Würden sich die Menschen die Wahl ihrer Beschäftigungen etwas genauer überlegen, so würden die meisten von ihnen wohl in der Hauptsache Studierende und Forscher sein, denn des Menschen Wesen und Schicksal interessiert alle in gleicher Weise. Wenn wir Schätze für uns oder unsere Nachkommen sammeln, wenn wir eine Familie oder ein Gemeinwesen gründen, selbst wenn wir nach Ruhm geizen, sind wir sterblich. Unsterblich aber ist unser Drang nach Wahrheit. Er wird durch keine Wechselfälle, durch kein Ereignis erschüttert. Der älteste Philosoph Ägyptens oder Indiens lüftete den Saum des Schleiers an der Statue der Gottheit. Und noch immer ist der Schleier ein wenig emporgehoben und mich trifft der gleiche leuchtende Glanz wie ihn; denn ich lebte damals in ihm, ich machte ihn so kühn und er hat dieselbe Vision von neuem in mir. Kein Staub ruht auf diesem Gewand. Keine Zeit ist verflossen seit jene Gottheit offenbart wurde. Jene Zeit, die uns nützt, die sich nützen läßt, ist weder Vergangenheit, Gegenwart, noch Zukunft.

 

Mein Aufenthaltsort war nicht nur zum Denken, sondern auch zu ernster Lektüre viel geeigneter als die Universität. Und wenn ich auch aus dem Bereich einer zirkulierenden Leihbibliothek entronnen war, so stand ich doch mehr denn je unter dem Bann derjenigen Bücher, welche um die Welt zirkulieren und deren Sätze, anfangs auf Rinde geschrieben, jetzt nur von Zeit zu Zeit auf Leinwandpapier gedruckt werden. "Als ich mich niederließ, um die Region der geistigen Welt zu durcheilen" – so spricht der Dichter Mir Camar Addin Mast – "verhalfen mir die Bücher dazu. Als ich wünschte mich an einem Glase Wein zu berauschen, trank ich den Trunk der esoterischen Lehren." Während des Sommers lag Homers Ilias auf meinem Tisch, aber nur hier und da blätterte ich darin. Meine Hände hatten zunächst vollauf zu tun, denn der Hausbau mußte vollendet und die Bohnen gleichzeitig gehackt werden. Dadurch wurde ein eingehenderes Studium unmöglich. Doch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in Zukunft solche Lektüre pflegen zu können. Ich las ein paar oberflächliche Bücher – Reisebeschreibungen – während meiner Arbeit, bis ich mich dieser Beschäftigung vor mir selbst schämte und mich fragte, wo ich denn eigentlich lebe.

 

Der Studierende kann getrost Homer oder Äschylos griechisch lesen ohne leichtsinnig seine Zeit zu vergeuden, denn er muß notgedrungen den Helden dieser Dichter nacheifern und ihren Taten Morgenstunden widmen. Bücher aus den heroischen Zeiten werden, selbst wenn sie in den Schriftzeichen unsrer Muttersprache gedruckt sind, in Zeiten der Degeneration stets in einer toten Sprache verfaßt sein. Wir müssen mühsam nach der Bedeutung jedes Wortes, jeder Zeile suchen und einen tieferen Gehalt, als der Durchschnittsmensch in der alten Sprache vermutet, mit all unsrer Weisheit, unsrem Mute und unsrem Edelsinn hinein zu verlegen wissen. Die moderne wohlfeile und fruchtbare Literatur hat mit all ihren Übersetzungen wenig dazu beigetragen, uns die heroischen Schriftsteller des Altertums näher zu bringen. Sie sind noch dieselben Eremiten, und die Zeichen, in denen sie reden, sind noch gerade so eigenartig und kostbar wie je zuvor. Es lohnt sich ganze Tage und kostbare Stunden daran zu wenden, um ein paar Worte einer alten Sprache zu erlernen, die, über die Trivialität der Straße erhaben, immer von neuem Anregung und Ermutigung zu geben vermögen. Wenn der Farmer die wenigen lateinischen Ausdrücke, die er gelernt hat, behält und wiederholt, so ist das keine verlorene Arbeit. Bisweilen werden Stimmen laut, die für modernere und praktischere Studien auf Kosten des Studiums der Klassiker eintreten. Der wissensdurstige Mensch aber wird sich immer wieder dem Studium der Klassiker zuwenden, einerlei, in welcher Sprache sie geschrieben oder wie alt sie sind. Denn was sind die Klassiker anders als die erhabensten und überlieferten Gedanken der Menschheit? Sie sind die einzigen, nicht verklungenen Orakel, und zu den Antworten, die sie auf die modernsten Fragen geben, waren Delphi und Dodona nicht befähigt. Wir könnten mit derselben Berechtigung das Studium der Natur aufgeben, weil sie alt ist. Gut lesen, das heißt, wahre Bücher in wahrem Geiste lesen, ist eine edle Beschäftigung, die an den Leser größere Anforderungen stellt als irgend ein Sport, der gerade modern ist. Solche Lektüre verlangt eine "Trainierung", wie sie Athleten anwenden, ja, fast das ganze Leben muß mit Aufbietung aller Kräfte diesem Gebiete gewidmet werden. Bücher soll man mit derselben Sammlung und Bedachtsamkeit lesen, mit welcher sie geschrieben sind. Es genügt nicht einmal, daß man die Sprache des Volkes, in der sie geschrieben sind, spricht. Denn es gibt eine tiefe Kluft zwischen der gesprochenen und der geschriebenen, zwischen der gehörten und der gelesenen Sprache. Die eine Form ist transitorisch, ein Klang, ein Schall, ein farbloser, fast roher Dialekt, den wir unbewußt, wie die Tiere, von unseren Müttern erlernten. Die andere ist die Blüte und Frucht der ersteren. Ist jene unsre Muttersprache, so ist diese unsre Vatersprache, eine sorgfältig erwogene Ausdrucksweise, viel zu gehaltvoll, als daß das Ohr sie vernehmen könnte. Wir müssen wiedergeboren werden, um in ihr sprechen zu können. Die vielen Menschen, die im Mittelalter griechisch und lateinisch nur sprachen, waren durch den Zufall der Geburt nicht berechtigt, die Worte des Genius, der sich in diesen Sprachen verkündete, zu lesen. Denn diese Worte waren nicht in jenem Griechisch oder Latein geschrieben, welches sie kannten, sondern in der durchgeistigten Sprache der Literatur. Sie hatten nicht die edleren Dialekte der Griechen oder Römer erlernt, nein, selbst das Material, auf dem die Alten geschrieben hatten, war für sie Makulatur. Eine seichte, zeitgenössische Literatur galt ihnen mehr. Als aber die verschiedenen Völker Europas ihre eigenen, charakteristischen, wenn auch rohen Schriftsprachen geschaffen hatten, die als Grundlage für die Weiterentwicklung der Literatur genügten, da erst wurde das Studium eifrig wieder aufgenommen, da erst war der Standpunkt erhaben genug, um die Schätze des Altertums zu erkennen. Was die Massen des griechischen oder römischen Volkes nicht hören konnten, das lasen nach Jahrhunderten einige wenige Forscher, und einige wenige Forscher lesen es noch heute.

 

Mögen wir auch noch so sehr eines Redners gelegentlichen Schwung bewundern: das vornehme, geschriebene Wort steht doch so weit hinter oder über der schwankenden gesprochenen Sprache, wie das Firmament mit seinen Sternen hinter den Wolken. Dort sind die Sterne: nun lese sie wer kann! Die Astronomen sind unermüdlich im Erklären und Beobachten. Das sind keine Nebelgebilde, wie unsere täglichen Gespräche, unser dampfender Atem. Was in der Öffentlichkeit als Beredsamkeit gilt, wird sich in der Studierstube meistens als Rhetorik erweisen. Der Redner ist vom Einfluß transitorischer Momente abhängig und spricht zu dem Pöbel, den er vor sich sieht, zu denen, die ihn hören können. Der Schriftsteller dagegen, dessen gleichförmigeres Leben ihm immer Gelegenheit gibt, seine Gedanken zu verkünden, würde gerade durch jene Anlässe und die Menschenmassen, die den Redner inspirieren, abgelenkt werden. Er spricht zum Geist und zum Herzen des Menschengeschlechtes, zu allen Zeiten und zu all jenen, die ihn zu begreifen vermögen.

 

Kein Wunder, daß Alexander die Ilias immer, wenn er ins Feld zog, in einem kostbaren Kästchen mit sich nahm. Ein geschriebenes Wort ist die wertvollste Reliquie. Es ist etwas, was uns innerlich verwandt ist, und doch zugleich, mehr als irgend ein andres Kunstwerk, der Allgemeinheit angehört. Es ist das Kunstwerk, das dem Leben am nächsten steht. Es kann in jede Sprache übertragen, und nicht nur von allen menschlichen Lippen gelesen, sondern auch geatmet werden. Das Symbol des Gedankens eines antiken Menschen wird zur Sprache des modernen Menschen. Zweitausend Sommer haben den Denkmälern griechischer Literatur, den Marmorschöpfungen der Griechen nur einen reiferen, goldnen, herbstlichen Ton verliehen. Denn ihr eigener, heiterer, himmlischer Glanz trug sie selbst in alle Lande und schützte sie gegen die zernagende Zeit. Bücher sind der aufgespeicherte Reichtum der Welt und das reale Erbe von Generationen und Völkern. Bücher, und zwar die ältesten und besten, sollten mit Fug und Recht auf dem Bücherbrett in jeder Hütte stehen. Sie haben selbst nichts zu ihrer Verteidigung vorzubringen, und doch wird der gesunde Menschenverstand des Lesers, den sie erleuchten und erbauen, sie nicht von der Hand weisen. Ihre Verfasser bilden einen natürlichen, unwiderstehlichen Adel in jeder Gesellschaft. Sie üben auf die Menschheit einen größeren Einfluß aus als Könige und Kaiser. Wenn der ungebildete und vielleicht noch obendrein zu hochmütigem Spotte veranlagte Kaufmann sich durch Unternehmungsgeist und Fleiß die erstrebte Muße und Unabhängigkeit erworben, in "tonangebende Kreise" Zutritt erhalten hat, so strebt er unvermeidlich schließlich doch den höheren, wenn auch unzugänglichen Kreisen des Geistes und des Genies zu. Er ist sich der Unvollkommenheit seiner Erziehung und der Nichtigkeit und Unzulänglichkeit all seiner Reichtümer bewußt. Darum zeigt er auch insofern gesunden Menschenverstand, als er sich Mühe gibt, seinen Kindern jene Geistesbildung angedeihen zu lassen, deren Mangel er selbst so schneidend empfand. Und erst auf diese Weise wird er zum Gründer einer Familie.

 

Wer nicht gelernt hat, die alten Klassiker in der Originalsprache zu lesen, kann nur eine höchst mangelhafte Kenntnis von der Entwicklung des Menschengeschlechtes haben. Denn es ist auffallend, daß sie noch niemals in einer modernen Sprache "nachgedichtet" sind – wir müßten denn etwa unsre Zivilisation als eine solche Nachdichtung ansehen. Bislang ist Homer noch nicht englisch gedruckt worden, auch Äschylos nicht und Vergil, und das sind doch Werke, so geläutert, so festgefügt, so schön fast wie der Morgen selbst. Spätere Schriftsteller aber haben, einerlei wie hoch wir ihr Genie veranschlagen, selten, wenn überhaupt je, die Alten in der sorgsamen Schönheit und Vollendung ihrer lebenslangen, heldenhaften, literarischen Arbeiten erreicht. Nur jene schwätzen gegen die Klassiker, die nie etwas von ihnen gekannt haben. Es wird noch zeitig genug sein, sie zu vergessen, wenn wir so viel gelernt haben, so viel Verstand besitzen, um sie zu begreifen und zu würdigen. Wahrhaft reich wird jenes Zeitalter sein, in welchem die Reliquien, die wir Klassiker nennen, und einige noch ältere und mehr als klassische, doch weniger gekannte heilige Schriften der Völker mit heißem Bemühen gesammelt sind, wenn die Vatikans mit Vedas, Zendavestas und Bibeln angefüllt sind, mit Homeren, Danten und Shakespearen, wenn all die späteren Jahrhunderte ihre Trophäen auf dem Forum der Welt aufgestapelt haben. Von solcher Höhe aus dürfen wir hoffen schließlich in den Himmel zu kommen.

 

Die Werke der Dichterfürsten sind bislang noch nie von der Menschheit gelesen worden. Dazu sind nur Dichterfürsten fähig. Sie wurden nur so gelesen, wie die große Masse die Sterne liest – höchstens astrologisch, nicht astronomisch.

 

Die meisten Menschen haben lesen gelernt, um einer armseligen Bequemlichkeit zu genügen, wie sie auch rechnen lernten, um Buch führen zu können, und um beim Handel nicht übers Ohr gehauen zu werden. Aber vom "Lesen" als einer erhabenen, geistigen Beschäftigung wissen sie wenig oder nichts. Und doch ist "Lesen" im wahren Sinn des Wortes nichts anderes. Jedenfalls nicht das, was uns wie der Luxus einlullt und den höheren Geisteskräften einstweilen zu schlummern gestattet, sondern das, was wir nur lesen können, wenn wir auf den Zehenspitzen stehen, wenn wir unsere wachsten, erleuchtetsten Stunden dazu verwenden.

 

Haben wir erst einmal die Buchstaben erlernt, so meine ich, sollten wir nur das Beste lesen, was in der Literatur vorhanden ist, und nicht unser a, b, abc und einsilbige Wörter in der vierten oder fünften Klasse in alle Ewigkeit wiederholen und unser Leben lang auf der Faulbank sitzen bleiben. Die meisten Menschen sind zufrieden, wenn sie ein gutes Buch lesen – die Bibel zum Beispiel – oder sich aus einem guten Buch vorlesen lassen. Es genügt ihnen, wenn sie (vielleicht) von dessen Weisheit überzeugt sind. Den Rest ihres Lebens vegetieren sie und verschwenden ihr Können an sogenannte seichte Literatur. In unserer Volksbibliothek befindet sich ein mehrbändiges Werk, dessen Titel "Little Reading" in mir den Gedanken erweckte, es beschäftige sich mit der Stadt gleichen Namens, die ich noch nie besucht hatte. Es gibt Menschen, die selbst nach einer reichlichen Mahlzeit von Fleisch und Gemüse alles verdauen können, gerade wie die Wasserraben und Strauße. Es schmerzt sie, wenn etwas umkommt. Wenn andere die Maschinen sind, die produzieren, so sind sie die Maschinen, die konsumieren. Neuntausendmal lasen sie das Märchen von Zebulon und Sephronia, die einander liebten wie nie zuvor geliebt wurde. Auch war der Pfad, den ihre treue Liebe wandelte, nicht eben – jedenfalls lief sie dahin, strauchelte, stand auf und lief weiter. Oder sie lasen, wie ein Unglücksmensch bis zur Kirchturmspitze hinaufkletterte, der besser daran getan hätte, wenn er nur bis zum Glockenstuhl geklettert wäre. Ist dieser Pechvogel nun – ganz überflüssigerweise – in solche Höhen emporgehoben, dann läutet der glückliche Romandichter die Glocke, damit alle Welt zusammenläuft und sieht – O, Du lieber Himmel!– – wie der Pechvogel wieder herunterklettert. Man täte, meines Erachtens, wohl daran, alle diese strebsamen Helden der gesammten Romanliteratur in menschliche Wetterhähne zu verwandeln, wie man früher die Helden unter die Sterne versetzte. Tort mögen sie sich um sich selber drehen, bis sie rostig sind. Dort mögen sie bleiben und friedliche Bürger mit ihren Possen verschonen. Wenn der Romanschreiber das nächste Mal die Glocke läutet, will ich mich nicht vom Flecke rühren, selbst wenn die Kirche niederbrennen sollte. " Der Sprung des Zehenspitzenspringers", ein Romanze aus dem Mittelalter, von dem berühmten Verfasser des "Tittle Tol-Tan" wird in monatlichen Lieferungen erscheinen! Man stürmt den Verlag! Kommt nicht alle zur gleichen Zeit!" Das alles lesen sie, mit Augen groß wie Mühlräder, mit lebhafter, ungetrübter Neugierde, mit unersättlichem Magen, dessen Schleimhautfalten ebensowenig zum Appetit gereizt zu werden brauchen, wie dem kleinen vier Jahre alten Musterschüler seine 10-Pfennig-Goldschnitt-Ausgabe von "Aschenbrödel" nicht erst angepriesen werden muß. Nutzen hat er ja doch nicht davon – weder im Vortrag, noch in der Aussprache, noch in der Betonung, noch in der Fähigkeit die Moral herauszuziehen oder hineinzuverlegen. Und was resultiert? – Müdes Sehen, Hemmung der vitalen Zirkulation und eine allgemeine Ohnmacht und Verwässerung der intellektuellen Fähigkeiten. Diese Sorte Pfefferkuchen wird täglich in jedem Backofen mit mehr Eifer gebacken als reines Weizen-, Roggen- oder Maisbrot. Sie wird auch viel leichter verkauft.

 

Die besten Bücher werden noch nicht einmal von denen gelesen, die man als "gute Leser" bezeichnet. Wie hoch kann man die Kultur in Concord einschätzen? In diesem Städtchen gibt es – mit sehr wenigen Ausnahmen–für die besten und für die guten Bücher, selbst der englischen Literatur, deren Worte jeder lesen, jeder buchstabieren kann, kein Verständnis. Selbst die Herren an der Universität, d. h. die höher Gebildeten, wissen hier wie auch an anderen Orten wenig oder überhaupt nichts von den englischen Klassikern. Gerade um die Kenntnis der Urväter-Weisheit des Menschengeschlechtes, um die alten Klassiker und heiligen Schriften, die allen zugänglich sind, die dafür Interesse haben, kümmert man sich so wenig wie möglich. Ich kenne einen Holzhacker in den besten Jahren, der sich eine französische Zeitung hält, nicht der Neuigkeiten wegen – darüber ist er erhaben – nein, "um in der Übung zu bleiben". Er ist nämlich in Canada geboren. Und als ich ihn fragte, welche Beschäftigung ihm auf dieser Welt als die beste erscheine, erwiderte er: "Abgesehen von der soeben erwähnten die Pflege und Verbesserung meines Englisch." Das deckt sich ungefähr mit den Taten und Bestrebungen des akademisch Gebildeten. Darum halten solche Leute eine englische Zeitung. Und hat jemand eines der besten englischen Bücher gelesen: wie groß ist dann die Zahl derer, mit denen er darüber sprechen kann? Oder nehmen wir einmal an, jemand habe soeben einen griechischen oder römischen Klassiker im Original studiert – nun, da findet er überhaupt niemand, mit dem er sich darüber unterhalten kann. Er muß schweigen! Ja, an unsern Kunst- und Lehrerakademien gibt es keinen Professor, der, selbst wenn er die Schwierigkeiten der Sprache überwunden hat, auch in gleichem Maße die Schwierigkeiten beherrscht, welche in dem geistigen Gehalt und in der Poesie eines griechischen Schriftstellers liegen. Auch ist der Herr Professor nicht imstande dem kritischen, mutigen Leser Sympathie einzustoßen. Und was die heiligen Schriften, die Bibeln der Menschheit betrifft, so möchte ich einmal anfragen, wer in dieser Stadt kann mir auch nur ihre Titel nennen? Die meisten Menschen wissen gar nicht, daß außer den Juden noch andere Völker eine heilige Schrift besaßen. Ein Mensch, jeder Mensch wird ein gutes Stück von seinem Pfade abweichen, um einen Silberdollar aufzuheben. Hier aber gibt es goldne Worte, Worte, welche die weisesten Männer des Altertums verkündet haben und deren Wert von den Weisen aller nachfolgenden Zeiten bestätigt worden ist! Und doch lernen wir nichts als oberflächliche Bücher lesen, ABC- und andere Schulbücher, und wenn wir die Schule verlassen haben, erbauen wir uns an "kleinen Erzählungen" und Märchen, die für Knaben und Anfänger geschrieben sind. Unsere Lektüre, Unterhaltung und unser Denkvermögen bleiben darum auf einer Pygmäen und Zwergen angemessenen Stufe stehen.

