worden. Wenig später verlasse ich die Wohnung. Ich bin sicher, Frau Schlesinger schaut mir nach, wie ich mit dem vollen Wäschesack davonziehe. Unterwegs, in der Limes-Anlage, sehe ich einen älteren Mann. Er geht langsam, bleibt dann fast stehen, winkelt das linke Bein ab, hebt es leicht an und verzieht ein wenig das Gesicht. Die Haltung des Mannes ist die Haltung von Greisen, die gleich einen Wind lassen müssen. Der Mann erinnert mich an meinen seit etwa zwanzig Jahren toten Vater. Vater pupte sogar in der Wohnung. Lange Jahre war ich überzeugt, daß Vater auf diese Weise seine Verachtung für die Familie zeigen wollte. Vor fünf Jahren habe ich meine Meinung geändert. Jetzt nehme ich an, das Pupen war im Gegenteil der völlig naive Ausdruck seiner Aufopferung für die Familie, das Begleitgeräusch seiner Arbeit für uns, die er (vermutlich) als Niederlage empfand. Das Pupen war das Zeichen für die heimlichen Kosten seiner Hingabe an Frau und Kinder. Er hätte nicht verstanden, wenn er dafür gerügt worden wäre. Ich will diese Vorgänge seit mehr als vierzig Jahren vergessen. Ist heute ein besonderer Tag, daß ich mir solche Erinnerungen erlaube? Denn an normalen Tagen bin ich zu schwach für solche Details. Aber mir fällt nichts ein, was diesen Tag vor anderen Tagen auszeichnen könnte, außer der Härte der Erinnerungen selber. Schon eine Minute später (der von mir bemerkte Greis ist derweil verschwunden) ist mir, als müßte ich die Kosten der Erinnerung bezahlen. Ein rätselhafter Schmerz schlägt mir den Hals hoch bis in die Augen hinein. Weil ich mich geniere, mir die Tränen abzuwischen, reiße ich die Augen weit auf und lasse die Feuchtigkeit vom Wind wegtrocknen. Ich setze mich auf eine Bank, lege den Wäschesack neben mir ab und beruhige mich. Dabei wollte ich immer, daß es meinem Vater einmal besser ergehen sollte als mir. Woher diese Zärtlichkeit für ihn kommt, weiß ich nicht. Ich habe nicht gewußt, daß es einen fast selbst umbringt, wenn man einen Toten zu lieben beginnt. Nicht weit von mir liegt ein jüngerer Mann auf einer Bank und schläft. Seine Sandalen sind von den Füßen abgefallen und liegen neben der Bank. Das heißt, es liegt nur noch eine Sandale da. Mit der anderen Sandale spielen ein paar Kinder Fußball. Nach einer Weile verlassen die Kinder den kleinen Platz, kicken aber vorher die eine Sandale weit weg und kichern dabei. Ich frage mich, ob ich den Kontakt zur Realität langsam verliere. Wahrscheinlich ist dieser Verlust ein geheimnisvoller Vorgang. Ich denke, der Kontakt zur Wirklichkeit besteht darin, daß die allermeisten Menschen (wie ich) immerzu umhergehen, sich mal dahin und mal dorthin setzen, mit diesem und jenem Menschen reden und dabei das Gefühl haben, jeden Tag ist alles genau so, wie es schon gestern und vorgestern war und wie es auch morgen wieder sein wird. Auch wer das Gefühl der Wiederkehr langsam verliert, bleibt in diesem befangen, obgleich er in seinem Inneren über rätselhafte Unstimmigkeiten zu klagen anfängt. Sagen wir, es gibt in seinen Wahrnehmungen ein paar krumme Stellen beziehungsweise Löcher, die er eigenmächtig ausstaffiert. Ich selbst bin dafür ein gutes Beispiel. Denn es ist nicht wahr, daß die Kinder eine der Sandalen des auf der Bank liegenden Mannes weggekickt haben. Im Gegenteil, die Kinder haben beide Sandalen ordentlich zur Bank getragen und sind erst dann weggegangen. Warum fälsche ich zuweilen etwas ab, was ich doch richtig beobachtet habe? Ich frage mich, ob ich mir über meine Entstellungen Sorgen machen muß oder ob es normal ist, wenn man sich nach innen als Wirklichkeitsveränderer betätigt. Aber solange ich nur für mich entstelle, werden diese Vorgänge als gewöhnlich bezeichnet werden können, hoffe ich. Aufpassen muß ich nur, wenn ich anfange, anderen Menschen gegenüber meine Korrekturen als wahrhaftig darzustellen.
