nerte sie ihr klinischer Betreuer in Fort Meade regelmäßig.
Ȇbersinnlich veranlagte Menschen wie wir erleiden in der
Welt da draußen regelmäßig Schiffbruch oder fristen ein trau-
riges Dasein als Freaks im Zirkus oder in Wahrsagerbuden.
Wir retten viele Leben, indem wir unsere Begabungen so ein-
setzen, wie wir es hier tun.« Damit hatte er natürlich recht.
Gleichzeitig wusste Adrianne, dass sie ihr eigenes Leben das
Klo runterspülte, indem sie ihre »Pflichten« fürs Vaterland
erfüllte. Das spielte jetzt keine Rolle.
Sie steckte sich eine der vanillefarbigen Kapseln in den
Mund und legte sich aufs Bett. Wenn sie das Medikament ein-
nahm, verließ sie ihren Körper schneller, als es ihr lieb war –
deshalb die Barbiturate, um der Wirkung entgegenzusteuern.
Adrianne wusste, dass sie die Astralwanderung sofort antreten
konnte, wenn sie wollte, doch sie entschied, noch eine halbe
Stunde zu warten, bis das Lonolox seine volle Wirkung entfal-
tete. In kreuzförmiger Haltung lag sie da, die Zehen angezogen,
die Arme ausgestreckt. Ihr Atem ging langsam und tief. Sie
hielt die Augen geschlossen und ihre Sicht beschränkte sich auf
graue, körnige Schleier.
Zuerst versuchte sie es mit einigen Transvisionen, was ihr
besonders leichtfiel. Indem sie sich auf einen simplen Kernge-
danken konzentrierte, begann ihr geistiges Auge »Schnapp-
schüsse« aufzunehmen. Das glich in keiner Weise einer
Astralwanderung – es gab kein Umherstreichen, kein Gefühl
von Bewegung oder Verlassen des Körpers. Sie dachte an das
Südatrium und vor ihrem geistigen Auge tauchte Cathleen auf,
die mit überschlagenen Beinen fernsah und dabei intensiv
nachzudenken schien. Dann: Küche. Und sie beobachtete Ka-
ren und den Schriftsteller bei der Zubereitung des Abendes-
sens. Adrianne sah, wie sich ihre Lippen bewegten – Karen
schien aufgebracht zu sein –, allerdings konnte sie nicht ver-
stehen, was gesagt wurde.
Wenn sie Transvision einsetzte, vernahm sie immer nur ein
Dröhnen in ihrem Schädel. Ihr Blickfeld unterschied sich dann
deutlich vom normalen Sehen und erinnerte eher an das Spähen
durch einen schmalen Spalt. Adrianne konzentrierte sich auf
verschiedene Bereiche des Grundstücks, dann schwenkte ihre
mentale Kamera auf die einzelnen Schauplätze: die Sackgasse
vor dem Haus, die Gärten im hinteren Teil des Geländes, die
Waldgrenze. Einmal vermeinte sie, einen kleinen Sportwagen
wahrzunehmen, allerdings fernab des Parkplatzes; es kam ihr
so vor, als sollte er im Wald versteckt werden. Im Inneren
konnte sie niemanden erkennen. Dann schwenkte sie weiter
weg. Noch ein Auto? Ja, eine alte Stretchlimo mit Faltdach, die
einige größere und kleinere Beulen verunstalteten. Der Auspuff
dampfte, also lief offensichtlich der Motor. Ein Mann und eine
Frau saßen darin, Details ihrer Gesichter blieben Adrianne
verborgen. Hatte sie die Grundstückgrenze hinter sich gelas-
sen? Das kam manchmal vor. Sie versuchte gegenzusteuern.
Adrianne musste an Cathleens Erlebnis auf dem Friedhof
denken, da tauchten bereits die Bilder in ihrem Kopf auf. Eine
überwucherte, im Wald versteckte Begräbnisstätte, umgeben
von einem Eisenzaun mit scharfen Spitzen. Sie erblickte schräg
stehende Grabsteine, einige davon uralt. Selbst in der Dunkel-
heit gelang es ihr, den Namen auf einem von ihnen zu lesen:
REGINALD HILDRETH.
Also gut ... Und jetzt ... Drücken, sagte sie sich.
Nach unten.
Tiefer, nach unten ...
Ihre Sicht trübte sich. Sie konnte nichts mehr erkennen.
Runter. Tiefer.
Sie befand sich unter der Erde, blickte in den Sarg, nahm
jedoch keine konkreten Bilder wahr, nur erkaltete Rückstände
einer Todespräsenz.
Einen Leichnam ohne Gesicht.
Raus, raus!
Jäh verließ sie den Sarg, ein Anflug von Klaustrophobie
brachte ihre Haut zum Kribbeln.
Igitt! Sie hasste Leichen!
Einer Sache wollte sie noch nachgehen, ehe sie eine Astral-
wanderung in Angriff nahm. Sie erinnerte sich an ihre erste
Transvision des heutigen Tages: Der Schriftsteller hatte im
Büro im zweiten Stock herumgeschnüffelt. Dabei hatte er einen
in der Wand eingelassenen Tresor aufgespürt.
Tresor, dachte sie.
Und schon sah sie ihn unmittelbar vor sich.
Hinein, hinein ...
Nummernschilder, Straßennamen und Adressen sowie In-
formationen in Dokumenten und auf Computerbildschirmen zu
lesen, war der größte Nutzen der Transvision, zumindest wenn
sie für militärische und polizeiliche Zwecke zum Einsatz kam –
Adrianne hatte eine gute Schulung genossen. Diesmal jedoch
versagte sie kläglich.
Sie konnte in dem Panzerschrank keine Details ausmachen.
Nur Dunkelheit.
Gib’s auf!, sagte sie sich. Als sie sich aus dem Tresor zu-
rückzog, was an das Einfahren des Zoomobjektivs bei einer
Kamera erinnerte – sah sie doch noch etwas: ein gerahmtes
Motiv, das ziemlich alt wirkte, ein Kupferstich. Sie kniff ihr
geistiges Auge zusammen und der Schlitz ihres Blickfelds
richtete sich zuerst auf eine unmenschliche Fratze mit aus-
druckslosem Blick, dann auf die darunter eingravierten Wörter:
ICH, WIE ICH ES WAGE, DAS ANTLITZ AUS MEINER
VISION NACHZUBILDEN: BELARIUS.
Weder der Text noch der Kupferstich sagten ihr etwas. Es
wurde Zeit abzubrechen, aber nachdem sie längere Zeit gar
keine Transvision mehr betrieben hatte, freute sie sich darüber,
nicht aus der Übung geraten zu sein. Sie fühlte sich dadurch
besser eingestimmt ...
... was gut für das war, was als Nächstes folgen sollte.
Adrianne öffnete auf dem Bett die Augen. Ihr Blick fiel auf
faszinierend detailreiche Metallkacheln an der Decke. Sie
führte die Hände erst zu ihrem Gesicht, dann zu ihren unter
dem BH verborgenen Brüsten, ihrem Unterleib, ihren Schen-
keln. Schweiß hatte den Büstenhalter und den Slip befeuchtet,
und ihre Haut fühlte sich wie glasiert an. Hitze belebte sie im-
mer und steigerte ihre Wahrnehmung zusätzlich.
Die volle Wirkung des Lonolox hatte inzwischen eingesetzt
und verzerrte ihren Mund zu einem albernen Grinsen. Vermut-
lich war es diese hervorstechendste Nebenwirkung des Wirk-
stoffs, die auf Adrianne die größte Anziehungskraft ausübte –
eine innige Befriedigung, die einem Orgasmus nahekam. Be-
nutzte sie das Zeug unterbewusst, um echte sexuelle Befriedi-
gung zu ersetzen? Die beiden Empfindungen waren zwar nicht
völlig identisch, aber erstaunlich ähnlich. Angesichts der Tat-
sache, dass sie seit beinahe einem Jahrzehnt keinen Mann mehr
im Bett gehabt hatte, erschien ihre Abhängigkeit umso ver-
ständlicher. Adrianne konnte nicht einmal masturbieren – ein
Genuss, nach dem sie sich sehnte.
Doch sie fürchtete sich zu sehr, um es jetzt zu tun ...
Sie entspannte sich, schloss die Augen wieder und behielt
ihre Kreuzigungshaltung bei. In Gedanken betete sie: Gott, ich
weiß, dass das, was ich bin, ein Teil von dir ist. Erlöse mich
inmitten dieses bösen Ortes und beschütze mich ...
Ihr Unterleib krampfte sich zusammen und ihr Gesicht
schien anzuschwellen, als weiche etwas aus ihrem Körper, das
größer war als er selbst. In gewisser Weise stimmte das auch.
Innerhalb eines Wimpernschlags war es vorbei.
Eine Astralwanderung fühlte sich an, als steckten Augen und
Gehirn in einem transparenten Heliumballon. Das war die beste
Umschreibung, die sie Leuten anbieten konnte, die es noch
nicht selbst erlebt hatten. Sie fühlte sich elastisch und formlos,
ein Boot mit defektem Ruder in einem Meer aus Äther.
Adrianne blickte auf ihren eigenen Körper herunter, der nach
wie vor auf dem großen Bett lag.
Wenn sie ihren Körper verließ, war sie nur noch über ein
flüchtiges Nervenband mit ihm verbunden, das Astralwanderer
manchmal als ihre »Seelenleine« bezeichneten.
Dann wich sie zurück und verschwand aus dem Raum.
Sie besaß weder Hände, mit denen sie etwas berühren konn-
te, noch Füße zum Laufen; stattdessen flog das Gefäß ihres
Geistes.
Durch Türen, durch Wände. Durch lebensgroße Statuen aus
solidem Marmor. Im dritten Stock durchdrang sie die Tür der
Kommunikationszentrale und schwebte über Nyvysk, der mit
einem seiner Instrumente hantierte. Als sie sich durch seinen
Körper lenkte, zuckte er zusammen und stieß hervor: »Ver-
dammt, ist das kalt!« Er sah sich um, schaute auf und schüttelte
den zottigen Kopf. »Ich weiß, dass du hier irgendwo bist,
Adrianne. Aber bitte lass das sein!« Adrianne lachte in sich
hinein, dann verließ sie den Raum und ließ sich durch den
Teppich, die Bodenbefestigungen und die nächste Decke her-
absinken. Sie schwenkte das Gefäß, das sie sich nur als ihren
Kopf vorstellen konnte, und entdeckte Cathleen, die mit ihrer
Tasche in der Hand verschiedene Räume inspizierte. Als sie
sich endlich für ein Zimmer entschied und eintrat, schloss sie
die Tür hinter sich, aber Adrianne schob sich mühelos durch
deren Eichenholztäfelung.
Schwebend beobachtete sie das Geschehen, eine übernatür-
liche Spionin, eine mystische versteckte Kamera. Cathleen
schien aus einem nicht ersichtlichen Grund angespannt zu sein
und murmelte: »Oh Gott, was stimmt bloß nicht mit mir?«
Dann legte sie sich auf ein hohes Himmelbett mit einer dicken
Matratze. Die ist unersättlich!, dachte Adrianne, als sie sah,
was die wollüstige Blondine tat. Aus ihrer Tasche hatte sie
einige Gegenstände hervorgeholt: zwei Brustwarzenklemmen
und einen Vibrator, der beängstigend realistisch einem männ-
lichen Glied nachempfunden war. In verzweifelter Hast ent-
blößte sie ihre vollen Brüste, brachte die kräftigen Klemmen an
den Nippeln an und zog den Saum ihres Sommerkleids hoch.
Sie verlor keine Zeit damit, sich mit dem Vibrator zu verwöh-
nen. Dabei knirschte sie mit den Zähnen und presste die Au-
genlider zusammen. Adrianne fühlte sich peinlich berührt, war
zugleich jedoch verärgert. Cathleen flüsterte: »Bitte, bitte, bit-
te. Ich ... kann ... einfach nicht ... aufhören ...«
Der Vibrator verrichtete summend sein Werk. Hätte Adrian-
ne in diesem Moment eine Stirn gehabt, sie hätte sie in Falten
gelegt. Jetzt habe ich so ziemlich alles gesehen, was ich ertra-
gen kann. Sie war froh, dass sie nicht Gedanken lesen konnte,
denn Cathleen schossen im Moment sicher eine Menge per-
verse Fantasien und krankes sexuelles Zeugs durch den Kopf.
Vermutlich beschwor sie zu ihrem Vergnügen die Erinnerung
an unzählige Männer herauf, von denen sie sich in der Ver-
gangenheit hatte benutzen lassen.
Doch Adrianne war zumindest ehrlich genug, um diesen
einen Gedanken zuzulassen: Oh, was würde ich dafür geben ...
Dann huschte sie aus dem Raum.
Nach einem Aufstieg durch weitere Decken und Bodenbret-
ter gelangte sie mitten in einen trüb beleuchteten Saal im fünf-
ten Stock. Die Kapelle präsentierte sich gespenstisch still und
mit völlig schwarzen Hartholzwänden. Natürlich gab es kein
Kruzifix, dafür einen einzigen unangezündeten Leuchter vor
einem Altar, in dessen Rückwand ein schlichtes umgedrehtes
Kreuz geschnitzt war. Eine Kanzel befand sich gegenüber ei-
niger Reihen hölzerner Sitz-und Kniebänke. Alles im gleichen
deprimierenden Tiefschwarz. Die Umgebung wühlte Adrianne
auf, deshalb zog sie sich zurück. Dabei erspähte sie einen
Wasserbehälter mit leerer Silberschale. Daneben stand ein Re-
gal mit mehreren Fächern, die zahlreiche Glasfläschchen mit
Stopfen enthielten. In einer Kirche wären sie vermutlich voller
Weihwasser gewesen. Hier schienen sie eher mit Sperma ge-
füllt zu sein.
Angewidert verließ Adrianne den Raum. Paranormale Kräfte
hatte sie nicht gespürt, nicht einmal in Form von Rückständen.
Der Ort löste lediglich Übelkeit in ihr aus.
Das Scharlachrote Zimmer, dachte sie als Nächstes und ver-
suchte, sich zu konzentrieren. Sie schwebte vor den furnierten
Türen. Auf dem Boden lagen mehrere von Nyvysks Ausrü-
stungsgegenständen, die sie auf Anhieb als Gauss-Monitore
neuester Generation erkannte. Sie dienten dazu, Anstiege in der
Ionenaktivität zu messen, die als Indikator für die Existenz
übernatürlicher Kräfte galten. Allerdings sind sie nicht mal
angeschlossen, stellte sie fest. Warum hat er sie nicht in dem
Raum aufgestellt?