 

Ich wünsche weisere Männer kennen zu lernen, als hier auf Concords Boden wachsen, Männer, deren Namen man hier kaum kennt. Oder soll ich den Namen Plato hören und nie sein Buch lesen? Als ob Plato mein Landsmann wäre und ich ihn nie gesehen hätte – mein nächster Nachbar, den ich niemals sprechen hörte, dessen weisheitsvollen Worten ich niemals lauschte! Wie aber liegt die Sache in Wirklichkeit? Seine Dialoge, die das enthalten, was an ihm unsterblich war, liegen auf dem nächsten Bücherbretts, und doch habe ich sie nie gelesen. Wir sind ungebildet, gemein und dumm. Und ich gestehe, in dieser Hinsicht gibt es keinen großen Unterschied zwischen der Unwissenheit meiner Landsleute, welche überhaupt nicht lesen können, und der Unwissenheit desjenigen, der nur lesen gelernt hat, was für Kinder und geistig Beschränkte paßt. Wir sollten so gut sein wie die besten Menschen des Altertums. So wollen wir uns denn zunächst einmal darüber unterrichten, wie gut jene wären. Wir sind ein Geschlecht von Zwergen, und unser Geistesflug reicht nicht viel höher als die Spalte der Tageszeitung.

 

Nicht alle Bücher sind so stumpf wie ihre Leser. Sie enthalten vielleicht Worte, die genau auf unsere Verhältnisse passen, die, wenn wir sie nur wirklich hören und begreifen würden, mehr Segen in unser Leben tragen könnten als der Morgen oder der Frühling. Sie vermöchten vielleicht unsere ganze Lebensanschauung zu ändern. Wie mancher Mensch datiert eine neue Aera seines Lebens von der Lektüre eines Buches. Das Buch, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart, existiert vielleicht irgendwo. Dinge, die bis lang nicht vor uns ausgesprochen wurden, finden wir vielleicht irgend wo ausgesprochen. Dieselben Fragen, die uns erregen und quälen und verwirren, haben verständige Menschen stets beschäftigt. Nicht eine einzige ist übergangen worden, und jedermann hat, je nach seinen Fähigkeiten, mit Worten oder mit seinem Leben darauf geantwortet.

 

Durch Weisheit lernen wir aber auch Hochherzigkeit. Der einsame Arbeiter auf einer Farm in der Nähe von Concord, der seine besonderen religiösen Anschauungen hat, der an seine Wiedergeburt glaubt und annimmt, daß ihn sein Glaube zu solch schweigender Würde und Unnahbarkeit gebracht habe – der einsame Arbeiter dort mag denken: das ist nicht wahr. Doch Zoroaster wanderte vor Tausenden von Jahren auf derselben Straße und hatte dieselbe Erfahrung. Doch er in seiner Weisheit wußte, daß sie keinem erspart bleibt, Darum behandelte er seine Mitmenschen dementsprechend. Er soll sogar den Gottesdienst erfunden und bei den Menschen eingeführt haben. So möge jener einsame Arbeiter denn in Demut mit Zoroaster und durch den befreienden Einfluß der besten Menschen mit Jesus Christus selbst sich beraten und "unsere Kirche" getrost als Ballast über Bord werfen.

 

Wir prahlen damit, daß wir dem neunzehnten Jahrhundert angehören und von allen Völkern die gewaltigsten Fortschritte machen. Was aber tut denn Concord zum Beispiel für seine Kultur? Ich wünsche weder meinen Mitbürgern zu schmeicheln, noch von ihnen Schmeicheleien zu hören; damit ist weder dem einen noch dem andern geholfen. Wir müssen gereizt, mit dem Stachel angetrieben werden, wie Ochsen, die wir ja sind, um ins Traben zu kommen. Wir haben ein verhältnismäßig gutes System gewöhnlicher Freischulen, solcher Schulen, die nur für Kinder bestimmt sind. Aber abgesehen von einem nur halb lebensfähigen Lycaeum im Winter, und abgesehen von einem aus letzter Zeit datierenden, zahmen Anfang einer vom Staate angeregten Bibliothek, haben wir keine Schule für uns selbst. Wir verwenden auf alle Dinge, die zu unserer Pflege und Verpflegung dienen, mehr als auf unsere geistige Nahrung. Es ist an der Zeit, daß wir ungewöhnliche Schulen bekommen, daß wir nicht mit unserer Erziehung aufhören, wenn wir anfangen Männer und Frauen zu werden. Es ist Zeit, daß Dörfer sich in Universitäten verwandeln, daß die älteren Einwohner Universitätsmitglieder werden und berechtigt sind – wenn sie wohlhabend genug sind – ihren Lebensabend freien Studien zu widmen. Soll die Welt sich für ewige Zeiten mit Paris oder Oxford begnügen? Können nicht unter Concords Himmel Studenten leben und eine vorurteilsfreie Erziehung finden? Können wir denn keinen Abälard anstellen, der uns Vorlesungen hält? Ach! Viehfüttern und Ladenhüten hat uns allzulange von der Schule ferngehalten, und unsre Erziehung ist bedauerlich vernachlässigt. In diesem Lande hier sollte die Stadt in gewisser Hinsicht die Stelle des Edelmanns in Europa einnehmen. Sie sollte die Beschützerin der Künste sein. Sie ist reich genug. Es fehlt nur an Seelengröße und Seelenreinheit. Sie kann Geld genug für Dinge ausgeben, die von Farmern und Kaufleuten geschätzt werden. Aber schon der Vorschlag, Geld für etwas zu verwenden, was – nach Ansicht weitaus intelligenterer Menschen – viel mehr Wert hat, gilt als eine Utopie. Diese Stadt verausgabte – Dank dem Himmel oder Dank der Politik! – siebenzehntausend Dollars für ein Rathaus. Sie wird aber wahrscheinlich im Verlauf von hundert Jahren nicht die gleiche Summe für lebendige Geisteskraft, für die würdige Fassung eines echten Juwels verwenden. Die einhundert und fünfundzwanzig Dollars, die jährlich für das Winterlycaeum gezeichnet werden, sind besser angewandt, als eine andere Summe in der gleichen Höhe, die in der Stadt gesammelt wird. Wenn wir schon einmal im neunzehnten Jahrhundert leben, warum sollen wir uns dann nicht der Vorteile erfreuen, die das neunzehnte Jahrhundert bietet? Warum soll unser Leben in irgend einer Hinsicht "bäuerisch" sein? Wenn wir denn schon Zeitungen lesen wollen, warum überschlagen wir nicht den Stadtklatsch aus Boston und greifen gleich zur besten Zeitung der Welt? Nein, da nähren wir uns an den Brüsten der "unabhängigen Familienzeitung" oder knabbern hier in Neuengland am "Olivenzweig"! Laßt die Berichte aller gelehrten Gesellschaften zu uns kommen. Wir werden prüfen, ob sie tatsächlich etwas wissen. Warum sollen die Herren "Gebrüder Harper" oder "Redding & Compagnie" unsere Bücher für uns auswählen? Wenn ein Edelmann von geläutertem Geschmack sich mit allem umgibt, was zu seiner weiteren intellektuellen Erziehung beiträgt, mit Talent, Geist, Wissenschaft, Witz, Büchern, Gemälden, Statuen, Musik, philosophischen Dingen und dergleichen mehr, so sollte auch die Stadt nicht mit einem Pädagogen, einem Pfarrer, einem Meßner, einer Pfarrbibliothek und mit drei Stadtverordneten sich begnügen, bloß weil einst in einem kalten Winter auf einem kahlen Felsen unsere Vorfahren, die in dies Land gezogen kamen, damit zufrieden waren. Eine Grundbedingung unserer Verfassung ist gemeinsames Handeln. Ich aber vertraue darauf, daß unsere Schätze größer sind als die des Edelmanns, weil unsre Quellen ergiebiger fließen. Neuengland kann alle weisen Männer der Welt als seine Lehrer anstellen. Es wird ihnen an nichts mangeln, nichts Provinziales wird sich bemerkbar machen. Das ist die ungewöhnliche Schule, die wir brauchen. Statt der Edelmänner laßt uns Edelstädte voller Männer haben. Wenn es auch nötig ist, baut keine Brücke über den Fluß, macht einen etwas weiteren Weg und spannt wenigstens einen Bogen über den dunkleren Abgrund der Unwissenheit, der uns umgibt.

 

Töne

 

Doch während wir uns auf Bücher beschränken, selbst wenn es die hervorragendsten und die klassischen sind, und während wir nur bestimmte Schriftsprachen lesen, die selbst nur unbeholfene Dialekte sind, laufen wir Gefahr, diejenige Sprache zu vergessen, in welcher alle Dinge und Ereignisse ohne Metapher reden, welche allein erschöpfend und meisterhaft ist. Viel wird veröffentlicht, aber wenig wird gedruckt. An die Strahlen, die durch den Fensterladen fielen, wird niemand mehr denken, wenn der ganze Fensterladen geöffnet ist. Keine Methode, keine Disziplin kann uns über die Notwendigkeit hinweghelfen immer die Augen offenzuhalten. Was ist ein Kursus über Geschichte, Philosophie oder Poesie, mag er noch so vorzüglich zusammengestellt sein, was ist die beste Gesellschaft und die bewunderungswürdigste Lebenskunst im Vergleich zu jener Fähigkeit die Dinge zu sehen, die wirklich zu sehen sind. Willst Du nur ein Leser, ein Forscher sein, oder ein Sehender? Lies Dein Schicksal, sieh was vor Dir liegt und wandle hinein in die Zukunft.

 

Im ersten Sommer las ich keine Bücher – ich hackte meine Bohnen. Ja, oftmals tat ich noch etwas Besseres! Es gab Zeiten, wo ich es nicht über mich gewinnen konnte, die Blüte des Augenblicks irgend einer Arbeit des Kopfes oder der Hände zu opfern. Ich liebe es meinem Leben einen weiten Spielraum zu geben. Bisweilen saß ich an einem Sommertage, nachdem ich mein gewohntes Bad genommen hatte, vor meiner Tür im Sonnenschein von Sonnenaufgang bis zur Mittagstunde, traumverloren zwischen Fichten, Walnuß- und Sumachbäumen, in ungestörter Einsamkeit und Stille, während die Vögel ringsum sangen oder geräuschlos durch das Haus flatterten. Und erst, wenn sich die Sonne in dem westlichen Fenster meines Hauses spiegelte, oder wenn das Rollen eines Reisewagens von der fernen Landstraße zu mir drang, erinnerte ich mich daran, wie schnell die Stunden verflogen.

 

An solchen Tagen wuchs ich wie der Mais in der Nacht. Sie waren auch weitaus besser als irgend ein Werk meiner Hände hätte sein können. Sie wurden meinem Erdenwallen nicht abgeschrieben, sondern zugelegt. Ich verwirklichte das, was die Orientalen unter Beschaulichkeit und Arbeitsentsagung verstehen. Meistens dachte ich gar nicht daran, daß Stunde auf Stunde verrann. Der Tag brach an, als ob er mein Werk beleuchten wolle. Es war Morgen und – siehe da! – nun ist es Abend und nichts von Bedeutung wurde getan, Statt wie die Vögel zu singen, war ich innerlich heiter über mein dauerndes Glück. Wie der zwitschernde Spatz, der auf dem Walnußbaum vor meinem Hause sitzt, so habe auch ich mein Lachen, mein Trillerlied, das vielleicht aus meinem Nest zu ihm hinüberschallt, Meine Tage waren keine Wochentage, waren nicht nach irgend einer heidnischen Gottheit benannt, sie waren nicht in Stunden zerhackt, noch durch das Ticken einer Uhr zerfetzt. Nein, ich lebte wie die Puriindianer, die, wie man erzählt, "für gestern, heute und morgen nur ein Wort besitzen; sie modifizieren es dadurch, daß sie für gestern – rückwärts, für morgen – vorwärts und für heute nach oben deuten." Ich weiß sicher, daß meine lieben Mitbürger darin nur eine unglaubliche Faulheit erblicken. Doch, wenn Vögel und Blumen mich mit ihrem Maß gemessen hätten, wäre ich nicht zu leicht befunden. Ein Mensch muß von innen heraus seine Impulse bekommen, das steht fest. Der Tag an sich ist sehr ruhig und wird ihm kaum seine Trägheit zum Vorwurf machen.

 

Jedenfalls hatte ich vor der Lebensweise anderer Menschen, die in Vergnügungen, Theater und Gesellschaften aufgehen, mit meiner Lebensweise den Vorzug, daß mein Leben selbst ein Genuß war, und nie aufhörte neu zu sein. Es war ein Schauspiel mit vielen Szenen und ohne Schluß. Würden wir immer versuchen nach den letzten und besten Regeln, die wir lernten, unser Brot zu verdienen, unser Leben zu verbringen, so würde uns Langweile sicher niemals plagen. Folge dem Fluge Deines Genius unmittelbar, und er wird Dir getreulich in jeder Stunde neue Perspektiven eröffnen. Hausarbeit war ein willkommener Zeitvertreib. Wenn mein Fußboden schmutzig war, stand ich frühzeitig auf und setzte all meine Möbel draußen auf das Gras. Bett und Bettstelle trug ich dabei auf einer Schulter. Tann sprengte ich die Dielen mit Wasser, streute weißen Sand aus dem Teiche hinauf und bürstete sie mit dem Besen, und um die Zeit, wo die Dorfbewohner ihr nächtliches Fasten brachen, hatte die Morgensonne bereits mein Haus so weit getrocknet, daß ich wieder einziehen konnte, ohne daß mein Gedankenflug eine Unterbrechung erlitt. Es machte mir Freude meine ganze Hauseinrichtung dort draußen auf dem Gras zu sehen, wo sie einen kleinen Haufen bildete, wie das Bündel eines Zigeuners. Daneben stand mein dreibeiniger Tisch inmitten von Fichten und Walnußbäumen, von welchem ich Bücher, Feder und Tinte nicht entfernte. Ein jedes schien froh, wenn es ins Freie getragen, betrübt, wenn es wieder hineingetragen wurde. Bisweilen kam ich in Versuchung ein Zeltdach über alles zu spannen, und mich darunter niederzulassen. Es lohnte sich schon der Mühe zu beobachten, wie die Sonne auf all diese Dinge schien, wie der Wind darüber hinstrich; die vertrauten Gegenstände sahen im Freien viel interessanter aus als im Hause. Ein Vogel sitzt auf dem nächsten Ast, Immergrün wächst unter dem Tisch, Brombeerranken schlingen sich um des Tisches Füße. Tannenzapfen, stachlige Hüllen der Kastanien und Erdbeerblätter sind über den Boden verstreut. Es hat den Anschein, als ob auf solche Weise diese Formen auf unsere Möbel, Tische, Stühle und Bettstellen übertragen würden – gerade weil sie einst in ihrer Mitte gestanden haben.

 

Mein Haus lag am Abhang eines Hügels, unmittelbar am Rand eines größeren Waldes, inmitten einer jungen Anpflanzung von Harztannen und Walnußbäumen, etwa dreißig Schritte vom Teich entfernt, zu dem ein schmaler Fußpfad den Hügel hinunter führte. In meinem Vorgarten wuchsen Erdbeeren, Brombeeren und Immergrün, Beifuß und Goldstab, Zwergeichen und Sandkirschen; Heidelbeeren und Erdnüsse. Gegen Ende Mai schmückte die Sandkirsche. ( cerasus pumila) die Seiten des Weges mit ihren Blüten, die in Dolden zylindrisch um die kurzen Stengel stehen. Im Herbst aber hingen die Stengel, durch die großen und schönen Kirschen niedergebogen, in Guirlanden wie Strahlenbündel an beiden Seiten über den Weg. Ich kostete die Früchte aus Höflichkeit gegen die Natur; sie waren indessen nicht wohlschmeckend. Der Sumach ( rhus glabra) wuchs im Überfluß um das Haus herum, arbeitete sich durch den Erddamm, den ich aufgeschüttet hatte und erreichte im ersten Jahre eine Höhe von fünf bis sechs Fuß. Sein breites, gefiedertes, tropisches Blatt bot einen schönen, wenn auch seltsamen Anblick dar. Die großen Knospen, die erst spät im Frühling plötzlich aus den trockenen, scheinbar abgestorbenen Stengeln hervorsproßten, entwickelten sich wie durch Zauberkraft zu anmutigen, grünen, zarten Zweigen von einem Zoll im Durchmesser. Und so sorglos wuchsen sie, so sehr überanstrengten sie ihre schwachen Glieder, daß ich bisweilen, wenn ich an meinem Fenster saß, einen frischen und zarten Ast plötzlich wie einen Fächer zur Erde fallen hörte, während sich kein Lüftchen regte. Sein eigenes Gewicht brach ihn. Im August nahmen die zahllosen Beeren, deren Blüten viele wilde Bienen angelockt hatten, allmählich eine helle, sammetartige, karmoisinrote Farbe an; auch sie bogen und brachen durch ihr Gewicht die zarten Stengel.

 

Während ich jetzt an diesem Sommernachmittage an meinem Fenster sitze, kreisen Habichte über meiner Lichtung. Der pfeilschnelle Flug wilder Tauben, die zu zweien oder dreien meinen Blick kreuzen oder ruhelos auf den Ästen der Weißtannen hinter meinem Hause auf und ab hüpfen, verleiht der Luft eine Stimme; ein Fischreiher taucht in die spiegelglatte Oberfläche des Sees und bringt einen Fisch in die Höhe. Eine Otter stiehlt sich aus dem Sumpf vor meiner Tür hervor und packt einen Frosch am Ufer. Das Schilf beugt sich unter der Last der Riedmeisen und Rohrdommeln, die hinüber und herüber fliegen. Während der letzten halben Stunde habe ich auch das Rollen der Eisenbahnwagen gehört, in welchen die Reisenden von Boston aufs Land fahren; bald klingt es hinsterbend, bald auflebend wie der Flügelschlag eines Rebhuhns. Ja, ich lebte nicht so weit von aller Welt entfernt wie jener Junge, der, wie mir erzählt wurde, bei einem Farmer im östlichen Teile der Stadt untergebracht wurde, von dort aber bald wieder ausriß und zu Haus ankam, zerlumpt und krank vor Heimweh. Nie hatte er einen solch öden, abgelegenen Platz gesehen! Die Leute waren alle von dort fortgezogen! Ja, selbst die Dampfpfeife konnte man dort nicht hören! ... Ich bezweifle, ob es jetzt noch ein solchen Platz in Massachusetts gibt:

 

"Denn jetzund ist auch unser Dorf ein Ziel
"Für einen jener windesschnellen Eisenspeere!
"Und über unsrer Felder stille Einsamkeit
"Hallt sanft der Ruf– Concord."

 

Die Fitchburger Bahn berührt den Teich ungefähr fünfhundert Schritt südlich von meiner Wohnung. Gewöhnlich gehe ich auf dem Eisenbahndamm zum Dorfe; ich bin somit durch dieses Band gleichsam mit der Zivilisation verbunden. Die Leute auf den Güterzügen, welche die ganze Strecke abfahren, grüßen mich wie einen alten Bekannten. Sie fahren so oft an mir vorbei, daß sie mich augenscheinlich für einen Beamten halten. Und das bin ich auch. Ich selbst würde nur allzu gern auf diesem Erdkreis irgendwo die Geleise ausbessern.

 

Das Pfeifen der Lokomotive durchdringt meine Waldungen im Sommer und im Winter; es klingt wie der Schrei eines Habicht, der über den Hof einer Farm fliegt. Es gibt mir Kunde, daß viele rastlose Kaufleute von Boston, oder unternehmungslustige Geschäftsmänner aus der entgegengesetzten Richtung gleich in unsrem Städtchen eintreffen werden. Kommen sie unter dem gleichen Horizont zusammen, dann schreien sie einander warnend zu: "Mach Platz!" Das kann man bisweilen im Umkreis von zwei Städten hören. Hier kommen Deine Kolonialwaren, Land! Hier ist Euer Mundvorrat, Landleute! Und noch ist kein Mann auf seiner Farm so unabhängig, daß er solche Anerbietungen von der Hand weisen kann. "Und hier ist Euer Geld", kreischt die Pfeife des Landmanns. Bauholz rennt mit einer Geschwindigkeit von zwanzig Meilen pro Stunde auf die Mauern der Stadt zu; Stühle genug können daraus fabriziert werden, daß alle Mühseligen und Beladenen in der Stadt darauf ausruhen können. Mit solch imponierender und hölzerner Höflichkeit bietet das Land der Stadt einen Stuhl an. All die indianischen Heidelbeerhügel werden geplündert, all die Preißelbeerwiesen werden in die Stadt geharkt. Gen Norden geht die Baumwolle, gen Süden das gewebte Tuch. Gen Norden geht die Seide, gen Süden der Wollstoff. Hinauf gehen die Bücher, aber der Geist, der in ihnen wohnt, geht bergab.

