Frühere Bewohner und Besuch im Winter

 

Ich überstand einige lustige Schneestürme und brachte manch behaglichen Abend an meinem Kamin zu, während draußen die Schneeflocken wild herumstoben und selbst der Eule Schrei verstummte. Wochenlang traf ich auf meinen Spaziergängen nur ab und zu einen jener Menschen, die in den Wald gekommen waren, um Holz zu fällen und es im Schlitten zur Stadt zu bringen. Mit Hilfe der Elemente gelang es mir übrigens, in den tiefsten Schnee einen Pfad zu machen. Der Wind blies nämlich in meine ersten Fußstapfen Eichenblätter hinein, die dort liegen blieben, Sonnenstrahlen absorbierten und dadurch den Schnee zum Schmelzen brachten. Auf diese Weise erhielt ich nicht nur einen trockenen Weg für meine Füße, sondern auch – durch die dunkele Linie – einen Führer in der Nacht. Wollte ich Menschen um mich sehen, so mußte ich schon die früheren Bewohner dieser Wälder heraufbeschwören. In der Erinnerung vieler meiner Mitbürger klingt noch das Lachen und Geplauder nach, das von den Anwohnern jener Landstraße, in deren Nähe sich mein Haus befand, herüberschallte. Die Wälder, die diese Straße einfaßten, waren hier und da durch kleine Gärten und Häuschen getüpfelt und eingekerbt, obwohl sie damals noch mehr durch den Wald verborgen wurde wie heute. Ich kann mich selbst noch an Stellen erinnern, wo die Tannen zu gleicher Zeit beide Seiten des Wagens streiften, weiß auch noch, daß Frauen und Kinder, wenn sie allein und zu Fuß nach Lincoln gehen mußten, sich fürchteten und oft einen großen Teil der Entfernung laufend zurücklegten. Obwohl dieser meistens von Holzfällern befahrene Weg, der die benachbarten Dörfer verband, im großen und ganzen nur recht primitiv war, so erfreute er doch einst den Wanderer mehr als jetzt durch seine Mannigfaltigkeit und blieb länger in der Erinnerung haften. Wo jetzt wohlbegrenzte und offene Felder vom Dorf zum Walde sich erstrecken, lief die Straße damals durch einen Ahornsumpf; ihr Fundament wurde durch Stämme gebildet, deren Überreste zweifellos noch jetzt unter der staubigen Landstraße zwischen der Strattenfarm – jetzt ist diese zum Armenhaus umgewandelt – und dem Bristerhügel liegen.

 

Östlich von meinem Bohnenfeld, jenseits der Landstraße wohnte Cato Ingraham, der Sklave von Duncan Ingraham, Esquire, einem Herrn aus Concord. Der baute seinem Sklaven ein Haus und gab ihm die Erlaubnis, im Waldenwald zu wohnen. Also: Cato Concordiensis, nicht Uticensis. Es soll ein Guineaneger gewesen sein. Ein paar Menschen können sich noch an sein Fleckchen Erde unter den Wallnußbäumen erinnern, die er wachsen ließ, um sie im Alter eventuell verwerten zu können. Doch ein jüngerer, weißer Spekulant ward schließlich der Eigentümer. Jetzt wohnt auch dieser schon in einem gerade so engen Haus wie Cato, dessen halbverschüttetes Kellerloch noch vorhanden ist. Nur wenige kennen es, weil es vor den Augen des Wanderers durch einen Kranz aus Fichten verborgen wird. Jetzt ist es mit glattem Sumach ( Rhus glabra) angefüllt, und eine der am frühesten blühenden Goldrutenarten ( Solidago stricta) wächst hier in verschwenderischer Fülle.

 

Gerade hier, im Winkel des Feldes, doch mehr nach der Stadt zu, hatte Zilpa, ein farbiges Weib, ihre kleine Hütte, wo sie Leinwand für die Stadtleute spann. Ihr schriller Gesang hallte durch den Waldenwald, denn sie hatte eine laute, merkwürdige Stimme. 1812 wurde während des Krieges in ihrer Abwesenheit ihr Haus von englischen Soldaten (Gefangenen auf Ehrenwort) in Brand gesteckt, und alles kam zugleich mit Katze, Hund und Hühnern in den Flammen um. Sie führte ein hartes, fast etwas menschenunwürdiges Dasein. Ein alter Waldbesucher wußte zu erzählen, daß er einst, als er um die Mittagstunde am Haus vorbeiging, gehört habe, wie sie über ihren brodelnden Kessel die Worte murmelte: "Alles ist Knochen ... Knochen!" Ich habe in dem Unterholz, welches dort von Eichen gebildet wird, Ziegelsteine gefunden ... Weiter unten an der Landstraße, rechterhand beim Bristerhügel, dort wo die Apfelbäume stehen, die Brister pflanzte und pflegte, lebte Brister Freemann, "ein geschickter Neger", der einst ein Sklave von Herrn Cummings war. Jetzt sind die Bäume alt und groß geworden, aber ihre Früchte haben noch immer einen seltsamen, obstweinartigen Geschmack. Erst vor kurzem las ich seine Grabschrift auf dem Friedhof zu Lincoln. Sie stand ein wenig schief, befand sich neben den unbezeichneten Gräbern einiger britischer Grenadiere, die beim Rückzug von Concord fielen, und lautete: "Sippio Brister" – er hatte eigentlich etwas Anspruch auf den Titel Scipio "Africanus" – "ein farbiger Mann", gerade als ob er nicht schwarz auf die Welt gekommen sei. Die Grabschrift erzählte mir ferner höchst eindringlich, wann er starb. So wurde ich auf indirektem Wege darüber unterrichtet, daß er je gelebt hatte. Mit ihm zusammen wohnte sein gastfreundliches Weib Fenda. Sie war eine Wahrsagerin vom harmlosen Schlage, groß, rund und schwarz, schwärzer als irgend ein anderes Kind der Nacht. Ein Stern, so dunkel wie sie, ging weder vorher noch nachher je wieder über Concord auf.

 

Weiter am Hügel hinab, zur linken Seite an der alten Waldstraße, finden sich Spuren von dem sogenannten Haus der Familie Stratten. Ihr Obstgarten bedeckte einst den ganzen Abhang des Bristerhügels, war aber seitdem längst durch die Pechtannen vertrieben. Nur ein paar Stümpfe waren noch vorhanden, und die Schößlinge dieser alten Wurzeln dienten dazu, den wilden Stamm manchen Baumes im Dorfe zu veredeln.

 

Noch mehr nach der Stadt zu kommt man zu Breeds Wohnung. Dieser Platz ist berühmt durch die Schandtaten eines Dämon, dessen Namen die alte Mythologie nicht kennt, der aber in unserm neuenglischen Leben eine hervorragende und erschreckende Rolle spielt und der, wie jeder mythologische Charakter, verdient, daß eines Tages seine Biographie geschrieben wird. Dieser Dämon kommt zuerst in der Gestalt eines Freundes oder eines gedungenen Knechtes, um hernach die ganze Familie zu berauben und zu ermorden. Sein Name ist: neuenglischer Rum. Über die Tragödien, die sich hier abspielten, soll die Geschichte zunächst noch schweigen. Erst mag die Zeit ihre mildernde Wirkung ausüben und ein wenig Himmelblau sich darüber breiten. Eine vage und fragwürdige Überlieferung berichtete, hier habe ein Wirtshaus gestanden. Und die gleiche Quelle, die das Pferd erfrischte, verdünnte des Wanderers Trank ... Hier also begrüßten die Menschen einander. Hier erzählten und hörten sie Neuigkeiten, und setzten dann ihre Reise fort.

 

Noch vor zehn Jahren stand Breeds Hütte hier. Sie war allerdings schon seit langer Zeit unbewohnt. Sie war ungefähr so groß wie mein Häuschen. Mutwillige Buben steckten sie – wenn ich nicht irre in der Nacht nach einem Wahltag – in Brand. Ich lebte damals am Ausgang des Dorfes und war gerade in Davenants Gondibert vertieft. Es war in jenem Winter, wo ich mit einer Lethargie zu kämpfen hatte, von der ich beiläufig noch immer nicht weiß, ob die Familie hereditär mit ihr belastet ist, denn ich habe einen Onkel, der beim Rasieren einschläft und der Sonntags im Keller Kartoffeln abkeimen muß, um den Feiertag wachend zu heiligen, oder ob sie darauf zurückzuführen ist, daß ich Chalmers "Anthologie englischer Dichter" durchzulesen versuchte, ohne eine Seite zu überschlagen. Das hielten meine Nervi nicht aus. Kurzum, mein Kopf war gerade auf dieses Buch herabgesunken, als die Feuerglocke ertönte, und die Spritze, von einem Schwärm aufgeregter Männer und Knaben begleitet, in höchster Eile vorbeisauste. Ich war sofort unter den Führern, denn ich hatte den Bach übersprungen. Wir glaubten, das Feuer sei sehr weit südlich hinter dem Walde – wir waren ja schon zu manchem Feuer gerannt – eine Scheune brenne, ein Laden oder ein Wohnhaus oder alles zusammen. "Das ist Bakers Scheune," schrie der eine. "Codmans Farm," behauptete ein anderer. Da stiegen frische Funken über dem Wald in die Luft, als ob das Dach eingestürzt sei, und wir schrieen: "Concord, zu Hilfe!" Wagen rasten in fürchterlicher Eile und mit schwerer Ladung vorbei. Auf einem derselben saß vielleicht unter anderen auch der Agent der Versicherungsgesellschaft, der die Verpflichtung hatte, dabei zu sein, auch wenn das Feuer noch so weit entfernt war. Ab und zu klingelte die Spritzenglocke hinter uns. Und zu böserletzt kamen langsam aber sicher, wie man sich hernach ins Ohr raunte, diejenigen, die das Feuer angelegt und die Bewohner alarmiert hatten. Wir rannten als ehrliche Idealisten blindlings weiter, bis wir schließlich bei einer Straßenbiegung ein Krachen hörten, über die Mauer hinweg die Glut spürten und zu unserem Leidwesen wahrnahmen, daß wir an Ort und Stelle seien. Gerade die Nähe des Feuers kühlte unsere Hitze wesentlich ab. Erst wollten wir eine Froschpfütze ins Feuer gießen, dann wurde jedoch beschlossen, es brennen zu lassen. War doch das Haus schon so weit eingeäschert und so wertlos! So standen wir denn um die Spritze herum, drängten und stießen einander, gaben unsern Gefühlen durch Sprachrohre Ausdruck oder unterhielten uns mit gedämpfter Stimme über die großen Feuersbrünste, die auf Erden bereits stattgefunden hatten. Man denke nur an den Brand von Bascoms Laden! Untereinander waren wir alle darüber einig, daß wir den letzten drohenden Weltbrand in eine zweite Sintflut verwandeln könnten, wenn wir zur rechten Zeit mit unserer "Pumpe" zur Stelle sein könnten, und wenn ein voller Froschteich in der Nähe sei. Schließlich traten wir den Rückzug an, ohne irgend ein Unheil angerichtet zu haben. Ich kehrte heim zum Schlafen und zu Gondibert. In bezug auf Gondibert möchte ich übrigens noch bemerken, daß ich mich dem in der Vorrede stehenden Ausspruch, daß der Witz das Schießpulver der Seele sei, gern anschließe: "denn den meisten Menschen ist der Witz etwas Unverständliches, wie den Indianern das Schießpulver."

 

Der Zufall wollte, daß ich in der folgenden Nacht fast zur gleichen Stunde über dieses Feld wanderte. Da hörte ich plötzlich ein leises Stöhnen, und als ich mich in der Dunkelheit diesem Ort näherte, entdeckte ich den einzigen, mir bekannten Überlebenden dieser Familie, den Erben sowohl ihrer Tugenden als auch ihrer Laster, den allein dieser Brand überhaupt etwas anging. Er lag auf dem Bauche, sah über die Kellermauer hinunter auf die noch rauchende Asche und murmelte gewohnheitsgemäß etwas vor sich hin. Er hatte den ganzen Tag lang in den Niederungen im Fluß gearbeitet und jetzt die ersten Augenblicke, die ihm selbst gehörten, benutzt, um das Seim seiner Väter und seiner Jugend aufzusuchen. Von allen Seiten und nach allen Stellen des Kellers hielt er Umschau, als ob dort ein ihm bekannter Schatz zwischen den Steinen verborgen sei. Es gab dort aber weiter nichts als ein Häuflein Steine und Asche. Das Haus war dahin – nun sah er sich das an, was davon übrig geblieben war. Die Anteilnahme, die ihm durch meine Anwesenheit allein schon bewiesen zu sein schien, schmeichelte ihm. Er zeigte mir, so gut es in der Dunkelheit möglich war, den verschütteten Brunnen. Der konnte, dem Himmel sei Dank, niemals verbrennen. Dann tastete er lange Zeit an dem Mauerwerk herum, um den Brunnenschwengel zu finden, den sein Vater selbst geschnitten und hergerichtet habe. Er suchte auch nach dem eisernen Haken und nach der Öse, durch welche die Last an dem schwereren Ende des Brunnenschwengels befestigt wurde – kurz, nach allem, woran er sich jetzt klammern konnte – um mich zu überzeugen, daß dies kein gewöhnlicher "Apparat" sei. Ich befühlte ihn und sehe ihn noch jetzt fast täglich auf meinen Spaziergängen – eine ganze Familiengeschichte hängt an ihm.

 

Etwas mehr zur linken Seite, wo man den Brunnen und die Fliederbüsche sieht, lebten in dem jetzt freien Felde Rutting und Le Grosse. Doch wir wollen wieder die Richtung nach Lincoln einschlagen.

 

Tiefer im Walde als alle anderen hatte sich dort, wo die Landstraße am meisten an den Teich herantritt, Wyman der Töpfer angesiedelt, der seinen Mitbürgern irdenes Geschirr lieferte und dessen Kinder dem gleichen Beruf oblagen. Auch sie waren nicht reich an weltlichen Gütern und besaßen das Land Zeit ihres Lebens widerrechtlich. Der Sheriff kam oft und immer vergeblich, um die Steuern einzuziehen. Er pflegte dann "einen Holzspan mit Beschlag zu belegen" um der Formalität zu genügen, denn etwas anders gab es dort, wie er selbst in seinen Protokollen berichtet, nicht zu holen. Als ich eines Tages im Hochsommer auf meinem Feld hackte, hielt ein Mann, der eine Ladung Töpferware zu Markte fuhr, sein Pferd an und erkundigte sich bei mir nach dem jüngeren Wyman. Er habe vor längerer Zeit eine Töpferscheibe von ihm gekauft und möchte wissen, wie es ihm ergehe. Ich hatte zwar in der Bibel über Töpferton und Töpferscheibe gelesen, jedoch nie daran gedacht, daß die von uns benutzten Töpfe nicht zerbrochen von damals auf uns gekommen oder wie Kürbisse auf den Bäumen gewachsen sein können. Darum hörte ich mit Vergnügen, daß solch eine irdene Kunst früher einmal in meiner Nachbarschaft ausgeübt worden sei.

 

Der letzte Einwohner dieser Wälder vor mir war ein Irländer, Hugh Quoil – falls ich mich mit dem Buchstabieren seines Namens genug gequält habe – Major Quoil nannte man ihn. Es hieß, er habe bei Waterloo mitgekämpft. Hier war er von Beruf Grabenzieher. Napoleon ging nach St. Helena, Quoil kam zum Waldenwald. Alles, was ich von ihm weiß, ist tragisch. Er hatte gute Manieren wie einer, der viel in der Welt herumgekommen ist und seine Reden waren mit mehr Höflichkeit durchtränkt als man genießen konnte. Im Hochsommer trug er einen großen Überzieher, da er an delirium tremens litt. Sein Gesicht war karminrot. Er starb auf der Straße am Fuß des Bristerhügels, als ich soeben in den Wald gezogen war, so daß ich an ihn keine nachbarlichen Erinnerungen besitze. Ich besuchte sein Haus, das von seinen Kameraden als die "Unglücksburg" bezeichnet wurde, kurz bevor man es abbrach. Da lagen seine alten Kleider, die durch den Gebrauch ganz faltig geworden waren, auf dem niedrigen Bretterbett, als ob er selbst es sei. Der Pfeifenkopf lag zerbrochen auf dem Herde und der Eimer zertrümmert am Born. Dieser "Born" konnte übrigens nicht einmal als Symbol seines Todes gelten, denn er gestand mir dereinst, daß er wohl von der Bristerquelle gehört, sie aber nie gesehen habe. Schmutzige Karten, Ecksteinkönig, Schippen und Herzen lagen auf dem Boden verstreut. Ein schwarzes Huhn, das der "Testamentsvollstrecker" nicht hatte fangen können, erwartete schwarz und schweigend wie die Nacht, ohne auch nur zu krächzen, Meister Reinecke und stieg im nächsten Zimmer auf seine Stange. Hinter dem Hause war ein Garten schwach angedeutet. Er war zwar angepflanzt, aber nie von Ankraut gesäubert – wegen der schrecklichen Schüttelanfälle. Alles war mit römischem Wurmkraute überwuchert und mit Kletten, die sich an meine Kleider hingen. Ein frisches Murmeltierfell hing ausgestreckt an der Rückwand des Hauses, die Trophäe seines letzten Waterloo. Er brauchte jedoch keine Mütze und keine Armhandschuhe mehr.

 

Jetzt weist nur ein Einschnitt in der Erde auf die Lage dieser Hütte hin. Er ist mit Kellersteinen angefüllt und darüber wachsen Erdbeeren, Himbeeren, rot und schwarz; Haselnußbüsche und Sumach gedeihen rund herum auf sonnigem Plan. Eine Pechtanne oder eine knorrige Eiche nimmt die ehemalige Kaminecke ein und eine hold duftende Schwarzbirke schwankt vielleicht dort, wo die Türschwelle sich befand, im Winde. Manchmal ist der Brunneneinschnitt sichtbar, wo einst die Quelle hervorsprudelte. Jetzt wächst dort trockenes, tränenloses Gras. Vielleicht wurde sie auch, als der Letzte seines Stammes fortzog, unter dem Nasen mit einem stachen Steine zugedeckt, um erst nach langer, langer Zeit wieder entdeckt zu werden. Eine trauervolle Handlung muß das sein! Während man den Quell verschließt, quellen die Tränen hervor ... Diese Kellereinsenkungen, die verlassenen Fuchsbauten oder alten Höhlen gleichen, sind die einzigen Überreste jener Stätten, wo einst Menschen lebten, sich mühten und plagten, und über "Schicksal, freien Willen und absolute Vorsehung" auf diese oder jene Art, in dem einen oder andern Dialekt, abwechselnd sich unterhielten. Aus all ihren Schlußfolgerungen kann ich jedoch nur das eine lernen: "Cato und Brister lagen sich in den Wollhaaren", und das ist fast gerade so erbaulich wie die Geschichten berühmterer Philosophenschulen.

 

Tür, Türbalken und Schwelle sind schon seit einem Menschenalter dahin, und noch immer wächst hier der muntere Flieder, noch immer entfaltet er seine mild duftenden Blüten in jedem Frühling, damit der sinnende Wandersmann sie pflücke. Kinderhände pflanzten ihn einst auf dem Beete im Vorgärtchen, jetzt steht er am steinernen Zaun auf entlegener Weide und macht neu heranwachsenden Wäldern Platz. Er ist der letzte dieses Geschlechtes, der einzige Überlebende aus dieser Familie. Die schwarzbraunen Kinder hatten wohl kaum daran gedacht, daß der kleine Setzling mit seinen zwei Knospen, den sie im Schatten des Hauses in den Erdboden steckten und täglich wässerten, so fest Wurzel fassen, sie überleben, sich hinter dem Hause im Schatten wohlfühlen, und dereinst in alter Leute Garten stehen würde, um dem einsamen Wanderer, ein halbes Jahrhundert nachdem sie erwachsen und gestorben waren, leise ihre Geschichte zu erzählen – noch immer so lieblich blühend, so hold duftend wie damals im ersten Frühling. Ich betrachte noch immer gern seine zarten, milden, heiteren Lilafarben.

 

Doch warum schwand dieses kleine Dörfchen, dieser mehr versprechende Keim dahin, während Concord sich behauptete? Satte es keine natürlichen Vorteile – keine Wasserprivilegien? Ach, der tiefe Waldenteich und der kühle Bristerquell, das Vorrecht, einen herzhaften, stärkenden Trunk aus ihnen zu tun, diente diesen Menschen nur dazu, ihr "Gläschen" zu verdünnen. Sie gehörten alle einem durstigen Geschlecht an. Hätten nicht der Korbflechter, der Stallbesenbinder, der Mattenflechter, der Maisröster, Leinenspinner und der Töpfer hier ihr gutes Fortkommen finden können, so daß die Wildnis erblüht wäre wie eine Rose und eine zahlreiche Nachkommenschaft das Land ihrer Väter ererbt hätte? Vielleicht wäre der unfruchtbare Boden hier imstande gewesen, einer Degeneration, wie man sie bei Menschen in fruchtbaren Gegenden antrifft, vorzubeugen.

 

Ach, wie wenig trägt die Erinnerung an diese menschlichen Bewohner dazu bei die Schönheit der Landschaft zu steigern! Vielleicht will die Natur mit mir als ersten Ansiedler einen neuen Versuch machen. Vielleicht will sie mein Haus, das ich im letzten Frühjahr baute, zum ältesten im Dörfchen machen ...

 

Kein Anzeichen scheint mir dafür zu sprechen, daß je ein Mensch auf dem Fleckchen Erde, das ich bewohne, gebaut hat. Ich möchte wahrlich nicht in einer Stadt wohnen, die über einer älteren Stadt erbaut wurde, deren Material Ruinen, deren Gärten Kirchhöfe sind. Der Boden ist dort gebleicht und verflucht. Ehe man aber wirklich zu solchem Mittel greifen muß, wird die Erde selbst schon zerstört sein. Mit solchen Erinnerungen bevölkerte ich aufs neue den Wald und sang mich in Schlummer.

 

Am diese Zeit erhielt ich selten Besuch. Wenn der Schnee sehr hoch lag, wagte sich oft acht bis vierzehn Tage lang kein Wanderer in die Nähe meines Hauses. Ich lebte indessen dort so still versteckt wie eine Feldmaus, oder wie Haustiere und Geflügel, wie jene Tiere, die selbst ohne Futter oft lange Zeit im Schnee vergraben sind und doch, wie man sagt, am Leben bleiben. Oder wie die Familie eines der ersten Ansiedler in der Stadt Sutton in Massachusetts, dessen Hütte im Jahre 1717 während seiner Abwesenheit durch den starken Schneefall völlig bedeckt wurde, so daß ein Indianer sie nur an dem Loch, welches der Atem des Kamins sich in den Schnee gemacht hatte, entdeckte und die Rettung der Familie herbeiführen konnte. Kein freundlicher Indianer kümmerte sich indessen um mich. Es war auch nicht nötig – der Hausherr war daheim. Das große Schneetreiben! Wie lustig das klingt! Die Farmer konnten mit ihren Pferden nicht in die Wälder und zum Moor kommen, und mußten die schattenspendenden Bäume vor ihren Häusern fällen. Doch als die Schneekruste fest genug war, fällten sie Bäume im Moor – zehn Fuß über dem Erdboden, wie sich im nächsten Frühjahr herausstellte.

