SECHS
Auf der anderen Seite der Straße ist das Kulturamt. Dort muß ich hin. Im selben Haus befindet sich das Sozialamt (2. Stock), das Rechtsamt (1. Stock); welches Amt im 3. Stock arbeitet, weiß ich nicht; ganz oben jedenfalls, im 4. Stock, ist das Kulturamt untergebracht. Das hat mir Dr. Heilmeier am Telefon gesagt, als ich ihm mein Anliegen vortrug. Er war überraschend freundlich; es erstaunte mich, daß er mich ohne Umschweife zum Besuch des Kulturamts aufforderte, was in Kürze geschehen wird. Im Augenblick halte ich mich in einem großen, unübersichtlichen, ein wenig heruntergekommenen Café gegenüber vom Kulturamt auf. Die Menschen setzen sich überall hin, egal, ob es zu laut, zu stinkig, zu häßlich, zu eng oder zu schrill ist. Sie setzen sich hin und schauen und hören sich an, was zu laut, zu stinkig, zu häßlich, zu eng und zu schrill ist. Ich werde etwa zwanzig Minuten brauchen, um mich innerlich auf den Besuch bei Dr. Heilmeier vorzubereiten. Ich möchte die Ereignisse, bevor sie eintreten, sozusagen vorab erleben. Für das Gespräch mit Dr. Heilmeier veranschlage ich eine halbe Stunde. Danach muß ich schnellstens zurück in die Wäscherei, ich verbringe hier nur meine Mittagspause, die ich freilich ein bißchen dehnen darf, falls nötig. Die Beobachtung des Eingangs des Kulturamts ist eine gute Technik der Vorabeinfühlung. Die Leute, die hier ein und aus gehen, ähneln zwar den Menschen, die überall ein und aus gehen, aber trotzdem sage ich mir: Es sind besondere Menschen, die in einem Kulturamt zu tun haben, und beruhige mich dabei. Ich trage den besseren meiner beiden Sakkos, weil mein Zweitsakko inzwischen so formlos und mitgenommen ausschaut, daß Traudel mir abrät, mich darin noch irgendwo zu zeigen. Ich betrachte eine dickliche junge Frau von hinten, ihr Pulli ist ein wenig hochgerutscht, so daß ihre speckige Hüfte zu sehen ist. Ein Schwarm Rentner betritt das Lokal; sie bleiben am Eingang stehen und warten, bis ein Tisch frei wird. Auf den Anblick ihrer flehentlichen Halbverlassenheit reagiere ich mit einem kleinen Existenzzittern. Ich trinke die Hälfte meines Cappuccinos auf einmal weg, weil mir die Beklemmung durch die Rentner zu nahe geht und ich sie außerdem nicht verstehe. Ich betrachte die Speckhüfte der jungen Frau am Nebentisch, was ich auch nicht tun sollte. Denn es ist mir schon längst aufgefallen, daß mich der fleischige Ring zwischen Gürtel und Pulli an meine tote Mutter erinnert, an die ich jetzt nicht erinnert sein möchte. Ich ermahne mich, du solltest dich jetzt nicht deiner Mutter schämen oder ihr sonstwie nachhängen, denn du gehst gleich ins Kulturamt und solltest jetzt ein paar rasante, kulturell eindrucksvolle Sätze vorformulieren, die du dann ohne Hemmungen aufsagen kannst. Meine Mutter hatte zwischen Brust und Hüfte einen erheblichen Speckgürtel, der mich als Kind oft beglückte. Meine Mutter ließ sich von mir gern umfassen und achtete nicht darauf, auch später nicht, wenn ich ihr im Eifer des Umarmens zwischendurch an die Brust faßte. Daß meine Mutter zwei Brüste hatte, beruhigte meine kindliche Vorratsgesinnung. Ich hatte als Kind tatsächlich die Vorstellung, ich sei der Besitzer der Brüste meiner Mutter. Ich war beruhigt und momentweise sogar sorgenfrei, wenn ich dabei zusehen konnte, wie sich meine Mutter mehrfach am Tag von oben in den Ausschnitt griff und eine der beiden irgendwie verrutschten Brüste wieder ordentlich in den Büstenhalter zurückschob. Sie lachte mich an, wenn sie merkte, daß ich sie dabei beobachtete.