 

Wenn ich die Lokomotive sehe, die mit ihrem Schweif aus Wagen in planetarischer, oder richtiger kometenartiger Bewegung dahineilt, – der Zuschauer weiß nicht, ob sie bei dieser Geschwindigkeit und in dieser Richtung je wieder die gleiche Strecke durchsausen wird, denn ihre Bahn gleicht nicht einer in sich zurückkehrenden Kurve – ja, wenn ich die Lokomotive sehe und die Dampfwolke, die wie ein Banner in goldnen und silbernen Windungen hinter ihr her flattert, wie eine flaumige Wolke, die ich hoch oben am Himmelszelt ihre Masse dem Licht entfalten sah, wenn ich sehe, wie dieser wandernde Halbgott, dieser Wolkenbezwinger den Sonnenuntergangshimmel für die Livree seiner Gefolgschaft zu benutzen versucht, und wenn ich höre, wie von den Hügeln das Schnauben des eisernen Rosses, aus dessen Nüstern Feuer und Rauch strömen, unter dessen Hufen die Erde erdröhnt, donnergleich widerhallt – dann glaube ich, daß die Erde ein Geschlecht trägt, welches würdig ist sie zu bewohnen. (Allerdings weiß ich nicht, welche feuerspeienden Drachen oder welches geflügelte Pferd die Menschen in die neue Mythologie aufnehmen werden.) O, daß doch alles so wäre wie es scheint! Wenn doch die Elemente nur zu edlen Zwecken den Menschen Sklavendienste zu leisten hätten! Wenn die Wolke, die über der Lokomotive schwebt, die Ausgeburt heroischer Taten oder so wohltuend wäre wie die Himmelswolke, die über des Landmanns Felder zieht, dann würden die Elemente und die Natur selbst mit Freuden die Menschen auf Weg und Steg begleiten und beschützen.

 

Ich beobachte das Vorüberkommen des Morgenzuges mit dem gleichen Gefühl wie den Sonnenaufgang, der kaum regelmäßiger vor sich geht. Die Wolkenschleppe erstreckt sich in weite Ferne, steigt immer höher bis zum Himmel hinan, während der Zug hinab nach Boston fährt. Eine Minute lang ist die Sonne hinter ihr verborgen. Mein entlegener Acker taucht in tiefen Schatten unter: ein Zug fährt zum Himmelszelt, gegen den der kleine Wagenzug, der an der Erde klebt, nur der Widerhaken des Speeres ist. Der Hüter des eisernen Rosses war früh auf an diesem Wintermorgen; die Sterne leuchteten noch über den Bergen, als er sein Streitroß fütterte und zäumte. Früh wurde auch das Feuer geweckt, um ihm Lebenswärme zu verleihen, um es fortzutreiben. Wäre das Unternehmen doch so unschuldig wie früh! Wenn hoher Schnee liegt, schnallen sie ihm Schneeschuhe an und pflügen mit gewaltigem Pflug von den Bergen bis zum Meeresstrand eine Furche, in welche die Wagen – wie nachfolgende Saatmaschinen – all die rastlosen Menschen und die beweglichen Waren als Samen über das Land verstreuen. Den ganzen Tag saust das Feuerpferd durch Wald und Feld; es hält nur an, damit sein Herr Ruhe finde. Um Mitternacht, wenn es in irgend einer entlegenen Waldschlucht den Elementen die Stirn bietet, rings umgeben von Eis und Schnee, erweckt mich sein Stampfen und sein wildes Schnauben. Erst beim Leuchten des Morgensterns erreicht es seinen Stall; und abermals gehts auf die Reise, ohne Rast und Ruh. Manchmal höre ich es auch am Abend, wenn es in seinem Stall die übrig gebliebene Energie des Tages von sich bläst, damit seine Nerven beruhigt, Leber und Hirn gekühlt werden für einige Stunden eisernen Schlafes. Wäre doch dies Unternehmen so heroisch und rühmenswert wie es groß angelegt und unermüdlich ist.

 

Durch unwegsame, obwohl nicht weit von menschlichen Wohnungen entfernte Wälder, die einst nur bei Tag der Jäger durchdrang, durch die finsterste Nacht jagen diese hellerleuchteten "Salonwagen" dahin, ohne daß die schlafenden Bewohner der Städte davon erwachen. In diesem Augenblick hält der Zug an dem hellerleuchteten Bahnhof eines Städtchens oder einer Stadt, wo eine gesellige Menge versammelt ist, im nächsten Augenblick ist er im unheimlichen Moor, und erschreckt Fuchs und Eule. Abfahrt und Ankunft der Züge bilden jetzt die Epochen im Leben des Dorfes. Sie kommen und gehen mit solcher Regelmäßigkeit und so pünktlich, ihr Pfeifen kann man so weit hören, daß die Farmer ihre Uhren darnach stellen. Sind die Menschen seit der Erfindung der Eisenbahnen nicht etwas pünktlicher geworden? Sprechen und denken sie nicht schneller auf dem Bahnhof als vor der "Posthaltestelle"? Etwas Elektrisierendes liegt in der Atmosphäre eines Bahnhofs. Ich bin über die Wunder, die er bewirkt, erstaunt! Einige von meinen Nachbarn, von denen ich bestimmt ein für allemal vorausgesetzt hätte, daß sie eine solch systematisch pünktliche Fahrgelegenheit nach Boston niemals benutzen würden, sind zur Stelle, wenn die Glocke an der Lokomotive ertönt. Etwas "wie die Eisenbahn" tun ist jetzt geradezu sprichwörtlich geworden. Man kann sich übrigens nur freuen, daß man so oft und so nachdrücklich daran erinnert wird drohenden Gefahren aus dem Wege zu gehen. In diesem Falle gibt es keine Verzögerung durch das Vorlesen der "Aufruhrakte", durch Schießen über die Köpfe des Pöbels. Wir haben ein Fatum, wir haben eine "Atropos" geschaffen, die nie von ihrem Wege abweicht. (Wie gefällt Euch der Name für Eure Lokomotive?) Man hat den Menschen mitgeteilt, daß diese Donnerkeile zu einer bestimmten Stunde und Minute nach verschiedenen Punkten des Kompasses geschleudert werden; dadurch wird jedoch niemand in seinem Geschäft gestört, und die Kinder benutzen ein anderes Geleise, um in die Schule zu gehen. Wir leben dafür um so stetiger. Wir werden auf diese Weise alle zu Söhnen Tells erzogen. Die Luft ist voll unsichtbarer Pfeile! Jeder Pfad ist der Pfad des Schicksals – ausgenommen Dein eigener. So bleibe denn in Deinem Geleise.

 

Für den Handel spricht sein Unternehmungsgeist und seine Unerschrockenheit. Er faltet nicht die Hände und betet zum Jupiter. Ich sehe diese Menschen Tag für Tag mit mehr oder weniger Mut und Zufriedenheit an ihr Geschäft gehen, in welchem sie mehr leisten als sie ahnen und vielleicht besser sich betätigen, als sie sich je träumen ließen. Der Heldenmut jener Leute, die einst eine halbe Stunde lang bei Buena Vista in der Front standen, macht auf mich weniger Eindruck als die beharrliche und freudige Tapferkeit derjenigen, die Winterquartiere im Schneepflug beziehen, die nicht nur den "Mut um drei Uhr morgens früh" besitzen, den Napoleon für den seltensten hielt, sondern auch den Mut nicht so früh zu Bett zu gehen, die nur schlafen, wenn der Sturm schläft, oder wenn die Sehnen des eisernen Rosses erfroren sind. Heute, zum Beispiel, wo ein gewaltiger Schneesturm tobt, der des Menschen Blut erstarren macht, höre ich aus den Nebelwolken ihres erfrorenen Atems heraus den gedämpften Ton der Lokomotivglocke, der verkündet, daß der Zug trotz allem kommt, ohne große Verspätung, dem neuenglischen Nordostschneesturm zum Trotz! Ich sehe sogar die schnee- und reifbedeckten Lokomotivführer; über die spitze Kante des dreieckigen Schneepfluges, der allerdings etwas anderes als Maßlieb oder Feldmausnester zerstört, ragen ihre Köpfe empor, wie runde Felsblöcke von der Sierra Nevada; sie scheinen einen Außenplatz in der Schöpfung einzunehmen.

 

"Handel treiben" heißt – es klingt überraschend: Vertrauen haben, heiter, wachsam, wagemutig und unermüdlich sein. Der Handel benutzt übrigens ganz natürliche Wege, jedenfalls natürlichere, als manche phantastische Unternehmungen und sentimentale Experimente zu wandeln pflegen; und daher rührt sein einzigartiger Erfolg. Es erfrischt mich, meine Spannkraft wächst, wenn der Güterzug an mir vorüber donnert. Ich rieche die Waren, die ihren Duft auf dem ganzen Wege von Long Wharf bis zum Champlainsee verbreiten. Ich werde an fremde Länder erinnert, an Korallenriffe, an den indischen Ozean, an die Tropen und an die Größe der Erde. Wenn ich Palmblätter sehe, die im nächsten Sommer manche Blondköpfe bedecken werden, Manilahanf, Kokosnußschalen, altes Gerümpel: Hanfsäcke, altes Eisen und rostige Nägel, dann fühle ich mich mehr als Weltbürger. Die Wagenladung zerrissener Segel ist lesbarer und interessanter, als wenn sie zu Papier verarbeitet und in gedruckte Bücher verwandelt ist. Wer kann die Geschichte der Stürme, denen sie preisgegeben waren, trefflicher schildern als diese Risse in den Segeln? Das sind Korrekturbogen, die keiner Korrektur bedürfen! Hier kommt Bauholz aus den Wäldern von Maine, das bei der letzten Überschwemmung nicht in die See hinausgespült wurde. Weil so viel fortgeschwemmt und zersplittert wurde, werden tausend Fuß jetzt um vier Dollar höher bezahlt. Tannen-, Fichten-, Zedernholz – erster, zweiter, dritter, vierter, und doch noch vor kurzem von derselben Qualität, damals als es über dem Bären, dem Elentier und dem Karibu rauschte! Dahinter rollt Kalk aus Thomaston – "Primaware". Er wird weit in die Berge hineingefahren, bevor man ihn löscht. Die Ballen dort enthalten Lumpen in allen Farben und Qualitäten: das letzte Schicksal der Kleider. Baumwolle und Leinen sind auf ihre niedrigste Stufe gesunken; die Muster, die nun nie wieder angepriesen werden – vielleicht nur irgend wo im wilden Westen – und die schönsten Erzeugnisse in englischem, französischem oder amerikanischem Kaliko, Gingham, Musselin usw., zusammengesucht aus allen Quartieren des Reichtums und der Armut, werden nun bald zu einfarbigem oder noch schwach getöntem Papier verarbeitet. Und auf dieses werden dann – wer wagt es zu bezweifeln! – wahre, auf Tatsachen beruhende Geschichten aus dem wirklichen, aus dem erhabenen und dem gemeinen Leben gedruckt! Dieser geschlossene Güterwagen riecht nach Salzfischen, verbreitet den strengen, neuenglischen Handelsgeruch, der mich an die See und an Fischerei erinnert. Wer hat noch nie einen Salzfisch gesehen, der auf dieser Welt gegen alles gefeit ist, den nichts verderben kann, mit dem man die Straßen kehren und pflastern und Feuerholz spalten kann, der allem Trotz bietet mit einer Ausdauer, die selbst Heilige neidisch machen könnte, der den Fuhrmann und die Ladung vor Sonne, Wind und Regen schützt, der dann vom Krämer – ein Krämer in Concord tats – an die Türpfosten gehängt wird "zum Zeichen der Geschäftseröffnung", bis schließlich auch der älteste Kunde dieses Herrn nicht mehr bestimmt angeben kann, ob dieses Ding etwas Animalisches, Vegetabilisches oder Mineralisches ist. Wird dieses Ding jedoch in den Topf getan und gekocht, so wird es wieder weiß wie eine Schneeflocke und als Stockfisch beim Mittagessen am Samstag für ausgezeichnet erklärt. Dann folgen spanische Felle: die Schweife sitzen noch daran und zeigen noch jenen Erhebungswinkel, den sie einstens hatten, als die Ochsen, die in diesen Fellen steckten, über die Pampas von Spanisch-Südamerika stürmten. Da haben wir einen Typus für alles Widerspenstige und einen kräftigen Beweis dafür, daß alle konstitutionellen Fehler hoffnungslos und unheilbar sind. Ich muß gestehen, daß ich tatsächlich, wenn ich den wahren Charakter eines Menschen kennen gelernt habe, nicht zu hoffen wage, irgend welchen Einfluß zum Guten oder zum Bösen in dieser Welt auf ihn auszuüben. Der Orientale sagt: "Eines Köters Schwanz kann erwärmt, gequetscht und mit festen Binden rings umwickelt werden; hast Du zwölf Jahre lang Deine Arbeit darauf verwendet, nimmt der Schwanz doch wieder seine natürliche Form an." Gegen eine Widerspenstigkeit, wie diese Schwänze sie zeigen, gibt es nur ein einziges, wirksames Mittel: man mache Leim daraus. Soviel ich weiß, geschieht das auch meistens. Dann tun sie was man will und kleben fest. Hier kommt ein großes Faß Sirup oder Schnaps für John Smith, Cuttingsville, Vermont, für einen Krämer in den grünen Bergen. Er bezieht Waren für die Farmer, die nahe bei seiner Waldlichtung wohnen, und beugt sich jetzt vielleicht über seinen Ladentisch und denkt über die letzten ausländischen Importen nach, und über den Einfluß, den sie auf seine Preise ausüben werden. Dann erzählt er seinen Kunden, was er ihnen heute Morgen schon zwanzigmal erzählt hat, daß er mit dem nächsten Zuge beste Ware erwarte. Das steht übrigens auch im "Lokalanzeiger für Cuttingsville".

 

Während diese Dinge nordwärts eilen, eilen andre gen Süden. Ein zischendes Geräusch trifft mein Ohr: ich blicke von meinem Buche auf, und sehe eine mächtige Tanne, die irgendwo im Norden auf einem Hügel gefällt wurde; sie flog über die "grünen Berge" und über den Connecticutfluß, schießt wie ein Pfeil in zehn Minuten durch das Stadtgebiet und kaum ein andres Auge sieht sie! Sie geht dahin

 

"um eines Admirales stolzes Schiff
als Mast zu zieren."

 

Und horch! Da kommt der Viehzug. "Vieh auf den Bergen, da sie bei tausend gehn", Schafhürden, Pferdeställe und Kuhställe in der Luft schwebend, Treiber mit ihren Stecken und Hirtenknaben mitten unter ihren Herden – alles (nur nicht die Weiden am Bergeshang) fährt dahin, wie Blätter, die ein frischer Herbstwind von den Bergen wehte. Die Luft ist erfüllt von dem Blöken der Kälber und Schafe, von dem Brüllen der Ochsen, als ob ein Hirtental vorbeizöge. Wenn der alte Leithammel an der Spitze seine Glocke schüttelt, da hüpfeten die Berge wie die Lämmer und die Hügel wie die jungen Schafe. Ein Wagen in der Mitte des Zuges ist mit Treibern angefüllt. Sie unterscheiden sich nicht mehr von den Getriebenen; ihr Beruf ist jetzt zwecklos. Dennoch klammern sie sich an das Symbol ihres Amtes, an ihren überflüssigen Stecken. Doch wo sind ihre Hunde? Die ganze Herde stob ihnen davon. Sie wurden als unnötig beiseite geschoben – sie haben die Spur verloren. Ich glaube ihr Bellen hinter den Peterborohügeln zu hören, oder wie sie den Westabhang der "Grünen Berge" hinaufkeuchen. Sie werden nicht dabei sein, wenn ihr Wild verendet. Ihr Beruf ist dahin, ihre Treue und ihr Spürsinn stehen jetzt unter Pari. Die in Ungnade gefallenen werden in ihre Hundeställe zurückschleichen oder verwildern und sich zu Fuchs und Wolf gesellen. Seht, so wird Euer Pastorales Leben fortgewirbelt, so endet es! Doch da tönt die Zugglocke – ich muß aus dem Geleise gehen, um die Wagen vorüber zu lassen: –

 

Was kümmert mich die Eisenbahn?
Um zu sehen wo sie endet
Hab ich niemals Zeit verschwendet!
Ein paar Gräben füllt sie aus
Am Damm bauen Schwalben ihr erdiges Haus
Im Schatten von Bambusgesträuch.
Die Räder wirbeln den Sand empor ...

 

ich aber schreite über das Geleise wie über einen Waldpfad. Ich will mir weder Augen noch Ohren von ihrem Rauch und Dampf und Zischen verderben lassen.

 

Jetzt sind die Wagen und die rastlose Welt mit ihnen vorüber. Die Fische im Teich hören das Gerumpel nicht mehr, und ich bin einsamer denn je. Den übrigen langen Nachmittag werden meine Meditationen vielleicht nur noch durch das schwache Gerassel eines Wagens oder eines Karrens auf der fernen Landstraße unterbrochen.

 

Bei günstigem Winde hörte ich bisweilen am Sonntag die Glocken von Lincoln, Acton, Bedford oder Concord, eine weiche, holde und sozusagen natürliche Melodie, würdig, hier die Einsamkeit zu durchdringen. In einer genügenden Entfernung jenseits der Wälder erhält diese Melodie einen zitternden, summenden Klang, als ob die Tannennadeln am Horizont die Saiten einer Harfe wären, über die er hinwegschwebt. Jeder Ton, in der größtmöglichen Entfernung gehört, erzeugt genau die gleiche Wirkung: einen zitternden Klang auf der Lyra des Universums, gerade wie die Atmosphäre einen in der Ferne liegenden Erdhügel durch den azurnen Hauch, den sie darüber bereitet, unserm Auge anziehend erscheinen läßt. Dann ertönte mir eine Melodie, die von den Lüften ihre Harmonien erhalten und mit allen Blättern und Nadeln des Waldes Zwiesprache gepflogen hatte, jener Teil eines Klanges, den die Elemente aufgesogen, moduliert und als Echo von Tal zu Tal getragen hatten. Das Echo ist, in gewissem Grade, ein selbständiger Klang; und darin liegt sein Zauber und sein Reiz. Es ist nicht nur eine Wiederholung dessen, was vom Glockenklang der Wiederholung wert war, sondern zum Teil die Stimme des Waldes. Zwar sind es die gleichen, verbrauchten Worte und Töne, doch werden sie von einer Waldnymphe gesungen.

 

Am Abend erklang das Muhen einer Kuh am Horizont jenseits der Wälder so lieblich und melodisch, daß ich es anfangs fälschlich für die Stimmen einiger Sänger hielt, die mir bisweilen eine Serenade gebracht hatten, und jetzt vielleicht über Berg und Tal wanderten. Doch bald wurde ich nicht unangenehm überrascht, als ich bei Wiederholungen fand, daß es sich um die wohlfeile und natürliche Musik einer Kuh handelte. Wenn ich erwähne, daß der Gesang der Jünglinge mir mit der Musik der Kuh verwandt zu sein schien, so will ich damit nichts Satirisches sagen, sondern nur meiner Wertschätzung jener menschlichen Stimmen Ausdruck verleihen.

 

Regelmäßig um einhalb acht Uhr, wenn der Abendzug vorüber gebraust war, sangen während eines Teiles des Sommers die Tagschläfer eine halbe Stunde lang ihr Nachtgebet auf einem Baumstumpf neben meiner Tür oder auf dem Giebel meines Hauses. Sie begannen ihren Gesang mit derselben Pünktlichkeit wie eine Uhr: jeden Abend fünf Minuten nach Sonnenuntergang. Ich hatte eine seltene Gelegenheit mit ihrer Lebensweise vertraut zu werden. Bisweilen hörte ich vier oder fünf von ihnen in verschiedenen Teilen des Waldes, zufällig alle um einen Takt auseinander und so nahe bei mir, daß ich nicht nur das Glucken nach jedem Ton vernehmen konnte, sondern auch oftmals ein eigenartiges Summen, wie es eine Fliege im Spinnennetz erzeugt, – nur verhältnismäßig lauter. Manchmal flog solch ein Tagschläfer im Walde, nur einige Fuß von mir entfernt, immer im Kreise um mich herum, als ob er durch einen Faden mit mir verbunden sei. Ich war dann wahrscheinlich nahe beim Neste mit den Eiern. Diese Vögel sangen bisweilen mit gelegentlichen Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch; trotzdem war ihr Gesang vor oder um Tagesanbruch noch ebenso melodisch wie zuvor.