 

Im tiefsten Schnee sah der etwa eine halbe Meile lange Pfad, den ich benutzte, um von der Landstraße nach meinem Häuschen zu gelangen, wie eine ganz unregelmäßig gewundene und besprenkelte Linie aus, zwischen deren Tüpfeln sich große Zwischenräume befanden. Eine ganze Woche lang machte ich bei dem gleichen Wetter genau die gleiche Anzahl Schritte beim Hin- und Rückweg, indem ich bedachtsam und mit der Präzision eines Zirkels in meine eigenen, tiefen Fußtapfen trat. Zu solchem Schlendrian verlockt uns der Winter. Oft waren sie jedoch mit des Himmels eigenem Blau bedeckt. Durch kein Wetter ließ ich mich je von meinen Spaziergängen oder vielmehr von meinen Streifzügen abschrecken, denn oft stampfte ich acht bis zehn Meilen weit durch den tiefsten Schnee, um eine Verabredung mit einer Buche, mit einer Gelbbirke oder mit einer alten Bekannten unter den Tannen einzuhalten. Die Tannen aber wandelten sich in Kiefern, wenn Eis und Schnee ihre Glieder niederbeugten und ihre Spitzen schärften. Auch zu den Spitzen der höchsten Hügel watete ich empor, wenn der Schnee fast zwei Fuß tief war. Bei jedem Schritt schüttelte ich dabei einen zweiten Schneefall auf mein Haupt herab. Oft kroch und glitt ich auf allen Vieren dorthin, wenn die Jäger ihre Winterquartiere bezogen hatten. Eines Nachmittags belustigte ich mich damit, eine gestreifte Eule ( Strix nebulosa) zu beobachten, die auf dem niederen, abgestorbenen Ast einer Weißtanne nahe am Stamm im halben Tageslicht saß, während ich ungefähr fünfzehn Fuß von ihr entfernt war. Sie konnte hören, wenn ich mich bewegte, wenn der Schnee unter meinen Füßen knirschte, konnte mich aber nicht genau sehen. Wenn ich stärkeren Lärm machte, streckte sie den Hals heraus, sträubte die Halsfedern und öffnete die Augen weit. Doch bald schlossen sich die Lider aufs neue und sie begann einzunicken. Auch ich fühlte einen einschläfernden Einfluß, als ich sie, die geflügelte Schwester der Katze, die katzengleich mit halbgeschlossenen Augen dasaß, etwa eine halbe Stunde lang beobachtet hatte. Nur ein kleiner Spalt blieb zwischen den Lidern frei, wodurch sie einen halbinselförmigen Zusammenhang mit mir behielt. So spähte sie aus ihrem Traumland mit halbgeschlossenen Augen heraus und bemühte sich, mich – das verschwommene Objekt oder das Stäubchen, welches ihre Träume störte – zu erkennen. Als ich schließlich noch mehr Lärm machte, wurde sie unruhig und drehte sich träge auf ihrem Ruheplatz herum, als ob sie es nun satt sei, sich in ihren Träumen noch weiter stören zu lassen. Als sie sich dann erhob und durch die Tannen dahinflog, wobei sie ihre Flügel zu überraschender Breite ausspannte, konnte ich auch nicht das leiseste Geräusch vernehmen. Bei ihrem Flug durch die Tannenzweige wurde sie mehr durch das zarte Gefühl, mit welchem sie ihre Umgebung erkannte, als durch die Sehkraft geleitet. Mit ihren sensitiven Schwingen tastete sie sich durch das Dämmerlicht dahin nach einem neuen Ruheplatz, wo sie in Frieden den Anbruch ihres Tages erwarten konnte.

 

Wenn ich an dem langen und hohen Damm, der in den Niederungen für die Eisenbahn hergestellt war, hinging, blies mir manch stürmischer, schneidender Wind entgegen, denn nirgends kann er sich besser austoben. Und wenn er mir seine eisigen Streiche auf die eine Wange verabfolgt hatte, dann hielt ich Heide, der ich war – ihm auch die andere hin. Auch auf der Fahrstraße nahe bei Bristers Hügel wars nicht besser. Ich ging nämlich, wie ein freundlicher Indianer, selbst dann noch zur Stadt, wenn der auf den offenen, weiten Feldern liegende Schnee in großen Massen zwischen die Steinmauern der Waldenstraße geweht war, wenn eine halbe Stunde genügte, um die Spuren des letzten Wanderers zu verwischen. Kam ich zurück, so hatten sich namentlich dort, wo der zudringliche Nordwestwind bei einer scharfen Straßenbiegung den staubartigen Schnee zusammengeblasen hatte, neue Schneeverwehungen gebildet. Ich stampfte munter hindurch und suchte vergeblich nach einer Kaninchenspur oder nach der feinen Fährte, dem kleinen Abdruck einer Feldmaus. Doch selbst mitten im Winter gelang es mir fast immer, irgend ein warmes quellenreiches Moor aufzufinden, wo Gras und Zehrwurz ihr immerfrisches Grün zeigten und ein widerstandsfähiger Vogel bisweilen den Frühling erwartete.

 

Bisweilen sah ich, wenn ich abends von meinem Spaziergang heimkehrte, im Schnee die tiefen Fußstapfen eines Holzhauers, die aus meiner Hütte herausführten. Dann fand ich ein Häuflein feinster Holzschnitzel auf meinem Herde und das Haus vom Duft seiner Pfeife erfüllt. Oder ich hörte am Sonntagnachmittag, wenn ich zufällig zu Hause war, den Schnee unter den Schritten eines intelligenten Farmers knirschen, der von weither durch die Wälder nach meinem Haus gewandert war, um mit mir gemütlich zu "plauschen". Er gehörte zu den wenigen seines Berufes, welche "Herren ihrer Güter" sind, der statt des Professorentalars den Kittel angezogen hatte, und der ebenso geschwind die Moral aus Kirche und Staat zog wie er eine Ladung Mist aus seinem Stallhof schleppte. Wir sprachen von der biederen einfachen Zeit, wo die Menschen bei kaltem, stärkendem Wetter mit klaren Köpfen an großen Feuern saßen. Und wenn wir keinen anderen Nachtisch zu verzehren hatten, dann erprobten wir unsere Zähne an mancher Nuß, die von den klugen Eichhörnchen längst beiseite geworfen war. Denn die mit der dicksten Schale sind meistens hohl. Ein Dichter wars, der im tiefsten Schnee und beim schrecklichsten Sturm den weitesten Weg zurücklegte, um zu meiner Hütte zu gelangen. Farmer, Jäger, Soldaten, Berichterstatter für Zeitungen, ja sogar Professoren lassen sich abschrecken. Nichts schreckt jedoch einen Dichter zurück: ihn treibt die Liebe. Wer kann sein Kommen und Gehen voraussagen? Sein Beruf ruft ihn zu jeder Zeit hinaus, selbst dann, wenn die Ärzte schlafen. Wir ließen lärmenden Frohsinn in dieser kleinen Hütte widerhallen, gar vielen ernsthaften Gesprächen konnten die Wände lauschen, und das Waldental ward für seine langdauernde Stille entschädigt. Mit meinem Haus verglichen erschien der Broadway dann ruhig und öde. In schicklichen Zwischenräumen gab es regelrechte Lachsalven, die man gerade so gut auf den soeben gemachten wie auf den jetzt kommenden Scherz beziehen konnte. Wir bauten manche "funkelnagelneue" Theorie des Lebens auf bei einer Schüssel mit dünnem Haferschleim, welche die Vorzüge des fröhlichen Schmauses mit jener Klarheit des Denkvermögens vereint, welche die Philosophie verlangt.

 

Ich möchte auch nicht vergessen, daß während des letzten Winters, den ich am Teich zubrachte, ein anderer willkommener Besucher kam, der einmal durch das Dorf bei Schnee, Regen und Finsternis wanderte, bis er meine Lampe durch die Bäume schimmern sah. Er verbrachte einige lange Winterabende mit mir. Er war einer der letzten Philosophen – Connecticut hat ihn der Welt geschenkt –, der anfangs mit den Waren seiner Heimat hausieren ging, hernach mit seinem Gehirn. Damit hausiert er noch immer, singt Gottes Lob, obwohl die Menschen von dem Sänger nichts wissen wollen und trägt keine andere Frucht wie sein Gehirn, wie die Nuß ihren Kern. Er ist meiner Ansicht nach von allen lebenden Menschen am stärksten im Glauben. Seine Worte und Gebärden verraten stets, daß er alle Dinge von einem besseren Gesichtspunkt aus betrachtet als andere Menschen. Er wird der letzte sein, der sich durch den Wandel der Zeiten enttäuscht fühlt. Von der Gegenwart ist er äußerlich nicht berührt. Mag er auch jetzt verhältnismäßig wenig gelten: Dereinst, wenn seine Zeit herannaht, werden Gesetze, die den meisten Menschen unbekannt sind, zur Anwendung kommen und Familienväter und Staatsmänner ihn zu Rate ziehen ...

 

"Wie blind ist der, der nicht die heitere Ruhe sieht!"

 

Ein wahrer Menschenfreund ist er, fast der einzige Freund menschlichen Fortschritts. Ein " Old Mortality" oder vielmehr ein " Immortality", der mit unermüdlicher Geduld und Zuversicht Gottes Ebenbild in den Zügen der Menschen wieder ausmeißeln wollte, des Gottes, der in ihnen so entstellt ist, wie sie selbst auf den schrägen Grabsteinen. Sein großmütiger Geist ladet sie alle zu Gaste: Kinder, Bettler, Geistigarme und Gelehrte. Er bewirtet die Gedanken aller, und entläßt sie meistens noch mit erweitertem Blick und verbessertem Geschmack. Mich dünkte, er sollte eine Karavanserei an der Landstraße der Welt betreiben, wo Philosophen aller Länder einkehren können. Und auf sein Türschild sollte er schreiben: "Hier findet der Mensch, aber nicht sein Tier Speis' und Trank. Kommt herein, ihr, die ihr Muße habt und ruhigen Geistes seid, die ihr ernstlich euch bemüht den rechten Pfad zu finden." Er ist vielleicht der gesundeste Mensch, der zielbewußteste von allen, die ich kenne. Er bleibt sich gleich – gestern wie morgen. Ehemals schlenderten wir oft miteinander herum, schwätzten und ließen die Welt weit hinter uns. Denn er hatte nichts mit ihren Einrichtungen zu schaffen, er war freigeboren, ingenuus. Wohin wir auch immer wandelten: stets schienen Himmel und Erde sich vereint zu haben, denn er erhöhte die Schönheit der Landschaft. Ein Mann im blauen Gewande. Das beste Dach für ihn ist das Himmelsgewölbe, welches seine heitere Ruhe widerspiegelt. Daß er je sterben wird, kann ich nicht fassen. Die Natur kann ihn nicht entbehren.

 

Da jeder von uns einige gut getrocknete Gedankenschindeln hatte, setzten wir uns beieinander und schnitten sie in passende Formen, versuchten an ihnen die Schärfe unserer Messer und bewunderten die deutliche, gelbe Faserung der Kürbistanne. Wir wateten so leise und andächtig oder ruderten so glatt, daß die Gedankenfische nicht aus dem Strom verscheucht wurden und sich vor den Anglern am Ufer nicht fürchteten, sondern stattlich hin und her schwammen, wie die Wolken, die im Westen am Himmel schweben, oder wie die Perlmutterflocken, die sich bisweilen dort bilden und wieder auflösen. Da arbeiteten wir, revidierten die Mythologie, rundeten hier und da eine Legende ab und bauten Schlösser in die Luft, für welche die Erde keine würdige Basis bot. Du großer Seher! Du großer Erwarter! Wenn Du Dich mit mir unterhieltest, dann wars wie ein Märchen aus Neuenglands "Tausend und eine Nacht". Ja, wie wir uns unterhalten konnten, wir drei: der Eremit, der Philosoph und der alte Ansiedler, von dem ich schon sprach! Da dehnte sich mein Haus und krachte in den Fugen. Ich wage nicht zu sagen, um wie viele Pfund der atmosphärische Druck auf jeden Quadratzoll erhöht wurde. Meine Hütte öffnete aber ihre Nähte so sehr, daß sie hernach an recht stillen Tagen wieder zugekalkt werden mußten, um ein dauerndes Leck zu vermeiden. Doch ich hatte schon im voraus Kalfaterwerg von dieser Sorte gezupft.

 

Es gab noch einen anderen, mit dem er "grundlegende Stunden", die mir noch lange unvergeßlich sein werden, in seinem Haus im Dorf verlebte, und der mich von Zeit zu Zeit besuchte. Im übrigen unterhielt ich dort keinen Verkehr.

 

Auch hier, wie überall, erwartete ich bisweilen einen Gast, der niemals kommt. Die Vishnu Purana sagt: "Der Hausherr soll um die Abendzeit so lange in seinem Hofe bleiben, als man braucht, um eine Kuh zu melken, oder auch noch länger, wenn ihm der Sinn danach steht, und die Ankunft eines Gastes erwarten." Ich kam dieser Pflicht der Gastfreundschaft oft getreulich nach, wartete so lange, daß eine ganze Kuhherde hätte gemolken werden können. Doch den Mann, der sich von der Stadt aus genähert hätte, sah ich nicht.

 

Wintertiere

 

Wenn die Teiche fest zugefroren waren, gestatteten sie nicht nur neue und kürzere Wege nach vielen Punkten, sondern auch von ihrer Oberfläche aus neue Rundblicke auf die vertraute Landschaft. Wenn ich quer über Flints Teich ging, nachdem er mit Schnee bedeckt war, so erschien er mir, obwohl ich oft auf ihm gerudert und Schlittschuh gelaufen hatte, so überraschend breit und so fremd, daß ich unwillkürlich immer wieder an Baffins Bay denken mußte. Rund um mich herum stiegen am Horizont der schneebedeckten Ebene die Lincolnhügel empor. Ich aber konnte mich nicht erinnern, je vorher auf ihr gestanden zu haben. Die Fischer, die sich mit ihren wolfartigen Hunden in unbestimmbarer Entfernung über das Eis bewegten, erinnerten an Robbenjäger und an Eskimos, oder wirkten bei Nebelwetter in der Ferne wie monströse Geschöpfe, von denen man nicht wußte, ob sie Riesen oder Pygmäen seien. Diesen Weg über das Eis schlug ich ein, wenn ich mich abends zum Vortrag nach Lincoln begab, so daß ich zwischen meiner Hütte und dem Vorlesungssaal weder eine Straße betrat noch an einem Haus vorbeikam. Auf dem Gänseteich, der auf meinem Wege lag, wohnte eine Kolonie Bisamratten, welche ihre Nester weit über das Eis erhöht hatten. Doch ließ sich keines der Tiere blicken, als ich hinüberging. Der Walden, der wie die meisten anderen Seen nicht mit Schnee bedeckt war, oder doch nur flache und vereinzelte schneebedeckte Stellen zeigte, war mein Hof, in welchem ich ungehindert herumspielen konnte, wenn der Schnee an anderen Orten fast zwei Fuß tief den Boden bedeckte und die Dorfbewohner auf ihre Straßen allein angewiesen waren. Hier, fern von der Dorfstraße, wo ich nur nach langen Zwischenräumen das Schellengeläute der Schlitten hörte, glitt ich auf dem Eis dahin und lief Schlittschuh wie in einem großen, gut ausgetretenen Hofe, in welchem sich die Musetiere zur Winterzeit aufhalten. Eichenwälder umrahmten ihn und feierliche Tannen, die der Schnee niederbeugte oder die stolz ihre Eiszapfen emporstreckten.

 

In Winternächten und auch oft an Wintertagen drang der hilflose, einsame Schrei einer Heuleule aus unendlicher Ferne melodisch zu mir herüber. Das war ein Ton, wie ihn die gefrorene Erde hervorbringen würde, wenn man sie mit einem passenden plectrum schlüge. Er gehörte zu der unverfälschten, mir schließlich ganz vertrauten lingua vernacula der Waldenwälder. Den Vogel, der so sprach, sah ich allerdings in solchen Augenblicken nie. Selten öffnete ich an einem Winterabend meine Tür, um diesen Klang zu hören. Hu–hu–hu–hurruh –hu schallte es wohlklingend daher, oder die drei ersten Silben klangen wie hauderduh, oder auch bisweilen nur wie Huh–Huh. Einmal wurde ich im Anfang des Winters, abends spät gegen neun Uhr, durch das laute "Honk" der Wildgänse aufgeschreckt. Ich ging zur Tür und hörte, als sie über mein Haus zogen, ihr Flügelrauschen, das dem Sturmwind in Wäldern glich. Sie flogen über den Teich nach Fair Haven, und waren augenscheinlich durch meine Lampe vom Niederlassen abgeschreckt. In regelmäßigen Zwischenräumen ließ der Führer stets sein Honk ertönen. Plötzlich gab ganz in meiner Nähe ohne Zweifel eine Katzeneule mit der schrillsten, fürchterlichsten Stimme, die ich je von einem Waldbewohner vernommen habe, regelmäßig der Gans eine Antwort, als ob sie – die Eingeborene – entschlossen sei, diesen Eindringling von der Hudson Bay durch eine kräftigere Tonart und durch den größeren Umfang ihrer Summe an den Pranger zu stellen, zu beschimpfen und ihn aus dem Concordbezirk hinauszu "huhuen". Wie kannst du es wagen, meine Festung um diese mir geheiligte Nachtzeit zu alarmieren? Glaubst du vielleicht, daß man mich je um diese Stunde schlummernd findet, daß Kehlkopf und Lungen bei mir nicht gerade so gut entwickelt sind wie bei dir? Buhu! Buhu! Buhuuul ... Es war eine der gellendsten Dissonanzen, die ich je gehört habe. Und doch sprachen zu einem fein empfindenden Ohr aus ihr die Elemente einer Harmonie, wie sie diese Ebene hier niemals sah noch vernahm ...

 

Auch hörte ich das Keuchen des Eises im Teich, meines großen Schlafgenossen, als ob er unruhig in seinem Bett sich wälze, an Blähungen leide und an schweren Träumen. Oder ich wurde durch das Krachen des Bodens aus dem Schlaf geweckt, als ob jemand ein Gespann gegen meine Tür getrieben habe. Am nächsten Morgen fand ich dann einen Spalt in der Erde, der eine viertel Meile lang und ein drittel Zoll breit war.

 

Bisweilen hörte ich Füchse, die in mondhellen Nächten über die Schneekruste streiften, um sich ein Rebhuhn oder ein anderes Wild zu fangen. Sie bellten rauh und dämonisch wie verwilderte Waldhunde, gerade als ob sie Furcht hätten oder etwas zu sagen wünschten, nach Licht verlangten und lieber Hunde sein möchten, um frei in den Straßen herumlaufen zu können. Und wenn wir nach Jahrtausenden rechnen: Sollte da nicht die Zivilisation bei den wilden Tieren gerade so gut wie bei den Menschen Fortschritte machen?... Sie schienen mir rudimentäre Höhlenmenschen zu sein, die sich noch gegen ihre Feinde verteidigten und ihre Transformation erwarteten. Bisweilen wurde einer von ihnen durch meine Lampe an mein Fenster gelockt, bellte mir einen Fuchsfluch zu und verschwand.

 

Meistens weckte mich indessen in aller Morgenfrühe das rote Eichhörnchen (Sciurus Hudsonius), indem es oben auf dem Dach und an den Wänden des Hauses auf und ab lief. Im Verlauf des Winters warf ich einen halben Scheffel Maiskolben, die nicht reif geworden waren, auf die Schneekruste vor meiner Tür, und unterhielt mich damit, die Bewegungen der verschiedenen Tiere, die dadurch angelockt wurden, zu beobachten. In der Dämmerung und in der Nacht kamen regelmäßig die Kaninchen und griffen herzhaft zu. Den ganzen Tag kamen und gingen die roten Eichhörnchen und bereiteten mir durch ihre Manöver viel Vergnügen. Eines dieser Tierchen kam erst vorsichtig durch die Zwergeichen herbeigeschlichen, lief ruckweise über den Schnee wie ein Blatt, das der Wind dahintreibt, huschte mit staunenswerter Geschwindigkeit und Kraftanwendung jetzt ein paar Schritte nach dieser Richtung, wobei es seine Beinchen so unbegreiflich schnell bewegte, als ob es sich um eine Wette handele, lief dann wieder ebensoviele Schritte nach der anderen Richtung, wobei es jedoch nicht mehr als zwei Meter zurzeit näher kam. Dann blieb es plötzlich mit drolligem Ausdruck und mit einem Saltomortale als Zugabe stehen, und tat als ob die Augen der ganzen Welt auf ihm ruhten – denn alle Bewegungen eines Eichhörnchens setzen selbst in tiefster Waldeinsamkeit, gerade wie die einer Ballettänzerin, stillschweigend Zuschauer voraus. Es verschwendete mehr Zeit mit Umherblicken und Erholungspausen, als nötig gewesen wäre den ganzen Weg gemächlich zurückzulegen. (Ich sah indessen nie eines langsam gehen.) Dann saß es plötzlich, schneller als man "hopsa" sagen konnte, hoch oben in einer jungen Pechtanne, zog seine Uhr auf, zankte sich mit allen imaginären Zuschauern herum, hielt Monologe und sprach gleichzeitig zur ganzen Welt. Warum? Ich konnte nie dahinter kommen und das Tierchen wußte es aller Wahrscheinlichkeit auch nicht. Schließlich kam es zu den Maiskolben, suchte sich den heraus, der ihm am besten gefiel und huschte munter mit den gleichen, trigonometrischen Bewegungen auf den obersten Scheit meines Holzstoßes vor meinem Fenster. Von dort aus sah es mir gerade ins Gesicht und blieb stundenlang hier sitzen, während es sich ab und zu mit einem neuen Kolben verproviantierte. Anfangs knabberte es gierig daran und warf die Frucht, wenn sie halb angefressen war, fort. Schließlich wurde es leckerer, spielte mit seiner Nahrung, fraß nur noch das Innere der Körner und ließ dabei den Kolben, den es zuvor über den Holzscheit gelegt hatte und mit einer Pfote lässig balanzierte, zur Erde fallen. Mit dem komischen Ausdruck der Unentschlossenheit blickte es auf ihn hinunter. Es schien zu glauben, der Kolben sei lebendig. Nun war es im Zweifel: sollte es den alten wieder heraufholen, einen neuen stehlen oder entfliehen? In einem Augenblick dachte es an den Mais, im nächsten Augenblick lauschte es, ob der Wind ihm auch irgend etwas Verdächtiges zutrüge. So vergeudete der unbescheidene kleine Geselle am Vormittag manchen Kolben. Schließlich packte er einen der längsten und dicksten, der ihn beträchtlich an Größe übertraf, und trug ihn, wie ein Tiger den indischen Büffelochsen, in die Wälder hinein, wobei er die gleichen Zickzacklinien beschrieb, häufig Pausen machte, den mitgeschleiften Kolben ebenso häufig fallen ließ – und zwar in diagonaler Richtung – als sei er zu schwer für ihn und doch zu gut, um ihn im Stich zu lassen. Es war ein hervorragend freches, launiges, kleines Geschöpf! Schließlich zog es mit dem Kolben nach seinem Heim ab, trug ihn vielleicht auf die Spitze eines 150–200 Meter entfernten Tannenbaums! Ich fand später nach verschiedenen Richtungen hin zerstreute Kolben im Wald.