Die Rentner haben Platz gefunden, ich trinke meine Tasse leer und zahle. Der Verkehrslärm draußen kommt mir plötzlich wie eine geheimnisvolle Bestätigung meiner Absichten vor. Inmitten dieser Geräusche gehst du unaufhaltsam voran und bereitest dein neues Leben vor. Im Fahrstuhl befindet sich eine junge Frau, die einen Stapel Papiere seitlich von sich weghält und mich nicht anschaut. Das Kulturamt besteht aus einem schmalen Gang, von dem links und rechts ein paar Türen abgehen. Ich strebe an der ersten (offenen) Tür vorbei, da stoppt mich eine weibliche Stimme.
Wen darf ich bitte anmelden, fragt eine Empfangsdame. Ich bin mit Herrn Dr. Heilmeier verabredet, sage ich.
Ich muß Sie trotzdem nach Ihrem Namen fragen, sagt die Frau.
Warlich, sage ich, Gerhard Warlich.
Ich muß warten, die Empfangsdame telefoniert, ich hole ein Exposé aus meiner Aktentasche heraus.
Die letzte Tür links, sagt die Dame.
Ich habe die Tür noch nicht erreicht, da tritt ein Mann in mittleren Jahren auf den Flur heraus. Er trägt einen hellen Anzug und ein offenes Hemd, er weist mir mit der Hand den Weg in sein Büro und sagt:
Sie kommen in einem günstigen Augenblick. Die Stadt trägt sich schon länger mit der Absicht, eine Pop-Akademie zu eröffnen.
Das Wort Pop-Akademie läßt mich kurz erstarren. Eine Pop-Akademie ist das krasse Gegenteil dessen, was mir vorschwebt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie dieses Wort mit meinen Absichten in Verbindung gebracht werden konnte.
Die Politik muß darauf reagieren, sagt Dr. Heilmeier, daß die Menschen soviel Freizeit haben und daß nur wenige mit der überflüssigen Zeit etwas anfangen können. Da müssen wir helfen!
Mit einem derartigen Mißverständnis habe ich nicht rechnen können. Wahrscheinlich bin ich schockiert. All die Sätze, die ich mir im Café zurechtgelegt habe, sind mit einem Schlag unbrauchbar geworden. Wahrscheinlich müßte ich, mit höchstem diplomatischem Geschick, ein paar Tatsachen ins rechte Licht rücken. Allerdings bin ich so verdattert, daß mir jegliches Geschick abhanden gekommen ist.
Sie haben mir doch ein Exposé mitgebracht, oder? fragt Dr. Heilmeier.
Ja, gern, bitte, sage ich und reiche ihm mein Papier, das mir im Augenblick hoffnungslos vorkommt.
Danke, sagt Dr. Heilmeier, schaut kurz auf das Papier und sagt: Nur eines müssen Sie ändern! Der Name der Akademie! Schule der Besänftigung! Das klingt, Verzeihung, das klingt nicht sehr gegenwärtig! Wir brauchen einen flotten, mitreißenden Titel. Sie wollen doch die Jugend erreichen, nicht wahr?
Ich nicke.
Ich habe schon mit meinem 18jährigen Sohn über die Schule der Besänftigung gesprochen, sagt Dr. Heilmeier, das geht total in die Hose, sagt mein Sohn, Sie verstehen. Meiner Frau hat der Name allerdings gut gefallen, aber meine Frau arbeitet ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz und will kein Popstar werden.
Dr. Heilmeier lacht, ich lache ein wenig mit, nicht, weil ich Dr. Heilmeier lustig finde, sondern weil mir plötzlich eine unerwartete Hoffnung zufließt. Ich habe den Eindruck, daß mir das Mißverständnis Vorteile bringen wird. Das Wort Pop-Akademie beflügelt Herrn Dr. Heilmeier, es ist offenkundig, daß er sich für eine Pop-Akademie viel stärker einsetzen wird als für eine Schule der Besänftigung. Trotzdem überlege ich, ob ich das Mißverständnis sofort aufklären soll, zumal ich mich an seiner Entstehung unschuldig fühle. Im Gegenteil, wenn es jemanden gibt, der eine Pop-Akademie für ein greuliches Verhängnis hält, dann bin ich das. Aber ich genieße schon viel zu sehr Dr. Heilmeiers Zuwendung, so daß ich schnell zu dem Schluß komme, mir mit der Aufklärung Zeit zu lassen.