Es spielte keine Rolle – der technische Kram war seine An-
gelegenheit und Adrianne traute dem ganzen Krempel nicht
über den Weg. Vorläufig sondierte sie lediglich das Terrain,
sah sich um. Sie schwebte durch die Tür.
Und erstarrte.
Das Scharlachrote Zimmer trug seinen Namen zu Recht.
Alles präsentierte sich in Rot: die Tapete, die Sockelleisten und
Halbtäfelungen, sogar der Teppich. Verschiedene Stühle mit
Gitterrückenlehnen, Kleiderständer aus der Zeit Eduards VII.,
Klapptische – alle rot furniert. Die Mitte des Raums war leer,
was Adrianne irritierte. Der Anblick erinnerte sie an eine Büh-
ne. Warum so viel freier Platz im Zentrum?, fragte sie sich.
Sie streifte herum, begutachtete die edle, aufwendige Tapete
und die Holzarbeiten. Als sie glaubte, alles gesehen zu haben
und sich schon zu langweilen begann ... wurde ihr plötzlich
übel.
Nicht körperlich – schließlich hatte sie keinen physischen
Körper. Vielmehr wurde ihrem schwebenden Geist übel. Ihre
Sicht trübte sich.
Fiel sie etwa?
Einen Moment später befand sie sich woanders ...
Etwas Dunkles und zugleich Lichtähnliches stürzte auf ihre
paranormalen Sinne ein. Ihre Seele fühlte sich von einer
schwülen Hitze umgeben. Ein langer Schwindelanfall überkam
sie, und als sie wieder scharf sehen konnte ...
Was in Gottes Namen ist das?
Gestalten bewegten sich vor etwas, das man nur als Tempel
beschreiben konnte, aber statt aus Säulen und Stein bestand der
Tempel aus ... Fleisch.
Gerillte Säulen säumten einen breiten Zierbogen, wobei je-
der Steinblock aus einer fleischähnlichen Substanz zusam-
mengesetzt zu sein schien. Stufen führten zu einem geschlos-
senen Eingang empor. Adrianne war sicher, dass es sich um
einen Zugang handelte, weil sie einen Spalt zwischen zwei
hohen Platten erkennen konnte und darin etwas Undefinierba-
res flackerte. Handelte es sich um Licht?
Hinter dem Hauptbogen befand sich eine Reihe dünnerer
Säulen, die offensichtlich ebenfalls aus Fleisch geformt waren.
Dazwischen standen Gestalten.
Adrianne erschrak, als sie genauer hinsah. Kreaturen mit
losen Gelenken und dürren Gliedern starrten sie aus Gesichtern
ohne Augen oder Nasen an. Kahle, klobige Köpfe ruhten schief
auf breiigen Schultern, und in den Gesichtern prangten nur
Münder, gesäumt von schmalen Lippen in der Farbe von Gar-
tenschnecken. Die Gestalten waren nackt. Schweiß oder Öl
schien an ihnen hinabzulaufen. Die Haut der Körper wirkte
durchscheinend. Deformierte Genitalien hingen wie fahle
Fleischlappen zwischen ihren Beinen.
»Eine Reisende«, ertönte eine Stimme von drinnen. Die
Stimme strahlte wie ein rasendes Licht an diesem dunklen Ort.
»Darf ich vorstellen: die Wächter des Chirice Flaesc.«
Adrianne kreischte in Gedanken auf und wollte ihren Geist
zur Umkehr bewegen. Plötzlich fand sie sich etwas gegenüber,
das sich von den abstoßenden Kreaturen entlang der Säulen-
reihe deutlich unterschied.
Es handelte sich um einen Mann oder zumindest etwas, das
einem Mann ähnelte. Er hatte ein Gesicht, ein überwältigendes,
gut aussehendes Gesicht mit Augen, die wie geschmolzene
Smaragde loderten, und einem Lächeln, das ähnlich strahlend
wirkte. Der Mann trug eine Tunika über deutlich definierten
Muskeln, doch Adrianne wurde schlagartig mulmig zumute, als
sie erkannte, dass auch das Gewand selbst aus von Adern
durchzogener Haut bestand; anscheinend war es dieselbe Haut,
die im gesamten, abscheulichen Tempel präsent war.
»Du bist hochinteressant«, meinte er und trat an der Säulen-
reihe vorbei. »Wir haben es hier so selten mit Reisenden zu
tun.«
Wer bist du?, formte Adrianne mit ihrem Geist eine Frage.
»Jaemessyn«, rollte das seltsame Wort aus seinem Mund, als
er antwortete.
Und ... und wie hast du diesen Ort genannt?
»Das Chirice Flaesc.« Die glimmenden Augen starrten sie
an. Adrianne schauderte, als er eine Hand ausstreckte – keine
gewöhnliche Hand. Plötzlich erkannte sie, dass die Glieder des
prachtvollen Rumpfes nicht zum Rest passten – sie waren nicht
menschlich. Sie wiesen tiefe Rillen, dunkle Flecken und her-
vortretende Sehnen auf. Noch abstoßender waren die Hände
selbst: Jeder Finger bestand aus einem prallen, steifen Penis.
Er wies mit den Fingern auf die Säulenreihe. »Und das sind
die Adiposianer. Sie bewachen diesen Tempel ... und warten.«
Worauf warten sie?
»Auf die äußerst raren Gelegenheiten, sich in die Welt der
Lebenden hinauszuwagen und sie zu schmecken – die Welt
deines Gottes. Aber das hier ... ist meine Welt.«
Adrianne versuchte, sich auf Jaemessyns Gesicht zu konzen-
trieren, was ihr jedoch schwerfiel. Sie bemühte sich, weitere
Einzelheiten zu erkennen. Allerdings verursachte jede An-
strengung ihrer körperlosen Sicht eine ärgerliche Abfolge von
Flackerbewegungen, als versuche sie, etwas durch Jalousien zu
beobachten, die unablässig geöffnet und geschlossen wurden.
Mehrere der Kreaturen – Adiposianer hatte er sie genannt –
spähten gesichtslos hinter den Fleischsäulen zu ihr heraus.
Diejenige, die ihr am nächsten stand, trat vor, und Adrianne
japste angewidert, als sie sah, wie sich die vage erkennbaren
Genitalien, die an eine mit Schmalz gefüllte Wurstpelle erin-
nerten, zu einer Erektion aufrichteten.
Wie kann es mich sehen?, fragte sie Jaemessyn. Ich habe
keinen Körper und dieses Ding hat keine Augen.
»Es spürt deine Begierde«, erklärte die Gestalt mit den Pe-
nisfingern. »Davon nähren sich dieser Ort – und unser Herr.
Von Begierde. Der gesamten Begierde der Geschichte. Und du
bist ... durchwirkt davon.«
Abermals zuckte Adrianne zusammen und schwebte vor
Schreck höher nach oben, als sich hinter Jaemessyns Rücken
skelettartige Schwingen entfalteten, ein komplexes Knochen-
geflecht. »Nein, ich bin kein Dämon, wie du sehen kannst. Ich
bin einer der gerechten Gefallenen.«
Die Knochen der Flügel waren von Kerben übersät und
schwarz verkohlt.
»Auch die Adiposianer sind keine Dämonen. Sie werden von
unseren Hexenmeistern erschaffen. Sie sind seelenlos und
werden aus bearbeitetem Fett geformt und anschließend zum
Leben erweckt, um zu dienen, zu beschützen und zu vergewal-
tigen. Alles im Namen meines Herrn. Und so wie du sind sie
Glücksritter. Eine Seele kann die Hölle niemals verlassen. Wie
sieht es aber mit Wesen aus, die keine Seele besitzen? Nun, sie
können hinaus, ich hingegen kann das nicht.«
Und sie können ... in meine Welt reisen?
»Ja, in jene herrliche Sphäre der Sünde und des Versagens.
Etwa einmal in jedem Äon ist jemand auf deiner Seite intelli-
gent genug, um einen Spalt zu öffnen. Dann brechen einige
Adiposianer auf. Sie überleben dort drüben nicht lange; aber
lange genug, um Visionen zurückzuschicken. Um den Herrn
des Tempels zu stillen.«
Hätte Adrianne eine Kehle besessen, wäre sie staubtrocken
gewesen, als sie fragte: Wie lautet der Namen deines Herrn?
»Du bist nicht würdig, seinen unheiligen Namen zu erfahren.
Aber er ist der Dritte unter Luzifers Favoriten. Man kennt ihn
auch als Sexus Cyning. Dies ist seine Kirche, hier wird er ver-
ehrt. Und so ... huldigen wir ihm ...«
Da ertönte ein gedämpftes Läuten. Bimmelte hinter den ver-
schlossenen Türen dieses Tempels aus Haut etwa eine Glocke?
Eine Turmuhr?
Der gefallene Engel trat hinter eine Säule zurück, wo in die
Hauptwand des Tempels eine hohe, schmale Platte eingelassen
zu sein schien. Adern pulsierten unter der Hautschicht, die sie
bedeckte. Jaemessyn flüsterte etwas und die Platte fuhr zur
Seite. In der sargförmigen Vertiefung dahinter hing eine Frau
oder eine Nachbildung einer Frau: eine dünne, aber gehörnte
Dämonin mit üppigen Kurven, Fangzähnen und von Ausschlag
überwucherter Haut in Blassrosa. Elegante Hände mit langen
Fingern kämpften gegen Fesseln aus Draht, die ihre Handge-
lenke miteinander verbanden.
»Eine unserer Kurtisanen«, erklärte der gefallene Engel und
holte eine Eisenzange hervor. »Allerdings können sie ausge-
sprochen jähzornig sein.« Die Dämonin bäumte sich in ihrem
Gestell auf, als Jaemessyn ihr mit der Zange den längsten ihrer
Fangzähne zog. Eine Flüssigkeit, viel dünner als menschliches
Blut, strömte ihren nackten Körper hinab. Ein Teil davon
tropfte von ihrem krampfhaft zuckenden Bauch. Unweigerlich
bemerkte Adrianne große Brüste, die fast vollständig von den
Nippeln beherrscht wurden. Dann hob sie der gefallene Engel
von den Stachelhaken ihres Martyriums und warf sie vor die
Füße der Adiposianer.
Die schneckenähnlichen Münder öffneten sich weit – Mün-
der ohne Zähne, nur mit breiten, schäumenden Zungen. Die
gelatineartigen Fortsätze machten sich über die Frau her und
begannen ...
»Sieh zu«, forderte Jaemessyn sie auf. »Das machen wir
hier.«
Adrianne sah ... was niemand je sehen sollte. Ihr Geist trieb
benommen vor sich hin; während einer Astralwanderung
konnte sie ihre Augen nicht schließen, weil der körperliche
Schutzmechanismus der Lider fehlte. Jaemessyn beobachtete,
wie die Frau auf dem Peristyl des Tempels brutal vergewaltigt
wurde. Ich kann hier nicht bleiben, dachte Adrianne bedrückt.
Es war an der Zeit, die Astralwanderung abzubrechen und in
ihren Körper zurückzukehren, um ihren Geist in Sicherheit zu
bringen. Sie zwang sich zum Aufbruch, aber ...
»Noch nicht«, erklärte Jaemessyn.
Adrianne konnte sich nicht rühren.
»Erblicke die Wunder, die sich hier im Chirice Flaesc ereig-
nen.« Jaemessyns glasklare Stimme knisterte. »Bleib noch eine
Weile und lasse zu, dass diese schönen Bilder sich in deinen
Geist einbrennen... damit du etwas hast, wovon du deinen
Freunden berichten kannst.«
Adrianne wand sich, während sie schwebte. Die Dämonin
wurde rücksichtslos misshandelt, herumgedreht, verrenkt, um
den Geschlechtsorganen ihrer Angreifer jeden erdenklichen
Zugang für Penetration und Sodomie zu ermöglichen. Augen,
groß wie Pfirsiche und klar wie Glas, quollen hervor, als sie
wieder und wieder vergewaltigt wurde.
Aber die Kreatur schrie kein einziges Mal, und als die Adi-
posianer ihre Brunft beendeten, blieb sie trotz der barbarischen
Erniedrigung ruhig, erschlafft und befriedigt zurück. Dann
packten die zehn steifen Penisse von Jaemessyns Händen sie an
der Kehle und drückten zu, fester und fester, bis der Rücken in
der Luft durchbog und...
KNACK!
...ihr Genick brach.
Ihr Leib baumelte schlaff in Jaemessyns Griff, doch als er sie
zurück auf die Haken hängte, war es ihr Gesicht, von dem
Adrianne den Blick nicht lösen konnte: Ein versonnenes und
zutiefst befriedigtes Lächeln zeichnete sich darauf ab.
Ekstase im ewigen Tod.
Der gefallene Engel richtete seine Aufmerksamkeit wieder
auf Adrianne. »Geh jetzt, Reisende. Geh zurück in dein Ho-
heitsgebiet und berichte, was du hier bezeugt hast.«
Wieder versuchte Adrianne zu verschwinden, zu fliehen,
aber es gelang ihr nicht.
»Und solltest du willens sein, meinen Herrn kennenzulernen
– und ich denke, das bist du –, dann besuch mich erneut, und
ich werde diese Türen für dich öffnen.« Er deutete auf den
Bogen. »Noch bist du nicht bereit dafür, denn du bist nicht weit
genug vorgedrungen. Aber ich glaube aufrichtig, dass es sehr
bald so weit sein wird.«
Adrianne starrte das mit Makeln behaftete, aber majestäti-
sche Wesen an.
»Ich weiß, dass mein Herr dich nur zu gern kennenlernen
würde.«
Adrianne schwebte davon. Ein unvorstellbar dunkler Schrei
folgte ihrem ätherischen Rückzug wie ein flatterndes Banner.
Jener Schrei hallte immer noch durch ihren Kopf, als sich ihre
Seelenleine spannte und ihren Geist in den Körper zurückholte.
Die Eindrücke waren vergleichbar mit einem schweren Stein,
der in einen See plumpste.
Adrianne fühlte sich wie tot, als sie auf dem Bett lag. Minu-
tenlang konnte sie sich kaum rühren und nur an die Decke
starren. Anfangs schien die Dunkelheit des Schlafzimmers wie
etwas Lebendiges zu brodeln. Ihr Herz raste und ihre Hände
zitterten. Beruhig dich, beruhig dich, beruhig dich, befahl sie
sich. Als der Adrenalinschub allmählich abebbte, verspürte sie
leichte Schmerzen. Ihre Brustwarzen fühlten sich an, als wäre
darauf herumgekaut worden, in ihren Bauch und ihre Ober-
schenkel schien jemand hineingebissen zu haben. Schlimmer
noch:
Ihre Vagina schmerzte.