 

Schließlich kamen auch die Dohlen herbei, deren krächzende Schreie schon lange vorher ertönten. Selbst wenn sie noch zweihundert Meter entfernt waren, wurden sie äußerst vorsichtig, flogen in heimlicher, schleichender Weise von Baum zu Baum, näher und immer näher, während sie die Maiskörner aufpickten, welche die Eichhörnchen hatten fallen lassen. Dann setzten sie sich auf den Zweig einer Pechtanne und versuchten in aller Eile ein großes Korn zu verschlucken, das für ihre Kehle zu groß war und sie fast erstickte. Nach vieler Mühe wurde es wieder ausgespieen. Nun versuchten sie, es durch längeres Sacken mit den Schnäbeln zu spalten... Das waren wirklich Diebe und ich hatte keinen großen Respekt vor ihnen. Die Eichhörnchen waren zwar anfangs scheu, doch dann machten sie sich ans Werk, als hätten sie ein gutes Recht dazu.

 

Inzwischen kamen auch die Schwarzmeisen in Scharen herbei, pickten die den Eichhörnchen entfallenen Maiskrümel auf, flogen auf den nächsten Zweig, legten sie unter ihre Krallen und hämmerten mit ihren kleinen Schnäbeln darauf los – als ob ein Insekt in der Rinde säße – bis sie für ihren schmalen Schlund genügend verkleinert waren. Mit leisem lispelnden Zwitschern, das wie das Klingen von Eiszapfen im Grase klang, kam eine kleine Schar dieser Meisen täglich herbei, um ihr Mittagessen aus meinem Holzstoß herauszupicken oder die Krümchen vor meiner Tür aufzulesen. Bald erschallte ein Helles "dät-dät-dät", seltener ertönte aus den Wäldern ein dünnes, sommerliches "Phie-bie-Phiebie". Sie waren schließlich so zutraulich, daß sich einmal eine von ihnen auf das Holz setzte, welches ich in meinem Arm hielt, und furchtlos an den Scheiten pickte. Auch ein Spatz setzte sich einmal für einen kurzen Augenblick auf meine Schulter, als ich in einem Dorfgarten mit Sacken beschäftigt war, und ich fühlte, daß ich durch dieses Ereignis mehr ausgezeichnet wurde als durch irgend welche "Epaulette", die man mir hätte verleihen können. Die Eichhörnchen wurden mit der Zeit ebenfalls ganz zutraulich und liefen über meinen Schuh, wenn das der nächste Weg war.

 

Als der Erdboden noch nicht ganz mit Schnee bedeckt war, und auch später gegen Ende des Winters, als der Schnee bereits am Südabhang meines Hügels und um den Holzstoß herum geschmolzen war, kamen am Morgen und am Abend Rebhühner aus den Wäldern, um hier bei mir zu speisen. Wohin man auch im Walde geht, überall flattert das Rebhuhn mit schwirrendem Flügelschlag empor, schüttelt von den dürren Blättern und Zweigen hoch oben den Schnee herab, der im Sonnenschein wie ein seiner Goldstaub herniederrieselt. Dieser tapfere Vogel läßt sich durch den Winter nicht vertreiben. Oft wird er von Schneewehen verschüttet. Auch soll er "bisweilen während des Fluges plötzlich in den Schnee untertauchen, wo er sich ein paar Tage versteckt hält". Häufig verjagte mein Kommen sie auch auf freiem Felde; beim Sonnenuntergang kamen sie aus den Wäldern dorthin geflogen, um die wilden Apfelbäume "abzuknospen". Sie besuchen regelmäßig jeden Abend bestimmte Bäume, wo der verschlagene Jäger auf sie wartet. Die abseits vom Wege und nahe am Walde gelegenen Obstgärten haben nicht wenig von diesen Tieren zu leiden. Trotzdem: ich freue mich, wenn das Rebhuhn seine Nahrung findet. Es ist der Lieblingsvogel der Natur, der von Knospen und heilsamem Tranke lebt.

 

An dunkelen Wintermorgen oder kurzen Winternachmittagen hörte ich bisweilen ein Rudel Jagdhunde bellend und heulend durch die Wälder streifen. Sie konnten dem Jagdinstinkt nicht widerstehen, und der Klang des Jagdhorns, der bisweilen zu mir herüberscholl, bewies mir, daß ein Mensch mit im Spiel sei. Immer näher kamen sie heran, doch kein Fuchs brach aus dem Wald hervor und zeigte sich auf der Lichtung am Teichufer, keine Meute verfolgte ihren Aktäon. Abends sah ich dann ab und zu die Jäger heimkehren, die ihr Gasthaus aufsuchten. Eine einzige Rute, die am Schlitten herabbaumelte, war ihre Trophäe. Sie erzählten mir, daß der Fuchs wohl geborgen wäre, wenn er im Schoß der gefrorenen Erde bliebe, daß ihn, wenn er immer geradeaus laufen würde, kein Fuchshund einholen könne. Wenn er aber seine Verfolger weit hinter sich gelassen hat, unterbricht er seinen Lauf und horcht, bis sie wieder nahe herangekommen sind. Dann treibt es ihn wieder zu seinen alten Schlupfwinkeln zurück, wo die Jäger auf der Lauer stehen. Oft läuft er übrigens viele Meter auf einer Mauer entlang und springt dann weit nach einer Seite herunter. Auch scheint er zu wissen, daß Wasser seine Fährte nicht verrät. Ein Jäger erzählte mir, er habe einmal einen Fuchs gesehen, der aus dem Wald heraus auf das mit Pfützen bedeckte Eis geflohen sei. Er lief eine kleine Strecke auf das Eis hinauf und kehrte dann zu demselben Ufer zurück. Bald kamen die Hunde herbeigestürzt, aber hier verloren sie die Spur. Bisweilen kam auch ein Rudel Hunde, das auf eigene Rechnung jagte, an meinem Hause vorbei. Sie rannten kläffend und heulend wie toll um mein Haus herum, ohne von meiner Person Notiz zu nehmen und nichts konnte sie von ihrem Treiben abbringen. Sie rasten so lange im Kreise herum, bis sie aufs neue die Spur eines Fuchses entdeckten. Ihretwegen läßt aber ein kluger Sund alles andere im Stich. Eines Tages kam ein Mann aus Lexington zu meiner Hütte, um sich nach seinem Sunde zu erkundigen, der schon vor langer Zeit heimlich sich entfernt hatte und bereits seit einer Woche allein der Jagd huldigte. Ich fürchte indessen, daß mein Besucher durch alles, was ich ihm sagte, nicht klüger wurde, denn jedesmal, wenn ich mich bemühte, ihm eine Antwort zu geben, unterbrach er mich mit der Frage: "Was tun Sie hier?" Er hatte einen Sund verloren, aber einen Menschen gefunden.

 

Ein alter Jäger mit einer durstigen Kehle, der alljährlich einmal im Waldenteich zu baden Pflegte, wenn das Wasser am wärmsten war, und der mir bei solchen Gelegenheiten einen kurzen Besuch abstattete, erzählte mir folgendes: Vor vielen Jahren nahm ich an einem Nachmittag meine Flinte unter den Arm, um in den Waldenwäldern zu kreuzen. Wie ich auf der Waylandstraße hinwandere, höre ich ein Hundegekläff, das immer näher kommt. Bald darauf springt ein Fuchs über die Mauer auf die Straße und verschwindet mit Windeseile über die entgegengesetzte Mauer. Ein sofort abgegebener Schuß verfehlte ihn. Etwas später erschien eine alte Hündin mit ihren drei Jungen in wilder Hetze auf der Bildfläche. Die Tiere jagten auf eigene Faust und waren schnell wieder in den Wäldern verschwunden. Als ich spät am Nachmittag mitten im Waldesdickicht südlich vom Teich rastete, hörte ich in weiter Ferne noch ihr Gebell, mit welchem sie gen Fair Haven den Fuchs verfolgten. Dann näherten sie sich wieder. Ihr Jagdgekläff erklang immer näher durch die Wälder, bald von Well-Meadow, bald von Bakers Farm. Lange Zeit blieb ich stehen, ohne mich zu rühren, und lauschte ihrem dem Ohr des Jägers so lieblichen Konzert. Da erschien plötzlich der Fuchs auf der Bildfläche. Im gemächlichen Trab kam er, der seine Verfolger weit hinter sich ließ, hurtig und leise, ohne Überstürzung heran. Der Schall seiner Schritte wurde durch ein sympathisches Rauschen der Blätter übertönt. Er sprang auf einen Stein, der zwischen den Bäumen lag, setzte sich auf die Hinterpfoten und lauschte, wobei er mir den Rücken zuwandte. Einen Augenblick hielt Mitgefühl meinen Arm zurück. Doch diese Stimmung war sofort verflogen. Schnell wie ein Gedanke dem andern folgt, hatte ich angelegt, abgedrückt – und der Fuchs rollte über den Stein und lag am Boden. Ich rührte mich noch immer nicht vom Fleck und lauschte auf die Hunde. Die kamen näher und näher, und schließlich hörte ich ihr dämonisches Gekläff ganz in meiner Nachbarschaft durch die Waldeskirche. Endlich tauchte die alte Hündin auf, schnupperte an der Erde, schnappte wie toll nach Luft und stürzte sofort auf den Stein zu. Als sie aber den toten Fuchs erblickte, stellte sie sofort wie starr vor Erstaunen ihre Hetze ein, und umkreiste ihn mehrere Male schweigend. Allmählich kamen auch die Jungen herbei. Auch sie wurden wie ihre Mutter durch dieses rätselvolle Ereignis ernüchtert und verstummten. Da trat der Jäger aus seinem Versteck hervor in ihre Mitte, und das Geheimnis war gelöst. Die Hunde warteten schweigend bis der Fuchs abgehäutet war, folgten dem Fuchsschwanz kurze Zeit und verzogen sich dann wieder in die Wälder ... An jenem Abend kam ein Herr aus Weston nach der Hütte des Jägers aus Concord, um sich nach seinen Hunden zu erkundigen und gab an, daß sie seit einer Woche herrenlos in den Westonwäldern jagten. Der Concordjäger erzählte darauf sein Erlebnis und bot dem Herrn das Fuchsfell zum Kauf an. Dieser lehnte indessen ab und trat den Rückweg an. Er fand seine Hunde an diesem Abend nicht mehr, hörte aber am nächsten Tage, daß sie durch den Fluß geschwommen seien und in einem Farmhause Nachtquartier gefunden hätten. Nachdem man sie gut gefüttert hatte, verschwanden sie auch dort wieder in aller Morgenfrühe. Derselbe Jäger erzählte mir, ein gewisser Sam Nutting, der in den Felsen bei Fair Haven Bären zu jagen und die Felle in Concord gegen Rum umzutauschen pflegte, habe ihm einst mitgeteilt, daß er dort einmal sogar ein Mustier gesehen habe. Nutting hatte einen prächtigen Fuchshund, Burgoyne genannt – er sprach es "Buhgein" aus –, den mein Gewährsmann mehrfach zu entleihen Pflegte. In dem Kassabuch eines alten Kaufmanns, der außerdem noch Hauptmann, Stadtschreiber und Abgeordneter war, sah ich folgenden Eintrag:

 

"Jan. 18. 1742/43. "John Melven Cr. für einen Graufuchs 0–2–3." Jetzt gibt es diese Tiere hier nicht mehr. Ferner steht in seinem Hauptbuch: "Febr. 7.1743, Hesekiel Stratton für ½ ›Kattsenfell‹ 0–1–4½." Das war selbstverständlich eine wilde Katze, denn Stratton war Sergeant im alten französischen Krieg und hätte es unter seiner Würde gehalten, ein weniger edles Wild zu jagen. Auch gibt es Guthaben für Rehfelle. Die kamen täglich zum Verkauf. Ein Bekannter besitzt noch das Geweih des letzten in dieser Gegend getöteten Hirsches, und ein anderer Herr erzählte mir Einzelheiten dieser Jagd, an der sein Onkel teilnahm. Früher gab es hier zahlreiche und lustige Jäger. Ich kann mich noch recht gut an einen hageren Nimrod erinnern, der einem am Waldesrand abgepflückten Blatte Klänge entlockte, die, wenn ich mich nicht täusche, wilder und melodischer waren als irgend ein Jagdhornruf.

 

Am Mittemacht kreuzten oft im Mondschein Hunde meinen Pfad, die in den Wäldern auf Raub ausgingen, sich aber vor mir im Unterholz versteckten und warteten bis ich vorüber war.

 

Eichhörnchen und Meisen stritten sich um meinen Nußvorrat. Um mein Haus herum standen Gruppen von Pechtannen. Ihre Stämme, die ungefähr einen bis vier Zoll dick waren, wurden im vorigen Winter durch Mäuse angenagt. Ein norwegischer Winter war's für sie gewesen, denn lange Zeit lag tiefer Schnee, so daß sie gezwungen waren, ihrer Nahrung mit großen Mengen Tannenrinde nachzuhelfen. Diese Bäume lebten und gediehen im Hochsommer augenscheinlich ganz gut. Manche von ihnen waren, obwohl ihre Rinde ringartig abgeknabbert war, um einen Fuß gewachsen. Im nächsten Winter starben indessen alle ohne Ausnahme ab. Es ist merkwürdig, daß einer einzelnen Maus ein ganzer Baum zum Mittagessen bewilligt wird, bloß weil sie rund herum und nicht in der Längsrichtung an ihm knabbert. Und doch: vielleicht ist das durchaus notwendig, damit die Bäume gelichtet werden, die dicht nebeneinander zu wachsen pflegen.

 

Die Hasen (Lepus americanus) waren sehr zutraulich. Einer hatte während des ganzen Winters sein Lager unter meinem Hause und war nur durch den dünnen Fußboden von mir getrennt. An jedem Morgen, wenn ich mich zu rühren begann, erschreckte er mich durch sein schnelles Ausreißen. Dabei stieß er in der Eile mit seinem Kopf gegen die Bretter des Fußbodens: Bum, bum, bum! In der Abenddämmerung kamen die Hasen zu meiner Tür und knabberten an den Kartoffelschalen, die ich hinausgeworfen hatte. Ihre Farbe glich der des Bodens so sehr, daß man sie, wenn sie ruhig dasaßen, kaum bemerken konnte. Saß einer regungslos vor meinem Fenster, so war es mir nur zeitweise möglich, ihn zu erkennen. Öffnete ich dann abends meine Tür, so liefen sie quiekend und lärmend hurtig davon. Sah ich sie in der Nähe, so erregten sie nur mein Mitleid. Eines Abends saß einer nur etwa zwei Schritt von mir entfernt vor meiner Tür. Anfangs zitterte er vor Furcht, wollte aber auch nicht das Feld räumen. Ein armer, winziger Gesell wars, mager und knochig, mit zottigen Ohren und spitzer Schnauze, mit kleinem Schwanz und dünnen Pfoten. Er sah aus, als ob die Natur darauf verzichtet habe, weiterhin noch edele Rassen hervorzubringen und gerade vor dem Bankerotte stehe. Seine großen Augen sahen zwar jung, aber ungesund, beinahe wassersüchtig aus. Ich machte einen Schritt vorwärts und – siehe da! Mit elastischen Sprüngen eilte er über die Schneekruste dahin, reckte und dehnte Körper und Glieder zu anmutiger Länge, so daß bald zwischen mir und ihm der Wald lag. So war es doch das wilde freie Tier, das seine Kraft und die Würde der Natur bewies. So schlank war es nicht ohne Grund. Das also war seine Natur... Lepus levipes – Leichtfuß, wie manche glauben.

 

Was ist ein Land ohne Hasen und Rebhühner? Sie gehören zu den einfachsten, eingeborenen, animalischen Produkten, zu jenen alten und ehrwürdigen Familien, welche das Altertum so gut kannte wie die Neuzeit. An Farbe und Substanz sind sie ein Teil der Natur selbst, den Blättern und dem Erdboden und miteinander verwandt. Das eine ist geflügelt, das andere vierbeinig. Wenn man einen Hasen oder ein Rebhuhn aufscheucht, denkt man kaum an ein wildes Tier, sondern an etwas so Natürliches, Vertrautes, wie ein raschelndes Blatt. Das Rebhuhn und der Hase werden sicher immer wieder sich vermehren, einerlei was für Revolutionen kommen mögen. Sie sind die echten Urbewohner des Landes. Wird der Hochwald gelichtet, so bietet das frisch emporwachsende Unterholz ihnen eine Zufluchtsstätte. Das Land muß allerdings armselig sein, das einem Hasen keine Heimat gewährt. In unseren Wäldern gibt es Rebhühner und Hasen in großer Zahl. Wo immer ein Moor ist, kann man ihre Spuren finden. Und überall sieht man Fallen aus Zweigen und Schlingen aus Roßhaar, die irgend ein Kuhhirt aufstellte.

 

Der Teich im Winter

 

Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl, daß irgend eine Frage mir gestellt sei, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versuchte... Was – Wie – Wann – Wo? ... Doch nun blickt die erwachende Natur, in der alle Geschöpfe leben, in meine breiten Fenster mit heiterem, zufriedenem Antlitz herein. Auf ihren Lippen schwebt keine Frage. Ich erwachte zu einer Frage, die bereits beantwortet war, zu der Natur und dem lichten Tag. Hoch lag der Schnee auf dem Erdboden, mit jungen Tannen gesprenkelt. Selbst der Hügelabhang, auf dem mein Haus steht, schien mir zuzurufen: Vorwärts! Die Natur richtet keine Fragen an uns, und beantwortet auch keine, die wir Sterblichen an sie stellen. Ihr Plan ist schon vor langer, langer Zeit gefaßt. "O Prinz, bewundernd schauen unsere Augen auf das herrliche, mannigfache Schauspiel des Weltalls und teilen es der Seele mit. Sicherlich verhüllt die Nacht einen Teil dieser glorreichen Schöpfung. Doch kommen wird der Tag, der uns dies gewaltige Werk enthüllt, das von der Erde in ätherische Gefilde sich erstreckt."

 

Wohlan denn, zur Morgenarbeit! Zunächst ergreife ich Axt und Eimer und suche Wasser, falls das kein frommer Wunsch geworden ist. Nach einer kalten und schneeigen Nacht muß man schon eine Wünschelrute anwenden, um es zu finden. In jedem Winter erstarrt die flüssige, zitternde Oberfläche des Teiches, die so empfindlich für jeden Lufthauch war, die alles Licht und jeden Schatten widerspiegelte, His zur Tiefe von 1-1½ Fuß und kann nun die schwersten Gespanne tragen. Und liegt gar bisweilen auch Schnee auf dem Eise, dann kann man den Teich von irgend einem ebenen Feld nicht unterscheiden. Wie die Murmeltiere in den umliegenden Bergen schließt er seine Augenlider und schlummert drei Monate oder noch länger. Ich stehe auf der schneebedeckten Ebene wie auf einem Anger zwischen den Hügeln. Erst bahne ich mir den Weg durch fußhohen Schnee, dann durch fußtiefes Eis. Zu meinen Füßen öffne ich ein Fenster, kniee nieder, um zu trinken und sehe dabei in das friedliche Wohnzimmer der Fische hinab, wohin nur gedämpftes Licht – wie durch Milchglas – dringt und wo heller Sand auf dem Boden liegt, genau wie im Sommer. Hier herrscht ewige, wellenlose, selige Ruhe, wie im bernsteinfarbenen Zwielichthimmel. Sie harmoniert mit dem kühlen, gleichmäßigen Temperament der Bewohner dort unten. Der Himmel ist so gut unter unseren Füßen wie über unseren Häuptern.

 

Früh morgens, wenn alle Dinge starr vom Frost sind, kommen Leute mit Angelruten und kärglichem Imbiß und lassen ihre feinen Schnüre durch das Schneefeld in die Tiefe, um Grashechte und Barsche zu fangen. Rauhe Menschen sind's, die instinktiv anderen Bräuchen folgen, anderen Autoritäten vertrauen als ihre Mitbürger, und die durch ihr Kommen und Gehen Städte dort miteinander verbinden, wo sonst kein Verbindungsweg sich findet. In wetterfesten Anzügen aus Wolltuch sitzen sie auf dem trockenen Eichenlaub am Uferrand und verzehren ihr Mahl. Ihr instinktives Wissen ist gerade so umfangreich wie die erlernte Weisheit ihrer Mitbürger. Bücher haben sie nie um Rat gefragt. Sie wissen viel weniger und können über viel weniger Dinge sprechen, als sie vollbracht haben. Wie sie zu Werke gehen, das weiß die Menschheit bislang noch nicht. Da fischt einer Grashechte und gebraucht ausgewachsenen Barsch als Köder. Mit Erstaunen blickt man in seinen Eimer, der einem Teich im Sommer gleicht. Hatte er vielleicht gewußt, wohin der Sommer sich zurückzog oder hielt er ihn gar in seiner Wohnung eingeschlossen? Wie war es ihm überhaupt möglich, mitten im Winter Barsche zu bekommen? Nun: er verschaffte sich, als der Erdboden gefroren war, Würmer aus vermoderten Baumstämmen und damit fing er sie. Der Naturforscher kann durch eifrige Studien nicht das tiefe Vertrautsein mit der Natur erlangen, welches dieser Mann sein Leben lang besitzt. Er selbst ist für den Naturforscher ein Problem. Dieser schält Moos und Rinde vorsichtig mit seinem Messer ab und sucht Insekten, jener legt mit seiner Axt Stämme bis zum Mark frei, wobei Moos und Rinde in alle Winde stiegen. Er verschafft sich seinen Unterhalt durch Abrinden der Bäume. Solch ein Mensch hat eine gewisse Berechtigung zum Fischen und mit Freude sehe ich, wie die Natur in ihm sich offenbart. Der Barsch verzehrt den Regenwurm, der Grashecht den Barsch und der Fischer den Grashecht. So sind alle Zwischenräume an der Stufenleiter der Geschöpfe ausgefüllt.

 

Wenn ich bei Nebelwetter um den Teich herumschlendere, machten mir bisweilen die einfachen Methoden Freude, die ein recht naturwüchsiger Fischer anwendete. Er stellte Erlenzweige über die schmalen Löcher im Eis auf, die sechzig bis achtzig Fuß untereinander und ebenso weit vom Ufer entfernt waren, befestigte das Ende der Schnur an einem Stock, damit sie nicht durch das Loch herabgezogen werde, legte die lockere Schnur über einen Erlenzweig, der etwa einen Fuß über das Eis emporragte und band ein trockenes Eichenblatt daran. Wenn man halbwegs um den Teich herumging, konnte man diese Erlen in regelmäßigen Abständen durch den Nebel erkennen.