Es ist so, sagt Dr. Heilmeier, daß die Stadt Ihnen für das erste Jahr mietfrei geeignete Räume zur Verfügung stellt. Oh, sage ich, vielen Dank.
Ich warte darauf, die Grundzüge meiner Schule darstellen zu können, aber Dr. Heilmeier läßt mich nicht zu Wort kommen.
Der nächste Schritt wird sein, Sie reichen mir eine Liste Ihrer Dozenten ins Amt und außerdem einen Entwurf Ihres Lehrplans.
Unbedingt, sage ich.
Am besten ist, wenn Sie mit Ihren Unterlagen nicht allzu lange warten. Ich werde Ihren Entwurf unverzüglich dem Kulturausschuß vorlegen, damit die Suche nach den Räumen in die Wege geleitet werden kann. Außerdem wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich über alle weiteren organisatorischen Schritte informieren würden.
Klar, sage ich.
Es hat den Anschein, daß meine erste Berührung mit dem Kulturamt hiermit beendet ist. Ich bin höflich und erhebe mich. Einige Augenblicke warte ich stehend, ob Dr. Heilmeier zu weiteren Merksätzen ausholt, das ist nicht der Fall. Ich reiche meine rechte Hand über den Schreibtisch, aber Dr. Heilmeier ist bereits in einen anderen Aktenordner vertieft und wartet ein wenig beleidigend darauf, daß ich gehe. Wie entsetzlich es wieder ist, wenn man genau das tun muß, was jemand von einem erwartet! Einige Augenblicke lang will ich die Schule der Besänftigung an der Wand des Kulturamtes zerschmettern. So schnell und elegant wie ich kann, verlasse ich das Büro und gehe den langen Gang entlang.
Obwohl ich mir momentweise als hereingeschneiter und jetzt wieder hinausschneiender Bittsteller vorkomme, betrete ich doch mit aufgehelltem Gemüt die Straße. Meine erste Präsentation im Kulturamt war ein Erfolg. Ich sehe eine junge Mutter mit Kind und Kinderwagen und weiß sofort: Mit diesen schönen Anblicken geht mein inneres Frohlocken weiter. Die Mutter trägt eine dünne Bluse mit vielen farbigen Blumenmustern. Die Frau lacht Autos und Häuser und Geschäfte und ihr Kind an, es ist unglaublich. Es ist die Formkraft der Glückserwartung, die Frauen schön macht. Das Kind hat die weiße Haut seiner Mutter, außerdem einen himmelblauen Luftballon, der in Kopfhöhe des Kindes am Kinderwagen befestigt ist. Sobald es die Schule der Besänftigung gibt, werde ich Vorlesungen über den Aufbau des Glücks in glücksfernen Umgebungen halten. Das ist mein Spezialgebiet. Wir müssen uns das Außerordentliche selber machen, sonst tritt es nicht in die Welt. Ich benutze (wie jetzt) ein kleines Anfangsglück (meine vielversprechende Präsentation) und spekuliere auf wohlgesonnene Folgeglücke. Das heißt, ich schaue schnell und gewandt und bedürftig umher, bis ich irgendein Bild sehe, an das sich mein Bedürfnis dranhängen kann. Viele offenkundig hilflose Menschen treiben in den Straßen umher, sie steigern mein Beiseite-stehen-Wollen und (darin) meine Glücksjagd. Und meistens (wie jetzt wieder) finde ich einen Sehepunkt für eine Anknüpfung. Ich komme an einem italienischen Terrassenrestaurant vorbei und sehe dort an einem Tisch eine dicke Frau und einen kleinen Jungen sitzen. Die beiden haben riesige Portionen Spaghetti vor sich stehen, reden miteinander und verschlingen dabei ihre Spaghetti.