Als sie die Hände nach unten gegen die Matratze presste,
zuckte sie zurück. Das Bett war triefnass. Die meisten Astral-
wanderer schwitzten während einer Spritztour heftig, und
Adrianne bildete dabei keine Ausnahme. Aber das?
Ich kann unmöglich so stark geschwitzt haben... oder doch?,
fragte sie sich und betastete weitere Teile der Matratze.
Schmatzlaute ertönten. Alles fühlte sich so feucht an, als wären
mehrere Eimer mit warmem Wasser über ihr und dem Bett
ausgeschüttet worden. Vielleicht auch etwas anderes als Was-
ser?!
Als sie sich schließlich aufrappelte und an sich hinabblickte,
dachte sie zutiefst bestürzt: Oh nein...
Sie lag völlig nackt auf dem breiten Bett. Adrianne war nicht
absolut, aber doch relativ sicher, dass sie ihren BH und ihren
Slip getragen hatte, als sie mit der Astralwanderung begonnen
hatte.
Kapitel 8
I
»Da kommt jemand«, sagte Clements mit den Augen am Fern-
glas. »Wer um alles in der Welt...«
»Sieht aus wie ein weiterer Van«, meinte das Mädchen, das
eher aus Langeweile als aus Interesse so genau hinsah. »Viel-
leicht wieder irgendwelche Arbeiter.«
»Nein, nicht jetzt. Vivica hat das Haus reinigen lassen, bevor
diese Truppe eintraf. Du hast ja einige der Arbeiter gesehen,
die Schädlingsbekämpfer, die Entsorger. Letzte Woche waren
noch mehr von ihnen da. Maler, Tapezierer, Teppichleger.
Keine Ahnung, wer das jetzt ist. Noch dazu um diese Uhrzeit.«
Das Mädchen kniff die Augen zusammen, spähte erneut
durch die Windschutzscheibe und zuckte mit den Schultern.
Die junge Frau nannte sich Teary, aber schließlich hatte sie
Clements doch noch ihren richtigen Namen verraten: Connie.
Sie war 25 Jahre alt, sah aber mindestens wie 35 aus. Seit ih-
rem 15. Lebensjahr war sie von Crack abhängig. Ihre Mutter
und ihr Stiefvater hatten sie erst süchtig gemacht und dann zum
Anschaffen auf die Straße geschickt. Es gab konkrete Gründe
dafür, dass Clements sich zu solchen Mädchen hingezogen
fühlte – es hatte etwas mit ihrem Aussehen und ihrer Einstel-
lung zu tun, außerdem mit den spätnächtlichen Autofahrten,
dem Durchstreifen der Gassen und dem Augenblick, in dem sie
im Scheinwerferlicht auftauchten. Sie waren irgendwie alle
gleich, aber Teary machte eine Ausnahme. Allmählich fing er
tatsächlich an, sie zu mögen.
Er steckte ihr erneut ein paar Scheine zu, damit sie mit ihm
zur Villa herausfuhr. Diesmal wollte er einen genaueren Blick
auf die verborgene Zufahrtsstraße werfen, an der sie nun park-
ten. Seit jener ersten Nacht hatte er sie nicht angerührt.
»Das ist ein Schlüsseldienst«, verkündete er, als er den Van
besser erkennen konnte, nachdem dieser von den vorderen
Flutstrahlern auf dem Grundstück in helles Licht getaucht
wurde.
»Dann müssen die wohl irgendwas öffnen lassen«, merkte
Connie an. Dabei spähte sie durch das offene Beifahrerfenster
hinaus, als könnte der Wald sie von dem unbändig starken
Verlangen ablenken, ihre Pfeife anzuzünden. Sie wischte sich
eine Haarsträhne aus der Stirn. »Wann verrätst du mir endlich,
was du hier draußen eigentlich willst? Du sitzt hier bloß rum
und beobachtest. Hildreth ist tot. Alle, die in der Nacht da wa-
ren, sind tot. In dem Haus ist niemand, der was mit Hildreth zu
tun hatte ...«
»Doch. Eine Frau namens Karen Lovell, die den gesamten
Papierkram für T&T Enterprises geregelt hat, und ein Typ na-
mens Mack Colmes, der für Hildreths Frau arbeitet...«
»Na gut, toll, aber die waren in der Nacht sicher beide nicht
im Haus, sonst wären sie längst mausetot. Was also machst du
hier draußen? Ich weiß, dass es etwas mit dem Mädchen auf
dem Foto zu tun hat ...«
»Debbie Rodenbaugh, ja.«
»Die ist todsicher nicht da drin. Du hast mir gesagt, sie war
nicht unter den Leichen. Wahrscheinlich verduftet, als die
ganze Scheiße losging. Was hat sie davon, wenn du hier drau-
ßen rumsitzt?«
»Ich ... bin nicht sicher«, gestand Clements.
Connie tauchte lang genug aus ihrer Isolation auf, um Cle-
ments aufmerksam zu mustern. »Sie ist nicht die Tochter eines
Klienten. Das glaube ich dir nicht ...«
»Es stimmt aber.« Clements zuckte mit den Schultern. »Ihre
Eltern haben mich vor über einem Jahr angeheuert, um sie im
Auge zu behalten, als sie für Hildreth zu arbeiten anfing ...«
Connie kicherte. »Genau, und Junkies lügen nie. Ich glaube,
ich weiß schon, worum’s geht. Sie ist ein junges Ding, in das
du dich verguckt hast, und jetzt ...«
Clements hätte beinahe laut aufgelacht. »Nein, nichts der-
gleichen. Ich bin Debbie Rodenbaugh nie in meinem Leben
begegnet.«
»Dann versteh ich das nicht. Bist du reich oder so?«
»Nicht wirklich. Ich bekomme eine Rente von der Navy und
von der Polizei. Seit zwei Jahren arbeite ich als Privatdetektiv
– um etwas zu tun zu haben.«
»Ich mein, ich beschwer mich ja nicht«, sagte sie und kratzte
sich am linken Knie. »Seit drei Nächten bezahlst du mir mehr,
als ich je auf der Straße verdienen könnte, und du willst nicht
mal Sex.« Seufzend sah sie ihn erneut an. »Du bist so ein netter
Kerl, und das ist merkwürdig. Die meisten Freier sind Arsch-
löcher.«
Clements zog die Augenbrauen hoch.
»Oh, tut mir leid«, sagte sie halbherzig. »Bist du beleidigt,
wenn ich dich als Freier bezeichne?«
»Nein«, antwortete er. Wie könnte er? Immerhin hatte er in
seinem Leben schon Hunderte Prostituierte mitgenommen.
»Mich nennen die Freier und die Bullen oft ’ne Hure, und
weißt du was? Macht mich gar nicht sauer, weil ich schließlich
genau das bin.«
Die Aussage versetzte Clements einen Stich ins Herz. Er
fand es tragisch, dass sie so eine schlechte Meinung von sich
hatte und offenbar auch keine Träume von einer besseren Zu-
kunft. »Ich bin ein Freier – das gebe ich zu. Und was für ei-
ner.«
»Warum kaufst du dann nie Sex von mir? Ich weiß, dass du
mit den anderen Mädchen von der Straße ständig Nummern
schiebst.«
»Reden wir von etwas anderem.«
»Na schön. Wie spät ist es?«
»Kurz vor zehn.«
»Deine Zeit ist gleich um, oder?«
Clements nickte.
»Warum bringst du mich dann nicht zurück? Außer, du
willst mich dafür bezahlen, dass ich noch ’ne Stunde hier rum-
sitze und dir nicht mal einen blase. Versteh mich nicht falsch,
ist vollkommen in Ordnung für mich, wenn du das willst, nur
... Ich hab das noch nie in meinem Leben zu einem Freier ge-
sagt, aber langsam bekomme ich das Gefühl, dich abzuzok-
ken.«
Auch darüber musste Clements lachen. Natürlich wusste er,
wie seltsam die Situation ihr erscheinen musste. »Wie wär’s
mit morgen? Wieder dasselbe. Ich muss noch mal hierher, und
ich möchte, dass du mitkommst.«
Sie runzelte die Stirn. »Wann?«
»Gegen Mittag ...«
»Mittag! Da stehe ich gerade erst auf, Mann.«
»Ich zahle dir 500 Dollar ...«
»Du bist so was von durchgeknallt ... aber ja, klar.«
»Prima. Ich schätze, dann ist es jetzt an der Zeit für uns,
nach Hause zu fahren ...«
Er verstaute das Fernglas unter dem Sitz und lehnte sich zu-
rück.
»Hallo?«, sagte sie.
Clements blieb einfach sitzen und zündete sich eine Zigarette
an.
»Du hast gerade gesagt, es sei an der Zeit, von hier zu ver-
schwinden«, bohrte Connie nach. »Was ist denn jetzt?«
»Wie viel ...« Clements stockte. »Wie viel dafür, dass du mit
mir nach Hause kommst?«
Fast erstaunt drehte sie sich auf dem Sitz herum und legte
eine Hand auf sein Bein. »Ich hab mich schon gefragt, wann du
endlich zur Vernunft kommst. Bestimmt kennst du einen ande-
ren Freier, der mich schon hatte, oder? Und der hat dir erzählt,
dass ich gut bin, richtig?«
»Nein, ich kenne keine anderen Freier.« Ihre Hand auf sei-
nem Bein verwirrte ihn. »Und ich bin mir nicht mal sicher, ob
das der Grund ist, warum ich möchte, dass du mit zu mir nach
Hause kommst.«
Wieder schüttelte sie den Kopf, doch Clements kam ihrer
Erwiderung zuvor, schlang den Arm um sie und drückte einen
Kuss auf ihre Lippen. Zuerst reagierte sie nicht; nach einem
Moment jedoch legte sie die Hand auf seine Brust und stieß ihn
zurück.
Ihr Gesicht wirkte im Mondschein sehr traurig. »Was soll
das?«, flüsterte sie. »Niemand küsst uns. Nie.«
Was hab ich mir bloß dabei gedacht? »Ich mag dich«, stieß
er verhalten hervor.
»Wir sind bloß Fleisch. Uns ficken die Freier oder lassen
sich einen blasen – mehr nicht. Niemand mag uns.«
Clements zog sie dicht zu sich heran; ihre Arme legten sich
um seine Schultern und sie küssten sich lange.
Er wollte augenblicklich in ihr versinken und alles um sich
herum vergessen: Hildreth, die Villa, Debbie, die Morde. Es
fühlte sich so gut an, Connie zu spüren und sämtliche Probleme
aus seinen Gedanken zu verbannen. Über den Rest konnte er
sich auch morgen noch den Kopf zerbrechen, wenn er sich in
die Hildreth-Villa schlich.
II
Westmore fühlte sich unwohl im Haus, während Karen und er
das Abendessen kochten. Irgendetwas kam ihm falsch vor – zu
viel Stille. »War die ganze Arbeit umsonst?«, fragte er Karen,
die gerade damit fertig geworden war, einen improvisierten
gemischten Salat anzurichten. »Das Abendessen ist so weit,
aber es ist niemand da.«
»Keine Ahnung. Dieses Haus schlägt den Menschen offen-
bar aufs Gemüt.« Freudlos zündete sie sich eine Zigarette an
und setzte sich gelangweilt auf den breiten Hackblock der Kü-
che. »Und denken Sie dran, wie die anderen ticken.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die sind alle halb verrückt. Wir haben es hier mit einem
Haufen paranoider, völlig verängstigter Menschen mit über-
sinnlichen Fähigkeiten zu tun.«
»Ach das«, erwiderte Westmore. »Wenigstens sieht das
Abendessen, für das wir uns so abgerackert haben, lecker aus.«
Er schnappte sich das Tablett mit gegrillten Hummerschwän-
zen und schob es in den Ofen, um sie warmzuhalten.
»Es spricht nichts dagegen, dass wir jetzt essen«, meinte
Karen und holte Teller aus dem Schrank. Sogar die glänzten
schwarz. »Die anderen können sich von mir aus später um die
kalten Reste prügeln.«
Das klang für Westmore nach einer guten Idee. Er wollte
sich gerade selbst einen Teller nehmen, als die Türglocke läu-
tete. Ein klarer, nachhallender Ton.
Karen und Westmore sahen sich an. »Wer kann das um diese
Zeit sein?«, fragte Karen.
»Vivica?«
»Die kommt nie hierher ...«
Es läutete noch einmal.
»Wer weiß, wo Mack steckt?« Westmore legte seine Koch-
schürze ab. »Ich schätze, ich sollte aufmachen.«
Nach wie vor verwirrt von der drückenden Stille in der Villa
ging er ins Foyer, entriegelte die Tür und öffnete. Auf der
Steinschwelle stand eine kernige, attraktive Brünette im blauen
Overall. Mit einer Hand drückte sie ein Klemmbrett an ihren
beachtlichen Busen, in der anderen hielt sie eine schwarze
Werkzeugtasche.
»Ich komme wegen des Tresors«, hauchte die Frau mit mü-
der, aber verführerischer Stimme.
Ihre sexy Kurven und Konturen, die in krassem Gegensatz
zur gewöhnlichen Arbeitskleidung und den klobigen Stiefeln
standen, lenkten Westmore ab. In der Auffahrt stand ein Van:
PINELLAS SCHLÜSSELDIENST. »Ach, Sie sind das!«, be-
griff Westmore letztlich. »Am Telefon hatte ich mit einem
Mann gesprochen.«
»Mein Boss. Ich war gerade auf dem Rückweg von einem
anderen Auftrag, als er mich angefunkt hat.« Auf einem Na-
mensschild an ihrem Overall stand: VANNI. Sie schien ent-
weder verärgert wegen des späten Auftrags oder lediglich ver-
stört vom Ambiente des Hauses; jedenfalls sah sie nicht be-
sonders glücklich aus – ein weiterer Kontrast zur atemberau-
benden Figur und dem äußerst femininen Gesicht. Westmore
ließ sie herein, und als er sich nach dem Schließen der Tür
wieder zu ihr umdrehte, sah er, wie sie die gewundene Treppe
hinaufstarrte. Sie schien zu zittern.
»Ist die Klimaanlage für Sie zu kalt eingestellt?«, erkundigte
sich Westmore.