 

Ja, diese Grashechte aus dem Waldenteich! Wenn ich sie auf dem Eis liegen sehe oder in der Vertiefung, die der Fischer ins Eis hackt und unten mit einer kleinen Öffnung versieht, um das Wasser einzulassen, so bin ich immer aufs neue von ihrer seltsamen Schönheit überrascht. Wie Märchenfische kommen sie mir vor. Sie passen so wenig auf unsere Märkte, so wenig sogar zu unsern Wäldern wie Arabien zum Concorder Leben. Eine blendende, transzendentale Schönheit ist ihnen eigen, eine Schönheit, die durch eine weite Kluft von dem leichenhaften Stockfisch und Kabeljau getrennt ist, deren Loblied man auf unseren Märkten singt. Sie sind nicht grün wie die Tannen, nicht grau wie die Steine, nicht blau wie der Himmel. Nein, für meine Augen haben sie noch seltsamere Farben als Blumen und Edelgestein, als ob sie die Perlen, die beliebten nuclei oder die Kristalle des Waldenteiches seien. Sie sind Walden – nehmt alles und in allem, selbst kleine Walden des Tierreichs: Waldenses. Ich wundere mich, daß sie hier gefangen werden, daß in diesem tiefen, weiten Quell, tief unter rasselnden Gespannen, Kaleschen und klingenden Schlitten, die über die Waldenstraße fahren, diese großen goldenen und smaragdenen Fische schwimmen. Nie sah ich einen ihrer Art auf dem Markte. Er würde aller Augen auf sich lenken. Unter einigen konvulsivischen Zuckungen gibt dieses Geschöpf leicht seinen wässerigen Geist auf wie ein Sterblicher, der allzu früh in die dünne Luft des Himmels abgerufen wurde.

 

   

 

Ich wollte gern den langverlorenen Boden des Waldenteiches wiederfinden. Darum begann ich im Jahre 1846 frühzeitig, noch ehe das Eis zu schmelzen anfing, mit Kompaß, Meßkette und Senkblei genaue Vermessungen zu machen. Viele seichte Geschichten erzählte man sich über die Tiefe oder vielmehr über die grundlose Tiefe dieses Teiches. Es ist erstaunlich, wie lange die Menschen an solch unergründliche Tiefen glauben, ohne sich die Mühe zu geben, sie zu messen. Ein Spaziergang in der Nachbarschaft machte mich mit zwei grundlosen Teichen bekannt. Manche Leute glauben, daß der Walden bis zur anderen Seite der Erdkugel sich erstrecke. Andere, die lange Zeit der Länge nach auf dem Eise gelegen und durch das trügerische Medium hinabgeblickt hatten, die womöglich obendrein noch wässerige Augen mitbrachten und zu vorschnellen Folgerungen verleitet wurden, weil sie Angst vor Erkältung der Brust hatten, behaupteten, "große Löcher, in welche bequem ein Heuwagen hineinfahren konnte" (wenn nur ein Fuhrmann dagewesen wäre), gesehen zu haben, Löcher, die ohne Zweifel die Quellen des Styx und Eingänge in höllische Regionen seien. Andere kamen mit einem sechsundfünfzig Pfund schweren Gewicht und mit einer Wagenladung Tau, das einen Zoll im Durchmesser hatte, aus dem Dorfe herbei. Auch diesen Männern gelang es nicht, den Boden zu finden. Während der "Sechsundfünfziger" längst auf dem Grunde ruhte, ließen sie immer mehr Tau in die Tiefe hinab und versuchten vergeblich, ihre geradezu unermeßliche Glaubenskraft an Wunderdinge zu ergründen. Ich kann dagegen meinen Lesern mitteilen, daß Walden einen realen festen Boden in einer durchaus nicht irrealen, sondern nur ungewöhnlichen Tiefe besitzt. Sie wurde von mir ohne Schwierigkeit mit einer kräftigen Angelschnur und einem etwa 1  ½ Pfund schweren Steine gemessen. Ich konnte genau fühlen, wenn der Stein den Boden verließ. Denn dann mußte ich so lange kräftiger anziehen, bis Wasser auch unter ihm dahinfloß und mir half. Die größte Tiefe betrug damals genau einhundertundzwei Fuß. Da der Teich inzwischen um fünf Fuß gestiegen ist, wird man jetzt einhundertundsieben finden. Das ist eine bedeutende Tiefe für solch eine kleine Fläche. Die Phantasie kann jedoch nicht einen Zoll davon missen. Wie, wenn alle Teiche seicht wären? Würde das nicht auf die Menschenherzen Einfluß haben? Ich bin dankbar dafür, daß dieser Teich tief und rein geschaffen wurde, um als Symbol zu dienen. Solange der Mensch an die Unendlichkeit glaubt, wird er auch einige Teiche für bodenlos halten.

 

Ein Fabrikbesitzer, der hörte, welche Tiefe ich gefunden hatte, dachte, das könne nicht richtig sein, weil nach seinen an Deichen gesammelten Erfahrungen der Sand in solch steilen Winkeln nicht liegen bliebe. Die tiefsten Teiche sind aber im Verhältnis zu dem Flächenraum, den sie bedecken, flacher, als man gewöhnlich annimmt, und würden, wenn man sie abließe, keine auffallend tiefen Täler bilden. Sie gleichen nicht Bechern zwischen den Bergen. Und selbst der Walden, der im Vergleich zu seinem Flächenraum ungewöhnlich tief erscheint, ist, wenn man einen Vertikalschnitt durch seine Mitte legt, nicht tiefer wie ein flacher Teller. William Gilvin, der in allem, was auf Landschaften Bezug hat, bewunderungswürdig und meistens auch exakt ist, sagte einst, als er am Fynesee in Schottland stand "an einer Salzwasserbucht von sechzig bis siebzig Klafter Tiefe und vier Meilen Breite", die ungefähr fünfzig Meilen lang und von Bergen umgeben ist: "Wenn wir diesen See unmittelbar nach der diluvianischen Katastrophe oder nach irgend welchen Zuckungen der Natur, die ihn schufen, gesehen hätten, ehe noch das Wasser einströmte, als was für ein furchtbarer Abgrund würde er uns erschienen sein!"

 

"So hoch als die stolzen Berge ragten,
"So tief tat sich ein dunkler Abgrund auf
"Und auch so breit; ein weites Wasserbett..."

 

Nehmen wir nun den kleinsten Durchmesser des Fynesees und wenden ihn auf den Waldenteich an, der, wie wir bereits sahen, im Vertikaldurchschnitt bereits wie ein flacher Teller erscheint, so ergibt sich, daß der Fynesee viermal seichter ist. Dieses nur nebenbei über die erhöhten Schrecken des gähnenden Fyneseeschlundes. Zweifellos nimmt manch lachendes Tal mit seinen ausgedehnten Maisfeldern einen geradeso "furchtbaren Abgrund" ein, aus welchem das Wasser verschwunden ist. Es gehört allerdings der Einblick und der Fernblick des Geologen dazu, um die harmlosen Bewohner von dieser Tatsache zu überzeugen. Oft kann das forschende Auge die Ufer eines Ursees in den niedrigen Hügeln des Horizontes entdecken, und keine spätere Erhebung der Ebene war notwendig, um ihre Geschichte zu verheimlichen. Wie die Arbeiter, welche Landstraßen ausbessern, wissen, ist es am leichtesten, Bodeneinsenkungen an den Pfützen nach einem Regenschauer zu erkennen. Mit kurzen Worten: Hat die Phantasie auch noch so kleinen Spielraum zur Verfügung – sie taucht tiefer oder steigt höher als die Natur. So wird man vielleicht dereinst finden, daß die Tiefe des Ozeans verglichen mit seiner Breite sehr unbeträchtlich ist.

 

Da ich meine Vermessungen durch das Eis hindurch machte, konnte ich die Bodenformation mit größerer Genauigkeit bestimmen als dies bei Seehäfen geschehen kann, denn diese frieren nicht zu. Ich wurde durch die allgemeine Regelmäßigkeit des Bodens überrascht. Im tiefsten Teil gibt es eine mehrere Morgen bedeckende Fläche, welche ebener ist als irgend eine der Sonne, dem Winde und dem Pfluge ausgesetztes Feld. So zum Beispiel schwankte auf einer beliebig gewählten Linie die Tiefe nur um einen Fuß auf ungefähr einhundertundvierzig Meter. Meistens konnte ich in der Nähe der Teichmitte den Tiefenunterschied auf je hundert Fuß nach jeder Richtung hin bis auf drei oder vier Zoll abschätzen. Manchmal hört man von uns gefährlichen Löchern sprechen; die selbst in solch ruhigen, sandigen Teichen wie Walden vorkommen sollen. Doch wirkt das Wasser unter solchen Verhältnissen ausgleichend auf alle Unregelmäßigkeiten des Bodens. Die Regelmäßigkeit des Grundes, seine Übereinstimmung mit den Ufern und mit der Lage der benachbarten Hügel war so vollkommen, daß ein entferntes kleines Vorgebirge sich bei den Vermessungen den ganzen Teich hindurch verfolgen ließ. Seine Richtung konnte durch die Beobachtung des gegenüberliegenden Ufers bestimmt werden. Das Kap ward zur Sandbank und zur Untiefe, das Tal zur Bucht und ein Abgrund zu tiefem Wasser.

 

Nachdem ich eine Skizze (l:2000) vom Teich entworfen und meine Vermessungen – mehr als hundert – eingetragen hatte, konnte ich folgende, auffallende Beobachtung machen. Da ich sah, daß die Zahl, welche die größte Tiefe bezeichnete, augenscheinlich in der Mitte der Karte sich befand, legte ich ein Lineal erst der Länge und dann der Breite nach über meine Skizze, und fand zu meinem Erstaunen, daß die Linie der größten Länge die Linie der größten Breite genau im Punkte der größten Tiefe schnitt, obwohl die Mitte des Teiches fast eben war, obwohl die Außenlinien des Teiches durchaus keine Regelmäßigkeit zeigten und bei der Messung der größten Länge und Breite die Buchten mitgerechnet waren. Da sagte ich zu mir: Wer weiß, ob sich dieser Hinweis nicht ebensogut auf den tiefsten Teil des Ozeans wie auf Teich oder Pfütze bezieht? Gilt nicht das gleiche Prinzip auch in bezug auf die Höhe der Berge, wenn man sie als Gegenstück der Täler betrachtet? Wir wissen, daß der Hügel nicht an seinem schmalsten Teil am höchsten ist.

 

Von fünf Buchten zeigten drei – d. h. alle, die ich untersuchte – eine Sandbank quer vor ihrem Eingang, so daß die Bucht nicht nur eine horizontale, sondern auch eine vertikale Ausbreitung des Wassers in das Land darstellt. Sie scheint ein Wasserbecken oder ein selbständiger Teich zu sein. Die Richtung der beiden Vorgebirge gibt den Verlauf der Sandbank an. Auch jeder Hafen an der Meeresküste hat vor seiner Einfahrt seine Sandbank. Je weiter die Mündung der Bucht im Vergleich zu ihrer Länge war, desto tiefer war das Wasser über der Sandbank im Vergleich zu dem Wasser im Becken. Sind also Länge und Breite einer Bucht zugleich mit dem Charakter des umliegenden Ufers gegeben, so hat man Anhaltspunkte genug, um eine allgemeingültige Formel zu konstruieren.

 

Um auszufinden, wie genau ich nach meinem Prinzip die tiefste Stelle eines Teiches bestimmen könne (nur durch seine Umgrenzung und durch den Charakter seiner Ufer), machte ich eine Skizze vom Weißsee, der ungefähr vierzig Morgen bedeckt, und der wie Walden weder eine Insel noch einen sichtbaren Zufluß oder Abfluß besitzt. Und da die Linie der größten Breite nahe bei der Linie der kleinsten Breite lag, dort, wo zwei gegenüberliegende Vorgebirge sich einander näherten und zwei gegenüberliegende Buchten sich ins Land hinein erstreckten, so wagte ich es, einen Punkt, der nicht weit von dem kleinsten Breitendurchmesser, aber noch auf dem größten Längsdurchmesser lag als den tiefsten zu bezeichnen. In Wirklichkeit fand ich die tiefste Stelle hundert Fuß weiter in der Richtung, die mir von Anfang an allein in Betracht zu kommen schien. Hier maß ich sechzig Fuß, d. h. nur einen Fuß mehr als an der Stelle, die ich vorausbestimmt hatte. Würde eine Insel im Teich sich befinden, oder ein Fluß hindurchfließen, so würde dieses Problem natürlich viel komplizierter sein.

 

Würden wir alle Naturgesetze kennen, so wäre eine einzige Tatsache oder die Beschreibung eines einzigen realen Phänomens genügend, um alle Schlußfolgerungen zu ziehen. Nun kennen wir aber nur einige wenige Gesetze, und was wir aus ihnen folgern, ist mangelhaft, selbstverständlich nicht deshalb, weil in der Natur Verwirrung und Regellosigkeit herrschen, sondern weil wir die für das Problem wichtigsten Faktoren nicht kennen. Unsere Ideen über Gesetz und Einheit sind gewöhnlich auf Beispiele aus der Empirie gegründet. Die Einheit jedoch, die aus einer weit größeren Zahl scheinbar sich widersprechender, in Wirklichkeit aber übereinstimmender Gesetze sich ergibt, ist noch wunderbarer. Die einzelnen Gesetze ähneln unseren Gesichtspunkten. Für den Wanderer ändern sich ja auch die Umrisse eines Berges bei jedem Schritt. Er sieht eine unendliche Anzahl von Profilen, obwohl die Form in Wirklichkeit immer die gleiche bleibt. Auch wenn wir einen Berg zerspalten oder durchbohren, werden wir ihn nicht als "Ganzes" begreifen.

 

Was ich vom Teiche sagte, gilt mit der gleichen Wahrheit von der Moral. Auch die Moral steht unter der Lehre von den zwei Durchmessern. Diese Lehre führt uns nicht nur zur Sonne als zum Mittelpunkt eines Systems und zum Herzen des Menschen, sondern gibt uns auch, wenn wir Linien durch die Länge und Breite der Quintessenz des individuellen täglichen Menschenlebens, durch seine Lebenswellen bis hinein in alle Buchten und Zuflüsse ziehen, dort, wo diese Linien sich schneiden, über die Höhe oder die Tiefe des individuellen Charakters Aufschluß. Vielleicht brauchen wir nur zu wissen, wie seine Ufer verlaufen, wie das umliegende Land und seine Lebensbedingungen beschaffen sind, um uns über seine Tiefe, seinen verborgenen Grund klar zu werden. Ist er von Bergen, von einem achilleischen Ufer umgeben, überschatten Bergesgipfel seine Seele und spiegeln sich in ihr, so kann man daraus auf eine entsprechende Tiefe in ihm selbst schließen. Wo aber ein niederes, ebenes Ufer ihn begrenzt, dort ist er selbst seicht. Bei unserem Körper verrät die kühn gewölbte Stirn Gedankentiefe. Auch eine Sandbank liegt quer vor der Einfahrt zu all unseren Buchten oder besonderen Neigungen. Und eine jede Neigung ist eine Zeitlang unser Hafen, in welchem wir zurückgehalten werden und zum Teil auch verankert sind. Diese Neigungen sind meistens nicht durch Launen diktiert, sondern in Form, Größe und Richtung durch die Vorgebirge am Ufer – durch die alte Elevationsachse – bestimmt. Wenn diese Sandbank allmählich durch Stürme, Sturmstuten oder Strömungen zunimmt, oder wenn so viel Wasser abfließt, daß sie bis zur Oberfläche ragt, so wird die Stelle, welche anfangs nur eine Einbuchtung des Ufers darstellte, wo ein Gedanke vor Anker lag, zum selbständigen See. Er steht mit dem Ozean nicht in Verbindung. In ihm schafft jetzt der Gedanke sich seine eigenen Bedingungen. Er wandelt sich vielleicht vom Salzwassersee zum Süßwassersee, zum toten Meer oder zum Sumpf. Und sind wir nicht zu der Annahme berechtigt, daß bei der Ankunft eines jeden Menschen in diesem Leben eine Sandbank irgendwo auftaucht? Allerdings: wir sind solch klägliche Schiffer, daß unsere Gedanken meist an hafenloser Küste hin und her steuern, nur mit den Nothäfen in den Buchten der Poesie vertraut sind, den Kurs auf öffentliche wohlbewachte Häfen hin nehmen, Trockendocks aufsuchen, wo sie für diese Welt notdürftig wieder zusammengehämmert werden, und wo keine natürlichen Strömungen vorhanden sind, um sie zu individualisieren.

 

Walden hat, soviel ich weiß, keinen anderen Zufluß oder Abfluß als durch Regen, Schnee und Verdunstung. Doch könnten vielleicht mit Thermometer und Schnur solche Stellen in der Tiefe des Teiches gefunden werden, denn wo das Wasser einfließt, wird es im Sommer wahrscheinlich am kühlsten, im Winter am wärmsten sein. Als im Jahre 1846/47 Leute im Teich Eis hackten, wurden einzelne Blöcke, die ans Ufer gebracht waren von den Arbeitern, die sie aufstapelten, zurückgewiesen, da sie nicht dick genug waren, um mit den anderen ohne Schwierigkeit geschichtet zu werden. Auf diese Weise entdeckten diese Leute, daß an einer kleinen Stelle das Eis etwa zwei bis drei Zoll dünner war als anderswo. Dadurch wurden sie veranlaßt, hier einen Zufluß anzunehmen. Sie zeigten mir noch einen anderen Platz, wo sie einen "Leck" vermuteten, durch welchen der Teich nach der benachbarten Wiese einen Abfluß habe. Sie fuhren mich auf einer Eisscholle dorthin, um mir das Loch zu zeigen. Es war eine kleine Aushöhlung in zehn Fuß tiefem Wasser. Ich kann übrigens die volle Verantwortung dafür übernehmen, daß der Teich nicht "gelötet" zu werden braucht, falls sich nicht etwa ein größerer "Leck" als dieser findet. Man hat auch folgenden Vorschlag gemacht: Wenn solch ein Leck und durch ihn tatsächlich eine Verbindung mit der Wiese existiert, so ist es vielleicht möglich, den Zusammenhang dadurch nachzuweisen, daß man gefärbtes Pulver oder Sägespäne an seine Öffnung bringt und außerdem einen Filtrierstein über der Wiesenquelle befestigt. So mag es gelingen, kleine Teilchen, die durch die Strömung dorthin geschleppt sind, im Filter aufzufangen...

 

Während ich meine Vermessungen machte, schwankte das sechzehn Zoll dicke Eis unter dem leichten Winde wie Wasser. Es ist allgemein bekannt, daß eine Wasserwage auf dem Eis nicht verwendet werden kann. Sechzehneinhalb Fuß vom Ufer entfernt betrug die größte Schwankung, die durch eine am Ufer aufgestellte und mit einem auf dem Eise befindlichen Meßstabe verbundene Wasserwage gefunden wurde, dreiviertel Zoll. Mitten auf dem Teiche war die Schwankung vielleicht noch größer. Wer weiß, vielleicht könnten wir auch eine Schwankung der Erdrinde entdecken, wenn unsere Instrumente fein genug wären. Wenn zwei Beine des Gestells einer Wasserwage auf dem Lande standen und das dritte auf dem Eis sich befand, ferner das Visier über das Eis hinüber eingestellt war, so machte eine noch so unendlich kleine Schwankung des Eises an einem Baum des jenseitigen Ufers einen Unterschied von mehreren Fuß aus. Als ich zum Peilen Löcher in das Eis schnitt, fand ich drei bis vier Zoll hohes Wasser unter dem tiefen Schnee auf dem Eis. Er hatte es so weit hinabgedrückt. Das Wasser begann aber sofort in diese Löcher hineinzulaufen, floß zwei Tage in tiefen Strömen dahin, die das Eis nach jeder Richtung aushöhlten. Sie trugen hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich dazu bei, die Oberfläche des Teiches trocken zu legen. Und je mehr Wasser einfloß, desto mehr hob es und trug es das Eis. Wenn man ein Loch in den Boden eines Schiffes schneidet, um das Wasser herauszulassen, so ist das ein ähnlicher Vorgang. Wenn diese Löcher zufrieren, dann Regengüsse niederfallen und schließlich ein neuer Frost alles mit frischem, glattem Eis überzieht, so ist dieses unter der Oberfläche prächtig mit dunklen Ornamenten geschmückt, die in der Form etwas an Spinnweben erinnern und die man wohl als Eisrosetten bezeichnen könnte. Sie wurden durch die Kanälchen gebildet, welche das von allen Richtungen durch das Loch strömende Wasser ins Eis gegraben hatte. Bisweilen sah ich auch, wenn das Eis mit seichten Pfützen bedeckt war, meinen eigenen Schatten doppelt. Der eine stand auf dem Kopf des andern, der eine auf dem Eis, der andere auf den Bäumen oder am Abhang des Hügels.

 

Noch ists kalter Januar, Eis und Schnee sind noch dick und fest: da kommt der schlaue Gastwirt aus dem Dorf herbei, um Eis zum Kühlen seiner Sommergetränke zu holen. Wie außerordentlich, ja beinahe wie betrübend klug er ist, der jetzt im Januar der Julihitze und dem Julidurst vorbeugt – im Winterüberzieher und mit Fausthandschuhen! Als wenn es jetzt nichts Wichtigeres zu tun gebe! Vielleicht legt er keine Schätze in dieser Welt zurück, die seinen Sommerdurst in der nächsten Welt stillen werden. Er schneidet und sägt in dem gefrorenen Teich, deckt das Dach vom Haus der Fische ab und fährt ihr ureigenes Element und ihre Luft, die durch Ketten und Stöcke wie Holzhandel zusammengehalten werden, durch die günstige Winterluft fort in den Winterkeller. Dort mag der Sommer über sie hinziehen. Wie kristallisierter Azur sieht das Eis aus, wenn es in weiter Ferne die Straße entlang gefahren wird. Diese Eisarbeiter sind ein fröhlicher Menschenschlag, stets zu Scherz und Spaß aufgelegt. Wenn ich zu ihnen kam, pflegten sie mich einzuladen, ihnen beim Sägen zu helfen: sie wollten dabei über, ich sollte unter dem Eis stehen.