Das heißt, im Augenblick, als ich weitergehen will, erhebt sich die Frau, nimmt ihre Handtasche und geht ins Lokal, vermutlich muß sie auf die Toilette. Auf ihrem jetzt leeren Platz sehe ich einen Löffel liegen. Ich sehe zweimal und dreimal hin. Die Frau war die ganze Zeit auf dem Löffel gesessen und hat es nicht bemerkt. Für das Aufessen der Spaghetti braucht sie den Löffel nicht, es genügt ihr die Gabel und das dichte Schweben ihres großen Mundes über dem Spaghettiberg. Ich drehe mein Gesicht zur Seite, niemand soll mein Kichern sehen oder hören. Ich habe immer gewußt: das Lächerliche wartet auf den Augenblick seiner Enthüllung. Der Junge blättert in einem Comic und achtet weder auf mich noch auf sonst etwas. Die Frau kehrt nach kurzer Zeit aus dem Lokal zurück. Jetzt wird sie den Löffel bemerken! Der Junge sieht die Frau freudig an und legt den Comic weg. Ich habe mich geirrt. Die Frau sieht an ihrem Sitzkissen vorbei und setzt sich erneut auf den Löffel. Jeden Augenblick wird sie, nehme ich an, etwas Undeutliches in der Nähe ihres Hinterns spüren, dann wird es an diesem Tisch etwas zu lachen geben. Ich irre mich erneut. Die Frau muß doch eine Beeinträchtigung fühlen oder wenigstens ein Unbehagen. Wahrscheinlich denke ich nur wieder zuviel, meine alte Unart. Die Frau fühlt keinerlei Unstimmigkeiten an ihrem Hintern. Sie ist längst wieder über ihre Spaghetti gebeugt und redet mit dem Kind. Der Junge ißt seine Spaghetti ordentlich mit Gabel und Löffel. Obwohl die Frau oft und aus nächster Nähe in den Teller des Kindes schaut, geht ihr nicht auf, daß ihr die Hälfte der Ausrüstung fehlt. Das Glück einer unvordenklichen Beobachtung steigt in mir auf und erwärmt meine Innenwelt. Das heimliche Leben ist das wahrere Leben. Zum ersten Mal überlege ich, ob ich mir für meine Glücksvorlesungen jetzt schon Notizen über beobachtete Glücke machen soll. Aber ich habe im Augenblick weder Papier noch einen Stift bei mir. Viele Frauen tragen bunte Kleider und umarmen während des Gehens ihre Männer. Wieder fällt mir meine Mutter ein, die fast nur geblümte und tief ausgeschnittene Kleider trug, ihrem Mann aber untersagte, ihr während des Spazierengehens in den Ausschnitt zu schauen, was ich trotz meines kindlichen Alters als schwer verständliche Härte empfand. Nur mir gewährte Mutter fast schrankenlosen Zugang zu ihrem Busen. Abends, beim Fernsehen, wenn mir die Fadheit des Abends und die Fadheit des eigenen Mundes zu schaffen machte, durfte ich mich mit der Wange gegen ihren Busenansatz lehnen. Ich durfte sogar eine Hand auf ihren Busen legen und dabei einschlafen. Meine Mutter liebte Liebes-, Hochzeits-, Frühlings- und Urlaubsfilme. Am besten war, wenn die Liebe zwischen Mann und Frau während eines schönen Urlaubs einsetzte und dann, alles in einem Film, in wunderbarer Landschaft zur Hochzeit führte. Ich sah oft, wie meine Mutter beim Anblick von Liebesszenen lächelte. Ihre Zufriedenheit gefiel mir so gut, daß ich bald nicht mehr die Filme anschaute, sondern die sonnige Zufriedenheit meiner Mutter während des Filmesehens. Mit der Zeit jedoch erfaßte mich ein Argwohn gegen meine Mutter; sie ging, je älter ich wurde, allmählich dazu über, mich von ihrem Busen wegzudrücken. Ich hatte für diese neuen Verhältnisse keine Erklärung. Später, während des Philosophiestudiums, nannte ich das Lächeln der Mutter (mit Kant) das Naturschöne, das Fernsehen nannte ich (mit Hegel) den Schein des Wirklichen und das Gesäusel der Filmhelden nannte ich (mit Heidegger) das Gerede des Man. Das Hineinstellen der Wirklichkeit in die Ordnung der Wörter war ein neues Glück. Heute muß ich mich (sogar hier auf der Straße) wundern