 

Wenn die anderen Vögel schweigen, beginnen die Knarreulen ihren Gesang, wie Klageweiber ihr uraltes U–lu–lu ... Weise mitternächt'ge Hexen! Ihr jammervolles Angstgeschrei klingt ganz Ben Jonsonisch.

 

Nicht das muntere, derbe Uhui-Uhu der Poeten ertönt, sondern – ernstlich gesprochen – ein feierliches Kirchhofslied; man hört die gegenseitigen Tröstungen eines Liebespaares, das gemeinsam den Tod gesucht hat, und das in einem unterirdischen Totenhain sich der Qualen und Wonnen himmlischer Liebe erinnert. Und doch, ich höre ihr Trauerlied gern, die kummervollen Antworten, die am Waldesrand entlang schweben. Bisweilen werde ich dadurch an Musik und Singvögel gemahnt, an eine Musik der Schwermut und der Tränen, an ein unerfülltes Sehnen und Seufzen, das gern im Lied Erlösung finden möchte. Ja, diese Tiere sind die Geister, die Traurigkeit und die melancholischen Gedanken gefallener Seelen, die einst in menschlicher Gestalt nächtlicher Weile auf Erden wandelten und Taten der Finsternis vollführten, jetzt aber ihre Sünden durch Klagelieder und Threnodien auf dem Schauplatz ihrer Verbrechen abbüßen. Die Mannigfaltigkeit und Größe der Natur, die uns allen Obdach gibt, rückt meinem Verständnis näher. "Oh–o–o–o, war' ich nie geb–o–r–r–r–ren," so jammert eine an dieser Seite des Teiches und kreist mit der Unrast der Verzweiflung zu einem andern Zweig der grauen Eichen. "Wär' ich nie geb–o–r–r–r–ren klagt eine andere am jenseitigen Ufer im ehrlichen Schmerz zurück, und "geb–o–r–r–ren" tönt es leise weither vom Lincolnwald ...

 

Auch von der Schreieule wurde mir häufig ein Ständchen gebracht. In der Nähe hätte man es für das melancholischste Lied der Welt halten können, – als ob sie hierdurch für alle Ewigkeit in der Sphärenharmonie das Stöhnen eines Sterbenden typisch charakterisieren wolle, eines sterbenden Menschen, in dem zwar noch ein schwacher, armseliger Lebensfunke flackert, der jedoch alle Hoffnung bereits hinter sich ließ, und jetzt, beim Betreten des dunklen Tales heult wie ein Tier, schluchzt wie ein Mensch. Und dieses Schluchzen wirkt durch eine gewisse gurgelnde Melodie nur um so furchtbarer. Will ich es charakterisieren, beginne ich instinktiv immer mit den Buchstaben "gl"; durch ihn wird jener Gemütszustand gekennzeichnet, wo bereits der Kern eines jeden gesunden und mutigen Gedankens verflüssigt und schleimig entartet ist. Es erinnert mich an das Geheul von Hyänen, Idioten und Wahnsinnigen ... Doch jetzt antwortete eine andere aus tiefen Waldesgründen; aus solch weiter Ferne klingt ihr Sang melodisch: Huh–huh–huh–hurruh-huh; sie erweckt tatsächlich meistens nur freundliche Gedankenassoziationen, einerlei ob man sie bei Tag oder Nacht, im Sommer oder im Winter hört.

 

Ich freue mich, daß es Eulen gibt. Sie mögen das blödsinnige, tolle Heulen für die Menschen besorgen. Es ist ein Klang, der wunderbar zu Sümpfen und Zwielichtwäldern paßt, in die des Tages Schein nicht dringt. Er läßt uns eine ungeheure, unentwickelte Welt ahnen, die menschlichem Wissen noch nicht erschlossen ist. Die Eule ist das Symbol der tiefen, dämmernden Nacht, der unbefriedigten Gedanken, die uns alle quälen. Den ganzen Tag schien die Sonne auf die Oberfläche eines wilden Moores, dort wo die einsame, weiße, flechtenbedeckte Sprossenfichte steht. Kleine Falken ziehen darüber ihre Kreise; die Schwarzmeise zwitschert zwischen dem Immergrün, und Rebhuhn und Kaninchen verstecken sich darunter. Doch nun dämmert ein trüberer, diesem Stück Natur verwandterer Tag herauf und eine andere Gattung von Geschöpfen erwacht, um hier vom Willen und Walten der Natur zu künden.

 

Spät am Abend hörte ich das ferne Rumpeln von Lastwagen, die über Brücken fuhren; dies Geräusch kann man nachts weiter hören als irgend ein anderes. Hunde bellen und bisweilen muhte eine trostlose Kuh fern in ihrem Stall. Inzwischen beginnen die Ochsenfrösche, die trotzigen, noch immer nichts bereuenden Geister alter Weinsäufer und Zechgenossen am ganzen Ufer entlang ihr Trompetenkonzert; sie versuchen in ihrem stygischen See einen Rundgesang zu singen. Die Waldennymphe wird mir den Vergleich schon verzeihen, denn wenn es dort auch keine Wasserpflanzen gibt – Frösche sind da. Und gar zu gern möchten sie die lustigen Regeln ihrer Festgelage von ehedem aufrecht erhalten, obwohl ihre Stimmen heiser und feierlich tief geworden sind – welche Ironie auf ihre Fröhlichkeit! – obwohl der Wein seine Blume verloren hat und zu einer Flüssigkeit herabgesunken ist, die einem nur den Wanst auftreibt, obwohl auch jene holden Rauschzustände, die das Erinnern an Vergangenes erstickten, nicht mehr eintreten, sondern nur Gefühle der Sättigung und ödematöse Schwellungen. Der Alterspräside, dessen Kinn auf einem Herzblatt ruht, das seinem Sabbermaul als Serviette dient, tut am nördlichen Ufer einen tiefen Zug vom einst verachteten Wasser, und läßt dann den Becher in die Runde gehen mit dem Ruf: "Tr–r–r–uunk, Tr–r–r–r–uunk, Tr–r–r –r–unk!" Und unmittelbar schallt über das Wasser aus irgend einer fernen Bucht das gleiche Kommando zurück. Der Nächste an Alter und Umfang trinkt bis zu seinem Strich herunter, und wenn diese Zeremonie am Ufer entlang die Runde gemacht hat, dann ruft der Zeremonienmeister aufs neue: "Tr–r–r–r–uunk, und jeder wiederholt das Kommando der Reihe nach bis zum aufgeschwollensten, schwatzhaftesten Schlappwanst, damit nur ja kein Fehler gemacht wird. Und immer wieder aufs neue kreist der Becher, bis die Sonne den Morgennebel zerstreut. Nur der Patriarch ist auch dann noch nicht in die Tiefe getaucht; er brüllt noch ab und zu sein "Tr–r –unk", und lauscht vergeblich auf eine Antwort.

 

Ich weiß nicht genau, ob ich je im Bereich meiner Waldlichtung einen Hahnenschrei vernahm. Ich dachte sogar darüber nach, ob es nicht der Mühe wert sei, einen jungen Hahn nur seiner musikalischen Eigenschaften wegen als Singvogel zu halten. Der Schrei dieses einst wilden, indischen Fasanes ist merkwürdiger als alle anderen Vogelstimmen; könnten diese Tiere unter unsern Himmelsstrichen in Freiheit leben, d. h. wären sie nicht Haustiere geworden, so würde ihr Krähen bald zum berühmtesten Ton in unsern Wäldern und mehr bewundert werden als der gellende Schrei der Gänse oder das Keulen und Kreischen der Eulen. Man denke auch an das Gackern der Hennen, das in den Pausen ertönt, wenn des gnädigen Herrn helltönende Trompete schweigt! Kein Wunder, daß der Mensch diese Vögel seinen Haustieren zugesellte – von den Eiern und saftigen Schenkeln will ich gar nicht reden. An einem Wintermorgen durch einen Wald zu gehen, wo diese wilden Hähne in großer Anzahl wohnen und auf den Bäumen – in ihrem heimatlichen Walde – krähen, so hell und durchdringend, daß es meilenweit über die widerhallende Erde tönt und die leisen Sänge anderer Vögel übertönt – man stelle sich das einmal vor! Nationen könnten auf diese Weise alarmiert werden! Wer möchte nicht gern früh aufstehen, früher und früher an jedem folgenden Tag seines Lebens, bis er unaussprechlich gesund, reich und weise würde? Der Gesang dieses fremden Vogels ist durch die Dichter aller Völker zugleich mit den Liedern ihrer heimischen Sänger verherrlicht worden. Jedes Klima sagt dem tapferen Kreyant zu. Er ist einheimischer als die Einheimischen. Seine Lungen sind gesund, seine Gesundheit ist stets gut, seine Stimmung niemals trübe. Selbst der Seemann auf dem Atlantischen oder dem Stillen Ozean wird durch seine Stimme erweckt. Doch nie scheuchte sein schriller Schrei den Schlummer von meinen Augen. Ich hielt weder Hund noch Katze, weder Kuh noch Schwein noch Hühner. Man hätte mir sagen können: Es fehlt bei Dir an heimischen Klängen! Weder ein Butterfaß noch ein Spinnrad, weder das Brodeln in Töpfen, das Singen der Teemaschinen, noch Kindergeschrei trug dazu bei trauliche Stimmung zu schaffen. Ein altmodischer Mensch wäre wahnsinnig geworden oder zuvor aus Langweile gestorben. Auch Ratten in den Wänden gibt es nicht, denn sie wurden ausgehungert, oder überhaupt nie angelockt – nichts als Eichhörnchen auf dem Dach und unter dem Fußboden, ein Tagschläfer auf dem Hausgiebel, eine Dohle, die unter dem Fenster schreit, ein Hase oder ein Murmeltier unter dem Hause, eine Knarr- oder Katzeneule dahinter, eine Schar Wildgänse oder ein lachender Taucher auf dem Teich und in der Nacht ein bellender Fuchs. Selbst Lerche und Goldamsel, diese zutraulichen Plantagenvögel, kommen nicht auf meine Waldlichtung. Kein Hahn, der kräht, keine Henne, die gackert im Hof! Kein Hof! Unumzäunt erstreckt die Natur sich bis an die Türschwelle. Ein junger Wald wächst vor dem Fenster empor, wilder Sumach und Brombeergestrüpp schicken rankende Wurzeln zum Keller hinab. Trotzig reiben und knarren Pechtannen an den Schindeln, um sich Platz zu erobern; ihre Wurzeln strecken sie tief unter das Haus. Nicht Dachfenster oder Wetterladen, die ein Sturm losriß, dienen als Feuerung, sondern die Zweige der Tanne, die hinter dem Hause abbrachen, oder entwurzelte Bäume. Durch den tiefen Schnee führt kein Pfad zum Vorgartentor – es gibt kein Tor – es gibt keinen Vorgarten – es gibt keinen Pfad zur zivilisierten Welt!

 

Einsamkeit

 

Das ist ein herrlicher Abend! Der ganze Körper ist nur ein Sinn und saugt Entzücken mit jeder Pore ein. Ich wandle mit gar seltsamer Freiheit in der Natur umher; ich bin ein Teil von ihr. Wenn ich am steinigen Teichufer in Hemdärmeln entlanggehe, obwohl es bewölkt und windig ist, und nichts, was meine Aufmerksamkeit besonders erregt, bemerke, dann fühle ich mich ungewöhnlich stark allen Elementen verwandt. Die Ochsenfrösche trompeten, um die Nacht anzukünden und der Sang des Tagschläfers wird vom Wellengekräusel über das Wasser getragen. Es besteht ein solcher Einklang zwischen mir und jedem zitternden Erlen- oder Pappelblatt, daß ich kaum zu atmen vermag. Und doch ist mein tiefer Friede, wie der des Sees, nur gekräuselt, nicht gestört. Diese kleinen Wellen, die der Abendwind erweckt, sind so weit vom Sturm entfernt wie die glatte, spiegelnde Oberfläche des Wassers. Jetzt ist es dunkel geworden, doch noch weht rauschend der Wind durch den Wald, noch plätschern die Wellen und ein Geschöpf singt das andere zur Ruh. Die Ruhe ist nie vollkommen. Die wilden Tiere rasten nicht, sondern suchen ihre Beute. Fuchs und Skunk und Kaninchen durchstreifen jetzt furchtlos Felder und Wälder. Sie sind die Nachtwächter der Natur – Bindeglieder, welche die Tage regen Lebens miteinander verbinden.

 

Nach Hause zurückgekehrt bemerke ich, daß Besucher dagewesen sind und ihre Karten zurückgelassen haben: eine Handvoll Blumen, einen Kranz aus Immergrün oder einen Namen, der mit Bleistift auf ein gelbes Walnußblatt oder auf einen Span geschrieben wurde. Leute, die selten in den Wald kommen, nehmen gern ein Stückchen Wald in die Hände, um beim Wandern damit zu spielen; nachher werfen sie es irgendwo fort – absichtlich oder zufällig. Irgend jemand hat eine Weidenrute abgeschält, einen Ring daraus geformt und ihn auf meinen Tisch gelegt. Entweder an den umgebogenen Zweigen und Grashalmen oder an den Fußspuren konnte ich immer erkennen, ob Besucher während meiner Abwesenheit dagewesen waren. Ja, auch über ihr Geschlecht, ihr Alter und ihren Charakter wurde ich meistens aufgeklärt durch irgend eine unbedeutende zurückgelassene Spur: durch eine zur Erde gefallene Blume, durch ein Büschel Gras, das man ausgerissen und wieder fortgeworfen hatte oder durch den noch in der Luft schwebenden Geruch einer Zigarre oder Pfeife. Eine halbe Meile weit, bis zur Eisenbahn, fand ich solche Spuren. Daß überhaupt ein Wanderer auf der ungefähr dreihundert Schritte entfernten Landstraße vorbeizog, erfuhr ich häufig nur durch den Duft seiner Pfeife.

 

Meistens ist genügend Raum um uns herum. Unser Horizont stößt niemals dicht an unsere Ellbogen. Das Waldesdickicht ist nicht unmittelbar vor unserer Tür, auch nicht der See, sondern ein kleines Stück Natur ist für jeden von uns freigelegt, uns vertraut und angepaßt, auf irgend eine Weise von uns erobert und umzäunt, von der Natur für uns zurückgefordert. Wozu habe ich dieses weite, mehrere Quadratmeilen große Waldgebiet zu meinem Privatgebrauch von meinen Mitmenschen erhalten? Mein nächster Nachbar wohnt eine Meile weit entfernt; im Umkreis von einer halben Meile ist von meinem Wohnort aus kein anderes Haus zu sehen, nur dann vielleicht, wenn man auf einen Gipfel der Hügel steigt. Mein Horizont ist von Wäldern umrahmt und gehört mir ganz allein. Auf der einen Seite habe ich einen Fernblick auf die Bahn, dort, wo sie den Teich berührt, auf der andern Seite auf den Zaun, der den Waldweg begrenzt. Im übrigen ist es hier, wo ich lebe, so einsam wie auf den Prärien. Hier ist gerade so gut Asien oder Afrika wie Neuengland. Ich habe tatsächlich Sonne, Mond und Sterne – eine kleine Welt ganz für mich allein. Nachts kam nie ein Wandersmann an meinem Haus vorüber; nie klopfte einer an meine Tür. Ich hätte so gut der erste wie der letzte Mensch sein können. Nur im Frühjahr trafen nach langer Pause ein paar Menschen aus dem Dorf ein, um Bricken zu fischen; sie fischten augenscheinlich mehr in dem Waldenteich ihres eigenen Herzens und steckten die Finsternis als Köder an ihre Angelhaken. Nach kurzem Verweilen zogen sie jedoch meistens mit fast leeren Körben ab und überließen "die Welt der Finsternis und mir."

 

So wurde der schwarze Kern der Nacht nie durch menschliche Nähe entweiht. Ich glaube die Menschen haben noch immer etwas Angst vor der Dunkelheit, obwohl alle Hexen gehenkt und Christentum und Kerzen eingeführt wurden.

 

Meine Erfahrungen haben mich indessen gelehrt, daß der lieblichste und zärtlichste, der unschuldigste und erfrischendste Gesellschafter in irgend einem natürlichen Gegenstand gefunden werden kann, selbst für den menschenfeindlichsten, melancholischsten Menschen. Wer inmitten der Natur lebt und seine Sinne noch beisammen hat, der kann einer wirklichen, düsterschwarzen Melancholie nicht anheimfallen. Mögen auch noch so oft gewaltige Stürme toben, einem unschuldigen und gesunden Ohr klingen sie stets wie Musik – Äolsharfenmusik. Nichts kann einen einfachen, unerschrockenen Mann zu gemeiner Traurigkeit zwingen. Während ich mich der Freundschaft der Jahreszeiten erfreue, hoffe ich zuversichtlich, daß nichts mir das Leben zur Last machen kann. Der leise Regen, der meine Bohnen wässert und mich heute ans Haus fesselt, ist nicht langweilig oder melancholisch, sondern nutzbringend für mich. Zwar hält er mich ab meine Bohnen zu hacken, doch bringt er ihnen mehr Vorteil als mein Hacken. Sollte so viel Regen fallen, daß die Saat im Boden fault und die Kartoffeln im niedrig gelegenen Ackerland verderben, so wäre er noch immer eine Wohltat für das Gras an Hügelhängen. Ist er aber für das Gras gut, so ist er auch gut für mich. Wenn ich bisweilen zwischen mir und andern Menschen Vergleiche anstelle, so kommt es mir vor, als ob die Götter mich mehr begünstigt hätten als sie, weitaus über mein Verdienst – das weiß ich nur allzu gut. Mir ist, als hätte ich einen Erlaubnisschein, eine Garantie von ihrer Hand, die meine Mitmenschen nicht besitzen, so daß ich mich ganz besonderer Leitung und Fürsorge erfreue. Ich will mir selbst nicht schmeicheln, doch – wenn das überhaupt möglich ist – schmeicheln sie mir. Ich habe mich nur einmal einsam, oder durch das Bewußtsein der Einsamkeit bedrückt gefühlt. Das geschah, als ich erst einige Wochen im Walde wohnte. Damals war ich eine Stunde lang im Zweifel, ob nicht die unmittelbare Nachbarschaft eines Menschen zu einem friedvoll heiteren und gesunden Leben erforderlich sei. Damals war mir meine Einsamkeit unangenehm. Ich war mir übrigens zu dieser Zeit einer leichten seelischen Gleichgewichtsstörung wohl bewußt und schien meine Genesung vorauszusehen. Während leise der Regen niederfiel und solche Gedanken mich beherrschten, verspürte ich plötzlich, welch wohltuende und holde Gesellschafterin die Natur ist: am Fallen der Tropfen, an jedem Klang und Anblick um mein Haus herum. Eine unendliche, unerklärliche Freundschaft umfing mich plötzlich wie ein Dunstkreis. Die eingebildeten Vorteile menschlicher Nähe schwanden dahin und nie habe ich wieder an sie gedacht. Jede kleine Tannennadel dehnte sich aus, strömte über von Sympathie und wurde mir Freund. Selbst an Orten, die wir gewöhnlich als wild oder langweilig bezeichnen, fühlte ich deutlich, daß etwas mir Verwandtes in der Nähe sein müsse, daß das mir am meisten Blutsverwandte, das Menschlichste für mich nicht im Menschen, in einem Dorfbewohner zu suchen sei. Ja, ich glaubte, kein Ort könne mir je wieder fremd erscheinen.

 

"Zu früh verzehrt die Traurigen die Trauer!
"Ihr Erdenwallen währt nur kurze Frist,
"Du schöne Tochter Toskars."