»Nein, alles in Ordnung. Was für ein merkwürdiger Ort. Es
ist wunderschön hier, aber ... na ja, irgendwie seltsam, finde
ich.«
»Da haben Sie recht.« Wusste sie von den Morden? So oder
so, sie machte den Eindruck, als wäre sie überall lieber gewe-
sen als ausgerechnet hier. Aber er war neugierig wegen des
Tresors. »Das Büro ist im dritten Stock. Tut mir leid, einen
Aufzug gibt es nicht.«
»Schon gut, ich kann Bewegung gebrauchen.«
Westmore fand nicht, dass sie Bewegung nötig hatte, aber er
nahm die angenehmen Begleiterscheinungen gerne mit. Er
folgte ihr die Treppe hinauf und musste sich beim Anblick ih-
res knackigen Hinterns zusammenreißen. Genau das brauche
ich, noch eine Sexbombe, die in diesem Schuppen rumläuft. Die
Pornos und die ganzen attraktiven Frauen fingen allmählich an,
ihm an die Nieren zu gehen. Na toll, jammerte er innerlich, als
sie das Büro erreichten. Üppige Brüste pressten sich gegen das
Oberteil des Overalls. Natürlich trägt sie keinen BH. Westmore
war kein Kostverächter, aber allmählich wurde es ihm zu viel.
»Sie haben gesagt, der Tresor ist nicht verkabelt, richtig?«
»Ist er nicht.« Er öffnete zuerst die Tür zu Karens ehemali-
gem Büro und dann zum dahintergelegenen Arbeitszimmer von
Hildreth.
»Gut, denn wenn er nicht verkabelt ist, kriege ich ihn auf«,
versprach sie.
»Das hat Ihr Boss mir auch gesagt.«
Westmore führte sie dahin, wo die Kommode gestanden hat-
te. Dabei musste er wieder über das sonderbare Versteck des
Safes nachdenken: Bilder hinter Bildern, alte Kupferstiche und
das idyllische Ölgemälde der jungen, dunkelhaarigen Frau,
deren gerahmtes Foto er im Schreibtisch entdeckt hatte. »Da ist
er«, sagte er und zeigte auf den Tresor.
Vanni sah sich den Safe an und verkündete mit hängenden
Schultern: »Den kann ich nicht öffnen.«
Westmore war verwirrt. »Aber Sie haben doch gerade ge-
sagt...«
»Sir, das ist ein individuell angefertigter Sec-Lock-Safe. Von
derselben Firma, die Banktresore herstellt. Nicht mal mit Dy-
namit bekäme ich das Ding auf.«
»Was? Dynamit?« Plötzlich stand Mack im Raum. Ein jun-
ger Kerl wie er war für die Reize der Frau vom Schlüsseldienst
natürlich besonders empfänglich. »Ich habe die Türglocke ge-
hört und den Wagen draußen gesehen. Hi, ich bin Mack.«
»Vanni.« Mit wenig Interesse schüttelte sie Macks Hand.
»Sie kann ihn nicht öffnen«, sagte Westmore. »Es ist ein
Spezialtresor.«
Vanni warf einen weiteren Blick darauf. »Ich wette, das
Ding hat so um die 20.000 Dollar gekostet. Vielleicht sogar 30.
Und raten Sie mal, warum er so teuer war? Damit ihn niemand
knacken kann.«
»Es muss doch eine Möglichkeit geben«, meinte Mack, der
nervös wirkte. Die Tresorknackerin schien ihn sowieso deutlich
mehr zu interessieren als der Tresor selbst.
»Können Sie nicht ein Stethoskop verwenden, wie man es
aus dem Fernsehen kennt?«, fragte Westmore.
Vanni legte die Stirn in tiefe Falten. »Das ist ein Mythos.
Die Stifte an der Kombinationseinheit arbeiten geräuschlos.
Außerdem sind es magnetische Stifte, keine Fallstifte. Das
Schloss ist biradial, das modernste Zylinderschlosssystem, das
es auf dem Markt gibt. Es ist unmöglich, es aufzubohren. Und
bei einem Schneidbrenner würde der Inhalt wegen der hohen
Temperatur sofort verbrennen.«
»Also ist es unmöglich?«
»Vielleicht.«
»Das bedeutet, dass Sie den Safe unter Umständen doch
öffnen können«, meldete sich Mack zu Wort.
Vanni stellte ihre Tasche ab. »Ja, vielleicht. Nur könnte es
die ganze Nacht dauern und ich kann für nichts garantieren.«
»Wir müssen an den Inhalt dieses Safes heran«, erklärte
Westmore.
»Und uns ist egal, ob es die ganze Nacht dauert«, fügte
Mack hinzu.
Sie wandte sich den beiden Männern zu. »Ich will ehrlich zu
Ihnen sein. Ich habe zwei Kinder und muss ein Haus abzuzah-
len, deshalb könnte ich das Geld dringend brauchen. Für Spe-
zialaufträge wie diesen berechne ich 100 Dollar die Stunde.
Wenn Sie mir ohne Erfolgsgarantie so viel zahlen wollen –
großartig. Ich werde mein Bestes geben. Allerdings will ich
ganz offen sagen: Sie könnten den Safe erheblich günstiger
vom Hersteller öffnen lassen. Es würde vielleicht eine Woche
dauern, bis alle Nachweise erbracht und überprüft sind, aber
Sie könnten Hunderte von Dollars sparen.«
Mack zog das 10.000-Dollar-Bündel aus der Tasche, das
Westmore ihm vorher gegeben hatte, zählte einen Tausender ab
und drückte ihr das Geld in die Hand. »Fangen Sie an. Falls
sich herausstellt, dass es mehr kostet, ist das kein Problem.«
Vanni versuchte ihre Ungläubigkeit zu überspielen. Ihre
Augen glänzten in heller Begeisterung. »Ich ... Okay.« Ihr
Blick wanderte zum Monitor auf dem Schreibtisch. »Ich müs-
ste Ihren Computer benutzen, um online zu gehen. Ich brauche
die grundlegenden technischen Daten des Tresors, damit ich
weiß, aus wie vielen Zahlen die Kombination besteht. Wahr-
scheinlich aus drei, fünf oder neun.«
»Dann lassen wir Sie mal machen«, sagte Westmore. Er
drehte sich zu Mack um. »Gehen wir runter, während sie ar-
beitet. Das Abendessen ist fertig.«
Aber Mack umschwirrte Vanni, die Platz genommen hatte.
»Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«
»Äh, gern, danke. Eine Cola wäre toll.«
Er berührte sie an der Schulter. »Wie wär’s mit etwas zum
Essen? Ich glaube, wir haben Hummer zum Abendessen. Ich
könnte Ihnen etwas heraufbringen.«
»Na ja, wenn es keine Umstände macht, gern. Danke.«
Westmore unterdrückte seine Belustigung, als Mack und er
das Büro verließen und hinuntergingen. »Wie sieht’s aus?
Baggern Sie die Tresorknackerfrau an?«
»Soll das ein Scherz sein? Mit der Figur könnte sie selbst in
einem Priesterseminar einen Aufstand anzetteln. Ich weiß ja
nicht, wie es bei Ihnen steht, aber ich hatte schon seit einer
Woche keinen Abgang mehr. Und mit den verrückten Hühnern
unten will ich auf keinen Fall etwas anfangen.«
Bei Macks Dreistigkeit blieb Westmore glatt die Spucke
weg. »Die Frau ist hergekommen, um einen Safe zu öffnen –
sie ist kein Date.«
Mack kicherte und männliche Arroganz trat in seine Augen.
»Die Puppe ist heiß und steht auf mich. Mal sehen, was sich
daraus machen lässt.«
Westmore zündete sich eine Zigarette an. »Aha, sie steht
also auf Sie, ja? Und das wissen Sie ... woher?«
»Das sieht man an den Augen, Mann, an den Augen.« Mack
klopfte ihm auf den Rücken wie ein Fußballer einem Mitspie-
ler, der gerade ein Tor erzielt hat. »Hey, nehmen Sie’s sport-
lich. Ich kann ja nichts dafür, dass sie auf mich statt auf Sie
abfährt. Aber ich wette, Sie könnten bei Karen landen.«
Westmore musste lachen. »Ich bin nicht hier, um bei irgend-
jemandem zu landen, Mack.«
Unten hatten Nyvysk, Willis, Cathleen und Karen schon den
robusten Tisch im Atrium gedeckt.
»Das ist mir schon früher passiert – keine große Sache«,
sagte Cathleen gerade. Sie sah zerzaust und müde aus. »Nur
nicht mit solcher Intensität. Gott, es war so konkret.«
»Was war konkret?«, erkundigte sich Westmore und nahm
neben Karen Platz.
Nyvysk weihte ihn ein. »Für einige von uns war es ein an-
strengender Tag, Mr. Westmore. Cathleen hat früher etwas
erlitten, das wir als transitiven paramentalen Kontakt bezeich-
nen – oder paraplanare Vergewaltigung. Willis, dem Sie nach
seiner Tortur im Salon geholfen haben, erlebte etwas, das er als
die intensivste taktile Übertragung seiner Karriere beschreibt.
Und ich konnte eindeutige Stimmphänomene aufzeichnen –
alles in den letzten Stunden.«
Westmore blieb schon am ersten Fachbegriff hängen. »Para-
planar. Meinen Sie damit eine andere Existenzebene? Sie wur-
den von etwas aus einer anderen Ebene vergewaltigt? «, fragte
er Cathleen.
Sie kaute einen Mundvoll Hummer zu Ende, bevor sie ant-
wortete: »Erst dachte ich, es war Hildreth, denn als ich mit
meinen Divinationen begann, stand ich unmittelbar vor seinem
Grab. Aber als ich wieder zu mir kam ... lag ich außerhalb des
Friedhofszauns.«
»Wollen Sie damit andeuten, dass Sie von Hildreths Geist
vergewaltigt wurden?«
»Ja... oder... ich glaube es zumindest. Ich bin mir nicht si-
cher.«
Westmore verdrehte die Augen. Er hielt sich lieber an hand-
feste Tatsachen. »Sie haben Hildreths Grab gefunden?«
»Ja«, bestätigte Cathleen. »Im Wald gleich hinter dem Haus
ist eine Lichtung.«
»Ich möchte, dass Sie mich später hinführen, falls Sie sich
dazu in der Lage fühlen.«
»Oh, es geht mir gut. Ich bin an transitive Kontakte ge-
wöhnt.«
Westmore wusste nicht einmal genau, was ein »transitiver
Kontakt« sein sollte, aber ihn überraschte, wie beiläufig sie mit
ihrem offensichtlichen Trauma umging. Für eine Frau, die
gerade sexuell misshandelt wurde, nimmt sie es ziemlich gut
auf. Cathleen aß mit Heißhunger und verputzte neben dem ge-
samten Hummerschwanz auch eine beachtliche Portion Salat
und Kartoffeln.
Willis hingegen schien kurz vor dem Verhungern zu stehen
und trotzdem nicht zu merken, dass Essen vor ihm stand. Er
hockte mit hängenden Schultern und dunklen Ringen unter den
Augen zusammengesackt auf der Couch. »Tja, mir geht es
nicht gut. Dieses Haus ist definitiv geladen. Das wissen wir
inzwischen alle.«
»Dem stimme ich zu«, meldete sich Nyvysk zu Wort.
»Was genau bedeutet das?«, wollte Westmore wissen.
»Das ist unsere Art zu sagen, dass es spukt«, erklärte
Nyvysk. »Es ist ein technischer Begriff. Nehmen wir zum Bei-
spiel ein Haus mit einem Haufen Menschen darin. Jede Person
sondert ein elektromagnetisches Feld ab. Eigentlich alles, was
lebendig ist, einschließlich Pflanzen. Spezialinstrumente wie
Ionensensoren, Thermografen und Radiometer können das
Vorhandensein eines solchen Feldes erfassen. Auch wenn man
es nicht sehen kann, ist es messbar und damit objektiv nach-
weisbar. Entfernt man nun alle Pflanzen und Menschen aus
dem Haus und misst immer noch elektromagnetische Energie,
dann spricht man von einem geladenen Haus. Menschen mit
übersinnlichen Fähigkeiten wie Cathleen und Willis verfügen
über natürliche Sensoren, wenn man so will. Sie können ver-
schiedene Aspekte einer solchen Ladung fühlen und sehen.«
»Was ist mit Ihnen?«, fragte Westmore.
»Ich besitze keine Sensitivitäten. Deshalb habe ich meine
Ausrüstung – eine alternative Methode zur Bestätigung solcher
Phänomene.«
»Nein, nein, ich meine, was Sie gerade vorher gesagt ha-
ben«, ruderte Westmore zurück. »Sie erzählten, Sie hätten auch
etwas erlebt.«
Nyvysk stocherte ebenfalls nur in seinem Essen herum.
»Eindeutige Stimmphänomene. Audioaufzeichnungen.«
»Von Geistern, meinen Sie.«
»Ja.«
Westmore starrte ihn an. »Und Sie haben diese Aufzeich-
nungen tatsächlich?«
»Oh ja. Ich habe über den ganzen Tag verteilt positive
Messwerte erhalten.«
Niemand am Tisch schien darüber sonderlich erstaunt zu
sein, was Westmore beunruhigte. »Ich will sie hören.« Bestürzt
ließ Westmore den Blick über die anderen am Tisch wandern.
»Tut mir leid, Leute, aber für mich klingt das nach einer gro-
ßen Sache. Will denn niemand sonst diese Bänder hören?«
Willis schien ihn gar nicht wahrzunehmen und Cathleen
zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben sie schon gehört«,
sagte sie und schaufelte weiter Salat und Kartoffeln in sich
hinein. »Eigentlich ist es keine große Sache.«
»Die Aufzeichnungen liefern eine notwendige wissenschaft-
liche Legitimierung«, erklärte Nyvysk. »Das ist hilfreich, weil
es schneller bestätigt, dass die Villa wirklich geladen ist und
wir nicht alle unsere Zeit verschwenden.«
»Und ich würde empfehlen, dass Sie sich die Bänder nicht
anhören«, warf Willis ein. Er spielte mit seiner Gabel herum
und trug immer noch seine Strickhandschuhe.
»Warum nicht?«, wollte Westmore wissen.
»Weil einem die Stimmen manchmal Dinge erzählen, die
man nicht hören will.«
Die Antwort erregte und beunruhigte Westmore gleicher-
maßen.
»Ich möchte die Geister hören«, ergriff schließlich Karen das
Wort und schwenkte die Eiswürfel in ihrem Glas.
»Später«, versprach Nyvysk. »Lassen Sie mich erst zu Ende
essen.«
Westmore versuchte, selbst etwas zu sich zu nehmen,
schmeckte den Hummer jedoch kaum, während er über alles
nachdachte. Die merkwürdig gedämpfte Stimmung im Raum
drückte auf den Tisch wie eine äußerst niedrige Decke.
»Wo ist Mack?«, fragte Karen, als wollte sie lediglich das
Schweigen brechen.
»Ich glaube, er hat einen Teller mit Essen hinauf zur Frau
vom Schlüsseldienst gebracht.«
»Wie sieht es mit dem Wandtresor aus?«, erkundigte sich
Nyvysk.