über meine damalige Schlichtheit. In dieser Zeit setzte die Vorstellung ein, ich selbst könnte ein philosophisches Werk verfassen. Es sollte Zaudern und Übermut heißen, Untertitel: Phänomenologie des ... dann wußte ich nicht weiter. Dabei bin ich nur, wie die meisten anderen auch, auf meine eigene Begeisterung hereingefallen. Ich weiß nicht, warum mir jetzt einfällt, daß ich mir eine neue Hose kaufen muß. Traudel hat mir wieder einmal gedroht, sie werde mich verlassen, wenn ich mich weiter so vernachlässige. Ich komme mir nicht vernachlässigt vor. In diesem Punkt ist eine Verständigung mit Traudel wahrscheinlich nicht möglich. Es ist an der Zeit, diese schmerzliche Schwierigkeit klar zu erkennen. Ich komme mir eher bedürfnislos vor – und sogar ausgesöhnt mit der Bedürfnislosigkeit. Der abendliche Blick aus dem Wohnzimmer zu meiner auf dem Balkon hängenden Hose gefällt mir sehr gut. Wobei es mir Probleme macht, genau zu sagen, was mir an diesem Blick gefällt. Es ist das Gefühl, das Vergehen der Zeit sei anschaulich geworden. Manchmal denke ich sogar, es handle sich um das Vergehen meiner Zeit. Dieser Gedanke ist vermutlich ein bißchen verrückt; deswegen traue ich mich nicht, ihn Traudel gegenüber auszusprechen. De facto habe ich, da meine Zweithose auf dem Balkon hängt, nur eine einzige Hose, die ich Tag für Tag trage. Aus Versehen denke ich anstelle des Wortes Zweithose das Wort Zeithose, worüber ich Glück empfinde. Ich und meine Zeithose! Tatsächlich habe ich schon, sozusagen im Schnelldurchlauf, die Hosenabteilungen zweier Kaufhäuser durcheilt. Ich wollte nicht lange überlegen, welche Farbe die Hose haben sollte, ob sie einen Reißverschluß haben sollte oder nicht, ob sie eher eng oder eher weit geschnitten sein sollte. Sondern ich wollte rasch in eine Hosenabteilung eindringen, ein oder zwei Hosen anprobieren, eine davon kaufen und schnell wieder verschwinden. Der Plan ließ sich nicht ausführen, ich weiß nicht warum. Es störten mich schon die hilfesuchenden Gesichter der Verkäuferinnen. Nirgendwo auf der Welt gibt es auf engem Raum so viele bedürftige Frauen. Deren armselige Gesichter auch noch von morgens bis abends überhell angestrahlt werden. Aber ich muß, um meinen guten Willen zu zeigen, heute abend mit wenigstens einer Neuanschaffung nach Hause kommen. Traudel verlangt von mir auch die Anschaffung einer neuen Mütze. Meine alte Mütze schaut nach wie vor ausreichend gut aus, aber ich muß Traudel willfahren. In einem dritten Kaufhaus fahre ich mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock in die verloren erscheinende Mützenabteilung und habe dort einen befreienden und gleichzeitig bedrohlichen Einfall. Ich bin weit und breit der einzige Besucher der Mützenabteilung und vertausche meine alte Mütze gegen eine neue. Das heißt, ich setze mir eine neue Mütze auf und lege meine alte Mütze so in die Reihen der neuen Mützen, daß auch meine alte Mütze aussieht wie eine neue. Ich mache mir noch eine Weile im Mützengebiet zu schaffen, bis ich ganz sicher bin, daß mein Coup unbeobachtet geblieben ist. Da keine Verkäuferin erscheint, nehme ich an, daß ich mich ungeschoren davonmachen kann. Aber mein zu langer Aufenthalt in der Mützenabteilung war (ist) ein Fehler. Er nützt nicht meiner Sicherheit, sondern, im Gegenteil, der Entstehung meiner Unsicherheit. Plötzlich fürchte ich, daß die Leute vom Überwachungs- oder Erkennungsdienst anhand meiner alten, hier zurückgelassenen Mütze meine Identität feststellen können. Ich weiß nicht wie, aber der moderne Beobachterstaat lüftet auch derart lächerliche Geheimnisse. Wahrscheinlich warten die Sicherheitsleute nur darauf, daß