 

Im Winter 1846/47 eilten eines Morgens wohl an die hundert Männer von hyperboräischer Abkunft an unseren Teich mit vielen Wagenladungen plump aussehender Ackergeräte, mit Schlitten, Rechen, Pflügen, Bohreggen, Rasenstechern, Schaufeln, Sägen und Harken. Außerdem war jeder Mann mit einer zweispitzigen Pike versehen, die im "Farmer in Neuengland" oder im "Cultivator" nicht beschrieben ist. Ich wußte nicht genau, ob sie Winterroggen oder irgend eine andere von Island importierte Getreideart säen wollten. Da ich keinen Dünger sah, dachte ich: Die wollen es treiben wie Du selbst – Rahm abschöpfen; denn nach ihrer Ansicht ist der Boden tief genug und hat lange genug brach gelegen. Sie erzählten mir, ein Herr Landwirt, der nicht genannt sein wolle, wünsche sein Geld (das, soviel ich erfahren konnte, sich bereits auf eine halbe Million belief) zu verdoppeln. Um aber jeden Dollar mit einem zweiten bedecken zu können, zog er dem Walden den einzigen Rock, ja die Haut selbst ab – mitten im strengen Winter!... Sie machten sich sofort an die Arbeit, pflügten, eggten, walzten und zogen Furchen, alles mit staunenswerter Genauigkeit, als ob sie fest entschlossen seien, hier eine Musterfarm einzurichten. Als ich aber genauer hinsah, um zu erfahren, was für Saat sie in die Furchen senkten, begann eine Anzahl der Gesellen neben mir mit einem ganz eigenartigen Ruck plötzlich den jungfräulichen Erdboden bis auf den Sand oder vielmehr bis auf das Wasser hinab – denn es war Quellenland – also die ganze terra firma herauszuholen und auf Schlitten fortzuschaffen. Da erriet ich, daß sie Torf im Moore stachen. So kamen und gingen sie tagaus tagein von und nach einem Ort der eisigen Zone, während die Lokomotive auffallend laut dazu kreischte. Ich verglich diese Menschen mit einer Schar arktischer Schneevögel. Doch bisweilen rächte sich Squaw Walden. Dann glitt einer der Knechte, der hinter dem Gespann herschritt, durch einen Spalt hinunter zum Tartarus, und er, der vorher so mutig war, zitterte plötzlich wie ein Schneiderlein, büßte all seine animalische Wärme ein und war froh, in meinem Haus Zuflucht zu finden, wo er aufs neue die Überzeugung gewann, daß ein Ofen nicht zu verachten ist. Bisweilen brach die gefrorene Erde auch ein Stück Stahl aus der Pflugschar, oder der ganze Pflug blieb in einer Erdfurche stecken und mußte herausgehackt werden.

 

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß täglich hundert Irländer mit Yankeeaufsehern von Cambridge kamen, um Eis zu holen. Sie schnitten es in Blöcke – die Methode ist ja allgemein bekannt und bedarf keiner Beschreibung – brachten diese auf Schlitten ans Ufer und dort geschwind auf eine erhöhte Eisplatte. Mit Enterhaken, Rollen und Flaschenzügen, die durch Pferde in Bewegung gesetzt wurden, wurden sie so exakt übereinander gelegt, wie eine gleiche Anzahl Mehlfässer, Seite an Seite, Reihe über Reihe, als ob sie das feste Postament eines wolkenspaltenden Obelisken bilden sollten. Die Arbeiter sagten mir, daß sie an einem Tage tausend Tonnen, ungefähr die Ausbeute von einem Morgen, herausbrächten. Tiefe Furchen und "Runzeln" wurden in das Eis gegraben, wie auf terra firma, wo die Schlitten in den gleichen Spuren fahren. Die Pferde fraßen ihren Hafer aus eimerartigen Krippen, die ins Eis gehauen waren. Die Arbeiter türmten die Blöcke in freier Luft zu einem Pfeiler auf, der fünfunddreißig Fuß hoch war und ungefähr dreißig bis zweiunddreißig Meter im Quadrat bedeckte. Sie stopften Heu zwischen die Außenblöcke, um die Luft abzuhalten. Denn wenn der Wind auch noch so eisig hindurchbläst, er frißt doch große Höhlungen hinein, läßt nur hier und da eine leichte Stütze oder einen Eckpfeiler stehen und wirft schließlich den ganzen Turm um. Anfangs sah dieser Eisbau wie eine große blaue Festung oder wie Walhalla aus. Als die Arbeiter aber anfingen, grobes Wiesenheu zwischen die Spalten zu stecken, und als dieses mit Rauhfrost und Eiszapfen sich bedeckte, sah er wie eine ehrwürdige, moosbewachsene, bereifte, aus azurfarbenem Marmor gebaute Ruine aus, wie die Wohnung des Winters, jenes alten Herrn, dessen Bild wir in jedem Almanach erblicken und der sich augenscheinlich entschlossen hatte, mit uns zu übersommern. Die Leute berechneten, daß kaum fünfundzwanzig Prozent dieses Eises den Bestimmungsort erreichen würden, daß zwei bis drei Prozent im Eisenbahnwagen verloren würden. Ein noch größerer Teil dieses Eishauses hatte jedoch ein anderes Schicksal, als ihm zugedacht war. Entweder hielt sich das Eis nicht so gut, als man erwartet hatte, oder es war trotz aller Vorsichtsmaßregeln zu sehr mit der Luft in Berührung – kurz, es kam aus diesem oder jenem oder noch einem anderen Grunde nie zum Verkauf. Schließlich wurde diese im Winter 1846/47 errichtete Eisburg, deren Gehalt man auf zehntausend Tonnen schätzte, mit Heu und Brettern zugedeckt. Trotzdem sie dann im nächsten Juli wieder bloßgelegt und teilweise fortgeschafft wurde und trotzdem der Rest der Sonne ausgesetzt war, blieb sie während dieses Sommers und des nächsten Winters stehen und war erst im September 1848 ganz geschmolzen. Auf diese Weise erhielt der Teich den größten Teil zurück.

 

Das Eis des Walden zeigt, in der Nähe gesehen, wie sein Wasser eine grünliche Färbung. In der Ferne dagegen nimmt es eine herrliche Blaufärbung an und ist ohne Mühe – selbst auf eine viertel Meile hin – von dem weißen Eis des Flusses oder von dem durchaus grünen einiger Teiche zu unterscheiden. Bisweilen gleitet solch ein großer Eisblock vom Schlitten des Fuhrmanns auf die Dorfstraße hinab und bleibt dort, wie ein großer Smaragd eine Zeitlang liegen – ein Gegenstand des Interesses für alle Vorübergehenden. Ich bemerkte, daß ein Teil des Walden, dessen Wasser eine grüne Farbe zeigte, gefroren und von derselben Seite aus gesehen, blau erschien. So sind auch die in der Nähe des Teiches befindlichen Erdeinsenkungen manchmal mit Wasser gefüllt, das so grün ist wie der Teich selbst, das aber, am nächsten Tage gefroren, blau aussieht. Die blaue Farbe des Wassers und des Eises ist vielleicht auf ihren Gehalt an Licht und Luft zurückzuführen: je stärker die Durchsichtigkeit desto intensiver das Blau. Eis ist für die Betrachtung ein interessanter Gegenstand. Man hat mir erzählt, daß in einigen Eishütten am Fresh Pond fünf Jahre altes Eis noch nichts an Qualität verloren habe. Warum verdirbt ein Eimer voll Wasser so schnell und warum bleibt es gefroren immer frisch? Derselbe Unterschied, hörte man häufig sagen, besteht zwischen den Leidenschaften und dem Verstand ...

 

So sah ich denn sechzehn Tage lang von meinem Fenster aus hundert Männer wie fleißige Farmer bei der Arbeit mit Wagen und Pferden und Ackergeräten aller Art: ein Bild, wie es uns die erste Seite eines Almanachs zeigte. Und jedesmal, wenn ich zu ihnen hinüberschaute, mußte ich an die Fabel von der Lerche und den Schnittern, an das Gleichnis vom Sämann und an ähnliche Dinge denken. Jetzt sind sie alle fort. Und wenn wieder dreißig Tage verflossen sind, dann werde ich vielleicht durch dasselbe Fenster auf das reine, meergrüne Waldenwasser hinausschauen, in welchem Wolken und Bäume sich spiegeln, während er einsam seinen Atem in die Luft sendet. Keine Spur wird darauf hindeuten, daß je ein Mensch hier stand. Vielleicht werde ich wieder einen einsamen Taucher lachen hören, wenn er untertaucht oder sein Gefieder putzt. Vielleicht sehe ich dann wieder einen einsamen Fischer in seinem Boot, das einem auf den Wellen tanzenden Blatt gleicht, einen einsamen Fischer, der in den Fluten gerade dort sein eigenes Bild erblickt, wo noch vor kurzer Zeit hundert Männer furchtlos arbeiteten.

 

So weiß ich also, daß die verschmachtenden Einwohner von Charleston und New Orleans, von Madras, Bombay und Kalkutta aus meinem Quell trinken. Morgens bade ich meinen Geist in der unbegreiflich hohen und kosmogonischen Philosophie der Bhagavad-Gitâ, seit deren Geburt Götterjahre verflossen sind und im Vergleich zu der unsere moderne Welt und unsere moderne Philosophie schwach und flach erscheinen. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß diese Philosophie auf einen früheren Daseinszustand zurückgeführt werden muß, der in seiner Erhabenheit unserem Verstande unfaßlich ist ... Ich lege das Buch aus der Hand und gehe zu meinem Quell, um Wasser zu schöpfen. Und siehe da! Dort treffe ich den Diener des Brahminen, des Priesters von Brahma, Vishnu und Indra. Noch immer sitzt er in seinem Tempel am Ganges und liest in den Veden, oder er lebt zu Füßen eines Baumes mit seiner Brotrinde und seinem Wasserkrug. Ich treffe den Diener, der Wasser für seinen Herrn holt und unsere Eimer klirren gleichsam aneinander in demselben Quell ... Das reine Waldenwasser ist mit des Ganges heiligen Fluten vermischt. Günstige Winde treiben es fort, vorbei an der Stelle, wo einst die Märcheninseln der Atlantis und der Hesperiden lagen. Es macht den Periplus des Hanno, flutet an Ternate und Tidore und an der Mündung des persischen Golfes vorbei, zerstäubt unter den tropischen Stürmen des indischen Ozeans und landet in Häfen, von denen Alexander nur den Namen hörte.

 

Frühling

 

Wenn die Eisarbeiter große Flächen abtragen, so bricht der Teich meistens früher auf, da das vom Wind bewegte Wasser selbst bei kaltem Wetter das die Löcher umgrenzende Eis wegfrißt. Das traf in diesem Jahr beim Walden nicht zu, denn er hatte schon bald wieder ein neues, dickes Wams an Stelle des geraubten angezogen. Dieser Teich wird nie so zeitig eisfrei wie andere in der Nachbarschaft, erstens, weil er größere Tiefe besitzt und zweitens, weil kein Fluß durch ihn hindurchfließt, der das Eis schmelzen oder aushöhlen könnte. Ich erinnere mich nicht, daß er jemals im Winter aufbrach, selbst nicht im Winter 1852/53, wo die Teiche auf eine harte Probe gestellt wurden. Gewöhnlich fängt er ungefähr am ersten April an aufzutauen, acht bis zehn Tage nach dem Flintteich und nach Fair Haven. Das Eis schmilzt zuerst an der Nordseite und an jenen seichten Stellen, an denen es auch zuerst sich bildete. Er zeigt besser als irgend ein anderes Wasser ringsum den absoluten Fortschritt der Jahreszeit an, da er von vorübergehenden Temperaturschwankungen am wenigsten beeinflußt wird. Wenn es im März einige recht kalte Tage hintereinander gibt, so kann dadurch das Auftauen der erstgenannten Teiche bedeutend verzögert werden, während die Temperatur im Waldensee nahezu konstant steigt. Ein am 6. März 1847 in der Mitte des Walden ins Wasser versenktes Thermometer zeigte 32° Fahrenheit, also den Gefrierpunkt. Nahe am Ufer gab es 33° an; in der Mitte vom Flintteich an demselben Tage 32 ½°, und etwa fünfzig Meter vom Ufer entfernt in seichtem Wasser unter fußdickem Eis 36°. Dieser Unterschied von 3 ½° zwischen der Temperatur des tiefen und des seichten Wassers im Flintteich und die Tatsache, daß ein großer Teil dieses Gewässers verhältnismäßig flach ist, erklären, weshalb es so viel früher aufbricht als der Walden. Das Eis war an den seichten Stellen mehrere Zoll dünner als in der Mitte. Im strengen Winter war die Mitte am wärmsten und das Eis daselbst am dünnsten. Jeder, der einmal im Sommer am Ufer eines Teiches gewatet hat, konnte beobachten, wieviel wärmer das Wasser dicht am Ufer ist (wo die Tiefe nur drei bis vier Zoll beträgt), als etwas weiter hinaus, wieviel wärmer tiefes Wasser in der oberen Schicht als nahe am Grunde ist. Im Frühjahr übt die Sonne nicht nur durch die erhöhte Temperatur der Erde und der Luft Einfluß aus, sondern ihre Wärmestrahlen dringen durch mehr als fußdickes Eis, werden in seichtem Wasser vom Boden reflektiert, wärmen also das Wasser und bringen die Unterfläche des Eises zum Schmelzen, während sie gleichzeitig und auf direktem Wege auch die Oberfläche bearbeiten, so daß sie uneben wird und die Luftblasen im Eise sich nach oben und unten ausdehnen, bis die Eisfläche endlich ganz wie eine Honigscheibe aussieht und während eines Frühlingsregens plötzlich verschwindet. Das Eis hat seine Faserung so gut wie das Holz, und wenn ein Eisstück anfängt zu zerfallen oder Zellen zu bilden, d. h. wenn es das Aussehen einer Honigscheibe annimmt, so stehen die Luftzellen rechtwinklig zur ehemaligen Wasseroberfläche, ganz einerlei, in welcher Lage sich das Eisstück befindet. Dort, wo ein Felsen oder ein Baumstumpf nahe an die Oberfläche emporragt, ist das Eis bedeutend dünner, ja es ist sogar häufig durch die zurückgestrahlte Wärme völlig geschmolzen. In Cambridge hat man, wie mir erzählt wurde, den Versuch gemacht, Wasser in einem flachen Holzgefäß zum Gefrieren zu bringen. Dabei stellte sich heraus, daß die vom Boden des Gefäßes reflektierten Sonnenstrahlen, die unter dem Gefäß und auch zu beiden Seiten zirkulierende kalte Luft an Kraft übertrafen. Wenn ein warmer Regen mitten im Winter den Schnee auf dem Waldeneis zum Schmelzen bringt und in der Mitte hartes, dunkles oder durchsichtiges Eis zurückläßt, so sieht man meistens am Ufer einen etwa sechzehn Fuß breiten Streifen aus brüchigem, wenn auch dickerem Eise. Er verdankt sein Aussehen der zurückgestrahlten Wärme. Obendrein wirken, wie ich früher bereits einmal erwähnte, die im Eis befindlichen Blasen selbst als Brenngläser und bringen das unter ihnen befindliche Eis zum Schmelzen.

 

Die Erscheinungen des Jahres spielen sich in kleinem Maßstabe täglich an einem Teiche ab. Jeden Morgen wird – im großen und ganzen gesprochen – das flache Wasser schneller erwärmt als das tiefe (es braucht darum durchaus nicht so warm zu werden wie dieses), und an jedem Abend wird es rascher bis zum Morgen abgekühlt. Der Tag ist ein kurzer Auszug des Jahres. Die Nacht ist dem Winter, Morgen und Abend sind dem Frühling und Herbst zu vergleichen und der Mittag ist die Sommerglut. Das Krachen und Dröhnen des Eises zeigt eine Temperaturveränderung an. An einem prächtigen Morgen nach einer kalten Nacht, am 24. Februar 1850, war ich zum Flintteich gewandert, um dort den Tag zuzubringen. Da bemerke ich mit Erstaunen, daß im Eis, wenn ich mit dem dicken Ende meiner Axt daraufschlug, viele Meter weit ringsum ein Klang sich fortpflanzte, als ob ich ein Gongong oder eine straff gespannte Trommel berührt habe. Ungefähr eine Stunde nach Sonnenaufgang, sobald der Einfluß der Sonnenstrahlen sich bei ihm bemerkbar machte, die über die Hügelspitzen auf ihn herniederfielen, begann der Teich zu krachen. Er reckte und streckte sich, gähnte wie ein erwachender Mensch unter allmählich zunehmendem Spektakel. Das dauerte ungefähr drei bis vier Stunden lang. Um die Mittagszeit hielt er ein kleines Schläfchen, um gegen Abend, wenn er die Sonne nicht mehr spürte, abermals zu krachen. Ist das Wetter günstig, dann feuert ein Teich sein Abendgeschütz mit großer Regelmäßigkeit ab. Nur um die Mittagszeit, wo er viele Wunden besitzt und wo auch die Luft weniger elastisch ist, verliert er seine Resonanz ganz und gar. Wenn man dann auf ihn schlägt, jagt man den Fischen und den Bisamratten keinen Schrecken ein. Die Fischer glauben, daß das Donnern des Teiches die Fische scheu macht, und daß sie deshalb nicht anbeißen. An jedem Abend donnert der Teich übrigens nicht. Auch läßt sich nicht mit Bestimmtheit voraussagen, wann es geschehen wird. Wenn ich auch keinen Witterungswechsel bemerke, er kann es. Wer hätte solch ein großes, kaltes und dickhäutiges Geschöpf für so empfindlich gehalten? Doch auch ein Teich steht unter bestimmten Gesetzen, denen er donnernd Gehorsam bezeugt, wenn er so sicher wie die Knospen im Frühling aufbrechen muß. Überall lebt die Erde, überall ist sie mit Papillen bedeckt. Der größte Teich ist so empfindlich für atmosphärische Veränderungen wie das Quecksilbertröpfchen in seiner Röhre.

 

Zu meiner Niederlassung in den Wäldern bestimmte mich auch der Umstand, daß ich dort Muße und Gelegenheit finden konnte, den Frühlingseinzug zu beobachten. Endlich fängt das Teicheis an wie eine Honigscheibe auszusehen. Ich kann meinen Schuhabsatz hineinbohren, wenn ich hinübergehe. Nebel, Regenschauer und wärmere Strahlen schmelzen allmählich den Schnee. Die Tage sind schon merklich länger geworden. Ich weiß jetzt, daß ich in diesem Winter meinen Holzvorrat nicht mehr zu ergänzen brauche. Großer Feuer bedarf es nicht mehr. Aufmerksam fahnde ich nach dem ersten Anzeichen des Frühlings, nach dem ersten verlorenen Zwitschern eines ankommenden Vogels, nach dem Gezirpe des gestreiften Eichhörnchens – denn sein Proviant muß jetzt beinahe verzehrt sein –, nach dem ersten Ausfall des Murmeltieres aus seinem Winterlager. Schon hatte ich die blaue Grasmücke, den Singsperling und die Weindrossel gehört, und doch war am 13. März das Eis noch fast einen Fuß dick. Als wärmeres Wetter eintrat, wurde es nicht auffallend vom Wasser weggefressen, brach auch nicht auf und wurde nicht wie in Flüssen fortgetrieben. Am Ufer war es zwar in einer Ausdehnung von ungefähr 1 ¾ Metern ganz weggeschmolzen, in der Mitte dagegen hielt es stand, sah zellig aus und war mit Wasser so sehr durchtränkt, daß man seinen Fuß selbst dort, wo es sechs Zoll dick war, hindurchstoßen konnte. Am nächsten Tage war es – vielleicht durch einen warmen Regen, dem Nebel folgte – ganz verschwunden, mit dem Nebel auf und davon – im Nebel entführt. Einmal war ich sogar noch über die Mitte gegangen fünf Tage bevor es gänzlich verschwunden war. 1845 war Walden am 1. April völlig eisfrei. 1846 am 25. März; 1847 am 8. April; 1851 am 28. März; 1852 am 18. April; 1853 am 23. März; 1854 ungefähr am 7. April. Jeder Vorgang, der mit dem Aufbrechen der Flüsse und Teiche und mit regelmäßigerer Witterung zusammenhängt, ist besonders für uns, die wir in einem solch großen Schwankungen unterworfenen Klima leben, interessant. Wenn wärmere Tage kommen, dann hören die in der Nähe der Flüsse wohnenden Menschen während der Nacht das Krachen und erschreckende Dröhnen des Eises, das wie Artilleriefeuer klingt, oder als ob der Fluß seine Eisfesseln kurz und klein reißen wolle. Nach wenigen Tagen sehen sie dann das Eis hurtig davontreiben. So kriecht der Alligator aus dem Schlamme empor, wenn die Erde erbebt. Ein alter Mann, ein scharfer Beobachter der Natur, der all ihr Tun und Treiben so gut zu kennen scheint, als ob sie während seiner Kinderjahre auf Dock gelegen und er beim Einsetzen ihres Kieles geholfen hätte, dieser alte Mann, der, selbst wenn er so alt wie Methusalem werden sollte, sich kaum mehr natürliche Kenntnisse erwerben wird, erzählte mir (und ich war erstaunt, daß irgend ein Vorgang in der Natur ihn in Erstaunen setzen konnte, weil ich glaubte, zwischen ihr und ihm bestände kein Geheimnis), daß er an einem Frühjahrstage seine Flinte genommen und das Boot bestiegen habe, um sich ein wenig mit den Enten zu unterhalten. Die Wiesen waren noch mit Eis bedeckt, der Fluß dagegen war eisfrei und ohne Mühe kam er von Sudbury zum Fair Haven-Teich hinab, den er zu seinem Erstaunen mit festem Eis bedeckt fand. Der Tag war warm und er wunderte sich, wie eine solch große Eismasse sich noch behaupten konnte. Da er keine Enten sah, verbarg er sein Boot an der Nordseite, d. h. an der Rückseite einer Insel, und versteckte sich dann selbst in dem Unterholz an der Südseite, um auf die Tiere zu warten. Am Ufer war das Eis im Umkreis von zwölf bis fünfzehn Metern geschmolzen. Das Wasser war dort ruhig und warm, der Grund schlammig, wie ihn Enten lieben. Er glaubte, die Tiere würden sich schon bald einfinden. Nachdem er ungefähr eine halbe Stunde lang ruhig dort verweilt hatte, hörte er ein dumpfes und augenscheinlich sehr entferntes, aber ein eigenartig erhabenes und eindrucksvolles Geräusch, das sich mit keinem anderen je von ihm gehörten Laut vergleichen ließ. Immer mehr schwoll es an, als ob eine furchtbare Weltkatastrophe herannahe. Und plötzlich kam es ihm so vor, als ob dieses dumpfe Rauschen und Brausen von einem großen Schwärm Wasservögel herrühre, die sich hier niederlassen wollten. So griff er den schnell seine Büchse und sprang erregt empor. Da fand er zu seiner Überraschung, daß der ganze Eiskörper sich während seines Wartens in Bewegung gesetzt hatte und gegen das Ufer trieb. Das Geräusch aber, das er vernommen hatte, war durch das Reiben des Eises am Ufer erzeugt. Erst wurde es stückweise abgebröckelt und abgespalten, dann aber türmte es seine Schollen zu einer beträchtlichen Höhe am Ufer des Teiches empor, bevor es zum Stillstand kam.

 

Endlich haben die Sonnenstrahlen den rechten Winkel erreicht. Warme Winde blasen Nebel und Regen fort und schmelzen die Schneehaufen. Die Sonne zerteilt den dunstigen Schleier und lacht auf eine rotbraun und weiß getüpfelte Landschaft herab, die Weihrauch zu ihr emporsendet, und durch welche der Wanderer von Inselchen zu Inselchen seinen Weg sucht, während ihn der Gesang von tausend murmelnden Bächlein und Flüßchen erfreut, die in ihren Adern Winterblut davontragen.