 

Einige meiner angenehmsten Stunden verlebte ich im Frühling oder im Herbst während der langen Regenstürme, die mich sowohl vormittags wie nachmittags ans Haus fesselten, während ein beständiges Rauschen und Plätschern mich sanft umschmeichelte. Die früh hereinbrechende Dämmerung leitete einen langen Abend ein, an welchem viele Gedanken Zeit hatten Wurzel zu fassen und sich zu entfalten. Und wenn dann von Nordosten her die Regenstürme kamen und die Häuser im Dorf so arg bedrängten, daß die Mägde mit Scheuerlappen und Eimer an der Haustür standen, um die Sintflut nicht hereinzulassen, da saß ich hinter meiner Tür in meinem kleinen Hause, das nichts wie Eingang war und erfreute mich seines Schutzes in aller Ruhe. Während eines heftigen Gewitterschauers schlug einmal der Blitz in eine hohe Tanne und höhlte eine deutlich sichtbare und absolut regelmäßige spiralige Rinne aus, die (ungefähr einen Zoll tief und drei Zoll breit) vom Wipfel bis zur Wurzel sich erstreckte. Man dachte unwillkürlich an einen ausgekerbten Spazierstock. Erst kürzlich kam ich wieder an dem Baum vorbei; ich fühlte ein ehrfurchtsvolles Erschauern, als ich beim Hinaufblicken jenes Zeichen erblickte, das von dem fürchterlichen Donnerkeil kündete, der hier vor acht Jahren mit Allgewalt aus heiterem Himmel niederfuhr. Die Menschen sagten mir oft: "Sie fühlen sich gewiß recht einsam hier und möchten wohl gern, wenn es regnet oder schneit, und besonders in der Nacht näher bei ihren Freunden sein!" Solchen Leuten möchte ich am liebsten antworten: Diese ganze, von uns bewohnte Erde ist nur ein Punkt im Raum. Wie weit wohnen, Ihrer Ansicht nach, die beiden entferntesten Bewohner jenes Sternes auseinander, dessen Scheibendurchmesser mit unseren Instrumenten nicht einmal annähernd berechnet werden kann? Warum sollte ich mich einsam fühlen? Befindet sich unser Planet nicht in der Milchstraße? Die Frage, die Sie stellen, scheint mir nicht die wichtigste zu sein. Von welcher Art ist der Raum, der den Menschen von seinen Mitmenschen trennt und ihn einsam macht? Ich fand, daß keine Anstrengung der Füße zwei Seelen je einander um vieles näher brachte. In wessen Nähe möchte ich am liebsten wohnen? Sicherlich nicht in der Nähe vieler Menschen, des Bahnhofs, des Postamts, der Gastwirtschaft, des Versammlungshauses, der Schule oder des Gewürzkrämers, nicht in die Nähe von Beacon Hill oder von " Five Points" wo Menschen in Massen zusammenströmen! Nein, es zieht uns hin zum ewigen Quell, von dem, wie alle unsere Weisheit lehrt, unser Leben stammt. So sendete auch der Weidenbaum am Bachesrand ins Wasser seine Wurzeln aus. Verschiedene Individualitäten werden verschieden wählen, doch gerade hier wird ein weiser Mann seine Hütte bauen ... Ich überholte eines Abends auf der Waldenstraße einen Bekannten aus dem Dorfe, der, wie man so sagt, "sein Schäfchen ins Trockne" gebracht hatte – auf mich machte es allerdings nie einen sauberen Eindruck. Er trieb gerade ein paar Ochsen zu Markte, und fragte mich, wie ich mich habe entschließen können, so vielen Annehmlichkeiten des Lebens zu entsagen. Ich gab zur Antwort, daß ich mich halbwegs wohl dabei befinde und durchaus nicht spaße. Ich ging dann heim ins Bett und er tappte seinen Weg durch Finsternis und Schmutz nach Brighton oder Brightown; dort wollte er bei Tagesanbruch eintreffen.

 

Hat ein Toter die Hoffnung einmal wieder aufzuwachen, wieder zum Leben zurückzukehren, so sind ihm Zeit und Ort gleichgültig. Der Ort, an dem dies geschehen könnte, ist immer derselbe und all unsren Sinnen unbeschreiblich angenehm. Meistens gestatten wir nur unbedeutenden und vorübergehenden Ereignissen einen Einfluß auf unseren Lebensgang. Gerade sie sind die Ursachen für unsere Verwirrung und Unruhe. Allen Dingen am nächsten steht jene Kraft, der sie ihr Dasein verdanken. In unserer unmittelbaren Nähe werden die gewaltigsten Gesetze ohne Unterlaß zur Anwendung gebracht. In unserer unmittelbaren Nähe befindet sich nicht der Arbeiter, den wir dingen, sondern der Arbeiter, dessen Werk wir sind.

 

"Wie unerschöpflich groß ist der Einfluß der geheimen Kräfte des Himmels und der Erde! Wir suchen sie zu erblicken und sehen sie nicht, wir suchen sie zu vernehmen und hören sie nicht. Identisch mit der Substanz der Dinge, können sie von ihnen nicht getrennt werden." "Sie sind es, die die Menschen auf der ganzen Welt veranlassen ihre Herzen zu reinigen und zu heiligen, sich in Festgewänder zu hüllen, um ihren Vorfahren Opfergaben darzubringen. Sie sind ein Ozean feinster Intelligenzen. Sie sind überall – über uns, zu unsrer Linken, zu unsrer Rechten; sie umgeben uns von allen Seiten."

 

Wir werden zu einem Experiment benutzt, das für mich im höchsten Grade interessant ist. Können wir unter diesen Umständen nicht für eine kurze Zeit auf die Gesellschaft von Vettern und Tanten verzichten, – uns an unseren eigenen Gedanken erbauen? Konfuzius spricht die Wahrheit, wenn er sagt: "Die Tugend bleibt nicht wie die verlassene Waise; sie muß notgedrungen Nachbarn haben."

 

Das Denken ermöglicht uns bei gesunden Sinnen eine Doppelexistenz. Durch eine bewußte Anstrengung unseres Verstandes können wir Handlungen und ihre Folgen gleichsam aus der Perspektive betrachten. Alle Dinge, die guten, wie die bösen, rauschen wie ein Strom vorbei. Wir sind nicht völlig mit der Natur verschwistert. Ich kann sowohl das Treibholz im Flusse sein, als auch Indra im Himmel, der darauf herniedersieht. Ich kann vielleicht durch ein Schauspiel im Theater ergriffen werden; andererseits brauche ich nicht unbedingt durch ein reales Ereignis, das mich vielleicht viel näher angeht, ergriffen zu werden. Ich weiß nur, daß ich ein menschliches Wesen, der Schauplatz sozusagen von Gedanken und Leidenschaften bin. Ich bin mir auch einer gewissen Doppelexistenz bewußt, die mir gestattet mich selbst wie jeden anderen Menschen von ferne zu betrachten. Wie tiefe Kenntnisse auch immer ich besitze, stets habe ich das Bewußtsein, daß ein Teil in mir lebt, der Kritik übt. Und doch ist das eigentlich kein Teil von mir, sondern gleichsam ein Zuschauer, der selbst ohne Kenntnisse ist, aber von ihnen Notiz nimmt. Und dieser Teil gehört ebensowenig mir wie Dir. Wenn das Schauspiel, vielleicht die Tragödie des Lebens vorbei ist, dann geht der "Zuschauer" seines Wegs. Aus seiner Perspektive erschien es ihm wie eine Art Dichtung, wie ein Werk der Phantasie. Diese Doppelexistenz kann uns manchmal mit leichter Mühe zu erbärmlichen Nachbarn und Freunden machen.

 

Ich halte es für gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wird bald langweilig und zerstreuend. Ich liebe die Einsamkeit. Nie fand ich einen Kameraden kameradschaftlicher als die Einsamkeit. Wir sind meistens einsamer, wenn wir zwischen Menschen umhergehen, als wenn wir in unsern Zimmern bleiben. Ein Mensch ist immer allein, wenn er denkt oder arbeitet, sei es wo er wolle. Einsamkeit wird nicht nach den Meilensteinen gemessen, die sich zwischen uns und unsern Mitmenschen befinden. Der wirklich fleißige Student, der zu Cambridge in einem der vollgepfropften Bienenstöcke lebt, ist so einsam wie der Derwisch in der Wüste. Der Farmer kann den ganzen Tag auf den Feldern oder in den Wäldern allein Holz hacken oder Bäume fällen und sich doch nicht einsam fühlen, weil er beschäftigt ist. Kommt er aber abends nach Haus, dann mag er nicht allein in seinem Zimmer sitzen, sich der Willkür seiner Gedanken überlassen, sondern es treibt ihn dahin, wo er "Leute sehen", sich erholen und sich – seiner Ansicht nach – für des Tages Einsamkeit entschädigen kann. Und darum wundert er sich, daß der Gelehrte, ohne Langeweile oder melancholische Anwandlungen zu haben, zu Hause sitzen kann. Er vermag natürlich nicht zu begreifen, daß der Gelehrte, obschon er zu Hause bleibt, doch bei der Arbeit auf seinem Felde ist, wie ein Farmer Holz hackt in seinem Walde, daß er für seine Person die gleiche Erholung und Gesellschaft aufsucht wie der Farmer, wenn auch vielleicht in etwas konzentrierterer Form.

 

Gesellschaft ist meistens zu wohlfeil. Wir treffen uns nach allzu kleinen Pausen wieder und haben darum keine Zeit gehabt neuen Wert füreinander zu erlangen. Dreimal täglich sitzen wir bei den Mahlzeiten zusammen und einer gibt dem andern von dem alten, muffigen Käse, der wir sind, zu kosten. Wir mußten uns einer bestimmten Anzahl von Regeln fügen, die wir Etikette oder Höflichkeit nennen, um dies häufige Zusammensein erträglich zu machen, um offene Fehde zu verhüten. Wir treffen einander auf dem Postamt, an Empfangsabenden und am Kamin, wir leben dicht gedrängt, sind einander im Wege, stolpern übereinander und dadurch verlieren wir, wie mir scheint, etwas den Respekt vor einander. Für jeden wertvollen und herzlichen Verkehr würde ein weniger häufiges Zusammensein genügen. Man denke einmal an Fabrikmädchen: sie sind nie allein, kaum in ihren Träumen. Es wäre besser, wenn es nur einen Einwohner pro Quadratmeile gäbe, gerade wie dort, wo ich lebe. Den Wert des Menschen macht nicht seine Haut aus – wir brauchen ihn darum nicht zu berühren.

 

Man hat mir von einem Manne erzählt, der, im Walde verirrt, vor Hunger und Erschöpfung am Fuße eines Baumes starb. Seine Einsamkeit wurde ihm durch groteske Visionen erleichtert, mit welchen seine durch körperliche Schwäche erkrankte Phantasie ihn von allen Seiten umgab, und die er für Wirklichkeit hielt. So können aber auch wir mit unserer körperlichen und geistigen Kraft und Gesundheit beständig durch ähnliche, jedoch normalere und natürlichere Gesellschaft ermuntert werden und zu der Erkenntnis kommen, daß wir nie allein sind.

 

Ich habe viele Gäste in meinem Hause, besonders am Morgen, wenn kein Besuch kommt. Man gestatte mir einige Vergleiche zu gebrauchen, damit dieser oder jener sich einen Begriff von meiner Lage machen kann. Ich bin nicht einsamer als der Taucher, der dort auf dem Teiche so laut lacht, nicht einsamer als der Waldenteich selbst. Was für Gesellschaft hat denn dieser einsame See? Und doch birgt er keinen Trübsinn, sondern Himmelsheiterkeit in seinen Tiefen, in den Azurfarben seines Wassers. Die Sonne ist allein – nur bei dicker Luft scheinen oft zwei da zu sein; doch die eine ist imitiert. Gott ist allein – doch der Teufel ist sicherlich nicht allein; der hat gar viele Kameraden! Der ist Legion! Ich bin nicht einsamer als eine einzelne Königskerze, als ein Löwenzahn auf dem Wiesengrund, als ein Bohnenblatt, als Sauerampfer, Pferdefliege oder Hummel. Ich bin nicht einsamer als der Mühlenbach, der Wetterhahn, der Nordstern, der Südwind, oder ein Aprilschauer, ein Tautag im Januar, nicht einsamer als die erste Spinne im neuen Haus.

 

Gelegentlich bekomme ich an langen Winterabenden, wenn dicht der Schnee fällt und der Wind in den Wäldern heult, Besuch von einem alten Ansiedler, von dem ursprünglichen Besitzer. Man erzählt, er habe den Waldenteich ausgegraben, mit Steinen gepflastert und mit Tannenwaldungen umsäumt. Er erzählt mir Geschichten aus alter Zeit und neuer Ewigkeit. Uns beiden macht es keine Schwierigkeit einen frohen Abend voll geselliger Heiterkeit und sonniger Lebensanschauung miteinander zu verbringen, obwohl es weder Äpfel noch Apfelwein gibt. Ja, er ist der klügste und lustigste Freund; ich liebe ihn von Herzen. Er lebt jedoch noch mehr im Verborgenen, wie Goffe oder Whalley. Man glaubt zwar, daß er gestorben ist, doch niemand sah sein Grab. Eine ältere Dame wohnt ebenfalls in meiner Nachbarschaft, unsichtbar für die meisten Menschen. In ihrem duftenden Kräutergarten wandere ich gern umher, sammle bisweilen Kräuter und lausche ihren Märchen; sie weiß dieselben meisterhaft zu erzählen und hat einen unerschöpflichen Vorrat bereit. Ihr Gedächtnis reicht weiter zurück als Mythologie. Sie kennt das Urbild jeder Sage, weiß auf welcher Tatsache sie beruht, denn die Ereignisse geschahen allesamt in ihrer Jugendzeit. Eine rotwangige, lustige, alte Dame, der jedes Wetter und jede Jahreszeit behagt, und die wahrscheinlich alle ihre Kinder überleben wird.

 

Die unbeschreibliche Unschuld und Güte der Natur – Sonne, Wind und Regen, Sommer und Winter – gewähren immerdar solch gute Gesundheit und solchen Frohsinn, sie haben so viel Mitgefühl mit dem Menschengeschlecht, daß die Allnatur trauern, der Sonne Glanz erbleichen, die Winde wie Menschen seufzen, die Wolken Tränen regnen, die Wälder ihre Blätter abwerfen und im Hochsommer Trauer anlegen würden, wenn je ein Mensch wahrhaft Ursache hätte, traurig zu sein. Soll ich nicht mit der Erde im Einvernehmen sein? Bin ich selbst nicht zum Teil Blätter und Pflanzenerde?

 

Was ist das für eine Arznei, die uns glücklich, heiter und gesund erhält? Nicht die Deines oder meines Urgroßvaters, sondern die unserer Urgroßmutter Natur. Ihr Universalheilmittel, durch welches sie sich selbst jung erhielt, durch dessen Kraft sie manchen Hundertjährigen überlebte, um aus seinem morschen Gebein neue Kraft zu sammeln, entströmt Feldern und Wäldern. Statt jener Quacksalberstasche mit Mixtur aus dem Acheron oder dem Toten Meere, die man aus den langen, stachen, schwerbehangenen, schiffartigen Wagen nimmt, welche bisweilen zum Flaschentransport benutzt werden, soll meine Panacee ein Trunk unverdünnter Morgenluft sein. Morgenluft! Wenn die Menschen davon nicht trinken wollen am Urquell des Tages, dann müssen wir auch sie auf Flaschen ziehen und in den Läden verkaufen zum Besten derjenigen, die ihre Abonnementskarte "für Morgenluft auf dieser Welt" verloren haben. Doch darf man Eines nicht vergessen: diese Morgenluft hält sich selbst im kühlsten Keller nicht bis zum Mittag, sondern treibt den Pfropfen von der Flasche und eilt nach Westen, Auroras Spuren folgend.

 

Ich bete nicht zu Hygieia, zur Tochter des alten Kräuterdoktors Äskulap. Den Vater findet man ja oft auf Denkmälern abgebildet: in der einen Hand hält er eine Schlange, in der andern einen Becher, aus dem die Schlange bisweilen trinkt. Ich verehre Hebe, die Jupiter den Becher reicht, die Tochter der Juno und des wilden Lattich; sie besaß die Macht, Göttern und Menschen die Jugendkraft zurückzugeben. Sie war wahrscheinlich die einzige tadellose, gesunde und starke junge Dame, die je auf Erden wandelte. Wohin auch immer sie kam, dort war es Frühling!

 

Besuch

 

Ich glaube, daß ich Gesellschaft geradeso liebe, wie die meisten Menschen; ich bin gleich zur Stelle, wenn es gilt mich wie ein Vampir eine Zeitlang an irgend einem vollblütigen Menschen, der meinen Weg kreuzt, festzusaugen. Ich bin von Natur aus kein Einsiedler und könnte vielleicht den seßhaftesten Stammgast in der Kneipe an Ausdauer übertreffen, wenn mein Geschäft mich dorthin riefe.

 

Ich habe drei Stühle in meinem Haus: einen für die Einsamkeit, zwei für die Freundschaft und drei für die Gesellschaft. Wenn unerwartet mehr Besucher kamen, mußten sie sich mit dem dritten Stuhl begnügen; der Raum wurde dann meistens dadurch gut ausgenutzt, daß sie sich nicht setzten. Es ist erstaunlich, wie viele große Männer und Frauen in einem kleinen Hause Platz haben. Ich sah schon fünfundzwanzig oder dreißig Seelen – mit ihren Körpern – gleichzeitig unter meinem Dache, und doch hatten wir beim Scheiden oftmals nicht das Gefühl einander sehr nahe getreten zu sein. Viele unserer Privathäuser und Staatsgebäude scheinen mit ihren fast unzählbaren Zimmern, ihren ungeheuren Hallen und Kellern zum Aufbewahren von Wein und anderer Friedensmunition viel zu groß für die Bewohner. Sie sind so hoch und prächtig, daß die Menschen wie Ungeziefer wirken, das darin haust. Und wenn der Herold vor einem der palastähnlichen Häuser Amerikas sein Horn bläst, dann sehe ich mit Erstaunen als einzigen Bewohner eine lächerliche Maus daraus hervorkriechen, die über die Piazza läuft, um nach kurzer Frist schon wieder in irgend ein Loch des Straßenpflasters zu schlüpfen.

 

Eine Unbequemlichkeit machte sich allerdings bisweilen in meinem kleinen Haus bemerkbar: die Schwierigkeit, in eine genügende Entfernung von einem Gaste zu gelangen, sobald wir begannen, große Gedanken mit großen Worten zu verkünden. Man muß Raum für seine Gedanken haben, damit sie die offene See gewinnen und einige Male lavieren können, bevor sie den Kurs auf den Hafen nehmen. Die Kugel Deines Gedankens muß erst ihre seitliche und die Prallbewegung überwunden und ihre entgültige, gleichmäßige Flugbahn angenommen haben, bevor sie das Ohr des Hörers erreicht, sonst nimmt sie womöglich den Weg durch seinen Kopf von einem Ohr zum andern. Auch unsere Urteile brauchen Zeit, um sich zu entfalten, um allmählig ihre Kolonnen zu formieren. Individuen wie Nationen müssen angemessene, weitreichende natürliche Grenzen haben, ein beträchtliches neutrales Gebiet muß zwischen ihnen liegen. Es gewährt mir einen hochgradigen Genuß, wenn ich mich über die Wasserfläche hin mit einem Bekannten am anderen Ufer des Teiches unterhalten kann. In meinem Hause waren wir so nahe beieinander, daß wir gar nicht anfangen konnten zu hören – wir konnten nicht leise genug sprechen, um gehört zu werden. Wenn man zwei Steine nahe beieinander ins Wasser wirft, so stört bekanntlich auch ein Wellenkreis den andern. Sind wir laute Schwätzer, dann allerdings vertragen wir es schon so nahe beisammen zu stehen, daß einer des andern Atem spürt; sind wir aber zurückhaltend und gedankenvoll, dann möchten wir gern weiter voneinander getrennt sein, damit alle animale Wärme und Feuchtigkeit Gelegenheit hat sich zu verflüchtigen. Wenn wir die intimste Gesellschaft genießen, durch welche gerade das in unserer Seele erweckt wird, was außer oder über uns ist, so müssen wir nicht nur im Schweigen verharren, sondern auch körperlich so weit voneinander entfernt sein, daß der eine auf keinen Fall die Stimme des anderen hören kann. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet ist das Gespräch zur Bequemlichkeit der Schwerhörigen da; es gibt aber viele, vortreffliche Dinge, über welche wir nicht reden können, wenn wir schreien müssen. Sobald die Unterhaltung einen stolzeren, erhabeneren Ton annahm, schoben wir unsere Stühle weiter auseinander, bis sie die zwei entgegengesetzten Ecken der Wand berührten; doch auch dann war gewöhnlich nicht genügend Platz da.

 

Meine "beste Stube", mein "Salon", der stets für Besuch hergerichtet war, und auf dessen Teppich selten Sonnenstrahlen fielen, war der Fichtenwald hinter meinem Hause. Kamen an Sommertagen vornehme Gäste, so führte ich sie dorthin und ein unschätzbarer Dienstbote fegte den Boden, stäubte die Möbel ab und gab auf alles wohl acht.