»Sie sagt, vielleicht bekommt sie ihn auf, vielleicht auch
nicht.«
» Sie? «, hakte Karen nach. »Der Schlüsseldienst hat eine
Frau geschickt?«
»Ja.« Fragen Sie mal Mack nach den dreckigen Details,
dachte Westmore grinsend. »Sie hat gesagt, es könnte die gan-
ze Nacht dauern.«
Nyvysk legte durch den Bart die Finger ans Kinn. »Mich
interessiert sehr, was sich in dem Tresor befindet.« Dass er von
seiner Existenz wusste, schien er gegenüber Westmore nicht
für erklärungsbedürftig zu halten.
»Es ist nichts Lebendiges oder Totes, das ist alles, was ich
darüber sagen kann«, verriet Adrianne, die matt den Raum be-
trat. Offensichtlich hatte sie gerade geduscht – ihr tinten-
schwarzer Haarschopf war nass und stand in wirren Strähnen
vom Kopf ab. Sie hielt einen weißen Bademantel um ihren
Körper zusammen. »Ich habe es bei dem Safe mit Transvision
und Astralwanderung versucht. Was sich darin befindet, konnte
ich nicht sehen, aber es ist nichts, was eine Lebens-oder To-
deskraft besitzt.«
»Ich sehe schon, vor Ihnen kann man nichts geheim halten«,
ätzte Westmore.
»Hast du mit einem abgetrennten Kopf gerechnet?«, fragte
Cathleen.
»In diesem Haus?«, warf Willis ein. » Ich hätte wahrschein-
lich damit gerechnet.«
»Wie war deine Spritztour?«, wollte Nyvysk von ihr wissen.
»Aufschlussreich, aber ...«
Alle starrten sie an.
»Ich habe mich zuerst mithilfe einer Transvision auf den
Friedhof versetzt. Dort fand ich Hildreths Grabstein und habe
in seinen Sarg geschaut ...«
Westmore erinnerte sich an Karens frühere Erklärung zur
Transvision, wusste jedoch nicht recht, ob er daran glauben
sollte, deshalb erkundigte er sich nicht nach Einzelheiten.
Trotzdem interessierte ihn das Grab sehr, und zwar wegen Vi-
vicas Geheimnis –, dass Hildreths Leiche nie gefunden worden
war. »Befand sich in dem Grab eine Leiche?«, fragte er.
»Ja, eine große, kalte Stelle.«
»War es ...«
»Ich konnte das Gesicht nicht sehen.«
Ja, es interessierte Westmore sehr. Merk’s dir: Schaufel su-
chen.
»Oh, und draußen im Wald steht ein verlassenes Auto rum«,
fügte Adrianne hinzu und wischte sich nasse Strähnen aus der
Stirn. »Ich bin nicht sicher, wo, aber ich weiß, dass es irgend-
wo auf dem Grundstück sein muss, weil ich im Hintergrund die
Villa wahrgenommen habe. Und da ist noch ein Auto, in dem
zwei Leute sitzen, glaube ich.«
»Auf dem Gelände?«, hakte Westmore etwas beunruhigt
nach. »Jetzt?«
»Zumindest noch vor etwa einer Stunde. Eine große Limou-
sine. Sah alt aus.«
»Das Haus ist mit einer aufwendigen Alarmanlage ge-
schützt«, meldete sich Nyvysk zu Wort, dem Westmores Be-
sorgnis nicht entging. »Ich würde mir darüber keine Gedanken
machen. Die Polizei sollten wir nicht rufen – die würde im
Haus herumschnüffeln, solche Störungen können wir nicht
gebrauchen.«
Karen beugte sich vor und stützte sichtlich gelangweilt die
Ellenbogen auf den Tisch. »Wahrscheinlich bloß junge Leute,
die im Wald parken und rummachen.«
Die Erklärung fand Westmore glaubhaft ... trotzdem wollte
er sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Und das verlas-
sene Fahrzeug? Ich muss das Kennzeichen überprüfen lassen ...
»Aber da ist noch etwas, Adrianne, oder?«, bohrte Nyvysk
nach. »Du bist offensichtlich wegen etwas beunruhigt.«
Sie nickte und zog den Kragen ihres Morgenmantels enger
zu. »Ich bin ziemlich sicher, dass ich auch belästigt wurde. So
wie Cathleen.«
Cathleen erstarrte auf ihrem Sitz. »Auf dem Friedhof?«
»Nein«, erwiderte Adrianne in grimmigem Tonfall. »Im
Haus.«
Da erstarrten alle.
»Eine weitere paraplanare Vergewaltigung?«, fragte Nyvysk
und hielt den Blick eindringlich auf sie gerichtet.
»Ich bin nicht sicher, ob es paraplanar, körperlos oder wie-
dergängerisch war.« Sie ließ den Kopf sinken. Ihre Hände zit-
terten ein wenig, und als sie flehentlich zu Cathleen schaute,
begriff diese wortlos, was sie brauchte. Cathleen reichte ihr die
Flasche mit Pillen, bei denen es sich, wie Westmore wusste,
um Barbiturate handelte. Adrianne schluckte eine davon mit
etwas Wasser, bevor sie fortfuhr. »Ich habe mir als Ausgangs-
ort eines der Zimmer ausgesucht und dann eine recht erfolg-
reiche Astralwanderung unternommen. Dabei geriet ich ins
Scharlachrote Zimmer, aber ich weiß nicht recht, was danach
geschah. Unter Umständen bin ich vom Weg abgekommen,
denn als ich anfing, direkte Sinnesreaktionen zu empfangen,
fühlte es sich an, als würde ich weggezogen. Als würde ich
aktiv zum Ziel gelenkt, statt selbst die Kontrolle zu haben.«
»Du wurdest befehligt?«, fragte Nyvysk.
»Etwas in der Art vielleicht.«
»Wie sah der Ort aus?«
In ihre Verbitterung mischte sich Verwirrung. »Ich muss
halluziniert haben – ich glaube, ich war in der Hölle.«
Westmore lauschte ihren Worten. Er blieb nach wie vor
skeptisch, war aber trotzdem gefesselt von ihrer Erzählung.
»Ich muss eingehender darüber nachdenken, um mich an
alles zu erinnern, was passiert ist«, fuhr Adrianne fort. »Nach
einer Spritztour brauche ich immer ein wenig Zeit für ...«
»Gedächtnisrefraktion«, sagte Nyvysk.
»Aber als ich die Astralwanderung beendete, lag mein Kör-
per in einer anderen Position auf dem Bett und ich war völlig
nackt. Das kam mir seltsam vor, denn in der Regel trage ich
dabei Unterwäsche.«
Mittlerweile kritzelte Nyvysk Notizen auf einen Block. »In
der Regel? Das ist sehr wichtig.«
»Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass ich einen BH und einen
Slip anhatte, als ich anfing. Das ist die beste Einschätzung, die
ich geben kann.«
Cathleen meldete sich zu Wort. »War da irgendwo ...«
»Kein Sperma. Ich war zwar klatschnass, aber ich bin mir
nicht mal sicher, dass es sich um Schweiß handelte. Es könnten
irgendwelche mesoplasmischen oder sonstigen Rückstände
gewesen sein. Jedenfalls war es eklig – es roch fast wie Urin.
Außerdem habe ich leichte Blutergüsse und fühle mich immer
noch ziemlich wund.«
Westmore konnte kaum nachvollziehen, was sie meinte; das
Einzige, was er noch schockierender fand als Adriannes Be-
richt, war die Einstellung der anderen. Die zucken angesichts
dessen, was sie sagt, mit keiner Wimper ...
»Wie viele haben dich belästigt?«, lautete Cathleens nächste
Frage. »Bei mir waren es mehrere.«
»Weiß ich nicht«, erwiderte Adrianne. »Ich habe keine Ah-
nung. Ich war nicht dabei. Nur mein Körper war da, und die
Vorstellung gefällt mir überhaupt nicht. Das ist noch nie pas-
siert.« Sie trank einen Schluck Wasser aus einem gravierten
Kelch. »Dass jemand an meinem Körper herumgespielt hat, als
ich nicht mal drin war ...«
»Könnte es Transposition gewesen sein?«, schlug Willis vor.
»Etwas kam raus, als du reingegangen bist?«
»Oder eine interplanare Wesenheit, die entlang deines An-
kers hierherkroch, während du woanders warst?«, bot Nyvysk
an.
»Ich habe noch nie davon gehört, dass jemandem auf mei-
nem Gebiet etwas Vergleichbares widerfahren ist, und mir ist
es ganz sicher noch nie passiert«, zerstreute Adrianne die
Mutmaßungen. »Es muss etwas gewesen sein, das bereits da
war. Astralwanderungen neigen dazu, Aktivitäten körperloser
Wesen auszulösen, und dasselbe gilt für verwundbare Zustände
– Körperlose können so etwas einen Kilometer gegen den
Wind riechen. Genau wie bei Cathleen – sie war in einer Divi-
nationstrance.«
Westmore ließ die flache Hand so heftig auf den Tisch knal-
len, dass das Besteck klirrte. Dann stand er auf und bemühte
sich, seine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen.
»Tut mir leid, aber mir reicht’s. Ich bin für viele Sachen offen
und halte mich nicht für einen Skeptiker oder Spießer, aber das
geht jetzt zu weit.«
»Mr. Westmore?« Nyvysk schaute auf. »Gibt es ein Pro-
blem?«
Westmore schnaubte. »Ein Problem? Ja. Wir haben hier zwei
Frauen, die behaupten, vergewaltigt worden zu sein, und alle
sitzen rum und versuchen, sich zusammenzureimen, welche
Art von Geist dafür verantwortlich ist. Wahrscheinlich bin ich
bloß altmodisch, was? Ich bin wohl nicht auf dem neuesten
Stand, was diesen Kram angeht. Ist irgendjemandem vielleicht
auch nur eine Sekunde lang der Gedanke gekommen, dass die-
se Frauen womöglich von, na ja, Sie wissen schon, einem Ver-
gewaltiger misshandelt worden sein könnten?« Mit gerunzelter
Stirn schaute er zu Adrianne. »Um Himmels willen, Sie haben
uns gerade selbst erzählt, dass Sie einen Eindringling auf dem
Gelände gesehen haben!«
»Beruhigen Sie sich«, sagte Cathleen.
Willis zündete sich eine Zigarette an. »Sie kennen sich mit
diesen Dingen nicht aus. Anfangs ist es verwirrend.«
»Wären wir von realen Männern misshandelt worden«, er-
klärte Adrianne, »gäbe es dafür physische Beweise. Beispiels-
weise Sperma.«
»Schon mal was von Gummis gehört?«
»Das ist nicht dasselbe«, gab Cathleen zurück.
Nyvysk wirkte allmählich gereizt. »Mr. Westmore, das
müssen Sie wirklich uns überlassen. Wir können Ihre Reaktion
verstehen, aber umgekehrt akzeptieren Sie bitte, dass wir kon-
zentriert an die Sache herangehen. Wir respektieren, dass Sie
lediglich als Beobachter hier sind. Wir hingegen sind aus einem
anderen Grund hier. Einmischungen Ihrerseits können wir nicht
gebrauchen.«
»Fein. Ich werde mich nicht einmischen«, erwiderte West-
more. »Wissen Sie, was ich stattdessen tue? Ich hole mir jetzt
eine Taschenlampe, gehe raus und SUCHE NACH DEM
VERGEWALTIGER!«
»Davon würde ich dringend abraten«, warnte ihn Nyvysk.
»An diesem Ort gibt es Dinge, die Sie schlichtweg nicht ver-
stehen.«
Westmore stürmte davon.
Als die Atriumtüren geräuschvoll hinter ihm zuknallten, sa-
hen die anderen sich an. »Einer ist immer dabei«, meinte
Nyvysk, und sie alle begannen zu lachen.
III
Herrgott noch mal! Mach’s mir doch nicht so schwer! Wenig-
stens bezahlten sie. Vanni konnte kaum glauben, wie viel Geld
Mack ihr in die Hand gedrückt hatte. Ihre Arbeit umfasste zu
90 Prozent Autotüren und Plättchenzylinderschlösser, und dar-
in war sie gut. Zum Öffnen der meisten Schlösser brauchte sie
unwesentlich länger, als es mit einem Schlüssel dauerte. Aber
dieser Safe?
Eine harte Nuss.
Sie rief die Website des Herstellers auf und suchte an dem
Tresor nach einer Kennzeichnung des Modelltyps. Die allge-
meinen technischen Daten fand sie rasch, unter anderem In-
formationen über das Kombinationsschloss, allerdings machte
das ihre Aufgabe nicht leichter. Es handelte sich um eine sel-
tene Kombinationsreihe aus neun Zahlen, was bedeutete, dass
es dreimal so lange dauern würde, falls es ihr überhaupt gelang,
den Safe zu öffnen.
Das Essen, das Mack ihr gebracht hatte, schmeckte hervor-
ragend – sie hatte sich schon eine ganze Weile keinen Hummer
mehr geleistet. Danach schloss er die Kaffeemaschine im Büro
für sie an und ließ eine Kanne durchlaufen. Vanni öffnete ihre
Tasche und holte den Fallbewegungsmesser von Stiles hervor.
Dabei handelte es sich um ein schlichtes Kästchen mit Anzei-
ge, das sie an einer Steckdose anschloss. Von der Vorderseite
des Gehäuses gingen zwei Kabel aus. Am Ende des einen be-
fand sich ein schwerer zylindrischer Magnet, am Ende des an-
deren ein quadratischer Gegenmagnet, den sie links neben dem
Kombinationsschloss fixierte. Der erzeugte magnetische Fluss
wurde durch das Messgerät erfasst. Wenn sich ein Kipper kor-
rekt ausrichtete, konnte das Gerät diese Bewegung erkennen.
Insgesamt funktionierte der Fallbewegungsmesser etwa in der
Hälfte aller Fälle und der Vorgang konnte für jeden Stift meh-
rere Stunden in Anspruch nehmen. Und ich habe hier NEUN
Stifte, rief sich Vanni ins Gedächtnis. Sie schlug ihren Notiz-
block auf und machte sich an die Arbeit.
Anderthalb Stunden später hatte sie fünf Stifte geknackt.
Wie gefällt dir das, hmm? Vielleicht dauert es doch nicht so
lange, wie ich dachte. Nur noch vier übrig ...
Vanni ließ den Fallbewegungsmesser laufen und stand auf.
Sie rief ihre Schwester an, die auf die Kinder aufpasste, und
teilte ihr mit, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sie
nach Hause kam. Danach schenkte sie sich einen Kaffee ein.