 

Selten hatte ich größere Freude an der Beobachtung einer Naturerscheinung als beim Anblick jener Formen, welche im auftauenden Sand und Ton zutage traten, wenn Sand oder Ton an den Seiten eines tiefen Eisenbahnhohlweges, an welchem ich auf meinem Wege zum Dorf vorbeikam, herabflossen. In solch großem Maßstabe sieht man dieses Phänomen nicht sehr häufig, obwohl die Anzahl frisch aufgeworfener Dämme aus diesem Material sich seit der Erfindung der Eisenbahnen sehr vermehrt haben muß. Das Material bestand aus Sand in allen Feinheitsgraden und in verschiedenen warmen Farben, meistens mit ein wenig Ton vermischt. Wenn die Kälte im Frühjahr nachläßt, ja selbst an einem Tautag im Winter beginnt der Sand die Abhänge hinunterzufließen wie Lava, wobei er bisweilen durch den Schnee hindurchbricht und ihn dort, wo bisweilen kein Sand zu sehen war, überschwemmt. Zahllose kleine Bäche überspringen einander, verflechten sich miteinander, wodurch ein hybrides Gebilde entsteht, das halb dem Gesetz der Strömung, halb dem der Vegetation gehorcht. Beim Fließen nimmt es die Gestalt saftiger Blätter oder Ranken an, bildet Haufen weicher Zweige, die mehr als einen Fuß dick sind und die, wenn man auf sie niedersieht, dem ausgezackten gelappten und dachziegelförmigen Thallus einiger Flechten gleichen. Oder man wird an Krallen erinnert, an Leopardentatzen oder Vogelfüße, an Hirn, Lungen oder Gedärme, an Exkremente aller Art. Es ist wirklich eine groteske Vegetation, deren Form und Farbe wir in Bronze nachgeahmt sehen, eine Art architektonisches Laubwerk, älter und typischer als Akanthus, Zichorie, Epheu, Rebe oder irgend ein Pflanzenblatt. Vielleicht ist sie dazu bestimmt, unter gewissen Umständen den Geologen der Zukunft Rätsel aufzugeben. Der ganze Hohlweg machte auf mich den Eindruck einer mit Tageslicht überfluteten Stalaktitenhöhle. Die mannigfachen Schattierungen des Sandes sind auffallend reich und ansprechend. Sie umfassen die verschiedenen Eisenfarben, braun, grau, gelblich und rötlich. Wenn die flutende Masse den Graben erreicht, so breitet sie sich flacher in Strähnen aus. Die getrennten Ströme verlieren ihre halbzylindrische Form, werden allmählich flacher und breiter und vereinigen sich, sobald mehr Feuchtigkeit sie durchdringt, so daß sie schließlich einen flachen Strand bilden, der noch immer mannigfaltig und prächtig schattiert ist, und in dem man noch die ursprüngliche Pflanzenform zu erkennen vermag. Schließlich werden sie im Wasser zu Sand, zu Sandbänken, wie sie sich vor Flußmündungen bilden. Dann verliert sich die Pflanzenform in den welligen Erhebungen des Grundes.

 

Die ganze etwa zwanzig bis dreißig Fuß hohe Böschung ist an einer Seite und bisweilen gar an zwei Seiten mit Massen dieses Blätterwerkes oder dieses "Sandbruches" eine viertel Meile lang bedeckt. Sie alle schuf ein einziger Frühlingstag! Dieses Sandlaub ist deswegen so merkwürdig, weil es so außerordentlich schnell sich entfaltet. Wenn ich an der einen Seite die träge Dammböschung entlang sehe – denn die Sonne arbeitet zuerst nur an einer Seite – und an der anderen dieses üppige Laubwerk erblicke, so habe ich das Gefühl, als ob ich gewissermaßen in der Werkstatt jenes Künstlers stände, der die Welt und mich geschaffen hat, als ob ich zu ihm gekommen sei, während er noch bei der Arbeit ist und gerade diese Böschung spielend schafft, im Übermaß der Kraft neue Ornamente hier verstreuend. Ich habe das Gefühl, als ob ich den Eingeweiden des Erdballes näher stehe, denn diese sandige Überschwemmung ist gewissermaßen eine solch verzweigte Masse wie die Eingeweide des animalischen Körpers. So findet man also sogar im Sand eine Antizipierung des Pflanzenblattes. Kein Wunder, daß die Erde sich nach außen in Blättern ausspricht, da in ihr dieser Gedanke wohnt. Die Atome haben schon dieses Gesetz gelernt und sind damit erfüllt. Das schattenspendende Blatt sieht hier sein Vorbild. Innerlich, einerlei ob im Erdball oder im menschlichen Körper, ist es ein feuchter dicker Lappen, ein Wort, das sich besonders auf Leber, Lungen und Fettlappen anwenden läßt, λειβω, labor, lapsus, laufen oder gleiten, "Lapsus"; γοβοσ, globus, lobe, globe, auch lap, lappen, flap, klappen, und viele andere. Äußerlich ist es ein dünnes Blatt (engl. leaf) und f und v sind getrocknete b. Die Wurzel von lobe (Lappen) ist Ib: die weiche Masse des b einlappig oder B doppellappig; dazu das flüssige I, das sie vorwärts schiebt. In globe, glb, wird die Funktion des Rachens zu Hülfe genommen, um durch das g den Sinn des Wortes zu vermehren. Die Federn und Flügel der Vögel sind noch trockenere, dünnere Blätter. So werden wir also aus der plumpen Larve im Erdboden zum luftigen, flatternden Schmetterling. Der Erdball selbst übertrifft sich beständig und wird in seiner Bahn beflügelt. Selbst das Eis gleicht anfangs Kristallblättern, als ob es in Formen geflossen wäre, die das Laub der Wasserpflanzen in den Wasserspiegel eindrückte. Ja, der ganze Baum ist nur ein Blatt. Flüsse sind noch größere Blätter; die zwischen ihren Windungen liegende Erde ist ihr Fleisch und die Städte und Städtchen sind die Insekteneier in den Winkeln, welche von den Abzweigungen gebildet werden.

 

Nach Sonnenuntergang hört der Sand zu fließen auf. Am Morgen beginnen die Ströme jedoch aufs neue zu fluten, und zahllose Verästelungen zu bilden. Hier kann man vielleicht beobachten, wie Blutgefäße sich bilden. Beim genauen Hinsehen bemerkt man, daß zuerst von der tauenden Masse ein Strom weichen Sandes, dessen Spitze wie ein Tropfen aussieht sich absondert, daß dieser Strom, wie eine Fingerspitze langsam und blind seinen Weg abwärts tastet, bis dann schließlich, während die Sonne höher und höher steigt und mehr Hitze und Feuchtigkeit sich entwickelt, der flüssigste Teil in seinem Bestreben, dem Gesetz zu gehorchen, dem auch der schwerfälligere Teil unterworfen ist, sich von dem Hauptstrom abtrennt und selbständig eine gewundene Rinne oder Arterie bildet, in welcher kleine, silberne Ströme von einem Teil der fleischigen Blätter oder Zweige zum anderen wie Blitze leuchten und bisweilen vom Sand verschlungen werden. Es ist wunderbar, wie schnell und mit welcher Vollkommenheit der Sand beim Fließen sich formt, indem er das beste Material, das in seiner Masse enthalten ist, benutzt, um die scharfen Ufer seines Kanals zu bilden. So mag es auch an den Quellen der Flüsse geschehen. Vielleicht ist in den Silikaten, die das Wasser absetzt, das Knochengerüst und in dem noch feineren Erdsediment und in den organischen Stoffen die Fleischfaser oder das Zellengewebe enthalten. Was ist der Mensch anders als eine Masse auftauenden Tones? Die Fingerspitze des Menschen ist ein erstarrter Tropfen. Die Finger und die Zehen stießen von der auftauenden Masse des Körpers nach der äußersten Peripherie des Körpers hin fort. Wer weiß, wie der menschliche Körper sich unter einem noch lieblicheren Himmel ausdehnen, wie er überströmen würde! Ist nicht die Hand ein Palmblatt mit seinen Läppchen und Adern? Das Ohr mit seinem Läppchen oder Tröpfchen kann man, wenn man die Phantasie zu Hülfe nimmt, als eine Flechte, umbilicaria, an den Seiten des Kopfes betrachten. Die Lippen ( labium von labor?) sind Lappen oder Auslappungen an den Seiten der Mundhöhle. Die Nase ist augenscheinlich ein geronnener Tropfen, ein Stalaktit. Das Kinn ist ein noch größerer Tropfen – der Tropfenfall vom Gesicht sammelt sich hier an. Die Wangen sind von der Stirn in das Tal des Gesichtes hinuntergerutscht: durch die Backenknochen wurden sie aufgehalten und breiteten sich flächenhaft aus. Jedes abgerundete Läppchen eines Pflanzenblattes ist ebenfalls ein dicker, jetzt zaudernder, größerer oder kleinerer Tropfen. Die Zacken sind die Finger des Blattes, und so viele Zacken es hat, nach so vielen Richtungen will es fließen. Noch mehr Wärme oder andere ihm zusagende Einflüsse würden es veranlaßt haben, noch weiter sich auszubreiten.

 

So hatte es den Anschein, als ob dieser eine Hügelabhang das Prinzip aller Naturvorgänge enthülle. Der Schöpfer dieser Erde patentierte nur ein Blatt. Welcher Champollion wird diese Hieroglyphe für uns enträtseln, damit wir schließlich ein neues Blatt umwenden können? Dieses Phänomen gewährte mir größere Freude als die üppige Fruchtbarkeit der Weingärten. Allerdings: es hat etwas Exkrementartiges in seinem Charakter und die Zahl der Haufen aus Lebern, Lungen und Gedärmen nimmt kein Ende, als ob der Erdball gewendet wäre und die Innenseite nach außen läge ... Aber man wird hierdurch wenigstens daran gemahnt, daß die Erde Eingeweide besitzt und auch hier die Mutter der Menschheit ist ... Das ist der Frost, der aus dem Boden kommt – das ist Frühling ... Er ist der Vorbote des grünen, blühenden Frühlings, wie die Mythologie der Vorbote der Dichtkunst an sich ist. Nichts reinigt uns besser von Winterqualen und Verdauungsschwäche. Er überzeugt mich, daß Mutter Erde noch immer in den Windeln liegt und ihre Kinderfinger nach allen Seiten ausstreckt. Frische Locken bedecken die nackteste Stirn. Nichts Anorganisches ist zu bemerken. Diese Haufen Laubwerk liegen den Damm entlang wie die Schlacken eines Ofens und beweisen, daß die Natur innen "unter Hochdruck" steht. Die Erde ist durchaus kein Fragment toter Geschichte, wo stratum über stratum, wie eine Druckseite über der anderen liegt, kein Fragment, das Geologen und Archäologen hauptsächlich erforschen sollen, sondern lebendige Dichtung wie die Blätter eines Baumes, die den Blüten und Früchten vorauseilen – keine versteinerte, sondern lebendige Erde. Mit ihrem gewaltigen, zentralen Leben verglichen erscheint alles animalische und vegetabilische Leben nur schmarotzerhaft. Ihr Kreißen wird unsre exuviae aus den Gräbern heben. Und wenn wir auch Metalle schmelzen und ihnen die schönsten Formen geben: sie können mich nicht so ergreifen, wie die Formen, in welche diese geschmolzene Erde sich ergießt. Nicht nur die Erde, nein auch ihre Satzungen sind plastisch wie der Ton in des Töpfers Hand.

 

Und gar bald kommt nicht nur aus diesen Dämmen, sondern aus jedem Hügel, aus der Ebene und aus jeder Höhlung der Frost aus dem Boden, wie ein schläfriger Vierfüßler aus seinem Schlupfwinkel hervor, wandert mit Gesang dem Meere zu oder zieht in den Wolken in fremde Lande. Tau ist mit seiner milden Überredungskunst mächtiger als Thor mit seinem Hammer. Der eine schmilzt – der andere zertrümmert nur.

 

Als der Boden teilweise schneefrei war und einige warme Tage seine Oberfläche etwas getrocknet hatten, war es ein Genuß, die ersten zarten Zeichen des eben aus der Erde hervorlugenden, neugeborenen Jahres mit der stolzen Schönheit der verdorrten Vegetation zu vergleichen, welche den Winter überdauert hatte. Immergrün, Goldstab, die Spierstaude und anmutiges, wildes Gras fallen jetzt mehr auf, erwecken jetzt mehr Interesse als im Sommer, als ob ihre Schönheit erst jetzt zu voller Reife gelangt sei. Und das Woll- und Katzenschwanzgras, Wollkraut, Beifuß-, Nadel- und Mehlkraut und andere Pflanzen mit derbem Stengel, diese unerschöpflichen Kornspeicher, welche den ersten Vögeln Nahrung gewähren, gleichen dem bescheidenen Gewand, das die verwitwete Natur zunächst noch trägt. Hauptsächlich interessiert mich die gewölbte und garbenartige Spitze des Wollgrases. Sie ruft im Winter den Sommer zurück, und zeigt jene Formen, welche die Kunst mit Vorliebe nachahmt, und welche im Königreich der Pflanzen dieselbe Beziehung zu dem Menschenherzen bereits bekannten Typen haben, wie die Astronomie. Sie gibt einen uralten Stil wieder, der älter ist als der griechische oder der ägyptische. Viele Erscheinungen, die der Winter mit sich bringt, sind unaussprechlich zart, zerbrechlich und zierlich. Wir sind daran gewöhnt, daß dieser König als ein wilder, ungebändigter Tyrann geschildert wird. Er schmückt jedoch mit der Zärtlichkeit eines Verliebten des Sommers Locken ...

 

Als der Frühling herannahte, kamen – immer gepaart – die roten Eichhörnchen unter mein Haus. Sie liefen über meine Stiefel, wenn ich dasaß und las oder schrieb. Dabei ließen sie das wunderlichste Glucksen und Girren, vokale Pirouettieren und Kichern hören, das ich je vernahm, und wenn ich dann mit den Füßen stampfte, so kicherten sie nur um so lauter, als ob sie mit ihren verrückten Possen jenseits von Furcht und Achtung ständen und der Menschheit das Recht absprächen, ihnen Einhalt zu gebieten ... Was fällt Euch denn ein! ... Chikarie, Chikarie! ... Sie blieben meinen Forderungen gegenüber vollkommen taub, oder konnten ihre Berechtigung nicht einsehen. Sie schimpften dermaßen, daß man ihnen gegenüber machtlos war.

 

Der erste Sperling des Frühlings! Mit jüngerer Hoffnung denn je beginnt das Jahr! Einen leisen silbernen Triller lassen der Singsperling, die Weindrossel und die blaue Grasmücke über die teilweise noch nackten, feuchten Felder erschallen, als ob die letzten Winterflocken klingend herniederschweben. Wie wertet man in solchen Stunden Geschichte, Chronologien, Traditionen und alle geschriebenen Offenbarungen? Die Bäche singen Lobgesänge und jubeln dem Frühling zu. Tief über die Wiesen hin segelt der Sumpffalke und späht nach dem ersten schleimigen Leben, das hier erwacht. Der ersterbende Ton des schmelzenden Schnees läßt sich überall vernehmen und schnell löst sich das Eis auf den Teichen. An den Hügelhängen flammt das Gras wie ein Frühlingsfeuer empor – " et primatus oritur herba imbribus primoribus evocata" – als ob die Erde ein inneres Feuer nach außen sende, um die Wiederkunft der Sonne zu begrüßen. Nicht gelb, nein grün ist die Farbe dieser Flamme ... Das Symbol ewiger Jugend, der Grashalm, quillt wie ein langes, grünes Band aus dem Boden in den Sommer hinein; zwar hat er mit dem Frost zu kämpfen, doch weiter und immer weiter strebend erhebt er seinen dürren Speer vom letzten Jahre in die Lüfte, während frisches Leben unten schon sich regt. Er wächst so stetig wie das Büchlein aus dem Boden sickert, ja, er ist identisch mit ihm. Denn wenn im Juni die langen Tage kommen und die Wässerchen austrocknen, dann sind die Grashalme ihre Kanäle und Jahr aus Jahr ein trinken die Herden diesen unversieglichen, grünen Strom, welchem der Schnitter bei Zeiten seinen Wintervorrat entnimmt. So stirbt auch unser Menschenleben nur bis zur Wurzel ab und schickt dann wieder grüne Sprossen zur Ewigkeit empor.

 

Walden schmilzt immer mehr. Ein etwa neun Meter breiter Kanal hat sich an seiner Nord- und Westseite gebildet. Ein großer Eisfeld ist von der Hauptmasse abgebröckelt. Im Unterholz am Ufer trillert der Singsperling – olit, olit, olit ... chip, chip, chip, chie, tschrr ... chie wiß, wiß, wiß... Auch er hilft beim Eissprengen. Wie herrlich sind die großen, mannigfachen Windungen am Eisrand. Fast gleichen sie denen am Ufer, nur sind sie regelmäßiger. Das Eis ist ungewöhnlich hart infolge der letzten, strengen, wenn auch nur kurze Zeit dauernden Kälte und wohl gereinigt und gewellt wie der Fußboden in einem Palast. Vergeblich streicht indessen der Wind über seine durchsichtige Oberfläche, bis er die lebendige Oberfläche darunter erreicht. Dieses in der Sonne funkelnde Wasserband gewährt einen herrlichen Anblick: es ist das unverhüllte Antlitz des Teiches voll Lust und Jugend, das die Freude der Fische in der Tiefe und des Sandes am Ufer auszudrücken wünscht. Silbern glänzt es wie die Schuppen des leuciscus, als ob es nur ein munterer Fisch wäre. Das ist der Unterschied zwischen Winter und Frühling. Walden war tot und ist wieder zum Leben erwacht ... Allerdings ging das Erwachen in diesem Jahre, wie ich schon erwähnte, langsamer vonstatten.

 

Der Umschlag von winterlich stürmischem zu mildem, heiterem Wetter, von trüben und trägen zu hellen und tatkräftigen Stunden ist eine denkwürdige Krisis, welche sich in allen Dingen bemerkbar macht. Schließlich ist er wie mit einem Zauberschlage da. Eine Flut von Licht erfüllte plötzlich mein Haus, obwohl Winterwolken darüber standen, obwohl der Abend nahe war und aus den Dachtraufen Graupelregen herniederrann. Ich blickte zum Fenster hinaus und – siehe da! Wo gestern noch kaltes, graues Eis sich befand, lag jetzt der durchsichtige See bereits in voller Ruhe und hoffnungsfreudig wie an einem Sommerabend, spiegelte in seinem Schoß einen Sommerabend wieder, obwohl er über ihm noch nicht sichtbar war. Es war, als ob er mit einem fernen Horizont im Einvernehmen stände! In der Ferne hörte ich ein Rotkehlchen. Zum erstenmal, wie mich dünkte, seit Jahrtausenden, lauschte ich seinem Lied. Und in vielen Jahrtausenden werde ich dieses Lied nicht vergessen – den alten süßen bezaubernden Sang aus der Ewigkeit ... O, Du mein Rotkehlchen, mein Genosse am Sommerabend in Neuengland! Könnte ich doch den Zweig finden, auf dem Du Dich wiegst! Ich meine gerade Dich! Ich meine auch gerade diesen Zweig! Du gehörst sicher nicht zum Stamme turdus migratorius!... Die Pechtannen und Zwergeichen bei meinem Hause, die so lange die Köpfe hängen ließen, zeigten plötzlich wieder ihren altgewohnten Charakter, sahen heller, grüner, stolzer, lebensfroher aus, als ob sie durch den Regen wirklich gereinigt und erfrischt wären. Ich wußte, daß es nicht mehr regnen würde. Man braucht nur irgend einen Zweig im Walde, ja nur den Holzstoß anzusehen, um zu wissen, ob dieser Winter fortzog oder nicht. Als die Dunkelheit herabsank, schreckte mich das Honk – Honk der Wildgänse auf, die dicht über den Baumgipfeln dahinflogen, wie traurige Wanderer, die spät von südlichen Seen heimkehrten und schmerzvolle Klagen und gegenseitige Tröstungen sich zuriefen. Ich stand vor meiner Tür. Ihr Flügelschlag war deutlich zu hören. Doch als sie sich meinem Hause näherten und plötzlich mein Licht sahen, verstummte ihr Geschrei. Sie schwenkten nach dem Teich hin ab und ließen sich auf ihm nieder. Ich ging ins Haus, machte die Tür zu und verbrachte die erste Frühlingsnacht in den Wäldern ...

 

Am Morgen beobachtete ich die Gänse von meiner Tür aus durch den Nebel. Sie segelten mitten auf dem Teiche, etwa dreihundert Meter entfernt, mit so viel Lärm und in solcher Anzahl umher, daß der Walden den Eindruck machte, als sei er künftig für ihr Vergnügen hergerichtet. Sobald ich aber am Ufer erschien, stiegen sie auf ein Zeichen ihres Führers mit lautem Flügelschlag in die Lüfte. Dann stellten sie sich – ich zählte neunundzwanzig – in Reih und Glied, zogen ihre Kreise über meinem Haupt und nahmen schließlich den Kurs direkt auf Canada zu, während der Kommodore von Zeit zu Zeit regelmäßig sein Honk ertönen ließ. Sie hofften ihren Hunger in schlammreicheren Teichen stillen zu können. Ein Schwarm Wildenten stieg zu gleicher Zeit auf und schlug den Weg nach Norden ein, die gleiche Flügelbahn benutzend wie ihre noch mehr lärmenden Verwandten.

 

Eine Woche lang hörte ich an nebeligen Morgen eine einsame Wildgans, die schreiend im Kreise umhertappte, um ihre Gefährten zu suchen. Sie erfüllte die Wälder mit dem Klang eines reicheren Lebens, als sie zu unterhalten vermochten. Im April ließen sich die Tauben wieder sehen; schnell kamen sie in kleinen Schwärmen herbeigeflogen. Zur richtigen Zeit hörte ich auch die Mauerschwalben, die über meiner Lichtung zwitscherten. Da es nicht den Anschein hatte, als ob das Stadtgebiet an diesen Sängern so reich sei, daß es mir einige abtreten könnte, bildete ich mir ein, daß sie jenem alten Geschlechte angehörten, das in Baumstämmen lebte, bevor die weißen Männer kamen. Fast in jedem Klima gehören die Schildkröte und der Frosch zu den Vorboten und Herolden dieser Jahreszeit. Die Vögel singen und schwirren mit glänzendem Gefieder durch die Luft. Pflanzen sprossen empor und blühen und die Winde wehen, um diese leichte Schwankung der Pole auszugleichen, um das Gleichgewicht der Natur wieder herzustellen.

 

Wie jede Jahreszeit, sobald sie einmal da ist, uns als die beste erscheint, so wirkte der Frühlingseinzug wie die Erschaffung des Kosmos aus dem Chaos wie die Verwirklichung des goldenen Zeitalters auf uns.

 

"Eurus ad Auroram, Nabathaeaque regna recessit
"Persidaque, et radiis juga subdita matutinis."
"Eurus entwich zu Aurora, zur nabathanischen Herrschaft,
"Und zu dem Persergebiet, und den Höhen am Lichte des Morgens.