 

Wenn ein einzelner Gast kam, so nahm er manchmal an meinem frugalen Mahle teil. Wenn ich dann aus Mehl und Milch einen Pudding anrührte und nebenbei das Aufgehen und Garwerden des Brotes in der Asche beaufsichtigte, so erlitt dadurch die Unterhaltung keine Unterbrechung. Wenn aber zwanzig kamen und sich im Hause niederließen, so wurde vom Mittagsessen nichts erwähnt. Und obwohl Brot genug für vielleicht zwei Personen vorhanden war, so stellte man sich so, als ob das Essen eine altmodische Gewohnheit sei. Wir übten Enthaltsamkeit, als sei sie etwas Selbstverständliches. Und darin sah niemand einen Verstoß gegen die Gastfreundschaft. Im Gegenteil, solche Handlungsweise galt als schicklich und rücksichtsvoll. Was an Körperkraft fortwährend verbraucht wird und zerfällt und so oft wieder ersetzt werden muß, schien wunderbarerweise in diesem Falle erhalten zu bleiben: die Lebenskraft hielt tapfer stand. Deshalb konnte ich ebensogut tausend bewirten wie zwölf. Und wenn je einer enttäuscht oder hungrig von meinem Hause fortging, trotzdem ich zu Hause gewesen war, so kann er sich darauf verlassen, daß ich zum wenigsten mit ihm sympathisierte. So leicht ist es, obwohl viele Hausfrauen es bezweifeln, neue und bessere Sitten an die Stelle der alten zu setzen. Man braucht seinen Ruf nicht auf die "Diners" zu gründen, die man gibt. Ich persönlich wurde nie von irgend einem Cerberus so sehr vom Besuch bei meinen Mitmenschen abgeschreckt, als durch die Komödie, die man machte, um mich zu speisen. Ich sah infolgedessen in ihr einen sehr höflichen Wink – von hinten herum –, die lieben Leute nie wieder in Unkosten zu stürzen. Solche Szenen werde ich nie wieder aufsuchen, davon bin ich überzeugt. Ich würde stolz sein, wenn über meiner Hütte als Motto jene Zeilen von Spenser ständen, die einst einer meiner Besucher auf seiner Visitenkarte – auf einem gelben Walnußblatt – zurückließ:

 

"Dort angekommen füllen sie die kleine Hütte,
"Und fordern weder Speis' noch Trunk – das wär' vergeblich:
"Zum Labsal wird die Ruhe, alles steht zu Diensten.
"Völlig zufrieden sein kann nur der beste Mensch."

 

Winslow, der spätere Präsident der Plymouthkolonie, wanderte einst mit einem Gefährten zu Fuß durch die Wälder, um Massassoit einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Hungrig und durstig kamen sie zum Wigwam des Königs, der sie freundlich empfing. An jenem Tage war jedoch von irgend einer Mahlzeit nicht die Rede. Als die Nacht hereinbrach, – ich will mit ihren eigenen Worten fortfahren – "wies er uns einen Platz in seinem Bett neben sich und seinem Weibe an; sie lagen an dem einen, wir am anderen Ende. Das Lager bestand aus einem etwa einen Fuß über dem Erdboden befindlichen Brett; eine dünne Matte diente als Decke. Zwei andre Häuptlinge drückten sich neben uns und auf uns, um überhaupt Platz zu finden. Auf diese Weise ermattete uns unser Quartier mehr als unsre Reise." Um ein Uhr am nächsten Tag "brachte Massassoit zwei Fische, die er geschossen hatte", ungefähr dreimal so groß wie ein Brassen.. Als diese gekocht waren, hofften nicht weniger als vierzig Personen auf einen Bissen. Die meisten bekamen etwas davon. Dies war die einzige Mahlzeit, die wir im Verlauf von zwei Nächten und einem Tag einnahmen; hätte nicht einer von uns ein Rebhuhn gekauft, so hätten wir die Reise fastend gemacht." Da die Reisenden befürchteten, aus Mangel an Nahrung und auch an Schlaf wahnsinnig zu werden – an Schlaf war nicht zu denken, weil die Wilden sich mit einem unmenschlichen Gebrüll in Schlaf sangen – zogen sie es vor, die schwachen, noch vorhandenen Kräfte zum Heimweg zu benutzen und reisten ab. Allerdings: das Quartier war jämmerlich gewesen, obwohl gerade das, was sie als Unbequemlichkeit empfanden, zweifellos eine Ehrung für sie sein sollte. Was aber die Mahlzeiten anbetrifft – ja, da konnten die Indianer meiner Ansicht nach kein besseres Verfahren einschlagen. Sie selbst hatten nichts zu essen und waren zu verständig, um anzunehmen, daß Entschuldigungen ihren Gästen als Ersatz für Speisen dienen könnten; drum schnallten sie ihre Gürtel enger und verloren kein Wort darüber. Als Winslow sie späterhin zum zweiten Mal besuchte, war eine Zeit des Überflusses; da hatte er auch in dieser Beziehung keinen Grund sich zu beklagen.

 

An Menschen wird es einem fast nirgends fehlen. Ich hatte mehr Besucher, während ich in den Wäldern lebte, als zu irgend einer anderen Zeit meines Lebens, d.h. ich hatte einige. Ich traf mit manchen Leuten unter günstigeren Umständen als irgendwo sonst zusammen. Die Anzahl derer, die mit alltäglichen Anliegen zu mir kamen, war geringer. In dieser Hinsicht wurde meine Gesellschaft schon durch die Entfernung von der Stadt durchgesiebt. Ich war soweit auf den großen Ozean der Einsamkeit, in den die Ströme der Gesellschaft münden, hinausgefahren, daß meistenteils – insofern meine Ansprüche eine Rolle spielten – nur das feinste Sediment um mich herum sich absetzte. Außerdem wurden mir Beweise von weitentlegenen, unerforschten und unkultivierten Erdteilen zugetragen.

 

Wer kommt da heute morgen zu meiner Hütte? Ein wahrhaft homerischer oder paphlagonischer Mann – er hatte einen so passenden und poetischen Namen, daß ich denselben hier zu meinem großen Bedauern nicht drucken lassen kann – ein Kanadier, ein Holzfäller und Pfostenmacher, der fünfzig Pfosten an einem Tage anfertigen konnte und dessen letztes Abendbrot aus einem Murmeltier bestand, das sein Hund erlegt hatte. Auch er hatte von Homer gehört, und "wenn es keine Bücher gäbe", so wüßte er nicht "was er an Regentagen anfangen solle". Er hatte vielleicht nicht ein einziges Buch in vielen regnerischen Wochen durchgelesen. Irgend ein Priester der fernen heimatlichen Gemeinde, ein Priester, der sogar griechisch aussprechen konnte, hatte ihn gelehrt Verse im Alten Testament zu lesen, und jetzt muß ich ihm, während er das Buch hält, die Stelle übersetzen, wo Achilles den Patroklos wegen seiner betrübten Miene tadelt: "Warum also geweint, Patroklos, gleich einem Mägdlein?"

 

"Hast Du etwa allein Botschaft aus Pythia vernommen?
"Siehe noch lebt, wie sie sagen, Menoetius, Sprößling des Aktor,
"Auch noch lebt in dem Volk der äakidische Peleus:
"Welche zween wir am meisten betrauerten, wenn sie gestorben."

 

Darauf sagt er: "Das ist gut." Er hat ein großes Bündel Weißeichenrinde unter dem Arm; er sammelte sie heute am Sonntagsmorgen für einen kranken Mann. "Ich glaube, es ist nichts Böses dabei, wenn man so etwas am Sonntag tut", sagt er. Für ihn war Homer ein großer Schriftsteller, obwohl er nicht wußte, über was Homer geschrieben hatte. Einen einfacheren, natürlicheren Menschen wird man wohl schwerlich finden. Laster und Krankheit, durch welche auf die Welt ein düsterer Schatten geworfen wird, schienen für ihn kaum zu existieren. Er war ungefähr achtundzwanzig Jahre alt, hatte Canada und sein Vaterhaus vor ungefähr zwölf Jahren verlassen, um in den "Vereinigten Staaten" zu arbeiten, Geld zu verdienen und sich späterhin, vielleicht in seiner Heimat, eine Farm kaufen zu können. Er war aus grobem Holz geschnitzt, hatte einen stämmigen, schwerfälligen Körper, den er jedoch ganz anmutig zu bewegen wußte, einen starken sonnverbrannten Nacken, dunkles buschiges Haar und trübe, schläfrige blaue Augen, die bisweilen in der Erregung aufleuchteten. Er trug eine enganliegende, graue Tuchmütze, einen schmutzigen, wolligen Überrock und Stiefeln aus Rindsleder. Er war ein starker Fleischesser. Gewöhnlich trug er sein Essen in einem Zinneimer nach seinem einige Meilen von meinem Hause entfernten Arbeitsplatz; dort fällte er während des ganzen Sommers Holz. Er aß kaltes Fleisch, oftmals ein kaltes Murmeltier und trank dazu Kaffee; ein Steinkrug, der an einem Bindfaden von seinem Gürtel herniederbaumelte, war damit angefüllt. Manchmal bot er mir einen Schluck davon an. Früh am Morgen kam er quer über mein Bohnenfeld dahergeschlendert; er ging nicht hastig und unruhig zur Arbeit wie die Yankees. "Nur keine Überstürzung" schien er zu denken. Ihm genügte es, wenn er nur seinen Lebensunterhalt verdiente. Nicht selten, wenn sein Hund auf der Wanderung ein Murmeltier erlegt hatte, pflegte er sein Mittagessen im Gebüsch stehen zu lassen. Er ging dann anderthalb Meilen zurück, um die Beute herzurichten und im Keller seines Hauses aufzuheben, nachdem er sich eine halbe Stunde lang überlegt hatte, ob er sie nicht bis zum Abend getrost in den Teich versenken könne. Solchen Erwägungen hing er mit Vorliebe nach. Er pflegte auch im Vorübergehen morgens früh zu sagen: "Wie eng beieinander die Tauben heute wieder fliegen! Wenn ich nicht alle Tage Tagelöhner von Beruf wäre, könnte ich mir alles Fleisch, das ich brauche, durch die Jagd verschaffen: Tauben, Murmeltiere, Kaninchen, Rebhühner! Herrgott im Himmel! Ich könnte alles, was ich für die ganze Woche nötig habe, an einem Tage mir verschaffen!"

 

Er war ein geschickter Holzhauer, und liebte es in seiner Kunst Schnörkel und Ornamente anzubringen. Er fällte seine Bäume in horizontaler Linie dicht über dem Erdboden, damit nachwachsende Triebe kräftiger würden, damit auch die Schlitten ungehindert über die Stümpfe gleiten könnten. Anstatt einen ganzen Baum als Stütze für sein aufgeschichtetes Holz unberührt zu lassen, hackte er soviel von ihm ab, daß nur ein schlanker Stab oder ein Splitter stehen blieb, den man schließlich mit der Hand abbrechen konnte.

 

Er interessierte mich, weil er so still und einsam und doch so glücklich war. Eine Quelle des guten Humors und der Zufriedenheit strömte aus seinen Augen. Sein Frohsinn war ungetrübt. Bisweilen besuchte ich ihn im Walde bei der Arbeit, beim Baumfällen. Er empfing mich dann mit einem Lachen voll unaussprechlicher Befriedigung und mit einem Gruß in kanadischem Französisch, obwohl er ebensogut Englisch sprach. Wenn er mich herankommen sah, hielt er mit der Arbeit inne und streckte sich mit halbunterdrückter Fröhlichkeit der Länge nach an einem Fichtenstamm, den er gefällt hatte, nieder. Dann schälte er sich ein Stück der inneren Baumborke ab, rollte es zu einer Kugel zusammen, und begann es unter Lachen und Schwatzen zu kauen. Er besaß eine solche Überfülle an animalischer Lebenskraft, daß er sich manchmal, wenn ihn irgend etwas zum Nachdenken reizte und ihm gefiel, auf die Erde warf und sich lachend auf ihr herumwälzte. Wenn er rundum die Bäume betrachtete, schrie er: "Zum Kuckuck! Ich habe genug Spaß an meiner Holzhauerei! Ich will keine bessere Beschäftigung!" Bisweilen hatte er keine Arbeit; dann vergnügte er sich den ganzen Tag lang in den Wäldern mit seiner Taschenpistole; er schoß für sich selbst beim Herumwandern in regelmäßigen Zwischenräumen Salut. Im Winter machte er ein Feuer an, über welchem er mittags seinen Kaffee in einem Kessel wärmte; und wenn er auf einem Baumstumpf saß, um sein Mittagbrot zu verzehren, dann kamen bisweilen Schwarzmeisen angeflogen, hüpften auf seinen Arm und pickten in die Kartoffel, die er zwischen den Fingern hielt. Er aber pflegte dann zu sagen: "Ich hab' es gern, wenn die ›kleinen Kerle‹ da um mich sind."

 

In ihm war hauptsächlich der animalische Mensch entwickelt. An physischer Ausdauer und Genügsamkeit war er der Fichte und dem Felsen verwandt. Ich fragte ihn einmal, ob er nicht bisweilen abends nach solch harter Tagesarbeit müde sei. Er antwortete mit einem offenen und ernsten Blick: "Potz sapperment! Ich war nie in meinem ganzen Leben müde. Der intellektuelle und der geistige Mensch in ihm lagen im Schlummer wie bei einem Kindchen. Er war nur auf jene unschuldige und unwirksame Weise unterrichtet worden, in welcher der katholische Priester die Eingeborenen belehrt und durch welche der Schüler nie zu einem bestimmten Grad von Bewußtsein, sondern nur zu einem bestimmten Grad von Vertrauen und Ehrfurcht erzogen wird, durch welche auch das Kind nie zum Mann gemacht wird, sondern Kind bleibt. Als die Natur ihn schuf, gab sie ihm einen kräftigen Körper und Zufriedenheit für seinen Lebensweg mit und stützte ihn an beiden Seiten mit Ehrfurcht und Vertrauen, damit er seine siebenzig Jahre verbringen möge wie ein Kind. Er war so urwüchsig und harmlos, daß es seinem Nachbar gerade so schwer wurde mit ihm näher bekannt zu werden wie mit einem Murmeltier. Er mußte ihn enträtseln, gerade so mühsam wie ich. Er wollte keine Rolle spielen. Die Menschen gaben ihm seinen Arbeitslohn und verhalfen ihm auf diese Weise zu Kleidung und Nahrung. Aber Ansichten tauschte er nie mit ihnen aus. Er war so einfach und demütig von Natur aus – wenn der demütig genannt werden kann, der nie etwas erstrebte – daß die Demut keine auffallende Eigenschaft an ihm war; auch kam sie ihm selbst nicht zum Bewußtsein. Klügere Menschen waren für ihn Halbgötter. Wenn man ihm erzählte, daß solch einer kommen würde, gab er deutlich zu verstehen, daß so etwas Gewaltiges nichts mit ihm gemeinsam haben würde, sondern alle Verantwortlichkeit auf sich selbst laden und ihn der Vergessenheit, wie bislang, überlassen müsse. Er hörte nie ein lobendes Wort. Schriftsteller und Priester wurden hauptsächlich von ihm verehrt. Ihre Taten waren Wunder. Als ich ihm mitteilte, daß ich ziemlich viel schreibe, glaubte er lange Zeit, ich meine das Schreiben mit der Hand; er schrieb selbst eine halbwegs gute Handschrift. Manchmal fand ich den Namen seiner heimatlichen Gemeinde mit dem Akzent auf der richtigen Silbe schön in den Schnee am Wegesrand geschrieben. Ich wußte dann, er war vorübergekommen. Ich fragte ihn, ob er je gewünscht habe seine Gedanken niederzuschreiben. Er gab zur Antwort, daß er Briefe für diejenigen, die dazu nicht imstande waren, gelesen und geschrieben habe; indessen: Gedanken zu schreiben habe er nie versucht. Nein, das könne er nicht, er wisse auch nicht, wie er anfangen solle – es würde ihn umbringen; und dann müsse man doch auch zu gleicher Zeit auf das Buchstabieren acht geben.

 

Ich war dabei, als ein hervorragend begabter Mensch und Reformator ihn fragte, ob er sich die Welt nicht anders wünsche. Er antwortete in seinem kanadischen Akzent aus vollem Halse lachend und ohne zu wissen, daß diese Frage je vorher gestellt worden war: "Nein, ich bin mit ihr ganz zufrieden." Die Unterhaltung mit ihm konnte in einem Philosophen manchen Gedankengang anregen. Ein Fremder konnte glauben, er wisse nichts von den Dingen im allgemeinen. Ich aber sah bisweilen in ihm einen Menschen, den ich nie zuvor gesehen hatte und ich wußte nicht, ob er so weise wie Shakespeare oder so harmlos dumm wie ein Kind sei – ob ich ihn für zart und poetisch empfindend oder für ein beschränktes Wesen halten sollte. Ein Dorfbewohner sagte mir, er habe den Kanadier einst gesehen, als dieser vor sich hinpfeifend durch das Dorf geschlendert sei: da habe er auf ihn den Eindruck eines verkleideten Prinzen gemacht.

 

Seine einzigen Bücher waren ein Almanach und eine Arithmetik. Das Rechenbuch kannte er ganz genau. Der Almanach war eine Art Konversationslexikon für ihn; er glaubte, darin wären die Grundbegriffe des gesamten menschlichen Wissens enthalten. In gewissem Sinne ist das ja auch der Fall. Ich suchte mit Vorliebe seine Ansichten über die verschiedenen Reformen der Gegenwart zu erfahren: immer betrachtete er sie vom einfachsten und praktischen Standpunkte aus. Er hatte bislang nichts davon gehört. Ob er ohne Fabriken sich behelfen könne, fragte ich ihn? Er habe einen hausgesponnenen, grauen Vermontanzug, war die Antwort, und der sei gut. Ob er Tee und Kaffee entbehren könne, und ob dies Land noch andere Getränke als Wasser liefere? Er habe die Nadeln der Hemlockstanne in Wasser eingeweicht, den Abguß getrunken und gefunden, daß er an heißen Tagen zuträglicher sei als Wasser. Als ich ihn fragte, ob er ohne Geld sich behelfen könne, wies er die praktische Bedeutung des Geldes in einer Weise nach, die sich mit durchaus philosophischen Aufsätzen über den Ursprung dieser Einrichtung deckte, und sogar die Herkunft des Wortes pecunia erklärte. Wenn er einen Ochsen besäße und Nadel und Zwirn in einem Laden einkaufen wolle, so würde es gar bald unbequem und unmöglich werden, jedesmal einen Teil des Tieres zu verpfänden. Er konnte manche Einrichtungen besser verteidigen als ein Philosoph; denn wenn er beschrieb, wie sie ihm erschienen, gab er den wahren Grund ihrer Berechtigung an; durch Nachdenken war ihm kein andrer eingefallen. Ein anderes Mal erzählte man ihm, Plato habe den Menschen als ein zweibeiniges Tier ohne Federn definiert, und infolge dessen habe irgend jemand einen Hahn gerupft und ihn als den Menschen Platos herumgezeigt. Da erwiderte er: "Meiner Ansicht nach liegt aber ein wichtiger Unterschied darin, daß die Knie sich nach der verkehrten Seite biegen!" Manchmal rief er laut: "Wie gern unterhalte ich mich! Zum Kuckuck! Ich könnte mich den ganzen Tag lang unterhalten." Gelegentlich fragte ich ihn, als ich ihn während vieler Monate nicht gesehen hatte, ob ihm im Lauf des Sommers ein neuer Gedanke gekommen sei. "Du lieber Gott", antwortete er, "wenn ein Mann, der arbeiten muß wie ich, seine alten Gedanken nicht vergißt, soll er zufrieden sein. Wenn der Mensch, mit dem man zusammen Unkraut hackt, mit einem um die Wette arbeiten will, ja dann, sapperment, muß man seine Gedanken zusammenhalten, man muß ans Unkraut denken." Bei solchen Anlässen fragte er mich bisweilen zuerst, ob ich irgend welche Fortschritte gemacht habe. An einem Wintertage stellte ich ihm die Frage, ob er immer mit sich selbst zufrieden gewesen sei. Ich wünschte ihn darauf hinzuleiten, für den Priester dieser Welt einen Ersatz in seiner Innenwelt und einen höheren Lebenszweck zu suchen. "Zufrieden!" rief er aus, "der eine ist zufrieden, wenn er das tägliche Brot hat und nun den ganzen Tag dasitzen kann, mit dem Rücken nach dem Feuer und mit dem Dickwanst gegen den Tisch, zum Kuckuck!" Es gelang mir übrigens auf keine Weise ihn zu einer geistigen Auffassung der Außenwelt zu veranlassen. Der Höhepunkt seines Begriffsvermögens war ein oberflächliches instinktives Gefühl, wie es auch das Tier aufweist. Das gilt in Wahrheit von den meisten Menschen. Wenn ich ihm irgend eine Verbesserung für seine Lebensführung vorschlug, antwortete er mir, ohne irgend welches Bedauern, daß es dazu zu spät sei. Er glaubte indessen durchaus an Ehrlichkeit und ähnliche Tugenden.