Während ich grüble, fängt auf dem Platz ein Kind zu weinen an. Das war schon öfter so. Ich sitze da und kaue an ein, zwei Gedanken, da zerstreut mich ein Kinderweinen. Die Folge ist, ich lasse meine Gedanken fallen und widme mich der Frage, ob es zwischen meiner Angst vor Wirklichkeitsverlust und dem Kinderweinen einen Zusammenhang gibt. Übernimmt das Kind in diesen Augenblicken die Stafette meines Schmerzes und trägt sie ins Nirgendwo? So vertreibt ein Schmerz den nächsten, so macht eine Angst die nächste unwichtig, und doch füllt das Gefühl des Scheiterns mehr und mehr das Leben aller. Ich empfinde derart stark die universale Unerlöstheit der Menschen, daß ich Lust verspüre, aufzustehen und den paar Leuten und Kindern ringsum mein Bedauern auszusprechen. Besonders den schon Erlahmten und Erschöpften unter ihnen möchte ich kameradschaftlich die Hand drücken. Ich kenne mich im Leben der Erschöpften sehr gut aus, weil ich mich für die Erschöpfung als Form schon seit langer Zeit interessiere. Unsere Verhältnisse produzieren unablässig Erschöpfung, ausreichend Platz für die Erschöpften gibt es aber nicht. Der Erschöpfte ist eine stigmatisierte Figur. Er bildet das System ab, das über uns herrscht, und die Lächerlichkeit seiner Versprechungen. Ich könnte (kann) den Erschöpften geeignete Ruheplätze zeigen, wo sie sich ungestört hinlagern können. Ich habe diese Plätze selbst ausprobiert, es sind Kleinode und Verstecke, absolute Geheimtips. Vor ungefähr fünfzehn Jahren, als ich noch halbwegs jung war und noch Karriere machen wollte, habe ich einmal ein »Handbuch für Erschöpfte« schreiben wollen, eine Art Stadtführer mit Angabe von schattenspendenden Bäumen, unbekannten Schleichwegen (ohne Werbetafeln links und rechts), stillen Cafés (ohne Gedudel) und so weiter. Leider war ich selber zu erschöpft, um das Handbuch zu schreiben. Im Fenster eines gelben Hauses springt in diesen Augenblicken ein Plastikrolladen aus einer seiner Laufschienen heraus und rutscht im unteren Drittel des Fenstervierecks zusammen. Erst dieser wunderbare Anblick erlöst mich vom untergründigen Weiterzittern der Erinnerung an meinen Vater. Das Kind, das vorhin geweint hat, fährt jetzt auf seinem Dreirad an mir vorbei und lacht mich an. Die Feuchtigkeit in meinen Augen ist getrocknet, ich nehme meinen Wäschesack und mache mich auf den Weg zu Sandra.
Ich rechne damit, daß sie ein bißchen verärgert sein wird, wenn ich sie ohne Vorankündigung mit meiner schmutzigen Wäsche konfrontiere. Aber sie öffnet mir in aufgeräumter Stimmung die Tür, nimmt mir den Wäschebeutel aus der Hand und sagt: Du kommst gerade recht, ich bin sowieso beim Waschen, in der Trommel ist noch eine Menge Platz. Sandra klappt das Bullauge der Waschmaschine noch einmal auf und stopft meine Sachen rein.
Du siehst nicht gut aus, sagt Sandra in der Küche.
Ich bin überarbeitet, sage ich.
Hast du Sorgen?
Ich frage mich immer mal wieder, wie lange ich die Apokalypse noch betreiben kann.
Aber dein neuer Vortrag ist doch fertig?
Gott sei Dank, sage ich; mein rechtes Knie schmerzt, außerdem habe ich ein bißchen Bauchweh.
Leg’ die Beine hoch.
Ich ziehe die Schuhe aus, Sandra polstert die rechte Sofalehne mit zwei Kissen, eine Minute später liege ich flach.
Warst du beim Arzt? fragt Sandra.
Warum?
Wegen deiner Wadenkrämpfe. Und überhaupt.
Nein.
Willst du nie zum Arzt gehen?
Nein.
Warum nicht?
Ich weiß zu gut, was passieren wird, antworte ich; meine Mutter hatte ebenfalls zuerst Wadenkrämpfe und dann Krampfadern. Der Arzt verschrieb ihr Magnesiumtabletten und Stützstrümpfe. Auch ich würde Magnesium und Stützstrümpfe kriegen. Die Tabletten würde ich nehmen, die Stützstrümpfe würde ich liegenlassen.