 

"Und es erhob sich der Mensch: ob ihn aus göttlichem Samen
"Schuf der Vater der Ding' als Quell der edleren Schöpfung,
"Oder ob frisch die Erde, die jüngst vom erhabenen Äther
"Los sich wand, noch Samen enthielt des befreundete Himmels."

 

Ein einziger, milder Regen macht das Gras um manche Schattierungen grüner. So hellt sich unsere Zukunftshoffnung durch den Einfluß besserer Gedanken auf. Gesegnet wären wir, wenn wir immer in der Gegenwart lebten, wenn wir jedes Ereignis, das an uns herantritt, vorteilhaft zu benutzen wüßten, wie das Gras, das den Einfluß des leichtesten Taus, der es feuchtet, verrät, wenn wir unsere Zeit nicht dazu mißbrauchten, früher Versäumtes nachzuholen, was wir dann Pflichterfüllung nennen. Wir kleben noch am Winter, wenn es schon Frühling ist. An einem frischen Frühlingsmorgen sind dem Menschen alle Sünden vergeben. Solch ein Tag bringt Waffenstillstand für das Laster. Solange solch eine Sonne ohne Unterlaß uns scheint, kann der größte elendste Sünder umkehren. Durch die Unschuld, die wir selber wiederfanden, sehen wir die Unschuld unserer Nachbarn. Auch wenn Du Deinen Nächsten gestern noch als Dieb, Trunkenbold oder Lüstling gekannt hast, nur Mitleid oder Verachtung für ihn fühltest und an der Welt verzweifelt bist – jetzt an diesem ersten Frühlingsmorgen, wo hell und rein die Sonne hinunterblickt, siehst Du ihn bei friedlich heiterer Arbeit, siehst wie seine schlaffen, kranken Adern mit stiller Freude sich füllen, den neuen Tag segnen und wie er den Einfluß des Frühlings mit Kinderunschuld in sich saugt, und all seine Sünden sind vergessen. Ihn umschwebt nicht nur eine Atmosphäre guten Willens, nein auch ein Drang nach Heiligkeit ringt blind und vergeblich vielleicht nach Betätigung wie ein neuerwachter Instinkt, so daß – wenigstens eine Zeitlang der Hügelabhang keinen gemeinen Witz vernimmt. Du siehst einige unschuldige, schöne Triebe, die gerade aus der knorrigen Rinde hervorbrechen wollen, um ein neues Lebensjahr zu versuchen, so zart und frisch wie der jüngste Tag. Auch er ging ein zu seines Herrn Freude. Warum läßt der Kerkermeister die Türen nicht weit offen stehen? Warum schickt der Richter den Angeklagten nicht fort? Warum schickt der Priester seine Gemeinde nicht fort? Weil sie alle Gottes Wink nicht folgen, nicht die Vergebung annehmen wollen, die ihnen von Herzen angeboten wird.

 

"Eine Rückkehr zum Guten, welche jeden Tag in der ruhigen und wohltuenden Atmosphäre des Morgens sich vollzieht, bewirkt, daß wir uns mit unserer Tugendliebe und mit unserem Lasterhaß ein wenig der Urnatur des Menschen nähern, wie die Sprossen des Waldes, den man niederschlug. Ebenso hindert das Böse, das wir im Verlauf des Tages tun, die kaum erwachten Keime der Tugend an ihrer Entfaltung und zerstört sie."

 

"Werden die Keime zur Tugend auf diese Weise mehrfach an ihrer Weiterentwickelung gehindert, dann genügt der wohltuende Hauch des Abends nicht, sie zu erhalten. Sobald aber der Hauch des Abends nicht mehr genügt, sie zu erhalten, dann unterscheidet sich des Menschen Natur nicht mehr von des Tieres Natur. Wenn aber ein Mensch den anderen so tierisch sieht, dann glaubt er, daß dieser nie die angeborene Fähigkeit der Vernunft besessen habe. Sind das die wahren und natürlichen Gefühle des Menschen?"

 

"Es entsproßte das goldene Geschlecht, das von keinem gezüchtigt,
"Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm,
"Furcht und Strafe war fern. Nicht lasen sie drohende Worte
"Auf dem gehefteten Herz, nicht bang vor des Richtenden Antlitz
"Stand ein flehender Schwarm; ungezüchtigt waren sie sicher.
"Nie vom eignen Gebirg', um der Fremdlinge Welt zu besuchen,
"Stieg die gehauene Fichte hinab in die flüchtige Woge:
"Außer den ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade.

 

   

 

"Ewig waltete Lenz und sanft, mit lauem Gesäusel
"Fächelten Zephyrus' Hauche die saatlos keimenden Blumen."

 

   

 

Am 29. April fischte ich vom Flußufer aus nahe bei der Nineacrecornerbrücke, auf Zittergras und Weidenwurzeln stehend, dort wo Bisamratten auf der Lauer liegen. Da hörte ich plötzlich einen eigentümlichen, klappernden Ton, wie ihn Knaben mit zwischen den Fingern geklemmten Holzstückchen hervorbringen, und als ich in die Höhe sah, erblickte ich einen sehr schlanken anmutigen Falken, der, einem Nachtfalken gleichend, bald in leichten Kurven aufwärtsstieg, bald, sich überstürzend, etwa drei bis sechs Meter niederfiel, wobei die Unterseite seiner Flügel sichtbar wurde, die wie Atlasband oder Perlmutter im Sonnenscheine glänzten. Dieser Anblick erinnerte mich an Falkenjagden und all das Erhabene und Poetische, was mit diesem Vergnügen verknüpft war. Merlin sollte er heißen, dachte ich bei mir. Doch der Name ist mir Nebensache. Es war der ätherischste Flug, den ich je gesehen habe. Er flatterte nicht einfach wie ein Schmetterling, oder schwebte wie die größeren Falken, sondern spielte mit stolzer Zuversicht in luftigen Gefilden. Immer wieder stieg er, während sein seltsames Glucksen erklang, hoch empor und immer aufs neue wiederholte er seinen schönen Fall, wobei er sich wie ein Papierdrache fortwährend um sich selbst drehte. Dann hemmte er plötzlich seinen Sturz durch die Luft, als ob sein Fuß nie terra firma betreten habe. In der großen, weiten Welt schien er keine Kameraden zu besitzen. Die waren für ihn nicht notwendig. Er erfreute sich an seinem einsamen Spiel mit dem Morgen und dem Äther. Er war nicht einsam, doch er machte die ganze Erde unter sich einsam. Wo waren die Eltern, die ihn ausbrüteten, wo seine Verwandten, wo sein Vater im Himmel? Dieser Bewohner der Lüfte schien mit der Erde nur durch das Ei verwandt, das vor kurz oder lang in einem Felsenspalt ausgebrütet wurde. Oder lag das Nest seiner Geburt in einem Wolkenwinkel aus Regenbogenfasern und Sonnenuntergangshimmel geflochten und mit weichem Hochsommernebel ausgepolstert, der der Erde entquoll? Horstete er jetzt an Wolkenklippen? ...

 

Außerdem fing ich mir ein erlesenes Gericht goldener, silberner und hellkupferner Fische, die wie eine Edelsteinkette aussahen. Ach, zu diesen Wiesen habe ich mir an manchem ersten Frühlingsmorgen den Weg gebahnt, von einer Bodenerhebung zur anderen, von Weidenwurzel zu Weidenwurzel springend. Das brausende Flußtal und die Wälder waren in einem so reinen, hellen Licht gebadet, daß es die Toten hätte aufwecken müssen, wenn sie – wie manche glauben – in ihren Gräbern geschlummert hätten. Es bedarf keines stärkeren Beweises für die Unsterblichkeit. In solchem Licht muß alles leben! Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg? ..."

 

Das Leben in unseren Dörfern würde bald ins Stocken geraten, gäbe es nicht die unerforschten Wälder und Wiesen ringsherum. Wir brauchen die Wildnis als Stärkungsmittel. Wir müssen bisweilen durch Sümpfe waten, wo die Rohrdommel und das Wasserhuhn sich verstecken. Wir müssen bisweilen den Schrei der Schnepfe hören, flüsterndes Röhricht riechen, in dem nur einsamere, wildere Vögel ihre Nester bauen und wo die Sumpfotter mit dem Bauche dicht am Boden kriecht. Mit demselben Ernste aber, mit dem wir alles zu erforschen und zu lernen wünschen, verlangen wir gleichzeitig, daß alles geheimnisvoll und unerforschbar bleibe, daß Land und Meer uns unerforschte und unergründete Rätsel bleiben, weil sie unerforschlich sind. Wir können nie genug Natur bekommen. Wir müssen uns an dem Anblick unerschöpflicher Kraft erquicken, an großen titanischen Formen, am Meeresstrand mit seinen Schiffstrümmern, an der Wildnis mit ihren lebendigen und modernden Bäumen, am Gewitterhimmel und am Regen, der drei Wochen herniederfällt und das Land überschwemmt. Wir müssen sehen, wie unsere eigenen Grenzen überschritten werden, wie dort frei ein Leben weidet, wo wir nie wandern. Mit Freude sehen wir, wie der Geier sich vom Aase nährt. Was uns Ekel und Abscheu einflößt, wird ihm eine Quelle der Gesundheit und der Kraft. Ein totes Pferd lag in einer Grube neben dem Weg, der zu meinem Hause führte. Manchmal wurde ich – hauptsächlich nachts, wenn die Luft dick war – dadurch gezwungen, einen Umweg zu machen. Doch der Beweis, den die Natur mir für ihren kräftigen Appetit und ihre unzerstörbare Gesundheit gab, entschädigte mich dafür. Mit Freude sehe ich, daß die Natur Leben in solcher Fülle birgt, daß Myriaden geopfert, einander zur Beute überlassen werden können, daß zarte Geschöpfe so gelassen wie Brei aus ihrem Dasein herausgequetscht, Kaulquappen von Reihern verschlungen, Schildkröten und Kröten auf der Landstraße überfahren werden, daß bisweilen Leben aus den Wolken herniederregnet. Da jeder unglücklichen Zufällen ausgesetzt ist, können wir uns denken, wie gering das Leben veranschlagt ist. In all diesen Dingen sieht der Weise nur die universelle Unschuld. Gift ist durchaus nicht giftig und Wunden, die töten, gibt es nicht. Mitleid ist durchaus nicht beständig. Drum betätige man es schnell. Seine Argumente lassen sich nicht stereotypieren.

 

Am Anfang des Mai breiteten die Eichen-, Nuß-, die Ahorn- und manche andere Bäume, die im Tannenwald rund um den Teich herum jetzt gerade ausschlugen, an nebeligen Tagen einen Glanz wie Sonnenschein über die Landschaft, als ob die Sonne den Nebel durchbräche und lieblich die Hügelhänge hier und dort beleuchte. Am dritten oder vierten Mai sah ich einen Taucher auf dem Teich, und am Ende der ersten Maiwoche hörte ich noch den Tagschläfer, die Braundrossel, den Waldspötter, den Pievieh, das Rotkehlchen und andere Vögel. Die Walddrossel hatte ich schon viel früher vernommen. Auch die Phöbe kam wieder herbei, schaute zur Tür und zum Fenster hinein, um zu sehen, ob das Haus geräumig genug für sie sei. Während sie Haus und Hof betrachtete, schwebte sie mit summendem Flügelschlag umher und schlug die Krallen ein, als ob sie sich an der Luft festklammere. Bald bedeckten die schwefelgelben Pollen der Pechtannen den Teich, die Steine und die modernden Stämme am Ufer. Man hätte sie faßweise sammeln können. Das sind die "Schwefelregen", von denen man berichtet. Selbst in Kalidasas Drama Sakuntala lesen wir, daß "die Bäche gelb sich färbten vom goldenen Staub der Lotusbäume" ... So eilte die Zeit dem Sommer zu wie einer, der wandert durch höheres und immer höheres Gras.

 

Mein erstes Jahr in den Wäldern war verstrichen. Ihm ähnelte das zweite. Ich verließ Walden schließlich am 6. September 1847.

 

Schluß

 

Der verständige Arzt verordnete dem Kranken Veränderung der Luft und der Umgebung. Hier ist – dem Himmel sei Dank! nicht die ganze Welt. Der Bocksaugenbaum wächst nicht in Neuengland und die Spottdrossel hört man hier selten. In der Wildgans steckt mehr vom Kosmopoliten als in uns. Sie frühstückt in Canada, nimmt ihr Mittagsmahl in Ohio ein und glättet auf irgend einem Kanal im Süden ihr Gefieder für die Nacht. Auch der Büffel hält in gewissem Maße mit der Jahreszeit Schritt und grast auf Colorados Weiden nur so lange, bis besseres, wohlschmeckenderes Gras ihn am Yellowstone erwartet. Wir glauben dagegen, daß, sobald die Zäune und Geländer niedergerissen und Steinmauern um unsere Farmen errichtet sind, auch unserem Leben Grenzen gezogen seien, unser Schicksal sich entschieden habe. Man hat Dich zum Stadtschreiber gemacht ... Da kannst Du natürlich in diesem Sommer nicht nach Tierra del Fuego reisen, vielleicht aber doch nach dem Land des höllischen Feuers. Das Weltall ist weiter als die Ansichten, die wir darüber haben.

 

Und doch, wir sollten häufiger über den Hackbord unseres Schiffleins hinausblicken, und nicht wie blöde Seeleute während der Reise Werg zupfen. Die andere Seite des Erdballs ist nur die Heimat unseres Korrespondenten. Unser Reisen ist nur ein großes "Im-Kreise-herumsegeln", und die Doktoren verschreiben nur gegen Hautkrankheiten. Da will der eine nach Südafrika, um Giraffen zu jagen, und doch ist das sicher nicht das Wild, was er jagen müßte. Du liebe Zeit! Wie lange würde wohl ein Mensch Giraffen jagen, wenn er könnte? Die Schnepfenjagd ist auch ein prächtiges Vergnügen. Doch ein edleres Spiel wäre die Jagd auf Dich selbst.

 

"Kehre Dein Auge nach innen! Dann wirst Du finden,
Daß viel' tausend Gebiete des Herzens immer noch
Unerforscht ruhn. Dort sollst Du reisen und Dich belehren
Über die Welt, die in der Seele Dir lebt."

 

Was gilt mir Afrika – was der Westen? Ist nicht auf der Karte unser Inneres weiß, wenn es auch zur Zeit der Entdeckung so schwarz wie die Küste erschien? Wollen wir die Quellen des Nil, des Niger und des Mississippi oder die nordwestliche Durchfahrt um unseren Kontinent finden? Sind das die wichtigsten Probleme für das Menschengeschlecht? War Franklin der einzige Mensch, dessen Spur man verlor, daß seine Frau so eifrig sich bemühte, sie zu finden? Weiß Herr Grinnel wo er selbst ist? Sei lieber der Mungo Park, der Lewis, Clark und Frobisher Deiner eigenen Ströme und Ozeane. Erforsche Deine eigenen höheren Breitengrade, nötigenfalls mit Schiffsladungen voll konservierten Fleisches, um Dich zu erhalten, und türme die leeren Büchsen himmelhoch als Denkmal. Wurde konserviertes Fleisch nur deshalb erfunden, um Fleisch zu konservieren? Nein, sei ein Kolumbus für völlig neue Kontinente und Welten in Deinem Innern, eröffne neue Bahnen nicht für den Handel, sondern für den Gedanken. Jeder Mensch ist der Herrscher eines Reiches, neben welchem das Reich des Zaren nur ein kleines Ländchen, ein Erdhügel ist, den das Eis zurückließ. Und doch gibt es Patrioten, die keinen Selbstrespekt haben und das Größere dem Kleineren opfern. Sie lieben die Erde, in die ihr Grab gegraben wird, und haben keine Sympathien für den Geist, der vielleicht ihren Ton noch zu beleben vermag. Patriotismus ist eine Grille in ihrem Hirn. Was bedeutet die Südsee-Erforschungs-Expedition mit all ihrem Brimborium und all ihren Kosten anderes, als die indirekte Anerkennung der Tatsache, daß es in der Welt der Moral Kontinente und Meere gibt, zu welchen ein jeder Mensch einen schmalen Zugang besitzt, Kontinente, an welchen er landen kann, trotzdem sie von ihm noch unerforscht sind, daß es leichter ist, viele tausend Meilen weit durch Schnee und Eis, durch Sturm und Kannibalen auf einem Regierungsschiffe, von fünfhundert hilfsbereiten Männern und Jünglingen begleitet, zu segeln, als das eigene Meer zu erforschen – den Atlantischen oder Stillen Ozean der eigenen Einsamkeit ...

 

" Erret et extremos alter scrutetur Iberos
Plus habet hic vitae, plus habet ille viae.
"

 

"Laß sie nur wandern, laß sie die fernen Australer erforschen,
Gott ist mir mehr vertraut – ihnen wohl mehr der Weg."

 

Es lohnt sich nicht, die Welt zu umwandern, um die Katzen in Sansibar zu zählen. Und dennoch: zähle die Katzen bis Du etwas Besseres tun kannst. Vielleicht findest Du ein Symmesloch, durch welches Du in Dein Inneres schlüpfen kannst. England und Frankreich, Spanien und Portugal, die Goldküste und auch die Sklavenküste – alle grenzen an dieses Innenmeer. Doch noch hat sich von ihren Küsten kein Schiff aufs hohe Meer hinausgewagt, obwohl dieser Weg ohne Zweifel direkt nach Indien führt. Willst Du in allen Zungen reden oder aller Völker Sitten kennen lernen, willst Du weiter reisen als alle Forscher und in allen Zonen Dich heimisch fühlen, willst Du die Sphinx dazu bringen, daß sie ihr Haupt an einem Stein zerschmettert, so gehorche der Lehre der alten Philosophen und – "Erkenne Dich selbst". Dazu mußt Du Augen und Nerven besitzen. Nur die Besiegten und Fahnenflüchtigen ziehen in den Krieg, Feiglinge, die fortlaufen und in den Dienst treten. Brich auf, sofort, auf jener längsten Straße gen Westen, die nicht am Mississippi oder am Stillen Ozean ihr Ende erreicht, die nicht nach dem fadenscheinigen China oder nach Japan führt, sondern die auf der direkten Tangente dieser Erdkugel verläuft. Dort ziehe Deines Wegs Sommer und Winter, Tag und Nacht, beim Untergang der Sonne und des Mondes – ja selbst beim Untergang der Erde!

 

Es wird berichtet, daß Mirabeau Straßenräuberei trieb, "um genau zu erfahren, welches Quantum Entschlossenheit notwendig sei, um gegen eines der heiligsten Gesetze der menschlichen Gesellschaft nachdrücklich Opposition zu machen." Er erklärte dann, daß "ein Soldat, der in Reih und Glied kämpft, nicht halb soviel Mut nötig habe wie ein Straßenräuber" – "daß Ehre und Religion einen wohlüberlegten und festen Entschluß nicht ins Wanken zu bringen vermöchten." Das war männlich nach landläufigen Anschauungen, und doch war es töricht, ja geradezu toll. Ein gesunder Mann wird sich oft "nachdrücklich in Opposition" zu dem befunden haben, was "als die heiligsten Gesetze der menschlichen Gesellschaft" geschätzt wird, weil er noch heiligeren Gesetzen gehorchen wollte. So kann er, ohne von seinem geraden Wege abzuweichen, seine Entschlossenheit erproben. Es geziemt sich nicht für einen Mann, sich in ein solches Verhältnis zur menschlichen Gesellschaft hineinzuzwingen, sondern in jenen Verhältnissen mutig sich zu behaupten, welche er sich selbst, gehorsam den Gesetzen seines Lebens, schuf. Und diese Gesetze werden mit einer gerechten Regierung nie in Konflikt geraten, wenn er zufällig unter einer solchen leben sollte.

 

Der Anlaß, der mich in die Wälder führte, war ebenso triftig wie der, welcher mich zum Fortgehen bewog. Vielleicht glaubte ich, daß ich noch verschiedene Leben zu leben habe und auf dieses keine Zeit mehr verwenden dürfe. Es ist merkwürdig, wie leicht und unmerklich wir einen bestimmten Weg einschlagen und einen ausgetretenen Pfad für uns selbst daraus machen. Ich wohnte noch nicht eine Woche lang am Walden, da hatten meine Füße schon einen Weg von meiner Tür zum Teichufer ausgetreten. Und jetzt, wo schon fünf oder sechs Jahre über meine Fußstapfen dahingezogen sind, ist er noch ganz deutlich sichtbar. Ich fürchte indessen, andere haben ihn nach mir benutzt und dadurch zu seiner Erhaltung beigetragen. Die Oberfläche der Erde ist weich und nimmt leicht den Eindruck der Menschenfüße an. Das gilt auch von den Pfaden, auf denen der Geist dahinwandert. Wie abgenutzt und verstaubt müssen mithin die Landstraßen der Welt sein, wie tief die Geleise der Überlieferung und Einförmigkeit! Ich wollte nicht als Kajütenpassagier reisen. Lieber war es mir, vor dem Mast und auf dem Deck der Welt zu stehen. Ich will auch jetzt nicht unter Deck gehen.

 

Das eine wenigstens lernte ich durch mein Experiment, daß, wenn der Mensch vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume fortschreitet, wenn er sich bemüht, das Leben zu leben, welches die Phantasie ihm ausmalt, Erfolge von ihm erzielt werden können, von denen er sich in Alltagsstunden nichts träumen ließ. Manche Dinge wird er aufgeben, eine unsichtbare Grenze wird er überschreiten. Neue, universelle und freiere Gesetze werden in ihm und um ihn herum Wurzel fassen. Oder die alten Gesetze werden umfassender, zu seinen Gunsten im freieren Sinne gedeutet werden, und es wird ihm vergönnt sein, unter Geschöpfen höherer Ordnung zu leben. Je mehr er sein Leben vereinfacht, desto weniger schwierig werden die Gesetze des Kosmos ihm erscheinen. Einsamkeit wird nicht Einsamkeit, Armut nicht Armut und Schwäche nicht Schwäche sein. Hast Du Schlösser in die Luft gebaut, so war diese Arbeit nicht notwendigerweise vergeblich. Gerade dort sollen sie sich befinden! Jetzt gib ihnen ein Fundament.