ich mit der neuen, unbezahlten Mütze den Fahrstuhl betrete. Dann werden sie mir folgen und mich im Fahrstuhl festnehmen, weil ich dort nicht fliehen und außerdem bequem niedergerungen werden kann. Das Grauen senkt sich in mich hinein und steigt in mir gleich wieder hoch. Oder hebt es sich in mir empor und versinkt gleich wieder in meinem Körper? Es ist leider typisch für mich, daß ich mich in dieser unangenehmen Situation mit derart überflüssigen Fragen beschäftige. Ich gehe tatsächlich zurück an den Ort der Vertauschung, vergewissere mich, ob mir niemand zuschaut, nehme meine alte Mütze wieder an mich und lege die neue Mütze zurück an die alte Stelle. Unbehelligt erreiche ich den Fahrstuhl, fliehe durch die Parfüm-Abteilung im Erdgeschoß und trete befreit hinaus auf die Straße. Mein Haar hängt büschelweise und schweißnaß unter meiner Mütze hervor. Puppenartig starr, mit halb gelähmten, gerade wieder in Schwung kommenden Gliedern entferne ich mich von dem Kaufhaus. Ich wage nicht, mich umzudrehen. Ich bin nicht völlig sicher, daß mir die Sicherheitsleute des Kaufhauses nicht doch folgen. In einem Meer ichfremder Augenblicke drohe ich unterzugehen. Ich schäme mich und warte darauf, daß ich sofort sterbe. Im Kern meiner Scham haust die spürbare Verkleinerung meines Lebens. Ich schrumpfe innerlich auf die Kindergröße einer verkohlten Leiche. Ich kenne meine Scham und weiß seit langer Zeit, daß sie immer eine Anspielung auf meinen Tod ist. Wenn ich mich genug geschämt habe, werde ich befreit sterben dürfen. Dieser Augenblick scheint mir jetzt gekommen. Obwohl ich gehe, zerfalle ich. Körperteile fallen von mir ab, ich sehe sie zurückbleiben, während ich gehe. Ich bin gespannt, wie lange ich mich auf den Beinen halten kann. Heimlich schaue ich mich schon nach einem Krankenwagen um. Als Zeichen meiner Angst stoße ich einen nur mir verständlichen Rachenlaut aus. Wenn ich jemals von dieser Geschichte sprechen werde, werde ich das Wichtigste wieder verheimlichen müssen: daß ich das Leben nicht ausreichend verstehe. Dann rettet mich der Anblick eines kauenden Kindes. Es ist ein etwa zehnjähriger Junge, der auf einem Betonkübel sitzt und eine Brezel vertilgt. Essende Kinde haben mich immer beruhigt. Der Junge gibt mir mit ein paar Blicken einen Befehl: Kaufe dir ebenfalls etwas zu essen und setze deinen Körper wieder zusammen. Ich führe den Befehl sofort aus und betrete eine Bäckerei. Ein Sesambrötchen bitte, sage ich. Eine barmherzige Verkäuferin steckt ein Sesambrötchen in eine Tüte und reicht es mir über die Theke. Schon in diesen Augenblicken spüre ich ein Nachlassen des Drucks. Noch in der Bäckerei hole ich das Brötchen aus der Tüte und fange an zu essen. Die Rückkehr der guten Gefühle setzt ein. Ich kann erkennen, daß es weit und breit keinen Sicherheitsdienst gibt und daß ich nicht festgenommen werde. Ich frage mich, warum liefert unser Warmwasserboiler zu Hause im Badezimmer zuweilen erst nach dem dritten Versuch warmes Wasser, manchmal aber schon nach dem ersten Versuch? Ich bin beglückt über die abgründige Banalität der Frage. Sie hätte zu keinem günstigeren Zeitpunkt eintreffen können. Zum Dank schicke ich eine zweite Frage hinterher: Warum beharrt unser Warmwasserboiler trotz mehrerer (und teurer) Reparaturen auf seiner unverständlichen Launenhaftigkeit? Die Fragen helfen mir, die Angst vor dem Sicherheitsdienst weiter abzudrängen. Dieselbe Aufgabe erfüllen drei Mädchen, die mit ihren Gesichtern so nahe an die Schaufensterscheibe eines Juweliergeschäftes herangehen, daß die Scheibe mit ihrem Atem beschlägt. Die Mädchen gehen weiter, der Abdruck ihres Ausatmens bleibt in Form