Wie deine Mutter? fragt Sandra.
Ja.
Aber du spürst doch Stiche im Unterleib, und dein Knie ist nicht in Ordnung.
Ich möchte antworten, aber dann rührt mich die Art, wie Sandra unter dem Kopfkissen ihr Nachthemd hervorzieht, es in die Waschmaschine stopft und ein frisches Nachthemd unter ihr Kopfkissen schiebt.
Und an die Wadenkrämpfe im Bett willst du dich gewöhnen?
Natürlich nicht, sage ich, aber was soll ich tun?
Sandra beugt sich zu mir herab und flüstert: Ich laß es nicht zu, daß du dich hängenläßt.
Natürlich nicht, wiederhole ich.
Ich rufe nächste Woche einen Internisten an und mache einen Termin für dich, sagt Sandra.
Ich will nicht zum Arzt, aber ich wage nicht zu widersprechen.
Krämpfe kriegst du doch nur im Liegen, oder?
Ja, sage ich, neuerdings sogar im Schlaf.
Und dann?
Dann springe ich aus dem Bett und laufe eine Weile im Zimmer herum.
Guter Gott, macht Sandra; ich habe mir was ausgedacht.
Was meinst du?
Ist dein Knie schon wieder gut? Kannst du aufstehen?
Ja, sage ich und erhebe mich.
Sandra geht vor mir in Richtung Schlafzimmer. Im Türrahmen sehe ich zwei umgedrehte Weinkistchen, links das eine, rechts das andere. Auf jeder Weinkiste liegt ein Kissen.
Solange du Krämpfe kriegst, vögeln wir im Stehen. Im Türrahmen, sagt Sandra.
Ich verstehe nicht sofort und frage: Wozu brauchen wir die Weinkisten?
Ich muß ein bißchen erhöht stehen, sagt Sandra, sonst kannst du nicht zu mir kommen.
Ach so, mache ich.
Sandra kichert. Findest du mich schamlos? fragt sie.
Ich überlege schon, ob deine Erfindung funktioniert, sage ich.
Sandra spreizt die Beine und steigt auf die Weinkisten, mit dem rechten Bein auf die rechte, mit dem linken Bein auf die linke Kiste.
Festhalten kann ich mich am Türrahmen, sagt sie.
Ich weiß schon lange, daß du eine Liebesbastlerin bist, sage ich.
Die Kisten haben einen festen Stand, sagt Sandra, sie können nicht wegrutschen.
Es könnte klappen, sage ich.
Mit Sicherheit, sagt Sandra und steigt von den Kisten herunter.
Aber du mußt mir versprechen, sagt sie, daß du zum Arzt gehst.
Jaja, mache ich.
Die Kisten sind nur eine vorübergehende Lösung.
Sie lacht und geht in die Küche.
Ich leide unter dem Widerspruch, ruft sie aus der Küche herüber, daß mein eigenes Leben immer gut geordnet ist, die Welt draußen aber nicht. Sobald ich meine Wohnung verlasse, stoße ich auf Unordnung und Chaos. Auch die Menschen, die ich kenne, leben in ordentlichen Verhältnissen. Wieso greift die Ordnung dieser vielen einzelnen Menschen nicht auf das Ganze über und macht dieses ebenfalls ordentlich? Kannst du mir das erklären?
Ich gehe ebenfalls in die Küche hinüber. Während des Gehens höre ich das Knacken meiner Fußknöchel. Es ist mir nicht recht, daß Sandra das Knacken ebenfalls hört. Ich setze mich so an den Küchentisch, daß ich die beiden Weinkistchen im Türrahmen des Wohnzimmers im Blick habe. Meine Sorge, daß es mit meiner Sexualität demnächst zu Ende sein könnte, kommt mir in diesen Sekunden töricht vor. Sandra wartet auf eine Antwort, aber ich habe im Augenblick kein Verlangen, über globale ethische Fragen nachzudenken. Ich sage nur: Dein Problem ist eines der schwierigsten überhaupt.
Ich habe nicht gewußt, beziehungsweise ich bin verblüfft, sagt Sandra, daß mir so gewaltige Fragen durch den Kopf gehen.
Sandra legt ihren Rock ab. Ich betrachte die über ihren Schlüpfer gezogene Strumpfhose.
Willst du einen Kaffee? fragt Sandra und lacht.
Warum lachst du? frage ich.
Weil du keine Antwort auf meine Frage weißt, sagt sie, das kommt nicht oft vor.
Ach so, mache ich.