 

Er besaß bis zu einem gewissen Grade eine positive, wenn auch geringe Originalität, und gelegentlich beobachtete ich, daß er selbständig dachte und seiner eigenen Meinung Ausdruck verlieh. Das ist immerhin ein so seltenes Phänomen, daß ich zu jeder Zeit zehn Meilen weit gehen würde, um so etwas zu erleben. Er ließ sich über die vollkommene Neugestaltung vieler gesellschaftlichen Institutionen aus. Obwohl alles nur zögernd herauskam, obwohl er sich vielleicht nicht einmal klar ausdrückte: ein verständiger Gedanke bildete stets die Basis. Doch sein Denken war so urwüchsig und in das animalische Leben verwoben, daß es, obwohl es vielversprechender war als das eines bloß gelehrten Mannes, selten Früchte zeitigte, die des Pflückens wert waren. Er gemahnte daran, daß in den niedrigsten Lebensstellungen geniale Menschen sich befinden mögen, die – einerlei wie bescheiden und unkultiviert sie Zeit ihres Lebens bleiben – stets ihre eigene Ansicht haben oder vorgeben überhaupt nichts zu verstehen. Mögen sie auch unbekannt und zerlumpt sein, sie sind so tief wie der Waldenteich, dessen Tiefe man nur ahnen kann. Mancher Reisende machte einen Umweg, um mich und das Innere meines Hauses zu sehen; die Bitte um ein Glas Wasser diente als Vorwand. Ich teilte solchen Leuten mit, daß ich selbst aus dem Teich zu trinken pflege, wies sie dorthin und bot ihnen leihweise meinen Schöpfer an. Obgleich ich im Verborgenen wohne, blieb ich von den jährlichen Besuchen nicht verschont, die, soviel ich weiß, ungefähr um den ersten April stattfinden, wo jedermann ausfliegt. Im großen und ganzen war ich hierin allerdings vom Glück begünstigt, wenn auch einige merkwürdige Exemplare unter meinen Gästen sich befanden. Närrische Leute aus dem Armenhaus und Gott weiß woher machten mir ihre Aufwartung. Ich gab mir Mühe, daß sie den noch vorhandenen Verstand anwendeten und mir beichteten. Da in solchen Fällen der Verstand das Gesprächsthema bildete, wurde ich belohnt. Ja, ich fand; daß einige von ihnen verständiger waren als die sogenannten Armenaufseher und Stadträte, und hielt es für angezeigt, daß der Spieß gewendet würde. In bezug auf den Verstand machte ich die Erfahrung, daß kein großer Unterschied besteht zwischen denen, die ihn ganz, und denen, die ihn halb besitzen. So besuchte mich zum Beispiel eines schönen Tages ein ganz harmloser, einfältiger Armenhäusler. Ich hatte ihn oft gesehen, wenn er mit anderen zusammen einen lebenden Zaun bilden half. Er stand oder saß dann inmitten der Felder auf einem Scheffelmaß und gab acht, daß er selbst und das Vieh sich nicht verliefen. Dieser Mensch sprach den Wunsch aus so zu leben wie ich. Er erzählte mir mit der größtmöglichen Einfachheit und Ehrlichkeit, die hoch über oder vielmehr unter allem standen, was man Demut nennt, daß "sein Verstand minderwertig sei". Das waren seine eigenen Worte. Der liebe Gott habe ihn so gemacht, doch er glaube, daß der Herrgott für ihn gerade so gut sorge wie für die andern. "Ich bin immer so gewesen", fuhr er fort, "seit meiner Kindheit. Ich bin schwach im Kopfe. Ich glaube, das war Gottes Wille." Und da stand er nun vor mir, um die Wahrheit seiner Worte zu bestätigen. Es war für mich ein metaphysisches Rätsel. Selten traf ich einen Mitmenschen mit solch vielversprechenden Grundlagen an; jedes seiner Worte war einfach, ehrlich und wahr. Und tatsächlich wurde er in dem Maße, in welchem er sich zu erniedrigen schien, erhöht. Ich war anfangs nicht ganz sicher, ob nicht etwa alles an ihm das Resultat einer klugen Politik war. Bald aber wußte ich, daß Wahrheit und Offenheit des schwachsinnigen Armenhäuslers innerstes Wesen ausmachten, und daß auf dieser Basis eine Unterhaltung mit ihm trefflicher gedeihen konnte als die Unterhaltung mit Philosophen.

 

Ich hatte auch Gäste, die man gewöhnlich nicht unter die Armen der Stadt zählt, die aber dazu gehören – wenigstens zu den Armen der Welt. Das sind Gäste, die nicht Hospitalität sondern Hospitalhospitalität beanspruchen, die dringende Hilfe wünschen und ihrer Bitte eine Einleitung vorausschicken, in welcher verkündet wird, daß sie auf keinen Fall sich selbst helfen wollen. Ich verlange von einem Gast, daß er nicht gerade am Verhungern ist; meinetwegen mag er den besten Appetit haben, und woher er sich den holte, das geht mich nichts an. Bettler sind keine Gäste. Leute kamen zu mir, die nicht wußten, wann sie ihren Besuch zu beenden hatten, obgleich ich wieder an meine Arbeit ging und ihnen aus immer größerer Entfernung antwortete. Leute von allen Graden der Begabung suchten mich auf um die Zeit, wo die Menschen mit Vorliebe Ausflüge aufs Land machen, Leute, die mehr Verstand hatten als sie verwerten konnten: davongelaufene Sklaven mit plumpen Manieren, die von Zeit zu Zeit, wie der Fuchs in der Fabel, horchten, ob die klaffende Meute auf ihrer Spur sei, die flehentlich zu mir emporblickten, als ob sie sagen wollten:

 

"O Christenmensch, willst Du zurück uns senden?"

 

Ja, ein Sklave, der tatsächlich entlaufen war, kam zu mir, und ich half ihm weiter – gegen den Nordstern hin. Dann wieder stellte sich ein Mensch ein mit einer einzigen Idee, wie eine Henne mit einem Küchlein, das obendrein ein Entlein war. Andere sprach ich, die hatten tausend Ideen und ungekämmte Haare, wie Hennen, die auf hundert Küken acht geben müssen, welche alle einem Käfer nachlaufen; mehr als ein Dutzend geht in jedem Morgentau verloren und die Hüter und Pfleger werden mit der Zeit widerhaarig und schäbig. Da kamen Leute mit Ideen statt mit Beinen, eine Art geistiger Tausendfüßler, in deren Gegenwart man sich fortwährend jucken mußte. Ein Mann schlug mir sogar vor ein Buch auszulegen, in welches alle Besucher ihre Namen einschreiben sollten – wie in den "Weißen Bergen". Doch – Du liebe Zeit – mein Gedächtnis ist zu gut, als daß so etwas nötig wäre.

 

Einige Eigentümlichkeiten meiner Besucher konnte ich unmöglich übersehen. Mädchen, Knaben und Frauen schienen sich über den Aufenthalt in den Wäldern zu freuen. Sie sahen in den Teich und nach den Blumen und genossen die Stunden. Geschäftsleute, selbst Farmer interessierten sich zumeist für meine Einsamkeit, meine Beschäftigung und für die Entfernung, die mich von dem einen oder anderen Gegenstande trennte, und wenn sie auch sagten, daß sie recht gern von Zeit zu Zeit einen Ausflug in den Wald machten, so kam ihnen diese Äußerung, das merkte ich nur allzu gut, nicht von Herzen. Rastlose, knechtschaffene Männer, die all ihre Zeit dazu verwendeten Geld zu verdienen oder zusammen zu halten, Geistliche, die über den Herrgott sprachen, als ob sie ein Monopol darauf besäßen, Doktoren, Rechtsanwälte, verdrießliche Hausfrauen, die ihre Nasen in Schrank und Bett steckten, sobald ich nicht zuhause war, – woher konnte sonst Frau P..... wissen, daß meine Bettücher nicht so rein waren wie ihre eigenen? – junge Leute, die nicht mehr jung waren und glaubten, es sei das sicherste, auf dem ausgetretenen Pfade der Berufsarten zu wandeln: – all diese Menschen gaben mir meistenteils zu verstehen, daß es unmöglich sei in meiner Lage viel Gutes zu tun. Ja, da liegt's! Ihnen schien das Leben voll Gefahren – doch wo ist Gefahr, wenn man nicht an sie denkt? – und darum hielten sie es für angezeigt, als verständige Menschen sorgfältig die sicherste Lage auszuwählen, dort wo Dr. B. ...im Notfall sofort zur Stelle war. Ihnen war die Stadt wirklich eine Com-munitas, eine Vereinigung zu Schutz und Trutz. Daß solche Leute nicht ohne Taschenapotheke zum Preißelbeerenpflücken ausgingen, ist selbstverständlich. Kurzum: wenn ein Mensch lebendig ist, schwebt er immer in Todesgefahr, obgleich man zugeben muß, daß die Gefahr um so geringer ist, je mehr er von vornherein scheintot ist. Der Mensch sitzt so viele Gefahren als er läuft. Schließlich besuchten mich auch Leute, die sich selbst den Titel Reformator beilegten. Das waren die widerlichsten von allen. Sie dachten, ich sänge ohne Unterlaß:

 

"Dies ist das Haus, das ich baute,

 

"Dies ist der Mann, der da wohnt in dem Haus, das ich baute." Sie wußten jedoch nicht, daß die dritte Zeile lautete:

 

"Dies sind die Leute, die plagen den Mann,
"Der da wohnt in dem Haus, das ich baute."

 

Ich hatte keine Angst vor Tierschindern, denn ich hatte keine Tiere, doch vor Menschenschindern hatte ich Angst.

 

Meistens machten mir jedoch meine Besucher Freude: Kinder, die kamen, um Beeren zu pflücken, Eisenbahnbeamte, die in sauberer Kleidung ihren Sonntagmorgen-Spaziergang machten, Fischer und Jäger, Dichter und Philosophen, kurz, alle ehrbaren Pilger, die tatsächlich die Stadt hinter sich ließen und um der Freiheit willen in die Wälder wanderten – für alle hatte ich den Gruß bereit: "Willkommen Engländer! Willkommen Engländer!" Denn mit dieser Nation hatte ich schon in Verkehr gestanden.

 

Das Bohnenfeld

 

Inzwischen warteten meine Bohnen, deren Reihen aneinander gelegt wohl an die sieben Meilen betrugen, mit Ungeduld aufs Sacken, denn die ersten waren schon beträchtlich ins Kraut geschossen, bevor die letzten gepflanzt wurden. Das ließ sich tatsächlich jetzt nicht länger hinausschieben. Wozu ich diese stetige, sorgfältige Herkulesarbeit en miniature verrichtete, weiß ich nicht. Ich fing an meine Reihen, meine Bohnen zu lieben, trotzdem ihrer mehr waren als ich gebrauchte. Sie fesselten mich an die Erde, und so erstarkte ich wie Antäus. Doch warum zog ich sie groß? Ja, das mag der Himmel wissen! Während des ganzen Sommers beschäftigte ich mich damit, diesen Teil der Erdoberfläche, der bisher nur Fünffingerkraut, Brombeeren, Beifuß und andere wildwachsende, süße Früchte und holde Blumen hervorgebracht hatte, mit Hülsenfrüchten zu befreunden. Was soll ich von den Bohnen lernen oder sie von mir? Ich Pflege sie, ich hacke sie, früh und spät beschäftigen sie mich. Das ist mein Tagewerk. Wie ein breites, schönes Blatt liegt das Feld vor meinen Blicken! Meine Mitarbeiter sind nicht nur Tau und Regen, welche diesen trockenen Boden wässern, mir hilft auch die Fruchtbarkeit des Bodens selbst, der zum größten Teil mager und abgenutzt ist. Meine Feinde sind Würmer, kühle Nächte und hauptsächlich Murmeltiere. Diese Tiere haben schon nahezu hundert Quadratfuß abgeknabbert. Wer gab mir aber auch ein Recht dazu, Beifuß und alles andere zu verjagen und den alten Kräutergarten zu vernichten? Die übrig gebliebenen Bohnen werden indessen bald zu kleberig für sie werden und in Zukunft neuen Feinden anheimfallen.

 

Ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie ich im Alter von vier Jahren durch diesen Wald, durch dieses Feld hier am Teichufer entlang zu meiner Heimatstadt gebracht wurde. Das ist eine der frühesten Erinnerungen, die in meinem Gedächtnis haften blieb. Und heute im nächtlichen Dunkel hat meine Flöte das Echo über demselben Wasser erweckt. Die Tannen stehen noch immer hier: sie sind älter als ich; einige sind gefällt oder gefallen – mit ihren Stümpfen habe ich mein Abendbrot gekocht. Ein neues Werden ringsum! Für der Jugend frische Augen ein jugendfrisches Bild! Fast der gleiche Beifuß sproßte aus der gleichen perennierenden Wurzel auf dieser Weide hier empor. Ich selbst habe geholfen, diese mythische Landschaft meiner Kinderträume zu bekleiden und eines der Ergebnisse meiner Gegenwart und meines Einflusses zeigt sich in diesen Bohnen- und Maisblättern, in den Ranken der Kartoffeln.

 

Ich bepflanzte ungefähr zwei und einhalb Morgen Hochland. Da dieses erst vor fünfzehn Jahren abgeholzt war und ich selbst ungefähr zwei bis drei Klafter Wurzelholz herausgeholt hatte, brachte ich keinen Dünger hinauf. Im Laufe des Sommers wurde aber durch die Pfeilspitzen, die beim Hacken zum Vorschein kamen, bewiesen, daß ein ausgestorbenes Volk hier in alten Zeiten gewohnt, Mais und Bohnen gezogen hatte, ehe die weißen Männer kamen, um das Land urbar zu machen. Der Boden war also bis zu einem gewissen Grade für diese Erträgnisse schon erschöpft.

 

Bevor noch ein Murmeltier oder ein Eichhörnchen über die Straße lief oder die Sonne über die Zwergeichen emporstieg, begann ich die Reihen der hochmütigen Unkrautpflanzen in meinem Bohnenfeld zu Boden zu strecken und Staub auf ihre Häupter zu werfen. Obwohl Farmer mir rieten, mit dieser Beschäftigung zu warten, bis der Tau sich verflüchtigt habe, rate ich jedermann, alle Arbeit zu verrichten, wenn der Tau noch leuchtet! Früh am Morgen arbeitete ich barfuß und plantschte wie ein plastischer Künstler in dem feinkörnigen, taubedeckten Sand herum; später am Tage brannte mir die Sonne Blasen auf die Füße. Die Sonne leuchtete mir beim Bohnenhacken, wenn ich langsam über das gelbe, sandige Hochland zwischen den grünen, fast zweihundertundvierzig Fuß langen Reihen bald herauf bald hinunter arbeitete. Das eine Ende mündete in eine Zwergeichen" Pflanzung, wo ich im Schatten mich ausruhen konnte, das andere in Brombeergesträuch, dessen grüne Beeren sich tiefer färbten in der kurzen Zeit, die ich gebrauchte, um eine andere Reihe zu hacken. Unkraut zu jäten, frische Erde um die Bohnenpflanzen zu schaufeln, das Unkraut, das ich gepflanzt hatte, zum Wachsen zu ermutigen, den gelben Boden zu veranlassen, seine sommerlichen Gedanken in Bohnenblätter und Blüten, und nicht in Wermut, Pfeifenkraut und Hirsegras zu kleiden –, das war mein Tagewerk. Da Pferde und Ochsen mir nicht halfen, auch nicht Tagelöhner, junge Burschen oder verbesserte Ackergeräte, so gings mit meiner Arbeit nur langsam vorwärts. Doch ich wurde um so vertrauter mit meinen Bohnen.

 

Handarbeit, selbst wenn sie an Plackerei grenzt, ist vielleicht nicht die schlimmste Form des Müßigganges. Sie lehrt eine ewige und unverwüstliche Moral, und wer sich ihr weiht, wird musterhafte Früchte ernten. Für die Reisenden, die westwärts über Lincoln und Wayland, Gott weiß wohin, fuhren, war ich der Typus des agricola laboriosus. Sie saßen behaglich in ihren Gigs, stützten die Ellbogen auf die Knie und ließen die Zügel lose in Bogen herniederhängen. Ich war mit der Scholle verwachsen, der erdgeborene Arbeitsmann. Doch nach einer kleinen Weile entschwand mein Seim ihren Augen, ihrem Sinn. Im weiten Umkreis war an der Landstraße nur mein Feld bebaut und sichtbar. Das bot guten Anlaß zur Kritik. So kam es, daß der Mann auf dem Felde mehr von dem Geplauder und den Bemerkungen der Reisenden vernahm, als für seine Ohren bestimmt war: "So spät noch Bohnen! So spät noch Erbsen!", denn ich pflanzte noch neue, wenn ich die anderen schon hackte. Das hatte der superkluge Herr Landwirt nicht erwartet.

 

"Das gibt nur Futtermais, mein Junge, nur Futtermais!"

 

" Wohnt der hier auch?" fragt der schwarze Damenhut den grauen Überzieher. Und der hartherzig dreinschauende Farmer läßt seine Rosinante – zu ihrer Freude – halten, um zu fragen, was ich hier schaffe, wo er doch keinen Dünger in den Furchen sähe; er empfiehlt Humus, Abfallstoffe aller Art, Asche oder auch Gips. Doch die Furchen waren hier zwei und einen halben Morgen lang, statt eines Schubkarrens gabs nur eine Sacke und für diese standen nur zwei Sande zur Verfügung. Und somit war Humus schwer herbei zu schaffen, zumal da gegen andere Schubkarren und Pferde eine Abneigung vorhanden war. Andere Reisende, die vorüberrasselten, unterhielten sich mit lauter Stimme und verglichen mein Feld mit anderem, an dem sie vorübergekommen waren, so daß ich über die ackerbautreibende Welt unterrichtet wurde. Hier war ein Feld, das in Herrn Colemans Bericht nicht erwähnt war. Übrigens: wer schätzt den Wert jener Ernte, welche die Natur auf noch weniger gepflegten, von Menschen nicht verbesserten Feldern hervorbringt? Die Ernte an englischem Heu wird sorgfältig gewogen, der Gehalt an Feuchtigkeit, Silikaten und Pottasche wird sorgfältig berechnet. Doch in allen Gruben und eingetrockneten Gräben der Wälder, Wiesen und Moore wächst gar reiche und mannigfache Frucht – Menschen ernten sie allerdings nicht. Mein Feld war sozusagen ein Bindeglied zwischen bebauten und unbebauten Feldern. Wie es zivilisierte, halb' zivilisierte und wilde oder barbarische Länder gibt, so war mein Feld,, wenn auch nicht im schlimmen Sinne, ein halbzivilisiertes. Hier gab es Bohnen, die fröhlich in ihren wilden, primitiven Zustand zurückkehrten und meine Hacke spielte dazu den Kuhreigen für sie.