Während sie daran nippte, bemerkte sie die beiden Gemälde,
die auf dem Boden an der Wand lehnten. Eine junge Frau in
einem wallenden Kleid, ein Bild wie das Cover eines Liebes-
romans. Dann der merkwürdige Kupferstich. Eigenartig, dach-
te sie. Allerdings handelte es sich auch um einen eigenartigen
Ort. Irgendjemand muss Millionen in diesen Schuppen gesteckt
haben – etliche Millionen. Allein die Stromrechnung macht
monatlich bestimmt zehn Riesen aus. Fünf Stockwerke? Dut-
zende Zimmer?
Ohne darüber nachzudenken, verließ sie das Büro und er-
tappte sich dabei, den Flur hinabzugehen. An den Wänden
hingen weitere eigenartige Gemälde, und aus unerfindlichen
Gründen war sie dankbar dafür, dass es zu dunkel war, um
Einzelheiten zu erkennen. Ringsum herrschte völlige Stille. Ich
denke mal, die werden nichts dagegen haben, wenn ich mich
hier ein bisschen umsehe, hoffte sie. Vanni wusste nicht ein-
mal, wer »die« waren, doch es spielte keine große Rolle. Wenn
man Kinder und einen Exmann hatte, der nach Thailand geflo-
hen war, um keine Alimente zahlen zu müssen, war Geld so
ziemlich das Einzige, das zählte.
Himmel, die letzten sechs Monate hatte ich nicht mal ein
Date... Tagsüber arbeitete sie in der Bank, nachts und an Wo-
chenenden übernahm sie Einsätze für den Schlüsseldienst. Wo
sollte da Zeit für Romantik bleiben? An interessierten Männern
bestand kein Mangel. Vanni war ausgesprochen selbstbewusst
und wenn sie in den Spiegel schaute, wusste sie, dass sie nicht
nur eine motivierte, verantwortungsbewusste Frau vor sich
hatte, sondern auch eine attraktive. Sie wurde oft zu Baustellen
gerufen, wenn Vorarbeiter die Schlüssel der Häuser verbum-
melten, die sie gerade bauten.
Nein, bei solchen Gelegenheiten bestand wahrlich nie ein
Mangel an Interesse. Reichlich Pfiffe, reichlich lange Blicke.
Und dann all diese abgehärteten, muskulösen Bauarbeiter ...
Manchmal hatte sie Fantasien über heiße Quickies in Prit-
schenwagen, bei denen ihr ein rauer, geiler und namenloser
Kerl Stiefel und Hose vom Leib riss und sie wortlos vögelte.
Ja, manchmal dachte Vanni an solche Dinge – und noch eini-
ges mehr –, und sie vermutete, dass es insgeheim allen Frauen
so ging. Aber das waren bloß Fantasien. Die Realität bestand
aus Alltagssorgen: für die Kinder ein vernünftiges Essen auf
den Tisch bringen, die Miete bezahlen. Was alles nicht beson-
ders aufregend war.
Auf dem Messingschild einer Tür stand: WOHNZIMMER
DER HERRIN VON KADESCH. Ja, dieser Ort ist wirklich
ein bisschen »too much«, dachte Vanni, die nicht wusste, dass
die Herrin von Kadesch vermutlich die erste Prostituierte in der
Geschichte der Menschheit gewesen war. Viele der Räume
trugen Namen. Warum? Die Tür stand ein Stück weit offen,
weshalb sie spontan beschloss, einen Blick hineinzuwerfen.
»Von wegen Wohnzimmer«, murmelte sie vor sich hin. In
Wirklichkeit handelte es sich um einen Fitnessraum! Gepol-
sterte Hantelbänke, Gestelle und Kabelzüge füllten die Mitte
des Zimmers aus, aber ...
Wow ... Das ist ja unerhört ...
An den Wänden hingen große Ölgemälde. Im Gegensatz zu
jenen in den Gängen zeigten sie jedoch extrem freizügige Sex-
szenen. Vorwiegend Orgien ...
Vanni sah genauer hin.
Orgien inmitten von Dämonen. Ein verblüffend realistisch
wirkendes Porträt zeigte eine Blondine mit weit aufgerissenen
Augen und einer Dornenkrone, die Lippen selig geteilt, das
Gesicht mit etwas bespritzt, das nur Sperma sein konnte.
Schuppige Dämonenhände mit roten Fingernägeln umklam-
merten ihre Brüste. Auf einem weiteren Bild war Gruppensex
mit halb entkleideten Priestern und Nonnen als Beteiligten im
Altarraum einer Kathedrale zu sehen. Eine weitere Gruppen-
szene strotzte vor nackten Zelebranten mit scharlachroten Au-
gen, die mehr sexuelle Stellungen vollzogen, als Vanni sich bis
zu diesem Moment hätte ausmalen können; all das spielte sich
in einer flammenden Grotte ab, während gehörnte Monster
dem wilden Treiben zuschauten.
Vanni drehte sich weg. Sie hätte nie gedacht, dass es solche
Kunst überhaupt gab. Und dann noch in einem Fitnessraum?
»Verrückt.«
Neben einem Schrank stand eine kleine Schnapsbar mit
mehreren Reihen von Gläsern. Das ist der merkwürdigste Fit-
nessraum, den ich je gesehen habe, dachte sie. Schnaps? Por-
nos? Als Nächstes nahm sie die Fitnessausrüstung unter die
Lupe und empfand diese als genauso verwirrend. Denn eigent-
lich ...
Es handelte sich nicht um typische Fitnessgeräte.
Was konnte das sein? Verstört lief sie umher. Mehrere ge-
polsterte Bänke mit schmaleren Bänken, die in verstellbarer
V-Form davon abzweigten. Seilzüge, mit denen man offenbar
die Höhe jeder Bank anpassen konnte. Sitze, die erhöht zu sein
schienen. Aber es gab keine Gewichte, keine Zugkabel oder
Widerstandsbänder. Was ist das hier nur für ein Ort?, fragte sie
sich.
»Wie ich sehe, sind Sie über das Spielzimmer gestolpert«,
sagte Mack, der plötzlich an der offenen Tür lehnte.
Unbehaglich schaute Vanni auf; er hatte sie überrascht.
Würde er wütend sein? Immerhin bezahlte er ihr eine Menge
Geld für das Öffnen eines Tresors, nicht dafür, dass sie im
Haus umherschlenderte. »Ich wollte nicht rumschnüffeln, ich
habe nur beschlossen, eine kurze Pause zu machen, und ... Ich
dachte, das hier sei ein Fitnessraum. Nur habe ich noch nie von
einem Fitnessraum mit Alkohol und versauten Gemälden ge-
hört.«
»Das ist kein Fitnessraum.« Mack kam herein. »Sie müssen
wissen, der Kerl, dem dieses Haus gehört hat ... Er war ver-
rückt. Ein Sexbesessener.«
»Sieht ganz so aus«, meinte sie mit einem weiteren Blick auf
die Gemälde. »Was sind das für komische Bänke?«
»Spielzeug für seine Partys. Wie wär’s mit einem Drink?«
»Lieber nicht. Immerhin bezahlen Sie mich nach Zeit. Und
zwar dafür, dass ich eine Aufgabe erledige. Eigentlich sollte
ich gar nicht hier sein. Wie gesagt, ich habe nur kurz Pause
gemacht. Die ersten fünf Zahlen der Kombination sind übri-
gens geknackt. Mir fehlen nur noch vier.«
»Das ist toll«, sagte Mack, wirkte allerdings nicht sonderlich
interessiert. »Was möchten Sie?« Er ging zur Bar und angelte
nach zwei Gläsern.
»Wie wär’s mit etwas, um das hier aufzupeppen?« Sie hielt
ihm ihre Kaffeetasse entgegen und er goss irischen Whiskey
hinein. Dann runzelte sie über sich selbst die Stirn. Es sah ihr
nicht ähnlich, während der Arbeit zu trinken. Tatsächlich trank
sie generell selten.
Doch noch bevor sie einen Schluck trank, begann sie sich
sonderbar zu fühlen. Lag es an dem Haus? Es vermittelte den
Eindruck, als laste etwas auf ihm. Ein Fluch? Für Vanni kam es
einer Überreizung ihrer Sinne gleich. Immer wieder wanderte
ihr Blick zu den Gemälden ...
Eine dralle Frau lag nackt da, umgeben von Ungetümen, die
sie abschätzend betrachteten. Im fernen Hintergrund vermeinte
sie, hinter einem Rauchschleier eine Art Tempel zu erkennen.
Mack öffnete einen Schrank und griff nach einer Flasche
Wodka. Auf dem untersten Regalfach fielen ihr mehrere große
Schalen auf, gefüllt mit ...
»Was ist das in den Schalen? Pfefferminz?«
»Nein, ich fürchte nicht. Das sind Drogen. Ich bin noch nicht
dazu gekommen, sie wegzuwerfen – sie sind überall im Haus.«
Vanni starrte die Schalen an. Eine war voller Pillen, die an-
dere ... »Ist das etwa Crack? «
»Ja. Wenn Sie drauf stehen, nur zu. Ich verrate es nieman-
dem.«
»Ich rauche kein Crack!«, entgegnete Vanni entrüstet.
Mack schloss den Schrank und rührte in seinem Drink her-
um. »Keine Sorge, niemand hier nimmt Drogen. Das geht auf
den früheren Besitzer zurück. Er hatte immer Stoff für seine
Partygäste im Haus. Und er feierte ständig Partys.«
»Ich will mir gar nicht ausmalen, was für Partys das waren.«
»Na ja, die Gemälde lassen es erahnen. In diesem Haus lie-
fen quasi nonstop Orgien ab. Sehen Sie mal ...« Er ging zum
Gemälde einer Frau mit gespreizten Pobacken und zog am
Rahmen. Bei dem Bild handelte es sich in Wirklichkeit um
eine Tür mit Angeln. Dahinter ...
Vanni schoss das Blut ins Gesicht. Großer Gott!
Hinter dem Gemälde befand sich eine Metalltafel, an der
Dutzende Vibratoren, Liebeskugeln und Dildos hingen.
»Und dazu noch all dieser Kram ...« Mack deutete auf eine
der Bänke.
Vanni betrachtete sie eingehender. Die sind dafür gedacht,
dass Frauen sich drauflegen, erkannte sie. Eine andere Appa-
ratur, von der verschiedene Kabel baumelten, wies zwei gepol-
sterte Gurtgeschirre mit einem dritten, größeren Geschirr da-
hinter auf. Mittlerweile konnte sich Vanni lebhaft vorstellen,
was sich in diesem Raum abgespielt hatte. Einen flüchtigen
Moment lang stellte sie sich sogar vor, selbst in dem Ding zu
hängen. Sie würde mit gespreizten Beinen und durchgeboge-
nem Rücken in der Luft schweben, während ein Mann nach
dem anderen vortrat und sich bei ihr holte, was er brauchte.
Gleichzeitig würde hinter ihr vielleicht noch eine andere Frau
von einem höheren Gurt baumeln, um ihren Schritt exakt über
Vannis Mund in Position zu bringen. Dieser Ort ist total per-
vers, dachte sie reichlich angewidert. Reiche Pinkel, oh Mann
...
Mack nippte an seinem Drink und betrachtete ein weiteres
Gemälde: nackte Frauen, die vor einer brennenden Schlucht
schwebten, die Gesichter verzückt vor Ekstase. Was Vanni sich
selbst nicht eingestehen wollte, war ... sie wurde zunehmend
geiler.
Sie kehrte zu dem Bild mit dem Tempel zurück. Je länger sie
es ansah, desto mehrdimensionaler wirkte es. Die Frau lag of-
fensichtlich ängstlich da und wartete darauf, von den Monstern
genommen zu werden ...
Vanni wusste nicht, wie viel Zeit verstrich, während sie auf
das Gemälde starrte. Dann zuckte sie unter einer Berührung
zusammen: Macks Hände an ihren Hüften. Er stand hinter ihr.
Sie wusste, dass sie bei jeder anderen Gelegenheit die Flucht
ergriffen hätte. Er war bloß ein reicher Spinner, der dachte, er
könnte sie zu seinem Vergnügen benutzen, weil er ihr eine
Menge Geld für einen Auftrag hinblätterte.
Diesmal kam ihr nicht in den Sinn zu gehen. Das wollte sie
nicht.
Es dauerte nicht lange, bis seine Hände über ihre Brüste,
ihren Bauch und ihre Oberschenkel wanderten. Ohne jegliche
Hemmungen fasste sie hinter sich, um seinen Schritt zu strei-
cheln ...
Was mache ich denn da? Das entsprach überhaupt nicht ih-
rem Stil, sondern der Moral eines Flittchens, und es war ge-
nauso schlimm, als würde sie in einer Bar einen Typen für ei-
nen Gelegenheitsfick aufreißen oder tatsächlich auf die Pfiffe
auf einer Baustelle reagieren. Macks Beule rieb von hinten
gegen ihren Po, während sich seine großen Hände mittlerweile
ganz ihren Brüsten widmeten und sie ins Freie holten, bevor er
Vanni komplett aus ihrem Overall schälte.
Überhaupt keine Moral mehr. Vanni drehte sich um und trat
sich die Stiefel von den Füßen, während sie zuließ, dass sich
ihre Münder aufeinanderpressten. Sie wusste eigentlich gar
nicht so genau, was sie wollte, folgte lediglich ihren Instinkten
und einer plötzlichen Eingebung, zog ihm das Hemd über den
Kopf, zerrte seine Shorts zu Boden und drängte ihn zum
Zaumzeug ...
Innerhalb einer Minute hing sie in der Luft – offenbar kannte
sich Mack mit dem System aus. Er stand zwischen ihren
schwebenden Beinen, senkte ihren Kopf mit einem Seilzug
etwas tiefer, spreizte mit einem anderen ihre Beine weiter –
und drang in sie ein.
Alles lief beiläufig und animalisch ab; es dauerte nicht ein-
mal besonders lang, höchstens ein oder zwei Minuten; doch in
dieser kurzen Zeit zuckte Vannis gesamter Körper vor Geilheit
in der Luft und ein Orgasmus schwemmte über sie hinweg.
Mack hielt einen Moment lang inne, gab jedoch keinen Laut
von sich, als sich seine muskulöse Brust anspannte und er mit
einem letzten Stoß ebenfalls kam.
Er ließ Vanni erschöpft in den Gurten hängen. Sie konnte
hören, wie er sich anzog, rührte sich aber nicht, sondern ver-
harrte selig, als schwebe sie auf Wolken. Ihr Kopf hing nach
unten, und als sie hinter sich blickte, hatte sie direkt das Ge-
mälde der Frau vor Augen, die von den Dämonen beim Ficken
beobachtet wurde.