dreier grauer Flecke auf der Scheibe zurück. Wenig später tritt eine elegante Verkäuferin aus dem Juweliergeschäft heraus und wischt die Flecken mit einem Lappen weg. Ich bin völlig sicher, daß ich soeben Kontakt mit meiner Verrücktheit hatte. Sie hat sich momentweise als Sicherheitsdienst maskiert und mich mit meiner Festnahme geängstigt. Ich vermute, daß ich ein wenig krank bin, aber ich weiß nicht, wo ich meine Störung suchen soll. Ich rede nicht über meine vermutliche Erkrankung, auch nicht mit Traudel. Es hat keinen Sinn, über Krankheiten zu sprechen. Man ist mit ihnen allein und man bleibt mit ihnen allein. Zu meinen wichtigsten Lebenserfahrungen – scheußlich, schon jetzt habe ich Lebenserfahrungen! Aber zu meinen wichtigsten Lebenserfahrungen gehört, daß sich fast alle Sorgen, die ich mir irgendwann einmal gemacht habe, früher oder später als überflüssig oder gegenstandslos entpuppt haben. Ich fühle mich dadurch vom Leben gefoppt. Eine Zeitlang habe ich versucht, neu eintreffenden Sorgen meine Lebenserfahrung entgegenzuschleudern: Haut ab, ordinäres Gelumpe, ich weiß, daß ihr unnütz seid! Es hat nicht geklappt beziehungsweise mein Schimpfen war zwecklos. Ich mußte mich weiter sorgen, ob ich wollte oder nicht. Nicht weit von hier befindet sich ein kleines Uhrengeschäft, das gerade Pleite macht. Auf die schmale Schaufensterscheibe sind mit knallweißer Farbe die Worte aufgesprüht: GESCHÄFTSAUFGABE! 50% NACHLASS! Ich weiß nicht, warum ich für alles, was scheitert oder im Niedergang begriffen ist, Sympathie empfinde. Ich hoffe, es ist kein schlechtes Zeichen. Wahrscheinlich steckt hinter meiner Sympathie eine verhüllte Liebe zu meinem eigenen Scheitern, die sich nicht offen zu zeigen wagt. Ich bin so erleichtert, daß die Verrücktheit mich wieder verlassen hat, daß ich mir aus Dankbarkeit eine neue Uhr kaufen könnte. Es gibt hier noch Fixoflex-Armbänder, wie sie im abgelaufenen Jahrhundert häufig getragen wurden; sie erzeugen am Handgelenk zartgrüne Ränder. Es sieht aus, als würde unterhalb des Armbands bald Moos wachsen. Der Uhrenhändler ist alt und hat seinen Laden in den letzten beiden Jahren stark vernachlässigt. In den letzten Wochen stellte er sogar sein Fahrrad in den engen Verkaufsraum und wunderte sich, daß überhaupt niemand mehr seinen Laden betrat. Aber ich brauche weder eine neue Mütze noch eine neue Uhr, und solange Traudel nicht sagt, daß ich eine neue Uhr benötige, werde ich mir auch keine anschaffen. Mein Sesambrötchen ist aufgegessen. Ich habe nicht die geringste Lust, ins Büro zurückzufahren. Schon kurz nach der Mittagspause interessiert mich gewöhnlich kaum noch etwas. Schon überlege ich, was ich sagen könnte, falls mich Frau Weiss fragt, was ich in der Mittagspause gemacht habe. Mir wird keine Ausrede einfallen, die Frau Weiss verstummen läßt, das weiß ich jetzt schon. Ich werde vielsagend lächeln und schweigen, so daß Frau Weiss vermutlich denken wird, ich hätte mich mit einer anderen Frau getroffen. Einmal hat sie tatsächlich gesagt: Geben Sie zu, Sie haben eine neue Flamme! Ich habe gelächelt beziehungsweise etwas blöde gegrinst. Schon dieses Wort! Eine neue Flamme! Es ist schmerzlich, das alles ertragen zu müssen. Und falls Frau Weiss fortfährt, törichte Bemerkungen zu machen, werde ich mir zuflüstern: Beruhige dich, du befindest dich in der wohltätigen Dummheit des geläufigen Lebens. Ich denke diesen Satz nur, um wenigstens meine Innenwelt zu beschwichtigen. Gleichwohl wird mich auch diese Beruhigung nicht beruhigen, das weiß ich jetzt schon. Man kann noch so gemeine und niederträchtige Sätze denken, sie richten nichts mehr aus. Da kommt meine Straßenbahn.