 

Ganz in meiner Nähe hochoben auf einem Birkenzweig singt eine braune Drossel oder – wie andere sie gern nennen – eine rote Sangdrossel den ganzen Morgen lang. Sie erfreut sich an meiner Gesellschaft und würde eines anderen Farmers Feld aufsuchen, wenn mein Feld nicht hier wäre. Während ich den Samen ausstreue ruft sie: "Wirf ihn – wirf ihn – deck ihn zu, deck ihn zu – reiß Unkraut aus – reiß Unkraut aus – reiß Ankraut aus!" Ich pflanzte hier jedoch keinen Mais und war vor ihrer Feindschaft sicher. Man fragt vielleicht voll Erstaunen, was ihre Salbaderei, ihre dilettantischen Paganini Kadenzen auf eine Saite oder auf zwanzig Saiten mit meinen Pflanzen zu tun haben, und doch würde man sie der Laugenasche oder dem Gips vorziehen. Diese Sorte Dünger war billig, wurde nicht untergepflügt und besaß mein volles Vertrauen. Während ich immer wieder frische Erde an die Bohnenreihen schaufelte, wühlte ich die Asche von Völkern auf, deren Geschichte nie geschrieben war, die aber in uralten Zeiten unter diesem Himmel wohnten. Ihre kleinen Kriegs- und Jagdgeräte wurden ans Licht der neuen Zeit befördert. Sie lagen unter anderen, natürlichen Steinen; einige von ihnen zeigten Spuren, daß sie von Indianerstämmen, andere, daß sie von der Sonne gebrannt waren. Auch Scherben von Vasen und Gläsern, die von den spätern Bebauern hierher gebracht waren, kamen zum Vorschein. Wenn meine Hacke klingend gegen die Steine stieß, gaben Wald und Himmel die Musik im Echo zurück; das war die Begleitung zu meiner Arbeit, welche mir also eine unmittelbare, unvergeßliche Ernte zeitigte. Es waren keine Bohnen mehr, die ich hackte – und ich war es nicht mehr, der sie hackte. Mit ebensoviel Mitleid wie Stolz gedachte ich – wenn ich überhaupt ihrer gedachte – meiner Bekannten, die sich zur Stadt begeben hatten, um sich ein Oratorium anzuhören. Der Geißmelker kreiste an sonnigen Nachmittagen (ja! manchmal schaffte ich den ganzen Tag) zu meinen Häupten: ein Stäubchen in meinem Auge oder im Auge des Himmels. Von Zeit zu Zeit stieß er schreiend hernieder, als ob der Himmel geborsten, in einen Trümmerhaufen verwandelt sei – doch blieb die Wölbung des Doms ohne Riß! Ja, diese kleinen Teufel bevölkern die Luft, legen ihre Eier auf den Erdboden, auf den nackten Sand oder auf Felsen und auf die Gipfel der Hügel, wo sie ab und zu gefunden werden. In ihrer schlanken Anmut gleichen sie dem Wellengekräusel, das der Teich gebiert, den Blättern, die der Wind emporhebt, damit sie durch den Himmel fliegen. Solche Ähnlichkeiten finden sich in der Natur. Der Falke ist der luftgeborene Bruder der Welle, über die er hinschwebt, die er beherrscht. Seine luftgefüllten Flügel gleichen den kleinen, noch nicht flügge gewordenen Schwingen des Meeres. Bisweilen sah ich auch ein Hühnerhabichtpaar, das hoch im Himmel seine Kreise zog, bald aufwärts schwebte, bald niederstieß, bald sich voneinander entfernte, bald sich näherte, als ob es die Inkarnation meiner eigenen Gedanken sei; oder ein Zug wilder Tauben erregte meine Aufmerksamkeit, die mit Windeseile und unter leicht vibrierendem Schreien von einem Wald zum andern zogen. Dann wieder brachte meine Hacke unter einem halbvermoderten Baumstumpf eine verträumte, unglücksschwangere, seltsam gefleckte Eidechse zum Vorschein: ein Erinnerungsbild an Ägypten und den Nil und doch unser Zeitgenosse. Wenn ich auf meine Hacke gestützt mich erholte, hörte und sah ich solche Klänge und Dinge überall in meinen Bohnenreihen, einen Teil jener unerschöpflichen Unterhaltung, die das Land uns gewährt.

 

An Festtagen feuert das Städtchen seine großen Geschütze ab, deren Donner der Wald wie Knallbüchsenschüsse wiederhallt, und ab und zu treffen sogar einige verlorene Klänge kriegerischer Musik mein Ohr. Hier in meinem Bohnenfeld, an der entgegengesetzten Seite des Stadtbezirkes erklang der Kanonenschuß wie das Platzen eines Bofistes. Und wenn eine militärische "Felddienstübung" stattfand, von der ich nichts wußte, dann hatte ich oft den ganzen Tag lang ein unbestimmtes Kribbeln in den Gliedern, das Gefühl, als ob eine Gefahr am Horizont laure, als ob dort bald etwas zum Ausbruch kommen würde – Scharlachfieber oder Rachenbräune – bis mir schließlich ein günstigerer Luftzug, der über die Felder und die Waylandstraße flog, von den übenden "Soldaten" Kunde brachte. Das ferne Summen erweckte den Gedanken, daß Bienen schwärmten und daß die Nachbarn, Vergils Rat befolgend, durch ein leises tintinnabulum auf ihrem helltönenden Hausgerät die Bienen wieder in den Stock zu locken versuchten. Wenn der Klang erstarb, wenn das Summen verstummte, und wenn auch der günstigste Windzug nichts mehr erzählte, dann wußte ich, daß auch die letzte Drohne im Middlesexkorb wohl geborgen war, und daß ihr Herz nach Honig lechzte, mit dem der Korb bestrichen war.

 

Ich fühlte mit Stolz, daß die Freiheiten von Massachusetts und von unserem Vaterland treu gehütet wurden. Wenn ich dann wieder zu hacken begann, war ich von unaussprechlichem Vertrauen erfüllt und mit Seelenruhe setzte ich fröhlich meine Arbeit fort.

 

Spielten mehrere Musikkapellen, dann klang es, als ob das ganze Dorf ein großer Blasebalg sei, und alle Häuser unter großem Spektakel sich ausdehnten und zusammenzogen. Doch bisweilen hallte zu diesen Wäldern ein herrlicher und begeisternder Akkord herüber – Trompetenklang, der vom Ruhme sang. Dann hätte ich am liebsten einen Mexikaner an der Kehle gepackt – denn warum wollen wir uns immer mit Lappalien abgeben? – und sah nach einem Murmeltier oder einem Skunk aus, um meinen Heldenmut zu kühlen. Diese kriegerischen Klänge schienen so weit entfernt zu sein wie Palestina, und wenn am fernen Horizont die Ulmenwipfel über der Stadt zu gleicher Zeit leicht zitternd ihre Zweige wiegten, wurde ich an einen Zug der Kreuzfahrer erinnert. Das war einer der "großen" Tage! Mir kam das allerdings nicht zum Bewußtsein: bot doch von meiner Waldlichtung aus der Himmel heute denselben, ewigen, gewaltigen Anblick wie alle Tage.

 

Ja! Um eine außergewöhnliche Erfahrung wurde ich durch den innigen Verkehr mit meinen Bohnen bereichert: durch das Pflanzen und Hacken, Ernten, Dreschen, Auslesen und auch durch das Verkaufen – das bot nebenbei die größte Schwierigkeit – und ich darf hinzufügen auch durch das Essen, denn ich habe sie gekostet. Ich war nun einmal fest entschlossen, Bohnen kennen zu lernen. Während sie wuchsen, hackte ich sie von morgens früh um fünf Uhr bis zum Mittag, um dann meistens den Rest des Tages anderen Obliegenheiten zu widmen. Man denke, welch genaue und interessante Bekanntschaft ich mit den verschiedenen Unkrautsorten machte – man wird mir schon verzeihen, wenn ich mich wiederhole, denn die Wiederholung in der Arbeit war noch viel ärger –, wenn ich ihr holdes Dasein unbarmherzig vernichtete, wenn ich gehässige Unterschiede mit meiner Hacke machte, ganze Reihen der einen Art zu Boden schlug und sorgsam die andere Art pflegte. Das ist römischer Wermut – dort Schweinekraut – dort Sauerklee – dort Dünengras... Fertig zum Angriff! Nieder damit! Die Wurzeln der Sonne zugekehrt! Nicht ein Fäserchen soll im Schatten liegen, sonst wächst so'n Zeug auf d'r anderen Seite und is in zwei Tagen so grün wie Lauch... Das war ein langer Krieg, nicht mit Kaninchen, aber mit Unkräutern, mit jenen Trojanern, welche Sonne, Regen und Tau auf ihrer Seite hatten. Täglich sahen meine Bohnen, wie ich mit der Hacke bewaffnet ihnen zu Hilfe kam, um die Reihen der Feinde zu lichten. Und die Laufgräben wurden gefüllt mit Unkrautleichen. Manch stämmiger, mit flatterndem Helmbusch geschmückter Sektor, der seine ihn umdrängenden Kameraden um einen ganzen Fuß überragte, fiel unter meinen Streichen und wälzte sich im Staub.

 

Die Sommertage, welche manche meiner Zeitgenossen den schönen Künsten in Rom oder Boston, andere der inneren Beschaulichkeit in Indien und wieder andere dem Handel in London oder New York widmeten, weihte ich zugleich mit anderen Farmern Neuenglands der Landwirtschaft. Nicht als ob ich Bohnen zum Essen gebraucht hätte, denn ich bin von Natur aus ein Pythagoräer, , wenigstens soweit wie die Bohnen in Frage kommen, einerlei ob sie zur Bohnensuppe oder zum Wahlakt verwendet werden. Darum vertauschte ich sie gegen Reis; nein, ich tats vielleicht nur deshalb, weil einige Leute auf den Feldern arbeiten müssen, um jene Inspiration, jene Worte zu finden, die einst einem Parabeldichter von Nutzen sein können. Alles in allem war es eine unvergleichlich erfreuende Beschäftigung, die, hätte ich sie allzu lang fortgesetzt, vielleicht in Liederlichkeit ausgeartet wäre. Obgleich ich die Bohnen nicht düngte und nicht alle zu gleicher Zeit hackte, so hackte ich doch Reihe für Reihe mit größter Sorgfalt und wurde schließlich reich belohnt. "Denn kein Mist oder Kunstdünger," so sagte Evely, "läßt sich mit dieser beständigen Durcharbeitung und Auffrischung, mit dem Umgraben der Erde durch die Schaufel vergleichen." "Die Erde," so fügt er an anderer Stelle hinzu, "hauptsächlich die jungfräuliche Erde besitzt einen gewissen Magnetismus, durch welchen sie Salz, Stärke oder Kraft (man mag es nennen, wie man will), kurz das, was ihr Leben verleiht, anzieht; und die Logik aller Mühe und Plage, die wir ihr widmen, wurzelt im Erhaltungstrieb. Mist und andere grobe Verbindungen sind nur Notbehelfe zweiten Ranges für diese beste Methode". Mein Feld war überdies "eines jener abgenutzten und verbrauchten Brachfelder, welche ihren Sabbat genießen, und hatte vielleicht, wie Sir Kenelm Digby annimmt, seine "Lebenskraft" der Luft entnommen. Ich erntete zwölf Scheffel Bohnen.

 

Man hat sich darüber beklagt, daß Mr. Coleman in der Hauptsache nur über die teueren Versuche der Herren Großgrundbesitzer berichtet. Ich will deshalb etwas ausführlicher sein. Meine Ausgaben betrugen:

 

Eine Hacke                                                    0,54          Doll.

 

Pflügen, Eggen, Furchen                                7,50          "
(zuviel!)

 

Bohnen zum Pflanzen                                    3,12  ½     "

 

Kartoffeln                                                      1,33          "

 

Erbsen                                                            0,40          "

 

Rübsamen                                                      0,06          "

 

Weiße Schnur zum Schutz gegen Krähen       0,02          "

 

Pferd zum Pflügen und Knecht für 3 Stunden                1,00            "

 

Pferd und Wagen für die Ernte                      0,75          "

 

                                                                      _______    

 

Summa:                                                          14,72  ½   Doll.

 

Meine Einnahmen betrugen (patrem kamillas vendacem, non emacem esse oportet):

 

Verkauft: neun Scheffel und zwölf Viertel
Bohnen                                                      16,94   Doll.

 

Fünf Scheffel große Kartoffeln                 2,50     "

 

Neun Scheffel kleine Kartoffeln               2,25     "

 

Gras                                                           1,00     "

 

Stengel                                                       0,75     "

 

                                                                  ____     

 

Summa:                                                     23,44   Doll.

 

Also Nettoverdienst: 8,71  ½ Dollar, wie ich schon an anderer Stelle erwähnte. Ich fasse die Erfahrungen, die ich beim Bohnenpflanzen machte, kurz zusammen: Pflanze ungefähr am ersten Juni die weiße Buschbohne in Reihen, die etwa drei Fuß achtzehn Zoll von einander entfernt sind. Wähle sorgfältig frische, runde, unvermischte Saat aus. Gib Obacht auf Würmer und pflanze in etwaige Lücken neue Saat. Dann gib Obacht auf die Murmeltiere, denn die knabbern die ersten zarten Blätter der Reihe nach völlig ab und stellen sich pünktlich wieder ein, wenn die jungen Ranken wieder wachsen. Ranken, Knospen und junge Schoten – alles mähen sie ab, wobei sie aufrecht wie die Eichhörnchen dasitzen. Vor allen Dingen: Ernte so früh wie möglich, wenn Du Nachtfröste vermeiden und eine gute verkäufliche Qualität erzielen willst. Auf diese Weise kannst Du Dich vor großem Verlust schützen.

 

Ferner machte ich folgende Erfahrung. Ich sagte zu mir selbst: Im nächsten Sommer will ich nicht mit solch emsigem Fleiß Mais und Bohnen, sondern solche Saat als Aufrichtigkeit, Wahrheit, Einfachheit, Vertrauen, Unschuld usw. pflanzen – vorausgesetzt, daß ich die Aussaat noch besitze. Dann will ich sehen, ob sie nicht im Boden Wurzel schlägt, selbst wenn ich weniger Mühe und Pflege darauf verwende, ob sie mich nicht erhalten wird, denn, wahrlich, für solche Früchte ist der Boden noch nicht erschöpft. Ach ja! Wohl sprach ich also zu mir, aber jetzt ist ein zweiter Sommer dahin, ein dritter gar und ein vierter und ich muß Dir gestehen, Leser, daß der Samen – wenn es wirklich der Samen dieser Tugenden war, den ich ausstreute – wurmstichig oder ohne Lebenskraft war, und deshalb nicht zu keimen begann. Meistens sind die Menschen so tapfer oder so feige wie ihre Väter. Als ob es ein Fatum wäre, wird diese Generation höchstwahrscheinlich in jedem neuen Jahr Mais und Bohnen pflanzen, also das tun, was vor Jahrhunderten die Indianer taten und den ersten Ansiedlern zeigten. Ich sah neulich zu meinem Erstaunen einen alten Mann, der mit seiner Hacke zum siebenzigsten Mal Löcher grub, jedoch nicht um sich selbst darin zu betten. Warum soll aber der Neuengländer nicht auf neue Abenteuer ausgehen? Warum soll er nicht weniger Nachdruck auf die Mais-, Kartoffel- und Grasernte und auf seine Obstgärten legen und andere Früchte ziehen? Warum kümmern wir uns so sehr um unsere Saatbohnen und überhaupt nicht um ein neues Menschengeschlecht? Bessere Speise wird uns zuteil, wenn wir einen Menschen gefunden haben, in welchem zweifelsohne einige der von mir erwähnten Eigenschaften Wurzel gefaßt und Früchte getragen haben, einen Menschen mit jenen Eigenschaften, die wir höher als alle anderen Erzeugnisse schätzen, die aber meistens in alle Welt verstreut sind und in der Luft schweben. Hier kommt solch eine feine, unaussprechliche Eigenschaft z. B. Wahrheit oder Gerechtigkeit, wenn auch nur in kleinster Menge oder in neuer Gewandung des Weges daher. Unsere Gesandten sollten Instruktionen bekommen, solche Saat nach Haus zu senden und der Kongreß sollte helfen, daß sie über das ganze Land gestreut wird. Mit der Aufrichtigkeit sollten wir niemals zeremoniell verkehren. Wir sollten niemals durch unsre niedrige Gesinnung einander betrügen, beleidigen und verscheuchen, solange noch ein Körnchen Güte und Freundlichkeit zu bemerken ist. Wenn wir zusammenkommen, sollen wir nicht in Eile sein. Die meisten Menschen laufen an mir vorbei – sie scheinen keine Zeit zu haben; sie haben zu viel mit ihren Bohnen zu tun. Mit dem Mann mag ich nichts zu schaffen haben, der ewig sich plackt, der, wenn er von der Arbeit ausruht, Hacke oder Schaufel als Stab und Stecken benutzt, und ausschaut, nicht wie ein Pilzlein, das nur ein wenig über den Erdboden emporsieht und doch stolz den Kopf hebt, sondern wie eine Schwalbe, die aus den Lüften sich niederließ und am Boden kriecht.

 

"Er spannte während seiner Worte von Zeit
"Zu Zeit weit seine Flügel aus.
"Er wollte fliegen, doch die Kraft versagte...",

 

so daß wir vermuten könnten, wir sprächen mit einem Engel. Brot ernährt uns vielleicht nicht immer, aber es tut uns immer wohl. Es nimmt die Steifheit aus unseren Gelenken, macht uns geschmeidig und elastisch, wenn wir nicht wußten was uns quälte, so daß wir alles Edle im Menschen und in der Natur zu erkennen, jede ungemischte und jubelnde Freude zu teilen vermögen.

 

Poesie und Mythologie der Alten lassen wenigstens vermuten, daß Ackerbau einst eine heilige Kunst war. Wir aber treiben ihn mit unehrerbietiger Eile und Unachtsamkeit. Wir wollen nichts als Großgrundbesitz und große Ernten. Wir haben Viehausstellungen und Danksagungstage, aber keine Feste, Prozessionen und Zeremonien, durch welche der Landmann dem Gefühl der Heiligkeit seines Berufes Ausdruck verleiht oder an dessen heiligen Ursprung erinnert würde. Ihn reizen die Preise des Wettbewerbs und das Festessen. Er opfert nicht der Ceres und dem irdischen Jupiter, sondern dem höllischen Pluto. Durch Geiz und Egoismus und durch jene gemeine Gewohnheit: den Boden als Besitz oder vielmehr als Mittel zum Erwerb von Besitz zu betrachten – von dieser Schwäche ist übrigens niemand von uns frei – wird die Landschaft entstellt, die Landwirtschaft mit uns selbst entehrt und der Farmer zu einem wahren Jammerleben gezwungen. Er glaubt, die Natur sei nur seiner Räubergelüste wegen da.

 

Cato sagt, daß der durch Landwirtschaft erzielte Gewinn der unbefleckteste oder gerechteste sei ( maximeque pius quaestus), und nach Varro nannten die alten Römer "die Erde sowohl Mutter wie Ceres; auch glaubten sie, daß diejenigen, welche sie bebauten, ein frommes und nutzbringendes Leben führten und die einzigen überlebenden Nachkommen des Königs Saturn seien."

 

Wir pflegen zu vergessen, daß die Sonne ohne Unterschied auf unsere bebauten Felder, auf Prärien und auf Wälder scheint. Alles absorbiert und reflektiert ihre Strahlen in gleicher Weise und die Felder sind nur ein Teil jenes herrlichen Bildes, das sie alltäglich auf ihrer Bahn erblickt. Für sie ist die Erde ein einziger wohlgepflegter Garten. Darum sollen wir die Wohltat ihres Lichtes und ihrer Wärme mit Vertrauen und Hochherzigkeit entgegennehmen. Was will es denn heißen, wenn ich diese Saatbohnen und ihren Ertrag im Herbste zu beurteilen vermag? Dieses große Feld, das ich so lange sorgsam betrachtete, betrachtet mich nicht als seinen Hauptpfleger, es blickt von mir fort nach Einflüssen, die ihm verwandter sind, die es wässern und grünen machen. Diese Bohnen werden nicht völlig von mir geerntet. Wachsen sie nicht zum Teil auch für die Murmeltiere? Die Weizenähre (lateinisch: spica, veraltet: spece, von spes = Hoffnung) sollte nicht des Farmers einzige Hoffnung sein. Ihr Korn oder Gran ( granum von gerendo = tragend) ist's nicht allein was sie trägt. Wie kann da eine Mißernte eintreten? Soll ich mich nicht auch über den Überfluß an Unkraut freuen, dessen Samen die Kornkammer der Vögel ist? Es ist verhältnismäßig gleichgiltig, ob die Felder des Farmers Scheunen füllen. Der echte Landmann wird sich nicht sorgen und sich, wie die Eichhörnchen, nicht darum kümmern, ob die Wälder in diesem Jahre Kastanien tragen werden oder nicht. Er wird getreulich Tag für Tag seine Arbeit verrichten, aller Ansprüche auf den Ertrag seiner Felder sich entschlagen, und nicht nur die ersten, sondern auch die letzten Früchte frohen Herzens opfern.

 

Das Dorf