»Das war toll«, meinte Mack. »Ich muss jetzt los, aber gib
Bescheid, wenn du den Safe aufbekommst. Ruf einfach über
die Gegensprechanlage durch.«
Vanni konnte nichts erwidern. Ihre nackte Brust hob und
senkte sich immer noch heftig in den Nachwehen des Höhe-
punkts. Als sie den Kopf hob, konnte sie ihn sehen. Er war
vollständig angezogen und im Begriff zu gehen.
Was hab ich denn erwartet? Kuscheln? Sie war so schuldig
wie er. Auch wenn er mich angebaggert hat, ich habe mitge-
macht. Ohne zu zögern.
Allerdings bereute sie es keineswegs, weshalb also fühlte sie
sich nun so besudelt?
Durch ihre obszön gespreizten Beine schaute sie erneut zu
ihm. Was machte er da? Er schien etwas aus der Tasche zu
holen.
Dann warf er ein Bündel Geldscheine auf ihren Bauch.
»He!«, protestierte sie schließlich.
»Nur die Ruhe, das ist für deine Kinder. Du hast doch ge-
sagt, du hast Kinder, oder?«
Es sah nach einer Menge Geld aus, aber trotzdem. Vanni
ergriff ein Seil und hievte sich daran höher. »Ich bin keine Pro-
stituierte«, sagte sie angewidert. Mack sah sie erst mit aus-
drucksloser Miene an, dann lächelte er halbherzig und verließ
den Raum.
Was für ein Arsch! Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt, wäh-
rend sie mit dem Geld auf dem Bauch in der Luft hing. Als sie
es zählte, kam sie auf einen Betrag von 1000 Dollar.
Dann versank sie noch tiefer im Gefühl der Erniedrigung,
denn sie wusste, dass sie es behalten würde ...
Vanni hatte keine Ahnung, was über sie kam; das Geld an-
zunehmen, empfand sie als schlimm genug, doch was darauf
folgte, war noch unerklärlicher. Sie befreite sich aus dem Sling
und hatte eigentlich die Absicht, sich anzuziehen. Aber als sie
ihren Overall aufhob, blieb sie einfach stehen und starrte ins
Leere. Kleingeld und Schlüssel fielen klimpernd aus ihren Ta-
schen ...
Sie zog sich nicht an. Stattdessen kehrte sie zur in der Wand
versteckten Metalltafel zurück. Was ... mache ich ... denn jetzt
schon wieder? Der Gedanke wogte durch ihren Kopf wie ein
Stöhnen.
Verwirrt über ihr eigenes Verhalten nahm sie sich das üppige
Spielzeugsortiment genauer vor. Warum wirkten die Toys
plötzlich so verlockend? Sie hatte sich nie etwas aus diesen
Dingern gemacht; jetzt jedoch hob sie mehrere von der Wand,
betastete sie, fühlte ihre Beschaffenheit. Einige wiesen Noppen
und Ringe oder zwei Spitzen auf, während das Ende eines an-
deren wie eine kleine Faust geformt war. Mehrere der Dildos
waren so groß, dass sie sich nicht vorstellen konnte, wie eine
Frau sie hereinbekommen sollte ...
Als Nächstes holte sie einen Dildo herunter, der wie eine
Reihe miteinander verbundener Gummibälle aussah.
Den nehme ich ...
Vanni hievte sich erneut in den Sling und hing wieder mit
gespreizten Beinen in der Luft. Sie fühlte sich so überreizt,
dass sie es kaum aushalten konnte. Mack hatte sie mit dem
berauschenden Verlangen nach weiterem Körperkontakt zu-
rückgelassen, doch als sie an ihn zurückdachte und sich vor-
stellte, er wäre wieder bei ihr, löste die Fantasie nicht das Ge-
ringste bei ihr aus. Sie verdrängte den Gedanken und ließ den
Kugeldildo langsam vor-und zurückgleiten. Vanni empfand das
Gefühl als nervenzerfetzend und antörnend zugleich. Sie be-
schleunigte den Rhythmus und stieß tiefer ...
Irgendwann öffnete sie keuchend die Augen und betrachtete
abwesend das Gemälde der von Ungeheuern beäugten Frau.
Das Bild verdreifachte ihre Erregung schlagartig. Gab es da
etwas, das sie über sich selbst nicht wusste? Fühlte sie sich
unterbewusst zu Frauen hingezogen?
Nein, sie sah die Monster an.
Ihre Wonne schwoll an und drohte, sie zu überwältigen.
Waren die Dämonen auf dem Bild der Frau näher gerückt?
Natürlich nicht, aber es kam ihr so vor. Es handelte sich um
bleiche Kreaturen, Hautsäcke mit Armen und Beinen in der
Farbe von Butter. Ihr fiel noch etwas anderes auf. Wie konnten
sie die Frau beobachten, wenn sie keine Augen besaßen? Keine
Augen, Nasen oder Ohren – nur klaffende, zahnlose Münder.
Abscheulich, rang sie sich einen moralischen Gedanken ab,
ließ sich von ihrem Treiben mit dem Dildo jedoch nicht abhal-
ten.
Ein konzentrierterer Blick: Stand da eine Gestalt am fernen
Tempel? Es kümmerte sie nicht wirklich ...
Vanni schloss die Augen und stellte sich vor ... dass die Dä-
monen sie beobachteten. Die Kreaturen streckten Hände aus,
die knochenlos zu sein schienen, streichelten sie, spielten mit
ihr, während sie selbst an sich herumfingerte. Mittlerweile
konnte Vanni spüren, wie die Ungeheuer ihre Haut betatschten
und ihre Brüste kneteten. Bildete sie sich das nur ein oder
herrschte im Raum plötzlich ein stickiger, durchdringender
Fleischgeruch vor? In ihrer Fantasie befanden sich viele Hände
auf ihr, einige grässlich, andere weich und zielstrebig, aber sehr
menschlich. Frauenhände? Tatsächlich vermeinte Vanni, ein
weibliches Flüstern zu vernehmen, außerdem etwas Dunkleres,
eine Art tiefes, kehliges Stöhnen. Weitere imaginäre Hände
strichen über ihre Brüste hinauf und umspielten behutsam ihren
Hals.
Ein peitschender Laut. Ein Ruck. Etwas hievte Vanni wie ein
Flaschenzug in die Höhe. Der Dildo fiel zu Boden, und als sie
sich an die Kehle fasste, fand sie dort keine Hände vor, die ihre
Schreie abwürgten – sondern einen Riemen.
Einen der Gurte.
Der nunmehr als Galgenstrick diente.
Ihre Augen traten unnatürlich hervor. Die Seilrollen
quietschten, während sie unaufhaltsam nach oben gezogen
wurde. Durch die Bewegung rutschten ihre Beine aus dem
Gurtzeug. Höher und höher wurde sie mit ihren panisch um
sich tretenden Beinen gehievt. Innerhalb weniger Augenblicke
war all das rohe, heiße Verlangen, das durch ihre Adern gelo-
dert hatte, durch rohes, blankes Grauen ersetzt worden. Sie
zwängte die Finger unter den Riemen um ihren Hals, um einen
Teil des Erstickungsdrucks zu lindern. Mit zuckendem Blick
starrte sie nach unten ...
Mehrere Frauen glotzten zu ihr empor – atemberaubend
schöne Frauen mit perfekten Mannequinkörpern, alle nackt,
alle grinsend. Alle blutverschmiert. Schwarzer Nagellack und
Lippenstift, verschlagene Augen. Winzige Ornamente baumel-
ten von Ringen in ihren Brustwarzen und Nabeln: verkehrte
Kreuze. Und hinter ihnen ...
Da standen deutlich schlimmere Kreaturen.
Verschwommene bleiche Gestalten mit augenlosen Gesich-
tern. Irgendwie wirkten sie ungeduldig, als warteten sie auf
etwas.
Vannis Fußgelenke wurden von zwei der grinsenden Frauen
gepackt, sie rissen ihr die Beine schmerzhaft auseinander.
Dann wurde sie an dem Seil Zentimeter für Zentimeter hinab-
gelassen. Vanni hoffte, sie würde sterben, bevor diese Kreatu-
ren über sie herfielen. Die Strangulation ließ ihre Sicht bereits
verschwimmen. Das Letzte, was sie sah, bevor die Orgie be-
gann, war eine weitere Gestalt, ein groß gewachsener, schlan-
ker Mann mit langem, gewelltem Haar, der hinter den anderen
stand und das Treiben beobachtete...
IV
»Wo sind die Frauen?«, erkundigte sich Westmore, der gerade
ins Atrium zurückgekehrt war. Mack sah sich im Fernsehen bei
abgestelltem Ton die Sportergebnisse an, während Nyvysk in
seinen Notizblock kritzelte.
»Adrianne und Karen sind zu Bett gegangen«, antwortete er
leise. Er zeigte auf ihre mit Vorhängen abgeteilten Zellen. »Sie
waren beide sehr müde.«
»Müde?« Mack kicherte mit einem Importbier zwischen den
Beinen. »Adrianne hat sich mit Beruhigungsmitteln zugedröhnt
und Karen war wie üblich stockbesoffen.«
Es spielte keine Rolle, ob es stimmte. Westmore störte der
beißende Zynismus des jungen Mannes.
»Cathleen ist irgendwo unterwegs«, sagte Nyvysk. »Ich
vermute, sie streunt durchs Haus.«
Mack schaute auf der Couch über die Schulter hinweg. »Und
die Safeknackerin hat mir vor etwa einer Stunde gesagt, dass
sie gut vorankommt.« Dann zwinkerte Mack Westmore zu.
Westmore verstand den Wink nicht. »Was ist?«
»Die ist nicht nur im Öffnen von Tresoren gut.«
Westmore verdrehte die Augen. Er wollte die Details gar
nicht hören. »Ich schätze mal, sie wird runterkommen, wenn
sie fertig ist. Wenn wir bis dahin nicht alle schlafen.«
»Ich bin dann sicher noch wach. Ich schlafe nie viel«, sagte
Nyvysk. »Ich bin eine Nachteule und für Cathleen gilt dassel-
be.«
In der Ferne schlugen mehrere Uhren. Mitternacht. »Ich
muss sie finden. Ich möchte, dass sie mir den Friedhof zeigt,
auf dem diese übersinnliche Vergewaltigung angeblich statt-
gefunden hat – oder was immer es war.«
»Ein körperloser sexueller Übergriff«, berichtigte ihn
Nyvysk.
»Wie auch immer. Und Adrianne hat etwas von mehreren
Autos auf dem Grundstück gesagt.«
Nyvysk seufzte. »Bitte tun Sie mir einen Gefallen, Mr.
Westmore. Gehen Sie heute Nacht nicht nach draußen.«
Mack lachte. »Vielleicht braucht Mr. Westmore noch ein
wenig Geisteraction.«
Nyvysk ignorierte die Bemerkung und fuhr an Westmore
gewandt fort: »Sie sind an solche Ort nicht gewöhnt und des-
wegen sehr anfällig für Suggestion. Und alles, was sich unter
Umständen da draußen herumtreibt, kann Menschen manipu-
lieren, vor allem nachts.«
»Was denn, reden Sie jetzt von der Geisterstunde und sol-
chem Zeug?«
»Gehen Sie einfach nicht nachts aufs Gelände«, wiederholte
Nyvysk mit mehr Nachdruck.
»Schon gut, schon gut.«
»Und ich brauche Ihre Hilfe bei etwas, falls Sie nichts dage-
gen haben.«
Westmore hatte nichts anderes zu tun. Außer endlich mit
meinem Bericht anzufangen. »Sicher.«
»Gehen wir rauf ins Scharlachrote Zimmer.«
Diesmal warf Mack ihnen einen besorgteren Blick zu. »Sie
beide haben echt Mumm, um diese Zeit da reinzugehen.«
»Warum, Mack?«, fragte Nyvysk herausfordernd.
»Der Raum ist schon tagsüber unheimlich genug. Aber wenn
Sie unbedingt Albträume haben wollen, nur zu.«
Westmore folgte Nyvysk fünf gewundene Treppen hinauf.
Von hinten wirkte der Mann mit dem langen Haar und den
breiten Schultern in der spärlichen Beleuchtung wie ein Ko-
loss. Jedes Stockwerk schien von einer körnigeren Dunkelheit
erfüllt zu sein – und von einer Geräuschlosigkeit, die irgendwie
über gewöhnliche Stille hinausging.
»Sind Sie schon gläubig, Mr. Westmore?«, erkundigte sich
Nyvysk, der ihm nach wie vor den Rücken zukehrte. Seine
tiefe Stimme hallte wider.
»Ich bin aufgeschlossen«, antwortete Westmore. »Aber ich
habe noch keine Geister gesehen.«
»Was ist mit Mack? Er hält das alles für einen Scherz, bei
dem er sich als Unbeteiligter vergnügen kann.«
Westmore zuckte mit den Schultern. »Er ist Vivicas Lauf-
bursche.«
»Aber ist das alles? Ich weiß es nicht. Er scheint mir auch
Hildreth nahegestanden zu haben. Und er weiß so ziemlich
alles über das Haus.«
»Dann ist er wohl der Laufbursche der Familie. Wenn Sie es
genau wissen wollen, ich halte nicht viel von ihm. Ich glaube,
er mag keinen hier und gibt sich bloß unheimlich cool.«
»Vielleicht ist er Vivicas Spion.«
Na ja, das bin eigentlich ich. »Vielleicht. Oder er kümmert
sich wirklich nur darum, dass wir das Haus nicht in seine Ein-
zelteile zerlegen. Die Villa und das ganze Mobiliar dürfte lok-
ker 20 Millionen gekostet haben.«
Nyvysk bog auf den nächsten Treppenabsatz zum fünften
Stock. »Ich traue Mack nicht.«
»Aber Sie vertrauen mir genug, um mir das zu sagen?«
»Ja«, erwiderte der Mann leiser, bevor er mehr an sich selbst
gewandt hinzufügte: »Unter Umständen sind Sie der einzige
Vertrauenswürdige hier.«
Westmore freute sich über die Bemerkung, aber nicht zu
sehr. Vielleicht spielte Nyvysk auch nur mit ihm und versuch-
te, ihn zu manipulieren. Westmore fühlte sich an diesem Ort
völlig blind. Aber die Bedeutung von Nyvysks Aussage
entging ihm keineswegs. Etwas an diesem Haus oder diesen
speziellen Menschen – oder beidem – schürte ziemlichen
Argwohn. Er wünschte, er könnte Nyvysk seine Absicht mit-
teilen, Hildreths Grab am nächsten Tag zu öffnen ... doch dann
überlegte er es sich anders.
Westmore wusste, dass er niemandem davon erzählen durfte.
Vielleicht ist es Vivica, die in Wirklichkeit manipuliert wird.
Von Mack oder Karen ...