 

Es ist lächerlich, wenn Engländer und Amerikaner verlangen, man solle so reden, daß man von ihnen verstanden wird. So sind weder Menschen noch Pilze gewachsen. Als ob das überhaupt von Wichtigkeit wäre, und als ob es nicht außer ihnen genug Menschen gäbe, die uns verstehen. Als ob die Natur nur ein einziges Verständigungsmittel besäße, als ob sie nicht Vögel gerade so gut wie Vierfüßler, fliegende wie kriechende Geschöpfe ernähren könnte, und als ob "Hott" und "Hüh", was jeder Ochse verstehen kann, das beste Englisch wäre. Als ob die Dummheit allein Gewähr für Sicherheit leisten könne! Ich befürchte hauptsächlich, daß meine Ausdrücke nicht ausschweifend genug sind, nicht weit genug über die engen Grenzen meiner täglichen Erfahrung hinaus reichen, um der Wahrheit zu entsprechen, von der ich überzeugt bin. Hinausschweifen – ja, das hängt davon ab, in was für einen Viehhof man eingesperrt ist. Der wandernde Büffel, der in anderen Breiten neue Weiden sucht, ist nicht so aus-schweifend, wie die Kuh, die den Eimer umwirft, durch den Zaun bricht und zur Melkzeit hinter ihrem Kalbe herläuft. Ich möchte so gut wie möglich ohne Umschweife reden, wie der Mensch in einem wachen Augenblick zu seinen Mitmenschen in ihren wachen Augenblicken. Denn ich fühle, daß ich gar nicht genug übertreiben kann, um nur das Fundament eines wahren Ausdrucks zu legen. Hat je ein Mensch; der harmonische Klänge vernahm, gefürchtet, daß er hinfort ausschweifend reden könne? In bezug auf die Zukunft und das Mögliche sollen wir sorglos und harmlos unser Dasein weiter leben. Nach dieser Seite hin sind unsere Umrisse verschwommen und nebelig. Unser Schatten soll ja nach der Sonne hin eine unmerkliche Perspiration aufweisen. Die flüchtige Wahrheit unserer Worte sollte immer das Mißverhältnis zu dem zurückgebliebenen Tatbestand bezeugen. Seine Wahrheit wird sofort übertragen. Das Wortdenkmal bleibt allein bestehen. Die Worte, die unseren Glauben und unsere Frömmigkeit ausdrücken, sind unbegrenzt. Doch sie sind inhaltsschwer und duften für feinere Geister nach Weihrauch.

 

Warum werten wir nach unten, nach unserer dumpfesten Empfindung, und verherrlichen sie als gesunden Menschenverstand? Der schlafende Mensch hat nur rudimentären Verstand – der verrät sich durch Schnarchen.

 

Manchmal lassen wir uns verleiten, die mit anderthalb Portionen Verstand Begabten mit den Halbverständigen zusammenzuwerfen, weil wir nur den dritten Teil ihres Verstandes zu würdigen wissen. Es gibt Leute, die am Morgenrot herumnörgeln würden, wenn sie einmal in ihrem Leben so früh aufgestanden wären. Wie ich höre, "sollen die Verse des Kabir einen vierfach verschiedenen Gehalt besitzen: Phantasie, Geist, Intellekt und die exoterischen Lehren der Veden." Will nicht jemand, während England sich bemüht, die Kartoffelfäule auszurotten, die Hirnfäule auszurotten versuchen, die so viel weiter verbreitet und so viel gefährlicher ist?

 

Ich glaube kaum, daß ich mich unklar auszudrücken pflege. Es würde mich aber mit Stolz erfüllen, wenn diese Blätter nicht stärker getadelt würden wie das Waldenels. Käufer aus dem Süden machten ihm aus seiner blauen Farbe – die einzig auf seiner Reinheit beruht – einen Vorwurf, als ob es schmutzig wäre, und zogen das Cambridge-Eis vor, das weiß aussieht, aber nach Wasserpflanzen schmeckt. Die Reinheit, welche die Menschen lieben, gleicht dem Nebel, der die Erde einhüllt, und nicht dem blauen Äther darüber.

 

Es gibt einige Menschen, die uns in die Ohren schreien, wir Amerikaner und die modernen Menschen im allgemeinen seien geistige Zwerge im Vergleich zum antiken und selbst zum Menschen der Zeit Elisabeths. Was heißt das? Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe. Soll ein Mensch sich schämen, weil er zu einem Zwergengeschlecht gehört, anstatt der große Zwerg zu sein, der er sein kann? Jeder soll vor seiner Türe kehren und versuchen der zu sein, der er seiner Natur nach ist. Warum jagen wir so fürchterlich nach Erfolg, warum sind wir in solch waghalsige Unternehmungen verwickelt? Wenn ein Mensch nicht Schritt mit seinen Mitmenschen hält, so kommt das vielleicht daher, weil er eine andere Trommel hört. Er soll nach dem Takt der Musik marschieren, die ihm ertönt, einerlei aus welcher Ferne. Es ist durchaus nicht wichtig, daß der Mensch so schnell reif wird wie ein Apfelbaum oder eine Eiche. Soll er seinen Frühling in Sommer wandeln? Wenn jener Zustand, für den wir geschaffen wurden, noch nicht erreicht ist, wie könnte uns da irgendeine Wirklichkeit Ersatz bieten! Wir wollen nicht an irgendeiner falschen Wirklichkeit Schiffbruch leiden. Sollen wir mühsam über uns einen Himmel aus blauem Glas errichten, wenn wir hernach trotzdem zu jenem wahren Ätherhimmel hoch dort oben immer noch emporblicken, als ob der andere nicht vorhanden wäre?

 

In der Stadt Kouroo lebte vor Zeiten ein Künstler, der den Drang nach Vollendung in sich fühlte. Eines Tages dachte er bei sich: Ich will einen Stab machen. Da er bereits darüber im klaren war, daß bei einem unvollkommenen Werk die Zeit einen Bestandteil bildet, daß aber in ein vollkommenes Werk die Zeit nicht eindringt, so sprach er also zu sich selbst: Der Stab soll in jeder Hinsicht vollendet werden, und wenn ich mein ganzes Leben dazu verwenden sollte. Er ging sogleich in den Wald, da er fest entschlossen war, den Stab nicht aus ungeeignetem Material herzustellen. Und während er suchte, einen Stock nach dem anderen als untauglich verwarf, verließen ihn allmählich seine alten Freunde, denn älter wurden sie bei ihrer Arbeit und starben. Er aber alterte nicht um einen Augenblick. Die Einfalt seines Vorhabens und seines Entschlusses und seine erhabene Frömmigkeit verliehen ihm gegen sein Wissen ewige Jugend. Da er mit der Zeit kein Abkommen getroffen hatte, ging die Zeit ihm aus dem Wege und seufzte von fern, weil sie ihn nicht besiegen konnte. Ehe er einen Stab gefunden hatte, der ihm in jeder Weise zusagte, war die Stadt Kouroo bereits zur moosbewachsenen Ruine geworden. Auf einen ihrer Trümmerhaufen setzte er sich nieder, um den Stab abzuschälen. Noch bevor er ihm die gewünschte Form gegeben hatte, war das Herrscherhaus der Kandahare ausgestorben. Er aber schrieb mit des Stabes Spitze den Namen des letzten Königs aus diesem Geschlecht in den Sand. Dann setzte er seine Arbeit fort. Als er den Stab gesäubert und geglättet hatte, war Kalpa nicht mehr der Polarstern. Und ehe er den Stab beschlagen und seinen Griff mit kostbaren Steinen verziert hatte, war Brahma viele Male entschlummert und wiedererwacht. Doch wozu soll ich bei diesen Dingen verweilen? Als er die letzte Hand an sein Werk gelegt hatte, dehnte es sich plötzlich vor den Augen des erstaunten Künstlers aus und ward zu Brahmas herrlichster Schöpfung. Eine neue Weltordnung hatte er geschaffen, indem er den Stab bearbeitete, eine Welt des schönsten Ebenmaßes, in welcher schönere und glorreichere Städte und Herrscherhäuser die alten entschwundenen ersetzten. Und jetzt sah er an dem Haufen der Späne, die zu seinen Füßen lagen, daß bislang das Verrinnen der Zeit eine Täuschung gewesen sei, daß nicht mehr Zeit vergangen war, als ein Funke gebraucht, um von Brahmas Gehirn herabzufallen und den Zunder des Menschengehirns in Brand zu setzen ... Das Material war rein und seine Kunst war rein. Wie konnte das Resultat anders sein als wundervoll?

 

Kein Aussehen, das wir einer Sache geben können, wird uns schließlich so viel nützen als die Wahrheit. Sie allein trägt sich gut. Meistens sind wir nicht dort, wo wir sind, sondern in falscher Lage. Einer Schwäche unserer Natur folgend, nehmen wir einen Fall an, und versetzen uns in ihn hinein. Darum befinden wir uns in zwei Fällen zugleich und doppelt schwer ist's, aus ihnen herauszukommen. Bei gesundem Verstande betrachten wir nur die Tatsache, den gegebenen Fall. Rede, was Du reden mußt, nicht was Du reden sollst. Jede Wahrheit ist besser als Ausflüchte. Tom Hyde, der Kesselflicker, stand unter dem Galgen und wurde gefragt, ob er noch etwas zu sagen habe. Da antwortete er: "Sagt den Schneidern, daß sie einen Knoten in den Zwirn machen, bevor sie den ersten Stich tun." Die Bitte seines Gefährten ist nicht überliefert.

 

Wie niedrig auch Dein Leben sein mag: heiße es willkommen und lebe es. Meide es nicht und schimpfe nicht darauf. Es ist nicht so schlecht wie Du. Es sieht am ärmsten aus, wenn Du am reichsten bist. Wer immer tadelt, wird auch am Paradies etwas auszusetzen haben. Liebe Dein Leben, so arm es auch ist. Du kannst vielleicht erfreuliche herrliche, ja feierliche Stunden erleben, selbst in einem Armenhause. Die Fenster des Armenhauses und die in des Reichen Palast strahlen gleich hell die sinkende Sonne zurück. Vor des reichen Mannes Tür schmilzt der Schnee im Frühling zur selben Zeit. Ich verstehe nicht, warum ein zufriedenes Gemüt hier nicht gerade so zufrieden leben, gerade so fröhliche Gedanken haben kann, wie in einem Palast. Die Stadtarmen scheinen oft das unabhängigste Leben von allen zu führen. Vielleicht sind sie gerade stolz genug, um ohne Bedenken annehmen zu können. Die meisten sind der Ansicht, es sei unter ihrer Würde, von der Stadt unterstützt zu werden. Häufiger aber halten sie es nicht für unwürdig, sich selbst durch unehrliche Mittel zu unterhalten – und das sollte man denn doch als das Gemeinere ansehen. Pflege die Armut wie eine Gartenpflanze, wie Salbei. Sei nicht so sehr darauf bedacht, Dir neue Sachen anzuschaffen, weder Kleider noch Freunde. Wende die alten! Kehre zu ihnen zurück! Die Dinge ändern sich nicht – wir ändern uns. Verkaufe Deine Kleider und behalte Deine Gedanken. Gott wird schon dafür sorgen, daß es Dir an Gesellschaft nicht mangelt. Wenn ich wie eine Spinne mein ganzes Leben lang auf einen Winkel der Bodenkammer angewiesen wäre, dann würde die Welt für mich gerade so groß sein, solange ich meine Gedanken beisammenhielte. Der Philosoph sagt: "Einer drei Divisionen starken Armee kann man den General nehmen und sie dadurch in Verwirrung bringen. Dem verworfensten, gewöhnlichsten Menschen kann man seine Gedanken nicht nehmen." Strebe nicht so ängstlich darnach, Dich Zu entwickeln und vielen Einflüssen zu unterwerfen, die doch nur ihr Spiel mit Dir treiben – das ist alles Verschwendung. Demut enthüllt wie Dunkelheit himmlisches Licht. Die Schatten der Armut und der Niedrigkeit ziehen sich um uns zusammen und siehe da! – die Schöpfung dehnt sich vor unseren Blicken aus. Wir werden oft daran erinnert, daß, wenn wir selbst so reich wie Krösus wären, unsere Ziele sich nicht verändern, unsere Mittel im wesentlichen die gleichen bleiben müßten. Und wenn obendrein Dein Lebenslauf durch Armut eingeengt ist, wenn Du Dir z. B. weder Bücher noch Zeitungen kaufen kannst, so bist Du auf die wichtigsten Lebenserfahrungen beschränkt. Du bist notgedrungen auf die Dinge angewiesen, die den meisten Zucker und das meiste Stärkemehl liefern. Das Leben nahe am Knochen ist am wohlschmeckendsten. Du wirst davor bewahrt, in Tändeleien Dich zu vergeuden. Kein Mensch verliert je auf einer niedrigeren Stufe durch Großmut auf einer höheren. Mit überflüssigem Reichtum kann man nur Überflüssiges kaufen. Es bedarf nicht des Geldes, wenn man sich Nahrung für die Seele kaufen will.

 

Ich lebe in dem Winkel einer bleiernen Mauer, bei deren Guß ein wenig Glockenmetall zugesetzt wurde. Oft dringt um die stille Mittagstunde von der Außenwelt ein verworrenes Tintinnabulum an mein Ohr. Das ist der Lärm meiner Zeitgenossen. Meine Nachbarn erzählen mir von ihrem Zusammensein mit berühmten Herren und Damen und mit welch hochstehenden Persönlichkeiten sie zu Tische saßen. Mich interessieren diese Dinge jedoch genau so wenig, wie der Inhalt der Tageszeitungen. Das Interesse und die Unterhaltung drehen sich hauptsächlich um Kleidung und Sitten. Doch eine Gans bleibt eine Gans – man mag sie anziehen, wie man will... Sie erzählen mir von Kalifornien und Texas, von England und Indien, vom ehrenwerten Herrn F. aus Georgia oder aus Massachusetts, von allen möglichen transitorischen und vergänglichen Erscheinungen, bis ich am liebsten ihrem Hof eilig den Rücken kehrte wie der Mameluckenbei. Ich liebe mein heimisches Quartier von Kerzen. Ich mag nicht in Reih und Glied an der Spitze marschieren, angetan mit Prunk und Flitter. Lieber wandele ich Hand in Hand mit dem Baumeister der Welt umher, wenn mir das gestattet ist. Ich will nicht mitten in diesem ruhelosen, nervösen, hetzenden, platten neunzehnten Jahrhundert leben, sondern, während es vorbeibraust, mit meinen Gedanken abseits stehen oder sitzen. Was feiern denn die Menschen? Allesamt gehören sie zum Veranstaltungsausschuß, und jeder erwartet stündlich von irgend jemandem eine Rede. Gott ist nur der Präsident des Tages und Webster sein Wortführer. Ich liebe es, abzuwägen, zu Entschlüssen zu kommen und das Schwergewicht nach der Seite hin zu verlegen, die mich am meisten anzieht und dazu die größte Berechtigung hat. Ich will nicht am Wagebalken hängen und versuchen weniger zu wiegen. Auch will ich nicht einen Fall annehmen, sondern den Fall nehmen wie er ist. Ich will den einzigen Pfad entlang wandeln, den ich wandern kann, den Pfad, auf dem keine Macht mir Einhalt gebieten kann. Ich fühle mich nicht befriedigt, wenn ich einen Bogen wölbe, ehe ich ein festes Fundament geschaffen habe. Wir wollen uns nicht auf fingerdickes Eis wagen. Es gibt überall festen Grund. Wir lesen die Geschichte von dem Reisenden, der fragte, ob das Moor, das vor ihnen läge, einen festen Boden habe. Der Knabe antwortete: "Ja." Doch sofort sank das Pferd des Reisenden bis zum Sattelgurte ein. Er rief darum dem Knaben zu: "Ich glaube, Du hättest gesagt, das Moor habe einen festen Boden?" "Hat es auch," erwiderte der Knabe, "Ihr seid aber noch längst nicht tief genug eingesunken." Dasselbe gilt von den Sümpfen und dem Dünensand der Gesellschaft. Nur ist der, der dies weiß, bereits ein alter Knabe. Nur das ist gut, was bei einer bestimmten, seltenen Konstellation der Dinge gesagt, gedacht oder getan wird. Ich möchte nicht zu denen gehören, die einen Nagel in dünne Latten und in Bewurf hineintreiben. Solches Tun würde mir nachts die Ruhe rauben. Gib mir einen Hammer und laß mich nach den Furchen fühlen. Verlaß Dich nicht auf Kitt. Treib den Nagel bis zum Kopfe ein und verankere ihn so gewissenhaft, daß Du selbst dann mit Befriedigung an ihn denken kannst, wenn du mitten in der Nacht aufwachst. Jeder Nagel, den man einschlägt, sollte eine neue Niete in der Maschine des Weltalls sein. Du förderst auf diese Weise ihr Werk. Wahrheit gib mir, nicht Liebe, Geld und Ruhm. Ich saß dort zu Tisch, wo erlesene Speisen und Weine im Überfluß vorhanden waren, wo man aufmerksam bedient wurde, wo es aber Aufrichtigkeit und Wahrheit nicht gab. Hungrig verließ ich den ungastlichen Tisch. Die Gastfreundschaft war so eisig wie das Fruchteis. Meiner Ansicht nach war Eis nicht einmal nötig, das Fruchteis gefroren zu erhalten. Man sprach zu mir über das Alter des Weines und die Berühmtheit des Weinberges. Ich aber dachte an einen neueren, reineren Wein, an einen herrlicheren Weinberg, den sie weder besaßen noch je erwerben konnten. Der Stil, das Haus, der Garten, die Bewirtung und Unterhaltung sind mir vollkommen einerlei. Ich machte beim König Besuch. Doch der ließ mich in der Vorhalle warten und benahm sich wie ein Mensch, der zur Gastfreundschaft keine Befähigung besitzt. Es war aber einmal ein Mann in meiner Nachbarschaft, der in einem hohlen Baume wohnte. Dessen Benehmen war wahrhaft königlich! Besser wäre es gewesen, ich hätte ihn besucht ...

 

Wie lange werden wir noch in unseren Säulenhallen sitzen und unnütze, schäbige Tugenden züchten, die durch jede Arbeit beschämt werden? Als ob einer den Tag mit Langmut beginnen wollte und sich einen Mann dingen würde, um seine Kartoffeln zu hacken, und dann am Nachmittag ausginge, um in vorbedachter Güte christliche Milde und Sanftmut zu betätigen! Denke an den chinesischen Hochmut und die flache Selbstzufriedenheit der Menschen. Diese Generation bildet sich etwas darauf ein, die letzte eines berühmten Geschlechtes zu sein. In Boston und London, in Paris und Rom spricht man, in Erinnerung an diesen alten Stammbaum, von den Fortschritten in Kunst, Wissenschaft und Literatur mit hoher Genugtuung. Da gibt es Berichte philosophischer Gesellschaften und öffentliche Lobeshymnen auf große Männer! Der gute Adam bewundert seine eigene Tugend! "Ja, wir haben große Dinge getan, wir haben göttliche Sänge gesungen, die niemals sterben werden," d. h. solange wir sie nicht vergessen. Die gelehrten Gesellschaften und die großen Männer Assyriens – wo sind sie jetzt? Was für junge Philosophen und Forscher wir doch sind! Unter meinen Lehrern ist nicht ein einziger, der schon ein ganzes Menschenleben gelebt hat. Dies sind vielleicht erst die Frühlingsmonate des Menschengeschlechtes. Selbst wenn wir wirklich die "sieben Jahre währende Juckkrankheit gehabt haben – die "alle siebzehn Jahre kommende Heuschreckenplage" haben wir noch nicht erlebt. Wir kennen nur das feinste Häutchen des Balles, auf dem wir leben. Die meisten Menschen haben weder sechs Fuß tief in die Erde gegraben, noch sind sie sechs Fuß hoch über sie emporgesprungen. Wir wissen nicht, wo wir sind. Außerdem liegen wir fast die halbe Zeit in festem Schlaf. Und doch halten wir uns für klug und haben auf der Oberfläche Vorschriften und Sitten. O gewiß, wir sind liefe Denker, wir sind hochstrebende Geschöpfe! Da sehe ich ein Insekt durch die Tannennadeln am Waldesboden dahinkrabbeln. Es versucht, sich vor mir zu verbergen. Ich aber frage mich, warum es solch bescheidene Gedanken hegt und sein Köpfchen vor mir verbirgt, der ich doch vielleicht sein Wohltäter sein und seinem Geschlecht erfreuliche Mitteilungen machen könnte. Da werde ich an den größeren Wohltäter, an den größeren Geist erinnert, der auf mich herabblickt, auf mich – das menschliche Insekt ... Ein unendlicher Strom des Neuen ergießt sich in diese Welt und doch dulden wir unglaubliche Stumpfheit. Ich brauche nur daran zu erinnern, was für Predigten man noch in den aufgeklärtesten Ländern zu hören bekommt. Worte wie Freude und Leid haben wir zwar, doch sind sie nur "Kirchengesangsballast". Man singt sie durch die Nase, während man an das Gemeine und Gewöhnliche glaubt. Wir sind der Ansicht, daß wir nur unsere Kleider wechseln können. Man sagt, das britische Reich sei sehr groß und angesehen, und die Vereinigten Staaten seien eine Weltmacht. Wir glauben nicht, daß hinter jedem Menschen eine Flut steigt und sinkt, die das britische Reich wie einen Holzspan hinwegschwemmen könnte, wenn je einem Menschen der Gedanke käme. Wer weiß, was für eine Plage einmal nach siebzehn Jahren aus dem Boden hervorkriechen mag? Die Negierung des Landes, in dem ich lebe, wurde nicht wie die von Großbritannien während der Unterhaltung nach einem Diner bei einem Glase Wein zusammengezimmert.

 

Das Leben in uns gleicht dem Wasser im Flusse. Es mag in diesem Jahre höher steigen denn je seit Menschengedenken, und das versengte Hochland überfluten. Vielleicht ist gerade dieses Jahr ereignisreich und ersäuft alle Bisamratten. Dort wo wir wohnen, war nicht immer trockenes Land. Weit im Innern des Landes sehe ich Dämme, die einst der Fluß bespülte, ehe noch die Wissenschaft begann, seine Überschwemmungen aufzuzeichnen. Ein jeder von uns hat die Geschichte gehört, die in Neuengland alt und jung sich erzählte, die Geschichte von dem starken und schönen Käfer, der aus der trockenen Platte eines alten Tisches aus Apfelbaumholz hervorkroch. Sechzig Jahre lang hatte der Tisch in der Küche eines Farmers gestanden, erst in Connecticut, hernach in Massachusetts. Das Ei selbst war wohl vor noch viel längerer Zeit in den lebenden Baum gelegt, wie man aus der Zahl der Jahresringe schließen konnte. Wochenlang hörte man das Tier nagen, das vielleicht durch die Wärme eines Teekessels ausgebrütet war. Wer fühlt nicht seinen Glauben an Auferstehung und Unsterblichkeit gekräftigt, wenn er dies hört? Wer weiß, ob nicht der Keim, der vielleicht in den konzentrischen Holzschichten des toten, dürren Gesellschaftslebens jahrtausendelang verborgen lag, der zuerst in den Splint des grünen Waldholzes versenkt und von diesem wie von einem duftenden Grabe umschlossen wurde, – der Keim, dessen wachsendes Leben die erstaunte Menschenfamilie schon seit Jahren hörte, wenn sie an festlicher Tafel sich versammelte –, wer weiß, ob dieser Keim sich nicht entfalten und unverhofft als ein herrliches, beflügeltes Leben aus dem alltäglichsten Möbel der Menschheit emportauchen wird, um endlich seiner seligen Sommerzeit sich zu freuen ... Ich sage nicht, daß John Bull oder Bruder Jonathan das alles verwirklichen wird. Das bloße Verrinnen der Zeit wird dieses Morgen nie erwecken. Das Licht, das unsere Augen blendet, ist Dunkelheit für uns. Nur der Tag dämmert herauf, für den wir wach sind. Noch mehr Tag will heraufdämmern. Die Sonne ist nur ein Morgenstern.