»Da sind wir.« Nyvysk blieb unvermittelt stehen. Er wirkte
verunsichert. Vor ihm befand sich eine üppig beschnitzte Tür.
Auf dem Boden erblickte Westmore drei zylindrische Geräte
mit Gittern an der Vorderseite, die wie aufwendige Luftreiniger
aussahen.
»Was ist das?«
»Das sind Gauss-Sensoren, die neueste Generation. Ich
brauche Ihre Hilfe, um sie im Raum aufzustellen, einander zu-
gewandt an drei möglichst weit voneinander entfernten Stellen.
Sie sind ein wenig schwer – die Geräte verfügen über tragbare
Akkusätze, die ich jeden Tag aufladen muss. Aber wenn Sie
fertig sind ...« Er hob eine Kabelrolle vom Boden auf.
»Schließen Sie das hier bitte an die Videoanlage an. Sollte
nicht mehr als ein paar Minuten dauern.«
»Klingt nach einem Kinderspiel.« Westmore schnappte eins
der Geräte und nahm das Kabel entgegen. Nyvysk hielt ihm die
Tür auf und tat dann einen Schritt zurück. »Kommen Sie nicht
mit rein?«
Nyvysk schüttelte den Kopf.
Westmore runzelte die Stirn. »Stimmt etwas nicht?«
»Ich erkläre es Ihnen, wenn Sie fertig sind. Ich kann den
Raum nicht betreten.«
Westmore ging hinein. Aus der plötzlich merkwürdigen
Haltung des Mannes wurde er überhaupt nicht schlau. Na, egal.
Es interessierte ihn nicht weiter. Er wollte sich das berüchtigte
Scharlachrote Zimmer ohnehin einmal genauer ansehen.
Gedämpftes Licht von elektrischen Wandleuchten erfüllte
den Raum mit einer feierlichen Stimmung. Das ist also der
Raum. Hier haben Hildreth und seine Männer all diese Men-
schen ermordet. Er verstand Macks Bemerkung über das Zim-
mer auf Anhieb: Selbst jemand, der nicht an das Übernatürliche
glaubte, fühlte sich hier unwillkürlich unwohl.
Aber warum war Nyvysk nicht mit hereingekommen?
Alles war rot. Möbel, Teppiche, Wandbehänge. Merkwürdig
fand er nur, dass in der Mitte des Raums kein einziger Einrich-
tungsgegenstand zu finden war. Zusammen mit dem gedämpf-
ten, getönten Licht umgab ihn absolute Stille.
Er stellte die Sensoren nach Nyvysks Vorgaben auf, dann
schloss er das Kabel an die seitliche Buchse der Kommunika-
tionsanlage an. So. Ein Klacks. Fertig.
Die einschneidendsten Eindrücke ereilten ihn, als er über den
Teppich zur Tür zurücklief. Sein Magen krampfte sich zusam-
men. Hier haben Leichen und Körperteile gelegen, dachte er.
Vor drei Wochen war der Teppich, über den ich gerade laufe,
blutgetränkt. Als er den Flur erreichte, fiel die Beklommenheit
sofort von ihm ab.
»Alles aufgebaut?«, fragte Nyvysk.
»Ja. Wollen Sie nicht nachsehen, um sich zu vergewissern,
dass ich alles richtig gemacht habe?«
Erneut schüttelte Nyvysk den Kopf.
Westmore zündete sich eine Zigarette an und musterte sein
Gegenüber. »Es hat mir nichts ausgemacht, aber ... Sie hätten
es genauso schnell erledigen können wie ich. Wieso wollten
Sie den Raum nicht betreten?«
Nervös strich sich Nyvysk die Haare zurück und ging zurück
zur Treppe. »Ich fürchte mich zu sehr davor«, gestand er
schließlich.
Westmore starrte den groß gewachsenen Mann ungläubig an.
»Jetzt hören Sie aber auf. Sie sehen mir nicht wie jemand aus,
der sich vor viel fürchtet. Wovor haben Sie genau Angst? Vor
den Geistern?« Westmore lächelte. »Ich hab da drin keine ge-
sehen.«
»Lassen Sie mich Ihnen einige Aufnahmen der Stimmphä-
nomene vorspielen«, erwiderte Nyvysk nur.
In der Kommunikationszentrale im dritten Stock beschäftigte
sich Nyvysk still mit seiner Ausrüstung und schien an einem
großen Computer auf Audiodateien zu klicken. »Hören Sie sich
das mal an. Das sind Stimmen, die in einem der Salons aufge-
zeichnet wurden.«
Westmore hielt ein Ohr an den Lautsprecher. Anfangs hörte
er nur ein kaum wahrnehmbares Rauschen. Dann:
Eine kratzige Stimme aus weiter Ferne, eine Frau: »Sieh
nur.«
Eine andere Frau: »Wer sind die?«
Mehrere Sekunden Stille, dann eine Männerstimme: »Ich
will etwas in Stücke schneiden.«
Westmore strich sich mit den Fingern über das Kinn. »Inter-
essant.«
»Hier ist eine Aufnahme aus dem Korridor, der zur Treppe
zum ersten Stock führt.«
Westmore lauschte aufmerksam und fasziniert. Er hörte ein
leises Pochen, als liefe jemand wankend. »Wo ist mein Mes-
ser?«, fragte ein Mann.
Eine Frau: »Ich glaube, du hast es in dem Eimer mit dem
Blut gelassen.«
»Wo ist Jaz?«
»Er bringt die Köpfe nach unten, wenn er mit dem Ficken
fertig ist ...«
Westmore richtete sich vom Lautsprecher auf. »Wann wur-
den diese Stimmen aufgenommen?«
»Heute.«
Den Namen hatte er in seiner schockierenden Unterhaltung
mit Karen schon einmal gehört. Jaz. Der Typ mit dem Schwanz
wie eine Knackwurst.
»Ich habe noch rund ein Dutzend davon, allein von heute«,
sagte Nyvysk. »Sie müssen sich nicht alle anhören, das war
repräsentativ für den Rest. Oh, und ich weiß, was Sie gerade
denken. Tonaufnahmen sind ein ziemlich lahmer Beweis für
einen Spuk.«
»Das denke ich tatsächlich. Das könnte problemlos insze-
niert oder mit technischen Mitteln erzeugt worden sein.«
»Natürlich. Allerdings suchen wir nicht mehr nach Bewei-
sen; wir sind überzeugt davon, dass wir es mit einem geladenen
Haus zu tun haben. Von unserem Standpunkt aus dienen diese
Botschaften als Informationsquelle. Es spielt keine Rolle, ob
Sie daran glauben. Wir tun es, daher gehen wir auf praktische
Weise weiter vor.«
Natürlich. Westmore verkörperte hier den Außenseiter.
»Aber sofern diese Aufnahmen echt sind, gebe ich gerne zu ...
dass hier etwas Großes läuft.«
»Aus Ihrer Sicht, ja. Sie haben so etwas noch nie erlebt.
Aber aus der Sicht eines übersinnlich Begabten oder eines
Technikers wie mir ... Wir haben solche Dinge schon tausend-
fach gehört. Uns überrascht das nicht im Geringsten.«
»Und was hat das damit zu tun, dass Sie sich fürchten, das
Scharlachrote Zimmer zu betreten?«
Nyvysk klickte auf eine weitere Datei.
»Erfreue dich an ihm, erfreue dich daran, was dich erwartet«,
flüsterte eine dünne Stimme nach einigen Sekunden Stille.
»Frohlocke und reich uns die Hände ...«
Die Stimme klang männlich und hatte einen unverkennbaren
arabischen Akzent. »So wie dieser Ort stirbt meine Liebe nie.
Ich liebe dich.«
Westmore beugte sich näher heran.
»Ich warte auf dich, Alexander. Spann mich nicht zu lange
auf die Folter.«
»Wer ist Alexander?«, fragte Westmore.
»Das bin ich«, antwortete Nyvysk.
Westmore starrte ihn an.
»Und die Stimme gehört einem 20-jährigen kurdischen Ex-
orzisten namens Saeed. Ich habe mich vor 20 Jahren im Irak
sozusagen in ihn verliebt.«
»Also sind Sie, äh ...«
»Ich bin schwul, genau. Ich persönlich glaube nicht, dass
Gott ein Problem damit hat, aber die katholische Kirche glaubt
es. Deshalb habe ich vor langer Zeit die Priesterschaft abgelegt.
Trotzdem habe ich bis zum heutigen Tag mein Zölibatsgelübde
nicht gebrochen.«
Da platzte die Bombe.
»Jeder in diesem Haus hat ein Geheimnis, Mr. Westmore.
Ich vermute, für Sie gilt das genauso. Jedenfalls ist der junge
Mann aus dieser Aufnahme im Scharlachroten Zimmer seit
jenem Tag tot, an dem ich ihm begegnet bin. Ich sollte ihn
später treffen, habe mich aber in letzter Minute dagegen ent-
schieden, vermutlich stand mir mein eigenes Gewissen im
Weg. Er wurde von Straßenräubern ermordet, die ihm in einer
Gasse in der Nähe eines ehemaligen Marktplatzes der alten
Stadt Ninive auflauerten.«
Großer Gott, dachte Westmore.
Nyvysk führte ihn hinaus. »Es gibt keinen Grund für Sie,
hierzubleiben, die Bänder sind alle ähnlich und bedrückend
obendrein. Bis morgen habe ich die Ionensensoren in Betrieb
genommen. Ich bin sicher, Sie werden fasziniert von den Er-
gebnissen sein.«
Westmore verließ sich darauf. Er würde sich demnächst
schlafen legen und konnte dann auf Stimmen in seinem Kopf
ganz gut verzichten. »Lassen Sie mich rasch nach der Frau
vom Schlüsseldienst sehen, wenn wir schon mal hier oben
sind«, meinte er auf der Suche nach einer Ablenkung. Geheim-
nisse, dachte er. Ja, er vermutete, an diesem Ort gab es alle
möglichen Geheimnisse.
Im Büro fehlte von Vanni jede Spur. »Ich frage mich, wo sie
steckt.« Der Wandtresor war nach wie vor verschlossen.
»Wo ist dieser Safe genau?«, fragte Nyvysk.
Westmore zeigte hin. »Ein Paradebeispiel für ein Geheimnis.
Hinter zwei Gemälden und einer Kommode versteckt.«
Nyvysk blickte auf die beiden an der Wand lehnenden Rah-
men und hob den Kupferstich auf. »Oh, das ist ja mal sehr in-
teressant.«
»Warum?«
»Es scheint sich um das Original eines deutschen Kupfer-
stechers namens Stettin Albrecht zu handeln. Er war bekannt
dafür, sich mit Okkultismus zu beschäftigen und Auftragsar-
beiten für reiche satanische Gesellschaften anzufertigen.«
»Und warum ist er so wichtig, dass Hildreth das Werk ver-
steckt hat?«
»Niemand weiß, wie echt Albrecht war, aber es steht ziem-
lich fest, dass seine Auftraggeber nicht echt waren, mit anderen
Worten, keine echten Satanisten. Bloß gelangweilte und höchst
verdorbene reiche Leute, die sich den Anstrich von Satanisten
geben wollten, weil eine ›satanische‹ Orgie aufregender als
eine gewöhnliche Orgie war. Diese Gesellschaften suchten
lediglich nach einem außergewöhnlichen Vorwand für Sex und
taten so, als wäre ihre Anbetung Satans eine heimliche Revolu-
tion, ein Aufbegehren gegen die äußerst repressive Kirche.
Albrecht wurde von solchen Leuten damit beauftragt, Porträts
von Luzifer und anderen Dämonen anzufertigen. Wenn das
hier ein Original ist, bewegt sich der Wert im unteren sechs-
stelligen Bereich.«
Kopfschüttelnd betrachtete Westmore das Motiv. »Ich ver-
stehe zwar nicht viel von Kupferstichen, aber der hier sieht mir
nicht einmal besonders gelungen aus.«
»Nein, Albrecht war nicht gerade berühmt für außerordent-
liches Geschick oder Talent. Im Wesentlichen war er ein
Kleckser mit Blechplatten und einem Stichel. Ausschlaggebend
für einen hohen Verkaufspreis sind Zustand und Alter des
Werks. Aber ...« Nyvysks Blick wanderte über die Platte. »Ich
bezweifle, dass Hildreth es aufgrund seines Sammlerwerts er-
standen hat.«
»Weshalb dann?«
»Das ist ... beunruhigend.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Schauen Sie sich mal den Kupferstich im Kupferstich an.«
Nyvysk deutete mit einem großen Finger darauf.
»Sieht wie ein Monster aus«, fand Westmore.
»Kein Monster. Ein Dämon – und dieser Kupferstich scheint
die einzige künstlerische Darstellung der Kreatur zu sein. In
der Regel wurde Albrecht damit beauftragt, Bildnisse bekann-
terer Dämonen wie Asmodeus, Baal und ihresgleichen anzufer-
tigen. Genau wie Künstler auf Jahrmärkten eher die Porträts
berühmter Baseballspieler malen. Da findet man eher selten
Spieler aus der dritten Liga, oder? Ich meine damit diesen Dä-
mon hier. Er ist im Reich des Okkulten eine ziemliche Randfi-
gur.«
Nyvysk deutete auf den Text. ICH, WIE ICH ES WAGE,
DAS ANTLITZ AUS MEINER VISION NACHZUBILDEN:
BELARIUS.
»Belarius?« Westmore dachte zurück an seinen Literaturun-
terricht. »Wenn ich genauer darüber nachdenke, klingelt bei
dem Namen etwas. Das ist eine Figur bei Shakespeare, richtig?
Aus König Zymbelin?«
»Ich fürchte, dieser Belarius unterscheidet sich völlig von
Shakespeares verliebtem Kriegsherrn. Belarius war Luzifers
erster Diener in der Hölle und laut diversen Kompendien be-
lohnte ihn Luzifer für seine Loyalität. Er wurde zum Sexus
Cyning gemacht, was aus dem Altenglischen stammt und so
viel bedeutet wie Herr der Lust, Meister des Sex, so etwas in
der Art. Wenn Luzifer der Fürst der Dunkelheit ist, dann ist
Belarius der Fürst der Fleischeslust.«
Missmutig stellte Nyvysk den Rahmen zurück. Seine Augen
weiteten sich, als versetzte ihn eine plötzliche Erkenntnis in
Todesangst.
»Was ist jetzt schon wieder?«, fragte Westmore, verärgert
von der plötzlichen Undurchschaubarkeit des Mannes. Für ihn
war ein Dämon ein Dämon. Genau wie römische Götter oder
Natursymbole der Mythologie.
»Folgen Sie mir.«
Nyvysk führte ihn zurück in die Kommunikationszentrale. Er